Skip to main content

Sebastian Brant

Page 1

Der Basler Jurist und Straßburger Stadtschreiber Sebastian Brant darf als typischer Vertreter der intellektuellen Eliten Lateineuropas der Zeit um 1500 gelten: In ihm vereinigen sich die Perspektiven der lateinischen wie der deutschen Literatur, des Rechts und seiner Praxis, der Wissens- und Bildungsgeschichte, der Frömmigkeitsgeschichte, des Erbes der Patristik sowie des Umgangs mit den Medien von Buchdruck und Bild. Zudem wird mit Brants Wirken und dessen unterschiedlichen Publikumsadressierungen ein breites Spektrum der zeitgenössischen Gesellschaft und ihrer kulturellen Interessen erreicht. Sein Engagement für die Gesellschaft seiner Zeit durch paradigmatische, ‹ archäologisch › verfahrende Analysen in den angegebenen Wissensfeldern zu erschließen, ist Ziel der vorliegenden Arbeit, die darüber hinaus zahlreiche neue Texte präsentieren kann. Nikolaus Henkel hat Deutsche, Klassische und Mittellateinische Philologie in München studiert, wo er 1974 promoviert wurde. Nach der Habilitation 1983 / 1984 ( FU Berlin ) bekleidete er Professuren in Regensburg und Hamburg sowie 2017 / 2018 die Wolfgang Stammler Professur in Freiburg / Schweiz. Seit 2011 ist er Honorarprofessor an der Universität Freiburg / Br. Henkel forscht zur deutschen Sprache und Literatur ( 9.–16. Jh. ), zur Mittellateinischen Literatur, zu Bild und Text sowie zum Thema Latein und Volkssprache.

www.schwabeverlag.de

Nikolaus Henkel

SEBASTIAN BRANT

Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens um 1500

Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens um 1500

SEBASTIAN BRANT

SEBASTIAN BRANT

Nikolaus Henkel


Nikolaus Henkel

Sebastian Brant Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens um 1500

Schwabe Verlag


Gedruckt mit Unterstützung des Förderungsfonds Wissenschaft der VG Wort.

®

MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen

www.fsc.org

FSC® C083411

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: nach Hans Burgkmair d. Ä., Porträt Sebastian Brant (1508?). Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv.-Nr. 953 (aus: Sebastian Brant und die Kommunikationskultur um 1500, Farbabb. 1, gespiegelt. Foto: Nikolaus Henkel) Korrektorat: Schwabe Verlag, Berlin Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7574-0071-2 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0082-8 DOI 10.31267/978-3-7574-0082-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabeverlag.de www.schwabeverlag.de


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

13

1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

15

1.1

Archäologie des Wissens – eine Standortbestimmung . . . . . . . . . . . . .

16

1.2

Kulturtransfer vertikal: wissens- und bildungsgeschichtliche Überlegungen zum Verhältnis von Latein und Volkssprache . . . . . . .

18

1.3

Intellektuelle Eliten um 1500: Versuch einer Standortbestimmung – Schwierigkeiten der Beschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.1 Wissen und Bildung: Vergil im Gespräch der intellektuellen Eliten um 1500 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

1.4

Sebastian Brant in Netzwerken am Oberrhein und darüber hinaus . .

1.5

Deutsche Literatur aus der Perspektive der intellektuellen Eliten: Der ‹Cathalogus› des Johannes Trithemius (1495) . . . . . . . . . . . . . . . 1.5.1 Anhang: Die Artikel des ‹Cathalogus› zu Karl dem Großen, Otfrid von Weißenburg und Hrotsvit von Gandersheim . . . . .

2 Einige unbeachtete Zeugnisse zu Sebastian Brants Biographie und Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1

Johannes Trithemius zu Brant und seinem Werk: Eine bislang unbeachtete Zwischenbilanz aus dem Jahr 1494 zu Brants lateinischen Dichtungen, zum ‹Narrenschiff›, zur ‹Stultifera navis› und zu Brants ‹drittem Text› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

24 39 53 64 78 83

83

2.2

Die Schlettstätter Schüler Bruno und Basilius Amerbach lesen Brants ‹Varia carmina› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

2.3

Aus Brants Straßburger Tätigkeit: einige Zeugnisse aus den ‹Annalen› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

2.4

Erasmus von Rotterdam über Brant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105

2.5

Brant und Maximilian: Eine Anekdote, erzählt von Onofrius Brant . . 108


6

Inhalt

2.6

Brant und die Illustrierung von Texten im Urteil Thomas Murners . . 113

2.7

Ein Zeugnis zu Brants Erkrankung im Jahr 1519/1520 . . . . . . . . . . . . . 118

2.8

Das Epitaph Brants in St. Thomas, Straßburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

2.9

Ein Echo aus Italien: Lilio Gregorio Giraldi, ‹De poetis nostrorum temporum› über Sebastian Brant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

3 Brant-Bilder: Porträts und Kryptoporträts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 4 Sebastian Brant und seine Texte: Schreiben und Zeit – Praxis der Authentifizierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 4.1

Zeitnot als Thema der Selbstinszenierung des vates Brant . . . . . . . . . . 165

4.2

‹Unfertige› Ausgaben als Folgen der Zeitnot. Nachträgliche Änderungen und Erweiterungen in Brants Drucken . . . . . . . . . . . . . . 172

4.3

Die Praxis der Authentifizierung: Brants Autorsignaturen . . . . . . . . . 175

4.4

Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179

5 Vom Druck zur Handschrift: Medienwechsel und Textgebrauch . . 181 5.1

Brants religiöse Dichtungen in der Lateinschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182

5.2

Ein Auszug aus der ‹Stultifera navis› in einer Studienhandschrift um 1500 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187

5.3

Eine frühe Abschrift von Sebastian Brants ‹Carmina in laudem beatae Mariae virginis multorumque sanctorum› in einem monastischen Rapiarium. Mit zwei neuen Texten Brants . . . . . . . . . . 191 5.3.1 Ein neuer Text: Eine Dichtung Brants auf die Arma Christi . . 197 5.3.2 Ein neuer Text: Eine Totenklage auf Brants Freund Sebastian Murrho . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202

5.4

Zwei Einblattdrucke Brants in einer historischen Quellensammlung: Hieronymus Streitel und seine Kollektaneen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209

5.5

Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211

6 Sebastian Brant und die Frömmigkeitskultur der intellektuellen Eliten um 1500 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 6.1

Brant als Beter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218

6.2

Brants Beitrag zur Marienfrömmigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223

6.3

Brant und die Immaculata conceptio Mariae . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230


Inhalt

6.4

Eine Argumentationshilfe zur Verteidigung der Immaculata conceptio: Brants Ausgabe der Akten des Basler Konzils 237

6.5

Der Jurist Sebastian Brant und die Messliturgie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238

6.6

Frömmigkeit und literarische Formung: Brants humanistische Variationen des Passionshymnus inc. Patris sapientia . . . . . . . . . . . . . 241

6.7

Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247

7 Sebastian Brant und die Kirchenväter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 7.1

Brants Beitrag zur Basler Ausgabe der Werke des hl. Ambrosius (1492) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250

7.2

Brants Empfehlung der Bibelübersetzung des hl. Hieronymus (KT 132) und Dürers Hieronymus-Holzschnitt von 1492 . . . . . . . . . . 264

7.3

Brant und die Basler Ausgaben von Werken des hl. Augustinus . . . . . 7.3.1 Die Doppelausgabe von ‹De civitate Dei› (1489/1490) . . . . . . 7.3.2 Die Doppelausgabe von ‹De trinitate› (1489/1490) . . . . . . . . . 7.3.3 Die Ausgabe von Augustins ‹Sermones› (1494/1495) . . . . . . . 7.3.4 Brants Lob des hl. Augustinus in den ‹Varia carmina› von 1498 (KT 144) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7.4

271 271 275 276 281

Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282

8 Sebastian Brant und die Literatur des Mittelalters . . . . . . . . . . . . . . 285 8.1

Die Ausgabe von Hrabanus Maurus, ‹Liber de laudibus sanctae crucis› (Pforzheim 1503) und Brants Geleitdichtung (KT 269) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 8.1.1 Exkurs: Hrabans Grabschrift aus dem 9. Jahrhundert und ihre epigraphische Ausführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299

8.2

Brants Lob auf Hrotsvit von Gandersheim (KT 225) . . . . . . . . . . . . . . 301

8.3

Die Entdeckung des ‹Ligurinus› und die Zeugenschaft Brants . . . . . . 307

8.4

Das frühe Mittelalter als Vorbild für die Zeit um 1500: Lupolds von Bebenburg Schrift über den Eifer der deutschen Fürsten für die Kirche und den christlichen Glauben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310

8.5

Schultexte des Mittelalters in Brants Bearbeitungen . . . . . . . . . . . . . . . 315

8.6

Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320

7


8

Inhalt

9 Die Corpus-Ausgaben von Brants lateinischen Dichtungen: colligite fragmenta ne pereant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321

9.1

Das Corpus der ‹Carmina in laudem Beatae Mariae Virginis multorumque sanctorum› (1494/1495) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 9.1.1 Kohärenzen und Struktur des Corpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335 9.1.2 Die Sammlung der ‹Carmina in laudem› als Gebet- und Andachtsbuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341

9.2

Das Corpus der ‹Varia Sebastiani Brant Carmina› (1498) . . . . . . . . . . 9.2.1 Kohärenzen und Struktur des Corpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.2.2 Der Dichter spricht: Brants Verzeichnis der Errata im Druck der ‹Varia carmina› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.2.3 ‹Offenheit› als Merkmal von Brants Corpora – Überlegungen zum Werkbegriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

342 359 373 383

9.3

‹In laudem divi Maximiliani› (1520). Eine späte Sammlung zum Lob und Nachruhm des Kaisers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388

9.4

Eine Inschrift zu den Hauptreliquien des Aachener Doms (KT 98) . . 410

9.5

Eine Inschrift für das Heilige Grab in der Liebfrauenkirche in Mainz (KT 222) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 416

9.6

Brant und der Kölner Schrein der Heiligen Drei Könige (KT 440) . . . 419

9.7

Die Stimme der Glocken. Brants Glocken-Dichtungen auf die Gloriosa des Domes zu Erfurt (KT 194), die sogenannte Papstglocke des Basler Münsters (KT 87 und 88) und die Marienglocke für das Straßburger Münster (KT 460 und 461) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424

9.8

Brants Dichtung auf den heiligen Nicolaus (KT 113) und ihre bislang unbekannte Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 434

9.9

Textgeschichte, Überlieferung und Textgebrauch des ‹Rosarium› (KT 93). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 438 9.9.1 Zur Melodieüberlieferung des ‹Rosarium› (von David Hiley) . 455

9.10 Bislang unbekannt: Brants deutsche Fassung seiner Mahnung zum Beten des Rosenkranzes (KT 94) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 459 9.11 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463 10 ‹Narrenschiff› und ‹Stultifera navis› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 10.1 Sebastian Brant und seine Arbeiten im Umkreis von ‹Narrenschiff› und ‹Stultifera navis› (1492–1498): Horizonte des Wissens und des intellektuellen Profils . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469


Inhalt

10.2 Das ‹Narrenschiff› als divina satyra . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.2.1 Onofrius Brant über die ‹Narrenschiff›-Predigten Geilers von Kaysersberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.2.2 Ein hochseetaugliches Schiff für die Narren: Das Vorbild für den ‹Narrenschiff›-Holzschnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.2.3 Der heilige Nicolaus und das ‹Narrenschiff› . . . . . . . . . . . . . . . 10.2.4 Namen im ‹Narrenschiff›: Chiffren von Narrationen und Indikatoren von Wissen und Bildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.2.5 Brant als Leser und Sammler: Der Liber epigrammáton . . . . . .

474

10.3 ‹Stultifera navis› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.3.1 Überlieferungsbefund und Editionslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.3.2 Brants Autorwille und die Schwierigkeiten der Umsetzung in der ‹Stultifera navis› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.3.3 De inutilibus libris (cap. 1) und die Pluralisierung der Sinnebenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.3.4 De inutili studio (cap. 27): Wissen und Bildung . . . . . . . . . . . . 10.3.5 De fatuis medicis et empericis (cap. 55): Akademikerkritik unter der Perspektive des Rechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

500 501

475 480 486 488 497

506 512 521 527

10.4 ‹Narrenschiff, ‹Stultifera navis› und Brants ‹Dritter Text› . . . . . . . . . 536 10.5 Friedrich Zarncke und seine Arbeit am ‹Narrenschiff› . . . . . . . . . . . . 538 11 Die Einblatt- und Libelldrucke mit Werken Brants. Texttyp – Überlieferung – Erschließung der Verluste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 541 11.1 Einblatt- und Libelldruck: Verbindung zweier Überlieferungstypen in e i n e m Funktionstyp . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 543 11.2 Die Bezeugung von Brants kleineren Dichtungen im ‹Liber de scriptoribus ecclesiasticis› des Johannes Trithemius vom Sommer 1494 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 548 11.3 Überlegungen zu einer indiziengestützten Rekonstruktion weiterer nicht erhaltener Einblatt- bzw. Libelldrucke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 551 11.4 Ein unveröffentlichtes Flugblatt Brants: Die Klage des Friedens gegen den Krieg und die Verteidigungsrede des Kriegs gegen den Frieden (1499) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 557 11.5 Brants Syphilis-Flugblatt (KT 175) und seine Übersetzung ins Deutsche durch Joseph Grünpeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 570

9


10

Inhalt

12 Sebastian Brant als Herausgeber und Bearbeiter . . . . . . . . . . . . . 581 12.1 Der Jurist Brant und die Bibel: Das ‹Decretum Gratiani› in der Basler Vulgata-Ausgabe von 1498 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 582 12.2 Ein Hilfsmittel zum Studium der Bibel: Brants Ausgabe der Konkordanzen des ps.-Konrad von Halberstadt und des Johannes de Segovia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 594 12.3 Die erste europäische Ausgabe der Werke Petrarcas, Basel 1496 . . . . 597 12.3.1 Die Faszikelstruktur und der Bausteincharakter der Ausgabe . 599 12.3.2 Wissensorganisation und Wissenserschließung: Das Register der Petrarca-Ausgabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 602 12.4 Sebastian Brants Vergil-Ausgabe, Straßburg 1502, und deren Illustrationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607 12.4.1 Bild und Wissen: Sebastian Brants Konzeption der Holzschnitte zur ‹Aeneis› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614 12.4.2 Brants Vergil-Ausgabe im Schulunterricht . . . . . . . . . . . . . . . . 640 12.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 646 13 Brants Beitrag zur Buchillustration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 649 13.1 Brant als ‹Autor› von Holzschnitten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 650 13.2 bildniß, tabella, pictura, monochroma: Bezeichnungen für Einblattdrucke und Holzschnitte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 657 13.3 Missverstandene Holzschnitte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 660 14 Chronologisches Verzeichnis der von Brant verfassten, herausgegebenen bzw. mit Geleittexten und/oder Holzschnitten versehenen Werke: Materialien zur kulturhistorischen Physiognomie des Basler Juristen und Straßburger Syndikus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 667 15 Addenda und Corrigenda zur Ausgabe von Sebastian Brant, Kleine Texte (KT) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 701 15.1 Zu einzelnen Texten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 701 15.2 Ergänzungen und Corrigenda zum Kommentar der Ausgabe der Kleinen Texte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 725 15.3 Ergänzungen zum Verzeichnis der Überschriften und Textanfänge . . 727


Inhalt

15.4 Ergänzungen einiger in den Kleinen Texten fehlender Dichtungen Brants . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 728 15.5 Kleintexte in Holzschnitten der Straßburger Vergil-Ausgabe von 1502 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 729 15.6 Sebastian Brant – niederdeutsch: Brants großes Mariengebet am Schluss von ‹Der Heiligen Leben› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 730 16 Sebastian Brant im Stasi-Land. Manfred Lemmer und eine Neugestaltung des ‹Narrenschiff›-Holzschnitts . . . . . . . . . . . . . . . 733 17 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 743 17.1 Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 743 17.2 Texte und Kommentare . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 747 17.3 Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 748 18 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 777 19 Register (Namen, Sachen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 781

11


Vorwort

Das vorliegende Buch ist, nach einer Reihe von vorbereitenden Einzelstudien, im Laufe mehrerer Jahre entstanden. Sein Ziel ist, aus dem Horizont einer historischen Kulturwissenschaft durch wissens- und bildungsgeschichtlich orientierte Analysen neue Erkenntnisse zu kulturhistorischen Phänomenen der Zeit um 1500 zu gewinnen. Sebastian Brant als Mittelpunkt und Ziel der Untersuchung und der sie begleitenden Materialien schien mir für solch einen Zugang besonders geeignet: In ihm als einem Vertreter der intellektuellen Eliten der Zeit vereinigen sich die Perspektiven der lateinischen wie auch der deutschen Literatur, des Rechts und seiner Praxis, der Bildungs- und der Frömmigkeitsgeschichte, speziell der Mariologie, des Erbes der Antike und der Patristik sowie des Umgangs mit den Medien von Buchdruck und Bild. Zudem wird mit Brants Wirken und dessen unterschiedlichen Publikumsadressierungen ein relativ breites Spektrum der zeitgenössischen Gesellschaft und ihrer kulturellen Interessen erreicht. Ein Ansatz wie dieser muss das Wagnis eingehen, die Begrenztheit des eigenen Fachs zu überschreiten. Wer sich auf dieses Wagnis einlässt, bedarf der Hilfe. Dankbar bin ich für Rat und Unterstützung aus dem eigenen Fach insbesondere Sabine Griese, die die Entstehung des Buchs mit Anregungen, hilfreicher Kritik und mannigfaltiger Unterstützung über viele Jahre begleitet hat, weiterhin Nigel F. Palmer, Martina Backes, Joachim Knape, Falk Eisermann und Paul Michel, auf dem Feld der Geschichte um 1500, insbesondere des deutschen Südwestens, Dieter Mertens, dazu, auch auf dem Gebiet der Rechtsgeschichte, Hans-Jürgen Becker und Thomas Wetzstein, in der Theologie und Frömmigkeitsgeschichte Peter Walter, im Mittellatein dem langjährigen Freund Fidel Rädle († 15. Juli 2021), in der Latinistik Stefan Tilg und Marion Gindhart, in der Musikwissenschaft David Hiley. In Fragen der Epigraphik halfen mir mit ihrem Rat Rüdiger Fuchs und Harald Drös von den Inschriften-Forschungsstellen der Akademien in Mainz und Heidelberg. Viel verdanke ich schließlich in der letzten Phase der Manuskriptherstellung der fachlichen Kompetenz und der Hilfsbereitschaft von Julia Frick. Zu früh unterbrach der Tod das Gespräch mit meinen lieben Freiburger Kollegen Dieter Mertens († 4. Oktober 2014) und Peter Walter († 21. August 2019). Zahlreichen Bibliotheken und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern danke ich für die Unterstützung meiner Arbeit. Eine enorme Erleichterung für den Zugang zu den Texten hat die fortschreitende Digitalisierung und Bereitstel-


14

Vorwort

lung der historischen Buchbestände gebracht, die ich als Mitglied des Bibliotheksausschusses der DFG (Literaturversorgung und Informationssysteme, LIS) in einem frühen Stadium (2000–2006) begleiten durfte. Nach dem Abschied von meinem langjährigen Wirkungsort an der Universität Hamburg haben mir die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg/Br., insbesondere das Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) mit einem mehrjährigen Fellowship und das Deutsche Seminar am Ort, eine neue Heimat geboten, wofür ich besonders dankbar bin. Die Aufnahme des Buchs in das Programm des Schwabe Verlags Basel/Berlin verdanke ich der Anregung von Susanne Franzkeit; sie, Harald Liehr, Ruth Vachek und Sonja Peschutter haben die Drucklegung dankenswerterweise betreut. Freiburg im Breisgau, 6. Dezember 2020


1 Einleitung

Ziel der folgenden Studien und der sie begleitenden Materialien ist, aus der Perspektive der Wissens- und Bildungsgeschichte neue Einblicke in die Kultur der Zeit um 1500 zu gewinnen. Es mag auf den ersten Blick verwundern, dass Sebastian Brant als exemplarischer Vertreter dieser Kultur gewählt wird, ein Autor, dessen ‹Narrenschiff› gemeinhin als sein Hauptwerk verstanden wird und der mit diesem Werk in der (germanistischen) Forschung der letzten fast 200 Jahre bereits intensiv erforscht ist. Weitet man indes den Blick über das ‹Narrenschiff› hinaus, so zeigt sich, auf wie vielen Feldern der Kultur und der Wissenschaft der Frühen Neuzeit Brant präsent gewesen ist und dass er in dieser vielfältigen Präsenz von seinen Zeitgenossen auch wahrgenommen wurde. Hatte Friedrich Zarncke um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner großen ‹Narrenschiff›-Ausgabe von 1854 in einem umfangreichen Anhang auch die lateinischen Dichtungen, ansatzweise auch den Juristen Brant und seinen umfassenden Bildungshintergrund gewürdigt,1 so hat die fortschreitend stärkere Spezialisierung der wissenschaftlichen Fachdisziplinen auch zu einer merkbaren Verengung der Perspektive auf die Gegenstände der Fächer geführt. Die folgenden Studien versuchen dem entgegenzutreten mit einer Weitung des Blicks auf Brants lateinisches Werk und dessen Zielsetzung und Wirkung, auf seine juristische Tätigkeit und deren Zusammenhang mit dem literarischen Werk, auf sein religiöses und theologisches Engagement, auf seine Editionen, auf die von ihm konzipierten Buchillustrationen, auf seine amtlichen Tätigkeiten in Basel und Straßburg. Dass man bei einem solchen Verfahren kulturwissenschaftlicher Untersuchung immer wieder auf überraschende und neue Einsichten stößt, ist nur natürlich, ebenso, dass immer wieder neue, bislang unbekannte Zusammenhänge und Gegenstände in den Blick kommen. Eine gewisse Disparatheit der Ansätze und methodischen Perspektiven ist dabei unvermeidlich, denn die Unterschiedlichkeit der Gegenstände fordert eine je spezifische Herangehensweise. Der Leitbegriff einer ‹Archäologie des Wissens› scheint mir deshalb geeignet, diese Disparatheit der Gegenstände und Fragestellungen unter einer Leitkategorie zu bündeln.

1

Zarncke, Narrenschiff, S. 118–204.


16

1 Einleitung

1.1 Archäologie des Wissens – eine Standortbestimmung Die vorliegenden Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens suchen n i c h t den Anschluss an Michel Foucaults großen Essay «Archäologie des Wissens», der, aus umfangreicheren Vorarbeiten entstanden, erstmals 1969 erschienen ist, in mehrere Sprachen übersetzt und in zahlreichen Disziplinen rezipiert wurde.2 Dabei ist der in diesem Werk entwickelte Begriff von Archäologie «eine der schillerndsten und umstrittensten Konzeptionen im Werk Foucaults.»3 Foucaults Anliegen ist, in kreisenden und teils mäandernden Denkbewegungen zu einer kritischen Abgrenzung von der zu dieser Zeit schon weitgehend überwundenen Ideengeschichte zu gelangen.4 Einer der profiliertesten Kenner von Foucaults Werk und Denken, Ulrich Johannes Schneider, vermerkt: «Die ‹Archäologie des Wissens› ist in ihrer zersetzenden Kritik an Ideengeschichte und Wissenschaftsgeschichte radikal; Kategorien wie Autor, Absicht und Werk werden dort vollständig abgebaut zugunsten neuer Positivitäten wie Aussage, Diskurs und Archiv.»5 Diese Ausrichtung von Foucaults Konzeption und ihre ganz bewusst kalkulierte Gegenstandsferne nötigen dazu, für die nun folgenden Studien eine gänzlich andere Anbindung zu suchen, nämlich die an die Wissenschaftsdisziplin der Archäologie. Unsere Studien zu einer Archäologie des Wissens verwenden den Begriff im übertragenen Sinne, als schlichte Wissenschaftsmetapher, die sich orientiert an Gegenstand, Verfahren und Ziel der einschlägigen Fachdisziplin, wie sie etwa von Colin Renfrew und Paul Bahn formuliert wurden: Archaeology is partly the discovery of the treasures of the past, partly the meticulous work of the scientific analyst, partly the exercise of the creative imagination. […] But it is also the painstaking task of interpretation so that we come to understand what these things [sc. the treasures of the past] mean for the human story. And it is the conservation of the world’s cultural heritage – against looting and against careless destruction.6 Michel Foucault, L’Archéologie du savoir, Paris 1969; Archäologie des Wissens. Aus dem Französischen von Ulrich Köppen, Frankfurt/M. 1973, zahlreiche weitere Ausgaben, auch als Suhrkamp-Taschenbuch. 3 Siehe die knappe und ungemein dichte Zusammenfassung von Kurt Ebeling, Archäologie, in: Foucault-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. von Clemens Kammler/Rolf Parr/Ulrich Johannes Schneider, Stuttgart/Weimar 2008, S. 219–221, hier S. 219. 4 Siehe dazu Ulrich Johannes Schneider, Michel Foucault, Darmstadt 2004. Eine zusammenfassende Würdigung der Archäologie des Wissens bietet das genannte Foucault-Handbuch, bes. S. 51–62. 5 Ulrich Johannes Schneider, Wissensgeschichte, nicht Wissenschaftsgeschichte, in: Michel Foucault – Zwischenbilanz einer Rezeption. Frankfurter Foucault-Konferenz 2001, Frankfurt/ M. 2003, S. 220–229, das Zitat hier S. 226. 6 Colin Renfrew/Paul Bahn, Archaeology. Theories, Methods, and Practice. 6th ed., London 2012, S. 12 (ebenso bereits in der ersten Auflage von 1991). 2


1.1 Archäologie des Wissens – eine Standortbestimmung

Diese Definition kann in so gut wie allen Aussagen und Aspekten für die folgenden Studien und die mit ihnen verbundenen Materialien gelten. Die Kategorie des Wissens geht in dieses Konzept in zweierlei Hinsicht ein. Wissen ist zum einen das Verfügen über epistemische Areale in einer je historisch bestimmten Synchronie, hier in der Zeit um 1500. Zum andern sind diese Areale immer wieder diachron definiert, sie reichen zurück in die Antike und die Frühzeit der Kirche und greifen damit historisch ‹vielstimmige› Bestände auf, seien es solche, die über Jahrhunderte das Wissen der jeweiligen Gesellschaften geprägt haben, seien es solche, die aus langer Vergessenheit ans Licht der Gegenwart geholt werden. Wissen greift so das kulturelle Erbe einer Gesellschaft in seiner Vielfalt und Vielschichtigkeit auf mit dem Ziel einer Instrumentierung in der und für die Gegenwart, hier die um 1500. Die Fähigkeit, über das kulturelle Erbe des Wissens zu verfügen, es für die Gestaltung der Kultur in der Gegenwart einzusetzen und zu instrumentieren, können wir in unserem Zusammenhang als Bildung bezeichnen. Das Wort besitzt keine begriffliche Schärfe und ist deshalb für unsere Darstellung der Situation um 1500 kurz zu umreißen. Mit Bildung soll im Folgenden gemeint sein die Fähigkeit, über breite Wissensbestände der Vergangenheit wie auch der Gegenwart mit Selbstverständlichkeit zu verfügen, sie erkennend und einordnend wahrzunehmen und zielführend in aktuellen Gegenwartsbezügen einzusetzen. Die so verstandene Archäologie des Wissens und der Bildung ordnet sich ein in eine umfassende historische Kulturwissenschaft.7 Sie zielt darauf, in einer Art archäologischen Verfahrens Zeugnisse der Vergangenheit wie auch der Zeit um 1500 aufzudecken, zu ordnen, historisch zu kontextualisieren und zu analysieren. Die Relevanz dieses Verfahrens ergibt sich aus der Tatsache, dass viele der im Folgenden untersuchten Texte bislang ‹ungelesen› oder gar unbekannt sind und zahlreiche Zeugnisse und Zusammenhänge neu oder neu analysiert in die fachliche Diskussion eingeführt werden können. Die Parameter dieser kulturwissenschaftlich-historischen Kontextualisierung sind vorrangig wissens- und bildungsgeschichtlich ausgerichtet; einbezogen sind dabei zeittypische Aktanten wie die Ausdrucksformen der Frömmigkeit und Religiosität, die Sprachen und ihre Verwendung, die literarischen Formen, die Bilder, weiterhin die überlieferungsgeschichtlichen Situationen und ihre Bedingtheiten sowie die mediale Präsenz kultureller Hervorbringungen, vorrangig in Schrift und Bild. Hinzu kommen die personalen Akteure und ihre Vernetzungen und damit der Aspekt der Sozialgeschichte. Ihre Aussagen wie auch den Zeugniswert der Aktanten aufzudecken, sichtbar zu machen und in kulturelle, historische und literaturwissenschaftliche Zusammenhänge einzuordnen, ist Anliegen der hier zum Zuge kommenden Archäologie des Wissens. Siehe dazu den Überblick von Friedrich Jaeger, Historische Kulturwissenschaft, in: HdK 2, 2004, S. 518–545. 7

17


18

1 Einleitung

Dazu werden in einem einleitenden Schritt einige ‹Trittsteine› gesetzt, die die weitere Darstellung begleiten. Es geht zunächst um einen ‹vertikalen› Kulturtransfer, also um das Übermitteln von Botschaften über Sprachgrenzen hinweg, hier die zwischen Latein und Volkssprache; sodann um eine für die kulturelle Situation um 1500 zentrale Schicht von Akteuren, die intellektuellen Eliten, und um kulturelle Netzwerke um 1500 am Oberrhein, an denen der Basler Jurist und Straßburger Syndikus teilhatte und in denen er wirkte. Dass diese Persönlichkeit als Zentrum unserer Studien gewählt wurde, ist dadurch begründet, dass Brant als Angehöriger eben dieser intellektuellen Eliten der Zeit um 1500 aktiv den Transfer zwischen unterschiedlichen Wissens- und Kulturarealen und ihren schichtenspezifischen Teilhabern geprägt hat. Schließlich soll der Blick darauf gelenkt werden, wie der ‹deutschen› Literatur und ihren Vertretern um 1500 ein historisch begründetes Profil zugewiesen wird in einer aemulativen Auseinandersetzung mit dem auf die Antike sich gründenden und berufenden italienischen Kulturraum.

1.2 Kulturtransfer vertikal: wissens- und bildungsgeschichtliche Überlegungen zum Verhältnis von Latein und Volkssprache Das Phänomen des Kulturtransfers, in seiner Erforschung maßgeblich geprägt von Michel Espagne und einer Forschergruppe am CNRS in Paris, ist seit über dreißig Jahren Gegenstand einer fächerübergreifenden Kulturwissenschaft und gilt Bewegungen von Austausch, Beeinflussung und Prägung zwischen eigenständigen, individuell agierenden, regional umgrenzten Nationalkulturen. Kulturtransfer wird dabei verstanden als eine gewissermaßen horizontale Bewegung zwischen definierten Arealen national-kultureller Identitäten. Bevorzugtes Untersuchungsfeld der Forschung zum Kulturtransfer sind deswegen Erscheinungen in einem Zeitraum bereits gefestigter Nationalstaatlichkeit in Europa, also im 18. und 19. Jahrhundert.8

Siehe dazu schon die frühe Sammlung Transferts. Les rélations interculturelles dans l’espace franco-allemand (XVIIIe et XIXe siècle), hg. von Michel Espagne/Michael Werner, Paris 1988. Siehe weiterhin: Michel Espagne, Bordeaux – Baltique: La présence culturelle allemande à Bordeaux aux XVIIIe et XIXe siècles, Paris 1991; Kulturtransfer im Epochenumbruch. Frankreich/Deutschland 1770‒1815, hg. von Hans-Jürgen Lüsebrink/Rolf Reichardt. 2 Bde., Leipzig 1997; Michel Espagne, Die Rolle der Mittler im Kulturtransfer, in: Kulturtransfer im Epochenumbruch, ebd., S. 309‒330; Michel Espagne, Les transferts culturels franco-allemands, Paris 1999; Hans-Jürgen Lüsebrink, Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. 4., aktualisierte und erweiterte Aufl., Stuttgart/Weimar 2016. Auch die Musikwissenschaft adaptiert das Denkmodell, siehe den Sammelband Rezeption und Kultur-

8


1.2 Kulturtransfer vertikal

Bezogen auf den europäischen Raum in der Zeit von etwa 1400 bis 1520 und die hier zu beobachtenden kulturellen Transferprozesse und ihre ‹Reichweite› ist jüngst der erste Band eines Tagungsvorhabens der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen erschienen, der u. a. die Bereiche Philosophie, Recht, Theologie, Bau- und Sachkultur einbezieht.9 Auch für die hier vorgelegten Studien zur Situation um 1500 können die Denkmodelle des Kulturtransfers und der Reichweite genutzt werden, ausgerichtet allerdings – und verengt – auf das Feld der Wissens- und Bildungsgeschichte und mit einer neuen Positionierung der Konstituenten. Statt der h o r i z o n t a l interagierenden Beziehung zwischen den Räumen nationalstaatlich umgrenzter Areale wie in dem von Michel Espagne entwickelten Modell geht es hier um eine v e r t i k a l e Bewegung. Sie ist gekennzeichnet durch Beeinflussung und Austausch zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und ihrer kulturellen Sozialisation, und dies in einem umgrenzten Kulturraum, hier beschränkt auf den deutschen Sprachraum. Diese Schichten sind geprägt durch ihre je eigene Teilhabe an je spezifischen Arealen des Wissens und der Bildung sowie die daraus resultierende jeweils eigene kulturelle Prägung. Dazu gehören der Zugang zur Schriftlichkeit und deren Handhabung sowie die Beherrschung des Lateinischen als eines gemeineuropäischen Verständigungsmediums in Schriftlichkeit und Mündlichkeit.10 Es ist bekannt, dass der Zugang zur Schriftlichkeit, zur Schreib- und Lesefähigkeit, bis zum 13. Jahrhundert ausschließlich über die Lateinschulen der Klöster und Domstifte möglich war.11 Im weiteren Fortgang des Mittelalters treten die

transfer: Deutsche und französische Musiktheorie nach Rameau, hg. von Birger Petersen, Mainz 2016. 9 Reichweiten. Dynamiken und Grenzen kultureller Transferprozesse in Europa, 1400– 1520. Bd. 1: Internationale Stile, soziale Verankerungen, Fallstudien, hg. von Nikolaus Henkel/ Thomas Noll/Frank Rexroth (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen N. F. 49/1), Berlin/Boston 2020 (die Veröffentlichung der Bände 2 und 3 dieses Themenbereichs ist in Vorbereitung). 10 Damit ist aber nur e i n für den vorliegenden Zusammenhang wichtiges Segment bezeichnet. Das Phänomen vertikalen Kulturtransfers ist wesentlich umfassender und wäre in einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu fassen; sichtbar wird das beispielsweise auch in der Adaptation gesellschaftlicher Formen des Adels im spätmittelalterlichen Stadtbürgertum, siehe zu diesem Phänomen etwa Thomas Zotz, Bürgertum und Turnier in deutschen Städten vom 13. bis 15. Jahrhundert, in: Das ritterliche Turnier im Mittelalter. Beiträge zu einer vergleichenden Formen- und Verhaltensgeschichte des Rittertums, hg. von Josef Fleckenstein, Göttingen 1985, S. 450‒499, oder den Ausstellungskatalog: Turnier. 1000 Jahre Ritterspiele. Kunsthistorisches Museum Wien, hg. von Stefan Krause/Matthias Pfannenbichler, München 2017. 11 Siehe Joachim Ehlers, Dom- und Klosterschulen in Deutschland und Frankreich im 10. und 11. Jahrhundert, in: Schulen und Schüler im Mittelalter, S. 29‒52.

19


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook