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The Red Bulletin CD 05/25

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ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

TANZ DICH FREI DIE SCHWEIZER ÜBERFLIEGER GLORY UND PAKISSI ÜBER DIE VERBINDENDE KRAFT VON STREETDANCE

PLUS MAXIME CHABLOZ / KRISTEN STEWART / PAPAPLATTE / FANNY WOBMANN / MOA BOMOLO


M3 T H E

TO UR ING


EDITORIAL & CONTRIBUTORS

Andrew Rae Der Londoner Illustrator (u. a. «The New York Times Magazine») steht für einen verspielten Stil – ein guter Fit also für unsere GamingStory. Seine Zeichnungen zieren die Story mit Papaplatte ab Seite 48.

Zoey Goto

MURIEL FLORENCE RIEBEN (COVER), NATHALIE LJUSLIN

lebt als Autorin in London (u.a. «Esquire», «Vogue»), widmet sich in ihren Texten aber vor allem der USamerikanischen Kultur. In L.A. traf sie ein Kollektiv, das Kunstschwimmen neu ­erfindet. Ab Seite 70

Fanny Wobmann In der Kolumne «On a Positive Note» nimmt uns die Buchautorin mit in einen ­Familiensommer, samt schlechtem Wetter und ­dicken Pullis – und einem kürzlich adoptierten Hund. Ab Seite 96

D

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ie Protagonisten dieses Heftes verbindet eines: die Leidenschaft für das, was sie tun. Zum B ­ eispiel ­unsere Coverstars, die inter­national erfolgreichen und extrem sympathischen Streetdancer Glory und Pakissi. Sie bringen uns ab Seite 36 die Magie des Tanzes näher – rechtzeitig vor dem Red Bull Dance Your Style-Welt­ finale, das nächstes Jahr in der Schweiz stattfindet. Oder Maxime Chabloz: Der 24-Jäh­ rige wirbelt im Sommer mit dem Kiteboard übers Wasser und im Winter als Freeskier durch den Powder. In beiden Disziplinen ist der Schweizer Weltmeister – was ihm erst mal jemand nachmachen muss! Wir waren mit dem Ausnahmeathleten am Urnersee unterwegs, wo er uns ab Seite 58 vom Balanceakt seines Lebens erzählt. ­Erraten: Es ist die Leidenschaft, die diesen ermöglicht. Viel Freude mit dieser Ausgabe, die Redaktion

THE RED BULLETIN


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INHALT Zu Hause auf zwei Brettern: Kiteboarder und Freeskier Maxime Chabloz ist Doppel-Weltmeister.

Portfolio

In the Outdoors 22 Actionfotograf Corey Rich sucht das Abenteuer. Wir zeigen das Bildertagebuch eines Explorers mit maximalem Körpereinsatz. Dance

Alors on danse Er ist im Hip-Hop zu Hause, sie im Popping. Doch der Beat vereint die Tänzer Pakissi und Glory. Was wir von ihnen lernen können, erklären sie in unserer Titelgeschichte.

58 Gallery Zahlen, bitte! Hype-Check

83 Reise 88 Musik 90 Uhren 92 Kulinarik 94 Events 96 On a Positive Note 98 Check-out

Gaming

Let’s play! Ein Gespräch mit Deutschlands Twitch-Grösse Papaplatte über Highscores, die Lust am Chatten und die Freude am Scheitern. Heroes

Kristen Stewart 16 Schauspielerin

Avaion 18 DJ

Jamie Huser 20 Wakeboard-Profi

Kiteboarden und Freeskiing

Zwischen zwei Welten

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Nur wenige können, was Maxime Chabloz kann: zwei Sportarten auf Weltniveau betreiben. Welche Vorteile das bringt, erzählt er im Interview. Kunstschwimmen

Showtime Synchronschwimmen war einmal: Mit Hilfe von TikTok, Dua Lipa und Co verwandelt sich ein ganzer Sport.

THE RED BULLETIN

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70 ROMINA AMATO

6 12 14

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Was mich leitet? Vertrauen und Exzellenz. Und für meine Sehschärfe wähle ich Visilab. Marco Odermatt

Vierfacher Gesamtweltcup-Sieger im Ski alpin

Marco Odermatt trägt eine RAY-BAN META-BRILLE.


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THE RED BULLETIN


GALLERY

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Goodwood, Südengland

Über drüber

Kinder mit Springseilen. Katzen, die sich erschrecken. Van Halen. Der Impuls zu springen ist universell. Kriss Kyle weiss das besser als jeder andere. Im Jahr 2019 sprang der BMX-Fahrer mit seinem Bike aus einem Hubschrauber auf das Dach des Hotels Burj Al Arab in Dubai. Diesen Sommer waren Kyles Pläne bodenständiger – wobei es mental nicht ­weniger anspruchsvoll ist, als Erster mit einem BMX über ein heranrasendes Formel-1-Auto zu springen. «Einem F1-Wagen frontal entgegenzutreten, widerspricht jedem natürlichen Instinkt», sagt er. «Das war das Verrückteste, was ich je g ­ emacht habe.»

DAN GRIFFITHS/RED BULL CONTENT POOL

DAVYDD CHONG

Instagram: @krisskyle

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Midyat, Türkei

THE RED BULLETIN

SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL, JASON HALAYKO/RED BULL CONTENT POOL

Ein starkes Comeback für die türkische ­Freerunnerin Hazal Nehir: Nach einer zweieinhalbjährigen Pause infolge einer schweren Ell­bogenverletzung machte sie jetzt die G ­ assen und Sand­ stein­dächer von zwei der architek­ tonisch interessantesten Städte der Türkei zu ihrer Bühne. Mit jeder Menge Jumps, Flips, Spins und Drops durch­ querte sie Mardin und Midyat, die seit Jahr­­tausenden die meso­potamische Ebene überblicken. «Roof Rush» nannte die 31-Jährige das Projekt, das sie ge­meinsam mit ihrer franzö­ sischen Kollegin Lilou Ruel umsetzte.

STEPHAN HILPOLD

Zeitensprung


GALLERY

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Enoshima, Japan

Kick-Künstler

Ob mit einem Tennis-, einem Rugby- oder wie hier mit einem Fussball: Der Japaner Yuri Izu ist ein begnadeter Akrobat. Mal jongliert er den Ball mit Beinen und Oberkörper auf einer Klippe über dem Ozean, ein anderes Mal auf offener Bühne vor Tausenden von Zuschauern. Mit einer scheinbar mühelosen und wahnwitzig schnellen Nummer holte er sich zuletzt den Titel bei der Asia Pacific Freestyle Football Championship. Und hier? Zeigt er seine Tricks vor dem Sonnen­untergang von Enoshima. Wir lernen: Auch Freestyle-Footballer haben eine romantische Ader. @yuri_kamalio THE RED BULLETIN


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THE RED BULLETIN


GALLERY

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Kitzbühel, Österreich

SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL STEPHAN HILPOLD

Steile Sache Abfahrtsrennen sind eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Spannung folgt Staunen, Gänsehaut wechselt sich mit Schockmomenten ab. Dieses Auf und Ab der Emotionen fängt die Dokumentation «Downhill Skiers – Ain’t No Mountain Steep Enough» ein, in der sich Regisseur Gerald Salmina eine S ­ aison lang an die Fersen einer Reihe von Abfahrern heftete, darunter Ski-Superstar Marco Odermatt und ­Ausnahmetalente wie Dominik Paris und Vincent K ­ riechmayr. Hier ist Odermatt auf der Streif in Kitz­bühel zu sehen. Der legendären Abfahrtsstrecke hat der Regisseur übrigens schon vor knapp elf Jahren ein Denkmal gesetzt, in «Streif – One Hell of a Ride». Mehr Infos: redbull.com/downhillskiers und downhill-skiers.com, Kinostart ist am 23. Oktober THE RED BULLETIN


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ZAHLEN, BITTE!

Grösser als Barbie Nach dem Riesenerfolg des pinken Kultfilms und der Geburt ihres Sohnes kehrt Margot Robbie, 35, in der RomCom «A Big Bold Beautiful Journey» auf die Leinwand zurück. Ihre Karriere in Zahlen.

1,16

Milliarden Franken spielte der Film «Barbie» 2023 ein. Margot Robbie übernahm nicht nur die Hauptrolle, mit ihrer Firma LuckyChap Entertainment pro­ duzierte sie den Film auch.

8

Jahre alt war Margot Robbie, als sie daheim in Australien in einer Zirkusschule ein ­Zertifikat als Trapez­ künstlerin bekam.

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magere Textzeilen hatte Margot Robbie in «Once Upon a Time … in Holly­ wood» – und doch genug, um neben Brad Pitt und Leonardo DiCaprio zu glänzen.

1

Ohrfeige verpasste Margot Robbie Leonardo DiCaprio beim Vorsprechen für «The Wolf of Wall Street», statt ihn zu küssen. Am Set war man begeistert, Robbie be­kam die Rolle und star­ tete eine Weltkarriere.

354

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Jobs hatte Margot gleich­ zeitig neben der High­ school: Sie war Putzfrau, Barkeeperin und bereitete bei Subway Sandwiches zu. Später machte sie als Model Werbung für Subway.

THE RED BULLETIN

2:12

Minuten dauert der Werbefilm «See You at 5», den Margot Robbie für Chanel Nº5 drehte. Sie war die letzte Botschafterin, die Karl Lagerfeld für Chanel verpflichtete.

5

Episoden lang schlüpfte Margot Robbie von 2008 bis 2011 in der aus­ tralischen Seifenoper «Neighbours» in die Rolle der bisexuellen Donna Freedman.

Minuten lang kann Margot Robbie unter Wasser die Luft anhalten. Eine Fähigkeit, die sie sich für den Actionfilm «The Suicide Squad» (2021) antrainiert hat.

GETTY IMAGES(3), PICTUREDESK.COM(2), ADOBE STOCK, SONY PICTURES

Mal war Margot Robbie bisher für Filmpreise nominiert, gewonnen hat sie 36. Auf einen Oscar muss sie trotz dreier Nominierungen noch warten.

HANNES KROPIK

TIM MARRS

215


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HYPE-CHECK

Ein Kart für alle Fälle Auf vier Rädern, auf zwei Rädern oder als RacingSimulator: Das Segway Gokart PRO 2 ist vielseitig einsetzbar. Tech-Checker Kirafin dreht eine Testrunde.

Der Hype «Schnell & wandlungsfähig» – TikTok liebt diese Formel. Das erfolgreichste Video mit 54 Millionen Views kommt von Creator GOKARTKID22.

Go! Fürs Sim-Racing einfach den Controller auf dem Lenkrad befestigen.

Der Check Für alle Kart-Freaks, die auch mal zocken: Go for it! Dass man das Teil auch noch in ein Segway umbauen kann, schiesst für mich den Vogel ab. Für mich wäre es mit rund CHF 1900 dann doch zu teuer, aber ich bin auch kein Kart-Freak. MUST-HAVE-FAKTOR

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Perfekt für … … alle, die zwischen Karttrip und Sim-Racen nicht aufstehen möchten. Ungeeignet für … … alle, die immun gegen das Rennfieber sind.

SEGWAY GERMANY, ONSRA

Das Teil Als Gokart (bis 43 km/h!), Segway oder Rennsimulator: Mit diesem e-motorisierten Gefährt kannst du auf drei Arten Spass haben. Im Heck verbaut ist ein heraus­ lösbares Segway. Per USB kannst du das Kart an eine Konsole anschliessen und ein virtuelles Rennen starten.

Kirafin

heisst bürgerlich Jonas Willbold, ist 31 und unterhält seine 1,3 Millionen Follower auf TikTok mit Comedy-­ Formaten. ­Nebenbei folgt er seiner Faszination für Tech-Produkte und -Trends. Für uns nimmt er aktuelle Hypes unter die Lupe.


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HEROES

Kristen Stewart hat nach den «Twilight»-Blockbustern die ­Regie-Tätigkeit für sich entdeckt. Bei i­hrem Debüt fand die Schauspielerin ihre kraftvolle innere Stimme. Und die poltert nicht, s­ ondern ist ganz sanft. Text Rüdiger Sturm Foto Ryan Pfluger/AUGUST

«Wie oft hat man mir gesagt, ich solle meinen Mund halten.» Das von Kristen Stewart zu hören, klingt etwas über­ raschend. Immerhin ist die 35-Jährige schon seit ihrer Jugend als Schauspielerin erfolgreich, wurde weltweit als Haupt­ darstellerin der «Twilight»-Kultfilme ge­ feiert. Aber gerade das war auch ein Pro­ blem. Denn man stülpte ihr das Etikett des Teenie-Idols über: «Ich hatte das Gefühl, meine Gedanken waren nicht gefragt.» Das ist kein spezielles Problem von Hollywoodstars. Besonders Frauen sind in einer männerorientierten Gesellschaft davon betroffen. «Wir sind es gewohnt, gesagt zu bekommen, was wir tun sollen. Deshalb können wir oft unser natürliches Selbst nicht ausleben.» Doch Kristen ­Stewart fand einen Ausweg: «Es gibt ­Erfahrungen, die wie ein Schlüssel zu ­deinem Innersten sind. Das kann ein Buch sein, ein Film, eine Beziehung oder ein­ fach auch nur eine Unterhaltung, durch die du verstehst: Du musst auf dich selbst hören. Denn du bist etwas wert!»

Regie-Debüt als Rettung

Für Stewart war es das Erinnerungsbuch von Lidia Yuknavitch «In Wasser geschrie­ ben», auf Englisch «The Chronology of Water». Darin beschreibt die amerikani­ sche Autorin, wie sie nach jahrelangen Erfahrungen von Missbrauch und Selbst­ zerstörung zu echter Erfüllung im Leben fand. «Das Buch hat mein Leben gerettet», sagt Stewart. Sie begann wie besessen an der Verfilmung der Memoiren zu ar­ beiten. Der Lohn für acht Jahre schweiss­ treibender Arbeit: Begeisterung! Als ­Stewarts Filmdebüt beim Festival von Cannes im Mai 2025 Premiere feierte, überschlugen sich die Reaktionen.

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On point

Kommt aus Los Angeles; Alter 35; ist verheiratet mit der Autorin Dylan Meyer; war zusammen mit «Twilight»Partner Robert Pattinson; gewann den wichtigsten fran­ zösischen Filmpreis César; inszenierte zwei Kurzfilme, zwei Musikvideos und «The Chronology of Water»

Doch die Entstehung des Films war in vielfacher Hinsicht eine Lernerfahrung. Sich selbst zu finden und auszudrücken, ist kein steuerbarer Prozess, auch für ­jemanden wie Kristen Stewart nicht. So musste die Regiedebütantin erleben, wie ihr Projekt immer wieder regelrecht «zer­ fetzt» wurde. «Jeden Tag musste ich mich von Szenen und Einstellungen, wie ich sie geplant hatte, verabschieden. Ständig musste ich Sachen neu planen.» Eine Tragödie? Aber nein, ein «Glücks­ fall». Denn: «Wenn ich mein Drehbuch genau so umgesetzt hätte, wie ich das ­geplant hatte, wäre es ein altkluger, lang­ weiliger, peinlicher und dummer Film geworden.»

Offen für Plan B, C und D

Was Stewart gelernt hat, lässt sich auch ganz generell aufs Leben anwenden: «Du musst dem Pfad folgen, der sich für dich ergibt. Und das ist nicht der Pfad, den du zuvor festgelegt hast.» Das beinhaltet ­natürlich auch, dass man bereit ist, zu scheitern: Während des Schnitts hatte Stewart sogar das Gefühl, ihren Film ­«verloren» zu haben. Sie konnte sich nicht mehr mit ihm identifizieren. «Es war schrecklich.» Was ihr half? Dass sie nur ein «ganz kleines Ego» hat. Auf diese Weise

konnte sie gelassen mit ihrer möglichen Niederlage umgehen. Zum Glück kam es anders. Doch Stewart ist keine, die sich auf Lob ausruht. Die Menschen am Set wuch­ sen ihr während der Dreharbeiten ans Herz: «Ich habe in dieser Zeit so viele Gespräche führen dürfen. Diesen Dialog werde ich jetzt noch vertiefen.»

This is Zartcore

Das eigene Schaffen als Instrument für menschlichen Austausch: Genau darum geht es Stewart, und sie erzählt, wie sie den befreundeten Regisseur Pablo Larraín um Rat fragte, als ihr die Inspiration aus­ zugehen drohte. In dessen preisgekrön­ tem Film «Spencer» hatte sie 2021 die Rolle von ­Diana übernommen. Larraín antwortete: «Du musst eine Verbindung zu deinem Team aufbauen. Sie müssen zu deiner F ­ amilie werden. Denn ohne sie bist du nichts.» Das nahm sich Stewart zu Herzen und knüpfte etwa eine besonders enge und gute Beziehung zu ihrem Kamera­ mann, e­ inem der wichtigsten Protagonis­ ten bei jeder Filmproduktion. «Er wurde zu meinem Bruder», erklärt Stewart. ­«Eigentlich bin ich ein ziemlich lautes ­Wesen, das seinen Kopf durchsetzt. Aber wenn du rumschreist, starren dich alle nur entgeistert an, und keiner hört dir wirklich zu. Ich habe bei diesem Film ge­ lernt, dass du manchmal ganz sanft sein musst. Auf diese Weise bin ich mit allen klargekommen, obwohl es insgesamt sehr stressige Dreharbeiten waren.» Genau diese Erfahrung macht Stewart immer wieder im Leben. Mit dem Kopf durch die Wand? Das kommt nicht in Be­ tracht, wenn man Pläne gemeinsam mit anderen Menschen umsetzen muss. Natür­ lich spiele dabei aber auch die Auswahl der richtigen Mitstreiter eine wichtige Rolle, sagt sie, bevor sie dann zu einem Schlusswort ansetzt: «Du wirst in eine ­bestimmte Familie hineingeboren und wächst in einem bestimmten Freundes­ kreis auf. Aber wenn du älter wirst, dann entdeckst du die Leute, die wirklich auf deiner Wellenlänge liegen. Die Energien verstärken sich dann gegenseitig. Es geht um Multiplikation, nicht um Subtraktion.»


«Umgib dich mit Leuten, die auf deiner Wellenlänge sind. Dann multiplizieren sich die Energien!» Kristen Stewart brauchte etwas, bis sie in die Rolle der Regisseurin fand.

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HEROES

Avaion fand seine Bestimmung früh und folgte ihr stur. Heute zählt der DJ zu den spannendsten Szene-Aufsteigern – mit Platinstatus in Südafrika und DJ Marshmello in den DMs. Text Lisa Hechenberger Foto Thilo Lehnert

Wenn man kleine Jungs fragt, was sie werden möchten, wenn sie gross sind, sind die Antworten meist wenig über­ raschend: Baggerfahrer, Polizist, Pilot. Christopher Stein aus Fürth hätte bereits als Kind eine andere, ungewöhnlichere Antwort gegeben: DJ, keine Frage. Im Alter von sechs fing er an, Klavier­ unterricht zu nehmen, es folgten Key­ board, Orgel und Gitarre. Eine besondere Faszination übte aber damals schon etwas anderes aus – nur wusste er zu dem Zeit­ punkt selbst nicht genau, was das war. «Meine Eltern hatten eine krasse Stereo­ anlage im Schlafzimmer stehen. Ein riesi­ ges Teil mit elffachem CD-Wechsler von Grundig, so was sieht man heute im Mu­ seum», erzählt er im Interview kurz vor seinem Auftritt beim diesjährigen Electric Love Festival bei Salzburg. «Sie hatten eine grosse CD-Collection mit viel deut­ schem Techno und 90er-Jahre-DanceHits. Ich habe mir immer irgendwas raus­ gesucht und durchgehört. Aber diese elektronischen Sounds, die habe ich nicht kapiert und mich jedes Mal gefragt, wel­ che Instru­mente das sein sollen.» Doch je älter er wurde, desto mehr verstand er. «Mit dreizehn, vierzehn Jahren wusste ich, das kann man selbst am Computer machen. Also schaute ich mir YouTube-­ Videos an, lud Programme runter und legte los. Dabei habe ich schnell ­gemerkt, dass das genau das ist, was ich will: kom­ plette Songs selbst gestalten und nicht nur mit einem Instrument ein Teil von ­etwas sein.» Heute, mit 28, macht er als Avaion ­genau das. Der Künstlername ist übrigens ein Überbleibsel aus Kindertagen, den er sich beim Spielen ausgedacht hat. Ob er den Zwang hat, alles allein machen zu

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On point

Kommt aus Fürth im bayerischen Mittelfranken; lebt in Erlangen; liebt Fashion, seine Freunde und Aktivitäten in der Natur; sammelt Parfums (aktueller Lieblingsduft: «Oud Maracujá» von Maison Crivelli); weiss, wie DJ Marshmello ohne Maske aussieht

wollen? «Ja, würde ich schon sagen», sagt er schmunzelnd. Wie sein Sound klingt? «Du kannst dazu tanzen, er ist melancho­ lisch, gleichzeitig aber auch uplifting. So, wie deine Stimmung gerade ist, wird sie verstärkt.» Am besten könne man sich mit den Songs «Sleepless» oder «Other Side» ein Bild davon machen, meint er: «Das ist meine Stimme, meine Produktion, das ist 100 Prozent ich.» Auch wenn er schon früh wusste, dass er seinen Traumjob gefunden hat, machte er sein Fachabi und eine Ausbildung zum Industriemechaniker. «Ich habe versucht, nicht alles wegen der Musik schleifen zu lassen … habe ich aber natürlich doch. Hätte ich diese Energie woanders rein­ gesteckt, wäre ich vielleicht schon Arzt», sagt er. Nur um lachend hinzuzufügen: «Dafür spiele ich heute auf der Mainstage, also auch geil!»

«Okay, let’s work!»

2021 setzte er schliesslich alles auf eine Karte. «Das war die beste Entscheidung meines Lebens.» Auch wenn seine Mutter damals wenig erfreut darüber war, dass er nur noch Musik machen wollte. «Ich kom­ me aus einem konservativen Haushalt, da war die Devise sinngemäss: studieren, arbeiten, Haus bauen, sterben. Ich habe mich aber nie in einem normalen Job ­gesehen.» Als sie dann bei den ersten Fes­

tivals dabei war und mit eigenen Augen sah, wie 10 000 Leute die Musik ihres Sohnes feiern, ergab das Ganze auch für sie einen Sinn. «Mittlerweile ist sie mein grösster Fan», so Christopher stolz. Mit «Pieces», seinem ersten Hit, dem er auch seinen Plattenvertrag mit Sony Music verdankt, erreichte er bisher in acht Ländern Gold- und Platinstatus – darunter sogar in Südafrika. Zum jetzigen Zeit­ punkt hat er mehr als zehn Millionen ­monat­liche Hörer auf Spotify, Tendenz: steigend. Aufgenommen wird nicht mehr im heimischen Kinderzimmer, sondern im eigenen Studio in Erlangen in Bayern. Und für die aktuelle Single «Save My Love» hat ihm der sehr erfolgreiche US-DJ Marsh­ mello aus dem Nichts eine Nachricht auf Instagram geschickt. «Er hat einfach nur gemeint: ‹Let’s work› – und ich dann so: ‹Okay, let’s work!›», erzählt Christopher. Nach einem einstündigen FaceTime-Call und mehrmaligem Ideen-Pingpong stand nur knapp drei Wochen später der fertige Song – mit keiner Geringeren als SingerSongwriterin Ellie Goulding an Bord, die dem Track ihre Stimme leiht.

Arbeit an zweitem Album

Auf die Frage, ob es eher Fluch oder Segen sei, seine Bestimmung schon so früh ­gefunden zu haben, meint Christopher: «Absoluter Segen! Es ist natürlich ein ­gewisser Stress, etwas ganz Bestimmtes erreichen zu wollen, für mich war es aber immer ein Antrieb.» Aktuell sehe er sich auf der Karriere­ leiter noch im unteren Mittelfeld. «Ich habe viel vor, arbeite am zweiten Album, und ich möchte mich mehr auf meine ­eigenen Shows konzentrieren. Die Energie im Raum, wenn alle mitgehen – das ist der Wahnsinn.» Der Vibe sei am Ende auch das, wor­ auf er bei seinen Songs am meisten achte: «Mir geht es weniger um das Lyrische. Die Emotion, die rüberkommt, muss stimmen. Musik ist für mich Liebe. Sie connectet Leute überall auf der Welt. Ich glaube, in Zeiten wie diesen können wir das alle sehr gut brauchen.» Instagram: @avaion


«Musik ist für mich Liebe. In Zeiten wie diesen können wir das alle brauchen.» DJ und Produzent Avaion will mit seinen Songs Menschen berühren.

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HEROES

Jamie Huser schreibt Geschichte auf einem Schweizer Bergsee – er steht den längsten Wakeboard-Slide der Welt. Warum er trotz 112 Fehlversuchen nie aufgegeben hat, erzählt er hier. Text Saskia Jungnikl-Gossy Foto Lorenz Holder

Der 113. Versuch wird ein Weltrekord. Jamie Huser, 21 Jahre alt, auf dem Wakeboard zu Hause, seit er drei war, fährt auf dem 140 Meter langen Rail zu einer neuen Bestmarke. Und er verschiebt damit die Grenzen dessen, was im Wakeboard-Sport möglich schien. Dass er auf diesem Gebiet zu Grossem bestimmt ist, zeigt sich früh. Sein Vater leitet auf dem Zürichsee die erste Wakeboard-Schule Europas, der Sohn kann kaum laufen, als sein Papa ihn das erste Mal auf ein Brett stellt. Als gerade mal Elfjähriger gewinnt Huser bereits Contests der ­Erwachsenenliga, mit vierzehn ist er ­Europameister und Zweiter an der Weltmeisterschaft. Er hat auf der Pro Tour gewonnen und war Rookie of the Year 2023, nachdem er die Tour als Gesamtzweiter abgeschlossen hatte. Und je mehr seine Karriere in so jungen Jahren an Fahrt aufnimmt, umso intensiver wird die Suche nach idealen Trainingsbedingungen. Auf dem Zürichsee wird es eng. Zu viele Kursschiffe und Boote, ein Mindestabstand von 300 Metern zum Ufer und zu viel Wind stören sein Training. Und dann ist da natürlich die Kälte.

Neustart in Florida

Als Fünfzehnjähriger wandert Huser in die USA aus, nach Orlando im Bundesstaat Florida. Begleitet wird er von seiner Mutter und der jüngeren Schwester, sein Vater und die anderen Geschwister fliegen oft hin und her. «Wir wussten, hier sind die meisten Wakeboard-Profis. Und wenn ich das wirklich schaffen will, muss ich dort leben, um trainieren zu können.» ­Irgendwann kaufen sie in Florida ein Haus, längst ist es zu Husers perfekter

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Der Rekord-Mann on point

Kommt aus Flims/Laax, Grau­ bünden; Alter 21; Endspeed beim Weltrekord-Slide 34 km/h; Brett Ronix Kinetic, Länge 150 cm; Bindung RXT, Grösse 11

Homebase geworden, mit den idealen ­Bedingungen, um seiner Leidenschaft bestmöglich nachzugehen. Heute sagt er: «Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, dass ich mit ihrem Zutun meinen Traum verwirklichen konnte.» Vielleicht hat er den Rekord ja deshalb in der Schweiz gebrochen, dort, wo er aufgewachsen ist.

Gute Vibes: der Tag des Rekords

Am Tag des entscheidenden Versuchs ist es zwar kalt, doch die Sonne scheint, es gibt kaum Wind. Nahezu ideale Bedingungen. Wobei Huser sagt: «Ausser Regen hätte mich nichts hindern können. Alles war gut für mich.» Seine Familie und Freunde sind vor Ort, alle verstehen sich gut, das Team gibt sein Bestes. «Wir hatten alle eine super Zeit», sagt Huser. «Keiner hat mir Druck oder ein schlechtes Gewissen gemacht, weil wir den ganzen Tag draussen in der Kälte waren. Die Vibes waren richtig gut.» So gut, dass er spürt: Heute ist es so weit. Heute gelingt es. Wakeboarden verbindet Elemente aus Wasserski, Snowboarden und Surfen. Man steht mit beiden Füssen fix verankert auf dem Board und wird über die Wasseroberfläche gezogen – entweder von ­einem Motorboot oder an einer Seilzuganlage. Und dann gibt es natürlich Hindernisse. Eines der schwierigsten: ein Rail, ein schmaler Balken oder eine Konstruktion auf dem Wasser. Wakeboarder

rutschen – wie Skater auf einer Stange – mit ihrem Board über dieses Rail hinweg. Balance, Präzision und Mut sind entscheidend. Das Rail ist immer eine Heraus­ forderung, und je schmäler es ist, desto grösser wird diese. Jeder Fehler bedeutet einen Sturz. In einem Cable Park werden die Sportler von einem Seilzugsystem ­gezogen, die Rails sind 10 bis maximal 15 Meter lang, aus Plastik gebaut, stabil, berechenbar.

Ein Rail wie kein anderes

Husers Rail war anders – oder in seinen Worten: «Ich liebe es, mich zu challengen und ganz neue Sachen zu machen.» Sein Rail ist aus Metall, kalt, rutschig, 140 Meter lang, auf einem Bergsee hoch oben auf 2000 Metern in der Schweiz. Ein Rail, das so noch nie gefahren wurde. «Ich wusste, die Balance ist der Knackpunkt», sagt ­Huser. Wochenlang trainiert er auf der Slackline, auf dünnen Stangen im Gym, auf einem Bein, Pistol Squats. Auch seine linke Schulter, frisch operiert, muss er ­besonders stärken. 112 Fehlversuche sind nötig, im Zuge derer er seine Technik immer besser anpasst: mehr nach rechts springen, die Geschwindigkeit leicht erhöhen – am Ende kommt er auf 34 km/h. «Ich hab mir gesagt: ruhig bleiben, alles in Slow Motion. Jedes kleine Manöver macht einen Unterschied.» Schwierig auch, den richtigen Zug zu bekommen und zu halten. Eine gleichbleibende Geschwindigkeit zu halten, ist eine Herausforderung, auch, weil das Seil bei der Hälfte des Trails einen anderen Zug hat als etwa am Anfang oder am Schluss. Und dann gelingt es. Als Huser das Rail schliesslich bis zum Ende fährt, fällt alles von ihm ab: «Es hat sich angefühlt, als wäre ich frei. Dieses Gefühl werde ich nie vergessen – und ­hoffentlich wieder erleben.» Ein Wunsch, den er sich vermutlich erfüllen wird– denn Huser steht erst am Anfang seiner an Erfolgen schon reichen Karriere. Ausserdem: Was will er sonst tun? Oder wie er sagt: «Wakeboarden bedeutet mir alles: Es ist mein Leben, mein Job, was ich liebe und was ich mache, seit ich denken kann.» Instagram: @jamiehuser


«Ruhig bleiben, alles in Slow Motion. Jedes kleine Manöver macht einen Unterschied.» Jamie Husers Worte an sich selbst vor seinem Weltrekord

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Ganzer Einsatz Ob kopfüber durch Wasserfälle oder senkrecht an Steilwänden: Für seine Aufnahmen gibt Actionfotograf Corey Rich alles. Hier das Bilder­tagebuch eines wahren Explorers. Text Karin Cerny Fotos Corey Rich

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PORTFOLIO

Achtung, Kreisverkehr!

Ausdauer ist ihr Leben: «Queen of Pain» nennt sich die ExtremBikerin Rebecca Rusch selbst. «Ich kenne sie seit fast 30 Jahren, eine aussergewöhnliche Athletin», sagt Fotograf Corey Rich. «30 Mal, wie auf diesem Bild, einen Stein­ bogen bei Moab, Utah, rauf- und runterfahren? Kein Problem für ­Rebecca! Von vier Uhr früh bis zur Dunkelheit shooten? Ein Spaziergang im Vergleich zu dem, wie ein Trainingstag sonst abläuft.» THE RED BULLETIN


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Nah am Wasser gebaut

Wo zum Teufel ist der Fotograf? Corey hing für dieses Bild 2012 senkrecht an einem Seil über der tobenden Gischt. Mit einer Drohne wäre er nie so nah ans Wasser rangekommen: «Wir waren im Dschungel von Mexiko, unter mir tobte der Wasserfall. Jeden Moment konnte Dane Jackson, einer der besten Wildwasser-Kajaksportler aller Zeiten, aus dem Nichts vor meine Linse schiessen. Ich liebe es, wenn ich mitten im Geschehen bin.» THE RED BULLETIN


PORTFOLIO

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Seine Aufnahmen sind Ikonen der Outdoor-Fotografie: Nicht als distanziertem Beobachter, sondern als aktiver Teil des Geschehens gelingen dem Fotografen Corey Rich Bilder, die hautnah von der Magie der Elemente erzählen.

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26 Magisches Leuchten

Der Cerro Torre und die Kletterlegende David Lama: Das ist eine Geschichte in mehreren – wilden – Kapiteln: Corey begleitete den 2019 verstorbenen Innsbrucker zweimal nach Patagonien; hier ein Foto von 2012, kurz bevor Lama die «Kompressor-Route» als Erster frei kletterte. «Irgendwie schaffte ich es, mit David und seinem Buddy Daniel Steuerer Schritt zu halten. Als die Wolken aufbrachen, habe ich meine letzten Reserven angezapft und dieses Bild geschossen. Ein magischer Moment.»

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PORTFOLIO

Der Fotograf

Corey Rich, 49, ist einer der berühmtesten OutdoorSportfotografen seiner Generation. In seinem Buch «Stories Behind the Images» erzählt er die Geschichten zu seinen ikonografischen Aufnahmen. Instagram: @coreyrichproductions

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Schwer zu sagen, was seine erste Liebe war. Mit 13 hielt er erstmals eine Kamera in der Hand. Damals nutzte er jede freie Sekunde, um mit Freunden klettern zu gehen. «Ich hatte diese beiden parallelen Leidenschaften, die ich später als freier Journalist miteinander verbinden konnte. Ich wollte mit Bildern nach Hause kommen, die überraschen und die man so noch nie gesehen hatte.» Hinter jedem Foto steckt eine Geschichte, das war schon früh sein Credo. Corey war mit den herausragendsten Athleten unterwegs, er erklomm die höchs­ ten Berge, er watete durch Wasserfälle, durchquerte schier endlose Wüsten. Die Aus­rüstung schleppte er natürlich selbst: «Es ist wie ein gemeinsamer Tanz. Ich liebe es, Teil einer Expedition zu sein – und dann im richtigen Moment die Kamera heraus­ zuholen.» Corey sucht das Abenteuer. Mit vielen Sportlern, die er abgelichtet hat, ist er befreundet. Sein besonderes Talent: ­maximaler Körpereinsatz, um Geschichten zu erzählen, die einen staunen lassen. THE RED BULLETIN


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PORTFOLIO

Völlig losgelöst

«Als Fotograf habe ich die schönsten Plätze der Welt gesehen, manchmal war ich 300 Tage im Jahr unterwegs. Trotzdem ist der Lake Tahoe, wo ich wohne, noch immer mein Lieblingsort. Ich bin glücklich, wenn ich nach Hause komme – und pünktlich zum Sonnenaufgang auf den Skiern stehe. Dieses Foto von Ausnahme-Snowboarder Ming Poon ist quasi in meinem Hinterhof entstanden und wurde für eine Werbekampagne verwendet.»

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31 Symphonie aus Licht

Was macht ein Outdoor-Fotograf drinnen? «Ich habe 2019 einen Workshop für Actionfotografie in Woodward Tahoe, Kalifornien, gehalten und mich in die grossen Fenster dieser Halle verliebt. Wir haben auf den perfekten Moment gewartet, um diese surreale Symphonie aus Licht einzufangen. BMX-Profi Corey Martinez verstand sofort, dass es mir um die kühlen Schatten ging: ein Glück, wenn man mit einem Athleten auf einer Wellenlänge ist.»

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PORTFOLIO

«Wenn mein Herz rast und mir der Schweiss in die Augen tropft, dann bin ich am kreativsten und mache die besten Bilder.» Seilkampf

Ein Foto von 2012, das Corey berühmt gemacht hat: Mit seinem Kletterfreund Justin Bastien experimentierte er im Hellgate Canyon, Montana, wie man Karabiner und Seil spannend ins Bild setzen kann. «Es ist wie bei einem guten Wein, auch ein Bild braucht seine Zeit. Oft weiss ich erst, wenn andere Menschen meine Aufnahmen sehen, wie besonders sie sind.» In diesem Fall war es eindeutig: Die ­Zeitungen rissen sich um das Foto.

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PORTFOLIO

Spalt-Produkt

«Technik macht höchstens zehn Prozent meines Jobs aus. Der Rest sind Kreativität, ­Optimismus – und die Zusammenarbeit mit den Ath­leten. Kletterin Beth Rodden hat diese Spalte im Yosemite-Nationalpark vorgeschlagen; sie wusste, dass dieser Korridor ein cooles Bild abgibt. Ich habe die Aufnahme mit einer billigen – und leichten – Pointand-shoot-Nikon gemacht. Herrlich, einmal nicht schwer schleppen zu müssen.»

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BEFLÜÜÜGELT

DURCH DEN WINTER.

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BELEBT GEIST UND KÖRPER.


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DANCERS' «Nur wenn ich weiss, wer ich bin, kann ich meine Ziele verfolgen», sagt Glory. Im Tanz hat die Zürcherin genauso wie ihr Kollege Pakissi ihre Berufung gefunden.

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DANCE

Tanz ist gelebte Freiheit. Punkt. Wenn das Adrenalin einschiesst, fallen alle Grenzen. Und das Beste: Jeder kann es! Ein paar Punkte sollte man aber beachten. Welche, wissen die beiden Schweizer Streetdance-Über­flieger Glory und Pakissi. Ein Manual zum Abheben. Text Pauline Krätzig Fotos Muriel Florence Rieben

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ORIANA ZEOLI aka GLORY «Ich komme aus einer Fussballerfamilie, mein Papa ist Italiener, meine Mama Spanierin.» 2021 gibt Glory ihre Ausbildung zur Beamtin in der Gemeindeverwaltung für das Tanzen auf und geht nach Paris, um zu trainieren. Heute ist sie ein internationaler Popping-Star. THE RED BULLETIN


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Zwei Artists, zwei Styles und eine Mission: Die Ambassadoren von Red Bull Dance Your Style, Glory und Pakissi, erzählen von der magischen Kraft von Street­ dance – und zeigen dir in sieben Schritten, wie auch du sie erleben und eine glücklichere Version deiner selbst werden kannst.

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ie Streetdance-Artists Glory und Pakissi verkörpern die Magie des Tanzens mit jeder Faser ihres Körpers. So unterschiedlich die 27-jährige Popping-Virtuosin und der gleichaltrige Hip-HopFreestyler sind, auf dem Dancefloor verstehen sie sich fliessend – ohne Worte. Aber auch im Gespräch sind sich Glory und Pakissi einig und der beste Beweis: Tanzen kickt die ultimative Transformation zu einem freieren, erfüllteren Selbst. Wer sich von den beiden anstecken lässt, kann etwas erleben: Hier sieben Schritte, wie du über dich hinauswachsen wirst.

STEP 1: MACH DICH LOCKER

Wie, du kannst nicht tanzen? Nice try. «Jeder kann tanzen», lass dir das von Pakissi gesagt sein. «Und was heisst überhaupt können?», legt Glory nach. «Wer bewertet das? Niemand, wenn du dich nicht gerade freiwillig vor einer Jury battelst. Es geht darum, ob man es will. Wenn du Bock hast: Lieblingsmusik an, und los geht’s.» Ja, aber wie denn? Wohin mit den Armen? «Das Problem ist, die Leute wollen immer alles schon können. ­Dabei geht es erst mal nur um Bewegung. Fang einfach an!», sagt Pakissi – ganz klein, g ­ roove dich ein, nur für dich, allein zu Hause, ­Türen ­verriegelt, Vorhänge zugetackert. Stell dir vor, dein Körper antwortet auf die Musik: mit Kopfnicken, Beinebouncen, Schulterzucken. Die Arme dabei nicht hängen lassen! Lass dich lieber wie Pakissi als Kind inspirieren: «Ich habe mir jeden R& B-Clip der Y2K-Ära auf MTV und MCM Music reingezogen – Mario, Chris Brown, Usher. Filme wie ‹StreetDance› und ‹Step Up› haben mich auch stark geprägt. Dazu hab ich allein in meinem Zimmer getanzt.» Wieg dich in den Rhythmus, hör auf den Beat – und auf Glory: «Auf einmal werden sich deine Bewegungen ganz natürlich anfühlen, du wirst dich komplett anders spüren. Tanzen schafft eine krasse Verbundenheit zum eigenen Körper, zu dir selbst.» Come on – der erste Schritt ist oft die grösste Überwindung. Aber ohne ihn trittst du gar nichts los, schon gar keine Magie. THE RED BULLETIN


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DANCE STEP 2: BREITE DICH AUS

Im Tanz zeigt sich, wer man ist – oder wer man sein will. Viele, die tanzen, sagen dasselbe: «Auf dem Dancefloor werde ich jemand anderes.» Weil sie dort Seiten ihrer Persönlichkeit entfalten, die sie im Alltag absichtlich überspielen. Manchmal, ohne es zu merken. «Auch darin besteht die Kraft des Tanzens: dass du völlig neue Facetten an dir entdecken kannst.» Pakissi spricht aus Erfahrung. «Ich bin all­ gemein eher ruhig. Beim Tanzen bin ich mal frech, mal wütend oder total crazy, da drehen alle meine Facetten auf» – und zwar volle Pulle: Während er sich abseits vom Hip Hop Hustle in seinen Hoodie chillt oder unter seine Cap duckt, geht er auf dem Dancefloor ab wie ein kräftig geschüttelter Softdrink. Ganz anders Glory: Ihr sprühendes Wesen trennt nicht zwischen Alltag und Performance – nur dass ihre impulsiven, rhythmischen Moves beim Popping mal stark wirken, mal soft werden. «Ich kann mich ausserdem auf so vielen verschie­ denen Plattformen unterschiedlich ausleben: in einer Cypher, bei einer Session, solo oder in einer Crew. Beim Batteln wird noch mein ‹Ich zeig’s dir› unlocked.» Glory und Pakissi haben sich im Streetdance gefunden. Im Laufe der Zeit wird sich herauskris­ tallisieren, welcher Style deine Persönlichkeit am besten einfängt und zur Entfaltung bringt. Heute ist es House, morgen vielleicht Jazz Dance. Beim Tanzen kannst du dich ohne Ende neu erfinden.

STEP 3: LASS ES RAUS

Das Tanzen legt nicht nur alle Winkel unseres Wesens frei, es lockt auch all die schweren Ge­ fühle an die Oberfläche, die wir runterschlucken und die uns belasten. «Wir haben alle unsere ­Issues. Beim Tanzen kannst du sie rauslassen. Es ist keine Schwäche, verletzlich und sensibel zu sein, ganz im Gegenteil», sagt Pakissi. «Ich

«Ich bekomme von überall auf der Welt Support. Aber nur du selbst kannst dir den Halt geben, den du brauchst.» Glory über Tanz als ein Medium, das keine Grenzen kennt THE RED BULLETIN

e­ rinnere mich an ein Battle, es war, kurz bevor Black Lives Matter losbrach – mittendrin dachte ich auf einmal an George Floyd, das Knie des ­Polizisten auf seinem Nacken; die Wut und der Schmerz, die mich dabei überkamen, wurden Teil meines Tanzes.» Im Publikum musste niemand Gedanken lesen können, um da mitzufühlen. Tanz ist vielleicht die älteste Sprache der Welt, die alle verstehen – ohne Google-Translate oder Alphabet. Was für eine Erlösung für Menschen, die sonst kein Ventil für ihre Emotionen haben, oder für stille Typen wie Pakissi. «Ich rede nicht so viel. Beim Freestyle aber bin ich laut und erzähl drauflos: was ich sehe, lerne, höre, was mir durch den Kopf geht, was ich fühle.» Selbst wer wie Glory gerne und viel redet, lässt sprachliche Grenzen hinter sich: «Wenn ich tanze, sage ich Dinge, die ich nicht in Worten fassen könnte. Und ich kann mich dabei noch intensiver ausdrücken, noch mehr in die Tiefe gehen.»

STEP 4: ZEIG DICH

«Tanzen ist radikal ehrlich – wenn man es ­zulässt», weiss Glory. Eine Selbstoffenbarung. ­Mitunter äusserst beunruhigend. Es erfordert Mut, sich zu zeigen, wie man ist. Vielen macht das erst mal Angst oder, seien wir ehrlich: Panik! Und wieder kickt nichts das Selbstbewusstsein mehr, als gegen kritische Blicke und Bewertun­ gen ­anzutanzen – die man sich meistens eh nur einbildet. «Mich könnte man mit meinen Moves für ’nen weirden Typen halten. Das spielt aber keine Rolle! Der Community sind deine Skills ausser­ dem völlig egal. Uns geht es nur um die Liebe und ­Leidenschaft, die du in deine Bewegungen steckst», versucht Pakissi zu beruhigen, und ­Glory schwört: «Ich denke mir auch immer noch vor jedem Battle oder Auftritt: Scheisse, was machst du hier eigentlich?» Aber das sagt sich so leicht, wenn man mit seinem Tanztalent selbst zur Streetdance-Elite gehört. Ein guter Moment, um durchzuatmen und Step 1 zu wiederholen: Auch ausserhalb der ­eigenen vier Wände erwartet niemand, dass du einen Air Flair aufs Parkett legst. So abgedro­ schen der Spruch «Tanze, als würde niemand zu­ sehen» klingt – es ist nichts dabei, auch mal ­einen cheesy Kalenderspruch-Rat an­zunehmen. Beim Tanzen musst du dich nicht ­biegen wie Glory beim Fotoshooting: «Es ist wichtig, dass man für niemanden tanzt ausser sich selbst. Vergleich dich nicht. Und verstell dich nicht, um irgendwem zu gefallen. Nicht mal, wenn dir eine Jury im Nacken sitzt.» Kopiere ­lieber die Energie des Augenblicks.


«Tanzen ist radikal ehrlich.» Für Glory ist Tanz eine Art Selbst­ offenbarung, die – zugegebenermassen – auch ein wenig Mut erfordert.

Verletzlich und sensibel? Das ist keine Schwäche, sagt Pakissi. Ganz im Gegenteil: Lass es raus, sagt er. THE RED BULLETIN


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«Wir sind uns nah, weil Tanzen für uns die schönste Art ist, zu kom­­ munizieren.» Seine Mentoren nennt Pakissi auch seine grossen Brüder und Herzens­ väter: Stalamuerte, Tutur, D-Say und die Schweizer Hip-Hop-Legende Mams.

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So gehst du ab!

Welche Tracks Glory und Pakissi beim Jammen gute Laune machen.

Playlist von Pakissi Central Cee «Limitless» Hamza «Location» Michael Jackson «Do You Remember» Odeal «Blame U» Tayc «Encorps» Playlist von Glory Jocelyn Brown «Somebody Else’s Guy» D’Angelo «Lady» Rosalía «La Fama» Michael Jackson «Baby Be Mine» Zapp & Roger «Doo Wa Ditty (Blow That Thing)»

Mentorin sein: Glory will – wie Pakissi auch – der Dance Community etwas zurückgeben. THE RED BULLETIN


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POPPING: Der Funk Style poppte in den späten 1960er-Jahren an der US-Westküste auf. Geprägt ist der Stil durch das explosive, rhythmische Anspannen und Entspannen von Muskeln – genannt Pop oder Hit.

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Wer Pakissi im Cypher herausfordert, muss sich auf einen Hurrikan aus Skills und Energie gefasst machen. Mit dieser Killer-Kombi gewinnt der 27-Jährige seit Jahren ein Battle nach dem anderen. Als Mitglied der Freestyle-Crew Street Madness räumt er weltweit bei grossen Events ab.

«Die Magie beim Tanzen erschaffst du selbst. Aber man kann sie gemeinsam multiplizieren.» Glory über die Kraft des Tanzes – allein und mit anderen

STEP 5: HOL DIR VERSTÄRKUNG

«Was ich beim Performen am meisten liebe, ist das Teilen!», dreht Pakissi plötzlich ganz ohne Musik auf. Er und Glory sind im Solo (fast) unschlagbar, drehen sich aber nicht nur um sich selbst. Sie wollen den Tanz-Spirit teilen, indem sie andere mit ihrer Energie anstecken, bei ihren Auftritten, in Kursen und Workshops. Deshalb ist Step 5 so wichtig: Erst jetzt kannst du einer dynamischen Gemeinschaft beitreten, in der man sich gegenseitig herausfordert und gleichzeitig stärkt. «Die Magie beim Tanzen erschaffst du selbst. Aber man kann sie gemeinsam multiplizieren», betont Glory. Durch Social Media hat sie sich potenziert. Millionen von Tanzbegeisterten treffen sich auf Online-Plattformen, vor allem auf TikTok, und präsentieren sich worldwide in viralen Tänzen und Dance-Challenges. Vor allem Streetdance liegt bei der Gen Z im Trend. «Es ist megatoll, dass Tanz digital so gespreadet wird», findet ­Glory. Pakissi geht konform: «Es ist fucking great, dass durch soziale Medien alle die Möglichkeit haben,

gemeinsam zu tanzen. Unabhängig von der Herkunft» – unabhängig von Geschlecht, ­Style, Skills. Queer, migrantisch, exzentrisch – «anders» gibt es beim Tanzen nicht. Tanz schafft Zugehörigkeit. Am stärksten spürt man das «Wir-Gefühl» analog – am selben Ort, zur selben Musik, im selben Rhythmus. ­Dabei geht niemand in der Masse unter. Jeder Mensch bewegt sich einzigartig, keine noch so synchrone Schrittfolge gleicht der anderen. Und wir wollen doch alle etwas ganz Besonderes sein.

STEP 6: MACH’S KORREKT

Um durch Bewegung zu sprechen, muss man sich keine Vokabeln einhämmern. Ein paar Regeln gibt es trotzdem. «Das Fundament ist die Haltung», so Glory. «Lerne, den Tanz zu verstehen, die gesamte Kultur hinter dem Tanz, den Background. Du musst das wissen, weil du es repräsentierst. Ich weiss, ich bin nur guest hier. Ich bin nicht in L.  A. im Ghetto aufgewachsen, sondern als weisses Chick neben Kühen. Ich durfte in die Streetstyle-Szene reinwachsen, mich inspirieren lassen und dem Tanz meinen eigenen Touch geben. Ich wünsche mir mehr Bewusstsein, was das angeht. Das hat mit Respekt zu tun. Oft fehlt der. Vor kurzem sah ich eine Gruppe weisser Mädels eine Choreo zu einem Track tanzen, in dem immer wieder das N-Wort gefallen ist. Die wussten gar nicht, wozu sie da tanzen.» THE RED BULLETIN


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«Es geht nicht darum, der beste oder coolste Tänzer zu werden, sondern darum, den Moment so richtig zu geniessen.» Wenn es nach Pakissi geht, gilt: «Gib jeden Tag mehr als gestern.»

Pakissi kann das nur bestätigen. Respekt ist die Basis dieser Sprache. «Auf dem Dancefloor gilt dasselbe wie im Gespräch: Hör zu, bevor du sprichst. Und schau deinem Gegenüber in die ­Augen. Nur so kannst du wirklich auf jemanden eingehen und eine Connection, vielleicht sogar Nähe schaffen.»

STEP 7: BLEIB DRAN

Red Bull Dance Your Style – Weltfinale 2026 in der Schweiz «Together to new heights» – unter diesem Motto bringt Red Bull Dance Your Style nächstes Jahr die besten StreetdanceTalente aus der ganzen Welt in die Schweiz. Tänzer und Tänzerinnen müssen sich erst in nationalen Bewerben beweisen. Die besten 16 batteln sich dann nächsten Herbst hierzulande im Grand Finale. Wer am Ende gewinnt, bestimmt ihr. Alle Infos und Updates zum Event findet ihr mit diesem QR-Code.

Es ist völlig egal, wie weit du bisher gekommen bist. Ob du dich noch zu Hause auf YouTube durch Dance-Tutorials klickst, schon Ballettstunden gebucht hast oder demnächst einen Club mit deinem Hüftschwung abreissen willst. Du bestimmst dein Schritttempo. Eile besteht sowieso keine, denn beim Tanzen ist der Weg das Ziel. Da kann man so ehrgeizig sein, wie Glory weiss: «Ich will die beste Version meiner selbst werden, das kann aber ewig dauern. Tanzen ist ein nie ­endender Prozess: Du öffnest eine Tür und dahinter liegen 20 neue, von denen öffnest du eine und stehst wieder vor 20 anderen. Ich mag das aber, dieses ‹always a student›. Ich bin dem Tanzen dankbar, dass ich dadurch ständig wachsen kann.» Auch Pakissis Ehrgeiz unterlag der schlichten Freude, die Tanzen auslösen kann: «Bei meinem ersten Hip-Hop-Battle habe ich die erste Runde verloren. Es war grossartig! Ich war so glücklich, vollgepumpt mit Adrenalin, bereit für mehr. Ein Dance Battle ist vor allem ein Kampf ‹du gegen dich selbst›. Auch, wenn du geschlagen wirst, lernst du dazu.» Und das eine lass dir noch von Pakissi gesagt sein: «Es geht nicht darum, der beste oder coolste Tänzer zu werden, sondern ­darum, den Moment so richtig zu geniessen und sich immer wieder selbst zu pushen. Gib jeden Tag mehr als gestern. Grosse Ziele sind niemandem vorbehalten. Jeder kann über sich hinauswachsen.» Instagram: @pakissi_indigo und @gloryori

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PAKISSI SEMEDO ESTEVAO In der Schule fühlte er sich ein­geengt: «Die Lehrer haben mich in die ‹Anders›-Box gesteckt – weil ich hibbelig war und ständig neue Wörter erfunden habe.» Bereits mit drei Jahren entdeckte Pakissi das Tanzen für sich. Die Kulturen seiner Eltern – sie stammen von den Kapverden und aus Angola – brachten unterschiedliche Ein­flüsse mit. Im Hip-Hop fand er schliesslich ­seine ganz eigene Sprache. THE RED BULLETIN


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GAMING Obenauf in Barcelona: Im Sommer lebte und streamte Papaplatte drei Monate in der Hauptstadt Kataloniens.

LET’S PLAY, PAPAPLATTE! Text Tobias Moorstedt

Foto Felix Krüger

Illustration Andrew Rae

Ein Talk mit Deutschlands Twitch-Grösse über Highscores im Alltag, sein Gefühl für den Chat und die Freude am Scheitern.

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Hey, Buddy: Seit Papaplatte zockt, tut er das eigentlich immer in Gemeinschaft – früher mit Freunden, heute zusätzlich mit seiner Community.

Das Video geht an: Der Gaming-Stuhl ist noch leer. Im Hintergrund hört man Papaplatte rumräumen. Am Vorabend war der 28-jährige Berliner bis zwei Uhr nachts am Zocken, Labern, Teilen. Heute wollen wir dem vielseitigen TwitchStreamer nicht beim Gaming zuschauen, sondern über die Spiele seines Lebens sprechen. Was ist ein gutes Spiel? Wie verändert es die Menschen? Ein Interview in fünf Games. THE RED BULLETIN


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MINECRAFT

Heute hat kaum ein anderer deutscher Streamer mehr Follower (fast drei Millionen) und Zuschauer (im Schnitt über 20 000) auf Twitch als Papaplatte. Los ging’s mit «Minecraft», dem meist­ verkauften Spiel der Welt: Über 300 Millionen bauen sich aus bunten Pixelblöcken die Welt, wie sie ihnen gefällt. Sieht harmlos aus – hat aber unsere Vorstellung davon verändert, was ein Spiel sein kann. Papaplatte setzt sich. Kopfhörer auf, Blick in die Kamera. Let’s play. the red bulletin: Warum hast du am Anfang auf «Minecraft» gesetzt? papaplatte: Das ist ja zehn Jahre her: ­Damals war die «Minecraft“-Szene sehr ­lebendig – alle haben solche Mini-Games gespielt. Auf YouTube war das populär, aber auf Twitch nicht. Ich hab unbewusst gecheckt, dass es eine unfassbar grosse Menge an Zuschauern für diese Art von Content gibt. Bei «League of Legends» hatte ich sechs Zuschauer: meine Mutter und meine vier Freunde. Plötzlich hatte ich 15 Zuschauer, 50, 100. Echte Menschen. Interessant: Das war also eine stra­tegische Entscheidung? Eigentlich hab mich nur daran orientiert, was mir Spass gemacht hat. Aber mit dem Spass kommt ja oft der Erfolg. Ich dachte nicht an das grosse Geld. Aber ich wollte besser werden – nicht in den GamingSkills, sondern in meiner Unterhaltungssendung. Ich hatte nur einen Bildschirm und hab mir dann einen Hack überlegt, wie ich Game und Chat gleichzeitig sehen kann. Also: Auf der einen Seite zockt man diese Games – auf der anderen Seite hat man das Social-Media-Game im Blick. Wie wichtig ist es, dass es bei «Minecraft» einen Papaplatte-Skin gibt? Freut mich sehr, weil die Leute es selbst gebaut und nicht einfach mit der KI

r­ untergeladen haben. Also: Es gibt ­tolle KI-Sachen, die total kreativ sind – aber wenn jemand etwas selbst macht und malt und Zeit und Effort reinsteckt, ist das noch eine krassere Wertschätzung. Was ist für dich das beste Tool bei «Minecraft»? Die gute alte Eisenaxt – die ist schnell ­gemacht. Mit der kannst du Holz fällen, aber auch kämpfen. Verrätst du uns einen «Minecraft»Hack, den kaum einer kennt? Fuck. Alles, was ich jetzt sage – da schlafen die «Minecraft»-Fans ein … Ich bin nicht so gut in Videospielen. Interessante Aussage für einen der ­populärsten Gaming-Creator in Europa. Mein Fokus war nie, ein Game krass zu lernen. Ich wollte schon immer lustige Sachen machen. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich zu den 0,01 Prozent der besten Spieler gehöre. Und dann juckt es im Netz niemanden. Was ist dein Meisterwerk bei «Minecraft»? Meinen Stream macht ja vor allem aus, dass ich Sachen nicht gut kann. Zum ­Beispiel habe ich mal einen Leuchtturm oder eine Zitadelle aus «World of Warcraft» gebaut – da lachen die Leute bis heute drüber, weil die megakacke war. Am Ende haben wir die hochgesprengt. Was kann man in «Minecraft» fürs echte Leben lernen? Ist ein bisschen corny, aber genau darum geht’s im Leben: Man muss nicht überall der Beste sein, um Spass zu haben. Weisst du noch, wo du zum ersten Mal mit Videospielen in Kontakt ­gekommen bist? Das war auf einem Game Boy Color – «Dr. Mario». «Tetris», aber mit Pillen. So richtig losgegangen ist es dann mit Strategiespielen: Am besten fand ich «Warcraft», weil man da auf Community-Maps mit Freunden zocken konnte. Es gab zwar ­einen Highscore, aber e­ s war scheissegal, ob man den knackt. Wir hatten das Festnetztelefon auf Lautsprecher, sassen jeden Nachmittag in Kinderzimmern – und ­haben den räudigsten Eistee gesoffen. THE RED BULLETIN


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BURGER FLIPPER

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Papaplatte ist Superstar – aber im Herzen auch einfach: «Burger Flipper». Zwischen Streaming-Glam und TwitchCharts liebt er das Banale: Burger wenden. Bus fahren. Finnische Saunahütten simulieren. Hauptsache absurd, möglichst realistisch – und komplett bescheuert. Willkommen in den vielen parallelen Leben.

Was ist guter Content? Ein gutes Gefühl. Ein Zusammenspiel aus Creator und Chat. Wenn man merkt, die Leute haben richtig Bock, es passieren lustige Momente in hoher Frequenz – das gibt mir alles. Welchen Simulator sollte man noch erfinden? Alter, es gibt wirklich alles. Sogar einen Stein-Simulator: «Just Be a Rock». Und? Hat das deinen Blick auf Steine verändert? Oder auf Busfahrer, Burgerbrater … Ich hatte auch vorher schon ein Gefühl dafür, wie’s ist, bei McDonald’s zu ­arbeiten. Sollte jeder Mensch mitbringen, ­finde ich. Du hast mal gesagt, dein Stream soll ein Safe Space sein. Neben Jokes und Unterhaltung auch ein Ort für Empathie. Ich find’s einfach schön, wenn Leute ­schreiben: «Ich bin homosexuell und fühl mich in deiner Community richtig wohl.» Ich höre von Freunden, die eine andere THE RED BULLETIN

Muss man sich nicht auch ständig weiterentwickeln? Klar. Wenn du jeden Tag das Gleiche machst, schaltet irgendwann niemand mehr ein. Du musst die Scheisse wirklich lieben. Es gibt diese krassen Highs – und dann auch extreme Lows. Auch an Tagen, an denen’s dir beschissen geht, musst du live sein, wenn du zu den Top 10 willst. Ich bin durch richtig dunkle Phasen ­gegangen – und war trotzdem jeden Tag acht Stunden live. Ich weiss bis heute nicht, wie ich das geschafft hab. Niemand darf dir das ansehen – unser Job ist es ja, alles leicht aussehen zu lassen.

Sexualität leben, was die für schwere ­Zeiten hatten – und umso schöner ist es, wenn sie sagen: «Hier werd ich nicht gejudged. Hier kann ich einfach ich sein.»

Ist das Leben für dich ein Spiel? Manchmal fühlt es sich so an – ja. Ich glaub, das ist ein Mechanismus, um zu verarbeiten, wie absurd das alles ist. ­Diese Summen, diese Dynamik – es fühlt sich an, als knackte man die ganze Zeit Highscores. Ich denk auch im echten ­Leben oft in Gaming-Begriffen. Wenn ich meine Auslastung beschreiben müsste, würd ich das wie so ein «FIFA»-Pizza-­ Diagramm machen: Hier ist Beziehung, da sind Freunde, mentale Gesundheit, physische Gesundheit.

Findest du es manchmal immer noch crazy, dass du mit Zocken so ­erfolgreich bist? Ja, auf der einen Seite versuche ich mir oft vorzustellen, was mein 15-jähriges Ich davon halten würde. Auf der anderen Seite ist es aber auch mein Alltag. Ich weiss, was ich dafür mache – und ich weiss auch, was ich besser mache als andere.

Und wie ist dein Score aktuell? Wie sieht dein Pizza-Diagramm aus? Job: Anschlag. Familie: leider richtig eingebrochen. Der Rest so mittel. Ein Freund von mir sagt immer: «Wenn grad alles perfekt läuft, steht die richtige Scheisse noch bevor.» Deswegen ist’s vielleicht ganz gut, wenn irgendwas grad nicht so geil ist. Dann wird vielleicht alles gut.

STYLING: LENA KRÜGER, HAIR & MAKE-UP: MATILDA BELTRAN

Warum grillst du gerne Burger auf dem Bildschirm? Ich mach das gern mit Freunden. Es hat fast schon was von Rollenspiel – wir sind Schauspieler, und das Spiel ist ein richtig guter Playground für guten Content.

Um in der Twitch Champions League zu spielen: schnelle Finger oder schnelles Mundwerk? Ich könnte dich auch noch drei Stunden weiter vollquatschen. Das liegt bei mir in der Familie, meine Mutter ist auch so.


THEMA

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Fast life, fast food: Richtig Zeit zum Kochen bleibt Papaplatte selten, Mahlzeiten besorgt er sich deshalb oft auf dem Sprung.

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Was war der absurdeste Ort, an dem du bislang ausgesetzt wurdest? In einem südkoreanischen Zoo – das war sehr weird. Und einmal stand ich plötzlich vor meiner alten Wohnung. ­Berlin-Mitte. Mein alter Supermarkt. Der Dönerladen. Da war immer dieser Müll­eimer – und ein komplett abge­ rockter Fuchs, der sich regelmässig ­die Reste ­raus­gezogen hat.

GEOGUESSR

Papaplatte sitzt stunden­ lang vor dem Computer – und liebt die weite Welt. Wenn er nicht gerade ver­ reist, fliegt er mit «Geo­ Guessr» um den Globus. Er streamt regelmässig das Ratespiel – bei dem man an einem zufälligen Punkt der Erde landet und das Land erraten muss.

Was fasziniert dich an «GeoGuessr»? Auf unserer dritten Edeltour waren wir mit dem Wohnmobil auf dem Balkan ­unterwegs (mit «Edeltalk»-Podcast-Partner Reeze; Anm.) – und da hab ich so richtig verstanden: Wie sieht Albanien aus? «GeoGuessr» hat denselben Effekt, nur ­digital. Wie sieht Kasachstan aus? Oder die Mongolei? Oder Hawaii? Ich finde es ­einfach geil, ein Gefühl für die Welt zu bekommen – und überrascht zu werden. Warst du schon immer so ein Kind, das gerne im Atlas geblättert hat? Boah, nee – also Atlas auf gar keinen Fall. Geo war in der Schule wirklich das Schlimmste. Ich hasse es, Dinge aus­ wendig zu lernen.

Können Videospiele Reisen ersetzen? Auf gar keinen Fall. Bevor wir nicht diese Maschinen aus «Avatar» haben, muss man raus in die Welt. Diese Kombi – sehen, ­hören, riechen, fühlen – ist unersetzbar. Ich bin ja gerade in Barcelona; allein mit einem Bäcker zu sprechen … klingt dumm, aber ich find das übelst geil. ­Einfach zu spüren: Wie sind die Leute hier drauf? Wie funktioniert ihr Alltag? Gestern hast du bis zwei Uhr nachts ­gestreamt, ununterbrochen gelabert. Wie ist es danach? THE RED BULLETIN

Schritt halten: Täglich streamt ­Papaplatte bis zu zwölf Stunden live – und geht dabei mitunter an seine Grenzen.

Ich hab noch nie aufputschende Drogen genommen – aber wenn ich den Stream abschalte, ist das, als würde ein Rausch nachlassen, und der Körper sagt: «Das war gerade richtig anstrengend.» Und selbst wenn meine Freundin da ist, sitz ich manchmal 30 Minuten einfach nur da, sag nichts, häng am Handy oder glotz YouTube. Wie findet dein Umfeld das? Es ging schon so weit, dass Freunde ­meinten: «Das ist gerade ein bisschen viel. Du nimmst gar nicht richtig am Gespräch teil.» Ich hatte zwei, drei Jahre lang keinen festen Pausentag. Man wird süchtig nach dem Grind, nach den Zahlen. Damit kämpfen viele, die das ­beruflich machen, ich rede da auch viel in der Therapie drüber. Zu verstehen: Wenn ich durchziehe, gewinne ich kurzfristig ein paar Follower. Aber wenn ich dann in drei Monaten in ein Burnout ­rutsche, schadet das lang­ fristig meinem Projekt und vor allem ­meinem Umfeld und mir selbst.


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GTA

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Papaplatte hat und macht überall Spass. Auf Twitch, bei seinem Podcast «Edeltalk» mit Co-Host Reeze, im TV bei Joko und Klaas. Mit «Minecraft»-Pixelmännchen und HD-Gangstern. Und darum geht es jetzt: «GTA V». Du kannst ziellos durch L. A. fahren oder in ein Gangster-Biopic ein­ tauchen und moralische Grenzen austesten. These: Wie du «GTA» spielst, zeigt, was für ein Mensch du bist – NPC oder Hero? Dank dem Chat. Seit zehn Jahren bekomme ich acht Stunden am Tag direkt Feedback auf alles, was ich sage und m ­ ache. Das schärft deinen Kompass.

Bist du bei «GTA» eher Taxifahrer oder Bankräuber? Definitiv Bankräuber! Das Coole an dem Spiel ist ja, dass man Dinge machen kann, die in anderen Games nicht gehen. Und es gibt ja schon ’nen Taxifahrer-Simulator. Warum wartet die Videospielwelt so geduldig auf die nächste «GTA»Folge? Was ist an dieser Gangsterwelt so faszinierend? Ich glaub, es geht um Freiheit. Die Leute feiern das einfach, dass sie da alles machen können. Kids kommen dann in die Schule und sagen: «Alter, übelst geil – ich bin auf ’nen Heli gesprungen und hab mit dem Raketenwerfer rumgeschossen.» Du kannst einfach superviel Scheisse bauen. Und es macht übelst Spass, in dieser Stadt rumzufahren. Hattest du bei «GTA» je ein schlechtes Gewissen? Ich meine: Autos klauen, Leute verprügeln, einfach so … Nee, ich trenne das komplett. Für mich sind das einfach Videospiele. Ich mach da irgendeinen Blödsinn, aber das hat null Verbindung zum Real Life. Ich seh keinen Grund, irgendwas zu fühlen. Gibt es für dich eine Grenze, wo du sagst: Das ist kein Spiel mehr? «GTA» ist offensichtlich Satire. Klar, es gab in der Vergangenheit auch Games, die zum Glück gebannt wurden, wo etwa sexuelle Belästigung das Spielziel war. Aber: Wo zieht man die Grenze? Das ist

’ne interessante Frage. Ich bin froh, dass ich nicht in einer Medienaufsichts­ behörde arbeite. Einerseits, denke ich, sollten G ­ amer selbst entscheiden dürfen, was sie zocken. Andererseits will natürlich auch niemand, dass komplett kranke Sachen auftauchen. «Payday 2» ist cool, weil’s taktisch ist – du raubst eine Bank aus und musst vielleicht einen Wachmann umnieten. Aber wenn ich eine Leiche in zwölf Teile zer­sägen soll, denk ich schon: Bro … ist ein bisschen komisch. Wie gehst du damit um, wenn der Chat sagt: «Hey, fahr mal den Typen um?» Musst du dann moderieren oder zügeln? Wir müssen unterscheiden: Geht’s um das Videospiel? Dann niete ich jemanden um, wenn’s lustig ist oder mich im Spiel weiterbringt. Aber wenn’s die echte Welt betrifft – zum Beispiel wenn zu viel Hate gegen eine echte Person kommt –, dann zügle ich. Ich hab da ein gutes Gefühl, was geht.

Die Leute verbringen viel Zeit mit dir, schauen zu dir auf. Wie gehst du mit dieser Verantwortung um? Man lernt als Streamer, auf unangenehme Situationen zu reagieren. Klar ist es nicht immer perfekt, es ist eben ein Livestream. Gerade in den letzten Jahren, wo Politik so wichtig geworden ist, bin ich zunehmend vorsichtiger. Ich infor­miere mich vorher – und wenn ich überfragt bin, sag ich: «Ich schau’s mir an.» M ­ eistens guck ich mir ein Video von M ­ rWissen2go an – ­meinem Lieblings­kanal für Politik. Der erklärt Sachen sehr neu­tral und belegt ­alles gut. Dann hab ich das Gefühl, ich kann was dazu sagen. Bei dir sind bis zu 100 000 Leute im Stream, viele chatten mit. Wie kannst du so schnell lesen? Ich weiss nicht – das ist so ein Skill, den man sich antrainiert. Ich merk’s immer, wenn Leute, die gar keine Streaming-­ Erfahrung haben, dabei sind – die sind dann komplett überfordert. Liest du auch ein Buch an einem Tag? Ich lese gar keine Bücher, Mann. Ich lese sieben Stunden am Tag den Chat – das reicht. Auf welche der tausenden Nach­richten reagierst du? Manche stechen einfach heraus, da entwickelt man ein Gefühl für. Du siehst ­direkt: «Die Nachricht muss ich vorlesen – die ist Content, die ist interessant.» ­Irgendwie magisch. THE RED BULLETIN


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Teamplayer: Seinen Podcast ­m oderiert Papaplatte mit Co-Host Reeze; im Stream spielt er oft mit (und gegen) andere ­Creator wie BastiGHG.

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JUMP KING

Papaplatte taucht regelmässig in «Jump King» ein – einem simplen Turm-aufwärts-Springen, bei dem ein einziger Fehltritt dich komplett runterschmeisst (und die Crowd liebt es). Er zählt zu den meist­­ gesehenen «Jump King»-Streamern überhaupt, rangierte gemeinsam mit Creator BastiGHG zeitweise sogar unter den Top 30 auf Twitch. Dieses Do-or-die-System – sicherer Boden vs. bodenloser Fall – macht das Ganze richtig ­aufregend, pures Drama.

Was ist der übelste Fluch, den du jemals bei dem Spiel ausgestossen hast? Das könnt ihr nicht drucken. Keinesfalls. Da fliegen Stühle durch den Raum. Muss ein gutes Spiel schwierig sein? Nicht zwingend, aber ich lieb so ’ne rich­ tige Challenge. Ein Drahtseilakt wie bei «Jump King» – du kannst jederzeit bis ganz nach unten fallen. Unfassbare Span­ nung. Die Leute warten nur darauf, dass du abstürzt und komplett ausrastest. ­Genau das ist der Witz. Wollen die Leute, dass du runterfällst oder dass du’s schaffst? So ein bisschen von beidem. Die ersten paar Stunden safe das Scheitern – aber gegen Ende ist es auch satisfying, wenn man’s packt. Albert Camus hat geschrieben: «Man muss sich Sisyphos als einen glück­lichen Menschen vorstellen.» Er hat eine Aufgabe, scheitert permanent – aber sie erfüllt ihn. Boah, das gibt’s ja sogar als Videospiel, ne? Hab ich auch gezockt. Da musst du ’ne Kugel einen Hügel hochrollen. Ich will am Ende aber auch gewinnen.

Würdest du dich als ehrgeizigen ­Menschen bezeichnen? Unfassbar ehrgeizig. Im Beruf oder Sozial­ leben geb ich immer alles. Ich will ein ­guter Freund sein, mich romantisch voll investieren – und im Job will ich ganz oben stehen. Ist die Follower-Zahl der ultimative Highscore? Nee, es gibt viele, die 14 Millionen Fol­ lower haben – aber trotzdem nur 6000 Views. Wichtiger sind die durchschnitt­ lichen Zuschauer und die Abos. Aber ich will schon, dass die anderen Streamer ­sehen: Ich hab gerade die meiste Energie, den Drive. Wie bei den Bundesjugend­ spielen – ich will beim Weitsprung weiter springen als die anderen aus der Schule. Wer pusht dich am meisten? Bisschen corny, aber vermutlich ich selbst. Es gibt niemanden, der mir so viel Druck macht wie ich mir selbst. Klar, man schaut auch, was die anderen Grossen machen – Trymacs, Eli, Montana. Einfach um einschätzen zu können: Ist das, was ich mache, gerade geil? Muss ich was ändern? Neues Spiel? Neuer Vibe? Welche Note gibst du dir gerade? Eine stabile Sieben. Ich hab drei Jahre komplett durchgezogen – und dabei ein bisschen die Natürlichkeit verloren, diese Leichtigkeit, mit der alles mal ­an­gefangen hat. Da kämpfe ich gerade wieder drum. Wir haben über «Jump King» geredet – du hast ja auch den Hindernis-Contest Red Bull Jump & Run gewonnen. Wie war das? Im echten Leben ist Jump & Run unfass­ bar krass. Hab ich echt gewonnen, und das, obwohl ich voll der Körperklaus bin. Das hat übelst Bock gemacht. Machst du Sport lieber am Bildschirm oder im echten Leben? Real Life. Ich mach seit zwei, drei Wochen wieder aktiv Sport. Mehr Spass macht’s im Videospiel. Aber im echten Leben ist das Gefühl danach schon sehr geil. Twitch: @papaplatte THE RED BULLETIN


58 Ob auf einem See oder im Schnee – der Nidwaldner Maxime Chabloz liebt Wasser in allen Aggregatzuständen.

DER CHABLOZEFFEKT Text Nina Treml

Fotos Romina Ama to

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KITEBOARDEN Das eine tun, das andere nicht lassen – und genau deshalb steht er ganz oben: Der Schweizer Kiteboard- und Ski-Freeride-Profi Maxime Chabloz ist in beiden Sportarten Weltmeister. Sein Erfolgs­rezept: die Balance zwischen Ehrgeiz und Leichtigkeit.

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Maxime Chabloz wechselt nahtlos zwischen den Extremen. Im Sommer wirbelt der 24-Jährige auf dem Kiteboard übers Wasser, im Winter stürzt er sich auf Ski in den Tiefschnee – und in beiden Welten misst er sich mit den Besten. Der doppelte Weltmeister (2022 im Freeride, 2024 im Kitesurfen-Freestyle) über die Kunst zu fokussieren und lieber weniger als mehr zu trainieren.

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he red bulletin: Maxime, wovon hast hast du als Kind geträumt? maxime chabloz: Mein Traum war, ­Helikopterpilot zu werden. Das Fliegen hat mich schon immer fasziniert. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb ich mich für den Kitesport interessierte, den mein Vater und seine Freunde ausübten. Von all den Dingen, die Menschen in meinem Umfeld machten, kam das dem Fliegen am nächsten. Mit sieben oder acht wagte ich die ersten Versuche, und mit dreizehn stand ich bei meinen ersten Wettkämpfen am Start.

Ob Ski oder Kiteboard: In der Werkstätte im ­heimatlichen Beckenried bastelt Maxime Chabloz stundenlang an seinem Equipment.

Und das hat dir nicht gereicht? Als Kind bin ich Alpinskirennen gefahren und wurde sogar gefragt, ob ich in Richtung Weltcup gehen wollte. Aber es hat mich zu wenig gereizt, mir fehlte die Motivation, also habe ich aufgehört. Das Alpine hat mir nie gefehlt, auch heute nicht. Was mir jedoch fehlte, war der Winter selbst,

das Gefühl, auf Schnee zu sein. Als ich mit siebzehn die Freeride Tour entdeckte, wusste ich sofort: Das ist es. Ich begann, das Freeriden ernster zu nehmen und ­gezielt zu trainieren. Im Grunde war es nichts Neues für mich: Mein Vater hat mich und meinen Bruder schon als Kinder in den Powder mitgenommen. Auf die Piste gingen wir nur, wenn der Schnee schlecht war. Das Ausüben zweier verschiedener Sportarten ist eine Sache – dass man in beiden gleich Weltmeister wird, eine andere. Woher kommt dieser Anspruch? Ich bin ein sehr kompetitiver Typ. Ich ­finde wenig Motivation und Freude in ­etwas, das nicht mit Wettkampf verbunden ist. Ich brauche nicht unbedingt den Druck, aber den Dopaminschub, wenn man gewinnt und wirklich performt. Deshalb hätte es mir nicht gereicht, neben dem Kiten nur aus Spass zu freeriden. Ich wollte auch damit etwas erreichen und habe tatsächlich schon 2019, in meiner ersten Wettkampfsaison, die Junior World Championship gewonnen. Multitalente gelten oft als Menschen, die alles ein bisschen und nichts richtig können. Warum trifft das nicht auf dich zu? Ich denke schon, dass das ein Stück weit auf mich zutrifft. Ich habe Riesenrespekt vor Leuten, die sich spezialisieren und THE RED BULLETIN


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ihre Sportart dominieren – die an einen Wettkampf kommen, und alle wissen: Der gewinnt. Das hatte ich nie. Ich musste mir alles erarbeiten. Mein Talent liegt vor allem darin, Dinge schnell zu verstehen und anzupassen. Wenn ich etwas Neues wie zum Beispiel Foiling ausprobiere, spüre ich intuitiv, was funktioniert und was nicht. Dann kann ich es ändern und besser machen. Zeichnet sich da schon eine weitere Sportkarriere ab? (Lacht.) Nein, sicher nicht. Foiling reizt mich zwar manchmal, aber ich konzen­ triere mich lieber darauf, in meinen Sport­ arten weitere Weltmeistertitel zu gewin­ nen. Mein Ziel ist es, jemand zu sein, an den man sich später erinnert. Ich will nicht der einmalige Weltmeister sein, den man danach wieder vergisst. Was sind denn die körperlichen und mentalen Anforderungen an deine Sportarten – angefangen beim Freeriden? Freeriden ist in erster Linie ein Bein­ sport, aber auch die Rumpf- und Rücken­ muskeln müssen gut trainiert sein. Dazu

braucht es eine gute Skitechnik – da bin ich sehr dankbar für meinen Alpin-Hin­ tergrund – und etwas Freestyle-Erfahrung für die Tricks. Entscheidend ist eine aus­ geprägte Air Awareness, also das Gefühl dafür, wie man sich in der Luft bewegt. Mental gesehen kämpft man beim Free­ riden mit der Angst. Man muss lernen, die Komfortzone zu verlassen, sich selbst zu pushen – und gleichzeitig die Angst auch als etwas Positives zu begreifen. Das Wichtigste ist, zu wissen, wann man sie überwinden sollte und wann man besser auf sie hört. Was hat es mit dieser Angst auf sich? Die Angst ist ein Reflex, der mich dazu bringt, Dinge zweimal oder dreimal zu überdenken. Es ist weniger die konkrete Angst vor Unfällen und Verletzungen, sondern eher ein mulmiges Gefühl, das mich beschleicht. Die Kunst liegt darin, blitzschnell zu entscheiden, ob ich auf die Angst höre oder sie überwinde. Und wie entscheidest du das? Wenn ich zum Beispiel den Verdacht habe, dass ein Trick in der sogenannten No-Fall-Zone – also in einem Bereich mit

Ein Moment der Ruhe für Maxime Chabloz. Unten mit Vater Patrick, der das Boot beim Kiteboard-Training lenkt.

extremem Gefälle, Felsen oder Spalten – zu riskant sein könnte, dann höre ich auf meine Angst. In allen anderen Situationen versuche ich, sie zu überwinden. Hat dich dein Gefühl jemals getrogen? Nicht in dem Sinne, dass ich die Angst besser nicht überwunden hätte. Eher um­ gekehrt: Manchmal denke ich im Nach­ hinein, dass ich ein bestimmtes Risiko ­ruhig hätte eingehen können. Ich bin doch eher ein vorsichtiger Mensch, auch wenn das von aussen manchmal anders wirkt. Dafür warst du auch nie ernsthaft ­verletzt, oder? Ganz recht. Ich habe mich noch nie ver­ letzt, und das ist für mich fast schon ein «bragging right». Das möchte ich un­ bedingt so beibehalten, auch in Zukunft. Und welche Anforderungen gibt es beim Kiten? In der Disziplin Freestyle ist Kiten ein Ganzkörpersport. Ich wüsste keinen Muskel, den man nicht braucht. Ich denke manchmal: Wenn ich mir einen Finger brechen würde, wäre das fürs Freeriden nicht so schlimm, da käme ich schnell zu­ rück. Aber zum Kiten muss der Körper zu hundert Prozent intakt sein. Hier kommt es auch mehr auf den Körpertyp an – zu gross, zu klein, zu schwer, zu leicht ist nicht optimal. Gefragt ist eher eine Geräte­ turner-Konstitution. Und wie beim Free­ riden sollte man eine gewisse Air Aware­ ness haben, das ist ein Skill, der sich zum Beispiel auf dem Trampolin üben lässt. Wie sieht es hier mit der Angst­ überwindung aus? Die Angst ist weniger ein Thema, dafür nehme ich beim Kiten den Wettbewerbs­ druck stärker wahr. Während ich im Free­ riden sehr mit mir selbst und der Fahrt beschäftigt bin, spüre ich auf dem Wasser, dass alle Augen auf mich gerichtet sind und ich abliefern muss.

Ganzkörpersport auf dem Vierwaldstättersee: «Ich wüsste keinen ­Muskel, den man beim Kiten in der Disziplin Freestyle nicht braucht.» THE RED BULLETIN


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«Ich kann mir nicht vorstellen, nur eine Sportart zu machen. Wenn ich mich zu sehr auf eine Sache fokussiere, steigt der Druck zu sehr.» Bessere Leistungen, weil er weniger Zeit hat zu trainieren: Das nennt Maxime den «Chabloz-Effekt».

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Maxime hat viel Erfahrung darin ge­­ sammelt, wie man mit Druck umgeht. Das helfe ihm, sich auf «das Wesentliche» zu konzentrieren.

Gibt es eigentlich Erfahrungen aus dem einen Sport, die dir beim anderen überraschend geholfen haben? Ich profitiere eindeutig davon, dass ich mehr Wettkämpfe bestreite als Athleten, die nur in der einen oder anderen Sportart aktiv sind. Die Kite World Tour besteht manchmal nur aus drei oder vier Wettkämpfen pro Saison – da ist es schwer, eine Routine zu entwickeln. Wegen meiner Wettkämpfe in zwei Sportarten und der früheren Skirennen in meiner Kindheit habe ich viel Erfahrung darin gesammelt, wie man mit Druck umgeht und sich auf das Wesentliche konzentriert. Sowohl beim Kiten wie auch beim Freeriden mag es Athleten geben, die technisch stärker sind als ich, aber meine Wettkampferfahrung verschafft mir einen klaren Vorteil. Hast du einen Trick, um den Wett­ kampfdruck zu bewältigen? Nicht wirklich. Manchmal stehe ich bei Freeride-Wettkämpfen am Start und denke: Ich weiss gar nicht, wie ich Ski fahre. Aber sobald es losgeht, verschwindet der Gedanke sofort. Man muss einfach Vertrauen in sich selbst haben und sich in Erinnerung rufen, dass man es kann. Gab es ein Erlebnis, bei dem deine Doppelrolle als Freerider und Kite­ boarder besonders prägend war? Ja, ich musste schon mehrmals einen Wettkampf auslassen, weil ich gleich­ zeitig in der anderen Sportart im Einsatz war. Geschadet hat mir das nie – im Gegenteil. Ich nenne das den «Chabloz-Effekt»: Oft probiere ich etwas, und es funktioniert zunächst nicht. Dann lege ich es beiseite, kümmere mich um meine andere Sportart, und Monate später klappt es plötzlich problemlos. So habe ich in meiner Karriere oft Erfolg gehabt – nicht, weil ich einen Monat nonstop trainiert hätte, wie das vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn ich nur Kiteboarder oder nur Freerider gewesen wäre. Sondern weil ich zwischendurch komplett Abstand gewonnen habe. Dann reichen ein, zwei Trainingssessions vor dem Wettkampf, und das Ergebnis ist grossartig. THE RED BULLETIN

«Ich komme an einen Spot, und mein Körper weiss sofort, welche Tricks funktionieren. Im Wettkampf läuft es dann wie automatisch.» Hast du ein Beispiel? 2023 gab es in Kolumbien einen KiteWettkampf mitten in der Wintersaison. Weil ich parallel für Freeride-Contests trainierte, reiste ich spät an und hatte nur wenige Tage zur Vorbereitung. Trotzdem lief es super, und ich wurde Zweiter. Viele sagten danach: Wenn du mehr trainiert hättest, hättest du vielleicht gewonnen. Aber ich bin überzeugt: Mehr Training hätte mir geschadet. Weniger Zeit zu ­haben, zwingt mich, fokussierter zu sein und nicht alles zu überdenken. Ich komme an einen Spot, und mein Körper weiss ­sofort, welche Tricks funktionieren.


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SPOTLIGHT-MAP Welche Locations können was? Maxime Chabloz über seine Favourites

FREERIDE-SPOTS 4. Silvaplana Corvatsch

Coole Station hoch oben in den Alpen, mit vielen Möglichkeiten für Freerider. Das Gelände ist abwechslungsreich, ich entdecke hier immer wieder neue Spots.

5. Engelberg-Titlis

Hier bin ich aufgewachsen, und hier ­verbringe ich auch heute noch die meiste Zeit im Winter. Das Gelände ist traumhaft, mit grossen, steilen Lines, die richtig Freude machen.

2.

6. La Videmanette

3. 1.

5. 4.

6.

Meine ursprüngliche Heimat. Kleine, feine Station auf der waadtländischen Seite von Gstaad. Eine Gondel bringt einen 1200 Höhen­ meter nach oben, und das Gelände bietet Lines, die kaum jemand kennt – für mich ein echter «secret spot».

KITEBOARD-SPOTS 1. Silvaplanersee

Traumhafte Bergkulisse und viel Thermikwind im Sommer. Besonders cool: Der Campingplatz am KiteStrand – manchmal baue ich meinen Kite direkt vor dem Zelt auf.

2. Urnersee

Der Wind ist etwas schwächer, dafür gibt es im Sommer oft Thermik am Nachmittag. Ich kann mich immer darauf verlassen, dass genug Wind da ist, um richtig Spass zu haben.

FREDERIK KALBERMATTEN/RED BULL CONTENT POOL

3. Neuenburgersee

Je nach Windrichtung entscheide ich mich für den Norden oder Süden des Sees. Thermik gibt es hier nicht, dafür kann Bise oder Südwestwind wehen. Was ich besonders liebe: durch die Grösse des Sees gibt es viele Wellen.

Maxime zieht während des Red Bull Alpine Camps 2024 in Zermatt eine Line durch ­frischen Powder. THE RED BULLETIN


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Wenn du dich für eine Sportart entscheiden müsstest, welche wäre das? Käme es für dich überhaupt in Frage, das eine ohne das andere zu tun? Ehrlich gesagt: nein. Ich kann mir nicht vorstellen, nur eine Sportart zu machen. Ich brauche die Abwechslung. Wenn ich mich zu sehr auf eine Sache fokussiere, steigt der Druck, und es passt nicht mehr. Meine grössten Erfolge habe ich erzielt, während ich beides kombiniert habe. Das kann ich mit voller Überzeugung sagen. Andere Athleten, die nur eine Sportart betreiben, haben mehr Zeit zum ­Relaxen. Fehlt dir das nicht? Eigentlich nicht. Meine Freundin ist ­meine Videografin, wir reisen zusammen. Im Sommer habe ich meine Kite-Freunde, im Winter meine Freeride-Freunde. Meine Eltern sind ebenfalls in den beiden SportTHE RED BULLETIN

«Air Aware­ness lässt sich auf dem Trampolin üben.» arten unterwegs. Und ein paar Wochen Pause, in denen ich gar nichts mache, bleiben mir immer. Was würdest du jungen Menschen ­raten, die mehrere Leidenschaften haben? Go for it! Man muss nicht schon mit zwölf eine endgültige Entscheidung treffen. ­Gerade im Sport wird oft früh Druck gemacht – ich habe das selbst erlebt, als man mich im Alpinskifahren fördern wollte. Aber wenn man sich zu etwas zwingt, nur weil andere es erwarten, funktioniert es nicht. Wichtig ist, dem eigenen Mindset treu zu bleiben. Und wenn das bedeutet, zwei statt nur eine Leidenschaft zu verfolgen, dann ist genau das der richtige Weg. Instagram: @maxime_chabloz

Auch wenn es nicht so aussieht: Maxime Chabloz ist ein vorsichtiger Mensch, verletzt hat er sich noch nie. Hier bei einem Backflip auf dem Corvatsch-Gletscher.

DOM DAHER

Im Wettkampf läuft es dann wie automatisch. Auch der Druck wird kleiner, weil ich mir sage: Wenn es nicht perfekt läuft, habe ich eine gute Erklärung dafür.


Marco justin franjo alexis stefan Odermatt Murisier von allmeN monney Rogentin aleksander Cyprien Vincent dominik aamodt Kilde Sarrazin Kriechmayr paris From the makers of

feeL THe speed Ab 23. Oktober nur im Kino


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TAUCH EIN ... THE RED BULLETIN


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KUNSTSCHWIMMEN Die Aqualillies beim Training in Los Angeles. Die Truppe performte bereits in Filmen und Videos von Ariana Grande, ­Justin Bieber und den Foo Fighters.

Text Zoey Goto Fotos Brian Lowe THE RED BULLETIN


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… in die Welt eines Sports, der sich gerade neu erfindet: Synchronheisst jetzt Kunstschwimmen und erobert die Popkultur – mit Auftritten bei Beyoncé und den Foo Fighters. Zu Besuch bei den Pool-Pionieren in Los Angeles.

K Kenny Gaudet und Mixed-DuettPartnerin Claudia Coletti in ihrem Element

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enny Gaudet ist Kunstschwimmer. Doch wenn er von seinen Verletzungen erzählt, klingt das eher nach Profiboxer. Da ist das blaue Auge, das er sich verpasste, als er sich bei einem «Tuck» – dem Fach­ begriff für das, was wir Beckenrandspringer «Hocke» nennen – sein Knie ins Gesicht rammte. Da ist der Fersenbruch, den er sich holte, als er gegen die ­Betonwand des Beckens krachte. Da sind die auf­ geschürften Schienbeine, weil er es beim Kreuzheben übertrieb. Da sind jede Menge Beinahe-Ohnmachten unter Wasser. Und dann ist da noch der Tag mit der Gehirnerschütterung: Seine langjährige Freundin und frühere Duettpartnerin Claudia Coletti landete bei einer allzu ehrgeizigen Hebefigur mit vollem ­Gewicht auf seinem Kopf. «Der Catch war ziemlich schwierig», sagt Coletti, die ein paar Meter entfernt in der gleissenden Sonne von Los Angeles liegt, mit entschuldigendem Lächeln. Wer Kunstschwimmen – die olympische Disziplin hiess bis 2017 offiziell «Synchronschwimmen» – noch immer mit gezwungenem Dauerlächeln, rüschen­ besetzten Badekappen und Paillettenkostümen ­verbindet, sollte sein Bild updaten. Musikvideos von Adele, Lizzo und Dua Lipa haben den Sport in die Popkultur gespült, und das Leistungsniveau ist mittlerweile so brutal, dass kaum ein Training ohne diverse blaue Flecken endet.


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Eine neue, coole Ästhetik tritt zum Siegeszug an.

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Trockenübungen: die Aqualillies beim Warm-up neben dem Becken THE RED BULLETIN


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Gleichzeitig verschiebt der Sport die Grenzen von Diversität und Inklusion: Beyoncé integrierte 2020 eine spektakuläre Synchro-Sequenz schwarzer Schwimmerinnen in ihren Musikfilm «Black Is King». Und was einst reine Frauendomäne war, zieht nun auch Männer wie den 20-jährigen Kenny Gaudet an. Der US-Athlet will als erster Mann im Artistic Swimming bei den Sommerspielen 2028 eine Medaille ­holen, und die finden passenderweise ausgerechnet hier statt, in Los Angeles.

Viel Gegenwind und ein Entschluss

Gaudet stammt aus Florida. Coletti ist Italienerin, in New York geboren, in Paris aufgewachsen. Jetzt ­liegen beide am Rooftop-Pool des West Hollywood Aquatics Center, und die Szenerie könnte kaum mehr L. A.-Klischees bedienen: Weiter Blick über die Hollywood Hills. Am Horizont, hinter einem Meer spindeldürrer Palmen, schimmert Downtown L. A. wie eine Fata Morgana aus Stahl und Glas. Am Beckenrand schlägt eine Meditationslehrerin eine goldene Klangschale zum Beginn der «AquaGong»-Nachmittags­ session, einer Art meditativen Klangbads im Pool. Der Bademeister schlendert vorbei, schüttelt grinsend den Kopf und murmelt: «This is so fucking L. A.» Gaudets Weg hatte bis hierher freilich wenig von ­einem Hollywood-Märchen. Er war fünf, als er seine ­ältere Schwester zum Kunstschwimmtraining be­ gleitete, dann probierte er den Sport selbst und blieb dabei. Später fing er mit Cheerleading an. Die Wahl seiner Sportarten machte ihn rasch zum Aussenseiter: Eltern von Teamkolleginnen murrten, Trainer anderer Clubs belächelten den Jungen in den «Mädchen­ sportarten». «Meine Trainerin musste jede Menge Hate ertragen, nur weil sie mich ins Schwimmteam aufnahm», erinnert sich Gaudet. Ans Aufgeben dachte er nicht. Im Gegenteil. Mit dreizehn schrieb er Andrea Fuentes an, die Chef­ trainerin des US-Nationalteams. Es folgte die Ein­ ladung zu einem einwöchigen Sichtungscamp. «Davor hatte ich sechs Stunden Training pro ­Woche – beim Camp waren es sechs Stunden pro Tag. Und es war ein einziges Desaster», lacht er heute. «Ich war katastrophal schlecht, hoffnungslos über­ fordert. Alle anderen waren kräftiger, ausdauernder, beweglicher als ich. Ich rang nach Luft, klammerte mich am Beckenrand fest, während die Mädchen ­elegant und mühelos durchs Wasser schwebten.» Aufgeben? Wieder keine Option. «Das war genau der Weckruf, den ich brauchte. Diese Woche, so katastrophal sie auch lief, zeigte mir: Entweder du versuchst es wirklich, mit aller Konsequenz, oder du lässt es bleiben.» 2021, als Sechzehnjähriger, zog Gaudet von Florida quer durchs Land nach Kalifornien, um unter Bill May zu trainieren – jenem US-Pionier, der 2015 als erster Mann WM-Gold im Artistic Swimming gewann. Es war das endgültige Bekenntnis zu kon­ sequenter Professionalität. Nicht nur Gaudets Leben, der ganze Sport änderte sich in dieser Zeit grund­ legend: Nach der offiziellen Umbenennung von ­«Synchronised Swimming» in «Artistic Swimming»

durch den Schwimm-Weltverband FINA im Jahr 2017 gab es kurz vor den Spielen von Paris 2024 die ganz grosse Nachricht: Erstmals sollten bis zu zwei Männer pro Achter-Team zugelassen sein – ein historischer Schritt, zumindest in der Theorie. In der olympischen Praxis blieben die männlichen Kunstschwimmer auf dem Trockenen. «Die Teams, die Trainerinnen und Trainer wollten kein Risiko eingehen», erzählt Gaudet. «Man meinte, es würde den Männern die Erfahrung fehlen. Aber wenn keiner den Sprung wagt, ändert sich doch nichts!» Neben seinen Wettkämpfen und dem OlympiaTraining gehört Gaudet auch den Aqualillies an – einer glamourösen Wasser-Showtruppe, die mit Latex-Bade­ kappen dem Hollywood der 1940er huldigt. Man sah sie in Filmen wie «Hail, Caesar!», in Serien wie «The Marvelous Mrs. Maisel» und «Glee» sowie in Musik­ videos von Ariana Grande, Justin Bieber, Lizzo und den Foo Fighters. Ihr rein männliches Gegenstück, die Aquawillies, sorgt bei Promi-Poolpartys mit Salti und schillernden Meerjungmann-Schwänzen regelmässig für Aufsehen.

Über den Beckenrand hinaus: Tamar Saunders ist auch in Beyoncés Musikfilm «Black Is King» zu sehen.

Der schmale Grat zwischen Sport und Spektakel gehört seit den Anfängen dazu. THE RED BULLETIN


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Unter Kontrolle: Auch kopfüber bleiben die Athletinnen Herrinnen der Lage. THE RED BULLETIN


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Die Challenge: anmutig aussehen, selbst wenn der Sauerstofff ausgeht und die Muskeln brennen

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Raketenstart: Schon als kleiner Junge begann Kenny Gaudet in Florida mit dem Kunstschwimmen. THE RED BULLETIN


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Glück, Gleichberechtigung und Badekappen

Am Beckenrand bereiten sich acht weibliche Aqua­ lillies auf ihren Einsatz vor: Auf dem Balkongeländer, das als improvisierte Ballettstange dient, dehnen und lockern sie sich, bevor es ins Wasser geht. Zur Truppe gehören die Schwestern Philicia und Tamar Saunders, die in «Black Is King» zu sehen waren. Die üppig ­choreografierte Szene im Beyoncé-Film – wirbelnde Fuchsia-Kostüme, katzenaugige Schwimmbrillen – ­erinnert bewusst an Esther Williams, die Schwimm­ königin der 40er- und 50er-Jahre, und ihre opulenten Technicolor-Musicals wie «Neptune’s Daughter» und «Million Dollar Mermaid». Aber mit einem wesent­ lichen Unterschied: Bei Williams bestand das En­ semble ausschliesslich aus weissen Schwimmerinnen – bei Beyoncé ausschliesslich aus schwarzen. «Es war wunderschön, zu sehen, wie viele unter­ schiedliche Frauen gemeinsam im Wasser waren, die verschiedenen Teints», erinnert sich Philicia an den Dreh mit einer Gruppe US-Schwimmerinnen und ­einem eigens eingeflogenen Nachwuchsteam aus Ja­ maika. «Beyoncé stieg selbst mit ins Becken, sie führte von dort aus Regie, und man merkte, wie wichtig ihr war, dass wir uns alle wohlfühlen.» «Black Is King» war ein starkes Signal – aber es machte auch Defizite sichtbar. «Im Casting war es er­ staunlich schwer, genug schwarze Kunstschwimme­ rinnen zu finden. Da wurde klar, dass Handlungs­ bedarf besteht. Es muss uns gelingen, mehr jungen Athletinnen und Athleten den Weg in diesen Sport zu ermöglichen – und wir müssen uns besser ver­ netzen», sagt Philicia. Sie und Tamar wuchsen in L. A. auf. Als Kinder stiessen sie zufällig auf die Synchro Swans: Das erste afroamerikanische Synchro-Team der USA trainierte in dem Schwimmbad, in dem die beiden Schwestern ihre Nachmittage verbrachten. «Wir hatten einfach Glück», sagt Philicia. Denn ­öffentlich zugängliche Pools sind in einkommens­ schwachen Gegenden, in denen überwiegend Schwarze wohnen, selten. «Und noch seltener ist es, dass es dort überhaupt Synchro-Trainings gibt.» Zwischenzeitlich traten die Saunders-Schwestern den Black Swans bei, einer Kunstschwimm-Crew, die bei Events wie den Juneteenth-Feierlichkeiten auftritt, dem US-amerikanischen Gedenktag an das Ende der Sklaverei. Kunstschwimmen war lange alles andere als divers, doch Tamar ist überzeugt: Das ändert sich gerade. «Eltern melden sich bei mir und wollen wissen, wo sie hautfarbene Badeanzüge bekommen oder Bade­

«Wunderschön, wie viele unterschiedliche Frauen gemeinsam im Wasser waren!»

kappen, die voluminöse Afros oder Braids fassen, ohne sie zu quetschen, und wie man lockiges oder krauses Haar vor Schäden des Chlorwassers in den Pools bewahrt. Freundinnen fragen mich, wie sie selbst einsteigen können», sagt sie und rückt ihre Schwimmbrille zurecht. «Artistic Swimming gilt ­inzwischen als cool!»

Auf dem Sprung: Die Aqualillies beim Warm-up auf dem Rooftop des West Hollywood Aquatics Centers

Kaleidoskop, KI und erste Gigs in Hollywood

Philicia und Tamar gleiten mit den Aqualillies ins Be­ cken. Wie ein Delfinschwarm schwebt das Ensemble durchs Wasser. Über der Oberfläche scheren Beine synchron zueinander, bis alle Athletinnen wie auf ein lautloses Signal gleichzeitig auftauchen. Flach auf der Wasseroberfläche auf dem Rücken liegend, spreizen sie Arme und Beine und bilden ein Sternen­ muster; es wirkt wie ein sich langsam drehendes Kaleidoskop. Der schmale Grat zwischen Sport und Spektakel gehört seit den Anfängen zum Kunstschwimmen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte die Australierin Annette Kellerman – Filmhistoriker nannten sie «Mother of Synchronised Swimming» – in freizügigen Wasserfilmen Karriere. Legendär THE RED BULLETIN


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«Man meinte, es fehle den Männern an Erfahrung. Aber wenn keiner den Sprung wagt, ändert sich doch nichts.»

sie, das weizenblonde Haar zum Pferdeschwanz ­gebunden. Nadine Brandl hat in Las Vegas ihr Talent für optische Illusionen entdeckt – es ­beschert ihr auf TikTok Millionenreich­weiten. «‹O› war extrem ­visuell. Dort habe ich gelernt, bewusst die Aufmerksamkeit des Publikums zu lenken, mit Bewegungen unter Wasser zu spielen», sagt sie. Dreht sie die ­Kamera um 180 Grad, wirkt es in manchen Clips, als würde sie über Wasser laufen. «Viele halten das für Greenscreen oder KI, nicht für echte Aufnahmen. Ich betrachte das als Kompliment. Ich nutze die Plattform, um den Leuten zu zeigen: Diese Tricks kann man lernen.» Es ist ganz ruhig am Beckenrand, bis es plötzlich mächtig spritzt. Gaudet und Coletti feilen an einer Kür. Im Finale taucht Coletti ab, stemmt sich aus der Tiefe nach oben und katapultiert Kenny wie eine menschliche Rakete in den Himmel. Die rohe Athletik der Figur zieht alle Blicke auf sich: Selbst die AquaGong-Gruppe erhebt sich aus ihrer Zen-Versenkung.

Pokémon, Marilyn und kreischende Zuschauer

Kunstschwimmer Kenny Gaudet, 20, will als erster Mann in der Dis­ ziplin «Artistic Swimming» bei Olympia eine Medaille holen.

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­ urde ihr Auftritt im Jahr 1916 in «A Daughter of the w Gods»: In Hollywoods erster Nacktszene bedeckte ihr kunstvoll drapiertes Meerjungfrauenhaar gerade mal das Nötigste. Aktuell verkörpert kaum jemand die Gratwanderung zwischen Ästhetik und Athletik so glaubwürdig wie die Wienerin Nadine Brandl. Während sie im Wasser sachte auf und ab wippt, erzählt sie von ihrer ersten Karriere: mehr als 45 österreichische Meistertitel, Olympiastarts 2008 und 2012. Danach schlug sie ein glitzerndes Kapitel als Showstar in Las Vegas auf. Fünf Jahre schwamm Brandl in der aufwendigen Wassershow «Le Rêve» im Wynn Resort. Danach wechselte sie ins benachbarte Hotel Bellagio zu «O», dem wasserbasierten Spektakel des Cirque du Soleil. Die Jahrzehnte harten Trainings – ab ihrem dreizehnten Lebensjahr täglich fünf Poolstunden neben der Schule – zahlten sich in dieser Glitzerwelt aus. «Du musst e­ twas anmutig aussehen lassen, selbst wenn es sich im Körper grauenvoll anfühlt, wegen des Sauerstoffmangels und weil die Muskeln brennen», sagt

Die Trainings-Session für Gaudet ist zu Ende. Während er sich abtrocknet, fällt der Blick auf seine Tattoos: Charaktere aus «Avatar – Der Herr der Elemente», «Drachenzähmen leicht gemacht» und «Pokémon» zieren seine Arme. Seine Liebe zu Animationsfiguren geht aber über die Tinte hinaus. Bei der FINA Artistic Swimming World Series 2022 gestalteten er und ­Coletti ihre Kür rund um «Attack on Titan», einen ­japanischen Anime über den postapokalyptischen Kampf der Menschheit gegen riesige Monster. «Der Stoff ist intensiv», sagt Gaudet und öffnet auf dem Handy ein Video ihres Mixed-Duetts. «Um die Story gut zu erzählen, haben wir die Sache mit den akro­ batischen Hebefiguren auf die Spitze getrieben.» Jede Drehung lässt das Publikum kreischen, als gäbe Taylor Swift ein Privatkonzert. Das ist modernes Artistic Swimming in Perfektion, kreativ, ästhetisch, athletisch. Den Spott früherer Jahre hört Gaudet kaum noch. «Manchmal fragt noch jemand, ob wir die Truppe mit den Rosenkappen sind, wie Marilyn Monroe sie trug», sagt er und verdreht die Augen. «Ich sage dann: ‹Nein, wir sind die, die Menschen durch die Luft schleudern. Die, die kopfüber unter Wasser 30 Sekunden die Luft anhalten, während sie gemeinsam mit sieben anderen geometrische Figuren formen. Wir sind die, die ihre Körper ruinieren, um an der Spitze in diesem Sport mitzuhalten.›» Und die, die alles tun, um sich in drei Jahren ihren Traum von einer historischen olympischen Medaille zu erfüllen. Instagram: @aqualillies


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Verbunden: Wie ein Schwarm bewegen sich die Athletinnen gemeinsam unter Wasser.

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FLÜÜÜGEL MIT UND OHNE ZUCKER.


KIRSTEN FRANK

GUIDE

Reise / Musik / Uhren / Kulinarik / Events … und jetzt du!

WINDIGE SACHE Surfen in Schottland

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GUIDE

REISE/

SURFEN FÜR BRAVEHEARTS Stürmische Böen, immer wieder eisiger Regen: Anfang Oktober unternimmt Paulina Herpel bei ­harschen Bedingungen einen Wellenreit-Trip in die schottischen Highlands. Hier verrät die Profi-­ Surferin die besten Spots und warum Kaltwettersurfen manchmal einfach die bessere Option ist.

Ich wohne drei Minuten vom Strand entfernt, nahe Klitmøller, dem dänischen Surf-Dorado, auch «Cold Hawaii» genannt. Dort surfen wir 365 Tage im Jahr mit Neoprenanzug. Das Surfen an kalten oder winterlichen Küsten hat für mich einen besonderen Reiz. Es ist rauer, ein­ samer, wilder. Viele meiner Surfreisen führen mich zwar in wärmere Länder, aber ich versuche jedes Jahr einen ColdWater-Surftrip zu machen. Nach Schottland wollte ich schon lange, mein Freund ist Fotograf, er hat mir vorgeschwärmt, wie unglaublich schön die Natur dort ist. Gerade im Herbst ist die Stimmung besonders, das Sonnenlicht wirkt dann fast orangefarben, Stürme und Nebel schaffen eine ganz eigene ­Atmosphäre. Ganz oben im Norden gibt es richtig gute Wellen. Ich kenne viele Surfer, aber kaum ­jemanden, der schon mal in Schottland zum Wellenreiten war.

Mücke machen

MYSTISCHES SCHOTTLAND Der «Old Man of Storr» auf der Insel Skye entstand der Legende nach, als böse Riesen einen Mann und eine Frau in Stein verwandelten. THE RED BULLETIN

DANIEL J. SCHWARZ, KIRSTEN FRANK

Im Sommer gibt es dort so kleine, fiese Stechfliegen. Eine Surferin, die bis September dort war, meinte, dass es wirklich heftig sei – man wird regelrecht auf­ge­ fressen, sobald man die Autotür aufmacht. Also lieber die Kälte in Kauf nehmen. Wir waren von Anfang Oktober bis Mitte November unterwegs, zu dritt: mein Freund und ich in unserem Van, eine gute Freundin in ihrem. Je ländlicher es wurde auf unserem Roadtrip, desto entspannter die Leute. Nicht ganz leicht ist es, die schottische Aussprache zu verstehen, mit jüngeren Surfern geht es noch, mit ­älteren Leuten zu sprechen, ist härter. Wir sind von Dänemark nach Frankreich gefahren, dann mit der Fähre sieben Stunden rüber nach England, von da ging es mit den Vans nach Schottland. Das erste Mal surfen waren wir schon direkt nach der Grenze. Der Surf war super und deutlich schöner als der Trailer Park dort. Der sah exakt so aus wie in der britischen Serie «Sex Education», wo Maeve in so einem Mobile Home lebt. Wir sind die Ostküste hochgefahren bis nach Thurso East, an Schottlands äusserstes Nordostende, im Caithness County. Thurso ist die berühmteste Welle Schottlands. Sie braucht ausreichend Nord-West-Swell, dann


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DUNKLER SAND Die Talisker Bay (Isle of Skye) ist bei Wanderern beliebt - und bei Paulina Herpel mit ihrem Longboard.

«Die Unterschiede von Ebbe und Flut sind in Schottland krass, man muss sofort ins Wasser, wenn der Swell gut ist. Ansonsten verpasst man die besten Wellen.»

MAHLZEIT Mal Currys, mal Pizza: als Selbstversorger in der Pease Bay

bricht eine lange, nahezu perfekte Rechte, hüfthoch bis doppelt überkopf. Tja, als wir da waren, lief sie nicht – aber ein paar Spots weiter die Küste entlang gab es richtig gute Wellen. Melvich etwa, meine Lieblingswelle in Schottland: viele Sandbuchten, megaschöne Sets, klares Wasser – aber extremer Tidenhub. Die Unterschiede von Ebbe und Flut sind in Schottland krass, man muss sofort ins Wasser, wenn der Swell gut ist. Am ersten Strand haben wir uns nach dem Spotcheck Zeit gelassen, als wir umgezogen waren, waren die guten Wellen schon weg. Aber die ersten Tage waren super: gutes Wetter, gute Brandung, satte grüne Landschaften, bunte Herbstfarben. Dann wurde es windiger, teils stürmisch. Wir sind quer rüber in den Nordwesten gefahren, zur Isle of Skye, fünf Stunden entfernt. Die bekannte Halbinsel ist landTHE RED BULLETIN


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GUIDE

Travel-Tipps Beste Reisezeit Von September bis November gibt es schon richtig gute Wellen und noch erträgliche Temperaturen an Land (8 bis 14 Grad) und im Wasser (13 bis 9 Grad). Wie du hingelangst Mit dem Auto/Van per Fähre ab Holland bzw. Frankreich. Oder durch den Eurotunnel ab Calais. Dann die Küste hoch. Sonst ­Flieger und Mietwagen.

Wärme – aber der Himmel über Schottland war grau und hat nie richtig aufgerissen. Die Neoprenanzüge sind den ganzen Urlaub über nicht mehr trocken geworden. Im Wagen war irgendwann alles klamm. Auch wenn wir die Sonne quasi nie gesehen haben, war die Stimmung den ­ganzen Trip über toll, auf gute Art moody, so eine leichte Herbstmelan­cholie. Nachts wurde es richtig kalt. Mitte der zweiten Woche wurde das Wetter stürmisch, und manche Surfspots, gerade etwas geschützte, ­erreicht man dort nur zu Fuss – so eine Wanderung ist bei starkem Wind mit Longboards eine Herausforderung.

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schaftlich total beeindruckend: Felsformationen wie der «Old Man of Storr» oder die «Feenbecken» genannten natürlichen Wasserbecken, die durch kleine Wasserfälle verbunden sind. Auf Skye sind wir auch surfen gegangen, wir mussten aber teilweise eine halbe Stunde zu Fuss in unzugängliche Buchten reinwandern – mit schweren Longboards unterm Arm. Es hat sich aber ausgezahlt: Der Sand in der Talisker Bay etwa ist komplett schwarz, dazu die hellen Klippen im Hintergrund, die grasenden Schafe und Kühe, das war so ein Bilderbuch-Schottland. Unser Van hat Solarzellen, das reicht normalerweise locker für Strom und

Instagram: @paulinaherpel

MARC BAUMANN

GEILE TRACKS Wenn das Meer zu wild oder verblasen war, sind Bikes eine gute Alternative. Hier in Poolewe am Loch Ewe, dem der Golfstrom mildes Klima beschert samt subtropischer Pflanzen.

Wir wollten eigentlich noch auf die ­Hebriden, eine schottische Inselgruppe, aber da gab’s keine Chance zur Überfahrt. Wenn das Meer zu wild oder ver­ blasen war, haben wir mit den Mountainbikes im Inland ein paar Trails ausprobiert – da gibt es viele Strecken für Anfänger und Fortgeschrittene. Wir sind die Küste weiter runtergefahren, aber der Wind liess erst am Ende der Reise wieder nach und schenkte uns noch ein paar super Tage. Meine grössten Wellen waren um die zwei Meter – nicht riesig, aber echt clean und schön. In der Jahreszeit, wo wir dort waren, reicht noch fünf Millimeter ­dickes Neopren, besser mit Haube und Booties. Und wenn die Sonne dann doch einmal hervorkommt, kann man Haube und Handschuhe auch weglassen.

DANIEL J. SCHWARZ

«Die Stimmung war auf gute Art moody, so eine leichte Herbstmelancholie.»

Zwei Meter Glück


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GUIDE

MUSIK/

KÖNIGLICHER KRACH Pelle Almqvist, Sänger von The Hives, kürt sich selbst zum neuen König des Rock. Den passenden Soundtrack liefert er gleich mit.

LONG LIVE THE KING Pelle Almqvist, Sänger und Songwriter bei The Hives, nach sechs Alben und vor seinem Zürich-Gig

AC/DC

The Misfits

Little Richard

Beastie Boys

«Den Song habe ich zum ersten Mal gehört, als ich sechs war. Er gab mir das Gefühl, zu den Leuten zu gehören, die auf wirklich coole Musik stehen. Einfach, weil sie aufregend ist und man dazu headbangen kann. Es gibt auch eine Coverversion von meinem Bruder Nicholaus und mir – er am Schlagzeug, ich singe. Purer Krach!»

«Ich habe lange nach einer Band gesucht, die so cool aussieht wie Kiss, aber so heftig rockt wie AC/DC. Das sind die Misfits. Sie haben mir gezeigt, dass Musikalität nicht das Wichtigste bei einer Band ist, sondern Attitude. Sie schreiben auch PopSongs wie ‹Astro Zombies›, verstecken sich aber hinter einem Horror-Image. Diesen Ansatz haben wir für The ­Hives aufgegriffen.»

«Als Kind hatte ich nie genug Geld für LPs, also habe ich mich durch die Sammlung meiner Eltern gehört. ‹Lucille› zählt zu den Kronjuwelen, zum Besten, was der 50erJahre-Rock zu bieten hat. Der Song hat einen regelrechten Punk-Beat, er ist schnell, ­Little Richard schreit sich die Seele aus dem Leib. Er ist der König des Rock ’n’ Roll – bis zu dem Moment, in dem wir das Zepter übernommen haben.»

«Das war ein weltweiter Hit, der von Punk wie von Hip-Hop beeinflusst war und den trotzdem jeder toll fand – obwohl er so hart und dreckig war. Die Beasties haben da eine Art geheimen Code geknackt. Und genau das wollten auch wir: einerseits einfach nur heftig klingen, aber trotzdem von jedermann geliebt werden. Das ist im Grunde das, wonach jede Band ­streben sollte.»

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Astro Zombies (1981)

Lucille (1957)

Sabotage (1994)

MARCEL ANDERS

For Those About to Rock (We Salute You) (1981)

PAO DUELL

Warum kleckern, wenn man auch klotzen kann? Diese Maxime verfolgt Sänger Per Almqvist alias Howlin’ Pelle schon stolze 32 Jahre – seit er mit fünfzehn The Hives (zu Deutsch: die Nesselsucht) gegründet hat. Das Quintett aus dem schwedischen Fagersta steht für ruppigen Garagenrock, hymnische Melodien und geballtes Selbstbewusstsein. Ein Ansatz, der funktio­niert: Die Skandinavier gelten als grandiose Live-Band. Mit ihrem neuesten Werk «The Hives Forever Forever The Hives» sind sie ehrgeiziger denn je: Sie wollen die globalen Charts, aber auch die Welt der Mehrzweckhallen erobern. «Einfach, weil wir uns das verdient haben», so Howlin’ Pelle. Passend dazu präsentieren sich die fünf mit Krone und Samtumhang. Zu Recht: Sie klingen schlichtweg königlich. Am 28. Oktober spielen The Hives im X-TRA in Zürich. Weitere Termine: thehives.com


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GUIDE

UHREN/

HARTE ZEITEN

Der Rado Captain Cook High-Tech Ceramic Chronograph beeindruckt mit sportlichem Design und Leistung. Ein Verbündeter für Liebhaber von Abenteuer und zeitgenössischer Eleganz (CHF 5700).

THE RED BULLETIN

Rado gilt seit Jahrzehnten als «Master of Materials» – und das hat seinen Grund. Seit über hundert Jahren experimentiert die Schweizer Marke mit neuen Werkstoffen und Fertigungsverfahren. Der Name selbst verweist auf diesen Anspruch: Rado bedeutet «Rad» in der Kunstsprache Esperanto, ein Symbol für Bewegung und Verbindung. 1962 präsentierte die Marke mit der DiaStar 1 die erste kratzfeste Uhr der Welt – ein Modell, das bis heute Kultstatus besitzt. In den 1980er-Jahren ­gehörte Rado zu den Pionieren in der

SASKIA JUNGNICKL-GOSSY

Master of Materials: Mit seiner Materialinnovation und der Kunst der Hightech-Keramik setzt Rado Massstäbe für modernes Uhrendesign.


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Druck und Hitze

Der Weg zu Hightech-Keramik

Vom Pulver zum Gehäuse Ein Gemisch aus Zirkonoxid­ pulver und Bindemitteln wird mit einem Druck von 1000 Bar in die Gehäuseform gepresst.

PRÄZISION CNC-Fräsen formen die Gehäuse auf den Mikrometer genau.

Gehärtetes Hightech-Material Bei 1450  °C verbindet sich das Keramikpulver im Ofen zu einer dichten, festen Struktur. Die­ ser Prozess heisst «sintern».

Hightech-Keramik fühlt sich weder warm noch kalt an. Verarbeitung von Hightech-Keramik. Viele Modelle entstehen als MonoblocGehäuse aus einem einzigen Keramikstück. Das macht sie stabil, die Uhren sind reduziert auf das Wesentliche – eine technische Lösung, die auch das Design beeinflusst. Alles beginnt mit feinstem Zirkonoxidpulver, das unter hohem Druck und bei Temperaturen von 1450 °C zu einem dichten, leichten Gehäuse ­gesintert wird. Hightech-Keramik gehört zu den härtesten Materialien in der Uhrmacherei, ist kratzfest, langlebig und fühlt sich auf der Haut angenehm glatt an. Im Plasmaofen verwandelt sich weisse Keramik bei 20 000 °C in eine ­metallisch schimmernde Oberfläche. Ceramos, eine Legierung aus Titankarbid und Keramik, erweitert die gestalterischen Möglichkeiten. Das Material vereint die Härte von Keramik mit dem Glanz von Metall und lässt sich in Farben

wie Platin oder Roségold herstellen – ohne zusätzliche Beschichtung und g ­ etreu Rados Motto: «Was wir uns vorstellen können, können wir umsetzen. Und was wir umsetzen können, setzen wir um.» Ergänzt wird das Ganze durch Saphirglas, das seit den 1960er-Jahren in der Uhrenindustrie eingesetzt wird.

Präzise verdichtet Das Gehäuse schrumpft um 25 Prozent – bleibt aber exakt in Form. So entstehen maximale Härte und Massgenauigkeit.

Technik, die man spürt

Hightech-Keramik hat in der Uhrmacherei einen besonderen Stellenwert: Sie ist leichter als Edelstahl, widerstandsfähig und hautfreundlich. Ihr temperatur­ neutrales Verhalten sorgt dafür, dass sich das Material weder warm noch kalt anfühlt. Das Zusammenspiel aus Forschung, Materialtechnik und Design zeigt, wie moderne Uhrenfertigung von Hightech geprägt ist – und dass es längst nicht nur um Mechanik geht. Alle Infos auf: rado.com

Reinheit im Detail Die winzigen Hohlräume werden mit einem Lack gefüllt, der beim Trocknen dauerhaft mit der Keramik verschmilzt. THE RED BULLETIN


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KULINARIK/

KOCHEN OHNE REGELN Outdoorkoch mit Kult­ status: Sandro Zinggeler verzichtete bewusst auf Sterne und zeigt, wie viel Freude und Freiheit im einfachen Kochen steckt.

Live-Events seiner kulinarischen Kreativagentur ­foocon.gmbh, auf Sat.1 ist er mit der ­Sendung «Grill Club» zu sehen, und auf Instagram begleiten ihn mehr als 30 000 Menschen beim Kochen und Entdecken.

Für alle Sinne

UNTERWEGS Der Wald ist sein Revier - und sein Auto (ein Lexus RZ) sein treuer Begleiter: Sandro Zinggeler auf Eierschwämmli-Suche. THE RED BULLETIN

«Ich wusste, Kochen ist mein Leben, aber ich muss meinen eigenen Weg finden. Kochen bereichert alle Sinne, man schafft etwas mit den Händen, man steht am Ende vor etwas Fertigem – nicht nur für sich, sondern auch für andere. Und da gibt es kein Richtig oder Falsch. Essen muss am Ende schmecken», sagt er. Ob es etwas gibt, das er selbst nicht gerne isst? «Alles schmeckt, wenn man es richtig zubereitet! Und richtig kombiniert.» Wie Menschen sich dem nähern können? «Für den Anfang: Kauf dir Gemüse, mariniere es mit Öl und Salz und wirf es

SASKIA.JUNGNIKL-GOSSY

IM FLOW Sandro Zinggeler zufolge sollte gutes Essen einfach sein.

PASCAL MORA, TINA STURZENEGGER

Kochen neu denken – das ist, was Sandro Zinggeler tut. Dabei war seine Karriere als Sternekoch längst vorgezeichnet: Nach der Lehre im Gasthof Löwen in Bubikon kochte er im Epoca in Flims, im Rigiblick und Münsterhof in Zürich sowie im Drei-Sterne-Restaurant Akelarre in San Sebastián. Mit achtzehn Jahren war er «Jungkoch des Jahres», später Teil des ­renommierten spanischen ICEX-­ Programms, das weltweit nur dreizehn Nachwuchsköche auswählt. Der Sternenhimmel schien zum Greifen nah. Sandro Zinggeler entschied sich anders. Mit 24 Jahren gründete er sein eigenes Unternehmen und stieg ins Eventund Catering-Business ein. Statt auf Sterne setzte er auf unternehmerische Freiheit – und die Möglichkeit, seine Leidenschaft zu leben. Heute hat er Kultstatus als Unternehmer, Kreativdirektor und Outdoorkoch. Er begeistert mit


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GUIDE

«Ob ich etwas nicht gern esse? Nein. Alles schmeckt, wenn man es richtig zubereitet.» Sandro Zinggeler

Pilz Flûte Du brauchst 4 weiche Hot-Dog-Brötchen 500 g Eierschwämmli 2 EL geklärte Butter (Hack Rezept) 1 Schalotte, geschält 1 Knoblauchzehe, geschält 1 dl Weisswein 2 dl Rahm 50 g Greyerzer Salz und Pfeffer etwas gehackter Schnittlauch

Eingelegte Pilze Du brauchst ½ TL Pfefferkörner, Wacholder­ beeren & Fenchelsamen 500 ml Wasser 1 EL Rohrzucker 2 TL Salz 1 Lorbeerblatt ½ Schalotte, geschält ½ Knoblauchzehe, geschält 1 Rosmarinzweig 250 ml Weissweinessig 400 g geputzte Eierschwämmli Zubereitung Pfeffer, Wacholder und Fenchel­ samen in einem Topf auf kleiner Stufe etwa zwei Minuten erhitzen, danach mit Wasser ablöschen. Alle Zutaten samt Rosmarin dazugeben und einmal aufkochen lassen. Weissweinessig und Pilze dazu­ geben und nochmals kurz erhitzen. Den Fond samt Pilzen in ein heiss ausgespültes Einmachglas abfüllen und gut verschlossen, auf die ­Seite des Deckels umgestellt, aus­ kühlen lassen. Die Pilze halten sich so locker einen Monat bei kühler Lagerung.

Zubereitung Mit einem Messer ein Rechteck auf der oberen Seite der Bröt­ chen einschneiden und mit den Fingern runterdrücken, sodass eine befüllbare Kerbe entsteht. Eierschwämmli rüsten und hal­ bieren, grössere Exemplare vierteln. Danach eine Gusseisen­ pfanne auf der Glut erhitzen und Pilze, gehackte Schalotte und Knoblauch in etwas geklärter Butter anbraten. Mit Salz und Pfeffer würzen und mit Weisswein ablöschen. Den Wein zu circa drei Vierteln einkochen lassen und danach Rahm dazugeben. Diesen zur Hälfte einköcheln lassen und danach mit den restlichen Zu­ taten verfeinern. Die Brötchen, mit etwas Butter bestrichen, über der Glut er­­hitzen und da­ nach mit den Pilzen befüllen.

Gebratene Steinpilze mit Eigelb Du brauchst 400 g Steinpilze 1 EL geklärte Butter 4 Eigelb 1 Prise schwarzer Pfeffer Fleur de Sel Zubereitung Steinpilze putzen und in Scheiben schneiden. Gusseisenpfanne über der Feuersglut erhitzen und Steinpilze in geklärter Butter anbraten. Mit Fleur de Sel und Pfeffer würzen. Eigelbe auf die noch heissen Steinpilze legen und mit einer Gabel das Eigelb mit den Pilzen emulgieren. Am besten mit Weissbrot geniessen.

in den Ofen. Und schmecke dann, wie es Röstaromen bildet. Das nächste Mal füge Kräuter hinzu, und dann merkst du, man muss gar nicht viel machen. Kleine Schritte setzen, das ist das Wichtigste.»

Moderne Alltagsküche

Tipps und Tricks aus der gehobenen Küche für die moderne Alltagsküche. «Ich will Leute begeistern, zu kochen und Spass zu haben und nicht so dogmatisch zu sein.» Derweil lohnt ein Blick in Zinggelers erstes Buch «Feuer und Glut» – eine Hommage an die Unberechenbarkeit der Naturküche. Darin zeigt er seine liebsten Rezepte fürs Kochen im Freien – drei davon gibt es hier nachzulesen. ­Kochen neu denken – und dabei seinem Herzen folgen. Eigentlich ist es ja das, was Zinggeler tut. Instagram: @sandro_zinggeler THE RED BULLETIN


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GUIDE

EVENTS/

BEATS IM HERBST

Smooth und mit guter Laune vom Sommer in den Winter gleiten? Mit diesen Events liegst du richtig.

21.

bis 23. November

Silvaplana Rocks the Rail Freestyle-Action, Live-Musik, DJs und kulinarische Highlights: All das und noch einiges mehr findet ihr in Silvaplana bei der dritten Ausgabe des «Winter Openings». Zum Start in die Wintersaison auf dem Corvatsch erwartet euch ein abwechslungsreiches Programm mitten im Dorfzentrum. Eines lässt sich jetzt schon sagen: Dieses Wochenende wird Silvaplana rocken! silvaplana.ch

6.

November

November

Red Bull 60 Seconds live Vom erfolgreichen Onlineformat auf die Bühne: Bei diesem Mega-Event performen CH-Rap-Grössen wie Jule X, EAZ, Soukey, Gigi, Loko & Drini und XEN ihre Red Bull 60 Seconds-Tracks vor Live-Publikum. Die Artists haben 60 Sekunden Zeit, ihre Bars zu droppen und einen möglichst bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Bei der Live-Show geht es darum, sich auf neue Challenges einzulassen – und dabei natürlich das Zeitlimit einzuhalten. redbull.com/60secondslive

25. Oktober

DPC Jam Das DPC JAM World Final kehrt mit seiner 11. Edition ins GZ Heuried Zürich zurück. Organisiert von der D.POINT.C-Crew, vereint das am meisten gehypte Battle of the ­Planet die besten Tänzerinnen und Tänzer der Welt – darunter auch die Red Bull BC One Allstars Ami & Sunni. Ein einzigartiges Spektakel ist garantiert. dpcacademy.ch THE RED BULLETIN

Beim Schweizer Finale von Red Bull Tetris treffen die acht besten Spielerinnen und Spieler aus der Qualifikation im K.-o.-System aufeinander und spielen um das begehrte Ticket für das Weltfinale in Dubai. Dort werden sie die Schweiz gegen sechzig andere Nationen vertreten. Was dabei natürlich nicht fehlen darf, ist eine unvergessliche Afterparty! Scan den Code für mehr Infos.

6.

und 7. November

Startup Nights Winterthur Die grösste Start-up-Veranstaltung der Schweiz bringt Entrepreneure mit Entrepreneuren zusammen: Es geht darum, Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Vordenker, Branchenpioniere und Innovatoren betreten hier gleichermassen die Bühne. Für zusätzliche Inspiration sorgt der olympische Zehnkämpfer Simon Ehammer.

DAFINA HAZIRAJ/RED BULL CONTENT POOL, MARTHA COOPER/RED BULL CONTENT POOL

20.

Red Bull Tetris National Final


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7.

Oktober bis 6. November

Baloise Sessions Seit vier Jahrzehnten baut das Musikevent Baloise Sessions Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft und lässt Publikum und Artists in ganz verschiedene musikalische Welten eintauchen. Auch dieses Jahr erwartet die Zuschauer ein hand­ verlesenes Line-up. Ein Boutique-Musikfestivals in einzigartiger Clubtischatmosphäre samt Kerzenlicht. baloisesession.ch

29. und 30. November

Red Bull Open Ice Eishockey, wie es früher einmal war: im Freien und ursprünglich, ein Kleinfeld, zwei Pondhockey-Tore und ein Puck. Minimales Reglement und maximaler Sports­geist zeichnen Red Bull Open Ice aus. Das Event findet nun zum dritten Mal in der Schweiz statt. Das Format ist simpel: Gespielt wird 4 gegen 4, ohne ­Torhüter und mit einer Spielzeit von 17 Minuten pro Match. redbull.com/openice

1.

LORENZ RICHARD/RED BULL CONTENT POOL, ALAÏA

und 2. November

Alaïa Bay Winter Cup Das Saisonfinale 2025 in Alaïa Bay rückt näher! Gefeiert werden in diesem Jahr – wieder mitten in den Schweizer Alpen – nicht nur die besten Surfer und Surferinnen, der Contest wird ausserdem um Bodyboardund Longboard-Kategorien erweitert. Euch erwarten

spannende Wettkämpfe, starke Beats und unvergessliche Vibes. Seid dabei, wenn die Saison gemeinsam verabschiedet wird. Alle Infos findest du hier: alaia.ch

Herausgeber Andreas Kornhofer Chefredakteur Andreas Rottenschlager Textchef Stephan Hilpold Creative Directors Erik Turek (Ltg.), Kasimir Reimann Grafik Marion Bernert-Thomann, Martina de Carvalho-Hutter, Miles English, Kevin Faustmann-Goll, Carita Najewitz, Tara Thompson Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Rudi Übelhör Chefin vom Dienst Marion Lukas-Wildmann Managing Editor Ulrich Corazza Global Content Tom Guise (Ltg.), Lou Boyd Publishing Management Sara Car-Varming (Ltg.), Hope Elizabeth Frater Art Direction Commercial Peter Knehtl (Ltg.), Lisa Jeschko, Martina Maier, Julia Schinzel, Florian Solly Head of Publishing Operations Sigurd Abele Direct to Consumer Business Peter Schiffer (Ltg.), Marija Althajm, Matteo Luciani, Melanie Schmid, Katharina Tirouflet, Yoldaş Yarar Retail & Special Projects Klaus Pleninger Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Martin Brandhofer, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailovic, Josef Mühlbacher Finanzen Žiga Balič, Simone Kratochwill, Tobias Steiner Digital Business Mathias Fritsch Projektmanagement Publishing Katrin Dollenz Assistant to General Management Sandra Stolzer General Manager Red Bull Media House Publishing Stefan Ebner Redaktionsanschrift Am Grünen Prater 3, A-1020 Wien Tel.: +43 1 90221-0; redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-Lepperdinger-Strasse 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber

THE RED BULLETIN Schweiz ISSN 2308-5886 Chefredakteurin Schweiz Anna Mayumi Kerber Redaktion Lisa Hechenberger, Christine Vitel Lektorat Hans Fleissner (Ltg.), Petra Hannert, Monika Hasleder, Billy Kirnbauer-Walek Country Project Management Meike Koch Media Sales & Partnerships Christian Bürgi (Ltg.), Marcel Bannwart, Lauritz Putze, Michael Wipraechtiger Abo getredbulletin.com, abo@ch.redbulletin.com Druck Quad/Graphics Europe Sp. z o.o., Pułtuska 120, 07-200 Wyszków, Polen Offenlegung gemäss § 25 Mediengesetz Informationen zum Medien­inhaber sind ständig und unmittelbar unter folgender Web-Adresse auffindbar: redbull.com/im/de_AT THE RED BULLETIN Deutschland ISSN 2079-4258 Chefredakteur Deutschland David Mayer Redaktion Lisa Hechenberger Country Project Management Natascha Djodat THE RED BULLETIN Frankreich ISSN 2225-4722 Chefredakteur Frankreich Pierre-Henri Camy Redaktion Marie-Maxime Dricot, Christine Vitel Country Project Management Fabio Lazzetta THE RED BULLETIN Grossbritannien ISSN 2308-5894 Chefredakteurin Grossbritannien Ruth McLeod Country Project Management Ollie Stretton THE RED BULLETIN Österreich ISSN 1995-8838 Chefredakteurin Österreich Nina Kaltenböck Redaktion Lisa Hechenberger Country Project Management Julian Vater THE RED BULLETIN USA ISSN 2308-586X Chefredakteur USA Peter Flax Redaktion Melissa Gordon, Nora O’Donnell Country Project Management Gizelle McBride

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ON A POSITIVE NOTE

Hier schreiben Schweizer Literaturtalente über Themen, die sie bewegen – und liefern ihren positiven Spin dazu.

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und verdreckt zurückzukommen. Er soll eigentlich auf der ihm zugewiesenen Decke bleiben, kommt aber immer wieder zu mir aufs Sofa und legt seinen Kopf auf meine Knie. Von Zeit zu Zeit jagt er Fliegen hinterher und springt dabei auf alles, was sich ihm in den Weg stellt – ob Bett oder Esstisch. Die Kinder ­lieben Pull. Sie kümmern sich um ihn – und er tut es ihnen gleich: Er schleckt ihre Schokomünder ab, bewacht die Ausflüge rund ums Chalet und macht jede noch so wilde Spielrunde mit. Pull trat vor sechs Monaten, an einem Februarmorgen, in mein Leben. Mein Sohn hatte mir schon seit Jahren immer wieder, mehr oder weniger eindrücklich, zu verstehen gegeben, dass er gern einen Hund haben möchte. Ich habe das systematisch ignoriert, auch wenn mir der Gedanke durchaus gefiel. Wieder so eine meiner Launen, sagte ich mir. Das Ergebnis meiner Impulsivität, meiner charakteristi-

NATHALIE LJUSLIN

S

ommerferien! Die Familie versammelt sich für eine Woche in unserem Chalet, einer renovierten alten Bergerie inmitten eines Weilers im Wallis: meine Eltern, mein Sohn, meine Schwester, meine Nichten und Pull, mein Hund. Gemeinsam wollen wir einige Arbeiten erledigen. Der gemauerte Grill soll abgerissen werden und die Terrasse eine neue Umzäunung erhalten. Es regnet, und es ist kalt. Wir ziehen uns in den Wohnraum zurück, der viel zu eng ist für uns alle. Die durchnässten Kleidungsstücke verteilen sich schnell auf dem Holzboden oder stapeln sich auf den Fensterbänken. Wir suchen Hosen, Unterhosen, Zahnbürsten. Der Teppich im Eingangsbereich ist mit Erde bedeckt, unter dem Tisch vermischen sich Legosteine mit ­Krümeln, und an den Schuhsohlen klebt feuchtes Sägemehl. Der Hund entwischt in den Wald, tollt über die steinigen Hänge, um schliesslich stinkend

KORNEL STADLER

Der Pull-Faktor: Fanny Wobmann entdeckt eine FellnasenBeziehung als Heilungsweg.


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schen Unzufriedenheit. Dieses zügellose Streben nach Wohlbefinden, mit dem ich mich von meiner Depression befreien möchte, die mich seit meiner Jugend begleitet. Ein Hund also. Das würde eine ebensolche Fehde sein wie die, meinen Freund zu verlassen, in eine andere Wohnung zu ziehen oder mir zu teure Kleidung zuzulegen. Das hatte noch nie geholfen. Doch der Wunsch blieb bestehen. Ich musste mich lebendig fühlen. Also habe ich das Spiel mitgespielt. Ich habe mir vorgestellt, welche Hunde­ rasse wir wählen und wie wir den Hund nennen ­würden. Wenn wir einen Hund auf der Strasse sahen, haben wir uns unser eigenes Leben mit einem Vier­ beiner ausgemalt. In puncto Rasse hatten wir die gleichen Vorstellungen: Es sollte ein freundlicher, treuer Gefährte sein, ein Labrador oder Golden Re­­ triever zum Beispiel. Doch am Ende gelang es mir immer wieder, mich von diesem charmanten Gedan­ ken loszusagen. Ich sagte mir, dass es doch keine gute Idee wäre, da ich weder die finanziellen Mittel noch ausreichend stabile Lebensverhältnisse hätte. Ausserdem empfand ich es als unnatürlich und grau­ sam, ein Tier in der Wohnung einzusperren. Ein Lebewesen einer anderen Spezies zu besitzen und Macht darüber zu haben, empfand ich als unethisch. Es mit Fleisch zu füttern, erschien mir nicht gerade ökologisch. Doch eines Tages recherchierte mein Sohn: Eine Rasse schien perfekt für uns geeignet, da ein solcher Hund auch in einer Wohnung zufrieden, leicht zu erziehen, freundlich und treu ist. Beim Namen mussten wir kräftig lachen: Cavalier King Charles Spaniel. Ein Hund für Königinnen und Könige, von den stürmischen Küsten Englands, wo es uns so gut gefiel. Er hat lange Schlappohren und sollte unsere kleine Familie erweitern. Ich habe zwar nicht wirklich zugestimmt, aber auch nicht nein gesagt. Über zahlreiche durch Bekannte übermittelte Websites von Züchterinnen und Züchtern stiess ich schliesslich auf Frau M., deren Hündin gerade erst geworfen und fünf männliche Welpen hatte. Ich rief sie an, der kleinste wäre noch zu haben. Der Preis, den sie für diesen tapsigen Plüschkerl forderte, war unverschämt und lag weit über meinem Budget. Aber ich wusste, dass es zu spät und die Entscheidung gefallen war. Als ich meinem Therapeuten davon erzählte, war ich unsicher, hatte Bedenken, dass er über mich urteilen und Probleme vorhersehen würde. Doch das Gegenteil war der Fall: Er begrüsste die Neuigkeit, sprach von Quoten, Dopamin, Stress­ reduktion, Bewegung und Selbstvertrauen. Nach zwei schlaflosen Nächten, in denen Pull immer wieder wimmerte, sobald ich meine Hand von seiner Schnauze nahm, dachte ich, mein Leben wäre gelaufen. Ich war überzeugt, der Hund wäre mein Ticket in Richtung Wahnsinn und Verzweiflung. Nach einer Woche aber konnte ich nicht mehr ohne ihn leben.

« Einen Hund aufzunehmen: Das war genauso schwer, wie meinen Freund zu verlassen, umzuziehen und mir teure Klamotten zu kaufen. Doch der Wunsch war immer da.» Dieses weiche Fellknäuel pinkelt auf meinen ­ eppich, beschmutzt das neue Sofa meines Freundes, T winselt nach zehn Minuten Gassigehen auf dem ­kalten Gehweg, bis ich ihn endlich trage, folgt mir überallhin – auch ins Bad –, kuschelt sich an meinen Rücken, wenn ich ein Nickerchen mache, fängt meine Tränen auf, wenn ich weine, sucht meine Nähe, wenn ich Sex habe, verheddert sich im Café, in dem ich arbeite, mit der Leine in den Stuhlbeinen, zieht neugierige, einsame, flirtende, hilflose Men­ schen, aber auch Kinder an und erzeugt dabei jede Menge Liebe – für sich und alle um ihn herum. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes mein Begleiter. Und das ist unglaublich beruhigend. Die Woche im Chalet vergeht wie im Flug. Am Sonntag verabschiede ich mich für vier Wochen von meinem Sohn. Er fährt mit meinen Eltern zurück ins Mittelland zu seinem Vater, mit dem er nach Nor­ wegen reisen wird. Ich bin es gewohnt, in den Ferien getrennt von ihm zu sein, doch selten war er derart lange weg. Und das ist noch immer schmerzlich. Auch nach all den Jahren kann ich dieses schwere Gefühl, die Situation überstehen zu müssen, nicht abschüt­ teln. Ein anderes Familienmodell herbeizuwünschen, bleibt unerreichbar. Dieses Mal kommen die neue Freundin seines Vaters und ihre beiden Kinder mit. Ohne meinen Sohn bin ich in einem aufgeräumten Chalet, das verlassen erscheint. Ich lasse mich aufs Sofa fallen. Pull dreht heulend seine Runden und sucht vergeblich seinen Spielkameraden. Mein der­ zeitiger Gemütszustand ist mir allzu gut bekannt, und ich weiss, dass er sich peu à peu bessern wird. Ich befinde mich in einer stabilen Phase, meine Krankheit habe ich weitgehend im Griff, insbeson­ dere dank gut dosierter Medikamente. Doch in mir wohnt weiterhin diese Angst, die Kontrolle zu ver­ lieren. Die Angst, dass diese Abgeschlagenheit ein Dauerzustand wird, eine Art Identität. Ich schaue auf. Pull liegt im Korbsessel, eingerollt wie ein kleiner Fuchs. Er schaut mich mit seinen grossen, hervorstehenden Augen an und neigt den Kopf neugierig zur Seite. Ich lächle ihm zu und frage mich einmal mehr, ob er Mimik überhaupt erkennen kann. Ich glaube schon. Ich streichle über seine wuscheligen Ohren, die aus seinen Waldrunden übersät sind von Samen. Ich schlüpfe in meine ­Sneaker. Er weiss, was das bedeutet – wir drehen gemeinsam eine Runde. Freudig bellt er. Der Regen hat aufgehört, die weissen Gipfel ragen aus dem Nebel empor. Pull saust den Pfad hinab, seine Pfoten wirbeln Lärchennadeln und Erde auf. Er rennt auf und ab, wie eine Gams, ein Wolf, ein Jagdhund in einer Gestalt. Ich muss lachen.

FANNY WOBMANN Nächstes Jahr veröffentlicht Fanny Wobmann zwei Romane: «Les sentinelles» und «Tiramisu». Ausserdem setzt sie die Tournee ihres Stücks ­«Devenir ourse» fort und stellt ein neues Projekt am «Fête du théâtre neuchâtelois» vor.

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CHECK-OUT

10 Fragen an

Moa Bomolo Der 29-jährige B-Boy zählt zu den besten Tänzern der Schweiz und punktet mit Originalität. Damit wird er das Land beim diesjährigen Red Bull BC One World Final in Tokio repräsentieren. WEITBLICK. Moa Bomolo denkt vielschichtig: egal ob es um neue Moves geht oder um seine Passion für Innen­ architektur. Was zählt, ist Stil. Instagram: @moa.ya

Was hättest du gerne früher gewusst?

Wie wichtig es als Tänzer ist, zu reisen. Ich habe erst spät andere Tänzer kennengelernt und gesehen, wie sie trainieren. Ich war sehr stark in der lokalen Szene verankert. Die Horizonterweiterung kam später.

Bestes Reiseziel – auch in Bezug auf Tanz?

Korea. Megaspannend, tänzerisch und kulturell. Im asiatischen Raum gibt es insgesamt ein hohes Niveau und eine andere Work Ethic.

Wie beschreibst du deinen Stil?

Originalität und Flow. Ich habe einen sehr eigenen Stil und nutze die verschiedenen Breaking-Elemente als Synthesizer für meinen Charakter.

Hast du einen Lieblingsgegenstand?

Schmuck allgemein, vor allem Ketten. Ich gehe fast nie ohne Schmuck aus dem Haus.

Frühaufsteher oder Nachteule?

Nachteule. Ich habe aber auch kein Problem, früh aufzustehen.

Guilty Pleasure? I love to sleep.

Was war als Kind dein Wunschberuf?

Archäologe. Ich wollte Artefakte entdecken. ­Später hat mich meine Urgrossmutter inspiriert, sie war Architektin. Und dann habe ich einen Tanzfilm gesehen («You Got ­Served», 2004). Da war mein Weg in Stein gemeisselt.

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Was war dein erster Move, auf den du richtig stolz warst?

Suicide auf dem Rücken. Das war der coolste Move, als ich angefangen habe. Mein Signature Move heute: Break Your Neck.

Du studierst Innnenarchitektur. Warum?

Eine Dramaturgie in eine Raumabfolge zu bringen, fasziniert mich. Ich sehe auch viele Parallelen zwischen Tanzen und Gestalten. Der Bezug zwischen Raum und Körper: Was macht der Körper mit dem Raum? Was macht der Raum mit dem Körper?

JEAN-CHRISTOPHE DUPASQUIER/RED BULL CONTENT POOL, ADOBE STOCK

Wie gelang dir dein Durchbruch?

Mein erster Switzerland National Cypher 2015 in Zürich war ein Meileinstein. Weil ich erkannt habe, welches Potenzial ich mit Tanz entfalten kann.


Spiel dich nach Dubai

Tetris ® & © 1985~2025 Tetris Holding.

Jetzt bis zum 31.10.25 für die World Finals im Dezember qualifizieren.


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