Heimatkalender
A N K L A M und Umgebung
2018
89. Jahrgang
Neue Folge 27
BegrĂźndet von Max Sander
Dieses Buch wurde gefördert durch die Hansestadt Anklam.
IMPRESSUM
Herausgeber: Grafische Gestaltung: Gestaltung Umschlagseiten: Redaktion:
Historischer Verein Anklam und Umgebung e. V. Martina Goth Waltraud Gleffe Rolf Bahler Waltraud Gleffe Angela Krüger Dr. Günter Manthei Erhard Stelzig Hans-Jürgen Kumm Dr. Wilfried Hornburg Heike Bierwerth
Hinweise der Redaktion: Für den Inhalt der Beiträge sind die Autoren verantwortlich. Bei einigen Bildvorlagen handelt es sich um unwiederbringliche Originaldokumente, auf deren Veröffentlichung nicht verzichtet werden sollte. Leider ließen sich diese auch bei der Reproduktion in ihrer Bildqualität nicht immer verbessern. Redaktionsschluss für Beiträge: jeweils 9. März für den Kalender des folgenden Jahres. Umschlag:
Fotos von Peer Wittig; Vorderseite: Kirchenfenster in der Nikolaikirche, Gestaltung Jörg Breitsprecher; Rückseite: Nikolausfenster in der Nikolaikirche Foto Seite 1: Verkehrskreisel an der Bluthsluster Straße
Bestellungen über den Buchhandel, die Stadtinformation Anklam, das Museum im Steintor Anklam oder direkt beim Verlag © 2017 by Schibri-Verlag, Am Markt 22, 17335 Strasburg (Uckermark) Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags. Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany ISBN 978-3-86863-185-2
INHALTSVERZEICHNIS Waltraud Gleffe Rolf Bahler Dr. Peter Eggert Angela Krüger Erhard Stelzig Rolf Bahler Georg Müller Dr. Peter Eggert Jochen Futterknecht Annemarie Ritz Dr. Wilfried Hornburg Annemarie Ritz Erhard Stelzig Waltraut Gleffe Ingeburg Schultz Erhard Stelzig Dr. Günter Manthei Dr. Peter Eggert Dr. Wilfried Hornburg Klaus Mühlen Dr. Ilse Sarecka Peter Kielmann Ch. Batsch, Ch.Bauch, R. Beck, S. Herrmann, R. Müller, M. Zippel Siegfried Stephan Rolf Bahler Rolf Bahler Erhard Stelzig Dr. Günter Manthei Hans-Jürgen Kumm Erhard Stelzig Lothar Kohls Gerhard Pridöhl Hans Jürgen Kumm Peter Falmer Petra Huse Angela Krüger Heike Bierwerth Dr. Ilse Sarecka K. & N. Warmbier Dr. Wilfried Hornburg Rolf Bahler Annemarie Ritz Kathrin Albrecht
Kalendarium mit Gedichtauswahl In Memoriam – Ulrich Schulz In Memoriam – Günter Poredda In Memoriam – Georg Müller Robert Petermann – Museumsleiter, Autor & Maler Anklamer Sprüche – Regionalzeitschrift „Freie Erde“, 03/1989 Die Anklamer Synagoge Schicksalstag 29.04.1945 – Wo sind sie geblieben? Anklam 1945 – Die russische Kommandantur in unserem Haus Vor 60 Jahren – Erinnerungen über das Ende des 2. Weltkrieges Eigentlich viel älter … von den Schwierigkeiten, ein Museum zu gründen Menschenskind, was war das schön Wilhelm Oldenburg – Ein Anklamer Fabrikant Rund um das Osterfest – Österliche Bräuche Wilhelm Burmeister – Baugeschäft & Dampfsägewerk Das Ende des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren Ehrung für Otto Lilienthal Auch er war ein Anklamer Das einzige Hotel in Anklam Mein ist’s der Kugelschreiber Auf ein Neues Große Wäsche, kleine Wäsche
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Die Aradosiedlung in Anklam – Dokumentation der Errichtung eines Stadtteils Anklam – eine mittelalterliche Stadt entsteht Dat glöw ik nich! Sagenhaftes Pommern Dr. Hans Axel Tammo Graf von Schwerin (1847–1918) Wanderung durch das Forstrevier „Seeholz“ von Murchin Zu schnell vorbei Der Flugzeugabsturz von 1968 Die Tierhaltung in unserer Region – früher & heute Spitzbauwen up de Peen Schwerinsburg Die Nikolaikirche in Anklam – zwischen Abriss & Wiederaufbau 500 Jahre Reformation Der 30-jährige Krieg (Teil I) Die Löwenapotheke wird 300 Jahre alt Möchte halten Adler – Die Giganten des Himmels (Teil III) Heinrich Gahl – Ein kulturelles Multitalent aus Pommern Wussten Sie schon alles über den Nikolaus? Adventszeit Der Pulverturm von Anklam
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BEDEUTENDE TAGE Möge das Glück dieser Erde heute deinen Weg kreuzen und dich treffen. Möge dieser Tag dir schöne Stunden schenken, die das ganze Jahr bei dir bleiben.
Winter auf dem Land 2017
01.01.2018: Neujahr 02.01.1353: Städteordnung für Anklam, Demmin, Greifswald und Stralsund 06.01.2018: Heilige Drei Könige 15.01.1896: Konrad Adolf Lattner, Maler, in Anklam geboren 16.01.1979: Konrad Adolf Lattner, Maler, verstorben 31.01.1883: Gründung der Aktiengesellschaft Pommersche Zuckerfabrik Anklam
Foto: Ch. Plagens
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BEDEUTENDE TAGE Ich wünsche dir Kraft und Mut, die Steine aus deinem Weg zu räumen. Möge ein Turm daraus wachsen, den du voller Freude besteigen kannst.
Schneeglöckchenwiese im Park
02.02.2018: 14.02.2018: 12.02.2018: 13.02.2018: 14.02.2018: 14.02.1708:
Mariä Lichtmess Valentinstag Rosenmontag Fastnacht Aschermittwoch C. A. Cothenius, Leibarzt Friedrich II., in Anklam geboren 14.02.1947: Luise Kaliebe, plattdeutsche Autorin, in Anklam gestorben 23.02.1984: Uwe Johnson, Schriftsteller, verstorben
Foto: W. Gleffe
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Heimatkalender 2018
ROBERT PETERMANN MUSEUMSLEITER, AUTOR & MALER Erhard Stelzig
Robert Petermann
In diesem Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden … Als Kind des Jahrgangs 1918 erlebte er die schweren Jahre nach dem 1. Weltkrieg, die kurzzeitige Erholung Mitte der 1920er Jahre, die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise 1930–1932, den Machtantritt der Nazis 1933. Im 2. Weltkrieg wurde er als Soldat eingezogen, kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft und erlebte schließlich den schwierigen Neubeginn und die Gründung der DDR. Robert Petermann war mit besonderen Gaben gesegnet: sein Interesse für Geschichte und alte Dinge sowie sein künstlerisches Talent. Diese konnte er besonders in seinen letzten Lebensjahren ausleben. Von 1976 bis zu seinem zu frühen Tod 1982 leitete er das Anklamer Heimatmuseum, das sich in der Ellbogenstraße befand. Die einstige Villa der Heilpraktikerin Ladrick war von der Stadt 1972 für diesen Zweck gekauft und von R. Petermanns Vorgänger als Museum eingerichtet worden. Hier hatte Robert Petermann ein Domizil gefunden, in dem er sich entfalten konnte. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens erhielt das bisherige „Heimatmuseum“ 1977 den Namen „Otto Lilienthal“.
Heimatmuseum in der Ellbogenstraße, Innenaufnahmen
Heimatkalender 2018
Robert Petermann beim Malen
Wandmalerei im ehemaligen Umspannwerk (Foto: E. Stelzig)
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Heimatkalender 2018
Im Folgejahr wurde die Ausstellungsfläche unter seiner Leitung verdoppelt und alle Räume neu gestaltet.¹ Er legte mit „seiner“ Sammlung auch den „Grundstein“ für das spätere Lilienthalmuseum, indem er ein „Lilienthalzimmer“¹ einrichtete, was ein besonderes Anliegen des Museumsleiters war.
Stadtpark Anklam, Denkmal von R. Petermann entworfen (Foto: Stelzig)
Auch am Anklamer Heimatkalender, der ab 1966 wieder jährlich erschien, beteiligte er sich mit insgesamt neun Beiträgen, in welchen seine Naturverbundenheit, aber auch die Freude an seinem Museum eine Rolle spielte. In seinen Texten brachte er kluge Gedanken und Ideen unter und illustrierte sie mit Federzeichnungen. Als passionierter Angler handelte die Mehrzahl seiner Beiträge vom Angeln, den Anglern und der umgebenden Natur. Sein erster Artikel erschien im Heimatkalender 1966, sein letzter in dem von 1982. Die Erstellung der Kalender 1968–1982 begleitete er als Mitglied des Redaktionskollegiums.² Nicht nur die Federzeichnungen in den Heimatkalendern, auch verschiedene andere Bilder zeichnete und malte er. In einigen Kulturräumen unserer Stadt hinterließ R. Petermann Wandmalereien, so im alten Umspannwerk (Demminer Straße), im Tiefbau-Kombinat, im KIB und im Ruderclub. Besonders beeindruckend stellte er im alten Umspannwerk die verschiedensten Energiegewinnungsarten der Menschheit dar. Das ca. 30 m² große Wandbild ist noch heute im großen Kulturraum erhalten, obwohl der Zahn der Zeit schon an ihm nagt. Robert Petermann entwarf auch das Denkmal für die Verfolgten des Naziregimes im Stadtpark, das 1975 eingeweiht wurde. Es sollte nicht „schön“ sein, sondern rau wie die schwer lastende Vergangenheit. Am 23. September 1978 erlebte er den Kosmonautenbesuch Siegmund Jähns und Waleri Bykowskis, an dessen Programmvorbereitung er im Museum beteiligt war.
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Der Museumsmann und Künstler Petermann erhielt so manche Auszeichnung für sein Schaffen. Er war eigentlich ein Mensch, der keine Zeit zum Sterben hatte, doch am 9. April 1982 klopfte der Tod an seine Tür. Robert Petermann wurde nur 64 Jahre alt – er bleibt unvergessen. QUELLEN: 1 Anklamer Heimatkalender 1978, S. 31–33. 2 Anklamer Heimatkalender 1966–1982, Impressum und Beiträge von R. Petermann. Erzählungen seiner Tochter, Frau Brecht.
Waleri Bykowski und Siegmund Jähn
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ANKLAMER SPRÜCHE
Wekker sein Geld will fleigen seihn, de schafft sich Duwen an.
REGIONAL- „Achtung! Dor kümmt wer!“, röp de Dachdecker, dunn föhl hei ZEITSCHRIFT
vun’t Dack.
„FREIE ERDE“, MÄRZ 1989 „Meine Werke folgen mir nach!“, säh de Pötter, dunn föhl die Aben achter em an. Rolf Bahler „Na, Kinnings, wat sünd ji vör Minschen“, säh de Buer tau sein Schwien. „Frig man irst, denn wars den’n Start nich mihr so krus drägen“, säh die Schäper tau sienen Hund.
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DIE ANKLAMER SYNAGOGE Georg Müller (†)
Am 10.11.1938 wurde ich von Kurt März, einem etwas älteren Jungen aus der Nachbarschaft, von zu Hause abgeholt: „Komm, wir sehen uns den angebrannten Judentempel an.“ Die Juden nannten ihre Synagoge „Tempel“ und die übrige Bevölkerung sagte „Judentempel“. Der Begriff „Tempel“ war ein ganz offizieller, er stand auch im Wohnungsanzeiger. („Wohnungsanzeiger Anklam 1930/31“, R. Pöttcke Nachfolger) Die Bezeichnung geht auf den zerstörten Tempel in Jerusalem zurück. In der Progromnacht vom 9. November 1938 hatten also auch hier, in der Mägdestraße/Ecke Mauerstraße, verblendete Personen Hand an die Anklamer Synagoge gelegt! Diese kriminellen Elemente müssen dazu noch unglaublich dumm gewesen sein, zumal die umliegende Bebauung nicht weit entfernt war und Gefahr lief, ebenfalls vom Feuer erfasst zu werden. Ein Teil des Dachgebälks ging in Flammen auf. Wie Günter Beyer erzählte, hatten besonnene Bürger zügig mit dem Löschen begonnen, sodass sich der Schaden in Grenzen hielt.³ Früher wurden Brandstifter hart bestraft, nun war so etwas in Bezug auf den jüdischen Teil der Bevölkerung „salonfähig“. Auch heutzutage scheint das wieder so zu sein – moralischer Verfall. Kurt und ich liefen jedenfalls das kurze Stück von der Burgstraße zur Mauerstraße, ganz aufgeregt und neugierig. Es war niemand mehr bei der Brandstelle, die Löscharbeiten längst beendet und nur der betroffene Teil des Dachstuhls schien noch leicht zu rauchen, vielleicht auch nur in meiner Phantasie …
Anklamer Synagoge vor dem alten Gymnasium, vom anderen Peeneufer aus gesehen, Ausschnitt aus einer Aufnahme von Photo Bock (Archiv P. Kielmann)
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Die Scheiben waren zerschlagen, ebenso wohl die Inneneinrichtung. Einige Zeit später benutzte der Ein- und Verkaufsverein die Synagoge als Getreidelager. Hierzu vernagelte man dann die defekten Fenster und reparierte das Dach. Für die Synagogengemeinde muss die Entweihung ihres Gotteshauses ganz furchtbar gewesen sein, was uns Kindern damals aber nicht bewusst war. Der Gipfel der Schändung wurde durch den Abriss 1941 erreicht.³
Anzeige aus: „Kreisund Volksblatt für den Kreis Anclam vereinigt mit dem Anclamer Wochenblatt“ vom 15. Februar 1849*
Dabei hatte die jüdische Bevölkerung 1840 so hoffnungsvoll mit dem Bau der Synagoge begonnen … Am 15. Oktober 1841 konnte sie eingeweiht werden. Zu dieser Feier kamen nicht nur die Gemeindeglieder, sondern auch nichtjüdische Persönlichkeiten und Behördenvertreter.¹ Es schien so, als würden die ca. 200 Juden in Anklam akzeptiert. Das Innere der Synagoge soll nicht besonders spektakulär gewesen sein, ein schlichter Raum mit Steinfußboden, zwei Bankreihen für die Männer (je eine links und rechts), einer Galerie für die Frauen, mitten im Raum das Allerheiligste und gegenüber der Thoraschrank³ an der Ostwand. So beschrieb Günter Beyer den Synagogenraum. „Das Allerheiligste“ ist aber nicht der richtige Ausdruck für das, was dort in der Mitte stand. An dieser Stelle befand sich die sogenannte Bima, eine Art Podium mit Treppe, auf dem ein Tisch zum Ablegen der Thora-Rollen beim Vorlesen stand. Bima und Thoraschrein mit dem ewigen Licht (Ner Tamid) bildeten das liturgische Zentrum der Synagoge.4,2 In der Regel steht auch der Siebenarmige Leuchter, die Menora, im Hauptteil der Synagoge. Einen eigenen Rabbiner hatte die jüdische Gemeinde hier nicht. Zu hohen Feiertagen kam ein Rabbiner aus Stettin hierher. Für die Gesänge und die Leitung der Gemeindearbeit war ein Kantor angestellt worden, Isaak Tonn.³ Einer seiner Nachfolger war Herr Graubart, der zu Günter Beyers Kinderzeit die Synagoge betreute. Er wohnte in der Nähe. 1849 begann die Jüdische Gemeinde im Kreis-, Volks- und Wochenblatt die Predigtgottesdienste und andere Verlautbarungen bekannt zu geben.
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Das Wochenblatt veröffentlichte am 28. Juli 18496 auch folgende Geschichte:
Anzeige aus: „Kreis- und Volksblatt für den Kreis Anclam vereinigt mit dem Anclamer Wochenblatt“ vom 9. August 18496 und 2. Juni 18496
Wenn die normale Zeitung 1849 so etwas schreibt, spricht das zumindest für eine Tolerierung der Juden hier. Kurz vor der Jahrhundertwende von 1900 wuchs der Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich wieder. 4,4 Zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 jedoch „kannte“ der Kaiser in seiner 2. Balkonrede an das Volk „keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr“, stattdessen seien sie „heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder“. Kaiser Wilhelms Worte in seiner Reichstagsansprache vom 4. August 1914 waren
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noch prägnanter: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“. 4,1 Viele deutsche Juden zogen in den Krieg „für Kaiser und Vaterland“ und nicht wenige von ihnen starben oder kamen verstümmelt wieder. Aus Anklam bekamen sechs jüdische Mitbürger das Eiserne Kreuz verliehen.² Sie fühlten sich anerkannt und geachtet, wie der Schuhgeschäftsinhaber Herr Wagner in der Keilstraße, der im Krieg ein Bein verloren hatte. Doch auch er entging der Deportation in der Nazizeit nicht.5 Wie konnte es nur zu den Entgleisungen in der Zeit des sogenannten „3. Reiches“ kommen? Vermutlich begann die verstärkte Judenfeindlichkeit, die unterschwellig bei etlichen Bewohnern Anklams (wie in ganz Deutschland und in Europa) immer vorhanden war, in der Weltwirtschaftskrise aufzuflammen. Solche Auswüchse an Gewalt kommen nicht aus dem Nichts. Existenzängste, gepaart mit Neid, Missgunst und Fremdenfeindlichkeit, beförderten den Hass. Schon kurz nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, riefen sie ab April 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte auf.² Das Regime schürte Neid und Missgunst mit der Verbreitung von Lügen (Stichwort „Volksschädlinge“). Die Propaganda lief auf Hochtouren und fand eifrige Erfüllungsgehilfen. Und überhaupt war das Braun der Uniformen auf den Straßen alltäglich. Wer etwas zu sagen haben wollte, war in der NSDAP und zog sich die Uniform an. Man war daran gewöhnt, und als Kind des Jahrgangs 1934 kannte ich gar nichts anderes, es war Normalität. Mit 10 Jahren wurde ich „Pimpf“ (Mitglied des „Deutschen Jungvolks“, der Jugendorganisation für 10- bis 14-Jährige4,3). Da durfte man dann auch eine Uniform tragen. Aber zwei oder drei Kinder unserer Klasse hatten keine Uniform. Ich gehörte zu diesen Kindern und wollte doch so gerne eine Uniform haben. Aber meine Mutter gab für „sowas“ kein Geld aus. Mindestens einmal in der Woche hatten wir „Dienst“. Das bedeutete Marschtraining, Befehle, Gehorsam … und ich ohne Uniform. So wurden schon wir Kinder im Sinne des Nationalsozialismus manipuliert. Meine Mutter steuerte glücklicherweise immer vorsichtig dagegen.
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Der sogenannte „Judenboykott“ auf die Geschäfte deutscher Juden, jüdischer Ärzte, Rechtsanwälte usw. ist mir nur bruchstückhaft in Erinnerung geblieben, ich war wohl noch zu klein. Die jüdischen Geschäfte wurden jedenfalls beschmiert, geplündert und ihre Besitzer denunziert und praktisch zur Aufgabe gezwungen. Die NSDAP plante, die jüdische Bevölkerung in Deutschland aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen, was mit diesen perfiden Mitteln auch gelang.4,4 Von deren Anfängen in Anklam erzählte Günter Beyer: Seine Mutter wollte ihm einmal im Herrenausstatter Grüneberg einen Anzug kaufen. Schon vor dem Geschäft, dessen Scheiben mit Judenstern u. a. beschmiert waren, trafen sie auf SA-Männer mit einem Schild „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter“. Einer sprach Frau Beyer an, sie solle in einem anderen Geschäft einkaufen. Frau Beyer hatte Courage und antwortete: „Noch kaufe ich ein, wo ich das für nötig halte!“ So haben wohl nicht allzu viele Anklamer reagiert, denn auch das Ehepaar Grüneberg verlor zuerst das Geschäft und seine Wohnung und wurde schließlich deportiert.5 Boykottaktion in Berlin 1933 – So etwa war es hier auch. Fotoausschnitt aus Bild 183-R70355, Deutsches Bundesarchiv, Berlin 1933
Ich selber kann mich an die zerbrochenen Schaufensterscheiben bei Grünebergs erinnern. Das Geschäft befand sich in der Steinstraße 27 schräg gegenüber der Post. Als wir einmal vor diesem Haus standen, sagte meine Mutter kopfschüttelnd zu einer Bekannten: „Muss das alles so sein?!“
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Links oben Namenstafel von Grünebergs Geschäft, rot markiert; Alte Postkarte, Ausschnitt: Blick in die Steinstraße (Archiv A. Krüger)
Synagoge auf einer Luftbildaufnahme – Ausschnitt (Archiv Peter Kielmann im „Museum im Steintor“ Anklam)
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Die jüdische Gemeinde in Anklam war durch Abwanderungen in größere Städte längst nicht mehr so groß wie 1841. Je kleiner eine Minderheit, umso größer das Desinteresse der Masse an ihrem Geschick. Die sogenannte „Reichskristallnacht“ war dann wie der Startschuss zur Vernichtung der Juden. Es hat den Anschein, dass die Verwüstungen jüdisch betriebener Geschäfte ab 1933 und die Brandstiftungen an den jüdischen Gotteshäusern von 1938 Tests für die Bevölkerung waren, um festzustellen, ob es breite Proteste geben würde. Da diese großenteils ausblieben, konnte man nun verstärkt Hand an die Besitztümer der jüdischen Bürger legen, sie entrechten, sie unter Zahlung unglaublicher Summen ausreisen lassen oder sie, unter Einziehung ihres ganzen Eigentums, in Vernichtungslager schicken. Wie verleumderisch, diebisch, räuberisch und mörderisch dieses System war – „ohne Rücksicht auf Verluste“, ist für Nachgeborene gar nicht mehr nachzuvollziehen. Das war das furchtbarste Kapitel deutscher Geschichte, dessen ganze Tragweite ich als Kind gar nicht erfassen
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konnte. So viel Unrecht, wie den jüdischen Mitbürgern damals widerfahren ist, sollte niemandem auf der Welt geschehen. Von der Anklamer Synagoge gibt es nur noch ganz wenige Abbildungen, aber es hat sie einmal gegeben – vor 80 Jahren – und daran wollte ich erinnern.
Das Haus in der Mitte mit dem Erker ist das Haus Steinstraße 27, in welchem sich Grünebergs Geschäft befand, Zustand nach den Bombardierungen des 2. Weltkriegs (Archiv Georg Müller)
QUELLEN 1 Heinz Bemowsky in: „Woran der jüdische Friedhof an „Mien Hüsung“ erinnert“, im Anklamer Heimatkalender 1994, Schibri-Verlag 1993, S. 53. 2 Heinz Bemowsky in: „Leben und Schicksal Anklamer Juden“ im Anklamer Heimatkalender 1996, Schibri-Verlag 1995, S. 40 ff. 3 Günter Beyer in: „Synagoge vor 165 Jahren eingeweiht“, Nordkurier-Anklamer Zeitung vom 14./15. Oktober 2006, S. 18. 4 wikipedia: 4,1 „Balkonreden“, 4,2 „Synagoge“, 4,3 „Pimpfe“, 4,4 „Judenboykott“ 5 Günter Beyer in: „Geschichten und Anekdoten Anklam und Umgebung“ im „Museum im Steintor“, Anklam 6 Archiv Peter Kielmann in der Bibliothek des „Museums im Steintor“, Anklam
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DER PULVERTURM VON ANKLAM Kathrin Albrecht
Als ich klein war, lange ist’s her, gruselte mich der Pulverturm sehr. Ich dachte: „In dem dicken Gemäuer, lebt bestimmt ein Ungeheuer.“ 70 Fuß hoch, 22 Fuß breit, bis heute trotzt er dem Zahn der Zeit. Was man dem Pulverturm noch so andichtet, sei in den folgenden Zeilen berichtet, denn der Turm hat viel erlebt, was in keinem E-Book steht. Erbaut im Mittelalter, aus rotem Stein, soll anfangs er nur Wehrturm sein. Flankiert von Stein- und Stolpertor, blickt er beharrlich über’s Moor. Ist stolz ein Stück vom Mauerwerk, das die Stadtumwehrung stärkt. Mit Wänden, die zwei Meter stark, er sehr rasch neue Pflichten hat. Vierzehnhundertzweiundsechzig schon wird aus dem Wehr- ein Vangenturm. Raubritter ziehen plündernd durchs Land. Für ihre Taten weithin bekannt – und verschrien, ist vor allem das Adelsgeschlecht von Schwerin. Die Anklamer aber machen kurzen Prozess und setzen die Ritter im Vangenturm fest! Arend von Schwerin-Spantekow, genannt „Kalepatz“, erhält einen solch entehrenden Platz. Auch Andres von Schwerin-Altwigshagen, „Diestel“ genannt, wandert ein in jenen Tagen. Um Recht und Sühne zu erzwingen, sollen sie ein paar Nächte dort verbringen. Schnell schwören beide ewigen Frieden, Urfehde gar, doch in Freiheit ist keines ihrer Worte mehr wahr. Nach sieben Fehden und 100 Jahren platzt Herzog Erich schließlich der Kragen: „600 Gulden“, spricht er empört, „für den, der den Frieden noch einmal stört!“ Alle Feindschaften enden sodann, die Blütezeit Anklams als Stadt bricht an.
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Da Schießpulver jetzt verwahrt werden muss, fassen die Anklamer schnell den Beschluss: „Der Vangenturm wird Pulverturm Gefahr droht nur bei Explosion!“ Allein die Zeit ist stets im Fluss, weshalb sich alles ändern muss. Nächstens nutzt den alten Turm ein junger, agiler Astronom.
Gustav Friedrich Wilhelm Spörer kommt in die schöne Hansestadt, die nicht genügend Lehrer hat. Er unterrichtet mit Herz und Schwung am alten Anklamer Gymnasium, arbeitet eifrig sich empor, wird dort bald zum Prorektor. Sein forschender Geist will obendrein Entdecker von Sonnenflecken sein. Er braucht ein Observatorium und denkt dabei an den Pulverturm. Glück auch, dass der Magistrat ein Herz für seine Forschung hat. Sie geben ihm den Pulverturm, der nun erstrahlt in neuer Funktion. Als Spörer fortging nach Berlin die Sternwarte recht nutzlos schien. Sie verschwand im Lauf der Zeit. Ihr fragt mich nun: „Na und? Was bleibt?“ „Na was wohl? Eine Sehenswürdigkeit!“
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