Die Herausgeber
Ueberweg
Grundriss der Geschichte der Philosophie
Johannes Rohbeck Geb. 1947, studierte Philosophie, Ger manistik, Politologie und Soziologie an der Universität Bonn und an der Freien Universität Berlin, wo er 1976 promovierte und sich 1985 habilitierte. Er ist Senior Professor für Praktische Philosophie an der Technischen Universität Dresden. Arbeitsschwerpunkte: Philosophie des 18. Jahrhunderts; Technikphilosophie; Philosophie der Geschichte; Didaktik der Philosophie und Ethik.
Band 4 Spanien, Portugal, Lateinamerika
18. Jh. 4
Die Philosophie des 18. Jahrhunderts 4
Wolfgang Rother Geb. 1955, studierte Philosophie, Evange lische Theologie und Germanistik in Marburg, Tübingen und Zürich, wo er 1980 promovierte und sich 2004 habilitierte. Er ist Professor für Philosophie, besonders für Geschichte der Philosophie, an der Universität Zürich. Arbeitsschwerpunkte: Philosophie- und Ideengeschichte der Neuzeit; Existenz philosophie; Hedonismus; Straf rechtsphilosophie; Philosophie der Geschichte.
Mit Beiträgen von
Spanien Portugal Lateinamerika
Spanien Portugal Lateinamerika Herausgegeben von Johannes Rohbeck und Wolfgang Rother
Enrique Álvarez Cora (Múrcia), Mónica Bolufer (Valencia), Amândio Augusto Coxito (Coimbra), Helmut C. Jacobs (Duisburg-Essen), Heinz Krumpel (Wien), Hans-Joachim Lope (Marburg), Francisco Sánchez-Blanco (Bochum/Sevilla), José Luis Villacañas Berlanga (Madrid).
Schwabe Verlag Basel
Die Philosophie des 18. Jahrhunderts
Schwabe
Gab es eine spanische, portugiesische und lateinamerikanische Aufklärung? Auf diese Frage versucht der vorliegende Band eine Antwort zu geben. Ein spezifisches Merkmal der spanischen Philosophie des 18. Jahrhunderts ist der Eklektizismus, der es erlaubte, sich gegenüber den neuen Naturwissenschaften zu öffnen, ohne die mittelalterliche Scholastik gänzlich zu verwerfen. Ebenso charakteristisch ist die auf ökonomische, politische und kulturelle Reformen zielende pragmatische Ausrichtung. Da nun auch Frauen Zugang zu den Akademien forderten, entwickelte sich in Spanien eine Geschlechterdebatte, die hier ebenfalls dokumentiert wird. Weitere Schwerpunkte des Bandes sind die Ästhetik, die sich im 18. Jahrhundert zu einer eigenständigen philosophischen Disziplin herausbildete, sowie die Reise berichte und Utopien, die im Kontext der Kolonialisierung Amerikas entstanden sind, und schließlich die Apologetik und die teilweise polemisch geführten Aus einandersetzungen m it den Ideen der Französischen Revolution. Im Teil zur portugiesischen Philosophie, die bisher kaum erforscht ist, stehen die Diskussionen über das Verhältnis von Scholastik, Cartesianismus und Empirismus im Vordergrund. Der Teil zur ebenso wenig bekannten Philo sophie in Lateinamerika orientiert sich an den Reformdebatten in den einzelnen Ländern und schließt mit einer Darstellung der Vordenker der Befreiungskämpfe. Viele der behandelten Werke sind schwer zugänglich, nur in seltenen Fällen gibt es moderne Editionen, so dass umfangreiche Recherchen in Bibliotheken und Archiven erforderlich waren. Insofern ist dieser Band nicht nur ein einführendes Kompen dium, sondern das Ergebnis genuiner Forschungen.
Grundriss der Geschichte der Philosophie 18. Jahrhundert 4
GRUNDRISS DER GESCHICHTE DER PHILOSOPHIE BEGRÜNDET VON FRIEDRICH UEBERWEG
VÖLLIG N EU BEA R BEI T ET E AUSGA BE H ER AUSGEGEBEN VON H EL M U T HOLZ H EY
JEREMIA 23,29
SCH WAB E VERLAG BASE L
DIE PHILOSOPHIE DES 18. JAHRHUNDERTS BAND 4
SPANIEN PORTUGAL LATEINAMERIKA
HERAUSGEGEBEN VON JOHANNES ROHBECK UND WOLFGANG ROTHER
SCH WAB E V E RLAG BASE L 20 16
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel
Verfasst von Enrique Álvarez Cora (Múrcia), Mónica Bolufer (Valencia), Amândio Augusto Coxito (Coimbra), Helmut C. Jacobs (Duisburg-Essen), Heinz Krumpel (Wien), Hans-Joachim Lope (Marburg), Johannes Rohbeck (Dresden), Wolfgang Rother (Basel/Zürich), Francisco Sánchez-Blanco (Bochum/Sevilla), José Luis Villacañas Berlanga (Madrid)
Übersetzungen aus dem Spanischen: Katrin Grünepütt (Berlin) Übersetzung aus dem Portugiesischen: Francis Cheneval (Zürich)
Grundriss 18. Jahrhundert 4 Š 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2630-5
IN HA LT Vorwort (Johannes Rohbeck und Wolfgang Rother) . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI ERSTER TEIL: SPANIEN. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Einleitung: Das 18. Jahrhundert in Spanien. Versuch einer Kontextualisierung (José Luis Villacañas Berlanga) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Erstes Kapitel: Die institutionellen Bedingungen von Philosophie und Wissenschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Einleitung (Wolfgang Rother). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 § 1. Die Universitäten (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 1. Die Jesuiten zwischen Eklektizismus und Scholastik 33. – 2. Reformbestrebungen nach der Vertreibung der Jesuiten 35. § 2. Die Akademien (Helmut C. Jacobs) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 1. Einleitung 38. – 2. Private Zirkel 39. – 3. Staatliche Akademien 40. – 4. Die Sociedades Económicas de Amigos del País 43. – 5. Nicht umgesetzte Akademieprojekte 45. Literatur zum ersten Kapitel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Zweites Kapitel: Empiristische und skeptische Strömungen. . . . . . . . 53 Einleitung (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 § 3. Die «Novatores» (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 1. Die Sociedad Sevillana de Medicina 60. – 2. Die Reaktion der Theologen auf die neue Wissenschaft 61. – 3. Tomás Vicente Tosca i Mascó 64. – 4. Juan de Ferreras y García 65. § 4. Martín Martínez (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 § 5. Benito Jerónimo Feijoo y Montenegro (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 § 6. Martín Sarmiento (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Sekundärliteratur zum zweiten Kapitel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Drittes Kapitel: Eklektizismus und Naturwissenschaften. . . . . . . . . . 87 Einleitung (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 § 7. Eklektische Philosophen der ersten Jahrhunderthälfte (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 1. Einleitung 93. – 2. Juan Bautista Berní y Catalá 94. – 3. Gregorio Mayans y Siscar 94. § 8. Jesuitischer Eklektizismus in der zweiten Jahrhunderthälfte (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 1. Einleitung 98. – 2. Antonio Eximeno y Pujades 99. – 3. Juan Andrés y Morell 100. – 4. Lorenzo Hervás y Panduro 102.
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Inhaltsverzeichnis
§ 9. Physik und Naturphilosophie (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . 103 1. Die Rezeption der neuen Wissenschaft 105. – 2. Antonio María Herrero y Rubira 107. – 3. Antonio José Rodríguez 108. – 4. Andrés Piquer y Arrufat 109. § 10. Mathematik und Naturwissenschaften (Francisco Sánchez-Blanco). . . 112 1. Mathematik 115. – 2. Botanik und Naturgeschichte 116. – 3. Medizin 118. – 4. Chemie 119. – 5. Elektrizität 119. Sekundärliteratur zum dritten Kapitel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Viertes Kapitel: Ästhetik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Einleitung (Helmut C. Jacobs). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 § 11. Ästhetische und poetische Diskussionen 1700–1780 (Helmut C. Jacobs). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 1. Das Schöne und das Hässliche 130. – 2. Ignacio de Luzán 132. – 3. Die literaturtheoretische Diskussion im Umkreis der Academia del Buen Gusto (1749–1751) und ihre Nachwirkungen 135. – 4. Die Diskussionen der 1760er und 1770er Jahre 136. § 12. Theoretiker des Klassizismus 1780–1800 (Helmut C. Jacobs). . . . . . . 138 1. Anton Raphael Mengs’ ästhetische Theorien. Rezeption und Diskussion 140. – 2. Esteban de Arteaga 142. – 3. Antonio Eximeno y Pujades 144. – 4. Pedro José Márquez 145. – 5. José María Blanco y Crespo 147. – 6. Poesía filosófica 147. Sekundärliteratur zum vierten Kapitel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Fünftes Kapitel: Die Geschlechterdebatte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 § 13. Höhepunkte der öffentlichen Geschlechterdebatte (Mónica Bolufer). 157 1. Einleitung 159. – 2. Die Debatte um Feijoos ‹Defensa de las mujeres› 160. – 3. Die Die Auseinandersetzungen in der Sociedad Económica Matritense 163. § 14. Josefa Amar y Borbón (Mónica Bolufer). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 § 15. Inés Joyes y Blake (Mónica Bolufer). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Sekundärliteratur zum fünften Kapitel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 Sechstes Kapitel: Politik, Moral, Recht und Ökonomie. . . . . . . . . . . . . . 177 Einleitung (Hans-Joachim Lope) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 § 16. Die Debatten über Staat und Gesellschaft (Hans-Joachim Lope). . . 182 1. Einleitung 182. – 2. Juan Pablo Forner y Segarra 184. – 3. Antonio Tavira y Almazán 190. § 17. Ansätze einer liberalen politischen Theorie (Hans-Joachim Lope). . . 196 1. Einleitung 196. – 2. León de Arroyal 197. – 3. Weitere Reformansätze und Diskussionen 202. § 18. Die «Ilustrados» und das spanische Rechtssystem (Hans-Joachim Lope) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 1. Regalisten und Kameralisten 206. – 2. Pedro José Pérez Valiente 208. – 3. José Olmeda y León, Marqués de los Llanos 213.
Inhaltsverzeichnis
IX
§ 19. Reformer und Reformen in der Nationalökonomie (Hans-Joachim Lope) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 1. Einleitung 217. – 2. Pedro Rodríguez, Conde de Campomanes 219. – 3. Francisco Cabarrús Lalanne 225. – 4. Valentín Tadeo de Foronda 232. – 5. «Felicidad». Die Luxusdebatte zwischen Askesemoral und ökonomischer Vernunft 239. § 20. Gaspar Melchor de Jovellanos y Ramírez (Hans-Joachim Lope). . . . 244 Sekundärliteratur zum sechsten Kapitel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254 Siebtes Kapitel: Kultur- und sozialphilosophische Reflexionen in Reiseberichten und utopischer Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Einleitung (Helmut C. Jacobs). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 § 21. Berichte über Reisen und Expeditionen – Spanien, Europa und Mittelmeerraum, Amerika (Helmut C. Jacobs). . . . . . . . . . . . . . . 264 1. Einleitung 269. – 2. Reisen auf der Iberischen Halbinsel 270. – 3. Reisen in Europa und im Mittelmeerraum 275. – 4. Reisen und Expeditionen in Übersee 279. § 22. Gesellschaftsutopien und fiktive Reiseberichte (Helmut C. Jacobs). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 1. Einleitung 291. – 2. Rezeption und Übersetzungen ausländischer Utopien 293. – 3. Utopien der ersten Jahrhunderthälfte 294. – 4. Utopien der zweiten Jahrhunderthälfte 295. – 5. Utopien in den Periodika 300. – 6. In Romane eingebettete Utopien 305. – 7. Verschollene und verbotene Utopien 309. Sekundärliteratur zum siebten Kapitel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 Achtes Kapitel: Thron und Altar. Auseinandersetzungen mit der Gedankenwelt der Aufklärung und der Revolution . . . . . . . . 319 Einleitung (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 § 23. Apologien von Religion, Monarchie und spanischer Kultur (Francisco Sánchez-Blanco). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324 1. Apologetik und Antiphilosophie 324. – 2. Fernando Cevallos y Mier 328. – 3. Der Kampf des Klerus gegen Aufklärung und Libertinismus 330. – 4. Apologien der spanischen Kultur und Politik 337. – 5. Reaktionen auf ausländische Spanienkritik 340. § 24. Reaktionen auf die Französische Revolution (Enrique Álvarez Cora). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 1. Die Abwehr revolutionärer Einflüsse 345. – 2. Die Suche nach einer neuen Staatsordnung 350. Sekundärliteratur zum achten Kapitel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 354
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Inhaltsverzeichnis
ZWEITER TEIL: PORTUGAL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Einleitung: «Ericeirenses» und «Estrangeirados». Die Anfänge der kulturellen Erneuerung Portugals (Amândio Augusto Coxito). . . . . . . 359 § 25. Schulphilosophie zwischen Scholastik und Aufklärung (Amândio Augusto Coxito). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 1. Philosophische Bildungsstätten 362. – 2. Eine pragmatische Konzeption der Logik 363. – 3. Tradition und Innovation in Physik und Metaphysik 365. § 26. Auseinandersetzungen mit der neuen Philosophie (Amândio Augusto Coxito). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368 1. Cartesianismus und Anticartesianismus 368. – 2. Die Präsenz des Empirismus 372. Sekundärliteratur zum zweiten Teil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374 DRITTER TEIL: LATEINAMERIKA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Einleitung: Philosophie und Aufklärung in Lateinamerika. Historische, kulturelle und institutionelle Bedingungen (Heinz Krumpel) . . . . . . 377 § 27. Philosophieunterricht und Naturwissenschaften in Mexiko und Ecuador (Heinz Krumpel). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384 1. Juan Benito Díaz de Gamarra y Dávalos (Mexiko) 385. – 2. Andrés de Guevara y Basoazábal (Mexiko) 387. – 3. Juan Bautista Aguirre (Ecuador) 388. § 28. Bildungsreformen in Ecuador, Mexiko, Peru und Brasilien (Heinz Krumpel) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 1. Francisco Javier Eugenio de Santa Cruz y Espejo (Ecuador) 391. – 2. Francisco Javier Alegre (Mexiko) 393. – 3. Pedro Peralta Barnuevo y Rocha Benavides (Peru) 394. – 4. José Basilio da Gama (Brasilien) 395. § 29. Geschichte und Literatur (Heinz Krumpel). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 396 1. Francisco Javier Clavijero (Mexiko) 398. – 2. José Joaquín Fernández de Lizardi (Mexiko) 399. – 3. Juan Antonio Navarrete (Kolumbien) 401. –4. Manuel Inácio da Silva Alvarenga (Brasilien) 401. – 5. José Valentín Gómez (Argentinien) 402. – 6. Carlos José Montero (Argentinien) 402. § 30. Emanzipation und Unabhängigkeitsbewegung (Heinz Krumpel) . . . 403 1. Juan Pablo Vizcardo y Guzmán (Peru) 404. – 2. Antonio Nariño (Kolumbien) 406. – 3. Juan Baltasar Maziel (Argentinien) 407. – 4. Juan José Paso (Argentinien) 407. – 5. José de Santa Rita Durão (Brasilien) 408. – 6. Tomás Antônio Gonzaga (Brasilien) 408. Sekundärliteratur zum dritten Teil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423
VORWORT Die Philosophie des 18. Jahrhunderts in Europa wurde maßgeblich von der Idee der Aufklärung geprägt. Die wichtigsten Länder sind in dieser Hinsicht Großbritannien, wo die Aufklärung mit ihrem Vordenker Locke am frühesten einsetzte, Frankreich, wo sie mit Voltaire, Rousseau, La Mettrie, Diderot, Helvé tius und d’Holbach am radikalsten war, und Deutschland, wo sie in der Philosophie Kants gipfelte. Auch Italien hat bedeutende Aufklärer wie Vico, Pietro Verri und Beccaria hervorgebracht. Aber wie verhält es sich mit Spanien? Gab es dort überhaupt eine Aufklärung? Wurden dort, wo sich Thron und Altar zum Zweck der Erhaltung ihrer Macht verbündet hatten, jedes Streben der Vernunft nach Autonomie und jede Regung nach politischer Freiheit von der Zensur und der Inquisition im Keim erstickt? Bereits im 18. Jahrhundert sah sich Spanien dem Vorwurf der Rückständigkeit und Aufklärungsfeindlichkeit ausgesetzt. So kam Louis de Jaucourts Artikel «Espagne» im fünften Band der ‹Encyclopédie› (1755), der sich weitgehend an Voltaires ‹Siècle de Louis XIV› (1751) anlehnt, zu einem vernichtenden Urteil. Der Autor bezeichnete das Spanien des 17. Jahrhunderts als «ausgedehnten Körper ohne Substanz»; «die Inquisition, die Mönche, der müßige Stolz der Einwohner» werden für den «Niedergang» des einst blühenden Landes verantwortlich gemacht. In dem gleichnamigen Artikel im ersten Band der ‹Encyclopédie méthodique› (1782) stellte Nicolas Masson de Morvilliers, der den Text Jaucourts in seinen Beitrag integriert, in diffamierender Absicht die rhetorische Frage, was Europa Spanien zu verdanken habe (vgl. unten S. 344–345 und Françoise Etienvre: Avant Masson, Jaucourt: L’Espagne dans l’Encyclopédie de Diderot et d’Alembert, in: Bulletin hispanique 104/1 [2002] 166–168). Und als Jean Marie Jérôme Fleuriot de Langle seine kritischen Reisebeschreibungen ‹Voyage de figaro en Espagne› (1785) publizierte, schrieb der Conde de Aranda, damals spanischer Botschafter in Paris, eine ‹Dénonciation au public, du Voyage d’un soi-disant Figaro en Espagne› (1785), in der er versicherte, dass Spanien sehr wohl den Weg zu Reformen eingeschlagen habe und durchaus einen Beitrag zu europäischen Aufklärung leiste. Im Gegenzug blieben den spanischen Apologeten die Aufklärung und alles Französische suspekt – sie denunzierten ihre Landsleute, die sich den Ideen der französischen Aufklärer anschlossen, als «Afrancesados», Französlinge. Diese ambivalente Stellung Spaniens zur Aufklärung kam auch in der wechselseitigen Rezeption spanischen Denkens in Europa und europäischen Denkens in Spanien zum Ausdruck. So waren es im 19. Jahrhundert beispielsweise die Philosophen und Dichter der deutschen Romantik, die Spanien für sich entdeckten. Ludwig Tieck publizierte 1799–1801 seine Übersetzung des ‹Don Quixote›, und Clemens Brentano gab 1804–1806 ‹Spanische und italienische Novellen› und 1809 den ‹Goldfaden› heraus. Umgekehrt lebte in Spanien die Aufklärung im sogenannten «Krausismo» fort. Der deutsche Philosoph Karl Christian Friedrich Krause machte vor allem Kant und Hegel in Spanien und Lateinamerika populär – Denker, deren Einfluss bis weit ins 20. Jahrhundert wirksam blieb.
XII
Vorwort
In Spanien endete dieser Einfluss abrupt mit der Franco-Diktatur. Die Franquisten verfolgten eine reaktionäre Kultur- und Bildungspolitik. An den philosophischen Fakultäten befasste man sich vor allem mit der mittelalterlichen Scholastik, während Autoren wie Hume, Condillac oder Kant verpönt waren. Das hat nicht zuletzt auch dazu geführt, dass die eigene aufklärerische Tradition in der Franco-Ära kaum erforscht wurde und fast in Vergessenheit geriet. Diese Verdrängung der Aufklärung ist bis heute spürbar. Nach der Franco-Diktatur hat sich der Umgang mit der Philosophie der Aufklärung in Spanien grundlegend gewandelt. Viele spanische Forscherinnen und Forscher haben sich der Aufarbeitung der Geschichte der spanischen Philosophie des 18. Jahrhunderts zugewandt. So sind seit den 1980er Jahren eine ganze Reihe von Monographien, Sammelbänden und Zeitschriftenaufsätzen zu diesem Thema entstanden. Ein weiteres Beispiel für diese Rückbesinnung auf eine eigene Tradition der Aufklärung ist die Einrichtung eines Lehrstuhls für die Geschichte der spanischen Philosophie mit dem Schwerpunkt 18. Jahrhundert an der Universidad Complutense de Madrid – der derzeitige Inhaber, José Luis Villacañas Berlanga, hat die Einleitung zum Spanien-Teil des vorliegenden Bandes verfasst. Bezeichnenderweise wurde die 1997 neu gegründete Universität Sevilla nach dem spanischen Aufklärer Pablo Antonio de Olavide benannt, Gebäude tragen die Namen von Denkern dieser Epoche wie z.B. Benito Jerónimo Feijoo. Diese Wiederentdeckung der Philosophie des 18. Jahrhunderts in Spanien kommt dem vorliegenden Band zugute. Denn anfänglich gestaltete sich die Suche nach Kennern der spanischen Philosophie der Aufklärung als äußert schwierig. So konnten neben deutschen Hispanisten (Helmut C. Jacobs und Hans-Joachim Lope) auch eine spanische Autorin (Mónica Bolufer) und mehrere spanische Autoren (Enrique Álvarez Cora, Francisco Sánchez-Blanco und José Luis Villacañas Berlanga) für die Mitarbeit gewonnen werden. Ähnliches gilt für Portugal, wo die Erforschung der eigenen Aufklärung noch in Anfängen steckt – der Artikel von Amândio Augusto Coxito bietet einen ersten Überblick. Ein Glücksfall ist schließlich Heinz Krumpel, der zu den deutschsprachigen Pionieren der Philosophiegeschichte Lateinamerikas zählt. Diese Konstellation macht den Reiz des vorliegenden Bandes aus. Im Vergleich zu anderen Bänden des ‹Grundrisses› werden hier weitgehend unbekannte Denker behandelt. Ein großer Teil der Darstellungen gründet sich auf Forschungen in Bibliotheken und Archiven. Viele der Werke des 18. Jahrhunderts sind heute schwer zugänglich; nur in seltenen Fällen liegen moderne Ausgaben vor. Insofern ist der vorliegende Band nicht nur ein einführendes Kompendium, sondern in besonderer Weise das Ergebnis genuiner Forschungsarbeit. Es bleibt zu hoffen, dass es Grundlage und Impuls für weitere Untersuchungen sein möge. Die Gliederung des Spanien-Teils ist – nach einer Einführung über die Institu tionen, in denen Philosophie gelehrt wurde (Kapitel 1) – chronologisch angelegt. Die historische Darstellung beginnt mit den sogenannten «Novatores», Skeptikern und Empiristen der Frühaufklärung, die für die erste Erneuerung der Philosophie in Spanien stehen. Der Empirismus führte zum einen zu einer Relativierung der vorherrschenden dogmatischen Scholastik und einem kritischen Eklektizis-
Vorwort
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mus (Kapitel 2), zum anderen zu einer Hinwendung zu den Naturwissenschaften, zu Beobachtung und Experiment (Kapitel 3). Der Eklektizismus ist eine Signatur der spanischen Aufklärung – war es doch auf diese Weise möglich, sich dem neuen Denken zu öffnen, ohne die Scholastik gänzlich zu verwerfen. In Kapitel 4 wird die Ästhetik behandelt, die sich im 18. Jahrhundert als eigenständige philosophische Disziplin herausbildete. Selbst im katholischen Spanien wurde die Gleichstellung von Frau und Mann lebhaft erörtert – die Diskussion wurde bereits 1726 von Feijoo lanciert und entfachte sich dann in den 1770er und 1780er Jahren an der Frage der Aufnahme von Frauen in die Sociedad Económica Matritense de Amigos del País (Kapitel 5). Dass die spanische Regierung – nicht zuletzt aus machtpolitischen Interessen – sich aufgeschlossen gegenüber wirtschaftlichen Reformen zeigte, wird in Kapitel 6 thematisiert. Die Reformdebatten führten – nach dem Trauma der französischen Besatzung (1808) – zur liberalen Verfassung von 1812, an die das postfranquistische Spanien anknüpfen konnte. Aufgeklärte Spanier erweiterten ihren Horizont durch Reisen; sie erkundeten das eigene Land, Europa und Lateinamerika – oft im Auftrag der Regierung, der es vor allem um die Erhaltung ihrer kolonialen Macht ging. Die literarische Gattung der Reiseberichte, denen durchaus interkulturelle Motive zugrunde lagen, wie auch der Utopien, die im geistigen Umfeld der Amerikaerfah rung entstanden, sind ein Spezifikum der spanischen Aufklärung (Kapitel 7). In Kapitel 8 werden die Auseinandersetzungen mit der Gedankenwelt der – fran zösischen – Aufklärung und der Französischen Revolution dargestellt. Es war vor allem der reaktionäre Klerus, der auf Orthodoxie insistierte und vor den angeblichen Gefahren der Aufklärung und der Philosophie überhaupt warnte, um die politischen Machthaber, die ihrerseits so aufklärungs- und reformfeindlich gar nicht waren, als Bündnispartner zu gewinnen. Deshalb vermischten sich bei den Apologeten politische und theologische Argumente. Die Ironie dieser Rezeptionsgeschichte besteht darin, dass die Kleriker bei ihrer «Widerlegung» der «Irrtümer» von Voltaire, Rousseau und anderen Autoren deren Theorien ausführlich dargestellt und damit in Spanien überhaupt erst bekannt gemacht haben. So konnten sich interessierte Spanier ein ziemlich genaues Bild über die französische Aufklärung machen und dafür ebenso gut auch Sympathien entwickeln. Der heutige Leser fragt sich verwundert, ob diese unbeabsichtigte Nebenwirkung nicht sogar mehr oder weniger bewusst in Kauf genommen wurde. Die Apologetik war gleichsam die Flaschenpost der Philosophie. Der zweite Teil widmet sich der Philosophie in Portugal und ist aufgrund der Forschungslage nur als kurzer Überblick möglich. Ähnlich wie in Spanien gewinnen die Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert auch in Portugal zunehmenden Einfluss. Außerdem werden die Auseinandersetzungen mit dem Rationalismus von Descartes und dem Empirismus von Locke immer intensiver geführt. Im dritten Teil wird die Philosophie in Lateinamerika dargestellt. Auch hier stecken die Forschungen noch in den Anfängen. Es bedurfte besonderer Anstren gungen, in diesen Regionen das entsprechende Material zusammenzutragen. Die Darstellung orientiert sich an Ländern und an den relevanten Themen – Philosophie unterricht, Naturwissenschaften, Reform des Bildungswesens, Geschichte und
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Vorwort
Literatur sowie Emanzipation und Unabhängigkeit. Dass der Band mit den Vordenkern der lateinamerikanischen Befreiungskämpfe schließt, rundet den Blick auf das 18. Jahrhundert in der spanisch- und portugiesischsprachigen Welt ab – dass der Weg der Aufklärung ein Weg in die Freiheit ist, kommt in Lateinamerika in besonderer Weise zum Ausdruck. Zum Schluss stellt sich noch einmal die Frage: Gibt es eine spanische Aufklärung? Villacañas kommt in der Einleitung zu dem Ergebnis, dass es problematisch sei, von einer spanischen Aufklärung zu reden (vgl. unten S. 26). Ihm ist darin insofern zuzustimmen, dass Spanien keinen originären Beitrag zur europäischen Aufklärung geleistet hat, der mit den Philosophien in Großbritannien, Frankreich, Deutschland oder Italien vergleichbar wäre. Vieles beschränkt sich auf die Rezeption französischer Autoren. Aber das bedeutet nicht, dass die spanische Philosophie der Aufklärung keinen eigenen Charakter ausgebildet hätte. Es lassen sich vielmehr drei spezifische Merkmale ausmachen: Erstens zeichnet sich die spanische Aufklärung dadurch aus, dass sie pragmatisch ausgerichtet war und auf praktische Reformen zielte. Zweitens war sie weniger radikal als die französische Aufklärung. Ähnlich wie in Deutschland bemühten sich die spanischen Aufklärer um eine Versöhnung zwischen philosophischer Vernunft und religiösem Glauben. Drittens folgt daraus ein Eklektizismus, der für die spanische Philosophie des 18. Jahrhunderts typisch ist. Auf diese Weise war es möglich, die Resultate und Methoden der Naturwissenschaften anzuwenden, ohne die entsprechenden metaphysischen und theologischen Konsequenzen zu ziehen und mit der katholischen Kirche in Konflikt zu geraten. Exemplarisch in dieser Hinsicht ist der Philosoph Feijoo, der in seinem ‹Theatro Crítico Universal› (1726–1739) kein systematisches Werk, sondern eine Vielzahl von Essays zu verschiedenen Themen aus unterschiedlichen Perspektiven vorgelegt hat. Konzept und Gliederung des vorliegenden Bandes wurden an drei Tagungen erarbeitet und diskutiert, die am 15. April 1997 und 9. Juni 1998 an der Universität Bochum und am 23. September 1998 an der Universität Duisburg-Essen stattfanden. Für inhaltliche Beratung sind wir Helmut Holzhey (Zürich) und Manfred Tietz (Bochum) zu großem Dank verpflichtet. Katrin Grünepütt (Berlin) übersetzte im ersten Teil die Kapitel 1–3, 5 und 8 aus dem Spanischen, Francis Cheneval (Zürich) den zweiten Teil aus dem Portugiesi schen. Susann Thiele, Anne Schuster (beide Dresden) und Angela Zoller (Schwabe) wirkten bei der redaktionellen Bearbeitung mit, Liv Etienne (Schwabe) half bei der Erstellung der Register, Regina Langensteiner (Schwabe) beim Korrekturlesen. Ihnen allen sei für ihre kompetente Mitarbeit gedankt. Für die Finanzierung der Arbeiten in Dresden kam ein Jahr lang das spanische Ministerium für Bildung, Kultur und Sport im Rahmen des Programms «ProSpanien» auf, dem wir dafür unseren Dank aussprechen. Unser Dank gilt schließlich dem Schweizerischen Nationalfonds, der einen namhaften Betrag an die Publikationskosten beisteuerte, und der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel, die die Druckkosten übernahm. Dresden und Basel, im Juli 2015
Johannes Rohbeck und Wolfgang Rother
ERSTER TEIL
SPANIEN
EINLEITUNG Das 18. Jahrhundert in Spanien Versuch einer Kontextualisierung José Luis Villacañas Berlanga
1. Die Kreisbewegung eines langen Jahrhunderts. – 2. Das Neue des 18. Jahrhunderts. – 3. Die Schwäche Philipps V. – 4. Kurzzeitiger Aufschwung unter Ferdinand VI. – 5. Karl III.: Zeit der Reflexion. – 6. Die Krise unter Karl IV. – 7. Schluss.
1. Die Kreisbewegung eines langen Jahrhunderts Dem spanischen 18. Jahrhundert kommt eine eigenartige, nahezu kreisförmige Geschlossenheit zu, begann und endete es doch auf gleiche Weise, nämlich mit einem Krieg. Dazwischen durchlitt Spanien die Nachwehen seiner hegemonialen Politik des 16. und 17. Jahrhunderts. Der sogenannte Erbfolgekrieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts führte den anderen europäischen Mächten nachdrücklich vor Augen, dass das spanische Volk zur politischen Selbstbestimmung kaum in der Lage war. Undenkbar schien es, dass Spanien einer ähnlichen Entwicklung fähig sein könnte wie die Vereinigten Niederlande im 17. Jahrhundert oder das englische Parlament nach der Glorious Revolution. Während niemand daran glaubte, dass sich Spanien mit seinen ausgedehnten Besitzungen in Übersee aus eigener Kraft werde regieren können, hätte es der Nationalstolz den Spaniern, wie Giambattista Vico so trefflich beobachtete, «niemals gestattet, Untertanen eines fremden Staates zu werden» (1953 [*3]). Weder Selbstbestimmung noch Selbstauflösung – dies ist die Formel, mit der man den eigentümlichen Status des spanischen Königreiches am Ende des 17. Jahrhunderts aus der Perspektive der Zeitgenossen charakterisieren könnte. Die stillschweigende Voraussetzung des Erbfolgekrieges bestand darin, dass Spanien sich mit der Dynastie einer kontinentaleuropäischen Macht würde verbinden müssen, sei es mit Österreich oder Frankreich. Dass es sich schließlich nicht Österreich, sondern Frankreich anschloss, lag an der Annahme der Kaiserwürde durch Erzherzog Karl (der schon 1705 in Barcelona zum spanischen König proklamiert worden war) – ein misslicher Vorgang zu einem Zeitpunkt, da niemand mehr eine Rückkehr zu jenen Verhältnissen wünschte, als der österreichische Kaiser zugleich König von Spanien gewesen war. Auch England wollte dieses Ungleichgewicht nicht befördern und zog sich mit dem Sonderfriedensschluss von Utrecht aus dem Krieg zurück. So konnte Ludwig XIV. seinen Enkel Philipp V. auf dem spanischen Thron installieren.
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Einleitung
Das Jahrhundert, das mit diesem Triumph Ludwigs XIV. begonnen hatte, endete mit dem revolutionären Aufbruch aus der absoluten Monarchie. Frankreich konnte sich nunmehr das Charisma der aufgeklärten Vernunft zunutze machen, um sein altes Streben nach Kontinentalherrschaft in sublimierter Form fortzusetzen und die englische Doktrin vom Gleichgewicht der Kräfte auf diese Weise zu konterkarieren (Dehio 1948 [*2]). Denn Napoleon hatte in Wirklichkeit keine andere Strategie als Ludwig XIV., und seine Idee eines Bündnisses monarchischer Staaten, die von den Mitgliedern seiner Familie regiert werden sollten, unterschied sich in nichts von dem Bündnisgedanken, der in Ludwigs Spanienpolitik zum Ausdruck gekommen war. In der napoleonischen Logik von 1808 wirkte im Gegenteil die Erinnerung an jene bourbonische Strategie von 1700 nach, und in einer Art Wiederholungszwang ließ man die alten Familienpakte – nunmehr im Zeichen der Bonapartes – wiederaufleben. Es fand kein neues Prinzip Eingang in die französische Diplomatie. Die Legitimität von Napoleons Vorgehen gegenüber Ferdinand VII. leitete sich letztlich aus jenem Präzedenzfall der Einsetzung eines Königs in die spanische Erbfolge durch Ludwig XIV. her. Wie zuvor die französischen, sollten nun auch die spanischen Bourbonen durch die Bonapartes ersetzt werden, freilich ohne dass Madrid dafür ähnlich traumatische Ereignisse hätte durchleben müssen wie Paris zwischen 1789 und 1793. Napoleon ahmte also mit der Erhebung seines Bruders Joseph zum König von Spanien Ludwig XIV. nach; und der sogenannte Unabhängigkeitskrieg, der das 19. Jahrhundert einläutete, nahm eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Erbfolgekrieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts an: Wiederum weigerte sich Spanien, als eigenständiger Staat von der Landkarte zu verschwinden, wiederum hatte es aber auch Probleme mit der staatlichen Selbstorganisation. Auch die internationale Konstellation war am Anfang wie am Ende des 18. Jahrhunderts eine ähnliche. Wie schon 1700 formierten sich auch 1808 angesichts des imperialen Anspruchs Frankreichs die englischen Interessen. So kam es zu einer massiven Unterstützung der spanischen Bourbonen durch England. Die englische Perspektive stellte hier vorbehaltlos die Tory-Ideologie, vertreten durch Sir Arthur Wellesley, 1st Duke of Wellington, der zweimal als Minister für diese Partei fungierte, in den Dienst der zentralen geostrategischen Interessen des Landes. Die paradoxe Folge war die, dass England, ohne sein außenpolitisches Prinzip des Mächtegleichgewichts gegenüber dem Beginn des Jahrhunderts geändert zu haben, nunmehr die Sache des seinerzeit bekämpften Hauses Bourbon verfocht, zumal es bald erkannte, dass der spanische Zweig dieser Dynastie nicht in der Lage war, die Herrschaft über die amerikanischen Kolonien aus eigener Kraft aufrechtzuerhalten. Die Whigs hatten wiederum ihre eigenen Vorstellungen von Spaniens Zukunft. Vermittler wie Henry Richard Vassall-Fox, 3rd Baron Holland, die im Kontakt mit aufgeklärten Patrioten wie Gaspar Melchor de Jovellanos standen, setzten ihre Hoffnung darauf, dass ein Spanien mit parlamentarischem Zweikammersystem, kleiner regierender Adelsschicht nach Art der englischen Gentry und konstitutioneller Monarchie nach englischem Vorbild ein treuer Verbündeter ihres Landes werden könne. Doch dieser Traum erwies sich rasch als Illusion. Das spanische 19. Jahrhundert endete im politischen Chaos, in
Das 18. Jahrhundert in Spanien. Versuch einer Kontextualisierung
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dem die Bürgerkriege zwischen Karlisten und Liberalen – einer Wiederkehr des Verdrängten gleich – ein historisches Bild heraufbeschworen, dessen letzter Hori zont der Erbfolgekrieg von 1700 war. 2. Das Neue des 18. Jahrhunderts Mit der Erinnerung an den Auftakt und Schlussakkord des 18. Jahrhunderts ist zunächst der Blick auf die repetitiven Züge der krisenhaften Entwicklung Spaniens gelenkt. Zwischen Anfang und Ende des Jahrhunderts aber zeigen sich zugleich die Grenzen geschichtlicher Wiederholungen; und es ist das kulturelle, politische und philosophische Neue dieser Zeit, dem unser eigentliches Interesse gehört. Dieses Neue bedingte beispielsweise, dass das spanische Volk den internationalen Krieg, der 1808 auf seinem Boden stattfand, nicht passiv hinnahm, sondern ihn als eine nationale Auseinandersetzung begriff. Zweifellos ist es der Entwicklung des 18. Jahrhunderts zu verdanken, dass wenige Jahre darauf das Konzept einer verfassunggebenden Versammlung, so wie sie sich in den Cortes von Cádiz manifestierte (1810–1813), aufkam und das Volk sich vereint den Franzosen entgegenstellte. Obgleich diese beiden Erscheinungen – Cortes und Guerillas – weder deckungsgleich noch auch nur konvergent waren und zuletzt auch keinen übergreifenden Konsens herbeizuführen vermochten, werfen sie doch ein Schlaglicht auf eine historische Realität, wie sie im Jahr 1700 nicht erkennbar, ja noch nicht einmal vorstellbar gewesen war, mithin erst im Fortgang des 18. Jahrhunderts geformt wurde. Hierin liegt die besondere Bedeutung dieser Epoche. Wenngleich nur schwach im europäischen Vergleich, so begann in diesem Zeitraum doch ein kultureller und soziopolitischer Reformprozess, den der vorliegende Band detailliert dokumentiert. Auf ihre Weise und in vielleicht etwas gemächlicherem Tempo als andernorts gerieten auch in Spanien die Verhältnisse in Bewegung und nahmen eine Entwicklung, die in ihrer Besonderheit gegenüber den Vorgängen in anderen europäischen Ländern zu würdigen ist. Zweifellos war Spanien im Jahr 1700 weder mit Frankreich vergleichbar, das zu jener Zeit ein politisch souveräner, absoluter Staat mit ungeheurer Homogenisierungskraft war, noch mit Großbritannien, das eine wirksame Vertretung gegensätzlicher Interessen in einem nationalen Parlament aufzuweisen hatte, und auch nicht mit Schottland, Paris oder der Achse Berlin–Königsberg, wo sich das intellektuelle Potential zur Deutung des zivilisatorischen Fortschritts und seiner Normativität konzentrierte. Gleichwohl war die spanische Nation nicht weniger als jede andere historische Realität von jenen gleichsam im Verborgenen wachsenden Keimen einer identitätsstiftenden Lebenswirklichkeit durchzogen. Wie andere Gesellschaften brachte sie reflektierte Eliten hervor, die Diagnosen und normative Überlegungen anzubieten imstande waren. Dies gilt im Übrigen schon für die Zeit vor 1700, d.h. die Zeit der spanischen Habsburger. Tatsächlich bedeutete ja der Dynastiewechsel keinen durchgängigen Bruch mit dem Vorausgegangenen. Sofern es überhaupt ein charakteristisches Merkmal der Jahrzehnte vor 1700 gab, die bereits von demselben politischen Kräfteverhältnis
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Einleitung
bestimmt waren wie der Erbfolgekrieg, dann war es das Festhalten am Status quo unter Karl II., einem unter dem Gesichtspunkt eines souveränen Herrschers gewiss unfähigen König, der sich aber bei den Spaniern, vielleicht des stabilisierenden Effektes dieser Unfähigkeit wegen, großer Beliebtheit erfreute. Im Grunde wollte niemand diesen schon nicht mehr hegemonialen spanischen Staatskörper missen, der nach außen hin einen Schutzschirm, nach innen seinen konstitutiven Bestandteilen genügend Handlungsspielraum bot. Auch die europäischen Mächte Frankreich, Großbritannien, Holland und Österreich blickten nicht ohne Wohlwollen auf dieses gewaltige und zugleich relativ machtlose Territorium. Nirgends zeigte sich das nationale wie internationale Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo deutlicher als in dem Bündnis, das Holland, Großbritannien und Spanien in der Auseinandersetzung um Messina gegen Frankreich eingegangen waren, als in dieser Stadt eine eher unzeitgemäße – und geradezu unschlüssige – Rebellion gegen die spanische Herrschaft ausbrach (1674–1678), die bezeichnender weise keinerlei Nachahmer fand. Weder Barcelona noch Neapel, weder Palermo noch Mexiko ergriffen die günstige Gelegenheit, eine nunmehr nominelle Herrschaft abzuschütteln. Solange der Istzustand gewahrt blieb, hatte man gegen die vielgescholtene spanische Trägheit innen- wie außenpolitisch nichts einzuwenden. Diese politische Unbeweglichkeit erlaubte es den Spaniern, sich auf ihre soziale Realität zu konzentrieren. Vor allem die Randregionen des Landes begannen aufzublühen, wo durch Schmuggel und den atlantischen Seehandel neue Städte entstanden. Auch die Landwirtschaft erlebte überall dort einen Aufschwung, wo die Erbpacht eine angemessene Bewirtschaftung des Landes zuließ. Größere Städte wie Barcelona, Valencia, Sevilla, La Coruña oder Cádiz entfalteten ein autonomes Leben. Noch vor Ende des 17. Jahrhunderts traten dort die «Novatores» auf, Vertreter einer breiten und weitverzweigten Erneuerungsbewegung unter Führung von Männern wie Tomás Vicente Tosca und Juan Caramuel y Lobkowitz (Velarde 1983 [*12]). Sie knüpften an kulturelle Strömungen an, die in der Habsburgerzeit in den Untergrund verbannt waren, und nahmen alles auf, was der jesuitischen Wissensproduktion fernstand, wozu die empirische Medizin und die Mathematik ebenso wie eine entsprechend stärker materialistisch und skeptizistisch ausgerichtete Philosophie gehörten. Zur Medizin sei auf den bekanntesten Autor, Martín Martínez, und seine Schriften verwiesen: ‹Medicina escéptica y cirugía moderna› (1722–1725), ‹Anatomía completa del hombre› (1728), ‹Philosophia Sceptica: extracto de la physica antiqua, y moderna, recopilada en diálogos, entre un Aristotelico, Cartesiano, Gasendista, y Sceptico, para instrucción de la curiosidad española› (1730). Im dritten Kapitel des vorliegenden Bandes (Eklektizismus und Naturwissenschaften) werden auch andere Gelehrte behandelt, wie Antonio José Rodríguez, den vielleicht fortschrittlichsten Physiker seiner Zeit, der Aristoteles und der Theologie am kritischsten gegenüberstand. Wie das Werk Juan de Cabriadas oder die Arbeit der Sociedad Sevillana de Medicina belegen, widmeten sich die «Novatores» der Ausbildung von Ärzten wie auch anderer empirischer Wissenschaftler. Sie repräsentierten eine Gesellschaft, die aus den adligen Gelehrtenkreisen und literarischen Zirkeln des Spätbarock heraustrat und sich anschickte, einen spezialisierten Fächerkanon auszubilden.