MEERraum-Fotoreportage
Das Leuchten der Stille im Tempel der Morgenrรถte Unterwegs auf dem Tempel Wat Arun in Bangkok
Wir erreichen den prachtvollen Tempel Wat Arun, den „Tempel der Morgenröte“, zu einer für uns christlichen Zeit am späten Vormittag. Dieses heilige Haus im Ortsteil Bangkok Yai am westlichen Ufer des Chao Phraya-Flusses verschafft uns eine leise Ahnung davon, welche tiefen spirituellen Wurzeln das Leben der Menschen hier vor 500 Jahren bestimmt haben - und auch heute noch bestimmen. In der Zeit von Fürstenherrschern und Dynastien auf dem Gelände einer alten Festung errichtet, mehrfach umkämpft, baulich verändert und umbenannt, einst von Mönchen bewohnt und vom Rhythmus der Gebetszeremonien bestimmt, von Königen genutzt und dann erneut für Männer des Glaubens geöffnet, beeindruckt Wat Arun durch seinen Glanz und eine vollkommen friedliche Abgewandtheit von aller modernen Hektik. Dabei spielten bei der Entstehung ganz weltliche Interessen eine wesentliche Rolle. Fünf Herrscher hat dieser Tempel kommen und gehen sehen: König Ayutthayas Thonburi, König Taksin, König Phra Phutthayotfa Chulalok (Rama I.) und sein Sohn Rama II., der den damals nur 16 m hohen Prang auf die heutige Größe erweiterte.
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Die Arbeiten wurden schließlich erst unter König Nang Klao (Rama III.) beendet. Auch den ursprünglichen Palast von König Taksin gibt es heute noch, südlich des Wat Arun auf dem Gelände der thailändischen Marine - allerdings für die Öffentlichkeit nicht mehr zu betreten. Zeiten ändern sich: 2005 wurde der Amerikaner Sean Patrik im Tempel zum Mönch geweiht, als erster Ausländer in der 300-jährigen Geschichte überhaupt. Ihn bekommen wir heute nicht zu Gesicht, dafür aber die besonders steilen Treppen des zentralen Phra Prang. Sie mehrmals zu überwinden galt als eine Übung der Mönche in Geduld und Demut. Wir haben Respekt vor der Aufgabe und erlauben uns einige Pausen beim Aufstieg in fast 80 m Höhe. Die vier Himmelstreppen an den Seiten verbinden vier Ebenen, auf denen der Phra Prang umrundet werden kann. Die unterste Ebene ist dem Windgott Phra Phai gewidmet, dessen Statue auf einem weißen Pferd in alle Himmelsrichtungen blickt. Die zweite Ebene steht unter dem Schutz von Dämonen und zeigt wichtige Stationen im Leben des Buddha. Die dritte Ebene wird von Affen getragen, die oberste Plattform schließlich von den Devatas, himmlischen Wesen. 48 20
Überall sind Figuren der Hindu-Gottheit Indra zu sehen, die auf dem dreiköpfigen Elefanten Erawan reitet – ebenso wie Glas, farbenfrohe Porzellanscherben und Muscheln aus der Region, die in großen Mengen verarbeitet wurden. Die Spitze des Turms wird von Figuren des Gottes Vishnu gehalten, der auf dem mystischen Vogel Garuda sitzt. Von hier oben schweift der Blick in die Ferne und zu den anderen Wolkenkratzern Bangkoks, die plötzlich sehr weit weg sind, in einer anderen Sphäre. Unser Tempelberg spiegelt den Aufbau des Kosmos in einer alten, längst vergangenen Weltordnung wider: aus der Mitte des Weltmeeres erhebt sich der Weltenberg Meru, durch den großen Prang symbolisiert. Auf seiner Spitze hat Hindu-Gott Indra seinen Palast und schaut von dort in alle Himmelsrichtungen und auf die vier Kontinente. Ob er auch allen Reisegästen Bangkoks Glück bringen wird? Fotoreportage: Tom Richter