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Vom Mythos zum Logos

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Philosophische Lebenskunst Band 14

Lutz von Werder

Vom Mythos zum Logos Über den dreifachen Ursprung der philosophischen Lebenskunst in Griechenland, China, Indien

Schibri-Verlag Berlin • Strasburg • Milow


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Zitatnachweis: Trotz gründlicher Recherche ist es uns nicht gelungen, alle RechteInhaber ausfindig zu machen. Honorar-Ansprüche bleiben bestehen.

Bestellungen über den Buchhandel oder direkt beim Verlag © 2015 by Schibri-Verlag, Am Markt 22, 17335 Strasburg/Uckermark www.schibri.de Umschlaggestaltung: Nadine Bachmann Layout/Korrektur: Iris van Beek Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags. Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany ISBN 978-3-86863-093-0


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Inhaltsverzeichnis Einleitung: Die interkulturellen Grundlagen einer Philosophie der Lebenskunst

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A Die Frage nach dem Ursprung der Philosophie 1. Das europäische Primat in der Philosophie und die interkulturelle Philosophie 2. Die Achsenzeit und die Unterschiede der drei Ursprünge 3. Vom Mythos zum Logos 4. Sind wir unterwegs zu einer Weltphilosophie der Lebenskunst des Logos?

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B Der Ursprung der Philosophie in Griechenland Einleitung: Der Mythos der Vorachsenzeit in Griechenland 1. Die 9 Bedingungen für die Entstehung der Philosophie 2. Heraklit – Die Gegensätze und das Werden 3. Parmenides – Das Sein und das Nichts 4. Pythagoras – Die Mathematisierung der Welt 5. Das Atom von Leukipp und Demokrit

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C Der Ursprung der Philosophie in China Einleitung: Der Mythos der Vorachsenzeit in China 1. Der Streit um den Anfang der Philosophie in China 2. Der wirkliche Ursprung der Philosophie in China 3. Die Selbstkultivierung bei Konfuzius 4. Das Weltgesetz des Tao 5. Mo Ti und die Philosophie des Sozialismus 6. Menzius – Die Welt und China retten durch Revolution

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D Der Ursprung der Philosophie in Indien Einleitung: Der Mythos der Vorachsenzeit in Indien 1. Rückblick und Ausblick: Die Unterschiede der Entstehung der Philosophie in Griechenland, China und Indien 2. Der Ursprung der Philosophie in Indien 3. Die Entwicklung der indischen Philosophie

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6 4. Das Verhältnis von indischer und europäischer Philosophie am Beispiel Yoga 5. Gründe für Stagnation und Fortschritt in der indischen Philosophie 6. Den Tod überwinden – Die Upanishaden 7. Nirwana suchen – Buddha 8. Handeln ohne zu handeln – Die Bhagavadgita 9. Das Überbewusstsein erreichen durch Yoga – Patanjali E Schluss 1. „Vom Mythos zum Logos“ – Die Revision einer Idee vom Ursprung und Ziel der Philosophie 2. Die Ursprünge der Philosophie und die philosophische Lebenskunst 3. Elf Gespräche mit dem Lehrer H.: 1. Die Zukunft des Logos 2. Die Bedeutung des Logos 3. Der Abschied vom Mythos 4. Die Bedeutung Chinas für eine Weltphilosophie des Logos 5. Der Sinn der These „Vom Mythos zum Logos“ 6. Über den Grund der philosophischen Lebenskunst 7. Der Tod und der Sprung vom Mythos zum Logos 8. Über das Über-Sein 9. Die Verborgenheit der Achsenzeit 10. Weltuntergang 11. Mythos und Logos im Lebenslauf

4. Literaturverzeichnis: 1. Allgemeine Literatur zur interkulturellen Philosophie 2. Literatur zur griechischen Philosophie 3. Literatur zur chinesischen Philosophie 4. Literatur zur indischen Philosophie Philosophische Lebenskunst im Schibri-Verlag mit Büchern von Lutz von Werder Veranstaltungshinweise

Inhalt

181 190 192 201 223 236 247 249 252 255 257 258 259 261 262 262 263 264 265 265 267 269 272 276 281 282


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Einleitung Die interkulturellen Grundlagen der Philosophie der Lebenskunst Die heutige Begründung einer Philosophie der Lebenskunst muss die Achsenzeit (800–200 v. Chr.) und die außereuropäischen Ursprünge der Philosophie berücksichtigen. Europa sieht sich durch die Lebenskünste Asiens herausgefordert. Der Dialog der Kulturen ist schon seit hunderten von Jahren im Gange, aber die Klärung der verschiedenen Ursprünge von Lebenskunst (in Griechenland, Indien und China) steht noch am Anfang. Unter einer radikalen Perspektive war Philosophie von Anfang an Lebenskunst in allen drei Ursprungsorten der Philosophie. In allen drei Orten galt erst die mythische Welterklärung durch Erzählungen über die Götter, um dann Ansätze der Welterklärung durch Begriffe zu versuchen (vgl. W. Nestle: Vom Mythos zum Logos. Aalen 1966). Bei der Entwicklung zum Logos entwickelt sich die Mystik, die die Weltentstehung aus dem All-Einen meditativ erlebt. In der höchsten Stufe des Logos ist der Mythos ausgelöscht.

Der Schritt vom Mythos zum Logos, der die Philosophie von der Religion abgrenzt, zentrierte sich immer um die Frage: Wie ist in einer feindlichen Welt ein gutes Leben in der Orientierung am Logos als philosophische Lebenskunst überhaupt möglich? Heute, wo in vielen Buchhandlungen und am Markt der Weltanschauungen alle Philosophien der Welt vertreten sind, ist es für die deutsche Lebenskunst wichtig, sich international zu orientieren. Der interkulturelle Ansatz in der Lebenskunst, die sich vom Mythos zum Logos entwickeln will, ist gefragt. Dem soll im folgenden Buch mit vielen Übungen zur Klärung Ihrer philosophischen Lebenskunst gefolgt werden.


8 Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen die m채nnliche Schreibweise verwendet, es ist aber auch immer die weibliche Sprachform gemeint. Besonderer Dank gilt Sybille v. Heynitz, Iris van Beek und Matthias Schilling f체r die Fertigstellung des Buches. Simander, im Sommer 2015

Lutz von Werder


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A Die Frage nach dem Ursprung der Philosophie

1.

Das europ채ische Primat in der Philosophie und die interkulturelle Philosophie

2.

Die Achsenzeit und die Unterschiede der drei Urspr체nge

3.

Vom Mythos zum Logos

4.

Sind wir unterwegs zu einer Weltphilosophie der Lebenskunst des Logos?


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1. DAS EUROPÄISCHE PRIMAT IN DER PHILOSOPHIE UND DIE INTERKULTURELLE PHILOSOPHIE THESEN ZUM URSPRUNGSORT DER PHILOSOPHIE • • • • •

Philosophie kennt mehrere Geburtsorte (R. A. Mall: Philosophie im Vergleich der Kulturen. Darmstadt 1995, S. 9) Philosophie ist der Versuch, die Welt und den Menschen und das All-Eine rational zu deuten. (H. Kimmerle: Interkulturelle Philosophie. Hamburg 2002, S. 54) Interkulturelle Philosophie umfasst die chinesische, indische oder griechische Philosophie usw., die alle während der Achsenzeit (800–200 v. Chr.) entstanden sind. Die universale Wahrheit der Philosophie ist in allen Kulturen gleich. Es geht im Zeitalter der Globalisierung, in dem das spaltende Programm „Kampf der Kulturen“ (Harrington) aufgelegt wird, um eine Annäherung der Philosophien der verschiedenen Kulturen.

DISKUSSION ZWISCHEN HEIDEGGER UND JASPERS ÜBER DEN URSPRUNGSORT DER PHILOSOPHIE Im 20. Jahrhundert gab es einen exemplarischen Streit über den Ursprungsort der Philosophie.

Martin Heidegger sagte: „Die Philosophie ist ihrem Wesen nach griechisch.“ (M. Heidegger: Was ist das – Philosophie? Pfullingen 1963, S. 13) Nur die griechische Philosophie ist für Heidegger einzig, universell und allumfassend, weil sie nach dem Sein fragt.

Dagegen argumentierte sein Freud Karl Jaspers: Philosophie entsteht auf der ganzen Welt in der Achsenzeit (800–200 v. Chr.). In der Philosophie geht es immer im Kern um das All-Eine. „Die philosophia perennis des All-Einen ist niemandes Besitz. Die Begriffe Logos, Om, Atman, Tao haben eine Ähnlichkeit“, so Jaspers.


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A – Die Frage nach dem Ursprung der Philosophie

Odo Marquard plädiert ebenfalls für die Ähnlichkeit: „In der Regel verstehen wir zwar niemals alles, aber auch niemals gar nichts.“ (O. Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Stuttgart 1982, S. 136) Der Siegeszug des europäischen Imperialismus (ab 1800) ist ein Zeichen eines imperialen und globalen Wahns. Europa setzte sich auf allen Kontinenten als globale geistige und kapitalistische Weltmacht durch. Jede andere Philosophie wurde zur „östlichen Weisheit“ degradiert oder war nur „Anekdote“. Der Streit von Heidegger und Jaspers wird heute durch die interkulturelle Philosophie beendet. Die interkulturelle Philosophie geht von folgenden Thesen aus: 1. Der Mensch als Gattung und als Gehirnwesen hat gemeinsame Denkformen. 2. Als Kulturwesen hat der Mensch Unterschiede, als Naturwesen nicht (98 % der Gene sind bei allen Menschen gleich). 3. Das Selbstinteresse spielt in allen Kulturen eine zentrale Rolle. 4. Das Allgemeinwohl weist auf das „Vorhandensein einer Disposition für menschliche Solidarität“ (Mall, S. 49). 5. Nicht alles ist identisch, aber vieles ist in den verschiedenen Philosophien „überlappend“. Es gilt, das Fremde neben dem Vertrauten zu entdecken. 6. Die Weltgeschichte der Philosophie kennt interkulturelle Einflüsse: - Die Begegnung des Buddhismus mit der Kultur Tibets, Chinas, Koreas, Japans. - Die Begegnung des Hinduismus mit der Kultur Südostasiens (Sumatra, Java). - Die Begegnung der Bibel mit dem Koran im vorderen Orient. - Die Begegnung der europäischen Kultur mit Amerika, Afrika, Asien. Diese Begegnungen waren oft produktiv. 7. Auf dem Weg zur Entwicklung einer Weltphilosophie und Lebenskunst gegen den „Kampf der Kulturen“ ist die Auseinandersetzung mit den drei Ursprungsorten der Philosophie eine wichtige Grundlage der philosophischen Lebenskunst.


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2. DIE ACHSENZEIT UND DIE UNTERSCHIEDE DER DREI URSPRÜNGE Die Ereignisse der Achsenzeit von 800–200 v. Chr. betrafen viele kleine Staaten und Städte, es war eine politisch zersplitterte, überall in Kriegen und Revolutionen kämpfende Zeit, „die Infragestellung der bisherigen Zustände“ (K. Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Frankfurt. Fischer 1957, S. 29). Es erfolgte der Einbruch der Reitervölker und Streitwagenkulturen aus Mittelasien, der China, Indien und Griechenland erreichte. „Die Menschen dieser Reitervölker machen dank dem Pferd die Erfahrung der Weite der Welt. Sie bemächtigen sich erobernd der alten Hochkulturen. Mit den Wagnissen und Katastrophen erfahren sie die Fragwürdigkeit des Daseins.“ (Jaspers, S. 28) Die Folge dieser Umbrüche war: In China, Indien und Griechenland entstanden Philosophien. In China wanderten lehrend Konfuzius und Laotse. In Indien entstanden die Upanishaden, lebte der wandernde Erleuchtete Buddha. In Griechenland lehrten Parmenides, Heraklit und Demokrit. „Zum ersten Mal gab es Philosophen. Menschen wagten es, als Einzelne sich auf sich selbst zu stellen. Einsiedler und wandernde Denker in China, Asketen in Indien, Philosophen in Griechenland.“ (Jaspers, S. 16). Damit war das mythische Zeitalter mit seiner oralen Kontinuität zu Ende. Es begann der Kampf des Logos gegen den Mythos. Die Entstehung der Philosophie in der Achsenzeit fand vor dem Hintergrund von Aufruhr, Wirtschaftskriegen, Staatskrisen, Migrationsbewegungen, Eroberungszügen statt. Es begann, wie Karl Jaspers feststellte, „der Kampf des Logos gegen den Mythos“ (Jaspers, S. 15). Und Jaspers fährt fort: „Die alte mythische Welt sank langsam ab, blieb aber der Hintergrund des Ganzen durch den faktischen Glauben der Volksmassen (und konnte in der Folge in weiten Gebieten wieder zum Sieg gelangen).“ (Jaspers, S. 16)


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A – Die Frage nach dem Ursprung der Philosophie

Aber in der Achsenzeit entwickelte sich in kleinen elitären Kreisen, was später Logos, Vernunft und Persönlichkeit hieß (Jaspers, S. 17). Von dem, was in der Achsenzeit geschah, leben die Menschheit und ihre philosophische Lebenskunst bis heute. • In China begann die Achsenzeit mit dem Beginn der Zeit der streitenden Reiche und endete mit der Zentralstaatsgründung durch die Qin (221 v. Chr.). • In Indien begann die Achsenzeit mit der Auflösung der HarappaKultur und endete mit dem Aufstieg des Maurya-Reichs. • In Griechenland begann die Achsenzeit mit dem Untergang des mykenischen Reichs und endete mit der Entstehung des makedonischen Reiches Alexanders des Großen. Die Entwicklung der Philosophie in der Achsenzeit war unterschiedlich: • In China entwickelte sich erst die Yin-Yang-Philosophie. Im Jahr 213 wurden alle Schriften der „100 Philosophenschulen“ verbrannt und 460 Philosophen hingerichtet. Dann kamen der Taoismus und der Konfuzianismus, schließlich der Buddhismus. Alle Schulen wurden nun toleriert. • In Indien herrschten erst die Veden und der Brahmanismus. Dann erlebten Buddhismus und Jainismus ihre Blüte (zwischen 200 v. und 200 n. Chr.). Später erwachte der Hinduismus mit Bhakti-, Vishnu- und Shiva-Kulturen. Der Buddhismus spaltete sich in „das kleine und das große Fahrzeug“. • In Griechenland kämpften Vorsokratiker mit den Sophisten, ehe Sokrates die Wende zur Selbstsorge einleitete und die Systemphilosophien von Platon und Aristoteles entstanden, die von der hellenistischen Philosophie abgelöst wurden. Die Philosophie der drei Orte der Entstehung der Philosophie in der Achsenzeit weist natürlich Unterschiede auf: • Die griechische Philosophie zeigt sich realistisch und rationalistisch, • die indische Philosophie ist eher pessimistisch und mystischspirituell,


2. Die Achsenzeit und die Unterschiede der drei Ursprünge

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die chinesische Philosophie ist optimistisch und pragmatischhumanistisch.

Die beiden ersten Orte (Griechenland und Indien) lassen eine Philosophie entstehen, die den Zugang zur Welt des Geistes eröffnet, während der dritte Ort (China) konsequent diesseitig ist. Alle drei Orte entwickeln Philosophien mit unterschiedlichen praktischen Konsequenzen der Lebenskunst. • Die griechische Philosophie zielt aktiv auf das richtige Handeln. • Die indische Philosophie zielt durch Yoga auf die Erfahrung der Ruhe, Einsamkeit, Leere und des Nicht-Handelns. • Die chinesische Philosophie ist durch das Streben nach gesellschaftlicher Harmonie gekennzeichnet, in der physische und psychische Aspekte der Selbstzivilisierung verbunden werden (H. Kimmerle, a.a.O., S. 76). Alle Philosophien der Achsenzeit waren sich nach Karen Armstrong in einem gleich: Die Philosophen der Achsenzeit überwanden den außengelenkten Mythos, „und sie lehrten die Menschen, nach den Idealen und Archetypen in ihrem Selbst zu suchen“ (K. Armstrong: Die Achsenzeit. München 2006, S. 14). Die globale Achsenzeit und ihre Philosophen verfolgten also die Wende von der mythischen Außenlenkung zur inneren spirituellen Selbstlenkung. Ganz deutlich hat Xenophones von Kolophon diese Wende durch eine scharfe Kritik am Mythos begleitet: „Alles haben Homer und Hesiod den Göttern angedichtet, was nur immer bei Menschen Schimpf und Schande ist. Stehlen, Ehebrechen und sich gegenseitig Betrügen.“ Außerdem: „Wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten, und damit malen und Werke wie Menschen schaffen könnten, dann würden die Pferde Pferde, die Kühe kuhähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen, wie sie selber haben.“ (W. Capelle: Die Vorsokratiker. Stuttgart 1968, S. 121) Protagoras ergänzt die Kritik an den mythischen Göttern Homers: „Von den Göttern vermag ich nichts festzustellen, weder, dass es sie gibt,


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A – Die Frage nach dem Ursprung der Philosophie

noch, dass es sie nicht gibt, noch was für eine Gestalt sie haben; denn vieles hindert ein Wissen hierüber: die Dunkelheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens.“ (Capelle, S. 333) Mit der Kritik am Mythos war der Weg frei zum Philosophieren über den Logos. Diese Kritik der Philosophen am Mythos war auch in Indien und China zu hören, bei Buddha, den Upanishaden und bei Konfuzius. Sagt doch Buddha sehr deutlich: „Macht euch keine Gedanken über Götter, Göttinnen, Geister, das Leben nach dem Tod, sondern betrachtet sehr genau die Natur des Betrachters selbst, euer eigenes Ich und seht zu, dass ihr ihm ganz auf den Grund geht, denn sofern Erlösung möglich ist, liegt sie im Ergründen und Überschreiten des Subjekts.“ (Buddha zit. n. K. Wilber: Eros, Logos, Kosmos. Frankfurt Fischer 2001, S. 224) Auch Konfuzius war der Meinung, dass „man weder über Entstehung und Bestimmung der Welt spekulieren sollte, noch über den Ursprung des Menschen oder ein Weiterleben nach dem Tode, noch über Götter und Dämonen“ (H. Schleichert, H. Roetz: Klassische chinesische Philosophie. Frankfurt: Klostermann 20093, S. 42). Die Offenbarung des Mythos, sagt Karl Jaspers in seinem Buch über die Achsenzeit, beherrscht die Frühzeit des Menschen, mit der Achsenzeit ist das, was einige Menschen verbindet, „nicht die Offenbarung, sondern die Philosophie“ (Jaspers, S. 31). Die Achsenzeit war eine der fruchtbarsten Epochen der Welt-Philosophie. Bis zur „großen westlichen Transformation“ des Kapitalismus „gab es nichts Vergleichbares. Tatsächlich sind wir nie über die Einsichten der Achsenzeit hinausgelangt.“ (Armstrong, S. 9) In jeder Krise versuchen viele Menschen sich aber an den Erkenntnissen der Achsenphilosophen in ihrer Lebenskunst neu zu orientieren. Die Integration der Unterschiede eröffnet die Arbeit an einer spirituellen Weltphilosophie der Lebenskunst, die der heutigen globalisierten Welt und ihren Krisen und Gegensätzen, insbesondere des Wirtschafts- und Politiksystems gerecht wird. Dabei wird dieser Ansatz vom Gedanken geleitet, dass jedem Anfang „ein besonderer Zauber“ innewohnt, weil sich die philosophische Wahrheit am Anfang, also der Achsenzeit, am deutlichsten ausspricht.


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