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RUPERT GOTTFRIED FRIEBERGER

ARS CELEBRANDI EIN HANDBUCH FÜR STUDENTEN DER LITURGIEWISSENSCHAFT UND DEN INTERESSIERTEN LITURGEN


RUPERT GOTTFRIED FRIEBERGER

ARS CELEBRANDI

FABIAN

EDITION


Dem Hochw端rdigsten Herrn Erzbischof DDr. Georg Eder und seinen Alumnen freundlich zugeeignet


RUPERT GOTTFRIED FRIEBERGER

ARS CELEBRANDI

VON DER KUNST DES FEIERNS DER LITURGIE DREIZEHN BRIEFE AN EINEN WEIHEKANDIDATEN

FABIAN

EDITION


ISBN 3-902143-01-0

Verleger, Herausgeber und Medieninhaber: FABIAN-EDITION A-4594 Steinbach a.d.Steyr

Alle Rechte vorbehalten

copyright 2001 Herstellung: OFFSETDRUCK MAX HIMSL A-4780 Sch채rding


Inhalt VORWORT......................................................................... 7 I.

VON DER KUNST DER VORBEREITUNG...........10

II. VON DER KUNST DES ANFANGES......................14 III. VON DER KUNST DES ENDES.............................20 IV. VON DER KUNST DES SICH-ANKLEIDENS.......23 V. VON DER KUNST DER BÜCHER..........................27 VI. VON DER KUNST DER GESTEN..........................33 VII. VON DER KUNST DES SCHREITENS.................38 VIII.VON DER KUNST DES SPRECHENS..................42 IX. VON DER KUNST DES SCHWEIGENS................49 X. VON DER KUNST DES SINGENS.........................57 XI. VON DER KUNST DER MUSIK..............................64 XII. VON DER KUNST DES IMPROVISIERENS.........71 XIII.VON DER KUNST DER KOMPETENZ UND DES GEHORSAMS...................................................74


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Weitere Titel bei

FABIAN

EDITION

FABIAN EDITION ISBN 3-902143-02-9 Rupert Gottfried Frieberger GERECHT AUS DEM GLAUBEN 50 ausgewählte Predigten Ein Büchlein zur Betrachtung und zur Anregung Predigten zu Themen „Haltung“ und „Gottes Bürde“.

Bestellungen im Fachbuchhandel und bei:

Verein SCHLÄGLER MUSIKSEMINARE SCHLÄGLER ORGELKONZERTE Schlägler Hauptstr.2, A-4160 Aigen, Österreich Tel. +43 (0) 7281 - 6464 • Fax +43 (0) 7281 6260 e-mail: ms-schlaegl.post@ooe.gv.at


VORWORT ARS CELEBRANDI – die Kunst des Feierns, das ist keine Erfindung von mir, sondern inzwischen eine Alltagsvokabel der Liturgiewissenschaft. Das vorliegende Büchlein ist eine Frucht meiner über 20-jährigen Tätigkeit an der ParisLodron-Universität Salzburg, an der ich neben anderen Aufgaben Theologiestudentinnen und -studenten mit Gesten, Zeichen und Gesängen zum Kult vertraut machen darf. Erstaunlicherweise sind auch Hörerinnen und Hörer anderer Fakultäten an dieser Einführung interessiert. Für das Priesterseminar der Erzdiözese Salzburg bin ich denWeihekanditaten ein Instructor Liturgiae. Nicht nur innerhalb dieser Lehrveranstaltungen und Übungen sind mir oft dieselben Fragen gestellt worden, sondern auch mancher Pfarrer und Kaplan konsultierte mich zum einen oder anderen Thema. Ich habe mich entschlossen, dieses Büchlein als eine Möglich7


keit der Antwort vorzulegen. In Form von Briefen an einen jungen Alumnen sollen dabei Themen angesprochen werden, die die ARS CELEBRANDI in jenes Licht rücken helfen sollen, das sie verdient: daß sie eine KUNST ist, die DIENT. Ein Taschenbuch kann nie den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Das will ich damit auch nicht. Ich möchte nur den Geist wach halten lassen, daß man Liturgie auch mit dem Anspruch auf Kunst feiern kann. Im Hintergrund allen noch so „angepaßten“ und „aktualisierten“ Kultes muß dennoch die EHRE GOTTES stehen. Dann kann das Feiern der „Heiligen Sache“ gelingen. Rupert Gottfried Frieberger Salzburg – Schlägl, in der Österlichen Bußzeit 2001

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VON DER KUNST DER VORBEREITUNG Lieber Mitbruder! Du hast in Deinem Studium sicher gehört, daß eine gute Liturgie vorbereitet sein soll. Dazu dienen Dir heute allerhand „Hilfsmittel“. Allmonatlich können sie von Dir in Buchhandlungen gekauft werden, sogar Zeitschriften kannst Du abonnieren. Vieles davon unterstützt eine „aktualisierte“ Liturgie. Die wichtigste Vorbereitung ist zunächst in Deinem Herzen zu vollziehen. Du willst feiern. Du willst Liturgie der Eucharistie und der Sakramente leiten. Auf Dich kommt es letztlich an, wie der Kult – den Du dem Bischof bei der Priesterweihe versprechen wirst, gemäß der vorgegebenen Ordnung zu feiern – sich darbietet und entfaltet. Zur Vorbereitung dienen Dir auch – und ich möchte sagen: in erster Linie – die offiziellen Ausgaben des Meßbuches, des Lektionares und die Bücher für die Sakramentenspendungen. Zur Feier des Stundengebetes ist Dir das offi10


zielle Brevier, respektive Dein Ordensbrevier an die Hand gegeben. Das für den jeweiligen Sprachraum geschaffene Kirchengesangbuch (im deutschsprechenden Raum genannt „Gotteslob“) brauchst Du auch. Und zum fixen Bestandteil Deiner Schreibtisch-Bibliothek ist auch das jeweilige Directorium Liturgicum zu rechnen, das Deiner Diözese und das Deines Ordens. Ich empfehle Dir sehr, die Allgemeine Einleitung in das Meßbuch, zum Stundengebet und zur Feier von Taufe, Begräbnis und Firmung in Mußestunden aufmerksam zu lesen. Viele meiner Studenten haben mir schon gestanden, daß sie hier Dinge erfahren haben, die sie vorher nicht oder nur wenig bedacht hatten. Als nur kleines Beispiel möchte ich da anfügen, daß einigen die Möglichkeit, am Sonntag anstelle des Bußaktes die Gemeinde mit Weihwasser zu besprengen (samt zugehörigem Psalm und Gebet), völlig unbekannt war. Zur Vorbereitung gehört auch, genügend Zeit einzuplanen vor Beginn der Messe. Nicht nur im rechtzeitigen Erscheinen in der Sakristei erkennt man den guten Liturgen, auch schon 11


am Gang zur Sakristei. Und wirf selbst auch einen Blick in den Kirchenraum, wie alles bereitet ist. Bleib neugierig in liturgischen Dingen, dann wirst Du nie in platte Routine verfallen! Wir mit Stimmbildung Beschäftige machen, wie die Theaterleute auch, unsere heimlichen sprechtechnischen Übungen; je früher die Termine am Morgen sind, desto intensiver. Auch das kannst Du Dir überlegen. Physisch und psychisch sollst Du bereitet zum Kult schreiten. Gewaschene Hände, gekämmtes Haar und ordentliche Kleidung sind wohl eine Selbstverständlichkeit. Hüttenzauber ausgenommen, aber solche Situationen wie Bergmesse oder Liturgie mit Gruppen will ich Dir hier nicht erklären und sind auch nicht die Normalität. So wie Du Dich vorbereiten würdest, wenn Du selbst zu einer Feier eingeladen bist, so wirst Du richtig handeln, Dich für die Liturgie innen und außen zu bereiten. Ich grüße Dich herzlich!

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VON DER KUNST DES ANFANGES Lieber Mitbruder ! Was meine ich mit der Kunst des Anfanges? Nun, genau die Situation, bevor die Messe beginnt. Du bist angekleidet, Du bist äußerlich und innerlich bereit für die Feier der Eucharistie. Du stehst in der Sakristei, und die, die mit Dir Funktionen ausüben, sind um Dich. Nun hast Du einen Zug zu ordnen. Mach das, bitte, mit klugen Worten. Ein Weniger ist auch hier ein Mehr. Trachte, daß die, die da mit Dir nun einziehen werden in den Tempel Gottes, ebenso ordentlich gekleidet sind, sich ordentlich verhalten, Haltung annehmen. Bei militärischen Organisationen würde ein Befehl erteilt für das Marschieren. Militärisch mußt Du nichts machen in der Liturgie. Aber es geht schon darum, daß einer nun ein psychologisches Signal geben muß, daß „man“ einzieht. Früher war das durch das Wort „Procedamus“ vom Zeremoniär geregelt. Es gefällt mir, wie es mancherorts gemacht wird: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn!“ sagt der Vorste14


her, und die anderen in der Sakristei antworten: „Der Himmel und Erde erschaffen hat.“ Und das genügt auch. Meide im Dialekt geformte „Befehle“. Auch das hörte ich schon. So etwas ist eher peinlich und für das, was folgt, ganz unpassend. Meist ist es üblich, daß dann beim Überschreiten der Sakristeitürschwelle in den Kirchenraum mit einer eigenen Sakristeiglocke geläutet wird. Auch hier habe ich schon Verschiedenes erlebt. Trachte, daß die, die diese Glocke läuten sollen, es einmal ordentlich gelernt haben, am Glockenzug zu ziehen. Nicht zu zaghaft und auch nicht zu energisch, nicht zu langsam und auch nicht zu schnell. Die Glocke soll schwingen können. Ich selbst halte es gerne so, daß ich – wenn ein guter Organist Dienst tut – darum bitte, daß ein passendes Stück der Orgelliteratur schon ein, zwei Minuten vor der Beginnzeit zu spielen angefangen wird, und damit die Gemeinde miteingestimmt wird in den Gottesdienst. Dann störe ich diese Musik natürlich n i c h t durch ein Glockenzeichen mit der Sakristeiglocke, sondern wir ziehen zum Orgelspiel ein. 15


Das Läuten der Glocken im Turm gehört zur Liturgie. Damit beginnt eigentlich schon die Liturgie. Also soll der Zug zu diesem Zeitpunkt in der Sakristei bereits formiert sein. Das Läuten von Glocken will gelernt sein. Wer immer es macht – der Küster, die Ministranten, der Priester selbst – , der Betreffende muß wissen, daß größere Glocken mehr Einschwingzeit brauchen als kleinere. In der heutigen Zeit des elektrischen Läutens (mit wenigen Ausnahmen, welche ich empfehle, so lange wie möglich zu erhalten!) muß also die einzelnen Schalter mit Einsatz des Verstandes betätigen. Langsam, nacheinander, zuerst die größeren absteigend bis zur kleinen Glocke, und Abschalten ebenso, nur in umgekehrter Reihenfolge. Denke einmal nach und belies Dich über Läute-Ordnungen größerer Kirchen aus der Vergangenheit, ob das nicht auch eine Möglichkeit für Deine Kirche wäre: an hohen Feiertagen schon 10 Minuten vor der Liturgie mit dem Läuten zu beginnen, zuerst jede Glocke einzeln, dann gewisse miteinander, dann erst das volle Geläute. Beinahe wollte ich Dir schon einen Brief konzipieren „Von der Kunst des Läutens“, aber ich denke, daß Du nun weißt, daß auch das eine Kunst des Anfangens ist. 16


Laß mich noch einige Worte zum Beginn der Meßfeier verlieren: Überleg Dir, mit welcher Grußformel Du beginnst. Einem Bischof steht der Gruß: „Der Friede sei mit dir!“ zu und er steht ihm auch gut an. Leider höre ich nicht jeden Bischof so grüßen; schade, denn das ist sehr sinnvoll. Was dann folgt, wären Worte der Einleitung in die Feier und zum Bußakt. Hier ist jedenfalls nicht der Platz für eine erste Predigt. Es ist auch nicht die Notwendigkeit gegeben, krampfhaft einen Bogen zwischen Lesungen und Evangelium spannen – in seltensten Fällen sind sie ja aufeinander abgestimmt, am wenigsten an Werktagen. Manchmal ist das peinlich anzuhören, was Liturgen da exegetisch und homiletisch von sich geben. Denk daran, daß Dir für den Bußakt mehrere Formen zur Verfügung stehen. Aber bedenke auch, die Vergebungsbitte muß immer gesprochen werden. Und das Kyrie – um das die Wissenschafter uneins sind, ob es dem Bußakt angehört oder nach diesem eine Anrufung ist – muß auch vorkommen! Wenn ein Gloria im Directorium vorgegeben ist, kann dieses den Bußakt nicht eliminieren. Bloß, wenn Du Stundengebet (Laudes oder Vesper) kom17


binierst mit der Eucharistiefeier, folgt das Gloria auf die Psalmreihe.(Vgl. Allgemeine Einführung in das Stundengebet, Art.90 etc.). Geh, fang an, tu’s mit Verstand und mit gutem Willen! Es grüßt Dich herzlich

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VON DER KUNST DES ENDES Lieber Mitbruder ! Auch das Ende einer liturgischen Feier will bedacht sein. Du hast den Entlassungsgruß gesprochen, die Gemeinde hat Dir geantwortet mit „Dank sei Gott dem Herrn“. Auf das kann nur die Auszugsprozession folgen. Die formiert sich wie beim Einzug. Nur in Ausnahmefällen kann ich mir vorstellen, daß hier noch einmal ein Lied gesungen wird. Denn das Danklied war schon nach der Kommunionspendung, vor dem Schlußgebet. Und mit einem Lied, an dem Du Dich kaum beteiligen kannst, weil Du ja ausziehst, widersprichst Du dem gemeinschaftsstiftenden Charakter des Kirchengesanges. Laß an hohen Festtagen wieder die Glocken läuten zum Auszug. Das schafft Feierlichkeit. Wenn Du mit dem Zug in der Sakristei ankommst, sprich: „Deo gratias“, oder ein höfliches Wort des Dankes, und erziehe Deine Mitarbeiter zur Ruhe, gerade für diesen Moment. Nichts ist abträglicher als ein Gejohle oder Zurufen von Grüßen oder Austeilen von Wochenerinnerungen verbal oder schriftlich. So wie Du begonnen hast, so soll es jetzt auch sein. 20


Ich kann mir gut vorstellen, wenn Du den Vorteil eines guten Organisten hast, daß Du diesem wiederum am Ende der Liturgie ein ausgesuchtes Stück der Orgelliteratur spielen läßt. Dann bleibe ich zum Beispiel auch sitzen und bitte die Gemeinde ebenso darum. Diese Musik soll dann auch gehört werden und nicht das Davonlaufen untermalen dürfen. Der Anfang und das Ende haben vieles gemeinsam. Jedenfalls will auch das Ende der Liturgie überlegt sein. Darum bittet Dich, mit abermals lieben Grüßen Dein

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VON DER KUNST DES SICH-ANKLEIDENS Lieber Mitbruder ! Zu den Heiligen Riten ziehst Du besondere Gewänder an. Ihre Form, ihre Farbe und ihre Verwendung haben Geschichte. Und sie haben auch Sinn. Das Schultertuch dient nicht nur dazu, Schweiß zu sammeln, der über Dein Hinterhaupt rinnen kann; es verdeckt vorne den Hemdkragen oder das obere Ende Deines Rollkragenpullovers, dessen Farbe Du nicht zur Schau stellen mußt. Die Albe ist ein langes, weißes Untergewand. Sei sorgsam, wie Du die Albe mit dem Cingulum gürtest. Daß sie gleichmäßig lang bleibt. Und für das Knüpfen eines Knotens mit dem Cingulum rate ich Dir, Dir das von einem erfahrenen Priester zeigen zu lassen. Nicht „irgendwie“, sondern so, daß Du nicht nur anständig ausschaust, sondern – rein praktisch – , daß das Gewand auch dort bleibt, wo Du es haben möchtest...

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Die Stola haben wir früher gekreuzt; das hatte Symbolcharakter: sich unter das Kreuzesjoch wie Christus zu begeben. Heute mußt Du das nicht mehr tun, aber dann trachte, daß die beiden Enden schön gleichlang nach unten fallen, und daß der Kragen gut sitzt. Auch wenn Du meinst, das sieht sowieso keiner. Es ist nicht nur ein aesthetisches Problem, wie Du Dich kleidest zur Feier der Eucharistie, es ist auch Abzeichen Deiner inneren Einstellung. Und jetzt die Kasel darüber: auch hier laß Sorgfalt walten, daß das Gewand schön fällt, gut sitzt und gut geschnürt ist. Noch etwas: in Deiner Sakristei gibt es vielleicht noch eine Menge historischer Meßgewänder. Die beste Art, sie zu pflegen, ist, daß Du sie auch trägst. Laß Dich nicht von törichten Leuten in Klischeehülsen einfüllen, wenn solche an Deiner Kleidung feststellen wollen, Du seiest „konservativ“ oder „progressiv“ – auf den Geist kommt es an! Und denke auch im Sinne der denkmalpflegerischen Ensemblewirkung: solltest Du an einer Barockkirche dienen dürfen, so stellst Du mit „Baßgeigen“Kaseln eine viel bessere Einheit zum Raum her. 24


Dann aber bedenke, daß der Schnitt dieser Meßkleidform damit rechnet, daß Du die Stola kreuzt. Das solltest Du dann auch tun, und nicht in ein stupides Ideologie-Denken verfallen, Du könntest damit wohl zeigen, daß Du eher konservativ wärest. „Konservativ“ und „progressiv“ wirst Du nur aus Deinem Herzen, niemals aus Äußerlichkeiten. So, und jetzt kleide Dich an zur Heiligen Feier und vergiß nicht, daß sich auch das Herz bereiten muß. Also kann es kein Knapp-Kommen geben. Und noch was: die Glocken gehören zur Liturgie, also wirst Du wohl, bevor das Geläute beginnt, fertig angezogen sein! Eine Feier in Andacht wünscht Dir ein es Dir gutmeinender Mitbruder

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VON DER KUNST DER BÜCHER Lieber junger Mitbruder ! Zur Zelebration der Heiligen Messe, also zum Feiern der Eucharistie, aber auch zum Spenden der Sakramente in feierlicher Liturgie – oder, wie bei der Trauung, zur geistlichen Assistenz der Sakramentenspendung – benötigst Du auch Bücher. Liturgische Bücher sind nicht „zufällige Behelfe in gedruckter und gebundener Form“, sondern sie haben sogar Symbolcharakter. Du erinnerst Dich aus Deiner Alumnatszeit im Priesterseminar, daß bei der Domliturgie, nicht nur wenn der Bischof das feierliche Amt hält, das Evangelienbuch feierlich in Prozession mitgetragen wird. So darfst du richtig denken, daß auch andere Bücher in der Liturgie einen besonderen Stellenwert haben. Das heißt: Sorge dafür, daß die Bücher in einem guten Zustand sind, schön ausschauen und auch ebenso aesthetisch gebraucht werden. Da habe ich gesehen, daß ein Landpfarrer sei27


ne schriftlich vorbereitete Einleitung auf wenig ansehnlichen Papierchen gekritzelt hat, und diese dann aus dem Hemdärmel hervorzaubert, um sich und die anwesende Gemeinde in die Liturgie einzustimmen. Ich habe auch gesehen, daß ein Kirchenoberer ein Missale am Altar benützt, das in keiner Weise in Proportion steht zur Größe des Zelebrationsaltars. Das sogenannte „Kleine Messbuch“ ist ja eigentlich für Deinen Schreibtisch bestimmt, zur Vorbereitung der Liturgie, eventuell noch für kleinere Kirchen und Kapellen. Aber merke: das Auge ist an unserem Heiligen Spiel – wie im Theater – immer mitbeteiligt. Das Meßbuch muß in richtiger Proportion zum Altar sein. Und deshalb gibt es auch das „Große Meßbuch“, oder auch den Faszikel für die Feier der Karwoche in diesem Format. Und es sieht wiederum nicht vorteilhaft aus, wenn Du nun das kleine Missale am Altar zum Beispiel vor Deinen Bauch legst, und die Opfergaben von Brot und Wein hinter dem Buch, also der Gemeinde näher zugerückt, am Altar stehen hast. Deine Augen wenden sich dann senkrecht von oben in das Büchlein, und man wird Dich nicht gut verstehen können, weil Du nach un28


ten sprichst. Und das Büchlein hinter die Opfergaben zu drapieren, ist auch nicht von Vorteil: dann stehst Du statisch sehr schlecht am Boden verankert, wenn Du Dich dann noch über Hostienschale und Kelch hinweg mit Deinem Oberkörper knickst, um aus dem Buch zu lesen und zu beten: alles schon gesehen, und daher mit einem Blick für Proportion und Aesthetik für unmöglich zu erklären. Zu einem Buch gehört die richtige Größe samt dem nötigen Pult. Das Pult ermöglicht die richtige Schräge für den Blickwinkel. Auch hier brauchst Du Dich nicht zu schämen, ein ordentliches Pult in Verwendung zu bringen. Eine Grundregel: je natürlicher und selbstverständlicher ein Gegenstand aussieht, desto mehr Daseinsberechtigung verleihst Du ihm. Nicht sich gleich entschuldigen wollen, daß man überhaupt ein Pult verwendet, indem man ein Plexiglas- oder Kunststoffgebilde unter das Buch schiebt oder schieben läßt, das erst recht nicht die nötige Schräge hat, aber halt ein bißchen doch..... Alles, was immer nur „ein bißchen“, „ja schon, aber nicht zu viel“ bedeutet, wirkt in der Liturgie und im Theater wie „nicht gut, aber gut gemeint“, oder eben „quasi“. Bei bestimm29


ten Gesten, wie zum Beispiel der Verneigung, werde ich darauf noch einmal zu sprechen kommen. Ja, und dann ist mir auch unlängst etwas aufgefallen: man feierte den Beginn der Karwoche, Palmsonntag; besonders feierlich, Prozession, Fahnen, Palmbuschen, die Ministranten waren gedrillt, alles auf „besonders schön und feierlich“ vorbereitet. Im Laufe der Liturgie kam es dann zur Passionslesung. Zwei wenig passend gekleidete Lektoren stürzten raschen Schrittes aus der Bank – eine Dame in pink-farbenem Mantel, ein Herr in Sportschuhen und blauem Anorak, flankierten den Zelebranten in der Mitte des Altares, zauberten kopierte lose Zettel hervor und begannen so, Christi Leiden zu verkünden. Nicht wegen der Kleidung – das ist Geschmacksfrage, Erziehungssache und persönliches Ermessen – aber kopierte, durch jahrelangen Gebrauch abgenutzte „Zettel“ sind kein Utensil für die heilige Feier! Da würde zumindest eine ordentliche Mappe in schwarzer Farbe abhelfen. Und wie man dann diese Mappe hält, müßte geübt werden. Aber, mein lieber Mitbruder, hast Du mich nun recht verstanden? 30


Ein Buch in der Liturgie ist etwas. Es ist Gegenstand. Nicht Notbehelf. Laß alle möglichen Gegenstände, und eben auch Bücher, „sprechen“ und gib ihnen ihre Daseinsberechtigung. Dann trägst Du damit bei zur Kunst der Zelebration. Das meint – wie immer – mit lieben Grüßen Dein

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VON DER KUNST DER GESTEN Lieber junger Mitbruder ! Nicht nur durch Worte, auch durch Zeichen teilt sich ein Mensch dem anderen mit. Auch Gott teilte und teilt sich immer wieder durch Zeichen den Menschen mit. Zeichen in der Liturgie drücken etwas aus. Sie haben Tradition, ja sie haben oft eine lang zurückreichende Geschichte, sie sind gewachsen. Nicht jedes Zeichen ist heute vielleicht noch verständlich. Auch Gesten gehören zu diesen Zeichen. Vielleicht ist es sogar ratsam, Zeichen der Liturgie in einer Predigt wieder einmal zu erklären. Wichtig ist, daß Du Dir im Klaren bist, diese Gesten und Zeichen bewußt zu vollziehen. Alles, was Du zu wenig deutlich machst, wirkt „zufällig“ und meist sogar peinlich. Dazu gehört zum Beispiel die Verneigung. Neigst Du Dein Haupt nur um den ersten Halswirbel herum, fällt diese Bewegung sehr klein aus – in einem größeren Raum nimmt man sie gar nicht wahr, in einem kleineren denkt man, wenn man Dir zusieht, Du würdest Deinen Hemdknopf kontrollieren wollen. Nein, mach diese Gesten 33


ordentlich und langsam! Beuge den Körper zur Verneigung: Du willst ja damit Verehrung ausdrücken. Wenn Du den Altar verehren willst, ist es nicht anders, als wenn ich meiner niederländischen Königin Ehre erweisen möchte: da ziemt sich eine deutlich sichtbare Geste des Neigens. Es geht wiederum nicht nur um die Sichtbarkeit, also die Größe der Gesten (übrigens, auch ein übertriebenes, zu großes Gestikulieren kann unaesthetisch wirken!), sondern es geht auch um das Tempo, wie rasch Du diese Gesten vornimmst. Laß Dich von jemandem beobachten, der Dir sagt, wie Du wirkst mit Deinen Gesten! Stehst Du am Altar mit den Händen zum Gebet ausgebreitet – also in der sogenannten „Orantenstellung“ –, so beachte, daß Du gesehen wirst: streck die Arme nicht wie der ans Kreuz geheftete Jesus von Dir! Die Unterarme sollen abgewinkelt sein, die Fingerspitzen etwa die Ohrenläppchenhöhe erreichen, die Handflächen schräg, etwa 45° nach außen gedreht sein. Stell Deine Handflächen nicht so zur Schau, daß man Stigmatisierungen suchen wollte! 34


Denke daran, daß wir in der dem Volk zugewendeten Liturgie auch die Dimension des „nach vorne“-Zeigens und Bewegens haben. Wenn Du zur Heiligen Wandlung Brot und Wein als Leib und Blut des Herrn in Form von Hostie und Kelch zeigst, dann erhebe sie nicht nur nach oben, sondern biete sie auch nach vorne hin dar. Auch andere, wie Akolythen und Meßdiener, haben in der Liturgie Aufgaben, in denen es Gesten zu erfüllen gilt. Leite diese an, ihre Gesten deutlich und ordentlich zu erfüllen. Wenn Dir zum Beispiel ein Meßdiener Wasser über die Finger beim Offertorium gießt, muß er, rein schon um physikalische Gesetze wirksam werden zu lassen, das Wasserkännchen hoch genug halten und dann neigen, daß das Wasser auch wirklich fließen kann, und nicht der Kännchenrand sich auf Deine Finger legt. Auch das Abtrocknen in das dafür vorgesehene Tüchlein will gelernt sein: ein langsames, bewußt vollzogenes Abtrocknen und anschließendes Zusammenfalten des Tüchleins ist sicher schöner, als das rasche Hineinwischen und das Drücken eines zusammengeknäuelten Leinenfleckes in den Arm des Meßdieners. 35


Wenn Du Segen spendest, trachte auch hier, daß Deine Kreuzesform angemessen und in Proportion zum Altarraum ausfällt. Ein kleiner Tipp noch am Rand: beobachte auch einmal im Stillen, was Deine Füße tun, wenn Du angeblich am Altar „stehst“ und mit Händen Zeichen machst. Ich habe da auch bei hohen Würdenträgern schon ein nervöses, unterbewußtes Wippen und Spielen entdeckt. Gesten sind den Ritus unterstützende Zeichen, die gelernt werden wollen, wie ein Schauspieler neben dem Text für die Bühne seine Bewegungen, auch nach Anleitung des Regisseurs, lernen muß. Nimm Dir vor, die Einleitung in das Meßbuch einmal genau zu lesen – oder das Rituale zur Feier des Stundengebetes oder den Sakramentenspendungen zu studieren – und dann Deine Gesten einmal vor einem Spiegel zu machen: auf daß Du sie sehr bewußt in der Liturgie einsetzen mögest – das wünscht sich, mit freundlichen Grüßen wie immer Dein

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VON DER KUNST DES SCHREITENS Lieber junger Mitbruder ! Zum richtigen Verhalten in der Liturgie gehört unter anderem auch das Gehen. Mehrfach bist Du, und sind Deine Mitarbeiter in der Liturgie wie Ministranten, Lektor, Cantor und andere „dienstbaren Geister“ veranlaßt, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen. Das will – wie auf der Bühne – gelernt sein. Am meisten lernst Du dabei, wenn Du beobachtest, wie andere gehen. Beobachte Menschen auf der Straße, in einem Amt, in einer Kirche, und beobachte ruhig auch in einer anderen Kirche das Sich-Fortbewegen der Amtsträger. Du kannst auch davon lernen, wie Du es sicher nicht machen möchtest. Ich habe da schon sehr Unterschiedliches gesehen. Die Bandbreite reicht vom Schleichen wie mit voller Hose bis zum angesetzten SportSprint. In der heutigen, schnell-lebigen Zeit ist sicher das zu rasche Gehen auffällig. Vieles passiert in Eile. Und das sitzt in den Gliedern und kann 38


manchmal auch in der Liturgie nicht abgelegt werden. Denke daran, daß auch der Weg zur Sakristei, der Weg zur Kirche Dich einstimmt auf die kommende Feier. Also, mach Dich rechtzeitig auf und verhalte Dich vorbildlich für andere. Ich kenne hohe geistliche Würdenträger, die prinzipiell die Statio zur täglichen Vesper nur im Eilschritt erreichen. Es mag dahingestellt sein, ob das eine Art besonderer Geschäftigkeit und Eifrigkeit ist; aber eine Einstimmung auf das, was kommt, ist es nicht. Auch das zu langsame Gehen ist nicht das Beste. Es entwickelt sich nichts. Das Ziel fehlt. Also, ich empfehle Dir: „Finde das richtige Maß selbst!“ Es geht um ein angemessenes Schreiten, das Du bewußt vollziehen sollst. Und auch das muß wiederum in Proportion zum Raum stehen. In einer kleineren Kapelle kannst Du Dir kleinere Schritte und also auch ein anderes Tempo leisten als in einer Domkirche. Die Weite eines Raumes wird Dich zu größeren, aber langsamen Schritten „verleiten“ dürfen. Schreitest Du innerhalb der Liturgie durch den Altarraum, zum Beispiel vom Priestersitz zum Ambo, so wirst Du vor dem Zelebrationsaltar 39


eine Reverenz machen müssen. Dann unterbrichst Du also das Schreiten; im Schreiten selbst gibt es keine andere „Aktion“. Das bedeutet, daß Du deutlich stehen bleibst, beide Füße sind nun wieder nebeneinander, Du machst eine Verneigung – und zwar deutlich und angemessen und kein Nickerchen – und setzt dann Dein Schreiten fort. Laß Dir für heute den guten Rat mitgeben: Schreiten will gelernt sein. Ich grüße Dich wie immer herzlich Dein

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VON DER KUNST DES SPRECHENS Lieber Mitbruder ! Zum Vollzug der Liturgie verwendest Du die Sprache, und somit Deine Stimme als Dein ureigenes Instrument – den Wörtern und Worten Töne zu verleihen, sie zu formen und sie „sprechen zu lassen“. Jeder Instrumentalist in einem Orchester, und erst recht jeder Solist, muß sein Instrument erlernen. Die Griffe, das Atmen, die Integration zum Körper, und vieles andere mehr. Jeder Redner – und man muß gar nicht den griechischen Rhethor aus der Antike als „Überbeispiel“ hervorholen – muß gelernt haben zu sprechen. Technisch zu sprechen, und erst recht den Aufbau einer Rede. In der Homiletik wirst Du sicher den logischen Aufbau einer Predigt gelernt haben. Gott sei Dank. Und Deine Phantasie wird angeregt worden sein, selbst kreativ zu werden im Schöpfen von Reden. Aber das Reden selbst, die Technik des Sprechens, solltest Du genauso bereit sein zu studieren: erst wenn Du Dein Instrument „Mensch42


liche Stimme“ zu spielen gelernt hast, wirst Du Deine Predigten, Deine Reden, Dein Sprechen in der Liturgie richtig „an den Mann – an die Frau“ bringen. Und unsere heutige Form der katholischen Liturgie verlangt Dir auch einiges ab, Dich deutlich und verständlich im Gottesdienstraum zu äußern. Ich empfehle Dir, wie das jeder große Sänger auf der Bühne auch tut, Dir einen Stimmbildner Deines Vertrauens zu suchen, der Dich einem Zahnarzt gleich auf Deiner Laufbahn ein Stück begleitet im Sinne der Stimmhygiene, wie wir Musiker und Stimmbildner das professionell nennen. Es gibt einige Grundregeln für das richtige Sprechen, die ich Dir gern als Anfang Deines Nachdenkens über die Kunst des Sprechens ans Herz legen möchte: 1. Atme richtig und gut ein. Nämlich bis ins Zwerchfell, der Bauch macht dabei eine Bewegung nach außen; du füllst den Bauch wie einen Blasbalg bei der Orgel mit Luft. 2. Lerne haushalten mit dieser Luft und vergeude sie nicht. 3. Forme die einzelnen Wörter ordentlich, und lasse in jedem Satz und sogar in jedem Satz43


abschnitt sinnvolle Gliederungen erkennen. 4. Denke, daß Pausen – wie in der Musik – nicht ein tatenloses Ruhen sind, sondern im Gegenteil: die größte Energie für das Kommende beinhalten. 5. Wähle das Tempo Deines Sprechens immer proportional zur Größe des Raumes, in dem Du sprichst. Laß Dich niemals durch moderne Technik wie Mikrofonanlagen und Lautsprecher dazu verleiten, daß Du schneller sprichst. Diese Geräte verstärken bloß die Lautstärke Deiner Stimme; sie werden niemals den Hall im Raum verändern können. Am Nachhall aber wird sich das Tempo orientieren. 6. Lege besondere Sorgfalt auf einsilbige Wörter: die drohen am ehesten, „verschluckt“ zu werden. 7. Denk daran, da jeder Satz eine „Satzmelodie“ hat, die Du bereits vorher im Kopf haben solltest, bevor Du den Mund öffnest. (Das bedeutet soviel, daß Du die Texte vorher kennen solltest, bevor Du sie sprichst.....) 8. Höre andern in der Liturgie gut zu, wenn sie sprechen, und lerne daraus.

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Solltest Du als Pfarrer in die Gelegenheit und die Notwendigkeit kommen, Gemeindemitglieder zum Lektorenamt zu erwählen, so geh klug an die Auswahl der Personen heran: es gibt auch eine bestimmte Begabung, die mitgebracht werden muß, alle diese Regeln und anderes mehr zum richtigen Sprechen – und also auch Lesen – ordentlich anzuwenden. Der gute Wille einer Person genügt zum Beispiel nicht; wenn diese einen deutlich hörbaren Sprachfehler hat, so bedauernswert das ist: aber das Wort Gottes in der Liturgie soll von denen vorgetragen werden, die auch die richtigen physischen Voraussetzungen haben. Außerdem stellst Du solche Mitmenschen vor der Gemeinde bloß, was nicht gerade höflich ist. Falle mit Deinen Worten nicht andern „ins Wort“: nicht selten höre ich einen Priester am Altar ungeduldig mit den Worten des Canons schon im letzten Ton des Sanctus-Liedes beginnen. Oder auch der Einleitungsdialog zur Praefation wird plötzlich zum Wortgefecht: „Der Herr sei mit Euch - Und mit Deinem Geist - Erhebet die Herzen - Wir haben sie beimLasset uns danken dem Herrn, unsern Gott - Das ist würdig und In Wahrheit ist es...“ 45


Das ist unmusikalisch, unpoetisch, letztlich auch unhöflich und dumm. Wenn Du einmal den Rhythmus Deines richtigen Ein- und Ausatmens begriffen und gelernt hast, wirst Du draufkommen, daß sich diese „Pausen“ als notwendige „Auftakte“ erweisen für den kommenden Satz. Wie ein feststehender Impuls oder der Aufschlag eines Tennisballes beim Tischtennis. Für das „heimliche“ Probieren und Üben empfehle ich Dir, Dich einmal zu beobachten, wenn Du das doch häufig vorkommende Wort „Gott“ sprichst: wie klingt Dein „o“? Wo sitzt es? Wo ist der Kehlkopf dabei? Oder für das Beobachten der Nachsilben das Wort „Glauben“: sagst Du Glaubm? GlaubEn? Glaum? Wenn Dir dabei auffällt, daß Du das noch nicht richtig kannst, wirst Du doch sicher die Einsicht haben, daß Du da „Nachhilfe“ nötig hast. Oder? Eigentlich sollte ich Dir auch etwas über den Ort des Sprechens schreiben. Ich will dazu nur soviel Anregung ausgeben: denke einmal darüber nach, daß eine Kanzel normalerweise von guten Baumeistern an den akustisch besten Platz der Kirche gesetzt ist. Und daß eine Kan46


zel ein Verkündigungsort und kein Museumsstück sein soll. Du schämst Dich auf die Kanzel zu gehen? Du mußt auch nicht. Aber: es hat nichts mit der Ideologie „Von oben herab“ zu tun! Vielmehr ist’s besser zu hören. Und unsere evangelischen Schwestern und Brüder im Predigtamte wissen, was sie tun und ihnen hilft. Und schämen sich nicht. Und werden auch nicht des „Von-oben-herab“ bezichtigt. Stimme und ihre Tätigkeit Sprechen steuert Dein Kopf. Sprich mit dem Kopf, und Du wirst würdig Liturgie feiern – meint mit freundlichen Grüßen Dein

PS. Was mir da noch einfällt, hängt eher mit der Homiletik zusammen: wenn Du schon Zitate aus hoher Literatur in Deiner Predigt verwendest, dann solltest Du diese schon wirklich kennen. Da hörte ich neulich einen Pfarrer hochtrabend aus einem Theaterstück von Brecht zitieren – und ich weiß leider genau, daß er das Stück noch nie gesehen hat. Ist das nicht peinlich? 47


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VON DER KUNST DES SCHWEIGENS Lieber Mitbruder ! Das Innehalten ist eine eigene Kunst im theatrum sacrum, nicht nur in der Liturgie. Wenn ich Dir erzähle, was Pausen, und erst recht sogenannte „Generalpausen“ in der Musik bedeuten, so möchte ich damit schlichtweg auf den energieinnewohnenenden Charakter solcher „Innehaltens-Zeiten“ aufmerksam machen: wenn Bruckner Generalpausen schreibt, so bedeutet dies niemals, daß dort „keine Musik“ stattfindet, sondern viel mehr: in diesen Pausen ist höchste musikalische Aktion im Energieschöpfen für das Kommende. Sogenannte Pausen sind also mit Inhalten gefüllt. Wenn Du in der Liturgie „Pausen“ haben willst, denkst Du an Inhalte: im Stillwerden soll sich ein Nachdenken-Können, ein Meditieren eines Textes, ein Sich-Besinnen auf eine kommende oder gewesene Handlung oder ähnliches vollziehen. Dann ist es sehr wichtig, daß solche „Pausen“ nicht durch Nebensächliches gestört werden. Erst unlängst habe ich beim Mitfeiern einer Messe beobachtet, wie da ein Zelebrant nach 49


seinen – noch dazu etwas lange geratenen – Worten der Einstimmung und Einleitung in die Meßfeier zum Stillsein auffordert, dann aber das Mikrofon auf dem Mikrofonständer wegdreht, die Bücher zur Kyrie-Litanei hervorkramt, und das alles nicht geräuschlos: da ist’s vorbei, mit der kreativen Stille. Du wirst selbst immer mit dem guten Beispiel vorangehen müssen. Das Innehalten ist e i n e Form des Schweigens in der Liturgie. Es gibt auch noch andere: nämlich, indem Du gewissen Handlungen, ich möchte sie „Szenen“ nennen, Raum läßt. Ihnen ein „Ausatmen“ zukommen läßt. Ein Beispiel: Wenn der Organist zum Offertorium ein längeres Choralvorspiel zum Hören angeboten hat, dann braucht das auch ein „Ausatmen“ danach. Dann kannst Du nicht in den Nachhall der Musik hinein schon mit „Lasset uns beten.....“ beginnen! Warte ab, bis die Musik verklungen ist, und sich auch der letzte Akkord in Dein Herz gesenkt hat. Dann öffne den Mund zur Gebetseinladung. Und dann breite die Arme zur Orantenstellung aus. Und dann sprich weiter das Gabengebet. Du siehst, sogar hier – zwischen Gebetseinladung „Lasset uns beten“ 50


und dem folgenden Gabengebet – soll und muß eine kleine Pause gemacht werden. Damit das Zeichen der Orantenstellung, und erst recht der Imperativ zum Gebet einen Sinn bekommen. Du mußt freilich bedenken, daß Du den Umgang mit dem Still-Sein und dem SchweigenKönnen in der Liturgie auch Deinen anderen Mitarbeitern in der Liturgie weitersagen und erklären mußt. Sonst wird allemal der Lektor schon während des Tagesgebetes seine Laufübung zum Ambo beginnen, der Küster nervös mit dem Klingelbeutel während der Fürbitten sich bemerkbar machen oder die Meßdiener die Altarglocken schon während des Sanctus-Liedes in ihren Händchen zittern lassen. Überleg einmal, ob es wirklich sinnvoll ist, die Wandlung mit dem Schellen von Glöckchen zu „begleiten“: das stammt aus Zeiten, wo man dem Christen anzeigen wollte, jetzt ist am Altar Wandlung, als der Priester mit dem Rücken zum Volk das Heilige Opfer feierte, und auch die kaum hörbare verwendete Kirchensprache ein Mitvollziehen des Ablaufes erschwerte. Aber heute ist das eigentlich nicht notwendig, schon gar nicht Vorschrift, höchstens „Brauch“ – und 51


da muß man sich fragen, ob der nicht mehr stört und lächerlich wirkt, als daß er würdig aufmerksam macht auf den Höhepunkt der Feier. Schon eher kann ich mir vorstellen, daß eine Glocke im Turm dazu geläutet wird, zum Beispiel an Hochfesten, und zwar von der Erhebung der Hostie bis eingeschlossen zur Erhebung des Kelches. Wie bei allem gilt es, dieses Zeichen überlegt und sinnvoll einzusetzen. Ein Weniger ist oft ein Mehr – daher vielleicht nicht jeden Sonntag oder täglich, sondern nur an Hochfesten. Hier wird Dein Geschmack mitentscheiden müssen. Und Dein Geschmack darf auch die Liturgie, der Du vorstehst, prägen. Denn „Ars“ ist Kunst, und Kunst kann man nicht demokratisch entscheiden lassen. Dem Pfarrgemeinderat, dem Liturgie-Ausschuß, und wie dann andere Grüppchen noch heißen mögen, die sich um die Vorbereitung der Liturgie – Gott sei Dank – kümmern, kommt es nicht zu, Deinen Geschmack zu verändern. Deren Aufgabe ist eine andere: zum Beispiel Fürbitten zu entwerfen. Aber ich will mich da jetzt nicht ausbreiten, darüber möchte ich Dir gerne später einmal schreiben, wenn es um die „Kunst der Kompetenz“ geht. 52


Wovon ich schon noch schreiben möchte, ist: wie „beendest“ Du eine Zeit der Stille. Hier habe ich schon komische Situationen erlebt. In einer bayerischen Landpfarre fühlte der Herr Pfarrer, daß es sinnvoll ist, nach der Kommunionspendung, also während der Purifikation und vor dem Dankgesang, eine Stille zu halten. Diese war zunächst dadurch gestört, daß Hochwürden sehr geräuschvoll mit dem Reinigen des Kelches am Altar beschäftigt war: metallenes Kratzen, Scheppern, vor Anstrengung Durchdie-Nase-Schnauben des Akteurs, alles durch das Mikrofon deutlich verstärkt. Dann ein erleichterndes, aber hörbares Hinsinken auf den Priestersitz, gefolgt von einem demonstrativen Blick auf die Armbanduhr. Und jetzt müßte das Danklied kommen. Daher kräftiges Räuspern als Aviso (in der Dirigentensprache nennen wir das „Avertissement“) für den Organisten. Der ist aber anscheinend zu fromm in seine gebotene Stille versunken. Daher noch einmal Räuspern, noch lauter, noch eindringlicher. Jetzt hat’s gewirkt. Die Vorspiel-Takte leiten das Danklied ein.... Ich halte Dich für intelligent genug, daß auch Du das als nicht möglich empfindest. Genauso, 53


wie es nicht klug ist, eine Stille durch einen „Regiekommentar“ abzulösen, etwa: „Es folgt nun das Danklied....“ Ich war einmal bei einer Priesterweihe, die der Linzer Diözesanbischof in einer Landpfarre gespendet hatte. Da lieferten sich der Zeremoniär des Bischofs und der Ortspfarrer ein Wettspiel im Kommentieren der bischöflichen Handlungen. Nun ist der Höhepunkt der Priesterweihe die Handauflegung durch den Bischof und alle anwesenden Priester in Stille. Hier spricht die Stille und das Vollziehen der Handlung für sich. Aber nein! Der Ortspfarrer begann des Langen und Breiten zu erklären, was da wer nun wie macht (währenddessen war diese Zeremonie schon im Gang), gefolgt von geschärften Blicken des Zeremoniärs auf die Empore, weil man dem Chorleiter eingeschärft hat: „ein bißchen Stille halten wir schon, aber wenn es zu lange dauert, dann soll der Chor etwas singen.....“ Das sind so undeutliche Angaben wie nur, und kann nur zu Mißverständnissen führen. Ich empfehle Dir, je größer und ungewöhnlicher eine liturgische Feier ist (und wie oft wirst 54


Du schon eine Priesterweihe in Deiner Pfarre einmal erleben können!), desto genauer muß es ein schriftliches Protokoll über den Verlauf geben, das die wichtigsten Funktionsträger – und dazu gehört auch der Chorleiter und der Organist – ebenso bei sich haben, wie der Zeremoniär. Mein Gott, Du siehst, über das Still-Sein habe ich mehr als bisher geschrieben. Hätte ich nicht lieber schweigen sollen? Für heute grüßt Dich jedenfalls, mit dem üblichen „Nix für ungut – und Grüße an die, die von mir gegrüßt werden wollen“ wieder einmal herzlich

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VON DER KUNST DES SINGENS Lieber Mitbruder ! „Singe, wem Gesang gegeben!“ – Dieses Sprichwort wird Dir nicht unbekannt sein. In der feierlichen Liturgie ist vieles auf Singen hin orientiert und zum Singen gedacht. Auch Dir als Vorsteher kommen dabei nicht unmaßgebliche Teile zu. Ja, eine allumfassende Hochliturgie würde sogar ziemlich jeden Part, der mit Text zu tun hat, in gesungener Form möglich machen. Du kannst das im Ceremoniale Episcoporum, in der Einleitung zum Meßbuch, im Meßbuch selbst und im Anhang des Graduale Romanum nachvollziehen. Vom Singen gilt mindestens dasselbe wie vom Sprechen: so schön Deine Naturstimme sein mag, aber Gesang will gelernt sein. Nicht die richtigen Noten und Töne sind das, worum es da geht. Sondern die Stimme braucht eine Bildung und Formung. Sie wächst, kriegt Volumen, macht Dir Deinen Körper mit seinen Resonanzräumen erfahrbar. Auch hier wiederhole ich nochmals: selbst die ganz großen Opernstars scheuen sich nicht, ein Leben lang eine Be57


gleitperson ihres Vertrauens zu wählen, die sie stimmtechnisch konsultieren. Also sollst Du wissen, daß Du für Dein Singen schon auch Möglichkeiten suchen und nutzen solltest, es kontrollieren und begleiten zu lassen. Dann kommt natürlich auch das Gebiet des Singens richtiger Noten und richtiger Notenwerte zum Tragen. Unlängst war ich Zeuge, als ein Heer bayerischer Landpfarrer in einer Klosterkirche zur Vesper weilte: es war die Versammlung eines Individualistenvereines schlechthin, wo jeder für sich „sein“ Lob Gottes hals- und lautstark vor sich hin brüllte, womöglich noch einen Nachbarn übertönen wollend, niemals jedenfalls so, daß daraus ein ChorGesang vermutet hätte werden können. Bedenke, daß Du zweierlei Gesang zu vollziehen hast: solistischen und gemeinschaftlichen. Das ist ein Unterschied. Dein wichtigstes eigenes Kontrollorgan ist Dein Ohr. Und dann – wie schon einige Male angedeutet – soll es da auch die/den geben, die/der Dir zuhört und Dir Mängel aufzeigt. Solistisches Singen in der Liturgie als Vorsteher will gekonnt sein: das darf nicht in theatra58


lisches, opernhaftes Sich-Hörbar-Machen ausarten, kann aber auch nicht in der Rolle vorgespielter Bescheidenheit, mit dem Akzent „Ich trau mich eigentlich nicht“, stecken bleiben. Eine überzeugte Verkündigung soll noch immer den Charakter Deines Altargesanges bestimmen. Was das Tempo anbelangt, die Pausen, die Haltung, gilt für das Singen dasselbe wie für das Sprechen. Beteiligst Du Dich am Gemeindegesang, so beachte, daß Du damit ein Glied unter vielen bist. Du sollst und kannst schon gar nicht mit Deiner Stimme diesen Gesang „dirigieren“. Und durch das Mikrofon den Herrn Pfarrer vorankrähen zu hören, sag ich Dir, ist nicht gerade der aesthetischste Kirchengesang in den Alpenländern. Immer mehr erfahre ich, daß unsere Liturgen nicht im richtigen Rhythmus singen können. Für die Musik gilt eine alte Grundweisheit: „Im Anfang war der Rhythmus“. Rhythmus ist u.a. das sich orientieren an regelmäßigen Impulsen, am „tactus“ – das ist noch nicht unbedingt „Takt“ im heutigen Sinn, sondern am Fühlen eines regelmäßigen Pendelschlages, der auch ein „schwer“ und ein „leicht“ widerspiegelt. Manche Priester galoppieren dahin, wenn sie eine Ansammlung gleicher 59


Notenwerte (wie beispielsweise mehrere nacheinander folgende Viertelnoten) sehen. Auch hier täte ein „Nachhilfe-Unterricht“ nicht schlecht, ein „Metronom“ (das ist seit Beethoven ein Instrument zum Messen und Geben des regelmäßigen Taktes) täte es manchmal auch. Das Atmen, der Tactus und die „Penultima“ sind die wichtigsten Dinge, die Du beherzigen sollst. Penultima ist die vorletzte Note: diese quasi musikalische Regel meint, spätestens auf der vorletzten Note eines Liedes, eines Stückes etc. solltest Du hörbar machen, daß nun der Schluß folgt. Eine Lok kann auch nicht auf den Prellbock mit unverminderter Geschwindigkeit auffahren, sondern sie wird irgendwann doch rechtzeitig gebremst werden müssen. Für viele Stücke der „Alten Musik“ vor allem wird das genügen, wenn Du die vorletzte Note dazu vornimmst, und vor der letzten Note auch noch etwas Raum gibst. Jetzt wäre ich beinahe in eine musikologische Vorlesung ausgeartet: aber besprich doch das auch mit Deinem Kirchenmusiker. Der hat die nötige Kompetenz, Dich im Gesang zu führen, nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich. Laß Dir das im Guten gesagt sein! 60


Und jetzt kann ich nicht anders, als daß ich Dir auch im Speziellen noch einige Momente des Singens in der Meßliturgie vorführen möchte, die oft aus Willkür und Schlampigkeit falsch gemacht werden. Da ist schon einmal die Einleitung des Dialoges zum Evangelium: „Der Herr sei mit Euch“. Das ist – nach allen vorgegebenen Ritualien wie Graduale Romanum oder Einleitung ins Lektionar, oder auch Gotteslob Nr.355, auf e i n e m Ton zu singen. Immer wieder hört man da eine Terz nach unten. Das ist falsch. Dann ist da auch der Anschluß von „Durch ihn und mit ihm und in ihm...... Amen.“ mit der folgenden Einleitung zum „Vaterunser“. Auch hier hört man die kühnsten Modulationen und krasse Wechsel in neue Tonarten. Es muß so sein: der letzte Ton des „A- men“ ist der Anfangston zu „Dem Wort unseres Herrn und Erlösers.....“ (Oder die anderen angegebenen Texte wie z.B. „Las-set uns beten wie der Herr...“ etc.). Wichtig wäre auch, daß Du gut überlegst, w a s willst Du bei der Messe singen. Wenn Du die Praefation singst, dann bitte auch das „Per ipsum“ – denn Einleitung und Schluß des Hochgebetes sind eine Rahmenwirkung. Zum Gesang ist letztlich alles bestimmt und geeig61


net. Es wird Dein Fingerspitzengefühl sein, wann Du z.B. die Orationen alle singst, wann das Evangelium, den Segen, die Entlassung. „Je höher der Feiertag desto mehr“ ist eine gute Faustregel. Aber z.B: am ersten Adventsonntag oder am ersten Fastensonntag alle Orationen auch zu singen, unterstreicht den Beginn einer neuen (geschlossenen) Zeit im Kirchenjahr. Und da sind viele Varianten möglich. Singe nicht das Evangelium in einem Epistelton! Trachte, daß der „Sitz im Leben“ auch hier erhalten bleibt. Es sind genug Möglichkeiten vorgesehen. Schon als Diakon wirst Du ja die Einleitung ins Lektionar studiert haben. Aber vielleicht wiederholst Du das einmal. Schaden kann es sicher nicht. Nimm für den Gesang mit: Sorgfalt, Pflege der Stimme und Bereitschaft, es richtig machen zu wollen, unterstützen eine ordentliche Liturgie. Und nun versuch’s mal und höre in Dich hinein! Wie immer mit lieben Grüßen von Deinem

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VON DER KUNST DER MUSIK Lieber Mitbruder ! Musik verschönert den Gottesdienst in erster Linie nicht, Musik ist ein integrierender Bestandteil des Gottesdienstes. Und nicht erst seit Johann Sebastian Bach wissen wir, daß Musik auch Verkündigung sein kann. Das wird alles davon abhängen, wer für die Musik im Gottesdienst verantwortlich ist und wer die Musik im Gottesdienst dann leitet. Beides ist nicht zu trennen, das Verantwortlichsein und das Leiten. Im guten Regelfall – und ich möchte nicht leugnen, daß es Ausnahmen gibt und Notzustände – aber im wohlgeordneten Regelfall wird ein haupt- oder nebenamtlicher Kirchenmusiker/Organist die Musik im Gottesdienst leiten. Das heißt, Du sollst Deinem Kirchenmusiker dieses Feld überlassen, nicht im „Alleingang“, sondern in Absprache mit Deinen Aufgaben in der Liturgie. Deine Predigt wird vielleicht ein bestimmtes Lied im Auge haben – dann wird Dir Dein Kirchenmusiker auch sagen können, ob die Musik-Qualität die64


ses Liedes auch der Qualität Deiner Predigt entspricht, oder vielleicht hat er sogar einen besseren, zusammen-passenderen Vorschlag, der Dir ein Lied mit denselben Inhalten aber von besserer musikalischer Qualität zeigt. Du siehst schon, das ist ein Gebiet, das Dir weder der Heilige Geist bei der Priesterweihe noch ein angeborenes „Gefühl“ vermittelt; dazu braucht es Fachwissen und Gefühl und Können. Somit bist Du auf die Probe gestellt, ob Du tatsächlich delegieren kannst. Laß der Musik im Gottesdienst Raum. Sie ist, wenn sie richtig gemacht wird, Verkündigung. Nicht Pausenfüller, nicht „Begleitung“ allein, sondern Funktion innerhalb der Liturgie. Dazu gehört der Gemeindegesang genauso, wie der Gesang des Cantors beim Antwortpsalm und beim Halleluja-Vers. Aber auch gehört dazu die solistische Instrumentalmusik, vornehmlich der Orgel, und der Chorgesang in jedweder Form gemäß des reichen Repertoires liturgischer Musik. Manchmal werde ich über den Umgang mit den, gerade in unseren süddeutsch-österreichischen Gebieten weit verbreiteten Ordinariumsver65


tonungen der Wiener Klassik gefragt. Ein Diskussionspunkt ist dabei die Credo-Vertonung. Wenn Dein Chor von so guter Qualität ist, daß ein Mozart-Credo keine Schwierigkeit bedeutet, dann gehört dieses Credo natürlich im Sinne des Anbietens eines gesamten Ganzen mit dazu und soll auch loco, also dort wo das Credo hingehört, gesungen werden. (Ich habe schon erlebt, daß das Credo vom Chor als Offertorium gesungen wurde – wie unsinnig!). Heikler ist der Platz für das „Benedictus“. Entgegen einer Empfehlung der Bischofskonferenz möchte ich vorschlagen, das Benedictus natürlich nach der Wandlung, nämlich nach der Akklamation „Geheimnis des Glaubens – Deinen Tod, o Herr...“ zu musizieren. Seit der Zeit, wo das Benedictus überhaupt erst losgelöst vom Sanctus vertont wurde (und das doch erst seit dem frühen 18. Jahrhundert), haben die guten Komponisten doch immer im Sinne gehabt, damit eine Art „Betrachtungsmusik“ zum Mysterium der Wandlung zu verfassen. Also, dann dorthin, wo es vom Autor gedacht ist! Und nicht verkrampft vor das Paternoster, als „Duldungsmusik“ zwischen zwei anderen Szenen. 66


Du wirst auch schon gehört haben, daß ein Pfarrer gerne verkündet: „Unser Chor führt heute die..... Mozart-Messe auf“. Schön und lobenswert, wenn sich der Pfarrer mit dem Chor identifiziert und sogar ansagt, welche Musik erklingt. Aber dazu zwei Hinweise: erstens führt der Chor nichts auf – sondern, das ist „Musik zum Gottesdienst“, und zweitens, verstrick Dich nicht in Peinlichkeiten des Nicht-Wissens. „Die Mozart-Messe“ – da gibt’s leider deren mehrere, dann solltest Du Dich genau vorbereiten und ansagen, welche es ist. Also besser: „Als Musik zum Gottesdienst hören Sie heute u.a. von Wolfgang Amadeus Mozart die ‘Orgelsolomesse’. Zusammen mit Solisten, Chor und Orchester wollen wir uns im Kyrie an den allmächtigen Gott wenden und sein Erbarmen erflehen“. Es ist mancherorts Sitte geworden, nach einer „Aufführung“, nach dem Segen, für die Ausführenden Applaus zu spenden. Ich halte das für nicht richtig. Sosehr ich es gut finde, wenn Du Dich bedankst für die gute Musik. Aber Musik hat im Gottesdienst wohl integrierenden, aber auch dienenden Charakter. Das ist auch eine Sache der Erziehung der Musik auf der 67


Empore. Das wäre u.U. auch sogar Deine Sache, an dieser Erziehung mitzuwirken. Solltest Du jemals nach Bayreuth auf den grünen Hügel kommen und einer Parsifal-Aufführung beiwohnen dürfen, dürftest Du niemals klatschen. Auch nach Passions-Aufführungen im Konzertsaal ist früher niemals geklatscht worden, höchstens hat man sich schweigend erhoben, und hat im schweigenden Stehen die Anerkennung für die Ausführenden gegeben, wohl aber das Mysterium des Leidens und Sterbens des Herrn über äußerlichen Beifall erhoben. Schade, daß hier das Gespür, die Erziehung und der gute Ton nachlassen. Das soll nicht heißen, daß Dein Kirchenchor nicht Dank und Anerkennung braucht. Du kannst das ein Mal im Jahr zum Caecilien-Sonntag gerne machen lassen, daß Dein Chor „beklatscht“ wird. Dann ist das ein umso eindrücklicheres Zeichen. Oder, Du lädst überhaupt anläßlich des Caecilienfestes zu einem Pfarrfest für den Chor ein. Den überlegten Umgang mit der Musik im Gottesdienst wollte ich Dir damit ans Herz legen, nichts anderes. Und in Dir das Verlangen nach guter Musik wecken – damit Du mehr und mehr erfährst, daß gute Musik Kunst ist, 68


und zwar eine Kunst, in der sich Kunst und Religion kaum enger verbinden, das meinte schon Albert Schweitzer und auch – mit freundlichen Grüßen – Dein

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VON DER KUNST DES IMPROVISIERENS Lieber junger Mitbruder ! Du weißt, daß Improvisieren eine meiner Professionen ist, nicht nur im Konzertieren, sondern auch als Unterrichtsgegenstand an der Musikhochschule. Improvisation ist im Leben öfter nötig. Ob Du es nun „Flexibilität“ nennst, oder „Aus der Not eine Tugend machen“, oder „Die Lage beherrschen“ – es läuft darauf hinaus, daß Dir Nicht-Geahntes begegnen kann (eben auch in der Liturgie), aus dem Du das Beste machen mußt. Hier empfehle ich Dir eine Grundregel: je natürlicher etwas ausschaut, desto weniger fällt es auf; je mehr es sich in den Rahmen der liturgischen Umgebung kleidet, desto „normaler“ wirkt es. Dazu ein Beispiel: Feierliches Hochamt mit großer Assistenz. Der Diakon hat Bauchgrippe. Läßt es sich nicht nehmen, trotzdem den Dienst zu tun. Nun zwingt ihn aber sein körperliches Regen, einen anderen Ort aufzusuchen. Der Zeremoniär schickt ihn mit Leuchter-Akolythen 71


flankiert in die Sakristei, und so kommt er auch wieder. Mit einem Buch in den Händen. Bei „der“ Feierlichkeit fällt das fast niemandem auf, was da nicht dazugehört. So wahrlich geschehen zu Wien. Was will ich damit sagen: in bestimmten Situationen sollst Du Dir eine Flexibilität bewahren, die mit Mitteln und Zeichen umzugehen vermag. Die Dich vorbereitet und nicht in Nervosität ausbrechen läßt. Die der Handlung dient und nicht Deinen Unmut rührt. Die die Feier „Feier“ bleiben läßt und nicht Dich in Schamesröte treibt. Darauf kannst Du Dich einstellen lernen. Und das meine ich mit „Kunst der Improvisation“. Improvisation ist auch Begabungssache – wem sagst Du das! Aber ein wenig lernen kann man es auch: sonst wäre ich als Improvisationslehrer überflüssig. Ich wünsche Dir viel Mut zur Improvisation und grüße Dich herzlich

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VON DER KUNST DER KOMPETENZ UND DES GEHORSAMS Lieber Mitbruder ! Mit dem Begriff „Heiliges Spiel“ und dem „Theater“-Vergleich hab ich Dich schon vertraut gemacht. Wenn Du einmal hinter die Kulissen blicken könntest, weißt Du, daß im Theater eine strenge Hierarchie herrscht. Und damit meine ich noch gar nicht jene aufgeblähte Hierarchie, die durch Institutionen wie Gewerkschaften in Bundestheatern die Sache oft eher behindert als beflügelt. Aber Hierarchie, die der Sache dient, ist angesagt und notwendig. Dazu muß es KompetenzVerteilungen geben. Und Kompetenz bedeutet, daß ich einem andern den Vortritt lasse im Anordnen und Bewerkstelligen einer Sache, eines Aktes, einer Tätigkeit. Für die Liturgie gilt Ähnliches. Und manchmal wundert es mich, daß gerade in einer Organisation wie der Katholischen Kirche, die ganz auf Hierarchie aufgebaut ist, es so wenig gekonnt wird, Kompetenz zu wahren. 74


Es hängt auch damit zusammen, wie sehr der einzelne nicht nur Kompetenz ausüben kann, sondern die Kunst des Gehorsams beherrscht. Auch dafür hielte ich das System der Katholischen Kirche prädestiniert – den Gehorsam nicht nur zu lehren und fordern, sondern auch zu üben. Auch ein Bischof und Abt wird sich innerhalb der Liturgie den Anweisungen eines Zeremoniärs – und selbstverständlich den Vorgaben des Ritus – beugen müssen. Wenn ich hier stichwortartig Beispiele anführe, so sollst Du damit nur zum Nachdenken angeregt werden, was Du nicht selbst schon alles unbewußt erlebt und gesehen hast: da wird der Antwortpsalm aus eigenem Gutdünken auf wenige Verse gekürzt und zum „Zwischengesang“ degradiert, eine Art Zwischenmusik, damit zwischen dem Vortrag von Lesung und Epistel halt „irgendetwas“ ist – aber die Funktion des „Antwortpsalmes“ ist damit weder erfüllt, noch verstanden worden; oder die Vergebungsbitte im Bußakt, nach dem Schuldbekenntnis oder nach dem Kyrie-Tropus: auch die habe ich öfter ganz willkürlich gestaltet gehört, ja oft eben nicht gehört, weil sie „vergessen“ oder „ausgelassen“ wird – dies eigenständige 75


Vorgehen ist nicht unbedingt mit dem Gehorsam übereinstimmbar, den der Bischof bei der Priesterweihe einstens eingefordert hat. Und für eine „falsche Bescheidenheit“ habe ich auch nicht recht viel über: wenn sich ein Pfarrer weigert, den Ritus der Fußwaschung am Gründonnerstag zu vollziehen, „weil das Zeichen nicht mehr erkannt wird“, ist das eine flaue Ausrede. Oder sogar Überheblichkeit? Denn was gäbe es für einen größeren Akt der Demut, als andern die Füße zu waschen? In der Liturgie kannst Du Deine Fähigkeit, Kompetenz und Gehorsam zu üben, schon in der Vorbereitung unter Beweis stellen. Wenn Du dem von der Ortskirche vorgegebenem Directorium Liturgicum folgst. Wenn Du die Anweisungen in den Einführungen zum Meßbuch und zum Lektionar beherzigst. Wenn Du zumindest weißt, was dort zu lesen ist, und nun mit Hirn und Herz die „Regie“ des Heiligen Spieles – und das meine ich ohne Abwertung, im Gegenteil! – vorbereitest. Liturgie ist Dienst. Liturgie ist nicht Eigendarstellung. Liturgie und Kult sind Zeichen, in geordneten, vorgegebenen Bahnen Gott die 76


Ehre zu erweisen und die Herzen zu Gott zu führen. Daß Dir es Dir gelingt, Liturgie mit Herz für die Herzen zu feiern, das wünscht Dir – mit der Bitte um keine schlechte Nachrede, und Grüßen an die, die von mir gegrüßt werden wollen, Dein

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Rupert Gottfried Frieberger, Mag.Mag.Dr., geboren 1951 in Linz/Donau, seit 1969 Praemonstratenser der Abtei Schlägl in Oberösterreich, ist neben seiner internationalen Tätigkeit als Musiker und Musikwissenschafter auch im Bereich der Liturgiewissenschaft tätig: er lehrt an der theologischen Fakultät der Universität Salzburg, ist Mitglied der Diözesankommission für Kirchenmusik der Diözese Linz und der Liturgiekommission des Praemonstratenserordens und bildet die Alumnen des Erzbischöflichen Priesterseminares Salzburg in Liturgiegesang und Ritengebrauch aus. Zu seinen Liturgischen Veröffentlichungen zählt u.a. der „Ordo Cantus Missae“ des Praemonstratenserordens sowie der musikalische Teil des dreibändigen „Deutschen Antiphonale zum Stundengebet des Praemonstratenserordens“. Sein vorliegendes Büchlein hat er in Form von Briefen an einen jungen Weihekandidaten abgefaßt und will damit Antwort auf Fragen des Verhaltens des Vorstehers bei der Eucharistiefeier geben. ISBN 3-902143-01-0


Namenlos-1