Ulrich Kasparick
Theas Stein 10 Kapitel über Familie Jacoby Eine Familiengeschichte aus der Uckermark
Schibri-Verlag Milow • Strasburg • Berlin
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Detuschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet und über http://dnb.de abrufbar 2015 by Schibri-Verlag Dorfstraße 60, 17337 Uckerland OT Milow email: info@schibri.de Homepage: www.schibri.de Satz: Tom Dittmann, Strasburg Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch darf nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung des Verlages vollständig oder tilweise vervielfältigt werden. Das gilt auch für die Speicherung in einem Datenerfasungssystem und die Weiterverarbeitung mit elektronischen oder mechanischen Hilfsmitteln, wie Fotokopierer oder andere Aufzeichnungsgeräte. Insbesondere die Übersetzung und Verwendung in Schulungsunterlagen bedürfen der Genehmigung Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-86863-154-8
Der HERR sprach zu Kain: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 1.Mose 4,10 Ein Schwarm Krähen sitzt am Straßenrand bei einem Aas. Ich kann ihn schon von weitem sehen. Wenn man von Strasburg kommt, gleich hinter Güterberg, da führt die Straße in hügeligem Gelände bergab. Diesen Weg ist auch die SA gekommen. Im November 1938. Sie wollten nach Hetzdorf. Dem Juden Jacoby das Haus anzünden. 76 Jahre später fahre ich diesen Weg. Kurz vor Kleisthöhe sitzen die schwarzen Krähen an diesem Wintertag am Straßengraben und zanken sich. Die Straße ist zugeweht, ich muss behutsam fahren. Schritttempo. Langsam fährt das Auto, ich nähere mich, die Krähen fliegen davon. Sie haben mich kommen sehen. Ein weißes Kaninchen liegt am Straßenrand. Blutig. Zerrissen.Weggeworfen. Es ist kein Wildkaninchen, das kann ich sehen. Dieses weggeworfene weiße Kaninchen muss aus einem der Ställe sein, die hier an so manchem Haus zu finden sind. Während ich vorüber fahre, sehe ich im Rückspiegel, wie die Krähen wiederkommen. Noch ein paar hundert Meter, die Häuser von Kleisthöhe liegen hinter mir, noch eine kleine Steigung, eine Kurve an der steilen Böschung vorbei, dann der Abzweig nach Lemmersdorf, das Ortseingangsschild. Hetzdorf. Für heute Abend hat sich Ben angesagt. Er will ein paar Tage bleiben, Pause machen. Er hat viel Arbeit, braucht mal eine Auszeit. Wir werden Zeit haben miteinander. Vielleicht kann ich ihn sogar überreden, mit mir an die See zu fahren.Wir haben Zeit zum Reden. „Sag mal, was sind das für Papiere da auf deinem Schreibtisch?“ fragt Ben. Grade ist er angekommen, hat sein Gepäck ins kleine Dachzimmer gebracht. Jetzt steht er unten in der Wohnung und sieht sich ein wenig um. Groß und schlank ist er. Kurze, schwarze Bartstoppeln stehen ihm im Gesicht. Ein markanter junger Mann. Ich kenne ihn noch, da war er ein Kind.
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Weiß noch, wie er das Sprechen lernte, wie er anfing, zu laufen. Nun steht er da in der Küche. Groß und kräftig. Ben ist Mitte zwanzig. Er war noch ein sehr kleines Kind, als die Mauer fiel. „Was das für Papiere sind? Ich recherchiere“ sage ich und sortiere die Stapel auf meinem Schreibtisch. „Es gab hier im Ort eine Familie Jacoby, weißt du. Die hatten eine kleine Landwirtschaft und einen Laden. Gleich hier, nur ein paar Häuser weiter im Dorf. Paul und Erna Jacoby hatten drei Kinder. Die gesamte Familie ist umgekommen. In Auschwitz, in Dachau, in Riga. Die ganze Familie. Auch die Geschwister von Paul. Ich hab Hinweise auf diese Familie in der Ortschronik gefunden und habe angefangen, genauer nachzufragen. Jetzt will ich diese Geschichte aufschreiben, damit man die Jacobys nicht vergisst. Aber lass uns später darüber sprechen. Ich mach uns erst Mal ein Abendbrot. Du wirst Hunger haben nach der langen Reise.“ „Ach, geht so“ sagt Ben, „ich hab unterwegs ne kurze Pause gemacht. Schön hast du es hier“ fährt er fort. „Ein bisschen groß vielleicht, aber sehr schön, deine Wohnung. Der Garten ist ziemlich zugewachsen.“ „Im Juni musst du mal kommen“ erwidere ich. „Da blühen die Rosen drüben im neuen Garten. Dann ist es besonders schön. Und im April, wenn die Nachtigall singt. Da hinten im Gebüsch hat sie ihr Nest“ sage ich und zeige hinüber zur dicht zugewachsenen Fliederhecke. Wir sitzen am Küchentisch beim Essen. Frisches Brot ist da und frisches Bier auch. Aufschnitt ist da und Obst. Es geht uns gut. „Wann war das? Das mit den Jacobys“, will er wissen und kaut seinen Bissen hinunter. „1938. Im November.“ „Das ist doch ewig her“, meint er und schneidet sich noch eine Scheibe Brot ab, „das ist doch Zeug von Gestern“. „Naja“ sage ich, „manchmal denke ich auch, meine Güte, das ist alles lange her. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr ist mir, als wäre es grade erst gewesen. Weißt du, ein paar der Leute, die das damals erlebt haben, leben ja noch. Sie haben Erinnerungen.
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Die Christa Wolf hat ihr Buch „Kindheitsmuster“ mit dem Satz angefangen: „Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen“. Die Kinder und Enkel jener Generation leben ja meist noch. Sie haben Erinnerungen an ihre Eltern, an ihre Großeltern. Die Geschichten sind ja noch da.“ „Interessiert das irgendwen, was du da aufschreibst?“ fragt er trocken. „Ich weiß nicht“ sage ich, „vielleicht. Aber im Grunde ist es mir egal. Es ist seltsam mit dieser Geschichte. Mir ist, als hätte ich so etwas wie einen inneren Auftrag, weißt du. Da ist eine Stimme, die sagt: schreib es auf! Es gibt so Dinge, die muss man einfach tun, wenn man das spürt. Deshalb schreibe ich es auf.“ „Du bist manchmal ein komischer Kauz“ brummt er und setzt er Teewasserauf. „Wir können auch noch ein Glas Wein trinken“ sage ich, „ich war noch einkaufen in Strasburg. Hier im Ort gibt es ja keinen Laden mehr.“ „Hier gibt’s keinen Laden? Na, das wär mir was. Wenn ich in der Stadt mal noch dringend was brauche, dann geh ich entweder in die Tankstelle und hol mir, was ich brauche oder ich geh sogar noch zu Kaisers. Die haben ja jetzt fast rund um die Uhr auf.“ „Ich weiß“ sage ich, „aber hier ist das anders. Hier gibt’s keinen Laden mehr. Da muss man gut haushalten. Ich kaufe einmal in der Woche ein, da darf man nichts vergessen. Deshalb hab ich immer Knäckebrot als eiserne Reserve zu Hause. Und eine Packung Nudeln…. Und du? Was treibst du so? Wie geht es Dir? Wir haben uns eine ganze Weile nicht gesehen“ sage ich und räume den Tisch ab. „Nun versuchst du also, die Geschichte dieser Familie aufzuschreiben?“ fragt Ben, nachdem er es sich im breiten Sessel bequem gemacht hat. Er hat sich den Sessel so vor die Tür zur Terrasse gerückt, dass er in den Garten sehekann. „Ja. Das versuche ich. Ich recherchiere, sammle Originaldokumente, spreche mit Zeitzeugen, gehe in die Archive und versuche, mir vorzustellen, wie das wohl gewesen sein mag damals vor etwa achtzig Jahren hier in diesem kleinen Dorf in der Uckermark. Ich hab inzwischen mit etlichen Leuten gesprochen, die das erlebt haben als Kinder. Sie sind jetzt deutlich über achtzig Jahre. Die Generation der Kriegskinder. Wenn ich in den Familien bin, sind die Geschichten aus dieser Zeit sofort gegenwärtig. Man braucht nur das Wort „Flucht“ sagen – schon kommen die Erzählungen. Man braucht nur „Krieg“ sagen – schon sind die Erinnerungen wach. Sie erzählen von der Flucht damals, nach dem Krieg. Und sie haben auch noch Erinnerungen an die Jahre
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davor. Aber diese Erinnerungen sind nicht immer zuverlässig, kann man sich ja auch vorstellen, nach so langen Jahren. Wenn man noch ein Foto hat im Album, dann geht es, dann kommt die Erinnerung wieder. Aber wenn man kein Foto mehr hat, ist es schwieriger. Dann kann man oft schon nicht mehr unterscheiden: hab ich das eigentlich selber erlebt oder ist das nur eine Sache, die man sich damals erzählt hat? Deshalb muss ich die Sachen überprüfen anhand von Dokumenten. Schon bei meiner Staatsexamensarbeit in den achtziger Jahren habe ich so gearbeitet. Mein Thema war die Einführung des „Arierparagraphen“ in das Beamtenrecht, der Versuch, diesen Paragraphen auch in die Gesetzgebung der Kirchen zu übernehmen und die Folgen die das hatte. Die „Bekennende Kirche“ ist aus dem Widerstand gegen diesen „Arierparagraphen“ entstanden. Dietrich Bonhoeffer, der hier ganz in der Nähe bei Stettin in Finkenwalde das Predigerseminar der „Bekennenden Kirche“ leitete, war einer der ersten, die den Mund aufmachten. Martin Niemöller gehört zu diesem kirchlichen Widerstand. Das war mein Thema, als ich Neuere Kirchengeschichte studierte und als ich die Examensarbeit zu schreiben hatte. Ein Kommilitone und ich, wir sind zu zweit losgefahren und haben Zeitzeugen interviewt. Den Sohn von Propst Heinrich Grüber zum Beispiel. Heinrich Grüber hatte in Berlin in der Großen Hamburger Straße das „Büro Grüber“ eingerichtet, das sich um Unterstützung für verfolgte Juden bemühte. Ein mutiger Mann war das. Er hat sehr viel Anerkennung gefunden. Heinrich Grüber war 1961 der einzige Deutsche, den man zum Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem zuließ. Er hat etliche Male direkt mit den obersten Nazis verhandelt, damit Juden das Land verlassen und ausreisen konnten, als das noch möglich war. Die Arbeit vom „Büro Grüber“ ist mittlerweile recht gut dokumentiert. Er konnte vielen das Leben retten. Später dann, da war ich schon im Parlament, habe ich Niklas Frank kennengelernt. Ich hatte sein Buch „Mein Vater“ gelesen. Sein Vater war der Generalgouverneur von Polen. Hans Frank. Der „Schlächter von Polen“. Man hat ihn nach dem Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg hingerichtet. Seinen Sohn Niklas, der lange Jahre Journalist beim „Stern“ war, hab ich sofort nach der Lektüre des Buches über seinen Vater eingeladen, da war er schon ein älterer Herr. Damit er aus diesem Buch liest. Eine Freundschaft ist entstanden. Niklas Frank hat zwei weitere Bücher vorgelegt: „Meine deutsche Mutter“ und ein Buch über seinen Bruder.
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„Machen Sie endlich den Mund auf!“ hat er nach der Lesung den älteren Leuten gesagt, die wieder damit anfangen wollten, sie hätten doch „nichts gewusst“. Wenn man seine Bücher liest, dann kann man ein wenig nachfühlen, wie es den Kindern der Kriegsverbrecher gegangen sein muss. Einigen jedenfalls. Sie haben ein Leben lang dran gelitten. Andere haben sich identifiziert mit ihren Eltern, haben sie verteidigt ein Leben lang, sind auch nie frei geworden von ihnen. Niklas Frank hat mir erzählt, dass einige der Kinder der Kriegsverbrecher untereinander im Kontakt stehen: der Sohn des Reichsjugendführers Baldur von Schirach gehört dazu und andere. Dann hab ich Ernst Klee eingeladen. Den tapferen Ernst Klee. Auch er hat beinahe sein Leben lang recherchiert, veröffentlicht, publiziert. Ernst wollte wissen, was aus den Tätern geworden ist nach dem Krieg. Ein dickes Buch ist entstanden, das die Namen enthält. Die Namen derer, die Verantwortung trugen und Karriere gemacht hatten unter den Nazis. „Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer. Und was aus ihnen wurde“. Nach dem Krieg, da waren sie wieder Ärzte, Rechtsanwälte, leiteten Kliniken, strickten weiter an ihrer Karriere. Ernst hat genau recherchiert und veröffentlicht. Hat Namen genannt. Oh, das gab viel Ärger, als das Buch erschien. Man hat ihn angezeigt, hat Prozesse gegen ihn geführt. Aber er hat alle Prozesse, die man gegen ihn angestrengt hat, gewonnen. Ernst war ein sehr mutiger Mann. Leider ist er vor kurzem gestorben. Ich habe ihn gemocht, den Ernst Klee. Ernst Klee hat vor allem über das Thema „Euthanasie“ gearbeitet, wie es anfing in Bernburg an der Saale, als man begann, die Behinderten zu vergasen und wie die Nazis die Tötungen immer mehr perfektionierten bis hin zum perfekt organisierten, industriemäßigen Massenmord in Auschwitz. Ein Historiker hat Auschwitz mal „die größte Schlachthalle für Menschen“ genannt. Da endete das alles. Ja. Diese Begegnungen haben mich geprägt. Ich bin dankbar dafür. Und so ist jene Zeit eine Art Lebensthema bei mir geworden. Weißt du, mein Vater war auch ein Kriegskind. 1929 In Gartz an der Oder geboren, zog er als junger Mensch mit seinen Eltern nach Halle an der Saale. Er war „selbstverständlich“ bei der Hitlerjugend, zuletzt hat man ihn als Flakhelfer eingesetzt, als Leuna brannte. Für den „Lebensborn“ wollte man ihn haben, was verhindert werden konnte. Er hat als Kind im Bombenkeller gesessen, hat schwer gehungert am Ende des Krieges, kam mit Tbc aus jener Zeit. Eine seiner Schwestern ist verhungert. Sie haben Kartoffelschalen aus den Müllkübeln geholt, so groß war der Hunger. Er hat sich mit Ende 50 das Leben genommen. Ein Kriegskinder-Schicksal.
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Mir sind erst die Augen aufgegangen, als ich das Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ gelesen habe. Bei der Lektüre begann ich zu begreifen, was es auf sich hat mit denen, die während der Nazi-Zeit Kinder waren. Es ist ein sehr wichtiges Buch, denn es zeigt, wie diese Zeit auch noch bis in deine Generation hineinwirkt. Meine Eltern sind 1927 und 1929 geboren, also etwa der Jahrgang, in dem Thea und ihr Bruder Herbert Jacoby zur Welt gekommen sind. Vielleicht hat mich das Thema auch deshalb so erreicht, als ich in der Hetzdorfer Ortschronik von Familie Jacoby las und die ersten Hinweise fand. Vielleicht hab ich deshalb mit der Recherche angefangen. Das ist gut möglich. Angefangen hab ich in der großen Holocaust-Datei in Yad Vashem in Israel und im Bundesarchiv Koblenz und Berlin. Ich war im Landeshauptarchiv in Potsdam. Auch im kleinen Heimatmuseum hier im Dorf bin ich gewesen und hab Wichtiges gefunden. Besonders wichtig sind Zeitungen aus jener Zeit, Fotos, Dokumente. Der „Heimatkalender Kreis Prenzlau“ zum Beispiel. Davon liegen drei Exemplare hier in Hetzdorf im Museum. Den „Internationalen Suchdienst“ ITS in Bad Arolsen habe ich um Unterstützung gebeten und von dort die Häftlingsnummern und die genauen Todesdaten von Jacobys erfahren. Nun liegt all das Material da auf meinem Schreibtisch und ich versuche, mir die Familie Jacoby vorzustellen. Es gibt kaum Bilder, nur andere Dokumente und ein paar wenige Zeitzeugen, die sich noch an sie erinnern können. All das füge ich nun wieder zusammen wie ein großes Puzzle und schreibe es auf. Damit man die Jacobys nicht vergisst.“ „Hast du schon was fertig davon? Kannst mir ja mal ne Probe vorlesen“ sagt Ben und ich bin mir nicht ganz sicher, ob er das jetzt wirklich meint, oder ob er mir nur einen Gefallen tun will. „Naja, fertig sind die Texte noch nicht, vielleicht werden die ja nie wirklich fertig, weil man mit dieser Zeit nie fertig ist, aber eine Leseprobe, das geht“ sag ich.
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Erstes Kapitel. Die zwanziger Jahre. Paul und Erna Paul Jacoby ist ein mittelgroßer Mann, eher etwas untersetzt, kräftig. Paul hat breite Schultern. Wenn er da so im Laden steht in Hose und Hemd, eine Weste hat er drüber, die Ärmel des Hemdes ein wenig aufgekrempelt, eine Lederschürze umgebunden, damit die Hose nicht weiß wird, wenn er Mehl holen geht in der Kammer, wenn er da so da steht, ist er stolz auf seinen kleinen Laden. Er hat’s zu was gebracht. Nicht nur die Landwirtschaft. Nun auch das Geschäft. Paul redet nicht viel. Er ist ein echter Uckermärker. Die reden nicht viel. Die überlegen sich die Sache in Ruhe, dann machen sie, was sie für richtig halten. Wenn Paul Jacoby aus dem Haus geht, sonntags zum Beispiel, am Nachmittag zum Sonntagsspaziergang, dann setzt er einen Hut auf. Schließlich ist er Schützenkönig, Träger des Eisernen Kreuzes und Inhaber eines Geschäfts. Da achtet man auf sein Äußeres. Wenn er nicht in Stettin oder Berlin unterwegs ist, um frische Ware zu kaufen für seinen Laden, dann steht er im Geschäft. In Hetzdorf. Haus Nummer acht. Die Kinder des Dorfes sagen „Onkel Paul“ zu ihm. Sie mögen ihn, denn Onkel Paul gibt ihnen Süßigkeiten, wenn sie mit der Mutter beim Einkauf im Laden sind. Der kleine Karl war so einer. Karl wohnte in Gneisenau und ging natürlich zu Onkel Paul einkaufen wie alle dort einkaufen gingen. Erst musste er über die Brücke, dann den Pasterberg hoch, am Pfarrhaus vorbei. Nun das Küsterhaus, links die alte Schule. Karl stapfte weiter bis zum Laden von Onkel Paul. Bei dem war es schön. Lauter interessante Sachen gab es da. Stifte, Waschmittel, Wäscheklammern. Im anderen Regal lag die Butter. Mehl war zu haben, Zucker auch und Salz. Was man so braucht im Haushalt. Karl hat immer genau zugesehen, wie Tante Erna, die Frau von Onkel Paul, die Butter abmaß, wenn jemand gute Butter haben wollte. Dann nahm sie ein breites Messer in die rechte Hand, um ein Stück Butter vom großen Batzen abzuschneiden, packte dann die Butter mit einem geschickten Armschwung auf ein Butterbrotpapier in der linken Hand. Zack. Ein einziger Schwung war das. Mit beiden Händen legte sie die Butter auf
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die große Waage, die neben dem Ladentisch stand und prüfte, ob das Gewicht stimmte. Sie hatte noch so eine Waage mit zwei Marmorplatten. Links kam die Ware drauf, rechts stellte man kleine Gewichte dagegen. Wenn die Metallzungen in der Mitte zwischen den Platten genau gleich waren, musste man die Gewichte zusammenzählen. Wegen dem Preis natürlich. Meistens stimmte es bis aufs Gramm, was Erna Jacoby da abgeschnitten hatte. Tante Erna hatte Erfahrung, sie wusste, was 150 Gramm sind. Wenn Karls Mutter mit ihm bei Onkel Paul und Tante Erna einkaufen ging, dann kaufte sie vor allem Lebensmittel. Jedenfalls solche, die man nicht selber herstellen konnte. Zucker zum Beispiel. Oder Salz und was sie sonst noch brauchte: Zwirn, ein paar Nadeln. Etwas Tabak für den Mann, vielleicht sogar mal eine gute Zigarre, wenn Besuch kam, aber die war ziemlich teuer. Wenn man den Laden betrat, klingelte oberhalb der Tür eine kleine Glocke. „Klingklong“ machte es. Dann wussten die Jacobys, dass jemand im Laden war. „Na Kind, willste nen Bongs?“ fragt Onkel Paul und lächelt Der Junge nickt verlegen. „Na, dann wolln wir doch mal sehen“ Onkel Paul nimmt eine kleine dreieckige Papiertüte, die auf einem Stapel auf dem Ladentisch griffbereit liegt, pustet kurz hinein, damit sie sich öffnet, dann nimmt er eine kleine schmale, halbrunde Bonbonschaufel, nimmt oben den Deckel vom großen Glas und füllt ein paar dieser Köstlichkeiten hinein, bis die Tüte ungefähr halb gefüllt ist. Karl hat’s ja gern, wenn der Onkel Paul zwei- oder vielleicht sogar dreimal mit der Schaufel ins Glas langt. Vorsichtig faltet Onkel Paul dann das Tütchen zu, kommt um den Ladentisch herum und reicht sie dem Kind, das da steht und auf seine Mutter wartet. Die bezahlt grad. „Na, dann lass‘ dir mal schmecken“ sagt Onkel Paul noch und verschwindet wieder hinter den Ladentisch.Wenn Tante Erna im Laden ist, dann gibt’s das ja nicht. Tante Erna ist strenger. Tante Erna trägt die Haare in einem Knoten gebunden. Das gibt ihr ein strengeres Aussehen. Aber ihre Augen, ihre Augen, die sind gute Augen. „Du sollst die Kinder nicht so verwöhnen“ sagt Erna manchmal abends zu Paul, wenn sie beide noch im Laden sind und die Auslagen frisch machen für den nächsten Tag. Aber sie weiß ja, dass er die Kinder mag. Also lässt sie ihn.
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Manchmal, ausnahmsweise, an seltenen Tagen, fahren Onkel Paul und Tante Erna nach Berlin. Sie haben nämlich Verwandtschaft dort. Ihre Tochter ist in der Großstadt verheiratet, seine Schwester Rosa wohnt in Berlin, Bruder Martin und Bruder Benno auch. Für solche Ausflüge machen sich die beiden schick. Schließlich fährt man in die Reichshauptstadt. Da sind die Leute vornehm. Da geht man nicht in Holzpantinen und auch nicht mit der Kittelschürze. Paul nimmt also das frisch gestärkte weiße Hemd, das Erna ihm bereit gelegt hat, das mit dem steifen Kragen, der immer so scheuert am Hals, das nimmt er und zieht es sich an. Ein wenig steif und unbequem ist es schon, aber das muss jetzt sein. Dann die schwarzen Socken, den dunklen Anzug mit der Weste, zuletzt die blank gewienerten schwarzen Stadtschuhe. Auch die sind unbequem. Aber es hilft ja nichts. Den eleganten Mantel für die Stadt nimmt er aus dem anderen Schrank. Wenn man den aufmacht, riechts nach Mottenpulver. Zuletzt setzt Paul seinen Hut auf. So. Fertig. Kann losgehen. Tante Erna braucht länger. Das ist so eine Sache mit den Hemdchen und Schleifchen, das will alles genau bedacht sein, nicht wahr. Auch sie gibt sich große Mühe mit ihrer Garderobe, das versteht sich ja von selbst. Schließlich fährt man in die Stadt. Wenn der Termin ihrer Reise in die kältere Jahreszeit fällt – da fahren sie gern, denn da ist nicht soviel Arbeit im Garten – dann nimmt sie sogar den kleinen Pelz. Den hat sie von ihrer Mutter mit zur Aussteuer bekommen, damals, als sie den Paul geheiratet hat. Paul war grad aus dem Krieg gekommen. Kurz nach 1918. Da trug er das Eiserne Kreuz. Wegen seiner Tapferkeit. Zuletzt kommt das Hütchen. Erna Jacoby hat nämlich eins von diesen Damenhütchen, die jetzt in Mode gekommen sind. Da stehen sie nun im Eingang vor ihrem Haus. Flott sehen sie aus. Der Nachbar kommt gleich mit der Kutsche und nimmt sie mit nach Prenzlau. Von dort nehmen sie dann die Bahn. Sie sind gern mal in der Stadt, dennoch ist es selten, dass die beiden mal zusammen in die Hauptstadt kommen. Das Geschäft lässt es nicht zu, dass beide reisen. Paul ist ja öfter in Berlin, weil er die Besorgungen macht, weil er frische Ware und neue Ideen mitbringt aus der Stadt und auch die eine oder andere Geschichte. Neuigkeiten, die man sich erzählt in der Gegend an den Hackeschen Höfen, wo der Bruder wohnt. Zusammen sind sie selten in Berlin, die Erna und der Paul, denn da ist ja auch noch das Stück Land hinter dem Haus, das will auch bewirtschaftet sein. Und das Vieh
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melkt sich auch nicht alleine. Paul und Erna sind beides: sie haben eine kleine Landwirtschaft von knapp 2 Hektar und sie betreiben nun schon seit ein paar Jahren das Geschäft. Pauls Vater hat es seinerzeit aufgebaut, Paul hat es übernommen. Das Geschäft haben sie gleich unten im Haus eingerichtet, links vom Hauseingang von Nummer 8 in Hetzdorf. Seit die Kinder da sind, die Ruth und der Herbert, haben sich Jacobys angewöhnt, am Sonntag einen kleinen Spaziergang durchs Dorf zu machen. Sie gehen nach Lemmersdorf hinüber in den Park oder auch mal durch die Felder nach Dolgen. Manchmal gehen sie zur Mühle. Je nachdem. Paul hat dann immer seinen Hut auf. Der Hut muss sein. Es gibt ein Foto davon..
Bild aus glücklichen Tagen. Jacobys mit Nachbarn vor der Mühle
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