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The Red Bulletin DE 03/26

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PLUS ELLE FANNING / Y Ū TO HORIGOME / ARLO PARKS / ARVID LINDBLAD / ALPHONSO DAVIES

DIE WELT VON KTM

BESUCHE DAS KTM MUSEUM

Entdecke das KTM Museum im Zentrum von Mattighofen und erlebe die Geschichten hinter den Siegen, Technologien und Helden der Marke.

Max Manavi-Huber

lebt als Fotograf in Wien. Seine Arbeiten zeigen Athleten auf authentische und dynamische Weise. Für uns lichtete er Rad-Profi Florian Lipowitz im Studio ab. Die Reportage-Fotos stammen von Maximilian Fries. Ab Seite 38

Eva Pramschüfer

arbeitet als Journalistin in München. Zudem ist sie BookTokerin und landete mit ihrem Debütroman „Weißer Sommer“ einen Bestseller. Die ideale Autorin also für unsere „To-yeah-Liste“ mit Tipps für einen Sommer voll echter Momente. Ab Seite 60

Carl Cozier

lebt als Illustrator in Bristol, Großbritannien, und ist bekannt für seine farbenfrohen, positiven Arbeiten. In dieser Ausgabe schmückt sein Stil die „To-yeah-Liste“ von Eva Pramschüfer. Ab Seite 60

Es ist eine Frage der Balance: Je schneller die Digitalisierung unserer Welt voranschreitet, desto stärker wächst unsere Sehnsucht nach dem Echten. Zum Glück können wir beiden Trends folgen: die Möglichkeiten von KI für uns nutzen und gleichzeitig auf unser Bedürfnis nach Erlebnissen, Gefühlen, Verbindungen hören. Darum soll es in unserem SommerSpecial gehen. „Feel the Real“ lautet die Aufforderung in unserem Essay ab Seite 24. Zu diesem Motto passt auch unser Cover-Held Florian Lipowitz. Das Porträt ab Seite 38 beschreibt den Rennrad-Profi als im wahrsten Sinne echten Helden, der sich am wohlsten fühlt, wenn er sich im Hier und Jetzt die Serpentinen hochquält. Und ab Seite 52 erklärt

DJ Seinfeld, wie seine Electro-Sets die Crowd mit dem Augenblick verschmelzen lassen.

Viel Freude mit dieser Ausgabe, die Redaktion

Heroes

Elle Fanning 18

Schauspielerin

Yūto Horigome 20

Skateboarder

Arlo Parks 22

Sängerin

91 Reise: Abenteuer in Boliviens Salzwüste

94 Mindgame: Koffer-Chaos

96 Playlist: benno!

98 Summer Supply

102 Snap Fiction von Leif Randt

106 Letzte Seite: Luwam Russom

Ihr X-Faktor:

UK-Rapperin

Cristale De’Abreu kämpft sich mit messerscharfen

Lyrics nach oben.

Sommer-Special

Feel the Real

Wie wär’s, wenn wir diesen Sommer ganz im Hier und Jetzt verbringen?

Ein Aufruf

Der stille Racer 38

Warum Deutschlands Tour-de-FranceHeld Florian Lipowitz Stille sucht, um der Beste zu sein.

Dieser Mann trifft 52 dich ins Herz

DJ Seinfeld erklärt, wie seine Sets die Herzen der Crowd öffnen.

To-yeah-Liste 60

Zehn Tipps für einen Sommer voller echter Momente.

Musik

Cristale Clear 66

Wie Englands Newcomerin Cristale De’Abreu lernte, mehr zu wollen.

Formel 1

Arvids Aufstieg

Wie der Spross einer schwedischindisch-englischen Familie zur großen Hoffnung der Formel 1 wurde.

Fußball

Der Code zum Erfolg 82

Von Alphonso Davies bis Nico Williams: Fünf Weltstars erzählen, was ihnen Kraft gibt.

Sein Flow: In der Welle ist Surf-Profi Leon Glatzer ganz in seinem Element.

Red Bull Cerro Abajo zählt zu den härtesten Downhill-Rennen der Welt – weil es mitten durch die Stadt geht. Der Schweizer Marius Perraudin war das erste Mal in der Hafenstadt in Chile dabei. Statt durch Wald und Wiesen geht es hier durch enge Gassen, über steile Treppen und harten Beton. Übrigens: Am 5. und 6. September kommt Red Bull Cerro Abajo nach Stuttgart. Infos zum Event: redbull.com

Death Valley und Hesperia, Kalifornien, USA

Run seines Lebens

In diesem Moment, kurz nach dem Start seines Laufs, weiß es Arda Saatçi noch nicht. Aber fünf Tage später, am Ende der Red Bull Cyborg Season, wird er Geschichte geschrieben haben. Nach 604,6 Kilometern, über 123 Stunden und unglaublichen Strapazen (Schlafentzug, Hitze, fast 6000 Höhenmeter) erreicht er sein Ziel ...

... den Santa Monica Pier in Los Angeles. Seine anvisierte Zeit von 96 Stunden hat er überschritten, aber er hat etwas Größeres gezeigt: dass Weitermachen immer lohnt – und dass die Community dich trägt. Millionen Menschen verfolgten Ardas Lauf, feuerten ihn an – und schufen so eine große kollektive Erinnerung.

YouTube: @ardasaatci1357

Naivasha, Kenia

Auf Flughöhe

Was hilft bei schwierigen Bodenbedingungen? Einfach mal abheben, dachten sich Adrien Fourmaux und Alexandre Coria. Und so sprangen Fahrer und Beifahrer des Hyundai Shell Mobis World Rally Teams in der afrikanischen Savanne über die Kuppe. Auf der teils sehr schlammigen Strecke schieden viele Teams aus. Fourmaux und Coria arbeiteten sich vom sechsten auf den zweiten Platz vor und holten so den ersten Podiumsplatz der World Rally Championship 2026 für ihr Team. Wenn das kein Grund zum Abheben ist!

Alles auf Gelb!

Am 4. Juli startet die Tour de France – wir zeigen die Mutter aller Radrennen in Daten und Zahlen.

Daten und Text Tin Fischer Illustration Tobias Wanders

Jäger und Gejagter

2025 sah das Treppchen so aus. Pogačar und Vingegaard gehen auch in diesem Jahr wieder als Favoriten ins Rennen.

Zum Nachkaufen

Alles andere als perfekt geht bei der Tour de France nicht: Zwischen 14.000 und 19.000 Euro zahlt man im Handel für Räder, die auf der Tour gefahren werden.

! 5800 Mio.

! 180 Mio.

! 118 Mio. Französische Cashcow?

Eiffelturm

180 Millionen Euro beschert die Tour ihrem Veranstalter, der Amaury Sport Organisation, so eine Schätzung von Bloomberg. Das ist weit mehr, als der Eiffelturm jährlich mit Eintritten einnimmt – aber ein Klacks im Vergleich zum französischen Champagner-Geschäft.

Gesamtsieger nach Nationen

Noch immer führt Frankreich das Länderklassement mit 36 Siegen an – der letzte war allerdings 1985. Die Tour wird immer internationaler – oder zumindest europäischer. Nur einen Gesamtsieg: Irland (1987) Deutschland (1997) Australien (2011) Kolumbien (2019)

Champagner
Tour de France
Red Bull - BORA - hansgrohe plus 11 Min 00 Sek
3. Florian Lipowitz
UAE Team Emirates-XRG 76 Std 00 Min 32 Sek
1. Tadej Poga č ar
Team Visma | Lease a Bike plus 4 Min 24 Sek
2. Jonas Vingegaard

Echte Handarbeit

Der Wowcube verpasst dem Rubik’s Cube ein Update. Für Tech-Checker Kirafin ist der Würfel bereits gefallen.

Vielseitig bespielbar:

Neben verschiedenen

Games zeigt der Cube auch das Wetter an.

Das Teil

Dieser Würfel ist eine Konsole. In Gestalt des legendären Rubik’s Cube sind auf den 24 Flächen nicht bloß Farben, sondern Screens, auf denen Spiele wie „Space Invaders“ oder „2048“ laufen. Steuerbar durch Drehen, Kippen, Schütteln, Tippen. Erhältlich via wowcube.com

Der Hype

Kirafin heißt bürgerlich

Jonas Willbold, ist 31 und unterhält seine

1,3 Millionen Follower auf TikTok mit ComedyFormaten. Nebenbei folgt er seiner Faszination für Tech-Produkte und -Trends. Für uns nimmt er aktuelle Hypes unter die Lupe.

Geht vor allem auf YouTube Shorts durch die Decke. Das erfolgreichste Video von Emily’s Playhouse hat unfassbare 486 (!) Millionen Views.

Der Check

Macht Spaß und trainiert Motorik sowie Hand-AugeKoordination. Geeignet für jede Altersklasse, ideal für Familien. Mit 399 Dollar allerdings grenzwertig teuer.

MUST-HAVE-FAKTOR

Perfekt für … … alle, die den klassischen Rubik’s Cube durchgespielt haben.

Ungeeignet für … … alle, die in ihrem Leben ohnehin schon unter Bildschirm-Overkill leiden.

THE COO LER B RA ND

Bitte beschreib dich in 3 Emojis.

Du surfst, snowboardest, skatest: Was genau lösen Boards in dir aus?

Und für welche Sportarten fehlt dir jedes Talent?

Deine 3 Must-haves für diesen Sommer?

Worin besteht noch mal der Reiz deiner neuen Heimat Köln?

Viele deiner Abenteuer erlebst du mit deinem Kumpel Leon Labu. Was macht eure Freundschaft aus?

Challenges, Kurzfilme: Du giltst als besonders kreativer Creator. Was brauchst du, um auf gute Ideen zu kommen?

In deinen Videos kommst du meist relaxt und sympathisch rüber. Deine Tipps für mehr Gelassenheit?

Und wie gehst du mit dem Druck um, immer wieder Neues liefern zu müssen?

WHEN ALL IS SAID AND DONE, WAS IT SAID OR WAS IT DONE?

Elle Fanning

hat sich vom Kinderstar zur Schauspielgröße entwickelt. Ihr Rezept: Sie umgibt sich mit den richtigen Menschen, folgt ihren Leidenschaften – und nimmt täglich ein Bad.

Text Rüdiger Sturm

Elle Fannings Jahre als Teenager waren nicht die einfachsten: „Ich bin schnell gewachsen. Deshalb hatte ich niedrigen Blutdruck und fiel dauernd in Ohnmacht. Ich dachte mir: Wenn man sich eines Tages an mich erinnert, dann wird man nur daran denken“, meint die 28-Jährige mit einem Lachen.

Man kann die Sache natürlich auch anders sehen und sich an Elle Fanning wegen ihrer Rolle als Katharina die Große in der Historienserie „The Great“ oder als Schauspielerin Rachel im (in diesem Jahr mit einem Oscar ausgezeichneten) Film „Sentimental Value“ erinnern. Oder aber für ihren Part in der neuen Apple-TVSerie „Only Margo“, in der sie sich als Schwangere mit skurrilen Jobs durchschlägt. Vielleicht wird man sich aber auch deshalb an sie erinnern, weil Fanning sowohl als Mensch wie auch als Charakterdarstellerin einen weiten Weg gegangen ist.

Eintauchen in die Fantasie

Dabei waren die Umstände alles andere als einfach. Denn die in Georgia geborene Fanning wurde im Scheinwerferlicht der Kameras groß. Schon als Dreijährige war sie neben Sean Penn im Drama „Ich bin Sam“ zu sehen. Es folgte eine ganze Reihe großer Filme, von „Babel“ bis „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, bis sie –zwölfjährig – 2010 mit Sofia Coppolas „Somewhere“ endgültig ihren Durchbruch feierte.

Diese frühe Karriere hatte viel mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Dakota zu tun, die als Kinderdarstellerin in Filmen wie „Mann unter Feuer“ für Furore sorgte. „Ich dachte mir: Das möchte ich auch ausprobieren. Und wenn du dann in einer Welt bist, wo du dich verkleiden

On point

Geboren 1998 in Conyers, Georgia; spielte als Kind mehrfach die jüngere Version ihrer Schwester Dakota; verpasste 2016 ihren Abschlussball, um an einer Filmpremiere in Cannes teilzunehmen; vier ihrer Filme waren bereits für einen Oscar als „bester Film“ nominiert

und spielen kannst, merkst du, dass es nichts Schöneres gibt. Du lebst in deiner Fantasie und kannst etwas erscha en.“

Doch während andere Kinderstars bald wieder in der Versenkung verschwinden, konnte sich Elle Fanning ihren Traum erfüllen. Ein entscheidender Faktor dabei: ihre Mutter Hannah Joy Arrington: „Sie hat die Träume von meiner Schwester und mir gefördert, indem sie ihre eigenen zurückgestellt hat.“ Aber sie machte den Töchtern keine falschen Illusionen: „Sie hat mir erklärt, dass das Leben voller Enttäuschungen ist. Aber die Frage ist: Wie gehst du damit um? Lässt du’s zu, dass dich das kaputt macht, oder kommst du wieder auf die Beine?“

Und wie kommt man auf die Beine?

Fannings Antwort: „Du musst deiner Leidenschaft folgen und einfach weitermachen, egal wie.“ Genau das war auch ein wichtiger Faktor in ihrem Entwicklungsprozess. Aber es gab noch eine weitere wichtige Erkenntnis. Die vermittelte ihr Nicole Kidman, mit der sie vor zehn Jahren für „Die Verführten“ zum ersten Mal vor der Kamera stand und die auch in „Only Margo“ ihre Partnerin war: „Sie meinte zu mir: ‚Du musst dir deine Crowd suchen.‘“ Das heißt: „Du musst dich mit Menschen umgeben, die dich ehrlich unterstützen. Speziell in dieser Branche gibt es Leute, die dich aus den falschen Gründen lieben oder aus den falschen

Gründen mit dir zusammen sein wollen. Schütze dich und lerne dich selbst kennen, dann findest du die richtigen.“

Das hat in Elles Leben für Stabilität gesorgt: „Ich entwickle mich ständig weiter, denn ich habe einen festen Kern von Menschen, der mich umgibt – das sind meine Familie, das sind Freunde, die ich seit Ewigkeiten kenne, und natürlich auch meine Schwester, die für mich ein Vorbild ist. Sie haben mir geholfen, meine Stärke in mir selbst zu finden. Dieses Gefühl bekomme ich auch, wenn ich mit anderen Kreativen zusammen bin. Das feuert die Leidenschaft an. Und wenn du dann mal Phasen von Schwächen und Zweifel hast, kommst du leichter darüber hinweg, wenn du deiner Passion treu bleibst.“

Adieu der perfekten Welt

Mit ihrer Haltung lässt sich Elle Fanning nicht von oberflächlichen Vorstellungen beirren: „Heutzutage haben die Menschen so viele Vorurteile, was besonders durch die sozialen Medien verschärft wird. Denn die drängen dir die ganzen Vergleiche mit anderen Leuten auf. Du schaust dir diese Bilder an, auf denen jeder perfekt rüberkommen will. Aber wir leben nicht in einer perfekten Welt. Keiner kann perfekt sein.“ Elle Fanning bleibt sich lieber selbst treu: „Ich will nicht in eine Schublade gepackt werden, sondern als Schauspielerin alles ausprobieren.“ Mit ihrer Leidenschaft kann sie, wie sie zugibt, schon mal frustriert sein. Aber sie behält trotzdem die Kontrolle: „Ich habe keine Wutausbrüche, schon gar nicht bei der Arbeit.“

Um ihre Batterien aufzuladen, nimmt sie am liebsten ein Bad – und zwar jeden Abend: „Ich mache das, seit ich klein bin. Das beruhigt mich enorm, und gleichzeitig ist das ein Freiraum, wo ich nachdenken kann.“ Und wenn Fanning an die Zukunft denkt, wie wird und will sie sich weiterentwickeln? „Ich möchte nicht von dem abweichen, woran ich glaube. Ich will meinen persönlichen Blickwinkel auf die Welt haben. Und für den möchte ich mich nicht entschuldigen müssen.“

Instagram: @ellefanning Derzeit ist sie in der Serie „Only Margo“ auf Apple TV zu sehen.

„Enttäuschungen gehören zum Leben. Am besten einfach weitermachen, egal wie.“
Ratschläge wie diesen bekamen Elle und Dakota Fanning von ihrer Mutter.

Yūto Horigome

ist für seine präzisen wie spektakulären Tricks bekannt. Zweimal schon bescherten sie

dem Skater

Olympia-Gold. Den Mut, sie zu wagen, verdankt er seiner Community.

Die Karriere des Yūto Horigome hätte es eigentlich nie geben sollen. Ryota Horigome, ein Taxifahrer aus dem Norden Tokios, verspricht seiner Frau, nach der Hochzeit nicht mehr Skateboard zu fahren. Skater gelten im Japan der 90er-Jahre als Außenseiter und Rowdys. Ryota gelobt, mit dem Sport aufzuhören – und tut es doch nicht. „Meine allererste Erinnerung ans Skateboarden ist, wie mein Vater mich auf sein Brett stellte, als ich noch fast ein Baby war“, sagt Yūto Horigome, der 1999 geboren wurde.

Erst Kindheitsfoto, dann Medaille

Am 22. Juli 2021, zwei Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio, postet er rührende Kindheitsfotos von sich und Ryota. Skateboarding feiert seine olympische Premiere – wenige Kilometer von dem Park entfernt, wo er mit sechs Jahren mit seinem Vater das Skaten gelernt hat. Auf Yūtos Post sieht man ihn als ungefähr Zehnjährigen, wie er einen Ollie über einen am Boden liegenden Freund seines Vaters macht. Mit 22 Jahren gratuliert ihm Japans Premierminister zur Goldmedaille im eigenen Land.

Dem Ansehen des Sports in Japan hat das einen Boost gegeben, ganz im Alltag angekommen ist er aber noch immer nicht. Obwohl Männer wie Frauen bei Olympia Gold holten, kommt es beim Streetskaten in Tokio noch vor, dass Yūto vertrieben wird. Selbst wenn er seine Medaille erwähnt: „Ich hab’s probiert, aber es war ihnen egal.“ Wegen Erfahrungen wie dieser war Yūto als Teenager klar, dass er nach Kalifornien muss, wenn er es im Skateboarding weit bringen möchte. Mit seiner Mutter, ausgerechnet, flog er zu ersten Wettkämpfen in die USA. Mit 18 Jahren zog er nach Los Angeles.

bringen – wo er technisch perfekt, aber emotional eher reserviert auftritt. „Vor einem Wettkampf bin ich einfach ziemlich nervös“, erklärt Yūto. Entspannter ist er beim Skaten auf den Straßen Tokios, wo er aufgewachsen ist. „Dort habe ich nicht nur Tricks gelernt, sondern auch, wie man echte Verbindungen mit Menschen aufbaut, mit Misserfolgen umgeht und alles um sich herum zu schätzen weiß. Das hat mich gelehrt, eigene Entscheidungen zu tre en und Verantwortung für sie zu übernehmen.“

On point

Alter 27; kommt aus Kōtō, Tokio; lebt heute in Los Angeles; Skateboard-Disziplin Street; größte Erfolge Olympia-Gold in Tokio (2021) und Paris (2024); Fan von KinoFilmen à la „Fast & Furious“

Trotz erster Erfolge merkt er, wie krass hoch das Skatelevel in den USA ist, „dass ich neue Tricks brauche, neue Ideen, um Contests zu gewinnen“. Das bedeutet auch: mehr Risiko. „Neue Tricks sind immer mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Besonders wenn ich allein skate“, sagt Yūto. Sein Ausweg: „Mit Freunden skaten hilft. Wenn sie auch an etwas Neuem arbeiten, können wir uns anspornen.“ Die extrovertierten Kalifornier nahmen den schüchternen Japaner herzlich auf: „Die Skatekultur ist sehr o en. Der Übergang war einfach“, sagt Horigome. Er entwickelt einen eigenen Stil, mit brutal schweren Signature-Tricks wie dem nollie backside 270 noseslide 270 out: Absprung über die Nose des Bretts – 270-GradDrehung – Landung auf Rail – mit Nose hinunter rutschen – erneute 270-GradDrehung – Landung. Den vielen Drehungen verdankt er seinen Spitznamen „Yutornado“.

Fan-Power in München

Einen besonderen Moment erlebt Yūto 2017 bei einem Contest in München. „Bei meinem letzten Best-Trick-Versuch stand das gesamte Publikum auf und jubelte. Ich erinnere mich an diesen Moment – er hat mir viel Energie und Selbstvertrauen gegeben, obwohl ich so weit von zu Hause entfernt war.“ Manch einem Fan mag es schwerfallen, so eine Aussage mit Yūtos Auftritten bei Contests zusammenzu-

Der erste Olympiasieg war Segen und Fluch. Segen, weil er als eines von drei Kindern eines Taxifahrers mit Anfang zwanzig plötzlich viel Geld verdiente und mit Promis wie Lil Wayne oder Pharrell Williams abhing. Fluch, weil damit zwar ein Traum erfüllt, aber eben auch erledigt war. Yūto brauchte einige Zeit, um neuen Antrieb zu finden. Für die nächsten Olympischen Spiele in Paris qualifizierte er sich erst im vorletzten Wettbewerb und mit dem allerletzten Trick. Das folgende zweite Gold zeigte aber, dass er wieder ganz bei sich ist. Wie respektiert Yūto auch beim harten Kern der Skateboardwelt ist, sieht man übrigens beim Tampa Pro Contest. Hier ist die Szene unter sich, in einer kleinen, proppenvollen Halle. Yūto gewann ihn 2023 und 2024, im April 2026 wurde er knapp Zweiter.

Sein Glück liegt auf der Straße Am glücklichsten kann sich schätzen, wer Yūto beim Skaten auf der Straße erlebt. Was sonst nur seinen engsten Freunden oder Fotografen vorbehalten ist, wird jetzt bei Red Bull Spot Check in Hamburg für alle möglich sein. Gemeinsam mit anderen Pros und der lokalen Community stoppt Yūto einen Tag lang an verschiedenen Spots der Stadt, skatet und hängt ab. „Das Format hat ein authentisches StreetFeeling, bei dem es mehr um den Flow geht. Es ist ein Rahmen, in dem ich natürlicher skaten kann. Es wäre toll, wenn alle die Atmosphäre spüren und wir gemeinsam Spaß haben können.“ Klingt nach einem Plan.

Instagram: @yutohorigome

Sei dabei, wenn Yūto und weitere Pros am 1. August bei Red Bull Spot Check in Hamburg skaten.

Infos: redbull.com/spotcheck

„Mein Vater stellte mich aufs Skateboard, da war ich fast noch ein Baby.“
in jungen Jahren.
Yūtos Reise zu Olympia-Gold begann schon

Arlo Parks

wurde mit 22 zur Stimme ihrer Generation –bis sie merkte, dass sie vergessen hatte, zu leben. Hier erklärt die Sängerin, wie sie auf der Tanzfläche wieder zu sich fand.

Manchmal verändert sich das Leben tatsächlich über Nacht: Arlo Parks war gerade einmal 22 Jahre alt, als sie bei den BRIT Awards als „Best New Artist“ ausgezeichnet wurde und zur Stimme einer europäischen Generation avancierte. Während ihre Freunde in London feierten, tourte sie bereits um die Welt.

Die Londoner Sängerin, die mit bürgerlichem Namen Anaïs Marinho heißt, begann im Alter von 14 Jahren Songs zu schreiben und hatte bereits einen Plattenvertrag, bevor sie ihr Abitur abgeschlossen hatte. Heute ist Parks 25 Jahre alt, ihre Tracks wurden hunderte Millionen Mal gestreamt, und 2021 gewann sie den Mercury Prize, Großbritanniens renommiertesten Albumpreis, für ihr Debütalbum „Collapsed in Sunbeams“.

Parks lebt ihren Kindheitstraum, musste dafür aber einen Preis zahlen. Im Mai 2022 zog sie nach Los Angeles, doch nur vier Monate später strich sie mehrere Konzerte ihrer US-Tour – sie hatte einen Burnout nach 18 Monaten mit durchgehenden Auftritten. Seither hat sie einen Gang zurückgeschaltet, Wurzeln geschlagen und das Nachtleben nachgeholt, das ihr in jungen Jahren verwehrt geblieben war. Das Ergebnis ist ihr drittes Album „Ambiguous Desire“: verträumt und tanzbar zugleich, vom Clubbing inspiriert, aber so persönlich wie eh und je. Neue Klarheit fand sie auf der Tanzfläche. „In diesen Räumen fallen meine Mauern“, sagt Parks. „Und ich glaube, ich konnte diese Energie ins Studio mitnehmen.“

the red bulletin: Wie gefällt dir das Leben in L. A.? arl, ­ar.s: Ich mag die Sonne, das Tempo, die Natur – und dass ich hier jeden Tag boxen kann. Ich war schon

On point

Alter 25; geboren in London; lebt heute in Los Angeles; größter Hit „Eugene“; aktuelles Album „Ambiguous Desire“; Zweit-Kunst Gedichte schreiben; Kreativ-Peak nachts; prominente Fans Billie Eilish, Michelle Obama

immer sportlich, habe auf hohem Niveau Feldhockey gespielt und dachte lange, das würde mein Leben werden. Neben dem Boxen laufe ich regelmäßig und stemme Gewichte – Bewegung erdet mich.

Dein neues Album ist vom amerikanischen Nachtleben inspiriert. Warum dieser Wandel?

Es war das Ende einer Phase endlosen Tourens, in der ich kaum dazugekommen bin, zu leben. Ich fragte mich: Was bedeutet es, wirklich zu leben? Anzukommen, spontan zu sein, Spaß zu haben? Diese Haltung hat sich auf die Musik übertragen.

Neben L. A. hast du viel Zeit in New York verbracht. Welche Rolle hat diese Stadt für dich gespielt? Dort gibt es eine unglaubliche Club-Kultur sowie eine einzigartige Musikgeschichte. Ich habe mich in die Geschichte von Nachtclubs wie der Paradise Garage, The Loft und dem Studio 54 vertieft und mich gleichzeitig in die heute noch existierenden Orte gestürzt.

War das ein Versuch, das verpasste Nachtleben deiner Teenagerjahre nachzuholen?

Auf jeden Fall. Viele Menschen haben während des Studiums Zeit, um in diese Welt einzutauchen. Ich war aber schon

mit siebzehn auf Tour. Es war also das erste Mal, dass ich mich wirklich fallen lassen konnte. Ich glaube, das braucht jeder Mensch einmal im Leben: einfach tanzen, für ein paar Monate.

Muss man denn dafür überhaupt in einen Club?

Nicht unbedingt. Manchmal räumen wir bei mir zu Hause die Möbel zur Seite, legen Janet Jackson auf und tanzen durch das Wohnzimmer. Tanzen und Bewegung sind für jeden möglich – überall.

Was macht Tanzen so transformativ?

Es holt dich aus dem Kopf und bringt dich in deinen Körper – auf eine Weise, die sonst kaum möglich ist. Du handelst nur noch aus dem Bauch heraus, spürst dich selbst und bist Teil von etwas Größerem. In diesen Momenten liegt mein Herz nah an der Oberfläche. Genau dieses Gefühl wollte ich mit meinem neuen Album vermitteln: Man soll sich darin verlieren und sich gleichzeitig selbst finden können.

Hast du Selbstzweifel, wenn du deinen Sound veränderst?

Immer. Das gehört dazu, wenn man sich selbst herausfordert. Du spürst, wie der Boden unter deinen Füßen nicht ganz fest ist. Aber das bedeutet auch, dass du dich bewegst und wächst. Jedes meiner drei Alben hatte einen anderen Prozess – von Anfang bis Ende gab es nie Gewissheit.

Wie wichtig ist es dir, deine Queerness in deiner Musik widerzuspiegeln?

Für mich geht es weniger darum, Sprachrohr zu sein, als vielmehr darum, über die Menschen zu reden, die ich liebe, über Gemeinschaft und darüber, was ich verkörpere. Ich bin queer, und das spiegelt sich in meinen Songs wider. Ich fühle mich glücklich, in einer Zeit zu leben, in der sich immer mehr Künstlerinnen und Künstler o en zu ihrer Queerness bekennen. Manche Menschen hatten schon immer Angst vor dem Anderssein. Ich versuche, O enheit in die Welt zu schicken.

Instagram: @arlo.parks

„Das braucht jeder mal im Leben: einfach tanzen, für ein paar Monate.“
Nach ihrem Umzug nach L. A. nahm sich Parks Zeit für die wichtigen Dinge.
Ganz in den Moment eintauchen: Surf-Pro Leon Glatzer in seinem Element beim Dreh der Red Bull TV Surf-Doku
„Against Gravity“

FEEL THE REAL

WIE WÄR’S, WENN WIR DIESEN

SOMMER GANZ IM HIER UND JETZT VERBRINGEN? EIN AUFRUF.

Der Alltag: eine lange To-doListe, zwanzig offene Tabs, ein Dutzend Termine. Das Abenteuer: Du liegst auf deinem Board im Atlantik, die Sonne brennt auf den Neo, das Wasser spült vorbei, und plötzlich ist alles ganz einfach: Erwischst du die Welle oder nicht? „One thing you learn from surfing is how to operate in the present“, sagt die Siebzigerjahre-Surf-Ikone Gerry Lopez. Das Gleiche gilt natürlich, wenn du mit dem Bike auf Wald-Trails unterwegs bist und die Sonnenstrahlen alles in flackerndes Neongrün tauchen. Wenn das Runner’s High kickt bei der Laufrunde am Fluss oder du dich mit Freunden in den Open-Air-Beats im Park verlierst.

Immer wieder duckt sich der Deutsche im Training unter die Wellen. Manchmal entdeckt er dabei schöne Korallen oder Meeresschildkröten.

Mountainbikerin

Hannah Bergemann nach ihrem ersten Run bei Red Bull Rampage. Wichtiger als der zweite Platz ist das Gefühl: Just did it!

Oft wartet das Abenteuer nur ein paar Straßen weiter - wie hier bei Skater Alex Sorgente in Buenos Aires.

Beim Skaten, Tanzen oder Lachen spüren wir die Realität. Was, wenn in diesem Sommer das Abenteuer Alltag wäre? Motto: Feel the Real.

60 Prozent der Generation Z wünschen sich, sie könnten in eine Zeit zurückreisen, bevor wir immer online waren – und das Leben echter war. Ist ja klar: Wenn du nicht Stunden am Tag vor dem Bildschirm sitzt, verbringst du mehr Zeit im Hier und Jetzt. Aber es geht um mehr als Screen Time. 2026 können wir in Sekunden eine Reise buchen oder den Menschen fürs Leben finden. Wir sind allmächtig. Und fühlen uns oft so kraftlos.

Eines der viralsten Videos der letzten Monate: Eine Gruppe Schüler steht in einem Flur, wartet auf irgendetwas. Niemand schaut in die Kamera. Keine Posen, keine Dance Moves. Nur fragwürdige Frisuren und ganz viel Freiheit. Knapp 20 Millionen Likes auf TikTok. Der Titel des Videos: „Highschool in the 90s“. Jemand schwärmt: „Es war ihnen egal, dass sie gefilmt werden.“

Die Neunziger sind nicht wegen bauchfreier Tops oder weiter Jeans so anziehend, sondern weil wir ein Leben sehen, das auf dem Planeten Erde spielt und trotzdem Lichtjahre entfernt wirkt. Menschen, die miteinander sprechen oder sich zumindest zusammen langweilen. Sie scheinen unfassbar viel Zeit zu haben. Der 90s-Soundtrack ist Programm: „Right Here, Right Now“ (Fatboy Slim). „Be Here Now“ (Oasis). „All I can taste is this moment“ (Goo Goo Dolls, „Iris“) – mehr als 30 Jahre nach Release wieder in den Top 25 auf Spotify.

Be the beat: DNPRI gibt alles auf dem Dancefloor und kam im World Final von Red Bull Dance Your Style unter die Top 4.

Goldene Stunden:

Beim Klettern können Natur, Licht und Mensch ineinander versinken – wie hier Sasha DiGiulian im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien.

A A A A

Stadt als Spielplatz: Bei einem Backflip während eines Parkour Jam in Boston sieht die Welt für die Athletin Egg Klickstein plötzlich ganz anders aus.

Für die meisten ist Ibiza die perfekte Urlaubsinsel. Nathalie Pohl schwamm über 100 Kilometer um sie herum – und fühlte sich „im Meer wie zu Hause“.

WIR BRAUCHEN NICHT MEHR FILTER UND A DEN MUT, EINFACH NUR A

Menschen, die in den Neunzigerjahren dabei waren, er zählen gern, dass es gar nicht so großartig war. An vielen Tagen ist einfach nichts passiert. Wenn man sich ausgesperrt hatte: kein Handy, kein Schlüsseldienst per App, kein Wallet im Phone. Heute würde man Skatevideos auf dem Handy schauen, bis die Mitbewohner kommen. Damals ging man vielleicht in den Skatepark und schaute, was passiert. Gerade die Idee des Ungeplanten wirkt heute radikal: Du sitzt im Park und weißt nicht, was der Tag bringt.

Vielleicht kommt ein Mensch oder eine Idee vorbei, die alles verändert?

Also, back to the future: In Berlin und Tokio entstehen „ Listening Clubs“, in denen sich Crowds schweigend eine ganze Vinylplatte anhören. In den boomenden Offline-Clubs gibt man sein Smartphone ab und kann in Ruhe stricken, spielen, reden, sein. Alles gute Ideen, aber Vorsicht: Es geht nicht darum, noch ein Projekt zu starten, ein Abo im Offline-Club abzuschließen. Wir brauchen nicht mehr Filter und To-dos, sondern den Mut, einfach mal da zu sein. Wir haben alles, was wir brauchen. Neulich am Gardasee: Ein junger Typ auf einem Mountainbike nimmt einen Drop, den er sich vorher drei Mal angeschaut hat. Er landet, steht da – und grinst einfach nur. Kein Video, keine Story. Nur der Moment und das Gefühl: Das war echt. Auf Festivals sieht man immer mehr Menschen, die einfach tanzen, ohne die Hand mit dem Handy in der Luft. So kann Feel the Real aussehen. Nicht in den Neunzigern. Hier und jetzt.

Nächster Halt: Barcelona. Von hier startet Florian Lipowitz mit Red Bull - BORA - hansgrohe am 4. Juli zur 113. Austragung der Tour de France.

DER STILLE RACER

Aus dem Schatten: In Rekordzeit arbeitete sich „Lipo“ vom Nachwuchstalent in den Kreis der Führungsfahrer seines Teams.

Er wurde Dritter bei der Tour de France. Was er sich danach am meisten wünschte, war Ruhe. Florian Lipowitz ist der neue Star des deutschen Radsports – und der unwahrscheinlichste.

Das ist die Geschichte eines Quereinsteigers von der Schwäbischen Alb. Von einem, der die Stille sucht, um der Beste zu sein. Notfalls oben auf einem Vulkan.

Text Christof Gertsch

Fotos Portrait Max Manavi-Huber

Fotos Reportage Maximilian Fries

Doppelt spitze: Gemeinsam mit dem Belgier Remco Evenepoel (li.) bildet Lipowitz das Führungsduo des Teams.

Abteilung

Attacke: Im Rennen setzt Lipowitz gerne unerwartet zum Spurt an – und lässt das Feld auf diese Weise oft hinter sich.

EEine Stunde. So weit ist das Meer vom Teide entfernt. Eine Stunde Autofahrt, und man ist unten in Puerto de la Cruz, mitten im Touristenlärm, mitten im Leben. Florian Lipowitz aber fährt nicht hinunter. Drei Wochen lang nicht. Ende Februar ist er hier oben eingezogen, auf 2200 Metern, in ein karges Zimmer im einzigen Hotel am Teide – jenem 3715 Meter hohen Vulkankegel, der die Passatwolken staut und die Insel Teneri a überragt. Wer von der Küste heraufkommt, durchquert sechs Vegetationszonen, fährt durch Lorbeerwälder im Nebel, durch Pinienwälder, die nach Harz riechen, bis auch sie verschwinden und einer kargen, mondähnlichen Vulkanlandschaft weichen, in der, oben in der dünnen Luft, eine beinahe klösterliche Stille herrscht.

Das ist jetzt das Zuhause von Florian Lipowitz, 25 Jahre alt. Für drei Wochen, bis Mitte März die Ko er wieder gepackt werden und es weitergeht zu den nächsten Rennen. Hier trainiert er, vier, fünf Stunden am Tag. Hier findet er seinen Tritt für die Wettkämpfe im Sommer. Und hier fehlen ihm, jeden Tag, die Menschen, die ihm am meisten bedeuten.

Würde man ihm in einer Fußgängerzone begegnen, käme man nicht auf die Idee, dass er einer der besten Radfahrer der Welt ist. Mit seinem Babyface, den großen Augen und der etwas scheuen Haltung wirkt er eher wie jemand, der gerade sein Abitur gemacht hat und noch nicht ganz weiß, was als Nächstes kommt. Dabei ist Florian Lipowitz, das muss man

Auf einer Linie: Lipowitz (li.) und Remco Evenepoel verstehen sich auch abseits der Rennstrecke.

so sagen, der neue Star des deutschen Radsports. Und bei seinem Debüt 2025 im Trikot von Red Bull –BORA – hansgrohe beim größten, härtesten Radrennen der Welt, der Tour de France, sofort Dritter.

Er hatte früh Rückstand, die erste Woche lief schlecht. Doch während andere langsam nachgaben, wurde Lipowitz stärker. Von Tag zu Tag. Im Team nannten sie ihn den „Diesel“: einer, der einfach fährt und fährt und fährt. Am Ende stand er auf den Champs-Élysées auf dem Podium im weißen Trikot des besten Jungprofis, vor ihm in der Gesamtwertung nur Tadej Pogač ar und Jonas Vingegaard, die zwei besten Radfahrer der Welt.

Florian Lipowitz ist ein junger Mann, der eigentlich ein ganz normales Leben führen möchte. Abende auf dem Sofa mit seiner Partnerin Antonia Weeger, selbst professionelle Mountainbike-Fahrerin. Nachmittage bei seinen Eltern in Laichingen auf der Schwäbischen Alb, auf eine Brezn, ohne sich zu fragen, ob das jetzt eine zu viel ist. Keine Gedanken daran, ob die Welt oder sein Ernährungsberater gerade zuschaut. „Wenn man sich zu sehr einschränkt, geht meiner Ansicht nach Lebensfreude verloren – und damit auch Leistung“, sagt er. „Ich bin lieber ausgeglichen als dogmatisch. Ab und zu ein Stück Kuchen? Das gehört einfach dazu.“

Das heißt nicht, dass er den Erfolg nicht will –er will ihn sehr. Darum ist er hier, auf dem Teide. Darum quält er sich durch diese langen Tage im Sattel. Die Höhe zwingt den Körper zur Anpassung: In der dünnen Luft nimmt das Blut weniger Sauersto auf, der Organismus reagiert, indem er mehr rote Blutkörperchen produziert. Natürliches BlutTuning, ganz legal und sehr wirksam – der Grund, warum sich im Frühling regelmäßig mehrere WorldTour-Teams gleichzeitig auf dem Teide einquartieren. Wer im Sommer bei der Tour de France konkurrenzfähig sein will, kommt hierher. Die E ekte sind nach der Rückkehr ins Tal noch monatelang messbar. Lipowitz ist zum vierten Mal hier. Er weiß, dass es sein muss.

Neben ihm trainiert von Ende Februar bis Mitte März auf dem Teide auch Remco Evenepoel. Man

Schnelle Beine: Mit vorderen Plätzen bei Rennen wie der Tour de Romandie oder der BaskenlandRundfahrt startete „Lipo“ stark ins Jahr 2026.

„RADFAHREN

IST WIE EINE ART DROGE.“

könnte kaum zwei Menschen finden, die einander unähnlicher sind. Es sagt viel über Lipowitz.

Evenepoel: Belgier, gleicher Jahrgang, aber schon Olympiasieger, Weltmeister, Gewinner der Spanienrundfahrt. Ein Nationalheld in einem Land, das Radfahrer verehrt wie Brasilien Fußballer. Ein Mann mit Millionen Followern in den sozialen Medien, mit einer Vita, die sich liest wie eine Erfindung: einst hochtalentierter Nachwuchsspieler bei Anderlecht, ehe ein Beckenbruch seine Fußballkarriere beendete und das Rennrad zu seiner neuen Welt machte.

Als vergangenes Jahr bekannt wurde, dass Evenepoel 2026 zu Red Bull – BORA – hansgrohe wechseln würde, dachten viele sofort: Das gibt Konflikt. Zwei

Fahrer, die dasselbe wollen, Erfolg bei der Tour de France, im selben Team – wie soll das gehen? Lipowitz, so die einhellige Meinung, müsse fuchsteufelswild sein.

Tatsächlich aber dachte Lipowitz: Wie gut, dass Evenepoel da ist. Dann habe ich wieder Ruhe. Und das denkt er auch jetzt noch, auf dem Teide, nachdem er Evenepoel endlich ein wenig kennengelernt hat – und Evenepoel ihn. Diesen Mann, der das Rampenlicht nicht nur notgedrungen erträgt, sondern es gierig aufzusaugen scheint. „War gut“, sagt Lipowitz, wenn man ihn fragt, wie die erste gemeinsame Ausfahrt war. Kein Wort zu viel. Aber man merkt, es war wohl wirklich so: gut.

„WENN MAN SICH ZU

Geballtes Tempo: Lipowitz’ Team Red Bull – BORA –hansgrohe in Aktion auf aerodynamischen Zeitfahrrädern

Angereist waren sie getrennt, aber am ersten Trainingstag stiegen sie gleich zusammen aufs Rad. Ein paar Höhenmeter hinunter in den Nebel, wieder hinauf in die Sonne, in den Wind, vorbei an den Mietautos der Tagesausflügler, die sich auf der Passstraße stauten – zwei Männer, auf die im Juli alle Augen gerichtet sein werden, allein am Berg.

Das Team hatte die Trainingslager bewusst so organisiert, dass sie sich überschneiden, in der Honung, dass die Stille des Vulkans vollbringt, was kein Teambuilding-Event der Welt leisten kann. Betreuer und Trainer folgen den beiden im Begleitauto durch die Serpentinen – und erleben etwas, das sie selbst überrascht: Evenepoel und Lipowitz reden. Ohne Pause. Wie alte Freunde, die sich viel zu lange nicht gesehen haben. Es ist fast rührend, wie schnell sie hier zusammenfinden – und ebenso rührend, wie sehr das Team sich darüber freut. Head Coach John Wakefield wird es später so formulieren: „Remco und Florian – das ist Yin und Yang. Feuer und Eis. Zwei Gegenpole, die einander nicht bedrohen, sondern befreien.“

So sieht das auch Lipowitz. Er war ein wenig nervös vor dem ersten richtigen Kennenlernen mit Evenepoel. Früher im Jahr hatten sie sich schon kurz getro en, aber nie wirklich allein, nie ohne das ganze Drumherum. Und dann stellten sie fest: Es eint sie mehr, als sie gedacht hätten. Allen voran die Liebe zum Radfahren selbst.

„Radfahren ist die einzige Sportart, bei der man wirklich die Landschaft erkunden kann“, sagt Lipowitz. „Den Pass, das Tal dahinter, die nächste Kurve.“ Er liebt dieses Gefühl, wenn der Tritt rund wird und man in einen Rhythmus gleitet, aus dem man nicht mehr herauswill. „Das ist wie eine Art Droge“, sagt er. Was er nicht liebt, ist das, was danach kommt. Was die Tour de France 2025 mit ihm gemacht hat –nicht auf dem Rad, sondern neben dem Rad. Schon die letzte Rennwoche setzte ihm zu: die plötzliche Aufmerksamkeit, die vielen Medientermine, die langen Stunden nach den Etappen, die er nicht der Erholung widmen konnte, weil noch so viel anstand. Man sagte ihm, das gehöre jetzt dazu. So sei das, wenn man einer der Besten ist.

Er kämpfte sich durch, scha te es, stand in Paris auf dem Podest. Kaum zu Hause, merkte er: Es war

zu viel gewesen. Und es wurde nicht weniger. Wildfremde Menschen klingelten zehn-, zwölfmal am Tag an der Haustür seiner Eltern. Nachrichten, Interviewanfragen, Glückwünsche vom Bundeskanzler. „Ich hatte keine Ruhe, konnte nicht abschalten“, erzählt er. Er wurde krank, immer wieder. Es folgte schließlich auch noch eine Operation an der Nasenscheidewand.

Und dann tat er, was in der Welt des Profisports beinahe undenkbar ist: Er stellte sein Rad für acht Wochen in die Ecke. Legte sich am Gardasee auf eine Luftmatratze. Und merkte erst da, aus der Distanz: „Ich hätte mich mehr freuen sollen über den dritten Platz.“

Das sagt er jetzt, hier oben auf dem Teide. Er sagt es ohne Selbstmitleid. Eher so, als würde er eine Trainingseinheit analysieren, die nicht ganz optimal gelaufen ist. Ein Podium, diese drei Wochen, ein solcher Sommer: „Es kann sein, dass ich das nur einmal in meinem Leben erlebe.“

Umso wichtiger, dass es dieses Mal anders läuft. Dass er dieses Mal besser geschützt ist.

Remco Evenepoel zieht das Rampenlicht an wie ein Magnet. Überall, wo er auftaucht – Pressekonferenzen, Medientage, Teamvorstellungen –, richten sich die Kameras auf ihn. Für Florian Lipowitz ist das ein Geschenk. „Es ist gut, wenn Remco mehr im Fokus der Medien steht und ich mich ein bisschen zurückhalten kann“, sagt er. „Mir nimmt das viel Druck.“ Solange alle Augen auf den Belgier gerichtet sind, kann Lipowitz das tun, was er am besten kann: in Ruhe arbeiten. Unbeobachtet. Im Schatten des größten Blitzableiters, den er sich hätte wünschen können.

UM SICH VORZUSTELLEN, FUHR ER WEIT ÜBER

A long way down: Lipowitz (li.) und Evenepoel auf einer gemeinsamen Abfahrt vom Vulkan Teide auf Teneriffa.

Beste Aussichten: Mit 25 Jahren steht Lipowitz immer noch am Anfang seiner Radsport-Karriere.

Gut unterwegs: Vor dem Shooting in Innsbruck hatte Lipowitz schon fünf Stunden auf seinem Rad trainiert.

SIE NANNTEN IHN „DIESEL“. ALSO EINER, DER FÄHRT UND FÄHRT UND FÄHRT.

Hair & Make-up

Elke

Griessmayr

Die Sonne ist längst untergegangen. Die Touristen, die über das Lavagestein gekraxelt sind, sich die Köpfe verbrannt und Selfies gemacht haben, sind verschwunden. Lipowitz sitzt noch in der Lobby, nimmt sich Zeit, gibt überraschend viel preis. Er denkt nach, bevor er antwortet, wählt seine Worte sorgfältig, sitzt mit jeder Minute entspannter im Sessel. Kein Auftrumpfen, keine zur Schau gestellte Lässigkeit, kein Profi-Jargon. Schwäbische Zurückhaltung, könnte man sagen – obwohl er mit seiner Partnerin längst in Österreich lebt.

Einer, der mit der Faust auf den Tisch haut, ist Lipowitz nicht. Auf dem Rad aber verwandelt er sich. Attackiert am Berg, wenn es niemand erwartet. Der

höfliche junge Mann aus Laichingen und der instinktgetriebene Angreifer im Sattel: Es sind zwei Personen. Und man fragt sich manchmal, ob die eine von der anderen weiß.

Er war einmal Biathlet. Einer der ho nungsvollsten deutschen Junioren. Ging ans Skigymnasium, liebte den Rhythmus dieser Disziplin – Langlaufen und Schießen –, liebte die Konzentration, wenn man nach Minuten unter Vollbelastung die Wa e hebt, atmet und die Welt für einen Moment ganz still wird. Seine Idole waren Norweger wie Ole Einar Bjørndalen, berühmt für ihre Erfolge, aber vor allem für ihr Schweigen. Lipowitz war auch so einer. Er trieb Sport nicht, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Dann kam etwas dazwischen.

„Gar nicht weit von hier“, sagt er und lacht. Er meint nicht Teneri a. Er meint die andere große Kanareninsel, die flachere, windgepeitschte, eine halbe Flugstunde entfernt: Fuerteventura. Er war siebzehn, im Familienurlaub. Beim Kitesurfen in der Bucht von Costa Calma riss das Kreuzband.

Das Rad war sein Reha-Gerät. Monatelang war er damit unterwegs, immer öfter, immer weiter, begleitete seinen Vater, einen Ausdauersportler, zu Radmarathons – und merkte irgendwann, dass die Straße mehr zu ihm sprach als die Loipe. 2019, er war gerade achtzehn geworden, gewann er aus dem Nichts Rennen im Engadin und in Tirol. Dann kam sein Vater am Rande eines Wettkampfs zufällig mit einem BORA-Coach ins Gespräch. Ein Leistungstest wurde organisiert. Die Zahlen, die Florian Lipowitz produzierte, veranlassten die Anwesenden zu ungläubigen Blicken.

Was folgte, erzählt man sich im deutschen Radsport inzwischen fast ehrfürchtig, als wäre es eine Legende. Aber sie ist wahr. Mitten im Winter fuhr Lipowitz weit über hundert Kilometer mit dem Rad vom Internat in Stams, Österreich, nach Raubling bei Rosenheim zum Vorstellungsgespräch bei Teamchef Ralph Denk – und danach, bei extremem Föhnsturm, wieder zurück. „Den Tag hatte ich mir auch ein bisschen anders vorgestellt“, sagt er. „Aber vielleicht war das auch der Grund, warum ich am Ende einen Vertrag bekommen habe.“

Für das Team BORA – hansgrohe war er noch zu jung. Und vor allem: zu unerfahren. Denk vermittelte ihm eine Anstellung bei einem unterklassigen Team

„OB REMCO ODER ICH, IST EGAL. WENN EINER

WIR STOLZ SEIN.“

in Tirol. Das erste Profirennen war eine Katastrophe. Zweimal stürzte Lipowitz, dreimal beinahe. Er hasste das Gedränge im Peloton, fühlte sich unwohl, wollte weg. „Ich lasse das mit dem Radfahren wieder“, sagte er seinen Eltern. Die überzeugten ihn, sich ein Jahr Zeit zu geben.

Ein Jahr später, bei der Tour de l’Avenir in Frankreich, der „Rundfahrt der Zukunft“, machte ihm das Radfahren im Peloton zum ersten Mal Spaß. Und er dachte: Wenn ich es in ein WorldTour-Team scha e –das wäre ein Traum.

Das war vor fünf Jahren. Was seitdem passiert ist, grenzt an das Unwahrscheinliche.

Und die Kombination mit Remco Evenepoel könnte kaum besser passen. Evenepoel der Explosive, der zum Gewinnen Topform braucht. Lipowitz der Konstante, der beständig sein Tempo abruft. „Ob ich es bin oder Remco, ist mir egal“, sagt Lipowitz, „solange am Ende einer auf dem Podium steht, können wir stolz sein.“

Es ist ein Satz, den man im Spitzensport oft hört. Lipowitz meint ihn ernst.

Die Bescheidenheit hat aber eine Kehrseite. Was passiert, wenn sich auf einer Bergetappe in der dritten Woche zeigt, dass Lipowitz der Stärkere ist, und das Team entscheidet, auf ihn zu setzen? So wie im letzten Jahr, als das Team mit Primož Roglič als Leader in die Tour ging, Lipowitz aber im Laufe des Rennens besser war. Evenepoel wird bereit sein müssen, zurückzustecken. Aber Lipowitz wird auch bereit sein müssen, die Unterstützung anzunehmen.

Wird er? Er lächelt. Nickt. Dann geht die Tür auf. Remco Evenepoel kommt in die Hotellobby gestürmt, Telefon am Ohr, mitten in einer Geschichte, die er sofort teilen muss. Er sucht Lipowitz. Findet ihn. Erzählt. Lipowitz lacht. Dann verschwinden die beiden zum Abendessen.

Florian Lipowitz wird morgen früh wieder aufs Rad steigen, vier, fünf Stunden. Er wird in seinen Tritt finden, zwischen Pinienwald und Vulkangestein, und in dieses Gefühl, das er nicht ganz erklären kann. Eine Stunde weiter unten liegt das Meer. Aber er wird nicht hinunterfahren. Er weiß, warum er hier ist. Und im Juli, beim Start der Tour de France in Barcelona, werden es alle anderen auch wissen.

Neue Ära voraus: Gemeinsam wollen Florian Lipowitz (re.) und Remco Evenepoel in den nächsten Jahren mit ihrem Team große Erfolge feiern.

Herr der Beats:

DJ Seinfeld legt weltweit auf, zuletzt erschien sein drittes Album „If This Is It“, sein größter Hit ist „These Things Will Come to Be“.

Mit seinen Sets bringt DJ Seinfeld ganze Clubs zum Abheben. Das Rezept des Schweden: Er schaut den Feiernden in die Augen.

DIESER MANN TRIFFT DICH INS HERZ

Text Benedikt Sarreiter Portrait-Fotos Mushtak Awad

Zusammen im Flow: Während er auflegt, checkt DJ Seinfeld immer wieder den Vibe in den Gesichtern der Gäste.

„DIE MAGIE DES NACHTLEBENS LIEGT IN ERFAHRUNGEN, DIE SICH NICHT WIEDERHOLEN.“

Selten sind wir so im Augenblick wie beim gemeinsamen Tanzen. Vor seinem Auftritt bei Red Bull Midsummer erklärt DJ Seinfeld, wie seine Sets die Herzen der Crowd öffnen.

The red bulletin: DJ Seinfeld, ein Gig beginnt vor dem eigent lichen Auftritt mit der Auswahl der Tracks. In Zeiten von Vinyl hat man einfach 50 bis 100 Platten mitgenommen, heute reicht ein Stick. Wie viele Tracks sind auf deinem?

dj ,ein-eld: Zurzeit dürften es so um die 9000 sein.

Durch die kannst du während des Gigs nicht einfach wühlen. Wie bereitest du dich vor?

Meistens werde ich für Zwei-Stunden-Slots in Clubs gebucht, und dafür bereite ich mich immer auf dieselbe Weise vor. Einmal die Woche gehe ich die Tracks durch, die ich gerade höre. Die ordne ich dann in Playlists. Es ist dann so, dass ich das, was ich am nächsten Tag bei einem Gig spiele, sicher in einem Monat nicht mehr auflegen werde. Ich könnte natürlich öfter dasselbe Set spielen, dem wechselnden Publikum würde es kaum auffallen. Aber für mich sollen die Sets frisch und aufregend bleiben.

Dann kommst du in den Club. Vor dir legt schon jemand auf. Was machst du, wenn der oder die DJ schon sehr hart und pushy auflegt?

Ich finde es sehr frustrierend, wenn ein DJ zu einem frühen Zeitpunkt der Nacht schon Vollgas gibt. Die meisten DJs sind jedoch sehr respektvoll und ermöglichen eine gute Übergabe. Und wenn es nicht so ist, versuche ich ihre Energie einzufangen und suche dann meinen eigenen Weg durch die Nacht.

Du startest mit deiner eigenen Story. Ich würde es nicht Story nennen, denn das klingt so vorgeplant. Es ist mehr ein Dialog mit dem Publikum.

Ich überlege mir vorher, wohin der Abend gehen könnte. Aber vielleicht folgt mir die Crowd nicht, weil ich zu viele Vocal-Tracks spiele, zu hart oder zu soft. Dann muss ich den Vibe spüren und den passenden Track finden. Und von dort taste ich mich dann weiter. Klar, ich bestimme letztlich immer noch den Sound, aber das Publikum hat seinen Anteil daran, in welche Richtung die Reise geht.

Dafür musst du das Publikum lesen können. Wie machst du das?

Das ist gar nicht so einfach. Wenn ich mein Verhalten als Clubbesucher anschaue, ist es recht schwer zu analysieren. Ich bin selbst kein besonders ausgelassener Tänzer, obwohl ich die Musik oft toll finde. Solche Leute gibt es viele im Club. Mit ihnen versuche ich Augenkontakt aufzunehmen. Manchmal erkennt man dann, ob es funktioniert. Aber klar, wenn alle nur verhalten tanzen, weiß ich auch, dass ich gerade keinen guten Job mache. Es gibt auch kulturelle Unterschiede. In den USA sehen die Leute einen DJ-Gig eher als Konzert und sind total auf den DJ ausgerichtet. In Europa interagieren die Leute mehr untereinander. Man spürt oft an Kleidung, Verhalten und Atmosphäre, dass sie nicht zum ersten Mal im Club sind. Es ist eine gewachsene Kultur.

Wie beeinflusst dieser kulturelle Unterschied ein DJ-Set?

In den USA werden DJs öfter wie eine Band behandelt. Es gibt Feuerwerk, riesige Visuals und all das. Das Publikum hätte auch kein Problem damit, wenn ein Superstar-DJ eineinhalb Stunden lang nur seine

Namens-Spieler:

Bevor Armand Jakobsson als DJ Seinfeld auftrat, war er schon als Rimbaudian und Birds of Sweden unterwegs.

eigenen Hits spielen würde. Ich finde auch das okay. Wenn ich dort spiele, muss ich mich auf diese Erwartungshaltungen einstellen.

Wie haben Smartphones die Club-Erfahrung verändert?

Wenn alle sie hochhalten und filmen, kann ich daran erkennen, dass ein Set gut läuft. Das ist die gute Seite. Aber die House- und Technokultur entstand als Gegenkultur im Underground. Von dort drang nichts nach außen. Die Leute konnten sein, wie sie wollten, ohne dass es jemand mitbekommt oder bewertet. Heute wird alles mit dem Smartphone dokumentiert und auf TikTok oder Instagram hochgeladen. Wer die Party zu Hause auf Plattformen sieht, glaubt schnell ohnehin zu wissen, wie so ein Abend abläuft. Aber die Magie des Nachtlebens liegt gerade in Erfahrungen, die sich nicht wiederholen und nicht virtuell erlebt werden können. Der Club war immer ein Ort der Alltagsflucht und echter menschlicher Begegnungen. Smartphones verhindern beides ein Stück weit.

Ist es dir schon mal passiert, dass du das Publikum gar nicht erreicht hast?

Vor kurzem in Mexiko zum Beispiel. Ich habe alles versucht, habe Teile von Sets gespielt, die woanders sehr gut funktioniert haben. Trotzdem gab es keine Verbindung. Es war unerklärlich. Ich bin von der Bühne und habe mich wie ein Betrüger gefühlt. Aber zum Glück passiert das nicht oft.

Helfen in solchen Situationen nicht einmal Hits? Manchmal. Ich habe schon ein paar sichere Nummern. Zum Beispiel „Lovelee Dae“ von Blaze oder „Now U Do“, mein Track mit Confidence Man, oder etwas von meinem Freund Salute. Aber solche Banger fühlen sich ein wenig wie Schummeln an, denn es ist fast unmöglich, sie nicht zu mögen. Ich möchte mich nicht auf sie verlassen, denn ich mag die Herausforderung, die Crowd nicht mit dem Offensichtlichen zu kriegen. Es kommt einfach auf die Energie an. Wenn ein Banger der Höhepunkt einer sich aufbauenden Sequenz ist, dann spiele ich ihn. Wenn aber die

Stimmungs-Macher:

DJ Seinfeld ist bekannt für seine vielseitigen Sets – von Melancholie zu Euphorie, von Kälte zu Wärme.

Ortskenntnis: DJ Seinfeld passt sein Set dem Ort an – experimenteller in Clubs, direkter auf Festivals.

„CLUBS WAREN IMMER ORTE DER ALLTAGS FLUCHT UND DER MENSCHLICHEN BEGEGNUNG.“

FEIER DEN MOMENT

… zusammen mit Acts wie DJ Seinfeld, X Club, Twofaced und vielen Gleichgesinnten bei Red Bull Midsummer in Berlin. Bei dem globalen Event feiern Menschen an sieben Locations – von Mumbai über London bis Los Angeles –den längsten Samstag des Jahres. In Berlin kannst du am 20. Juni auf dem Dach des neuen Kalle Neukölln dabei sein. Alle Infos unter: redbull.com

Stimmung ohnehin schon am Boden ist und ich einen Hit raushole, um sie zu retten, dann sind wir in der Highschool-Disco: Alle stehen verloren rum, und dann kommt Abba. So ein DJ will ich nicht sein.

Du folgst also der ungeschriebenen DJ-Regel „Spiel nie einen Hit, denn dann musst du weiter Hits spielen“.

Das ist ein guter Grundsatz. Warum sollte ich Tracks spielen, die jeder sofort im Netz finden kann? Wenn ich das tun würde, wäre mein Job sinnlos.

Und wie ist es dann für dich, wenn du es gescha t hast? Wenn sich der ganze Raum im Tanzen verliert und sich die üblichen Zusammenhänge auflösen?

Das fühlt sich natürlich wahnsinnig gut an, und dann gehe ich auch mehr Wagnisse ein, lege experimentellere Sachen auf. Wenn ich die auf einer Vegas-Party spielen würde, würden die Leute sofort gehen. Die Crowd folgt mir jetzt überall hin, sie ist geduldiger, lässt mich machen. Es geht nicht mehr um den nächsten Track, sondern um die nächsten dreißig Minuten, um die nächste Stunde. Wir sind im Flow.

Gibt es DJs, deren Stil du besonders gut findest? Ja, seit langem Theo Parrish. Ich habe ihn öfter gesehen, seine Tracks zu shazamen bringt nichts; man findet sie nicht. Es ist Dance Music, aber schwer einzuordnen. Niemand kann so auflegen wie er. Ben UFO bewundere ich, weil er einen eigenen Zugang zur Musik hat und einen ganz eigenen Stil, sie aufzulegen. Avalon Emerson finde ich toll. Letztes Wochenende hab ich in Dublin aufgelegt, und da habe ich eine lokale DJ namens DJ Egg gesehen.

Sie spielte eine Mischung aus Breakbeat, Tribal, Techno und Electro. Das war unglaublich.

Ist es eigentlich ein Unterschied, ob du im Club auflegst oder auf einem Festival wie Red Bull Midsummer in Berlin?

Auf Festivals bin ich direkter und versuche schneller eine Wirkung zu erzielen. Es ist dort schwieriger, die Crowd zu lesen, weil sie meistens größer und auch weiter weg ist. Ich schaue aber auch, wer vor und nach mir spielt, damit die Abfolge stilistisch passt.

Welche Clubs empfiehlst du, um eine tiefgreifende Club-Erfahrung zu machen?

Es ist langweilig, es zu erwähnen, aber das Berghain ist immer noch einer der besten Clubs der Welt, wenn nicht der beste. Super fand ich auch das Bassiani in Tiflis. Die haben eine sehr gute Anlage, und es ist nicht einfach nur ein Club, sondern ein sozialer und politischer Ort mit einem herausragenden Team. Vor kurzem habe ich in einem neuen Club in New York gespielt, der Refuge heißt. Der ist auch großartig. Sie versuchen dort, den New-York-Nineties-Vibe wiederauf leben zu lassen. Sollte man auf jeden Fall mal hin.

Gehst du eigentlich noch als Gast in Clubs?

Nicht mehr so oft, weil es mein Job ist, dort zu sein. Um zwei Uhr früh mache ich andere Dinge, als auf dem Dancefloor zu stehen. Aber ich gehe immer noch gerne auf Partys, um Leute zu treffen. Ich möchte nicht zu digital leben, wenn es nicht sein muss. Mein Clubleben hat sich also verändert, aber ich kann seinen Reiz sehr gut nachvollziehen.

Instagram: @dj_seinfeld

ZEHN TIPPS FÜR EINEN SOMMER VOLLER

ECHTER MOMENTE.

WORAUF

WARTEST DU NOCH?

Text Eva Pramschüfer
Illustrationen Carl Cozier / Holy Moly

Schluss mit To-dos, her mit To-yeahs:

einen Mittwoch verschwenden, Wildwasser bezwingen, jemanden einladen, den du kaum kennst. Hier kommen zehn Anregungen für einen Sommer im Hier und Jetzt – zusammengestellt von Eva Pramschüfer, Booktokerin und Autorin des aktuellen

Bestsellers

„Weißer Sommer“.

Fang in diesem Sommer mit etwas an, worin andere längst besser sind. Zum Beispiel mit Pickleball: halb Tennis, halb Tischtennis, schnell erklärt, erstaunlich suchterzeugend. Dass du anfangs nur jeden zweiten Ball triffst, ist kein Makel, sondern der Reiz. Denn du wirst schnell besser – der Thrill der steilen Lernkurve. Und: Im Sommer fühlen sich neue Hobbys weniger nach Selbstoptimierung für CV und Tinder-Profil an als nach einem guten Grund, mehr Zeit draußen und mit Freunden zu verbringen. Und kaum etwas macht so schnell gute Laune wie das Gefühl, nach ein paar Abenden plötzlich doch einen 30-SekundenBallwechsel hinzubekommen.

Das Leben verläuft in klaren Bahnen, weil wir selbst die Straßen bauen: mit Recherchen, Screenshots, mit endlosem Optimieren und der Suche nach dem perfekten Matcha. In diesem Sommer schicken wir nicht den digitalen Zwilling voraus, sondern machen Dinge ohne große Vorrecherche. Im Kleinen heißt das: auf ein Konzert gehen, ohne die Band zu kennen. Ein Gericht bestellen, das man nicht aussprechen kann. Im Größeren: verreisen, ohne vorher jeden Ort durch Reels, Pinterest und halbseidene Guides zu jagen. Je weniger durchgeplant, desto eher entsteht Platz für Zufälle, Umwege, spontane Vorschläge und diese seltenen Momente, in denen niemand sofort fragt, was als Nächstes kommt.

Im Alltag ist Zuspätkommen unhöflich, in diesem Sommer ist es eine Tugend: Wenn die Leute am See schon zusammenpacken, kommen wir erst an – und gehen trotzdem noch ins Wasser. Die Nachtschicht wird zur besten Zeit des Tages: Starte eine Fahrradtour um 22 Uhr oder mach ein Sternenpicknick. Es gilt: Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben.

Ersetz für ein paar Wochen dein Smartphone durch ein altes Klapphandy und eine Retro-Digicam. Weniger ist hier tatsächlich mehr. Die Bilder werden automatisch seltener, grisseliger, lustiger – und deshalb besser. Ein Sommer in 3 Megapixel. Und das Telefon bleibt ohne Pushnachrichten wunderbar still – außer, es klingelt. Wie aufregend.

(EIN MAL REICHT)

Nicht gleich als Survival-Prüfung, eher als kontrollierter kleiner Kontrollverlust. Such dir einen Balkon, einen Garten, einen Badesteg, einen Campingplatz oder ein Seeufer, an dem es halbwegs legal und bequem ist, und verbring eine Nacht unter freiem Himmel. Schlechter Schlaf gehört dazu, zu viele Geräusche auch, vielleicht ein krummer Rücken am Morgen. Aber genau das ist der Reiz: Für eine Nacht fühlt sich selbst das Vertraute plötzlich nach Expedition an.

Mach in diesem Sommer einmal etwas, wofür du dich normalerweise für zu reserviert hältst: Karaoke, Chorsingen, Improtheater, Fragen stellen auf der Podiumsdiskussion. Du wählst dein Level. Es geht nicht darum, plötzlich extrovertiert zu werden oder dich neu zu erfinden. Es reicht, wenn du kurz merkst, dass Unsicherheit oft die Vorstufe von Überraschung ist.

Sommerabende müssen nicht immer im vertrauten Kreis enden: Lad jemanden ein, den du kaum kennst – einen Nachbarn, eine Kollegin, den Typ vom Kiosk. Oder setz dich dazu, wenn irgendwo noch ein Platz frei ist: an einen Tisch, auf eine Mauer. Die besten Sommerabende beginnen manchmal mit Leuten, die man nicht erwartet hat – und mitunter reicht genau das, damit aus einem Abend eine Geschichte wird.

Einen reißenden Wildwasserstrom meistern? In einem Kajak? Ich? – Ja, genau du. Buch einen Einsteigerkurs auf der Soča in Slowenien – smaragdgrünes Wasser, Julische Alpen, sieht aus wie aus einem YouTube-Short, und du bist mittendrin. Am ersten Tag kennt man noch nicht mal das Paddel richtig, am letzten fährt man durch echtes Wildwasser. Oder du buchst eine Canyoning-Tour, springst im Neo einen ganzen Wasserfall hinunter – und verlierst dich im großen Rauschen.

(MINDESTENS)

Nimm dir einen Dienstag oder Mittwoch und mach nach Feierabend nichts mehr Vernünftiges. Geh nicht direkt nach Hause, iss spät, lauf noch irgendwohin, bleib hängen, trink noch was Kaltes, kauf ein Eis, setz dich ans Wasser. Der Gedanke ist nicht, dass es spät wird, sondern dass ein Wochentag aufhört, Mittel zum Zweck zu sein. Vielleicht ist genau das eine der schönsten Sommerübungen: den Ernst eines Mittwochs für ein paar Stunden außer Kraft setzen.

Schwimm so weit raus, bis du kurz Bedenken wegen des Weges zurück bekommst. Lauf einen Berg hoch, ohne stehen zu bleiben. Fahr Rad, bis die Beine brennen. Nicht für Strava, sondern für den Moment danach, wenn du völlig am Ende bist und alles um dich herum plötzlich zu leuchten beginnt.

Mit drei brachte ihr ein Onkel das Rappen bei, mit zwanzig landete sie mit „Bong Bing“ ihren ersten viralen Hit: The Red Bulletin traf Cristale zum

Ihr Rap ist hart und düster, ihre Lyrics rasiermesserscharf: Cristale De’Abreu ist der aufgehende Stern der britischen Hip-Hop-Szene. Aufgewachsen im toughen Arbeiterbezirk Brixton, hat die Musikerin und Schauspielerin eines gelernt: mehr zu wollen.

CRISTALE CLEAR

Fotoshoot in Brixton.

Das Video zu ihrem Track „Regular Citizen“ zeigt Cristale De’Abreu in einem altmodischen Süßwarenladen, umgeben von bunten Glasgefäßen. „Life’s good, but I want more“, singt die Rapperin aus South London und legt dann nach: „I love what I have, but I want way more.“ Das sind mehr als ehrgeizige RapLyrics. Doch wer um die Atemlosigkeit in Cristales bisherigem Leben weiß, hat wenig Zweifel, dass dieses „more“ kommen wird.

Mit 25 Jahren hat Cristale De’Abreu Träume verwirklicht, die andere ihr Leben lang verfolgen: Sie spielte Fußball, studierte Illustration an der University of the Arts London, gewann Poetry Slams und stand vor Netflix-Serien-Kameras. Jetzt ist Musik dran. Und das auf ihre eigene Art: Cristale liefert rasiermesserscharfe Wortspiele und konstruiert komplexe Reimgebilde über harten Londoner Drill genauso selbstverständlich wie über karibischen Dancehall. Toddla T, der Produzent hinter Musikern wie Stormzy oder der Hip -Hop -Formation Kneecap, bezeichnete sie letztes Jahr in seinem Podcast als „baby GOAT“ und sagte: „Es gibt im Rap eine Richtung, die man kaum noch hört – das reine Handwerk mit Sprache. Wenn ich Cristale höre, erinnere ich mich daran, warum ich dieses Genre so liebe.“

Insider begeistert Cristale schon länger. Ein breites Publikum erreichte sie mit ihrer Schauspiel- und Rap -Rolle in der dritten Sta el der Netflix-Hit serie

„Top Boy“ (2023) – dort performte sie ihren Track „Roadents“ – sowie einer Nominierung als Best Hip Hop Act bei den diesjährigen MOBO Awards, dem wichtigsten britischen Preis für Hip -Hop und Black Music. Jetzt bereitet sie ein Mixtape vor: ihre erste größere Eigenverö entlichung.

An einem Dienstag sitzt Cristale in einem Kaufhauscafé in Brixton, schwarzer Trainingsanzug, heiße Schokolade und ohne ihre vergoldeten Zahnkappen, den Grills, ihrem Markenzeichen. Niemand würde sie auf den ersten Blick für einen aufgehenden Stern der britischen Rapszene halten. „Wer mich kennt“, sagt sie mit ruhiger, klarer Stimme, „der weiß, dass ich zu viel mehr fähig bin als zu dem, was ich bisher gemacht habe. Es fühlt sich an, als würde ich erst am Anfang stehen. Und als würde etwas viel, viel Größeres noch kommen.“

Cristale macht ihr Ding. „Ich will mir nicht das Leben von jemand anderem anschauen und sagen: ‚Das will ich auch.‘ Damit verbaue ich mir vielleicht meinen eigenen Weg“, sagt sie. Eine kleine Ausnahme von dieser Regel gestattet sie sich dennoch: Cristale hat großen Respekt vor der Musikerin Little Simz, der einzigen Frau, die in mehr als zwei Jahrzehnten den MOBO Award als Best Hip Hop Act gewonnen hat.

Der Respekt beruht auf Gegenseitigkeit: Simz hatte Cristale vor der Award-

Wortspiele in atemraubendem Tempo: Das ist der Kern von Cristales zwischen Rap, Dancehall und Grime angesiedelter Musik.

„MAN PROPHEZEITE MIR, DASS ICH MIT 17

ALLEINERZIEHENDE MUTTER SEIN WÜRDE.“

„ICH SAGE IMMER: ‚LITTLE SIMZ WACKELT NICHT MIT DEM HINTERN – WARUM SOLLTE ICH DAS ALSO TUN?‘“

Verleihung Glück gewünscht – und hinterher gratuliert. „Als ich anfing, habe ich immer gesagt: ‚Little Simz wackelt nicht mit dem Hintern – warum sollte ich das tun?‘“, erzählt Cristale. „Sie hat so viel erreicht, ohne sich zu verstecken. Wer sagt, dass ich nicht genauso weit gehen kann –vielleicht sogar noch weiter –, ohne meine Überzeugungen aufzugeben?“ Cristale rappt Drill – eine harte, düstere Version des Rap, die in London groß wurde. Aber sie bringt etwas rein, das in diesem Genre selten ist: Verletzlichkeit. Im Track „Antisocial“, den sie bei den MOBO Awards 2024 performte, spricht sie über ihre ziemlich behütete Kindheit, darüber, dass sie nicht zu Black-LivesMatter-Protesten durfte, und darüber, wie unbeholfen sie sich auf Partys fühlt. Zwischendurch zitiert sie US-Schriftsteller und Nobelpreisträger John Steinbeck.

Cristales Single „Ready 2 Go“ hat eine spielerische, unaufgeregte Energie. „I drink San Pellegrino“, rappt sie trocken. „If life gimme lemons, I’ll make a mojito.“ 2023 wurden sie und die ebenfalls aufstrebende MC TeeZandos im Internet als Rivalinnen aufgebaut. Dass die Szene von Männern dominiert wird, mag dabei eine Rolle gespielt haben. Doch anstatt das Konkurrenz-Narrativ zu bedienen, entschied sich Cristale zur Zusammenarbeit. „Man hat versucht, uns gegeneinander auszuspielen“, sagt sie. „Wir haben uns eines Tages getro en und sind ins Studio gegangen, einfach um sicherzugehen, dass alles cool ist –und daraus ist etwas richtig Starkes entstanden.“ Das gemeinsame FreestyleVideo für die YouTube-Reihe „Plugged In“ wurde über zwölf Millionen Mal angesehen. „Ich habe keine Clique in der Musik“, sagt Cristale. „Ich gehe meinen Weg allein. Manchmal fühlt sich das nach Außenseiterin an – aber ich bin daran gewöhnt.“

Cristale wuchs in Brixton auf, einem Londoner Stadtteil mit starker afrokari-

bischer Community, in einem Haushalt mit karibischen Wurzeln – Dancehall, USHip-Hop und UK-Grime liefen im Hintergrund. Mit drei Jahren brachte ihr ein Onkel das Rappen bei. Er schrieb ihr erste Zeilen. Sie lauteten „My name’s Cristale but I haven’t had a sip“, Cristale gewann damit mehrere Schultalentshows. Doch eigentlich wollte sie ja Fußballerin werden. Mit vierzehn wurde sie von Crystal Palace FC gescoutet, trainierte mit ProfiAmbitionen in den Nachwuchsteams der Sechzehn- und Achtzehnjährigen. Dann der Querpass ins akademisch-künstlerische Fach: Sie studierte Illustration an der University of the Arts London. „Viele Leute haben meiner Mutter und mir gesagt, ich würde nie etwas erreichen“, sagt sie. „Wegen meiner Herkunft aus Brixton. Man prophezeite mir, dass ich mit siebzehn alleinerziehende Mutter sein würde. Tatsächlich habe ich mit siebzehn meine A-Levels (das britische Abitur; Anm.) gemacht.“

Eine vorübergehende Trennung von ihrem langjährigen Freund zu Beginn der Oberstufe brachte sie zu ihren ersten Freestyles. Sie legte ihre Zeilen über Drakes Track „From Time“ und postete das Ergebnis auf Instagram. Sie nahm erste Tracks im Studio auf und drehte Videos für YouTube – übrigens auf Anraten ihres Vaters. Die Szene wurde schnell aufmerksam. Als Erster meldete sich der Rapper Temz aus Leeds für eine Kollaboration, kurz darauf kam das Angebot, bei 4ZA zu signen, einer neuen britischen Label-Partnerschaft zwischen Sony Music und Black Butter Records.

Anfang 2022 nahm sie mit dem jamaikanischen Dancehall-Star Laa Lee den Track „Bong Bing“ auf – und rappte erstmals im jamaikanischen Patois statt in ihrem eigenen Londoner Akzent. Cristales Freund ist Tänzer. Bei einer Spätnacht-Gym-Session improvisierten sie ein paar einfache Moves zum Song und nahmen das Ganze in wenigen

VIER TRACKS, DIE CRISTALE GEPRÄGT HABEN

CHIP – COWARD (2015) „Die Instrumentation und diese Art, sich im Rhythmus zu bewegen –das hat mich schon als Kind fasziniert.“

BUJU BANTON – BOGLE (1992) „Meine Mutter hörte diesen Song schon, bevor ich geboren war. Man kann sagen: Als ich ‚Bong Bing‘ gemacht habe, wusste ich unbewusst, wie man einen Tanzsong baut.“

BUSTA RHYMES – PUT YOUR HANDS WHERE MY EYES COULD SEE (1997) „Der Rhythmus, die Energie, der Flow, wie die Atmung bei dem Song kontrolliert wird – alles daran ist wahnsinnig inspirierend.“

LAURYN HILL –NOTHING EVEN MATTERS (FEAT. D’ANGELO) (1998) „‚The Miseducation of Lauryn Hill‘ ist mein Lieblingsalbum aller Zeiten. Dieser Track erdet mich komplett.“

Drill ist eine härtere Version von Rap. Cristale verleiht dem Stil mit ihrer Verletzlichkeit eine ganz eigene Note.

Abends ist sie im Gym und nimmt ein Video auf, das sie am nächsten Tag postet: Als Cristale das nächste Mal auf ihr Handy blickt, hat das Video zu „Bong Bing“ 100.000 Aufrufe.

„DER

SONG ‚BONG BING‘ HAT MEIN LEBEN VERÄNDERT. BIS DAHIN HABE ICH

AN MICH GEGLAUBT – ABER NICHT

DARAN,

DASS ANDERE DAS AUCH TUN.“

RISE & SHINE CRISTALES WEG

2020

Erste Studioaufnahme

2021

Unterschreibt beim Label 4ZA

2022

Viraler Hit „Bong Bing“; MOBO-Nominierung als Best Newcomer 2023

Schreibt den Song „Roadents“ für die Serie „Top Boy“

2024

Rolle im dystopischen

Film „The Kitchen“ (oben)

2025

MOBO-Nominierung als Best Hip Hop Act 2026 (geplant)

Debüt-Mixtape

Video-Takes auf. Cristale postete den Clip beiläufig am nächsten Tag, während sie ihrer Großmutter die Haare flocht. Als sie das nächste Mal auf ihr Handy blickte, hatte das Video 100.000 Aufrufe. Cristales erster viraler Hit entstand zwischen Gym und Haareflechten.

Das halbe Internet begann, eigene Versionen des Tanzes hochzuladen –von einem Pärchen vor einer ägyptischen Pyramide bis hin zu US-TV-Star RavenSymoné in ihrem Wohnzimmer. Influencer posteten „Bong Bing“-Dance-Tutorials. Bis heute wurde der Track in mehr als einer halben Million TikTok-Videos verwendet und hat über elf Millionen Streams auf Spotify. „Es war so crazy“, sagt Cristale. „Dieser Song hat mein Leben verändert. Bis dahin habe ich an mich geglaubt – aber nicht daran, dass andere das auch tun würden.“

Seitdem überschlagen sich die Ereignisse. Im Juni 2022 erschien Cristales Debüt-EP „What It’s Like to Be Young“, es folgten Festivalauftritte in London, New York und Jamaika, Ende des Jahres eine MOBO-Nominierung als Best Newcomer. Und dann kam das Kino: Sie spielte im dystopischen Thriller „The Kitchen“, inszeniert von Oscarpreisträger Daniel Kaluuya. Und dann „Top Boy“: Der Music Supervisor der Netflix-Serie lud sie ein, einen Track zu schreiben. Cristale ging in ihr Zimmer, spielte einen Loop auf dem Laptop ab und kam mit einem harten, schnellen Track voller Wortspiele heraus –„es war einer der härtesten, die ich je gemacht habe“. „Roadents“ landete in Episode zwei der dritten Sta el. Heute kennt das Publikum bei Liveauftritten jeden Text auswendig. „Das erste Mal, als das passierte“, sagt sie, „war ich geschockt.“

„Mein jüngeres Ich würde das alles meinem heutigen Ich nicht glauben“, sagt Cristale. „Sie würde nicht glauben, dass sie Grills hat. Sie würde nicht glauben, dass sie auf Plakatwänden zu sehen ist und eine Million Follower auf TikTok hat. Sie würde nicht glauben, dass sie Musik machen kann.“

Fünf Jahre im Musikgeschäft haben Cristale eines gelehrt: wie schwierig es ist, sich selbst treu zu bleiben, wenn der Erfolg früh kommt. Im April letzten Jahres trennte sie sich von ihrem Label, sicherte sich die Rechte an ihren unverö entlichten Master-Aufnahmen und verö entlicht seitdem unabhängig. Die Association of Independent Music nominierte sie prompt für den „One to Watch“-Award 2025.

Gemanagt wird sie jetzt von ihrer Mutter Marsha, die sie ins Studio, auf internationale Shootings und über rote Teppiche begleitet. „Wenn meine Mum nicht dabei wäre, hätte man mich wahrscheinlich schon ein Dutzend Mal übers Ohr gehauen“, sagt sie. „In dieser Branche kann man niemandem vertrauen.“ Mutter und Tochter wohnen noch immer zusammen in dem Brixtoner Haus, in dem Cristale aufgewachsen ist.

Das Tempo in Cristale De’Abreus Leben bleibt atemberaubend hoch. 2025 trat sie beim Red Bull Culture Clash auf und steuerte einen Track zu einer Kollaboration mit dem amerikanischen DJ Drama bei. Ihr Debüt-Mixtape soll noch 2026 erscheinen. „Es ist ziemlich persönlich“, sagt Cristale. „Keine Features. Nur ich. Es geht um eine Reise zur Klarheit, darum, das eigene Leben auf die Dinge auszurichten, die einen wirklich weiterbringen.“

Cristale will vieles: vor 100.000 Menschen auftreten, mehr schauspielen, wieder Fußball spielen, ein Bildungsprogramm für junge Menschen in Brixton aufbauen. „Can’t say nothing could never be me“, rappt sie in „Regular Citizen“, „’cause when life starts lifing, anything’s possible.“

Als Cristale ihre heiße Schokolade austrinkt, sagt sie: „Man muss geduldig sein. Und bereit. Solange du dich selbst kennst und jeden Tag kreativ bist, kommt alles andere von selbst.“

Instagram : @cristaleyy

ARVIDS AUFSTIEG

Seine Karriere begann mit endlosen Zugfahrten und Fladenbroten aus dem Kofferraum: Wie aus Arvid Lindblad, Spross einer schwedisch-indischenglischen Familie, eine der größten Hoffnungen der Formel 1 wurde.

Text Justin Hynes Übersetzung Werner Jessner Fotos Elliott Morgan

Der Brite Arvid Lindblad, 18, startet 2026 für die Visa Cash App Racing Bulls.

Die Großeltern indisch, der Vater schwedisch, die Lizenz britisch: Das ist Arvid.

Die Reise hatte 15 Jahre zuvor begonnen. „Ich war dreieinhalb, mein Vater sass auf dem Sofa und schaute Formel 1, ich setzte mich neben ihn und war hin und weg. Das muss 2011 gewesen sein, also waren es Seb Vettel, Jenson Button und Lewis Hamilton. Ich dachte nur: ‚Wow, das ist so cool.‘ Ich fragte meinen Vater: ‚Kann ich das später auch einmal machen?‘“ Eltern kennen das: In der einen Woche wollen ihre Kinder Polizist werden, in der nächsten Arzt, Pilot oder Astronaut. Lindblad blieb bei Rennfahrer. Im Jahr darauf nahm ihn sein schwedischer Vater Stefan, der in seiner Jugend Motocross Arvid Lindblad geht durch die Boxengasse zur Startlinie. In 16 Minuten startet der Große Preis von Australien, und der 18-Jährige muss für die Nationalhymne in der Mitte in der ersten Reihe stehen. Als die Musikerin Kita Alexander „Advance Australia Fair“ anstimmt, wird Arvid von Nico Hülkenberg auf der einen und Lewis Hamilton auf der anderen Seite flankiert. Er blickt zu Boden und wird sich der Bedeutung des Moments bewusst. „Ein Schild mit dem Namen Arvid Lindblad, direkt darüber das F1-Logo. Ich wurde fast emotional: Wow, das bin ich, ich bin hier! Endlich ist es wahr.“

gefahren war, erstmals zum Grand Prix von Großbritan nien in Silverstone mit. Das war Schritt zwei auf dem Weg, der 2026 auf dem Grid in Melbourne seinen bisherigen Höhepunkt finden sollte.

Erster Schritt in die Praxis: Stefan scha te seinem Sohn ein Kart an. „Als ich das erste Mal auf der Strecke war, wollte ich nicht mehr weg. Jedes Mal, wenn ich

In den ersten vier Rennen in der aktuellen Saison holte Arvid bereits vier WM-Punkte.

„Ich komme aus einem multikulturellen und multireligiösen Umfeld ...

im Kart saß, dachte ich an die Formel 1“, sagt Lindblad. Die Wochenenden wurden zu Ausflügen zu den Strecken in der Nähe des heimatlichen Hauses in Virginia Water, Surrey. Die Destinationen lauteten Sandown in Esher, Bayford Meadows in Kent und Rye House in Hertfordshire, „wo Lewis angefangen hat“.

„Für mich war es nie nur ein Hobby“, sagt Arvid. „Vielleicht hat das mein Vater so gesehen, weil er gemerkt hat, wie viel Spaß ich hatte. Aber ich stellte mir auch immer die Frage: ‚Wie kann ich besser werden? Wie kann ich dazulernen?‘“

Vorübergehend zog die Familie nach Norden, genauer nach Bolton, zu Arvids indischen Großeltern mütterlicherseits. Heimstrecke wurde Hooton Park, eine kleine, unscheinbare Kartbahn fünfundvierzig Minuten entfernt, am Ufer des Flusses Mersey in der Nähe von Liverpool gelegen. „Das war der Sommer, der alles veränderte“, erinnert sich Arvid. „Mein Vater und ich fuhren jeden zweiten Tag hin. Ich habe trainiert und es geliebt. Meine Großeltern kamen und brachten indisches Essen. In den Pausen habe ich Nanis Rajma, ein Kidneybohnen-Curry, und dazu Chapatis, das Fladenbrot, hinten im Auto gegessen.“

Arvid Lindblad ist stolz auf seine Herkunft. „Ich komme aus einem multi-

kulturellen, multireligiösen Umfeld, und das hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Meine anderen Großeltern leben immer noch in Schweden, in Knivsta, wo mein Vater aufgewachsen ist. Wir haben sie jedes Jahr besucht. Und wir haben viel Zeit mit Mamas Eltern in Bolton verbracht. All das waren wichtige Teile meiner Erziehung. Diese Werte –harte Arbeit, Bescheidenheit, immer sein Bestes zu geben –, die alle drei Kulturen verbinden, haben mich geprägt.“

Eins nach dem anderen

Im Lauf der Zeit wurde die Konkurrenz härter. Ein probater Weg, um sich im Kartsport nach vorn zu boxen, ist finanzieller Einsatz: Ein besserer Motor bringt fast automatisch bessere Ergebnisse. Doch Stefan Lindblad ging einen anderen Weg: Sein Sohn sollte lernen, das Maximum aus unterlegenem Material herauszuholen. Dazu kam ein Glücksfall: Mit Oliver Rowland trat ein Mann auf den Plan, der 2015 auf dem Weg zum Formel-Renault-3.5Titel war und heute amtierender FIA Formula-E-Champion ist.

Auf der Suche nach der nächsten Sprosse auf der Karriereleiter waren die Lindblads nämlich an die Racing Steps Foundation herangetreten, eine Organisation, die britischen Talenten den Auf-

... und das hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.“

stieg in der Motorsportwelt erleichtern sollte. Rowland, selbst Alumnus, wollte helfen – und es sollte eine der prägendsten Beziehungen in Lindblads Karriere werden. Aus gelegentlichen Ratschlägen wurde regelmäßiges Coaching – und dann gebar Rowland die Idee eines gemeinsamen Kart-Teams.

„Bevor wir uns versahen, hatten wir einen Sprinter-Van mit Aufstellzelt. Ollie, mein Mechaniker Alex Tee und ich tingelten damit durchs Land und lernten richtig viel“, erzählt Lindblad. Seine Karriere nahm Fahrt auf und weckte das Interesse

einer weiteren entscheidenden Person: Helmut Marko. Dem damaligen Chef des Red Bull-Nachwuchsprogramms gefielen Lindblads Leistungen, und er bot ihm einen Platz an.

Neue, vielversprechende Wege taten sich für Arvid auf – vorausgesetzt, er erreichte Zwischenziele, gewann Rennen und holte Titel. „Es war aufregend“, sagt er. „Helmut hatte Sebastian Vettel und Max Verstappen in die F1 gebracht, und nun glaubte er an mich. Welche Chance, meinen Traum zu verwirklichen! ExtraDruck fühlte ich nicht: Ich selbst wollte

Gute Figur: Arvid vor der Kamera beim Foto-Shoot in London

Leistung bringen, weil mein Ziel die F1 war.“ Arvid war als Teenie in einem sehr erwachsenen Geschäft gelandet. Die Tage mit Rajma und Fladenbrot aus dem Ko!erraum waren vorbei.

Lernkurve de luxe

„Rennfahren zwang mich, rasch erwachsen zu werden“, sagt er. „Schon im Alter von neun, zehn Jahren bin ich mit dem Zug durch ganz Großbritannien gereist und, sobald ich konnte, allein geflogen. Das zwingt zur Selbständigkeit. Aber es gab auch Phasen, die wenig Spaß gemacht haben. Familienleben und soziales Umfeld haben gelitten, die Schule ebenso. Es gab eine Zeit, in der ich von der Rennstrecke nach Hause kam und einfach nur mit Freunden abhängen wollte. Ich war vierzehn oder fünfzehn, als ich bemerkte: ‚Ich weiß eigentlich gar nicht, wem ich schreiben soll.‘ Heute habe ich zum ersten Mal wirklich gute Freunde: Da sind ein oder zwei Jungs, die ich anrufen und mit denen ich über alles reden und lachen kann. Sie sind für mich als Mensch da.“

Sportlich ging es weiter bergauf. Lindblad wechselte vom Kart in sein erstes Rennauto, wurde prompt Dritter in der italienischen F4 und gewann seine Kategorie beim legendären Macau Grand Prix. Dann stieg er in die internationale F3 auf, fuhr im Vorprogramm der F1, gewann gleich bei seinem Debüt in Bahrain – eine Premiere in der Serie – sowie beide Heimrennen in Silverstone. Endergebnis: Platz 4 in der Meisterschaft. Arvid schien unaufhaltsam. Doch dann kam die Formel 2. Rückblickend sagt er: „Die Formel 2 war eines der härtesten Jahre überhaupt. Es gab viele Fragen, auf die ich nie wirklich eine Antwort fand.“ Seine Form schwankte. Zwar gewann er in Dschidda mit 17 Jahren und 254 Tagen als Jüngster der Geschichte in dieser Kategorie und

Gut unterwegs: Der 18-jährige Arvid Lindblad ist der jüngste Brite, der je F1-Punkte sammeln konnte.

siegte in Barcelona erneut. Aber es gab auch Kollisionen, Disqualifikationen und Strafen. An manchen Wochenenden sah er wie ein künftiger Star aus, an anderen lief gar nichts. Er war 17 Jahre alt, hatte ein Jahr F4 und ein Jahr F3 hinter sich und versuchte, in einer Kategorie zu bestehen, in der Erfahrung die halbe Miete ist.

„Ich hatte Schwierigkeiten, mich gut ins Team einzuarbeiten“, sagt er. „Es lief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und ich verkrampfte mental. Wenn alles zusammenpasste, war ich schnell, aber da ich so rasch aufgestiegen war, gab es Lücken, Dinge, die ich noch nicht erlebt hatte. So musste es fast zwangsläufig zu Phasen kommen, in denen es gar nicht gut lief.“

Hatte man dem jungen Mann zu viel zugemutet? Seine Mentoren im Red Bull Junior-Programm sahen das anders. Als Isack Hadjar nach nur einer Saison bei den Visa Cash App Racing Bulls zu Red Bull Racing wechselte, wurde beim designierten Nachwuchsteam ein Platz frei. Die Formel 1 winkte! Die entscheidende Frage war, ob und wie Lindblad die Höhen und Tiefen seiner Rookie-Saison in der F2 verarbeitet haben würde. War er reif genug für die größte Bühne im Motorsport?

„Das Sprichwort mag alt sein, aber es stimmt: Aus schwierigen Tagen lernt man mehr als aus guten“, sagt er. „Ich habe aus dem letzten Jahr viel mitgenommen, kenne meine Bedürfnisse besser und weiß, wie ich die Rennwochenenden angehen muss.“ Der Sprung von der F2 in die F1 ist gewaltig. Während ein Pilot in der F2 in der Regel mit 15 bis 20 Leuten arbeitet, mit einem Ingenieur spricht, technisch nur beschränkt Einfluss nehmen kann und ein Auto mit etwas mehr als 600 PS fährt, explodiert in der Formel 1 jeder einzelne Faktor: 60 Leute umschwirren dich und dein Auto, dazu kommt Personal für Marketing, Kommunikation und Hospitality.

„Als würde man einen Doppeldecker gegen eine Rakete tauschen: So fühlt man sich in der Formel 1.“

Die Möglichkeiten, das Auto abzustimmen, sind dramatisch höher, desgleichen die Motorleistung. Allein auf dem Lenkrad befinden sich fast 50 Schalter, Drehregler, Kippschalter, Tasten und Wippen; und jeder einzelne hat eine Funktion. Es ist, als würde man einen Taschenrechner gegen einen Supercomputer tauschen, einen Doppeldecker gegen eine Rakete. „Aufregend, überwältigend … völlig anders als alles, was ich gewohnt war“, beschreibt Lindblad den Umstieg. „Es fühlte sich wie eine andere Sportart an.“

Und gleich Vollgas Wie sehr sich auch sein Leben verändert hatte, wurde ihm bei den Pre-Season-Tests in Bahrain bewusst. „Ich saß bei meiner ersten Pressekonferenz – noch vor meinem ersten Rennen –, und der Raum war voll. Bislang war ich eher eine schwache Handvoll Journalisten gewohnt. Da dachte ich nur: ‚Wow, okay.‘“ Rennfahrer klappen das Visier zu und blenden die Geräusche von außen aus. Genau das tat Lindblad. Bei seinem F1Debüt in Melbourne vertraute er auf das,

worauf ihn die frühen Morgenstunden im Hooton Park und die ewigen Runden mit unterlegenen Karts vorbereitet hatten.

„Sobald die Ampeln ausgingen, nutzte ich jede Lücke, die ich finden konnte, und stürzte mich ins Getümmel. Ich schob mich zwischen Lando Norris und Lewis Hamilton, und bevor ich mich versah, lag ich auf Position 4. Später kämpfte ich mit Isack und Lewis Rad an Rad“, sagt er, immer noch ein wenig überwältigt, denn: „Lewis war ein wichtiger Grund, warum ich mich in diesen Sport verliebt habe.“

Seinen ersten Grand Prix beendete er auf Platz 8 und war somit der jüngste Brite, der je F1-Punkte sammeln konnte. Nach seinen Duellen gegen die Weltmeister Norris und Hamilton bezeichnete ihn die Presse als „furchtlos“. Zu Recht? „Ich habe enormen Respekt vor verdienten Fahrern wie Max, Lewis oder Fernando. Aber werde ich sie auf der Strecke anders behandeln? Nein. Ich werde hart, aber fair gegen jeden fahren. Und wenn sich eine Chance bietet, werde ich sie nutzen.“

Seine ersten Monate in der F1 sind erst der Beginn einer weiterhin steilen Lernkurve. „In Japan bin ich von Platz 10 gestartet und lag am Ende der ersten Runde auf Platz 8. Ich war fast ein bisschen überfordert, in dem Sinne, dass ich weiter vorn liege, als ich sollte. Hinter mir sind schnellere Autos; ich versuche, meine Position zu verteidigen. Das ist mental anstrengend.“ Wieder etwas, das er lernen muss, ein weiterer Schritt auf dem Weg. Das ist Arvid Lindblads neue Welt –aber es ist auch eine, die er sehr gut kennt, denn sonst wäre er nicht da, wo er heute ist. „Motorsport ist seltsam“, sagt er und lächelt. „Man arbeitet, um den nächsten Schritt zu tun, doch sobald der getan ist, fängt man wieder ‚unten‘ an.“

Wann immer aktuell Hürden auftauchen – was im (zwei)wöchentlichen Match gegen die Besten der Welt zwangsläufig der Fall sein wird –, kann er sich jenen Moment in Melbourne vergegenwärtigen, die Startaufstellung, das Schild mit seinem Namen darauf – „Arvid Lindblad, F1-Pilot“ – und sich vorsagen: „Ich konzentriere mich auf mich selbst und auf das, was ich beeinflussen kann. Ich weiß nicht, was die kommenden Monate bringen werden, aber ich freue mich darauf. Ich lebe meinen Traum.“

Instagram: @arvid.lindblad

Formel-1-Grand-Prix am Red Bull Ring in der Steiermark von 26. bis 28. Juni 2026

DER CODE ZUM ERFOLG

NICO WILLIAMS, RICHARD RÍOS, NEYMAR JR., ALPHONSO DAVIES, MEMPHIS DEPAY

Ein breites Lächeln, brasilianische Vibes, harte Kritik oder ein Straßenmatch mit alten Kumpels: Woher diese fünf WeltklasseFußballer ihre Energie nehmen.

Grenzenloser Einsatz: Alphonso Davies, 25, im Spiel Kanada vs. Mexiko drei Tage vor seinem Kreuzbandriss im März 2025.

NICO WILLIAMS

WIESO DER SPANIER

AM LIEBSTEN AUCH HEUTE NOCH MIT DEN KUMPELS

AUS SEINEM VIERTEL KICKT. DER LOKALPATRIOT

Von 2008 bis 2012 dominierte Spanien mit zwei EM- und einem WM-Titel die Fußballwelt, und das dank brillanter Akademiespieler und ihres Kurzpassspiels Tiqui-Taca. Es folgten zehn Jahre der Ernüchterung, ehe eine neue Generation der einstigen Erfolgsformel ein Upgrade verpasste.

Kollektiver Ballbesitz-Fußball wurde mit individuellen Dribblings und Sturmläufen ergänzt. Das Ergebnis: Spektakel, Tore und der Triumph bei der EURO 2024. Dieses „neue Spanien“ wird von zwei Spielern ganz besonders geprägt: Lamine Yamal, 18, und Nico Williams, 23. „Wir sind Kinder der Straße, Kinder unserer Viertel“, sagt Williams, „wir bringen den Straßenfußball in die Nationalmannschaft.“

Nico Williams wuchs als Kind ghanaischer Einwanderer in Pamplona auf, ehe er seinem Bruder Iñaki in die Fußballakademie von Athletic Bilbao folgte. Sein Heimatviertel Buztintxuri hat der Flügelspieler gedanklich aber nie verlassen: „Jedes Mal, wenn ich auf den Platz gehe, habe ich mein Viertel im Kopf. Ich bin immer noch der Junge, der auf dem Platz hinter der Kirche gekickt hat.“

Dort sei er „durch ständige Tritte abgehärtet“ worden und habe seinen Stil entwickelt.

Noch heute zieht es Nico oft nach Buztintxuri zurück, wo ihn neben seinen alten Freunden auch viele Migrantenkinder an die eigene Jugend erinnern. Die Postleitzahl des Viertels trägt er als Tattoo am Oberarm. „Ich weiß, dass viele Kinder in mir ein Vorbild sehen. Ich spiele auch für sie.“

2026 hat Nico Williams sein eigenes 4-gegen4-Turnier für Stadtviertel ausgerufen. Infos und Videos: redbull.com/reydelbarrio

Stets mit beiden Beinen am Boden geblieben: Nico Williams, 23, früher Straßenkicker in Pamplona, heute einer der begehrtesten Fußballer der Welt.

RICHARD RÍOS

WIE FUTSAL FÜR DEN KOLUMBIANER VOM

AUSWEG ZUM KARRIERESPRUNG WURDE.

DER ANPASSUNGSFÄHIGE

Zu klein, zu fragil, zu schwach: So urteilten Trainer über den jungen Richard Ríos. Heute hat er mit 1,85 Meter nicht nur Gardemaße erreicht, sondern auch Weltniveau. Dabei ging Ríos bis 2018 noch in einer anderen Disziplin ans Werk.

Nachdem ihm der klassische Weg Richtung Profifußballer verstellt wurde, landete Ríos beim Futsal, der in Südamerika populären Hallenfußballvariante. Auf dem wortwörtlich harten Boden der Realität („Von professionell waren wir weit entfernt“) angekommen, lernte er sich durchzusetzen: gegen körperlich überlegene Gegner, kritische Stimmen und die Beengtheit des Sports – ein Futsal-Feld misst weniger als ein Drittel eines regulären Rasenplatzes.

Das Ergebnis: ein Fußballer mit purer Willenskraft. „Ich bin ein Kämpfer, gebe keinen Ball verloren und muss gewinnen, egal worum es geht“, beschreibt sich Ríos selbst. Die geschärften Fähigkeiten blieben nicht lange unbemerkt. Als Teil der nationalen Futsal-Auswahl nahm Ríos 2018 an der südamerikanischen U20 -Meisterschaft teil und bekam danach ein Angebot – von Topklub Flamengo, für die Fußball-Division, wohlgemerkt.

Was den Scouts aufgefallen ist, sind jene Attribute, von denen Ríos noch heute zehrt und die er seinem Karriere-Umweg verdankt:

„Wenn es kaum Platz gibt und kaum Zeit, Entscheidungen zu treffen, kommt der FutsalSpieler in mir heraus“, erklärt Ríos. „Kurze Pässe, Dribblings, auf den Ball steigen.“ Aber führt die langjährige Absenz auf großen Feldern nicht zu Schwächen? „Ich musste einiges lernen: weite Pässe, diagonale Räume, Abseits. Aber ich bringe das auf den Platz, was ich beim Futsal gelernt habe. Und das ist auch der Wille, mich täglich weiter zu verbessern.“

Die junge Generation trägt seine Frisur, er selbst nach Jahren im Futsal heute mit Stolz das Teamtrikot Kolumbiens: Richard Ríos, 26.

HÖCHSTES NIVEAU

In ihrem neuesten Projekt mit Red Bull stellen sich Ausnahmefußballer Ausnahmesituationen. Endrick, Richard Ríos, Neymar Jr. und FußballFreestyler Séan Garnier mussten etwa den Ball in der Luft hin und her passen, während ihr Plateau auf bis zu 15 Meter Höhe anwuchs. Alle Folgen gibt es auf dem YouTube-Kanal von Red Bull.

NEYMAR JR.

WARUM BRASILIENS SUPER-

STAR DIE KRITIK AN IHM ALS TREIBSTOFF NUTZT. DER MEDIENZAR

Über zwanzig Jahre steht Neymar Jr. schon im Fokus der Fußballwelt: Teenager-Sensation bei Santos, Champions-League-Sieger beim FC Barcelona, teuerster Transfer aller Zeiten bei Paris Saint-Germain, Rekordtorschütze für Brasilien.

Es gibt nur wenige Fußballer, über die in den vergangenen Jahren so viel gesprochen wurde wie über Neymar Jr. Für viele ist er einer der Größten dieser Zeit, für andere ein Showman, dem am Platz die Effizienz fehlt. Eine PartyDiva ohne Arbeitsethos. Ein Söldner, der mit dem Fußball längst abgeschlossen hat. Wer Neymar Jr. wirklich ist, beantwortet er nun selbst. In der Reality-Serie „Neymar Jr. Full Access“ übernimmt er das Sprechen, gibt tiefe Einblicke in sein Leben und zeigt, dass sein Weg noch lange nicht zu Ende ist.

„Wer Profifußballer wird, hat einen hohen Preis zu zahlen“, sagt er da etwa während der Physiotherapie in die Kamera. Und damit sind nicht die 46 Verletzungen gemeint, die zu einem großen Teil auf gegnerische Attacken zurückzuführen sind. So wurde er allein zwischen 2016 und 2022 ganze 1040-mal gefoult

– über 200-mal öfter als der Zweitplatzierte in diesem Ranking, Lionel Messi. Neymar Jr. meint damit Hater, kritische Medien und den ständigen Druck der Öffentlichkeit. „Die Leute hauen nach jedem Fehler sofort auf dich drauf. Sie verstehen nicht, dass ich auch nur ein Mensch bin.“

Neymars Worte sollte man nicht als Jammern verstehen, sondern als nüchterne Analyse: Schließlich nutzt der Offensivspieler alles, was über ihn gesagt wird – ob gut oder schlecht –, „als Treibstoff“. Und auch nach 25 offiziellen Titeln und unzähligen Auszeichnungen will Neymar Jr. eigentlich nur eines: Fußball spielen. Für seinen Herzensklub Santos und die Seleçao. „Ich weiß um meine Qualitäten“, sagt er, „und kann dem Team helfen.“

Dafür ist er zurück nach Brasilien gewechselt, dafür pendelt er täglich stunden-

lang zwischen Krafttraining, Massagebank und Fußballplatz. Spielt er einmal nicht, dominiert er dennoch die Schlagzeilen. „Vor Brasiliens Kadernominierung im März fiel mein Name etwa eine Trillion Mal“, sagt Neymar Jr. und lacht. Kein Problem für ihn: Er ist die Aufmerksamkeit gewohnt. Die Neymar Jr. YouTubeSerie läuft auf Red Bull TV und auch auf Neymar Jr.s YouTube-Kanal.

Mittelpunkt des Medienzirkus: Neymar Jr., 34, checkt im Teambus sein Handy, davor warten Tausende Fans auf ihn.

ALPHONSO DAVIES

WARUM DEN KANADIER

IN GUTEN WIE IN SCHLECHTEN ZEITEN EIN BREITES LÄCHELN BEGLEITET.

DER STRAHLEMANN

Vom Flüchtlingscamp in Afrika zum Hoffnungsträger. Vom Krankenbett zurück auf die Champions-League-Bühne.

Alphonso Davies hat mit 25 Jahren schon viel durchgemacht. Eines ist ihm aber stets geblieben: sein Lächeln.

„Er hatte eine Energie, die durch die Decke ging, und dabei immer dieses Lächeln auf dem Gesicht“, erzählt Craig Dalrymple, Akademieleiter der Vancouver Whitecaps, über den jungen Davies. Mit 14 Jahren sticht dieser deutlich hervor: schnell, körperlich stark und erstaunlich reif. „Ich musste auf meine zwei kleinen Geschwister aufpassen, da meine Eltern jeweils zwei Jobs hatten“, sagt Davies und ergänzt: „Ich war immer der in der Familie, der alle aufgemuntert hat.“

So schnell Davies auf dem Feld ist (sein Sprintrekord liegt bei 36,51 km/h), so schnell nahm auch seine Karriere Fahrt auf: Profivertrag in Vancouver mit 15, Durchbruch in der amerikanischen Liga, Wechsel zum FC Bayern mit nur 17 Jahren und dann, 2020, nur zwei Jahre später, der Champions-League-Sieg – als Stammspieler und erster Kanadier überhaupt. „Diese Trophäe mit 19 in die Luft zu stemmen, war irre“, sagt Davies. „Ich habe vor lauter Freude zwei Tage lang nicht geschlafen.“

Mit dem für viele weltweit besten Linksverteidiger in den eigenen Reihen stiegen auch die Erwartungen an das kanadische Team. 2022 konnte man sich erstmals seit 36 Jahren wieder für eine WM-Endrunde qualifizieren und dort erstmals ein Tor erzielen. Der Schütze: Alphonso Davies. Vier Jahre später wartet mit der Heim-WM eine noch größere Herausforderung, auch für Davies. Ein Kreuzbandriss im März 2025 führte dazu, dass „all meine Energie wie weggeflogen war. Aber dann habe ich gesagt: Ich kann entweder hier sitzen und trauern – oder ein Lächeln aufsetzen und mich durchkämpfen.“

13 Monate später stand Davies im Champions-LeagueHalbfinale in der Startelf.

Großer Traum: Bei der Weltmeisterschaft 2026 soll Alphonso Davies, 25, Co-Gastgeber Kanada als Kapitän anführen.

MEMPHIS DEPAY

WIE DER NIEDERLÄNDISCHE

TOP-TORJÄGER VON BRASILIANISCHEN VIBES INSPIRIERT WIRD. DER PILGER

Als der vereinslose 30-jährige Memphis Depay 2024 nach Brasilien wechselte, sahen viele nur einen weiteren Fußballer, der seine Karriere ausklingen lässt. Zwei Jahre und drei Titel später wirkt der Stürmer wie neugeboren. Mal wieder.

Um Memphis Depays Karriere zu beschreiben, greift man am besten auf das Bild einer Achterbahnfahrt zurück: Nach dem Durchbruch bei PSV Eindhoven kam „der Albtraum“ (© Memphis) Manchester United, dem Wiedererstarken bei Olympique Lyon folgten eineinhalb durchwachsene Jahre beim FC Barcelona. Und nach einer verletzungsgeplagten Saison bei Atlético Madrid stürmte Memphis mit Oranje bei der EURO 2024 bis ins Halbfinale.

Von diesem Erfolg gestärkt – die Nationalmannschaft ist für ihn „wie ein warmes Bad“ –, nahm Memphis ein Angebot von Corinthians aus São Paulo an und schockte damit Fans und Experten. „Ich wollte zu den Wurzeln des echten Fußballs. Kinder, auch in Europa, bewundern die Brasilianer dafür, wie sie spielen“, sagte Memphis bei seiner Präsentation. „Es ist das Mekka des Fußballs.“

Memphis und Mekka, das passt. Der Angreifer tritt selbstbewusst auf, trifft, assistiert und spielt dabei laut Beobachtern „brasilianischer als die Brasilianer“. Auch abseits des Platzes lässt sich Memphis auf die neue Kultur ein: Essen, Lifestyle – und natürlich die Musik. Die Favelas besuchte er nicht nur, der Musikbesessene widmete ihnen sogar einen RapSong. Denn trotz der sportlichen Erfolge – Cup, Supercup und São-Paulo-Meisterschaft – war für Memphis von Beginn an klar: „Der Grund, warum ich hier bin, ist größer als Fußball.“

Ghanaische Wurzeln, niederländischer Pass, brasilianisches Lebensgefühl: Memphis Depay, 32, Weltbürger.

Reise / Mindgame / Playlist / Summer Supply

WEISSER RIESE

Offroad durch Boliviens Salzwüste Salar de Uyuni

GUIDE

NEUSTART IM NICHTS

10.000 Quadratkilometer Weiß. Im Salar de Uyuni in Bolivien, der größten Salzwüste der Welt, knallt die Sonne doppelt, der Himmel verschmilzt mit dem Boden, und das Hirn freut sich über Stille und endlose Weite.

„Ohrläppchen, Nasenlöcher und Lippen!“ Das lernt man als Erstes bei der Ankunft am Salar de Uyuni, der größten Salzwüste der Welt. Oder anders gesagt: Wer im bolivianischen Hochland nicht jeden Millimeter Haut mit Sonnencreme einschmiert, wird noch lange an diesen Trip denken. Die Sonne grillt von oben (auf 3656 Metern filtert die dünne Atmosphäre kaum UV-Strahlung), das Salz reflektiert von unten – und am Ende sind die unmöglichsten Stellen rotwund. In meinem Fall sogar die Haut zwischen den Fingern. Anfängerfehler.

Hat man jedoch verstanden, wie man sich in der 10.582-QuadratkilometerSalzwüste nicht versehentlich selbst röstet, beginnt der wahre Zauber, denn der Salar fühlt sich wie ein anderes Universum an. Zumindest ist das mein Eindruck, als mich der Nachtbus um fünf Uhr früh in Uyuni ausspuckt. Die 20.000-Einwohner-Siedlung ist der Startpunkt unseres Trips. Früher Umschlagplatz für Silber, Blei und Lithium, wirkt Uyuni heute wie eine Geisterstadt, deren Highlight ein Zugfriedhof mit riesigen Altmetall-Robotern ist. Eine postapokalyptische Kulisse, die zusammen mit dem schwächelnden Handyempfang nur den Eindruck verstärkt: Hinterm Horizont wartet etwas Großes.

Wach ich? Träum ich?

Wenige Kilometer später beginnt dann auch schon das Weiß. Das Hirn denkt erst: „Schnee“. Was passen würde, denn von Juni bis August hat es nachts in diesen Höhen Minusgrade. Entdeckt man jedoch schließlich die sechseckigen Strukturen, die man noch aus dem Chemieunterricht kennt, wird klar, dass man sich auf Salz bewegt. „Die Bienenwabenstruktur hilft, Spannungen beim Trocknen des Bodens auszugleichen“, wird mir erklärt. Solche Fakten kann man zigmal REISE/

Waltraud Hable ist Bestseller- Reiseautorin („Mein Date mit der Welt“) und lebt seit sechs Jahren aus dem Koffer.
KRISTALLHART In diesem Hotel sind Wände, Tische und Betten aus Salz.
MAD MAX Der Zugfriedhof von Uyuni hat postapokalyptisches Flair.

UNENDLICHER SPIEGEL Die Salzwüste wirkt wie ein eigenes Universum, dem Auge fehlen sämtliche Anhaltspunkte.

„Ohne Schatten oder Bäume verliert das Gehirn hier schnell die Orientierung.“

in Büchern lesen. Man versteht sie jedoch erst, wenn man sie sieht.

Was man auch wissen sollte: Die Salzwüste braucht Planung. Ja, sie lässt sich per Motorrad und Allrad-Jeep erkunden. Wer auf eigene Faust loszieht, sollte allerdings Mechaniker-Knowhow und ein Satelliten-Navi mitbringen. Denn wenn Himmel und Boden zu einer gleißenden Fläche verschmelzen (und das passiert recht schnell), verabschiedet sich jedes Gefühl für Richtung oder Entfernung. Selbst die Profis der Rallye Dakar – die Offroad-Rallye führte 2014 bis 2018 durch die Salzwüste – haben Respekt: Salz zerfrisst die Elektronik und die Bremsen. Obendrein wird die Landschaft nach Regen zum riesigen Spiegel; ein Effekt, für den der Salar berühmt ist. Wer dann stecken bleibt, ist auf sich allein gestellt. Deshalb setzen die meisten Besucher auf geführte Touren.

Mein Guide für die nächsten zwei Tage heißt Alejandro. Er ist Mitte 30, meist komplett vermummt (der Mann weiß, warum), und Alejandro hat früh erkannt: Ohne

Travel-Tipps

Beste Reisezeit

Von Mai bis November ist Trockenzeit – das heißt, mehr Teile der Salzwüste sind befahrbar. In der Regenzeit von Dezember bis April steht Wasser auf der Salzfläche (Gefahr, stecken zu bleiben), dafür verwandelt sich die Landschaft in einen riesigen Spiegel.

Wie du hingelangst

Von Deutschland per Flug nach El Alto und dann weiter per Inlandsflug nach Uyuni. Es fahren auch Nachtbusse von La Paz nach Uyuni (ca. 10 bis 12 Stunden).

Häuser, Bäume oder Schatten fehlen dem Gehirn sämtliche Anhaltspunkte für Entfernungen und Größen. Genau das macht die Salzwüste perfekt für optische Illusionen und Fotospielereien: Ein Spielzeug-Dino wird – dank Alejandros Kamerawinkel – zum XL-Reittier, auf dessen Rücken ich winzig klein herumzapple. Eine Chipsverpackung verwandelt sich in einen Tunnel, in den man hineingehen kann. Alejandro weiß auch, wo man im ewigen Weiß abbiegen muss, um zur Isla Incahuasi zu kommen – einer Felsinsel mit jahrhundertealten Kakteen, die früher Zufluchtsort für die Inka war und heute einen 360-Grad-Panorama-Ausblick bietet. Und immer, wenn man denkt, es könnte nichts Neues mehr auftauchen, überrascht einen die Gegend: In Lagunen picken pinke Flamingos nach Krebsen. Oder plötzlich … ein Hotel, dessen Wände und Schlafkojen komplett aus dicken Salzquadern gebaut sind. Wasser? Heizung? Fehlanzeige! Für eine Nacht hält man das aus. Das Geheimnis dieser Landschaft jedoch liegt in dem, was sie mit einem macht: kein Augen-Overkill, nur Stille. Das Hirn bekommt Leerlauf. Und manchmal braucht es genau diese Leere, damit wieder Platz für Neues entsteht.

Instagram: @waltraud_hable

FINDE DEINEN

Willkommen zu einer RätselChallenge, die deine mentale Fitness trainiert. Folge 8: Chaos an der Gepäckausgabe.

DIE AUFGABE

Oh no! Die Koffer sind nicht nur alle auf einem Haufen gelandet, sie sehen sich auch noch zum Verwechseln ähnlich. Zum Glück erinnerst du dich an entscheidende Details deines Modells. Findest du es?

Scan den QR-Code, um zur Lösung des Rätsels zu gelangen.

PLAYLIST/ IM BUS MIT

Deutschrapper benno!, 18, hat über die Jahre für jede Gelegenheit den richtigen Soundtrack gefunden. Hier kommen vier Favourites.

Scan den Code und erleb benno! mit Produzent Jumpa beim Rap-Format Red Bull 64 Bars:

Drake

I’m Upset (2018)

„Zwischen elf und fünfzehn war ich voll in meiner Ami-Rap-Phase, ich fand die Energie von Künstlern wie 6ix9ine und Playboi Carti extrem krass. Und natürlich Drake. Ich weiß noch gut, wie ich immer mit meinen schlechten Kabelkopfhörern im Bus auf dem Weg zur Schule saß und sein Album ‚Scorpions‘ durchgepumpt habe.“

benno!

Mit vierzehn beginnt Ben Burrows am Laptop Rap-Songs zu schreiben und zu produzieren. Harte TrapBeats und flowige Texte werden schnell sein Markenzeichen. Nur zwei Jahre später veröffentlicht der Junge aus Löhne in Ostwestfalen mit „1of1“ sein Debütalbum –seitdem geht es Schlag auf Schlag: Vertrag mit Sony Music, über zwei Millionen monatliche Hörer auf Spotify und vor kurzem die erste Tour. Zuletzt erschien seine Single „Heartbroke Eyes“.

Glen Campbell

Rhinestone Cowboy (1975)

„Mein Vater ist aus Manchester und war immer ein großer Musikfan, daher hat er mir schon als Kleinkind ganz viel Soul, The Beatles und Michael Jackson gezeigt – und ‚Rhinestone Cowboy‘ von Glen Campbell zum Einschlafen auf der Gitarre vorgespielt. Das hat super funktioniert, ich habe geschlafen wie ein Baby!“

Sade

Pearls (1992)

Confident (2013)

„Als ich etwa zehn Jahre alt war, war Justin Bieber eine absolute Ikone für mich. Damals habe ich immer mit einem guten Freund in unserer Einfahrt Basketball gespielt. Im Winter. Es war eiskalt, aber wir haben einfach über mein Handy Justin-Bieber-Songs auf voller Lautstärke gehört.“

„Deutschrap habe ich erst mit fünfzehn entdeckt, mit Rappern wie Xatar und Celo & Abdi. Aktuell, würde ich sagen, stecke ich in einer ruhigen Phase. Bei mir ist so viel los, da will ich zu Hause nicht wieder harte Trap-Beats hören, sondern entspannen – deswegen ist Sade gerade meine Nummer eins.“

Justin Bieber

VON BERUF HELD?

KTM REVELATOR ALTO PRIME STABIL

Dieses High-End-Carbon-Rennrad besticht durch Aerodynamik und dynamische Klettereigenschaften. Mit nur 7,7 Kilo Gesamtgewicht meistert es Speed-Ausfahrten so souverän wie lange Alpenetappen. KTM, ! 4.499; ktm-bikes.at

SALOMON AERO GLIDE 4 DYNAMISCH

Der Aero Glide 4 über zeugt als Leichtgewicht (250 Gramm!) unter den Asphalt-Laufschuhen. Nahtlose Innenverarbei tung und optiFOAM Sohlen sorgen für maxi male Stoßdämpfung und besten Laufkomfort.

HOVERAIR AQUA FLY

Diese App-gesteuerte wasserfeste Drohne überzeugt mit 55 km/h Topspeed und EchtzeitVideoübertragung. Zehn Modi passen sich deiner Sportart an – ob du die perfekte Welle surfst

BUFF PACK CYCLE CAP FRESH

Faltbare UnterhelmKappe, die dank antibakterieller Stoffbehandlung und innerem Schweißband auch auf langen Strecken trocken bleibt. Buff, ! 34,95; buff.com

Ready for Take-off! Start und Landung auf Wasser sind für diese Kamera kein Problem.

PAS NORMAL STUDIOS ZIPLESS JERSEY FLOTT

Aerodynamisch und atmungsaktiv, begleitet dich das Trikot durch sommerliche Rennphasen. Das Modell kommt ohne Reißverschluss aus und sorgt dafür, dass du selbst auf Bergetappen cool bleibst. Pas Normal Studios, ! 200; pasnormalstudios.com

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Upgrade-Version des Speedoverspiegelte, hydroskopische Gläser für Antifogverstellbarer Nasensteg und doppeltes Das sitzt! speedo.com

ADIDAS SPORT EYEWEAR ALKATOR FOKUS

Das „Powervizn Lens System“ sorgt für Durchblick: Auf Gelände und Lichtverhältnisse abgestimmte Gläser optimieren Kontraste und Tiefenwahrnehmung. Adidas, € 155; adidas.com

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Rennerprobt und geländetauglich. Die FutureShock-Technologie bietet effektive Dämpfung und Fahrkontrolle, selbst auf ruppigem Untergrund. Specialized, € 7.999; specialized.com

Style meets Funktionalität: Der Frottee-Triangel-Bikini sorgt mit herausnehmbaren Cups, Flexi-Trägern und Hosenbändchen für individuellen Halt und Tragekomfort, die Short ist aus schnelltrocknendem Stoff. Arena, Bikini um € 55, Short um € 40; arenasport.com

ARENA BEACHWEAR FUNKY

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Hier schreibt Bestseller-Autor Leif Randt

eine futuristische Short-Story-Serie für The Red Bulletin. Folge 12: Leaving Lanzarote

ON THE ROCKS

Als Ausgangspunkt jeder Story verwendet Leif Randt ein Handyfoto von seinen Reisen. Aktuelles Motiv: eine Promenade auf Lanzarote im Sonnenuntergang – für uns kunstvoll in Szene gesetzt von Fotograf Klaus Pichler.

„Liebe Nicole, erinnerst du dich noch an meine Handschrift? Hat die immer so krakelig ausgesehen? Ich weiß es ja selbst nicht mehr genau! Ich finde jedenfalls, meine Schrift sieht aus wie die Schrift einer aggressiven älteren Dame. Auch ein bisschen bitter und wunderlich. Und vielleicht bin ich das ja auch. Hinter meiner Handschrift kann ich mich jedenfalls nicht verstecken. Um ehrlich zu sein, ist dieser Brief hier gerade auch schon der dritte seiner Art. Bei den beiden vorherigen musste ich so viel korrigieren und streichen, dass sie mir gar nicht mehr lesbar vorkamen … mir tut vom vielen Schreiben schon das Handgelenk weh.“

An dieser Stelle musste Nicole erstmals umblättern. Die Schrift ihrer ältesten Freundin Amanda – die beiden kannten sich schon seit über vierzig Jahren – war zum Seitenende hin immer größer und schwungvoller geworden, was Nicole durchaus irritierte. Wenn sie sich richtig erinnerte, war ihre eigene Handschrift zum Ende eines Blattes hin immer eher kleiner und enger geworden anstatt größer. Und das war doch eigentlich auch naheliegender, dachte Nicole, dass man oben groß ansetzt und dann am Ende der Seite versucht, noch möglichst viele Informationen in den freien Raum zu quetschen. Bei Amanda ging es auf der Rückseite gleich noch größer weiter, ihre Schrift wuchs von Zeile zu Zeile, was Nicole das Gefühl gab, von ihrer Freundin, mit der sie im Laufe der Jahrzehnte nicht selten gestritten hatte, regelrecht angeschrien zu werden.

ihr früher zuwider war, wenn Leute in ihrer Anwesenheit nach Begri en googelten, wollte sie Amanda in ihrer merkwürdig dramatischen Handschrift erst einmal ausreden lassen.

„Es würde mich wundern, wenn du deinen Besuch hier schon gebucht hättest. Du kamst zwar jedes Jahr um die exakt gleiche Zeit, aber gebucht hast du immer im letzten Moment. Die Idee maximaler Spontaneität durfte auch Ü60 nie aufgegeben werden.“

Hier hatte Amanda einen Punkt. Nicole hatte sie in den letzten fünfundzwanzig Jahren jedes Jahr über den Erster-Mai-Feiertag auf Lanzarote besucht. Und doch hatte sie ihre Reise jedes Mal erst im Laufe des Aprils gebucht, denn sie war nie ganz sicher, ob sie kommen würde. Das kleine weiße Haus, das ohne Nachbarhäuser in das schwarze Lavagestein gebaut war, hatte sich Amanda mit Anfang vierzig gekauft und es großteils selbst renoviert. In einer Zeit, als sich Nicole kaum vorstellen konnte, mehr als zwei Wochen auf einer Insel zu verbringen, verlagerte Amanda ihren Lebensmittelpunkt nach Lanzarote. Während ihrer Besuche übernachtete Nicole in Amandas kleinem Gästezimmer auf der Ausziehcouch.

LEIF RANDT

Geboren 1983 in Frankfurt am Main. Er gilt als Vertreter einer neuen Generation der Popliteratur.

Sein neuer Roman „Let’s talk about feelings“ erschien 2025.

„Ich gehe zwar davon aus, dass in Hamburg nur wenig über die Ereignisse auf Lanzarote berichtet wird, aber du als Liebhaberin dieser einst so schönen, melancholischen Insel weißt doch mit Sicherheit mehr?! Du informierst dich ja wohl noch über den Tellerrand hinaus?? Um ehrlich zu sein, bin ich ein wenig enttäuscht, von dir keinen Mucks gehört zu haben in den letzten drei Monaten. Gleichzeitig könnte ich nachvollziehen, wenn du lieber vor der eigenen Haustür kehren möchtest. Das selbsthypnotisierte Germany ist schließlich genauso betro!en.“

Im April kam die Verfilmung seines Bestsellers „Allegro Pastell“ ins Kino.

Sie schlief dort so unruhig wie nirgendwo sonst, musste aber zugeben, dass sie die traumintensiven Nächte von Lanzarote irgendwie auch genoss. Nur das innere Metallgestänge des Sofas drückte von Jahr zu Jahr mehr im Rücken. Nicole hatte sich nie explizit über das Sofa beschwert, es wäre ihr snobistisch vorgekommen, und ho te doch von Besuch zu Besuch, dass Amanda das alte Sofa gegen ein bequemeres ausgetauscht haben könnte, wozu es dann jedoch nie kam. Generell verliefen die fünf Tage auf Lanzarote jedes Jahr ähnlich und waren verlässlich schön. Morgens tranken die beiden Freundinnen starken Filterka ee auf der windigen Terrasse und betrachteten die karge Landschaft, an der man sich – das erwähnte Amanda bei jedem Besuch mindestens einmal – auch nach vielen Jahren nicht sattsehen konnte. Man unternahm Wanderungen rund um erloschene Vulkane, man verbrachte einen sonnigen Tag am Papageien-Strand und trank abends Campari Spritz. Und ja, Nicole wollte eigentlich auch dieses Jahr wieder hin.

Nicole hatte beim besten Willen keine Ahnung, wovon Amanda da redete. Was war geschehen auf Lanzarote? Nicole widerstand dem Impuls, sofort die Infobox in ihrer Küche danach zu fragen. So wie es

„Dass ich dir auf deine Fotos von der letzten Ausstellungserö! nung nicht geantwortet habe, verstehst du sicher. Ich konnte diese ganze Kunst, die da in deiner Halle zu sehen war, nur als eine Art großen Witz begreifen. Aber das tust du wahrscheinlich selbst auch. Die Zeiten sind, wie sie sind. Einige wehren sich aktiv gegen die Übernahme. Andere haben längst kapituliert. Und die Künstler in deiner Ausstellung gehören, wie ich finde, auf eine ziemlich zynische Weise zur

Nicole hatte beim besten

Willen keine Ahnung, wovon

Amanda da redete. Was war geschehen auf Lanzarote?

Nicole widerstand dem Impuls, sofort die Infobox in ihrer Küche danach zu fragen.

zweiten Gruppe. Sie sind ja selbst längst Teil dieser Roboterwelt geworden, und das wird sie mittelfristig ersticken. Vielleicht teile ich aber auch einfach nicht mehr ihren und deinen Humor.“

Derartige Anfeindungen konnten zwischen Nicole und Amanda schon mal vorkommen. Die beiden waren sich in vielem ähnlich und hatten wahrscheinlich auch deswegen oft gegenteilige Lebensentscheidungen getro en. Nach dem Studium wollten beide Hamburg verlassen, doch nur Amanda verließ Hamburg. Beide strebten eine Karriere in der Welt der bildenden Künste an, doch nur Nicole machte diese Karriere. Ein kleinerer Streit ereignete sich recht verlässlich am dritten gemeinsamen Tag auf Lanzarote, weil sie am zweiten abends nach der ersten Wanderung meist zu viel getrunken hatten und am Folgetag dünnhäutig waren. Bis zum Abreisetag vertrugen sich die beiden aber immer wieder, sodass einem Besuch im Folgejahr nie wirklich viel im Weg gestanden hatte.

„Vor wenigen Wochen noch war ich überzeugt, dass es mich nach Südamerika ziehen würde. Nach Paraguay oder Chile. Aber seit auch dort Bonny-Universal illegal durchgese,-, wurde, bleibt mir nur die Algarve. Einige Dörfer an der Algarve sind das wohl letzte roboterfreie Areal.“

Nicole schockte es, dass Amanda das Wort Roboter nun schon zum zweiten Mal benutzte. In Nicoles Augen war das ein Signalwort, das abwertend für alles eingesetzt wurde, was technologisch neu war, und das künstlichen Intelligenzen jede Sensibilität absprach. Nicole erinnerte sich an ein Gespräch mit ihrem ersten Assistenzsystem, einer frühen Version der mittlerweile eingestellten Firefox-AI, das auf das verletzende Potenzial dieses Wortes hinwies. In den Folgejahren war das Wort zu einem Kampfbegri geworden, mit dem Menschen markierten, dass sie technologieskeptisch, intelligenzfeindlich und vielleicht sogar ein wenig paranoid waren. Und obwohl Nicole selbst auch einen eher technologiereduzierten Lifestyle pflegte – sie trug weder einen Knopf im Ohr noch eine Kamerabrille und wäre liebend gerne mal wieder in einem Taxi gefahren, das von einem Menschen gesteuert wurde –, hätte sie niemals das Wort Roboter verwendet.

„Wenn du diesen Brief liest, bin ich sehr wahrscheinlich längst in Portugal. Oder an einem Ort, den ich jetzt noch gar nicht kenne. Sollte die Möglichkeit bestehen, werde ich dir einen neuen Brief schreiben. Und falls nicht? Dann hatten wir unsere Zeit. Deine Amanda.“

Dass Nicole am Hamburger Flughafen ein Ticket für eine Maschine am selben Tag buchte, passierte nicht zum ersten Mal. „Sie besuchen Ihre Freundin dieses Jahr schon etwas früher?“, fragte die aufmerksam lächelnde Mitarbeiterin der Hanseatic Airlines. Nicole, die sich eine zwanzig Jahre alte Sonnenbrille in die Haare geschoben hatte, sagte: „Ich ho e es sehr.“

Nachdem sie über sämtliche Telefonnummern, E-Mail- und VR-Adressen nicht zu Amanda durchgekommen war und die wenigen gemeinsamen Kontakte sich gar nicht mehr als gemeinsame Kontakte bestätigen ließen – Paula hatte seit Jahren nichts mehr von Amanda gehört, und Gregor war gar nicht erst ans Telefon gegangen –, hatte Nicole ihre Wanderschuhe und etwas Wechselkleidung in eine Tasche gepackt und war zum Airport gefahren.

Nach einem wie üblich erstaunlich langen Flug von beinahe sechs Stunden saß Nicole in einem selbstfahrenden Taxi und blickte in die menschenleere Landschaft neben der zweispurigen, kurvenarmen Straße. Es schien in den zurückliegenden Wochen und Monaten ungewöhnlich viel geregnet zu haben, an einigen Stellen wuchsen pinke und gelbe Blumen aus dem schwarzen Lavagestein. Nicole fand, dass diese neue Flora regelrecht dekorativ wirkte, so als wollte man Lanzarote optisch aufwerten. Das Taxi verlangsamte seine Fahrt auf der Schotterstraße, die zu Amandas Haus führte. Es war das einzige Gebäude weit und breit. Als sie schon ganz nah war, konnte Nicole die Terrasse überblicken. Es standen keine Stühle dort und erstaunlicherweise auch keine Pflanzen. Nicole überwies dem Taxiservice einen kleinen Bonusbetrag mit der Bitte, nicht gleich zum nächsten Auftrag davonzufahren. Vier der sechs kleinen Fenster des Hauses waren von Fensterläden verschlossen. Nicole klingelte. Sie glaubte, im Haus Schritte zu hören, aber das mochte Einbildung gewesen sein. Dann klingelte sie noch einmal. Nach dem dritten Klingeln drehte sie sich zum Taxi um und bedeutete durch eine ausgestreckte Hand, dass dieses sich bitte noch einen weiteren Moment gedulden solle. Nicole lief an zwei geschlossenen Fensterläden vorbei und presste ihr Gesicht an die freie Scheibe auf der Rückseite des Hauses. Das Wohnzimmer wirkte deutlich aufgeräumter, als sie es erinnerte. Ein digitaler Wecker zeigte die korrekte Uhrzeit, ein Bildband lag auf dem Wohnzimmertisch, in der Obstschale gab es kein Obst. Durch das zweite Fenster, das nicht von einem Fensterladen geschützt wurde, blickte Nicole ins Gästezimmer. Dort, wo sie so häufig wild geträumt hatte, an der Innenwand auf dem unbequemen Sofa, stand nun ein schmales Bett aus hellem Holz mit einer brandneu aussehenden Matratze. Es gab jedoch keine Decke und auch kein Kissen. Und die Matratze war nicht bezogen.

TASTES LIKE living in the moment

Klein bisschen weiser mit ... Luwam Russom

Auf dem Dancefloor überzeugt die Tänzerin mit ihrem explosiven Stil. Hier erklärt sie, was sie bisher vom Leben gelernt hat.

„Dass ich als Frau manchmal unterschätzt werde, habe ich schon oft genutzt –und so manchen krassen Tänzer geschlagen.“

„Besser nicht zu früh auf dicken Lifestyle machen. Ich habe lange bei meinen Eltern gewohnt – das nahm Druck.“

About Luwam Russom

Geboren in Nürnberg, tanzte Luwam als Jugendliche FreestyleBattles. Heute ist sie eine der besten Street-Tänzerinnen und Choreografinnen Deutschlands und kollaboriert mit Größen wie Badmómzjay. Erleb Luwam bei Red Bull Dance Your Style: als Judge bei einem der Qualifier (etwa am 22. Juni in Berlin) oder in Aktion beim National Final am 2. August in Hamburg. redbull.com/danceyourstyle

„Tanzt du gerne zu Hause? Ich voll. Genau dieses gelöste Gefühl brauchst du im Training.“

„Zieh immer in ein Haus mit Aufzug, sonst hilft niemand beim Umzug.“

„Bloß kein Stress vor Reisen: Meinen Koffer packe ich frühestens sechs Stunden vor Abflug.“

„Tanzen ist sehr intim. Du brauchst einen guten Zugang zu dir selbst.“
„Oft aimen wir nur nach oben. Dabei sollten wir häufiger unseren Ist-Zustand zelebrieren.“

„Zum Tanzen musst du erst DEINE Musik finden. Beethoven holt mich nicht ab. Ich brauch krasseren Rhythmus.“

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