SCHAUBURG 9. Todd-Ao 70mm-Filmfestival 20.-22. September 2013 www.70mm-festival.de
70mm Filmfestival 2013 02
Herbert Born
Thomas Hauerslev
Herzlich willkommen beim 9. Todd-AO Festival in der Schauburg in Karlsruhe! Das internationale 70mm-Filmfestival, wo Filme im GROSS-
Hof (gefilmt auf Schloss Neuschwanstein). Und wenn Sie gerne
FORMAT so vorgeführt werden, wie es ursprünglich gedacht
tanzen, dann können Sie von Stanley Donen und seinem
war: IN 70MM auf der GEKRÜMMTEN Leinwand. Hier ist
heiteren Team von Freestyle-Tänzern und -Tänzerinnen lernen,
alles größer, besser, strahlender, intensiver, schärfer und
wie man eine Scheune baut - und das Ganze in Begleitung von
frischer, mit einem größeren AHA-Effekt als bei allen
sieben blutjungen Hollywood-Schauspielerinnen vor einem
anderen Vorführungen, die Sie sonst im Kino erleben
farbenfrohen Hintergrund in Ansco Color und CinemaScope.
können.
Betrachten Sie die Wunder ganz ohne Brille! War DEFA 70 wirklich der größte Fehler der Filmindustrie in der ehemaligen
Sind Sie bereit? Lassen Sie uns die fünf Töne spielen: „d‘, e‘, c‘,
DDR? Treffen Sie Ihr eigenes Urteil über Orpheus und Goya in
c, g“ - so beginnt John Williams Konzert für UFOs in dem Film
prächtigem Orwo Color.
„Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (OT: „Close Encoun-
Leben Sie Ihre Träume! Werden Sie für einen Abend zum
ters of the Third Kind“) von Steven Spielberg aus dem Jahr
Eroberer, Sklaven oder Gladiator! „Ich bin Spartacus!“ - Da
1977. Der Film spielt im mittleren Westen der USA und handelt
bleibt kein Auge trocken, wenn eine der berühmtesten Zeilen der
von ganz normalen Bürgern, die mit außergewöhnlichen
Filmgeschichte erklingt, musikalisch wundervoll untermalt von
Umständen konfrontiert werden. Ein menschliches Drama, in
Dimitri Tiomkin. Alle einzigartigen Momente des Wochenendes
das wir als Publikum hineingezogen werden können. Wir können
in sattem Stereo-Ton.
lachen oder weinen, und genau das macht einen guten Film aus. Die Story ist mal gut und mal weniger gut. Es lässt sich nicht
Die Vorführung von 70mm-Filmen verlangt Fachwissen und
immer einfach vorhersagen, ob sich ein Film als Top oder als
Kompetenz. Die schweren 70mm-Filmrollen und das empfindli-
Flop erweisen wird, aber eines ist sicher: wir zeigen unsere Filme
che Filmmaterial werden von den Filmvorführern gekonnt
unabhängig davon, einfach weil sie in 70mm gedreht wurden.
behandelt. Seit der Entstehung des Kinos vor mehr als 100 Jahren arbeiten Filmvorführer unermüdlich im Hintergrund und
Gemeinsam mit Jean Reno und Jean-Marc Barr begeben wir
sorgen für SCHARFE Bilder und einen perfekten Sound. In den
uns auf eine magische Reise in die Tiefen des Mittelmeeres, und
letzten Jahren wurden viele Filmvorführer im Zuge der schritt-
das in sattem Dolby Stereo-Ton. Wir lauschen den fröhlichen
weisen Umstellung auf digitale Projektionstechniken in kommer-
Walzern von Johann Strauss in einem fast vergessenen Film -
ziellen Kinos entlassen. Bei uns in der Schauburg sind jedoch
war er ein Flop? Wir erleben hautnah die Propaganda aus der
noch erfahrene Filmvorführer tätig, die über das notwendige
Zeit des Kalten Krieges / Eisernen Vorhangs in dem teuersten, je
Fachwissen und handwerkliche Können verfügen, um jede
gedrehten DDR-Dokumentarfilm, der in DEFA 70 aufgenommen
70mm-Vorführung zu einem unvergesslichen Erlebnis zu
wurde. Und wir reisen mit Charlton Heston in Ultra Panavision
machen. Und darauf sind wir stolz.
nach „Khartoum“! Wenn es Ihnen in Afrika zu heiß ist, fliegen Sie
...Und jetzt: „Gong“, Projektor starten, Vorhang auf, Beleuchtung
in „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ (OT: „Chitty Chitty Bang Bang“)
dimmen, Blende auf, Scharfstellen, Soundcheck.....Film ab.........
nach Vulgaria und besuchen Sie „Baron Bomburst“ auf seinem
Auf ein weiteres unvergessliches Wochenende in der Schauburg!
70mm Filmfestival 2013 03
70MM is IN FOCUS! Schauburg‘s 9. Todd-AO 70mm festival, Karlsruhe, Germany Written by: Thomas Hauerslev
against seven Hollywood virgins and nicely painted backgrounds in Anscocolor and CinemaScope. See the wonders
Welcome to the 9th Todd-AO festival at the Schauburg
without glasses! Was DEFA 70 really the biggest mistake of the
Cinerama in Karlsruhe. The international 70mm Film Festi-
former East German film industry? Judge for yourself with
val, which celebrates LARGE format films as they were
Orpheus and Goya in glorious Orwocolor. Live out your dreams.
meant to be seen: IN 70MM on the CURVED screen. Our
Be an emperor, slave or gladiator for the evening. „I‘m Sparta-
festival is where everything is larger, better, brighter, richer,
cus!“ - There is not a dry eye in the house when one of film
sharper and crisper and has more WOW! than anything else
historyís most famous lines is spoken to Dimitri Tiomkin‘s
you can see in cinemas.
beautiful music. All unique weekend moments in full stereophonic sound.
Are you ready? Let‘s play the five tones. „Re, Mi, Do, Do, So“ - so begins John William‘s concert for UFOs seen in Steven
Presenting 70mm is not done without human expertise or skills.
Spielberg‘s „Close Encounters of the Third Kind“ from 1977. A
The heavy 70mm reels and delicate film material is masterfully
story set in middle America about ordinary people, exposed to
handled by the projectionist. Since the birth of the cinema more
extraordinary circumstances. Human drama where we ñ the
than 100 years ago, projectionists have been working tirelessly
audience - can be involved. We can laugh, or cry, that‘s what
behind the scenes, making sure the pictures are IN FOCUS and
drives a good film. Sometimes the story works well, and
the sound is perfect. In recent years the projectionist is largely
sometimes it doesnít. It is not always easy to predict if a film will
made redundant in commercial cinemas, as digital projector
be a hit or a flop, but one thing is for sure, we show our films
technology gradually has been introduced for projection. But at
regardless, because they are in 70mm.
the Schauburg we proudly still have our own skilled Projectionists with the necessary knowledge and craftsmanship to make
We‘ll all go on a magical journey to explore the deep blue waters
every 70mm performance unforgettable.
of the Mediterranean with Jean Reno and Jean-Marc Barr in blazing Dolby Stereo. Listen to the wonderful gay waltzes by
Öand now, „Gong“, start projector, cue curtain, dim the lights,
Johann Strauss in a film which is nearly forgotten - was it a flop?
open dowser, focus, check sound.....the show is running.........
Be exposed to genuine Cold War / Iron Curtain propaganda in
another unforgettable weekend at the Schauburg!
DDR‘s most expensive documentary ever filmed in DEFA 70mm. Go to Khartoum with Charlton Heston and see what happened
Herbert Born &
in Ultra Panavision! If the African heat is too much for you, fly
Thomas Hauerslev
with Chitty Chitty Bang Bang to Vulgaria and visit „Baron Bomburst“ and his court - filmed locally at Neuschwanstein Castle. If you like dancing, Stanley Donen and his merry team of free-styling dancers will teach you how to build a barn - set
70mm Filmfestival 2013 04
Der grosse Walzer Der musikalische Beitrag von Johann Strauss (Sohn)
relativ bald der Anspruch die Wahrheit über den
zur Filmgeschichte wäre wohl eine größere Abhand-
porträtierten Musiker zu erzählen auf der Strecke
lung wert. Imdb.com listet über hundert Kino- und
bleibt und stattdessen die schiere Hollywood-
Fernsehfilme sowie Fernsehserien auf, in denen die
schmonzette ihr Haupt erhebt; was übrigens „The
Musik des Walzerkönigs erklingt. Das liegt natürlich
Great Waltz“ wenig von seinem gleichnamigen
daran, dass seine Musik immer noch überaus
Vorgänger aus dem Jahr 1938 unterscheidet, da
populär ist und einen großen Wiedererkennungswert
muß sich Johann Strauss zwischen zwei (fiktiven)
hat, zum anderen aber auch, dass schon ein paar
Frauen entscheiden, zwischen seiner lieben Ehefrau
Walzertakte genügen, um eine ganz eigene Welt
Poldi und der ruchlosen Clara, die zugleich die
heraufzubeschwören, die der untergegangenen
Dauergeliebte eines reichen Adeligen ist. Für Clara
K-u-k. Monarchie, der Metropole Wien, wie sie
stand wohl Jette Treffz Pate, die im richtigen Leben
einmal war in der vermeintlich guten alten Zeit der
und auch in Stones Film die erste Frau von Strauss
großen Bälle, in denen sich der Adel Europas die
war. In Stones Film ist sie geradezu eine Lichtge-
Hand reichte. Es ist bezeichnend, dass von den
stalt, dargestellt von der Sopranistin Mary Costa, die
zahlreichen Filmeinsätzen der Walzer-Evergreens
ihre Stimme schon Dornröschen in dem Disneyfilm
einer besonders im Gedächtnis geblieben ist, weil er
„Sleeping Beauty“(1959) geliehen hat und ihre
im größtmöglichsten Kontrast zu dem steht, was
Gesangparts natürlich ohne Hilfe eines Stimmdoub-
gerade im Bild zu sehen ist . Stanley Kubrick läßt in
les bewältigt. Gesungen wird im Film übrigens auf
„2001“ (1968) das Raumschiff zum Walzer „An der
Englisch, was ebenso wie die in die englischer
schönen blauen Donau“ durchs All „tanzen“. So
Sprache gehaltenen Plakate, Inschriften („South
markant diese Szene auch war, es ist doch eher
Station“ steht groß über den Bahnhof) und Briefstel-
unwahrscheinlich, dass sich Andrew L. Stone
len dem deutschsprachigen Publikum doch recht
(1902-1999), Regisseur, Drehbuchautor und Produ-
komisch vorgekommen sein muß, immerhin geht es
zent in einer Person, nun ausgerechnet dadurch
um ein bedeutendes Kapitel deutsch-österreichi-
inspirieren ließ, einen Film über das Leben von
scher Musikgeschichte, die Handlung spielt in Wien,
Johann Strauss zu drehen. Andererseits mutet es
das, wo es geht, fotogen ins Bild gerückt wird, und
aber auch unverständlich an, dass Stone sich nach
zudem erhalten in der deutschen Synchronfassung
dem Mißerfolg von „Song of Norway“(1970), der mit
fast alle Akteure einen leichten Wiener Akzent,
dichterischer Freiheit und Gesang und Tanz erzählten
inklusive Hauptdarsteller Horst Buchholz, der sich
Geschichte des norwegischen Komponisten Edward
selbst synchronisiert hat. Stone verschweigt nicht
Grieg, noch einmal auf das Abenteuer eines Musiker-
das langjährige Verhältnis der Treffz mit dem Grafen
porträts im Breitwandformat eingelassen hat.
Tedesco, dargestellt von dem ergrauten italienischen
Tatsächlich ist „The Great Waltz“(1972) wie sein
Charmeur Rossano Brazzi, sehr wohl aber, dass sie
Vorgänger eine gewagte, aber selten geglückte
mit ihm zwei Kinder zusammen hatte, was die Zahl
Mixtur aus Kostümfilm und Musical, bei dem auch
ihrer unehelichen Kinder insgesamt auf sieben
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erhöht. Auch wenn es damals noch kein Wikipedia gab, hätte sich Stone durch die reichlich vorhandene Literatur über den Strauss-Clan davon überzeugen können, dass keines der Kinder Karl hieß und in kriminelle Machenschaften verwickelt war. So aber spinnt er eine Geschichte zusammen um den Sohn aus einer früheren Verbindung, den Jette Johann beharrlich verschweigt, während der hochverschuldete Hallodri seine Mama erpresst, die hinter dem Rücken ihres Gatten hohe Summen abzweigt, um sein Schweigen zu erkaufen. Der dramaturgische Aufhänger für den zweiten Teil des Films ist einfach nur hanebüchen und fadenscheinig, weit mehr an die
an sich. Der überlange Film
Fakten hält sich der Auftakt, wo es um die Rivalität
klingt aus mit der Aneinan-
zwischen dem schon etablierten Vater Johann
derreihung von verschiede-
Strauss und seinem aufstrebenden Sohn geht, der
nen Szenen, in denen sich
von der verbitterten Mutter Anna nach allen Kräften
wohl die wiedergefundenene
unterstützt wird. Allein schon aus Rache gegenüber
Harmonie des Paares
dem notorischen untreuen Ehemann. Da es gibt ein
spiegeln soll, einige hat man
paar bemerkenswerte Szenen: Der alte Johann
schon vorher gesehen und
Strauss, der selbst eifersüchtig über seine junge
andere sind wohl zunächst
Geliebte Emilie Trampusch wacht, läßt seine Tanzka-
unter den Schneidetisch
pelle in schneller Folge ein paar gängige Tänze der
gefallen und wurden später
Zeit durchexerzieren, mit dem Ziel Emilie und einer
doch noch drangeklebt. Das
ihrer Verehrer möglich weit auf Distanz zu halten,
sieht alles ein wenig nach
was aber nicht klappt, und einmal verfolgt der junge
Resteverwertung aus und
Johann mit seiner Mitmusikern einen widerspensti-
spiegelt wohl auch die Ratlosigkeit von Andrew L.
gen Konzertveranstalter und musiziert in rasender
Stone wieder, der danach keinen Film mehr drehte.
Kutschenfahrt durch Wiens enge Gassen, was das Zeug hält, um ihn von der Qualität seiner Musik zu
Autor: Dr. Peter Kohl
überzeugen. Der damals 38jährige Horst Buchholz, dessen internationale Karriere auf dem absteigenden Ast war, macht als junger Johann keine ganz glückliche Figur. Auch mag man ihm, wenn man ihn Geige spielen sieht, nicht recht abnehmen, dass er
Filminfo:
sich in der Vorbereitung auf den Film eingehend mit
Originaltitel: The Great Waltz / USA 1972
dem Instrument beschäftigt hat. Dass er auf der
Aufgenommen in Panavision® Anamorphic (1:2.35) (35mm
Tonspur von einem Geigenvirtuosen gedoubelt wird,
Negativfilm)
versteht sich von selbst. Immer wieder befremdlich
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Stereo Magnetton
ist das Nebeneinander von historischer Belehrung
Deutsche Fassung / 135 Minuten / Erstaufführungskopie
durch einen Erzähler, zwischendurch aufscheinender
Roadshow-Präsentation mit Pause
Faktentreue (auch nach Ansicht der Historiker war es
Welturaufführung: 01.11.1972
Jette, die ihren Mann gedrängt hat mit „Der Fleder-
Deutsche Erstaufführung: 19.04.1973
maus“ ins Operettenfach einzusteigen), seifiger
Produktion: Andrew L. Stone
Romanze, relativ realitätsgetreuen Konzert- und
Regie: Andrew L. Stone
Tanzaufnahmen, wobei hierbei das Panavision-For-
Buch: Andrew L. Stone
mat zur vollen Geltung kommt, und Passagen, die
Kamera: David Boulton
im Stil eines Musicals wie „Oklahoma“ oder „The
Musik: Johann Strauß, Johann Strauß jr., Joseph Strauß,
Sound of Music“choreographiert und gefilmt
Jacques Offenbach
wurden. Wenn auf einmal die Gäste eines Weinkellers
Schnitt: Ernest Walker
das Trinklied „Six Drinks“ anstimmen und zwischen
Darsteller: Horst Buchholz (Johann Strauß jr.), Rossano
den Tischen und Bänken und Weinfässern zu tanzen
Brazzi (Baron Tedesco), Nigel Patrick (Johann Strauß jr.),
beginnen, dann hat das etwas unfreiwillig Komisches
Mary Costa (Jetty Treffs), Yvonne Mitchell (Anna Strauß)
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Goya „Als Hofmaler Karls IV. von Spanien ist Don Francis-
Romans „Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis“
co de Goya Lucientes zu Ansehen und Wohlstand
von Lion Feuchtwanger mit Marta Feuchtwanger, der
gekommen. Seine Gemälde zieren die Galerien der
Witwe des Autors, ab. Das Goya-Projekt erhält am
Schlösser. In leidenschaftlicher Liebe fühlt er sich zu
15.Dezember 1967 das Plazet durch das ZK der
der Herzogin Alba hingezogen, und gleichzeitig haßt
SED. Der „Goya“-Film sollte zusammen mit einer im
er die hochnäsige Aristokratin in ihr. Er glaubt an den
Anschluß geplanten Verfilmung des Romans „Henri
König und die Kirche, genießt seine Stellung bei
Quatre“ unter der Regie von Kurt Maetzig nach
Hofe. Doch er ist durch und durch Spanier und liebt
außen hin demonstrieren, dass die DDR die einzige
das Volk. Dieser Widerspruch bringt ihn auf den
Wahrerin der „großen humanistischen demokrati-
‚argen Weg der Erkenntnis‘. Sein Mitarbeiter und
schen Kultur- und Kunstleistungen der Vergangen-
Freund Esteve führt ihn zu den wahren Patrioten des
heit“ ist und dem angeblichen “Mißbrauch dieses
Landes. In einer Madrider Taverne begegnet er der
Erbes, der zunehmend auf dem kapitalistischen
Sängerin Maria Rosario, später muß er miterleben,
Filmmarkt festzustellen ist“, entgegenwirken. Das ZK
wie sie von der Inquisition verurteilt wird. Von dem
folgte damit der Initiative des DEFA-Chefdramaturgs
Lied, das Maria als Beweis ihrer Schuld vortragen
Klaus Wischnewski, der in Abstimmung mit Wolf das
muß, ist er tief erschüttert. Je weiter er in das Leben
auf Eis gelegte Vorhaben wieder flott machte unter
des Volkes eindringt, daraus Motive für seine Kunst
Hinweis auf die Erschließung bislang für die DEFA
schöpft, desto größer wird seine innere Pein ange-
unterschlossene Länder und Märkte, wodurch unter
sichts der Zustände im Land. Seine Kunst wird zum
anderem verhindert werden könnte, „daß wichtige
adäquaten Ausdruck der revolutionären Bewegung
Werke unseres literarischen Erbes … für Westmark
des Volkes. So gerät er selbst in die Fänge der
an schlechte westdeutsche Regisseure vergeben
Inquisition. Aber er schwört der Wahrheit seiner
werden“. Als nicht namentlich genannter Watschen-
Bilder nicht ab und wählt das Exil.“
mann mußte wohl Rolf Thiele herhalten, der gerade
So fasst der Filmhistoriker F. B. Habel die Handlung
zwei Thomas Mann-Verfilmungen („Tonio Kröger“ ,
des Filmepos „Goya“(1971) von Konrad Wolf in
„Wälsungenblut“) vorgelegt hatte, über deren Qualität
seinem „Großen Lexikon der DEFA-Spielfilme“
sich sehr wohl streiten läßt. Im Vorfeld hatte es
zusammen, zitiert danach ein paar wohlmeinende
Kontakte mit allen möglichen westlichen Partnern in
Kritiken und geht mit ein paar Sätzen auf die lange
Paris, München, Hamburg und Madrid gegeben, die
Entwicklungsgeschichte des Films ein, die bei
folgenlos blieben, weiter gediehen die Verhandlungen
näherem Hinsehen fast interessanter ist das fertige
mit der Firma CCC des West-Berliner Filmmoguls
Werk. Die ganze Vorgeschichte erzählen Wolfgang
Artur „Atze“ Brauner. Dessen Garantieforderungen
Jacobsen und Rolf Aurich in ihrer Konrad Wolf-Bio-
und Verleihansprüche sollten mit Dienstleistungen,
graphie „Der Sonnensucher“ . 1963 schloß die
also Studiokapazitäten in Babelsberg, kompensiert
DEFA, die staatliche Filmproduktionsgesellschaft der
werden. Als sich aber herausstellte, dass Brauner
DDR, einen Vertrag über die Verfilmungsrechte des
plante, einen „Nibelungen“-Film zu drehen, was er ja
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dann auch tat, zog der Leiter der Hauptverwaltung (HV) Film seine Genehmigung zurück. Befürchtet wurde ein eventueller Mißbrauch des „Nibelungen“Films von „revanchistischen“ Kräften in Westdeutschland, dem die DEFA natürlich keinen Vorschub leisten wollte. Danach lief alles darauf hinaus, dass der Film nur mit Schauspielern aus der DDR und den sozialistischen Bruderländern sowie mit geringeren Schauwerten zu realisieren war. Unverdrossen modelte Angel Wagenstein, der bulgarische Romancier und Drehbuchautor.(Jahrgang 1922 und immer noch lebend) , der der deutschen Sprache durchaus mächtig war, den Feuchtwanger-Roman zu einem Drehbuch um. Der SED-Funktionär und ehemalige Leiter der HV Film Anton Ackermann, der als Projektgutachter hinzugegezogen wurde, bescheinigte dem Skript seine propagandistische Nutzbarkeit, Goya erscheint ihm als „ein Künstler, dem seine Kunst politische Waffe ist, auch wenn er das selbst gar nicht weiß.“ Dass Konrad Wolf, der ja Bruder des allmächtigen Geheimdienstchefs Markus Wolf und nebenbei auch noch Präsident der Akademie der Künste der DDR war, mit der Darstellung des Ringens eines Künstlers um seine künstlerische Freiheit keinen Anstoß erregte in den Ländern hinter den Eisernem Vorhang verrät allein schon die Auszeichnung mit mehreren National- und Kunstpreisen der DDR und mit dem Spezialpreis der Jury bei den Moskauer Filmfestspielen. Weniger groß war die Begeisterung bei der westlichen Filmkritik. Der Film, der in Leningrad, Dubrovnik, Jalta, Serbien und Bulgarien gedreht wurde, hat ein paar eindrucksvolle Szenen und Bildfolgen, die von Goyas berühmten Illustrationen, die „Caprichos“ und die „Desastres de Schwerfälligkeiten. Streiten kann man sich auch über
Filminfo:
die zurückhaltende Darstellung der Titelfigur durch
Originaltitel: Goya / DDR/UdSSR 1969/70
den Litauer Donatas Banionis, der ein Jahr später als
Aufgenommen in DEFA 70® (1:2.2) (70mm Negativfilm)
Kris Kelvin in Tarkowskis ungewöhnlichen Science
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Stereo Magnetton
Fiction-Film „Solaris“ eine überzeugendere Figur
Deutsche Originalfassung / 136 Min. / Erstaufführungskopie von 1971
machte. Konrad Wolf selbst, war wie Jacobsen und
Roadshow-Präsentation mit Pause
Aurich feststellen, enttäuscht über die lauen Reaktio-
Welturaufführung: Juli 1971 (Moskau)
nen auf seinen Film: „Weder in DDR selbst, ge-
Deutsche Erstaufführung: 16.09.1971 (DDR) / 14.09.1973 (BRD)
schweige denn im westlichen Ausland erreicht der
Regie: Konrad Wolf
Film das Publikum, erst recht nicht die ´revolutionäre‘
Buch: Angel Wagenstein, Konrad Wolf
Wirkung, die man ihm zugetraut, besser: zugemutet
Buchvorlage: Lion Feuchtwanger (Roman „Goya oder Der arge
hatte.“
Weg der Erkenntnis“)
la guerra“ zitieren, aber auch einige Längen und
Autor: Dr. Peter Kohl
Kamera: Werner Bergmann, Konstantin Ryshow Musik: Kara Karajew, Faradsh Karajew, Paco Ibáñez Schnitt: Alexandra Borowskaja Darsteller: Donatas Banionis (Goya), Fred Düren (Esteve), Olivera Katarina (Herzogin Alba), Tatjana Lolowa (Königin Maria Luisa), Rolf Hoppe (Karl IV.), Mieczyslaw Voit (Großinquisitor)
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Khartoum Kein Darsteller in der Filmgeschichte war wohl derart
dem Tod von Gordon starb auch der Mahdi. Die
spezialisiert auf überlebensgroße Rollen wie Charlton
Todesursache bleibt geheimnisvoll. Gordon wurde in
Heston (1923-2008). Mit seinen athletisch durchgebil-
seinem geliebten Sudan zur Ruhe gebettet. Wir
deten, 1,90 großen Körper und seinen wie gemeißelt
wissen nicht, wie lange sein Andenken lebendig
wirkenden Gesichtszügen verkörperte er biblische
bleiben wird. Aber eines wissen wir: Eine Welt, in der
Gestalten wie Moses in den „Zehn Geboten“(1956)
kein Platz ist für Menschen wie Gordon, ist eine Welt,
und Johannes den Täufer in „Die größte Geschichte
die wieder in Staub versinken wird.“ Es waren sicher
aller Zeiten“(1965) , einen fiktiven israelistischen
nicht diese vor falschem Pathos triefenden Schlußzei-
Fürsten, der irgendwie auch in die Geschichte des
len, die Drehbuchautor Robert Ardrey zu einer
Messias verwickelt ist, in „Ben Hur“ (1959) , einen
Oscar-Nominierung verholfen haben, übrigens der
der größten Künstler aller Zeiten in „Michelangelo –
einzigen, die für das britische Monumentalepos unter
Inferno und Ektase“(1965) und den spanischen
der Regie von Basil Dearden heraussprang. Bis dahin
Nationalhelden in „El Cid“(1961). Aber keine seiner
bemüht sich der Film, der ganz offenkundig auf der
Figuren stand derart auf verlorenem Posten wie
Erfolgswelle von „Lawrence von Arabien“ zu schwim-
General Charles George Gordon in „Khartoum“(1966).
men versucht, ganz redlich, wenn auch mit einigen
Führt der Cid die christlichen Streiter noch aufrecht
unvermeidlichen Freiheiten gegenüber den histori-
als Leichnam auf dem Pferd sitzend zum Sieg über
schen Tatsachen, das Dilemma der Kolonialmacht
die maurischen Truppen, so ist Pascha Gordon am
Großbritannien im Sudan-Konflikt darzustellen, auch
Ende des Kampfes gegen die muslimischen Heer-
wenn einige Kritiker bemängelten, dass die durchaus
scharen zwar ebenfalls tot, aber alles andere als
verständliche Zurückhaltung von Premierminister
siegreich. Dass der Kopf Gordons auch noch auf
Gladstone (Ralph Richardson) hinsichtlich eines
einer Stange aufgespießt wird, mag zwar Assoziatio-
Engagements britischen Truppen im Sudan-Konflikt
nen an das Schicksal von Johannes den Täufer
nicht gegnügend herausgearbeitet werde. So
wecken, aber der starb zumindest in der Gewißheit
erscheint General Charles George Gordon, der
einem größeren Heilsbringer, nämlich Jesus, den Weg
gewissermaßen in aller Stille nach Khartoum kom-
bereitet zu haben. Aber was ist eigentlich die Moral
mandiert wird, als Opfer einer politischen Ränke-
von der Geschicht´ bei „Khartoum“? Für welches heh-
spiels. Gordon soll für die Evakuierung der Ägypter
re Ziel soll Gordon denn nun eigentlich gestorben
sorgen, die bislang die Herren im Sudan waren, nun
sein? . Die Ratlosigkeit des Zuschauers versucht der
aber durch die Heerscharen des Mahdi Muhammad
Film mit einem Kommentar aus dem Off aufzufangen,
Ahmad in schwere Bedrängnis geraten sind. Der
der allerdings mehr Fragen aufwirft als er Antworten
Mahdi, der Name bedeutet „der von Gott gesandte“,
gibt: „Die Armee kam zwei Tage zu spät. Zwei Tage.
hat im Namen Allahs und seines Propheten Moham-
Und 15 Jahre mußten die Sudanesen den Preis dafür
med bereits eine 10 000 Mann starke Armee unter
bezahlen. Mit Hunger und Elend. Die Engländer mit
britscher Führung geschlagen und schickt sich nun
der Schande und vielen Kriegen. Wenige Tage nach
an Khartoum zu erobern und die in seinen Augen
70mm Filmfestival 2013 09
ungläubigen Ägypter, die es mit dem Islam nicht genau nehmen, zu vernichten – und natürlich auch die Briten. Das sagt der Mahdi Gordon ganz unverblümt ins Gesicht, als der ihn in seinem Lager aufsucht, um die Übergabe Khartoums und die Evakuierung der Ägypter auszuhandeln. Ausgerechnet der englische Schauspielheros Laurence Olivier gab diesen fanatischen Gotteskrieger - unter besonderen Umständen, wie sie Donald Spoto in seiner Olivier-Biografie schildert. Da Oliviers Frau Joan Plowright gerade eine schwere Schwangerschaft durchlitt, wollte Olivier seine Szenen nicht wie vorgesehen quasi an den Originalschauplätzen im Nahen Osten drehen. „Darum nutzte der Regisseur die Errungenschaften der modernen Kameratechnik und filmte Oliviers Szenen in Pinewood. Olivier verwendete noch einmal seine mühsam aufzutragende dunkle Othello-Maske, vergrößerte die Form der Augenlider und der Nase und nahm einen sorgfältig einstudierten sudanesischen Akzent an. Olivier zeichnete mit seinem Moslem das Bild eines furchterregenden, ungefilterten Fanatismus“. Das Urteil von Spoto mochten nicht alle teilen: Oliviers Darstellung wirkt gerade im Vergleich zu Hestons eher zurückhaltender, aber effektiver Mimik übertrieben theatralisch. Der Hollywoodmime dagegen überzeugt als Soldat, der sich unbedingt seinem militärischen Ehrenkodex und den Menschen, die er zu beschützen hat, verpflichtet fühlt – bis zum bitteren Ende. Wenn man sich heute noch an General Gordon, der in Wirklichkeit ein ziemlich kleiner Mann war, erinnert, dann eben in der imposanten Gestalt von Charlton Heston. Der Film, der in Ultra Panavision aufgenommen wurde, bietet daneben noch grandiose Kampf- und Massenszenen, imponierende Wüstenpanoramen,
Filminfo:
einen hörenswerten Score von Frank Cordell und
Originaltitel: Khartoum / USA / Großbritannien 1965
einige kluge Dialogsätze. Aber im Vergleich mit
Aufgenommen in Ultra Panavision® 70 (1:2.76) (65mm
„Lawrence von Arabien“ stand er wie sein Held auf
Negativfilm)
verlorenem Posten, zumindest beim Rennen um die
Präsentiert in 70mm (1:2.76) / 6-Kanal DTS Digitalton
Publikumsgunst.
Roadshow-Präsentation mit Pause Autor: Dr. Peter Kohl
Englische Originalfassung / 134 Min. / Neue Kopie Welturaufführung: 09.06.1966 (London) Deutsche Erstaufführung: 22.09.1966 Produktion: Julian Blaustein Regie: Basil Dearden Buch: Robert Ardrey Kamera: Edward Scaife, Harry Waxman Musik: Frank Cordell Schnitt: Fergus McDonell Darsteller: Charlton Heston (General Charles Gordon), Laurence Olivier (Mahdi), Richard Johnson (Colonel J.D.H. Stewart), Ralph Richardson (Pemierminister Gladstone), Alexander Knox (Sir Evelyn Baring)
70mm Filmfestival 2013 10
Eine Braut für sieben Brüder Es ist eine alte Geschichte – und wie bei vielen alten
Kurzgeschichte und verpflanzte die Handlung in einen
Geschichten ist es nicht ganz sicher, dass sie sich
offenbar noch recht wilden Westen. Zehn Jahre nach
auch tatsächlich so zugetragen hat. Sagen wir mal:
Benets frühen Tod diente seine Geschichte als
Im Falle des Raubes der Sabinerinnen ist es eher
Vorlage für das MGM-Filmmusical „Seven Brides for
unwahrscheinlich. Nach der Gründungsmythologie
Seven Brothers“ , das im deutschen Sprachraum
der Stadt Rom kam Romulus auf die Idee dem akuten
komischerweise den Titel „Eine Braut für sieben
Frauenmangel in seiner jungen Stadt mit List und
Brüder“ verpasst bekam. Unter der Regie von Stanley
Gewalt abzuhelfen. Die Bewohner umliegender
Donen vereinigte diese musikalische Filmkomödie
Siedlungen wurden zu einem friedlichen Kampfspiel
rustikale Komik mit absoluter Künstlichkeit der
eingeladen, die arglosen Nachbarn kamen mit ihrem
Kulissen und Dekors, die zugleich ländliche Abge-
familiären Anhang und erlebten ihr blaues Wunder.
schiedenheit und Hinterwäldlertum vorgaukelten.
Die schwerbewaffneten Römer fielen über sie her und
Adam (Howard Keel), der erste von sieben Brüdern,
schnappten sich ihre unverheirateten Töchter,
deren Vornamen in alphabetischer Reihenfolge der
darunter vor allem die Jungfrauen der Sabiner. Die
Bibel entnommen sind, Benjamin, Caleb, Daniel,
waren selbstverständlich sauer und sannen auf
Ephraim, Franziskus und Gideon, lacht sich bei einem
Rache, die sie dann allerdings erst mit einiger
Ausflug ins Tal die schöne Milly (Jane Powell) an, die
zeitlicher Verzögerung ins Werk zu setzen versucht.
ihn auch prompt heiratet. Als er sie mit auf seine
Sie kamen zurück in kriegerischer Absicht, doch die
Hütte in den Bergen nimmt, stellt sie überrascht fest,
Sabinerinnen, die sich offenbar in ihre Rolle als
dass sich Adam in Gesellschaft von sechs Brüdern
Römerinnen eingelebt hatten, stellten sich schützend
befindet, allesamt kräftig gebaut, rothaarig, unbe-
vor ihre Männer und die mittlerweile mit ihnen
weibt und relativ unzivilisiert. Milly geht daran den
gezeugten Kinder. Die Römer und die Sabiner
unbehobelten Gesellen Manieren beizubringen und
verbrüderten sich und gingen gemeinsam daran, Rom
auch die Anfangsgründe des Tanzens. Das Erlernte
noch größer und mächtiger zu machen. Die Ge-
können sie bei einem Richtfest im Dorf anwenden
schichte inspirierte das österreichische Brüderpaar
und tatsächlich gelingt es den sechs unbeweibten
Franz und Paul von Schönthan, die die Sache
Brüdern sechs holde Frauen zu becircen. Doch da die
offenbar nicht ganz ernst nahmen, zur Komödie „Der
schon Verehrer haben, die die Sache mit wachsen-
Raub der Sabinerinnen“(1879), einen Bühnenklassiker
dem Argwohn betrachten, artet das Richtfest bald in
der leichten Muse, der auch noch von Robert A.
eine handfeste Schlägerei aus. Die Brüder werden
Stemmle (1936) und Kurt Hoffmann (1954) in die
aus dem Dorf geworfen. Sie ziehen sich in die Berge
Kinos gebracht wurde, der amerikanische Schriftstel-
zurück. Doch als der Winter kommt, ist die Sehnsucht
ler Stephen Vincent Benet machte daraus eine
nach den Frauen immer noch da. Die Geschichte vom
70mm Filmfestival 2013 11
Raub der Sabinerinnen bringt sie auf die Idee, es den Römern nachzumachen. Sie entführen die Damen ihres Herzens. Das ist noch das Ende der Geschichte, bei der natürlich nach weiteren Verwicklungen jeder Topf seinen Deckel findet. In nur 48 Tagen wurde der Film abgedreht, der von MGM als B-Picture konzipiert war. Umso überraschender war der Erfolg beim Publikum und bei der Kritik, fünf Oscar-Nominierungen gab es und einen Oscar für die beste Filmmusik für Saul Chaplin und Adolph Deutsch. Seltsamer wurden die schmissigen Songs von Gene de Paul und Johny Mercer nicht einmal mit einer Nominierung hatten auch die unkonventionellen Choreographien
Filminfo:
von Michael Kidd, der eine Scheune in eine veritable
Originaltitel: Seven Brides For Seven Brothers / USA 1954
Tanzbühne verwandelte, auf der auch die drei
Aufgenommen in CinemaScope® (1:2.55) (35mm Negativfilm)
Nichttänzer unter den Brüder-Darstellern, darunter
und Breitwand (1:1.77) (35mm Negativfilm)
auch der gelernte Turner Russ Tamblyn, eine glänzen-
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Stereo Magnetton
de Figur machten. In der „MGM Story“(1979)
Deutsche Fassung / 104 Minuten / Erstaufführungskopie
konstatiert John Douglas Eames dem quietschfidelen
Roadshow-Präsentation mit Pause
Breitwand-Spaß frischen Wind und Vitalität ins
Welturaufführung: 22.07.1954
erschlaffte Filmmusical-Genre gebracht zu haben,
Deutsche Erstaufführung: 26.08.1955 (35mm) / 1968 (70mm)
das nicht zuletzt dank Stanley Donen in den 50er-
Produktion: Jack Cummings
Jahren eine glänzende Renaissance erleben sollte.
Regie: Stanley Donen
bedacht. Einen großen Anteil am Erfolg des Films
Autor: Dr. Peter Kohl
Buch: Albert Hackett, Frances Goodrich, Dorothy Kingsley Buchvorlage: Stephen Vincent Benet (Erzählung “The Sobbin’ Women”) Kamera: George J. Folsey jr. Musik: Gene De Paul Schnitt: Ralph E. Winters Darsteller: Howard Keel (Adam), Jeff Richards (Benjamin), Russ Tamblyn (Gideon), Tommy Rall (Frank), Marc Platt (Daniel), Matt Mattox (Caleb), Jacques d’Amboise (Ephraim), Jane Powell (Milly), Julie Newmeyer (Dorcas), Nancy Kilgas (Alice), Betty Carr (Sarah), Virginia Gibson (Liza), Ruta Kilmonis (Ruth), Norma Dogget (Martha), Ian Wolfe (Pfarrer Elcott), Howard Petrie (Pete Perkins)
Auszeichnungen: Oscar® 1955 Beste Musik: Musical: Saul Chaplin, Adolph Deutsch
70mm Filmfestival 2013 12
Du bist min Der Dokumentarfilm in der Deutschen Demokrati-
tag der DDR, der 7. Oktober 1949, als „Der glück-
schen Republik diente in seinen Anfängen vor allem
lichste Tag der deutschen Geschichte“ bezeichnet
der Selbstvergewisserung und Legimitation des
und zugleich untermalt von der Musik aus Wagners
ersten sozialistischen Staates auf deutschen Boden.
„Meistersingern“ suggeriert, dass die DDR-Regierung
Entsprechend propagandistisch und schematisch
im Grunde für alle Deutschen spreche. Dass sich
gerieten dann auch diese Filme , sie stellten die
Westdeutschland noch in den Klauen der alten
vermeintlichen Vorzüge des neuen Systems heraus,
Mächte aus Militär und Großindustrie befände,
priesen die Errungenschaften der Sowjetunion und
suggerierte das groß angelegte Epos „Du und
stellten die Bundesrepublik Deutschland als Hort des
mancher Kamerad“(1954-1956), bei dem er erstmals
Faschismus dar. Die Filme von Annelie (1925-2012)
mit seiner Frau Annelie, die er 1952 geheiratet hatte,
und Andrew Thorndike (1909-1979) bebildern das
zusammenarbeitete. 50 Jahre deutscher Geschichte
Geschichtsverständnis des Kommunismus sowjetrus-
ließen sie dabei Revue passieren, wobei sie bei der
sischer Prägung, der mit der SED in der DDR an die
Darstellung von Reden des Kaisers oder der Abstim-
Macht gekommen, dabei griffen sie ganz überwie-
mung über die Kriegskredite 1914 zum Mittel der
gend auf vorgefundenes Material zurück, dass sie
filmischen Nachstellung griffen, das mittlerweile als
dann entsprechend montierten und kommentierten,
reenactement im historischen Dokumentationen gang
wobei Andrew Thorndike auch auf selbstgefilmtes
und gäbe ist. Ein weit größerer Sündenfall ist aber,
Material zurückgreifen konnte, seit 1949 arbeitete er
dass sie den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt
für die Wochenschau der DEFA. Thorndike, der Sohn
1939 ebenso auslassen wie das Wirken Stalins,
eines mächtigen Mannes im Konzern des national-
nachdem man sich kurz zuvor noch eifrig am Perso-
konservatischen Zeitungszaren Alfred Hugenberg,
nenkult um den sowjetrussischen Diktator beteiligt
hatte bereits in jungen Jahren als Werbe- und
hatte. „Der Publikumserfolg dieses Werkes war
Kulturfilmer für die UFA gearbeitet, ehe er zur
außergewöhnlich und übertraf bei weitem den eines
Wehrmacht eingezogen wurde. In sowjetischer
guten Spielfilms. Es wurde in über 50 Ländern der
Gefangenschaft wurde er Mitglied des Nationalkomi-
Erde gezeigt, nur in Westdeutschland war seine
tees „Freies Deutschland“, einer von der Sowjetunion
öffentliche Aufführung verboten“, schreibt der
gelenkten Kaderschmiede für viele Intellektuelle, die
DDR-Filmhistoriker Horst Knietzsch in „Film – gestern
später in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)
und heute“(1967). Auch die folgenden Thorndike-
und der daraus entstehenden DDR das geistige
Filme wurden dem Publikum in der Bundesrepublik
Klima prägten. In seinem ersten Film „Der Weg nach
vorenthalten. Ob es sich überhaupt dafür interessiert
oben“(1950), den Thorndike noch ohne seine spätere
hätte, steht auf einem anderen Blatt. In den Kurzfil-
Dauerpartnerin Annelie drehte, wird der Gründungs-
men „Urlaub auf Sylt“ (1957) und „Unternehmen
70mm Filmfestival 2013 13
Teutonenschwert“(1958) stellten die Thorndikes am Beispiel des ehemaligen SS-Führers Reinefarth, der Bürgermeister auf Sylt geworden war, beziehungsweise des Hitler-Generals Speidel, der nun für die NATO arbeitete, das Fortwirken faschistischer und revanchistischer Kräfte in der BRD dar und malten das Schreckensbild eines kommenden Krieges an die Wand. Wilhelm Roth, dessen Artikel über den DEFA-Dokumentarfilm im Band „Film in der DDR“(1977) der verdienstvollen Reihe Film des Hanser-Verlags die meisten Informationen entnommen sind, überzeugte die personifizierte Geschichtsdarstellung nicht: „Beide Filme spannen Netze aus Indizien und Analogien, aber die unwiderlegbare Konkretion bei beiden Personen gelingt ihnen nicht.“ Dagegen lobt er an dem zweiteiligen Geschichtepos „Das russische Wunder“(1959-1963), eine verklärende Bilanz von sechzig Jahren russischer Geschichte, den „geradezu sinfonischen Aufbau“. Es sei „kein dokumentarischer, sondern ein synthetischer Film, der in essayistischer Form eine Autorenmeinung ausdrückt, für deren Formulierung er allerdings
Usedom lebte, kurz vor ihrem Tod interviewte, in
dokumentarisches Material benützt.“ Das trifft wohl
seinem Artikel „Looking for DEFA 70“ (www.in70mm.
auch für den Thorndike-Film „Du bist min“(1968/69)
com) . Wie sehr Annelie Thorndike an ihrem Lieblings-
zu, dessen plattdeutsch anmutender Titel die
projekt hing, zeigte sich daran, dass sie sich hartnä-
Handschrift der in Pommern gebürtigen Annelie
ckig widersetzte, als „Du bist min“ auf der Berlinale in
Thorndike trägt. „Ein deutsches Tagebuch“ lautet der
einer 35mm-Version gezeigt werden sollte. Für sie
Untertitel des Films, der ursprünglich wohl ein
kam nur eine Aufführung in 70mm in Frage, in dem
Hommage an das ganze Deutschland sein sollte,
Format, dessen Einsatz bei der DEFA einst Andrew
zumindest an seine landschaftlichen Schönheiten und
Thorndike mit seiner Überzeugungskraft und seinen
seine kulturellen Schätze. Bereits im Sommer 1966
guten Verbindungen zur Staatsführung vorangetrie-
als das Projekt noch den Arbeitstitel „Wundervolles
ben hatte. „Du bist min“ ist die schillerndste und auch
Deutschland“ trug, drehte der westdeutsche Kamera-
publikumsscheueste Hervorbringung dieses kaum
mann Gerhard Fromm im Auftrag der Thorndikes in
bekannten Kapitels der DEFA-Filmgeschichte. Autor: Dr. Peter Kohl
Hameln, im Weser Bergland, in Hamburg und in Helgoland, dazu machte er noch Luftaufnahmen vom Eingang in den fertigen Film gefunden-Die Vermutung
Filminfo:
von Fromm, dass diese Tatsache einem Politikwech-
Originaltitel: Du bist min / DDR 1969
sel geschuldet ist, liegt auf der Hand. Offenbar war
Aufgenommen in DEFA 70® (1:2.20) (70mm Negativfilm)
die gesamtdeutsche Perspektive für die DDR, die
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Stereo Magnetton
nach internationaler Anerkennung als eigenständiger
Deutsche Originalfassung / 111 Minuten / Erstaufführungskopie
Staat strebte, obsolet geworden. Die ursprünglich
Welturaufführung: 05.09.1969
beabsichtigen Titel „Germania und ihre Kinder“ bzw.
Deutsche Erstaufführung: 05.09.1969
„Die Deutschen“ wurden nicht genehmigt. Auch der
Produktion: Horst Hartwig, Heinz-Joachim Lange, Alfred Grosser
fertige Film, der mit beträchtlichen Aufwand in 70mm
Regie: Annelie Thorndike (künstler. Oberleitung), Andrew Thorndike
gedreht wurde, fiel offenbar in Ungnade. Obwohl er
(künstler. Oberleitung), Michael Englberger, Hans-Joachim Funk,
bereits im Sommer 1968 fertiggestellt war, wurde er
Manfred Krause
nach mehreren Kürzungen und Veränderungen erst
Buch: Annelie Thorndike
ein Jahr später unter dem Titel „Du bist min – Ein
Kamera: Ernst Oeltze, Hermann Ihde, Christian Lehmann, Siegfried
deutsches Tagebuch“ gezeigt. So berichtet es der
Mogel, Siegfried Oschatz, Günter Ost, Alexander Westlin
Filmvorführer Ingolf Vonau, der Annelie Thorndike, die
Musik: Hans-Dieter Hosalla
nach der Wende zurückgezogen auf der Insel
Schnitt: Christa Bramann
Rheintal. Nur ganz wenig von diesem Filmmaterial hat
70mm Filmfestival 2013 14
Im Rausch der Tiefe Der Franzose Jacques Mayol und der Italiener Enzo
quasi als der Prototyp der danach so in Mode
Maiorca waren Dauerrivalen im Kampf um die
kommenden Extremsportarten, daran änderte auch
Weltrekorde im Tauchen ohne Sauerstoffgerät,
der melancholische Unterton von Luc Bessons
mittlerweile auch bekannt als Apnoe-Tauchen, wobei
Filmerzählung nicht, die unverkennbar, wie schon die
Apnoe für Atemstillstand steht. Es ist der Atemstill-
Vornamen der Protagonisten verraten, an die wahre
stand, den die Taucher willentlich herbeiführen, um in
Geschichte der beiden Tauchheroen angelehnt ist,
Tiefe des Meeres abtauchen und auch wieder heil
sich allerdings gegenüber der Realität einige Freihei-
aufzutauchen zu können. Es ist, wie man sich leicht
ten herausnimmt. „Die Jungen Jacques und Enzo
vorstellen kann, ein lebensgefährliches Unterfangen,
wachsen auf derselben kleinen griechischen Insel auf.
bei dem nicht nur die Lunge, sondern der ganze
Beide interessieren sich für das Tauchen, doch
Körper einem ungeheuren Druck ausgesetzt ist.
während die Kinder im Dorf sich bei Enzo einschmei-
Immer mal wieder kommt es im exklusiven Kreis der
cheln, ist Jacques ein Außenseiter, dessen einziger
Apnoe-Taucher zu schweren, manchmal auch
Halt an Land sein Vater, ein Schwammtaucher ist. Als
tödlichen Unfällen. Dennoch oder gerade deswegen
dieser bei einem Tauchgang ums Leben kommt,
geht vom freien Tauchen eine ungeheure Faszination
bricht für Jacques eine Welt zusammen. Er verlässt
aus, im Zeitalter der technischen Hilfsmittel und
die Insel und erst nach Jahren kreuzen sich Jacques
Prothesen ist es eine besondere Herausforderung
und Enzos Wege wieder. Jacques hat seine außerge-
sich ungeschützt mit kaum mehr als seinem eigenen
wöhnlichen Tauchkünste in den Dienst der Wissen-
Körper dem übermächtigen Element zu stellen und
schaft gestellt. Enzo ist aktueller Rekordhalter im
die absolute Grenze des eigenen Leistungsvermö-
Apnoetauchen und möchte bei der nächsten Welt-
gens auszuloten. Mit seinem Spielfilm „Im Rausch der
meisterschaft in Taormina gegen seinen Jugend-
Tiefe“ (1988) hat der französische Filmemacher Luc
freund antreten. Jacques nimmt die Herausforderung
Besson unter anderem dafür gesorgt, dass Jacques
an und reist nach Italien, wo er unter anderm die
Mayol und Enzo Maiorca, die damals schon den Zenit
kecke Versicherungsagentin Johanna aus New York
ihrer Karriere überschritten hatten, junge Nachfolger
wiedertrifft, die er bei einem Tauchgang in Peru
gefunden haben, die Suggestivkraft, mit der Luc
kennengelernt hatte. Das Wetttauchen vor der Küste
Besson und sein Kameramann Carlo Varini, vor allem
Siziliens wird zu einem packenden Duell der beiden
in den Unterwassersequenzen den Rausch der Tiefe
Jugendfreude. Ein späterer Weltrekordversuch in
vermittelt haben, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Die
Griechenland endet tödlich für Enzo. Von diesem
Synthesizer-Musik von Eric Serra hat auch noch ihren
Schicksalsschlag traumatisiert, startet Jacques einen
Teil dazu beigetragen, dass die archaisch anmutende
nächtlichen Tauchgang und verschwindet in den
Sportart auf einmal ganz und gar modern erschien,
Tiefen des Meeres.“(wikipedia)
70mm Filmfestival 2013 15
Die Darsteller Jean-Marc Barr (Jaques) und Jean Reno (Enzo) gingen bei den Dreharbeiten an die Grenzen ihres körperlichen Leistungsvermögen, ein Double bei den Tauchszenen lehnten sie ab. Für den hünenhaften Jean Reno, der in Frankreich kein Unbekannter mehr war, markierte dieser Auftritt den Beginn einer späten (Reno war bereits 40), aber umso nachhaltigeren internationalen Karriere, die wesentlich von Luc Besson befördert wurde, der Reno auch noch in „Nikita“ (1990) und „Leon -Der Profi“ (1994) groß herausbrachte. Dem eigenwilligen Jean-Marc Barr war hingegen kein Starruhm beschieden. 1991 morbider Deutschland-Fantasie „Europa“, in der
Filminfo:
seine Figur ironischerweise den Tod durch Ertrinken
Originaltitel: Le Grand Bleu / F 1987
stirbt, danach folgten eher obskure Filmwerke, zum
Aufgenommen in CinemaScope® (1:2.35) (35mm
Teil unter eigener Regie. Während Jacques Mayol als
Negativfilm)
technischer Berater das Filmprojekt unterstützte, hielt
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Dolby Stereo
Enzo Maiorca auf Distanz. Er sorgte sogar dafür, dass
(A) Magnetton
der Film in Italien nicht aufgeführt wurde, weil Besson
Deutsche Fassung / 118 Minuten / Erstaufführungskopie
seine Mutter als fette Sizilianerin darstellte, in
Welturaufführung: 11.05.1988
Wirklichkeit war sie eine noble Signora aus Florenz
Deutsche Erstaufführung: 22.09.1988
(siehe www.spiegel.de/spiegel/print/d-25604156.
Produktion: Patrice Ledoux
html) . Auch passte ihm das todestrunkene Finale
Regie: Luc Besson
nicht, Enzo stirbt, Jaques folgt einem Delphin ins
Buch: Luc Besson, Robert Garland, Marilyn Goldin
ewige Blau. Ein solches Ende entsprach wohl eher
Kamera: Carlo Varini
dem Naturell von Jacques Mayol, der sich 2001 von
Musik: Eric Serra
Depressionen geplagt in seinem Haus auf Elba
Schnitt: Olivier Mauffroy
erhängte.
Darsteller: Rosanna Arquette (Johana Cross), Jean-
hat er noch einen großen Auftritt in Lars von Triers
Autor: Dr. Peter Kohl
Marc Barr (Jacques Mayol), Jean Reno (Enzo Molinari), Paul Shenar (Dr. Laurence), Jean Bouise (Onkel Louis)
70mm Filmfestival 2013 16
Spartacus „Spartakus, ein Thraker, Führer im dritten Sklaven-
Weltmacht Rom herausforderte, wiedergegeben.
krieg, entfloh 73 vor Christus mit 70 Genossen aus
Geschichte wird, wie man aus gutem Grunde sagt,
einer Gladiatorenschule in Capua. Mit vielen zugelau-
von den Siegern geschrieben und so sind nur wenige
fenen Sklaven besetzte er einen Teil Süditaliens und
Fakten über Leben und Wirken des Spartakus an die
drang mit 60 000 Mann das Land verheerend, nach
Nachwelt gekommen, aber das wenige hat ausge-
Oberitalien vor. Crassus drängte Spartakus nach
reicht aus ihm eine legendäre Gestalt im Kampf
Süditalien zurück, in der Entscheidungsschlacht in
gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu machen,
Lukanien 71 v. Chr wurde er geschlagen und im
wie zum Beispiel die Gründung des Spartakusbundes
Kampf getötet.“ So wird in einem schmucklosen
durch die Revolutionäre Karl Liebknecht und Rosa
Lexikon-Eintrag in dürren Worten das Leben und
Luxemburg im Jahr 1917 beweist. Fasziniert von der
Wirken des Sklaven, der die einzige damalige
historischen Figur war auch der amerikanische Schriftsteller Howard Melvin Fast (1914-2003) , der in seinem Roman „Spartacus“ den Sklavenführer ganz im Sinne von Karl Marx als Prototyp eines Kommunisten darstellt. Der überaus produktive Autor, der als Sohn jüdischer Einwanderer die Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft kennengelernt hatte, bekannte sich damals zum Kommunismus sowjetrussischer Prägung, was ihm eine Anhörung vor dem Mc-Carthy-Ausschuss, drei Monate Haft und einen Platz auf der Schwarzen Liste einbrachte. So mußte er, der sich bereits als Bestseller-Autor etabliert hatte, „Spartacus“ 1951 als sein eigener Verleger auf den Markt bringen. Noch härter traf es seinen Gesinnungsgenossen Dalton Trumbo (1905-1976): Der Romancier und Drehbuchautor verbrachte 11 Monate im Knast, weil er vor dem Ausschuss für antiamerikanische Umtriebe die Aussage verweigert hatte. Danach schrieb er seine Drehbücher unter Pseudonymen und war damit äußerst erfolgreich. Sowohl für „Roman Holiday“(1953) wie auch für „The Brave One“(1956) gab es einen Oscar für das beste Drehbuch bzw. die beste Story, die er nur leider, weil
70mm Filmfestival 2013 17
nehmen konnte. Aus dem Dunkel, in das ihn der
Filminfo:
antikommunistische Zeitgeist verbannt hatte, trat er
Originaltitel: Spartacus / USA 1959/60
wieder heraus mit seinem Skript für die Verfilmung
Aufgenommen in Super Technirama®70 (1:2.35)
des historischen Romans von Howard Fast. Den
(35mm Negativfilm, 8-Perf horizontal)
Befreiungsschlag möglich machte nach eigener
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Dolby Stereo (A) Magnetton
Darstellung der Hollywoodstar Kirk Douglas, der das
Englischsprachige Originalfassung / 197 Minuten / Rekonstruierte Fassung von 1991
Filmprojekt mitproduzierte, natürlich mit ihm in der
Roadshow-Präsentation mit Pause
Titelrolle. Die Schwarze Liste hatte ihren Schrecken
Welturaufführung: 06.10.1960
verloren. Die Arbeit am Skript war ein Wettlauf mit der
Deutsche Erstaufführung: 16.12.1960 / 1991 (Rekonstruierte Fassung)
Zeit, denn Douglas wußte, wie er in seiner Autobio-
Produktion: Edward Lewis
grafie schreibt, dass United Artists ein ähnliches
Regie: Stanley Kubrick
Projekt plante und bereits die Fühler nach möglichen
Buch: Dalton Trumbo
Hauptdarstellern ausstreckte. Douglas gelang es mit
Buchvorlage: Howard Fast (Roman)
Trumbos Drehbuch Laurence Olivier, Charles Laugh-
Kamera: Russell Metty, Clifford Stine
ton und Peter Ustinov zu ködern und die mögliche
Musik: Alex North
Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen. (Seine
Schnitt: Robert Lawrence, Robert Schulte, Fred A. Chulack
Vorstellung nach sollten die arroganten Römer von
Darsteller: Kirk Douglas (Spartacus), Laurence Olivier (Marcus L. Crassus),
Briten verkörpert werden und die Sklaven von
Jean Simmons (Varinia), Charles Laughton (Gracchus), Peter Ustinov
US-Amerikanern verkörpert werden). Nicht nach
(Lentulus Batiatus), Tony Curtis (Antonius), John Gavin (Julius Cäsar), Nina
Wunsch lief es für ihn mit der Besetzung des Regie-
Foch (Helena Glabrus), Herbert Lom (Tigranes), John Ireland (Crixus), John
stuhls. Der eigentliche Produzent Edward Lewis vom
Dall (Glabrus), Charles McGraw (Marcellus), Joanna Barnes (Claudia
Universal-Studio, dessen Anteil am Entstehen des
Marius), Woody Strode (Draba), John Hoyt (Caius)
er incognito bleiben mußte, nicht für sich entgegen-
Films und damit auch an Trumbos Comeback Douglas auch in seinem bislang letzten Buch mit dem
Auszeichnungen: Oscar 1961
bezeichnenden Titel „I Am Spartacus!“ beharrlich
Beste Ausstattung: Farbe: Russell A. Gausman, Alexander
verschweigt, war es wohl der Anthony Mann zu dem
Golitzen, Julia Heron, Eric Orbom
Job verhalf. Doch der vor allem als Westernregisseur bekannte Mann geriet schon nach einer Drehwoche
Beste Kamera: Farbe: Russell Metty
in Spanien mit dem Star Douglas aneinander und
Beste Kostüme: Farbe: Bill Thomas Valles
warf das Handtuch. Kirk Douglas selbst sorgte für
Bester Nebendarsteller: Peter Ustinov
schnellen Ersatz, indem er Stanley Kubrick, den er seit „Wege zum Ruhm“(1957) kannte und schätzte,
70mm Filmfestival 2013 18
Skript und der Romanvorlage der beiden Altlinken spricht dürfte ihm ebenso widerstrebt haben wie die etwas süßliche Liebesgeschichte zwischen Spartacus und Varinia (Jean Simmons), die mit den historischen Fakten rein gar nichts, aber dafür viel mit den Konventionen der Traumfabrik zu tun hat. Trotz aller Vorbehalte gelingen Kubrick viele eindrucksvolle Momente wie die eleganten Kranfahrten, mit denen das zwischen sportlichem Training und mörderischem Wettkampf changierende Geschehen in der Gladiatorenschule eingefangen wird oder die etwa siebenminütige Schlachtenszene, in der Kubrick das Super Technirama®70-Verfahren, das er später ebenfalls bespöttelte, nutzt, um nicht nur die Topographie der Schlacht, sondern auch die Verschiedenheit der beiden Kriegsparteien optisch herauszuarbeiten: Freie, als Individuen kenntliche Ex-Sklaven auf der einen Seite, eine seelenlose, durchstrukturierte Militärmaschinerie auf der anderen Seite (siehe „Stanley Kubrick“, Reihe Film Hanser Verlag). Berühmt-berüchtigt ist eine Szene, in der der bisexuelle Crassus (Laurence Olivier) in einem schlüpfrigen Dialog seinen Untergebenen Antonius (Tony Curtis) zu verführen versucht. Diese Szene wurde gleich nach der Uraufführung entfernt und erst in der 1991 erschienenen restaurierten Fassung wieder hinzugefügt. Es gäbe noch viele (Hintergrund)Geschichten zu erzählen und Details zu erläutern um diesem Film, in dem eben doch einiges mehr steckt als in den Breitwand-Epen, die noch folgen sollten, unter anderem „El Cid“ (1961) und „Der Untergang die Sache schmackhaft machte. Der war zwar vom
des römischen Reiches“ (1964), beide unter der
Skript nicht besonders angetan, brauchte aber
Regie von Anthony Mann, der dann doch noch zeigte,
nachdem die Zusammenarbeit mit Marlon Brando an
dass er – entgegen der Meinung von Kirk Douglas -
dessen Lieblingsobjekt „One Eyed Jacks“(das Brando
sehr wohl mit historischen Sujets, großem Budget
schließlich selbst als Regisseur realisierte) krachend
und umfangreicher Statisterie umgehen konnte. Aber
gescheitert war, wieder Boden unter den Füßen im
ganz gewiß wäre mit ihm als Regisseur „Spartacus“
Filmbusiness. Er hat im Nachhinein kaum ein gutes
kein besserer Film geworden.
Haar an dem Film gelassen, der doch im Endeffekt ein großer Erfolg wurde und ihm ermöglichte in den kommenden Jahren „echte“ Kubrick-Filme zu drehen. Die Fortschrittsgläubigkeit, die aus dem
Autor: Dr. Peter Kohl
70mm Filmfestival 2013 19
DP70: A Story of the Todd-AO Projector Written by: Thomas Hauerslev
The birth of the DP70 projector dates back to October 1952 and the development of the Todd-AO process. Michael Todd, not satisfied with technical limitations of Cinerama, formed a company with the purpose to develop a new wide screen process which was named Todd-AO. For Todd-AO a new projector was required. In September 1953 Magna Theatre Corporation approached Philips Cinema's Chief Designer Mr. Jan Jacob Kotte in Eindhoven, Holland, who built the new multi purpose projector, suitable for all 70mm and 35mm formats, in only nine months. It was a revolutionary projector and so versatile it could show any film format except horizontal double frame VistaVision. Jan Kotte worked day and night with his colleagues and even went as far as installing a home-office with a large drawing board, which was unheard of in 1953. All projector mechanisms were made in Holland in a series of one hundred at a time. Other projector parts like spool boxes were also made in the United States by American Optical Company. In the fall of 1954, the first prototypes were sent to the US, and they were installed in Todd-AO's test cinemas in Southbridge, Buffalo and in California. The first batch of machines, numbered 601 to 700, were sent to equip the first 40-50 cinemas for the North American premiere of 'Oklahoma!' in October 1955. Some of the first machines were even marked „Property of the Michael Todd Company, Inc“. Usually there were two machines in a projection room. A left and a right projector, but in some cases three and four machines were needed, like at the Rivoli, which had two projection rooms – upstairs and downstairs, each equipped with three machines. The DP70 was used for all Todd-AO presentations in the years to come, and by Oscar Night, in March 1963, there were 525 DP70 installations in 39 countries. Not only cinemas had the DP70. Studios like 20th Century-Fox, MGM, Warner Bros and Paramount Pictures in Hollywood had the DP70 in their main screening rooms. Film museums in Amsterdam, Oslo, Stockholm, Paris, Bradford, and Hollywood also have the DP70 installed for 70mm presentations.
70mm Filmfestival 2013 20
changed to „Universal 70/35“ and finally from 1963, it became the „Norelco AAII“. „AA“ was short for 'Academy Award' and 'II' meant 'Version 2' because of the many new changes and improvements. Jan Kotte nicknamed the projector the „Dollar Princess“ because he knew Philips made a considerable amount of money developing it for Magna Theatre Corporation. All through the 1960s and until recently, the DP70 was faithfully projecting movies in many prestige cinemas all over the world. It is not known precisely how many machines were made, but Kinoton estimates at least 1500. When 70mm cinemas started to close, many machines were scrapped and sold as old iron, and there were even stories about some Australian machines ending their life as boat anchors in Sydney Harbour. Many machines were transferred to other cinemas and some even went to private collectors. The DP70 was truly a remarkable 70mm projector, and on Monday April 8, 1963 Fred Pfeiff, technical
Today, when most cinemas have converted to digital
manager of Norelco, received a Class 2 Oscar plaque
presentations, there is less need for the DP70 – or
on behalf of the Philips company. Philips originally
any other film projector – and most of the machines
named the new machine the EL4000/01 in their
are now redundant, with notable exceptions such as
catalogue, but it quickly became the DP70. The „DP“
the Schauburg, and other 70mm venues. The DP70
is short for „Double Projector“ and the „70“ meant it
was the Rolls-Royce of 70mm projectors, an outstan-
was designed specifically as a 70mm projector. In the
ding machine, easy to work with, gentle to film and a
United States it simply became the „Todd-AO
beautiful piece of 1950s art, and probably the most
Projector, Catalogue # 3070“. Later the name was
successful part of the Todd-AO process.
70mm Filmfestival 2013 21
DP70: Die Geschichte des Todd-AO Projektors Die Entstehungsgeschichte des DP70-Projektors
Hollywood besitzen einen DP70-Projektor für 70mm-
beginnt im Oktober 1952 mit der Entwicklung des
Filmvorführungen.
Todd-AO-Verfahrens. Michael Todd ärgerte sich über die technischen Grenzen des Cinerama-Filmformats und
Der DP70 war ein wirklich außergewöhnlicher 70mm-
gründete ein eigenes Unternehmen, um ein neues
Projektor. Am Montag, dem 8. April 1963 nahm Fred
Breitwandformat zu entwickeln, das auf den Namen
Pfeiff, technischer Leiter von Norelco, den Oscar für
Todd-AO getauft wurde. Für dieses Verfahren benötigte
Wissenschaft und Entwicklung im Namen von Philips
man allerdings einen neuen Projektor. Im September
entgegen. Die ursprüngliche Bezeichnung des neuen
1953 nahm die Magna Theatre Corporation mit dem
Projektors im Katalog von Philips lautete EL4000/01,
Chefentwickelter von Philips Cinema, Herrn Jan Jacob
doch schon bald bürgerte sich der Name DP70 ein.
Kotte, in Eindhoven in den Niederlanden Kontakt auf. Er
„DP“ war die Abkürzung von „Double Projector“ und die
konstruierte in nur neun Monaten den neuen Mehr-
„70“ war auf die Entwicklung speziell als 70mm-Projek-
zweck-Projektor, der für sämtliche 70mm- und 35mm-
tor zurückzuführen. In den USA wurde er einfach zum
Filmformate geeignet war. Dieser Projektor war absolut
„Todd-AO-Projektor, Katalognummer 3070“. Später
revolutionär und so vielseitig, dass er alle Filmformate
wurde die Bezeichnung in „Universal 70/35“ und
außer Double Frame VistaVision projizieren konnte. Jan
schließlich im Jahr 1963 in „Norelco AAII“ geändert.
Kotte arbeitete mit seinen Kollegen Tag und Nacht daran
“AA” war die Abkürzung von „Academy Award“ und „II“
und richtete sich sogar zu Hause ein Arbeitszimmer mit
stand für 'Modell 2', da man zahlreiche Änderungen und
einem großen Zeichenbrett ein, was 1953 noch ein
Verbesserungen vorgenommen hatte. Jan Kotte gab
absolutes Unding war.
dem Projektor den Spitznamen „Dollar Princess“, weil er wusste, dass Philips an dessen Entwicklung für die
Die gesamte Mechanik für den Projektor wurde in
Magna Theatre Corporation gut verdient hat.
Holland in Serien von je einhundert Stück gefertigt. Die übrigen Bauteile wie etwa die Spulenkästen wurden von
In den gesamten 1960er Jahren und bis heute projiziert
der American Optical Company ebenfalls in den USA
der DP70 in vielen erstklassigen Kinos weltweit zuver-
hergestellt. Im Herbst 1954 wurden die ersten Prototy-
lässig Filme auf die Leinwand. Es ist allerdings nicht
pen in den USA ausgeliefert und in Todd-AO-Testkinos
genau bekannt, wie viele Projektoren gebaut wurden;
in Southbridge, Buffalo sowie in Kalifornien aufgestellt.
Kinoton schätzt die Anzahl auf mindestens 1.500 Stück.
Für die Nordamerika-Premiere von „Oklahoma!“ im
Als die ersten 70mm-Kinos geschlossen wurden,
Oktober 1955 wurden die ersten 40-50 Kinos mit den
wanderten viele von ihnen auf den Schrott und wurden
Projektoren der Seriennummer 601 bis 700 ausgerüstet.
als Alteisen verkauft. Es gibt sogar Gerüchte über einige
Einige der ersten Anlagen trugen sogar noch die
australische Projektoren, die im Hafen von Sydney als
Aufschrift „Eigentum der Michael Todd Company Inc.“.
Schiffsanker geendet sein sollen. Viele Anlagen wurden in andere Kinos verlegt und einige landeten sogar bei
Üblicherweise befanden sich in einem Vorführraum zwei
privaten Sammlern.
Projektoren, ein linker und ein rechter Projektor. Manchmal wurden jedoch auch drei oder vier Geräte benötigt,
Heute haben die meisten Kinos auf digitale Vorführver-
wie beispielsweise im Rivoli, das über eine obere und
fahren umgestellt und der DP70 wird - wie auch alle
eine untere Vorführkabine verfügte, die mit jeweils drei
anderen Filmprojektoren - nur noch selten benötigt. In
Projektoren ausgestattet wurden. In den darauffolgen-
den meisten Kinos haben sie nun ausgedient, es gibt
den Jahren wurde der DP70-Projektor für sämtliche
jedoch ein paar rühmliche Ausnahmen wie etwa die
Todd-AO-Vorführungen eingesetzt; bis zur Oskar-Verlei-
Schauburg oder andere 70mm-Kinos. Der DP70 war der
hung im März 1963 wurden insgesamt 525 DP70 in 39
Rolls-Royce unter den 70mm-Projektoren, ein hervorra-
Ländern aufgestellt. Aber nicht nur Kinos wurden mit
gendes Gerät, einfach in der Bedienung und schonend
dem DP70-Projektor ausgestattet. Auch Filmstudios wie
zur Filmrolle, ein echtes Kunstwerk der 1950er Jahre
20th Century-Fox, MGM, Warner Bros. und Paramount
und wahrscheinlich der erfolgreichste Teil des Todd-AO-
Pictures in Hollywood verfügten über einen DP70 in
Verfahrens.
ihren Hauptvorführräumen. Und sogar Filmmuseen in Amsterdam, Oslo, Stockholm, Paris, Bradford und
Autor: Thomas Hauerslev
70mm Filmfestival 2013 22
Orpheus in der Unterwelt „Orpheus, Musikprofessor zu Theben, ist glücklich,
der Filmversion zeigte sich die zeitgenössische
als seine untreue Frau Eurydike von Pluto in die
Filmkritik recht angetan, wie ein Artikel im „Eulenspie-
Unterwelt entführt wird. Kann er sich doch nun in aller
gel“ (13/1974) beweist: „Was Offenbach zum perfek-
Ruhe seinen eigenen Schäferstündchen hingeben.
ten Musikfilmmacher fehlte, fügten Bonnet und sein
Doch Jacques Offenbach persönlich zwingt ihn,
erstklassiges Team hinzu: herrliche Farben (…),
Euridyke von den Göttern zurückzufordern, da er
zeitbezogene, zum Teil kabarettistische Dialoge,
sonst auf seine Liebesgespielinnen verzichten muß.
sparsame Kostüme, prunkvolle Dekorationen und
Gemeinsam begeben sie sich zum Olymp, wo sie
moderne musikalische Arrangements. Es ist, als solle
eine desolate Göttergesellschaft vorfinden. Pluto, der
jahrelange Unfähigkeit beziehungsweise Abstinenz
zufällig erscheint, leugnet die Entführung und lädt alle
bei der Musikfilmproduktion mit einem Schlage
in die Unterwelt ein. Die versteckte und von Höllen-
vergessen gemacht werden. Waren wir je prüde?
hund Styx, einst Prinz von Arkadien, bewachte
Bonnets bombastische Busenschau beweist das
Eurydike langweilt sich. In Gestalt einer Fliege dringt
Gegenteil“, stellte die Filmkritikerin und Kabarettistin
Göttervater Jupiter zu ihr vor und befreit sie. Orpheus
Renate Holland-Moritz amüsiert fest. Der besondere
hat sie wieder, was ihm gar nicht recht ist. Zu seinem
Kunstgriff von Horst Bonnet besteht darin, Jacques
Glück Pluto auch nicht. Der kann Eurydikes Rückkehr
Offenbach persönlich aufzutreten zu lassen, er nimmt
im letzten Moment noch verhindern.“ Wie sich allein
die Rolle der „Öffentlichen Meinung“ ein. Mit Gerry
schon aus der Inhaltsangabe dieser Operetten-Adap-
Wolff (1920 – 2005) stand ihm dabei ein Mime zur
tation im „Großen Lexikon der DEFA-Spielfilme“
Verfügung, der auch der Sangeskunst mächtig war.
ersehen läßt, kommt dieser DEFA-Film ganz ohne
Wolff, einer der gefragtesten Nebendarsteller der
politische Untertöne aus. Nichts als vergnügliche
DEFA, hatte sich auch als Chanson-Interpret in der
Unterhaltung hatte der Regisseur Horst Bonnet
DDR einen Namen gemacht. Nach der Wende trat er
(1931-2006) bei der Filmversion der Operette im Sinn,
vor allem in populären Fernsehserien immer wieder in
die er schon zuvor mit großen Erfolg auf mehrere
Erscheinung, wenn auch nie in der Hauptrolle.
Theaterbühnen der DDR gebracht hatte. Auch von
Nahezu bruchlos konnte der Charakterdarsteller Rolf
70mm Filmfestival 2013 23
Hoppe nach der Wende seine Karriere fortsetzen, Singen gehört allerdings nicht in sein Repertoire. So mußte er sich als Jupiter die Gesangstimme des Opernsängers Siegfried Vogel leihen. Die Koloratursopranistin Ingrid Czerny vom Ensemble der Komischen Oper Berlin lieh ihre Stimme der EurydikeDarstellerin Dorit Gäbler, Orpheus-Darsteller Wolfgang Greese wird gesanglich vom Tenor Horst Hiestermann gedoubelt. Filmisch ist Regisseur Horst Bonnet nach seinem zweiten Kinofilm nicht mehr in Erscheinung getreten, er war eben mehr ein Mann der Bühne als des Filmstudios, auch sein Filmdebüt, der Kurzfilm „Salon Pitzelberger“(1964) war bezeichnenderweise die Adaptation eines Einakters von Jacques Offenbach. Zwischen seinen beiden Beiträgen zur DEFA-Filmgeschichte war Horst Bonnet 11 Monate in Haft, weil er aus seiner Sympathie für den Prager Frühling und seinem Unmut über dessen brutale Niederschlagung keinen Hehl machte. Wer will mag in seine Operettenbearbeitung wegen der Darstellung der Launen der Götter so etwas wie eine satirische Spitze gegen die sich ebenfalls allmächtig gebärdenden SED-Oberen herauslesen, Bonnet selbst aber dürfte es fern gelegen haben, sich noch einmal in die Nesseln zu setzen. Die Filmoperette, die 1974 in die Kinos kam, war der letzte DEFA-Film, der im 70mmVerfahren gedreht wurde, das vor allem in den Tanzszenen in ganzer Pracht und Breite zur Geltung kommt. „Beim Can.Can wurde die 70mm-Kamera wirklich ‚entfesselt‘, die Zuschauer gerieten in einen Sog aus Musik und Bewegung“, notiert der DEFAFilmexperte Ralf Schenk rückblickend und lobt in seinem Artikel für den film-dienst (19/1997) neben der eleganten Kameraarbeit von Otto Hanisch auch noch die farbenprächtigen Dekorationen nach Entwürfen von Alfred Hirschmeier. „Orpheus in der Unterwelt“
Filminfo:
ist so etwas wie ein Schwanengesang einer kaum
Originaltitel: Orpheus in der Unterwelt / DDR 1974
noch bekannten Episode in der Geschichte der DEFA,
Aufgenommen in DEFA 70® (1:2.20) (70mm Negativfilm)
die mit dem großen Filmformat wohl auch die engen
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Stereo Magnetton
Grenzen ihres Wirkungskreises überwinden wollte. Es
Deutsche Originalfassung / 88 Minuten / Erstaufführungskopie
ist, wenn man so will, ein beschwingter Schwanen-
Welturaufführung: 07.02.1974
gesang in Dur, der auch heute noch Laune macht.
Deutsche Erstaufführung: 07.02.1974
Autor: Dr. Peter Kohl
Produktion: Helmut Klein Regie: Horst Bonnet Buch: Horst Bonnet Buchvorlage: Héctor Crémieux (gleichnamige Operette), Jacques Offenbach (gleichnamige Operette) Kamera: Otto Hanisch Musik: Jacques Offenbach Schnitt: Thea Richter Darsteller: Wolfgang Greese (Orpheus), Dorit Gäbler (Eurydike), Rolf Hoppe (Jupiter), Lisa Macheiner (Juno), Fred Düren (Styx), Achim Wichert (Pluto)
70mm Filmfestival 2013 24
TSCHITTY TSCHITTY BÄNG BÄNG Nachdem Gert Fröbe bereits mit den Produzenten
in der 40er Jahren ungewöhnlich offen.
Harry Saltzmann und Albert Broccoli zusammengear-
Ein Ausnahmeschauspieler, der in CHITTY den
beitet hatte (er war der bislang beste Bond-Böse-
Kindern wirklich Angst einjagt!
wicht Auric Goldfinger und der Einzige, der dem Film seinen Namen gab!) lag es nah, dass man ihn für den
In weiteren wichtigen Nebenrollen sind zu sehen: Der
Baron Bomburst in Chitty wieder fragen würde. Kurz
britische Komiker Benny Hill (mit deutschem Akzent),
nach Vertragunterzeichnung bei der Royal Premiere
Lionel Jeffries, überdreht wie immer als Opa Potts.
von DIE TOLLKÜHNEN MÄNNER IN IHREN FLIE-
Desmond Llewelyn, „M“ aus den Bond-Filmen ist
GENDEN KISTEN wurde er von der Queen gefragt,
dabei, ebenso James Robertson Justice, der
was er als nächstes spielen würde. Fröbe antwortete:
Gelegenheitsschauspieler mit dem bewegten Leben:
„Einen Baron“. Darauf die Queen: „Einen guten oder
Er promovierte in Bonn, kämpfte als überzeugter
einen bösen?“ Fröbe: „Einen deutschen!“ Pause.
Sozialist im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco
Dann ein nachdenklich gehauchtes „Aha!“. Vielleicht
und hatte seinen Einstand als Schauspieler in einem
dachte sie an die enge Verwandtschaft der Königli-
Stück von Peter Ustinov, mit dem ihn eine lebenslan-
chen Familie mit deutschen Adelshäusern?*
ge Freundschaft verband. Barbara Windsor, die
So hatte der ehemalige Zwickauer Theatermaler in
berühmt-berüchtigte Blondine aus den „Carry-On“-
den 60er Jahren eine steile Karriere im internationa-
Filmen (Vorbild für den Typ Ingrid Steeger in Klimbim)
len Film. Sein Baron Bomburst, der ständig versucht,
spielt die Freundin des armes Mannes, der Carata-
sich seiner Frau zu entledigen und die Kinder aus
cus Haarschneidemaschine ausprobiert. Und eines
seinem Reich in den Untergrund verbannt, ist einer
der Kinder, die im Untergrund leben, ist Phil Collins.
der Höhepunkte des Films.
Genau hinsehen!
Sein Handlanger, der Kinderfänger, ist dagegen wirklich böse und ein äußerst unangenehmer und
Die Hauptrollen sind besetzt mit dem Star aus dem
düsterer Charakter, perfekt gespielt von Sir Robert
Welterfolg MARY POPPINS, Dick van Dyke, der hier
Helpman. Er spielte in den Filmen von Powell &
seinen kuriosen Cockney-Akzent etwas verbessert
Pressburger DIE ROTEN SCHUHE und HOFFMANNS
hat. Er ist ein symphatischer Caractacus Potts mit
ERZÄHLUNGEN und war der böse Prinz Tuan in
eigenständigen Charakterzügen und kein Abklatsch
Nicolas Rays 55 TAGE IN PEKING. „Sir Bobby“ war
von Bert, dem Schornsteinfeger (Seine Erfindungen
Theater- und Filmschauspieler, Choreograf, Tänzer
sind herrlich skurill und bizarr, sie wurden geschaffen
und Regisseur. Er lebte seine Homosexualität schon
von Rowland Emett).
70mm Filmfestival 2013 25
Leider ist die Heroine Sally Ann Howes keine Julie Andrews, ihr fehlt jegliche Ausstrahlung und sie ist einer der Schwachpunkte des Films. Das Drehbuch, nach der Romanvorlage von BondAutor Ian Fleming, stammt von Roald Dahl. Er schrieb die Drehbücher zu MAN LEBT NUR ZWEIMAL, DAS HAUS DER SCHATTEN und der Erstverfilmung von CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK. Von ihm stammen die, ebenfalls verfilmten, Kinderbücher JAMES UND DER RIESENPFIRSICH, HEXEN HEXEN, MATILDA und DER PHANTASTISCHE MR. FOX. Ken Adam, der die meisten Bond-Film-Dekorationen gestaltete, konnte sich in CHITTY austoben: Bemerkenswert die Bonbonfabrik von Lord Scrumptious (übersetzt sowohl fabelhaft als auch knusprig!) und der Ballraum in Vulgarien, in dem die überalterte High Society nach einem gemächlichen Walzer tanzt, ist, zusammen mit den herrlichen Kostümen von Joan Bridge und Elizabeth Haffenden („Ben-Hur“), eine wunderbare Mischung aus Fellini und „Tanz der Vampire“! Doch der wahre Star des Films ist natürlich Chitty: Ein herrlicher, für den Film gebauter Oldtimer, der noch heute existiert : 2012 wechselte dieses Original den Besitzer- für stolze 850.000 Dollar! Gekauft hat ihn „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson! Vielleicht fliegen die Hobbits im dritten Teil
Filminfo:
damit nach Mittelerde…
Originaltitel: Chitty Chitty Bang Bang / GB 1968
Wie bereits im Film ist der Wagen zugelassen auf
Aufgenommen in Super Panavision® 70 (1:2.20) (65mm Negativfilm)
GEN11.
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Stereo Magnetton
GEN11 steht so schon im Buch von Ian Fleming: Gen
Englischsprachige Originalfassung / 144 Minuten / Erstaufführungskopie
steht für das lateinische Genii (mystische Schutz-
Roadshow-Präsentation mit Pause
geister, ähnlich dem arabischen Dschinn). Chitty hat
Welturaufführung: 16.12.1968
einen Ford 3000 V6 Motor und Jackson freut sich auf
Deutsche Erstaufführung: 14.03.1969
seine erste Ausfahrt: „Chitty kann fliegen, sie konnte
Produktion: Albert R. Broccoli
es und sie wird es wieder!“ (Aus dem englischen
Regie: Ken Hughes
Originaltext ergibt sich, dass Chitty weiblich ist. „She
Buch: Roald Dahl, Ken Hughes
can fly!“)
Buchvorlage: Ian Fleming (Roman)
Es gab insgesamt 5 Chittys für den Film, entworfen
Kamera: Christopher Challis
von Ken Adam und Rowland Emett, einmal das
Musik: Richard M. Sherman, Robert B. Sherman
Original, dann eine etwas kleinere beweglichere
Schnitt: John Shirley
Version und drei Modelle. Später gab es noch
Darsteller: Dick van Dyke (Caractacus Potts), Sally Ann Howes (Truly
lizensierte Nachbauten (GEN22) von Fans, einer
Scrumptious), Lionel Jeffries (Großvater Potts), Gert Fröbe (Baron
davon wechselte gerade in England den Besitzer für
Bomburst), Robert Helpmann , Barbara Windsor (Blondine), Benny Hill
500.000 Pfund!
(Toymaker), James Robertson Justice (Lord Scrumptious), Anna Quayle
Für die Bühnenfassung wurde dann erneut ein Chitty
(Baronin Bomburst), Heather Ripley (Jemina), Adrian Hall (Jeremy),
gebaut: Mit Kosten von 750.000 britischen Pfund das
Davy Kaye (Admiral), Alexander Doré (erster Spion), Bernard Spear
bisher teuerste Bühnenrequisit aller Zeiten!
(zweiter Spion), Stanley Unwin , Peter Arne , Desmond Llewelyn , Victor Maddern
70mm Filmfestival 2013 26
Gefolge von ‚The Sound of Music‘ und ‚Mary Poppins‘.“ Befanden Ronald M. Hahn, Volker Jansen, Norbert Stresau: Lexikon des Fantasy-Films. Heute urteilt man da schon etwas differenzierter: „Dieses überlange und unerhört teure Märchen-Musical teilte zusammen mit dem zwei Jahre zuvor entstandenen „Doctor Doolittle“ [sic!] das Schicksal, an den Kinokassen einen fürchterlichen Reinfall zu erleben, was aus heutiger Sicht eigentlich nicht ganz verständlich ist, denn Tschitti Tschitti Bang Bang ist eine in jeder Hinsicht amüsante und liebevoll gestaltete Fantasy-Geschichte voller skurriler Einfälle und perfekter Trickaufnahmen. (...) bonbonfarbenes Musical, das außer dem titelgebenden Song Chitty Chitty Bang Bang nur wenige schmissige Melodien enthält (...).“ - -jg- in: Das große TV Spielfilm Filmlexikon. Digitale-Bibliothek- Sonderband (CD-ROMAusgabe) Nicht nur das DOCTOR DOLITTLE mal wieder falsch geschrieben ist- die Beurteilung der Musik kann ich nicht nachvollziehen. Womit wir bei der wichtigsten Komponente des Films angelangt wären:
+THE BOYS Die Sherman-Brothers Robert Bernard Sherman (*19.12.1925 in New York City, +5.3.2012 in London) und dessen Bruder Richard Morton Sherman (*12.6.1928 in New York City). Ihr Vater, Al Sherman, war ebenfalls ein bekannter Songschreiber von Tin Pan Alley und stammte, wie George Gershwin und Aaron Copland, von russisch-jüdischen Emigranten ab. (Gewisse Elemente der russisch-jüdischen Folklore finden sich in ihren Songs, wie z.B. „Feed The Birds“ (dem Lieblingslied von Disney, welches auch auf dessen Beerdigung gespielt wurde) oder „Chim,Chim,Cheree“- einem positiven, lebensbejaDie Außenaufnahmen in 70mm Super Panavision
henden Lied in Moll!).
fanden in Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl und
Seit 1961 arbeiteten die Beiden („The Boys“) für Walt
auf Schloß Neuschwanstein statt, an der Kamera
Disney, ihr erster Filmsong war „THE PARENT
stand der 70mm-erprobte Christopher Challis (DIE
TRAP“, gefolgt von „WINNIE POOH“ , „MERLIN UND
TOLLKÜHNEN MÄNNER). In den Pinewood-Studios
MIM“ und ihrem ersten, durchschlagenden Erfolg,
wurden die Innenaufnahmen gedreht.
der mit 2 Oscars ausgezeichnet wurde: MARY POPPINS. Lieder wie „Chim,Chim,Cheree“, „A
Die Kritik reagierte verhalten bis vernichtend.
Spoonful Of Sugar“ oder „Feed The Birds“ wurden zu
Beispiele: „Diese zweieinhalb Stunden überzuckerter
Evergreens, ganz zu schweigen von „Supercalifragili-
Schrulligkeiten dürften selbst dem Unempfindlichs-
sticexpialidocious“. 2004 wurde aus dem Filmmusi-
ten den Magen umdrehen.“ Schrieb das Monthly Film
cal dann auch ein Bühnenmusical, zunächst in
Bulletin.
London, dann am Broadway, wieder mit durchschla-
Oder: „Ein weiterer musikalischer Rohrkrepierer im
gendem Erfolg!
70mm Filmfestival 2013 27
Auch legendär ihre Songs im DSCHUNGELBUCH,
Xylophon-Spieler mit Instrument mehr aufzutreiben
u.a.: „Trust In Me“, „I Wanna Be Like You“, „Colonel
war.
Hathi´s Parade“.
Nach MARY POPPINS dürfte CHITTY das erfolgreichste Filmmusical der Brüder sein- viele Songs der
Der 3 Jahre ältere Robert meldete sich mit 17 Jahren
beiden Shows gehören in angelsächsischen Ländern
freiwillig zur Armee weil er „Deutsche töten“ wollte.
inzwischen zum nationalen Liedgut- ohne das
Von seinen Kriegserlebnissen (ein zerschossenes
jemand die Autoren kennt. Ein weitaus bekannterer
Knie, die Befreiung von Dachau und der Anblick des
Andrew Lloyd Webber dürfte weitaus weniger dazu
Grauens, Zerstörung und Tod) hat er sich nie befreien
beigetragen haben…
können. Er war der Ruhigere der beiden Brüder, der
Der Erfolg des Films und seiner Musik führte 2002 zu
Introvertierte. Er arbeitete ständig an seinem großen
einer Neuauflage im Londoner Westend: CHITTY
amerikanischen Roman, der vor einigen Jahren doch
kam ins Theater, mit neuen Songs, natürlich von den
noch einen Verleger fand: MOOSE. Er widmete sich
Boys. Nach 3 ½ Jahren wurde die Show abgesetzt:
der Malerei, hatte zahlreiche Ausstellungen. Dass die
Rekord: Sie lief am längsten und nahm 70 Millionen
teils melancholische Musik zu „Zuckermanns Farm“
Pfund ein!
(Charlotte´s Web) zu seiner Liebsten gehört, wundert da nicht.
Richard starb am 6. März 2012. Robert ist weiterhin aktiv, er war einer der Songwriter bei LITTLE NEMO,
Richard war der Optimist und Lebenskünstler- Ro-
2011 erneut beteiligt an WINNIE THE POOH. Es geht
bert sparsam und knauserig, Richard gab es mit
also weiter mit den „Roses Of Success“!
vollen Händen aus. Er war der Extrovertierte, der Showman. In allen Features ist er der, der redet und
Autor: Udo Heimansberg
mit Inbrunst (meist falsch) singt. Er komponierte auch die Songs, in frühen Jahren mit anderen Partnern.
+Film: THE BOYS
Mit seinem Bruder hatte er selten Kontakt, die beiden
May 22, 2009, The Boys: the Sherman Brothers’
waren in den letzten Jahrzehnten zerstritten, ohne
Story, a critically acclaimed documentary film about
genau zu wissen, warum. Die Familien litten darunter
the pair. The film was directed and produced by their
und die jeweiligen Söhne versuchten des Öfteren,
sons, Gregory V. Sherman and Jeff Sherman, and
diesen Zustand zu ändern- mit unterschiedlichem
distributed by Walt Disney Pictures.
Erfolg. So fröhlich wie ihre Lieder, die den Menschen
*Gert Fröbe: “Auf eine Neues, sagte er…” Albrecht
so viel Freude bringen sollten, war das wirkliche
Knaus Verlag, 1988 ISBN 3-8135-0701-7
Leben der Sherman-Brothers, wie so oft, nicht. Vor CHITTY hatten sich die Beiden von den DisneyStudios getrennt. Obwohl sie später noch für das Studio arbeiteten („Bedknobs & Broomsticks“) war es für sie- nach dem Tod von Walt Disney- nie wieder so wie vorher. Zumal neue Teams, die mehr dem „Zeitgeist“ huldigten, ihnen ihre Position als Erfolgsduo streitig machten. Da kam das Angebot von Albert Broccoli genau zur rechten Zeit: CHITTY CHITTY BANG BANG war nach Roberts Geschmack und Richard wurde überredet. Mit frischem Elan und voller Kreativität ging´s ans Werk: Mit dabei der musikalische Leiter von MARY POPPINS, Irwin Kostal. Das Titellied ist ein Ohrwurm, den man so schnell nicht wieder los wird. Daneben gibt es noch wunderbare und unvergessliche weitere Titel wie „Hushabye Mountain“, „Doll On A Music Box“ oder „The Roses Of Success“. Für „Me Ol´ Bamboo“ wurden so viele Xylophone verwendet, dass in ganz London kein
70mm Filmfestival 2013 28
Unheimliche Begegnung der dritten Art In den allermeisten Science-Fiction-Filmen, in denen
und Wunder:
eine fremde Macht aus dem All auf Menschen oder
„Unheimliche Ereignisse häufen sich: In der Einöde
gleich auf die ganze Menschheit trifft, hat diese
von Mexiko tauchen mehrere Kriegsbomber wieder
Begegnung wenig erfreuliche Folgen. In der Regel
auf, die seit dem Zweiten Weltkrieg als vermisst
haben die Aliens nichts als Zerstörung und die
galten. Im Luftkontrollzentrum von Indianapolis wird
Machtübernahme auf unserem Planeten im Sinn. Auf
ein unbekanntes Flugobjekt gesichtet (jedoch keine
dem Höhepunkt des Kalten Krieges entstanden
offizielle Meldung erstattet). Mitten in der Wüste Gobi
zahlreiche Filme, in denen die Außerirdischen als
liegt plötzlich das Wrack eines vormals gesunkenen
Projektionsfläche der antikommunistischen Hysterie
Ozeandampfers. Eine buddhistische Menge in Indien
erschienen, als unamerikanische Elemente, die
singt eine Melodie, die sie vom Himmel empfangen
gnadenlos zu bekämpfen sind. Auch nach dem Ende
haben will. Über all das gerät die zuständige militäri-
des Kalten Krieges hat sich dieses Strickmuster nicht
sche Forschungseinheit unter Leitung des französi-
wesentlich verändert, was gewiß auch daran liegt,
schen Wissenschaftlers Lacombe in begreifliche
dass sich aus dem Konflikt Gut gegen Böse, Irdisch
Unruhe. (…) Doch auch Privatpersonen sind betrof-
gegen Außerirdisch leicht dramaturgisches Kapital
fen. Harry, ein kleiner Junge, wacht auf. Alle elektri-
schlagen läßt. Nicht zuletzt liefern die unwillkomme-
schen Spielsachen in seinem Zimmer sind in Bewe-
nen Besucher aus dem All einen willkommenen
gung. Die Mutter sieht ihn schließlich in einem
Vorwand für die Zerstörungsorgien, die im Zeitalter
Waldstück verschwinden, er gluckst vor Lachen. Als
der CGI-Effekte bis aufs Äußerste ausgereizt werden.
der Mechaniker Roy Neary wegen eines Stromaus-
„Close Encounters Of The Third Kind“(„Unheimliche
falls zu einem nächtlichen Einsatz gerufen wird,
Begegnung der dritten Art“ ) , der dritte Kinofilm von
überholt ihn auf der Landstraße ein Ufo. Anschlie-
Steven Spielberg, der im November 1977 in die
ßend geht ihm eine vage Vision nicht mehr aus dem
US-Kinos und sechs Monate später in die deutschen
Kopf. Immer wieder versucht er, das unterbewusste
Kinos kam, war ganz anders und ist trotz des großen
Bild greifbar zu machen“. (Filmgenres: Science
Publikumserfolg ein Unikum geblieben, ein Science-
Fiction, Reclam).
Fiction-film, in dem die Kontaktaufnahme mit einer
Richard Dreyfuß, der in Spielbergs äußerst erfolgrei-
außerirdischen Macht als Glücksfall für die Mensch-
chem Vorgängerfilm „Der weiße Hai“ (1975) den
heit dargestellt wird. Bis das aber klar ist, vergehen
Meeresbiologen Hooper spielte, der als einziger eine
viele spannende Kinominuten, in denen weder die
klare Vorstellung von der Gefahr hat, die vom weißen
handelnden Personen noch der Zuschauer so recht
Hai ausgeht, gibt diesmal einen amerikanischen
wissen, was da gespielt wird. Es geschehen Zeichen
Durchschnittsbürger, der in den Bann einer Sache
70mm Filmfestival 2013 29
gerät, die seine Vorstellungskraft, aber auch die
extraterrestrischen Wesen, ohne nachhaltigen Erfolg,
seiner Mitbürger übersteigt. So erscheint er, der die
was deren Film-Image angeht. Das Feindbild Alien
surreale Begegnung mit einem Ufo mit Rasierschaum
setzte sich wieder durch, wie nicht zuletzt Roland
und Kartoffelpüree nachzuzeichnen versucht und
Emmerich, das Spielbergle aus Sindelfingen, mit
schließlich ein Modell des Raumschiffs aus Erde
seinem Blockbuster „Independence Day“ (1996)
formt, den Mitmenschen, auch der eigenen Familie,
beweist. Die New Age-Anhänger, die sich auf
als Verrückter, der aber nicht allein bleibt. Um ihn
Hochhausdächern versammeln, um die Außerirdi-
herum scharen sich Gleichgesinnte, darunter Harrys
schen freudig zu empfangen, werden von diesen
Mutter Jilian, denen es schließlich vergönnt ist, das
gnadenlos ausradiert.
Autor: Dr. Peter Kohl
Wunderbare mit eigenen Augen zu schauen: Die Kontaktaufnahme der Außerirdischen, deren hellerleuchtetes Raumschiff auf einem Tafelberg in Wyoming steht, mit den Menschen. Lacombe genießt das Privileg der Kommission vorzustehen, die das Raumschiff betreten darf. Die Besetzung dieser Rolle mit dem französischen Meisterregisseur Francois Truffaut ist eine Hommage des Hollywood-Wunderkindes Spielberg an die französische Nouvelle Vague und den europäischen Autorenfilm überhaupt und eine wohl ganz bewußt applizierte Kränkung der US-amerikanischen Allmachtsgefühle. Normalerweise ist eine solche Begegnung den Bürgern der USA vorbehalten. . „Häufige Schauplatzwechsel und eine babylonische Sprachenvielfalt der Augenzeugen (..) weisen auf die Globalität des Geschehens hin“, stellt Wolfgang Stuflesser in seinem bereits oben zitierten Artikel fest. Auch mag er in seiner Einschätzung recht haben, dass Truffaut den jungen US-Kollegen schätzen wußte, der eben seine Visionen mit etwas
Filminfo:
mehr Aufwand und einem größeren Stab als er in
Originaltitel: Close Encounters Of The Third Kind / USA 1977
Szene setzte. Tatsächlich stand Spielberg die für
Aufgenommen in Panavision® Anamorphic (1:2.35) (35mm Negativfilm)
damaligen Verhältnisse ungeheure Summe von 19
und Super Panavision® 70 (1:2.20) (65mm Negativfilm)
Millionen Dollar zur Verfügung. Wesentlichen Anteil an
Präsentiert in 70mm (1:2.20) / 6-Kanal Stereo Magnetton
der Realisierung des Films hatten der Kameramann
Deutsche Fassung / 134 Minuten / Erstaufführungskopie
Vilmos Zsigmond, der für seinen nahezu perfekten
Welturaufführung: 15.11.1977
Gebrauch des 65-Millimeter-Films im Todd-AO-Breit-
Deutsche Erstaufführung: 06.03.1978
format einen Oscar erhielt, und Special-Effects-Ikone
Produktion: Julia Phillips, Michael Phillips
Douglas Turnbull, der die Präsenz einer Macht, die
Regie: Steven Spielberg
nicht von dieser Welt ist, mit dinglichen Materialien
Buch: Steven Spielberg
wie Holz, Glas, Eisen, mit Miniaturmodellen und vor
Kamera: Vilmos Zsigmond, Douglas Slocombe, William A. Fraker, John
allem mit viel Licht beschwor. Nicht zu vergessen, die
A. Alonzo, Laszlo Kovacs
Musik von John Williams, der mit Sphärenklängen die
Musik: John Williams
Außerirdischen, die visuell kaum und dann nur
Schnitt: Michael Kahn
schemenhaft vage in Erscheinung treten, gewisser-
Darsteller: Richard Dreyfuss (Roy Neary), François Truffaut (Claude
maßen akustisch sichtbar macht und einiges zur
Lacombe), Teri Garr (Ronnie Neary), Melinda Dillon (Jillian Guiler), Bob
geradezu sakralen Anmutung des Films beiträgt, die
Balaban (David Laughlin), Lance Henriksen (Robert), Cary Guffey (Barry
Spielberg in einer drei Jahre später veröffentlichen
Guiler), Warren Kemmerling (Wild Bill), Adrienne Campbell (Sylvia
Neubearbeitung durch das Hinzufügen von Bildern
Neary), Justin Dreyfuss (Toby Neary)
durchaus als Autorenfilmer anderen Typus zu
des wie eine Kathedrale wirkenden Mutterschiffs noch verstärkt. Noch einmal, wenn auch auf einer
Auszeichnungen: Oscar 1978
etwas anderen, kindlicheren Ebene warb Spielberg
Beste Kamera: Vilmos Zsigmond
mit „E.T.“(1982) für einen freundlichen Umgang mit
Ehren-”Oscar”: Frank E. Warner
70mm Filmfestival 2013 30
Many thanks to: Georg Fricker ✝ Jürgen Brückner Chris Chouinard Torsten Frehse Gerhard Fromm Wolfgang Groß Wolfram Hannemann Thomas Hauerslev Udo Heimansberg Christine Kummer Cordula Lau Gunter Oehme Dr. Ralf Schenk Clemens Scherer Galina Shaveika Dr. Peter Kohl Pavel Tomešek Nick Varley Ingolf Vonau Team Projektion: Vincent Koch & Marcus Vetter
70mm Filmfestival 2013 31
vorschau:
10 jahre
Todd-Ao
70mm-Filmfestival in der Schauburg
SAVE THE DATE!
3. – 5. Oktober 2014 www.70mm-festival.de Vielen Dank an unsere Sponsoren, ohne deren Unterstützung dieses Festival nicht möglich gewesen wäre: Mit freundlicher Unterstützung der