Eintauchen in eine fremde Welt MEERraum Reisereportage von Tom Richter
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Eine Reise zum Tonle Sap dem größten See Südostasiens
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ach Kambodscha zu fahren kann das Leben verändern. Auf unserem Trip im Januar 2014 entdecken und durchleben wir so viele unterschiedliche Facetten, dass es kaum möglich ist alles in Einklang zu bringen. Vieles ist fremd, beeindruckend und faszinierend, andere Dinge sind nur schwer zu akzeptieren: Reichtum und Armut extrem dicht beieinander, Tempel und Luxushotels, die ehemaligen Kämpfe gegen die Roten Khmer und das Chaos im Straßenverkehr mit Tuk Tuks und Motorbikes, auf denen ganze Familien sitzen. Traditionelle Märkte mit Gemüse, Früchten und Fleisch, von deren Verkauf die Landbevölkerung lebt, Garküchen und schicke Restaurants, das berühmt - berüchtigte Nightlife und die Nachtmärkte mit ihrer besonderen Atmosphäre und einsame Strände außerhalb der Touristenziele, die noch kaum entdeckt sind.
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Tonle Sap, das große Wasser Asiens und eines der fischreichsten Binnengewässer unseres Planeten, bietet jedes Jahr ein unverwechselbares Naturschauspiel. Während der Monsunzeit und zusammen mit Schmelzwasser aus den Höhenzügen des Himalaya vergrößert der Mekong sein Volumen um das Vierfache. Das Becken des Tonle Sap, der
Auf der Suche nach dem ursprünglichen Leben & ungestellten Alltagsmomenten seine Fließrichtung ändert, wird überflutet und wächst auf eine Größe von über 25.000 Quadratmetern heran. Aus zwei bis drei Metern Wassertiefe werden vierzehn Meter. Im September schließlich ist ein Drittel der landwirtschaftlichen Kulturfläche Kambodschas von Wasser bedeckt. Zwei Monate später markiert das Wasserfest den Rückgang dieser Fluten und gleichzeitig den Beginn der Fischereisaison. Immer noch kommen bei Unwettern viele Fischer ums Leben. Es ist Brauch, dass Waisenkinder von anderen Familien aufgenommen werden und so in der Gemeinschaft bleiben.
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Die wenigsten Kinder bekommen Schulbildung, und wer in die Schule gehen kann, ist privilegiert...
Die Sorglosigkeit, mit der wir reisend die Welt entdecken und unseren Alltag leben, ist für die Kambodschaner alles andere als selbstverständlich. In der wunderschönen Landschaft des Tonle Sap lernen wir für einige Tage ihr Leben kennen: unter völlig ungesicherten, ärmlichen Bedingungen, dennoch auf Verbesserung hoffend, meistern sie jeden Tag. Kaum asphaltierte Straßen - entlang staubiger Wege, auf denen Touristen sonst eigentlich nicht halten, steigen wir immer wieder aus und suchen das ursprüngliche Leben, ungestellte Alltagsmomente. Fischfang und Reisanbau sichern schon seit Jahrhunderten die Lebensgrundlage der ländlichen Bevölkerung am See, und Reis sowie Fisch sind auch wichtige Bestandteile der Küche der Khmer, erfahren wir von unserem Tourguide. Zusammen mit ihm entdecken wir die beeindruckende Szenerie des Tonle Sap, die direkt am Ufer gelegenen Dörfer und die schwimmenden Siedlungen. Aufgrund der jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen stehen die Holzhäuser auf Stelzen. In Farmen werden Krokodile gehalten, die durch die Jagd fast schon ausgerottet waren, und anstatt Fisch mit Seeschlangen gefüttert. Unterwegs mit dem Motorboot und entlang der Zuflüsse tauchen wir ein in den Alltag und die Lebenswirklichkeit der Menschen.
Die harte Arbeit bringt es mit sich, dass das Höchstalter hier bei durchschnittlich 45 bis 50 Jahren liegt. Enormer Kinderreichtum, überall zu sehen, prägt das Bild. Die wenigsten Kinder bekommen Schulbildung, und wer in die Schule gehen kann, ist privilegiert und schon in jungen Jahren völlig vertraut mit der allgegenwärtigen Korruption, von der die gesamte Gesellschaft durchzogen ist und die nahezu jeden Menschen begleitet: Bereits Kinder geben ihrem Lehrer Geld für bessere Zensuren. Für die meisten Menschen liege das ganze Land völlig am Boden, erzählt uns der Guide. Es würde noch Generationen dauern, bis Bildung, Fortschritt und eine bessere Infrastruktur das Leben flächendeckend verbessern. Den Kontrast dazu entdecken wir im Trubel der Millionenstadt Phnom Penh: Porsches, Bentleys und teure Jeeps neben bitterer Armut am Straßenrand. Auch Siem Reap, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und zweitgrößte Stadt Kambodschas, wirkt in ihrem Zentrum mit der Pub Street wie eine europäische Metropole, sauber und aufgeräumt. Wenige Kilometer weiter prägen wieder deutlich erkennbare Armut und Überlebenskampf den Alltag.
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Dieser Kontrast beschäftigt immer wieder unser Denken, als wir die Grenze schon längst hinter uns gelassen haben... Anfangs noch ein kleines Dorf, konnte sich Siem Reap vor allem durch die berühmte Tempelanlage von Angkor Wat mit ihren kunstvoll gestalteten Sandsteintempeln touristisch entwickeln. Diese vielen Kontraste beschäftigen immer wieder unser Denken, als wir die Grenze schon längst hinter uns gelassen haben. Dubai City, ein ganz normaler Nachmittag mit viel Wüstensonne und kaum bewegter Luft. Wir sitzen in einer riesigen Mall und beobachten das rege Treiben um uns herum: vorbei spazierende Emiratis und Touristen, Shoppingfans und Geschäftsleute, Kinder, die mit ihren Smartphones spielen, ein großes, buntes und freundliches Nebeneinander aus Licht, Architektur, glitzernden Schaufenstern, Wohlstand und berühmten Markennamen. Die Gedanken wandern zurück. Zu den Kindern vom Tonle Sap, dem großen See von Kambodscha. Kann man den Menschen hier in irgendeiner Weise dauerhaft helfen? Diese Frage bleibt nicht aus, doch eine Antwort ist für uns nicht zu finden. Als Beobachter auf Zeit bekommt man immer wieder ein schlechtes Gewissen. Bildung sei der wichtigste Schlüssel für die Zukunft, sagt unser Tourguide. Von ihm haben wir uns mit einem kleinen Zeichen der Hoffnung verabschiedet: Wenn alles klappt, dann wird seine Tochter demnächst im Ausland studieren können. Wer am Tonle Sap bleiben muss oder will, blickt in eine unsichere Zukunft: chinesische Unternehmen haben große Erdgasvorkommen am Seegrund entdeckt. Wenn diese wirklich erschlossen und ausgebeutet würden, könnte das nicht nur Folgen für die Umwelt haben, sondern auch für die Lebensgrundlage der Menschen, die hier schon seit langer Zeit siedeln.
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>> Ich war auch ein Kindersoldat << Im Gespräch mit unserem persönlichen Kambodscha-Insider Paul, während fünf erlebnisreicher Tage unser persönlicher Travel Guide, hat ein bewegtes Schicksal: früh elternlos geworden, verschleppt und als Kindersoldat in den Krieg geworfen, kennt er sein Geburtsdatum und damit seine genaues Alter nicht. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Töchtern in Kambodscha, ist zuckerkrank, kann sich aber die medizinische Versorgung nur selten leisten und behilft sich deshalb mit Aspirin. „Ich war 8 Jahre als die Roten Khmer meine Familie umbrachten und mich in ein Kinderlager im Wald steckten um mich als Soldat auszubilden. Bei einem Fluchtversuch starb ein Kamerad durch Tretminen rund um das Camp. Mir wurden zur Strafe die Nägel ausgerissen und dann die Hände in Salzlauge getaucht. Angst und Hunger bestimmen das Leben im Wald. Zu essen gab es Wassersuppe mit etwas Reis, aber nur dann, wenn man gekämpft hatte. Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich umgebracht habe… sonst hätten sie mich getötet. Nach etwa drei Jahren hatte ein Vorgesetzter Vertrauen zu mir gefasst und ich bekam den Auftrag, mit einem Kameraden eine Gruppe von 30 Gefangenen außerhalb des Camps zu exekutieren. Ich nahm ihnen die Fesseln ab, warf meine Waffe weg und forderte jeden auf, zu flüchten. Ganz für sich allein, nicht in der Gruppe. Ich selbst kam davon. Barfuß, nur mit Hemd und Hose bekleidet lebte ich ein gefühltes Jahr im Urwald Kambodschas in der Nähe zu Vietnam, häufig in Sichtweite von Elefanten und Bären. Wurzeln, Insekten, rohes Fleisch von Schlangen oder Hasen waren meine gewohnte Nah-
rung. Im dichten Urwald dringt die Sonne kaum bis zum Boden, und zur Regenzeit ist es überall feucht. Häufig habe ich gefroren. Ich musste auf Bäumen schlafen, da die trockenen Höhlen von zu vielen Schlangen bevölkert waren. Die Angst entdeckt zu werden war allgegenwärtig. Nach einigen Krankheiten und zwei Malariaanfällen war ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Als die Kriegsgeräusche lauter wurden, traute ich mich aus dem Wald und lief in ein Dorf. Hier hatten die Vietnamesen die Roten Khmer vertrieben. Nur für Essen kämpfte ich drei weitere Jahre für die Regierungstruppen. Dann hatte ich genug vom Krieg und ging wieder zur Schule, wo ich meinen Grundschulabschluss nachholte. Als bester von 1000 Schülern bekam ich ein Stipendium für Feinmechanik in Jena in der ehemaligen DDR. Von Vietnam aus flog ich das erste Mal überhaupt mit Interflug nach BerlinSchönefeld. Im Flugzeug dachte ich: das ist das Paradies. Alles war sauber, und gut aussehende Menschen brachten mir Essen. Als ich in Berlin barfuß ausstieg, schenkte mir der Pilot ein Paar Winterschuhe. Sie waren gefühlt mindestens zehn Nummern zu groß - aber ich war der glücklichste Mensch der Welt. Auch in der DDR haben wir viel gefroren und saßen im Winter mit drei Hemden im Wohnheim an den Heizungen. Während meiner Ausbildungszeit vollzog sich mit dem Mauerfall die politische Wende in Deutschland. Den Abschluss in der Tasche reiste ich voller Zuversicht zurück in die Heimat, um dort vielleicht meine Landsleute unterrichten zu können. Feinmechanik gab und gibt es in Kambodscha nicht, und so blieben Landwirtschaft oder Holzverarbeitung die Alternativen zum Studieren. Die Enttäuschung war groß, und ich fuhr die nächsten zehn Jahre Moped-Taxi. Die große Narbe in meinem Gesicht? Nein, sie stammt nicht aus dem Krieg in Kambodscha. Die haben mir Skinheads mit einer zerbrochenen Bierflasche auf dem Bahnhof von Jena zugefügt. Ich trage aber keinen Hass im Herzen und lasse mir durch diese dummen Menschen meine Erinnerungen an die wohl schönste Zeit meines Lebens in der DDR nicht trüben.“