Reinhard Lampe und Hans-Robert Metelmann (Hg.)
Mensch und Land Band 5
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Schibri-Verlag • Milow - Strasburg - Berlin 1
Gesellschaft zur Förderung der Greifswalder Bachwoche e. V.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet und über http://dnb.de abrufbar. Covergestaltung: Fotos: Redaktion der Texte:
Arite Nowak, in künstlerischer Freiheit auf der Grundlage eines Fotos von Rainer Neumann Rainer Neumann, Greifswald Kerstin Böttger, Weitenhagen
© Schibri-Verlag 2016 Milow 60 • 17337 Uckerland Tel.: 039753/22757 E-Mail: info@schibri.de www.schibri.de Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch darf nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung des Verlages vollständig oder teilweise vervielfältigt werden. Das gilt auch für die Speicherung in einem Datenerfassungssystem und die Weiterverarbeitung mit elektronischen oder mechanischen Hilfsmitteln, wie Fotokopierer und andere Aufzeichnungsgeräte. Insbesondere die Übersetzung und Verwendung in Schulungunterlagen bedürfen der Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany ISBN 978-3-86863-174-6
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Inhaltsverzeichnis Hans-Robert Metelmann Prolog
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Stefanie Knothe Kurz und knapp
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Edith Görne Aller Anfang ist schwer
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Wolfgang Nixdorf Besonders: das Clavichord (zum Gedenken an Annelise Pflugbeil)
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Annelise Pflugbeil „Feiert ruhig weiter!“
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Manfred Schlenker Der große Bach – Kleine Betrachtungen zu einem großen Thema
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Regine Leuser Eine von den zahlreichen Bachwochen-Geschichten
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Norbert Liedtke Warum es die Greifswalder Bachwoche geben sollte
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Brigitte Meyer-Eggers Musik – die Sehnsucht des Menschen nach dem Paradies
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Christel Fermum „Der Himmel lacht! Die Erde jubilieret“
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Friedchen Kirmis Warum ist mir die Bachwoche wichtig?
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Hans Jürgen Baller Die Geburt des Instituts für Kirchenmusik der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald
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Gerburg Hezinger-Schäffler Chorgesang und noch viel mehr
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Ursula Hardmeier „Unsere“ Greifswalder Bachwoche
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Knut Geisler Immer wieder gerne
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Renate Freiberg Vom Balgtreter zum Bachverehrer
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Erika Fastrich Meine Gründe für die Bachwoche
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Wolfgang Nixdorf Aus der Geschichte der Greifswalder Bachwoche
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Rotary Club Greifswald Die Bachwoche geht weiter
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Hans-Robert Metelmann Epilog
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Personenregister En famille
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Prolog von Hans-Robert Metelmann
Geistliche Musik ist Musik in der Gemeinde (Psalm 22, 4). Dieser Almanach versammelt die Gemeinde, das Publikum, den Freundeskreis, die Fördergesellschaft der Greifswalder Bachwoche und gibt in einer kleinen Auswahl von Beiträgen den Menschen das Wort, für die das Festival der geistlichen Musik im Norden „Meine Bachwoche“ bedeutet. Mecklenburg-Vorpommern bietet viele Lieblingsplätze, an denen uns Mensch und Land gut tun, aber eine besonders hohe Dichte von Lieblingsplätzen finden wir im Nordosten, wenn wir uns den Spielstätten eines der ältesten Musikfestivals in Deutschland zuwenden. Alljährlich im Frühsommer fallen in Greifswald seit der
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Mitte des letzten Jahrhunderts Schwärme von Gästen ein für eine dichtgepackte Konzertwoche. Sie kommen, um die Musik des Thomaskantors in ihrer reinen Form und in immer neuen Themenbezügen zu erleben oder selbst zur Aufführung zu bringen. Für viele Menschen aus der Welt der geistlichen Musik und weit darüber hinaus sind die vertrauten Zuhörerbänke und -stühle im Greifswalder Dom und in den schönen kirchlichen Räumen seiner Umgebung längst zu Lieblingsplätzen geworden, oder sie suchen so gerne die Chortreppen auf, die Orchesterstühle, der eine oder die andere auch das Stehpult der Dirigenten und den Hocker vor dem (in Greifswald besonders beachtet und verehrt!) Clavichord. Am Ende eines großen Konzertes erhalten die Künstlerinnen und Künstler immer schöne Sträuße. Mit diesem Prolog übergeben die Herausgeber des Almanachs schon vor dem Konzert einmal den Freundinnen und Freunden der Bachwoche und besonders den Mitgliedern der Fördergesellschaft die Blumen. Gibt es ein anderes Festival, bei dem die fördernden Musikliebhaber so engagiert sind, dass sie sogar zur jährlichen Gesellschafterversammlung fast vollständig aus ganz Deutschland anreisen? Wo die bekennenden Förderinnen und Förderer von der geistlichen Morgenmusik bis zur großen Messe vor Mitternacht immer einen treuen, starken Kern im Publikum bilden? Wo sie mit zahllosen Diensten und Werken selbst ein aktiver Teil des Festivals sind? Wo das Publikum nicht nur der Einladung zum Mitsingen der Bachkantaten so gerne folgt, sondern auch, wie in diesem Band, vielstimmig Partei ergreift für seine Festspiele? Viele persönliche Antworten auf die Frage nach dem Faszinosum der Bachwoche schenken uns hier die Mitglieder der Fördergesellschaft, kurze Gedanken, Erinnerungen an lang Zurückliegendes oder kleine Stücke von kürzlich Ereignetem, Bewegendes, Heiteres, Nachdenkenswertes, Aufgaben für die Zukunft, Gottvertrauen. Die Mutter der Greifswalder Bachwoche, Annelise Pflugbeil, gibt auch ihren Beitrag, und ihr gilt auch ein Nachruf. Wir blicken zurück, wir blicken nach vorn. Und wir sind alle eingeladen, unsere ganz eigenen Lieblingsplätze in der Gemeinde dieses Festivals zu finden.
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Aller Anfang ist schwer von Edith Görne
Gestern brachte die Post das Vorprogramm der Greifswalder Bachwoche. Ich habe es aufmerksam gelesen und mich gefreut über die vielen zu erwartenden Veranstaltungen in der Juniwoche. Dabei gingen meine Gedanken zurück zu den Jahren 1978 bis 1985, als ich acht Mal diese Veranstaltungsreihe organisieren durfte. Das war noch in der DDR-Zeit und von vielen der jetzigen Möglichkeiten konnten wir nicht einmal träumen, geschweige denn sie realisieren. Das begann mit den Räumen: Alle Konzerte durften nur in kircheneigenen Räumlichkeiten stattfinden, d. h. die drei großen Kirchen und der Lutherhof standen zur Verfügung, die katholische Kirche konnten wir freundlicherweise auch benutzen. Die Aula der Uni war tabu, an St. Spiritus nicht zu denken. In allen drei Kirchen wurde in den besagten Jahren heftig gebaut. Am Dom musste das Geld vom Sonderbauprogramm bis zum Jahresende 1978 ausgegeben werden Zur Bachwoche war die Neugestaltung der Obergadenfenster dran. Herr Schlenker hatte die Bauleute gebeten, ihre Frühstückspause in die eine Stunde während der Geistlichen Morgenmusik zu legen. Sie gingen darauf ein. Danach wurden alle Bänke mit großen Platten zugedeckt, um den ärgsten Schmutz von oben abzufangen. Zwei Stunden vor dem Abendkonzert wurden die Platten wieder entfernt, Staub gewischt und die Besucher konnten kommen. Als nächstes fiel die Jacobikirche als Veranstaltungsort aus: Die Kirchenbänke wurden entfernt, eine Heizung eingebaut und mit den noch heute vorhandenen Stühlen bestückt. Auch die Marienkirche musste einer Schönheitskur unterzogen werden und konnte nur eingeschränkt und unter erschwerten Bedingungen genutzt werden. Zum Glück hatten wir große Unterstützung durch das Konsistorium: Nach jeder Veranstaltung stand Herr Mews mit dem „Barkas“ bereit und ca. 200 Klappstühle wurden von einer Kirche in die nächste transportiert, aufgestellt, nummeriert … Um diese Arbeiten bewältigen zu können, gab es stets einen präzisen Einsatzplan für die Studenten, ohne die das alles nicht 8
zu schaffen gewesen wäre. Sie mussten in dieser Zeit hart arbeiten und ich denke, dass das ihren Klavier-/Orgelhänden nicht immer zuträglich war. Ein Problem war auch die Unterbringung der Bachwochenbesucher. In Greifswald gab es damals nur ein Hotel, das „Boddenhus“. Dort durften vorzugsweise besondere Solisten und Gäste aus Westdeutschland wohnen. Alle anderen Bachwöchner wurden in Privatquartieren untergebracht. Mancher Greifswalder hat in dieser Zeit sein Schlafzimmer zur Verfügung gestellt und mancher westdeutsche Besucher lernte, wie es sich anfühlt, wenn man sich mangels Badezimmer in der Küche wäscht und die Toilette im Treppenhaus benutzt. Doch trotz dieser Unzulänglichkeiten hatten wir jährlich 40 bis 50 Gäste aus Westdeutschland. Für jeden mussten zwei umfangreich ausgefüllte Antragsformulare bei der Polizei eingereicht werden. Wenn die Einreisegenehmigungen dann nach Wochen kamen – abgelehnt wurde nie jemand, sie brauchten die Devisen – waren wieder einige Einträge nötig, bevor sie an die zu erwartenden Gäste verschickt werden konnten. Viele viele Stunden habe ich mit diesen Formularen verbracht. Ein nächstes Problem stellten die Plakate und Bachwochenprogrammhefte dar. Man konnte nicht drucken, was und wie viel man wollte. Plakate wurden vom Rat der Stadt Greifswald genehmigt, Programmhefte vom Rat des Bezirkes in Rostock. Diese Stellen kontrollierten jedes Wort und teilten auch das Papierkontingent zu. 200 Seiten Bachwochenheft? Fehlanzeige! Einmal hatte ich 29 DIN A5-Seiten gewünscht, bekam aber nur 28 bewilligt, musste also nochmal einige Veranstaltungen zusammenschreiben.
Edith Görne, Dresden, Mitglied mit der Nummer 72, verbrachte ihre „schönste Lebensarbeitszeit“ in den Bachwochen und war als Büroleiterin vor allem in der Ära von Manfred Schlenker wesentliche organisatorische Stütze des Künstlerischen Leiters und des ganzen Festivals.
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Oder: 17. Juni – Posaunenblasen vom Kirchturm vor dem Festgottesdienst – Unmöglich! Da entsteht vor der Kirche ein Menschenauflauf und das ausgerechnet am 17. Juni! Das war immer ein gefährliches Datum. Wir haben es aber trotzdem gemacht, ohne dass es im Programmheft stand. Jede Veranstaltung, auch die jährlich stattfindende Orgelmusikreihe, musste bei der Polizei angemeldet werden. So könnte ich stundenlang weiter erzählen, aber nicht nur von Schwierigkeiten, sondern vor allem auch von der großen Dankbarkeit, die wir immer empfanden, wenn die Tage gut und ohne Zwischenfälle gelaufen waren. Das war nie selbstverständlich. Die „urlaubenden“ Musiker der Komischen Oper Berlin – staatliche Orchester durften seit den 70er Jahren in Kirchen nicht mehr spielen – die Solisten der Konzerte, die vielen Besucher aus Ost und West, die Quartiergeber, die musikinteressierten Greifswalder, die Druckerei Panzig und die vielen Studenten waren eine eingeschworene Bachwochenfamilie, man freute sich von Jahr zu Jahr aufs Wiedersehen. Die staatlich organisierte Reihe „Musik im Mai“ konnte dagegen nicht ankommen und wurde bald mangels Zuspruchs wieder aufgegeben. Nun bin ich schon 17 Jahre im Ruhestand und fahre noch immer sehr gern zur Bachwoche. Die Greifswalder Jahre waren meine schönste, interessanteste, verantwortungsvollste, wenn auch anstrengendste Lebensarbeitszeit. Das Wort „Stress“ kannten wir damals noch nicht oder kaum. Man tat, was dran war. Diese gute Zeit habe ich nicht zuletzt meinem Chef Manfred Schlenker zu verdanken. Er ließ mir in vielen Dingen freie Hand, ich durfte „einfach machen“. Mit den Behörden konnte ich ganz gut umgehen und verhandeln und davon hing schon viel vom Gelingen ab. So blicke ich dankbar auf diese acht Jahre zurück, in denen ich die Bachwochen trotz mancher Schwierigkeiten organisieren durfte. Ich wünsche allen, die jetzt Verantwortung dafür haben, viele gute Jahre, immer neue Ideen, einsatzbereite Mitwirkende und viele dankbare und zufriedene Zuhörer.
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Die Geburt des Instituts für Kirchenmusik der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald von Hans Jürgen Baller
Im Jahre 1992 geriet die Greifswalder Kirchenmusikschule (KIMU) in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Es drohte die Schließung dieser bekannten und bewährten Einrichtung. Da machte die Greifswalder Ernst Moritz Arndt Universität (EMAU) der Greifswalder Kirchenmusikschule ein wichtiges Angebot, in dem es etwa heißt: Die Kirchenmusikschule wird unter dem Dach der philosophischen Fakultät der EMAU Hochschule und unter dem Namen „Institut für Kirchenmusik“ weitergeführt. Voraussetzung: Das bedeutet, dass die bisherige Kirchenmusikschule den Status einer Hochschule erhält. Studien- und Prüfungsordnung sind unter dem neuen Direktor erneut festzulegen. Die jährlich stattfindende Bachwoche sollte unter der künstlerischen Leitung des Direktors fortgeführt werden. Am 27.02.1992 wurde die entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. Bei aller Freude über diese Entwicklung trat jedoch ein neues Problem auf: Die Kirchenmusikschule hatte nämlich keinen Direktor mehr. Nach dem Fortgang des vorübergehenden Leiters Richard Lah nach Bayreuth war die Stelle vakant. Es musste also ein neuer Chef gefunden werden, ein erfahrener Kirchenmusiker mit APrüfung. Einen solchen zu finden, erwies sich aber als großes Pro-
Prof. em. Hans-Jürgen Baller, Westerrönfeld in SchleswigHolstein, Mitglied mit der Nummer 52, leitete 1969 bis 1991 den Rendsburger Kantatenchor und unterhielt intensive musikalische Beziehungen nach Osteuropa und in die DDR, u.a. zum Greifswalder Domchor und zur Bachwoche.
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blem. Land-auf – Land-ab war kurzfristig keiner zu finden. Entweder war man in ungekündigter Stellung oder man hatte nicht die notwendige Erfahrung, solch einer Stellung gewachsen zu sein. Schließlich besann man sich auf Hans Jürgen Baller aus Schleswig-Holstein, der durch rege Konzert- und Lehrtätigkeit im Inund Ausland einen Namen hatte. Man wusste zwar auch, dass er bereits im Ruhestand war, aber man könnte ihn ja mal fragen, ob er sich eventuell einer Berufung stellen würde. Baller hatte aber nach einem langen und arbeitsreichen Leben keine Neigung, noch ein so anspruchsvolles Amt zu übernehmen. Nach über 40 Jahren Amtszeit in Hamburg, Rendsburg und Kiel hatte er nun endlich Lust, ohne ständige Pflichten seinen Lebensabend gestalten zu können. Endlich sollte auch die Familie zu ihrem Recht kommen. Deshalb sagte Baller Greifswalds Ansinnen kurzerhand ab. Die Greifswalder aber ließen nicht locker und luden trotz aller Bedenken das Ehepaar Baller in die Universitätsstadt zu Gesprächen ein. Termin: 14. bis 17. September 1992. Um Schwierigkeiten bei der Übernachtung zu umgehen, unternahm das Ehepaar Baller die Reise mit dem Wohnmobil. Dort angekommen, wurden sie ungeahnt herzlich empfangen. Die schöne Stadt war äußerlich zwar noch DDR-geprägt und der bauliche Zustand der Häuser und Kirchen sehr traurig. Aber die Menschen, denen das Ehepaar Baller begegnete, waren überaus freundlich und gesprächsbereit. Drei Tage waren zum Kennenlernen vorgesehen und wurden voll ausgenutzt. Die Gespräche hatten vor allem die praktischen und theoretischen Lehrinhalte und Probleme zwischen Ost- und Westdeutschland zum Ziel und waren in der Nach-Wendezeit von ganz besonderer Bedeutung. Hier spürte man, wie wichtig das Zusammenwachsen beider deutscher Staaten auf allen Gebieten ist. Sollte das für Hans Jürgen Baller ein Grund sein, die Berufung der Universität anzunehmen? Am dritten Tag musste die Entscheidung nun fallen: Noch hüllte Baller sich in Schweigen. Entweder würde er Professor in Greifswald und Direktor eines Instituts, bzw. einer Hochschule für Kirchenmusik. Andererseits wäre der Familie Baller der Weg frei, den Lebensabend individuell zu gestalten. Er bat darum, für seine Ent33
scheidung noch bis zum Nachmittag des dritten Tages Raum zu geben. Frau KMD Pflugbeil lud zum Gespräch in ihrem Hause ein: Außer der Gastgeberin waren OKR Dr. Nixdorf, KMD Hans Jürgen Baller und Frau anwesend. Nixdorf machte nochmals dringend deutlich, was von der Entscheidung Ballers alles abhinge. „Wenn die Kirchenmusikschule Hochschule bleiben will, muss sie einen Direktor haben. Wenn wir bis zum 1. Oktober, also heute in 15 Tagen(!), keinen Direktor gefunden haben, bedeutet das für die Kirchenmusikschule und damit auch für die Bachwoche das Aus!“ Wegen dieser gravierenden Notlage stand im Stillen Ballers Entschluss bereits fest: Unter großem Applaus gab er diesen nun bekannt. Er würde nach langer Überlegung die Berufung annehmen: Die Gestaltung seines Lebensabends wäre hiermit entschieden. Eine lebhafte Diskussion schloss sich an. Im Rückblick kann man wohl sagen, dass Hans Jürgen Ballers Verzicht auf ein Jahr Ruhestand sich positiv auf die Entwicklung ausgewirkt hat. War das ein „Musikalisches Opfer?“
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