Susanne Gerull (Hrsg.)
STRASSENZEITUNGEN Empirische Annäherungen an ein soziales Phänomen
© 2020 by Schibri-Verlag Am Markt 22 17335 Strasburg E-mail: info@schibri.de Homepage: www.schibri.de
Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags. Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany ISBN 978-3-8686-3-217-0
Inhaltsverzeichnis
3
Vorwort und Danksagung
5
Anerkannt und ausgegrenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin
7
Susanne Gerull 1. Einleitung 2. Theoretische Rahmung 3. Forschungsstand 5. Empirische Ergebnisse 6. Diskussion 7. Fazit und Schlussfolgerungen 8. Quellen Ich als Straßenzeitungsverkäufer_in ... Über das Selbstbild von Straßenzeitungsverkäufer_innen
7 8 13 41 76 86 89 99
Rossana Berge, Juliane Laubichler, Marthe Sommer 1. Einleitung 2. Forschungsstand 3. Methodisches Vorgehen 4. Darstellung der Ergebnisse 5. Diskussion der Ergebnisse 6. Fazit 7. Quellen Interviews mit Verkäuferinnen zu geschlechtsspezifischen Aspekten im Straßenzeitungsverkauf
99 99 101 103 109 112 113 115
Solveigh Ellinghaus 1. Straßenzeitungsverkäuferinnen – Theorie und Forschungsstand 116 2. Methodisches Vorgehen 121 3. Straßenzeitungsverkäuferinnen – Interviewergebnisse 125 4. Diskussion und kritische Reflexion 131 5. Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen 135 6. Literaturverzeichnis 137
Qualitative Verbesserungen von Straßenzeitungen aus Sicht der Verkäufer_innen
143
Wafa Idris Mohamed Idris Omer und Sebastian Kreyßig 1. Methodisches Vorgehen 2. Ergebnisse 3. Schlussfolgerung 4. Quelle Das Kund*innenprofil von Straßenzeitungskäufer*innen
143 144 144 145 147
Jasmin Kopiera 1. Methodisches Vorgehen 2. Ergebnisse der Onlinebefragung 3. Diskussion der Ergebnisse 4. Fazit 5. Literatur Straßenzeitungen. Zusammenfassende Diskussion der Erkenntnisse
147 148 150 151 151 153
Susanne Gerull 1. Selbstbild von Straßenzeitungsverkäufer_innen 2. Geschlechtsspezifische Aspekte 3. Konkurrenz 4. Fazit
153 154 155 155
Vorwort und Danksagung
5
Vorwort und Danksagung In diesem Sammelband werden empirische Erkenntnisse zum Thema Straßenzeitungen aus unterschiedlichen Perspektiven und Entstehungszusammenhängen vorgestellt: •
Im ersten Teil der Publikation werden die Ergebnisse meiner zweijährigen Studie zu Anerkennungs- und Ausgrenzungserfahrungen von Straßenzeitungsverkäufer_innen präsentiert. Das Forschungsprojekt wurde ohne Drittmittel durchgeführt und im Rahmen von stundenweiser Ermäßigung der Lehrverpflichtung zu Forschungszwecken von der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH Berlin) vom Wintersemester 2017/18 bis Sommersemester 2019 gefördert.
•
Der zweite Teil der Publikation umfasst zwei umfangreichere sowie zwei kürzere Verschriftlichungen von studentischen Forschungsprojekten, die im Rahmen eines methodenoffenen Praxisforschungsprojekts „Straßenzeitungen“ im Masterstudiengang „Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik“ an der ASH Berlin im Sommersemester 2018 durchgeführt wurden.
•
Im dritten Teil des Sammelbands greife ich die studentischen Erkenntnisse auf und gleiche sie mit meinen eigenen Ergebnissen ab: Wo stützen bzw. erweitern sie meine eigenen Forschungserkenntnisse, wo widersprechen sie ihnen, wo werden darüber hinausgehende Forschungslücken sichtbar?
Ich bedanke mich herzlich bei den sieben (ehemals) Masterstudierenden, die sich die Mühe gemacht haben, ihre zunächst als Prüfungsleistungen eingereichten Ergebnisse für die vorliegende Publikation zu überarbeiten bzw. in zwei Fällen aus Lernpostern kurze Verschriftlichungen zu produzieren. Ihre Beiträge sind wertvolle Ergänzungen meiner eigenen Forschung und zeigen zudem, mit welch unterschiedlichen empirischen Zugängen sich dem Thema Straßenzeitungen genähert werden kann. Meiner Tutorin Marilena de Andrade sowie der Masterstudentin Monique Siebrandt danke ich herzlich, dass sie mich, wie schon in einem früheren Forschungsprojekt, als kongeniales Team bei der Auswertung und Interpretation von Beobachtungs- und Gesprächsprotokollen unterstützt haben. Marilena de Andrade danke ich darüber hinaus für das sorgfältige Korrekturlesen aller Beiträge. Susanne Gerull, Juli 2020
1. Einleitung
7
Susanne Gerull
Anerkannt und ausgegrenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin 1. Einleitung In Berlin werden seit vielen Jahren Straßenzeitungen angeboten, die sich in ihrer Aufmachung und Zielgruppe stark unterscheiden. Allein während der Laufzeit der hier vorgestellten Studie wurden eine Zeitung eingestellt und mindestens drei neue auf den ‚Markt‘ gebracht. Sie werden von Menschen mobil auf der Straße, in Restaurants und Cafés, in der U-Bahn oder vor Geschäften verkauft. Einen Teil des Erlöses behalten die Verkäufer_innen und verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt, ein Zubrot zum Arbeitslosengeld II oder zur geringen Rente. Neben den materiellen Gründen, eine Straßenzeitung zu verkaufen, kann darüber das Selbstwertgefühl gestärkt und eine „Verbesserung der subjektiven Lebensqualität“ (Kulke 2015: 11) erreicht werden. So unterschiedlich ihre Motive sein mögen, so unterschiedlich präsentieren sich auch die Verkäufer_innen und machen dabei (positive und negative) Erfahrungen. Einige bieten in der U-Bahn selbstbewusst „die neueste Ausgabe mit spannenden Themen“ an, andere sind vor dem Supermarkt sitzend mit ihren gebrauchten Zeitungen eingeschlafen. Auch die Reaktion der von ihnen Angesprochenen unterscheidet sich: Verkäufer_innen werden mitleidig betrachtet, es wird ihnen ein Almosen zugesteckt, sie werden freundlich gegrüßt und ihnen wird eine Zeitung abgekauft oder vor ihnen wird ausgespuckt und sie werden beschimpft. Diese oder ähnliche Alltagsbeobachtungen macht fast jeder Mensch, der sich in Berlin und anderen Großstädten bewegt. Wissenschaftliche Publikationen oder gar empirische Studien zum Thema finden sich dagegen nur wenige. Der Fokus der spärlichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen im deutschsprachigen Raum reicht von Straßenzeitungen als ‚Sozialfirmen‘ (z. B. Heger 2008) über die Bedeutung des Verkaufs für die Verkäufer_innen (z. B. Kulke 2015) bis zur Verortung von Straßenzeitungen im Kontext von Armutspolitik (z. B. Kazig 2003). Deutlich wird in den Veröffentlichungen, dass die Verkäufer_innen sowohl Anerkennungs- als auch Ausgrenzungserfahrungen machen (vgl. Kulke
8
Anerkannt und ausgerenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin
2015: 12; Kazig 2003: 97). Diesem Spagat sollte mit dem Forschungsvorhaben empirisch nachgegangen werden, indem mit Methoden der Feldforschung die Präsentationen von Straßenzeitungsverkäufer_innen sowie die Reaktionen der (potenziellen) Käufer_innen erhoben wurden. Die Studie ist im Kontext von praxisorientierter Armutsforschung zu verorten: Welche Anerkennungs- und Stigmatisierungsprozesse konnten beobachtet und analysiert werden (Praxis-Theorie-Transfer)? Welche Folgen hat dies für die Soziale Arbeit (Theorie-Praxis-Transfer)? Für die Studie wurde eine Forschungskooperation der ASH Berlin mit dem Träger mob e. V. eingegangen, unter dessen Dach der strassenfeger bis zu seiner Einstellung im Sommer 2018 produziert wurde (vgl. 4.2.2). Nachfolgend wird zunächst die theoretische Rahmung der Studie vorgestellt (Kap. 2), anschließend wird der Forschungsstand präsentiert (Kap. 3). Nach der Beschreibung des methodischen Vorgehens (Kap. 4) werden die Ergebnisse der Feldforschung – verdeckte Beobachtungen und Feldgespräche – dargelegt (Kap. 5) und anschließend mit dem Forschungsstand verglichen und diskutiert (Kap. 6). Mit einem kurzen Fazit (Kap. 7) schließt dieser Forschungsbericht. Nach dem zweiten Teil dieses Bandes (studentische Beiträge, siehe Vorwort) werden die hier vorgestellten Erkenntnisse noch einmal im Abgleich mit diesen aufgegriffen und diskutiert.
2. Theoretische Rahmung Die übergreifende Forschungsfrage der vorliegenden Studie ist die nach den Anerkennungs- und Ausgrenzungserfahrungen von Straßenzeitungsverkäufer_innen (vgl. 4.1). Nachfolgend werden daher als theoretische Rahmung die Theorie der Anerkennung nach Honneth1 (2.1) sowie die Definitionen und Dimensionen sozialer Ausgrenzung, Stigmatisierung und Intersektionalität (2.2) dargelegt.
2.1 Theorie der Anerkennung nach Axel Honneth Axel Honneth gilt seit seiner Schrift „Kampf um Anerkennung“ (1994) als Entwickler einer modernen Gesellschaftstheorie zum Begriff der Anerkennung. Ausgangspunkt seiner Theorie sind die Grundsätze von Georg Wil1 Bereits Kazig (2003) hat sich in seiner Forschung zu Straßenzeitungsverkäufer_innen auf die Anerkennungstheorie von Honneth bezogen. Seine empirischen Erkenntnisse werden im nachfolgenden Kapitel zum Forschungsstand dargelegt.
2. Theoretische Rahmung
9
helm Friedrich Hegel sowie George Herbert Mead, die u. a. vom „Imperativ einer reziproken Anerkennung“ (a. a. O.: 148) ausgehen. In seiner Strukturierung sozialer Anerkennungsverhältnisse unterscheidet Honneth zwischen emotionaler Zuwendung, kognitiver Achtung und sozialer Wertschätzung, denen er die Anerkennungsformen Liebe und Freundschaft, Rechte und Solidarität zuordnet (a. a. O.: 211). Da im Kontext der vorliegenden Studie nur die Dimensionen ‚kognitive Achtung‘ und ‚soziale Wertschätzung‘ untersucht und analysiert werden können, beschränken sich die nachfolgenden Ausführungen auf diese beiden. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nach Honneth nur alle drei Anerkennungsdimensionen gemeinsam zur gelungenen Identität eines Individuums beitragen können (Wimbauer 2004: 10). Im Anerkennungsverhältnis ‚kognitive Achtung‘ geht es um die Anerkennung eines Menschen als Rechtsperson mit individuellen Rechten und Pflichten (Honneth 1994: 179). Diese rechtliche Anerkennung folgt damit „einem ‚universalistischen‘ Begründungsprinzip: der generalisierten, kognitiven Achtung aller Personen als individuell autonome und moralisch zurechenbare Rechtspersonen, die dem gleichen Gesetz gehorchen und in individueller Autonomie über moralische Normen vernünftig zu entscheiden vermögen.“ (Wimbauer 2004: 11) Für die vorliegende Studie ist dieser Anerkennungstypus vor allem im Hinblick auf die Frage interessant, ob der Verkauf von Straßenzeitungen als (Erwerbs-)Arbeit anerkannt wird. So dringt das Recht in die Sphäre der sozialen Wertschätzung ein, nämlich als „Einklagung der eigenen Leistung als etwas Differentem, das bei hegemonial etablierter Leistungsnorm nicht angemessen soziale Wertschätzung genießt“ (Wimbauer 2004: 22). Zum Anerkennungsverhältnis ‚soziale Wertschätzung‘ arbeitet Honneth (1994) heraus, dass erst mit dem Beginn der Moderne das „Subjekt als eine lebensgeschichtlich individuierte Größe in das umkämpfte Feld der sozialen Wertschätzung ein[tritt]“ (a. a. O.: 202). Damit wurden die zuvor „ständisch gestaffelte[n] Ehrprinzipien an sozialer Wertschätzung“ (a. a. O.) überwunden. Dies bewirkt nach Honneth auch, dass „die gesellschaftlichen Wertvorstellungen sich für unterschiedliche Weisen der persönlichen Selbstverwirklichung öffnen“ (a. a. O.: 203). So führt die Erfahrung sozialer Wertschätzung zum Selbstwertgefühl bzw. nach Honneth zur „Selbstschätzung“ (a. a. O.: 209). Auch ökonomische Aspekte fließen in diesen
10
Anerkannt und ausgerenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin
Kampf um Anerkennung ein (a. a. O.: 206), was für die hier vorgelegte Forschung von Bedeutung ist. In einem Interview (Kuleßa/Honneth 2015) beschreibt Honneth den Kampf um Anerkennung als Kampf um die Deutung des individuellen Freiheitsversprechens unserer heutigen Gesellschaft (a. a. O: 326), d. h. um noch nicht berücksichtigte Interessen und Wünsche (a. a. O.: 327). Dies sei der „Motor moralischer Veränderungen durch die gesamte Geschichte“ (a. a. O.). Wimbauer (2004) stellt hierzu fest: „Anerkennung ist gleichzeitig Mittel, Medium, um mehr Gleichheit zu erreichen, wie auch Selbstzweck, ist ein an sich geschätztes Gut, da sie auf die Würde des Menschen, seine Selbstverwirklichung und seine individuelle Wertschätzung zielt. Und diese Doppelstruktur verweist auf die ‚Ambivalenz der Anerkennung’.“ (A. a. O.: 87) Goesmann/Fischer (2014: 30) erweitern den Anerkennungsbegriff nach Honneth im Kontext von Dienstleistungshandeln um den Aspekt der Professionalität: Diese führe erst zur Anerkennung der Dienstleister_innen durch ihre Kund_innen. Die Dienstleister_innen nähmen wiederum die Anliegen und Bedürfnisse ihrer Kund_innen wahr und würden diesen in der Erbringung ihrer Dienstleistung gerecht. (A. a. O.) Diese reziproke Wertschätzung sei bereits in der Dienstleistungsbeziehung selbst angelegt (a. a. O.: 34). Die negative Ausprägung von Anerkennung ist nach Honneth (1994) die Missachtung, die sich im Typus der kognitiven Achtung als „Entrechtung und Ausschließung“ sowie im Typus soziale Wertschätzung als „Entwürdigung und Beleidigung“ (a. a. O.: 211) darstellt. Dies macht deutlich, wie nahe beieinander die beiden Teilfragen der vorliegenden Studie nach den Anerkennungs- und Ausgrenzungserfahrungen von Straßenzeitungsverkäufer_innen liegen. So ist nach Reichenbach (2013, im Kontext wohnungsloser Menschen) auch “die Erfahrung der sozialen Unsichtbarkeit vor dem Hintergrund der Anerkennungstheorie eine zentrale Missachtungserfahrung, die die individuelle Identität fundamental erschüttern kann“ (a. a. O.: 278). Nachfolgend geht es um die Definitionen und Dimensionen sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung sowie Intersektionalität.
2. Theoretische Rahmung
11
2.2 Soziale Ausgrenzung, Stigmatisierung und Intersektionalität Unter Ausgrenzung wird ein dynamischer Prozess des Ausschlusses aus gesellschaftlichen Zusammenhängen verstanden, in dem Ausgrenzungserfahrungen und -folgen sukzessiv ineinandergreifen (Kronauer 2010: 19). Nach Schäfer (2013: 185) ist Ausgrenzung im Sinne eines gesellschaftlichen Verhältnisses bereits in der Organisationsstruktur der Gesellschaft angelegt. Dementsprechend ist ‚soziale Ausgrenzung‘ im Gegensatz zum Begriff ‚Armut‘ laut Huster u. a. (2018: 4, H. i. O.) „deutlicher politisch akzentuiert“. „Momente des Ausgrenzungsproblems“ (Kronauer 2010: 145) sind die „Marginalisierung am Arbeitsmarkt, bis hin zum gänzlichen Ausschluss von Erwerbsarbeit; Einschränkung der sozialen Beziehungen, bis hin zur Vereinzelung und sozialen Isolation; Ausschluss von Teilhabemöglichkeiten an gesellschaftlich anerkannten Lebenschancen und Lebensstandards“ (a. a. O.). Soziale Ausgrenzung kann demnach „als eine Kombination aus mangelnden wirtschaftlichen Ressourcen, sozialer Isolation und eingeschränkten sozialen und staatsbürgerlichen Rechten definiert werden“ (EMCDDA 2003). Die Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen beruht auf Vorurteilen: Über Kategorisierungen und anschließender Zuweisung negativer Merkmale werden alle Mitglieder einer vermeintlich homogenen Gruppe stigmatisiert und in der Folge ausgegrenzt. Nach Goffman (1967: 10) stimmt diese von außen zugeschriebene Identität (‚virtuale soziale Identität‘) aber nicht mit der selbst empfundenen Identität (‚aktuale soziale Identität‘) überein. In der Folge kann es, vor allem bei immer wiederkehrenden Abwertungs- und Ausgrenzungserfahrungen, zur Selbstausgrenzung kommen: „Der ‚Kündigung durch die Gesellschaft‘ wird resigniert oder trotzig eine ‚Kündigung gegenüber der Gesellschaft‘ entgegengehalten“ (Häussermann/Kronauer 2009: 125). Darüber hinaus kann die erlebte Abwertung zu dem Versuch führen, die eigene Identität über die Ausgrenzung anderer, vermeintlich noch Schwächerer, zu stärken. Diese Transformation der eigenen Ungleichheit in die Abwertung anderer nennt Heitmeyer (2008: 41) ein „Instrument der Ohnmächtigen“.
12
Anerkannt und ausgerenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin
In einer Langzeitstudie identifizierte eine Forschungsgruppe um den Soziologen Heitmeyer das sogenannte ‚Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit’, das auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit beruhe: „Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer 2005: 14, H. i. O.). Nach und nach wurden in der 10-jährigen Laufzeit der Studie Deutsche Zustände 13 Gruppen sichtbar, die von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffen sind. Weiterhin werden das in der Studie entwickelte Konzept sowie die methodischen Instrumente in Form mehrerer Sets von Aussageitems genutzt, zuletzt in der sogenannten Mitte-Studie (Zick u. a. 2019), vgl. Abb. 1.
Abb. 1: Das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit
(Eigene Darstellung nach Zick u. a. 2019: 58) Im Kontext der vorliegenden Studie muss auch der Aspekt der Intersektionalität im Sinne der „Verschränkung verschiedener Ungleichheit generierender Strukturkategorien“ (Küppers 2014: [1]) berücksichtigt werden. So kann davon ausgegangen werden, dass Straßenzeitungsverkäufer_innen
3. Forschungsstand
13
von unterschiedlichen Formen der Benachteiligung und Diskriminierung und damit auch verstärkt von Ausgrenzung betroffen sind (vgl. Mogge-Grotjahn 2018: 73). Ihre Benachteiligungen müssen dabei in ihren „Verschränkungen und Wechselwirkungen“ (Küppers 2014: [1]) betrachtet werden, denn intersektionelle Erfahrungen sind laut der Begründerin des intersektionalen Ansatzes größer als die Summe einzelner Diskriminierungen (Crenshaw 1989: 140). Im nachfolgenden Forschungsstand wird zunächst die Literatur zum Thema Straßenzeitungen aufbereitet. In der Ergebnisdiskussion der vorliegenden Studie erfolgt dann auch ein Rückbezug auf ihren hier dargelegten theoretischen Rahmen.
3. Forschungsstand Über Straßenzeitungen gibt es kaum Literatur (Kulke 2015; vgl. Kapitel 4 zum methodischen Vorgehen) und auch in der Praxis Sozialer Arbeit ist das Thema wenig präsent. Daher flossen auch Zeitungsreportagen und Grauliteratur in den Forschungsstand ein. Mehrere recherchierte Publikationen stammen von Menschen, die selbst (meist ehrenamtlich) in Straßenzeitungsprojekte involviert sind bzw. waren (z. B. Herms 2010; Herbst/ Schneider 2003; Hanks/Swithinbank 1997; Bono 1996, 1997). Empirische Erkenntnisse liegen vor in Form von Interview- und Beobachtungsstudien (z. B. Kazig 2002, 2003, 2006; Scheufele/Schieb 2016), einer Diskursanalyse von Straßenzeitungen (Torck 2001) sowie quantitativ angelegten Befragungen von Verkäufer_innen und Käufer_innen (z. B. Swithinbank 1997). Die meisten Publikationen stammen aus dem sozialwissenschaftlichen Spektrum, es liegen aber auch solche aus medienwissenschaftlichen oder wirtschaftswissenschaftlichen Kontexten vor (z. B. Mikolon 2016). Zu beachten ist bei den nachfolgenden Ausführungen, dass nicht zu allen Straßenzeitungen recherchierbar war, ob sie noch existieren bzw. ob die hier gemachten Aussagen der Autor_innen noch zutreffen. Nachfolgend werden zunächst Befunde zu Straßenzeitungen als spezifischem Medium präsentiert (3.1), anschließend stehen ihre Verkäufer_innen im Mittelpunkt (3.2). Nach kurzen Abschnitten zu den (potenziellen) Käufer_innen (3.3) und geschlechtsspezifischen Dimensionen (3.4) stehen die Straßenzeitungen in Berlin inklusive der Einstellung des strassenfeger 2018 im Fokus (3.5), mit dessen Trägerverein im Rahmen der vorliegenden Studie eine Kooperation eingegangen worden war (vgl. Abschnitt 4.2.2 im Kapitel zum methodischen Vorgehen).
14
Anerkannt und ausgerenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin
3.1 Straßenzeitungen 3.1.1 Definition „Straßenzeitung“ Eng am ursprünglichen Konzept von Straßenzeitungen definiert Torck (2001) diese als „newspapers or magazines sold on the streets by homeless people” (a. a. O.: 371). Eine breitere Definition des Mediums Straßenzeitung bietet Kulke (2015): „Straßenzeitungen sind lokal begrenzte Zeitungen, Zeitschriften oder Magazine, die in der Regel von Menschen in benachteiligten Lebenslagen, wie z. B. Wohnungslosigkeit, im öffentlichen Raum verkauft werden“ (a. a. O.: 10). Die redaktionelle Mitarbeit der Verkäufer_innen erfolgt in einigen Fällen, gehört aber nicht zur Identifizierung einer Straßenzeitung als solche (a. a. O.; vgl. Herms 2010: 206). Dittmann-Dornauf (2004) merkt in ihrem Bericht über die Straßenzeitung bodo aus Bochum und Dortmund an, dass mit dieser Tatsache „die sozial-romantische Vision einer Redaktionsstube voll schreibender Obdachloser zerstört wird“ (a. a. O.: 12). Auch sind nicht alle Verkäufer_innen wohnungslos, wenngleich sie nach Kulke (2015: 10) eine „durch Armut geprägte Lebenslage“ verbindet. Schon lange ist entgegen der ursprünglichen Definition (s. o.) nur ein Teil der Straßenzeitungsverkäufer_innen wohnungslos bzw. lebt auf der Straße (Herms 2010: 206). Ausnahmen wie The Big Issue aus Großbritannien verlangten von ihren Verkäufer_innen allerdings zunächst einen Nachweis der Wohnungslosigkeit (Hanks/Swithinbank 1997: 151).2 Dodge (1999: 60) betont den Fokus der meisten Straßenzeitungen auf „poverty-related political issues and free expression“, da es für die Zeitungsprojekte selbst nicht vorrangig darum ginge Geld zu verdienen (a. a. O.; vgl. für Deutschland z. B. Bozdogan 2014). Ausnahmen seien beispielsweise eine Ausgabe von The Big Issue in Los Angeles mit Interviews von Berühmtheiten und Werbung für Jeans und Kosmetik (a. a. O.: 61). Oft ist es auch eine Mischung aus Wohnungslosen- und Armutsthemen mit Lifestyle- und Kulturartikeln (Heger 2008: 36). So wird auch The Big Issue aus Großbritannien als „general interest magazine“ beschrieben (Hanks/Swithinbank 1997: 150). Nach Kazig (2006: 114) kommt es bei der Ausrichtung der Zeitungen 2 Auf ihrer Webseite wird dies aktuell nicht (mehr) als Voraussetzung markiert (https://www.bigissue.com/become-a-vendor/, Zugriff 25.05.2020).
3. Forschungsstand
15
auf deren Ziele an: Solche mit einer verkaufsorientierten Konzeption wollten armen Menschen eine Einnahmequelle bieten, andere eher kleinere Straßenzeitungen mit geringer Auflage wollten benachteiligten Menschen vor allem ein Forum bieten und ihnen eine (journalistische) Stimme geben. Das Angebot einer Erwerbstätigkeit steht hier im Hintergrund.
3.1.2 Geschichte der Straßenzeitungen Die Geschichte der neueren Straßenzeitungen beginnt 1989 in New York mit dem Magazin Street News, gefolgt 1991 von The Big Issue aus London als erster europäischer Straßenzeitung (Kulke 2015: 10; vgl. Hanks/ Swithinbank 1997: 155). Einige dieser ersten Straßenzeitungen wurden zunächst, wie The Big Issue, mit Unterstützung von Stiftungen o. Ä. auf den Markt gebracht (Hanks/Swithinbank 1997: 150). Frühere Vorläufer der neueren Straßenzeitungen sind beispielsweise die Hobo News aus Cincinnati in den späten 1910er-Jahren (Dodge 1999: 61) oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts Der Kunde aus Deutschland als „Sprachrohr der Vagabundenbewegung“ (Kulke 2015: 10). Letztere hob die „Freiheit des Straßenlebens hervor“ (Koch/Warneken 2014: 53) und wurde von der teils anarchistisch, teils kommunistisch orientierten Bruderschaft der Vagabunden herausgegeben (a. a. O.).3 Seit den 1990er-Jahren gibt es Straßenzeitungen im heutigen Sinne auch in Deutschland (Kulke 2015: 10). Laut Kazig (2006) wurde 1993 eine regelrechte Gründungswelle durch die Zeitungen Hinz&Kunzt aus Hamburg sowie BISS aus München in Gang gesetzt (a. a. O.: 114), bereits 1992 startete der BankExpress in Köln (Lutz/Simon 2012: 155; Rosenke 1995: 295). So existierten 2000 bereits rund 30 Straßenzeitungen in Deutschland (Kaidas/Pöppich 2000: 142); für 2014 wird in einem Onlineartikel die Zahl 36 genannt (Bozdogan 2014). Insgesamt haben Straßenzeitungen eine regelrechte Erfolgsgeschichte erlebt. Diese basiert jedoch laut zwei bei The Big Issue aktiven Mitstreiterinnen nicht nur auf positiven Entwicklungen: „The success of street papers is, unfortunately, built upon the tragedy of homelessness“ (Hanks/Swithinbank 1997: 157).
3 Die beiden Autoren stellen einen spannenden Vergleich von Selbstrepräsentationen aus Der Kunde und heutigen Straßenzeitungen an, der hier nicht weiter dargestellt werden kann.
16
Anerkannt und ausgerenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin
3.1.3 Organisation der Projekte Straßenzeitungsprojekte sind sehr unterschiedlich organisiert. So gibt es Projekte wie BISS aus München, die Verkäufer_innen fest einstellt4 (Bozdogan 2014) wie auch Surprise aus der Schweiz (Heger 2008: 37), aber auch viele Projekte, die ihre Zeitungen an jeden Menschen zum Verkauf abgeben, ohne hierfür einen Vertrag oder eine Vereinbarung abzuschließen. Fast alle dieser frei abgegebenen Zeitungen müssen von den Verkäufer_innen für einen Teil des späteren Verkaufserlöses angekauft werden. Anders ist dies beim relativ neuen Projekt Karuna Kompass aus Berlin, dessen Ausgaben kostenfrei an die Verkäufer_innen ausgegeben werden.5 Wohnungslose Menschen sind in sehr unterschiedlicher Intensität in die Erstellung, den Vertrieb und Verkauf von Straßenzeitungen involviert, z. T. stellen sie nur einen Teil der Verkäufer_innen dar (vgl. Lutz/Simon 2012: 155; vgl. 3.1.1). Einige Zeitungen weisen ihren Verkäufer_innen feste Standplätze zu (z. B. Heger 2008: 37 für Surprise; Hanks/Swithinbank 1997: 150 für The Big Issue). Manche Projekte stellen Verkaufsausweise aus oder bieten ihren Verkäufer_innen Schulungen an (Heger 2008: 37). Als soziale Projekte bieten Straßenzeitungen ihren Verkäufer_innen häufig auch eine soziale Beratung an (z. B. Heger 2008: 37). Darüber hinaus sind viele Straßenzeitungen Teil eines größeren Trägers, der Unterkünfte, Tagesstätten, Streetwork und Ausbildung anbietet (z. B. The Big Issue, vgl. Hanks/Swithinbank 1997: 152; der frühere strassenfeger in Berlin6).
3.1.4 Ziele und Selbstverständnis von Straßenzeitungen Als relevantes Ziel heutiger Straßenzeitungen wird immer wieder die Sichtbarmachung von wohnungslosen Menschen sowie der Ursachen ihrer Wohnungslosigkeit genannt (z. B. Koch/Warneken 2014: 51 f.; Swärd 1999: 289). Damit sollen sie auch „Zeichen einer immer weniger sichtbaren Gegenöffentlichkeit [sein, SG], sie machen soziale Probleme und die Wichtigkeit sozialer Hilfen deutlich“ (Kulke 2015: 10). Nach Kazig (2002) gehör(t)en Straßenzeitungen in diesem Kontext sogar „zu den markantesten armutspolitischen Innovationen der vergangenen Jahre“ (a. a. O.: 73).
4 Dies ist auch heute noch eine der Optionen für Verkäufer_innen (https://bissmagazin.de/projekt/, Zugriff 25.05.2020). 5 Vgl. https://karuna-kompass.jimdofree.com/ (Zugriff 25.05.2020). 6 Vgl. https://strassenfeger.org/ (Zugriff 25.05.2020).
3. Forschungsstand
17
Langfristig soll der Verkauf laut einigen Autor_innen die Integration der Verkäufer_innen fördern, z. B. formuliert als „Sprungbrett zurück in die Gesellschaft“ (Heger 2008: 37). Dies sollte im Falle der italienischen Straßenzeitung Piazza Grande durch Förderung ihrer Ressourcen und mit Unterstützung einer „community of peers“ erfolgen (Tancredi 2015: 4). „Menschen aus sozial benachteiligten Gruppen [wird, SG] die Möglichkeit [ge]geben, eigenverantwortlich und legal für ihr Auskommen zu sorgen“ (Herms 2010: 203). Damit stellen sie nach Lutz/Simon (2012: 155; vgl. Swithinbank 1997: 45) auch eine Alternative zum Betteln dar. Dieser Selbsthilfeansatz wurde bereits für The Big Issue, die erste (neue) Straßenzeitung Europas, formuliert: „The motto of The Big Issue is ‚A hand up, not a hand out’. We believe that by earning money, homeless people can win back some of the self-esteem they have lost by being homeless and this is most effective when earned through self-help.” (Hanks/Swithinbank 1997: 149) Als “produzierende Selbsthilfe” (Herbst/Schneider 2003: 95 für das frühere mob-magazin) stehe auch „Aneignung und Teilhabe im Zentrum“ (a. a. O.). Gleichzeitig müsse als Problem erkannt werden, dass sich „Menschen … in prekären, provisorischen Sozial-, Wohn-, Lebens- und Arbeitsformen ein[richten]“ (a. a. O.). Noch weiter geht Rosenke (1995) in ihrer Kritik. So stellt sie bereits zu Beginn der Erfolgsgeschichte von Straßenzeitungen in Deutschland die „Individualisierung des Selbsthilfegedankens“ fest (a. a. O.: 303) sowie die „ungewollt[e] Differenzierung zwischen ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Armen, zwischen den VerkäuferInnen, die ihre Chance wahrnehmen, die ‚Alternative zum Betteln wählen‘. Die Ziele der Straßenzeitungen wären damit pervertiert.“ (A. a. O.; vgl. Torck 2001: 383) Gesellschaftliche Vorurteile würden dadurch noch bestärkt, denn „[d]iejenigen, die bei den Zeitungen nicht mitmachen wollen oder können, werden nun doppelt stigmatisiert: erstens als Wohnungslose und zweitens als besserungsunwillige Wohnungslose“ (Rosenke 1995.: 308). Auch funktioniert der Selbsthilfe- und Ressourcenansatz nicht immer langfristig, wie beispielsweise Tancredi (2015) für die Piazza Grande beschreibt. Wie auch andere Straßenzeitungen wird sie heute nicht mehr von wohnungslosen Menschen, sondern jungen Journalist_innen betrieben (a. a. O.: 5). Scheufele/Schieb (2016) bezeichnen den Verkauf von Straßenzeitungen dagegen als „Medienarbeit im Sinne von Erwerbsarbeit“ (a. a. O.: 136,
18
Anerkannt und ausgerenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin
H. i. O.) sowie Straßenzeitungsprojekte aufgrund ihrer Ziele als „Form einer integrativen Medienarbeit“ (a. a. O.: 137, H. i. O.). Die Stockholmer Straßenzeitung Sociala Aktiviteter versteht sich sogar als „ein wichtiges Teilsystem innerhalb der Wohnungslosenhilfe und der übrigen Sozialen Dienste“ (Schwarze 2013: 144) und beschäftigte mit Stand April 2013 vier hauptamtliche Sozialarbeiter_innen (a. a. O.). Eine andere schwedische Straßenzeitung, die gewerbliche Faktum in Göteborg und Malmö, sieht sich dagegen als „journalistisches Sozialunternehmen“ (a. a. O.: 146).
3.1.5 Vernetzung von Straßenzeitungen Straßenzeitungen sind international miteinander vernetzt, so wurde 1994 ‚The International Network of Street Papers‘ (INSP) gegründet. Bis 1997 wurde das von The Big Issue koordinierte Netzwerk von der Europäischen Kommission gefördert. (Hanks/Swithinbank 1997: 155) In ihrem seit Gründung nur unwesentlich ergänztem ‚Street Paper Charter‘ formuliert das INSP die Prinzipien seiner Mitglieder wie die ausschließliche Verwendung möglicher Gewinne für die Unterstützung ihrer Verkäufer_innen und sozial Exkludierter oder das Ziel, den Verkäufer_innen eine Stimme in den Medien zu geben (INSP o. J.; vgl. Hanks/Swithinbank 1997: 156). Bei den jährlichen Konferenzen treffen sich Vertreter_innen der Straßenzeitungen und diskutieren u. a. die „Herausforderungen für Straßenzeitungen in einer sich rasant wandelnden Medienlandschaft, über Marketing- und Fundraisingkonzepte, Vertriebsfragen und Aufgaben in der begleitenden Sozialarbeit“ (Herms 2017: 28 zur Konferenz im August 2017). Der Bundesverband soziale Straßenzeitungen existierte dagegen nur von 2000 – 2008.
3.2 Straßenzeitungsverkäufer_innen 3.2.1 Präsentation der Zeitungen durch die Verkäufer_innen Zur Präsentation von Straßenzeitungen durch ihre Verkäufer_innen gibt es nur wenige wissenschaftliche Publikationen. Auf Grundlage einer von ihm betreuten Diplomarbeit (bei der 22 Verkäufer_innen befragt wurden) stellte Kulke (2015) fest, dass sowohl begehrte und umkämpfte Standorte ein Erfolgsfaktor seien, aber auch „der persönliche Einsatz, die soziale Kompetenz, die der Verkäufer einsetzt, wie er auf die Passanten zugeht“ (a. a. O.: 12). Dies fällt nicht allen Verkäufer_innen leicht. So sei es laut Herms (2010)
3. Forschungsstand
19
„immer dieser Moment, den man überwinden muß. Wenn die Signallaute ertönen, die Türen krachend zugefallen sind und die S-Bahn sich in Bewegung setzt, dann muß man diesen kurzen Moment hinter sich bringen, in dem man die Aufmerksamkeit des ganzen Abteils auf sich zieht, weil man anfängt zu sprechen.“ (A. a. O.: 204) Zudem ist der Verkauf von Straßenzeitungen in vielen öffentlichen Verkehrsmitteln (z. B. in Berlin) verboten, wobei die Kontrolleur_innen i. d. R. ‚ein Auge zudrücken‘ (vgl. Herms 2010: 205). Als „Amtsanmaßung“ (Burgis 2018) empfand es allerdings ein Leser der motz, dass sich ein Straßenzeitungsverkäufer zunächst als Kontrolleur ausgab, um die Aufmerksamkeit der Fahrgäste zu erlangen (a. a. O). Einige Verkäufer_innen, die Kazig (2003: 98) im Rahmen seiner Dissertation als „zufriedene Straßenzeitungsverkäufer“ klassifiziert, sind „überwiegend kommunikative Menschen“ und „entwickeln eigene Verkaufsstrategien, um ihren Umsatz zu verbessern“. In der Berliner Tageszeitung (taz) berichtet ein Verkäufer sogar, dass er seine Verkaufsansprachen übe und auch seine „Freunde [fragt], wie das ankommt“ (Mario M. in Neukam 2017). Neue ‚Sprüche‘ würden sogar von potenziellen Käufer_innen verlangt, so hätte einmal jemand zu ihm gesagt: „‘Heute kriegst du kein Geld von mir, den Spruch kenne ich schon‘“ (a. a. O.). In einem kurzen Artikel über das Magazin Surprise aus der Deutschschweiz wird in Form einer Reportage berichtet, wie heterogen der Verkauf abläuft: „‘Surprise!‘, tönt es aus der Unterführung. Die Heftverkäufer stehen meist an zentralen Orten der Innenstädte, den Arm voller bunter Hefte, die sie laut rufend ans hektische Volk verkaufen. Doch manchmal sind sie auch ganz stumm in Gedanken versunken, die Hefte im Arm, während sie zu Hauptverkehrszeiten im Bahnhof von der eilenden Menschenmasse regelrecht umspült werden.“ (Heger 2008: 36; vgl. Herms 2010: 206) Ein Straßenzeitungsverkäufer aus Berlin erklärt der Berliner Zeitung seine defensive, abwartende Taktik: „‘Ich will niemanden belästigen … Geht doch auch so: die Zeitung kriegt nur, wer sie auch will.‘“ (Landsberg 2016) Anhand von Beobachtungen von Straßenzeitungsverkäufer_innen des Trott-war aus dem Südwesten Deutschlands entwickelten Scheufele/ Schieb (2016) eine Typologie des Verkaufsverhaltens in Verbindung mit dem jeweiligen Kund_innenkontakt und identifizierten so den „Kundenfänger“, den „Aktive[n]“, den „Zurückgewiesene[n]“, den „Normalverkäufer“
20
Anerkannt und ausgerenzt – Straßenzeitungsverkäufer_innen in Berlin
sowie den „Zaghafte[n]“ (a. a. O.: 149). Als „Idealfall eines Verkäufers von Straßenzeitungen“ (a. a. O.: 151) beschreiben die Autor_innen den Typus ‚Kundenfänger‘: „Er hat sehr guten Kundenkontakt und zeichnet sich durch aktives Verkaufsverhalten aus, bei dem er noch charmanter und überzeugender auftritt als der Aktive“ (a. a. O.). In der Zuordnung ihrer Beobachtungen zu den fünf Typen7 machen sie unter den 12 Männern vor allem ‚Normalverkäufer‘ aus, während es unter den 8 Frauen „eher die ‚extremeren‘ Ausprägungen zu geben [scheint], d. h. sowohl sehr Aktive (sic) als auch Zaghafte (sic)“ (a. a. O.: 152). Laut einem Polizeioberkommissar in Berlin hat sich das Erscheinungsbild der Straßenzeitungsverkäufer_innen im Laufe der Zeit geändert: „Die haben gelernt, auf ihr Äußeres zu achten“ (Schilde in Herms 2010: 207). M. dagegen betont in der taz: „‘Die Leute achten sehr darauf. Es ist gut, wenn da jemand steht, der nicht schmutzig ist oder wie ein Junkie aussieht. Trotzdem wollen sie sehen, dass ich bedürftig bin. Ich darf auch nicht zu gut aussehen.‘“ (Mario M. in Neukam 2017)
3.2.2 Konkurrenz der Zeitungen sowie ihrer Verkäufer_ innen untereinander Straßenzeitungen besitzen nach außen eher einen „second-class status“ (Dodge 1999: 62), so seien in einer Auszählung nur 11 von insgesamt 40 US-Straßenzeitungen in den kommunalen Bibliotheken vorgehalten worden. Auf der anderen Seite wird in einigen Publikationen auch die Konkurrenz mehrerer Zeitungen in einer Region beschrieben. Dabei werden auch Zeitungen genannt, die „hinter der Kulisse einer wohlwollenden Straßenzeitung andere als soziale Ziele verfolgen“ (Bono 1996: 5) und andere Zeitungen damit überrollen würden. Dies erschwere die Integrationsarbeit der Projekte, da die Verkäufer_innen dann von einer zur anderen Zeitung wechseln würden (a. a. O.). Das hierin versteckte Paradox beschreiben Lutz/Simon (2012) in ihrem Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe wie folgt: „Sicherlich müssen sich auch Straßenzeitungen auf dem Markt behaupten, doch sie arbeiten auch gleichzeitig mit und für Menschen, die dieser Markt nicht mehr haben will“ (a. a. O.: 156).
7 Idealtypen treten in der Realität allerdings selten in der Reinform auf (vgl. a. a. O.: 149).