SCHAUBURG SONDERAUSGABE ZUM GROSSEN JUBILÄUM VON LAWRENCE OF ARABIA
Lawrence of 50th Arabia SonntAG, 2. SePteMBer 2012
Mike Fox
Mit DAviD leAn UnD FreDDie YoUnG Bei Den DrehArBeiten
Robert Bolt
DAS Genie hinter lAWrenCe oF ArABiA UnD DoCtor ZhivAGo
1962 –2012
Anniversary Screening
Marienstraße 16 76137 Karlsruhe Tel. 0721 - 35 000 18 www.schauburg.de
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neue 70mm Kopie – restaurierte original 6-Kanal-soundmischung
dieses Jahr beim
8. TODD-AO 70mm-Filmfestival 5.-7. oktober 2012
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Georg Fricker Stiftung
sonderausgabe – Lawrence of arabia 03
Lawrence Von arabien englische originalfassung der restaurierten Fassung in 4K Ultra high Definition und 5.1 Digital Sound
WÄhrenD DeS erSten WeltKrieGS MUtiert ein BritiSCher oFFiZier ZUM AnFÜhrer DeS ArABiSChen AUFStAnDeS GeGen Die tÜrKiSChen BeSAtZer. viSUell AteMBerAUBenDeS UnD ZeitloSeS ePoS von MeiSterreGiSSeUr DAviD leAn. Während des Ersten Weltkriegs zettelt der britische Offizier T.E.
David Lean. Mit „Lawrence von Arabien“ erschuf Lean 1962
Lawrence, der als „Lawrence von Arabien“ in die Annalen der
einen Film, mit dem sich alle nachfolgenden Breitwand-Epen
Geschichte eingehen sollte, den arabischen Aufstand gegen die
bis zum heutigen Tage messen müssen. Neben der grandiosen
türkische Besatzungsmacht an. Der von großartigen Darstellern
Besetzung hat vor allem die faszinierende Kameraarbeit des
getragene Film, dessen visuelle Bildkraft der Wüstenszenen
legendären Freddie Young großen Anteil daran. Nicht nur Young,
überwältigt, konzentriert sich nicht auf breit ausgespielte Kampf-
auch Filmmusikkomponist Maurice Jarre , der nach „Lawrence“
handlungen, sondern macht die entbehrungsreichen Wüstenrit-
auch noch bei „Doktor Schiwago“ und „Ryans Tochter“ für Lean
te, die Einsamkeit und die ungeheure Kraftanstrengung augen-
die Filmmusik komponierte. Im Laufe seiner Geschichte wider-
fällig. Peter O’Toole brilliert als charismatische, aber gebrochene
fuhr „Lawrence von Arabien“ das Schicksal etlicher Kürzungen,
Führerpersönlichkeit T.E. Lawrence, der mal in die Rolle des
die erst in der 1989 durch Robert A. Harris angefertigten Res-
Erlösers, mal in die des blindwütigen Rächers schlüpft, unter
taurierung wieder in den Film eingefügt wurden. Zum 50jährigen
seiner homosexuellen Neigung leidet, masochistische Anwand-
Jubiläum des Films ließ Rechteinhaber Sony Pictures diese
lungen hat und aus seiner Eitelkeit keinen Hehl macht. Der
integrale Version direkt vom 65mm Originalnegativ in einer Auf-
faszinierende Film ist kein Geschichtsbild, vielmehr eine höchst
lösung von 8K scannen. Das daraus resultierende DCP mit einer
subjektive Zusammenfassung der historischen Ereignisse.
State-of-the-Art Auflösung von 4K verspricht eine sensationelle Qualität, die wir mit neuester digitaler Projektionstechnik auf die
Spätestens wenn sich Android David im Heimkino seines gi-
gekrümmte Cinerama-Bildwand der Schauburg bringen werden.
gantischen Raumschiffes in Ridley Scotts aktuellem Sci-Fi-Film „Prometheus“ ausgerechnet „Lawrence von Arabien“ anschaut,
Ausgezeichnet als „Bester Film des Jahres“ mit 7 Oscars (Aus-
wird klar, das es sich bei David Leans Wüstenepos um ein zeit-
stattung, Kamera, Regie, Schnitt, Musik, Ton und Bester Film)
loses Meisterwerk handelt. Mit dieser kurzen Sequenz verbeugt
und 4 Golden Globes (Kamera, Regie, Nebendarsteller, Bester
sich Scott vor seinem 1991 verstorbenen Regie-Kollegen Sir
Film) sowie unzähligen weiteren internationalen Preisen.
sonderausgabe – Lawrence of Arabia 04
Robert Bolt (1924-1995), ein großer Schriftsteller und einer der bedeutendsten Drehbuchschreiber der Filmgeschichte.
Robert Bolt von Peter Kohl
Robert Axton Bolt war Ende der 60er-Jahre, als er
der größten und erfolgreichsten Filmepen der
seine Gage (400 000 Dollar!) für das Drehbuch zu
Filmgeschichte geschaffen hätte. Wobei der Nach-
„Ryans Tochter“ (1970) kassierte, der höchstbezahlte
ruhm von „Lawrence von Arabien“ sich als beständi-
Drehbuchautor der Welt. Zu diesem Zeitpunkt konnte
ger erweist als der von „Doktor Schiwago“, der
niemand wissen, dass der dritte Film, den er nach
Verfilmung des Romans von Boris Pasternak, aus
„Lawrence von Arabien“ (1962) und „Doktor Schiwa-
dem Bolt auf Wunsch von Lean und entgegen seiner
go“ (1965) zusammen mit Regisseur David Lean
Überzeugung die Liebesgeschichte zwischen dem
(1908-1991) in Angriff nahm, bei Publikum und Kritik
Arzt Jurij (Omar Sharif) und Lara (Julie Christie)
durchfallen würde. Es war so etwas wie eine persön-
herausdestillieren und viele andere wichtige Aspekte
liche Niederlage, denn dieser Film war für Bolt eine
und Handlungsstränge beiseite lassen mußte. Für
Herzensangelegenheit. Inspiriert von Flauberts
das Drehbuch zu „Doktor Schiwago“ erhielt er einen
Romanklassiker „Madame Bovary“ hatte er seiner
der fünf Oscars, während er bei den sieben Oscars
jungen Frau Sarah Miles die Rolle der irischen
für „Lawrence von Arabien“ leer ausging. Dabei zeigt
Gastwirtstochter Rosy Ryan auf den Leib geschrie-
sich in der Adaptation von T.E. Lawrences autobio-
ben, die aus der langweiligen Ehe mit einem erheb-
grafischem Kriegsbericht „Die sieben Säulen der
lich älteren Mann in die Affäre mit einem britischen
Weisheit“ Robert Bolts Meisterschaft in der Gestal-
Offizier flüchtet, womit sie im Irland des Jahres 1916
tung von prägnanten Szenen und glänzenden
gleich zwei Todsünden begeht, sie bricht die Ehe und
Dialogen. Noch kurze Zeit davor, wußte Robert Bolt
sie schläft mit dem Feind. Mittlerweile wird das relativ
mit dem Medium Film wenig anzufangen, aber da
ereignisarme Dreistundenepos, das wie seine beiden
war er auch noch ein Schullehrer und braver Famili-
Vorgänger im 70mm-Format in die Kino kam, von der
envater, der sich mit Hörspieltexten für die BBC ein
Filmkritik mit anderen Augen gesehen. Das ändert
Zubrot verdiente und davon träumte, dass seine
aber nichts dran, dass Robert Bolt das Schicksal fast
Stücke auf den großen Bühnen des Landes aufge-
aller Drehbuchautoren teilt. Er steht im Schatten des
führt würden. Seine Träume sollten sehr bald in
Regisseurs, in diesem Fall von David Lean, der aber
Erfüllung gehen und darüberhinaus eine Karriere
ohne Bolts exzellente Drehbücher wohl kaum zwei
ihren Lauf nehmen, von der er wohl nicht einmal
Sonderausgabe – Lawrence of Arabia 05
geträumt hatte. Robert Oxton Bolt wurde am 15.
ten Autors annahm. Das erste Bühnenstück „The
August 1924 in Sale bei Manchester als zweites Kind
Critic and the Heart“ (1957) hielt sich gerade mal
eines Möbelhändlers und einer Lehrerin geboren. Er
zwei Wochen auf dem Spielplan des Oxford Play-
war ein schlechter Schüler und verließ die höhere
house, weit mehr Beachtung fand schon „Flowering
Schule in Manchester bereits mit 16 Jahren. Als er
Cherry“(1958), das mit den Theaterstars Ralph
dann aber als Angestellter einer Versicherungsfirma
Richardson und Celia Johnson am West End Theatre
feststellen mußte, wie langweilig so ein Bürojob sein
uraufgeführt wurde, wobei die Geschichte eines
kann, holte er auf Umwegen mit Privatunterricht den
Versicherungsvertreters, der unzufrieden mit seinem
Schulabschluß nach und nahm 1943 ein Studium an
Leben sich in einem imaginären Kirschgarten
der Universität von Manchester auf. Doch die
zurückzieht und damit den Ruin seiner Familie
Studienzeit währte nicht lange, es war Krieg und er
heraufgeschwört, immer wieder den Vergleich mit
wurde eingezogen. Die Feindberührung hielt sich im
Arthur Millers Erfolgsstück “Tod eines Handlungsrei-
Grenzen, das Kriegsende erlebte Bolt in einem
senden“ provozierte. Noch spektakulärer war die
Trainingscamp der Royal Air Force in Südafrika,
Besetzung der Hauptrollen in dem Zeitstück „The
danach half er noch mit an der Goldküste, dem
Tiger and the Horse“ (1960), in dem Bolt die grassie-
heutigen Ghana, ein Telefonnetz aufzubauen. Im
rende Angst vor einem Atomkrieg aufgriff. Der Held,
September 1946 war die Militärzeit zu Ende und er
Vizekanzler einer Universität, weigert sich eine
nahm sein Studium mit dem Schwerpunkt Geschich-
Petition gegen die Atombewaffnung zu unterzeich-
te in Manchester wieder auf, nach dem Examensab-
nen, weil er um seine akademische Karriere fürchtet,
schluß an der Universität Exeter im Jahr 1950, war er
und entfremdet sich dadurch Frau und Tochter.
ein voll ausgebildeter Grundschullehrer. Im selben
Erstmals stand Michael Redgrave zusammen mit
Jahr wurde die Tochter Sally geboren, sie war der
seiner jungen Tochter Vanessa auf der Bühne, doch
Grund, warum er im Jahr zuvor die Kunststudentin
während sie das uneingeschränktes Kritikerlob
Celia Ann Roberts (Jahrgang 1929) geheiratet hatte.
einheimste, verstörte ihr Vater Publikum und Kritik.
Aus der Ehe gingen noch zwei weitere Kinder hervor:
Ständig alkoholisiert spielte er seine Rolle wie in
Benedict (1952), kurz Ben, der als Fernsehregisseur
Zeitlupe. In diesem Stück hat Bolt erstmals das
immer noch gut im Geschäft ist, und Joanna (1958).
zentrale Thema seiner Stücke und seiner Filmarbeiten
Von links:
Als erwachsene Frau und junge Mutter sollte Sally,
angeschlagen, der Konflikt zwischen Individuum und
David Lean,
die zu Depressionen neigte, bei einem Autounfall
Gesellschaft, zwischen Gewissen und Konvention,
Freddie Young
ums Leben kommen, den nicht nur ihr Vater als
am deutlichsten herausgearbeitet ist es in seinem
und Robert Bolt
Selbstmord deutete. Bolt erwies sich wie in seinen
erfolgreichsten Stück „A Man for All Seasons“
bei Dreharbeiten
weiteren Ehen nicht gerade als Familienmensch, nach getaner Arbeit als Lehrer zog er sich zum Schreiben zurück und erwies sich als eifriger Stückeschreiber. Kaum überschaubar ist die Zahl der Arbeiten, die der BBC als Hörspiele ausstrahlte, während er in Somerset eine graue, unscheinbare Lehrerexistenz führte. Ein Kinderstück mit dem Titel „The Thwarting of Baron Bolligrew“, das die BBC bereits im Oktober 1952 in ihr Programm nahm, sollte sich zu einem der großen und vor allem dauerhaften Erfolge von Bolt entwickeln. Nicht nur, dass die Geschichte um den tapferen Ritter Oblong Fitz-Oblong 1964 auf die Bühne gebracht wurde, die berühmte Augsburger Puppenkiste erwarb die Rechte und machte daraus den Sechsteiler „Der kleine dicke Ritter“, der 1963 im deutschen Fernsehen erstmals ausgestrahlt wurde. Das Buch, das danach entstanden ist, ist übrigens immer noch das einzige Werk, das von Robert Bolt auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zu haben ist. Der Theatererfolg kam, als Margaret Ramsay (1908-1991) als Literaturagentin sich der Sache des jungen talentier-
sonderausgabe – Lawrence of Arabia 06
Loslösung Arabiens vom Osmanischen Reich hatte. Regisseur David Lean betrachtete das ursprüngliche Drehbuch von Michael Wilson (1914-1978) als unverfilmbar. Robert Bolt machte sich unverzüglich an die Arbeit und genoss zugleich das Jet Set-Leben, unter anderem auf der Yacht von Sam Spiegel. Das hinderte ihn nicht daran seinen linken Idealen die Treue zu halten. Im September 1961 wurde er zusammen mit anderen Mitglieder eines Anti-Nuklear-Komitees bei einer Demonstration verhaftet. Dummerweise hatte Lean gerade jetzt die Kapitel abgedreht, die ihm Bolt geliefert hatte, und verlangte nach Nachschub. Als sich Bolt weigerte, eine Erklärung zum Verzicht auf weitere politische Aktivitäten zu unterzeichnen, die seine Strafe von einem Monat auf zwei Wochen verkürzt hätte, kam Produzent Sam Spiegel mit seinem Rolls Royce bei der Strafanstalt vorgefahren und überredete ihn zu diesem Zugeständnis, um unabsehbaren Schaden von dem Filmprojekt abzuwenden. Bolt mußte sich vorkommen wie in einem seiner Theaterstücke und er machte dabei keine gute Figur, angeblich hat er danach nie mehr ein Wort mit Sam Spiegel gewechselt. Wenig erfreulich war auch die Intervention des geschassten Drehbuchautors Michael Wilson, der in einem langen Brief an die Writers Guild of Great Britain ausführte, wieviel seiner Einfälle und Dialoge in dem fertigen Film steckten und forderte, als Co-Autor in den Credits genannt zu werden. Bolt, der für Wilsons Position durchaus Verständnis hatte, antwortete, dass gewisse Übereinstimmungen einfach darauf basierten, dass sie dieselbe Quelle benutzt hätten. Wilson erlebte es nicht mehr, dass sein Name im Abspann genannt wurde. Im September 1995 stellte die Writers Guild fest, dass fortan der Name von Michael Wilson neben dem von Robert Wie sehr Robert
(dt. „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“), das sich nach
Bolt in den Credits genannt wird. Wie sehr Robert
Bolt in der Lage
der Uraufführung 1961 zu einem Dauerbrenner auf
Bolt in der Lage war, filmisch zu denken und zu
war, filmisch zu
britischen Bühnen entwickelte, und 1965 von Fred
schreiben, zeigt die Szene, ziemlich am Anfang des
denken zeigt die
Zinnemann mit Paul Scofield in der Hauptrolle nach
Films, in der Lawrence, gerade als er von Mr. Dryden
einem Drehbuch von Robert Bolt verfilmt wurde, der
(Claude Rains) den Auftrag erhält in die Wüste zu
dafür seinen zweiten Oscar einheimste. Aus dem
gehen, um ein Auge auf den arabischen Prinzen
Grundschullehrer war ein Mann für alle Medien
Faisal zu werfen, ein Zündholz anzündet und es
ausbläst, bevor
geworden. Auch dieses Stück um den Lordkanzler
ausbläst, bevor es ihm die Finger verbrennt. Schnitt:
es ihm die Finger
Thomas More, der standhaft die Zustimmung zum
In einem majestätischen Panoramabild sieht man die
Bruch Heinrichs VIII mit der Katholischen Kirche
Sonne über der Wüste aufgehen. Es war, wie sich
verweigert und dafür mit dem Leben bezahlt, hatte er
heraustellte, die Idee von Bolt und nicht von Lean.
zunächst als Hörspiel konzipiert. 1961 trat machtvoll
Über die Drehbarbeiten, über die Vor- und die
das Filmgeschäft in Gestalt des Produzenten Sam
Nachgeschichte von „Lawrence von Arabien“ könnte
Spiegel (1901-1985) in sein Leben. Der suchte
man ein ganzes Buch schreiben, Michael Turner hat
dringend einen neuen Drehbuchautor für die Verfil-
es bereits getan, das 1994 veröffentlichte Buch
mung der Autobiografie von T.E. Lawrence (1888-
wurde leider ebensowenig ins Deutsche übersetzt
1935), der als Heerführer maßgeblichen Anteil an der
wie seine Biografie „Robert Bolt: Scenes from two
Szene, in der Lawrence ein Zündholz anzündet, es
verbrennt; dann der „Match-Cut” auf die brennende Sonne über Wüstensand.
Sonderausgabe – Lawrence of Arabia 07
lives“ (1998), der die meisten Fakten für diese
seinem Sprachvermögen eingeschränkt war. Geistig
kursorisch bleibende Beschreibung eines aufregen-
war er fast bis zum seinem Tode im Februar 1995
den und produktiven Lebens entnommen sind.
rege und unvermindert am Arbeiten, 1984 wurde das
Gleich zweimal war Bolt mit Sarah Miles (1941)
lang gehegte „Bounty“-Projekt unter der Regie von
verheiratet, die wie kaum eine andere den Geist der
Roger Donaldson realisiert. 1986 folgte „The Missi-
Swinging Sixties verkörperte, aus der ersten Ehe mit
on“, unter der Regie von Roland Joffé. Das letzte
ihr, von 1967 bis 1975, ging Sohn Tom hervor, der
realisierte Drehbuch war der Fernsehfilm „Without
lange Zeit als Drogenjunkie auf der Kippe stand.
Warning“ (1991) über das Attentat auf Ronald
1972 setzte Bolt seine Frau als Regisseur des
Reagan. Zusammen mit seinen weiteren Theaterstü-
natürlich von ihm selbst geschriebenen Kostümfilms
cken, darunter sein letzter großer Bühnenerfolg
„Lady Caroline Lamb“ in Szene. 1988 heiratete er sie
„Vivat! Vivat Regina!“ (1971), und den nicht realisier-
nochmals, nachdem er sich von der Schauspielerin
ten Skripten für Film und Fernsehen ergibt sich das
Ann Queensberry hatte scheiden lassen, was umso
imposante Gesamtwerk eines großen Schriftstellers,
erstaunlicher ist, wenn man weiß, dass er seit 1979
eines der bedeutendsten Drehbuchschreibers der
nach einem Schlaganfall in seinen Bewegungen und
Filmgeschichte.
ZU DEN DREHARBEITEN VON „LAWRENCE VON ARABIEN“ von Mike Fox aus dem Englischen von Christian Appelt Als das Jahr 1961 zuende ging, war ich bereits
Lawrence sollte
einige Jahre lang Juniormitglied im Kamerateam von
an Originalschau-
Freddie Young. Gegen Ende der Dreharbeiten zu
plätzen entstehen,
Greengage Summer, einer für mich sehr glücklichen
geplant waren
Zusammenarbeit mit ihm, fing Freddie an, über unser
sechs Monate
nächstes Projekt zu sprechen: die Geschichte eines
Dreharbeiten an
britischen Kriegshelden, T. E. Lawrence, des legen-
den historischen
dären „Lawrence von Arabien“.
Orten in der jorda-
Ich hatte das Buch Die sieben Säulen der Weisheit
nischen Wüste.
gelesen, den romantischen autobiografischen Bericht, in dem Lawrence seine Abenteuer während des 1. Weltkriegs schildert, besonders seinen berühmten Guerilla-Feldzug gegen die türkische Armee in der arabischen Wüste. Unter vielen Bücher gab es auch eines, in dem behauptet wurde, Lawrence sei nur ein romantisierender Aufschneider und Wichtigtuer gewesen, der sowohl das Ausmaß als auch die Wirksamkeit seiner Taten auf das übertrieb, was der arabische Aufstand genannt werden sollte: Die Niederlage der Türkei und der darauf folgende Niedergang des Ottomanischen Reiches. Damals wie heute blieb Lawrence ein faszinierendes Rätsel. Seither haben von der Regierung veröffentliche Dokumente zweifelsfrei bewiesen, daß
Daher war ein aufwendiger Film über solch einen
Lawrence, weit davon entfernt, ein ruhmsüchtiger
Mann ein unwiderstehliches Projekt – besonders
Wahrheitsverdreher zu sein, mit seinen arabischen
dann, wenn mein persönlicher Held David Lean, der
irregulären Truppen viel mehr beitrug, als er jemals
damals auf der Welle des Erfolgs von Die Brücke am
in den Sieben Säulen der Weisheit behauptet hatte.
Kwai getragen wurde, Regie führen sollte.
Vielmehr verabscheute er sein Leben lang jede Form
Die Sache hatte nur einen Haken: Lawrence sollte an
persönlicher Publicity wie die Pest.
Originalschauplätzen entstehen, geplant waren sechs
sonderausgabe – Lawrence of Arabia 08
Monate Dreharbeiten an den historischen Orten in
tischen Königreich Jordanien, einem streng mosle-
der jordanischen Wüste.
mischen Staat – Juden die Einreise verboten sei. Da
In diesen Jahren war es noch möglich, daß ein Film
mein Vater jüdisch war, bedauerte Freddie mir sagen
den Drehplan um einen oder auch drei Monate
zu müssen, daß ich an diesem Film nicht mitwirken
überzog – was heute kaum mehr vorkommt – und
konnte.
tatsächlich sollte dies auch das Schicksal von Law-
Peter O’Toole und David Lean
rence sein – nur in noch größerem Maß!
Ich war angemessen empört und angewidert, sol-
Als junger Vater zweier Kinder wollte ich nicht so lang
chem willkürlichen Vorurteil ausgesetzt zu sein (wenn
fern von daheim sein, doch wagte ich es nicht, Fred-
es jemals ein Oxymoron gab, dann dieses), doch es
die zu gestehen, daß ich aus dem Projekt aussteigen
gelang mir wohl, meine Erleichterung ihm gegenüber
wollte. Nun, das Schicksal wollte es anders. Einige
zu verbergen – und außerdem ich freute mich über
Wochen vor Drehbeginn eröffnete Freddie mir, daß
die Zusicherung, daß ich trotz meiner Abwesenheit
bei den Dreharbeiten in Jordanien – dem Haschemi-
auch in Zukunft weiterhin Teil seines Teams sein würde. Ich liebte Freddie, der wie ein Vater für mich war und respektierte ihn für seine Arbeit und wie er sich ihr hingab – nicht nur als Kameramann, sondern als Künstler. Das war’s also zunächst. Die Dreharbeiten an Lawrence nahmen ohne mich ihren Lauf (nicht, daß die Aktien von Columbia Pictures deshalb gefallen wären), aber nach einigen Monaten begannen die Dinge aus politischen Gründen aus dem Ruder zu laufen. Spannungen zwischen der britischen Produktionsfirma und den jordanischen Behörden entwickelten sich dramatisch und gipfelten darin, daß Sam Spiegel die gesamte Produktion aus Jordanien abzog. Die Dreharbeiten lagen sozusagen auf Eis, während David und sein Ausstatter John Box mit einem Team von Drehort-Scouts ganz Europa nach geeigneten Orten absuchten, um die Produktion fortzusetzen. Am Ende wurde es die andalusische Stadt Almeria in Südspanien, die höchsten und ausgedehntesten Sanddünen Europa lagen idealerweise nur einige Meilen entfernt an der Küste bei Cabo de Gata. Und wieder griff die Vorsehung ein. Nicolas Roeg, damals ein aufsteigender und höchst talentierter Kameramann, der später auch Regisseur brillianter und innovativer Filme wurde, hatte mir angeboten vom Rang des zweiten Kamerassistenten zum ersten aufzusteigen.(1) Ich war begeistert über diese Chance, wenn auch etwas nervös wegen der neuen Verantwortung, die sie mit sich brachte. Doch in den sieben Jahren als zweiter Assistent – bescheidener „Klappenjunge“, wie man uns damals nannte – hatte ich mehr über die Arbeit eines Schärfeassistenten mitbekommen, als mir bewußt war, und ich erledigte die neue Arbeit mit mehr Leichtigkeit, als ich es erwartet hatte. (Bedenken Sie, daß wir damals mit Mitchell-Kameras arbeiteten, deren „rack-over“Sucher es dem Operateur nicht erlaubt, bei laufender Kamera das Sucherbild zu sehen. Auch im seitlich angebrachten Hilfssucher konnte er die eingestell-
Sonderausgabe – Lawrence of Arabia 09
te Schärfe nicht prüfen. das war erst am nächsten
Regisseur unseres Teams sollte André de Toth sein,
Oben rechts:
Tag möglich, wenn die fertigen Muster vorgeführt
ein kampferprobtes, eher zweifelhaftes Talent, des-
David Lean und
wurden! Diese Unsicherheit war für den Assistenten
sen Bekanntheit sich auf eine Reihe ebenso schlauer
Freddie Young
eine haarsträubende Sache und verursachte manche
wie gewalttätiger Filme und seine gescheiterte Ehe
schlaflose Nacht.)
mit Veronica Lake gründete, einem netten kleinen
Das Lawrence-Team drehte bereits einige Monate
Star der 1940er Jahre mit charakteristischer Locke,
in Spanien, als David [Lean] Nico[las Roeg] an Bord
die über ein Auge fiel.
holte, um mit einem zweiten Drehteam (Second Unit)
Erst als wir uns vom Hauptteam trennten, um aus-
oder einer zweiten Kamera direkt mit ihm zu arbeiten.
gewählte Einstellungen ohne David Lean zu drehen,
Das lief eigenartigerweise parallel zu einem bereits
kam André ins Spiel, und das hatte seine Gründe.
bestehenden zweiten Team, das aus dem Regisseur
Jedermann wußte, daß David absolut gegen de Toths
Noel Howard und dem Kameramann Skeets Kelly
Beteiligung war, und de Toth – ein bulliger Typ mit
bestand, allerdings arbeiteten sie komplett losgelöst
einer Augenklappe, ähnlich wie der Hathaway-Hem-
von David. Dessen Einladung an Nico war unge-
den-Mann(3), nahm grundsätzlich kein Blatt vor den
wöhnlich, denn jeder wußte, daß David als ausge-
Mund und äußerte seine Verachtung für David und
sprochener Perfektionist wenig Zeit und Geduld für
dessen hochgelobtes Talent. Es endete damit, daß
zweite Teams hatte. Es hieß, daß David am liebsten
wir weitere fünf Monate blieben (bald ohne André de
jeden Meter des Film selbst gedreht hätte, dann aber
Toth) und mit dem Hauptteam nach Quarzazate in
der „Empfehlung“ seines Produzenten Sam Spiegel
Marokko reisten, um Lawrences mörderischen Angriff
folgte, mehrere Teams einzusetzen, um den Zeit- und
auf die geschlagenen, im Rückzug befindlichen türki-
Kostenrahmen nicht noch weiter zu überziehen.
schen Truppen zu filmen. Damit waren die Dreharbei-
(2)
ten vor Ort erledigt und das Team packte die Koffer, Wie auch immer, Nicolas Roeg, Camera Operator
um mit den Innenaufnahmen in den Shepperton-
Alex Thomson und ich waren erfreut, nach Almeria
Studios bei London fortzufahren.
zu fliegen und uns dem Hauptteam „für drei oder vier Wochen“ anzuschließen.
Cabo de Gata war im Hochsommer der reinste Backofen. Seine spektakuläre Dünenlandschaft bestand
sonderausgabe – Lawrence of Arabia 10
„Wenn die morgendlichen thermalen Winde oder ein gelegentlicher kleiner Wirbelsturm die Sandkörner in die Luft brachten, scheuerten sie unsere nackte Haut schmerzhaft wund. Nicht nur das: Obwohl die Filmkameras ständig durch dicke Plastiktüten geschützt waren, fanden wir beim Filmeinlegen immer wieder einen guten Teelöffel voll Sand im Inneren der Kamera!“
Oben rechts: David Lean und Sam Spiegel
aus erstaunlich grobem Sand. Wenn die morgendli-
(die zusätzlichen 5mm Breite nutzte man für die
chen thermalen Winde oder ein gelegentlicher kleiner
Magnettonspuren). Es gab verschiedene Kame-
Wirbelsturm die Sandkörner in die Luft brachten,
ratypen. Zwei davon basierten auf den üblichen
scheuerten sie unsere nackte Haut schmerzhaft
35-mm-Modellen der Firma Mitchell – der laufleisen
wund. Nicht nur das: Obwohl die Filmkameras stän-
BNC Studiokamera im Schallschutzgehäuse (Blimp)
dig durch dicke Plastiktüten geschützt waren, fanden
und der nicht geblimpten NC-Kamera. Wie ihre
wir beim Filmeinlegen oder Gate Check(4) immer
35-mm-Vorläufer waren diese Modelle mit „rack-
wieder einen guten Teelöffel voll Sand im Inneren der
over“-Suchern ausgestattet, während der Aufnah-
Kamera! Trotzdem gab es so gut wie keine Kratzer
me war man auf seitlich angebrachte Hilfssucher
in der Emulsion des Filmmaterials. Zur Sicherheit
angewiesen.(6) Als drittes Modell kam von Panavision
erledigten wir Magazinwechsel oder Gate Checks
die noch experimentelle 65mm Handheld Camera,
niemals im Freien, sondern trugen die ganze Kamera
nicht unähnlich einer ungeblimpten [35-mm-]Arriflex-
in einen Wohnwagen, um dort bei festverschlossenen
Handkamera. Anders als diese hatte die Handheld
Türen und Fenstern neues Filmmaterial einzulegen
aber kein Spiegelreflexsystem und keinen optischen
oder die Filmbahn auf Fremdkörper zu untersuchen.
Sucher. Der Kameramann stellte das Bild mittels eines „Sportsuchers“ ein, in den man eine Ausschnitts-
Super Panavision 65 – die Bezeichnung für Panavi-
maske entsprechend dem verwendeten Objektiv
sions sphärisches 65-mm-Verfahren – war damals
einsetzte. (Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, gab
noch in den Kinderschuhen. Gedreht wurde auf
es immerhin die Möglichkeit, ein Stück Mattfilm in
Kodak Eastmancolor 5250 Negativ, die Vorführkopien
die Filmführung einzulegen und dann, nachdem man
wurden auf 70mm breitem Filmmaterial hergestellt
die Andruckplatte entfernt hatte, das kopfstehende
(5)
Sonderausgabe – Lawrence of Arabia 11
Bild im Bildfenster zu überprüfen. Was sich natürlich
wenn auch nur für ein bis zwei Sekunden, daß ich
angesichts des am Drehort herumfliegenden Sandes
den Film beim Laden der Kamera falsch einlegt hätte
völlig verbot.)
(also wirklich, ich bitte Sie!). Als nächstes riefen wir Ted Williams hinzu, unseren
Eine weitere Kamera, noch im Stadium des Prototy-
versierten Kameratechniker und britischen Lands-
pen, wurde bald das Lieblingswerkzeug von Ernest
mann, der nach Kalifornien ausgewandert war, um
Day, dem Operateur unseres Hauptteams, zumindest
dort für Panavision zu arbeiten. Auch er kratzte sich
dann, wenn die Tonaufnahmen es zuließen. Das war
erst mal am Schädel. (Offenbar ein äußerst britisches
Panavisions erste Panaflex-Kamera. Diese leichte
Vorgehen – entweder tut man das, oder man trinkt
65-mm-Kamera hatte einen richtigen Spiegelreflex-
erst mal eine Tasse Tee.) Nach langer Diskussion
sucher und war nicht schallgedämmt, ihre Grundkon-
führten wir Versuche mit Filmresten und in jeder
struktion wurde zum Vorbild für jene 35-mm-Kame-
denkbaren Kombination von Schleifengrößen durch,
ras, die später die Filmbranche revolutionierte.
nur um festzustellen, daß wir die Kamera nicht dazu
Wenn man sich moderne Filmkameras mit einstell-
bekamen, den Fehler zu wiederholen. Vor allem
barer Aufwicklung ansieht, ist man fasziniert von der
beschäftigte uns die Frage, wie das Filmmaterial um
Einfachheit, mit der die frühen Mitchell-Kameras das
mehrere Perforationslöcher auf den mit Andruck-
Problem lösten, den belichteten Film im Magazin
schuhen versehenen Zahntrommeln verrutschen
aufzuwickeln. Ein einfacher außenliegender Leder-
oder springen konnte, zumal diese durch die ge-
Treibriemen übertrug die Kraft vom Kameragetriebe
schlossene Kameratür fixiert waren. Da all das ohne
auf die Wickelachse des Kameramagazins und trieb
Filmriß oder andere Schäden am Material geschehen
so die Aufwicklung in der Kassette an. Wenn man ein
war, blieb uns nichts anderes übrig, als es zu einem
neues Magazin an die Kamera gesetzt hatte, drehte
außergewöhnlichen Vorfall zu erklären, der sich be-
man einfach das Treibrad von Hand, bis der Film
stimmt nie wiederholen würde. Außerdem bestätigte
straff gespannt war und legte dann den Lederriemen
das Kopierwerk später, daß es keinerlei Schäden am
auf, um die Spannung zu halten. War der Riemen zu
Originalnegativ gegeben hatte.
lose gespannt, löste der sich stauende Film einen Notschalter im Kameragehäuse aus, der den Motor
Doch es geschah wieder. – Nachdem er die Kame-
abschaltete. Das ganze war narrensicher, einfach und
ra eingehend überprüft und sich eine Nacht lang
funktionierte blendend – nur gelegentlich mußte der
mit dem ganzen Mechanismus beschäftigt hatte,
Kameratechniker den Treibriemen nachspannen.
fand Ted endlich die Erklärung für das Phänomen. Entscheidend war die Span-
Allerdings führte diese Technik bei unserer nicht
nung des Leder-Treibriemens
geblimpten NC-Kamera zu einem erstaunlichen
an der Aufwicklung. Der Zug
Problem. Als ich eines Morgens die Kamera öffnete
mußte genau stimmen. War er
und das Bildfenster prüfte, war die untere Schlaufe
zu schwach, so staute sich der
komplett weggezogen. Nun war so etwas damals
Film und löste den Notschalter
nicht ungewöhnlich, denn die Maßgenauigkeit in der
aus, was die Kamera stopp-
Herstellung des Rohfilms hatte noch nicht die heuti-
te. War der Zug zu stark und
ge Perfektion erreicht, derer man sich in Rochester
befand sich eine große Menge
rühmen kann.
belichtetes 65-mm-Material auf der Aufwickelseite, so
Aber in diesem speziellen Fall war das Filmband an
wirkte die Masseträgheit der
einer Stelle straff gespannt, wo eigentlich die untere
bewegten Filmrolle auf den un-
Schleife sein sollte (was normalerweise Schrammen
teren Andruckschuh und bog
und Bildsprünge von Bild zu Bild verursacht), und es
ihn ein wenig auf, gerade weit
gab keine sichtbare Beschädigung der Perforation.
genug, um die Perforations-
Tatsächlich lief die Kamera in diesem Zustand sogar
löcher des Filmbandes über
weiter, ohne daß es zum Filmriß kam.(7)
die Zahntrommel rutschen zu
Das war praktisch unmöglich! Nico, Alex und ich –
lassen, und zwar so lange, bis
beide waren langjährige Kameraassistenten gewesen
die untere Schleife komplett
und besaßen große Erfahrung – waren ratlos. Wie
weggezogen war. Unsere Tests
immer in solchen Fällen war die erste Vermutung,
hatte wir mit kleinen Rollen
sonderausgabe – Lawrence of Arabia 12
„Gemessen an
übriggebliebenen Filmmaterials durchgeführt, die
Abteilung, die die breiten Gußrollen des Rohfilms
nicht die nötige Masse besaßen, deshalb gelang es
[in völliger Dunkelheit] konfektionierte, d.h. auf 65mm
waren alle 65-mm-
uns nicht, das Phänomen zu reproduzieren. Aber Ted
Breite und 305 Meter Rollenlänge zurechtschnitt.
Kameras sehr
fand den Fehler und löste das Problem, weswegen er
Eine neu angelernte Arbeitskraft zog das zugeschnit-
zu Recht ein hochbezahlter Mann war.
tene Filmband unerlaubterweise mit der Hand weiter
heutiger Technik
schwer – besonders die geblimpte
und hinterließ dabei prächtige Daumenabdrücke auf
BNC-Studiokame-
Ein anderes Phänomen sorgte für erneute Ratlo-
der Emulsionsseite. Er (oder sie) wurde vermutlich
ra, die man – ich
sigkeit entlang der ganzen Kommandokette, von
hinausgeführt und standrechtlich erschossen, aber
übertreibe wirklich
Sam Spiegel über David Lean, Freddie Young, die
unser Problem war damit gelöst.
nicht! – nur mit vier
Kameraassistenten, das Kopierwerk und sogar bis
Gemessen an heutiger Technik waren alle 65-mm-
hinüber zu Kodak in Rochester.
Kameras sehr schwer – besonders die geblimpte
Es begann mit einem alarmierenden Negativbericht
BNC-Studiokamera, die man – ich übertreibe wirklich
des Kopierwerks: Auf dem entwickelten Negativ war
nicht! – nur mit vier Mann tragen und aufbauen konn-
ein Daumenabdruck zu sehen, der sich etwa alle
te, wobei der vordere Teil erheblich schwerer wog als
anderthalb Meter über die ganze Filmrolle (305m)
der hintere. Ich schätze, daß diese Kamera drehfertig
wiederholte. Irgendein Genie im Kopierwerk schickte
mit einer 300-Meter-Rolle 65-mm-Film mindes-
uns eine Warnung, die ungefähr so lautete:
tens 50 Kilogramm wog. Um damit fertigzuwerden,
„Bitte weisen Sie Ihre Kameraassistenten an, die
benutzte Ernie [=Ernest Day] einen verlängerten
Emulsionsfläche beim Umgang mit dem unbelichte-
Getriebe-Schwenkkopf von Mitchell, ein ebenso
ten Filmmaterial niemals zu berühren.“
elegant entworfenes wie massiv gebautes Gerät, das
Diese Ermahnung war im Grunde zu ernst, um darü-
früher bei Paramount für deren nicht ganz so gewich-
ber zu spotten, aber wir verfaßten folgende Antwort:
tige VistaVision „Lazy Eight“-Kameras (35mm mit
„Tut uns leid. Ab jetzt werden die Assistenten den
querlaufendem Film) verwendet wurde. Es bewährte
Film bei laufender Kamera nicht mehr berühren, zu-
sich hervorragend.
mal das Öffnen der Kameratür während der Aufnah-
Auch die 24-Volt-Batterien zur Stromversorgung der
me das Bild verschleiern würde.“
Super Panavision Kameras waren wirklich schwer,
Natürlich wurde das nicht abgeschickt, aber zwei
den Rekord hielt aber ein weiterer Akku, der elekt-
Dinge standen fest: Der Fehler war ernst, und der
risch die Temperatur der Filmführung konstant auf 27
Daumenabdruck konnte von keinem in der Kame-
Grad Celsius hielt, um temperaturabhängige Abwei-
racrew stammen. Das Kopierwerk jammerte: „Wir
chungen vom idealen optischen Auflagemaß zu ver-
waren’s nicht!“, und Kodak in Rochester erklärte
hindern. Das Gewichtsproblem wurde verschärft von
stirnrunzelnd: „Unwahrscheinlich, daß es an uns lag.“
der Panatron-Steuereinheit. Sie sorgte dafür, daß die
Während unsere Rohfilmbestände geprüft und/oder
Kamera mit exakt 24 Bildern pro Sekunde lief, das
ersetzt wurden, begann eine großangelegte Unter-
sind etwa 34 Meter Film pro Minute, also etwas mehr
suchung. Nach einer Woche fand man schließlich
als bei normalem 35-mm-Film, denn das 65-mm-Bild
den Fehler – in der Kodak-Fabrik, und zwar in jener
besitzt einen Schaltschritt von fünf statt vier Perfo-
Mann tragen und aufbauen konnte.”
Sonderausgabe – Lawrence of Arabia 13
rationslöchern. Das Panatron war gut, brachte aber
Die Muster waren atemberaubend – und natür-
weitere 15 Kilo auf die Waage.
lich erhielt Freddie am Ende einen wohlverdienten „Oscar“ für seine großartige Leistung. Es ist sicher
Angesichts der oft lähmenden Hitze, der kräftezeh-
nicht übertrieben zu sagen, daß Lawrence of Arabia
renden Sanddünen und des Gewichts und Umfangs
nach mehr als einem halbes Jahrhundert als bestes
unserer Kameratechnik brauchte jeder Wechsel auf
Beispiel für Wüstenfotografie in der Geschichte des
eine neue Kameraposition viel Zeit – von „hit-and-run
Spielfilm gelten kann. Ich wüßte nicht, was ein heu-
shooting“ konnte keine Rede sein!
tiger Kameramann tun könnte, um das zu schlagen
Für den Assistenten gab es kleinere, aber dennoch
oder auch nur damit gleichzuziehen. Und wissen
herausfordernde Probleme. Bei 65mm werden Gelati-
Sie, warum? Nun, man müßte einen Meisterregis-
nefilter hinter dem Objektiv direkt vor dem Bildfenster
seur wie David Lean finden, um einem meisterhaften
montiert, und diese Filter mußten strengstens sauber
Kameramann wie Freddie die Zeit und Ermutigung
gehalten werden (meistens ein Wratten 85 Farbkor-
zu gewähren, um das zu erreichen, was Freddie tat.
rekturfilter, oft als Kombination aus 85er und 0.3 oder
Auch brauchte man so talentierte Autoren wie Micha-
0.6-Neutralgrau. ) Das kleinste Staubkorn wäre bei
el Wilson und Robert Bolt, um unvergeßliche Dialoge
einer Abblendung auf T16 oder mehr scharf abge-
zu diesen Bildern zu schreiben, und natürlich müßte
bildet und im fertigen Film sichtbar geworden. (Das
eine außergewöhnliche Musik wie die von Maurice
lernte man schnell.) Wie nicht anders zu erwarten,
Jarre dem Film zuarbeiten. Nicht zuletzt bedürfte
hatten die Objektive für 65mm längere Brennwei-
es eines Meisterproduzenten wie Sam Spiegel, mit
ten als ihre Gegenstücke [bei gleichem Bildwinkel,
der Mischung aus Schlagkraft und Geduld, um eine
a.d.Ü.] im 35-mm-Format. Unser „Weitwinkel“ war
solche Produktion so konsequent auf Erstklassigkeit
ein 50mm, für Großaufnahmen verwendeten wir ein
hin zu planen und durchzuführen, wie er es tat. Eine
210mm-Teleobjektiv. Bei Sonnenschein, wenn man
solche Gruppe von Meistern ihres Fachs wäre in der
Unten:
mit großer Abblendung zwischen T11 und T16 dreh-
heutigen Zeit der Erbsenzähler, der digitalen CGI-
Freddie Young
(8)
te, war das kein Problem, aber bei Nachtaufnahmen sah die Sache schon anders aus. Bei einem 210mmTele, auf T4 geöffnet [mit entsprechend geringer Schärfentiefe, a.d.Ü.] saß man als Assistent wie auf glühenden Kohlen, egal was im Bild passierte. (Jedenfalls ging es mir so.) Zum Thema Filter: Vielleicht eine Anmerkung dazu, wie Freddie die wunderbaren Mondlicht-Szenen in der Wüste drehte. Traditionell gab es in der Schwarzweißfotografie zwei Filter namens 3N5 und 5N5. Sie bestanden aus einem leicht gelben Aero1 bzw. dem etwas dichteren Aero2-Filter in Kombination mit einem 50%-Graufilter (ND). Soweit ich mich erinnere, mußte man die Belichtung um anderthalb bis zwei Blenden kompensieren. Das Ziel war, den Bild kontrast zu steigern, das Blau des Himmels abzudunkeln und helle Wolken hervorzuheben, so daß man beim „day-for night“-Dreh eine mondlichtähnliche Stimmung bekam. Üblicherweise drehte man mit starkem Gegenlicht und fügte VordergrundAufhelllicht nach Geschmack des Kameramanns oder den technischen Möglichkeiten hinzu. Diese Schwarzweißfilter verwendete Freddie nun, allerdings ohne die Belichtung zu kompensieren, um das Gleiche im Farbfilm zu erreichen. Bei diesen Aufnahmen informierten wir das Kopierwerk, indem wir in großen Buchstaben auf den Negativbericht schrieben: „DAY-FOR-NIGHT: BITTE 5 PUNKT MEHR BLAU“
sonderausgabe – Lawrence of Arabia 14
POSTSCRIPTUM Bei allem Lob, das sich von Akademien, Kritikern, Institutionen und Filmfans in aller Welt über Lawrence ergossen hat, gab es doch einen winzig kleinen, kaum bemerkbaren Kamerafehler im Film. Einen Fehler, von dem vermutlich keiner der vielen Millionen Kinobesucher etwas bemerkt hat, ausgenommen drei Menschen: Nicolas Roeg, der leider verstorbene Alex Thomson und ich. Er befindet sich in einer höchst eindrucksvollen Aufnahme, die David Lean Nicos Team, also meiner Gruppe, übertragen hatte. Vom höchsten Punkt einer Sanddüne bei Cabo de Gata blickt die Kamera durch gleißendes Sonnenlicht auf die Wüste hinab, durch die ein türkischer Eisenbahnzug dampft, um gleich durch ein Team von Spezialeffekt- und Sprengexperten zum Entgleisen gebracht zu werden. Während der Zug langsam durchs Bild fuhr, hörte ich neben mir jemanden „Fuck!“ sagen, und gleich im „Bei allem Lob, das sich von Akademien, Kritikern, Institutionen und Filmfans in aller Welt über Lawrence ergossen hat, gab
Effekte und des computerisierten Denkens äußerst
Anschluß ein Klicken, als Alex rasch den Sperrhebel
schwer zu finden und zusammenzubringen!
an seinem Schwenkkopf löste. Er hatte den Hebel
Ich glaube, Lawrence war einzigartig. Das erste und
versehentlich so stehen gelassen, nachdem David den
letzte Beispiel eines großen, immens erfolgreichen
ganzen Weg zur Spitze der Düne hinaufgestiegen war,
Spielfilm, der nur so entstehen konnte, weil der
um die Bildkomposition zu prüfen (er war begeistert).
Wunsch nach absoluter Qualität das Finanzielle in
Der Effekt dieses kleinen Klickens ist im fertigen Film
den Hintergrund treten ließ. Ich habe den ursprüng-
zu sehen, und ich habe es unzählige Male in Aus-
es doch einen
lichen Drehplan für Lawrence nie zu Gesicht bekom-
schnitten aus dem Film wie auch im Kino gesehen. Der
winzig kleinen,
men, die Dreharbeiten sollen aber auf etwa sechs
Zug bewegt sich um eine Haaresbreite zu weit über die
kaum bemerkbaren
Monate angelegt gewesen sein. Am Ende verlän-
immense Breite des 70-mm-Bildes, und dann gibt es
Kamerafehler im
gerten sie sich auf ungefähr 14 Monate! Aber das
ein kaum merkliches Zittern im Bild, bevor die Kamera
Film...”
fertige Produkt, außergewöhnlich in jedem Aspekt
fließend mitschwenkt und eine gewaltige Explosion
von filmischer Kunst und Handwerk, hat die Namen
und den von den Gleisen rasenden Zug einfängt.
seiner Schöpfer für alle Zeit in die Filmgeschichte
Sicher haben auch Sie es oft gesehen, und nie ist es
eingeschrieben.
Ihnen aufgefallen. Mich bringt es immer zum Lachen, ebenso wie Alex... allerdings erst viel, viel später!
Sonderausgabe – Lawrence of Arabia 15
WICHTIGE ANMERKUNG
Als relativ junges Mitglied des Kamerateams war
Gedächtnis zur Verfügung, und es geht um Ereig-
ich natürlich nie in die Vorgänge unter den „großen
nisse, Vorfälle und Faktoren, die immerhin fünfzig
Tieren“ eingeweiht, wo man konspirierte, diskutierte
Jahre zurückliegen. Daher ist es nicht ausgeschlos-
und sich verschwor, um einen der größten Filme aller
sen, daß ich mich an der einen oder anderen Stelle
Zeiten zu schaffen. Aber während ich neben so vielen
geirrt habe. Möglicherweise hatten die Batterien der
meiner Helden arbeitete, – und sie waren die Besten
65-mm-Kameras 110 Volt statt 24, vielleicht hatte
der Besten der britischen Filmindustrie – war ich
das Weitwinkelobjektiv 40mm Brennweite statt 50.
klug genug, Augen und Ohren weit offen zu halten.
Doch kann ich versichern, daß die generellen Tat
Denn es dauerte nicht lang um zu begreifen, daß wir
sachen, Zahlen und Details, wenn auch vielleicht
an etwas arbeiteten, das sehr gut, wenn nicht sogar
nicht wissenschaftlich, so doch hinreichend genau
einzigartig werden würde. Wir ahnten nicht, wie weit
sind. Sollten Sie also einen Fehler finden, so rechne
diese Einschätzung noch hinter dem zurückbleiben
ich mit Ihrer freundlichen Nachsicht.
sollte, was aus Lawrence wurde und welche Wertschätzung dem Film entgegenbracht wurde. Ich habe an vielen Filmen mit Regisseuren unterschiedlichster Befähigung gearbeitet, aber keiner war so vollendet begabt wie David Lean. Ein besonderes Erlebnis brachte mir das damals zu Bewußtsein, und zwar die berühmte Sequenz mit dem türkischen Eisenbahnzug. Meistens gelang es mir – ohne dabei im Weg zu sein – recht nah an die kleine Korona um David Lean heranzukommen, wenn er eine Aufnahme einrichtete: Er selbst an der Spitze, Regieassistent Roy Stevens zu seiner Rechten, Freddie und Ernie zu seiner Linken, Scriptgirl Barbara Cole und der Herrscher aller Requisiten Eddie Fowlie nur ein paar Schritte dahinter – und ich selbst, angestrengt lauschend mit Ohren groß wie Suppenschüsseln. Es ging um den Anfang der Sequenz, in der Peter O‘Toole im arabischem Gewand den entgleisten Zug erklimmt und den Erfolg seines Angriffs feiert, indem er über die Wagendächer stolziert – kurz bevor ein verwundeter türkischer Offizier auf ihn schießt. David quälte sich schweigend mit der Frage herum, wie er die Szene beginnen solle, und wie immer brauchte er lange Zeit, um die richtige Lösung zu finden. Er hörte schweigend zu oder wies Vorschläge ab, die ihm seine vertraute Truppe machte. Endlich hörte ich ihn sagen: „Das muß ein besonderer Augenblick werden. An dieser Stelle wird die Musik lauter, das Hauptthema des Films.“ Und genau das geschieht im fertigen Film. Was mich daran so beeindruckt hat? Nun, zu diesem Zeitpunkt war Maurice Jarre nicht einmal im Gespräch, geschweige denn unter Vertrag genommen, um das magische Thema zu komponieren! Noch nie hatte ich bei einem Regisseur solche Klarheit der Vision erlebt, daß er ganz genau wußte, was er vorhatte und es auch so durchführte. Zum Abschluß eine Warnung an den Leser: Für viele Details in diesem Bericht stand mir nur mein
FN 1: Im angelsächsischen Raum wird der leitende Kameramann meist als Director of Photography bezeichnet, in Großbritannien auch als Lighting Cameraman. Der Camera Operator oder einfach Cameraman bedient physisch die Kamera (im Deutschen früher als Schwenker bezeichnet) , während die Assistenten sich ums Schärfeziehen, Filmeinlegen und verwandte Arbeiten kümmern. FN 2: Als Muster bezeichnet man die erste Vorführkopie der ungeschnittenen Aufnahmen. Vor Einführung der Videotechnik war das die erste Gelegenheit für das Filmteam, die gedrehten Bilder zu sehen. FN 3: Seit 1951 warb die Hemdenfirma Hathaway mit einem Mann, der eine Augenklappe trug, eine der bekanntesten Werbekampagnen der Nachkriegszeit. André de Toth (1912-2002) war in seiner Jugend auf einem Auge erblindet und trug eine Augenklappe. FN 4: Beim Gate Check (gate = Filmbahn) wird zwischen den Aufnahmen überprüft, ob sich Staub, Emulsionsabrieb oder Fussel im Bildfenster der Kamera festgesetzt haben. Dazu wird die Kamera geöffnet oder das Aufnahmeobjektiv herausgenommen. FN 5: Das Verfahren benutzt 65mm breiten Aufnahmefilm, nichtanamorphotische Aufnahmeobjektive und wurde zuweilen auch als Super Panavision oder Super Panavision 70 bezeichnet. FN 6: Bei Kameras mit diesem Suchertyp wird der Kameramechanismus seitlich verschoben, so daß vor der Aufnahme das Bild exakt durchs Aufnahmeobjektiv einstellbar ist. Dann schiebt man die Kamera in Aufnahmeposition und benutzt den seitlichen Hilfssucher, der aber nicht 100%ig mit dem aufgenommenen Bild übereinstimmt. Erst die später üblichen Spiegelreflexsucher zeigten auch während der Aufnahme den genauen Bildausschnitt und die eingestellte Schärfe. FN 7: Die Ausgleichschleifen (Latham loop) dienen dazu, den Übergang vom schrittweisen Transport des Filmbandes (am Bildfenster) zum kontinuierlichen Lauf (Auf- und Abwicklung) mechanisch auszugleichen. Wird die Schlaufe weggezogen, sind i. d. R. Bildstandsfehler und Perfoschäden die Folge. FN 8: Der Wratten 85 ist ein Farbkorrekturfilter, welches erlaubt, auf dem damaligen für Kunstlicht sensibilisierten Farbfilm Außenaufnahmen bei Tageslicht zu drehen. ND- oder Graufilter in logarithmischen Abstufungen dienen dazu, übermäßige Helligkeit zu kompensieren.
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neue 70mm Kopie – restaurierte original 6-Kanal-soundmischung
dieses Jahr beim
8. TODD-AO 70mm-Filmfestival 5.-7. oktober 2012
l
er origina
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