Kommentierte Ausgabe Herausgegeben von Martin Bondeli Band 1: Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens. Band 2: Briefe über die Kantische Philo sophie, 2 Bände. Band 3: Beyträge zur Berichtigung bishe riger Mißverständnisse der Philosophen, 2 Bände. Band 4: Ueber das Fundament des philo sophischen Wissens.
Karl Leonhard Reinhold hat ab 1789 die von Fichte, Schelling und Hegel fortgeführte nachkantische Systemphilosophie begründet und in späteren Jahren als sprachphilosophischer Kritiker des spekulativen Idealismus gewirkt. Sein im Anschluss an Kants Vernunftkritik aufgestelltes Programm einer «Philosophie ohne Beynamen» umfasst gleichermaßen Grundlegungen zu einem System des theoretischen und praktischen Wissens wie – dem Be dürfnis nach Freiheit und Glauben entspringende – Reflexionen über die Grenzen systemorientierten Denkens. Zudem zeichnet es sich durch eine profilierte historische und aufklärerische Stoßrichtung aus: Philosophie soll geschichtlich, als Perfektionierung ihrer bisherigen Gestalten und Manifestationsformen, begriffen werden; Philosophie hat sich mit dem Gemeinverstand zu verbin den und dadurch praktisch zu werden.
Band 5: Auswahl vermischter Schriften, 2 Teile. Band 6: Verhandlungen über die Grund begriffe und Grundsätze der Moralität. – Ueber die Paradoxien der neuesten Philo sophie. – Sendschreiben an J. C. Lavater und J. G. Fichte über den Glauben an Gott. Band 7: Beyträge zur leichtern Uebersicht des Zustandes der Philosophie beym An fange des 19. Jahrhunderts, 6 Hefte.
Martin Bondeli, geb. 1954, lehrt als Privatdozent für Philosophie an den Universitäten Bern und Fribourg und ist Verfasser meh rerer Bücher zur Philosophie Kants und des deutschen Idealis mus.
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Karl Leonhard Reinhold Gesammelte Schriften Kommentierte Ausgabe
Reinhold · Gesammelte Schriften
Karl Leonhard Reinhold Gesammelte Schriften
Band 1 Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens
Band 8: Anleitung zur Kenntniß und Beur theilung der Philosophie in ihren sämmtlichen Lehrgebäuden. – Versuch einer Auf lösung der von der philosophischen Classe der königl. Akademie der Wissenschaften in Berlin für 1805 aufgestellten Aufgabe.
Band 10: Das menschliche Erkenntnißver mögen. – Die alte Frage: Was ist die Wahr heit? Band 11: Aufsätze und Rezensionen. – Aus gewählte Freimaurerschriften. Band 12: Vorlesungsnachschriften.
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Band 9: Versuch einer Critik der Logik aus dem Gesichtspunkte der Sprache. – Grund legung einer Synonymik.
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Der Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens, im Revolu tionsjahr 1789 erschienen, zählt zu den Hauptbeiträgen von Reinholds Bemühen, Kants vernunftkritische Ergebnisse zu ei nem System der Elementarphilosophie fortzuentwickeln. Das Werk enthält eine erste Gesamtdarstellung zum geplanten Systemgebäude. Nach einer Vorrede, die von der frühesten Rezeption der kanti schen Philosophie handelt, und dem ersten Buch, in dem das in den Briefen über die Kantische Philosophie vorbereitete Thema erster Grundsätze in den Bereichen von Religion, Moral und Naturrecht weiter er örtert wird, unterbreitet Reinhold mit dem zweiten und dritten Buch die Resultate zu seinem neuartigen kantischen System. Die ses beruht auf einer «Theorie des Vorstel lungsvermögens überhaupt», in der die für alle Systemteile gültige Triadik von Vor stellung, Subjekt und Objekt sowie die für das Vorstellen eines Gegenstandes konsti tutiven Verhältnisse von Form und Stoff, Einheit und Mannigfaltigkeit sowie Spon taneität und Rezeptivität entfaltet wer den. Darauf folgt eine in die Bereiche der Sinnlichkeit, des Verstandes und der Ver nunft untergliederte «Theorie des Erkennt nißvermögens überhaupt». Das dritte Buch endet mit «Grundlinien der Theo rie des Begehrungsvermögens», die andeu ten, dass Reinhold sein System als theore tisch und praktisch zugleich konzipiert. Er operiert in diesem letzten Abschnitt unter anderem mit der – auf Schillers ästheti sche Reflexionen vorausdeutenden – Un terscheidung von Form- und Stofftrieb. Zudem wird darin die in den Briefen über die Kantische Philosophie von 1792 prä sentierte Theorie der Willensfreiheit vor bereitet.
K a r l L e on h a r d R e i n hol d
Ge sa m m e lt e S c h r i f t e n Kom m e n t i e rt e Aus g a be
H e r aus g e g e be n von M a rt i n B on de l i
Ba n d 1
w i s s e n s c h a f t l ic h e r B e i r at k a r l A m e r i k s , n o t r e da m e , INDIANA M a n f r e d bau m , w u ppe rta l M a n f r e d f r a n k , t ü bi n g e n a n dr e a s g r a e s e r , be r n h e l m u t hol z h e y, z ü r ic h wol f g a n g ro t h e r , ba s e l / z ü r ic h a l e x a n de r von s c hön b or n , c olu m bi a , m i s s ou r i pi e r lu ig i va l e n z a , rom J e a n- c l au de Wol f, F r i b ou rg
S c h wa be V e r l ag Ba se l
K a r l L e on h a r d R e i n hol d
V e r suc h e i n e r n eu e n T h e or i e de s m e ns c h l ic h e n Vor s t e l lu ng s v e r mรถ ge ns H e r aus g e g e be n von M a rt i n B on de l i u n d Si lva n I m hof
S c h wa be V e r l ag Ba se l
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der UniBern Forschungsstiftung, der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften und des Hochschulrates der Universität Fribourg
© 2013 by Schwabe AG , Verlag, Basel Herstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2824-8 www.schwabeverlag.ch
In ha lt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII 1. Zur Entstehung des Versuchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XV 2. Zum erkenntnispsychologischen und vorstellungstheoretischen Kontext des Versuchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XXIV Locke, Leibniz, Hume und die deutschen Vertreter der psychologischen Erkenntnistheorie XXV. Kants Vernunftkritik als fortschrittlichstes Produkt der Erkenntnispsychologie XXXI. Die vorstellungstheoretischen Implikationen von Kants Vernunftkritik XXXVI.
3. Die zentralen Themen der Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XXXIX Das Schicksal der kantischen Philosophie und das allgemeine Bedürfnis eines vorstellungstheoretischen Fundaments XL. Die Grundzüge der Theorie des Vorstellungsvermögens XLVII. Die Theorie des Vorstellungsvermögens in Konfrontation mit Kants Vernunftkritik LXVII.
4. Zur Wirkung der Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LXXVIII Hinweise zur Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LXXXIX Siglen und Kurztitel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XCI Bibliographische Angaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XCV Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens Vorrede. Ueber die bisherigen Schicksale der kantischen Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Erstes Buch. Abhandlung über das Bedürfniß einer neuen Untersuchung des menschlichen Vorstellungsvermögens . . . . . . . . 41 Ueber den Erkenntnißgrund der vornehmsten Grundwahrheit der Religion 45. Ueber den Erkenntnißgrund der Grundwahrheit der Moralität 54. Ueber den ersten Grundsatz der Moral 60. Ueber den ersten Grundsatz des Naturrechts 73.
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Inhalt
Zweytes Buch. Theorie des Vorstellungsvermögens überhaupt . . . . 123 Drittes Buch. Theorie des Erkenntnißvermögens überhaupt . . . . . 209
Theorie der Sinnlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
Theorie des Verstandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
Theorie der Vernunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
Grundlinien der Theorie des Begehrungsvermögens . . . . . . . . . 355
Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 Inhaltsübersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 587 Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
Ein leitu ng Das Jahr 1789 zählt zu den magischen Daten der europäischen Sozial- und Geistesgeschichte. In Frankreich begann eine gesellschaftspolitische Umwälzung epochalen Ausmaßes. In den deutschen Staaten ließ sich das gelehrte Publikum von den revolutionären Ideen aus dem Nachbarland anstecken und in seinem Vorhaben beflügeln, mit wissenschaftlichen und moralisch-kulturellen Neuerungen, die nicht zuletzt Kants Aufklärungsphilosophie zu verdanken waren, den künftigen Gang der Geschichte der Menschheit mitzubestimmen. Ein auffälliger und wirkungsvoller Denker, der in dieser Geisteshaltung die philosophische Diskussion vorantrieb, war Karl Leonhard Reinhold (1757–1823). Seit 1786 bemühte er sich energisch darum, Resultate, die er aus Kants Lehre der Vernunftkritik gewonnen hatte, für Aufklärungszwecke fruchtbar zu machen. Zum einen sollte aus kantischer Perspektive zu den «dringendsten wissenschaftlichen, und moralischen Bedürfnissen unsrer Zeit» Stellung genommen, zum anderen in der Absicht, eine breitenwirksame Rezeption zentraler Inhalte der Vernunftkritik zu befördern, die Darstellung oder «Organisation des kantischen Systems selbst» verbessert werden.1 Während das erste Vorhaben mit der Veröffentlichung der Briefe über die Kantische Philosophie2 umgehend in Angriff genommen wurde, dauerte es mit der Umsetzung des zweiten etwas länger. Dafür fiel diese in eine Zeit, die der intendierten Sache äußerst zugetan war und ihr dadurch den nötigen Elan verlieh. Im Herbst des Revolutionsjahres 1789 erschien mit dem Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens (Versuch) ein voluminöser philosophischer Wurf, in wel 1 2
Siehe Reinhold an Voigt. Anfang November 1786. Korrespondenzausgabe I, 153. Das Projekt der «Briefe über die Kantische Philosophie» erstreckte sich von 1786 bis 1792. Von August 1786 bis September 1787 veröffentlichte Reinhold im Teutschen Merkur in loser Folge acht Briefe. Diese (in zwei Raubdrucken wiederveröffentlichten) frühen Briefe publizierte Reinhold sodann 1790 in überarbeiteter und erweiterter Form unter dem Titel Briefe über die Kantische Philosophie. Erster Band (Briefe I; Reinhold: Gesammelte Schriften 2/1). 1792 folgte ein zweiter Band (Briefe II; Reinhold: Gesammelte Schriften 2/2), der neben den für das Projekt typischen zeitdia gnostischen Stellungnahmen auch Texte enthält, die als Arbeiten zum praktischen Teil der Elementarphilosophie zu verstehen sind.
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chem Reinhold dem Leser die Überlegenheit von Kants Grundsatzdenken vor Augen führte und im Anschluss daran das vernunftkritische Lehrgebäude in einer revidierten und fasslichen Systemgestalt vermittelte. Reinholds Versuch, den wir mit dem vorliegenden Band in einer kommentierten Neuedition veröffentlichen, ist demnach ein philosophisches Werk, in dem sich historisches Aufbruchsdenken spiegelt, ein Beitrag zur Philosophie Kants, dem der revolutionäre Anspruch anhaftet, ein neues, zeitgemäßes und konsensfähiges Aufklärungsparadigma zu begründen. Doch ist dies nur einer von mehreren Gesichtspunkten, unter denen es ihn zu betrachten gilt. So ist für ein angemessenes Verständnis seiner damaligen Bedeutung und Anziehungskraft Reinholds 1787 aufgenommene Lehrtätigkeit an der Universität Jena, wo kantisches Gedankengut sich im Laufe der 1780er Jahre in vielen Fachbereichen zu etablieren vermochte, nicht außer Acht zu lassen.3 Der Versuch ist ein Produkt dieses Jenaer Kantianismus und damit ein Dokument des damaligen akademischen Studiums der kritischen Philosophie. Er verrät, mit welcher Ausführlichkeit, mit welchen Gewichtungen, interpretatorischen Leistungen und innovativen Reflexionen Kants vernunftkritische Lehre der studentischen Hörerschaft nahe gebracht wurde. Und keinesfalls fehlen darf bei einer Gesamteinschätzung der Blick auf die Rolle des Versuchs im Zusammenhang der hauptsächlichen philosophischen Dynamiken im Übergang von der Vernunftkritik Kants zu den nachkantischen Systemen des deutschen Idealismus. Er ist sowohl ein Basiswerk von Reinholds gesamtem Systemdenken im Geiste Kants als auch ein Schlüsseltext der frühen nachkantischen Systemphilosophie. Er markiert den Beginn von Reinholds bis ins Jahr 1797 dauerndem Philosophieren im Zeichen eines die Vernunftkritik vollendenden und verbessernden Systems der «Elementarphilosophie» oder «Philosophie überhaupt». Gleichzeitig ist er erstes Glied einer Kette nachkantischer Systeme, an das seit 1794 die Werke Fichtes, Schellings und, nach 1800, Hegels anschlossen. Für Reinholds System der Elementarphilosophie sind neben dem Versuch vor allem die beiden Bände der Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophen von 1790 und 1794 (Beiträge I und II), die Schrift Ueber das Fundament des philosophischen Wissens von 1791 (Fundament) sowie diverse Briefe aus dem zweiten Band der Briefe über die Kantische Philoso 3
Zur Geschichte des Jenaer Kantianismus der 1780er und 1790er Jahre siehe N. Hinske, E. Lange, H. Schröpfer (Hg.): «Das Kantische Evangelium»; H. Schröpfer: Kants Weg in die Öffentlichkeit.
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phie von 1792 (Briefe II) repräsentativ. Als eigentliche, die Durchführung des elementarphilosophischen Systems betreffende Fortsetzungen des Versuchs können dabei die «Neue Darstellung der Hauptmomente der Elementar philosophie»4 aus den Beiträgen I und die definitorischen Bestimmungen und Erläuterungen zu Moral, Naturrecht und Willensfreiheit aus den Briefen II gelten.5 In der Fundamentschrift und in den Beiträgen II hat Reinhold ergänzend dazu sowohl beachtliche präzisierende Ergebnisse zum Fundament und zum Ableitungsverfahren des Systems vorgetragen als auch, im Blick auf einzelne Systemteile, weitere Bestimmungen zu den Fundamenten von Metaphysik, Moral, Religion und Geschmackslehre vorgenommen. Ohne Zweifel wird mit dem Versuch ein Grundstein zum gesamten Systemunternehmen gelegt, der sich sehen lassen kann. Von zahlreichen älteren und neueren Reinhold-Interpreten wird er nachgerade als elementarphilosophisches «Hauptwerk» eingestuft.6 Dafür gibt es einsichtige Gründe, besticht er doch durch eine Geschlossenheit und Ausführlichkeit, die in den Folgedarstellungen nicht mehr erreicht wird. Im Versuch wird eine nahezu vierhundert Buchseiten umfassende Theorie des Vorstellungsvermögens unterbreitet, bestehend aus einer Theorie des Vorstellungsvermögens überhaupt, einer allgemeinen und einer besonderen – die Stufen der Sinnlichkeit, des Verstandes und der Vernunft durchlaufenden – Theorie des Erkenntnisvermögens sowie daran angehängten Grundlinien der Theorie des Begehrungsvermögens. In der «Neuen Darstellung der Hauptmomente der Elementarphilosophie» wird Reinhold eine revidierte Fassung vorlegen, die bei der in den Bereich des Erkenntnisvermögens fallenden Theorie der Sinnlichkeit oder Anschauung abbricht. Und mit den Darstellungen zur praktischen Elementarphilosophie aus den Briefen II wird zwar der praktische Teil der Elementarphilosophie schwungvoll fortentwickelt, doch bleibt es auch hier bei einer – überdies etwas isoliert wirkenden – Teilgestalt des Systems.
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Beiträge I, 167–254. Reinhold hat die vom 6. bis zum 8. Brief der Briefe II vorgelegten Theorien zu Moral, Naturrecht und Willensfreiheit als Systemstücke seiner praktischen Elementarphilosophie verstanden. 6 Erwähnt seien hier H. Adam (Carl Leonhard Reinholds philosophischer Systemwechsel, 52), A. Klemmt (Karl Leonhard Reinholds Elementarphilosophie, 83ff.), A. P. König (Denkformen in der Erkenntnis, 1980, 8). 4 5
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Allerdings ist bei der Einschätzung, der Versuch sei Reinholds elementarphilosophisches Hauptwerk, sogleich auch Zurückhaltung geboten: Er ist kein einheitliches Werk. Was den Aufbau und die Themenzusammenstellung betrifft, ist er weniger homogen, als man dies aufgrund der Bezeichnung «Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens» erwartet. Die Vorrede und das erste Buch enthalten großenteils zeitdiagnostische, historisch-systematologische und programmatische Betrachtungen zur Philosophie Kants, wie sie Reinhold vornehmlich im Kontext der Briefe über die Kantische Philosophie zu Papier brachte. Erst mit dem zweiten und dritten Buch wird die eigentliche Theorie des Vorstellungsvermögens geliefert, nachdem im ersten Buch lediglich über das Bedürfnis und den Nutzen einer solchen Theorie gesprochen worden ist. Zudem darf man keinesfalls darüber hinwegsehen, dass das im Versuch entfaltete System, so ausführlich und kompakt es auch erscheint, doch auch selber nur einen Teil dessen ausmacht, was Reinhold als System der Elementarphilosophie oder Philosophie überhaupt auszuführen gedachte. Gemäß dem «Versuch einer neuen Eintheilung der Philosophie», den Reinhold 1790 in den Beiträgen I publizierte,7 ist die «Theorie des Vorstellungsvermögens» oder «Elementar-Philosophie» (im engeren Sinne) eine wenn auch für die gesamte Einteilung und Begrifflichkeit richtungweisende, so doch lediglich erste Abteilung eines sehr umfangreichen philosophischen Systems, das in reine und empirische, ursprüngliche und abgeleitete, theoretische und praktische, formale und materiale sowie allgemeine und besondere Systemzweige aufgegliedert ist. Vor diesem Hintergrund steht der Versuch in einem ähnlichen Verhältnis zum System der Elementarphilosophie wie später bei Fichte die Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre zum Gesamtsystem oder bei Hegel die Phänomenologie des Geistes zum enzyklopädischen System der wissenschaftlichen Philosophie. Er ist ein erster Teil eines reich gegliederten wissenschaftlichen Systems und damit zugleich ein prospektiver Teil, ein ganzheitlicher Vorgriff auf dieses. Ein Vergleich mit Hegel ist hier auch insofern angebracht, als Reinhold im Rückblick den Versuch, genauso wie dieser im Nachhinein seine Phänomenologie des Geistes,8 lediglich als «Theorie zur künftigen Wissenschaft» und dadurch als eine Einleitung oder Hinführung zum Standpunkt der wissen
Siehe Beiträge I, 85–90. 8 Siehe Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), § 25; GW 20, 68. 7
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schaftlichen Philosophie verstanden wissen wollte.9 Vermessen wäre schließlich ebenfalls die Behauptung, die innerhalb des Versuchs entfaltete Theorie des Vorstellungsvermögens stelle aufgrund ihrer Geschlossenheit das verbindliche Ergebnis von Reinholds elementarphilosophischen Reflexionen dar. Dem ist nicht so, zumal Reinhold nach 1789 nicht nur von einem umfassenderen Systemplan ausging, sondern auch markante Veränderungen bezüglich der Komposition, Fundierung und Methodik des Systems vornahm. In Reinholds Unternehmen der Elementarphilosophie gibt es eine Reihe unverrückbarer Ziele und Grundansichten. Dazu gehört das Bemühen, ein an Vorgaben Kants orientiertes System der Philosophie aufzustellen, das man als Gesamt- und Einheitssystem umschreiben kann. Es soll ein einziges System vorgelegt werden sowie ein System aus einem einzigen und insofern alle Folgerungen vereinheitlichenden Grund. Konkret heißt dies, dass von einem System ausgegangen wird, welches sowohl eine theoretische Seite oder Theorie des Erkenntnisvermögens als auch eine praktische Seite oder Theorie des Begehrungsvermögens umfasst und welches im Sinne eines ersten Systemteils und einer gemeinsamen Wurzel der beiden Seiten eine Theorie des Vorstellungsvermögens an die Spitze stellt. Weiter zählt dazu die Auffassung, das besagte System zeichne sich seiner begrifflichen Struktur nach durch den Fortgang von einem Grundbegriff oder ersten Grundsatz zu Folgebegriffen oder Folgesätzen aus, wobei dieser Fortgang sowohl in definitorischer als auch in begründungstheoretischer Hinsicht von Bedeutung sein soll. Schließlich ist für die Elementarphilosophie in all ihren Phasen die Annahme typisch, dass ein mit den Namen «Vorstellen» oder «Bewußtseyn» zu bezeichnendes Verhältnis von Vorstellung, vorstellendem Subjekt und vorgestelltem Objekt den Anfangspunkt des Systems ausmacht und dass unmittelbar darauf Verhältnisse von Form und Stoff, Einheit und Mannigfaltigkeit, Spontaneität und Rezeptivität zu entwickeln sind, die sich auf allen Stufen des Erkennens und Begehrens manifestieren. Sobald man den Blick auf die Konkretisierungen und Einzelheiten dieser Ziele und Grundansichten richtet, wird man allerdings mit der Tatsache konfrontiert, dass sich nicht leicht von der Elementarphilosophie sprechen lässt. Die Wandlungen in der Systementwicklung sind zum Teil schwerwiegend. Mit Siehe dazu die Mitteilung im Brief Reinholds an Baggesen vom 11. Juni 1792 (Aus Jens Baggesen’s Briefwechsel mit Karl Leonhard Reinhold und Friedrich Heinrich Jacobi. Erster Theil, 195).
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dem umfangreicher und differenzierter werdenden Systemplan kommt es zur Aufteilung von zunächst en bloc behandelten Stoffen. Manches, was zuvor in allgemeinen Systembereichen ausgeführt wurde, soll dem künftigen Plan zufolge in abgeleitete und materiale Systemteile fallen. Die Theorie des Begehrungsvermögens, die im Versuch einen relativ kurzen finalen Abschnitt innerhalb der Theorie der Vernunft ausmacht10 und dadurch in einem noch sehr engen Zusammenhang mit der Theorie des Erkenntnisvermögens zu stehen scheint, wird seit 1790 als neben der letzteren stehender zweiter Hauptzweig der Theorie des Vorstellungsvermögens konzipiert. Die diesen Zweig betreffenden Einteilungen sowie die ersten, als Systemabschnitte zu begreifenden Darstellungen zur praktischen Philosophie folgen zudem nicht vor 179211 und nicht ohne eine Neuorientierung zu der im Versuch einsetzenden Bestimmung des Begriffes der Willensfreiheit. Die berühmte Ausformulierung der Vorstellungs- bzw. Bewusstseinsstruktur in die Richtung eines mit Evidenzansprüchen verbundenen «Satzes des Bewußtseyns» kommt erst 1790, mit der «Neuen Darstellung der Hauptmomente der Elementarphilosophie», zu voller Geltung.12 Der Begriff des Selbstbewusstseins, der zunächst im Rahmen eines abgeleiteten, als «Bewußtseyn überhaupt» umschriebenen Systemteils behandelt wird, erhält seit dem ins Jahr 1792 fallenden revidierten Grundlegungsentwurf einen
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Dem äußeren Aufbau nach stellen die «Grundlinien der Theorie des Begehrungsvermögens» das Schlusskapitel des Versuchs (560–579) dar, systematisch und inhaltlich ist das Kapitel aber als Einschub in die Theorie der Vernunft anzusehen, der die Seiten 560–575 umfasst (vgl. Kommentar Anm. 778, 808). Der «Versuch einer neuen Eintheilung der Philosophie» von 1790 enthält noch keine Einteilung des praktischen Teils der Elementarphilosophie. Deutlich wird aber zumindest, das für Reinhold von vorneherein, analog zur theoretischen Philosophie, eine Unterteilung in das «sinnliche, verständige, vernünftige» Begehrungsvermögen bedeutsam ist (vgl. Beiträge I, 277). Aus Reinholds Rezension von C. C. E. Schmids Empirischer Psychologie (1791) geht hervor, dass die Theorie des Begehrungsvermögens als Grundlage seiner neuen Theorie des Willens anzusehen ist (vgl. ALZ 1792. Nr. 87. 3. April, 11ff.). Dies gilt der Sache nach auch noch für Briefe II, wo auf der Grundlage der Theorie der Willensfreiheit wiederum die Fundamente von Moralität, Recht (im weiteren und engeren Sinne), Naturrecht usw. zu folgen haben (zum Status der Theorie des Begehrungsvermögens vgl. S. Imhof: Die Theorie des Begehrungsvermögens). Zu den zentralen Formulierungen dieses 1789 (siehe Versuch, 200) noch nicht mit dem Anspruch eines evidenten Grundsatzes aufgestellten Satzes siehe Beiträge I, 144, 167; Fundament, 78; Beiträge II, 64.
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fundamentaleren Status.13 Hinzu kommt, dass erst ab 1790 ausführlichere Erörterungen zur Frage folgen, nach welchem Modell oder Verfahren und mit welchem Beweisanspruch Folgesätze oder «besondere» Sätze aus dem ersten Grundsatz oder «allgemeinen» Sätzen abzuleiten sind.14 Und erst um 1791, mit der Fundamentschrift, wird Reinhold sich bewusst, dass er seinen grundsatzphilosophischen Ansatz mit Kants transzendentalem Beweis synthetischer Urteile a priori in einen präziseren Zusammenhang bringen und darüber hinaus im Sinne einer Verbesserung dieses Beweises geltend machen muss.15 Diesen Veränderungen im Ausarbeitungsgang der Elementarphilosophie entsprechend, war auch Reinholds Positionierung und kritische Haltung gegenüber Kant einem Wandel unterworfen. 1789 hat man es mit einer verhältnismäßig moderaten Kant-Kritik Reinholds zu tun. Im Versuch blieb sie darauf beschränkt, dem großen Stifter der kritischen Philosophie in diplomatischer Weise vorzuwerfen, die um das «Erkennen» und – vor allem – «Vorstellen» eines Gegenstandes kreisende Begrifflichkeit nicht ausreichend bestimmt zu haben und dadurch nicht ganz unschuldig an den Verwirrungen zu sein, die in diesem Punkt gegenwärtig nicht nur bei Feinden, sondern auch bei Freunden der kantischen Philosophie vorherrschen.16 Ab 1790 trat Reinhold dagegen mit einer ausführlichen Stellungnahme zu Kants Kritik der reinen Vernunft an die Öffentlichkeit,17 die über bestehende tiefere und zunehmend schärfer werdende Differenzen der beiden Denkprogramme Aufschluss gibt. Spätestens 1791 war er sodann der festen Überzeugung, die Elementarphilosophie sei im Blick auf den philosophiehistorischen Gang der Vernunft die letzte und höchste Stufe und gehe damit noch «einen Schritt weiter» als Kants Vernunftkritik, welche ihrerseits als eine Vorstufe oder Propädeutik der Elementarphilosophie aufgefasst werden könne.18 Dass der Versuch trotz all dieser Revisionen als unentbehrlicher Bezugspunkt für die Rekonstruktion von Reinholds elementarphilosophischem Denken zu sehen ist, hat verständlicherweise vor allem mit der darin enthaltenen
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Siehe Beiträge II, 56–65. Siehe insbesondere Beiträge I, 114–119. Zu der in der Fundamentschrift geführten Auseinandersetzung mit Kants transzendentalem Beweis siehe Reinhold: Gesammelte Schriften 4, XXXIIIff., LIVff., LXXXIVf. Vgl. Versuch, 184–192. Siehe Beiträge I, 257–338; Beiträge II, 409–436. Vgl. Fundament, 72.
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ausführlichen Theorie des Erkenntnisvermögens zu tun. In diesem Theorieteil finden sich methodische Denkmuster und Lehrstücke, die aufgrund des fragmentarischen Charakters der genannten Neudarstellungen nicht mehr oder nur verkürzt wiederkehren. Ein Spezifikum des Versuchs besteht im Bestreben, die das Erkenntnisvermögen untergliedernden Vermögen der Sinnlichkeit, des Verstandes und der Vernunft nicht nur ausgehend von den Verhältnissen von Form und Stoff, Einheit und Mannigfaltigkeit sowie Spontaneität und Rezeptivität zu erschließen, sondern auch auf der Basis des von Kant eingeführten Urteilsmodells,19 dem zufolge der Subjektausdruck grundsätzlich für die «Anschauung» oder einen als «unmittelbar» zu kennzeichnenden Bezug einer Vorstellung auf den Gegenstand steht, der Prädikatausdruck für den «Begriff» oder einen als «mittelbar», als «Vorstellung einer Vorstellung», aufzufassenden Gegenstandsbezug. Dieser urteilstheoretische Zugang, der nicht zuletzt auch maßgebend für Reinholds von Kants Vorgaben abweichende Definition der Begriffe des analytischen und synthetischen Urteils ist, kommt in der Folge nur noch marginal zur Sprache. Augenfällige Merkmale des Versuchs sind zudem die in der Theorie des Verstandes entwickelte Herleitung der kantischen Urteilsformen und entsprechenden Kategorien sowie die in der Theorie der Vernunft unternommene Zusammenstellung von Schlussformen und entsprechenden reinen Vernunftbegriffen oder Ideen. In den späteren Darstellungen zum Erkenntnisvermögen unterbleibt eine Wiederbehandlung dieser Lehrstücke. Dabei darf man aber annehmen, dass Reinhold sie auch später noch für gültig gehalten hat. Die uns heute bekannten Nachschriften zu Vorlesungen Reinholds über die Kritik der reinen Vernunft sowie über Logik und Metaphysik20 deuten jedenfalls darauf hin, dass Reinhold stets ein besonderes Augenmerk auf sie richtete.
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Siehe KrV A 68f., B 93f. Zu diesen von Johann Smidt, Wilhelm Josef Kalmann und Karl Christian Friedrich Krause stammenden Nachschriften, die im Rahmen von Reinholds Gesammelten Schriften demnächst herausgeben werden, siehe E. Fuchs: Reinholds Vorlesungen 1792–1794 über die Kritik der reinen Vernunft und über Logik und Metaphysik, 291–314.
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Reinholds Plan, eine in die Richtung des Versuchs gehende Publikation vorzubereiten, hat seine Wurzeln in dem eingangs erwähnten Projekt einer neuen «Organisation des kantischen Systems selbst».21 In konkreterer Gestalt reifte dieser Plan wohl aber erst mit der im Oktober 1787 beginnenden Lehrtätigkeit an der Universität in Jena und dabei speziell mit den Vorlesungen zur Philosophie Kants.22 Reinhold las im Wintersemester 1787/1788 «öffentlich über die Kantische Theorie des Erkenntnisvermögens zur Einleitung in die Kritik für Anfänger».23 Ab dem Sommersemester 1788 hielt er im engeren Kreis die während seiner Jenaer Jahre übliche Vorlesung über die Kritik der reinen Vernunft, im Sommersemester 1789 erstmals unter Einbezug des Versuchs, der damals erst in Teilen veröffentlicht war.24 Reinhold war nicht der einzige, der in den späteren 1780er Jahren in Jena über Kant dozierte. Carl Christian Erhard Schmid tat dies dort bereits seit 1785, seit 1786 auf der Basis seines einflussreichen kommentarartigen und lexikographischen Werks zu Kants kritischen Schriften.25 Von daher versteht sich, dass Reinhold unter Zugzwang stand und es für nötig erachtete, seiner Kant-Vorlesung ebenfalls in absehbarer Zeit ein eigenes wirkungsvolles Kompendium zugrunde legen zu können. Im Hinblick auf die Erarbeitung der Hauptinhalte des Versuchs ist davon auszugehen, dass ein engerer Zusammenhang mit der Jenaer Lehrtätigkeit be-
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Vgl. Anm. 1. Im Rückblick schreibt Reinhold im Oktober 1789 an Friedrich Nicolai: «Die Theorie des Vorstellungsvermögens habe ich vier Jahre unter der Feder gehabt.» (Korrespondenzausgabe II, 169) Damit meint er offensichtlich seine publizistischen Bemühungen während der Kant-Phase insgesamt und nicht die eigentliche Entstehungszeit und Niederschrift des Versuchs. Siehe Rezensionen zur Kantischen Philosophie 1781–87, 681; Korrespondenzausgabe I, 279, Anm. 4. – Zuvor nennt Reinhold diese am 26. Oktober eröffnete Vorlesung auch «meine Einleitung in die Kritik der Vernunft für Anfänger» (vgl. Korrespondenz ausgabe I, 274). Zur Übersicht über Reinholds Jenaer Vorlesungen siehe E. Fuchs: Reinholds Vorlesungen 1792–1794 über die Kritik der reinen Vernunft und über Logik und Metaphysik, 293–295; E.-O. Onnasch: Einleitung, CXXXIV–CXXXVI. Critik der reinen Vernunft im Grundrisse zu Vorlesungen nebst einem Wörterbuche zum leichtern Gebrauch der Kantischen Schriften. Jena 1786 (2. verbesserte Aufl. Jena 1788).
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reits seit der ersten Kant-Vorlesung vom Wintersemester 1787/1788 bestand. In Reinholds Brief an seinen philosophischen Lehrmeister vom 19. Januar 1788 liest man zum Gang dieser Vorlesung die folgenden Zeilen: «Meine öffentlichen Vorlesungen über die Einleitung in die Kritik d. V. oder wie ich es hier aus guten Gründen lieber genannt habe, die Kantische Theorie des Erkenntnißvermögens, haben bisher einen meine Erwartungen übertreffenden Erfolg gehabt. Ich diktire die Theorie der Sinnlichkeit, des Verstandes, der Vernunft in Aphorismen; in welchen ich von einer getreuen Schilderung des Zustandes in welchem die Kr d.V unsre spekulative Phie natürliche Theologie und Moral gefunden hat, ausgieng, die Nothwendigkeit einer Beylegung des Misverständniß das die Philosophische Welt in vier Partheyn 1 Supernaturalisten 2 (: Naturalisten :) Skeptiker, 3 (: Dogmatiker :) Pantheisten oder Atheisten. 4 Theisten trennt; so wie den Grund und Ursprung des Misverständnisses, die unbestimmten und falschen Vorstellungen vom Erkenntnißvermögen, z. B. von der Sinnlichkeit die man bald mit dem Verstand identificirte, bald auf den Körper übertrug u. s. w. zeigte. – Doch ich hoffe, diesen ganzen Versuch, der unter andern zum Zweck hat der Kritik der r. V. vorbereitete Leser zu verschaffen, Ihrer Prüfung vorlegen zu dürfen.»26 Dieser Mitteilung zufolge hat Reinhold sich im Rahmen seiner ersten Kant-Vorlesung mit zwei Themensträngen der kantischen Philosophie befasst, die klar in die Richtung des Versuchs weisen. Zum einen hat er mit den in Aphorismen diktierten Theorien der Sinnlichkeit, des Verstandes und der Vernunft an die drei Hauptabteilungen der transzendentalen Elementarlehre aus der Kritik der reinen Vernunft angeschlossen27 und 26 27
Korrespondenzausgabe I, 314f. In welcher Weise und in welchem Umfang Reinhold die kantischen Vorgaben zu diesem Punkt um 1788 rezipierte, ist nicht genau bekannt. Die Nachschriften Kalmanns und Krauses zu Reinholds Vorlesung über die Kritik der reinen Vernunft aus den frühen 1790er Jahren geben hierzu allerdings wichtige Aufschlüsse. Aus diesen Nachschriften wird ersichtlich, dass Reinhold sich gründlich und ausführlich mit dem kantischen Hauptwerk, das er vornehmlich in der 2. Auflage zugrunde legte, befasste. Nach einer «Einleitung» trug er dessen Hauptinhalte in ausgeprägter Weise am Leitfaden der drei Bereiche der transzendentalen Ästhetik, transzendentalen Analytik und transzendentalen Dialektik und damit ohne die Methodenlehre vor. Diktiert wurde die Vorlesung sowohl in einer umfangreichen als auch in einer aphoristischen Fassung. Zur Inhaltsübersicht der betreffenden Nachschriften siehe E. Fuchs: Reinholds Vorlesungen 1792–1794 über die Kritik der reinen Vernunft und über Logik und Metaphysik, 304f., 308.
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damit offenbar die im dritten Buch des Versuchs entwickelte dreigliedrige Theorie des Erkenntnisvermögens auszuarbeiten begonnen.28 Zum anderen hat er mit dem Vorspann zu den drei Theorien, der aus Schilderungen zum Zustand der spekulativen Philosophie, natürlichen Theologie und Moral sowie Darstellungen zu den vier Parteien und ihren falschen Vorstellungen vom Begriff des Erkenntnisvermögens bestehen soll, offenbar die hauptsächlichen Inhalte aus dem ersten Buch des Versuchs vorweggenommen. Dieses enthält insgesamt Ausführungen über die in der vorkantischen Philosophie fehlenden sicheren Grundlagen von Religion, Moral, Naturrecht und Erkenntnistheorie. Darin integriert ist die Vier-Parteien-Theorie zur Frage des Daseins Gottes,29 ein Denk ergebnis, das Reinhold im Anschluss an systematologische Darstellungen aus den frühesten Texten zu den Briefen über die Kantische Philosophie gewonnen hatte und erstmals im September 1788 in gesonderter Form publik machte.30 Eingebunden in die Kapitel, die von der erkenntnistheoretischen Grundlagenthematik handeln, ist auch der Streit zwischen Materialisten und Spiri tualisten, welche beide das Vermögen der Sinnlichkeit falsch oder einseitig auslegen.31 Ob und wieweit auch andere wesentliche Inhalte des Versuchs von Reinhold bereits im direkten Zusammenhang der ersten Kant-Vorlesung erarbeitet wurden, lässt sich aufgrund der heutigen Quellenlage nicht entscheiden. Ohne Zweifel darf man indessen behaupten, dass die im zweiten Buch des Versuchs enthaltene Theorie des Vorstellungsvermögens überhaupt wie auch die Theorie des Begehrungsvermögens aus dem Schlussteil des dritten Buches eng mit Reinholds psychologisch-vorstellungstheoretischen und ästhetischen Denkzusammenhängen, die sich in diversen Aufsätzen seit 1787 wie auch in den seit dem Wintersemester 1787/1788 gehaltenen Vorlesungen zu Themen der Äs-
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Der Auffassung von A. Lazzari, dass die drei Theorien des Erkenntnisvermögens den «ältesten Kern» des Versuchs bilden (siehe «Das Eine, was der Menschheit Noth ist», 86, Anm. 24), lässt sich von daher beipflichten. Auf jeden Fall erscheinen die drei Theorien als dasjenige, was in der Entstehung der Werkkomposition den stabilen Bestandteil ausmacht. Siehe Versuch, 79–87. Siehe «Neue Entdeck.». In: ALZ 1788. Nr. 231a. 25. September, 831f. – Diese in modifizierter Form im Versuch dargelegte Vier-Parteien-Theorie entwickelt Reinhold sodann erneut im 4. Brief der Briefe I (130–136) von 1790. Vgl. Versuch, 174–184.
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thetik32 manifestieren, verbunden sind. Zu beachten sind hier zum einen die vom Spätsommer 1787 stammenden beiden letzten unter den im Teutschen Merkur veröffentlichten Briefen über die Kantische Philosophie.33 Nachdem Reinhold in den vorangehenden Briefen hauptsächlich moralisch-religiöse Aufklärungsfragen diskutiert und die Idee zu einem neuartigen, auf Kants «moralischem Erkenntnißgrunde» als einem «ersten Grundsatz» erbauten System der Ontologie und Metaphysik gefasst hatte,34 widmete er sich erstmals eingehender systematischen und philosophiehistorischen Problemstellungen zu den Begriffen des «Geistes» und der «Seele». Dabei rückte er mit den Untersuchungen zum Seelenvermögen einen Begriff in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen zur kantischen Philosophie, der sowohl in der empirischen Psychologie Leibniz-Wolff ’scher Herkunft als auch in Kants Erkenntniskonzept mit Bedeutungen wie «Vorstellungskraft», «Apperzeption» oder «denkendes Ich» einhergeht und hinsichtlich des Erkenntnisprozesses als Subjektpol in der Relation des Beziehens auf einen und Unterscheidens von einem Gegenstand begriffen wird. Zum anderen gilt es ein Augenmerk auf den Aufsatz Ueber die Natur des Vergnügens35 zu richten, der offensichtlich eine Frucht von Reinholds frühen Vorlesungen über Ästhetik darstellt.36 Reinhold beschreibt in diesem Aufsatz diverse theoretisch-ästhetische Interpretationen zum Begriff des Vergnügens, die sich durch unterschiedliche Betonungen der subjektiven und objektiven Momente eines grundlegenden Subjekt-Objekt-Verhältnisses auszeichnen.37 Mit diesem Beschreibungsraster, bei dem Reinhold sich nachweis32
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Zu Reinholds Ästhetik-Vorlesung, die laut Ankündigung nach Eberhards Theorie der schönen Wissenschaften zum Gebrauche seiner Vorlesungen (Halle 1783; zweyte, verbesserte Auflage 1786) gehalten wurde, siehe E. Fuchs: Reinholds Vorlesungen 1792–1794 über die Kritik der reinen Vernunft und über Logik und Metaphysik, 293f. Gemeint sind der 7. und 8. Brief der Merkur-Fassung bzw. der 10. und 11. Brief der Briefe I (siehe Reinhold: Gesammelte Schriften 2/1, 177–222). Zu dieser Idee siehe den 3. Brief der Merkur-Fassung bzw. den 6. Brief der Briefe I, 171 (Reinhold: Gesammelte Schriften 2/1, 113). TM 1788 (Oktober) IV, 61–79; 1788 (November) IV, 144–167; 1789 (Januar) I, 37–52. Wie aus dem Brief Reinholds an Kant vom 19. Januar 1788 hervorgeht, wurde die Theorie des Vergnügens bereits mit der Vorlesung zur Ästhetik von 1787/1788 in Angriff genommen (vgl. Korrespondenzausgabe I, 315). Zur Interpretation dieses Aufsatzes siehe M. Bondeli: Geschmack und Vergnügen in Reinholds Aufklärungskonzept; Y. K. Kim: Ästhetische Schriften Reinholds aus dem Jahr 1788; A. Lazzari: K. L. Reinhold: Die Natur des Vergnügens und die Grundlegung des Systems.
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lich an die Vorstellungsterminologie seines Leipziger Lehrers Ernst Platner anlehnt,38 wird augenscheinlich den im Versuch in eigener Sache unternommenen definitorischen Bestimmungen zu den Begriffen des Vorstellungs- und des Begehrungsvermögens vorgearbeitet. Reinhold selbst verwendet in diesem Zusammenhang auch erstmals gehäuft die Ausdrücke «Vorstellungskraft» und «Vorstellungsvermögen».39 Entscheidend für die Entstehung der Theorie des Vorstellungsvermögens, wie sie im zweiten Buch des Versuchs präsentiert und positioniert wird, ist aber eindeutig die Tatsache, dass sich Reinhold parallel zur Ausarbeitung der Theo rie des Vergnügens seit Sommer 1788 erneut mit der kantischen Theorie des Erkenntnisvermögens befasste40 und in diesem Rahmen, wie aus seinem Brief an Schack Hermann Ewald vom 10. Oktober 1788 hervorgeht, zur Einsicht gelangte, der Begriff des Vorstellens gehöre zu den «Prämissen» dieser Theorie.41 Reinhold betrachtete von diesem Zeitpunkt an das Vorstellungsvermögen als ein in der kantischen Theorie des Erkenntnisvermögens implizit vorausgesetztes Vermögensgerüst, das es freizulegen und bei einer Neudarstellung der Vernunftkritik gesondert und im Voraus darzulegen gilt. Was schließlich die in der Vorrede des Versuchs behandelten «bisherigen Schicksale der kantischen Philosophie» betrifft, waren die in diesem Text besprochenen Fehden zwischen
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Reinhold verweist zu Beginn des Aufsatzes Ueber die Natur des Vergnügens (vgl. TM 1788 [Oktober] IV, 62) auf das erste Hauptstück (2. Abschnitt) aus dem 1782 erschienenen zweiten Teil von Platners Philosophischen Aphorismen. Im betreffenden Abschnitt finden sich nicht nur für Platner typische Vorstellungstermini wie «Vorstellkraft», sondern auch wichtige Ausführungen zu einer vorstellungstheoretischen Trieblehre. Zuvor ist von «Vorstellungsvermögen» in Verbindung mit einer Bemerkung zum «Empfindungsvermögen» auch im Aufsatz Ueber den Einfluß des Geschmackes auf die Kultur der Wissenschaften und Sitten (vgl. TM 1788 [Februar] I, 173) die Rede. Man beachte dazu die Mitteilung, die Reinhold im Sommer in mehreren gelehrten Zeitschriften, darunter im Teutschen Merkur, veröffentlichte: «Der Verfasser der Briefe über die Kantische Philosophie arbeitet gegenwärtig an einer Allgemeinen Theorie des Erkenntniß-Vermögens in welcher er die vornehmsten Resultate der Kritik der Vernunft systematisch vorzulegen, die beträchtlichsten unter den bisher dagegen vorgebrachten Einwürfen (ohne Polemik) aufzulösen, und dem Mißverständnisse der Prinzipien, als der gemeinschaftlichen Quelle derselben, in einem leicht verständlichen Vortrage zuvorzukommen hoffet.» (Anzeiger des TM 1788 [Juni], LXXII) «Ich bin nämlich auf die Prämissen gerahten, welche der Kantischen Theorie des Erkennens vorangeschickt werden müssen, und die in einer genauen Theorie des Vorstellens liegen.» (Korrespondenzausgabe II, 28f.)
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Kantianern und Anti-Kantianern sowie Fehlauslegungen der Vernunftkritik, vor denen auch die Freunde Kants nicht gefeit sind, ein Reinhold’sches Dauer thema seit Beginn der Niederschrift der Briefe über die Kantische Philosophie. Während es zunächst vor allem die Attacken der Göttinger Anti-Kantianer (Johann Georg Heinrich Feder, Christoph Meiners) abzuwehren galt, gaben seit Ende 1788 und damit im direkten Vorfeld der Drucklegung des Versuchs ebenfalls Johann August Eberhard und dessen Mitstreiter im Philosophischen Magazin ständigen Anlass, auf anti-kantische Vorstöße zu reagieren. Die Vorrede des Versuchs, aber auch manche Passagen aus den drei Büchern zeigen Spuren gerade auch der neuesten, mit den Autoren des Philosophischen Magazins geführten Auseinandersetzung. Obschon Reinhold sich seit Beginn seiner Lehrtätigkeit vehement darum bemühte, möglichst rasch mit dem gewünschten Kompendium zur Philosophie Kants an die Öffentlichkeit zu treten, dauerte es rund ein Jahr, bis sich der definitive, mit dem Versuch umgesetzte Werkplan herauskristallisierte. Nach Abschluss des ersten Semesters teilte Reinhold am 1. März 1788 Kant mit: «Meine Einleitung in die Kritik der Vernunft, die bis zu dem nahen Ende des Kurses fleis sig besucht worden ist, wird auf Michaelis im Verlage meines Freundes Blumauer in Wien der mit dem Buchhändler Gräffer in Compagnie getreten ist erscheinen; und, wie ich hoffe, zu einem Leitfaden für akademische Vorlesungen nicht ganz unbrauchbar seyn.»42 Somit wurde ab Frühjahr 1788 eine Publikation ins Auge gefasst, welche dem Themenkreis der ersten Kant-Vorlesung entspringen sollte. Diese auf Herbst 1788 versprochene Publikation konnte allerdings nicht realisiert werden, und es ist auch nicht bekannt, welche Materialien diese im Einzelnen hätte enthalten sollen. Aufgrund des Titels «Einleitung in die Kritik der Vernunft» wie auch aufgrund der im Brief vom 19. Januar geäußerten Hoffnung, Kant die im Kursus behandelten Stoffe zur «Prüfung vorlegen zu dürfen», ist es aber nahe liegend, dass Reinhold nichts anderes als eine redigierte Fassung der besagten Vorlesung zu veröffentlichen gedachte.43 Die Idee, mit dem Werk einen «Leitfaden für akademische Vorlesungen» geben zu können, spricht da42 43
Korrespondenzausgabe I, 339; dazu auch ebd. 345. Die Herausgeber der Korrespondenzausgabe I (vgl. 339 Anm. 10) sind davon ausgegangen, das angekündigte, aber nicht erschienene Werk sei die (zuvor auch separat veröffentlichte) Vorrede des Versuchs. Ich sehe für diese Annahme keinen zwingenden Anhaltspunkt. Der Werkplan scheint ein breiteres Spektrum der von Reinhold damals behandelten Materialien zu Kant abzudecken.
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