Jens Neubert ( Hg. )

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Das Leben eines Kapellmeisters, von ihm selbst erzählt
1909–1960
Das Leben eines Kapellmeisters, von ihm selbst erzählt
NZZ Libro
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Coverabbildung: Otto Ackermann dirigiert, 1950er-Jahre (Quelle: FL)
Covergestaltung: icona basel gmbh, Basel
Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen
Layout, Satz: Stoffers Grafik-Design, Leipzig
Druck: BALTO print, Vilnius
Printed in the EU
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ISBN Print 978-3-03980-065-0
ISBN E-Book 978-3-03980-066-7
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Musik!
«Die Musik ist die einzige Kunst, die dem Wort ‹absolut› einen Sinn verleiht. Sie ist das gelebte Absolute, gelebt dennoch über die Vermittlung einer ungeheuren Illusion, da es sich auflöst, sobald die Stille wieder eintritt. Sie ist ein flüchtiges Absolutes, im Grunde ein Paradox. Diese Erfahrung muss unendliche Male wiederholt werden, um fortzudauern; sie steht der mystischen Erfahrung sehr nahe, deren Spuren ebenfalls verwischen, sobald das Alltägliche wieder einsetzt. […]
Die Musik ist die Sprache der Transzendenz. […] Sie ist ein eigenes Universum, ein unendlich wirkliches Universum, obgleich unbegreifbar und flüchtig. Einem Menschen, der nicht in sie einzudringen vermag, weil er nicht für ihren Zauber empfänglich ist, fehlt geradezu die Daseinsberechtigung. Das Höchste ist ihm vorenthalten. Verstehen tun nur diejenigen, für die sie unentbehrlich ist. Die Musik muss wahnsinnig machen, sonst hat sie keinen Wert.»
Emil Cioran (1911–1995)1
«Wir halten die klassische Musik für den Extrakt und Inbegriff unserer Kultur, weil sie ihre deutlichste, bezeichnendste Gebärde und Äußerung ist. Wir besitzen in dieser Musik das Erbe der Antike und des Christentums, einen Geist heiterer und tapferer Frömmigkeit, eine unübertrefflich ritterliche Moral. Denn eine Moral letzten Endes bedeutet jede klassische Kulturgebärde, ein zur Gebärde zusammengezogenes Vorbild des menschlichen Verhaltens. Es ist ja zwischen 1500 und 1800 mancherlei Musik gemacht worden, Stile und Ausdrucksmittel waren höchst verschieden, aber der Geist, vielmehr die Moral ist überall dieselbe. Immer die menschliche Haltung, deren Ausdruck die klassische Musik ist, dieselbe, immer beruht sie auf derselben Art von Überlegenheit und Zufall. Die Gebärde der klassischen Musik bedeutet: Wissen um die Tragik des Menschentums, Bejahen des Menschengeschicks, Tapferkeit, Heiterkeit! Ob das nun die Grazie eines Menuetts von Händel oder von Couperin ist, oder die zu zärtlicher Gebärde sublimierte Sinnlichkeit wie bei den Italienern oder bei Mozart, oder die stille, gefasste Sterbensbereitschaft wie bei Bach, es ist immer ein Trotzdem, ein Todesmut, ein Rittertum, und ein Klang von übermenschlichem Lachen darin, von unsterblicher Heiterkeit. So soll es auch in unsern Glasperlenspielen klingen, und in unsrem ganzen Leben, Tun und Leiden.»
Hermann Hesse (1877–1962)2
1 Emil Cioran: Werke, Frankfurt am Main 2008, S. 2037.
2 Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel, Frankfurt am Main 1982, S. 44.
«Otto Ackermann
* 5.10.1909 Bukarest, † 9.3.1960 Wabern (Gemeinde Köniz), von Bern.
Sohn des Ignatz und der Theresa geborene Hart. ∞ Frances Stettler. Ausbildung zum Kapellmeister an der Königlichen Akademie in Bukarest und bei George Szell und Walther Gmeindl an der Berliner Musikhochschule. 1932–1935 Erster Kapellmeister am Deutschen Theater in Brünn, 1935–1947 Erster Kapellmeister am Berner Stadttheater, 1947–1952 musikalischer Oberleiter an der Wiener Volksoper, 1949–1955 Erster Kapellmeister am Stadttheater in Zürich, daneben Gastdirigent an der Wiener Staatsoper, an der Oper von Monaco und in Italien. 1954–1958 Generalmusikdirektor der Städtischen Bühnen Köln, 1958 musikalischer Oberleiter am Stadttheater in Zürich. Bedeutender Dirigent von MozartOpern und Strauss-Operetten. Zahlreiche Schallplattenaufnahmen.»3
«Otto Ackermann
* 5.10.1909 (nach gregorianischem Kalender 18.10.1909) Bukarest (RO), † 9.3.1960 Wabern BE.
Nach der Klavierabschlussprüfung in Bukarest 1926–28 Ausbildung zum Kapellmeister an der Staatlichen akademischen Hochschule für Musik Berlin-Charlottenburg (Kapellmeisterklasse Julius Prüwer). 1928–32 Correpetitor und Kapellmeister an den Vereinigten Städtischen Theatern Düsseldorf, 1932–35 Opernleiter am Deutschen Theater in Brünn. 1935–47 erster Kapellmeister und Regisseur am Stadttheater Bern, Bern BE (unter anderem 1944 szenische Erstaufführung in deutscher Sprache von Arthur Honeggers ‹König David›, 1947 Uraufführung von Walter Furrers ‹Der Faun›, Regie: Stephan Beinl, sowie 1942 zusammen mit Heinrich Sutermeister Inszenierung von dessen ‹Zauberinsel›). 1947–51 Kapellmeister und musikalischer Oberleiter der Wiener Staatsoper im Theater an der Wien, daneben regelmässig als Gast am Stadttheater Zürich und weiterhin am Stadttheater Bern. 1951–53 erster Kapellmeister am Stadttheater Zürich, wo Ackermann auch später gastierte (zahlreiche Schweizer Erstaufführungen vor allem aus dem slawischen Repertoire, etwa Janáčeks ‹Katja Kabanowa› (1948) und ‹Das schlaue Füchslein› (1955), Mussorgskys ‹Chowanschtschina›, Jacques Iberts ‹Angélique› sowie beachtete Interpretationen von Debussys ‹Pelléas et Mélisande› und zahlreicher Opern von Richard Strauss). 1953–58 Generalmusikdirektor und Opernleiter in Köln. Nach schwerer Krankheit Rückkehr ans Stadttheater Zürich, dessen Oberleiter er 1959/60 war. Häufige Gastverpflichtungen an der Mailänder Scala und anderen grossen Opernhäusern in Italien, Spanien, Belgien und Frankreich. Zahlreiche Einspielungen auf Tonträger sowie Aufnahmen für den Westdeutschen Rundfunk und Südwestfunk Baden-Baden. 1949 erhielt Ackermann die Schweizer Staatsbürgerschaft.»4
3 Thomas Gartmann: «Ackermann, Otto», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.3.2001, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017798/2001-03-27/.
4 Ingrid Bigler-Marschal: Otto Ackermann, in: Andreas Kotte (Hg.): Theaterlexikon Schweiz, Zürich 2005, Bd. 1, S. 27.
In der Schweizerischen Nationalphonothek Lugano befindet sich der Nachlass des Kapellmeisters Otto Ackermann in 26 Ordnern, vier Archivschachteln sowie zahlreiche Fotoalben; er enthält 65 Partituren, 71 Compact Discs, 13 Schellackplatten, 64 Azetatplatten, 63 Magnetbänder, 147 Langspielplatten, 17 Singles und eine umfangreiche Dokumentation: Korrespondenzen, Konzertprogramme, Kritiken. Das phonografische Archiv ist erschlossen und zu Teilen heute im Internet auch hörbar.
Der Dirigent Ackermann ist heute vergessen. Seine in Lugano aufbewahrten Memoiren erzählen eine Biografie, die sich in den grossen welt- und kulturgeschichtlichen Brüchen des vorigen Jahrhunderts abspielte. Das «feuilletonistische Zeitalter» wird in den Stimmen seiner Kritiker hörbar und die Archivmaterialien überliefern eine überaus erfolgreiche, jedoch kurze Karriere. Eine heute vergessene Zeit wird lebendig. Allein die Namen der Künstler, die Ackermann in seiner Studentenzeit im Berlin der 20er-Jahre sieht und hört und am Lebensende erinnert, lesen sich wie ein «Who is who» der Emigranten des Musik- und Theaterlebens der Zwischenkriegszeit. Als Ackermann dirigierte, gab es den Beruf des Musikkritikers noch – und damit eine lebendige Auseinandersetzung mit Musik und Theater unter wissenden Vermittlern und einem neugierigen Publikum. Seine Kritiken sammelte Ackermann in Kladden, und das ermöglicht es heute, seiner Wirkung zu Lebzeiten nachzugehen. Neben den transkribierten Memoiren werden zu den einzelnen Lebensabschnitten Zitate aus den Kritik-Kladden gegeben. Ackermann notierte seine «Lebensläufe» in einem Schweizer Sanatorium nach einer lebensbedrohlichen Operation.
Die Notizen sind unter dramatischen Umständen entstanden als Erinnerungen eines Kapellmeisters an seinen Berufsweg mit allen Höhen und Tiefen, eine Karriere, die er beendet sieht, es ist eine Abrechnung mit der eigenen Hybris. Er ist im 47. Lebensjahr. Im Vergleich zu den Biografien anderer Dirigenten des 20. Jahrhunderts, z. B. Thomas Beecham, Karl Böhm, Fritz
Busch, Erich Kleiber, Bruno Walter, Wolfgang Sawallisch, George Solti – um nur einige zu nennen –, sind die Notate Ackermanns bescheiden im Umfang. Seine Wirksamkeit zu Lebzeiten am Dirigentenpult in den Orchestergräben der Opern Düsseldorf, Brünn, Bern, Zürich, Wien, Köln, Paris, Mailand und Catania umfasst jedoch mehr als 150 Werke des Repertoires und über 120 Schallplatteneinspielungen in 30 Arbeitsjahren. In einem Abschiedsbrief an seinen letzten «Chef», den Intendanten des Kölner Opernhauses Herbert Maisch, ergänzte Ackermann den persönlichen Lebensbericht um die Kapitel zu seinem Wirken in Wien und Köln. Dieser Abschiedsbrief beschreibt
Ackermanns Einsatz für den Wiederaufbau des Musiklebens an der Wiener Staatsoper, die in diesen Jahren in Trümmern lag, und berichtet von seiner Arbeit für die Oper in Köln, die er als Neubau eröffnen wird im Beisein des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Das Engagement in Köln als Generalmusikdirektor ist die vorletzte Station seiner Lebensreise. Die Stadt Zürich, mit Oper und Tonhalle, wird für Ackermann nach einer Lebenskrise zum letzten Wirkungsort.
Menschen aus Zürich haben die vorliegende Veröffentlichung angeregt. Die dankbare Erinnerung an die musikalischen Erlebnisse durch den Kapellmeister Ackermann in ihren Jugendjahren, an seine unvergesslichen Dirigate in den 50-er Jahren, ist der Grund für dieses Erinnerungsbuch. Wenn 65 Jahre nach dem Tod des Kapellmeisters diese persönlichen Dokumente ausgebreitet werden, dann mit dem Ziel, dadurch an den Menschen und Künstler Otto Ackermann zu erinnern, in der Hoffnung, dass Musikliebhaber durch die Texte die vorhandenen Tonaufnahmen des grossen Musikers wieder entdecken.
Die physischen Reproduktionsmedien für Musik sind nach nur einem Jahrhundert heute aus dem Alltag verschwunden und nur noch in Archiven zu finden, auf Azetat-, Schellack- oder Polyvinylchlorid-Schallplatten. Die früher auf Tonträgern reproduzierte klassische Musik ist heute digitalisiert, das heisst aber auch, wer nach dieser radikalen Transformation nicht «digitalisiert» überlebte, der bleibt in den Archiven vergessen. Das Erstaunliche an Ackermann ist: Er ist mit zahlreichen – bei Weitem noch nicht allen – Tonaufnahmen im World Wide Web zu finden. Nur fragen die meisten Menschen nicht nach dem Namen des Dirigenten. Allein im Internetportal Spotify finden sich Tausende Tracks, dirigiert von Ackermann, aber vor allem im Katalog der Nationalphonothek Lugano gibt es digitalisierte Schätze zu entdecken. An einer umfassenden Aufarbeitung dieser Artefakte wird weiter gearbeitet.
Bereits in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts erklärte der Kulturmanager Gerard Mortier die Oper zum «Auslaufmodell».5 Dabei reanimiert der
5 In: Der Spiegel, 28.3.1993.
Opern- und Konzertbetrieb heute wenige Werke in redundanter Alltagsästhetik. Die theatrale Übersetzung klassischer Meisterwerke – die «Kunst der Verwandlung» – ist einer Aktualisierung gewichen, die mit den historischen Meisterwerken eine entzauberte Postmoderne inszeniert. Grosse Opernhäuser spielen heute im Stagione-Betrieb maximal sechs bis acht Neuinszenierungen über eine Saison. Zu Ackermanns aktiven Zeiten, in den 30er- bis 50er-Jahren, waren nicht nur an der Wiener Staatsoper über 80 Opern im Spielplan pro Saison und täglich wechselnde Werke üblich. Das war «Repertoiretheater». Mit der Anzahl der Werke und der Vielfalt an Inhalten erlebten die Stadtgesellschaften einen künstlerischen Reflexionsraum, der über 400 Jahre Opern- und Kulturgeschichte lebendig machte für die Gegenwart. Die Opern wurden weder aktualisiert noch bearbeitet. Wollte man Neues, wurden selbstverständlich neue Werke komponiert.
Ein junger Kapellmeister musste sich das grosse Repertoire nach dem Studium zuerst als Korrepetitor aneignen, innerhalb von drei bis fünf Jahren, bevor er in Abendvorstellungen als Ersatzmann einspringen konnte, meist ohne eine einzige Probe mit dem Orchester. Bewährte sich ein Korrepetitor als Einspringer, begann seine Laufbahn als Dirigent, und erst nach einem Einstand als Nachdirigent – als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung – mit dem Grundrepertoire von Mozart bis Verdi konnte er mit einem festen Engagement als Kapellmeister in dritter oder zweiter Position rechnen. Das war ein harter Weg nach oben. Auch davon berichtet Ackermann.
In den 20er-Jahren war Berlin das avantgardistische Zentrum der klassischen Musik und Ackermann war als junger Musiker dabei. Es war seine Lehrzeit. Einmal den Alltagsbetrieb eines Theaters am Laufen zu halten, das war seit einer ersten Feuerprobe als Dirigent in Bukarest sein Traum. Dazu brauchte es ausser Repertoirekenntnis eine umfassende Ausbildung, «Handwerk». Kein Abend, den er nicht in einem Konzertsaal oder einer der drei grossen Opernbühnen Berlins hörend und die Meister studierend verbrachte: Erich Kleiber, Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer. Nach der Berliner Zeit ging er mit 19 Jahren als Korrepetitor nach Düsseldorf. Dort traf er auf nicht weniger routinierte Lehrmeister und Theaterpraktiker. Die modernen Werke von Hindemith wurden durch ihn neu einstudiert, als Korrepetitor war er der «erste» Helfer der Sänger und wurde so nicht selten zum praktischen Vermittler zwischen Komponisten und Dirigenten. So lernte Ackermann auch Ernst Krenek, Alban Berg und Franz Schreker kennen. Von seiner eigenen Durchsetzungskraft und Euphorie erzählt er in den Memoiren. Die Düsseldorfer Zeit war eine glückliche unter Gleichgesinnten. Am Ende seiner Karriere wird er noch einmal in Düsseldorf dirigieren, ein Gastspiel als Generalmusikdirektor, es muss ein Fest gewesen sein für alle, die ihn als jungen Menschen kannten und den Krieg überlebt hatten.
Alle Theater spielten damals auf «Einnahme». Das Können der Sänger stand im Fokus der Regisseure und auch der Feuilletonisten. Der Mythos vom Maestro war noch nicht die Tinte wert. Umso erstaunlicher ist, dass der junge Kapellmeister Ackermann in Düsseldorf schon früh für Schlagzeilen sorgte.
Ackermanns Weg heraus aus der «Lehrzeit» als Korrepetitor, in die «Provinz» als Kapellmeister an den Stadttheatern von Brünn und Bern und danach in die «grosse Welt» Wiens ist exemplarisch für seine Zeit. Sein Lebenslauf beschreibt, wie ein Künstler den Weg der Kapellmeisterlaufbahn durchläuft mit allen Hürden der theatereigenen Gesetze und Intrigen: Es ist eine Lebensbeichte für junge Dirigentinnen und Dirigenten. Ackermann überschreibt seine Erinnerungen mit «Nah am Ziel. Die Geschichte eines zu ehrgeizigen Musikers».
am Ziel.
Lebenslauf I6, S. 1:
Bei mir war eine dichterische Begabung nie vorhanden, hingegen soll meine Musikveranlagung gross gewesen sein – dieses wurde mir bereits in meiner frühesten Jugend dermassen eingeredet, bis ich es selbst glauben musste.
Jedoch, dass meine «Begabung» nicht Schritt hielt mit fast allen meinen Zeitgenossen gleichen Berufes, gab mir in den letzten Jahren doch sehr zu denken. Gewiss, die Hitler-Jahre warfen meine mehr oder weniger in Deutschland gut angefangene Laufbahn um gut zwölf Jahre zurück. Dennoch, auch nach dem Krieg ging es nicht so glatt, wie mir in meiner Jugend allgemein prophezeit wurde.
Hatte ich Pech, irrten die Voraussagen, habe ich zu früh die Flinte ins Korn geworfen, war ich für meinen Beruf nur der Begabung, aber nicht meiner Constitution nach gebaut? Dieses sollen meine Freunde urteilen. Ich möchte vor allem vielen meiner grossen und kleinen Kollegen folgende Lehren erteilen:
Arbeitet nicht zu viel, der Schlaf ist das Wichtigste, was der Mensch braucht, dirigiert nach eurem 37. Lebensjahr nicht, wenn ihr über 37° Fieber gehabt. – Penicillin und andere Aufputschmittel rächen sich bitter in späteren Jahren.
Es ist furchtbar für mich, meinen Geist frisch zu wissen, hingegen meinen Körper – der Carriere willen – vollkommen verbraucht.
Kein Konzentrationslager eines totalitären Regimes kann schlimmer als mein jetziger Zustand sein, denn, ich habe keine Hoffnung mehr!7
Otto Ackermann Wabern im November 1956
6 Die Transkription der Lebensläufe (Signatur: NO Ott; Dokumentation zum Nachlass Otto Ackermann [LIB1037]) korrigiert die Interpunktion und Rechtschreibung in vielen Fällen stillschweigend, übernimmt aber einige zeitgemässe Schreibweisen vom Original. Die Zeitungsausschnitte finden sich ebenso im Nachlass, alle in Heften aufgeklebt, zum Teil beschnitten und auch unlesbar. Soweit möglich wird eine Rezensenten- und Quellenangabe geliefert und auch hier die Interpunktion und Rechtschreibung in einigen Fällen stillschweigend korrigiert.
7 Dieser Aufschrei wird heraus aus der Not verständlich, «davongekommen» zu sein und nach all der Arbeit jetzt gesundheitlich nicht mehr kräftig genug, das Überleben zu rechtfertigen, als Mensch und Künstler.
Über Otto Ackermanns Herkunft ist bekannt, dass er am 5. Oktober 1909 in Bukarest geboren wurde. Seine Mutter Theresa, geborene Hart, muss eine begabte Pianistin gewesen sein, verdiente aber den Lebensunterhalt als Klavierlehrerin. Sein Vater Ignatz Ackermann war ein Kaufmann und hatte keinerlei musische Interessen. Das Elternpaar trennte sich früh. Der kleine Otto wuchs bei der Mutter auf. Er lernte ab dem fünften Lebensjahr von ihr das Klavierspiel.
Geboren wurde Ackermann im Königreich Rumänien. Diese Monarchie – das sogenannte Altreich – brach mit dem Ende des Ersten Weltkrieges nicht wie andere Monarchien in Resteuropa zusammen, sondern hielt sich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die rumänische Regierung stand seit Beginn des Ersten Weltkriegs sowohl mit den Mittelmächten als auch mit der Entente in Verhandlungen über einen Kriegseintritt. Rumänien blieb trotz des Werbens beider Seiten neutral. Die Alliierten sicherten dem neuen Bündnispartner zulasten von Österreich-Ungarn den Besitz von Siebenbürgen, des Banat und von Teilen der Bukowina zu. Am 27. August 1916 erklärte Rumänien Österreich-Ungarn den Krieg, einen Tag später erfolgte die deutsche Kriegserklärung an Rumänien. Nach dem Ersten Weltkrieg verdoppelte sich die Landfläche des Königreiches. Der Zweite Weltkrieg sah Rumänien an der Seite Deutschlands als faschistisches Land. Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte Rumänien bis zum Zusammenbruch des Kommunismus in ganz Osteuropa zur sowjetischen Einflusssphäre.
Faul in der Schule und immer fleissig am Klavier, hoffte der Knabe Otto die Träume seiner Mutter zu erfüllen und wollte ein Wunderkind am Klavier werden. Früh war er fasziniert von der Oper und schlich sich von zu Hause fort, um Vorstellungen zu besuchen und schon bald – noch fast ein Kind – selbst zu dirigieren. Das Spektakel erlebte der Junge als grosses Wunder und sich selbst als einen jungen Magier mit dem Zauberstab. Sein Ausnahmetalent sprach sich schnell herum in Bukarest und führte zu einem Engagement in
einer Operngruppe, hier sammelte er grundlegende Erfahrungen für den späteren Lebensberuf, er war 16 Jahre alt.
Als junger Musiker kam Otto Ackermann in den «goldenen 20er-Jahren» nach Berlin. Hermann Hesse bezeichnete dieses Jahrzehnt als das «feuilletonistische Zeitalter».8 Hesse schreibt, das «feuilletonistische Zeitalter» sei keineswegs geistlos gewesen, aber es habe mit seinem Geist wenig anzufangen gewusst, «oder vielmehr, es hat dem Geist innerhalb der Ökonomie des Lebens und Staates nicht die gemässe Stellung und Funktion anzuweisen gewusst». Kunst und Musik waren lebendig und auch in den Zeitungen der Städte immer ein Thema. Man erfuhr auch in Bukarest, was in Berlin «los» war. Erstaunlich ist, dass Ackermanns Mutter weder Paris noch Wien im Blick hatte, sondern allein die Metropole Berlin. Wohl auch, weil jüdische Verwandtschaft dort lebte und ein erstes Unterkommen für den Studenten möglich war.
Ackermann kam – noch nicht volljährig – nach Berlin. Die Stadt war überfüllt mit Musikern und Künstlern. Es wirkten die Besten ihrer Zeit an den Opernhäusern und in den Konzertsälen Berlins. Nach der Eignungsprüfung bekam er im Wettbewerb gegen Hunderte von Mitbewerbern einen der zwei begehrten Studienplätze an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin bei Professor Julius Prüwer (Kapellmeisterklasse), Prof. Walther Gmeindl und Hermann Weigert (Theorie), Prof. Valeska Burgstaller (Klavier) und Prof. Georg Szell (Partiturspiel). Die Berliner Jahre bezeichnete Ackermann in seinen Schriften mit den Worten Stefan Zweigs als «perikleische Zeit». Er hörte und sah in den Konzertsälen und Opernhäusern die besten Dirigenten der Zeit: Erich Kleiber an der Staatsoper, Otto Klemperer an der Kroll-Oper, Wilhelm Furtwängler in der Philharmonie, Bruno Walter an der Städtischen Oper. Berlin wird zu Ackermanns Eliteschule, denn sein Geist erwachte dort. Seine Erinnerungen an die Meister seiner Jugend sind von symbolischer Bedeutung. Als Zuhörer in den Aufführungen der Meisterdirigenten der Zwischenkriegszeit erlebte der junge Musiker seine Berufung. Ein Höhepunkt ist das Berliner Gastspiel der Mailänder Scala mit Toscanini als Dirigent im Sommer 1929 («Falstaff», «Il Trovatore», «Manon Lescaut», «Aida», «Rigoletto», «Lucia di Lammermoor»). Zeit seines Lebens orientierte sich Ackermann danach an Toscanini.
Der begabte rumänische Junge verdiente nach kurzer Zeit in Berlin sein eigenes Geld als Korrepetitor der Opernklasse und begleitete auch im Stummfilmkino Vorführungen am Klavier. George Szell (1897–1970), selbst ein Kindergenie, hatte mit 17 Jahren die Berliner Philharmoniker dirigiert und
8 Hermann Hesse: Glasperlenspiel, Zürich, S. 18 ff.