Jürg Berthold
Stimmen Aus dem beschädigten Selbstverständnis der Philosophie
In aphoristischen Texten, die manchmal nur aus einem Satz, manchmal aus einer längeren Überlegung bestehen, umkreist das Buch aktuelle Fragen der Philosophie: Wie ist ein Ort zu finden zwischen skeptischem Relativismus und fortschrittsfrohem Rationalismus? Wie steht es um die Frage nach dem Pluralen, jene letztlich politische Frage, auf die das Nachdenken über die Wahrheit hinauszulaufen scheint? Wie ist der Ort einer gelassenen Toleranz zu gewinnen, deren Zumutungen größer sind, als es den Anschein haben kann? Wie bezieht sich die Philosophie in diesem Prozess auf ihre eigene Geschichte? – Das Buch vertritt keine Position, sondern fragt, was es heißt, eine Position zu vertreten; es führt eine Denkhaltung vor und lädt zur Nachdenklichkeit ein – bisweilen durch reines Hinzeigen auf ein Zitat, das im neuen Kontext zu schillern beginnt. Der Titel «Stimmen» erinnert an die Vielstimmigkeit des Denkens, die den Reichtum der Traditionen und die Pluralität der Kulturen in einer globalisierten Welt ausmacht. «Aus dem beschädigten Selbstverständnis der Philosophie» weist in zwei Richtungen: in die, aus der diese Texte denken, und dahin, wohin sie unterwegs sind. Jürg Berthold studierte in Zürich und Bristol Philosophie, Germanistik und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und promovierte mit einer Arbeit zu Louis Althusser. Er ist Privatdozent für Philosophie an der Universität Zürich, wo er sich mit der Arbeit Kampfplatz endloser Streitigkeiten. Studien zur Geschichtlichkeit der Philosophie (Basel: Schwabe 2011) habilitierte.
Jürg Berthold
Stimmen Aus dem beschädigten Selbstverständnis der Philosophie
Schwabe Verlag Basel
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung des Zürcher Universitätsvereins
Schwabe reflexe 17 © 2011 Schwabe AG, Verlag, Basel Satz: Jürg Berthold Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2770-8 www.schwabe.ch
FĂźr Hannah und Mara
Vorwort Die Fragen, die sich in den hier versammelten Texten artikulieren, haben mich während einer langen Zeit beschäftigt; die Eintragungen sind aber alle in den letzten zwei Jahren entstanden, da ich gleichzeitig über einer größeren Arbeit zu eben diesen Fragen saß. Die unterschiedlich langen Absätze verstanden sich zunächst als Momente der Selbstverständigung, als Gehversuche, so als ließe sich ein vorläufiges Schreiben von einem eigentlichen unterscheiden. Mit der Zeit stellte sich die Erfahrung einer großen Eigenständigkeit dieser Texte ein, und während ich schrieb, hatte ich zunehmend das Gefühl von Exkursionen in ein terrain vague. «Landschaftsskizzen» nennt Ludwig Wittgenstein im Vorwort zu seinen Philosophischen Untersuchungen, was «auf langen und verwickelten Fahrten» entstand. Es wäre anmaßend und entmutigend, die hier vorliegenden Miniaturen in einen direkten Vergleich zu jenem Buch zu setzen, dem sie mehr verdanken, als dies zum Ausdruck kommen kann. Dass die Form wie dort sich auch aus «der Natur der Untersuchung» selbst ergeben musste, bilde ich mir gerne ein; vielleicht fehlten auch bloß die Geduld, die Beharrlichkeit und die Spannkraft, die es gebraucht hätte, das viele, was sich artikulierte, in eine andere Ordnung zu bringen. Die Hoffnung ist beim vorliegenden Buch, dass sich die Landschaftsskizzen wie bei Wittgenstein zu einem «Album» versammeln könnten. Es verhielte sich zu jenem anderen Buch wie Skizzen zu einer Karte. Der Untertitel «Aus dem beschädigten Selbstverständnis der Philosophie» zeigt ein Zweifaches an: zum einen die Richtung, aus der diese Texte denken, zum anderen jene, auf die hin sie sich bewegen. Es sind in diesem Sinne nicht nur Versuche der Selbstvergewisserung, sondern auch Versuche der Befreiung. Sie sind gezeichnet von der Situation, aus der sie sich lösen wollen, und tragen die Spuren dessen, was sie daran hindert, unauslöschlich eingeschrieben. Die Zusammenstellung der Texte stellt ein Plädoyer für eine Offenheit der Form dar, die die Offenheit dem Pluralen gegenüber bezeugen soll. Wie bezieht sich die Philosophie auf ihre eigene Geschichte? Welches sind die Formen, die jenes Verhältnis annimmt, die per7
formativen Formen, die sich einstellen im Vollzug des Nachdenkens, und die reflexiven Formen von Thematisierung und angestrebter maîtrise? Was heißt es, in mehreren Sprachen zu denken? Das sind die zentralen Fragen, denen sich die Texte von verschiedenen Seiten nähern. Es sind Fragen, in die verstrickt ist, wer sich auf das Philosophieren einlässt. Welche anderen Fragen hängen damit zusammen? Zum Beispiel jene alte nach dem Verhältnis von Wahrheit und Geschichte: Welches sind die Formen der Thematisierung, die Zeichen ihrer Verdrängung, die Gesten ihres Vollzugs? Wie einen Ort finden zwischen skeptischem Relativismus und fortschrittsfrohem Rationalismus? Oder wie steht es um die Frage nach dem Pluralen, jene letztlich politische Frage, auf die das Nachdenken über die Wahrheit hinauszulaufen scheint? Wie ist der Ort einer gelassenen Toleranz zu gewinnen, deren Zumutungen größer sind, als es den Anschein haben kann, und die völlig frei wäre von jenem Hochmut, der sie zu begleiten pflegt? Es ist, als wären die Strategien der «Traditions»aneignung und die Narrationen, die impliziten und die expliziten, die durcheinanderschießen und jeden einzelnen philosophischen Text strukturieren, Bestrebungen, sich selber zu situieren. Es ist, als sollten sie den Behauptungen, mit denen man sich zu behaupten versucht, Nachdruck und Tiefe verleihen. Was, wenn die Philosophie immer noch jener «Kampfplatz endloser Streitigkeiten» wäre, als der sie von Kant beschrieben wurde? Die philosophischen Texte wären zu verstehen als Interventionen auf diesem Kampfplatz, als Versuche behauptenden Sich-Behauptens. Die Narrationen, die die Argumentationen jener Texte durchweben, würden ihren konstruktiven Sinn erst in Abhängigkeit von jener Strategie der Selbstbehauptung offenbaren. «Stimmen» – im Plural – bezieht sich auf jenes polyphone Durcheinander der Interventionen; weder nur Rauschen noch aber Symphonie, bestimmt es jede politische Theorie, jede Theorie des Politischen. Zürich, im Juni 2011
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IM UNGEFÄHREN. – Kennst du diese Erfahrung? Jemand spricht oder du liest einen Text und du meinst mit Bestimmtheit zu vernehmen, dass da von Wesentlichem gehandelt wird. Ein präzises Verständnis, wovon die Rede ist, geht dir aber ab. Die Umgangssprache kennt für eine solche Erfahrung den Begriff Ahnung’. Ahnung ist die Form eines Wissens, das sich noch nicht eingestellt hat, das aber schon gewisse Konturen hat und das man deshalb als wissendes Nichtwissen bezeichnen könnte. Du weißt sofort, wenn auch nicht mit letzter Gewissheit, dass es sich nicht um Unsinn handelt. Du spürst den Sinn und sein Gewicht, kannst das alles aber nicht mit einer Erfahrung in Verbindung bringen, ja, weißt noch nicht einmal, ob zu dessen Verständnis bestimmte Erfahrungen überhaupt nötig sind. Es ist nicht das Unverständnis, das man hat, wenn man Leute in einer fremden Sprache ernsthaft sprechen sieht; auch da weiß man, sieht man es den Gesichtern an, obwohl man nichts versteht, dass etwas Wesentliches besprochen werden muss. Siehst du, wenn du dies hier liest, die Furchen auf meiner Stirn? Oder hat sich dir eben jetzt eine Erfahrung von Ahnung eingestellt? DA C APO. – Jeglichem Raunen ist zu misstrauen; davon ist auszugehen. Hast du, weil du damit einverstanden bist, der Mitteilung eben misstraut, dass es Texte gibt, die die Erfahrung des Ahnens ermöglichen? Oder misstraust du vielmehr dem Grundsatz, dass dem Raunen zu misstrauen sei, nicht weil er dir unsympathisch wäre, sondern weil er dir seinerseits als Geraune vorkommt? ZUNGENREDE. – Das Fest der sich aufhebenden Idiome, das Fest des Universalismus: Pfingsten, die Hoffnung der Philosophie, seit sie in den Ruinen von Babel nach sich selber sucht. – «Si de verborum significatione inter Philosophos semper conveniret, fere omnes illorum controversiae tollerentur» (Fast alle Kontroversen der Philosophen würden verschwinden, wenn sie sich über die Wortbedeutung immer einigen würden). Nur historisches Unwissen kann einen glauben machen, diese Hoffnung hätte nur die Philosophie des 20. Jahrhunderts im Zeichen des linguistic turn beflügelt. 9
FAUSTREGELN. – Immer dann, wenn du der Überzeugung bist, eine bestimmte (philosophische) Überzeugung nicht zufälligerweise, sondern aufgrund von wohlüberlegten Begründungen zu haben, verfahre, wie folgt: Mach dir bewusst, hinsichtlich welcher realen oder fiktiven Zuhörerschaft du dir deine Begründungen zurechtgelegt hast. Suche jetzt nach einer gänzlich anderen Zuhörerschaft und achte darauf, was mit deiner (philosophischen) Überzeugung passiert. Und was passiert mit deiner Vorstellung, was eine begründete Überzeugung zu sein hat? – Die Geschichte der Philosophie ist ein Raum mit (fast) allen möglichen Zuhörern, die man sich nur vorstellen kann. Warum diese Einschränkung? Weil diese Geschichte sich konstituiert durch Gesten des Ausschlusses. Frage, wenn du eine Überzeugung hast, von der du weißt, dass ihr Gegenteil sich hartnäckig hält, worin die Resistenz jener entgegengesetzten Auffassung gründet. Lässt sich die Resistenz im Rahmen deiner Überzeugung einordnen? Wenn du auf eine Überzeugung triffst, von der du sicher bist, dass sie falsch ist, denke für einen Augenblick an Davidsons Diktum, dass fast alle Überzeugungen von fast allen Menschen wahr sind. Gehört jene Überzeugung, von der du denkst, dass jemand sich damit irrt, zu jener kleinen Menge von falschen Überzeugungen? Oder bist du bereit, Davidsons Diktum in Frage zu stellen? Misstraue Faustregeln! VIAGRA. – Was wäre, wenn man die Tradition der Philosophie in Bezug auf ihr Begehren als «phallogozentrisch» bezeichnete, das Viagra dieser Tradition? Also das, was diese Tradition groß gemacht hat, ihr das Ausleben ihres Begehrens ermöglicht auch dort noch, wo sie kränkelt, ihr zu ihrer eigentlichen Bestimmung verhilft? Sind es die Spielarten des Logischen Empirismus? Oder ist es eine bestimmte Form von Fundamentalismus? Nein, das sind die Formen der Aufrichtung selber. Was die Philosophie viril macht, ist die Macht der Rhetorik. Aber wie das Medikament auf eine Schwäche verweist, so verweist auch die Rhetorik auf die Ohnmacht der Machtgebärde, die der Vielstimmigkeit keinen Raum lassen will und selber vielstimmiger ist, als ihr lieb ist. Dass jetzt zu lesen ist, Viagra führe zu Blindheit, ist sinnig. 10
FINGERÜBUNGEN. – «Gibt man der Philosophie den kleinen Finger, nimmt sie gleich die ganze Hand.» – Gibt es Etüden – etwa in der Art von Czerny –, die einen in die Lage versetzen würden, diesem Mechanismus zu widerstehen? LE ROI SE MEURT. – Wenn die Philosophie als Metaphysik der letzten Gründe obsolet geworden ist, dann nicht deshalb, weil sich unumstößliche Gründe für das Ende jeglichen letztbegründenden Redens angeben ließen. Die Offenheit des Endes ist jene eines nichtabbrechenden, aufschiebenden Zu-Ende-gehens. Noch die Möglichkeit, dieses Zu-Ende-gehen, diese Erschöpfung zu denken, ist obsolet geworden. Metaphysik’ heute ist das Denken der spezifischen Formen dieses Obsoletwerdens. SICH DURCHWURSTELN. – Bricolage ist unter Umständen die einzige Möglichkeit, in einer Situation zu bestehen. QUIETISMUS. – Was ist von einer Haltung zu halten, die mir einreden will, dass die meisten meiner intellektuellen Bemühungen, ein großer Teil der Fragen, die mich umtreiben, und die überwiegende Zahl der Schwierigkeiten, die ich zu sehen meine, Effekte einer falschen Haltung seien? Die mir zu verstehen gibt, dass ich nur dieses Eine einsehen müsste und damit für immer kuriert wäre? Dass ich mich in dieser Weise aus dem Bannkreis der philosophischen Tradition befreien müsste? Dass ich meine vermeintlichen Bedürfnisse nach der Beantwortung gewisser Fragen als unnatürlich, als Konstrukte einer irregeleiteten Philosophiegeschichte auffassen lernen müsste? Was ist das für eine Ruhe, die mir da versprochen wird? – Auf jeden Fall ist es eine Form der Intervention auf dem «Kampfplatz endloser Streitigkeiten»: Der Streit soll beigelegt werden, und zwar als ein Streit um nichts. Aber kann man einen Streit beenden mit dem Satz Ihr streitet euch größtenteils um nichts!’, wenn die am Streit Beteiligten der Meinung sind, dass vom Ausgang dieses Streits alles abhängt? Hat man nicht, wenn man einsieht, dass es um nichts geht, den Streit schon beigelegt, den diese Einsicht erst beilegen sollte? Also ist zu vermuten: Der Hinweis, dass ein Streit vergeblich sei, schlichtet nur einen Streit, der 11
schon geschlichtet ist. Bei einem Streit geht es ja immer auch darum, dass es ein Streit um etwas Wesentliches ist. Die petitio principii des Quietismus’ besteht darin, dass er das Resultat, das er erzeugen will, schon voraussetzt. Er verwechselt die Beteiligten-mit der Beobachterperspektive und nährt sich von der Illusion, dass man etwas klären könne, ohne sich ins Getümmel zu stürzen. DOXOGRAPHIE. – Worin gründet die Erfahrung, die wohl alle, die sich der Philosophie genähert haben, schon einmal gemacht haben, vornehmlich wohl in der Anfangsphase dieser Annäherung: die Erfahrung, dass die Lektüre von Philosophiegeschichten «Langeweile und Verzweiflung» auslöst, wie Richard Rorty einmal sagt? Dass die dargestellten Gedanken des Denkens beraubt zu sein scheinen? Dass das, was man liest, wegen seiner Farblosigkeit gleich wieder verblasst? Dass das Bedürfnis, aus dem heraus man zu dem Buch gegriffen hat, nicht gestillt wird? Wie zeigt sich in solchen Übersichten die Geschichte der Philosophie, wie zeigt sich die Philosophie in ihrer Geschichtlichkeit? DR. HONORIS CAUSA. – Duns Scotus, Deleuze, Dummett, Descartes, Danto, Diderot, Demokrit, Derrida, Davidson, Dewey. Was rechtfertigt es, alle hier Versammelten als Philosophen anzusprechen? Oder gibt es welche, die diesen Titel nicht verdienen? Etwa Duns Scotus, weil er eher Theologe, oder Denis Diderot, der vielleicht eher ein Literat war? Gibt es ein Set von Fragen, von Problemen, deren sie sich angenommen haben? Gibt es eine Menge von Sätzen, denen sie zustimmen würden? Oder ist der Umstand, dass sie sich selbst diesen Titel verliehen haben, der ausschlaggebende Punkt? Oder dass sie von anderen, die den Titel ‘Philosoph’ tragen, als solche angesprochen werden? Eine Antwort könnte sein, dass diese Namen in bestimmten Erzählungen auftauchen. Dass ‘Derrida’ in den Erzählungen jener, die ihm die Auszeichnung verweigerten, nicht aufgetaucht ist, machte es für sie unmöglich, ihm den Ehrentitel zu verleihen. SCHIESSBUDE. – Je länger jemand tot ist, desto großzügiger wird man bei der Vergabe des Titels ‘Philosoph’. Warum? Weil es immer 12
leichter wird, ihn in die Erzählung einzubauen, die den eigenen Ort konstituiert. Durch diese Verzeitlichung wird ein möglicher Widerstreit verdrängt oder abgeschwächt. Oder würde sich jemand tatsächlich zutrauen, z.B. Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin oder Hegel leibhaftig gegenüberzutreten und gegen sie die eigenen Auffassungen zu vertreten? Wer sähe bei einem solchen Wiedergängertreffen wohl älter aus? Solange wir sie nur als Schießbudenfiguren aufsuchen, haben wir leichtes Spiel. Und das ist auch gut so, denn ohne diese Art von Erzählungen würden wir unseren eigenen Denkort kaum finden können. BASTELANLEITUNG. – Man nehme einen Gedanken, überzeichne ihn und beschneide ihn aller historischer Kontingenzen, bis er in klaren Umrissen vor einem steht. Dann gebe man ihm einen Namen. Fertig ist der Pappkamerad. Kinder wissen, dass es nicht viel braucht, um Spaß zu haben. – Gilbert Ryle geht in The Concept of Mind so vor, wenn er «die offizielle Theorie» des «Geistes in der Maschine» als «Descartes’ Myth» anspricht und dabei Descartes’ Mythos zur Kritik auslegt, indem er Descartes als Mythos konstruiert. Damit gilt auch für den Text selbst, was er über die Funktion der Mythen sagt: «Myths often do a lot of theoretical good while they are still new.» Die Frage ist, warum Ryle das überhaupt muss. Würde es nicht reichen, die absurde «offizielle Theorie», wie er sie nennt, als Kontrastfolie zu nehmen? Die Vermutung ist, dass die Namensgebung den Pappkameraden verbergen helfen soll. HÖHLENEINGÄNGE. – Jemand erzählt: In St. Andrews soll es zwei Eingänge zu jenem Gebäude geben, in dem das Philosophy Department untergebracht ist. Die eine Haustür liegt am Ende eines Weges, an dessen Gartentor der Titel «Metaphysics» steht; zur anderen Tür gleich daneben führt ein Weg, auf der ganzen Länge abgetrennt von einem Gartenzaun, an dessen Anfang die Aufschrift «Ethics» steht. Tritt man durch eine der beiden Türen ins Haus der Philosophie ein, gelangt man allerdings in den genau gleichen Raum. REASONABLE DISAGREEMENT. – Kann man der Auffassung sein, die eigene Überzeugung sei die bestbegründete Art und Weise, eine 13
Sache zu sehen, und gleichzeitig ein Bewusstsein haben von der Begrenztheit der eigenen Vernunft, also wissen darum, dass andere aus ebenso vernünftigen Gründen dieselbe Sache anders sehen können? Ja, ich kann, wenn ich einsehe, dass die Rechtfertigungskontexte je unterschiedlich sind. Eine Überzeugung für mich – und allenfalls jene, die zum Beispiel durch ähnliche Erfahrungen geprägt sind – hinreichend und nachvollziehbar begründen zu können, das ist eine Sache. Dieselbe Überzeugung für die Ohren anderer, allenfalls sogar für alle möglichen Ohren begründen zu können, ist eine ganz andere Sache. Der Skeptiker und die Relativistin machen den Fehler, dass sie aus der Schwierigkeit, Letzteres zu tun, Ersterem meinen ausweichen zu müssen oder ausweichen zu können. ARISTOTELES-KONGRESS. – Welches ist der Referent des Namens ‘Aristoteles’? Der ‘Mann, der Erzieher Alexanders des Großen war’? ‘Der Verfasser von Texten wie …?’ – Angenommen, man geht von einem Kontext aus, in dem es nicht um biographische Fragen geht, die erste Beschreibung zwar nicht falsch, aber unbedeutend ist, weil es um die schriftlich fixierte Form seiner Philosophie geht: Hat dann der Name, der in verschiedenen Sprachen – etwa im Deutschen, im Französischen, im Englischen – unterschiedlich ausgesprochen wird, denselben Referenten? Angenommen, ins Deutsche wären nur die Schriften zur Logik übersetzt worden, ins Englische nur die naturphilosophischen und ins Französische nur die Nikomachische Ethik: Hätten die drei Namen dann denselben Referenten? Oder hätten sie denselben Referenten, aber eine andere Bedeutung? Angenommen, jemand, der deutsch, französisch und englisch spricht, für den also alle in diese Sprachen übersetzten Texte zugänglich sind, spricht mit jemandem auf Deutsch über Aristoteles: Sprechen sie dann, wenn sie den Namen nennen, über denselben oder über einen anderen Philosophen? Angenommen, eine Griechin liest Aristoteles grundsätzlich nur im altgriechischen Original, und ihr sind deshalb alle erhaltenen und edierten Schriften zugänglich: Würde sich im Falle der Entdeckung und Herausgabe eines AristotelesTextes – etwa der verschollenen Komödientheorie – der Referent selbst oder nur die Bedeutung des Namens ändern? Angenommen, 14
die genannten Aristoteles-Kenner kämen an einem internationalen Kongress zur Geschichte der Aristoteles-Rezeption zusammen: Wie würden sich die Geschichten, die sie zu erzählen hätten, voneinander unterscheiden? Und wie könnte ein Dolmetscher, der für alle der Anwesenden ja nötig wäre, da niemand alle der anderen Sprachen spricht, den Namen Aristoteles so übersetzen, dass alle vom gleichen sprächen? Was könnte das hier heißen: «vom Gleichen sprechen?» MILDES LICHT. – Dem anderen Denkfaulheit, mangelnde Intelligenz oder eine bestimmte Interessenlage zu unterstellen, ist die einfachste Art, mit Differenzen umzugehen. Auch wenn ein Teil der Differenzen, die wir mit anderen Menschen haben, durchaus so erklärbar ist, gibt es doch Differenzen, die tiefer gehen: vernünftige Differenzen, Differenzen zwischen Vernünftigen, Differenzen der Vernunft. Daraus ergibt sich eine Formulierung für das principle of charity, die nichts mit Philanthropismus zu tun hat: Gehe bei Differenzen, auch wenn du anderes vermutest, davon aus, dass es sich um Differenzen der Vernunft handelt! Dieses Vorgehen wird wie eine Wünschelrute alle anderen Differenzen ans Licht bringen. Aber es ist nicht das grelle Licht des Mittags, sondern das milde Licht der Abenddämmerung. GEDULD. – Dass die Form der Platonischen Dialoge mit der Art des Philosophierens zu tun hat, die darin dargestellt ist, und dass dieses Philosophieren nicht zu trennen ist von der Philosophie, um die es geht, hat sich herumgesprochen, auch wenn es einige Zeit gedauert hat. Ähnliches gilt für die Form der quaestio, für Spinozas mos geometricus, für Descartes’ autobiographisches Schreiben, für Kants Antinomiendarstellung, für Hegels System, für Nietzsches oder Adornos Aphoristik, für Wittgensteins Nummerierungssystem im Tractatus oder die kleine Form in den Philosophischen Untersuchungen usw. Eine zentrale Frage, die sich an solche Beobachtungen anschließen könnte, müsste lauten: Steht die Form des Aufsatzes, wie er für heutige philosophische Journals verfasst wird, in einer Beziehung zu den Inhalten und zur Art des Philosophierens, die in diesen Aufsätzen zum Ausdruck kommen? Oder handelt es sich bei dieser 15
Textsorte um eine gewissermaßen neutrale Form, um ein Gefäß, in das alle möglichen Inhalte gefüllt werden können und das jedem Philosophieren Raum bieten kann? Ist das Spektrum der unterschiedlichen Zeitschriften, ist deren Offenheit groß genug, dass die Dominanz der Aufsatzform gebrochen, ihre Begrenzungen aufgebrochen werden? Wenn es so wäre: Hat die Philosophie damit ihre endgültige Gestalt gefunden? Ist das die ewige Form, in der sich ein Philosophieren in alle Zukunft artikulieren wird? Oder wird die Philosophie neue Formen finden, wie sie immer schon wieder neue Formen gefunden hat? – Wenn es ähnlich lange dauern würde wie bei den Platonischen Dialogen, bis solche Fragen mit einer gewissen Hartnäckigkeit gestellt werden, wäre nicht vor dem Jahr 4000 mit ersten Antworten zu rechnen. ENGLISCHE ERÖFFNUNG. – Objektivität im Sinne einer genauen Repräsentation durch Objektivität im Sinne von Intersubjektivität zu ersetzen, ist für viele (so etwa für Richard Rorty) «ein entscheidender Schachzug». Verschreibt man sich damit nicht indirekt wieder einem bestimmten Begriff der Subjektivität und tritt man dadurch nicht zwangsläufig die Erbschaft der Subjekt-ObjektDichotomie an, deren Probleme einen eigentlich zu jenem Begriff geführt hatten? Man muss Martin Heidegger nicht folgen, um zu sehen, dass er das gesehen hat; dass «Dasein», «Mitsein», «Vorhandenheit», «Zuhandenheit» Begriffe sind, die diesen Denkbahnen zu entkommen versuchen. – Vielleicht liegt das Problem im Bild des Schachspiels: Es stellt die Begegnung zwar als etwas Agonales dar, aber der «Kampfplatz» wird gedacht als homogenes, klar strukturiertes und begrenztes Feld von Denkmöglichkeiten, auf dem ein Set von Figuren vorkommt, eine Reihe von Regeln bestimmend und das Ziel klar definiert ist. Wie wäre es, wenn man die Figuren dazu verwenden würde, Mühle zu spielen? Oder einen Nagel einzuschlagen? Oder mit den Figuren ‘Familie’ zu spielen, wie das Kinder tun? Und wie wäre es, wenn man keine Lust mehr hätte, Schach zu spielen, lieber Fußball spielen oder etwas ganz anderes tun würde? Wenn man das Bild des Schachspiels verwendet, müsste man für solche Möglichkeiten offen sein, ohne das Spiel abzubrechen und ohne die Vorstellung, dass 16
ich die Figuren ihrem Zweck entfremde, wenn ich zum Beispiel Mühle mit ihnen spiele. Man müsste die Figuren sehen wie ein Kind, das eben die Regeln des Schachs gelernt hat, sich für die Figuren aber noch eine Menge anderer Verwendungsmöglichkeiten denken kann. AKUPUNKTUR. – Es ist ein Denken vorstellbar, das wie ein Akupunkteur vorgehen würde. Seine heilende Wirkung würde auf der Präzision feiner, gezielter Nadelstiche beruhen. Die Meridiane, die die unsichtbare Ordnung bilden, an der sich die Stiche auszurichten hätten, wären die Linien, die unser Denken durchziehen und es in die Geschichte der Philosophie verweben. Ähnlich wie bei der Akupunktur würde ein Teil der Heilung auf der Tatsache beruhen, dass man sich darauf einlässt. – Du sprichst von Heilung, Heilung wovon? – Von unserem Unvermögen, die Vielstimmigkeit zu hören. ABFÜHRMITTELPARADOX. – Du willst abführen und führst das Mittel, das du dazu verwendest, selbst mit ab. NEOARISTOTELISMUS. – Das Präfix neo- markiert, dass eine Form von Aneignung stattgefunden hat, eine Aneignung, die Bewahrung und Innovation zu verknüpfen verspricht. Je nach Optik handelt es sich dabei um eine Wiederbelebung von Argumenten, Gedankenfiguren, Topoi usw., die dem Vergessen zu entreißen sind, die sich als für die Behandlung bestimmter Fragen hilfreich erweisen können und die eine Art Einsicht gewähren, die man sonst nicht hätte. Oder aber es handelt sich um das gewaltsame Hinauszögern eines Todes, der noch immer nicht eintreten will, um eine falsche Art von Gegenwärtigkeit, um ein von Hoffnungslosigkeit überschattetes Unterfangen. Das Präfix ist die Abbreviatur eines komplexen Prozesses, der sich letztlich immer auf einen Textkorpus richtet; in ihm artikuliert und entzieht sich zugleich dieser Prozess. Es ist als Symptom aufzufassen, das den Weg zu einer bestimmten Frage freigibt, nämlich jener nach dem Verhältnis der Philosophie zu ihrer Geschichte, resp. dieser bestimmten Philosophie zu den für sie relevanten Texten aus dieser Geschichte. 17
IN A NUTSHELL. – ‘Einen bestimmten Gedanken nicht mehr denken zu können’, was heißt das? Dass er in die Irre führt? Dass er falsch ist? Wohl nicht. Vielmehr scheint er nahezulegen, dass er auf Voraussetzungen beruht, die man so nicht mehr machen kann. Er ist also Ausdruck einer unterschwelligen Narration: Die Selbstlegitimation, die diese Denkfigur leistet, ist die Kehrseite einer bestimmten Sicht auf die Geschichte der Philosophie. Die Möglichkeit der Narration, in der sich diese Sicht artikuliert, erscheint als Folge einer Potenzierung des Reflexionsniveaus. Kann der Gedanke selbst nicht mehr gedacht werden, so kann doch offenbar dessen Nicht-mehrgedacht-werden-Können’ gedacht werden. Wenn ich also sage, dass ein bestimmter Gedanke nicht mehr gedacht werden kann, denke ich ihn auf eine bestimmte Art und Weise, nämlich als einen, der nicht mehr gedacht werden kann. In den Antworten auf die Frage, warum bestimmte Voraussetzungen nicht mehr gemacht werden können, schlummern die Keime zu möglichen Philosophiegeschichtsschreibungen. INS OFFENE. – Die Begriffe, die man ins Spiel bringt, sind die Segel, die man hisst und mit denen es einem gelingt, in Fahrt zu kommen, gegen den Wind des Zeitgeistes. So oder ähnlich steht es bei Walter Benjamin. – Was ist dann die Geschichte der Philosophie? Der Ort, an dem die Segel aufbewahrt werden, eine Mischung von Theaterfundus und Asservatenkammer. Man muss ihn aufsuchen, wenn man in See stechen will. WE. – In Texten vornehmlich der analytischen Tradition ist die Stimme, die spricht und in deren Namen gesprochen wird, oft ein «we». Dabei handelt es sich weder um das paternalistische sogenannte Krankenschwestern-Wir’ noch um den in älteren deutschsprachigen Wissenschaftstexten etwa anzutreffenden pluralis modestiae noch gar um einen pluralis majestatis. Das «wir», um das es hier geht, hat etwas zu tun mit uns als Mitgliedern jener Gemeinschaft, die einer bestimmten Sprache mächtig ist. Als Sprecher können wir nicht anders, sollen wir nicht anders können, als die Dinge so und so zu sehen, und damit sind wir gezwungen, so und so über diese Dinge zu denken. Das heißt aber nicht, dass es um eine faktische 18
Zustimmung durch andere geht. Vielmehr ist diese Zustimmung gewissermaßen transzendental zu verstehen: Sie ist eine Bedingung, um überhaupt sinnvoll reden zu können. – Dies alles sind allgemeine Überlegungen, die im Einzelfall überprüft werden müssen, vor allem im Hinblick auf das normative Moment, das in diesem «we» enthalten sein kann. Mit Sicherheit ist darauf zu insistieren, dass es weniger harmlos ist, als es den Anschein macht. Folgende Passage mag als solcher Einzelfall gelten: «Wir (we 1) werden den Standpunkt des unparteiischen Beobachters einnehmen, der von seiner eigenen Situierung so weit als möglich abstrahiert, der versucht, sich auf der Basis aufgeklärter Intuitionen ein Urteil zu bilden. Dies ist ein keineswegs ungewöhnliches Vorgehen in der praktischen Philosophie. So kann etwa die Rationalitätstheorie ebenfalls nicht in der Weise entwickelt werden, dass sie sich auf Prinzipien stützt, die als selbstevident gelten und deren Deduktion dann bestimmt, was im einzelnen Fall als rational zu gelten hat. Sondern sie muss ausgehen von dem, was wir (we 2) in paradigmatischen Situationen für vernünftig halten …» We 1 ist unproblematisch; es bezieht sich als ein pluralis modestiae auf die methodischen Überlegungen, die den folgenden Gedankengang leiten sollen. Im Kern dieser methodischen Überlegungen spielt aber ein anderes Wir eine entscheidende Rolle. Dieses we 2 ist weniger unproblematisch, denn es sieht sich mit zwei Begriffen verknüpft (demjenigen der «paradigmatischen Situation» und jenem der Vernunft), die einem Widerstreit unterworfen sind, der die Einheit dieses Wir sprengt. «Die Basis aufgeklärter Intuitionen», jener «wohldurchdachten moralischen Intuitionen», wie es wenig später heißt, ist weniger tragfähig, als dies die Homogenisierungsgeste von we 2 suggeriert. Rational sind normative Urteile, wenn sie sich verschränken lassen mit «aufgeklärten», «wohldurchdachten» Intuitionen. Und «Intuitionen» sind aufgeklärt, wenn sie rational sind. Die Zirkularität, die in der uniformierenden Wir-Rhetorik verdeckt wird, liegt damit auf der Hand. Nicht immer wird das so offen thematisiert wie von Nida-Rümelin, wenn es dann heißt: «Diese Verschränkung von Empirie des lebensweltlichen moralischen Urteils und ethischer Theoriebildung hat allerdings zur Folge, dass die kulturelle Situierung normativ relevant bleibt.» 19
HARD SCIENCES. – Welche Erklärung gibt es für die seltsame Metaphorik – etwa die, dass es die harten Tatsachen sind, denen die Wissenschaften ihre Härte verdanken? Oder ist es umgekehrt: dass das, was die harten Wissenschaften betrachten, zu harten Tatsachen wird? Oder geht es darum, dass harte Wissenschaftler härter im Nehmen sind – etwa wenn die Dinge sich hartnäckig in Schweigen hüllen? Dass sie dieses Schweigen nicht mit ihren Diskursen zu überspielen scheinen? Hat man eine schmutzige Phantasie oder schlechten theoretischen Geschmack, wenn einem Jacques Derridas Begriff des «Phallogozentrismus» auf der Zunge liegt? Und was ist das kleinere Übel – der schlechte Geschmack oder die überreizte Phantasie? In wessen Augen – in jenen der harten Wissenschafter oder in jenen der Weicheier (um das Stilniveau beizubehalten)? INSULARITÄT. – Es gibt eine Form der philosophischen Reflexion, die sich zu anderen Formen des Nachdenkens verhält wie das Fest zum Alltag. Sie hat Ereignischarakter und erhält ihren Ort in Abgrenzung zur Monotonie des Alltags; sie ist ekstatischer Natur. Heißt das, dass die Philosophie uns nichts helfen kann? Nein, aber sie tut es anders, als man es vielleicht erwarten würde; ja, sie ist besonders empfindlich gegen Erwartungen. Und was braucht es, damit die Philosophie in dieser Form zu ihrem Recht kommt? Räume, in denen sie vorgesehen ist. HEIDEGGERS HUMORLOSIGKEIT. – Als Martin Heidegger 1952 anlässlich eines Seminars auf Hegels bekannten Satz aus dem Waste-Book zu sprechen kam, in dem vom zerrissenen Strumpf und dem geflickten Bewusstsein die Rede ist, soll es im Publikum zweimal zu Lachern gekommen sein. «Ich weiß nicht, warum sie lachen», antwortete Heidegger zunächst, «Sie müssen das lernen, die Spannweite von einem Satz wie dem, den ich zitierte, auszuhalten.» Als wieder gelacht wurde, reagierte er offenbar zornig: «Vielleicht leben Sie alle mit einem geflickten Bewusstsein.» PHILOSOPHISCHE LEHRER. – «Heideggers Philosophie-Unterricht war historisch orientiert, aber nicht philosophiegeschichtlich, sondern in dem Sinne, dass die Quellen als Herausforderungen zu einer phi20