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Nicht schlafen

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NICHT SCHLAFEN Ein Gespräch mit dem Choreografen Alain Platel über Kunst, das Geheimnis von Gustav Mahler und die Krisen der Gegenwart.


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Tanz an den Bühnen Köln – seit Jahren präsentiert Kuratorin Hanna Koller gemeinsam mit den Intendanten von Oper und Schauspiel ein gefeiertes, internationales Programm. Die wichtigsten Impulsgeber des zeitgenössischen Tanzes sind regelmäßig in Köln zu Gast, darunter Anne Teresa de Keersmaeker, Sidi Labi Cherkaoui, Wim Vandekeybus, Peeping Tom und viele mehr. Zudem gibt es jede Spielzeit eine Kooperation mit einem herausragenden Choreografen und seinem Ensemble – diesmal mit Richard Siegal / Ballets of Difference und dem Zweiteiler MY GENERATION. Zu den Stammgästen in Köln gehört auch der Belgier Alain Platel, einer der bedeutendsten Choreografen unserer Zeit. Platel, der zunächst eine Ausbildung zum Heilpädagogen machte, gründete 1984 LES BALLETS C DE LA B. Es folgten Gastspiele auf der ganzen Welt. Sein neuester Abend NICHT SCHLAFEN feierte auf der Ruhrtriennale Premiere und wird im Februar in Köln zu sehen sein. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen.

Interview Hanna Koller und Julian Pörksen Fotos Chris van der Burght

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Musik spielt in vielen Ihrer Abende eine wichtige Rolle, Bach, Mozart, Monteverdi. In Ihrem neuen Stück NICHT SCHLAFEN haben Sie Gustav Mahler für eine Auseinandersetzung gewählt – weshalb? Es ist mir etwas peinlich, aber ich mochte Mahler nie. Es war Gerard Mortier, der mich dazu einlud, mich mit Mahler zu befassen. Lange habe ich mich dagegen gesträubt, aber nach Gerards Tod erwachte in mir die Neugier, ich wollte herausfinden, ob in dieser Musik etwas verborgen lag, das sich ihm erschlossen hat und mir nicht. Durch die Beschäftigung mit Mahlers Zeit, durch die Auseinandersetzung mit seiner komplexen Persönlichkeit, mit seiner Beziehung zu Frauen und zur Welt, wuchs meine Faszination. Eine weitere, wichtige Inspiration für Sie war Philipp Bloms DER TAUMELNDE KONTINENT, ein Buch, das sich mit Mahlers Zeit auseinandersetzt, dem Europa vor dem 1. Weltkrieg. Gibt es – aus Ihrer Sicht – Parallelen zwischen damals und heute? Nicht nur aus meiner Sicht, auch Blom selbst ist dieser Meinung. Wir leben in einer ähnlichen Zeit, ja, in einer vergleichbaren Situation: Die Welt um uns herum verändert sich so rasant, dass es uns nicht länger gelingt, diese Veränderungen zu bewältigen. Die Reaktionen auf diese Überforderung sind die gleichen, damals wie heute: auf individueller Ebene die Sorge um die eigene Sicherheit, auf politischer Ebene ein Erstarken der Rechten, der Ruf nach Sicherung der Grenzen, Sicherung des Wohlstands. Was Blom außerdem sehr stark beschäftigt, ist eine Krise der Männlichkeit, eine fundamentale Erschütterung des männlichen Selbstverständnisses in der damaligen Zeit. Auch heute kann ich – auch wenn es nicht das Gleiche ist – eine tiefe Verunsicherung in meinem Umfeld spüren, viele Männer hinterfragen sich sehr stark, sind voller Zweifel. Eines der übergeordneten Themen, eines der Leitmotive des Abends, scheint das Scheitern der Individuen zu sein, miteinander zu kommunizieren, die vergebliche Suche des Einzelnen nach Gemeinsamkeit oder Verständigung. Ein Thema, das in all meinen Arbeiten auftaucht und in diesem eine große Rolle spielt, ist die Spannung zwischen zwei gegenläufigen Bedürfnissen. Auf der einen Seite das Bedürfnis, sich frei zu entfalten, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, auf der anderen Seite das Verlangen, zu einer Gruppe zu gehören. Das hat viel mit meiner persönlichen Geschichte zu tun, denn ich gehöre zu einer der ersten Generationen, die dazu angehalten wurde, sich selbst zu entfalten, die eigenen Talente bestmöglich zu entwickeln. Meine Eltern hingegen sind noch ganz anders aufgewachsen, bei ihnen ging es – auch in der Erziehung – noch darum, Teil einer Gemeinschaft zu werden, sich zu integrieren, in die Kirche, die Schule usw. Gegenwärtig gibt es wieder eine große Sehnsucht danach, einer Gruppe anzugehören, die klassischen Formen der Gemeinschaft sind jedoch verschwunden, die Kir-


che, die politischen Parteien, die klassische Familie, Nachbarschaften, Sportverbände existieren nicht mehr, oder nur noch in anderer Form. Wie kam der bemerkenswerte Titel zustande? Das ist eine witzige Geschichte. Ich habe nach einem deutschen Wort gesucht, und eines Tages zeigte mir Steven Prengels, der musikalische Leiter, ein Blatt mit Worten, die Mahler verwendet hatte, um den Musikern Anweisungen zu geben. Und eines davon war: »Nicht schleppen.« Da mein Deutsch nicht gut genug ist, dachte ich, das bedeutet »don’t sleep«. Steven hat es mir erklärt: »Was du meinst heißt ‚Nicht schlafen‘.« Ich dachte sofort: was für ein merkwürdiger, schöner Ausdruck, genau damit beschäftigen wir uns doch in unserer Arbeit, unsere Performance kann als Weckruf verstanden werden, als Warnung – und andererseits, ganz wörtlich, ist es ein Aufruf, während der Vorstellung nicht einzuschlafen. Verstehen Sie sich als politischen Künstler? Jeder Künstler ist politisch. Das lässt sich, meiner Meinung nach, nicht leugnen. Jeder öffentliche Akt ist zugleich ein Kommentar deines Lebens, er spiegelt deine ganz reale Lebensweise wider. Manche Künstler sind sehr direkt, sehr deutlich in ihren politischen Aussagen. Ich selbst versuche, nicht zu aufdringlich zu sein. In der Arbeit mit der Kompanie ist es sehr wichtig, dass wir vieles hinterfragen. Wir haben – das sage ich immer zu den Tänzern – die Möglichkeit, eine zeitweilige Utopie zu erschaffen, wir können versuchen, das, was wir an der Gesellschaft kritisieren, selbst anders zu beantworten, einen Weg zu finden, gemeinsam zu leben und zu arbeiten. Es gibt auch Situationen, in denen ich öffentlich zu bestimmten Themen Stellung nehme, zur belgischen Politik, zu unserem Engagement in Palästina. In den Performances hingegen vermeide ich es meist, eine klare Aussage zu treffen, es geht mir um das Menschsein. Wir suchen nach tieferen Schichten, wo wir mit dem Unbewussten in Berührung kommen, der dunklen Seite der menschlichen Natur. Und genau darin zeigt sich das Politische. Nicht in der Anklage, der eindeutigen Aussage, sondern im konkreten Einzelfall. Ich werde beispielsweise momentan ständig gefragt, wie ich zu Europa stehe. Und für mich ist Europa nur ein kleiner Schritt auf einem weiten Weg. Natürlich bin ich für ein geeintes Europa, für die Überwindung all dieser kleinen Nationalstaaten, aber es sollte nichts weiter sein als die Vorbereitung einer globalen Lösung. Wir reisen so viel, sehen so viele Länder, da erscheint einem Europa plötzlich sehr klein, und sehr langsam. Das Ziel sollte größer sein. Und zugleich kleiner. Denn in lokalen Elementen liegt eine große Kraft, in Stadtgesellschaften etc. Sie haben sich immer eindeutig zum Israelkonflikt positioniert, sind ein scharfer Kritiker der israelischen Politik. In NICHT SCHLAFEN gibt es ein kleines Geheimnis, eine


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Szene, die mir sehr am Herzen liegt. Die Tänzer laufen ziellos durch die Gegend, bis sie irgendwann beginnen, sich miteinander zu unterhalten – als Publikum versteht man nicht, was sie sagen. Ido, der jüdische Tänzer, spricht mit Samir, einem praktizierenden Moslem. Er sagt zu ihm: »Du kannst mir vertrauen. Niemals werde ich dich töten. Niemals werde ich dir Leid zufügen, nicht dir und auch nicht deiner Familie, deinem Bruder, deiner Schwester.« Und Samir antwortet das Gleiche: »Du kannst mir vertrauen, niemals werde ich dir etwas antun ...« Dieser kleine Moment bedeutet uns allen viel, denn man fühlt sich so hilflos angesichts der Lage in Israel und Palästina. Es ist so wichtig, so schön, was sie in diesem Augenblick zueinander sagen. Einige Tänzer, die früher Teil Ihrer Kompanie waren, sind heute erfolgreiche Choreografen, wie Peeping Tom oder Sidi Larbi Cherkaoui, die uns mit Gastspielen in Köln besuchen. Verfolgen Sie die Arbeit Ihrer ehemaligen Tänzer? Natürlich, so oft ich kann. Ich mag ihre Arbeit wirklich sehr. Und ich habe Ihnen viel zu verdanken. Denn nicht ich mache eine Performance, sondern die Menschen, mit denen ich arbeite. Ich weiß, wie ich eine bestimmte Proben-Atmosphäre schaffen kann, ich weiß, wie ich Menschen dazu einladen kann, sich auf etwas einzulassen, ich gebe ihnen Aufgaben, die ihnen andere so wahrscheinlich nicht geben würden, und ich habe einen bestimmten Geschmack, der mich das Material ordnen und kontextualisieren lässt. Das ist mein Part. Was den kreativen Teil angeht, sind jedoch

DIE NÄCHSTEN TANZGASTSPIELE AM SCHAUSPIEL KÖLN L-E-V | OCD Love | Sharon Eyal & Gai Behar 16. und 17. Dezember 2016 | Depot 1 Dance On | Water Between Three Hands | Rabih Mroué 27. und 28. Januar 2017 | Depot 2 Les Ballets C de la B | Nicht schlafen | Alain Platel 15., 16. und 17. Februar 2017 | Depot 1 Rosas | Verklärte Nacht | Anne Teresa De Keersmaeker 22. und 23. April 2017 | Depot 2 Vertigo Dance Company | Vertigo 20 | Noa Wertheim 16. und 17. Juni 2017 | Depot 1 Richard Siegal / Ballets of Difference | My Generation | Richard Siegal (Koproduktion mit Tanz Köln und Schauspiel Köln) 14. Juli 2017 | Depot 1

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die Tänzer die Meister. Insofern kann ich mir vorstellen, dass man, nachdem man bei uns gearbeitet hat, ziemliche Probleme damit hat, in einer Kompanie zu tanzen, in der der Choreograf alles bestimmt, jede Bewegung, jeden Schritt. Sie haben bei uns gelernt, eigenständig zu arbeiten und haben nun Probleme, sich zu unterwerfen. Deshalb, so meine Vermutung, suchen so viele ehemalige Mitglieder des BALLETS C DE LA B nach Möglichkeiten, unabhängig zu sein. Nicht alle haben Erfolg, aber doch viele. Und sie sind so unterschiedlich! Haben Sie Vorbilder, die Sie in Ihrer Arbeit beeinflusst haben? Es ist bekannt, dass Pina Bausch sehr wichtig für Sie ist. Sie ist meine Mutter und meine Großmutter … Es war ein solches Glück, sie kennen zu lernen. Und eine große Erleichterung! Denn lange Zeit war sie eine Göttin für mich, unberührbar, einzigartig. Als wir uns dann aber begegnet sind, war sie einfach eine sehr leidenschaftliche, freundliche Frau, ein warmherziger Mensch. Gegenwärtig ist Berlinde De Bruyckere eine Künstlerin, die ich sehr bewundere – sie hat das Bühnenbild von NICHT SCHLAFEN gemacht. Ich bin schon seit langer Zeit ein Fan ihrer Arbeit, aber es hat gedauert, bis wir uns begegnet sind. Ein weiteres, zentrales Element des Abends sind Tonaufnahmen atmender Tiere. Man hört beispielsweise ein schlafendes Pferd, sehr beeindruckend. Wie sind Sie dazu gekommen, diese Aufnahmen zu verwenden? Das ist eine merkwürdige Geschichte. Als wir in München TAUBERBACH gespielt haben, kam anschließend eine Frau zu mir, die sich für die Befreiung von Tieren einsetzt. Eine Veganerin und Künstlerin, sehr speziell. Eines Tages gab sie mir Aufnahmen schlafender, atmender Tiere. Sie ist für diese Aufnahmen in Ställe gegangen und hat bei den Tieren geschlafen, sie fragt die Tiere sogar um Erlaubnis. Wirklich eine sehr besondere Frau, sehr konsequent. Ich habe Steven die Aufnahmen gegeben, und er hat sie mit Mahlers Musik vermischt – was eine interessante Kombination war. Also fragte ich sie, ob wir die Aufnahmen benutzen dürfen. Anfangs war sie skeptisch, sie dachte, Berlinde würde für ihr Bühnenbild Tiere töten, was für sie natürlich absolut unakzeptabel gewesen wäre. Ich habe ihr erklärt, dass Berlinde so etwas nie tun würde. In der Zeitung wurden ähnliche Vorwürfe laut: Man dürfe keine Pferde für ein Bühnenbild töten. Dabei wurden die Pferde ja nicht extra getötet … Die Pferde waren selbstverständlich schon tot. Die Universität, die Fakultät für Veterinärmedizin arbeitet mit Berlinde zusammen und ruft sie an, wenn sie Pferdekadaver haben. Einmal hat sie uns dorthin mitgenommen. Das war sehr beeindruckend. Wenn der Kadaver gebracht wird, und sie arbeitet damit, und bittet die Tänzer um Hilfe, und alles ist sehr blutig und schmutzig – das war ein heiliger Moment.


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