Beiträge zur Kleinepik 2/1 Katharina Philipowski und Franziska Wenzel ( Hg.)
Beiträge zur Kleinepik 2
BKE 2/1
KATHARINA PHILIPOWSKI FRANZISKA WENZEL ( HG.)
Die Forschung zur Versnovellistik ist mit der 6-bändigen Ausgabe »Die Deutsche Versnovellistik des 13.–15. Jahrhunderts« (2020 ff.) in eine neue Phase getreten. Einige der dort edierten Versnovellen für ein studentisches und außerakademisches Publikum zugänglicher zu machen, ist Ziel dieser Ausgabe. Dazu wurden die Editionstexte gegenüber der handschriftennahen Edition der DVN teils angeglichen, um die Lesbarkeit zu erhöhen. Die Übersetzungen regen an zum Austausch über Übersetzungsmöglichkeiten und über die Deutungen, die jeder Übersetzung zugrunde liegen. So machen die Autor*innen bewusst ein breites Spektrum an Übersetzungsmöglichkeiten sichtbar: neben der zeilengenauen auch die Prosa- und die Reimübersetzung. Der Kommentar stellt gattungs- und motivgeschichtliches sowie (kultur-)historisches Hintergrundwissen bereit.
Novellistik des 13.–15. Jahrhunderts
Novellistik des 13.–15. Jahrhunderts
www.schwabeverlag.de
I S B N 978-3-7574-0123-8
9
783757 401238
Textauswahl, Übersetzung und Kommentar. Teilband 1
PHILIPOWSKI WENZEL ( H G .)
KATHARINA PHILIPOWSKI ist seit 2018 Professorin für Germanistische Mediävistik an der Universität Potsdam. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der historischen Erzähl- und Allegorieforschung. FRANZISKA WENZEL ist Professorin für Ältere deutsche Literatur an der Goethe-Universität Frankfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die deutsche Literatur des Hoch- und Spätmittelalters, die historische Text- und Überlieferungsgeschichte, Intermedialitätsfragen und die historische Narratologie.
Novellistik des 13.–15. Jahrhunderts
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 1 | 10.08.2026
Beiträge zur Kleinepik
Herausgegeben von Katharina Philipowski und Franziska Wenzel
Band 2.1
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 2 | 10.08.2026
Katharina Philipowski, Franziska Wenzel (Hg.) Unter Mitarbeit von Natalie Mlynarski-Jung
Novellistik des 13.–15. Jahrhunderts Textauswahl, Übersetzung und Kommentar. Teilband 1
Schwabe Verlag
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 3 | 10.08.2026
Wir danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Georg und Franziska Speyer’schen Hochschulstiftung Frankfurt für die großzügige finanzielle Unterstützung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Der Verlag behält sich das Text- und Data-Mining nach § 44b UrhG vor. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Korrektorat: Sebastian Zellner, Berlin Gestaltungskonzept: icona basel gmbH, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, Stroh Designagentur, Oldenburg Layout und Satz: Daniela Weiland, textformart, Göttingen Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza Printed in Germany Herstellerinformation: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7574-0123-8 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0124-5 DOI 10.31267/978-3-7574-0124-5 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabeverlag.de www.schwabeverlag.de
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 4 | 10.08.2026
Inhalt
Einleitung [Katharina Philipowski / Franziska Wenzel]
7
I. Geld und Handel Der arme Konrad: Frau Metze [Sarina Tschachtli]
21
Ruprecht von Würzburg: Die Treueprobe [Katharina Philipowski / Franziska Wenzel]
45
Der Bergmann [Christina Lechtermann]
85
Schampiflor [Margit Dahm]
117
II. Gruppendynamiken und peer-pressure Meier Betz [Horst Brunner]
143
Der Freudenleere: Der Wiener Meerfahrt [Norbert Kössinger]
161
Der Wirt [Astrid Lembke / Stephan Müller]
193
Bruder Rausch [Tobias Bulang / Natalie Mlynarski-Jung]
221
III. Herrschaft und Hierarchie Die treue Magd [Dorothea Klein]
253
Volrat: Die alte Mutter [Florian Kragl]
277
Alexander und Anteloie [Justin Vollmann]
305
Sibote: Frauenerziehung [Elisabeth Schmid]
325
Bestraftes Misstrauen [Dorothea Klein]
365
Heinrich von Pforzen: Der Pfaffe in der Reuse [Mareike von Müller]
385
Augustijn: Der Herzog von Braunschweig [Horst Brunner]
409
Der Herr mit den vier Frauen [Manuel Braun]
451
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 5 | 10.08.2026
6
Inhalt
IV. Begehren, Trieb und Liebe Ruschart: Der Minne Klaffer [Silvan Wagner]
479
Der Striegel [Anna Kathrin Bleuler]
509
Frauenlist [Claudia Lauer]
531
Die Nachtigall A [Jutta Eming]
565
Tor Hunor [Elke Koch]
579
Der unentwegte Liebhaber [Mirna Kjorveziroska / Ludger Lieb]
595
Die zwei Maler [Henrike Manuwald]
623
Des Hundes Not [Hans Jürgen Scheuer]
651
V. Glaube Thomas von Kandelberg [Nina Nowakowski]
671
Der arme Ritter [Elke Koch]
687
Jüdin und Priester [Cornelia Herberichs / Hans-Jochen Schiewer]
715
Siegfried der Dorfer: Frauentrost [Nina Nowakowski]
735
Unser Frauen Ritter [Beatrice Trînca]
761
Der Ritter und der Teufel [Andreas Hammer]
777
Abkürzungsverzeichnis
803
Abgekürzt zitierte Literatur und Periodika
805
Verzeichnis der Beiträgerinnen und Beiträger
811
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 6 | 10.08.2026
Einleitung
Mit den bisher erschienenen fünf Bänden der ›Deutschen Versnovellistik des 13.–15. Jahrhunderts‹ (= DVN), eines durch die DFG geförderten Langfristvorhabens unter Beteiligung von Paul Sappler, Klaus Ridder, Hans-Joachim Ziegeler und Sebastian Coxon, ist seit 2020 eines der zentralen Ziele der Märenforschung erreicht. Es besteht darin, eine (auch Redaktionen und Fassungen berücksichtigende) Edition von Versnovellen1 vorzulegen, die – dem Anspruch auf Überlieferungsnähe verpflichtet – die Beschränkung auf »Mären im engeren Sinn«2 (für die die Überlieferung keine Rechtfertigung bietet) aufgibt und den Rahmen des zu berücksichtigenden Materials weiter steckt. Mit der Formulierung dieses Ziels leistet die Edition – gewissermaßen implizit – auch einen Beitrag zur Gattungsdiskussion, die die Märenforschung und entsprechende Editionsbemühungen in diesem Feld von Anbeginn an begleitet hat. Seit der erste Herausgeber von Mären, Friedrich Heinrich von der Hagen, in seiner Edition ›Gesammtabenteuer‹,3 die 1850 abgeschlossen wurde, etwas mehr als 100 Texte veröffentlichte, ist die Diskussion darüber, welche Texte als Mären verstanden werden sollten und in eine Märenedition aufzunehmen sind und welche nicht, nicht mehr zum Erliegen gekommen. Für kaum eine andere Gattung ist diese Frage aber schwerer zu beantworten, weil zahlreiche kleinepische Texttypen (wie Fabeln, Schwänke, Mirakel- und Teufelserzählungen oder Exempel) nicht nur viele Merkmale mit Mären im engeren Sinne teilen, sondern darüber hinaus oft in den gleichen Handschriften überliefert sind wie diese, ohne dass eine den modernen Texttypenbegriffen entsprechende Gruppenbildung in ihrer Anordnung erkennbar wäre oder sich aus ihnen ableiten ließe. Friedrich Heinrich von der Hagens ›Gesammtabenteuer‹ ist 1937 von Heinrich Niewöhner durch sein ›Neues Gesamtabenteuer‹4 überarbeitet worden, das »aus sachlichen und anderen Gründen« einen Teil der Erzählungen ausschließt. Das sind bereits andernorts edierte Erzählungen oder in größere Werke eingebundene »Novellen«, »kleine Romane«, »Marien- und Heiligenlegenden«, einige »Bispel[n]« sowie »Personifikations- und Allegoriegedichte«.5 Es sollen v. a. »Mären und Schwänke«6 berücksichtigt werden sowie einige Bîspeln, um der Gattung eine klarere Kontur zu verleihen. An dieser Kontur
1 Die in der Forschung gebräuchliche Gleichsetzung der Begriffe ›Märe‹ und ›Versnovelle‹ wird hier stillschweigend beibehalten, auch wenn wir durch die Ausweitung des Materials dem Begriff der ›Versnovelle‹ vor dem mit Fischer eher enger gesteckten Gattungsbegriff ›Märe‹ den Vorrang geben möchten. 2 Fischer 1968, 8. 3 Von der Hagen 1850/1961. 4 Niewöhner 1937 [21967]. 5 Niewöhner 1937 [21967], VI . 6 Ebd., VII .
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 7 | 10.08.2026
8
Einleitung
wurde insbesondere durch Definitionsbemühungen von Hanns Fischer weitergearbeitet, der 1968 seine fortan maßgeblichen ›Studien zur deutschen Märendichtung‹7 vorlegte, ein Korpus von 220 Mären und 44 sogenannten ›Grenzfällen‹8 zusammenstellte und sich auch editorisch um die Märenforschung verdient machte, einerseits durch Sammeleditionen wie ›Die schönsten Schwankerzählungen des deutschen Mittelalters‹ (Fischer 1967) oder die Edition einer ›Schweizer Kleinepiksammlung aus dem 15. Jahrhundert‹ (Fischer 1965). Überdies veröffentlichte Fischer Autorsammlungen, etwa mit Texten vom Stricker, Hans Folz und Herrand von Wildonie.9 Fischers Ziel im Rahmen seiner Vermessung des Feldes kleinepischen Erzählens war es, durch Abgrenzungen unter anderem von Redeszenen und Vorgängen10 ein »sicheres Fundament«11 zu schaffen, »auf dem alle weiteren Ansätze zu einer Wesensanalyse und Wesensbeschreibung der Gattung aufbauen könnten«.12 Diese Einteilung wurde 1985 durch HansJoachim Ziegeler revidiert, der mit seiner wegweisenden Studie zum ›Erzählen im Spätmittelalter‹, in der er Mären im Kontext von Minnereden, Bîspeln und Romanen neu verortete, einen Vorschlag zu einer zeitgemäßen Klassifikation des kleinepischen Erzählens vorlegte. Ziegeler modifizierte Fischers Abgrenzung durch eine Gegenüberstellung von Erzählformen, nämlich der Ich-Erzählhaltung und der auktorialen Erzählhaltung: »Unter den aufgeführten Bedingungen ist die von FISCHER vorgeschlagene Merkmalopposition ›Erörterung‹ bzw. ›Lehre‹ vs. ›Vorgang‹ im Bereich von Rede und Erzählung daher zu ändern und für die erzählenden Minnereden und die 219 Mären präziser zu formulieren als eine Opposition von Ich-Erzählhaltung vs. auktorialer Erzählhaltung im Bereich der Erzählungen.«13
7 Fischer 1968/1983. 8 Fischer 1968, 72–77. Fischer kommentiert die Bedeutung dieser Grenzfälle folgendermaßen: »Dies also sind
die 219 Denkmäler, die ich im eigentlichen und strengen Sinne als Mären ansehe. Um diesen Kernbestand herum lagert sich nun aber – wir sind darauf durch die Erörterung der Märe-Bispel-Grenze und durch die allgemeine Beobachtung enger morphologischer Verflechtung innerhalb der Familie der Reimpaar-Kleindichtung schon vorbereitet – ein nach den verschiedenen Seiten, d. h. nach den verschiedenen Nachbargenera hin, unterschiedlich breiter Gürtel von ›Grenzfällen‹, die zwar im ganzen mehr oder weniger den Habitus des Märes zeigen, aber doch der einen oder anderen seiner Gattungsbedingungen nicht völlig genügen. Diese Grenzzone müssen wir im folgenden noch etwas genauer examinieren und auf ihren Textbestand hin untersuchen, und zwar aus zwei Gründen: einmal um die prinzipiell wichtige Tatsache zu unterstreichen, daß das Märe von seinen nächsten Verwandten nicht durch eine Grenzlinie sondern durch einen Grenzsaum geschieden ist, was vielleicht ein Licht auf bisher noch ungeklärte genetische Zusammenhänge wirft, und zum andern, um die Möglichkeit zu schaffen, künftig – wenn dies einmal notwendig oder wünschenswert erscheint – vom engeren Kreis der Mären auf den weiteren der ›Märenartigen‹ auszugreifen.« Fischer 1968, 72. 9 Fischer 1960 und 1967; Fischer 1961; Fischer 1959. 10 »Wo es im wesentlichen um die dialektische Entwicklung einer Lehre oder gedanklichen Erkenntnis geht, werden wir von ›Redeszenen‹ sprechen müssen, selbst wenn das Gespräch wie so oft bei Minnereden in epischer Einkleidung dargeboten wird. Poetisierte Gespräche jedoch, in denen dieser gedankliche Gehalt fehlt und statt dessen ein äußerer oder innerer, wenn auch geringfügiger Vorgang Gestalt gewinnt, werden wir als ›Erzählszenen‹ auffassen dürfen.« Fischer 1968, 35. 11 Fischer 1968, 27. 12 Ebd. 13 Ziegeler 1985, 94.
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 8 | 10.08.2026
9
Einleitung
Die 2020 veröffentlichte Ausgabe der DVN (deren sechster Band, in dem die Editionsprinzipien dargelegt werden, derzeit noch aussteht) ist eine zeitgemäße Antwort auf die alte Frage, wie sich das Märe als Texttypus beschreiben lässt und welche Texte auf welche Weise in eine Märenedition aufzunehmen sind: Sie nimmt Bezug auf die beiden von Friedrich Heinrich von der Hagen und Heinrich Niewöhner besorgten Ausgaben, insofern alle Mären berücksichtigt sind, die Niewöhner auch in das ›Neue Gesamtabenteuer‹ übernommen oder dafür vorgesehen hatte. Doch über dieses Korpus geht die neue Ausgabe noch deutlich hinaus: Sie berücksichtigt zusätzliche Texte und kommt so auf eine Gesamtzahl von 175 Texten. Diese zusätzlichen Texte entnimmt sie den 28 Handschriften, die die älteste Überlieferung jener 113 Texte darstellen, die für das ›Neue Gesamtabenteuer‹ vorgesehen waren. Die Texte dieser 28 Handschriften, die Fischer entweder als Grenzfälle bezeichnet oder sogar anderen Gattungen zugewiesen hatte (wie Teufelserzählungen oder Mirakel) werden in die DVN aufgenommen. Um Redundanz zu vermeiden, sind dafür solche Texte nicht berücksichtigt worden, die bereits andernorts editorisch in befriedigender Form erschlossen sind, etwa in autorspezifischen Editionen wie z. B. jener zum Stricker, zu Heinrich Kaufringer, zu Konrad von Würzburg oder Herrand von Wildonie.14 Neben der handschriftennahen Edition und einer Übersetzung ins Englische in Band fünf erschließt die neue Ausgabe die edierten Texte auf mehreren Ebenen. So findet sich für jeden Text ein Apparat, der zum einen Überlieferungsvarianten und Besonderheiten dokumentiert und zum anderen Übersetzungshilfen anbietet sowie auf sprachhistorische und grammatikalische Besonderheiten hinweist. Am Ende eines jeden Editionstextes schließt sich ein vierteiliger Kommentar an, der 1. die Überlieferung charakterisiert bzw. hinsichtlich ihrer Besonderheiten wie Überlieferungsgemeinschaften, Überlieferungszweigen, Fassungsbildungen etc. erschließt, 2. alle vorliegenden Editionen erfasst und außerdem eine Einordnung der Entstehungssituation, also (mutmaßliche) Entstehungszeit und Entstehungsort eines jeden Textes vornimmt und der 3. knapp auf Stofftradition und Deutungsprobleme eingeht. Den Teilen des Kommentars wird unterschiedlich viel Raum gegeben, Deutungsprobleme werden eher im Ansatz vorgestellt und können aufgrund der notwendigen Beschränkungen und Schwerpunktsetzungen der Edition nur in Ausnahmefällen eingehende Bezüge zu anderen Texten oder Gattungen herstellen. Eine Literaturliste verzeichnet 4. Forschungsbeiträge, die sich mit dem jeweiligen Text auseinandersetzen. Die überlieferungsnahe DVN-Edition bildet den Ausgangspunkt unserer zweibändigen Publikation, in deren Rahmen mehr als fünfzig ausgewiesene germanistische Mediävistinnen und Mediävisten 65 ausgewählte Texte aus der Edition der DVN durch eine Übersetzung und einen analytisch weitreichenden Kommentar erarbeiten, wobei jede Bearbeiterin und jeder Bearbeiter bei der Abfassung entsprechend dem jeweiligen Text eigene thematische, texttypspezifische, textstrukturelle, motivgeschichtliche oder poetologische Schwerpunkte setzt. Die Anthologie verfolgt mit ihrer Übersetzung und ihrem Stellenkommentar völlig andere Ziele als die DVN und spricht ein anderes Publikum an.
14 Rosenhagen 1934, Niewöhner 1953 f., Mettke 1959, Moelleken 1973–78, Ehrismann 1992, Sappler 1972–74,
Fischer 1959, Habermehl 2015, Miklautsch 2016; vgl. auch Anm. 6.
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 9 | 10.08.2026
10
Einleitung
Textauswahl Auswahlkriterien für die übersetzten und kommentierten Texte waren für uns als Herausgeberinnen zunächst Vollständigkeit und Umfang. Ausgeschlossen wurden zumeist Texte, die kürzer als 200 Verse sind und solche, die hinsichtlich ihres Textbestandes fragmentiert sind. Außerdem sollte das Kriterium der Narrativität erfüllt sein: Texte, die sich aufgrund ihrer dominierenden Diskursivität eher als Reden präsentieren, wurden nicht berücksichtigt mit Ausnahme des Grenzfalles der Liebeswerbung (548 Verse), die Züge einer Minnerede hat und auch im ›Minnereden-Handbuch‹15 unter B244 aufgenommen und in der Auswahledition ›Minnereden‹16 ediert und kommentiert ist (allerdings ohne Übersetzung und ohne ausführlichen motivgeschichtlichen oder gattungstheoretischen Kommentar). Die Liebeswerbung wurde bewusst aufgenommen, um den Texttypus der Minnerede für Leserinnen und Leser der Übersetzungen sichtbar zu machen und um ihnen einen Eindruck davon zu geben, wodurch die Minnerede jenen Texten verwandt ist, die als Mären bzw. Versnovellen bezeichnet werden. Keine Aufnahme haben solche Texte gefunden, die bereits andernorts übersetzt worden sind (wie Kobold und Eisbär, bereits übersetzt bei Grubmüller,17 und die Heidin III,18 die allerdings auch aufgrund ihres Umfangs kaum in das geplante Projekt hätte aufgenommen werden können). Wo eine Entscheidung zwischen verschiedenen Redaktionen getroffen werden musste, waren mehrere Kriterien zu berücksichtigen: Neben Vollständigkeit und Umfang auch die Frage, wie stark einzelne Redaktionen bereits editorisch erschlossen sind und ob hier gegebenenfalls eine Lücke zu schließen ist. Hier wurde fallweise und in Absprache mit der Bearbeiterin bzw. dem Bearbeiter entschieden. Gleiches gilt in den Fällen, in denen verschiedene Fassungen (jeweils mit eigener Zählung in der Edition der DVN) eines Textes vorliegen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Für Mönch Felix stellt sich die Überlieferung folgendermaßen dar: 17 28 28a 69
Der Zweifler (Mönch Felix III) (178 Verse) Mönch Felix I (382 Verse) Mönch Felix (Roth) (105 Verse) Mönch Felix II (Bruchstück, 41 Verse)
Hier fiel die Auswahl auf Nr. 28, Mönch Felix I mit 382 Versen, weil diese Fassung nicht nur vollständig und die längste ist, sondern auch unter dem Aspekt der erzählerischen Ausgestaltung ergiebiger ist als Der Zweifler, über den sein Kommentator in der DVN, Matthias Kirchhoff, schreibt: »Der stark lehrhaft argumentierende ›Zweifler‹ berichtet wesentlich knapper und verzichtet fast völlig auf eine erzählerische Ausgestaltung, etwa der Begebenheiten nach der Entrückung des Mönchs.« (DVN Bd. 1/1, Nr. 17, 70) Mit ähnlicher Begründung ist die Auswahl zwischen Studentenabenteuer A und B zugunsten 15 Hb. Minnereden, 363–365. 16 Minnereden, Nr. 38, 329–350. 17 Grubmüller 1996. 18 Felder 2023.
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 10 | 10.08.2026
11
Einleitung
von Studentenabenteuer B gefallen: Nur hier wird die Thematik des imaginierten und inszenierten Alps ausführlich entwickelt.19 Im Falle des Württemberger überliefern sowohl die Leithandschrift w mit 436, m7 mit 433 Versen, der längste Text m mit 713 Versen sowie k mit 633 Versen einen (jeweils an den anderen Redaktionen bemessen) lückenhaften Text, so dass in solchen Fällen Einzelfallentscheidungen von der Bearbeiterin bzw. dem Bearbeiter getroffen wurden. Gleiches gilt beispielsweise auch für die Bauern hochzeit (die Leithandschrift I hat 680 Verse und p1 hat 417 Verse; hier fiel die Entscheidung zugunsten des Meir Betz, dem noch nicht edierten Text von p1) und auch für den Rosendorn (K1 mit 254 Verse und d mit 273 Versen; hier fiel die Entscheidung zugunsten von d, wobei die Spaziergangseinleitung aus K1 übernommen ist). Bei der Auswahl der Bearbeiterinnen und Bearbeiter haben wir uns an der Frage orientiert, welche thematische, fachliche oder methodische Expertise sie bei ihrer philologischen Arbeit und der Kommentierung, aber auch welchen Stil sie bei der Übersetzung jeweils einbringen könnten. Wir haben uns bewusst darum bemüht, Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Karrierestufen, von der Postdoc-Phase bis zum Ruhestand, einzubeziehen, denn es ist uns ein Anliegen, verschiedene philologische Arbeitsweisen und Schwerpunktsetzungen hinsichtlich Edition, Übersetzung und Kommentierung für Leserinnen und Leser sichtbar zu machen. Wir hoffen, dass diese Entscheidung den Reiz dieser Publikation zusätzlich erhöhen wird und im besten Fall den Facettenreichtum und die Vielfältigkeit der Germanistischen Mediävistik erfahrbar machen kann.
Ziele Der Untertitel ›Textauswahl, Übersetzung und Kommentar‹ bezeichnet die drei Ziele, denen wir uns verpflichtet sehen: Die Versnovellen editorisch so aufzubereiten, dass sie für Studierende in den ersten Semestern zugänglicher sind und auch für alle, die entweder kein Mittelhochdeutsch lesen können oder sich damit noch schwertun. Unsere Ausgabe soll ihnen die für ein adäquates Verständnis unerlässlichen gattungstypologischen, (kultur)historischen, literarhistorischen, narratologischen, poetologischen und religionsgeschichtlichen Hintergrundinformationen zur Verfügung stellen. Unser Anliegen hinsichtlich der Edition ist es zudem, Studierende dabei zu unterstützen, mittelhochdeutsche Texte zu lesen und sich nicht allein auf Übersetzungen zu verlassen. Es wurde deshalb eine behutsame Normalisierung der Editionstexte angeregt, um den Studierenden den Zugang zu den in der DVN (die Grundlage der Bearbeitung war) überlieferungsnah edierten mittelhochdeutschen Texten zu erleichtern, insbesondere unter Benutzung des Mittelhochdeutschen Wörterbuches. Zudem erleichtern zurückhaltende Normalisierungen in einigen der Editionstexte den Nachvollzug von Übersetzungsverfahren, was Studierende wiederum ermutigen kann, über die von den jeweiligen Bearbeiterinnen und Bearbeitern vorgeschlagene Übersetzungen im akademischen Unterricht ins Gespräch zu kommen. Unserer Auffassung nach sind die im Folgenden dargelegten Anpassungen, die wir den Bearbeiterinnen und Bearbeitern für den Editions-
19 Außerdem bezieht sich der Forschungsbeitrag, den die Bearbeiterin der Versnovelle, Judith Klinger, geschrie-
ben hat, auf die Fassung B (Klinger 2024).
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 11 | 10.08.2026
12
Einleitung
text vorgeschlagen haben, geeignete Mittel dazu, wenn auch selbstverständlich nicht für jeden einzelnen Text, denn die Texte sind in unterschiedlichen Handschriften überliefert. Manche Schreiber verleihen ihren Texten eine stärkere mundartliche Prägung, andere weniger. Außerdem ist eine Versnovelle des 13. Jahrhunderts editorisch naheliegenderweise anders zu behandeln als eine aus dem 15. Jahrhundert. Besondere editorische Behandlung erfordern auch im Druck überlieferte Texte wie der Bruder Rausch oder der Ritter Gottfried. Ein einheitliches editorisches Vorgehen, das allen Versnovellen und den editionsphilologischen Überzeugungen aller mitwirkender Bearbeiterinnen und Bearbeiter gerecht wird, war damit ausgeschlossen und wir haben uns dafür entschieden, allen Bearbeiterinnen und Bearbeitern behutsame Angleichungen von Varianten vorzuschlagen, aber ihre editorischen Entscheidungen (die wir sie jeweils zu begründen baten) zu respektieren. Diese Entscheidung ist nicht unkontrovers, denn sie werde, so eine Befürchtung innerhalb des Kreises unserer Bearbeiterinnen und Bearbeiter, zu einem uneinheitlichen und heterogenen Erscheinungsbild der Edition führen. Dieser Kritik ist aus unserer Sicht entgegenzuhalten, dass keine Edition, die Texte des 13. bis 15. Jahrhundert umfasst, allen Texten ein einheitliches Erscheinungsbild verleihen kann, was auch für die DVN gilt. Um mit dem Wort ›König‹ ein beliebiges Beispiel herauszugreifen: Leserinnen und Lesern der Versnovelle Der König im Bad kann dieses Wort in folgenden Varianten begegnen: – – – –
künig oder küng (König im Bad w) künnick oder kunig (König im Bad k) kunege oder kunige (König im Bad H) kvnic (König im Bad M9)
Diese Unterschiede liegen in der Natur einer handschriftennahen Edition und erklären sich durch die unterschiedlichen Schreibungen in den jeweiligen Handschriften. Ein uneinheitliches Erscheinungsbild begegnet auch in Klaus Grubmüllers Anthologie ›Novellistik des deutschen Mittelalters‹. Auch dort stammen die präsentierten Texte aus unterschiedlichen Jahrhunderten, unterschiedlichen Handschriften, aber auch aus verschiedenen Editionen (so dass Texte z. B. mit und ohne Zirkumflexe zu finden sind). Zudem wurden Texte in dieser Ausgabe auch erstmals durch den Herausgeber ediert, etwa im Falle des Ritter Beringer. Alle editorischen Entscheidungen sind im Einzelnen gut begründet. Für die Nutzerinnen und Nutzer ergibt sich dennoch der Eindruck der Uneinheitlichkeit. Sie geht auf die Entstehungszeit der Texte und ihre Überlieferung zurück. Es ließe sich zwar einwenden, dass unsere Ausgabe diese Heterogenität noch durch voneinander abweichende editorische Entscheidungen erhöht. Allerdings schiene es uns unverhältnismäßig, einerseits die (beispielsweise einer spezifischen Mundart geschuldeten) Entscheidungen von Schreibern zugunsten spezifischer Schreibarten für unumstößlich zu halten, erfahrene Kolleginnen und Kollegen aber andererseits auf editorische Standards zu verpflichten, die womöglich ihren eigenen philologischen Überzeugungen widersprechen. Wer die Argumente für diese unterschiedlichen philologischen Überzeugungen kennt, wird, so hoffen wir, keinen Anstoß daran nehmen, dass die Texte innerhalb unserer Ausgabe insgesamt nicht einheitlich präsentiert werden können. Denn die Unterschiedlichkeit der edierten Texte bildet nicht nur die Heterogenität der mittelalterlichen Überlieferung ab (worauf etwa die DVN ihren Schwerpunkt legt), sondern auch die unterschiedlichen philologischen Zugänge zu ihr. Diese für Studierende sichtbar und nachvollziehbar zu machen, scheint uns
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 12 | 10.08.2026
13
Einleitung
im Sinne philologischer Kompetenzvermittlung sinnvoll. Wir möchten erkennbar werden lassen, dass in die philologische Praxis mehrere Aspekte einfließen. Die Überlieferung ist einer davon, die editorischen Entscheidungen, die ihr Rechnung tragen, ein anderer.
Rahmenbedingungen, Strukturvorgaben, Terminologie und editorische Empfehlungen Auf einem Workshop in Frankfurt a. M. wurden 2023 gemeinsam mit den Bearbeiterinnen und Bearbeitern editorische Empfehlungen und Rahmenbedingungen erarbeitet und terminologische sowie Fragen zur Strukturierung geklärt. Es wurde intensiv darüber diskutiert, wie verbindlich diese Empfehlungen sein sollten, welche Ziele mit dem Vorhaben verfolgt, welche Zielgruppen angesprochen werden sollen und in welcher Beziehung das Projekt zur DVN stehen soll: wie handschriftennah auch diese Leseausgabe werden oder ob sie sogar prinzipiell den Editionstext der DVN unangetastet übernehmen sollte. Rahmenbedingungen
Übereinstimmung bestand darin, dass eine Studien- und Leseausgabe herzustellen ist, die im akademischen Unterricht, aber auch darüber hinaus Verwendung finden kann. Es ist davon auszugehen, dass die Nutzerinnen und Nutzer die Versnovellen auch (oder vorrangig) einzeln rezipieren, so dass die Studienausgabe auch ohne Konsultation der DVN-Edition benutzbar sein sollte. Die DVN wird als Referenzedition für den fachwissenschaftlichen Austausch in keiner Weise in Frage gestellt. Im Bereich der neuhochdeutschen Übersetzung von Versnovellen ist bereits viel geleistet worden. Zu nennen sind hier u. a. eine Märenauswahl mit dem Titel ›Maeren-Dichtung‹ (Cramer 1979), eine weitere Sammlung mit dem Titel ›Deutsche Erzählungen des Mittelalters‹ (Pretzel 1971), das ›Altdeutsche Decamerone‹ (Spiewok 1982) sowie die ›Deutschen Novellen des Mittelalters‹ (Spiewok 1994). Am verbreitetsten sowie im akademischen Unterricht am intensivsten genutzt, wohl wegen seiner hervorragenden Einführung und der Kommentare, ist die ›Novellistik des Mittelalters‹ (Grubmüller 1996). In jüngerer Zeit ist die Edition ›Kleinere mittelhochdeutsche Verserzählungen‹ (Schulz-Grobert 2006) hinzugekommen. Sie alle erübrigen jedoch nicht die hier vorliegende Publikation mit Übersetzung und Kommentar. Die Ausgaben von Cramer, Pretzel und Spiewok sind einsprachig, es fehlt der mittelhochdeutsche Text zum Abgleich und es finden sich keine Kommentare, die über sporadische Angaben zum (oft mutmaßlichen) Verfasser hinausgehen. Modernen Ansprüchen genügen diese Ausgaben nicht mehr. Hinsichtlich der neueren und kommentierten zweisprachigen Übersetzungen von Grubmüller und Schulz-Grobert wurde bei der Konzeption unseres Projektes darauf geachtet, Überschneidungen zu vermeiden. Das heißt, dass keiner der bereits in diesen Sammlungen enthaltenen Texte in die hier vorliegende Studien- und Leseausgabe aufgenommen wurde. Grundsätzlich begrüßen die Herausgeberinnen freiere Übersetzungen. Insbesondere bei Redewendungen oder Tabu- und Obszönitätswörtern bietet sich eine freie Übersetzung an, durch die der Erzählsinn des Übersetzungstextes für die Nutzer- und Zielgruppe der Studierenden verständlich wird. Dies betrifft auch sich wiederholende Begriffe oder Phrasen, wie Personalpronomen oder Inquit-Formeln:
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 13 | 10.08.2026
14
Einleitung
Personalpronomen können etwa durch die Bezeichnung des Figurenpersonals: z. B. ›der Pfaffe‹ statt ›er‹ variiert werden, was durch die Verwendung von Klammern ausgewiesen ist: z. B. ›(der Pfaffe) sagte‹. Inquit-Formeln können durch die Verwendung unterschiedlicher verba dicendi variiert werden. Die Übersetzungen zeigen insgesamt, dass es vielfältige Möglichkeiten des Übersetzens gibt: Neben zeilengenauen finden sich in der Studien- und Leseausgabe eine gereimte Übersetzung und Prosaübersetzungen. Sie alle sollen die Übersetzungstätigkeit im akademischen Unterricht nicht überflüssig machen, sondern Anregungen für den Austausch über Übersetzungsmöglichkeiten und Deutungen liefern, die jeder Übersetzung immer schon zugrunde liegen. Überdies sind Übersetzungen der einzige Zugang zu mittelhochdeutschen Texten für all jene Nutzerinnen und Nutzer, die entweder abseits des akademischen Umfelds oder auch jenseits der Germanistik Interesse an ihnen haben. Der Kommentar stellt Hintergrundwissen bereit, über das Studierende noch nicht verfügen können. Er soll so den Zugang zum Text und die Arbeit an der eigenen Interpretation des Primärtextes erleichtern. Da die Überlieferung und sprachgeschichtliche Besonderheiten durch die DVN ebenso umfassend aufgearbeitet sind wie die mutmaßliche Entstehung des Textes und die zu jeder Versnovelle vorliegende Forschung, können sich die Kommentare der Studien- und Leseausgabe auf das konzentrieren, was zu leisten die DVN-Edition keine Möglichkeit hatte: Die ausführliche und eingehende gattungstypologische, (kultur)historische, literarhistorische, narratologische, poetologische und religionsgeschichtliche Erschließung der Texte, wobei die Schwerpunktsetzung für die Kommentararbeit jeweils der einzelne Text mit seiner Spezifik u. a. als Marienmirakel, Ehebruchsschwank oder Exempelerzählung vorgibt. Strukturvorgaben
Der Kommentar ist in fünf Abschnitt untergliedert: Editionstext; Überlieferung; Thematik, Texttyp, Textstruktur, Motivik und Poetik; Stellenkommentar und Literaturverzeichnis. Im Abschnitt ›Editionstext‹ finden sich Angaben zum Umgang mit dem Ausgangstext der DVN und die Begründungen dafür: Wird der Editionstext unverändert übernommen? Gibt es Eingriffe und wenn ja welcher Art? Wurden Anpassungen an das ›Normalmittelhochdeutsch‹ des mittelhochdeutschen Wörterbuchs vorgenommen? Unter dem Gliederungspunkt ›Überlieferung‹ findet sich vor dem Hintergrund der ausführlichen Angaben in der DVN ein nur knapper Überblick; es sei denn der Text wird neu aus der Überlieferung heraus erarbeitet wie im Fall von Der Bergmann. Der Abschnitt ›Thematik, Texttyp, Textstruktur, Motivik und Poetik‹ ist als Auftakt zum Stellenkommentar zu verstehen und versammelt die zentralen Beobachtungen zu den genannten Parametern. Der Stellenkommentar kommentiert grammatikalische Besonderheiten, unterschiedliche Lesarten, unverständliche und im Kontext des jeweiligen Versnovellentyps irritierende Begrifflichkeiten, Besonderheiten der jeweiligen Erzählung hinsichtlich der genannten Parameter (Thematik, Texttyp, Textstruktur, Motivik, Poetik) und intertextuell, gegebenenfalls komparatistisch sowie diskursiv aufschlussreiche und erwähnenswerte Aspekte (z. B. Vorlagen, Verschränkung weltlicher, schwankhafter und religiöser Aspekte; parodistische Bearbeitung eines höfischen Texttyps usf.). Das Literaturverzeichnis versammelt die jeweils verwendete Primär- und Sekundärliteratur. Die unterstützend herangezogenen Grammatiken, Lexika, Periodika, Wörterbücher sind gebündelt in einem
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 14 | 10.08.2026
15
Einleitung
gesonderten Verzeichnis der abgekürzt verwendeten Literatur und Periodika am Ende beider Teilbände zu finden. Terminologie
Um Missverständnissen vorzubeugen, werden die Bezeichnungen ›Version‹, ›Handschriftengruppe‹ und ›Textgruppe‹ nach Möglichkeit vermieden. Verwendung finden die Begriffe ›Fassung‹ und ›Redaktion‹. Von ›Fassungen‹ wird im Falle von Mehrfachüberlieferung dann gesprochen, wenn in der DVN eine eigene Nummerierung vergeben ist (s. oben Mönch Felix I, II, III). Als ›Redaktion‹ werden demgegenüber Texte bezeichnet, die in der DVN im Parallelabdruck synoptisch präsentiert werden (z. B. das Studenten abenteuer B in den drei Redaktionen B2, w und N). Editorische Empfehlungen
Die Frage, wie eng sich der Ausgangstext an der DVN orientieren solle und wie eigenständig er ihr gegenüber sein müsse, wurde im Workshop kontrovers diskutiert: Sollte der Text der DVN unverändert übernommen werden? Müssen Eingriffe der DVN gegenüber der Handschrift im Kommentar ausgewiesen werden? Sollte es vorsichtige Normalisierungen des handschriftennahen DVN-Textes geben? Teilweise wurde dafür plädiert, auf eigene Normalisierungen und Eingriffe zu verzichten, um – so wie die DVN – Überlieferungsnähe in den Editionstexten zu wahren. Diese Überlieferungsnähe geht allerdings mit einer geringeren Lesbarkeit und Verständlichkeit des Editionstextes im akademischen Unterricht einher. Ziel ist eine Studienausgabe, die gut lesbar und benutzbar ist, v. a. für Studierende. Aus diesem Grund haben wir als Herausgeberinnen normalisierende Eingriffe angeregt. Behutsame Eingriffe, v. a. auf der Ebene der Wortgestalt, widersprechen zwar dem Prinzip der Überlieferungsnähe, doch greifen sie nicht in den Inhalt des Textes ein. Solche Eingriffe erleichtern Studierenden den Zugang zum Text und so steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Studierende sich mit dem Editionstext und nicht allein mit der Übersetzung auseinandersetzen. Ein Vorteil von Angleichungen ist zudem, dass Texte leichter laut vorgelesen werden können. Dies wird durch handschriftennahe Editionen gerade für nicht-muttersprachliche Studierende erschwert. Besonders dort, wo frei übersetzt wird, ist eine Angleichung schriftsprachlicher Besonderheiten, die beispielsweise das Mitteldeutsche mit sich bringt, sinnvoll, so dass Studierende Lexeme im Wörterbuch leichter auffinden können. In der DVN werden eckige Klammern [ ] verwendet im Falle von Zufügung bei mechanischem Ausfall (von mehreren Buchstaben oder Wörtern). In unsicheren Fällen werden Auslassungszeichen verwendet. Spitze Klammern < > zeigen philologisch begründbare Hinzufügungen (eines oder mehrerer Buchstaben oder eines oder mehrerer Wörter) an. Mechanischer Ausfall und Befunde, die eine Ergänzung aus philologischen Gründen nahelegen, sind allerdings nicht immer sauber zu trennen. Teils liegt ein Ermessensspielraum bei der Verwendung von Klammern vor. Diesen Spielraum haben wir auch den Bearbeiterinnen und Bearbeitern unserer Texte eingeräumt und es ihnen freigestellt, in ihren Texten die Klammern aus der DVN zu übernehmen, stillschweigend aufzulösen oder von der Klammerverwendung der DVN abzuweichen. In diesen Zusammenhang gehört, dass die Bearbeiterinnen und Bearbeiter Abweichungen von der DVN stillschweigend vornehmen können, ohne dass dies im Stellenkommentar
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 15 | 10.08.2026
16
Einleitung
auszuweisen ist. Das gilt auch für die Interpunktion des DVN-Textes und Übersetzungsvorschläge der DVN, von denen stillschweigend abgewichen werden kann. In jedem Fall wird im Abschnitt ›Edition‹ dargelegt und begründet, wie im jeweiligen Text (in Auseinandersetzung mit der DVN) bei der Textherstellung verfahren wird. Die Vorschläge, die wir den Bearbeiterinnen und Bearbeitern zu einer vorsichtigen Normalisierung der mittelhochdeutschen Texte gemacht haben, sind die folgenden: –
– – – – – – –
Superskripta und Diakritika sind aufzulösen. Als Lesehilfe können Umlaute bezeichnet werden. Sofern eine Auflösung nicht gewünscht ist, soll dies im Kommentar von den Bearbeiterinnen und Bearbeitern erläutert werden. Durch die Schreibsprache bedingte Doppelkonsonanz kann unkommentiert rückgängig gemacht werden: z. B. vergazzen → vergazen. Auslassungen im Falle von üblichen und unüblichen Abbreviaturen können stillschweigend ergänzt werden, wenn sie nicht das Metrum beeinträchtigen: habh → habech, gmut → gemut. Vokalisches ›w‹ und ›v‹ können als ›u‹ wiedergegeben werden, z. B.: gelawbt (König im Bad w) → glaubet (König im Bad k). Die Grapheme ›u‹ und ›v‹ sowie ›i‹ und ›j‹ können nach ihrem Lautwert geregelt werden: z. B. zeuil → zevil. Im Rahmen der Auslautverhärtung kann aspiriertes /k/ durch einfachen Konsonant ›c‹ ersetzt werden. Wenn in einer Handschrift graphische Varianz von ›y‹ und ›i‹ auftritt, kann zu ›i‹ vereinheitlicht werden. Verschiedene Schreibweisen eines Wortes können vereinheitlicht werden: z. B.: junch / junc.
Zur Gliederung des Bandes Die Entscheidung, in welcher Anordnung wir die Texte präsentieren wollen, war nicht leicht zu treffen, denn die Texte haben unterschiedlichen Entstehungszeiten, sind in unterschiedlichen Handschriften überliefert und decken ein sehr breites thematisch-stilistisches Spektrum ab; wie sie also ordnen? Anders als für die DVN sind die jeweiligen Handschriften für die vorliegende Ausgabe keine maßgebliche Ordnungskategorie. Datierungen sind zu ungenau, um sie zum Ordnungskriterium zu machen. Eine Anordnung entsprechend der verschiedenen Texttypen Mirakel, Schwank, Exempel etc. wollten wir vermeiden, um nicht die Gattungsdiskussion zu Mären, respektive Versnovellen, neuerlich zu befördern. Schließlich haben wir uns, angeregt durch die Anthologie von Klaus Grubmüller ›Novellistik des Mittelalters‹, für ein Reihungsprinzip entschieden, dem keine klassische oder gar objektive Kategorisierung zugrunde liegt, sondern das eher (womöglich unerwartete) Perspektiven auf den jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkt anbietet. Wir haben diese Perspektiven ›Geld und Handel‹, ›Gruppendynamiken / peerpressure‹, ›Herrschaft / Hierarchie‹, ›Trieb, Begehren und Liebe‹ sowie ›Glaube‹ genannt und ihnen die einzelnen Versnovellen versuchsweise zugeordnet. Dass diese Zuordnung die jeweiligen Erzählungen nicht vollumfänglich oder in Ausschließlichkeit erfasst und bestimmt, dürfte sich von selbst verstehen.
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 16 | 10.08.2026
17
Einleitung
Natürlich erzählt – um ein Beispiel herauszugreifen – die Treueprobe nicht nur von Handel und Geld, sondern in diesem Zusammenhang auch von Gruppendynamik und -zwang; natürlich streift eine Erzählung über eine tugendhafte Ehefrau auch die Thematik der Hierarchie. Liebe und Begehren spielen in der Treueprobe ebenfalls eine Rolle und auch um Gott geht es, wenn auch eher nebenbei. Die Kategorien sind also Vorschläge, um bestimmte Erzählmotive anderen gegenüber versuchsweise stärker zu gewichten, ohne dass damit die Behauptung einherginge, dass keine anderen relevant seien oder dass man nicht auch andere Kategorien für relevanter halten könnte. Wir danken Natalie Mlynarski-Jung, ohne die dieses Projekt nicht in der gebotenen Zügigkeit hätte voranschreiten können. Die Koordination aller Arbeiten, die umsichtige und professionelle Betreuung und Einrichtung der Beiträge lag bei ihr in verlässlichen Händen. An dieser Stelle sei auch Antonia Reiss unser herzlicher Dank ausgesprochen für die Prüfung von Zitaten und bibliographischen Angaben. Wir danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Finanzierung der unerlässlichen Mitarbeiterstelle und der Georg und Franziska Speyer’schen Hochschulstiftung danken wir für einen großzügigen Druckkostenzuschuss.
Literaturverzeichnis Primärliteratur Altdeutsches Decamerone, hg. und übertragen von Wolfgang Spiewok, illustriert v. Peter Muzeniek, Berlin 1982. Deutsche Erzählungen des Mittelalters, ins Neuhochdeutsche übertragen v. Ulrich Pretzel, München 1971. Deutsche Novellen des Mittelalters. 3 Bde, hg. v. Wolfgang Spiewok, Greifswald 1994. DVN = Deutsche Versnovellistik des 13. bis 15. Jahrhunderts. 5 Bde, hg. v. Klaus Ridder / Hans-Joachim Ziegeler, Berlin 2020. Fabeln und Mären von dem Stricker, hg. v. Heinz Mettke, Halle 1959. Gesammtabenteuer. Hundert altdeutsche Erzählungen: Ritter- und Pfaffen-Mären[,] Stadt- und Dorfgeschichten[,] Schwänke, Wundersagen und Legenden von Jakob Appet […] und Anderen, meist zum erstenmal gedruckt und hg. v. Friedrich Heinrich von der Hagen, 3 Bde., Stuttgart, Tübingen 1850 (Nachdr. Darmstadt 1961). Handbuch Minnereden. 2 Bde., hg. v. Jacob Klingner / Ludger Lieb, Berlin, Boston 2013. Hans Folz. Die Reimpaarsprüche, hg. v. Hanns Fischer, München 1961. Heinrich Kaufringer: Werke. 2 Bde., hg. v. Paul Sappler, Tübingen 1972–1974.
Herrand von Wildonie: Vier Erzählungen, hg. v. Hanns Fischer, Tübingen 1959. Die Kleindichtung des Strickers, hg. v. Wolfgang Moel leken. Gesamtausgabe in fünf Bänden, Göppingen 1973–1978. Kleinere mittelhochdeutsche Verserzählungen. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch, hg. v. Jürgen SchulzGrobert, Stuttgart 2006. Konrad von Würzburg: Das Herzmaere und andere Verserzählungen. Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Nach der Textausg. v. Eduard Schröder übers. und komm. v. Lydia Miklautsch, Stuttgart 2016. Konrad von Würzburg: Der Schwanritter. Aus der Frankfurter Handschrift neu ediert und mit einem Kommentar versehen, hg. v. Jan Habermehl 2015, online: URL: https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/ index/index/docId/38627. Libanet und Wittig vom Jordan (Heidin III): Normalisierte Leseausg. und nhd. Übertragung, hg. v. Gudrun Felder, Stuttgart 2023. Maeren-Dichtung. 3. Bde, hg. v. Thomas Cramer, München 1979. Mären von dem Stricker, hg. v. Gustav Rosenhagen, Tübingen 1934.
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 17 | 10.08.2026
18
Einleitung
Minnereden. Auswahledition, hg. v. Iulia-Emilia Doro banţu / Jacob Klingner / Ludger Lieb, Berlin, Boston 2017. Neues Gesamtabenteuer. Das ist Fr. H. von der Hagens Gesamtabenteuer in neuer Auswahl. Die Sammlung der mittelhochdeutschen Mären und Schwänke des 13. und 14. Jahrhunderts, hg. v. Heinrich Niewöhner, Bd. 1, Dublin, Zürich 21967 . Novellistik des Mittelalters. Märendichtung, hg., übers. und komm. v. Klaus Grubmüller, Frankfurt a. M. 1996.
Eine Schweizer Kleinepiksammlung aus dem 15. Jahrhundert, hg. v. Hanns Fischer, Tübingen 1965. Der Stricker. Verserzählungen I, hg. v. Hanns Fischer, Tübingen 1960. Der Stricker. Verserzählungen II. Mit einem Anhang Der Weinschwelg, hg. v. Hanns Fischer, Tübingen 1967. Der Stricker. Erzählungen, Fabeln, Reden. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch, hg., übers. und komm. v. Otfrid Ehrismann, Stuttgart 1992.
Sekundärliteratur Fischer, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung, Tübingen 1968, zweite durchges. und erw. Aufl., besorgt v. Johannes Janota, Tübingen 1983. Klinger, Judith: Wahrnehmungsdeformation und ambivalente Illusionskunst: Elbische Spiele im Studenten abenteuer B, in: Die neuen Texte der Deutschen Vers-
novellistik, hg. v. ders./Katharina Philipowski, Berlin 2024, 241–274. Ziegeler, Hans-Joachim: Erzählen im Spätmittelalter. Mären im Kontext von Minnereden, Bîspeln und Romanen, München 1985.
[Katharina Philipowski / Franziska Wenzel]
SV_978-3-7574-0123-8_Philipowski_Katharina_Novellistik_Druck |Seite 18 | 10.08.2026