Theo Girshausen
THEATERREGISSEURE TEIL I Vorlesungen, gehalten im WS 2001/2002 am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig Lingener Beiträge zur Theaterpädagogik Band XIV
herausgegeben von Thomas Bitterlich Mitarbeit René Damm und Jörg Meyer Leipzig/Osnabrück 2014
Schibri-Verlag
Berlin • Milow • Strasburg
INHALTSVERZEICHNIS Editorische Notiz
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Ursprünglicher Themenplan zur Vorlesung
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Zur Stellung des Regisseurs im Gegenwartstheater Tischvorlage zur 1. Sitzung vom 08.10.2001 Vortragstext
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didaskalos: Was ist ein Theater ohne Regisseur? Tischvorlage zur 2. Sitzung vom 15.10.2001 Vortragstext
31 31 33
didaskalos: Was ist ein Theater ohne Regisseur? (Fortsetzung) Tischvorlage zur 3. Sitzung vom 22.10.2001 Vortragstext
47 47 47
Die Konvention als Regisseur: Theater im Mittelalter – „Volkstheaterformen“ im 16., 17., 18. Jahrhundert Tischvorlage zur 4. Sitzung vom 29.10.2001 Vortragstext
61 61 62
Die „Nationalisierung“ des Theaters: der Schauspieler als Theaterkünstler I Tischvorlage zur 5. Sitzung vom 12.11.2001 Vortragstext
76 76 78
Die „Nationalisierung“ des Theaters: der Schauspieler als Theaterkünstler II Tischvorlage zur 6. Sitzung vom 19.11.2001 Vortragstext
92 92 93
Der Dramaturg als Regisseur: André Antoine und Otto Brahm I Tischvorlage zur 7. Sitzung vom 26.11.2001 Vortragstext
105 105 106
Der Dramaturg als Regisseur: André Antoine und Otto Brahm II Tischvorlage zur 8. Sitzung vom 10.12.2001 Vortragstext
119 119 120
Regie und naturalistisches Drama I Tischvorlage zur 9. Sitzung vom 17.12.2001 Vortragstext
135 135 136
Inhaltsverzeichnis
Regie und naturalistisches Drama II Tischvorlage zur 10. Sitzung vom 07.01.2002 Vortragstext
153 153 154
Max Reinhardt I: Die Voraussetzungen Tischvorlage zur 11. Sitzung vom 14.01.2002 Vortragstext
173 173 173
Max Reinhardt II: Die Projekte Tischvorlage zur 12. Sitzung vom 21.01.2002 Vortragstext
190 190 191
Stichwortverzeichnis
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Editorische Notiz
EDITORISCHE NOTIZ Theo Girshausen, geboren am 28.06.1950 in Villmar/Lahn, studierte in den 1970ern an der Universität Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Er promovierte 1980 mit einer Arbeit zu Heiner Müller, die unter dem Titel »Realismus und Utopie: Die frühen Stücke Heiner Müllers« im nicht mehr existenten Prometh Verlag (Köln) publiziert wurde. Kurz danach begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln zu arbeiten. Nebenbei war er als Lektor in der Redaktion Hörspiel des WDR tätig und verfasste Kritiken für die »Stuttgarter Zeitung«.1 Ab 1984 wirkte er dann sechs Jahre als Hochschulassistent am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. In Berlin habilitierte Theo Girshausen mit einer theaterhistorischen Schrift, die unter dem Titel »Ursprungszeiten des Theaters« (1999) erschien und ihn als Kenner des griechischen Theaters und seiner Rezeption in den Kulturwissenschaften auswies. Nach Berlin folgte wieder Köln, wo er eine Professur vertrat, bevor er dann im Wintersemester 1994/1995 als Professor nach Leipzig berufen wurde. Er lehrte und forschte dort fast zwölf Jahre, bis er plötzlich und unerwartet, aufgrund einer zu spät erkannten Lungenentzündung, am 25. März 2006 starb. Dadurch wurde eine über mehrere Jahre andauernde Auseinandersetzung mit der Geschichte des Theaters unterbrochen, ohne dass die Ergebnisse der Auseinandersetzung im ausreichenden Maße publiziert werden konnten. Unter anderem besteht aus diesem Grund ein quantitatives Missverhältnis zwischen publizierten und unpublizierten Schriften. Lediglich vier Bücher, 17 Aufsätze, 23 Kritiken und einige Lexikonartikel sind veröffentlicht. Im Nachlass befinden sich weitere vier, teils fragmentarische Buchmanuskripte, 28 ausformulierte und mit wissenschaftlicher Akribie verfasste Vorlesungen sowie mehrere unveröffentlichte Aufsätze und Vorträge. Das Missverhältnis ist deshalb problematisch, weil die publizierten Schriften nur einseitige oder eingeschränkte Perspektiven auf die Arbeit von Theo Girshausen und seinen Beitrag zur Theatergeschichte bieten, seinen Ansatz nur andeuten oder dicht am Gegenstand entwickeln. Ein Beispiel: Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte Theo Girshausen zwei Bücher zu Heiner Müller. Fast zwei Jahrzehnte später erscheint die bearbeitete Habilitationsschrift zum altgriechischen Theater als Buch. Diese Buchpublikationen allein stellen Theo Girshausen als Spezialisten auf zwei sehr unterschiedlichen Gebieten dar. Die zeitliche Abfolge der Themen, vom Gegenwartstheater zur antiken Theatergeschichte, suggeriert zudem einen Rückzug auf die Geschichte, der wenig attraktiv und übertragbar scheint. Unveröffentlichtes oder schlecht Zugängliches aus dem Nachlass herauszugeben,
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Ein großer Teil der Kritiken ist inzwischen über eine Online-Edition des Nachlasses am Universitätsarchiv Leipzig wieder zugänglich: https://www.archiv.uni-leipzig.de/girshausen/
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Theaterregisseure – Teil I
soll diesen Eindruck korrigieren und die Vielseitigkeit einer Lehr- und Forschungstätigkeit zeigen, die heute – wie das Interesse an Theatergeschichte überhaupt – selten geworden ist. Das war 2011 unsere Motivation die Arbeiten an der Edition der Vorlesungen zu beginnen. Inzwischen gibt es einen weiteren Grund, die wissenschaftliche Arbeit am Leipziger Institut für Theaterwissenschaft einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Am 21. Januar 2014 gab das Rektorat der Universität Leipzig bekannt, dass die Forderungen des sächsischen Wissenschaftsministeriums nach weiterem Personalabbau u. a. durch Streichung der Institute für Theaterwissenschaft und der Klassischen Archäologie erfüllt werden sollen. Die zum Teil überraschende Ankündigung rief starken Protest innerhalb und außerhalb von Leipzig hervor, der in verschiedene Aktionen mündete, aber (noch) nicht zur Rücknahme der Entscheidungen führte. Die Bestätigung der CDU-Regierung bei der sächsischen Landtagswahl im August 2014 lässt keine Wende erwarten. 2015 sollen fünf Stellen des Institutes aus dem Stellenplan genommen werden. Der Studiengang wird dann wahrscheinlich bis 2020 auslaufen. Zuletzt wurde über eine Pressemitteilung am 25. Juli 2014 durch den Prorektor Thomas Lenk bekanntgegeben: „Die Theaterwissenschaft hat eine Zukunft an unserer Universität, nicht in Form eines isolierten Instituts, aber in einer Vernetzung mit anderen Disziplinen.“2 Als mögliche Zukunftsvision wurde ein neues Institut für Kunstwissenschaften benannt, in dem dann eine Professur die Theaterwissenschaft vertrete. Die Edition der Vorlesung sehen wir in dieser Perspektive auch als Hinweis auf die Arbeiten, die in Forschung und Lehre an diesem Institut geleistet wurden und werden. Im Kleinen wird daran deutlich, was die Schließung eines Institutes für das kulturelle Gedächtnis einer Region bedeuten kann. Es wird ein Stück der täglichen Arbeit sichtbar, die sich nicht immer in publizierten Seiten oder wirtschaftlichen Erträgen quantifizieren lässt. Als Erinnerungsstütze können diese und andere Veröffentlichungen noch einmal die Besonderheiten des Institutes hervorheben und bewahren, im Deutsch des Hochschulmarketings: sein Profil schärfen. Seine nun 20-jährige Existenz an der Universität Leipzig ist zugleich als der längste Versuch zu betrachten, ost- und westdeutsche theaterwissenschaftliche Theorieansätze, Methoden und Perspektiven zusammenzuführen sowie insgesamt osteuropäische Dimensionen in dem deutschen Diskurs über Theater einzubeziehen. Theo Girshausen kam aus Köln über West-Berlin nach Leipzig, im Gepäck den – aus heutiger Sicht – medienwissenschaftlichen Ansatz des Kölner Institutes, aber gleichzeitig mit Forschungen zu Bertolt Brecht und Heiner Müller.
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Universität Leipzig: Rektorat der Uni Leipzig erneuert Forderung nach solider Grundfinanzierung. Pressemitteilung 212/2014 vom 25.07.2014 URL: http://www.zv.uni-leipzig. de/service/presse/nachrichten.html?ifab_modus=detail&ifab_uid=6c91724b8920141025 194302&ifab_id=5635
Editorische Notiz
Auf eine Initiative von Jörg Meyer hin soll bei den umfangreicheren Schriften mit einer Vorlesung begonnen werden3, in deren Mittelpunkt das Theater des 20. Jahrhunderts steht. Hier dominiert eine westdeutsche Perspektive. Für ein vollständiges Bild wären u. a. die Vorlesungen „Bertolt Brecht zur Einführung“ (Leipzig, WS 1996/97) oder „Theaterregisseure aus der DDR“ (Köln, SS 1993) einzubeziehen. Das deutsche Theater wird hier nicht durch die Geschichte seiner Institutionen beschrieben – für Deutschland wäre in dieser Hinsicht die Herausbildung des Stadttheaters als wichtige Tendenz zu nennen –, sondern durch die Regisseure, die mit ihren Inszenierungen und medienöffentlichen Standpunkten das Bild dieses Theaters prägten. Theo Girshausen behauptet weiterhin, dass die Position des Regisseurs als solche für das 20. Jahrhundert neu und so bedeutend sei, dass sich die Geschichte des Theaters in dieser Zeit gar nicht anders schreiben lasse. In diesem Sinne ist diese Vorlesung als Einführung konzipiert, die zum Verständnis dieses Theaters beitragen und zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihm einladen will. Dass solche Einführungen notwendig sind, war ihm recht früh bewusst geworden. In einer »Konzeptionsskizze zur Lehr- und Forschungspraxis im Schwerpunkt Theatertheorie«, deren Veröffentlichung noch aussteht, schreibt Theo Girshausen Anfang der 1980er Jahre: Die dem wissenschaftlichen Konstitutionsakt vorausliegende Trennung von wissenschaftlicher Organisation ästhetischer Erfahrung und dieser selbst, scheint vielen Studenten kaum mehr evident oder leicht nachvollziehbar. […] Es gilt, die bestehende und notwendige Trennung ins Bewußtsein zu heben und – als zweifaches Erfordernis der Bereitschaft zur Selbstprüfung, nämlich der der ästhetischen wie der theoretischen Erfahrung mit Theater – das Bedürfnis nach gegenseitiger Kontrolle beider Erfahrungsweisen zu wecken. In diesem Sinne führt die Vorlesung, wie jede gute Lehrveranstaltung, auch ins wissenschaftliche Arbeiten ein, bleibt aber am ästhetischen Gegenstand. Sie dient darüber hinaus als Grundlage für die von Theo Girshausen angestrebte Theoriebildung, in der die Geschichtlichkeit von Theater eine zentrale Stellung einnimmt. Die Geschichte des Theaterregisseurs ist ein vorbereitender Beitrag zu einer punktuellen Synthese verschiedener theatertheoretischer Ansätze. Als Theo Girshausen im Wintersemester 2001/2002 die Vorlesung »Theaterregisseure, Teil 1« hält, kann er auf eine fast 30-jährige Beschäftigung mit dem Thema „Regietheater“ zurückblicken. Nach bisheriger Kenntnis der Quellen hat er im WS 1975 an der Universität Köln ein Tutorium unter dem Titel »Russisches Theater 1889–1930 (Stanislavskij, Mejerchol‘d, Tairow, Vachtangov, Eisenstein)«
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Das von Theo Girshausen zuletzt vorbereitete Buchvorhaben zur Kulturgeschichte des antiken Theaters, quasi eine Fortsetzung der Habilitationsschrift, wird demnächst im Verlag Vorwerk 8 veröffentlicht.
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Theaterregisseure – Teil I
betreut. Mit Beginn seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im April 1980 finden sich mehrere Lehrveranstaltungen, die von einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit deutschen und internationalen Theaterregisseuren zeugen. Im Sommersemester 1984 wird von ihm laut Vorlesungsverzeichnis des Instituts der Theaterwissenschaft der Universität Köln das Proseminar »Theaterregisseure des 20. Jahrhunderts« angeboten. Die Veranstaltung »Theaterregisseure der DDR« folgt ein Jahr später und wird bis 1997 erst in Köln, später in Berlin und Leipzig durchgeführt. Die erste Vorlesung unter einem vergleichbarem Titel hält er im Wintersemester 1992/1993 unter dem Titel »Theater/Regisseure in Deutschland« wieder in Köln. Sie wurde 1998 und 2000 in Leipzig wiederholt und zu einer zweisemestrigen Veranstaltung erweitert. Zusätzlich zu diesen Überblicksveranstaltungen standen in Vorlesungen und Seminaren auch einzelne Regisseure im Mittelpunkt, z. B. Peter Stein und Peter Zadek. Inwiefern auch Parallelen und Gemeinsamkeiten zu Vorlesungen wie »Westdeutsches Theater der 70er und 80er Jahre« bestehen, kann nur in einem anderen Forschungs- bzw. Editionsprojekt geklärt werden. Obwohl die hier herausgegebene Vorlesung über Theaterregisseure eine lange Vorgeschichte hat, ist für die Edition nur die aktuellste Fassung berücksichtigt worden. Für diese Vorlesung sind Word-Dateien vorhanden, die sich relativ unproblematisch editieren lassen. Im Unterschied dazu liegt die 1992 in Köln gehaltene Vorlesung »Theater/Regisseure in Deutschland« als Word-Perfect-Datei vor, die erst konvertiert werden müsste. Zudem liegen Ausdrucke vor. Die meisten befanden sich bei der Übergabe an das Universitätsarchiv Leipzig in Ordnern, die als Kopiervorlage den Studenten dienten. Die Prüfung auf Vollständigkeit und die Ordnung der Seiten ist mit einem hohen Zeitaufwand verbunden, so dass auf einen Vergleich verzichtet wird. Zudem stellt sich die Frage, ob eine historisch-kritische Edition notwendig ist. Es handelt sich um eine Lehrschrift, deren Zweck die Heranführung von Studierenden und Theaterinteressierten an die Wissenschaft ist. Dieser Zweck und der Charakter der Schrift sollen beibehalten werden. Nur in einigen Fällen wurde der Vortragstext verändert oder ergänzt. Ziel dieser Veränderungen ist es, die Lesbarkeit des Textes zu verbessern. Aus diesem Grund werden auch dem Vortragstext die Tischvorlagen vorangestellt. Theo Girshausen teilte sie zu den einzelnen Sitzungen aus und gab damit den Zuhörern einen Leitfaden für seinen Vortrag an die Hand4, aber auch eine stichpunktartige Zusammenfassung. Die hier nachträglich durch den Herausgeber hinzugefügten Fußnoten dienen einerseits dem bibliographischen Nachweis von direkten und indirekten Zitaten, andererseits dem Hinweis auf Kontexte, die heutigen Lesern nicht mehr ganz so präsent sind.
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Im Verlauf der Vorlesung kommt es zu Verschiebungen, weil einige Themen ausführlicher besprochen werden, als ursprünglich geplant war. Bei den Überschriften haben wir versucht, das durch die Wiederholung von Titeln für einzelne Sitzungen und deren Nummerierung kenntlich zu machen. Die Ordnung der Tischvorlagen haben wir jedoch beibehalten, weil sie dem historischen Verlauf entspricht. Es darf zurückgeblättert werden.
Editorische Notiz
Neben diesen inhaltlichen Erweiterungen ist es auch unser Ziel, eine zitierbare verlässliche Textgrundlage zu erstellen. Aus diesem Grund waren auch Veränderungen im Schriftbild notwendig. Die Zitierung ganzer Sätze wird als Block vom Text abgesetzt und aus der anschließenden Fußnote kann, sofern recherchierbar, die verwendete Literatur entnommen werden. Kleinere Zitate werden durch doppelte Anführungszeichen und eine Fußnote kenntlich gemacht. Zur Hervorhebung von Begriffen werden ebenfalls diese Anführungszeichen verwendet. Werden Wörter und Wendungen metaphorisch oder ironisch, d. h. uneigentlich gebraucht, stehen einfache Anführungszeichen. Eigennamen oder Hervorhebungen einzelner Wörter sind anhand der Kursivierung erkennbar. Stück-, Buch- und Filmtitel werden durch französische Anführungszeichen hervorgehoben. Die alte Rechtschreibung, die den Regeln vor 1996 folgt, wurde weitesgehend beibehalten, weil sie eng mit dem Vortrag der Vorlesung verbunden ist. Wir danken Roswitha und Bernadette Girshausen für den Einblick in den Nachlass und die Freigabe der Manuskripte. Leipzig, November 2014
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Inhaltsverzeichnis
URSPRÜNGLICHER THEMENPLAN ZUR VORLESUNG 08.10.2001 15.10.2001 22.10.2001 29.10.2001 05.11.2001 12.11.2001 19.11.2001 26.11.2001 10.12.2001 17.12.2001 07.01.2002 14.01.2002 21.01.2002 28.01.2002
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Zur Stellung des Regisseurs im Gegenwartstheater didaskalos: Was ist ein Theater ohne Regisseur? Die Konvention als Regisseur: Theater im Mittelalter – „Volkstheaterformen“ im 16., 17., 18. Jahrhundert Die „Nationalisierung“ des Theaters: der Schauspieler als Theaterkünstler Der Dramaturg als Regisseur: André Antoine und Otto Brahm Regie und naturalistisches Drama I Regie und naturalistisches Drama II Max Reinhardt I: Die Voraussetzungen Max Reinhardt II: Die Projekte Jahrhundertwende: Ästhetische Herausforderungen an das Theater: Edward Gordon Craig und Adolphe Appia Weimarer Republik: Politische Herausforderung an das Theater Leopold Jessner Erwin Piscator Jürgen Fehling und Gustaf Gründgens
Zur Stellung des Regisseurs im Gegenwartstheater
ZUR STELLUNG DES REGISSEURS IM GEGENWARTSTHEATER Tischvorlage zur 1. Sitzung vom 08.10.2001 Erwähnte Regisseure: André Antoine (1858–1943), Otto Brahm (1856–1912), Max Reinhardt (1873– 1943), Leopold Jessner (1878–1945), Erwin Piscator (1893–1966), Fritz Kortner (1892–1970), Gustaf Gründgens (1899–1963), Wolfgang Langhoff (1901–1966), Jürgen Fehling (1885–1968), Heinz Hilpert (1890–1967), Peter Zadek (1926–2009), Peter Stein (*1937), Claus Peymann (*1937), Hans Neuenfels (*1941), Klaus Michael Grüber (1941–2008), Hansgünther Heyme (*1935), Jürgen Flimm (*1941), Dieter Dorn (*1935), Einar Schleef (1944–2001), Luc Bondy (*1948), Niels-Peter Rudolph (*1940), Frank-Patrick Steckel (*1943), B.K. Tragelehn (*1936), Robert Wilson (*1941: »Death, Destruction and Detroit«, Schaubühne am Halleschen Ufer 1977), Frank Castorf (*1951), Leander Haußmann (*1959), Bühnenbildner als Regisseure: Erich Wonder (*1944), Achim Freyer (*1934).
Erwähnte Schauspieler: Bernhard Minetti (1905–1998), Marianne Hoppe (1911–2002)
Erwähnte Dramatiker: Thomas Bernhard (1931–1989), Bertolt Brecht (1898–1956), Peter Weiss (1916– 1982), Heiner Müller (1929–1995), Franz Xaver Kroetz (*1946), Botho Strauß (*1944)
Erwähnte Bühnen Berliner Ensemble (BE): 1949 gegründet, Leitung: Helene Weigel, künstlerische Beratung Bertolt Brecht; Januar 1949: Premiere von Brechts »Mutter Courage und ihre Kinder«, Co-Regie von Brecht und Erich Engel am Deutschen Theater Schaubühne am Halleschen Ufer (jetzt Lehniner Platz): 1962 als Studentenbühne gegründet; 1970: Mitbestimmungsstatut, erste Premiere von Brechts »Die Mutter«, Regie: Wolfgang M. Schwiedrzik, Frank-Patrick Steckel, Peter Stein; prägende Regisseure: Peter Stein, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy Théâtre du Soleil: 1964 in Paris gegründet; seit 1968: Programm der „Création collective“, realisiert zuerst 1970 mit einem Abend über die französische Revolution: »1789« (1970/1971), »1793« (1972/1973).
„Tendenzwechsel“ im bundesrepublikanischen Theater seit 1945: „Literaturtheater“ (im Sinne des „Werktreue“-Gedankens); „Theater der Regisseure“; „Theater der Schauspieler“; „Theater der Bilder“ 13
Theaterregisseure – Teil I
Zur begleitenden Lektüre: Günther Rühle: Theater in unserer Zeit: Band 1. Frankfurt/Main 1976 (= Suhrkamp-Taschenbuch 325) | Günther Rühle: Theater in unserer Zeit: Band 2: Anarchie in der Regie? Frankfurt/Main 1982 (= Suhrkamp-Taschenbuch 862) | Günther Rühle: Theater in unserer Zeit: Band 3: Was soll das Theater? Frankfurt/Main 1992 (= Suhrkamp-Taschenbuch 1940).
Vortragstext Ich will es halten, wie ich es angekündigt habe: Es wird in dieser Vorlesung zuvor und vor allem um einzelne Regisseure gehen. Betrachtet werden solche, die insbesondere für das deutsche Theater des 20. Jahrhunderts von besonderer Wichtigkeit gewesen sind, solche, die es noch sind und vielleicht sogar – jedenfalls am Rande, ausblickshaft – auch solche, die es vielleicht noch werden mögen, die also als Regiekünstler, als Regiepersönlichkeiten gelten können. Die Intentionen, die ich mit diesen Darstellungen verbinde, sind bescheiden. Mehr ist nicht beabsichtigt, als einige Informationen über das zu liefern, was man die Werkbiographie dieser Regisseure nennen könnte. Das bedeutet: In einzelnen monographisch angelegten Kapiteln soll auf diese Weise über das Typische einer künstlerischen Arbeit gehandelt werden, wie sie sich mit einer Person verbindet. Das aber kann sich auf sehr verschiedene Art und Weise ausdrücken – und ich will vorab, ganz willkürlich, nur damit Sie eine vage Vorstellung bekommen von dem, was ich im Auge habe, einige Gesichtspunkte nennen, die da zu berücksichtigen sein werden: Typisches, für das Gesamt der Inszenierungen eines Regisseurs Kennzeichnendes kann etwa zum Vorschein kommen, wenn von bestimmten Vorlieben bestimmter Regisseure für ganz bestimmte Dramenautoren, oder aber: für die Dramatik einer besonderen Epoche, oder aber: für Texte einer Stilrichtung oder Programmatik die Rede sein muß. Denn, daß es auf dem Felde der sogenannten Klassikerregie, ich greife willkürlich ein Beispiel heraus, etwa ausgesprochene Schiller-Regisseure oder aber Shakespeare-Regisseure usw. gibt, oder aber: solche Regisseure, die insbesondere den Stücken des „epischen“ oder des „absurden“ Theaters verpflichtet sind, oder: die inspiriert werden von einer die Künste übergreifenden Richtung – sagen wir: vom Surrealismus – gibt natürlich auch Auskunft über die eigenen Motive des Betreffenden, Theater zu machen. Solche Affinitäten sagen ja etwas gerade durch die Formen, die einem Regisseur zu ihrer Verwirklichung tauglich scheinen. Oder: Typisches kann sich auch zu erkennen geben in den Auffassungen, die sich diese Regisseure über ihre Kunst und ihr Handwerk gebildet haben. Das ist, wenn sie es denn getan haben, schon an sich eine Eigenart – denn es gibt neben denen, welche etwas über ihre Arbeitsintention oder Arbeitsweise formuliert haben, auch diejenigen, die sich – und das ist dann genauso programmatisch zu verstehen – jeder ‚theoretischen‘ Stellungnahme enthalten. Bevor wir also zu sortieren 14
Zur Stellung des Regisseurs im Gegenwartstheater
haben zwischen denen, die diese oder jene Auffassung vertreten zum Sinn und Zweck des Theatermachens, ist schon ein Unterschied zu treffen zwischen denen, die eine solche Auffassung vertreten und den anderen, die sich jeder – formulierten – Aussage darüber enthalten. Oder: Typisches kann sich niederschlagen in den Methoden, deren sich einzelne Regisseure zur Erarbeitung ihrer Inszenierungen bedient haben. Bei manchen ist das der Fall – wenn sie sich etwa zu einer bestimmten Spielform – beispielsweise dem „epischen Theater“ – oder zu einer bestimmten Auffassung vom Spielen selbst – beispielsweise dem „method-acting“5 – ‚bekennen‘. Bei anderen – das ist die Parallele zum theoretischen und untheoretischen Regisseur – fehlt ein solches ‚Bekenntnis‘ und auch das hat programmatische Aufschlußkraft, wenn, was meistens der Fall ist, nichts als die eigene Person selbst für die ‚Methode‘ einstehen soll. Oder: Die Typik einer Arbeit kann ihren Widerschein finden in den formalen Eigenarten, die – durch Vergleich einzelner ihrer Inszenierungen – im Gesamt des Werks der einzelnen Regisseure auffällig werden und ihren Aufführungen einen unverwechselbaren Stempel aufdrücken, sei es den gar einer ausgesprochenen Theatersprache oder den einer ‚Handschrift‘ oder nur das, was man gemeinhin einen Stil nennt. All solches und weiteres soll also von Fall zu Fall zu einer Art Porträt-Skizze des individuellen Regiekünstlers führen – und ich spreche dabei bewußt von Künstler, wieso wird noch auszuführen sein. Und dieses Porträt der einzelnen Regisseure soll dann, wenn möglich, schließlich im Blick auf einzelne ihrer Arbeiten, die für solche Zusammenhänge besonders aussagekräftig sind, exemplarisch belegt werden. Insofern versteht sich diese Vorlesung als eine Art Einführung: In einer ersten, kursorischen Annäherung sollen Sie nicht mehr (und nicht weniger) als mit einer Reihe von Theaterkünstlern bekannt gemacht werden, die Ihnen im Laufe des Studiums – mit einzelnen ihrer Inszenierungen – vielleicht noch häufiger und in intensiverer Beschäftigung begegnen werden. Das ist aber nur der eine Aspekt der Einführung, die ich geben will. In der Ankündigung hatte ich den anderen auch bereits genannt: Angelegentlich einer solchen Reihe von Regisseur-Porträts, wie ich sie liefern will, ist auch ein Überblick über wesentliche Tendenzen, Strömungen und Richtungen des deutschen Theaters im 20. Jahrhundert zu erwarten. Berichtet werden soll also angelegentlich der einzelnen Regisseur-Portraits zugleich über einige Zusammenhänge zwischen ihnen, ihrer Arbeit und der Geschichte ihrer Zeit und das heißt ja notwendigerweise auch: Berichtet werden muß über gewisse Zusammenhänge zwischen ihrer Lebensgeschichte und ihrer inszenatorischen Arbeit. Es wird dabei durchaus nicht (nur) um Anekdoten gehen, sondern (auch wenn es Anekdoten sein sollten) um die inneren, ihre Ästhetik prägenden Beziehungen zwischen Geschichte, Biographie und künst-
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Diese Schauspielmethode wurde von Lee Strasberg (1901–1982) entwickelt. In Deutschland setzte sich u.a. George Tabori für diesen Inszenierungsstil ein.
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Theaterregisseure – Teil I
lerischer Produktion (auch daraufhin können Anekdoten nämlich zum Sprechen gebracht werden). Um solche Erörterungen zur theatergeschichtlichen Situation dieses Jahrhunderts einigermaßen gründlich vorzubereiten, ist nun eine etwas längere Vorbereitung nötig. Zu klären ist zunächst einmal nämlich der Rahmen selbst, in dem diese ausgesprochenen Künstler des Theaters in diesem Jahrhundert auftreten und der ihren Auftritt überhaupt erst erlaubt. Theatergeschichtlich interessiert, muß deshalb zunächst einmal, bevor auf die individuellen Vertreter zu kommen ist, die Rede sein vom Typus des von den Regisseuren vertretenen Theaters selbst: vom „Regietheater“ nämlich. Um dies im Gang der europäischen Theater vorab einigermaßen sorgfältig verorten zu können, habe ich die Vorlesung in zwei Teile geteilt und zweisemestrig konzipiert. Ich werde mich also zunächst einmal – in einer Art theatergeschichtlichen Einleitung – mit dem Problem der Theaterregie selbst befassen. Zwangsläufig, um auf dieses Problem und seine Gründe zu kommen, werde ich mich dabei mit einem Typus von Theater beschäftigen müssen, der – ich muß das jetzt schon in aller sich hier auftuenden Zweideutigkeit formulieren – die Position und das Problem des Regisseurs noch nicht gekannt hat. Ich werde mich in meiner historischen Einleitung also zunächst einmal mit der Theatergeschichte zu befassen haben, die dem Aufkommen des Regietheaters und des „Theaters der Regisseure“ vorausliegt. Kursorisch und nur unter unserer Hinsicht – was heißt das eigentlich: ein Theater ohne Regisseur? – werden also weite Epochen der europäischen Theatergeschichte angerissen werden müssen, vom 5. vorchristlichen bis zu unserem 19. Jahrhundert. Dabei sollen das Beispiel des antiken Theaters sowie der Formen des sogenannten Volkstheaters in Europa vom 16. bis zum frühen 18. Jahrhundert plausibel machen, was ein Theater sein kann, das ganz ohne individuell profilierten Künstler auskommt. Das Beispiel des 18. Jahrhunderts soll diesem Theater ohne Künstler – also: dem Theater, das ganz offensichtlich über eine ‚Kunst‘ ganz anderer Art gebot – dann das erste Auftreten eines solchen Künstlersubjekts kontrastieren. Nur: Das führt uns noch keineswegs zum Regietheater und zum Regisseur. Denn: Der Künstler, der im letzten Drittel dieses 18. Jahrhunderts die Bühne betritt, ist beileibe noch nicht der Regisseur. Sondern: Es handelt sich um den Schauspieler, der in den Prozessen dieses Jahrhunderts – im Ensemble gesellschaftlicher und künstlerischer Entwicklungen – zum ersten, durch seine Individualität charakterisierten Künstler der Bühne aufrückt. (Was e contrario also wiederum heißt: Vorher gab es auch den Schauspieler als individuell profilierten Künstler noch nicht, eine solche Konzeption kommt eben erst in diesem, dem späten 18. Jahrhundert auf.) Dann erst, nach drei Sitzungen, wird es zum Eigentlichen kommen. Namentlich, das heißt: Was die einzelnen in diesem Semester vorzustellenden Regiekünstler betrifft, wird es in diesem zweiten, längeren Teil der Vorlesung um die Zeit der Jahrhundertwende gehen und um die dort beherrschenden Regisseure André Antoine, Otto Brahm und Max Reinhardt. 16