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The Red Bulletin CD 04/26

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SCHWEIZ CHF 3.80 – 4/2026 JETZT ABONNIEREN getredbulletin.ch

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

PLUS STEFAN KÜNG / CAMILLE LOSSERAND / GILLIAN ANDERSON / LE MAILLE / PATRICK VON KÄNEL / SARAH GYSLER

Arda Saatçi WILLE, HUMOR, GEMEINSCHAFT: WAS DEN ULTRALÄUFER WIRKLICH ANTREIBT


rfolg und Rückschlag sind manchmal nur durch ­wenige Sekunden getrennt. Mit­ unter ist es auch einfach nur Glück oder Pech. Doch ob Sieg oder Niederlage – beidem gehen meist Jahre harter Arbeit voraus. Genau darum geht es in den Storys dieser Ausgabe. Ultraläufer Arda Saatçi – genannt «Cyborg» – rennt 600 Kilo­ meter vom Death Valley an den Santa Monica Pier, getragen von seinem Willen und von Menschen, die an ihn glauben (ab Seite 38). Die Kitesurferin Camille Losserand wagt einen Trick, den vor ihr noch keine Frau im Wettkampf gestan­ den hat (ab Seite 70). Und Stefan Küng startete mit einem neuen Team – und ­bewies nach einem Unfall ungebroche­ nen Optimismus (ab Seite 58). Sie alle wissen: Rückschläge und Zweifel gehören dazu. Entscheidend ist, was danach kommt. Viel Freude mit dieser Ausgabe, die Redaktion

THE RED BULLETIN

EDITORIAL & CONTRIBUTORS

Gianfranco Tripodo ist vielfach ausgezeichneter Dokumentar- und Porträt­ fotograf und lebt in Madrid. Er arbeitete für Medien wie die «New York Times» oder den «Spiegel» sowie viele grosse Marken. Für uns hat er Stefan Küng auf Teneriffa begleitet. Ab Seite 58

Sarah Gysler In der Kolumne «On a Positive Note» nimmt uns die Schriftstellerin und Reisende aus Lausanne mit in ein ganz ­besonderes Universum: in die faszinierende Welt des Schwarz-Weiss-Kinos. Auf Seite 96/97

Matt Ray Der britische Outdoor-­ Fotograf und -Autor begab sich für uns nach Schweden. «In dieser sagenumwobenen Welt», berichtet er, «er­ wachen Trolle unter dem ­Nordlicht und tanzen Elfen durch den Morgennebel». Ab Seite 83

GIANFRANCO TRIPODO (COVER STEFAN KÜNG), MURAT ASLAN (COVER ARDA SAATÇI)

E 4


6

INHALT Mit erst 22 Jahren fährt und fliegt die Kitesurferin Camille Losserand bereits an der Weltspitze mit.

Portfolio

Blaue Welt

24

Alex Voyer ist Freediver und Fotograf. Er zeigt uns die besten Aufnahmen seiner Karriere unter Wasser. Ultrarunning

Ich bin ein Team 38 Wie «Cyborg» Arda Saatçi mit seiner Community eine Generation zum Durchstarten motiviert.

8 14 16

Gallery Dataverse Hype-Check

83 88 90 92 94 96 98

Reise Musik Mindgame Uhren Events On a Positive Note Check-out

Fitness

Superkräfte Heroes

Wie funktioniert effizientes Training? Eine Reise in die faszinierendste Maschine der Welt – deinen Körper.

Schauspielerin

Road Cycling

Gillian Anderson 18 Le Maille 20 Künstler

Adrien Wagner 22 Filmregisseur

Comeback

58

Neues Team, neues Mindset: Nach einem Sturz zu Saison­ beginn will es Stefan Küng jetzt noch mal wissen. Kitesurfen

Überfliegerin Wellen, Wind, Weltmeisterin: Camille Losserand erzählt von ihrer Passion für den Flug übers Wasser.

THE RED BULLETIN

50

70 SAMU CÁRDENAS

70


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THE RED BULLETIN


GALLERY

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Águeda, Portugal

Vorneweg

SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL

ANNA MAYUMI KERBER

So sieht es aus, wenn sich drei gestandene HRC-Werksfahrer – Tom Vialle, Rubén ­Fernández und vor allem Jeffrey Herlings – an die Fersen des erst 19-jährigen Lucas Coenen heften. Doch in diesem ersten von zwei Rennen im Crossódromo Internacional de Águeda konnte den jungen Belgier keiner mehr einholen. Im zweiten Rennen setzte sich dann Honda-Pilot Herlings, 31, durch. Er ist der d ­ ominante Motocrosser der letzten Jahre und MX-Rekordsieger. Zweiter: Lucas Coenen – wer sonst? redbull.com

THE RED BULLETIN


Landwasserviadukt, Schweiz

ANNA MAYUMI KERBER

Patrick von Känel sucht Fluglinien, die es so noch nicht gegeben hat. Am Landwasserviadukt in Filisur gelang dem Schweizer Profi-Gleitschirmpiloten ein spektakuläres Manöver: Mit seinem speziell entwickelten Schirm slalomierte er präzise um die Viaduktpfeiler. Dafür brauchte es perfekte Windbedingungen, eine enge Abstimmung mit der Rhätischen Bahn und zahlreiche Trainingsflüge. Vier Anläufe später passte alles, und es gelang dieser mehr als spektakuläre Flug.

GABRIELE SEGHIZZI/RED BULL CONTENT POOL

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Gleit-Zeit

redbull.com THE RED BULLETIN


GALLERY

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THE RED BULLETIN


ROMINA AMATO/RED BULL CONTENT POOL

STEPHAN HILPOLD

12 GALLERY

THE RED BULLETIN


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Bali, Indonesien

Alles Foto! Neuland für die Athletinnen und Athleten: Erstmals machte die Red Bull Cliff Diving World Series Station in Bali – und zwar gleich zum Saisonauftakt. Spektakulär der Schau‑ platz: Die Steilküste am Broken Beach auf Nusa Penida südlich von Bali wird von Felsen dominiert, von denen es für Frauen 22 und für Männer 27 Meter hinunter ins offene, ­unruhige Meer geht. Der Tenor unter den Cliff Divern: ein neuer Lieblingsort! Hier im Bild und auf sämtlichen Smartphones: die US‑Amerikanerin Lisa Faulkner. redbull.com THE RED BULLETIN


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DATAVERSE

Stream come true

1.

2.

Schweiz, deine Streamer

Dieses Jahr wird die Plattform Twitch 15 Jahre alt – wir gratulieren mit Zahlen und Daten.

3.

Diese drei Creators begeisterten uns hierzulande im Jahr 2025 am meisten. 1. @elquaria Sam 1 512 673 Stunden 2. @aditotoro

Daten und Text Tin Fischer Illustration Tobias Wanders

Adrian Vogt 424 554 Stunden

Was macht Twitch gross?

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2025 2024 2023 2022

Twitch wuchs vor allem in der Pandemie. Seither sind die Zuschauer­ stunden etwas rück­ läufig. Klar, wir sind wieder mehr draussen. Hinzu kamen aber auch Kon­kurrenten wie Kick. Dennoch: Gamestream ist heute Mainstream.

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Was genau schaut ihr da eigentlich?

29

20

20

49

%

72

%

%

Zuschauerstunden in Mrd.

20

19 20

18

Zeit angenehm vertreiben

2

18 , 0 96 2 ,83 2 1,3 2 2 ,4 7 4 3 18 ,3 , 2 1 1 52 9 ,01 , 6 39 ,5 5 6 , 4 30 ,7 2 3 ,9 1, 8 7 0 6 ,3 0

7

20

16 15 20

20

14 20

sich mit anderen nett unterhalten eigenes Gameplay streamen

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%

weiblich männlich

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THE RED BULLETIN

People of Twitch

%

%

Gameplay anderer schauen

1 20

27

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Im Vordergrund steht das Verfolgen von Gameplay. Für die Hälfte der befragten User ist aber auch das Unterhalten und Chatten wichtig – nicht angestrengt und kon­trovers, sondern vor allem Spass soll es machen.

Der Grossteil der User ist noch immer männlich, obwohl Frauen heute genauso oft zocken. Doch spielen Frauen anders. Sie bevorzugen Quizzes, Puzzles oder Lernspiele, über den Tag verteilt. Twitch ist eher zum Zurücklehnen, Abhängen und Plaudern.

DAN CERMAK, MIRIAM LOTTES/RED BULL CONTENT POOL, SASI SUBRAMANIAM STREAMER: SULLYGNOME (2025), WARUM: SWR-BEFRAGUNG UNTER 883 TWITCH-NUTZENDEN (2021), WACHSTUM: TWITCHTRACKER VIA STATISTA, GESCHLECHTER: SIMILARWEB VIA STATISTA SOWIE BITKOM-STUDIE (2025)

3. @ml_gameryt Max Lysser 2432 Stunden (erst seit November auf Twitch)


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HYPE-CHECK

Kirafin

Die Form Smart Schwimm­ brille zeigt dir per Head-upDisplay deine Leistungsdaten. Tech-Checker Kirafin geht schon mal auf Tauchgang.

Das Teil Ob im Pool oder Badesee: Mit Sensoren misst diese Schwimmbrille Daten wie Pace, Distanz, Zugfrequenz und Herzfrequenz. Ein ARBildschirm projiziert die Werte in Echtzeit auf einer Seite vors Fenster. Der Hype Sorgt auf TikTok in der Ironman- und Schwimm-Szene für Wirbel. Erfolgreichstes Video mit 640 000 Views von Aneesha. THE RED BULLETIN

Der Check Schon ein Gamechanger: im Wasser für Live-Daten nicht mehr auf die Smartwatch schauen zu müssen. Der Preis von CHF 180 klingt vielleicht zunächst hoch, für Sport-Geeks ­tatsächlich aber eher ein Schnapper. MUST-HAVE-FAKTOR

Push it: Der Herz­ frequenz-Sensor und die Knöpfe zum Bedienen sitzen seitlich.

Perfekt für … … Athleten, die auch bei Innovationen Erste sein wollen (hallo, Triathleten!). Ungeeignet für … … Schwimmer, die lieber mit freier Sicht PoolKacheln zählen wollen.

FORM

FischAuge

heisst bürgerlich Jonas Willbold, ist 32 und unterhält seine 1,3 Millionen Follower auf TikTok mit Comedy-­ Formaten. Nebenbei folgt er seiner Faszination für Tech-Produkte und -Trends. Für uns nimmt er aktuelle Hypes unter die Lupe.


THE ALPS. STILL SURFING.

KEEP THE SEASON GOING WITH WORLD-CLASS WAVES IN THE ALPS.

ALAIA.CH


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HEROES

Gillian Anderson ist als Agent Scully aus «Akte X» immer noch Kult. Heute hat sich die Schauspielerin und Ex-Punk davon emanzipiert und zeigt auf, was Frauen für ein freies Leben brauchen. Text Rüdiger Sturm Foto Paola Kudacki  /  Trunk Archive

Körperliche Erfüllung – das ist das grosse wiederkehrende Thema von Gillian Anderson. Vier Jahre lang spielte die US-Schauspielerin in «Sex Education» eine Therapeutin, die sich auf Sex spezialisiert hat – aber komplett unfähig ist, mit ihrem Sohn darüber zu reden. Von 2019 bis 2023 lief die Serie auf Netflix, 2024 dann veröffentlichte Gillian das Buch «WANT». Der ­Untertitel: «Sexuelle Fantasien von Frauen im 21. Jahrhundert». Darin versammelt sie anonyme Briefe und Bekenntnisse von Frauen über deren sexuelle Wünsche. Und der aktuelle Film der 58-Jährigen? Der heisst «Teenage Sex and Death in Camp Miasma» und ist ein Slasher-Horrorfilm, in dem Anderson eine ältere Starschauspielin gibt, die einer ­jungen und verklemmten Regisseurin bei d ­ eren sexueller Befreiung hilft. Dabei verband man Anderson lange dank der legendären Sci-Fi-Serie «Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI» eher mit Aliens als mit allzu Menschlichem. Doch Gillian Anderson war schon immer äusserst vielseitig, man denke nur an ihre Darstellung von Margaret Thatcher in der vierten Staffel von «The Crown», eine Rolle, für die sie nach der Darstellung von Agent Scully in «Akte X» ihren zweiten Golden Globe erhielt. Doch zurück zum Thema Sex: Was ist denn für die Schauspielerin dabei der Schlüssel zum Glück? «Wir müssen, soweit es geht, die Scham und Angst, die man mit Sex verbindet, eliminieren», sagt die dreifache Mutter. Wie das gehen soll? «Indem wir das Thema entmystifizieren und ganz unverblümt und offen damit umgehen.» Sie selbst, sagt sie, habe damit gute Erfahrungen gemacht, aber es sei auch notwendig, dass Sex Teil des öffentlichen Diskurses werde: «Ich bin entschlossen, meinen Beitrag

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On point

Geboren am 9. August 1968 in Chicago; wollte nie in TVSerien spielen; ist Kunstsammlerin; lebt in London; veröffentlichte von 2014 bis 2016 drei Science-Fiction-Romane

dazu zu leisten. Offenheit ist unglaublich wichtig.» Genau aus diesem Grund wollte Gillian mit ihrem Buch eine Bestands­ aufnahme der weiblichen Sexualität machen – von Frauen aus der ganzen Welt, die Anderson ihrerseits ihre Erfahrungen zukommen liessen.

Grenzgängerin

Dass die Schauspielerin, die seit 2002 in London lebt und mittlerweile mit dem gefeierten Drehbuchautor Peter Morgan liiert ist, keine starren Grenzen akzeptiert, war schon in ihrer Jugend klar. In ihrer Highschool-Klasse galt sie als «diejenige, die mit höchster Wahrscheinlichkeit ein­ mal verhaftet werden würde», erzählt Anderson grinsend. Und fügt hinzu: «Das hat auch gestimmt, es ist mir tatsächlich ein paar Mal passiert.» Einmal brach sie als Teenager in ihre eigene Schule ein, um die Türschlösser zuzukleben. «Ich war damals krass drauf. Ich war ein junger Punk und brachte mich gern in Schwierigkeiten. Meine Klassenkollegen waren nicht auf der gleichen Wellenlänge wie ich. Für die war ich nur ein Problemfall.» Auch heute noch, meint sie, stecke die Punkrockerin in ihr. Aber sie sei über den Status der Rebellin hinausgewachsen. Mittlerweile ist es ihr wichtig, die eigene Widerspenstigkeit stärker auszubalan­ cieren: «Ich versuche mich gesund zu ernähren, mitfühlend und verantwortungsvoll zu sein – natürlich auch gegenüber

meinen Kindern», so Anderson. Die de­kla­­ rierte Feministin unterstützt zahlreiche NGOs; von Kinderrechten über Flüchtlingshilfe bis zu und den Rechten indigener Völker reicht ihr Engagement. 2017 ver­ öffentlichte sie gemeinsam mit der britischen Autorin Jennifer Nadel die Schrift «We», die sich als «Manifest für Frauen überall» verstand: «Das Buch handelt von neun Prinzipien, mit denen Frauen die Herausforderungen dieses Lebens be­ wältigen können. Die haben viel mit Mut, Ehrlichkeit und Güte zu tun. Frauen müssen sich zusammentun, um einen Wandel herbeizuführen.»

It’s all about Mitgefühl

Für Anderson bedeutet gesellschaftliche Veränderung nicht unbedingt Kampf: «Es gibt viele Frauen, die die Grenzen, die ihnen die Gesellschaft setzt, überschreiten und auf diese Weise die öffentliche Wahrnehmung verändern. Das Problem ist aber, dass viele der weiblichen Vorbilder von heute nicht unbedingt die Werte und Vorstellungen verkörpern, auf die es wirklich ankommt: Mitgefühl und humanitäre Interessen.» Bedenkliche Vorbilder gebe es aktuell zur Genüge. Vor allem in den sozialen Medien, wie Anderson findet: «Hier wird eine absurde physische Perfektion pro­ pagiert – und das auch noch über manipulierte Bilder. Das ist erschreckend. Wie kann man dem nur so eine Wichtigkeit beimessen?» Die Schauspielerin fügt hinzu: «Ich bin wirklich froh, dass ich das in meiner Jugend nicht erleben musste.» Gillian Anderson möchte junge Frauen ermächtigen. Das Rüstzeug dazu hat sie: Bereits durch ihre Einsätze als Agent Scully in «Akte X» wurde die Schauspielerin zu einem Role Model. «Wissenschaft­ liche Studien haben damals vom ‹ScullyEffekt› gesprochen. Damit ist gemeint, dass viele Mädchen durch die Serie ins­ piriert wurden, Naturwissenschaften zu studieren.» Die Zahl der Studentinnen in naturwissenschaftlichen Fächern ist in der Tat durch «Akte X» gestiegen. Mal schauen, welcher Anderson-Effekt als Nächstes nachgewiesen werden kann. Instagram: @gilliana


«Offenheit ist beim Thema Sex das Wichtigste.» Schauspielerin Gillian Anderson hat ein Manifest für Frauen geschrieben.

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HEROES

Le Maille wird für seine «animierten Schallplatten» gefeiert. Der in Lausanne lebende Künstler arbeitet für Weltstars wie Eminem und Weltmarken wie Audemars Piguet – nur an KI will er nicht anstreifen. Text François Graz

Le Maille. So surreal erschien ihm das Angebot. Und beim Auftrag für Linkin Park erfuhr er erst während der Gestaltung der Platte von der Wiedervereinigung der Band: «Zunächst hatte man mir nur mit­ geteilt, dass das Projekt für Mike Shinoda bestimmt war. Ich habe es ziemlich schnell kapiert, als ich die Vor­lagen mit dem Bandlogo erhielt, und war total aus dem Häuschen. Die ersten CDs, die ich als Kind hatte, waren ‹Live in Texas› und ‹Meteora›, daher war das eine Traumzusammenarbeit.»

Kunst und Pragmatismus

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On point

Geboren am 2. August 1995 in Monthey; hat mit Anderson .Paak und Linkin Park gearbeitet; Liebling­salben «Illmatic» (1994) von Nas, «Mm..Food» (2004) von MF Doom und «Alligator Bites Never Heal» (2024) von Doechii

Internationale Kooperationen

Der 30-jährige Künstler hat sich in den letzten zwei Jahren einen Namen gemacht. Neben Kooperationen mit Namen der ­internationalen Musikszene wie Eminem, Linkin Park, ABBA, Larry June, Anderson .Paak, Bon Entendeur oder etwa Aminé haben sich auch renommierte Marken wie Porsche und Audemars Piguet an ihn gewandt. «Das Coole daran, sich auf einen so nischenhaften Bereich zu spezialisieren, ist das Fachwissen, das ich meinen Kunden bieten kann. Die meisten wissen nicht, wie ein Zoetrop funktioniert oder wie man es herstellt. Daher gehört es zu mei­ nen Aufgaben, sie zu begleiten und ihnen Ideen vorzuschlagen, die zum jeweiligen Plattencover passen. Ich modelliere und animiere die Zeichnungen in der 3D-Soft­ ware ‹Blender› und kümmere mich in ‹After Effects› um die verschiedenen Effekte und Texturen. Es ist ein kom­ plexer Spagat: Die Animation muss cool und gut verständlich sein, ohne dass das fertige Vinyl überladen und unüber­ sichtlich wirkt.» Paradoxerweise war sein allererster Auftrag zugleich einer der symbolträch­ tigsten: die Neuauflage von Eminems LP «The Slim Shady». Fast wäre die E-Mail des amerikanischen Labels Interscope Records im Papierkorb gelandet, erzählt

Für das Zoetrop, das Le Maille für Linkin Park gemacht hat, einfach den QR-Code scannen; Instagram @le_maille

@LEMAILLE

Ein Zoetrop wird auch Wundertrommel genannt: Es lässt Bewegung dort ent­ stehen, wo eigentlich nur einzelne Bilder sind. Genau das ist das Metier von ­Quentin Maillard alias Le Maille. Der ­ausgebildete Mediendesigner und WahlLausanner begeistert sich neben seiner Tätigkeit als Cutter bei RTS für Anima­ tionen. Seit seiner Kindheit zeichnet er und möchte diesen Zeichnungen eine neue Dimension verleihen. Dabei stiess er allerdings an Grenzen: «Als ich mit Animationen anfing, war ich frustriert, denn das Endergebnis ähnelt in erster Linie einer auf einem Server gespeicher­ ten Datei – mir fehlte die physische Dimension.» Durch Zufall stösst Quentin 2018 auf ein Tutorial des amerikanischen ­De­­signers Drew Tetz, der sich auf die ­Gestaltung von Zoetropen spezialisiert hat. Das Prinzip: Zeichnungen werden kreisförmig angeordnet und auf einer ­rotierenden Vinylplatte platziert. Durch die Bewegung entsteht eine Animation, die von einer Kamera sichtbar gemacht wird. Für den Künstler ist es der perfekte Spielplatz. «Ich habe begonnen, ab und zu ein Zoetrop zu gestalten und es auf ­Papier auszudrucken. Ich habe es auf meinen Plattenspieler gelegt und das dann in den sozialen Netzwerken ge­ postet. Im Jahr 2023 gingen einige meiner Videos viral, und ich habe unzählige ­Anfragen von Künstlern und Labels er­ halten.» Etwa ein Jahr lang erledigte er neben seinem Job Auftragsarbeiten, ­bevor sich Le Maille ausschliesslich auf sein aussergewöhn­liches Metier konzentrierte.

Wie jeder Kreative beschäftigt sich auch Le Maille mit künstlicher Intelligenz. Seine Haltung zu diesem polarisierenden Werkzeug und dessen Auswirkungen auf die Kunstszene ist klar: «Anfangs war ich neugierig, doch die Ernüchterung kam schnell. Ich verstehe nicht, wie man das Produkt einer KI als Kunst betrachten kann. Was ich heute mache, konnte ich vor einigen Jahren noch nicht», sagt er. «Ich habe Zeit und Leidenschaft darin investiert. Wenn ich also Kommentare sehe, die meine Arbeit verdächtigen, das Ergebnis von KI zu sein, ärgert mich das.» Le Maille, der mehr denn je dem hand­ werklichen Können verbunden ist, lehnt die Zusammenarbeit mit Musikern ab, die künstliche Intelligenz einsetzen: «Ich habe diesbezüglich eine radikale Haltung, denn eine der Freuden, die Kunst mit sich bringt, ist der Prozess selbst: ausprobieren, scheitern, neu beginnen, lernen. Mit KI werden diese wesentlichen Lernschritte, die uns menschlich machen, in den Hinter­ grund gedrängt.» Mittlerweile lebt er von seiner Kunst­ form, bleibt aber pragmatisch: «Ich habe mir online einen Namen gemacht, der es mir ermöglicht, tolle Projekte zu rea­ lisieren, aber mein Alltag hat sich nicht unbedingt verändert. Wenn man mich fragt, was ich beruflich mache, finde ich es ziemlich witzig zu antworten: ‹Ich designe Schallplatten!›»


«Ausprobieren, scheitern, neu beginnen, lernen: Darum geht es in der Kunst.» Le Maille ist eine feste Grösse, wenn es um die Animation von Schallplatten geht.

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HEROES

Adrien Wagner hatte bereits Lionel Messi, einen Präsidenten und Grössen der Musikszene vor der Kamera. Worauf der 26-jährige Filmregisseur dabei vertraut: auf die Poesie seiner Bilder. Text François Graz Foto Louis Slavic

Emmanuel Macron, Louis Vuitton, Kylian Mbappé, Yves Saint Laurent, Lionel Messi, «Fortnite», Jung Kook, Hublot, Emilia Clarke, Audemars Piguet, The Kid Laroi … Der junge Regisseur Adrien Wagner holte in seiner Karriere bereits viele Persönlich­ keiten und prestigeträchtige Marken vor die Kamera. Bei dieser namhaften Liste könnte man leicht vergessen, dass der aus Nyon stammende Wagner erst 26 Jahre alt ist. «Seit meinem achten Lebensjahr halte ich Dinge aus dem Alltag filmisch fest. Alles begann, als mein Bruder, meine Cousine und ich anfingen, mit einer Kamera zu experimentieren und Impro­ visationstheater zu machen. Da konnten wir uns künstlerisch nahezu unbegrenzt austoben.» Mit zwölf nahm Wagner zum ersten Mal an den «Ateliers du Cinéma» in Aubonne teil und lernte über die kom­ menden vier Sommer hinweg alle Facet­ ten des Handwerks kennen, also Schrei­ ben, Schauspiel sowie Dreh und Schnitt. Beim Dokumentarfilmfestival «Visions du Réel» gewann er mehrere Auszeichnun­ gen, die ihm viel Sichtbarkeit verschaff­ ten und dem Teenager beziehungsweise jungen Erwachsenen enge Kontakte zur damals boomenden Genfer Hip-HopSzene brachten: Di-Meh, Slimka und DeWolph vom Kollektiv SuperWak Clique drehten Musikvideos mit ihm. Von der Musikszene fasziniert, klopfte Wagner beim Paléo Festival und beim The Beat Festival an, um sich in diesem Umfeld visuell auszuleben.

Aufstieg eines Autodidakten

Eine Sache sollte sich aber für die Karri­ ere des Filmemachers als besonders nach­ haltig erweisen: «Auf Social Media sah ich eine Story von Rilès. Er suchte jeman­ den, der sein Konzert beim Solidays filmt.

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On Point

Geboren am 7. Januar 2000 in Neuchâtel; Vorbilder Terrence Malick, Damien Chazelle, Stanley Kubrick und Paul Thomas Anderson; in seiner Playlist «Surfing on a Rocket» der ­französischen Band Air und «Stop this Train» des US-ameri­ ka­nischen Sängers John Mayer

Ich habe mich einfach gemeldet, ohne gross dar­über nachzudenken. Drei Tage vor der Show schrieb er mir: ‹Bock, mor­ gen nach Rouen zu kommen? Ich zahl dir die Zugtickets, und du drehst den After­ movie vor 60 000 Leuten!›» Aus einem eintägigen Gig wurde eine Zusammenarbeit über den gesamten ­Sommer hinweg. Die Chemie zwischen dem französischen Rapper und ihm hinter der Kamera stimmte: «Rilès ist ein fan­ tastischer Künstler und ein grossartiger Mensch. Ich weiss noch, dass ich extrem produktiv war, da die Videos 24 Stunden nach jedem Konzert veröffentlicht werden mussten. Nach Ende der Show sass ich also jede Nacht bis fünf Uhr morgens im Tourbus, um die Videos am Rechner fertig­ zustellen. Das war eine wilde Zeit.» Es folgten eine weitere Tour, der Clip zu «Queen», in Marokko gedreht, sowie eine Zusammenarbeit mit der Marke Puma in Los Angeles. Adrien gewann die Aufmerk­ samkeit der Pariser Produktionsfirma Adeus Films, realisierte den Clip «Incassa­ ble» der französischen Rap-Grössen Lefa und Leto mit einem 40-köpfigen Team. Ähnlich erfolgreich war sein Dreh für den Song «911» von Damso. Sein feinfühliges Werk hauchte der Rap-Szene, die sich an visuellen Normen festhält, frischen Wind ein. Für den Autodidakten Wagner war die Arbeit im grossen Team neu: «In die­ sem Business ist Teamwork von funda­

mentaler Bedeutung. Aussenstehenden ist oft nicht bewusst, wie viele Menschen an einem einzigen Musikvideo oder einem Werbedreh beteiligt sind. Das erfordert viel Koordination, und alle müssen mit der gleichen Energie dabei sein, damit es funktioniert.» Auch 2022, als Adrien das offizielle Musikvideo zu «Dreamers» bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft in Katar coverantwortete, konnte er diese Stärken wieder unter Beweis stellen. Der Clip mit Jung Kook von BTS rangiert mittler­ weile bei mehr 470 Millionen Abrufen auf YouTube.

Visueller Entdecker

Wagner, der zwischen Musikclips und ­Werbedrehs pendelt, legt bei seinen Auf­ trägen besonderen Wert auf deren krea­ tive Gestaltung: «Wenn ich eine Projekt­ anfrage bekomme, gibt es ein Kriterium, das für mich nicht verhandelbar ist: Der Kreativität und Emotionalität dürfen keine Grenzen gesetzt sein. Ich möchte eine gewisse Poesie der Bilder entwickeln. In der Praxis gibt es Unterschiede zwi­ schen Musikclips und Markendrehs: Für Musikvideos gibt es ein Drehbuch, das auf einem Auszug aus dem Song basiert. Beim Werbedreh gilt es, sich mit der Mar­ kenidentität auseinanderzusetzen. In jedem Fall kommt es auf einen engen, ­vertrauensvollen Dialog mit dem Kunden an, um ihn mitzureissen und mit ihm neue Wege zu gehen.» Kürzlich übernahm Wagner die Regie und künstlerische Leitung der Kampagne «Together» der Vereinten Nationen in Genf, die auf eine Initiative von Ivan Pictet zurückgeht und von Downtown Studio im Portail des Nations umgesetzt wurde. Auch das eine grosse Ehre. Auch wenn er schon seit einigen Jahren mit der Idee spielt, sich an einen Spielfilm heran­zuwagen, lässt sich der Filmema­ cher damit Zeit. Er ist stolz auf seinen bis­ herigen Weg und hat sich eine Einstellung bewahrt, die ihn seit seinen Anfängen begleitet: «Mein Motto im Leben lautet, die Schönheit überall wahrzunehmen. Das Filmemachen erlaubt es mir, diese Schön­ heit einzufangen. Ich interessiere mich für die Vergangenheit und die Gegenwart und bewahre eine Distanz zwischen diesen beiden Polen. Denn ich möchte mit meiner Arbeit etwas Einzigartiges schaffen.» adrienwagner.com


«Mein Credo lautet: Kreativität und Emotionalität kennen keine Grenzen.» Adrien Wagner, 26, möchte die Schönheit der Bilder sprechen lassen.

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SALUT IN BLAU Alex Voyer kam nicht über die Fotografie zum Meer, sondern über das Meer zur Fotografie. Vor rund zwanzig Jahren begann er als Freediver und entdeckte unter Wasser eine Welt, die ihn nicht mehr losliess.

Text Saskia Jungnikl-Gossy Fotos Alex Voyer

THE RED BULLETIN


PORTFOLIO

Familiensache

Voyers Frau Marianne Aventurier taucht hier mit einer grünen Meeresschildkröte. An dieser ist ein Remora zu sehen, ein Saugfisch, der sich an grössere Meerestiere heftet. «Je mehr wir tauchten, desto mehr interessierten wir uns für jegliches Leben im Ozean: vom Plankton bis hin zu Walen», sagt Voyer. THE RED BULLETIN


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PORTFOLIO

«Man muss nicht nach Aliens suchen. Es reicht, unter­ zutauchen.» THE RED BULLETIN


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Alex Voyer, 45, war zuerst Freediver, dann Fotograf. Mit der Kamera hält er fest, was unter Wasser nur für Augenblicke sichtbar ist: Licht, Bewegung, Nähe, Distanz. Anfangs ging es ihm um grosse Tiere wie Haie, Wale, andere Meeressäuger. Freediving mit solchen Tieren war damals noch wenig verbreitet. Heute reichen ihm spektakuläre Aufnahmen nicht mehr. Für ihn ist entscheidend, wie diese entstehen: mit Respekt und geringstmöglichem Eingriff in die Natur.

Auf Tauchgang

In Mexiko, auf der Atlantikseite, fand Voyer mit seinem Boot Orte, an denen Wasser, Fels und Licht fast wie eine Bühne ­wirken. Unter Wasser wird der Körper schwerelos, der Raum dunkel und weit. Es ent­ stehen Bilder zwischen Natur­ beobachtung und Inszenierung. THE RED BULLETIN


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Beam me up

Natürliche Süsswasserlöcher auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán – sogenannte Cenotes – gehören für Voyer zu den eindrucksvollsten Orten für Freediving-Fotografie. Mit ihrem klaren Wasser, den Lichtstrahlen von oben und der Stille unter der Oberfläche wirken sie wie ein Open-Air-Studio, ein Traumspielplatz für den Fotografen.

THE RED BULLETIN


PORTFOLIO

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Luft und Licht

Einen Tag lang drehten Alex Voyer und Marianne Aventurier in einem Cenote ein kleines Video. Licht, Luftblasen und die dunkle Tiefe zeigen, was Voyer an solchen Plätzen interessiert: Unter Wasser wirkt selbst ein stiller Moment wie verwandelt. THE RED BULLETIN


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Vor rund 15 Jahren begannen Alex Voyer und Marianne Aventurier, ihre Reisen unter Wasser zu dokumentieren. Freitauchen mit Meerestieren war damals weniger verbreitet als heute; die wenigen Aufnahmen von Freedivern mit Haien, Walen oder Schildkröten erregten viel Aufmerksamkeit. Mit Actioncams und der wachsenden Bedeutung sozialer Medien veränderte sich das: Immer öfter ging es darum, schnell ein spektakuläres Bild zu schiessen. Voyer entschied sich für einen anderen Weg. 2018 brachen er und Aventurier mit ihrem Segelboot von Europa auf, um abgelegene Orte in ihrem eigenen Tempo zu erreichen. Die vergangenen Jahre ­verbrachten sie auf Inseln in FranzösischPolynesien. Das Boot zwingt das Paar zu Langsamkeit. Für Voyer ist das Bild wichtig, aber der Weg dorthin auch.

Der Fotograf und die Taucherin Alex Voyer ist in Frankreich geboren, Freediver und Fotograf. Gemeinsam mit seiner Frau Marianne Aventurier lebt und reist er auf dem Segelboot «Diatomée». Insta: @alexvoyer_78

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PORTFOLIO

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Langsamer reisen

«Die Art, wie wir fotografieren, ist genauso wichtig wie das Bild.»

Die «Diatomée» ist für Voyer mehr als ein Boot. Sie ist Zu­ hause, Transportmittel und Teil der Familie. Mit ihr reist er über ­Atlantik und Pazifik, zu abgelege­ nen Inseln und Tauchplätzen. Dabei ist das Tempo entschei­ dend: Wer Wildtiere beobachten will, muss warten können.

THE RED BULLETIN


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PORTFOLIO

«Unter Wasser kann man sich alles vorstellen.» THE RED BULLETIN


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Bühnenwelt

Aventurier schwebt über Wasserpflanzen und hellen Sandwegen am Meeresgrund. Das Bild zeigt eine ruhigere Seite von Voyers Arbeit: keine Begegnungen mit grossen Tieren, sondern Licht, Pflanzen, Körper, Wasser und das Gefühl, für einen Moment in einer anderen Welt zu sein.

THE RED BULLETIN


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«Die Regeln: nicht folgen, nicht füttern, nicht berühren.» THE RED BULLETIN


PORTFOLIO

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Auf Augenhöhe

Auf den Bahamas tauchte ­Aventurier mit zwei Delfinarten, den atlantischen Fleckendelfinen und den Grossen Tümmlern. Sie schwammen mit ihr spielend rund um das Segelboot. Für Voyer ist die Szene ein Beispiel für eine respektvolle Begegnung von Mensch und Tier: Geduld haben, die Tiere zu einem kommen lassen – und dann das Foto schiessen.

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Wilde Schule

Ein Barrakudaschwarm vor Malpelo, einer Insel im Pazifik westlich von Kolumbien. Voyer beschreibt den Ort als dunkel und wild, die Fische als silb­ riger Körper, der sich ständig neu formt. Unten: Aventurier schwimmt mit ihrer Mono­ flosse durch einen Pass einer abgelegenen Insel.

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PORTFOLIO

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Schwerelos

Wasser ist für Alex Voyer der «magische Verbündete des Fotografen». Es hebt die Schwerkraft auf, verändert die Perspektiven und lässt Körper schweben. Hier wird Marianne Aventurier vor ­Felsen und einem grossen Fassschwamm zu einer fast schwerelosen Figur. THE RED BULLETIN


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ICH BIN EIN TEAM Mit seinem Ultralauf vom Death Valley bis zum Santa Monica Pier bewegte Arda Saatçi eine ganze Generation. Was ihn so stark macht? Eiserner Wille. Und die Menschen, die an ihn glauben.

Text Tobias Moorstedt Fotos Murat Aslan THE RED BULLETIN

Grenzgänger mit g ­ rossem Herzen: Arda Saatçi will mit seinen Challenges Mass­stäbe setzen – und seine Fans inspirieren, ihr Potenzial auszuschöpfen.


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illionen folgen Arda Saatçis ExtremsportChallenges auf YouTube und Twitch. Er möchte, dass alle wissen: Solche ­Leistungen erbringt man nicht alleine! Hier erklären Arda und das Team Cyborg, wie man für etwas ­trainiert, das noch kein Mensch zuvor gewagt hat. THE RED BULLETIN


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Always on the Run: Bei der Red Bull Cyborg Season – Ultra 600 lief Arda 604,6 Kilometer vom Death Valley bis zum Santa Monica Pier in Los Angeles.

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Die Einsamkeit des Cyborgs

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Über alle Berge: In der Wüste Kaliforniens musste Arda nicht nur Temperaturen bis zu 50 Grad bewältigen, sondern auch rund 6000 Höhenmeter überwinden.

Das soziale Netz

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ei Kilometer 300 der Cyborg Season hörte Arda plötzlich Schritte hinter sich. Viele Schritte. Er war seit mehr als 50 Stunden unterwegs, alleine auf einer endlosen Strasse, die schnur­gerade durch die Wüste führt. Anil, sein Manager. Gzim, sein Physiotherapeut. Ardit, sein Video Editor. Die anderen Jungs aus dem engsten Kreis. Sie hatten gemerkt, dass es ihm schwerer fiel, und liefen ein paar Kilo­ meter mit. Auch die, die eigentlich gar nicht laufen. Auch die, die selbst seit mehr als zwei Tagen wach waren. Er hatte noch über 300 Kilometer vor sich. Aber plötzlich nicht mehr allein. Team Cyborg war seit zehn Monaten gemeinsam unterwegs. Arda, der lange von einer Fussballkarriere geträumt hatte, glaubt an den Satz des legendären deutschen Fussballtrainers Sepp H ­ erberger,

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in Leichtathletikstadion im tiefen Westen von Berlin, da, wo sich die Hauptstadt seit 1960 nicht verändert hat und niemand unter Hipster-Verdacht steht. Im weiten Rund über der Tartanbahn grasen zottelige Schafe und sind grandios unbeeindruckt von dem muskulösen Mann, der über die rote Bahn läuft und so wirkt, als könnte er dies bis zum Ende aller Tage tun. Es ist zehn Uhr. Um diese Zeit trinken viele ihren zweiten Kaffee. Arda Saatçi hat dann meist schon 30 Kilo­meter ab­ gespult. Standardprogramm. Systempflege. Ausser ihm sind noch zwei andere ­Läufer unterwegs. Ein Mittfünfziger stakst langsam die Gerade entlang. Ein muskulöser Dad zieht seinen kleinen Sohn im Anhänger hinter sich her. Die ­Betontribünen sind leer. Die Schafe kauen. Jeder hat seine eigene Pace. Jeder ist auf seiner eigenen Reise. Cyborg – so nennt das Netz den 28-Jährigen, wenn er die Grenzen des Möglichen neu definiert. Wie in diesem Frühjahr bei der Red Bull Cyborg Season – Ultra 600, als er über 600 Kilometer nonstop, unterbrochen nur von kurzen Naps, aus dem Death Valley ans Meer lief. «Ein nettes Kompliment», sagt Arda. Halb Mensch, halb Maschine. Ein Player aus der Zukunft, ohne Angst und mit end­ loser Energie. Aber in der Science-FictionLiteratur ist der Cyborg auch immer ein einsames Wesen. Gefangen zwischen der Welt der Roboter und jener der Menschen. Unfähig, Gefühle zu empfinden. Kalt. Fremd. «Meine Mama mag den Spitz­namen nicht so», sagt Arda und lacht einen so warm an aus seinen braunen Augen, dass man sofort merkt: Man muss sich keine Sorgen machen um ihn. Zwischen den Trainingseinheiten steht Arda in einer Gruppe von sechs ­jungen Leuten. Sie stehen eng beiein­ander, die Arme auf den Schultern des anderen, Team Huddle als Grundhaltung – dann brechen sie in lautes Lachen aus. Arda in der Mitte. Ein Cyborg, der sein soziales Netz pflegt und ein Team hinter sich hat, ist vielleicht wirklich unbesiegbar.


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Super-Crew – Arda (vorne) mit Team (von links): Fotograf Daniel, Creative Director Video Paul, Personal Assistant Vincent, ­Manager Anil, Head of Performance Gzim, Video Editor Ardit

«Die Crew erlebt eine extrem intensive Zeit mit mir. Wenn ich Schmerzen habe, wenn ich gut gelaunt bin. Alle Highs und Lows. Das schweisst zusammen.»

dass ein gutes Team echte Freundschaften braucht. «Wir verbringen so viel Zeit mit­ einander», sagt er, «erleben uns in ex­ tremen Zuständen. Da muss es passen.» Teamchemie. Vibe. Nenn es, wie du willst. In den letzten Jahren, die grossen ­Erfolg und Aufmerksamkeit gebracht haben, ist das Team immer weiter ge­ wachsen – aber nicht durch Rekrutie­ rungsprozesse oder eingesandte Lebens­ läufe. Fragt man die Jungs, wie sie bei Arda gelandet sind, hört man immer die gleiche Geschichte: «Ich kannte ihn über einen Freund. Dann haben wir uns getroffen, und es hat ‹Klick!› gemacht.» Anil, sein Manager, lernte Arda über ­gemeinsame Kontakte in der Berliner Creator- und Fussballszene kennen – und hat seitdem Videoeditoren und Foto­ grafen gefunden, die nicht nur ihr Metier beherrschen, sondern zum Team passen müssen. «Man darf hier kein Ego haben», sagt Anil, «sondern muss für die Sache brennen.» Das sind keine Phrasen, merkt man im Gespräch. Er erzählt, dass sich ihre Grossväter bereits in den Siebziger­ jahren kannten. Man spürt: Er fühlt das. Es ist Schicksal für ihn. Jede Cyborg Season bringt neue Teammitglieder – und neue Freunde. «In zehn Wochen Campingmobil lernt man sich besser kennen als in zehn ­normalen Jahren», sagt Daniel, der Foto­ graf. Arda nickt: «Sie erleben eine extrem intensive Zeit mit mir. Sie lernen mich kennen, wenn ich Schmerzen habe, wenn ich müde bin, wenn ich gut gelaunt bin. Alle Highs und Lows. Und das schweisst zusammen.» Elf Freunde hat der innere Kreis noch nicht, aber es werden jede Saison mehr. Und genau wie in einer Fussballmann­ schaft gibt es klare Rollen: Arda ist Motor und Kapitän, der die Richtung vorgibt. Und wie in jedem Team gibt es den Dauer­ läufer, die Vaterfigur, den Alleskönner. «You vs. You» ist eines von Ardas Mot­ tos. Er meint damit, dass man sich nicht von aussen unter Druck setzen lassen soll. Dass man sich eigene Ziele setzt und seinen eigenen Weg verfolgt. Aber das heisst nicht, dass man ihn allein gehen muss. Er hat Daniel, Vincent, Anil und die ­anderen. You vs. You ist gut. Noch besser ist: We vs. Me. THE RED BULLETIN


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«Jeder kann seine Ideen einbringen – die kreative Freiheit schätze ich sehr, und sie macht uns alle besser.»

«Wenn man zwei Monate auf engstem Raum miteinander ­verbringt, dann ­ersetzt das zehn ­Jahre Freundschaft. Auf engstem Raum und ­unter höchstem Druck entstehen die festesten Bindungen.»

ARDIT TERMKOLLI

Job: Video Editor Im Team seit: 2023 Team-Rolle: «Er ist eine reine Seele», sagt Arda, «er ist der Letzte, bei dem negative Gedanken aufkommen.» Cyborg-Faktor: Hoch. Läuft gerne 18 Kilometer und geht Fussball zocken – «sonst fühle ich mich schlecht».

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«Wir sind lauter Dudes – aber bei uns gibt es keine Egos und kein Macho-­ Gehabe. Es geht um ­Anstand und Respekt.»

ANIL BECERIK

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Job: Team-Fotograf und Social-MediaManager Im Team seit: 2024 – kam zehn Tage vor der Japan-Reise an Bord. Team-Rolle: «Dani ist sehr flexibel», sagt Arda. Er selbst meint: «Eher aus­ geglichen und ruhig.» Cyborg-Faktor: Wird schon. «Ardas Energie färbt auf jeden Fall ab», sagt Daniel.

Job: Manager und Stratege Im Team seit: 2023, als er Arda über einen anderen Creator kennenlernte Team-Rolle: «Anil plant immer zwei Schritte voraus», sagt Arda. «Mir geht es darum, dem Projekt gerecht zu werden», sagt Anil. Cyborg-Faktor: In Arbeit. Hat zuletzt 20 Kilogramm abgenommen und zieht durch.


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Hartes Pflaster: Seine Laufrouten führen Arda oft auch durch die Stadt. Diese Aufnahme entstand beim Gelände der Messe Berlin in Charlottenburg.

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Der Urknall eines Universums

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it achtzehn musste Arda sich ein­gestehen, dass das mit der Karriere als Fussballprofi nichts werden würde. Er spricht nicht über eine Knie­ verletzung, die den Traum zerstörte. Er sagt ehrlich: «Es hat nicht gereicht. Ich hab mein Potenzial nicht ausge­ schöpft.» Ein Niederschlag. Ein Urknall, der alles änderte. Vom Mannschaftssport Fussball wech­ selte er zum Boxen. «Ich habe einen Sport gesucht, in dem ich keine Ausreden mehr habe», sagt er. «Beim Fussball kann man den Misserfolg immer auf die falschen Laufwege der Mitspieler schieben. Beim Boxen bin ich ganz allein schuld, wenn ich auf die Nase bekomme.» Niemand läuft für dich. Du musst liefern. Arda beginnt mit Krafttraining und Langstreckenläufen, steht während des BWL-Studiums um vier Uhr morgens auf und läuft 30 Kilometer, bevor die erste Vorlesung beginnt. In dieser Zeit lernt er den Streamer Elias Nerlich kennen, der ihn und seinen Sport promotet. Er ­arbeitet als Personal Trainer, bereitet einen Creator auf ein Promi-Boxduell vor – und trifft dabei auf den Video­ grafen Paul Schalles, der ihn kurzerhand in s­ einer Hamburger WG aufnimmt. «Man hat sofort gemerkt, dass man seine Geschichte erzählen muss», erinnert sich Paul. «Ich dachte nur: Das muss raus in die Welt.» In der WG-Küche entwerfen die bei­ den die YouTube-Strategie. Pauls Rezept klingt einfach: «Er hat nicht ein Kamera­ gesicht und ein privates Gesicht. Er ist einfach er selbst. Man muss draufhalten und echte Momente einfangen.» Seitdem sind die Zahlen stetig gewachsen – die Followerzahlen von ein paar Hundert auf mehrere Millionen gestiegen, die Chal­ lenges immer vielseitiger. In einem Punkt jedenfalls sind sich alle Teammitglieder einig: Die Kurve geht stetig nach oben, sagt Vincent, sein ältester Freund – aber Arda ist immer noch Arda.

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Zeit zum Aufladen: Im Death Valley wechselt Arda sein durchgeschwitztes Shirt (oben), beim Shooting auf dem Sportplatz in Wilmersdorf legt er eine kurze Pause ein.


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«Arda ist erst 28 Jahre alt. Die Erfahrung kommt dazu. Das soll nicht heroisch klingen – aber für ihn gibt es keine Grenzen.»

GZIM FERIZI

VINCENT GRAL

Job: Personal Assistant und bester Freund Im Team seit: den gemein­ samen Uni-Tagen 2016 Team-Rolle: «Die Wand hinter meinem Rücken», sagt Arda. «Ich bin 24/7 für das Team da», sagt Vincent. Cyborg-Faktor: Ausbau­ fähig – geht ab und an zum Boxtraining.

«Es ist keine One-Man-Show. Jeder ist universell einsetzbar. Man kann sich fallen lassen. Die Burnout-­ Gefahr ist ziemlich gering.»

PAUL SCHALLES

Job: Creative ­Director Video Im Team seit: 2022 Team-Rolle: «Paul ist Mr. Balance», sagt Arda. Er selbst meint: «Ich bin relativ ausgeglichen und lass mich in hitzigen Momenten nicht mitreissen.» Cyborg-Faktor: Top. Läuft gerne 30 Kilo­ meter und trainiert für seinen ersten Ironman.

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Job: Head of Performance & Physiotherapeut Im Team seit: 2023 – «Er kam in meine Praxis über die Empfehlung eines Kunden, eines Profifuss­ ballers, und wir waren sofort Herz und Seele.» Team-Rolle: «Er ist der Papa oder grosse ­Bruder für die Jungs», sagt Arda. Cyborg-Faktor: Grenz­ wertig. Gzim betreibt seit 2009 selbst Tri­ athlon, Trailrunning und Ultraläufe. Im ­Sommer 2026 ging’s auf den höchsten Berg Österreichs, den Gross­ glockner.

«Als ich ihn zum ersten Mal ge­ troffen habe, war ich begeistert von seiner Disziplin und der Energie, die er ausstrahlt. Man hat sofort ­gemerkt: Der redet nicht nur, der macht. Seine grösste Leistung ist, dass er sich nicht verändert hat – nur noch besser geworden ist.»

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Der entscheidende Punkt

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enn man einen Weg zum aller­ ersten Mal in der Geschichte der Menschheit geht, gibt es keinen Reiseführer, keine ­Trainingspläne, keine Erfolgs­ rezepte. Dann muss man kreativ werden. Arda hatte das Ziel ausgegeben: 600 Kilo­ meter in 96 Stunden durch die Wüste. «Ich bin von Experten umgeben, die mir helfen, mich vorzubereiten», sagt er. Aber wie bereitet man sich im Berliner Winter auf die Wüste vor? Um die Monotonie zu trainieren, rannte er 100 Kilometer um den Block. Sah morgens die Bäckersfrau den Laden aufschliessen und abends die Jalousie ­herunterlassen. Er trug vier Pullover, um Hitzestress zu simulieren. Er rannte acht Stunden auf dem Laufband, mit Blick auf die Wand, ohne Musik, alleine. Fragt man Gzim, seinen Physiothera­ peuten, der Ardas Körper besser kennt als jeder andere, nach dessen Superkräften, startet er eine Liste: «Arda ist ein Bulle, er hat enorme Resilienz. Kriegt einen Krampf und läuft am zweiten Tag ganz normal.» Aber was ihn besonders mache, sei seine Fähigkeit, Monotonie auszu­ halten. «Das kann er wie kein anderer. Ich weiss nicht, welche Tür er in seinem Kopf öffnet und wo er dann ist.» Ab einem bestimmten Punkt bist du als Spitzensportler allein, sagt Arda. Der Fussballer am Elfmeterpunkt. Der Berg­ steiger in der Todeszone. «Dann musst du dein grösster Supporter sein», erzählt er. Keine Kamera. «Du bist stark genug. Mach dir keine Sorgen. Weiter. Immer weiter.» Arda sagt, er würde laufen, «bis ich umkippe». Er gibt zu, dass es ihm schwerfällt, Kontrolle abzugeben. Aber er weiss auch, dass es Grenzen gibt. Auf dem Bildschirm verfolgt Gzim während des Rennens die Vitaldaten in Echtzeit. Vieles lässt sich kalkulieren. ­Lebensmittel zuführen, ohne Stress. 90 Gramm Carbs. Ein Liter Wasser. Ein Gramm Salz. Vegane Gummibärchen. Aber irgendwann steigt der Puls schneller als die Abrufzahlen des Livestreams. 130. 140. 153. Für viele Sportler ist das okay, Zone 3. «Aber wir reden von Arda», sagt Gzim. «Dem Cyborg, der auch nach 70 Kilometern bei 130 bleibt.» Er wusste: THE RED BULLETIN

Auf der Sonnenseite: Im Alltag versorgt Arda seinen Körper mit dem bestmöglichen Training – und sein Team mit der bestmöglichen Stimmung.

Arda hat ein Problem. Er bekam einen Hitzschlag. Halluzinationen. Die Kakteen schlängelten sich in der Luft, die Markie­ rungen auf der Strasse leuchteten in ­Neonfarben. Aber Arda hatte vor allem Angst vor einer Sache: dass sie ihn aus dem Spiel nehmen. Dass sie das Hand­ tuch werfen. Arda lag glühend auf der Liege. Sein Manager Anil war «komplett fertig». Er telefonierte mit Ardas Mama, der er ver­ sprochen hatte, dass ihr Sohn gesund ­zurückkehrt. Mit dem Arzt des Red Bull Athlete Performance Centers in Kalifor­ nien hatte Gzim ein Notfallprotokoll ent­ wickelt. «Am Ende ist es Intuition», sagt er. «Wie geht es ihm wirklich?» Er macht eine Pause. «Das sind Grenzgänger, die Jungs.» Sie warteten. Es wurde kühler. Es ging. Weiter. Gzim sagt: «Eigentlich hatte ich nie Zweifel, dass er ankommt.»

«Ich will, dass die Leute, die unsere Videos sehen, denken: So sollte man miteinander umgehen.» Jetzt Code scannen und Ardas Red Bull Cyborg Season – Ultra 600 erleben


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Arda zum Anfassen: Nach dem Ziel­ einlauf auf dem Santa Monica Pier bedankt sich der Ultraläufer bei seinen Fans für die Unterstützung.

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A Styling Soo-Hi Song Hair and Make-up Nadin Wagner

rda ist Fan von Beşiktaş Istanbul und weiss, dass sportliche Performance konkrete Folgen für die psychische Gesundheit von Fans hat. «Beşiktaş ist so schlecht», sagt er, lachend und leidend zugleich, seit fünf Jahren ohne Meisterschaft. Vielleicht ist das ein Grund, warum er sich schämte, nachdem er das Meer erreicht hatte – aber das Ziel von 96 Stunden nicht hatte einhalten können. «Alle haben so hart für mich gearbeitet», sagt er. «Ich hatte das Gefühl, ich hätte sie enttäuscht.» Aber dieses Gefühl hielt

nicht lange an. Das Feedback aus dem Netz. Sein Team. Er verstand, dass er Menschen inspiriert und ihnen Energie gibt. Als er das S ­ tadion verlässt, hupen Leute in den Autos, er winkt freundlich, macht Selfies. Ist für sie da. Im Fussball gibt es Tabellen, im Sprint Siegerlisten. Bei Arda Saatçi, der in einer eigenen Liga spielt, gibt es nur den Vergleich mit sich selbst. «Der Tabellenplatz ist mein gestriges Ich», sagt er. Täglich findet in seinem Kopf das ultimative Lokalderby statt. Eigentlich, so der Cyborg, ist das Leben doch einfach: «Willst du dein Ziel erreichen? Dann mach es. Wenn nicht – leg dich hin.» Er ist noch nicht fertig. Will eine der einflussreichsten Personen des Sports sein. Einer der Athleten, die man kennt. Am liebsten sässe er mit seinen Idolen am Tisch: CR7, den er wegen der Gier bewundert. MMA-Kämpfer Khabib, den er wegen der Demut schätzt. Muhammad Ali, der die Gesellschaft verändert hat. «Es geht nicht um Rekorde», sagt er, «sondern darum, Menschlichkeit zu feiern.» Genau da kommt das Team wieder ins Spiel. «Ich will, dass Leute, die unsere Videos sehen, denken: So sollte man miteinander umgehen», sagt Arda Saatçi. ­Respekt. Anerkennung. Wertschätzung. Nähe. Wärme. Ehrlichkeit. Im Stream kann man das Team bei der Arbeit sehen, kann sehen, dass auch seine Freunde nicht schlafen. «In den Hotelzimmern – alles benutzt ausser dem Bett», sagt Anil. Auf YouTube, aus der Ferne und doch nah, spürt man diese Wärme. Sie ist ebenso Grund für den Erfolg wie die unfassbaren Leistungen. Vincent sagt: «Es fühlt sich nicht an wie Arbeit. Es macht Spass, auf unserer Reise zu sein.» Und die geht weiter. Die Idee für das nächste Projekt, erzählt Arda, entsteht meist in der letzten Phase des aktuellen. Während er auf Santa Monica zulief, mit Polizeieskorte, Mama und Freunden am Pier, dachte er vermutlich schon über das nächste Abenteuer nach. «Ich brauche diesen Gänsehautmoment», sagt er. «Dass ich spüre: Das bringt mich komplett aus meiner Komfortzone und hebt mich auf ein neues Level.» Was als Nächstes kommt, wissen nur Arda und seine Freunde. Und gerade stecken sie bestimmt ihre Köpfe zusammen, um den Körper bereit zu ­machen. Und dann macht bestimmt ­jemand einen blöden Witz. Und genau darum geht es. THE RED BULLETIN


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Text Michael Moorstedt Illustrationen Fries Vansevenant

SUPERKRÄFTE WACHSEN

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Wir laufen und liften, springen und strampeln. Aber was genau löst das in dir aus? Und wie kannst du die Effekte steigern? Eine Reise in die faszinierendste Maschine der Welt: deinen Körper.

KICKSTART FÜR DEINEN KOPF Das Gehirn ist kein Muskel. Und trotzdem beginnt jedes ­Workout im Kopf. Noch bevor du die erste Hantel anfasst, schaltet dein Denkorgan den Körper in den Leistungsmodus – und auch sich selbst um. Die neuronale Aktivität verlagert sich weg vom frontalen Cortex, wo du normalerweise grübelst, planst, kontrollierst. Ein Hard Reset für den Zwischenspeicher. Deshalb fühlt sich der Kopf nach dem Sport klarer an als vorher – weil er es t ­ atsächlich ist. Das Kommando übernimmt jetzt der Motorcortex, zuständig für komplexe Bewegungen. Die Neuronen feuern, die Nebenniere flutet das Blut mit Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Stresshormone – klingt übel, ist aber genau das, was du brauchst. Du kennst den Effekt: dieser ­Moment im Sprint, wenn plötz­ lich alles wegfällt. Hunger, Schmerz, der blöde Tag im Büro – gelöscht. Dein Körper fährt ein Programm hoch, das älter ist als jede Zivilisa­tion und das kurzzeitig Höchst­leistungen ermöglicht. Wer sich dieser THE RED BULLETIN

Hormondusche regelmässig aus­ setzt, trainiert nicht nur ­Muskeln, sondern auch sein ­Nervensystem. Belastbarkeit ist keine Charaktereigenschaft. Sie ist ein Trainingseffekt. ­Ausserdem schüttet das Gehirn noch Dopamin und Endorphine aus, körpereigene Schmerz­ stiller – die sind verantwort­ lich für das Gefühl, dass die Welt nach dem Training irgend­ wie in Ordnung ist. Der System-Hack: Wer sich pusht, für den hält der Körper etwas ganz Besonderes parat: Endocannabinoide, kör­ pereigene Lipide, die dem Wirk­ stoff von Marihuana chemisch verblüffend ähneln – die wahr­ scheinlichste Erklärung für das Runner’s High. Dafür solltest du mindestens 30 bis 45 Minuten bei 70 bis 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz trainieren – du kannst noch sprechen, aber es wird langsam anstrengend.


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Durch den Nachbrenneffekt verbrauchst du Kalorien ohne Training – bis zu 38 Stunden lang nach jedem Workout.

TURBO FÜR DEINEN STOFFWECHSEL Auch im Stillstand verbraucht dein Körper permanent Energie. Dieser Grundumsatz hält die Vitalfunktionen am Laufen: Atmung, Körpertemperatur, Herzschlag, Hirnaktivität. Überschüssige Energie, die du aufnimmst, landet auf den Hüften – ein normalgewichtiger Mensch trägt bis zu 100 000 Kilokalorien in Form von Fettschichten mit sich herum. Das ist der Reservetank. Erst wenn du ihn ­forderst, schaltet die Körper-Maschine vom Speicher- in den Verbrauchsmodus. Was dann passiert, ist eine Kettenreaktion. Voraussetzung für jede Muskelkontraktion ist der Energie­ träger: Adenosintriphosphat, kurz ATP. Das Problem: In den Zellen sind nur winzige Mengen davon vorhanden, die sind nach wenigen Sekunden aufgebraucht. Also muss ATP ständig neu gebildet werden – aus Kohlenhydraten und Fett. Welches Reservoir der Körper anzapft, hängt davon ab, wie du trainierst. Bei kurzen, intensiven Einheiten verbrennt er vor allem schnell verfügbares Glykogen. Bei längeren, moderaten Laufrunden greift er auf den Fettstoffwechsel zurück. Übrigens: Während einer Trainingsphase Diät zu halten, kann kontraproduktiv sein. «Warum sollte der Körper Muskeln aufbauen, wenn er sich in einem kalorischen Defizit befindet?», sagt Prof. Dr. Stephan Geisler, der an der ISTHochschule Düsseldorf lehrt. Der «CalorieGap» dürfe maximal 300 Kalorien betragen.

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Der System-Hack: Kalorien verbrennen ohne Training – klingt zu gut, um wahr zu sein? Durch den Nachbrenneffekt (Excess Post-exercise Oxygen ­Consumption / EPOC) passiert genau das nach jedem Workout, bis zu 38 Stunden lang. ­Anaerobes Training mit hoher Intensität, etwa HIIT, erzeugt dabei einen deutlich höheren Nachbrenneffekt als aerobes Training mit gleichem Aufwand.


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UPDATE FÜR DEIN HERZ Jeder Motor erzeugt Abwärme – deiner auch. Während des ­Trainings steigt die Körper­ temperatur auf bis zu 39 Grad. «Aber weil die Maschine darauf geeicht ist, eine Temp­eratur von 37 Grad zu halten», wie Geisler erklärt, springt dann die Klima­ anlage an: Rund zwei Millionen Schweissdrüsen sondern ein ­salzhaltiges Sekret ab, dessen ­Verdunstung auf der Haut den

Körper kühlt. Ein mässig ambitio­nierter Freizeitsport­ ler verliert so rund einen Liter Wasser pro Stunde. Gleichzeitig fährt das parasympathische Nervensystem die inneren Organe herunter – Magen, Darm, alles nicht akut Überlebenswichtige wird gedrosselt. Denn jetzt passiert etwas Drastisches: Bis zu 90 Prozent des Bluts, das dein Herz pumpt, fliessen in die S ­ kelettmuskeln. Kapillaren ­versorgen die Fasern mit Sauer­ stoff und Energie, und je regel­ mässiger du trainierst, desto dichter wird dieses Netz – der Körper baut neue Versorgungs­ wege. Die Anstrengung trainiert auch deinen wichtigsten Muskel: das Herz. Pro Minute kann es bei Ausdauersportlern bis zu 35 Liter Blut durch den Körper pumpen – bei Untrainierten maximal 20. Und es verändert sich nicht nur die Leistung, sondern auch das Blut selbst: Die Konzentration von HDL steigt – jenem Protein, das überschüssiges Cholesterin aus den Arterien räumt. Das ­Risiko für Gefässerkrankungen sinkt deutlich. Der System-Hack: Gerade bei Ausdauerdisziplinen neigen Sportler dazu, zu viel zu trinken – der Elektrolyt­ haushalt gerät aus der Balance. Die Faustregel: Nicht mehr als 80 Prozent des Flüssig­ keitsverlusts ersetzen.

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TEAMBUILDING FÜR DEINE MUSKELN Dritte Runde Kniebeugen, die Oberschenkel glühen. Was jetzt passiert, ist Ingenieurskunst: Über 650 Muskeln arbeiten in deinem Körper, kein einziger allein. Jede Bewegung ist ein Zusammenspiel aus Agonist und Antagonist. Beim Bizepscurl zieht der Bizeps den Arm an, während der Trizeps kontrolliert nachgibt. Wer zum ersten Mal eine Langhantel hebt, dessen

Neuronen feuern in den Muskeln wild und unkoordiniert – und es fühlt sich falsch an. Aber die Muskeln lernen. «Der erste Trainingseffekt entsteht, weil das Nervensystem die Bewegung optimiert», sagt Geisler – mehr Muskeleinheiten werden synchron rekrutiert, Muskeln arbeiten zusammen, die Kraft wächst, ob­ wohl der Muskel noch nicht ge­ wachsen ist. Dann, nach Monaten, passiert etwas Frustrierendes: nichts. Du trainierst gleich hart, aber die Effekte stag­ nieren allmählich. «Trainings­ fortschritte verlaufen nicht linear», erklärt Professor Geisler. Dein Körper hat sich angepasst und sieht keinen Grund, stärker zu werden. Geisler rät: «Das E ­ ffektivste ist Abwechslung – ab und zu muss man den Körper überrumpeln.» Andere Übungen, mehr Gewicht, veränderte Wiederholungszahlen – die Maschine braucht Variati­ on, um stärker zu werden. Dass Training Spuren hinterlässt, ist normal. Muskelkater ent­ steht durch mikro­skopisch klei­ ne Risse in den F ­ asern. Laktat sammelt sich bei intensiver ­Belastung an und übersäuert den Muskel – das bekannte Brennen. Ein bisschen Quälen ist er­ laubt. Bei plötz­lichen Schmer­ zen ist es Zeit ­aufzuhören. Dein System-Hack: Übertraining ist keine Ausrede von Quittern, sondern ein ­reales Syndrom, das hirn­ physiologisch dem Burnout ­ähnelt. Wer sich keine Pausen gönnt, riskiert, dass der Körper ­Muskelproteine zur Energie­gewinnung abbaut. Die Folge: Leistungsverlust.

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Nach intensiven Einheiten ist der Körper besonders bereit für neue Belastungen – und wird dadurch stärker.

RECHARGE FÜR DEIN SYSTEM Der Tag danach. Du liegst auf der Couch, die Beine schwer, der Körper still. Und das ist gut so: Denn genau jetzt passiert das Entscheidende. In keinem guten Trainingsplan darf der Rest Day fehlen. Obwohl du ruhst, steht die Maschine nicht still. Der Körper wechselt vom katabolen in einen anabolen Zustand: Risse in den Muskelfasern werden repariert, und zwar so, dass die Muskeln ­stärker nachwachsen als zuvor. Gleichzeitig produzieren sie Myokine, Botenstoffe, die Entzündungen lindern. Glykogenreserven werden nachgeladen, Cortisol sinkt, die Spiegel von Testosteron und Wachstumshormon HGH steigen. Obwohl alles ruhig erscheint, läuft die Maschine auf Hochtouren. Und was kippen wir jetzt rein? Dein Instagram-Feed hat die Antwort: Proteinshakes, BCAAs, Kreatin, ­Magnesium – die Supplement-Industrie verspricht Abkürzungen für alles. Die Wahrheit ist nüchterner. Wer sich ausgewogen ernährt, deckt den Grossteil über normale Ernährung. «Etwa 90 Prozent des Trainingseffekts ent­ stehen durch die körperliche Betätigung und mechanische Muskelreize», sagt Geisler.

Kreatin ist einer der wenigen Stoffe mit gut belegter Wirkung. Protein-Supplements können sinnvoll sein, wenn der Bedarf von 1,6 bis 2,2 Gramm pro Kilo Körpergewicht anders schwer zu erreichen ist. Und die BCAAs, die der durchtrainierte Influencer in die Kamera hält? Bei ausreichender Proteinzufuhr überflüssig. Die beste Investition nach dem Training bleibt: Schlaf, echtes Essen, Geduld. Der System-Hack: Als Faustregel werden 48 bis 72 Stunden ­Pause zwischen intensiven Einheiten emp­ fohlen. Entscheidend ist das Timing: In der sogenannten Superkompensationsphase ist der Körper besonders bereit für neue Belastungen – und wird dadurch stärker. Wer zu früh nachlegt, bremst die Anpassung. Wer zu lange wartet, verschenkt das Fenster. THE RED BULLETIN


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DER ZEHNTE TAG Text Christof Gertsch Fotos Gianfranco Tripodo

Stefan Küng hat alles, was es für richtig grosse Siege braucht. Ist nach Teamwechsel und schwerem Sturz jetzt sein Moment gekommen? THE RED BULLETIN


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Stefan Küng ist einer der besten Strassenradfahrer der Welt – hier beim Höhentraining auf dem Teide auf Teneriffa. THE RED BULLETIN


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Er hat die Skills, den Ehrgeiz, den Motor: Noch nie hat Stefan Küng ein Rennen aufgegeben.

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s geht so schnell. Du fährst in einer Reihe, mit 50, 55 Stundenkilometern, über nasse Pflastersteine, um enge Kurven – und dann stürzt einer und du auch, und plötzlich liegst du am Boden. Du willst unter dem Haufen hervorkriechen, fünf, sechs Fahrer über dir, ineinander verkeilte Velos. Du versuchst aufzustehen, willst weiterfahren. Es geht nicht. Also bleibst du liegen. Und fragst dich: Ist etwas kaputt? Und wenn ja, wie schlimm? Du möchtest fluchen oder weinen oder beides. So war das am 28. Februar 2026, bei Omloop Het Nieuwsblad in Belgien. Es war Stefan Küngs erstes wichtiges Rennen im Trikot von Tudor Pro Cycling, ein neuer Anlauf in einem neuen Team, ein neues Projekt, für das er seit Dezember unterwegs war, von Trainingslager zu Trainingslager, von Windkanal zu Windkanal. Vom 7. Dezember bis zu diesem Tag hatte er nur gerade zwei Wochen zu Hause bei

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Höhentraining gehört zum ProfiRadsport. Für Stefan Küng ist das Training auf dem Teide aber mehr als das: Er liebt die karge Landschaft dort. THE RED BULLETIN


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seiner Familie verbracht. Gran Canaria, Mallorca, Teneriffa, wieder Mallorca. Hatte alles vorbereitet, alles optimiert. Am 28. Februar hatte er das Gefühl: Jetzt bin ich bereit. Dann kam der Sturz, und alles war vorbei.

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m Spital von Gent wartete Küng auf den CTScan. Der Trochanter major war abgebrochen – ein knöcherner Vorsprung am oberen Ende des Oberschenkelknochens, an dem drei essenzielle Muskeln ansetzen: der mittlere Gesässmuskel, der kleine Gesässmuskel, der Piriformis. Muskeln, die das Becken stabilisieren, die das Bein führen, die ­einen Radprofi erst zu dem machen, was er ist. Sechs Wochen würde er nach der Operation auf Krücken angewiesen sein. Zwölf Wochen, bis er das Bein ­wieder voll belasten konnte. Küng war in Gent nicht allein im Spital. Es war Samstag, Eröffnungswochenende der belgischen Klassikersaison, und die Warteschlange war lang. Schlüsselbein. Beckenbruch. Gehirnerschütterung. Ein Radprofi nach dem anderen wurde hereinge­ schoben. Küng, 32 Jahre alt, schaute zu und dachte: Was machen wir hier eigentlich?

Und dann: Will ich das überhaupt noch? Hatte er sich das nicht lange genug angetan, sich gequält, auf vieles verzichtet, sich immer wieder aufgerafft, sich erholt von Enttäuschungen, Verletzungen, Stürzen? Einige Wochen zuvor, auf dem Teide, der höchsten Erhebung der Kanareninsel Teneriffa. Höhen­ trainingslager. Stefan Küng liebt diesen Ort, liebt die Kargheit, die Natur, liebt die Einsamkeit und die Konzentration auf 2000 Metern, die ihm der Vulkan gibt. Wenn er hier auf dem Rad sitzt, begleitet nur vom Surren der Kette, dann ist er ganz bei sich. «Hier oben denke ich nichts», sagt er, als er nach ­einer langen Ausfahrt zurückkehrt. «Hier bin ich nur im Moment.» Keine Steuererklärung, keine Medientermine, kein nächster Flug. Hier ist er allein mit seinem Atem in der dünnen Luft. Es ist kein Zufall, dass seine Lieblingsfächer in der Schule Geografie und Biologie waren. Beides steckt im Radsport: die Landschaft, die sich verändert, die Jahreszeiten, die man draussen erlebt, und der Körper, den man ans Limit bringt. «Das Draussensein», sagt er, «ist ein grosses Privileg in diesem Sport.» Wenn er nach fünf Stunden auf dem Velo nach Hause kommt und sich mental erholt fühlt – frischer als ­seine Frau, die im Büro war oder den Tag mit den Kindern verbracht hat –, dann hat er manchmal fast ein schlechtes Gewissen. «Es fühlt sich nicht an, als wäre ich am Arbeiten gewesen.»

Stefan fühlt sich mental erholt nach fünf Stunden auf dem Velo: «Das Draussensein ist ein Privileg im Radsport.» THE RED BULLETIN


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Küng hat schon viele Erfolge gefeiert, er war Europameister und WM-Zweiter im Zeitfahren und Dritter beim Kopfstein­ pflasterklassiker Paris–Roubaix. THE RED BULLETIN


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Selbst wenn Stefan Küng unterwegs ist, arbeiten Technik-Teams von Tudor Pro Cycling an seiner Performance weiter: mit einer massgenauen Puppe aus dem 3D-Drucker.

Auf dem Teide sind Anfang Saison auch andere Radprofis im Trainingslager, darunter Remco Evenepoel, der Olympiasieger und Weltmeister aus Belgien. Einer, der auf dem Rad Dinge tut, die für andere schlicht nicht möglich sind, und dem man das ansieht. Küng beobachtet ihn. Er ist einer, der immer auch auf die anderen schaut, der die Resultate der grossen Rennen auf Jahre zurück kennt, der weiss, was Evenepoel draufhat, was Mathieu van der Poel draufhat, was Tadej Pogačar draufhat. «Neun von zehn Mal», sagt Küng, «sind die besser als ich.» Er sagt es ohne Bitterkeit, ganz nüchtern. Und dann, nach einer kurzen Pause: «Aber beim zehnten Mal – da will ich zuschlagen.» THE RED BULLETIN

Es ist der Satz, der Stefan Küngs ganze Karriere beschreibt. Küng ist einer der besten Strassenradfahrer der Welt. Aber er hat das Pech, zu einer Zeit gut zu sein, in der es so viele Evenepoel-, Van-der-Poel- und Pogačar-Überflieger-Typen gibt wie vielleicht noch nie. Küng hat alles, was es braucht, um grosse Rennen zu gewinnen: die fahrerischen Skills, den Ehrgeiz, den leistungsfähigen Motor. Sein Körper, 1,93 Meter, 83 Kilogramm, ist für grosse Eintagesrennen gemacht, für die langen, zermürbenden Kämpfe auf Pflasterstein oder im Regen, für die Rennen, bei denen die Zähigkeit am Ende mehr zählt als die Explosivität. Er hat auch den Willen dafür – er hat nie ein Rennen aufgegeben, ausser er landete im Spital. Und er hat


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Einst eher Eigenbrötler, hat Stefan Küng seinen Platz in einem jungen, hungrigen Team gefunden.

Küngs Körper ist für Rennen gemacht, bei denen die Zähigkeit mehr zählt als die Explosivität. schon einige bemerkenswerte Erfolge gefeiert, war Europameister und WM-Zweiter im Zeitfahren, stand als Dritter auf dem Podest beim legendären Kopfsteinpflaster-Klassiker Paris–Roubaix. Aber der ganz grosse Wurf ist bisher ausgeblieben. «Darum haben die Leute das Gefühl, meine Karriere sei ein ‹Beinahe›», sagt er. «Du kannst natürlich immer davon träumen, Olympiasieger oder Weltmeister zu werden. Aber wenn du weisst, dass die Chance statistisch eins zu zehn ist, dann ist die Frage: Bist du in dem Moment bereit, wenn du tatsächlich die Möglichkeit erhältst? Wenn die Favoriten mal einen schlechten Tag haben, wenn bei ihnen etwas nicht funktioniert – dann muss ich zur Stelle sein.» Das ist seine Philosophie, die Philosophie eines Sportlers, der gelernt hat, die Realität anzuerkennen, ohne sich von ihr lähmen zu lassen. Und für dieses zehnte Mal hat er im Winter alles umgebaut. Nach sieben Jahren beim französischen Team Groupama-FDJ, das ihm Stabilität und gute Ergebnisse, aber nicht den Grosserfolg gebracht hatte,

­ nterschrieb Küng bei Tudor Pro Cycling, einem jünu geren, kleineren, vielleicht auch hungrigeren Team aus der Schweiz, gegründet und geführt von Fabian Cancellara, dem letzten Schweizer Weltstar dieses Sports. Es gab Leute, die das als Rückschritt lasen, als bequemen Rentenvertrag für den Herbst der Karriere. Es könnte falscher nicht sein. Für Küng war der Wechsel ein Zeichen, dass er es noch einmal richtig versuchen will. Bis der Vertrag unterschrieben war, hatte Cancellara ein halbes Jahr immer wieder Gespräche mit ihm geführt. Von aussen, sagte er ihm, wirke Küng bei Groupama-FDJ wie ein Eigenbrötler, wie ein Team im Team. Küng widersprach nicht: Tatsächlich hatte er sich eine Blase geschaffen, überzeugt, das sei der einzige Weg, auf diesem Niveau zu funktionieren. Es war effizient, aber auch erschöpfend, weil er dadurch mehr Verantwortung schulterte, als gut war. Auf besonders absurde Weise zeigte sich das an den Olympischen Spielen 2021 in Tokio: Küngs Mechaniker stand in der Nacht vor dem Zeitfahren viermal auf, um das Velo zu kontrollieren. Einfach um ­sicherzugehen – dass nichts verstellt war, dass alles stimmte. Küng selbst hatte in der Vorbereitung jeden Stein zweimal umgedreht. «Völlig gestört», sagt er heute und lacht. Aber damals war es nicht lustig. Im Zeitfahren verpasste Küng, angetreten als einer der Favoriten, die Bronzemedaille um 0,4 Sekunden – auf eine Renndauer von über 50 Minuten. Es war die grösste Enttäuschung seiner Karriere. Jetzt, bei Tudor, ist das anders. Hier gibt es einen Head of Innovation mit einer eigenen Abteilung, sieben Leute, von denen jede und jeder für einen eigenen Bereich zuständig ist. Aerodynamik, Ernährung, Material, Kleidung – für jede Frage gibt es AnTHE RED BULLETIN


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Die karge Landschaft des Teide hilft Stefan Küng bei der ­Konzentration.

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Höhentrainingslager: Was steckt dahinter?

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DER SAUERSTOFFTRICK

In der Höhe gibt es nicht weniger Sauerstoff, und trotzdem bekommt der Körper weniger – weil der Luftdruck tiefer ist. Darauf reagieren die Nieren: Sie schütten mehr EPO aus, das Hormon, das die Produktion roter Blutkörperchen ankurbelt. Mehr rote Blutkörperchen führt zu mehr Sauerstoff in den Muskeln führt zu mehr Leistung – das ist der Kreislauf. Der Körper wird stärker, indem er sich selbst rettet.

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DER MEERESHÖHENTURBO

Nach rund drei Wochen in der Höhe kehrt der Athlet zurück und profitiert von einer Art natürlichem BlutTuning. Die Muskeln werden nun besser mit Sauerstoff versorgt, man kann länger und härter fahren. Der Leistungsgewinn wird auf mehrere Prozent geschätzt, und der Effekt kann mehrere Monate anhalten.

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DER BERG-MÖNCH

In der Höhe trainiert man den Körper und auch den Kopf. Weit weg von Medienterminen, Wettkämpfen und Alltagsstress reduziert sich der Tag auf das Wesentliche: Trainieren, essen, schlafen. Und vielleicht ein bisschen Netflix.

LÄNGST STANDARD

Höhentraining ist im modernen Radsport kein Geheimtipp. Alle Radprofis absolvieren heute mehrere Blöcke von je rund drei Wochen pro Jahr in der Höhe. «Es gibt keinen, der das nicht macht», sagt Stefan Küng.

LIVE HIGH, TRAIN LOW

Das Problem des Trainings in dünner Luft: hochintensive Einheiten sind kaum möglich. Die Lösung heisst «live high, train low». Die Profis schlafen und leben auf über 2000 Metern – zum Beispiel auf dem Teide –, fahren für die ­harten Intervalle aber an die Küste hinunter.

TANZ AUF DER RASIERKLINGE

Wer auf 2000 Metern 200 Watt tritt, dessen Herz schlägt dabei rund 20 Mal pro Minute schneller als auf Meeresniveau. Ein kleiner Fehler in der Dosierung – zu viel Training, zu wenig Erholung –, und der Körper bricht ein, anstatt stärker zu werden. THE RED BULLETIN


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Küng ist ein Tüftler und Zahlennerd, der seinen Körper und sein Material mit Akribie optimiert.

sprechpartner. Das Team hat ein eigenes Büro im Windkanal in Silverstone, nicht im grossen Automobil-Tunnel, sondern im eigens für Radfahrer konzipierten Low-Speed-Tunnel. Das Team kann den Tunnel selbst betreiben, mit eigenen Technikern, mit eigener Analystin. Mit dem 3D-Scanner hat man eine massgenaue Puppe von Küng gebaut, und diese Puppe fährt, auf einem BMC-Velo montiert, immer dann durch den Windkanal, wenn Küng selbst nicht da ist. Was oft der Fall ist, weil er oft unterwegs ist. «Sie müssen nicht auf mich warten», sagt Küng. «Sie können permanent weiterarbeiten.» Das ist es, was er meint, wenn er sagt, er sei hier nicht mehr allein. Ja, Tudor und er hatten im Frühling 2026 wirklich an alles gedacht. Alles war vorbereitet, alles war optimiert. Aber dann kam der Sturz, Küng lag im Spital – und fragte sich: Will ich das überhaupt noch? Die Antwort kam schneller, als er erwartet hatte. Eigentlich noch in Gent, im Spital. Denn so tief die Frage ging – er konnte sie nur mit Ja beantworten. Er liebt diesen Sport. Nicht nur die Rennen, nicht nur die Momente auf dem Podest oder die Sekunde, in der sich entscheidet, wer gewinnt. Er liebt auch alles, was davor kommt. Die Stunden auf dem Velo, die Einsamkeit auf dem Teide, die Landschaften und Jahreszeiten. Einige Wochen nach dem Sturz erhebt er sich zu Hause in Frauenfeld mithilfe der Krücken, geht in die Küche, bereitet Kaffee zu und setzt sich dann wieder auf die Couch, das Bein hochgelagert. Man würde nicht vermuten, dass hier im Erdgeschoss dieses schlicht und schön eingerichteten Einfamilienhauses am Rand der Stadt einer der besten Radfahrer der Welt wohnt. Hier ist er nicht Profi, sondern Ehemann und Vater. Das Reich des Sportlers beginnt ein Stockwerk weiter unten, im Keller, wo er sich eine Werkstatt, einen Fitnessraum und eine Dusche eingerichtet hat. Dort steht auch der Schrank voller Rennkleider. Nur eine Sache hat es von unten nach oben geschafft, und auch die nur auf Wunsch von Küngs Frau: ein Pflasterstein, unauffällig im Wohnzimmerregal platziert, die Trophäe für Platz drei bei Paris – Roubaix 2022. «Den grossen Bruder davon», sagt Küng und schaut kurz rüber, «hätte ich irgendwann schon noch gerne.» Das wäre der zehnte Tag.

«Manchmal vertraue ich zu wenig auf meinen Instinkt. Aber wenn du im Flow bist, dann läuft es. Und du weisst gar nicht, warum.» THE RED BULLETIN

Oder kommt der zehnte Tag vielleicht früher, schon im September in Montréal? Küng weiss, was ihm – abgesehen von den Überflieger-Fahrern – im Weg steht. Es ist etwas Subtiles. Etwas im Kopf. «Ich bin zu rational», sagt er. «Zu ­berechnend. Ich fahre zu wenig all-in.» Er erzählt von der WM in Wollongong, Australien, 2022. Zeitfahren. Bei der letzten Zwischenzeit lag er klar in Führung, doch statt einfach genau gleich weiterzufahren, kam er ins Grübeln. Er versuchte, das Risiko zu minimieren, hielt sich auf einmal etwas zurück. Und am Ende war Tobias Foss, der hinter ihm gestartet war, schneller. «Das würde ich als meine grösste Schwäche bezeichnen», sagt Küng. «Dass ich zu wenig auf meinen Instinkt vertraue.»

Er entschied: all-in. Und gewann.

Dabei weiss er, wie es sich anfühlt, wenn er auf sein Inneres hört. An der Vuelta a España 2024 entschied er im abschliessenden Zeitfahren: all-in. «Entweder geht es auf», sagte er sich, «oder ich implodiere. Aber dann habe ich es wenigstens versucht.» Er fuhr los wie die Feuerwehr. Und gewann. «Wenn du im Flow bist», sagt er, «dann läuft es. Und du weisst gar nicht, warum.» Es klingt nach einer simplen Einsicht, aber für einen wie ihn, den Tüftler und Zahlennerd, der seinen Körper und sein Material mit Akribie optimiert – für diesen Mann ist das fast schon eine Revolution. Und jetzt also Montréal. Weltmeisterschaften. Wieder Zeitfahren. Es ist sein Rennen. Die Überflieger lassen sich nicht wegoptimieren, nicht wegtüfteln – wenn Evenepoel da ist und alles passt, gewinnt Evenepoel. Das ist die Realität. Aber Küng weiss auch: Irgendwann kommt der zehnte Tag, an dem eine Tür aufgeht. Was ihn bestärkt, ist die Erfahrung anderer Fahrer, die dieses Jahr nach längeren Verletzungen zurück­ gekehrt sind. Sie waren auf Anhieb wieder gut, sogar besser als zuvor, manche gewannen sofort grosse Rennen. Küng fragte sich, ob der erzwungene Stopp dem Körper vielleicht etwas gibt, das er im normalen Saisonrhythmus – vier, fünf Wochen Pause im Winter, dann sofort wieder Vollgas – kaum je bekommt: echte Erholung. Einen echten Reset. Im Juni gab er sein Comeback bei den Schweizer Meisterschaften. Im Juli war er drei Wochen im Höhentrainingslager in Tignes. Im August testete er seine Form bei der Polen-Rundfahrt. Neun von zehn Mal sind die anderen besser. Aber wenn der zehnte Tag kommt, dann wird ein ­anderer Stefan Küng am Start stehen. Einer, der nicht mehr jeden Stein zweimal umdreht. Einer, der sich selbst vertraut. Instagram: @stefankueng; @tudorprocycling


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«Beim zehnten Mal – da will ich zuschlagen.» Stefan Küng hat gelernt, auf den richtigen Moment zu warten. Das ist seine Philosophie.

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Wie die Schweizer Kite­ surferin Camille Losserand mit einem historischen Trick und mentaler Stärke Big-AirWeltmeisterin wurde.

LEBEN IM

AUFWIND THE RED BULLETIN


KITESURFEN Am Kitesurf-Spot Arte Vida in Tarifa nutzt Camille ­Losserand, 22, den Westwind Poniente für ihre Big-Air-­ Sprünge.

Text Samuel Waldis Fotos Samu Cárdenas THE RED BULLETIN


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KITESURFEN

Am 2. Juni 2023 sitzt Camille Losserand am Strand von Tarifa, am südlichsten Zipfel von Spanien. Auf die Kopfhörer hat sich die damals 19-jährige Kitesurferin den fast meditativen Song «Let It Happen» von Tame Impala gelegt. Vielleicht, um ihre Nerven zu ­be­ruhigen. Vielleicht, um noch tiefer in den Tunnel zu kommen, in dem sie sich befindet. Vielleicht, weil eine Songzeile vorwegnimmt, was jetzt gleich passieren wird: «Maybe I was ready all along.»

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Auf dem Weg zu ihren FreestyleFreunden: Camille liebt die Vibes am Strand.

och vier Kitesurferinnen kommen für den Weltmeistertitel infrage. Und gleich geht es los mit dem zwei­ ten Finallauf. Dem alles entscheidenden. Vor Camille liegt das Meer, über dem man an klaren Tagen die ­marokkanische Küste sieht, hinter ihr ein erster Lauf, mit dem sie sich in Führung gebracht hat. Noch kann alles passieren. Eine Strategie hat sie in diesem Moment nicht. Aber eine Idee. Sie will einen Front Roll Rodeo Contra Loop ver­ suchen, einen Trick, den sie noch nie zuvor geschafft hat. Dabei klemmt sie sich das Board zwischen die Beine, macht eine 360-Grad-Drehung, während sie den Kite eine 360-Grad-Rotation in die Gegenrich­ tung machen lässt. Keine Frau hat diesen Trick je in einem Wettkampf gestanden. Camille weiss das. Sie legt die Kopfhörer weg und hört ihren Trainer noch sagen: «Versuch es. Du hast nichts zu verlieren.» Dann klickt der Karabiner, mit dem sie den Kite am Gurt um ihre Hüfte festmacht, sie schnappt sich das Kiteboard und watet ins Meer. Es herrschen 25 Knoten Wind (circa 46 km/h), die Köpfe der Wellen brechen, Schaumflecken bedecken die Wasseroberfläche. Camille legt los. Sie steht den Trick, den sie noch nie gestanden hat, und ist zum ersten Mal Big-Air-Weltmeisterin. Heute sagt sie zu diesem Moment: «Ich hatte überall Hühnerhaut.» THE RED BULLETIN


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«Versuch es. Du hast nichts zu verlieren.» Den Trick, mit dem Camille Weltmeisterin wurde, hatte noch keine Frau vor ihr bei einem Wettkampf gestanden. THE RED BULLETIN


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KITESURFEN

the red bulletin: Camille, wie landet man im wichtigsten Wettkampf einen Trick, den man vorher noch nie gestanden hat? camille losserand: Ein Teil der Rota­ tion war mir vertraut. Ich wusste also, wie ich ungefähr vorgehen muss. Aber es war trotzdem neu. Ich war selbst überrascht, dass es funktionierte. Entscheidend war sicher, dass ich den Trick visualisiert hatte. Wie funktioniert die Methode des Visualisierens für dich? Ich gehe den Trick Schritt für Schritt durch. Ich sehe mich selbst, wie ich in die Rotation gehe, wie ich lande. Konsequent angewendet, ist es eine sehr starke Methode, mit der man mentale Barrieren überwinden und fast Unmögliches erreichen kann. Setzt du Visualisierungen auch sonst im Leben ein? Im Leben glaube ich vor allem an Mani­ festation. Wenn ich an etwas denke und meine ganze Energie hineingebe, dann weiss ich, dass ich es auf diese Weise erreichen kann. Auf Visuali­ sierung setze ich hingegen vor allem im Sport: beim Wellensurfen oder eben bei Tricks.

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n jenem Junitag im Jahr 2023 setzt sich ­Camille im WM-Final gegen drei Konkur­ rentinnen durch: eine Amerikanerin, eine ­Italienerin und eine Französin, alle drei aus Ländern mit Meerzugang. Camille ist dagegen in Lausanne geboren und ­aufgewachsen; an einem See zwar, aber ohne Meer. Hier in der Schweiz sind die Bedingungen für Kitesurferinnen alles andere als optimal. Weil nirgends kon­stante Winde herrschen und damit ein Training auf professionellem Niveau kaum möglich ist.

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Kopfsache: Bevor Losserand sich an einem neuen Trick versucht, visualisiert sie ihn.

Trotzdem ist Camille eine der besten Kitesurferinnen der Welt geworden. Sie ist Big-Air-Weltmeisterin 2023, Dritte der Kitesurf-Weltwertung 2024 und mehrfache Siegerin der spanischen Meisterschaften. Kitesurfen ist eine Mischung aus Surfen, Segeln und Gleitschirmfliegen. Die Athletinnen stehen mit den Füssen in Schlaufen auf einem Board, tragen um die Hüfte ein Trapez und steuern mit der Control Bar den Kite über sich. Die Wettkampfwelt ist zweigeteilt: in die Speed-Disziplinen, die olympisch sind, und die Freestyle-Disziplinen, die Ausdrucksseite des Kite­ surfens, in der Camille aktiv ist. Dass Camille in dieser Sportart so gut werden konnte, hat mit einem Entscheid in früher Jugend zu tun: dem Entscheid, nach Spanien auszuwandern.


TOPIC

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Losserand verstaut ihr Material im Van. Etwa die Hälfte des Jahres ist sie unterwegs – in der Schweiz sind die ­Bedingungen fürs Kitesurfen suboptimal. THE RED BULLETIN


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Kraft von oben: Der Kite verwandelt Wind in Zugkraft und trägt Losserand hoch über die Wellen.

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urz vor Covid zieht die Familie Losserand für ein Jahr nach Málaga. Von dort fahren sie an den Wochenenden nach Tarifa. Camille ist siebzehn, verbringt immer mehr Zeit auf dem Wasser, fährt erste Wettkämpfe, zuerst auch ­gegen Jungs, weil es kaum Mädchen gibt. Dann gewinnt sie bei den Frauen – und beginnt zu glauben, dass aus dieser Leidenschaft mehr werden kann. Nach Covid wird klar, dass die Schweiz dafür nicht reicht. Am Genfersee gibt es zu wenig konstanten Wind, zu wenig starke Tage und keine Wellen. Also stellt Camille auf Onlinestudium um und ­beginnt zu reisen: nach Ägypten, nach Tarifa, überallhin, wo die Bedingungen besser sind. Heute lebt sie ungefähr die Hälfte des Jahres nicht in der Schweiz, die meiste Zeit davon in Tarifa. Die ganze Familie teilt Kitesurfen als Sport und Leidenschaft. Deswegen bewohnen die Losserands in Tarifa ein Haus, zehn Minuten vom Strand entfernt, schon fast in den ­Bergen. Gerade nah genug am Meer, aber weit genug weg, um auch mal nicht an Kitesurfen denken zu müssen. Tarifa ist für Camille Trainingszentrum, Familienort und Szene zugleich: Viele Kiterinnen und Kiter verbringen Monate dort, sie trainieren zusammen, und sie leben zusammen. Von dieser Basis aus ist Camille in wenigen Jahren von einer Kitesurferin ohne Wettkampferfahrung zur Weltmeisterin geworden.

ROMINA AMATO

the red bulletin: Ist es in dieser kurzen Zeit immer nur nach oben gegangen? camille losserand: Nein. Vor ungefähr drei Jahren hatte ich eine schwierige Situation mit einer anderen Wettkämpferin. Sie spielte nicht wirklich fair, und sie versuchte, mich mental zu stören. Das war hart für mich. Es lief vieles gleichzeitig, und ich musste ­lernen, damit umzugehen. Was hast du gemacht? Ich begann mit einer Mentaltrainerin zu arbeiten. Das half mir sehr. Sie ist aus der Schweiz, ich konnte in meiner Muttersprache Französisch mit ihr sprechen, und sie kennt den Sport ziemlich gut. So war es einfach für mich, offen zu reden.

In Lausanne aufgewachsen, zieht es Camille immer wieder an die Schweizer Seen, hier an den U ­ rner­ see. Heute lebt und trainiert sie die Hälfte des Jahres in Tarifa.

Was hat sich dadurch verändert? Ich begann wieder mehr auf mich selbst zu schauen. Und darauf, warum ich überhaupt auf dem Wasser bin: weil es meine Leidenschaft ist. Wenn ein Wettkampf nicht gut läuft, dann ist der nächste eine neue Chance.

Camilles ganze Familie teilt Kitesurfen als Leidenschaft. Zusammen bewohnen sie ein Haus, zehn Minuten vom Strand entfernt. THE RED BULLETIN


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KITESURFEN TOPIC

SNAPSHOTS

Lieblingsorte, Familienmomente und Meilensteine: fünf Bilder aus Camilles Leben.

Windspiel

Freestyle

«Im Norden Deutschlands, kurz vor einer Etappe der World Tour. Es ist die einzige Etappe, bei der wir Freestyle fahren, meine ­Lieblingsdisziplin.»

Family Time

«Wir waren Anfang 2025 zusammen als Familie in New York. Es war eine Reise, von der wir schon lange geträumt hatten. Ich war glücklich.»

THE RED BULLETIN

Camille im Februar am Arte Vida Beach in Tarifa. Fotograf Samu Cárdenas erinnert sich gut daran: «Es war ein wilder Tag mit kräftigem Wind, Regen, tief hängenden Wolken und meter­ hohen Wellen – perfekt für eine dramatische Stimmung.»


COURTESY OF CAMILLE LOSSERADND, SAMU CÁRDENAS

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Frieren in Island

«Eine sehr besondere Reise, die für immer in meinem Herzen bleiben wird. In Island kiten zu können und dieses Land zu entdecken, war eine unglaubliche Erfahrung. Es war ­allerdings ziemlich kalt, haha.»

Second Home: Tarifa

«Dieses Foto zeigt mich in Tarifa mit meinen Hündinnen. Ich war ­gerade erst aus der Schweiz zurück­gekommen, mit meinen aller­ ersten Red Bull-Caps. Es ist ­eines meiner Lieblingsfotos.»

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Wasser, sagt Camille, bedeute Freiheit. Und der Wind ist die Energie. Diese braucht sie, um abzuheben. THE RED BULLETIN


KITESURFEN

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Weitere Welt­meister­ titel sind Camille Losserands Ziel. Ebenso wichtig: den Moment geniessen und Freude am Sport bewahren.

the red bulletin: Camille, was willst du als Sportlerin noch erreichen? camille losserand: Ich habe mehrere Ziele. Dazu gehört, dass ich wieder Weltmeisterin werden will. Aber ehrlich gesagt will ich nicht nur an solche Ziele denken. Ganz unabhängig von Resultaten will ich zum Beispiel im Wave-Kiten dazulernen. Und ich möchte an Spots reisen, an denen noch kaum jemand gekitet ist – vielleicht sogar niemand.

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ie Mentaltrainerin bringt Camille also nicht dazu, härter zu werden im Wettkampf und so ihre Blockade zu überwinden. Vielmehr soll sie sich vom Resultat und von der Konkurrenz­ situation wegbewegen und wieder in jenen Zustand kommen, der sie zu diesem Sport gebracht hat. ­Zurück in den Wind. Zurück auf das Wasser. Wasser, sagt Camille, bedeute Freiheit. Wenn sie schlecht gelaunt ist, hilft es ihr, im Wasser zu sein, und sei es nur beim Schwimmen. Das Element kläre ihren Kopf. Wind, sagt Camille, bedeute Energie. Diese braucht sie, um abzuheben und in der Luft ihre Tricks zu zeigen. Wasser und Wind, Freiheit und Energie. Das sind die Elemente von Camille, der Sportlerin. Für manch hochtalentierte Anfangszwanziger reicht es, das Glück mit diesen Elementen abzustecken. Aber ­Camille denkt weiter.

Warum ist dir dieses Entdecken wichtig? Ich möchte vor allem andere Kiterinnen und Kiter inspirieren, rauszugehen, zu entdecken, Zeit auf dem Wasser zu verbringen und Freude zu haben. Und was willst du als Mensch erreichen? Ich will präsent sein und geniessen, was ich mache. Ich will Zeit mit meiner Familie verbringen, geerdet bleiben und nicht nur darüber nachdenken, was ich noch erreichen will. Aber Kite­ surfen bleibt im Zentrum. Am Ende ist es das, was ich liebe. Und immer, wenn ich eine kleine Pause einlege, merke ich: Ich muss zurück aufs Wasser. Es ist ein Bedürfnis. Instagram: @camille_losserand THE RED BULLETIN


FLÜÜÜGEL MIT UND OHNE ZUCKER.


CHRISTOPHER LANAWAY

GUIDE

Reise / Musik / Mindgame / Events – und jetzt du!

FEUER UND SCHOTTER

Gravel-Bikepacking durch Småland, Schweden THE RED BULLETIN


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REISE/

HUNGRIG NACH WILDNIS 200 Kilometer mit dem Gravelbike durchs schwedische Småland, und das in 48 Stunden. Abenteuerjournalist Matt Ray testet seine ­Bushcraft-Skills, doch das Abend­essen wird zur Herausforderung.

Unter meinen Reifen knistert das Laub. Halb benommen vor Hunger halte ich mich kaum im Sattel, die Beine weich wie Teig und schwer wie Blei. Das voll bepackte Gravelbike und der verwinkelte Singletrail haben mich ausgelaugt. Seit zwölf Stunden lebe ich von gefiltertem Wasser und ein paar Haferflocken. Nicht einmal die lodernden Herbstfarben Smålands können meine Stimmung heben. Meine Angelversuche sind gescheitert, vor mir liegen eine Nacht unter freiem Himmel, 115 Kilometer auf dem Bike und viele Höhenmeter. Selbst schuld: Ich habe mir 200 Kilometer durch diese abgelegene Waldwildnis verordnet – zu schaffen in 48 Stunden. Dabei will ich meine Skills als Bushcraft-Rookie testen: wild campieren und mir – bis auf einen kleinen Vorrat Haferflocken – Nahrung und Wasser selbst beschaffen. Als Prüfgelände dienen die endlosen Kiefernwälder und Seen von Småland im Südosten Schwedens. Die Region, fast so gross wie Belgien, zählt mehr als 5.000 Seen. Ihre Wälder sind durchzogen von Schotterstrassen für Holztransporter und Singletrails, die man sich mit ­Hirschen, Elchen und sogar Wölfen teilt. Das Terrain ist wie gemacht fürs Graveln, das schwedische Recht erlaubt freies Campieren. Zwölf Stunden zuvor, beim Aufbruch im Städtchen Eksjö, lag goldenes Licht auf dem feinen Schotter. »Champagne Gravel« nennen ihn Gravel-Fahrer.

Kein Weiter mehr

ZÜNDENDE IDEE Mit Birkenrinde und Feuerstahl gelingt Ray ein wärmendes Feuer. THE RED BULLETIN

CHRISTOPHER LANAWAY

Der kalte Wind in meinem Gesicht ist der erste Atemzug des kommenden Winters. Mit jedem Kilometer tauche ich tiefer in das Abenteuer ein. Irgendwann gibt es keinen Weg mehr zurück, nur noch nach vorn. An einem See, dessen Wasser im Sonnenuntergang glüht, pumpe ich


GUIDE

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AUTOR RAY AM BIKE Smålands weite Wälder prägten die Trollbilder des schwedischen Künstlers John Bauer und inspirierten viele Geschichten der hier aufgewachsenen Kult-Autorin Astrid Lindgren.

» Die Wälder sind durchzogen von Schotterstrassen für Holztransporter und Singletrails, die man sich mit H ­ irschen, Elchen und sogar Wölfen teilt. « Trinkwasser und werfe meine feder­ leichte Teleskoprute aus. Der Rhythmus von Auswerfen und Einholen beruhigt die Seele, nicht aber den knurrenden Magen: Die Fische wollen nicht beissen. Mein Guide und Fotograf Chris Lanaway und ich fahren einfach weiter, vorbei an ver­ steckten Seen und Felsen unter Kiefern­ dächern. Als das letzte Licht erlischt, gibt es kein Weiter mehr: Ein Sturm hat den Weg versperrt.

Eine kalte Nacht

SICHERES NACHTLAGER Schlafplatz zwischen Kiefern neben dem See Åsjön.

Wir schleppen die Räder über umge­ stürzte Stämme, verkeilte Äste und geborstene Stümpfe. Der Wald sieht aus wie das Werk eines wütenden Trolls – schwedische Folklore in echt. Gegen die Elemente haben wir keine Chance. Wir suchen einen geschützten Lagerplatz am See und mustern die Kiefern ringsum, THE RED BULLETIN


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Travel-Tipps Schotter satt Das schwedische Småland ist ein Paradies für Gravelbiker: end­lose Schotterstrassen, ­Lagerplätze an unzähligen Seen, ­mythische Wälder. Flieg nach Göteborg und fahr mit dem ­Miet­wagen nach Eksjö, dem Startpunkt vieler Gravelbike-Touren. Basislager in Eksjö Im historischen Eksjö Stadshotell übernachtest du stilecht, bevor es hinaus in die Wälder geht. visitsmaland.se

um nicht unter einer zu schlafen, die der Sturm in Schräglage gedrückt hat. Mit knurrendem Magen ins Bett zu gehen, ist nie angenehm. Hier draussen ist es jedoch richtig gefährlich: Was, wenn ich morgen früh keine Kraft zum Weiterfahren habe? Nach Einbruch der Dunkelheit sinkt die Temperatur. Sobald ich mich ein paar Meter vom Feuer entferne, kriecht mir die Kälte in die Knochen. Ich schlüpfe in den Schlafsack und ziehe die Daunenjacke enger um die Schultern.

RAUES REVIER Ray kämpft sich Meter für Meter über Stock und Stein.

THE RED BULLETIN

CHRISTOPHER LANAWAY

Am Morgen brennt die Sonne den Frühnebel vom See, während wir zum Runkesten hinauffahren, einem Wahrzeichen dieser Wälder: Der zehn Meter lange, rund geschliffene Felsblock balanciert auf einer felsigen Kuppe, weit und breit ist kein echter Berg zu sehen. Die Wissenschaft sagt, ein Gletscher habe ihn vor 10.000 bis 12.000 Jahren hier hinterlassen. Die Legende dagegen sagt, es war ein Riese. Nach dem kulinarisch kargen ­Vortag liefert der Runkesten immerhin Essbares: Auf ihm wächst Engelsüss, ein Farn, dessen Wurzel zart nach Anis schmeckt und gut zu Fisch passen würde – vorausgesetzt, ich fange einen. Der Wald schliesst sich um uns zu einer dunkelgrünen Kulisse, Kilometer für Kilometer sammelt sich das Laktat in meinen Beinen. Smålands Schotterstrassen wurden nicht für Gravelbiker angelegt, sondern von den Rädern

MATT RAY

Das Ende der Pechsträhne

GEDULDSSPIEL Angeln mit Teleskoprute. Doch die Barsche beissen nicht.


GUIDE

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Besser leben beim Überleben Die Survival- und Bushcraft-Experten von All In Nature Sweden ­teilen ihr Wildnis-­ Wissen mit uns.

Wärme zuerst «Ohne Wasser überlebst du drei Tage. Das Wichtigste in der Wildnis sind Feuer und Unterschlupf. Denn Unter­ kühlung tötet innerhalb von Stunden.» Kienholz ernten «Die Stümpfe gefällter Kiefern laufen mit Harz voll und verrotten von aussen nach innen. Übrig bleibt hochentzündliches Kernholz, das man mit dem Messer zu Spänen flockt: ein grossartiger Feuer­ anzünder.» Erst filtern «Wasser vor dem Trinken immer von Bakterien und Viren befreien: filtern, Entkeimungstabletten verwenden oder abkochen. Im Notfall kannst du sogar eine Plastik­ flasche mit Wasser direkt ins Feuer legen und aufkochen. Keine Angst, sie schmilzt nicht, das ist Physik!» allinnature.se

«Essen in der Natur besorgen zu müssen, erdet und belebt zugleich.»

schwer beladener Holztransporter plattgewalzt. Der Champagner-Schotter ­verführt zu ehrgeizigen Tagesdistanzen. Doch auf dem hügeligen, schmalen Waldtrail holpert mein Vorderrad über Rillen und Wurzeln. Ein paar steile Meter rauf, wieder runter, enge Kurven zwischen mannsdicken Bäumen: Jeder Meter will erarbeitet werden. Ich frage mich, ob ich es überhaupt zurück auf die glatten Gravel-Highways von gestern schaffe. Dann fällt ein Sonnenstrahl auf einen von Moos und Farn bewachsenen Felskoloss, der dasitzt wie ein schlafen-

der Troll. «Hier gibt es Beeren!», ruft Lanaway. Obwohl es spät in der Saison ist, bedecken Preiselbeer- und Heidelbeersträucher den Boden. Die Beeren schmecken wie ein Festmahl.

Feuer, Fisch und Nordlicht

Mit erholten Beinen und dunkelblauer Zunge kommen wir gut voran. Am See von Storebro werfen wir erneut die Angel aus. Die geschützten Buchten verspre­ chen beissfreudige Fische, und diesmal wird unsere Geduld belohnt. Ich fange einen Barsch. Seine Schuppen blitzen in

KÜCHE Preiselbeeren als Abendessen.

der Sonne wie Smaragde. Ich baue eine hufeisenförmige Feuerstelle aus einem grossen flachen und einem Ring ­kleinerer Steine. Der flache Stein verhindert, dass sich das Feuer unterirdisch durch Baumwurzeln frisst. Ich schneide ein handgrosses Stück Birkenrinde ab, schabe Späne von der silbrigen Aussenseite, lege Splitter von harzgetränktem Kienholz dazu und jage mit dem Feuerstahl Funken in den Haufen. Ich schichte Holz nach, spitze einen Stock an, filetiere den Barsch und brate ihn über der offenen Flamme. Es ist eine überraschend leckere und sättigende Mahlzeit. Später koche ich im Lager auf der Hügelkuppe die Preiselbeeren zu Lingonsylt ein, schwedischer Preiselbeermarmelade, und giesse sie über den Porridge. Es schmeckt grossartig. Welten entfernt von dem Brei, den ich 24 Stunden zuvor hinuntergewürgt habe. Das eigene Essen zu finden und sich aus ­eigener Kraft fortzubewegen, erdet und beflügelt zugleich. Plötzlich flackert der Himmel. Rote und grüne Vorhänge aus Nordlicht wehen durch die Nacht: Die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Pracht. Am nächsten Morgen überzieht ­Raureif mein Rad. Die Wärme meiner Hände schmilzt die Griffe frei. Es kann losgehen in die letzten Stunden dieses Abenteuers. Matt Ray ist Abenteuer- und Reisejournalist und immer auf der Suche nach der nächsten Mission in der Wildnis. Vorschläge willkommen! Insta: @adventurefella; adventurefella.com THE RED BULLETIN


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GUIDE

MUSIK/

FEINSCHLIFF

Mit «LA FIEV», seinem Debüt­ album, hat Mairo Anfang 2025 den Durchbruch geschafft. Mittlerweile gilt der Genfer als eine der wichtigsten Stimmen der Schweizer Rap-Szene. «J’pop une ’teille à ma santé, j’ai passé des années à patienter» («Ich stosse auf mich an – ich habe Jahre darauf gewartet»), rappt ­Mairo im Song «Parc des Sourds» auf seinem neuen Album «BLISS», das er gemeinsam mit dem Belgier neophron produziert hat. Eine Zeile, die seinen Werdegang auf den Punkt bringt: Der 31-jährige Genfer hat einen Gutteil seiner bisherigen Karriere damit verbracht, an seinen Texten zu feilen. Aufgewachsen mit Rap und geprägt vom Kollektiv SuperWak Clique, arbeitet er ebenso akribisch im Studio wie auf der Bühne – immer auf der Suche nach dem perfekten Ausdruck. Rund zehn Projekte hat er bereits veröffentlicht, seine Konzerte sind regelmässig ausverkauft. Spätestens mit ­seiner 51-minütigen Solo-Freestyle-Session bei Grünt – der längsten in der Geschichte des Formats – machte Mairo deutlich, warum er weit über die frankophone Rapszene hinaus als Ausnahmetalent gilt. Hier sind vier Tracks, die einen festen Platz in seiner Playlist haben. MESSERSCHARF. Ein guter Flow und bis ins Detail durchgeschliffene Rhymes – so klingt Mairo, wenn er loslegt.

Cham

The Streets

Lil’ Kim

Earl Sweatshirt

«Mit diesem Song in den ­Ohren bin ich aufgewachsen. Ich hatte ihn im Kopf, noch bevor ich überhaupt wusste, was Rap ist, oder mich dafür interessierte. Es ist einer der grossen Hits meiner Kindheit – ein Song, der mich jedes Mal direkt in diese Zeit zurückversetzt.»

«Diesen Song habe ich erst dieses Jahr entdeckt, aber er klingt für mich noch immer einfach unglaublich fresh. The Streets waren ihrer Zeit wirklich ­voraus – mit einer damals v ­ öllig neuen Art, Rap neu zu denken. Seitdem läuft dieser Track bei mir in Dauerschleife.»

«Ich erinnere mich noch, wie wir uns diesen Track zu Zeiten der Sony-Ericsson-Handys gegenseitig geschickt haben. Mein Bruder hat ihn mir ­damals zum ersten Mal vor­ gespielt. Lil’ Kim ist eine Queen, und dieser Song ist für mich bis heute mit vielen Erinnerungen verbunden.»

«Das ist mein Lieblingssong meines Lieblingsrappers! Earl Sweatshirt begleitet mich schon lange, aber seit rund einem Jahr höre ich wirklich alles, was er veröffentlicht. Er ist seiner Zeit immer voraus – sowohl in seinem Schreiben als auch in seinen künstle­ rischen Entscheidungen.»

THE RED BULLETIN

It’s Too Late (2002)

Lighters Up (2006)

WELL DONE! (2025)

FRANCOIS GRAZ

Ghetto Story (2006)

LÉA ESMAILI

«BLISS» ist auf allen gängigen Streamingplattformen verfügbar. Instagram : @mairoxtrm


ADVERTORIAL

VOLLE LADUNG SOMMER Wie Red Bull, Emil Frey Ebikon und der neue Leapmotor B05 das Lido Luzern elektrisieren. Wenn am 29. August das Lido Luzern zum Hotspot für Sommer-Lifestyle und ­erstklassige Unterhaltung wird, stehen drei starke Partner im Rampenlicht: ­Während die Red Bull Navigators für ein ­einzigartiges Event-Erlebnis sorgen, ­prä­sentieren Emil Frey E ­ bikon und der neue Leapmotor B05 die ­automobile Zukunft. Red Bull steht weltweit für Energie, Kreativität und unkonventionelle Erlebnisse – Werte, die sich in der Philosophie von Leapmotor spiegeln. Als offizieller Carpartner bringt die Tech-Marke mit dem brandneuen B05 ein echtes Highlight an den Vierwaldstättersee: Progressives Design trifft auf dynamische, rein elektrische Performance. Für die Umsetzung vor Ort sorgen die regional verwurzelten Partner Emil Frey Ebikon ­sowie Kriens und Sihlbrugg. Das Traditions­ unternehmen bringt den B05 direkt zu den Menschen in der Zentralschweiz – mit Schweizer Service, langjährigem Vertrauen der Kundschaft und einem geschulten Blick für kommende Trends. So entsteht eine ­Brücke zwischen globaler Innovationskraft und lokaler Verankerung.

© LEAPMOTOR

Für das Publikum im Lido Luzern wird diese Partnerschaft greifbar. Während Red Bull

für beste Unterhaltung und eine entspannte Atmosphäre sorgt, definiert der Leapmotor B05 intelligenten Komfort und urbanen ­Lifestyle neu. Präsentiert wird er direkt vor Ort vom Team von Emil Frey Ebikon, bei dem Vorbeischauen doppelt lohnt: das neue ­Modell hautnah erleben und dabei attrak­ tive Preise gewinnen.

COUPÉ-ENERGIE IN TOPFORM SPORTLICHE ­PROPORTIONEN UND EINE MODERNE FORMSPRACHE MACHEN DEN NEUEN LEAPMOTOR B05 ZUM BLICKFANG.

Am 29. August treffen Unterhaltung, automobiler Lifestyle und Schweizer ServiceExzellenz im Lido Luzern aufeinander. Ein Sommertag, der zeigt, wie viel Energie ­entsteht, wenn drei starke Partner an einem Strang ziehen. leapmotor.net/ch-de DAS COCKPIT FOLGT EINEM REDUZIERTEN, KLAREN DESIGNPRINZIP: SCHWEBENDES ­ZENTRALDISPLAY MIT 14,6 ZOLL, DIGITALES 8.8ZOLL-FAHRER­ DISPLAY UND ­MINIMALISTISCHE PHYSISCHE TASTEN.


GUIDE

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MINDGAME/

PACK’S AN!

Willkommen zu einer Rätsel-Challenge, die deine mentale Fitness trainiert. Dieses Mal: Schieb die Steine ins Ziel.

DIE AUFGABE

X-Faktor mal anders: Beide Steine müssen auf je ein X. Bewegen kannst du sie nur, indem du sie frontal schiebst. Nicht möglich ist es, Steine zu ziehen oder zwei zusammen zu schieben. Deine Figur selbst kann sich über alle unverstellten Flächen bewegen, aber nicht über Steine springen.

PFEFFERMIND

BRATISLAV MILENKOVIĆ

1. LEICHT

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2. SCHWER

3. IMPOSSIBLE

Scan den QR-Code, um zur Lösung des Rätsels zu gelangen.

THE RED BULLETIN


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ADVERTORIAL

UHREN/

MUT ZU FARBE

Im Kaliber MT5813, dem mechanischen Uhrwerk mit Stopp­ funktion, arbeitet eine vertikale Kupplung. Sie sorgt dafür, dass der zentrale Stopp­ sekundenzeiger beim Start der Zeitmessung sauber anläuft, ohne zu springen.

THE RED BULLETIN

Gelb und Schwarz, Stoppuhr und Taucheruhr: Die Black Bay Chrono 39 «Bumblebee» spielt mit Gegensätzen. Das gelbe Zifferblatt mit schwarzen Hilfs­ anzeigen sorgt für gute Ab­les­ barkeit. Die Tachymeter-Skala auf der Lünette ist fürs Messen von Geschwindigkeit gedacht; die eckigen «Snowflake»-Zeiger stammen aus Tudors Taucher­ uhren-Tradition. Mit 39 Milli­ metern Durchmesser und nur 13,1 Millimetern Höhe ist die Uhr sportlich und angenehm tragbar. CHF 5 500, tudorwatch.com

TUDOR

Mit der Black Bay Chrono 39 «Bumblebee» bringt Tudor einen sportlichen Chronographen an das Handgelenk, der ins Auge fällt.


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GUIDE

EVENTS/

HIGH ENERGY

Viel Sport, gute Musik und feinste Unterhaltung: Mit diesen Events verlängerst du deinen Sommer!

25. Oktober

Bikepark Closing feat. Red Bull Zum Saisonfinale dreht der Bikepark Morgins noch einmal richtig auf: Am 25. Oktober stehen die letzten Runs des Jahres, ein DJ-Set vom Red Bull Event Car und Grilladen auf dem Programm. Ob staubig oder schlammig – Hauptsache, die Trails bekommen noch eine ordentliche Portion Action ab. Wer nicht selbst fährt, kommt einfach wegen der Musik und der guten Stimmung!

30. August

Europas beste Rapid-Surferinnen und -Surfer kommen in der OANA Ebikon zur ­ersten offiziellen Europameisterschaft ihrer Disziplin zusammen. Anders als beim klassischen Surfen findet der Wettkampf nicht im Meer, sondern auf einer künstlich erzeugten stehenden Welle statt. Nach nationalen Bewerben wie dem auf dem Foto gezeigten OANA Open 2025 wird nun erstmals um den Europameistertitel gesurft. Spannung und spektakuläre Manöver garantiert! Infos: eurorapidsurf.org

Seit 29 Jahren bringt «100 % HipHop» Lausanne zum Tanzen: Performer aus der ganzen Schweiz treffen sich im Théâtre de Verdure zu Breaking- und Hip-Hop-Battles, Shows, Workshops und MC-Performances – bei freiem Eintritt. In der Jury sitzen unter anderem B-Girl Carito aus Argentinien sowie Sheila, Tutur und Zax, allesamt Gewinner oder Finalisten von Red Bull Dance Your Style Switzerland. Instagram: @jdsevents

4.

9.

SGRAIL78 Silvaplana

HYROX Genf

bis 27. September

Euro Rapid Surf 2026

bis 6. September

Eine spektakuläre Bergkulisse, anspruchsvolle Strecken und ein vielfältiges Rahmenprogramm prägen die zweite Ausgabe von SGRAIL78 in Silvaplana. SGRAIL steht für Schwimmen, Graveln und Trail ­Running – ein Triathlon-Wochenende, bei dem das Erlebnis genau so viel zählt wie das Ergebnis. sgrail.country/silvaplana THE RED BULLETIN

bis 11. Oktober

HYROX kehrt nach Genf zurück: Erstmals erstreckt sich das FitnessRace über drei Tage. Gleichzeitig fällt der Startschuss für die neue Saison, Genf ist damit die erste ­Station im nationalen Tourkalender. Beim HYROX wechseln sich Laufrunden und Workouts wie Rudern oder Schlittenziehen ab. Ob allein, im Doppel oder als Staffel: Gefragt sind Ausdauer, Kraft und ein langer Atem. hyroxdach.com

ONDREJ KOLACEK, SGRAIL

23.

100 % Hip-Hop


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29.

September

«Häsch nid gseit!» Die rasante Frage-Antwort-Comedy-Show geht in die zweite Staffel – und alles wird grösser! Zum Tourstart im Casino­ theater Winterthur führt Julia Steiner als Host durch den Abend. Mit dabei: die Comedians Frank Richter, Judith «Streusel» Erdin und Jozo Brica. Neue Games sorgen für überraschende Momente! Infos: haeschnidgseit.ch

3. September

Beach Sisters Die neue sechsteilige Dokumentarserie «Beach Sisters» ­begleitet die Schweizer Beachvolleyball-Schwestern Anouk (links) und Zoé Vergé-Dépré durch ihre erste gemeinsame ­Saison als Team. Zwischen Training, Turnieren und Familienleben verfolgen die beiden ein grosses Ziel: die Olympischen Spiele 2028. Die Koproduktion von Sky Schweiz und SRF zeigt den Weg dorthin. Sehr persönlich. Zu sehen auf Sky Show.

12. LITTLE SHAO, MURIEL FLORENCE RIEBEN

und 13. September

Groove Session

Zum zehnten Mal bringt die «Groove Session» internationales Breaking nach Neuenburg und feiert ihr Jubiläum mit dem grössten Breaking-Event der Schweiz. Hochkarätige Battles, künstlerische Performances und Aktivitäten für die ganze Familie treffen dabei auf ein besonderes Konzept: Internatio­nale Brea­ king-Stars bilden gemeinsam mit jungen Talenten ein Team. groovesession.ch

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THE RED BULLETIN Schweiz ISSN 2308-5886 Chefredakteurin Schweiz Anna Mayumi Kerber Redaktion Lisa Hechenberger Christine Vitel Country Project Management Meike Koch Media Sales & Partnerships Christian Bürgi (Ltg.) Marcel Bannwart Lauritz Putze Michael Wipraechtiger Abo getredbulletin.com abo@ch.redbulletin.com Jahresabo 6 Hefte CHF 20.– Druck P/mint Sp. z o.o. ul. Pułtuska 120 07-200 Wyszków, Polen Offenlegung gemäss § 25 Mediengesetz Informationen zum Medien­­inhaber sind ständig und unmittelbar unter folgender Web-Adresse auffindbar: redbull.com/im/de_AT THE RED BULLETIN Deutschland ISSN 2079-4258 Chefredakteur Deutschland David Mayer Redaktion Lisa Hechenberger Country Project Management Natascha Djodat THE RED BULLETIN Frankreich ISSN 2225-4722 Chefredakteur Frankreich Pierre-Henri Camy Redaktion Marie-Maxime Dricot Christine Vitel Country project management Louise Hebbinckuys THE RED BULLETIN Grossbritannien ISSN 2308-5894 Chefredakteurin Grossbritannien Ruth McLeod Country Project Management Ollie Stretton THE RED BULLETIN Österreich ISSN 1995-8838 Chefredakteurin Österreich Nina Kaltenböck Redaktion Lisa Hechenberger Country Project Management Julian Vater

THE RED BULLETIN


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ON A POSITIVE NOTE

Hier schreiben Schweizer Literaturtalente über Themen, die sie bewegen – und liefern ihren positiven Spin dazu.

Sarah Gysler: Was mich die Leinwand gelehrt hat

THE RED BULLETIN

EMMENEZ-MOI

mich auf einem grossen wasserdichten Sitzkissen direkt am Meer nieder. Möwen passierten die Leinwand. Der Film war schwarz-weiss, doch der Himmel strahlte violett. An die Geschichte des Films erinnere ich mich nur vage. Ich weiss aber noch, dass sich Bogart und Bergman zum Schluss trennen und mich ein Ende noch nie so sehr mitgenommen hat wie dieses. Ich stand da, ergriffen, und rief lauthals, dass der (verstorbene) Regisseur die (verstorbenen) Drehbuchautoren sowie die Schauspieler (auch bereits alle tot) herbeirufen solle, um dem Film ein anderes Ende zu geben – für

KORNEL STADLER

A

us einer – nicht erwiderten – Liebe zum Segeln habe ich das SchwarzWeiss-Kino für mich entdeckt. Es war im Sommer, als wir mit Freunden entlang der marokkanischen Küste segelten. Von der Camargue aus ging es zunächst nach Rabat, dann nach Casablanca. Unweit des Hafens, wo wir ein paar Tage vor Anker liegen wollten, gab es ein Freiluftkino. An einem der Abende wurde «Casablanca» von Michael Curtiz gezeigt. «Casablanca» in Casablanca – was für eine Gelegenheit! Ich hatte noch nie einen Film aus der Zeit vor den Neunzigern gesehen, geschweige denn von 1942! Ich hatte auch noch nie von Humphrey Bogart, einem Borsalino oder von Ingrid Bergman und ihren tränenerfüllten Augen gehört. Ich liess


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mich. Mein emotionaler Ausbruch war geradezu absurd. Alle um mich herum fühlten sich durch mich gestört. Es war meine erste cineastische Empörung dieser Art. Damals war ich vierundzwanzig Jahre alt. Im Jahr darauf hat mich eine – noch immer un­ erwiderte – Liebe zu einem Mann dazu gebracht, mich eingehender mit dem Kino zu beschäftigen. Er war klein, blass, speziell und brillant. Er war vom Kino begeistert. Ich kannte nur «Casablanca» und dessen Ende, das ich weiterhin nicht akzeptieren konnte. Ich wohnte bei meinem Vater, der stets früh zu Bett ging und einen riesigen Fernseher im Wohn­ zimmer hatte. Jeden Abend schaute ich mir dort auf Arte einen Film an. Da kam einiges zusammen. Filme, in denen sich jemand dabei verliebte, einer Person beim Rauchen in einer Küche zuzusehen, und allerlei anderes Zeug. Dokumentationen über Architekten, die ihr ganzes Leben einem einzigen Stuhl gewidmet haben. Oder Filme, in denen der ­Abspann lang war, sehr lang. Eines Abends lief «Die Wahrheit» von HenriGeorges Clouzot. Ein Film, der alles verändert hat. Seitdem verteidige ich meine Schwarz-Weiss-Filme wie andere ihre in Farbe: diese Darstellung der Schauspieler, ihre Bewegungen, die Dialoge, die man am liebsten aufschreibt, um sie auswendig zu lernen und zu bewahren, um sie vielleicht eines Tages in Gott weiss welcher heiklen Debatte hervorzuholen. Diese figurbetonten Kleider von Brigitte Bardot, ihre langen Haare, ihre Art zu leiden und ihre Gabe, schön und frei und manchmal grausam zu sein. Die­ ser Sami Frey, klein, blass, speziell, brillant, dessen Porträt noch lange Zeit gerahmt in meinem Bade­ zimmer hängen wird. Diese Langsamkeit bestimmter Szenen – nicht langweilig, sondern voller Intensität. In einer Epoche, die ich selbst nicht erlebt habe – die 60er-Jahre in Paris. Sie wird erzählt oder eher gezeigt. Damals war ich noch nicht auf der Welt, und auch von meinen Eltern gab es nur die eine Hälfte. Zwei Stunden lang bin ich in diese Zeit eingetaucht. Da wurde mir bewusst, dass Kino mehr sein kann als primitive Unterhaltung oder eine Möglichkeit, mit jemandem anzubandeln (selbst wenn es von Erfolg gekrönt ist). Dass man es ganz ungezwungen lieben kann, mit etwas Neugier, Geduld und der Bereit­ schaft, auch den einen oder anderen Schundfilm in Kauf zu nehmen. Das war vor sieben Jahren. Seitdem habe ich unzählige Filme gesehen, die meisten davon in enger und ersehnter Zweisamkeit. In meinen Zwanzigern bin ich zweimal um die Welt gereist, habe Hunderte Bücher gelesen, habe selbst zwei geschrieben, habe tiefe Freundschaften erlebt sowie Liebe, Trauer und Wahnsinn. Ich habe eine ganze Menge Menschen kennengelernt. Trotz­ dem aber hat mich das klassische Kino am meisten geprägt. Ich glaube, das wenige, was ich über das Leben weiss, habe ich dem klassischen Kino zu verdanken.

« Alles ist bereits erlebt und auf Zelluloid fest­gehalten worden. In einer von Farbe übersättigten Welt beruhigt mich dieses Schwarz-Weiss.» Zwischenmenschliche Beziehungen verstehe ich nur, wenn sie auf Leinwand gezeigt werden. Dort habe ich gelernt, nachsichtig zu sein, Wut zuzulassen und zu beschwichtigen. Ich habe die Hoffnung und die Stigmata des Krieges erlebt, die Lasso-Technik zum Einfangen eines Pferdes verstanden. Ich habe gelernt, zu verführen, und erfahren, wie schwer es ist, zu vergeben. Ich habe die Weisheit erlangt, niemals einen Streit mit jemandem anzufangen, der klüger ist als ich. Ich habe kalten Verrat erlebt und erfahren, wie wichtig es ist, anderen häufiger «Viel Glück» zu wünschen. Aber vor allen Dingen habe ich verstan­ den, dass ich all das nicht erfunden hatte. Alles war zuvor schon erlebt und geliebt worden, und alles war irgendwann zuvor schon einmal aussichtslos gewesen – festgehalten auf Zelluloid, in Schwarz und Weiss. In einer Welt, die von Farbe übersättigt ist, beruhigt mich dieses Schwarz-Weiss. Manchmal gleicht ein solches Kino weniger einer Flucht als vielmehr einem Besuch. Mir gefällt es, wenn ein Film die für Marseille typischen Akzente aufnimmt. In Filmen von Marcel Pagnol zum Beispiel sind es die Stimmen, die die Bilder überlagern – von Menschen, die essen, während sie reden, die reden, während sie sich lieben, und die vermutlich auch nach dem Ende des Films ihre Gespräche noch fort­ setzen. Für Pagnol ist die Rückkehr einer Katze zu ihrem Besitzer genauso erzählenswert wie die Sicherstellung eines Flughafens durch einen Typen im Muskelshirt. Nahezu alle Filmemacher, die ich bewundere, sind bereits tot. Ebenso deren Kostümbildner und Dialogschreiber. Auch die Menschen, die Ersteren während der Dreharbeiten Kaffee kochten. Ebenso die meisten der Menschen, welche die Filme dieser zuvor genannten Personen geliebt haben. Für mich glich die Erkundung dieses Universums einer Schatz­ suche: Die Schatzkarten bestanden aus Filmografien und Abspannen in kleiner Schrift. Die Hinweise waren unaussprechliche Namen: Zbigniew, Fran­ tišek, Teinosuke … Ich habe ganze Nächte damit verbracht, Nachfor­ schungen zu zwei Hollywood-Legenden anzustellen, die sich so sehr hassten, dass sie daraus einen Film machten. Oder mich zu fragen, ob ich mich wohl mit Jean Gabin verstanden hätte. Oder warum Männer in Westen und Frauen in Kleidern eleganter leiden konnten als wir. Ich habe mich allerdings noch nie gefragt, ob ich mich mit Timothée Chalamet verstehen würde.

SARAH GYSLER In ihrem Debütroman «Petite» (Éditions des Équateurs, 2018) schrieb die 1994 in Lausanne geborene Autorin über ihre Sehnsucht nach Abenteuern. Der Roman «Emmenez-moi» erschien 2025 ebenfalls bei Éditions des Équateurs.

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CHECK-OUT

STOLZ: Den Marathon in Florenz hat Maxime in unter drei Stunden geschafft. Ziel für 2026: unter 2:45. @maxime_principe

10 Fragen an

Maxime Principe Der 25-jährige Schweizer Fitness-Coach und Creator ­bereitet sich auf seine nächste grosse Herausforderung vor: Im Herbst startet er erstmals bei einem HYROX in Genf. Alle Infos zum HYROX in Genf von 9. bis 11. Oktober findet ihr mit diesem QR Code.

Was macht einen richtig guten Tag aus?

Guter Schlaf. Eine gute Nacht macht einen guten Tag.

Was überrascht Menschen am häufigsten an dir? Dass ich Finanzen studiere und aus der Schweiz komme.

Was zählt mehr: Bestzeiten oder gemeinsame Erlebnisse?

Die Mischung macht’s. Aber es hängt vom Ziel ab. Für mich: meine Rekorde brechen. Welches HYROX Workout hilft dir im Alltag?

Was ist dein Hidden Talent?

Cardio ist nützlich, und die Wall Balls (Kniebeuge + Ballwurf × 100, Anm.). Letztere helfen mir, wenn ich die 100 Stufen zur Universität St. Gallen hochsteige.

Kochen! Mein Lieblingsgericht: die Lasagne von meiner Mama, die Italienerin ist.

Welche HYROX ­Station macht dir inzwischen Spass? Ein motivierender Song ? «Fortunate Son» von Creedence Clearwater Revival.

Worin bist du sportlich völlig untalentiert? Flexibilität.

Guilty Pleasure? Zucker !

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Ein sportlicher Rat?

Beim Laufen: langsamer laufen. Beim Krafttraining: auf seinen Körper hören. Man sollte nicht zu viel drücken – zu schwere Gewichte sind schnell gefährlich.

GETTY IMAGES, CHRISTIAN PONDELLA/RED BULL CONTENT POOL

Die erste, das Rudern.


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Der neue Volvo EX60

Der neue Volvo verbindet eine Reichweite von bis zu 810 km mit schneller Ladeleistung: In nur 10 Minuten lädst du unterwegs bis zu 340 km nach. Der Innenraum überzeugt mit grosszügigem Interieur und ergonomischen Sitzen, die für besonderen Komfort sorgen – ganz gleich, wie lang deine Reise ist. Freedom to move. Electric. volvocars.ch/EX60

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Volvo EX60 P12 AWD, 680 PS/500 kW. Stromverbrauch gesamt: 16 kWh/100 km, CO2-Emissionen: 0 g/km. Energieeffizienz-Kategorie: B.


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