Die hohe Schule des Todes
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Martin Jürgens
Schönheit und Schrecken Vom Sinn der Corrida
Schibri-Verlag Berlin • Milow • Strasburg
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Die hohe Schule des Todes
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Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany
ISBN 978-3-86863-219-4
Die hohe Schule des Todes
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Inhalt Vorwort
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I Abscheu und Faszination 1 Erfahrungslose Empörung 2 Verstörende Erfahrung 3 Kein Sport, kein Wettkampf, kein Feind, kein Hass 4 Exkurs: Adelige, Metzger, Matadore
11 11 14 20 25
II Das Glück der Nähe 1 Tercio de varas 2 Tercio de banderillas 3 Tercio de muerte
29 32 34 36
III Augenblicke der Wahrheit 1 Tödliche Nähe 2 Ende ohne Tod
43 44 56
IV Magier des Todes in Zeiten der Verdrängung 1 Hilflos auf der Innenseite unserer Schädel 2 Die hohe Schule der Präsenz: Theoriemanöver jenseits von Bedeutung und Sinn?
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V Theater, Ritual, Tieropfer? 1 Das Opfer, immer noch nah 2 Flucht in den Schrecken 3 Der toro als Opfer par excellence 4 Das Glück des ekstatischen Augenblicks I
75 80 82 87 95
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VI Die Matadora, „einen Knebel im Mund“
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VII Der Orden der Unbesiegten 1 Manuel Garcia 2 Der Mann aus Vila Franca de Xira und Pedro Romero
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VIII Der Schrecken der Corrida, die Tierethik und die Moral der Menschen 1 Noch einmal: Abscheu und Faszination 2 ‚Menschliche und nicht-menschliche Tiere‘ 3 Leiden, genießen, Interessen haben 4 Der Geist der regressiven Utopie
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IX Moral, Tod, Intensität 1 Exkurs: Theater und Moral? 2 Das Glück des ekstatischen Augenblicks II
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X Die Corrida und dies Europa: Schönheit und Versöhnung Momentaufnahme
157 167
Literaturverzeichnis
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Zu den Bildern
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Über den Autor
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Vorwort Die tägliche Ration neuer Nachrichten reicht, und unter den Fingern auf der Tastatur werden die Zweifel wach: Gibt es nichts Besseres zu tun? Warum gerade dies Thema: dies blutige Ritual auf der iberischen Halbinsel und im Süden Frankreichs? Und dann: ‚Schönheit, Schrecken und Sinn‘? Schönheit bekommt derzeit Seltenheitswert, jeder Sinn schwindet, nur an Schrecken ist kein Mangel: Hunderttausende Kriegstote im Nahen Osten und unfassbare Brutalität, am Boden, zu Wasser und aus der Luft, mit dem Messer und mit Fassbomben, Millionen auf der Flucht, Europa baut sich zur Festung aus, und im Innern wächst in etlichen Ländern die Gefahr eines Faschismus der neuen, vorerst geschmeidigen Art. – Und jetzt als ‚Krönung‘ allen Unheils die Pandemie, eine potentiell tödliche Bedrohung, die sich der individuellen Wahrnehmung entzieht und aller bisher gewohnten Vor- und Umsicht spottet: für viele ein Limbus zu Lebzeiten, vollendete Zukunftslosigkeit und entwertete Vergangenheit in einem. Diese aktuellen Ohnmachtserfahrungen lassen sich argumentativ nicht besänftigen, indem man sie etwa als Symptome jenes Alarmismus auffasst, den es als Grundstimmung – nicht nur bei Intellektuellen – seit Jahrzehnten gibt, von immer neuen Anlässen befeuert. Dazu sind die Toten zu nah und die, die dem Tod entgangen sind. Darauf waren wir schlecht vorbereitet, wie nicht anders zu erwarten. Denn, wenn es sich eben machen lässt, meiden wir die Nähe zum Tod und zum Sterben. Damit folgen wir einer Rationalität, die seit dem Anbruch der Moderne zunehmend an der Verwertbarkeit alles Lebenden interessiert ist. Der Tod als Inbegriff des definitiv Unproduktiven soll jenseits aller möglichen Erfahrung bleiben. Diesem panischen Imperativ steht ein theatrales Ritual entgegen, das weithin für anachronistisch gehalten wird und es in einem präzisen Sinn auch ist1: die Corrida, im Deutschen „Stierkampf“ genannt, das Thema dieses Buches. Bis heute wird in den spanischen und südfranzösischen Arenen wie in Teilen Lateinamerikas das Sterben öffentlich inszeniert, massenwirksam und weiterhin ökonomisch erfolgreich. Gleichwohl mehren sich in den letzten Jahren die Hinweise, dass vor allem
1 vgl. in diesem Buch Kap. V, 4.
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die Tierschutz-Diskurse eine Wirkung zeigen, in deren Windschatten sich die skizzierte, ökonomisch grundierte Vermeidungstendenz juristisch und politisch geltend machen könnte; die auf ein Verbot zielenden Initiativen auf gesamteuropäischer Ebene sind allerdings bisher erfolglos geblieben. In dieser Situation erscheint es von einigem Interesse, sich der Corrida und ihrer singulären Rolle in der Kultur unseres gern als Wertegemeinschaft beschworenen Kontinents zuzuwenden: -
nicht als folkloristisches Reizensemble, zu dem es alle Jahre wieder voluminöse Fotobände gibt, die alsbald für kleines Geld in den verbliebenen modernen Antiquariaten zu haben sind
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nicht als archaisches Faszinosum aus dem Mittelmeerraum, das auf uns gekommen ist, aber dem normaleuropäischen Betrachter fremd bleibt: so auch dem Autor eines ‚faszinierenden Reisebegleiters‘, dem unbegreiflich ist, warum „ein Tier gereizt, verhöhnt, gestochen, zur Ader gelassen, liquidiert und über den Sand geschleift wird“ und dem dazu nur Fragen einfallen wie: „Hat der Stierkampf Sinn? Hat Spanien Sinn? Der Mensch?“2
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und auch nicht als hemmungslos gefeierte heilige Hochzeit, als „Darstellung des Lebens durch den Tod und die Darstellung des Todes im Leben“3 oder gar als „Darstellung der alten menschlichen Tragödie, es Gott gleichzumachen, Leben zu geben und Leben zu nehmen“4.
Um eine weitere Abgrenzung vorab zu nennen: Die Geschichte der Corrida ist nicht Thema dieses Buches.5 Sie wird nur im Hinblick auf die Herausbildung der
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Rolf Neuhaus: Der Stierkampf. Eine Kulturgeschichte. Frankfurt a. M. und Leipzig: Insel 2007, S. 45. Der Verlag glaubt tatsächlich, dies Buch einen ‚faszinierenden Reisebegleiter‘ nennen zu sollen. Rainer Bischof: Heilige Hochzeit. Kulturgeschichte der Fiesta de Toros. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2006, S. 13. Bischof: Hochzeit, S. 14. Des Weiteren wird in diesem Buch nicht von den weiterhin beliebten Corridas vom Pferd herab die Rede sein und auch nicht von den ‚unblutigen Stierkämpfen‘ in Südfrankreich und Portugal (dazu allerdings einige kurze Bemerkungen in Kapitel VII). - Die in der Schweiz üblichen Kuhkämpfe und die in Japan beliebten Kämpfe Stier gegen Stier bleiben ebenfalls außer Betracht.
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modernen Gestalt der Stierfeste um 1800 herum zur Sprache kommen – in Form eines knappen Exkurses, der vor allem den Rückzug des Adels aus der Arena und die Herkunft des unberittenen Matadors skizziert. Das Interesse dieser Schrift ist es zu fragen, was die Corrida als säkulares Ritual in einer Gegenwart bedeuten kann, die das Unverfügbare des Todes der Wahrnehmung nicht zumuten mag und was dies Europa verlieren würde, käme es zu einem Verbot. Der Weg zu einer Antwort geht über Bilder, Beispiele, Beschreibungen und literarische Evokationen; sie sollen der Anschauung aufhelfen, auch wenn es sie nur indirekt und aus zweiter Hand geben kann. Dabei wird es darauf ankommen, eine Haltung zu versuchen, die sich mimetisch verhält, definitorische Kraftakte vermeidet und doch an Theorie, also an der Bewegung des Denkens interessiert bleibt. Eine solche Haltung und ein solches Denken hätten Perspektiven herzustellen – so eine anspruchsvolle Formulierung Adornos am Ende seiner „Minima Moralia“ – ohne „Willkür und Gewalt, ganz aus der Fühlung mit den Gegenständen heraus“.6 Im Vergleich zu den von Menschen gemachten Katastrophen, die die aktuelle Nachrichtenlage bereithält, sind die Schrecken der Corrida eine milde Zumutung. Mehr noch: Sie können zum Movens einer Reflexion werden, die sich an etwas wagt, was man als Anspruch zu formulieren scheut – an den Versuch, „alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten.“7 Ob Adorno mit dem letzten Wort „darstellten“ eine gelungene Vergangenheit meint oder eine erwünschte Zukunft – diese Frage bleibt offen. Ein kleiner Abglanz dieses utopischen Aus- oder Rückblicks findet sich im Motto zum ersten Kapitel dieses Buches und in dem Zuruf „¡Suerte!“ („Glück“), mit einem Ausrufezeichen vorn und einem hinten, nach spanischem Vorbild. Er gilt dem Matador vor der Corrida und mittelbar allen, die daran beteiligt sind. An diesem Buch waren mit Rat und Tat und Kritik einige beteiligt: Mein Dank geht vor allem an die aficionada8 Petra Moser, die den Grossteil der Fotos gemacht hat, und an Uli Pürschel (✝) und Andreas Krumbein, die aktivsten und kenntnisreichsten aficionados, denen ich im Land der Verächter der Corrida begegnet bin. 6 7 8
Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1969, S. 334. Adorno: Moralia, S. 333. afición: Liebe, Zuneigung, Leidenschaft. aficionada: Liebhaberin der Corrida.
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Die Passagen in diesem Buch, die sich mit den Aktionen und Aversionen gegen die Corrida befassen, sind nicht zuletzt eine Folge der Lektüre etlicher Texte von Reinhard Haneld (3.9.1952-14.12.2016), der die Corrida geliebt und sie überaus klug und rücksichtsvoll gegen ihre Feinde verteidigt hat. Für ein sehr angenehmes Gespräch zum Thema „Flucht in den Schrecken“ (vgl. Kapitel V) danke ich Christoph Türcke. Den Hinweis zur gebotenen Skepsis gegenüber den Chancen der Versöhnung im Opferritual erhielt ich in einem erhellenden Gespräch mit Sigrun Anselm. Auf die Fotos von den portugiesischen Toreros hat mich Norbert Hinterberger aufmerksam gemacht: vielen Dank! Und: Dank an Detlef Michelers für die Möglichkeit, in Arles zu wohnen und zu schreiben!
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I Abscheu und Faszination Für mich wäre der Himmel eine große Stierkampfarena, wo ich zwei barrera-Plätze hätte (…) Ernest Hemingway in einem Brief vom 1. Juli 19259 Es steht in der Bibel: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“10 Wenn das geschieht, liegen die starken Gefühle offen zu Tage: die Liebe zur Liebsten, zum Liebsten, zu Katze und Hund, zu den Chansons des Jacques Brel oder (intimer und detailfreudiger) die Sehnsucht nach der Schönheit Sevillas in der Osterwoche, wenn die Prozessionen mit den Heiligenfiguren bis zum frühen Morgen dauern, die anhaltende Erschütterung beim „Et resurrexit“ der h-Moll-Messe, zum ersten Mal gehört in der Thomaskirche zu Leipzig, der Wunsch, noch einmal in einer Augustwoche in der Nordsee zu schwimmen, jenseits der Brandung bei Meeresleuchten. – Solche Affekte, ungezählt und chronisch unsortiert, erlebnisnah und wunschgetrieben, können auf Sympathie zählen, zumindest auf Nachsicht und routinierte Empathie.
1 Erfahrungslose Empörung Die Liebe zur Corrida darf darauf nicht hoffen, jedenfalls nicht in unseren gesellschaftlichen Breiten; der aficionado11 sollte sich hüten, sein Herz auf der Zunge zu tragen. Das Befremden, das ihm andernfalls entgegenschlägt, ist in aller Regel kalt, schroff und bisweilen aggressiv: Es ist, als habe man einen Defekt am moraErnest Hemingway: Ausgewählte Briefe 1917 – 1961. Glücklich wie die Könige. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1984, S. 123. 10 so die Übersetzung Luthers von Matthäus 12, 34. 11 s. Fußnote 8. 9
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lischen Kompass offenbart, eine Perversion des Geschmacks, einen dunkel-sadistischen Zug in der psychischen Grundausstattung. Ein guter Bekannter, fast eine Art Freund, äußerte – wir aßen zusammen und waren bei der Vorspeise – seinen aufflammenden Abscheu in einem fahrigen Ausgriff auf das Vokabular des allzeit bereiten Rassismus: Stierkampf sei ‚schlicht und einfach abartig und sonst gar nichts‘. Es wurde ein recht klammer Abend. Des freundlichen Mannes Verdikt war so apodiktisch wie kenntnislos und erfahrungsfrei. Mit den Urteilen und Aktionen der Tierschützer sieht es in der Regel kaum anders aus; auch ihnen liegen weder Anschauung noch Kenntnisse zugrunde, wohl aber ein fast apokalyptischer Schauder, der die Corrida als fortgesetzten Frevel an der Schöpfung erscheinen lässt, als Versündigung an der Kreatur – hier in Gestalt des Gekreuzigten mit Stierkopf, eine agitatorische Grafik, ausgestellt in einem Schaufenster in Andalusien, einem ‚Kernland‘ der Corrida:
In solcher von der christlichen Bildtradition angefachten Emphase verbindet sich das Entsetzen vor Blut und Tod mit dem Bedürfnis nach rückhaltloser Identifikation mit dem Tier als Opfer; nichts scheint konsequenter als der Ruf nach einem Ende der Corrida:
1 Erfahrungslose Empörung
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Mehr noch: Aus der Verbindung von Entsetzen und Identifikation gehen in den letzten Jahren Bilder eines öffentlich inszenierten, stellvertretenden Mitleidens hervor, die auch die Assoziation Massenmord nicht scheuen: Dutzende von jungen, halbnackten Menschen in schwarzen slips stellen die geschundenen, sterbenden oder toten Kampfstiere dar, überschüttet mit roter Farbe, garniert mit scheinbar blutgetränkten banderillas12 – ein Szenario gewollter emotionaler Überwältigung, das seine optischen Mittel beim angegriffenen Gegenüber entlehnt und besinnungslos steigert. Die Bilder dieser Zurschaustellung des eigenen Engagements weisen bisweilen halb-pornographische und sanft-sadistische Züge auf; Beispiele finden sich mühelos im Internet. Wie desinteressiert der so heftig engagierte Tierschutz an der Wirklichkeit ist, lässt sich immer erneut den Aufrufen, Resolutionstexten und Petitionen entnehmen, mit denen der Corrida ein Ende bereitet werden soll. So findet sich in einem im Oktober 2014 gestellten Antrag der niederländischen Grünen zum Haushaltsentwurf 12 banderilla: 70 cm langer Rundstab aus Holz: mit bunten Applikationen und an einer Seite mit einer eisernen Spitze mit Widerhaken versehen. Die banderilleros stoßen dem Stier drei Paare von banderillas in den Nacken.
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der Europäischen Gemeinschaft die Behauptung, es gäbe in der Arena „mit Lanzen, Schwertern, Dolchen und Spießen bewaffnete Männer“, die die Stiere rücksichtslos quälten: „Sie versuchen, den Tod so lange wie möglich herauszuzögern, um ihre Show spektakulärer zu machen“; schließlich werde „dem durch Blutverlust geschwächten Tier der Hals durchgeschnitten“13. Die den Antrag stützende Internetpetition wurde von über 69 000 Menschen unterzeichnet; sie zielte (erfolglos) darauf ab, die etwa 26 Millionen Euro betragende Subvention für die spanischen Stierzüchter zu streichen. Dass solche Maßnahmen die Existenz der zur Rede stehenden Spezies „bos taurus ibericus“ beenden würden, ignoriert der stierschützerische Furor seit Jahren.14 Ebenso wenig nimmt er zur Kenntnis, dass die nicht selten penibel geschilderten Gräuel der Corrida meist der eigenen erregten Phantasie entspringen und in keiner Arena zu beobachten sind; der Bereitschaft, mit der Corrida und den aficionados kurzen Prozeß zu machen, kommt diese Ignoranz zugute, wie ein Leserkommentar aus der taz zeigt: „Es ist doch keine Frage, dass diese Sauerei abgeschafft werden muss. Das ist subventionierte Tierquälerei – nichts weniger. Ich verstehe aber auch diese Idioten nicht, die im Publikum sitzen, und sich diese Sauerei ansehen. Diese Primitivlinge, die sich an den Qualen eines Tieres weiden, gehören sofort in die Psychiatrie – denn die sind krank.“15 Es lohnt die Mühe nicht, sich auf ein solches Amalgam von Wut und Strafbedürfnis näher einzulassen.
2 Verstörende Erfahrung Das Beste, was man von solchen Affektclustern sagen kann, ist, dass in ihnen als panische Vorahnung jene Verstörung am Werk ist, die von jeder Begegnung mit
13 Jost Maurin: Umstrittene Millionen für den Stierkampf. In: taz, 22.10. 2014. 14 Der im Vergleich zur gängigen ‚Tierproduktion‘ ungeheure Aufwand, mit dem die Kampfstiere in extensiver Viehhaltung gezüchtet werden, ist im Übrigen nur möglich, weil für einen Stier nicht selten mehr als 10 000 Euro bezahlt werden. Zu den Tierschutzaktivitäten vgl. die Diskussion tierethischer Positionen in diesem Buch: Kapitel VIII. 15 Maurin: Millionen.
2 Verstörende Erfahrung
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dem Unbekannten ausgeht, und was wäre unbekannter als der Tod. Die erste Erscheinung des Neuen ist auch in der individuellen Erfahrung der Schrecken.16 Das macht es schwer, über die Corrida zu sprechen und zu schreiben; jeder Versuch, ihre einzelnen Elemente zu interpretieren und zu fragen, was sie in ihrer Gesamtheit bedeuten, sieht sich von den Wirkungen unterminiert, die sie auslösen und nicht erst seit heute oder gestern: bei denen, die sie aus unmittelbarer Anschauung kennen, bei denen, die sich ihr nie aussetzen würden und bei denen, die sie ‚aus zweiter Hand‘ wahrgenommen haben, durch Lektüre, Berichte, Filme, Bilder. – Die Effekte und die ihnen auf dem Fuß folgenden subjektiven Affekte verschlingen gleichsam alle Fragen nach der Struktur der Corrida, ihrer inneren Logik und ihrer Genese. Zwischen rückhaltlosem Entflammtsein und tiefem Abscheu findet der Modus der gelassenen Erörterung deshalb kaum Platz; meist geht es schon nach kurzer Anlaufzeit ausschließlich ‚mit Zorn und Eifer‘ zu, oder alles endet – wie eingangs erwähnt – in sprachloser Empörung. Wahrscheinlich gehört diese Erregtheit fast zur Sache selbst, denn die unmittelbare Wirkung einer ersten Corrida kann so stark sein, dass man erst sehr viel später versucht, über die Gründe Auskunft zu geben, sogar sich selbst. Bei mir liegen diese Gründe ziemlich weit zurück: Vor meinen kindlichen Augen und vor denen meiner Freunde von der noch halb ländlichen Vorortstraße wurde alles ‚Kreatürliche‘ mit Sorgfalt verborgen. Toilette und Badezimmer waren bei Gebrauch verschlossen und ansonsten sauber, und sie rochen nach Putzmitteln und ein wenig nach 4711. Die blutigen Binden wurden unsichtbar entsorgt, die Hühner und Schweine, die man in der Nachkriegszeit hielt, dann geschlachtet, wenn wir Kinder nicht da waren. Umso schlimmer war es, wenn man doch etwas mitbekam: Ein Blutstropfen auf dem gefliesten Küchenboden, Reste von Federn auf dem Hackklotz im Garten, der laute, bisher nicht gehörte Schuß mit dem Bolzengerät vier Häuser weiter und einmal für Sekunden, bevor mich die Mutter vom Fenster wegzog, der Anblick von drei Nachbarn, die auf einem Schwein knieten und das Blut aus dem Schnitt im Hals in einer Schüssel auffingen. Du sahst es und wolltest es nicht sehen und sahst doch hin. 16 Vgl. Heiner Müllers Anmerkung zu seinem Stück „Mauser“: „DAMIT ETWAS KOMMT MUSS ETWAS GEHEN DIE ERSTE GESTALT DER HOFFNUNG IST DIE FURCHT DIE ERSTE ERSCHEINUNG DES NEUEN DER SCHRECKEN.“ In: Heiner Müller: Mauser. Berlin: Rotbuch 1978, S. 68 f.
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Das wiederholte sich vor über fünfzig Jahren in der Arena von Nîmes während meiner ersten Corrida. Nach der ebenso unsinnig behüteten wie erfolglos reglementierten Kindheit und Jugend war es eines der ersten Erlebnisse, die mich in allem mir unbekannten Ernst – wie es bei Dylan Thomas heißt – um und um rührten. Damals hatte ich dafür das Wort „existentielle Erfahrung“; der französische Existentialismus war die (zum Glück recht übersichtliche) Denkschule, in der ein non-konformistisches Lebensgefühl damals seine ersten Begriffe finden konnte – jenseits der christlich imprägnierten Alltagsideologie, die mir und den meisten meiner Mitschüler, den so genannten „Klassenkameraden“, die sorgfältig aufgeräumten Spielräume vorzuschreiben versuchte. Mit einem dieser „Klassenkameraden“ machte ich mich im Frühherbst 1963 auf nach Südfrankreich; es war noch die Zeit, in der „trampen“ nicht nur die billigste, sondern auch die (in unseren Augen) angesagte Art zu reisen war – verbunden mit der unklaren Erwartung einer Euphorie, die sich auf die Reize des Zufalls und des Unerwarteten verlassen wollte. Auf dieser Reise, von der wir kaum mehr geplant hatten, als dass sie südwärts gehen sollte, bekam diese Erwartung schon gleich zu Beginn recht: Wir erreichten am ersten Tag, aus der westfälischen Provinz kommend, mit drei oder vier Lifts das fast noch sommerliche Lausanne. Im Hochgefühl der unerwartet erlebten Möglichkeiten verzichteten wir auf eine häusliche Unterkunft und übernachteten unter einer riesigen Tanne am Rande eines an einem Hang gelegenen Friedhofs. Die nächsten zwei Tage führten (im ständigen Regen) bis nach Marseille und dort in eine überfüllte, elende Jugendherberge mit Klumpen sich bewegender Maden in der Toilette. Von da (in Stichworten zusammengerafft) in das damals fast ländliche Cassis/ein sanfter kommunistischer ‚Jugendherbergsvater‘, der, immer eine Gitane im Mundwinkel jeden Streit, auch den zwischen Israelis und
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Arabern, mit zwei-drei Worten zur Ruhe brachte/eine von Mücken durchsetzte Nacht in der Camargue im Zelt eines einige Tage mitreisenden Engländers/dann am 29. September Nîmes, die römische Arena und die Corrida mit Diego Puerta, Paco Camino und El Viti. Am Anfang stand – wie bei jeder Corrida – der prächtige Einzug aller Beteiligten in hierarchisch gegliederter Form, von den Matadoren in der ersten Reihe bis zu den Hilfskräften in roten Hemden mit ihren Maultieren am Ende. All das bereitete dem Verständnis keine Probleme; es kam mir vor wie die Variante eines Festzugs, bekannt von weltlichen und religiösen Anlässen.
Was dann folgte, war überwältigend wie ein plötzlich aufzuckender Schmerz oder ein unerwarteter Schlag in die Magengrube; es war erregend und erregte eine leichte dumpfe Übelkeit; es war unerhört und ungesehen und auf eine kühle Art in sich konsequent und gekonnt, eine Folge auswegloser Schrecken mit einem feststehenden Ende; es absorbierte die ganze Aufmerksamkeit ohne den beruhigenden Zuspruch einer Instanz, die vom Sinn des Ganzen gewusst hätte, dem die Details des Ablaufs sich hätten zuordnen lassen. Skandiert von den schneidenden Fanfaren des
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Orchesters und den Rufen des Publikums und bisweilen unterlegt von den Rhythmen der Pasodobles floß das Blut in Schleiern aus dem Nacken des schwarzen Tieres bis auf die Hufe herab, wippten die banderillas, an beiden Seiten herabhängend wie ein grotesker Schmuck, drehte sich am Ende der riesige Körper schwer atmend um den des bleichen schmalen Mannes, dessen Kostüm sich an der Vorderseite rot zu färben begann. Es geschah einfach, war wirklich, kein Bild, kein Symbol, das auf etwas anderes verwies, was hätte gemeint sein können, und es war intensiver als alles, was ich bis dahin erlebt hatte, ohne dass ich hätte sagen können warum. Den Fotos von damals ist davon nichts abzulesen.
Auch wenn die Gründe für die Intensität der damaligen Wahrnehmung benennbar sind (es war die Diskrepanz zwischen einer harmlos gehaltenen, eingehegten Lebenswelt und dem Vorgang in der Arena), ihre Bedeutung ist damit nicht erhellt. Allgemeiner formuliert: Es gibt sicher keine Wirkungen ohne Ursache, wohl aber solche, die sich zu ihrem Sinn nicht widerstandslos befragen lassen, die dem Geschäft der Interpretation nicht ohne weiteres zugänglich sind. Zu ihnen gehören vor allem die, die in den Bereich der physischen Reaktion hineinreichen.