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The Red Bulletin DE 12/21

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DEUTSCHLAND DEZEMBER 2021 € 2,50

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

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E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

AN DER SPITZE

FELIX KRÜGER (COVER), JÖRG MITTER/RED BULL CONTENT POOL, MARCUS HÖHN, CORINNE RUSCH

LUFT-NUMMER

Kurz vor unserem Tele­ fon-Interview mit Luc Ackermann ging das Handy des MotocrossFreestylers (hier beim Container-Sprung in Duisburg) kaputt. Zum Glück konnte er es reparieren und uns seine besten Tricks verraten: ab Seite 44.

„Bescheidenheit ist eine Zier – doch weiter kommt man ohne ihr“: Das dachte sich wohl auch Loredana, 26, als sich die Schweizerin die Worte „Selfmade Millionaire“ auf ihren Rücken tätowieren ließ. ­Jeder sollte wissen: Sie hatte es ohne fremde Hilfe bis ganz nach oben ge­ schafft, vom Kind eines Einwanderers zur erfolgreichsten Rapperin im deutschsprachigen Raum. Ihr Album mit dem – ebenfalls höchst selbst­ bewussten – Titel „King Lori“ schaffte es in Deutschland, Österreich und der Schweiz in die Top 3. Und jetzt will sie auch noch die klassische MusikSzene erobern. Wie das gehen soll und die ganze Ge­ schichte ihres unaufhaltsamen Aufstiegs: ab Seite 38. Ebenfalls spitzenmäßig im Geschäft: Schauspiel-Super­ star Benedict Cumberbatch, 45. Ab Seite 32 erzählt er, was für ihn der Schlüssel zum Glück ist. Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

GEHT EIN MANN ZUM ARZT …

Thriller-König Sebastian Fitzek hatte die Idee für seinen ersten Roman beim Orthopäden. Die Geschichte dahinter: ab Seite 16.

53

Weltcupsiege feierte der Österreicher Gregor Schlierenzauer im Ski­ springen. Rekord! Der erste gelang ihm 2006. Die Ski dazu zeigt er uns auf Seite 14.

WINTERMÄRCHEN

Die Bühnenbildnerin Katharina Heistinger verwandelte Snow­ boarderin Anna Gasser (re.) in eine Queen of Snow, die Schrift­ stellerin Doris Knecht schrieb einen märchenhaften Text dazu. Ab Seite 52.

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I N H A LT The Red Bulletin im Dezember 2021

SNOWBOARDEN

52 WINTERMÄRCHEN

COVERSTORY

38 SELFMADE WOMAN

Sie ist das jüngste von zehn Kindern – und die Königin des Deutschrap: der steile Aufstieg von Loredana.

PORTFOLIO

18 MOMENTAUFNAHME­

Der britische Fotograf Rick Guest setzt begnadete Körper kunstvoll in Szene.

Ein literarisches Porträt der Snowboard-Königin Anna Gasser von Doris Knecht.

75 HOCH DEN BERG Ein actionreicher Skiausflug in die Schweiz mit Freestylerin Mathilde Gremaud

5-MINUTEN-COACH

64 AUFPASSEN, BITTE!

Neurowissenschaftler Volker Busch gibt schlaue Tipps zur Erhöhung der Konzentration.

BIKE LIFE

66 JETZT GEHT’S RUND

Wheelie-Artisten erobern auf ihren Fahrrädern die Straßen von New York.

FILM

Hollywood-Star Benedict Cumberbatch über wilde Kühe und toxische Männlichkeit.

MOTORSPORT

34 FAMILIENSACHE

Die Drift-Könige Joe und ­Elias Hountondji sind Brüder – und Rivalen auf der Strecke.

WIRTSCHAFT

36 RUHESTAND? DENKSTE!

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen 75 REISEN. Mit X-Games-Siegerin Mathilde Gremaud im Schweizer Ski-Paradies Saas-Fee

81 K ALENDER. Events, die man keinesfalls versäumen sollte 82 T IPPS & TRENDS. Die Emp­ fehlungen der Redaktion. Dieses Mal: Der Winter kann kommen!

FREESTYLE-MOTOCROSS

84 W INTERSPORT. Freeride, Langlauf oder Skitour: Unsere Profis kennen für jeden Sport den perfekten Spot.

Motorrad-Freestyler Luc Ackermann zeigt, wie seine Kunststücke funktionieren.

92 BOULEVARD DER HELDEN. Michael Köhlmeier über die berühmte Spionin Mata Hari

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK

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HOCH DIE DAUMEN Deutschrapperin Loredana hat im Moment allen Grund zur Freude.

80 G AMING. Fast wie in echt: ­Extremsport auf der Couch

Das ehemalige Ski-Ass Aksel Lund Svindal über sein neues Leben als Investor und wie er die Welt retten möchte.

44 LUCS TRICKKISTE

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15 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 16 MEIN ERSTES MAL

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

DOM DAHER, FELIX KRÜGER, BEN FRANKE, RICK GUEST

32 FURCHTLOSER COWBOY

66 HOCH DIE RÄDER Wie sich Wheelie-Künstler in New York Aufmerksamkeit verschaffen

THE RED BULLETIN


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HOCH DAS BEIN Der britische Fotograf Rick Guest jagt die M ­ agie des Moments. Hier bei ­einem seiner Models

THE RED BULLETIN

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MÜNCHEN, DEUTSCHLAND

AXEL GUNDERMANN/RED BULL ILLUME

Schwerkraft? Nein, danke! Was will uns dieses Bild sagen? Dass für versierte Mountainbiker wie Christian Lubowski die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft g ­ esetzt sind? Dass exzellente Fotografen wie Axel Gundermann bei praktisch jedem Wetter perfekt ausgeleuch­tete Fotos hinkriegen? Oder dass einige Radwege noch immer recht gedankenlos aufgepinselt werden? Egal. Die Aufnahme schaffte es jedenfalls ins Semifinale beim Fotowettbewerb Red Bull Illume. Instagram: @yearroundmunich

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FRANZÖSISCHPOLYNESIEN

Wasserballett In der Südsee rund um Französisch-­ Polynesien wimmelt es geradezu vor Lebewesen: Es gibt hier mehr als tausend Fischspezies, elf verschiedene Arten Delfine, nicht zu vergesssen den Buckelwal. Weit weniger oft anzutreffen ist die Freitaucherin Marianne Aventurier, 43. Aber man muss sagen: In Sachen Eleganz und Anmut kann sie sich mit den Wasserbewohnern durchaus messen. Instagram: @alexvoyer_fisheye


DAVYDD CHONG ALEX VOYER/RED BULL ILLUME, ALBAN GUERRY-SUIRE/RED BULL ILLUME

LA PLAGNE, FRANKREICH

Schneetreiben Eine jungfräuliche Piste mit frisch gefallenem Neuschnee ist für einen Skifahrer ähnlich unwiderstehlich wie frisch gegossener Zement für ein aufgewecktes Kind. Obwohl Foto­ graf Alban Guerry-Suire die Stelle gut kannte, hatte er sie nie zuvor in so einem unberührten Zustand ­gesehen. Freeskier Anthony Robert nahm dann die Zerstörung der ­weißen Pracht entsprechend lust­ voll vor, natürlich mit Luftsprung. Instagram: @_stonecat

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AVERSTAL, SCHWEIZ

Hard Rock

HANNES TELL/RED BULL ILLUME

DAVYDD CHONG

Erstbegehungen extrem schwie­riger Boulder sind die Spezialität des ­Schweizers Giani Clement, 38. Hier sehen wir ihn auf der von ihm erstmals im August begangenen Route „Stil vor Talent“ an einem Gneisfelsen im Boulder-Paradies Magic Wood im Averstal, Schwierigkeitsgrad 8c+. Der Fotograf Hannes Tell wollte den Zauber des Aufstiegs festhalten und hat ihn in 20 Aufnahmen dokumentiert: „Die Schönheit und die Logik dieser ­Linie sind beeindruckend“, sagt er. hannestell.de

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Z AHL EN, BI T T E!

COOLE REKORDE

Hauptsache flockig Von der tiefsten je gemessenen Temperatur über den größten Schneemann bis zum Geschwindigkeitsrekord auf Skiern: Hier sind Bestmarken, die es nur im Winter gibt.

Meter hoch war der größte Schneemann aller Zeiten. „Riesi“ wurde 2020 im österreichischen Skigebiet Riesneralm errichtet.

11,81

Meter Schneehöhe wurden 1927 auf dem japanischen Mount Ibuki gemessen – das ist bis heute Weltrekord.

752

Kilometer lang ist der Wapusk Trail im Norden Kanadas. Die Straße aus Schnee und Eis wird jedes Jahr neu errichtet.

–89,2

Grad Celsius wurden im Juli 1983 in der Antarktis gemessen. Auf der Nordhalbkugel liegt der Rekord bei –69,6 °C, aufgestellt 1991 in Grönland.

2833

Athleten nahmen 2018 an den Olympischen Winterspielen in Korea teil.

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Nepalesen erreichten im Januar 2021 den Gipfel des 8611 Meter hohen K2. Damit wurden alle Achttausender auch im Winter bestiegen.

12,9

Meter Innendurchmesser hatte der bisher größte Iglu. Er wurde 2016 in Zermatt aus rund 1400 Schnee­ ziegeln gebaut.

23.486

Höhenmeter auf Skiern ­ bewältigte der Spanier Kilian Jornet 2019 in 24 Stunden: ­Weltrekord.

1.000.000.000.000.000.000

(eine Trillion) Wassermoleküle enthält, grob geschätzt, eine einzige Schneeflocke.

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HANNES KROPIK

38,04

Meter Schnee fielen im Winter 1998/99 im US-Skiresort Mt. Baker im US-Bundesstaat Washington.

CLAUDIA MEITERT

km/h ist die höchste je auf ­Skiern gefahrene Geschwindigkeit (Ivan Origone, ITA).

28,96

GETTY IMAGES, PICTUREDESK.COM

254,958

4059

Schneekugeln brachten die Chinesin Wendy Suen ins Guinness-Buch der Rekorde.


F U ND ST Ü CK

Der Tiroler Gregor Schlierenzauer, 31, verkündete im Sep­ tember 2021 nach unerreichten 53 Welt­ cupsiegen sein ­Karriereende.

GREGOR SCHLIERENZAUER

Der Sprungski, mit dem der bislang erfolgreichste Skispringer 2006 den ersten Weltcupsieg errang Bevor ihr fragt: Das Wort „Eagle“ auf dem Ski hat nicht etwa Gregor mit der Nagelfeile eingeritzt. Es war das damalige Design der Skifirma. Obwohl: Es hätte schon so sein können. Schlierenzauer war damals sechzehn, und alles ging fast wie von selbst. Am 3. Dezember 2006 gelang ihm im norwegischen Lillehammer prompt der erste Sieg im Weltcup. „Interessant ist, dass ich mich an diesen Tag bis heute in jedem Detail erinnere“, sagt Gregor, „bis hin zum Geruch.“ Und wie riecht der Sieg? „Nach dem Holz und dem offenen Kamin des Hotels. Und nach norwegischem Putzmittel.“

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CARLOS BLANCHARD, PICTUREDESK.COM

Meine ersten Sieger-Latten


DAS F IK T IVE PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W

PLATON SAGT:

„Lasst es rocken, Leute!“ In den vergangenen eineinhalb Jahren haben viele Menschen vor allem die Musik vermisst. Keine Konzerte, aber auch kein gemeinsames Singen, weder im Chor noch in der ­Südkurve. Der griechische Philosoph Platon hat sich eingehend Gedanken über die Musik gemacht. In unserem ­fiktiven Interview mit dem Philosophen Christoph Quarch erklärt er, warum sie für uns so wichtig ist.

the red bulletin: Herr Platon, haben Sie zu Lebzeiten eigentlich auch musiziert? platon: Nun ja, wissen Sie, bei uns Griechen hatte das Wort „Musik“ eine umfassendere Bedeutung als in Ihrer Sprache. Als Musik galt uns alles, was von den Musen gewirkt war – und dazu gehörten auch die Poesie, der Tanz und selbstverständ­ lich auch die Philosophie. Deshalb befand sich die von mir gegründete Akademie in einem Heiligtum der Musen. Und als Philosoph, so will ich meinen, habe ich doch wohl ganz respektabel musiziert.

BENE ROHLMANN DR. CHRISTOPH QUARCH

Gilt das nur für das Selbermusizieren oder auch für das Musikhören? Auch für das Hören. Ein schönes Konzert wirkt wie eine Massage für Ihre Seele – und üb­ rigens auch auf Ihren Leib. Würde ich in Ihrer Welt leben, ich käme wohl kaum mehr zum Denken, weil ich rund um die Uhr nur noch klassische Musik hören würde, um mich von ihr in gute Stimmung versetzen zu lassen. Mozart, Bach, Beethoven – beim Apollon, so stelle ich mir die Insel der Seligen vor …

„Egal ob Mozart, Beethoven oder Nirvana: ­Musik  wirkt wie eine Massage für die Seele.“

Wer wollte das bestreiten? Aber die Frage ging doch eher dahin, ob Sie auch gesungen oder ein Musikinstrument gespielt haben. Ah, ich verstehe! Ja, wie alle Jüng­ linge zu meiner Zeit habe ich die ­Leier zu spielen gelernt. Doch wie es in Ihrer Welt auch zu geschehen pflegt, habe ich im fortgeschrittenen Alter diese Kunst vernachlässigt. Was ich bedaure, denn das Spiel der Leier ist eigentlich nichts anderes als die Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln. Ich fürchte, das müssen Sie uns erklären. Schauen Sie: Worum geht es in der Philosophie? Der Name verrät es: um die Liebe, philía, zur Weisheit, sophía. Weisheit aber ist die Kunst des guten Lebens. Und was ist das gute Leben? Nun, das gute Leben ist ein stimmiges Leben, ein Leben im Einklang, eine Harmonie und eine Symphonie. Ein gutes Leben zu führen erfordert die Kompetenz eines Komponisten oder Dirigenten, der das Orchester all Ihrer Affekte, Emotionen, Gedanken, Wünsche und so weiter so zu­ einander ins Verhältnis setzt, dass eine schöne und stimmige Melodie dabei entsteht. Und nichts anderes THE RED BULLETIN

tun Sie, wenn Sie ein Musikinstrument spielen. Musi­ zieren weist den Menschen deshalb einen geraden Weg zum guten Leben.

Okay – aber was halten Sie von ­anderen Musikstilen? Zum Beispiel von Rockmusik? Rockmusik! Ah, Sie meinen diesen rhythmischen, ekstatischen, diony­ sischen Lärm. Finde ich auch gut. Ist zwar etwas laut und manchmal auch ein bisschen nervig. Aber zuweilen höre ich mir hier in der Ewigkeit auch Nirvana an. Ich mag es, wenn die E-Gitarren wimmern.

Aber wie passt denn das zu Ihrer Begeisterung für klassische Musik? Alles passt zusammen, mein Freund. Die große Musik des harmonischen Lebens fügt auch das zusammen, was dem ungeübten Ohr nicht gut zu passen scheint. Aber gerade darin liegt die Meisterschaft der Lebens­ kunst. Nichts ausschließen, alles ins Lied des Lebens einflechten. Darum: Lasst es rocken, Leute! PLATON (428–348 v. Chr.) ist der wohl einflussreichste Philosoph der europäischen Kultur. Seine vollständig erhaltenen ­Dialoge verraten nicht nur eine hohe literarische Begabung, sondern auch die Fähigkeit, die ganze Weisheit der ­griechischen Antike zu einer Philosophie zusammenzufassen. Die von ihm gegründete Athener Akademie war knapp tausend Jahre lang das intellektuelle Zentrum der alten Welt. CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor zahlreicher philosophischer Bücher, u. a. „Platon und die ­Folgen“, Metzler Verlag 2019.

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M EIN ERST ES M A L

SEBASTIAN FITZEK

„Langeweile ist wichtig für unsere Kreativität“

Er ist der erfolgreichste deutsche Schriftsteller der Das war nicht etwa Wunschdenken, dass meine ­Gegenwart: Über zwölf Millionen verkaufte Bücher, Freundin da nicht wieder rauskommt, sondern meine 25 Bestseller, die in 24 Sprachen übersetzt wurden, allererste Thriller-Idee. Ich fand diese ‚Was wäre, 2016 bekam er den Europäischen Preis für Kriminal­ wenn …?‘-Frage total faszinierend. Davon ausgehend literatur. Was Sebastian Fitzeks fing ich an, über Figur und Hand­ lung nachzudenken. Dann nahm Thriller so attraktiv macht? Sie die Geschichte immer mehr beginnen mit einer vertrauten Form an, und ich brachte sie zu Alltagssituation: Der Protagonist Papier. Der Prolog meines ersten steht zum Beispiel an der Ampel Romans ist fast identisch: Ein oder bekommt ein Paket zu­ Mädchen verschwindet aus dem gestellt. Dann passiert etwas – Behandlungszimmer des Arztes. ein kurzer Störimpuls, der das Man will dem Vater, der gewartet Leben der Hauptfigur aus der hat, weismachen, sie sei da gar Bahn wirft –, und für den Leser nicht erst reingegangen. So beginnt eine wilde Achterbahn­ fahrt. ­beginnt seine Suche nach ihr. Im Gespräch erzählt der 50-jährige Berliner, wie ihm Bis heute inspirieren mich All­ tagssituationen am meisten. im Jahr 2000, als er beim Radio Neulich hatte ich eine Lesung ­arbeitete und noch längst nicht 0:00 –42:36 in Berlin. Als ich auf der Bühne daran dachte, Schriftsteller zu Sebastian Fitzek saß mit meinem Buch, dachte ich werden, das erste Mal die Idee Mein erstes Mal – der Podcast beim Aufschlagen: Was wäre, für einen Roman kam. Das dazu­ gehörige Buch erschien sechs wenn da jetzt etwas ganz anderes Jahre später unter dem Titel drinnen stünde? Wenn die etwas „Die Therapie“ und verkaufte anderes gedruckt hätten? War „Wie wäre es, wenn sich acht Millionen Mal. natürlich nicht der Fall, aber es sind solche Drehs, ganz kleine plötzlich ein Mensch „Ich begleitete meine damalige rritationen, die ich bewusst in verschwinden würde?“ ­IAlltagssituationen Freundin zum Orthopäden. einbaue, um Nachdem sie aufgerufen worden meine Kreativität anzukurbeln. Thriller-Autor Sebastian Fitzek wirft gern den Alltag seiner Figuren über den Haufen. war, saß ich in dem Warte­ Weil sich aus solchen Gedanken zimmer – eingeklemmt zwischen zwangsläufig weitere Fragen anderen Wartenden, die alle in etwas veralteten Zeit­ ­ergeben: Was stünde denn da drinnen? Wer ist schriften blätterten. Nach einer Dreiviertelstunde, der Schriftsteller, der statt mir auf der Bühne sitzt? die sich wie zwei Stunden anfühlte, dachte ich mir: Eine Idee führt zur nächsten – und mit etwas Glück Wo ist die denn? Ich wusste nicht, dass es ein zweites sitzt man irgendwann vor einem neuen Roman.“ Wartezimmer gab, in dem meine Freundin vor der ­Behandlung noch einmal zwischengeparkt wurde. „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, Und irgendwann dachte ich mir, um mir die Zeit in der Heldinnen und Helden über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit Sebastian Fitzek, dessen zu vertreiben – denn Langeweile ist ganz wichtig neuer Roman „Playlist“ gerade er­ für unsere ­Kreativität –, was wäre eigentlich, wenn schienen ist, gibt’s im Podcast-Kanal alle Mit­wartenden sagen würden: ‚Auf wen warten von The Red Bulletin. Sie? Auf Ihre Freundin? Sie sind doch allein gekom­ Zu finden auf allen men.‘ Und die Assistentin am Empfang würde sagen: ­gängigen Plattformen ‚Nö, für d ­ iesen Namen haben wir keinen Termin heute wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast und auch sicher niemanden aufgerufen.‘

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MARCUS HÖHN

Hier erzählt Deutschlands Thriller-König, wie ihn ein Arztbesuch zu seinem ersten Roman inspirierte – und wie du deine eigenen Ideen mit Gedankenspielen beflügelst.


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P O RT FO L IO

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Jäger des Augenblicks ­­ Von der Kunst, im richtigen ­Moment abzudrücken: Der britische Foto­ graf Rick Guest ist ein Meister der Inszenierung begnadeter K ­ örper. Hier erzählt er von s­ einen ­bewegendsten Aufnahmen. Protokoll ANDREAS WOLLINGER

Höhenluft

Ballet Black, London, 2018 „Ein Augenblick der Schwerelosigkeit: Nicht nur, dass die Truppe ,Ballet Black‘ tolle Auftritte hinlegt. Sie zeigt auch durch ihre Existenz, was alles möglich ist – sind schwarze und asiatischstämmige Tänzerinnen und Tänzer bis jetzt doch vom Mainstream der Tanzwelt weit­gehend ignoriert worden.“

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Wasserfest Adam Peaty, London, 2018

„Der Mann ist eine Legende: Er hält den Weltrekord über 50 und 100 Meter Brust seit 2014. Darüber hinaus ist er ein wirklich feiner Kerl. Für dieses Bild ließ ich mich vom Cover des ‚Life‘-Magazins vom August 1972 inspirieren, das den ­siebenfachen Olympiasieger Mark Spitz zeigte. Natürlich habe ich meiner Aufnahme ­einen modernen Dreh verpasst: Es sollte einen Athleten ganz in seinem Element darstellen.“

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Marmorposen

Katarina Johnson-Thompson und Jonnie Peacock, London, 2012

Anmut, eingefroren

Simona Halep, Paris, 2015 „Dieses Kraftpaket von einer Tennisspielerin ist eine Freude für jeden Fotografen. Bei dem atemberaubenden Tempo, das die R ­ umänin vorlegt, ist es schwierig, den rich­tigen ­Moment zu erwischen, aber ich wollte un­ bedingt ihre Anmut und Schönheit in ­einem eingefrorenen Augenblick einfangen.“

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„Diese Serie habe ich anlässlich der Olym­ pischen Spiele 2012 in London gemacht. Vorbild war das in Marmorstatuen ver­ körperte olympische Ideal der alten Griechen – ­Studien des menschlichen Körpers, ge­ schärft durch jahrelanges hartes Training.“

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Lucys Muskelspiele

Lucy Charles-Barclay, London, 2021 „Ein Ironman zählt zu den forderndsten Sport­ Wettbewerben überhaupt, und Lucy ist eine der ­Besten in dieser Disziplin. Einen Körper zu sehen, der von lebens­langem Training geformt wurde, ist immer beein­druckend, aber wenn er dann noch Muskeln hat, die von zahl­losen Wettbewerben definiert wurden, kommt eine ganz eigene Proportion ins Spiel: elegant, geschmeidig und doch kraftvoll. Rechts: Lucy auf ihrem Rennrad. Wie ich ihren Kopfsprung-­Moment (u.) hingekriegt habe? Ob sie im Schwimmbecken oder auf einer Matte landet? Das verrate ich nicht, das würde nur den Zauber des Bildes zerstören.“

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Versuch mit Zeit und Raum Laurretta Summerscales, London, 2015

„Wenn man mit Choreografen redet, dann finden sie Fotos nur selten spannend, weil sich in ihrer Arbeit alles um Bewegung und Emotionen dreht, die über Zeit und Raum stattfinden. Im Versuch, das in einem Foto hinzukriegen, habe ich mehrere Einzelbilder zusammengefügt. Im Bild: Laurretta Summerscale, Solo­ tänzerin im Bayerischen Staatsballett.“

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Bei ihm sieht’s leicht aus

Eric Underwood, London, 2017

„Das Training im Royal Ballet in London ist ganz auf das Ideal von Stärke und Anmut ausgerichtet, und die Körper der Tänzer erzählen davon. Eric – er ist einer der ­wenigen farbigen Solotänzer – verkörpert perfekt das Prinzip, dass selbst die größte Anstrengung mühelos aussehen muss.“

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Energie eines Moments

Marco Materazzi, Mailand, 2007 „Lange Zeit habe ich für eine Serie Fußballer beim Spiel aufgenommen – von Messi über Neymar Jr. bis Ronaldo –, weil da unglaub­lich viel Energie in den Szenen steckt. Hier sehen wir Marco Materazzi von Inter Mailand, einen der härtesten Verteidiger seiner Generation in einer dynamischen Ballannahme-Pose.“

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„Fotografieren fühlt sich für mich sehr archaisch an – es ist wie Jagen.“ Rick Guest

Die hohe Kunst der Poesie

Morgan Lake, Loughborough, 2021

„Wenn diese Frau wollte, könnte sie locker über mich drüberspringen: Ihre Bestleistung im Hochsprung liegt bei 1,96 Metern, dabei hat sie mit 24 gerade erst angefangen. Ihr Körper ist das perfekte Werkzeug zur Überwindung der Schwerkraft. Im Bild: Kurz vor dem Anlauf bündelt Morgan ihre ganze Energie und Konzentration in einem Moment. Ihr zuzusehen ist reine Poesie.“

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DER FOTOGRAF

RICK GUEST

Seine Liebe zur Fotografie ent­ deckte der Londoner erst relativ spät, in seinen frühen Zwanzigern. Und aus Langeweile: Nach einer Krankheit zu Bettruhe gezwungen, spielte er mit einer Kamera herum. Der Blick durch den Sucher sollte sein Leben verändern. „Es war ein Erweckungs­ erlebnis“, erinnert sich Rick Guest. „Es gab mir die Möglichkeit, der Welt einen Rahmen zu geben und sie so kontrollieren zu können.“ Der Rest seiner Karriere sei Glück gewesen, verbunden mit „einer Menge harter Arbeit, die mich in die Lage versetzte, Chancen zu ergreifen, wenn sie sich auftaten“. Guest lernte als Assistent bei Fotografen in London, die ihn weniger mit ihrer Arbeit beein­ flussten; ihm jedoch die Augen öffneten für die wirklich Großen der Branche – von Herb Ritts über Man Ray und Edward Weston bis Richard Avedon. Im Lauf der Zeit entwickelte Rick Guest, der sein aktuelles Alter nicht verraten will, eine Liebe für besondere Augenblicke. „Wenn du im richtigen Moment abgedrückt hast“, sagt er, „ist das ein richtiger Kick.“ rg-e.com, rickguest.gallery

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Ganz vorn

Die Magazin-Covers von Rick Guest Von links oben im Uhrzeigersinn: Kiteboarder Aaron Hadlow, Hochspringerin Morgan Lake, Triathletin Lucy Charles-Barclay, Bergsteiger Ed Jackson, Tänzerin Gemma Pitchley-Gale für Red Bulletin, DJ David Guetta für „GQ“, Schau­spieler Jeff Bridges für „Esquire“, Tänzer William Bracewell, Schwimmer Adam Peaty und Surferin Justine Dupont für Red Bulletin.

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Film

kastriert in seinem neuen Film ein Rind. Weil er muss. Privat? Ist er super soft. Und demnächst Buddhist. Interview RÜDIGER STURM

Ein Hubschrauber donnert vorbei, im Hintergrund klimpert ein Pianist, aber Benedict Cumberbatch bleibt beim Interview auf der Terrasse des venezianischen Hotels Excelsior cool und spricht konzentriert und mit unerschütterlicher Ruhe. Das mag daran liegen, dass der 45-Jährige in seinen Rollen schon wesentlich intensivere Herausforderungen gemeistert hat. Auch in dem Cowboy-Drama „The Power of the Dog“ (auf Netflix) lässt er sich auf physische Strapazen und aufreibende Psychoduelle ein. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass er für seine mentale Ruhe eine ganze Menge unternimmt. the red bulletin: Herr Cumber­ batch, Ihre Rolle in „The Power of the Dog“ scheint nicht gerade gemütlich gewesen zu sein. BENEDICT CUMBERBATCH: Ich verstehe das als Kompliment. Ich will Jobs, die mir das Ungewohnte bieten. Nur so kann ich dabei Spaß haben. Das dürfte auch für das Publikum interessanter sein, als wenn ich immer das Gleiche mache. Sie müssen in dem Film den Job eines Cowboys erledigen: reiten, Rinder zusammentreiben und ­kastrieren. Haben Sie dabei etwas gelernt, was Sie im Alltag brau­ chen können?

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Ja, ich kann jetzt mit Kühen um­ gehen. Kürzlich waren wir im Urlaub und spazierten auf einem Pfad zum Strand, als uns Leute mit angsterfüllten Gesichtern entgegenrannten. Der Pfad war von einer Gruppe Kühe blockiert. Dank meiner neuen Kenntnisse konnte ich sie wegtreiben – natürlich sanfter als im Film. Also ist der knallharte Macho bei Ihnen nur gespielt? Wir leben in anderen Zeiten als früher. Heute willst du mit anderen­ Menschen mitfühlen, ihren Blickwinkel verstehen. Es ist doch so viel schöner, wenn du die Gemeinsamkeit mit anderen Menschen spüren kannst. Dazu gehört auch, dass du diese toxische Männlichkeit bekämpfst. Wann immer dir Chauvinismus begegnet, solltest du ihn beim Namen nennen und dagegen auftreten. Sie wirken sehr fortschrittlich. Wie haben Sie Ihr Weltbild ent­ wickelt? Mir hilft Meditation sehr. Das ist ein Instrument, mit dem du die Stille in dir spüren kannst. Sie befreit dich vorübergehend von deinen Gedanken und gibt dir die Möglichkeit, dich komplett zu entspannen. Das ist ideal, um Stress abzustreifen.

Ist das nicht eine ziemlich ­pessimistische Weltsicht? Das hängt davon ab, was man unter Leiden versteht. Viele denken, das ist der Schmerz, wenn man einen Unfall hat oder Gewalt erfährt. Aber eigentlich ist dieses Leiden nur Anspannung. Und die entsteht oft, weil wir mit den Veränderungen des Lebens nicht klarkommen. Das Leben ist ständig im Fluss, was wir mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Wenn wir das akzeptieren, können wir uns von unseren Schmerzen befreien. Wir müssen begreifen, dass alles im Leben vergeht. Was aufsteigt, fällt, und was fällt, steigt wieder auf. Liegt in dieser Erkenntnis auch der Schlüssel zum Glück? Der Schlüssel zum Glück ist, dass du gar nicht erst danach suchst. Und auch nicht die Frage stellst, wo es liegt. Wenn du ihm hinterherjagst, kannst du es nicht finden. Erlebe einfach nur das Sein. In jedem be­ liebigen Moment. Das ist die Wahrheit. Oder man könnte sagen, der Topf Gold befindet sich am Ende des ­Regenbogens. Haben Sie eigentlich auch schon Unglück erlebt? Ich war dieses Jahr beim Finale der Fußball-EM im Wembley-Stadion (England verlor 3:4 im Elfmeter­ schießen gegen Italien; Anm). Muss ich noch mehr sagen? „The Power of the Dog“: ab 1. Dezember bei Netflix

Wie oft meditieren Sie? Ich versuche, es einmal täglich zu tun, normalerweise am Morgen. Aber es hilft mir auch, mich zu be­ ruhigen, bevor ich schlafen gehe. THE RED BULLETIN

CHARLIE CLIFT/BAFTA/CAMERA PRESS/PICTUREDESK.COM

Benedict Cumberbatch

Abgesehen vom Meditieren ­interessieren Sie sich angeblich auch für den Buddhismus. Für die Buddhisten ist das Leben Leiden. Stimmen Sie dem zu? Ja, unbedingt.


„EM - Finale. WembleyStadion. Muss ich noch mehr sagen?!“ Benedict Cumberbatch, 45, über tiefes Unglück, das er mit östlichen Weisheiten lindert

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Motorsport

sind Brüder und Rivalen auf der Rennstrecke. Und heizen als „Red Bull Driftbrothers“ mit 1040 PS durch die Kurven. Was das mit ihrer Beziehung macht, erzählen sie hier. Text WERNER JESSNER

Driften ist die einzige RennstreckenMotorsportart, bei der es Punkterichter gibt. Ermittelt wird dabei, wer sein Fahrzeug am absoluten Limit am besten beherrscht. Vier Kriterien werden bewertet: Geschwindigkeit, Driftwinkel, Fahrlinie und Style. ­Zuerst allein, dann im ­K.-o.-­System Mann gegen Mann. Macht der ­Vordermann einen Fehler, hat der Hintermann ein Problem. Deswegen muss man sich strategisch auf jeden Gegner und dessen Auto einstellen. Je besser man den anderen Fahrer einschätzen kann, desto aggressiver kann man ihn verfolgen, ohne zu ­riskieren, dass das Auto nachher ­zerbeult ist. Seit über zehn Jahren be­treiben Elias und Joe Hountondji ­ihren Sport und haben sich gemeinsam an die Weltspitze gekämpft. Ein Doppel-Interview über Geschwisterliebe und -rivalität. the red bulletin: Ihr übt beide denselben Sport aus. Macht ihr euch dabei auch besser? elias: Wir sind völlig verschiedene ­Typen. Ich gehe Dingen gerne auf den Grund, während Joe vieles aus dem Bauch macht. Diese unterschiedlichen Ansätze helfen uns, wenn wir auf neue Strecken kommen. Ich versuche mir die sinnvollste

Linie analytisch zu erarbeiten. Dann schaue ich, wie Joe es macht. joe: Wir haben zwei Toolsets – das eigene und das des Bruders. Ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Und wenn ihr in der K.-o.-Phase aufeinandertrefft? joe: Da freut man sich. Da geht es nicht darum, dem anderen zu beweisen, dass man besser ist, sondern es ist cool, weil das ein geiler Battle wird. Da kann man ans Limit gehen, weil man sicher ist, dass der andere keine schmutzigen Tricks auspackt. elias: Wenn ich gegen Joe fahre, habe ich in meinem Kopf mehr Kapazi­täten frei, um mich nur aufs Fahren zu konzentrieren. Daher ­fahre ich gegen ihn auch immer am besten. Bei anderen Fahrern riskiert man nicht immer alles. Bei ihm habe ich totales Vertrauen. Daher waren ­unsere Bat­tles immer toll. Ist ein Sieg gegen den Bruder ­etwas Besonderes? joe: Das Fahren ist besonders. ­Daher treffe ich am liebsten erst im Finale auf Eli. Da soll einmal er gewinnen, das andere Mal ich. Das wäre der Idealzustand. elias: Das Gute, wenn wir gegen­ einander fahren: Am Ende ist immer ­einer von uns eine Runde weiter. Habt ihr euch als Kinder schon so gut verstanden wie heute? elias: Joe ist fünf Jahre älter als ich. Er war lange Zeit mein Vorbild.

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Ihr habt in den letzten Jahren viel gearbeitet und zusammen mit BMW M ein komplett neues Auto entwickelt. Gab es da nie Zoff ­zwischen euch? joe: Die letzten Jahre waren hart. Da ist Reibung aufgekommen, definitiv. Wir mussten uns zusammenraufen, um unsere Qualitäten als Brüderpaar zu erhalten. Druck, ­Risiko, unsere unterschiedlichen Charaktere: Das hat zwischendurch ziemlich durchgeschlagen. Wie habt ihr das gelöst? elias: Miteinander reden. Im Alltagswahnsinn hat manchmal Raum gefehlt, um diese Gespräche zu führen. joe: Unser Vater ist ein toller Mediator. Wären die Driftbrothers für euch ohne den anderen vorstellbar? elias: Wenn ich es nicht mit Joe ­mache, dann mit niemandem. joe: Meine Rede.

Joe und Elias Hountondji in ihren neuen, 1040 PS starken BMW M4 Drift Builds

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SEBASTIAN MARKO/LIMEXIMAGES

Elias und Joe Hountondji

Durch den Altersunterschied haben wir nicht so viel gemeinsam gemacht, da sind die Interessen einfach zu unterschiedlich. Das Driften hat uns dann zusammengeschweißt. joe: Eli wollte den Dingen immer auf den Grund gehen, gerade in technischen Belangen. Das bedeu­ tete: Er hat zum Beispiel meine ferngesteuerten Autos zerlegt. Das Zusammenbauen hat er erst viel später erlernt (lacht). Das barg einige Zeit Konfliktpotenzial.


„Das Gute, wenn wir gegeneinander fahren: Einer von uns kommt immer weiter.“ Drift-Sportler Elias Hountondji (re.), 35, über die entspannte Konkurrenz zu Bruder Joe, 41

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Wirtschaft

Aksel Lund Svindal wäre die ultimative Challenge am Heiratsmarkt: Der Norweger ist nicht nur Ski-Ass, Olympionike und Charismatiker – jetzt rettet der Kerl auch noch die Welt! Interview HANNES KROPIK  Foto RAINER HOSCH

Aksel Lund Svindal, 38, beendete seine Rennfahrer-Karriere 2019 würdig – mit WM-Silber in der Abfahrt. Doch der zweifache Olympiasieger, fünffache Weltmeister und zwei­ fache Gesamtweltcupsieger hat nach seiner aktiven Zeit fast noch mehr Stress als zuvor. Nach der 2020 veröffentlichten Autobiografie „Größer als ich“ kommt nun am 2. Dezember auch sein Film „Aksel“ in die Kinos. „Ursprünglich wollte ich in der SkiPension ein ruhiges, beschauliches Leben führen“, sagt er. „Ich hatte sogar Angst, dass zu wenig los sein könnte. Ich gebe zu: Da habe ich mich getäuscht.“ THE RED BULLETIN: In deiner ­Autobiografie erklärst du, dass du als Abfahrer in Gedanken immer vierzig Meter vor deinem Körper warst, um rechtzeitig auf Gefahren reagieren zu können. AKSEL LUND SVINDAL: So ist es. Dieses vorausschauende Denken wurde durch meine Ski-Karriere geschärft. Wenn ich heute beim Radfahren mit Freunden in eine unerwartete Situa­ tion komme und schnell eine Alternative finden muss, schaltet mein Hirn in den Analysemodus. Wenn ich mich dann umdrehe, sehe ich, dass ich ihnen mehrere hundert Meter abgenommen habe. Ich kalkuliere Risiken schneller als andere und treffe rascher Entscheidungen.

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Als Rennfahrer wusstest du, dass Niederlagen unvermeidlich sind. Sind dir die finanziellen Risiken in deinem neuen Leben als Investor genauso bewusst? Mir ist klar, dass ich nach falschen Entscheidungen Lehrgeld bezahlen werde. Diese Verluste sehe ich jedoch als Investition in meine Ausbildung. Zum Glück habe ich als Skifahrer so viel Geld verdient, dass ich mir Risiken leisten kann. Du bist schon 2014 bei Douchebags, der hippen SporttaschenFirma deines Ski-Kumpels Jon Olsson eingestiegen, besitzt ein Hotel und investierst in zahlreiche Start-ups – nach welchen Kriterien gehst du da vor? Am wichtigsten ist, dass ich selbst verstehe, worum es geht. Und wenn ich es nicht verstehe, frage ich Menschen, die sich auskennen. Mein Bekanntheitsgrad hilft mir dabei: Wenn ich jemanden kennenlernen möchte, zum Beispiel Norwegens führende­ Experten auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass wir uns auf eine Tasse Kaffee treffen. Was fasziniert dich an der Hightech-Welt und ihren Vorreitern? Ich habe mich schon während meiner Ski-Karriere damit beschäftigt; 2014 habe ich eine Verletzungs­ pause genützt, um im Silicon Valley Leute von Google und Facebook zu treffen. Wir haben auf der Erde

so viele Probleme, die wir mithilfe technologischer Entwicklungen lösen müssen. Wir wissen, dass wir morgen nicht mehr so leben können, wie wir es gestern getan haben. Unsere Zukunft hängt davon ab, welche Lösungen uns jetzt einfallen. Du bist Partner in der InvestmentGruppe Norselab. An welchen ­Lösungen arbeitest du konkret? Wir halten verschiedenste Beteili­ gungen an Start-ups. Etwa bei DoMore Diagnostics – die haben einen Algorithmus entwickelt, mit dem eine Maschine Krebs genauer diagnostizieren kann als die besten Ärzte. Und mit meiner eigenen Firma Airthings beschäftige ich mich intensiv mit Luftqualität in geschlossenen Räumen. Rund um Corona ist das leider sehr aktuell geworden. Wie man auch in deiner Doku ­„Aksel“ sieht, hast du im Lauf ­deiner Karriere viele schwere Verletzungen erlitten – beeinträch­ tigen sie dein Leben heute noch? In meiner letzten Saison waren die Schmerzen im rechten Knie so stark, dass ich Treppenstufen seitwärts hin­untersteigen musste. Heute geht es mir wesentlich besser, ich habe allerdings zehn Kilo Muskelmasse abgenommen. Leider kann ich nicht mehr so gut laufen und muss mich beim Fußball- oder Tennisspielen sehr zurückhalten. Skifahren geht noch? Ich gehe wahnsinnig gerne Ski fahren. Leider ist das aber das Allerschlechteste für mein Knie. Ich fahre jetzt also nur noch am Vormittag und setze mich dann an den Com­ puter. Arbeit habe ich ja genug. Mehr über Aksels Arbeit: fieldproductions.com, norselab.com, airthings.com Die Doku „Aksel“ läuft ab 2. Dezember in den Kinos.

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„Ruhige Kugel in der Ski-Rente? Mann, da habe ich mich getäuscht.“ Aksel Lund Svindal, 38, über seine Arbeit mit Start-ups, die unsere Zukunft sichern

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Deutschrap

A N A D E R E O L FMAD N L A E S WOM rap. h c euts e sich D s i e in d , wie s arum g i n A w ö ie K REDAN – und s ist. d t e O is vö Sie zählt L kämpf t al ner NE WAAKR  er en en M Text ALNIX KRÜGE t s Hier ach ob r E os F me n u Fo t z sie


SCHAU MIR IN DIE AUGEN!

Rap-Superstar, ganz bodenständig: Loredana, 26, beim Red Bulletin-Covershooting in Berlin

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S

Loredanas Jugend: Kontrolle, aber keine Angst

ie ist müde. Vor zwei Tagen erst ist ­Loredana im Auto aus der Schweiz nach Deutschland gefahren, um im Studio ein paar Aufnahmen zu machen, nur um am gleichen Tag wieder die Rückfahrt anzutreten. Nun sitzt sie schon wieder in Berlin, diesmal in einem ­Fotostudio, und wird für das Red Bulletin-Shooting gestylt. 16-Stunden-Tage. Aber, sagt sie mit ihrer Stimme, die noch eine Spur rauer erscheint als sowieso schon, ihre Laune sei gut – immer. Wie könnte es auch anders sein. Erst gute drei Jahre ist es her, dass Loredana ihren ersten Track veröffentlichte. Das Rap-Stück „Sonnenbrille“ ­erschien im Juni 2018, wurde aus dem Stand ein Hit und machte sie berühmt. Seither ist sie ein Streaming-Phänomen. Ihre „King Lori-Tour“ sollte sie 2020 von Zürich über Köln bis nach Leipzig führen, so gut wie alle ihre Konzerte waren entweder ausverkauft oder wurden wegen der un­erwarteten Nachfrage in größere Hallen verlegt (bis die Tour an Corona scheiterte).

Nun wagt sich Loredana auf musikalisches Neuland. Im November wird sie im Kultur- und Kongress­ zentrum ihrer Heimatstadt Luzern im Rahmen von „Red Bull Symphonic“ zwei Konzerte geben – mit ­einem ganzen Orchester in ihrem Rücken. Es ist ihre erste Berührung mit klassischer Musik, das Projekt und die Abende werden von einem DokumentarfilmTeam begleitet, darüber hinaus wird ein Album aufgenommen. Normalerweise sei sie vor Auftritten nicht besonders aufgeregt, aber in dem Fall habe sie schon jetzt ein Kribbeln im Bauch. „Meine Stimme wird in diesem Moment ganz im Mittelpunkt stehen. Wir spielen live, wenn ich da einen Fehler mache, betrifft der 50 andere Leute.“ Lange deutete nichts darauf hin, dass aus Lore­ dana Zefi, 1995 geboren und aufgewachsen in einem Vorort von Luzern, einmal einer der größten Musik­ stars im deutschsprachigen Raum werden würde. Als jüngstes von zehn Kindern eines aus Albanien ein­ gewanderten Fabrikarbeiters und einer Gelegenheitsjobberin wurde sie von ihren Brüdern mit zum Fuß-

t e t e i r b e d ia , e v e i l i cial M m a F I h r e da na S o e h n is t. L o r e i e ach tz i h r bis s te folgen Fans. Heu Millionen dr ei

LÄSSIG ZUGEKNÖPFT

Loredana setzt auf einen legeren Kleidungsstil: „Meine Persönlichkeit soll im Vordergrund stehen“, sagt sie. „Ich bin nicht berühmt geworden, weil ich sexy aussehe.“

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Deutschrap

„ K lar Kr i b b sp ü r e i c diese eln: Wen h ein Fehle r Bühne n ich au da s 5 r ma c h e e i n e n f 0 L e u , b e tr if f t te.“ ball genommen, hatte immer jemanden zum Spielen und wuchs mit ständigem Hip-Hop-Soundtrack auf, Tupac Shakur vor allem. Sie sagt, sie habe ihren ­Brüdern ihr Selbstbewusstsein und ihre Angstfreiheit zu verdanken. Aber als Nesthäkchen-Mädchen ­wurde sie von den älteren Geschwistern richtig­ gehend bewacht und zum Beispiel zur Schule ge­ fahren – angeblich, um sie vor schlechten Einflüssen zu schützen. „Man hat mich einfach 24 Stunden kontrolliert“, stellt sie rückblickend ungerührt fest. Aber es habe funktioniert. Sie trinke bis heute nicht, und, von Zigaretten abgesehen, interessierten sie auch Drogen nicht. Zur familiären Überwachung gehörte auch, dass sie bis zum Alter von achtzehn keine Social-MediaAccounts haben durfte. Doch als sie es dann durfte, ging sie in die Vollen. Sie habe immer die Gewissheit besessen, dass sie mal berühmt werde, sagt Loredana. „Mit dreizehn habe ich zu einem meiner Brüder ­gesagt: Ich glaube, ich werde rappen.“ Die Schule brach sie nach der neunten Klasse genauso ab wie die Aus­bildung zur Kauffrau. Irgendwann drehte sie Lip-Sync-Videos von Stücken bekannter Rapper und lud sie auf YouTube hoch. Sie lernte den alba­ THE RED BULLETIN

BOSS LADY

Warum Loredana 16 Stunden pro Tag arbeitet? „Damit meine Tochter ein schönes Leben führen kann.“

nischen Rapper Mozzik kennen und kam mit ihm zusammen, sie ging mit dem Produzenten Macloud ins Studio, nahm ihren ersten Track auf und stellte einen kleinen Ausschnitt davon ins Netz. „Die Leute sind durchgedreht.“ Allein in den ersten zwei Wochen sammelte das Video auf der Plattform 13 Millionen Aufrufe. Auf Instagram hat Loredana heute drei Milli­onen Follower. Als Mitte 2019 mittlerweile ­fallengelassene Betrugsvorwürfe gegen sie auf­ kamen, war ihr Name in der Schweiz der meist­ gesuchte Begriff auf Google.

Sie ist verletzlicher, als sie sich gibt

Während sie sich in der Öffentlichkeit kühl gibt, stellt sie sich im Gespräch mit ihrem Spitznamen Lori vor, ist offen und zugänglich. „Ich bin draußen kälter als drinnen“, sagt sie. Das sei ihr Schutz­ mechanismus. Die Leute sollen nicht wissen, was sie verletzen könnte. „Die Sonnenbrille schützt ­meine Identität / Sie fragen mich, woher, sie ist von Fendi / Die Hände voller Cash, kann nicht ans Handy gehen“, heißt es in ihrem Debüt-Stück. „Sonnenbrille“ stammt aus ihrer Feder, statt auf ein naheliegendes Feature einer anderen Rapperin oder eines anderen Rappers wie Mozzik setzte sie

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UNTER DIE HAUT

Das Tattoo „Hana“ auf ihrem rechten Unterarm ist Loredanas Tochter gewidmet. Ein anderes ist ihr aber wichtiger, wie sie im Interview gesteht.


Deutschrap

auf ihren Solo-Auftritt. „Ich wollte mir beweisen, dass ich es allein kann. Und dass die Leute das Stück wegen mir hören, nicht wegen jemand anders. Ich wollte, dass klar ist: Keiner hat mich groß gemacht.“ Es ist diese Eigenständigkeit, der Loredana ihren ­Erfolg zu verdanken hat. Sie setzt auf ihre eigene Leistung, nicht auf die Liebesdienste anderer. Dazu gehört auch, dass sie die längste Zeit darauf ver­ zichtete, einen bestimmten Look zu bedienen. Sie habe immer ihre Persönlichkeit in den Vordergrund gestellt. „Ich bin nicht berühmt geworden, weil ich heiß aussehe.“ Obwohl sie gern Kleider trage und sich auch gern sexy zeige, habe sie auf einen coolen, eher angezogenen Stil gesetzt. Oversize-Sweatshirts, lange Hosen. Jetzt, da sie es geschafft habe, ändere sich das. „Langsam, langsam zeige ich auch meine frauliche Seite.“ Ende 2018 kam ihre und Mozziks gemeinsame Tochter Hana auf die Welt. Das Muttersein be­ zeichnet Loredana als „das schönste und schlimmste Gefühl zugleich“. Schön sei es, weil sie mit dem Kind eine enge Bezugsperson in ihrem Leben habe. Schlimm, weil sich damit auch eine existenzielle Angst um diese Person eingestellt habe. Seit der Trennung von Mozzik, der seither wieder in Albanien lebt, ist Loredana Alleinerzieherin. Sie habe „hundertprozentig“ das Gefühl, ihrer Tochter etwas bieten zu müssen, und dabei keine Sorge, das Kind zu verwöhnen. „Ich arbeite, damit meine Tochter ein schönes Leben führen kann.“

, n e s i e w e b e lein t l l o I„ ch wich es al e Leute da s s . D a s s d i eg e n m i r kann Stück w klar ist: t da s n . D a s s r m i r ha höre er ausse macht.“ Kein groß ge mich THE RED BULLETIN

Die Botschaft auf dem Rücken

Die Betonung von Geld und Luxus war nicht immer das Markenzeichen des Hip-Hop. Als die Subkultur in den 1970er-Jahren in der Bronx, einem übel ­beleumundeten Stadtteil von New York entstand, drehte sich alles um improvisierte Partys, DJs, Beatboxing und Breakdance. Ende der 1980er dann ­betrat die Figur des Gangsta-Rappers die Bühne. Seine Darsteller wie etwa der schon erwähnte Tupac ­Shakur (Rapperinnen gab es damals noch so gut wie keine) verkörperten zwei Entwicklungen der Zeit: den aufkommenden Neoliberalismus und die Crack-Epidemie. Beide verbinden zwei Prinzipien: ehrgeiziges Unternehmertum und schnelles Geld. Erst als Hip-Hop in den 1990ern in den Mainstream und damit auch in nichtschwarze und europäische Lebenswelten einzog, sorgte das auch für Reichtum bei den Rappern. Ganz im Sinne der uramerikanischen Erzählung vom Aufsteiger, der aus dem Nichts kommt, werden seither Statussymbole wie Autos, Schmuck und Pelzmäntel möglichst eindrucksvoll zur Schau gestellt. War der Reichtum in Form von Fendi-Sonnenbrille, Cartier-Ringen und Stapeln von Geldscheinen in „Sonnenbrille“ noch eine Erfindung, hat es Loredana gut drei Jahre später geschafft. Der Name ihres aktuellen, wieder gemeinsam mit ihrem Ex ­Mozzik aufgenommenen Albums „No Rich Parents“ bezieht sich darauf, dass sie sich beide alles allein aufgebaut haben, ohne finanzielle Unterstützung von zu Hause. Ihre Eltern seien nicht reich gewesen, „wir haben unsere Eltern reich gemacht“. Das für sie wichtigste unter den ungezählten ­Tattoos überall auf ihrem Körper, erzählt Loredana dann auch, sei nicht etwa der Name ihrer Tochter auf dem rechten Unterarm, sondern das auf ihrem Rücken. „Selfmade Millionaire“ steht da. „Wenn ich mich umdrehe und weggehe, muss der andere das lesen. Der hat vielleicht schon gedacht: ‚Wer glaubt die, dass sie ist?‘“, erklärt sie die Bedeutung des Schriftzugs. „Ich bin es einfach selber geworden.“ STYLING: TIM HEYDUCK/SHOTVIEW MAKE-UP: SELLMA KASUMOVIQ HAIR: KACI MANTEL UND HOSE: AILEEN KLEIN WESTE: STYLISTS OWN SCHUHE: PRADA (LOREDANA)

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Freestyle-Motocross

Trick 1: Whip

„Bei diesem Sprung musst du dein Bike in der Luft möglichst lange flach legen“, sagt Luc Ackermann. Hier trainiert er seinen „Whip“ bei einem Videodreh in Duisburg.

Ackermanns Trick-Show

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LUC ACKERMANN, 23, ist der kreativste Kopf im Freestyle-Motocross-Sport. Hier erzählt der Thüringer, warum neue Ideen Leichtigkeit brauchen. Und wie er sich in den „Tsunami-Backflip“ verliebte. Plus: Lucs beste Tricks als Video. Scan die QR-Codes auf den folgenden Seiten – und lass Luc fliegen! Text WERNER JESSNER

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LUC, DER PROFI Freestyle-Motocrosser Luc Ackermann beim Warten auf den nächsten Sprung. Seinen ersten Backflip mit dem Motorrad landete er mit zwölf Jahren.


Trick 2: Backflip Bonk

Bei dieser RückwärtssaltoVariante muss die Höhe genau stimmen, damit Lucs Hinterrad die Unterseite des Containers gerade leicht berührt.


Freestyle-Motocross

L

uc Ackermann, 23 Jahre alt, zu Hause in Thüringen, geht mit offenen Augen durch die Welt und sieht, was sonst keiner sieht: Rampen. Absprünge. Landungen. „Man ist immer auf der ­Suche“, sagt er. Diese déformation pro­ fes­sionelle zeichnet Luc aus. Er gilt als ­einer der kreativsten Köpfe einer Sportart, die davon lebt, dass es ständig Neues zu sehen gibt – Stunts, die es noch nie zuvor gegeben hat.

Ordnung ins Chaos

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Dann entsteht das Neue schlicht aus Chaos und dem unbedingten Wunsch, nicht vom Himmel zu fallen. So hat Luc einst den „Tornado“ erfunden, für den er bis heute berühmt ist. Die Basis dafür war ein „Tsunami Backflip“, ein Rückwärtssalto mit dem Motorrad, bei dem man während der Rotation einen Handstand am Lenker macht. Klingt wild? Ist es auch. Vollends crazy wird die Sache, wenn man dabei irrtümlich den Lenker einschlägt und der ganze Ablauf nicht bloß in einer ­Rotationsachse stattfindet, sondern gleich über mehrere. Dieses Durcheinander zu ordnen, berechenbar zu machen, durch

Übung zu perfektionieren, schließlich in einem Contest zu zeigen und dem staunenden Publikum einen Namen für den neuen Trick zu präsentieren: Das ist Luc Ackermann im Schnelldurchlauf. „Die Namen der Tricks müssen nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben. Ich bin spontan vom Tsunami auf den Tornado gekommen.“ Die Konkurrenz, die natürlich nicht in Lucs Pläne für diesen Abend eingeweiht war, reagierte geschockt. Hier hatte jemand die Grenzen des Freestyle-Motocross (FMX) wieder ein Stück verschoben. Bis heute ist Ackermann der Einzige, der den Tornado Backflip beherrscht. ­Jedoch: „Ich mache diesen Trick kaum noch. Er ist schon ziemlich scary. Jedes Mal wieder.“ Luc Ackermann hat als Kind nicht viel gezeichnet. Er hat auch kein Musikinstrument gelernt. Seine Kreativität musste nicht kanalisiert oder künstlich angeregt werden. „Ich war den ganzen Tag auf zwei Rädern an der frischen Luft. Zuerst mit dem Fahrrad, dann mit dem Motorrad. Ich habe ständig rumgespielt und mir neue Dinge überlegt. Höher springen, weiter, zusätzliche Elemente. Das wurde mir nie langweilig und ist es bis heute nicht. Mit Spaß entsteht Neues von allein. Auf zwei Rädern musste ich mich nie zu etwas zwingen.“

Okay, Luc: Lass uns doch deine liebsten Tricks durchgehen und einen Blick in die Zukunft werfen!

Trick 1: Whip

Das Bike in der Luft maximal quer legen „Was mit ein paar Grad Schräglage begonnen hat, b ­ edeutet heute, mit dem Heck des Bikes voraus komplett waagrecht durch die Luft zu fliegen. Schaut spektakulär aus, macht wahnsinnig viel Spaß und bietet theoretisch ein großes Repertoire für Variationen. Einhändig, mit einem Bein, Über- oder Unter-Rota­ tion. Manche bauen auch einen NacNac ein (ein Bein wird auf die andere Seite des Bikes geschwungen; Anm.).“ Luc übt seine Whips auf beide Seiten, selbst wenn er sein Motorrad in Wett­ bewerben immer auf dieselbe Seite dreht. „Das mache ich nur für mich selbst.“ Bei Lucs Interpretation eines Whips geht es weniger um Kreativität, sondern um maximale Action: „Ich will das Bike möglichst lang völlig flach legen und die Flugphase ausdehnen, solange ich kann.“

READY FOR ACTION!

Luc Ackermann mit seinem KTM-Freestyle-Motocross-Bike in Duisburg. Für sein neues Videoprojekt wagt er ­einen Sprung über den Rhein von einem Containerschiff zum anderen. Zu sehen auf: youtube.com/redbull THE RED BULLETIN

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Freestyle-Motocross

Trick 3: Double Backflip

Luc beim zweifachen Rückwärtssalto. Entscheidend: In der Luft muss er immer wissen, an welchem Punkt der Drehung er sich befindet.

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Freestyle-Motocross

Der Doppel-Rückwärtssalto „Travis Pastrana war der Erste, der diesen Sprung 2006 gezeigt hat. Ich war einst mit zwölf Jahren der Jüngste, der einen Backflip springen konnte. Ein paar Jahre später setzte ich mir in den Kopf, auch der Jüngste mit einem Double ­Backflip zu werden. Damals war ich erst neunzehn. Die Rotation so schnell hinzukriegen, dass sich das mit dem vorhan­de­nen Platz ausgeht, hat mich viel Nerven gekostet, aber ich bin drangeblieben. Travis Pas­ trana war und ist mein Vorbild, weil er so viele Tricks erfunden und entwickelt hat. Was er in diesem Sport bewegt hat, ist unglaublich.“ Luc Ackermann ist keiner, der Tricks von Gegnern abkupfert, im Gegenteil: „Ich mache mir meine eigenen Gedanken, was funktionieren könnte. Die Frage, die ich mir täglich stelle: Wo kann es noch weitergehen? Das ist sauschwierig, weil es schon so viele Tricks gibt.“ Und jetzt das Geheimnis, wie man ­seine Kreativität in die Praxis umsetzt: „Ich versuche mir neue Tricks in meinem Kopf bis ins kleinste Detail vorzustellen. Wie fühlt sich jeder einzelne Abschnitt an? Wenn ich das schaffe, weiß ich, dass es funktionieren kann. Scheitere ich im Kopf, brauche ich die Sache erst gar nicht anzugehen.“

Trick 4: 360

Eine volle Rotation um die Hochachse „Der Three-Sixty ist megaschwierig, weil er eigentlich gegen die Gesetze der Physik gesprungen wird: Infolge der ­rotierenden Massen des Motorrads – ­Räder, Motor – will das Bike immer in Fahrt­richtung bleiben. Beim 360 zwingst du es in alle vier Himmelsrichtungen – und zwar in einem einzigen Bewegungs­ fluss. Für einen Moment bist du sogar um 180 Grad gegen die Gesetze der Physik unterwegs. Es gibt aktuell drei Fahrer auf der Welt, die einen 360 sauber hin­ kriegen. Ich habe mit fünfzehn begonnen, diesen Trick zu erlernen. Einst bin ich in Australien schwer zu B ­ oden gegangen, weil ich zu wenig Rotation gehabt habe. Das tat ganz schlimm weh, und ich ließ den 360 die Jahre darauf ruhen. Aber tief in mir wusste ich, dass ich den 360 er­lernen wollte.“ Luc war besessen von der Idee, dass dieser Sprung, den man eigentlich aus dem Fahrrad- oder Snowboard-Bereich kennt, auch mit dem schweren Motorrad möglich sein könnte. Über das Moun­ tainbike und ein kleines Pit-Bike tastete

Trick 4: 360

Luc zeigt eine volle Drehung um die Hochachse mit einem Bike, das geradeaus will. Ein paar Grad zu schräg, und die Landung wird schmerzhaft.

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er sich an das große FMX-Bike heran. Den 360 schließlich geschafft zu haben, brachte ihm auch unter anderen Extrem­ sportlern Respekt ein. Nebeneffekt: Wer einen 360 sogar mit einer KTM be­ herrscht, kann ihn wie selbstverständlich auch mit allerhand anderen Sportgeräten. „Das sollte schon gehen“, sagt Luc und lacht. Wenn du das Schwierige kannst, fällt dir das Leichtere ganz von selbst leicht. Mittlerweile baut Luc bereits Komplikationen in seine 360 ein, etwa einen NacNac. Nur eines wäre selbst einem Könner wie Luc Ackermann zu steil: „Beim 360 eine Hand vom Lenker zu nehmen, wäh­ rend die Arena in Cinemascope an dir ­vorüberzieht – das würde vermutlich nicht gut ausgehen.“ Andererseits: „Bringt mich bloß nicht auf Ideen!“

Trick 5: Wallride

Eine senkrechte Wand entlangfahren „Ich nenne es den Spider-Man-­Effekt: Du klebst mit deinem Bike wie eine Fliege an der Wand. Das ist nur mit Geschwindig­ keit möglich. Dazu brauchst du eine Rampe, über die du an die Wand springst. Dann folgt der Moment der Wahrheit: Bist du zu langsam, fällst du wegen der Schwerkraft einfach runter. Hast du alles richtig gemacht, fährst du ein paar Meter die Wand lang. Allerdings darfst du den richtigen Moment nicht verpassen, um dich wieder zu lösen: Dazu gibst du dem Bike an der Wand einen Gasstoß und drückst dich vom Untergrund ab.“ Der nächste Satz klingt seltsam: „Das ist eigentlich kein besonders schwieriger Trick.“ In Luc Ackermanns Welt geht es also darum, den eigentlich nicht be­ sonders schwierigen Trick schwieriger zu machen, indem man ihn besonders schön ausführt. Idealzustand: Das Bike liegt (oder steht?) waagrecht an der senkrechten Wand. Erst wenn das Foto aussieht, als hätte man es um 90 Grad gedreht, ist Luc mit der Ausführung zufrieden. „Für mich kommt die Kreativität bei Wallrides aus der Location. Wallrides ­haben sich aus dem Freeriden entwickelt, wo du deine komplette Umgebung als Spielplatz für zwei Räder begreifst.“ THE RED BULLETIN

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Trick 3: Double Backflip

Die Motivation dafür kommt von i­ nnen: „Neue Tricks entwickle ich, weil ich den Sport weiterbringen will. Re­ aktionen der Fans oder Platzierungen in Contests sind mir relativ egal.“ Die pas­ sieren dann ohnehin von selbst, wie man auch an Travis Pastrana sieht.


Trick 6: Tsunami Backflip

Die Schwierigkeit bei diesem Trick ist, dass das Bike die Drehung beenden will, sobald Luc, wie hier, aus dem Sattel geht. Da gerät selbst der Kölner Dom zur Nebensache.

Trick 6: Tsunami Backflip

Ein Rückwärtssalto mit Handstand am Lenker während der Rotation „Mittlerweile ein Klassiker, der noch immer beeindruckt. Ich habe mit 15 Jahren begonnen, Superman-Backflips zu springen. Dabei hängst du während der Rotation gestreckt hinter dem Lenker – ohne Kontakt zu Sitz oder Fußrasten. Das ist die Basis. Für einen Tsunami muss das Bike viel schneller rotieren als bei einem normalen Backflip, denn sobald man das Motorrad verlässt, stoppt die Rotation beinahe. Der Trick ist, sich in der Luft vorher die Zeit durch schnellere Rotation zu erarbeiten, damit man sich dann komplett ausstrecken kann. Irgendwann guckst du dann durch den Lenker. Das ist der Moment, in dem du deinen ersten Tsunami Backflip gemacht hast.“ Luc hat diesen Trick nicht erfunden, aber er hat ihn perfektioniert. Ein Stück weiter, noch eines und noch eines. Auch das ist Kreativität: Grenzen nicht zu akzeptieren, sondern sich Zentimeter für Zentimeter auf unbekanntes Gebiet vorzuwagen. THE RED BULLETIN

Über die Jahre hat sich der Tsunami Backflip zu einem von Luc Ackermanns Lieblingstricks entwickelt. „Das ist ein sehr spektakulärer und ästhetischer Sprung. Anfangs war die Überwindung sehr groß, aber durch ungezählte Versuche in die Schaumgummi-Grube habe ich mir Routine und Selbstvertrauen erarbeitet. Auf diese Art konnte ich diesen Trick, den ich aus ästhetischen Gründen unbedingt beherrschen wollte, quasi domestizieren. Inzwischen ist der Tsunami Backflip mein Freund.“ Auch, und das wollen wir nicht vergessen, weil er mit dem Tornado Backflip darüber hinaus seinen schwierigeren Bruder beherrscht.

Trick 7: Der Traum: Triple Backflip Ein dreifacher Rückwärtssalto

„Dieser Trick wurde weltweit bis jetzt erst ein einziges Mal gestanden. Irgendwie lässt er mich nicht los: Eine drei­ fache Rotation wäre wahnsinnig cool, aber ich weiß noch nicht, ob ich dieses Projekt wirklich angehe. Die dazu nötigen Dimensionen sind einfach gigantisch: Es bräuchte eine acht bis zehn Meter hohe Rampe. Die Anfahrt müsste im dritten Gang Vollgas erfolgen statt im zweiten wie beim Double Backflip, der auch schon ziemlich erschreckend ist in seinen Dimensionen. Wenn ich an den Triple

Backflip denke, versuche ich im Kopf eine Möglichkeit zu finden, die Dimen­ sionen zu reduzieren. Ich habe aktuell nicht besonders viel Lust auf 30 Meter Luftstand, die der Trick nach heutigem Wissen erfordert. Ich würde gern einen Weg finden, den Sprung zu schrumpfen. Andererseits braucht es einfach die Zeit in der Luft, um drei Rotationen hinzukriegen und dann rechtzeitig für die ­Landung fertig zu sein.“ Dazu kommt, dass man bei einem Double Backflip relativ langsam anfährt und erst kurz vor der Rampe für maximale Höhe Vollgas gibt. Diesen Luxus kann man sich bei einem Triple Backflip nicht leisten. Hier gibt es nur voll-voll. Wie entscheidet Luc Ackermann, ob er sich den Triple Backflip erarbeitet? „Wie bei jedem Trick: Ich muss das Gefühl ­haben, dass es sich lohnt. Und ich muss mir den Trick vorstellen können.“ Falls er sich dazu entschließt, wird er das nicht an die große Glocke hängen, sondern ihn eines Tages vorzeigen, einfach so. Die Welt wird staunen. Und Luc Ackermann seinen Sport wieder ein Stück weit nach vorn gebracht haben. Wer möchte Luc in Action sehen? Auf dem YouTube-Kanal von Red Bull zeigt der Bike-Akrobat seinen spektakulären Rhein-Stunt im Video: y­ outube.com/redbull

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Die Österreicherin ANNA GASSER, 30, ist die Königin unter den Snowboardern. Dennoch hat sie noch immer nicht genug vom Besserwerden.

SANI ALIBABIC

Schriftstellerin Doris Knecht hat für The Red Bulletin ein literarisches Porträt verfasst: Es ist die Geschichte einer Frau, die niemals aufgibt.


Snowboarden

A N NA GA SSE R

Queen of Snow Ein Wintermärchen Von Doris Knecht Die Königin trägt keine Krone; sie trägt eine dicke Wollhaube auf ­ihrem langen blonden Haar: Haare in der Farbe eines Weizenfeldes in der Hitze des Sommers, sie schauen unter der Krone hervor, manch­ mal zu schlampigen Zöpfen geflochten. Die Königin sieht aus wie eine Prinzessin: Aber Vorsicht, das täuscht. Die Königin ist ein Sommerkind, geboren im August. Sie ver­ brachte ihre Kindheit im Süden des Landes, es sei eine gute, idyllische Kindheit gewesen. Sie erzählt von schönen Momenten und Erinnerun­ gen, ihre Lieblingsfilme handelten von anderen kleinen Mädchen auf grünen Bergen und in klirrender Kälte: Heidi und Elsa, die Eisprinzes­ sin. Sie erzählt von intensivem Familienzusammenhalt und davon, dass ihre Eltern ihr Chips verboten; und das Moped, das sie sich mit sech­ zehn wünschte und auf das sie bis zu ihrem 25. Geburtstag warten musste. Die Königin wuchs auf in einem grünen Tal, in mildem Klima, an einem sommerwarmen See, der sich in ihren Augen zu spiegeln scheint. Wenn sie nicht gerade durch ihr Königreich aus schneebedeckten Bergen ridet, zieht sie sich dorthin zurück, in ihr Etagenschloss, das viel Sonne hereinlässt und dessen Möblierung mit ihrem Haar har­ moniert. Es hat einen großen Balkon, dessen gläserne Balustrade den Blick über Millstatt durchlässt, auf den See und die bewaldeten Hügel 53

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dahinter, auf das Blau des Himmels. Manchmal kommt die Schwester der Königin auf Besuch, dann stemmen und schwingen sie sich auf dem Balkon in die Luft, gegenseitig, die eine auf der anderen, wie ­Akrobatinnen im Zirkus, und mit einer solchen Kraft, dass man es mit der Angst zu tun bekommt, es würde eine der Frauen vom Balkon ­kata­pultieren. Sie sagen, es sei Yoga; okay. Es gibt Bildchroniken davon, auf dem königlichen Instagram-Account, auf dem überhaupt sehr viel Atemberaubendes zu sehen ist, vieles davon ungeeignet für schwache Nerven.

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Denn Anna Gasser, die Königin, regiert ihr Reich nicht mit einem Zepter, sondern mit einem Brett aus dünnem, gebogenem, bunt be­ maltem Holz und mit der Kraft ihres schmalen, zähen Körpers, dessen durchtrainierte Muskulösität unter den vielen Schichten der könig­ lichen Gewänder verborgen bleibt, außer sommers, wenn sie in die glatte Oberfläche des Sees taucht, manchmal hoch von einem Baumstamm, der über das Wasser ragt, weil die Königin einfach gerne in der Luft ist. * Die Königin hat Vertraute, auf die sie sich verlässt: ihre Mutter, die ihr vor jedem Kampf ein goldenes Armkettchen mit einem Glücksbringer schenkt, den die Königin immer trägt, ihr Vater, ihre Schwester Eva, ihr Manager Sani Alibabic, ein paar enge Freunde. Es gibt auch einen König mit hellen Augen und rötlichen Locken, die unter seiner Strickkrone hervorringeln. Der König heißt Clemens Millauer, und er ist immer an der Seite seiner Königin, und, das sieht man, er liebt, be­ wundert und verehrt sie. Und er sorgt dafür, dass die Welt in Berichten und Bildern von ihrem Wirken erfährt: Er verfolgt die Königin mit seiner Videokamera auf Schritt und Tritt. Was nicht einfach ist und nicht jeder kann, denn die Königin ist unglaublich schnell, unvorstellbar wendig, sie kennt viele Tricks, und sie kann fliegen. Wer an ihrer CORINNE RUSCH

Seite bleiben will, sollte das besser auch können. Der König kann es, und deswegen kann man den Moment, den die Königin als den einen in ihrem Leben beschreibt, an dem sie am liebsten zurückdenkt, ­immer

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THE RED BULLETIN


Snowboarden Anna Gasser

„Die Königin ist unglaublich schnell, sie kennt viele Tricks, und sie kann fliegen.“ Anna Gasser als Queen of Snow – fotografiert für The Red Bulletin von Corinne Rusch in einer Inszenierung von Bühnenbildnerin Katharina Heistinger und Make-up-Artistin Sophie Kaspar. Wer jetzt umblättert, sieht sie so wie nie zuvor.


Snowboarden

wieder anschauen: im Internet und jetzt auch in „The

te, bis sie die Stärkste war, die Beste war, die Zähste, die

Spark Within“, dem Film über die Königin, der dem­

Mutigste, die, die das Gold eroberte. Eine, die neue

nächst zu sehen ist. Es ist der Moment, in dem die Kö­

Standards setzte in den Kämpfen, eine Stehaufprinzes­

nigin ihren ersten Triple Underflip schaffte, und den

sin, angetrieben von einer Kraft, die schwer zu besiegen

ersten, den je eine Frau geschafft hat, sie beschloss ganz

ist: dem unbändigen Willen, stetig besser zu werden,

plötzlich, dass es nun so weit sei, und machte es einfach,

immer, wie sie sagt, das Beste rauszuholen, immer noch

und zum Glück war der König da mit seiner Kamera. Es

ein bisschen mehr. Es ist eine Kraft, die die Kapitulation

ist ein beeindruckender Moment, und es ist auch schön,

nicht kennt, das Aufgeben, das Verharren im Mittel­

dabei zuzuhören, wie ekstatisch der König in dem Film

maß, das Ausruhen im good enough. Die Königin ist

diesen einzigartigen Sieg seiner Königin feiert.

Perfektionistin, sie gibt sich nicht mit dem Zweitbesten

Daneben gibt es noch einen Zauberer, der der

zufrieden. Das brachte ihr erst den Respekt der anderen

­Königin hilft, runterzukommen, abzuschalten, sich vor­

Kriegerinnen ein, dann den der Männer, jetzt sprechen

übergehend auszuklinken aus dem Stress und der An­

sie alle von der Königin mit Bewunderung und einer

spannung, den ihre Regentschaft mit sich bringt. Der

gewissen Ehrfurcht. Es fällt auch oft das Wort „crazy“.

Zauberer heißt Harry Potter und spricht zu ihr aus ih­

Sie selber will sich nicht verrückt nennen, sagt die

ren Kopfhörern.

Königin, sondern so, wie es viele andere tun: mutig,

* Die Königin hat ihren Thron, ihr Reich nicht von einem

furchtlos und fokussiert. Fokussiert: Das Wort be­

Königvater ererbt oder mit einem Prinzen angeheiratet.

Denn in diesem Sport bekommt man nichts um­

Die Königin fing schon als Kind an, sich auf den Thron

sonst, und man wird nicht auf Rosen gebettet, auch die

vorzubereiten: Sie sprang von hohen Brettern in den

Königin schlief im Auto, zwischen den Kämpfen. Sie

See, sie turnte in Wettkämpfen, schwang sich schon als

wurde verwundet, sie hat geblutet, sie hat sich blau ge­

kleines Mädchen furchtlos in die Luft. Sie hat sich den

hauen, sie hat sich Knochen gebrochen; wenn auch über­

Thron erobert, in vielen Kämpfen, von denen sie einige

raschend viel seltener, als man glauben würde, wenn

verlor und viele gewann, immer öfter, immer mehr,

man ihr in den Videos in „The Spark Within“ beim

und in denen sie schließlich auch die siegreichsten,

Stürzen zusieht und beim Fallen.

stärksten, zähesten Kriegerinnen und Krieger bezwang

Wie es sie in dem Film hinpackt, wieder und wie­

und besiegte. Sie nennen sie einen Warrior: Anna the

der und wieder, das ist alles andere als königlich. Das ist

Warrior.

nicht so ein bisschen umfallen. Das ist: wirklich aus der

Die blonde, seeäugige, rotwangige Prinzessin, das

Luft, aus hoher Höhe, buchstäblich ungespitzt auf die

süße, blonde Mädchen, das aus dem Süden kam, die

Piste knallen. Man sieht, wie sie voll auf die Schnauze

kleine Turnerin: Sie wurde erst belächelt, nicht ernst

fliegt, man sieht, wie sie aufsteht, wieder springt, wieder

genommen, unterschätzt, nicht als Konkurrenz gesehen.

auf die Schnauze fliegt, wie sie wieder aufsteht, wie sie

Bis sie nicht mehr zu übersehen, nicht mehr zu igno­

es mit blutiger Nase noch einmal macht.

rieren war: wie sie nach jedem noch so brutalen Sturz

Es gibt ein Video, da sieht man die junge Königin

wieder aufstand und es wieder versuchte, noch einmal,

in einen steilen Tiefschneehang stürzen, nach einem

und noch einmal. Bis sie es konnte, bis sie es beherrsch­

Sprung über eine Schanze, die aussieht, als sei sie aus

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THE RED BULLETIN

CORINNE RUSCH

schreibt die Königin am besten.


„Sie wurde belächelt, nicht ernst genommen, unterschätzt – bis sie nicht mehr zu übersehen war.“ Die Königin im Spiegel – Anna Gasser beim Shooting in Wien


„Sie ist rücksichtslos gegen sich selbst, extrem diszipliniert, ohne Angst vor der Gefahr.“ Anna Gasser zeigt beim Spring Battle 2021 in Flachauwinkl einen „Cab Double 1080 Frontside Grab“. Das Event hat sie übrigens gewonnen.

Schneeziegeln selbst gebastelt worden. Man hört sie Scheiße! rufen, nein: SCHEISSEEEE, auf ihre weiche kärntnerische Art, und auch nicht zornig oder frustriert, es ist eher so ein sonniger Oje-Tonfall. Dann steigt sie durch den Tiefschnee wieder auf. Sie sei „relativ schmerzresistent“, sagt Anna Gasser. Man glaubt es, anders wäre es schwer zu erklären, wie sie es schafft, sich wieder und wieder sich von einer Schanze zu schwingen und etwas zu probieren, das im besten Fall irgendwann eine Weltsensation wird, aber jetzt gleich wahrscheinlich mit einem harten Aufprall im Schnee enden wird, mit verdrehten Extremitäten, geprellten Knochen, Hämatomen. * Die Königin hat offenbar extrem stabile Knochen, nur zwei Mal hat sie sich etwas gebrochen: Ihr Handgelenk und ihren Talus, den kurzen ­Knochen zwischen Fuß und Bein, das war, wie Gasser sagt, ihre langwierigste Verletzung. Die Verletzung, die sie beinahe gestoppt hätte, sie um ein Haar in den Rollstuhl gezwungen hätte, war ein bei einem Sturz verschobener Halswirbel, der ihr, wie sie erzählt, Lähmungs­ erscheinungen bescherte, und fast hätte sie kapitulieren müssen, ihre Karriere beenden. Aber die Königin heilte, und sie machte weiter. Sie stand wieder auf, sie kämpfte weiter. Sie ist rücksichtslos gegen sich


Snowboarden

SANI ALIBABIC

Der Sprung, mit dem Anna in neue Dimensionen vorstieß: Knapp zwei Jahre nachdem sie erstmals den „Cab Triple Underflip“ geschafft hatte, wiederholte sie den spektakulären Sprung am Ort seiner Premiere – beim Trainigscamp „Prime Park Session“ am Stubaier Gletscher.

Ein „Backside 180 Melon Grab“ bei Sonnenaufgang. Der Jump, also die Schanze, wurde in Zusammenarbeit von ÖSV und Kaunertaler Gletscherbahnen auf dem Kaunertaler Gletscher errichtet, um während des Lockdowns im Mai 2020 Trainingsmöglichkeiten zu schaffen.

THE RED BULLETIN

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Anna Gasser

„Ich werde in zehn Jahren immer noch das machen, was mich glücklich macht, und am Snowboard stehen.“ Anna auf die Frage, was sie in zehn Jahren in der ersten Stunde nach dem Aufstehen machen wird.


CORINNE RUSCH

Snowboarden

selbst, extrem diszipliniert, ohne Angst vor der Gefahr,

fokussiert. Sie trainiert hart, fast täglich, vielleicht noch

ohne Mitleid für sich. Wenn sie trotzdem wütet, manch­

härter als f­rüher. Sie will weiterhin einfach das Beste

mal weint, zürnt, bei Stürzen, bei neuen Verwundun­

rausholen.

gen, dann aus Sorge darüber, dass dieser Sturz, diese

Die Königin ist vor ein paar Wochen dreißig ge­

Verletzung sie am weiteren Training hindern könnte,

worden, aber sie ist nicht fertig damit, noch besser zu

daran, das zu tun, was sie in ihrem Leben am liebsten

werden. Sie hat in ihrem Sport so gut wie alles erreicht,

tut und immer weiter tun will: snowboarden. Durch

und sie ist noch lange nicht am Ende. „Das große Ziel ist

die Luft fliegen, denn ja, wie fliegen fühle es sich mit­

schon noch einmal Olympia“, sagt sie: Im Februar finden

unter tatsächlich an, „unbeschreiblich, schon fast wie

in Peking die Olympischen Winterspiele statt, sie sagt,

ein Rausch“.

sie hoffe natürlich wieder auf eine Medaille, auch wenn

* So geht das Märchen von der Königin, der Queen of

sie da nicht wie bei den letzten Winterspielen als Top-

Snow. Das Besondere an diesem Märchen: Es ist keins.

alle anderen, mit all den auf sie gerichteten Augen und

Man muss nichts erfinden, nichts dazudichten. Es ist

Erwartungen. Damals, 2018 in Korea, fuhr sie mit olym­

höchstens so, dass man Anna Gasser nicht einmal im

pischem Gold heim, es ist der andere beste Moment in

Märchen zu fassen bekommt: eine junge Frau, die sich bis

ihrem Leben. Jetzt sei das Favoritinnen-Feld größer ge­

zu zehn Meter hoch in die Luft schrauben und 35 Meter

worden, das nehme Druck raus, sagt die Königin. Glaubt

weit springen kann, die Goldmedaillen sammelt und

man ihr nicht ganz. Es ist klar, wo sie hinwill, an die

Firsts – Sprünge, die keine Frau vor ihr wagte und

Spitze wie immer, sie will das Gold erobern, und dafür

schaffte. Und von denen sie noch mehr schaffen will,

wird sie alles geben und alles riskieren.

Favoritin hinfahre, mit diesem riesigen Vorsprung auf

man werde sehen, denn natürlich gäbe es noch „den ei­

Deswegen überrascht auch nicht die Antwort auf

nen oder anderen Trick, den ich gerne meistern würde“.

die Frage, wo sie sich in zehn Jahren sieht, in der ersten

Dabei die erste Frau zu sein sei immer was Besonderes.

Stunde nach dem Aufstehen. Nicht auf der Fahrt in ein

Es ist auch ein Märchen über das Scheitern, wieder

Büro, nicht auf dem Weg in Kindergarten oder Schule,

und wieder. Und das Trotzdem-nicht-Aufgeben. Und das

mit links und rechts einem Kind an der Hand, „ich wer­

Nochmalscheitern, mitunter vor hunderten, tausenden

de“, sagt die Königin, „immer noch das tun, was mich

Zusehern. Und wieder aufstehen und es noch mal ver­

glücklich macht, und am Snowboard stehen. Die erste

suchen, mit der Möglichkeit, erneut zu scheitern.

Stunde nach dem Aufstehen wird wahrscheinlich nicht

* Die Königin weiß, was sie will. Sie trainiert, muss sich

viel anders aussehen als heute.“

um ihre Sachen kümmern, sie will sich auch, sagte sie,

so schnell nicht aufgeben. Sie wird sich in die Luft

wenn man mit ihr spricht, nicht mehr so verzetteln.

schrauben, einmal, zweimal, vielleicht dreimal, mit

Sie hat zu viel gemacht im letzten Jahr, zu viele unter­

­ihrem Brett unter den Füßen, sie wird fliegen, sie wird

schiedliche Dinge, sie will das jetzt nicht mehr. Ihre

weiterfliegen.

Die Königin wird ihr Reich aus Bergen und Schnee

Haare fallen ihr ins Gesicht, während sie spricht, sie lächelt, sie ist freundlich und unkompliziert. Aber sie war in der Schweiz, in Saas-Fee, ganz auf ihr Training THE RED BULLETIN

Mehr aus Annas wunderbarer Welt: anna-gasser.com, @annagassersnow

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Snowboarden Anna Gasser

Anna bei einem „Nose Press“ am Stubaier Gletscher

Gold-Anna bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang, Südkorea

Anna Gasser Best of Karriere

Es ist einer von vielen Höhepunkten in einer beeindruckenden Karriere. Anna Gasser ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Goldmedaillengewin­ nerin bei den X Games. Aktuell bereitet sich die Kärntnerin intensiv auf die Olympischen Spiele in Peking vor.

Heimatbewusste ­Weltenbürgerin: Anna mit öster­ reichischer Fahne

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„ANNA GASSER – THE SPARK WITHIN“

Revolution von oben

Ein Film über Anna und wie sie die Welt des Snowboardens verändert hat

W

ir verraten hier nicht, welche Gänsehautmomente „The Spark Within“ („Der Funke in dir“) birgt, wie nahe wir Anna Gasser, 30, in diesem eindringlichen Porträt kommen und welche überraschenden Details enthüllt werden. Was wir hier aber vorab verraten, vor allem für alle, die mit der Welt des Snowboardens nicht völlig vertraut sind, ist die Rolle, die Anna Gasser in dieser speziellen Welt spielt. Anna hat diese Welt, in der das ­Höher, Weiter und Spektakulärer von entscheidender Bedeutung ist, revo­ lutioniert. Und zwar ohne große ­Worte – einfach, indem sie, unbeküm­ mert von jedem Drumherum, getan hat, was sie tun musste, weil Snow­ boarden ihr Leben ist: „Nichts anderes gibt mir dieses besondere Gefühl.“ Eine ihrer Konkurrentinnen, die ­Kanadierin Spencer O’Brien, 33, bringt es in „The Spark Within“ auf den Punkt: „Sie hat unseren Sport verändert. Es ging mit einem Mal nicht mehr darum, zu sagen, der Sprung war gut für eine Frau, sondern der Sprung war gut für einen Snowboarder.“ Und der sloweni­ sche Snowboarder Marko Grlic, 38,

sagt: „Anna schafft dieselben Tricks, die auch die Männer machen.“ Tatsächlich hat Anna Gasser Sprünge geschafft (Mini-Spoiler: Ja, sie sind alle im Film zu sehen), die vor ihr keiner Frau gelungen waren. Und sie hat so dafür gesorgt, dass sie und ihre Kolle­ ginnen so wahrgenommen werden, wie sie es verdienen – auf Augenhöhe. Wenn Anna springt, nimmt sie übri­ gens nur Anfang und Ende wahr. Was dazwischen – also in der Luft – passiert ist, weiß sie erst, wenn sie das Video gesehen hat. Weil sie in diesen wenigen Augenblicken in ihrer ganz eigenen Welt ist – der Film bringt sie uns näher.

„The Spark Within“ ist ab 16. November zu sehen. redbull.com/ annagasser THE RED BULLETIN

SANI ALIBABIC

Am 13. November 2018 steht Anna Gasser am Stubaier Gletscher ­einen Sprung, den zuvor noch nie eine Frau geschafft hat: einen „Cab Triple Underflip“ – ­etwas vereinfacht erklärt: einen drei­ fachen Rückwärtssalto, inklusive einer Drehung um 180 Grad.


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00:00 SO BLEIBST FO K U S S D U IERT

Pass jetzt gut auf!

Prof. Dr. VOLKER BUSCH erforscht seit 20 Jahren unser Gehirn. Hier verrät der Neurowissenschaftler, wie wir trotz Handy- und Mail-Dauerfeuer konzentriert bleiben – indem wir kurz die Augen schließen oder „Harry Potter“ lesen.

00:18

Schach spielen

Die „tiefe Stunde“ nutzen

01:59

10 Minuten schlafen Einer der stärksten KonzentrationsBooster ist erholsamer Schlaf. Am besten zwischen 6 ½ und 8 ½ Stunden pro Nacht, in einem dunklen Zimmer bei kühler Temperatur. Guter Schlaf restauriert unser Gehirn. Insbesondere die vorderen Abschnitte, wo Aufmerk­ samkeitssteuerung, Disziplin und Willenskraft zu Hause sind. Sie er­ schöpfen nach einem anstrengenden Tag recht schnell. Deshalb naschen wir am Abend mehr Süßigkeiten und geben leichtfertiger Geld aus. An­ spruchsvolle Aufgaben sollte man ­daher lieber am Vormittag erledigen. Nach dem Mittag kommt das Tief. Mein Tipp in dem Fall: ein 10-Minu­ ten-Power-Nap, damit sich das Ge­ hirn etwas regenerieren kann. Bloß dösen hilft auch schon. Danach ist man auf jeden Fall konzentrierter.

Nicht jeder von uns kann sich eine Stunde hinsetzen und konzentriert ­arbeiten. Die gute Nachricht ist: K­onzentrationsfähigkeit lässt sich ­trainieren. Etwa indem man ein Buch liest. Lesen ist die konzen­trierteste 03:07 Form des Denkens. Ob „Harry Potter“ oder eine Biografie, ist ganz egal. Hauptsache, das Buch macht Freude und man guckt nebenher nicht ständig aufs Handy. Unser Gehirn muss im ­Inhalt versinken. Schlagzeilen sind zu kurz. Ich empfehle 30 bis 45 Minuten. Was die meisten Menschen als „Multi­ Es dauert eine Weile, bis unser Gehirn einen Tunnelblick einnimmt tasking“ bezeichnen, ist eigentlich ein und die Konzentration sich aufbaut. „Task-Switching“ im Gehirn zwischen Trainiere das am besten jeden Tag. verschiedenen Aufgaben. Je unter­ Mir ist klar, dass das nicht immer mög­ schiedlicher die Aufgaben sind, desto lich ist. Aber letztlich macht es die größer ist dabei der Konzentrations­ verlust. Denn das Gehirn muss sich ­Regelmäßigkeit. Einmal pro Woche jedes Mal neu konfigurieren. Deshalb wäre zu wenig. Wer nicht gerne liest, ist es sinnvoll, ähnliche Aufgaben zu kann stattdessen ein Gesellschaftsspiel bündeln. Zum Beispiel alle E-Mails spielen. Kein „Mensch ärgere Dich um 17 Uhr auf einmal zu beantworten, nicht“. Da braucht man bloß Glück. statt die Arbeit permanent zu unter­ Besser: Schach. Denn hier bestimmt brechen, wenn eine neue Nachricht die Konzentration, wer gewinnt.

Besonders anspruchsvolle Aufgaben erledige ich in meiner „tiefen Stunde“. Das ist eine Stunde am Tag, meistens um elf Uhr vormittags, die bei mir fest im Terminkalender eingetragen ist. In dieser Zeit sehe ich etwa Doktor­ arbeiten durch oder bereite einen Vor­ trag vor. Das wissen auch alle in mei­ ner Umgebung und lassen mich in dieser Zeit in Ruhe. Dann ziehe ich mich in mein Arbeitszimmer zurück, hänge ein Stoppschild an die Türklinke und schalte mein Handy aus. Für Aufgaben, die ein hohes Maß an Konzentration erfordern, empfehle ich jedem eine solche „Bastion der Ruhe“. Das kann ein beliebiger Ort sein. Wichtig ist nur, dass einen dort nichts, absolut gar nichts ablenkt. An diesem Ort sollte kein Fernseher stehen und am besten nicht mal Musik laufen. Denn im Kampf um unsere Aufmerksamkeit gewinnen immer die Dinge, die uns Freude bereiten.

01:58 64

THE RED BULLETIN

OLIVER BETKE

MAXIMILIAN REICH

Das Gehirn neu ausrichten


03:08 im Postfach landet. Dadurch muss das Ge­hirn nur noch innerhalb der gleichen „Aufgabenstapel“ umschalten, und man hat weniger Leistungsverlust. Leider muss man am Schreibtisch mitunter schnell zwischen Aufgaben wechseln. Um den Leistungseinbruch dabei zu reduzieren, empfehle ich, zwischen zwei Aufgaben die Augen 30 bis 60 Sekunden zu schließen, ­damit das Gehirn den Fokus neu ausrichten kann – und erst dann mit der neuen Aufgabe zu beginnen. Das erspart viele Fehler – und letztlich Zeit.

04:13

Eine halbe Banane essen

In „Kopf frei!“, seinem neuen Buch (Droemer Knaur, 18 Euro), erklärt Neurowissenschaftler und Bestsellerautor Prof. Dr. Volker Busch, wie wir unsere Konzen­tration, ­Kreativität und Aufmerksamkeit steigern.

THE RED BULLETIN

„Im Ruheraum sollte keine Musik laufen. Denn im Kampf um unsere Aufmerksamkeit gewinnen immer Dinge, die uns Spaß machen.“ Prof. Dr. Volker Busch, 49, Facharzt für Neurologie an der Universitätsklinik Regensburg

Nach der Mittagspause schüttet unser Körper Insulin aus, das den über die Nahrung aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Zellen transportiert. Die Folge: Der Blutzuckerspiegel fällt, wir werden müde – und damit sinkt auch unsere Konzen­trationsfähigkeit. Gerade die vorderen Hirnzentren brauchen aber eine gleichbleibende Kohlenhydratversorgung. Daher ist ­etwas Zucker konzentrationsfördernd. Studien haben gezeigt, dass zum Beispiel schon eine halbe Banane hilft, das Nachmittagstief zu überwinden und die Konzentration wieder zu erhöhen.

05:00 Mehr Experten-Tipps für den Alltag unter: ­redbull.com/nachmittagshoch

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Hoch die Räder! In New York erkämpfen sich Wheelie-Artisten auf ihren Bikes einen Platz in der City. In der Szene zählen Tricks, Respekt und eine ganz eigene Form von Freiheit.  Fotos BEN FRANKE


Bike Life

STRASSEN-KÜNSTLER

Bike-Trickser Jae Milez im ­ ashington Square Park in ManW hattan. Der New Yorker fährt den szenetypischen „Wheelie“ ­ohne Pause, weil er das Vorderrad abmontiert hat.

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„Ich habe schon verfeindete Gang­Mitglieder gesehen, die nebeneinander Tricks vorzeigen. Unsere Bike‑Kultur ist ein positives Ventil.“ JAE MILEZ


Bike Life

AUSRITT VOR DER SKYLINE

New Yorks Bike-Life-Enthusiasten bei einer ihrer Gruppenfahrten. Hier über die Brooklyn Bridge

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Bike Life

HIER KOMME ICH!

Trick-Session in Chinatown: Bike-Life-Fahrer El Arte springt über seinen Kumpel Luis Banks.


STIL-IKONE Bike-Artist Obloxkz wuchs in der Bronx auf. Heute folgen ihm 18.000 Fans auf Instagram. Hier zeigt er seinen Lieblingstrick in Manhattan.

„Als ich die ersten WheelieFahrer sah, wusste ich, das ist mein Ding.“ CURLY, TRICK-FAHRERIN

IM GLEICHGEWICHT „Immer mehr Frauen sind in der Szene am Start“, sagt Curly, die den Wheelie inzwischen perfekt beherrscht. THE RED BULLETIN

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GRUPPENFOTO Bike-Life-Artist Obloxkz (Mi.) & Co im Abendlicht Manhattans: Gerade für schwarze Jugendliche geht es in der Szene um Sichtbarkeit.

GEMEINSAM STARK Die Bike-Life-Regeln sind simpel: Wer ein Rad hat und andere respektiert, ist dabei – wie hier beim Ausritt in Downtown Manhattan. 72

THE RED BULLETIN


Bike Life

J

ae Milez braucht auf ­seinem Bike kein Vorder­ rad. Er fährt sowieso ausschließlich auf dem ­Hinterrad, also hat er es gleich ganz abmontiert. Wenn der 23-jährige mit den schwarzen Rastazöpfchen seine Lenkstange hochzieht, schlängelt er sich mühelos durch den dichten Verkehr Man­ hattans. Wheelie ohne Pause – und auch ohne Alternative. Ganz easy. Denn auf dem Hinterrad ist Jae Milez in seinem Element. Der „Wheelie“, also das Balancieren auf dem Hinterrad des Bikes, ist Erken­ nungszeichen und Ehrensache zugleich in der „Bike Life“-Szene von New York. Unter dem Begriff ist in den vergangenen Jahren eine neue urbane Subkultur ent­ standen. Meist sind es farbige Jugend­ liche, die das Tricksen auf dem Rad für sich entdeckt haben: nicht in erster Linie als umweltfreundliche Art, von A nach B zu kommen, sondern als Ausdrucks­ form und Lifestyle, um in der öffent­ lichen Wahrnehmung Aufmerksamkeit zu erregen – und um einen Platz in der City einzufordern. New York ist nur eine von vielen US-Metropolen, die derzeit diese Nischenkultur erleben. In Newark, Boston, Philadelphia, Oakland oder Los Angeles spielt sich das Gleiche ab.

Klar erregen die Biker-Gruppen Aufsehen. Ihre Schwärme erstrecken sich oft über drei Blocks. THE RED BULLETIN

Wenn Jae Milez mit seinen Freunden die Straßen zwischen der Bronx und der Wall Street unsicher macht, erregt das zuverlässig Aufsehen. Erstens, weil sie so viele sind. Die Schwärme, in denen die Radler bei ihren „Mass Rides“ in der Stadt auftreten, können sich schon mal über drei Blocks erstrecken. Zweitens, weil die Bike-Life-Grup­ pen eine ganze Palette von Tricks drauf­ haben: Da werden Pedale, Sättel und Lenkstangen spielerisch in akrobatische Figuren eingebaut, da schleifen Hände am Boden, und immer ist das Vorderrad in der Luft. Meist stacheln sich die Fahrer­ gegenseitig zu immer neuen Höchst­ leistungen an. Die Bike-Life-Szene lebt von Individualisten, die aber den gegen­ seitigen Support hochhalten. Aber warum wurde ausgerechnet das Fahrrad zum Ausdrucksmittel? Das habe mit der weitgehend elitären Geschichte­ des Sportradelns in den USA zu tun, meint die amerikanische Stadt-Architek­ tin und Bloggerin Taz Khatri: „Radfahr­ clubs haben Afroamerikaner, Amerikaner­ mit asiatischen Wurzeln sowie Arme und Ureinwohner die längste Zeit aus­ geschlossen.“ Jetzt sorgt Bike Life für ein starkes ­Gemeinschaftsgefühl in der Community. „Bikes vereinen alle“, sagt Jae Milez, „ich habe schon Gang-Mitglieder gesehen, die nebeneinander Tricks zeigen, nur wegen der Freude am Biken. Das ist ein absolut positives Ventil.“ Sein Kollege mit dem Künstlernamen Obloxkz, gern auch O genannt, eben­ falls aus der Bronx und seit vier Jahren mit von der Partie, meint: „Für mich be­ deutet Biken Gemeinschaft und Familie. So drücken wir uns aus.“ O hat es aus­ druckstechnisch inzwischen zu einer derartigen Meisterschaft gebracht, dass ihm 18.000 Fans auf Instagram folgen. Seit drei Jahren hat er einen Sponsor – ein auf Street Bikes spezialisiertes Unter­ nehmen aus Los Angeles.

„Für mich bedeutet Biken Familie und Gemeinschaft. So drücken wir uns aus.“ OBLOXKZ, TRICK-FAHRER Obwohl bis jetzt Männer die Bike-Life-­ Kultur ganz klar dominieren, haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Frauen der Bewegung angeschlossen, was ihr deutlich mehr Style und Flair ver­ leiht. Die New Yorkerin Curly ist ein gutes Beispiel: 2017 hing sie gerade vor ihrem Block an der Lower Eastside herum, als ein paar junge Männer mit den Vorder­ rädern hoch in der Luft vorbeicruisten. „Das war eine Schicksalsbegegnung“, ­erinnert sich Curly. „Jetzt konzentriere ich mich ganz auf meine Tricks.“ Zugegeben, ganz einfach ist das nicht. Normalerweise dauert es zwei, drei ­Monate, bis man den Wheelie sicher ­beherrscht. „Zuerst fand ich mich nur peinlich, also habe ich allein auf einem Parkplatz geübt“, erzählt Curly. Aber der Support aus der Gruppe überzeugte sie dann doch. Mittlerweile balanciert sie ziemlich selbstbewusst auf dem Hinter­ rad durch ihre Stadt.

WHEELIE-HELDEN

Für die Film-Doku zu New Yorks Bike Life-Kultur einfach den Code scannen.

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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

SIE HEBT AB

DOM DAHER/RED BULL CONTENT POOL

X-Games-Siegerin Mathilde Gremaud verrät ihre InsiderTipps für Saas-Fee in der Schweiz.

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Heimvorteil: Freeskierin Gremaud schrieb in Saas-Fee Geschichte.

Z

um ersten Mal stand ich mit zwei Jahren auf Ski. Ich komme aus dem schweizerischen Fribourg, und dort gab es keine ­Kicker zum Springen oder Halfpipes zum Vorführen irgendwelcher Tricks. Was es aber gab, war ­eine Menge tollkühner Jungs, mit denen ich meinen Mut auf selbstgebauten Schanzen, auf dem Trampolin und beim Skate­boarden trainierte. Meinen ersten Wettbewerb absolvierte ich mit dreizehn. Mit siebzehn gewann ich meine erste Goldmedaille beim Big-Air der X Games, auf die dann weitere Siege folgten, auch im Weltcup. Meinen bis jetzt glorreichsten Moment erlebte ich aber in Saas-Fee. Vor einem Jahr habe ich dort beim Training als erste Frau einen besonders spektakulären Trick geschafft: den Switch Double Cork 1440, eine rückwärts angefahrene Vierfach-Rotation, die auch verkehrt gelandet wird. Wann immer ich in Saas-Fee trainiere und der Himmel so blitzblau ist wie an ­jenem Tag, fühle ich mich an diesen ­Moment zurückversetzt. 76

„Saas-Fee hat mir meinen bis jetzt glorreichsten Moment geschenkt: Ich habe hier als erste Frau den Switch Double Cork 1440 geschafft.“ Mathilde Gremaud, 21, Freestyle-Skifahrerin

Das Dorf ist schön ruhig, weil es keinen Autolärm gibt. Das Dorf Saas-Fee ist sehr alt und sehr hübsch mit seinen verwinkelten Gassen. Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren sind seit Jahrzehnten verboten, nur Elektrofahrzeuge sind zugelassen. Die meisten gehen aber zu Fuß oder sind mit dem Fahrrad unterwegs. Deshalb ist es auch so schön ruhig. Saas-Fee liegt am Eingang eines V-förmigen Tals, das sich ­weiter hinten zu einem U-Tal weitet. Vom Gletscher aus eröffnet sich ein Panoramablick über die Walliser Alpen. Am liebsten mag ich den Anblick des Allalin (4027 m), der eine wunderschöne Kuppe aus Schnee und Eis hat.

Freestyle-Action: Mathilde in der Halfpipe … THE RED BULLETIN


GUIDE Reisen

Zürich Bern

Schweiz Visp

KANTON WALLIS

Saas-Fee

Anreise Mit dem Auto: Saas-Fee liegt sieben Autostunden von München entfernt. Von Zürich ist man dreieinhalb Stunden unterwegs. Parken kann man auf dem großen Parkplatz beim Dorfeingang. Mit der Bahn: Ab Flughafen Zürich dauert die Fahrt mit öffentlichen Verkehrs­ mitteln drei Stunden. Vom Münchner Hauptbahnhof sind es sieben Stunden. Zwischen Visp und Saas-Fee verkehren Busse im Halbstunden-Takt.

Hotspot der Freestyle-Szene: Mathilde landet ­einen Sprung in der Quarterpipe.

… und gut drauf auf der Piste im Snowpark THE RED BULLETIN

DOM DAHER/RED BULL CONTENT POOL (3), LORENZ RICHARD/RED BULL CONTENT POOL (2)

SIMON SCHREYER

Infos unter: saas-fee.ch

Bank-Pause: Mathilde in den Gassen Saas-Fees

Gut zu wissen Gut essen und trinken könnt ihr im ­Restaurant Skihütte neben dem Hotel Burgener – die haben auch eine be­ heizte Terrasse. Hier komme ich oft auf ­einen Drink her. Gegenüber befindet sich die ausgezeichnete Pizzeria Boccalino, die täglich von 11.30 bis 21 Uhr ­geöffnet hat. Für sportliche Unterhaltung sei der Sportplatz Kalbermatten empfohlen – mit Tennisplatz, Skatepark und Driving Range. Dazu gibt es in der Region SaasFee/Saastal drei Minigolfanlagen. Die Umgebung ist auch ein echtes Paradies für Mountainbiker und Wanderer.

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GUIDE Reisen

Der Snowpark ist der Hotspot der Schweizer Szene.

„Respekt ist wichtig: Hier wartet man mit Profis gemeinsam vor den Kickern.“ Mathilde Gremaud

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Ich komme regelmäßig nach Saas-Fee, um im Sommer und Herbst mit dem Schweizer Freestyle-Nationalteam zu ­trainieren. Der Snowpark dort ist der Hotspot unserer Szene und bietet mir nicht weniger als das Optimum: Die Anfahrten zu den Kickern sind steil und die Ausläufe lang. Die Bedingungen für unseren Sport sind auf diesen Obs­ tacles perfekt. Für alle Amateure bietet der Snowpark auch die unbezahlbare ­Gelegenheit, den Profis aus nächster ­Nähe zusehen und sich einiges ab­ schauen zu können. Im Winter gibt es hier in Saas-Fee ­einen eigenen Snowpark weiter unten im Tal, der Park auf dem Gletscher ist nur im Sommer und Herbst in Betrieb. Er bietet Rails und ab Oktober auch eine Quarterpipe. Darüber hinaus gibt es

zwei große sowie einen mittelgroßen ­Kicker, der sich vor allem für einfache Tricks eignet. Pros und Mid-Level-Freeskier nützen die Kicker übrigens gemeinsam. Alle warten respektvoll, bis sie an der Reihe sind, egal ob Profi oder nicht. Mein Tipp: Als absoluter Anfänger würde ich zuerst auf selbst geschaufelten Schanzen üben, Erfahrung sammeln und erst dann in den Snowpark wechseln. Auf den kleinen Schanzen haben wir schließlich alle unser Lehrgeld gezahlt. Das gehört zur Reise dazu! Mehr über Mathilde: mathildegremaud.ch Instagram: @mathilde_gremaud, @saasfee Infos und Preise: saas-fee.ch THE RED BULLETIN

DOM DAHER/RED BULL CONTENT POOL (2), LORENZ RICHARD/RED BULL CONTENT POOL SIMON SCHREYER

Mathilde auf den Rails im Snow­ park Saas-Fee, im Hintergrund ist das Allalinhorn zu sehen.


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GUIDE Gaming Fast wie in echt: In „Riders Republic“ erkunden Spieler auf Bikes oder im Wingsuit hyperreale Welten.

und sogar mit dem Snowmobil erforschen. Im MultiplayerModus sind zudem auch Wettkämpfe möglich.

Fühlt sich an wie echt Die Entwickler des Videospie­ le­herstellers Ubisoft haben die jeweiligen Landschaften mit ihrer Flora und Fauna sowie die Bodenbeschaffenheit unheimlich realistisch hinbekommen. Dazu gibt es Gerät und Ausrüstung von angesagten Marken wie Santa Cruz, Specialized oder YT. Unterm Strich: ein gigantischer digi­taler Spielplatz für (virtuelle) Adrenalinjünger.

Atmen wie die Profis

In diesem Ubisoft-Game wirst du Action-Sportler. Mit Herzrasen, aber ohne Risiko. Nur eine Handvoll Mountain­ biker – dieses Jahr sind es 15 – darf jedes Jahr am Red Bull Rampage teilnehmen. Mit ­gutem Grund: Die meisten Sportler wären mit den An­ forderungen des legendären Mountainbike-Freeride-Events heillos überfordert. Die Fahrer stürzen sich von einer winzigen Plattform in 240 Meter Höhe fast senkrecht über die Felsen des Zion-Nationalparks im USBundesstaat Utah. Außerdem gibt es keinen festen Kurs. Die Teilnehmer „schnitzen“ sich ihre Strecke mit Schaufeln und Hacken selbst aus dem Sandstein. Entsprechend spektakulär ist die Veranstaltung für Zuschauer: Legendär ist etwa der 18-Meter-No-Hander-Jump 80

von Kyle Strait aus dem Jahr 2013 oder Nicholi Rogatkins Sturz von einem neun Meter hohen Felsen im Jahr 2015, nach dem er sich abklopfte und seinen Lauf ungerührt fortsetzte.

„Es ist, als würdest du bei Red Bull Rampage fahren.“ Rémi Salomon, Videospieldesigner

Ab in den Nationalpark Selbst teilnehmen? Nicht mal dran denken: Selbst für die meisten Profis ist Red Bull Rampage eine Spur zu steil. Doch nun können wir alle die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, in Utah am Start zu stehen: Im Sport-Game „Riders Republic“ kann Red Bull Rampage nachgespielt werden – und das ist nur ein Abenteuer in der virtuellen Extremsport-Welt. Neben Zion können sechs weitere US-Nationalparks ausgewählt werden: Yosemite, Bryce Canyon, Grand Teton, Canyonlands, Sequoia und Mammoth Mountain. Wobei die Spieler die Gegend nach Lust und Laune mit dem Bike, per Ski oder Snowboard, in Wingsuits

Positiver Stress Die größte Schwierigkeit sei es gewesen, sagt Salomon, die Art Anspannung beim Spieler zu erzeugen, die so eine Erfahrung erst prickelnd macht. „Wir haben die StressSituationen ganz genau analysiert“, erklärt der Entwickler. Das Ziel: „Obwohl das Spiel natürlich komplett ungefährlich ist, soll es sich doch gefährlich anfühlen.“ „Riders Republic“ ist für PS4, PS5, Xbox One und S ­ eries X/S, Google Stadia und ­Microsoft Windows erhältlich. Alle Infos zum Game: ubisoft.com THE RED BULLETIN

STU KENNY

Spielplatz extrem

UBISOFT ANNECY

„RIDERS REPUBLIC“

Um die Atmosphäre beim Red Bull Rampage zu simulieren, griffen die Programmierer auf Aufnahmen von Helmkameras der Teilnehmer zurück. „Das war ein unglaubliches Werkzeug“, sagt Spieldesigner Rémi Salomon. „Wir haben das Atmen und die Reifen­ geräusche da herausgenommen, um das richtige ‚game feel‘ zu generieren.“ Nachsatz: „Es ist, als würdest du wirklich beim Rampage fahren.“


GUIDE Kalender

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November WER KANN’S ­BESSER?

ALEXANDER SCHWARZ/RED BULL CONTENT POOL, TOM RENGELSHAUSEN, JEREMY BERNARD, PICTUREDESK.COM

In 80 Fun-Wettbewerben messen Studierende aus Deutschland und Österreich beim Red Bull WG Clash ihre Kräfte. Wer mitmachen will: Die Bewerbungs­ phase läuft noch bis 19. November, eine W ­ oche später geht’s los. redbull.com/wgclash

25 November LA LISTE – EVERYTHING OR NOTHING Die planierten Pisten sind Jérémie Heitz schlicht zu langweilig. Der 32-jährige Schweizer ­Extrem-Skifahrer mag es viel lieber abenteuerlich und bezwingt die steilsten Abfahrten der Welt. In den Schweizer Alpen, im Himalaya, im Karakorum-Gebirge in Pakistan und in der Cordillera Blanca in Perus Anden. Immer mit dabei: sein Bergpartner Sam Anthamatten und die Kamera. Das Ergebnis kann man ab 25. 11. im Kino sehen. Infos: redbull.com

26

November DIE PS-PARTY DES JAHRES Auto- und Motor-Fans, auf­ gepasst! Europas größte Messe für Sportwagen und Tuning öffnet von 26. November bis 5. Dezember wieder ihre Pforten. Neben zahlreichen Ausstellungsstücken gibt es auf der Essen Motor Show auch dieses Jahr wieder ein spektakuläres Showprogramm. essen-motorshow.de

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Im Anflug: THWKiel-Kreisläufer Hendrik Pekeler

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November EHF HANDBALL CHAMPIONSLEAGUE Viermal hat der THW Kiel die EHF Champions League bereits gewonnen. Auf dem Weg zum fünften Titel trifft das Team auf den sechs­ fachen dänischen Meister Aalborg Håndbold. ServusTV überträgt das Kräftemessen am 18. 11. live ab 18.35 Uhr. servustv.com   81


BEST PRACTICE

DAMIT HÖRT UNSERE QUEEN

LÖFFLER M JACKET WORLDCUP

SKULLCANDY HESH ANC HEADPHONES

Dass diese Jacke den Weltcup im ­Namen trägt, hat einen guten Grund. Jedes Detail wurde mit Spitzensportlern besprochen, analysiert und ­getestet – und im Windkanal einem finalen Härtetest unterzogen. loeffler.at

Damit genießt die Queen of Snow ihre Lieblingsmusik. Und zwar ohne irritierende Störgeräusche. Vier Mikrofone sorgen dafür, dass sich Anna Gasser an einem glasklaren Sounderlebnis erfreut. skullcandy.eu

ZEIGT, WAS DU GELEISTET HAST SUUNTO 9 PEAK Ein robuster Begleiter auf allen ­Wegen, ausgestattet mit neuem ­Goodie. Diese Uhr zeigt, wie viel Fett du beim Training verbrannt hast. suunto.com

Richtig gutes Zeug Der Winter kann kommen – denn mit diesen Gadgets bist du bestens gewappnet.  Text WOLFGANG WIESER

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THE RED BULLETIN

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GUIDE Tipps & Trends MIT DER KRAFT VON ZUCKER PICTURE PLUMA JKT Diese Hardshell-Jacke von ­Picture ist absolut wasserund winddicht – und trotzdem höchst atmungsaktiv. Dafür sorgt ein besonderes Material: Bio-Hardshell aus Zuckerrohrabfällen. picture-organicclothing.com

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LEUCHTKRAFT Grasgrüne Bindung für den entspannten Aufstieg

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GUIDE Wintersport

Schnee, juchhe! Es hat geschneit, und was jetzt? Nichts wie rein ins Vergnügen! Drei ausgesuchte AusflugsTipps von Profis: sanfte Skitouren in Saalbach, ­Langlaufen in Tirol, Freeriden in Zell am See.

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SAALBACH.COM/MORITZ AIBLINGER

Skiführerin Sabine­ Schipflinger in ­ihrem Revier: ­Powdern im Skicircus Saalbach

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GUIDE Wintersport

Skitouren mit Liftunterstützung schonen Kräfte und das Zeitbudget. In Saalbach-Hinterglemm gelten sie als krönender Abschluss nach einem lässigen Tag auf der Piste. Easy Touring ist eine feine Sache, sagt Sabine Schipflinger. Die 34-jährige Salzburgerin aus der Nachbargemeinde ­Viehhofen kennt den Skicircus Saalbach Hinterglemm Leogang Fieberbrunn seit frühester Kindheit, im Winter arbeitet sie hier als Skiführerin. „Mit Liftunterstützung gelingt der Einstieg ins Gelände ganz einfach. Du musst nicht den ganzen Tag unterwegs sein, um in den Genuss des Tourengehens zu kommen.“ Gerade in Saalbach bietet das abwechslungsreiche Gelände in Kombi­nation mit einem Angebot von 70 Seilbahnen und Liften eine Vielzahl an Möglichkeiten, das Tourengehen für sich zu entdecken. „Eine sehr schöne, aber anspruchsvolle Tour“, erzählt Sabine, „führt von der Bergstation der Z ­ wölferkogelbahn hinauf auf den Hohen Penhab.“ Für die knapp 200 Höhenmeter mit einer Steigung von rund 30 Grad müssen geübte Tourengeher nicht viel mehr als eine Stunde einplanen. Neben einer soliden Kondition sind gewisse tech­

„Wenn du weißt, wo du suchen musst, findest du immer unverspurte Hänge.“ Sabine Schipflinger, 34, Skiführerin

Saalbach bei Nacht: Spaß im freien Gelände

Ausrüstung, Handy) dabeihaben. Trotzdem bleibt immer ein Restrisiko. Umso wichtiger ist es, sich über die aktuelle Lawinengefahr zu informieren.“ Spricht man im Skicircus von „Easy Touring“, ist etwa von einer Route von der Bernkogelbahn in Saalbach h ­ inauf auf den 1740 Meter hohen Bernkogel die Rede. Von der Bergstation führt der Weg östlich zur Amsel-Abfahrt in Richtung Spielberghaus (1311 Meter), sagt die studierte Sportwissenschaftlerin. „Du querst praktisch einen breiten ­Hügel. Wenn die Schneebedingungen passen, brauchst du nicht einmal Felle an deinen Skiern.“ Für das „Home of Lässig“, als das Saalbach-Hinterglemm sich bezeichnet, spricht, „dass das Gelände hier sanfter als im hochalpinen Bereich ist. Und wenn du weißt, wo du suchen musst, findest du immer wieder un­verspurte Hänge.“

Wien

Saalbach-­ Hinterglemm

ÖSTERREICH SALZBURG

DIE REGION

Sabine Schipflinger auf der Piste: Der Umstieg ins Unverspurte ist ganz leicht.

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Der Skicircus Saalbach Hinterglemm ­Leogang Fieberbrunn bietet in Salzburg und Tirol grenzüberschreitendes Pisten­ vergnügen: 70 moderne Seilbahn- und Liftanlagen und 270 Abfahrtskilometer – davon 140 blaue, 112 rote und 18 schwarze. Mit der ­Alpin Card, die auch die Skigebiete Schmitten und Kitzsteinhorn ­umfasst, ­erweitert sich der Genuss auf 121 Bahnen und 408 Pistenkilometer.

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HANNES KROPIK

Auf die sanfte Tour

nische Fähigkeiten – etwa sicher Spitzkehren gehen zu können – in diesem Gelände dennoch Voraussetzung. Speziell, weil der gesamte Aufstieg kompakt und windverweht sein kann. „Du musst auf jeden Fall trittsicher sein. Bei Neuschnee kannst du aber gut stapfen oder den ansteigenden schmalen Rücken auch mit Tourenski super bewältigen.“ Eine einfachere Alternative führt Rookies von Hinterglemm mit der Westgipfelbahn zum 2096 Meter hohen Westgipfel des Schattbergs und nach kurzer Abfahrt über einen breiteren Rücken in Richtung Stemmerkogel (2123 Meter). „Wichtig ist: nie allein ins freie Gelände gehen! Außerdem sollte man immer eine komplette Notfallausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde, Biwaksack, Erste-Hilfe-

SAALBACH.COM/MORITZ AIBLINGER (3), CHRISTIAN WOECKINGER

SAALBACH-HINTERGLEMM


Spuren ziehen: Tiefschneehänge findet man im Skicircus ­Saalbach überall.

DIE 10 BESTEN TIPPS

1

Einkehrschwung Im Skicircus gibt es mehr als 60 gemütliche Hütten – ­ von urig bis hip.

2

Höhenflug Im Freeride Park an der Muldenbahn in Leogang ­treffen einander zwei Trendsport­arten: ­Freerider und Freestyler nutzen gemeinsam künstlich angelegte Hindernisse im ­Tiefschnee. saalbach.com/de/service/­ infrastruktur/ freeridepark_a_1692

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3

Um die Wette Bei der 24. Mountain Attack am 14. Januar versuchen mehr als 1000 Skibergsteiger aus ­aller Welt, sechs Gipfel und 3000 Höhenmeter so flott wie möglich zu meistern. mountain-attack.at

4

Freeride-Weltklasse Zwischen 15. und 20. März g ­ astiert die Freeride World Tour am Fieberbrunner ­Wildseeloder. freerideworldtour.com/ events

5

Bitte lächeln! An besonders schönen Aussichtspunkten mit traumhafter Bergkulisse liefern Photopoints – ausgelöst von der Liftkarte – perfekte Selfies. saalbach.com/photopoint

6

Ski in, Ski out Herbergssuche leicht ­gemacht: Unterkünfte in ­Geh­weite zur nächsten Liftstation oder Skipiste sind auf der ­Booking-Seite durch Gondel- oder Skifahrer-Icons gekennzeichnet. saalbach.com/ saalbach-­booking

7

Gut zu Fuß Keine Lust auf Action? Kein Problem! Im Skicircus gibt es 140 Kilometer Winterwanderwege und täglich zwei kostenlose geführte Wanderungen. saalbach.com/de/winter/­ wintersonne-aktiv/inter­ aktive-winterwanderkarte

8

Film ab! Auf den SkiMovie-Pisten in Hinterglemm und Leogang werden Hobby-Racer dank professionell produzierter ­Videos zu Leinwandhelden. saalbach.com/de/service/­ infrastruktur/skimoviepiste_a_1695

9

Saalbach immer dabei Die Saalbacher MobileApp bietet neben anderen ­Innovationen einen NotfallButton, der Hilfsmannschaften die genaue GPS-Position ­anzeigt.

10

LVS: check! Für Freerider gibt es im Skicircus LVS-Checkpoints, am Schattberggipfel und ­Zillstattlift Testfelder für Lawinenverschütteten­ suchgeräte.

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GUIDE Wintersport

TIROL

Langlaufen ganz klassisch: unterwegs auf einer Loipe in Neuleutasch

Glückshormone auf der Loipe Der ehemalige Langlaufprofi Martin Tauber kennt das Tirol-Gefühl: ­ diese unglaubliche Euphorie, wenn er auf der Loipe durchstartet. Raus aus dem Haus, auf die Langlaufski, und los geht’s. Martin Tauber, 45, ehe­ maliger Staatsmeister und Olympia­ teilnehmer, war schon als Kind vom Langlaufen in Tirol begeistert. S ­ eine ­Eltern wohnten direkt neben der Piste. „Damals war ich mit meinen Großeltern viel in der Gegend um Seefeld unter­ wegs“, erzählt er. „Mittlerweile finden meine e ­ igenen Kinder, die zwei und fünf sind, Langlaufen sogar cooler als Ski­ fahren.“ Warum das? „Du kannst dich viel besser auspowern. In 45 Minuten ­alles geben, bis dir die Zunge raushängt. Glücks­hormone schießen eher auf der Loipe ein, während es beim Skifahren um den ­Adrenalinkick geht.“ Tauber weiß, wovon er redet. Als ­Lehrer der Langlaufschule „Cross Coun­ try Academy“ in Seefeld hat er inter­ nationale Gäste, die in der Großstadt zum ­Boxen gehen oder ins CrossFit-­ Training. Und dann bei ihm das Lang­ laufen e ­ ntdecken. Langlaufen verbindet Generationen. Die Vibes stimmen für Jung und Alt, wenn man die atemberau­ bende Landschaft von Tirol durchquert, ­vorbei an zugefrorenen Bächen und schattigen Wäldern, hinauf auf sonnige Hochplateaus: Da wird der Kopf frei und leicht. Entschleunigen und Durchstarten muss kein Widerspruch sein. „Dazu kommt, dass die Schneelage in Tirol großartig ist“, sagt Tauber. „Selbst kleine Gemeinden haben die passenden Pistenraupen für jede Loipe. Die Zeiten, in denen man durch Tiefschnee gestapft ist, sind längst vorbei.“ Außerdem lässt sich Langlaufen individuell timen und mit a ­ nderen Sportarten verbinden. Ob zum Sonnenaufgang oder nach einem Tag auf der Piste, die Langlaufski sind schnell angeschnallt. „Viele Urlauber ­gehen abends noch mal raus, um ein ideales Workout zu haben. Man schläft danach super“, verspricht Tauber.

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Wien

ÖSTERREICH TIROL

DIE REGION Tirol ist ein Langlauf-­Paradies: mit 4000 Kilometern bestens präparierten Loipen, teilweise auf mehr als 2500 Meter Seehöhe. Aber auch barrierefreier Schlittenlanglauf wird a­ n­geboten: Paralympics-­ Weltmeister Oliver Anthofer kontrolliert ­regelmäßig die Pisten.

Therme der Extraklasse: der Aqua Dome

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DIE 10 BESTEN TIPPS

1

„Du kannst dich besser auspowern – in 45 Minuten alles geben.“ Martin Tauber, 45, Langläufer

Wellness im Ufo Der Aqua Dome ist der schrägste Ort im Ötztal, um runterzukommen: eine Therme der Extraklasse. aqua-dome.at

2

Perfekter Chic Das Tannheimer Tal ist perfekt für Langlaufanfänger, die am Abend Wellness in schickem Ambiente suchen. haldensee-hotel.com

3

Speisen auf höchstem Niveau Fine Dining auf 3048 Metern: Das Restaurant Ice Q in ­Sölden spielt auch im JamesBond-Film „Spectre“ eine Rolle. iceq.at

4

Luxuriös entspannen Der größte Spa-Bereich der Alpen: 5300 Quadrat­ meter Wohlbefinden im luxuriösen Interalpen-Hotel bei Seefeld. Dazu gibt es einen atemberaubenden Blick auf Wetterstein und Karwendel. interalpen.com

5

Cool im Kajak Bei klirrender Kälte ­einsam auf dem See paddeln: Die Kanuschule Kitzalp bietet Winter-Kajak-Touren an. kanuschule-kitzalp.at

STEPHAN ESLER, AQUA DOME, TIROL WERBUNG/RAMON HAINDL KARIN CERNY

LOIPEN-KNIGGE Vom Anfänger zum Profi in drei Routen: Blau Eine ideale Einstiegsdroge: Auf der Schneerosentalloipe in den Kitzbüheler Alpen geht es an urigen Höfen vorbei, die Strecke hat alles, was man zum Üben braucht: von leichten Stücken bergauf bis zu einer malerischen Streckenführung an einem Bach entlang. Rot 800 Höhenmeter im strahlenden Sonnenschein: ­Die Grenzlandloipe in Osttirol ist

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Trainieren mit Profis Langlaufen trainieren mit Profis? Das Biathlon­ zentrum Obertilliach macht’s möglich. biathlon-obertilliach.com

7

Weltcup im Anmarsch Ende Januar findet in Seefeld der Weltcup der Nordischen Kombination statt. weltcup-seefeld.com

8

Top-Langlauf-Event Den Wilden Kaiser ­entlang: Der internationale Tiroler Koasalauf ist einer der ­bekanntesten österreichischen Langlauf-Events. koasalauf.at

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Schnee von morgen Die etwas andere Ski­ hütte: ein Kubus, der wie ein Schneekristall aussieht und (beinahe) wie die Hauptstadt Äthiopiens heißt. addis-abebar.at

10

Abtauchen Das traditionelle ­Aigner Badl gibt es seit 1772, in Lärchenwannen kommt Wasser von der Heilquelle. Ideal, um Muskelkater zu ­verhindern. aigner-badl.at

51 Kilometer lang und überzeugt mit ihrem abwechslungsreichen Streckenprofil. Am Kartitscher Sattel braucht man Kondition, dafür ist aber auch der Ausblick grandios. Es gibt mehrere Umkehrmöglichkeiten, um die Länge ­individuell zu gestalten. Schwarz Die Weltcup-Loipe Seefeld gehört zu den anspruchsvollsten Loipen der Region. Es gibt fordernde ­Anstiege, aber auch eine prachtvolle Aussicht als B ­ elohnung.

Kajakfahren am Achensee: im Winter besonders cool

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GUIDE Wintersport

ZELL AM SEE-KAPRUN

Freiheit im ­unendlichen Weiß Freeriden – auf der Suche nach der perfekten Linie. Für Skilehrerin Guggi Pressl gibt es nichts Schöneres, als vom Kitzsteinhorn in den Sonnen­aufgang zu starten.

Ski weisen den Weg: ein traumhafter Tag am Ronachkopf

Blick vom Mitterberg: Zell am See bei Einbruch der Dämmerung

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Zell am SeeKaprun

ÖSTERREICH SALZBURG

DIE REGION Wo es flott bergauf geht: 121 Seilbahn- und Liftanlagen können mit der Ski Alpin Card genutzt werden, ­gemeinsam mit dem Skicircus Saalbach ­Hinterglemm Leogang Fieberbrunn stehen 408 Pistenkilometer zur Verfügung.

zu vergleichen. Man muss kreativ sein. ­Genau diesen Umstand lieben die Free­ rider. Mittlerweile ist Freeriden auf Skiern einfacher und breitenwirksamer ­geworden – auch, was die Sicherheit ­betrifft. „Beim Autofahren schnallt man sich ja auch an“, sagt Pressl, die immer die richtige Ausrüstung dabeihat: einen Helm, einen ABS-Rucksack (ein Airbag für den Fall eines Lawinenabgangs) mit LVS (auch Lawinenpieps genannt) und eine Lawinenschaufel. Außerdem ein­ gepackt: ein Speckbrot und Tee für die Brotzeit am Berg. Ein Schluck noch, ­bevor es zurück ins Tal geht. „Wenn die Lifte geschlossen sind, es ganz ruhig wird und die Sonne untergeht: Das ist kitschig, aber schon auch extrem cool.“

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KARIN CERNY

richtig auszukosten. Das Kitzsteinhorn gilt als Dorado der Freeride-Szene, die Schneebedingungen sind am Gletscher den ganzen Winter über ideal, fünf ­unterschiedliche Routen stehen zur Wahl. „Zu jeder Tageszeit ist der Schnee anders, es ist eine Herausforderung, die perfekte Linie zu finden“, sagt Pressl. „Die Natur gibt den Weg vor, du bleibst total wach, weil du nie weißt, was dich erwartet.“ An manchen Stellen ist der Schnee fluffig, an anderen hart oder matschig. Mit präparierten Pisten ist das nicht

ZELL AM SEE - KAPRUN TOURISMUS, KITZSTEINHORN

Wie beschreibt man den ultimativen Kick? „Ich liebe dieses Gefühl, wenn es ‚pffft‘ macht“, sagt Gudrun Pressl, die alle nur Guggi nennen. Die 45-Jährige ist überzeugte Freeriderin und arbeitet als Skilehrerin in Kaprun. „Du startest los und bist für ein paar Momente blind, weil überall nur mehr Schnee ist.“ Näher an der Natur als beim Skifahren oder Snowboarden im freien Gelände ist man selten. Keine vorgegebene Route, keine fremden Spuren im Schnee. Die abso­lute Freiheit, sich ins unendliche Weiß zu stürzen. Oft startet Guggi in den Tag, wenn es noch dunkel ist – nur, um den Sonnenaufgang am Kitzsteinhorn zu ­erleben. „Alles, was dich stresst, ist plötzlich weg. Du bist total im Moment und entscheidest, wo es langgeht.“ Manchmal schnallt sie sich Felle ­unter die Ski und geht noch ein Stück den Berg hinauf; dorthin, wo es keine Lifte mehr gibt. Um die Exklusivität so


… und wenn der Schnee staubt: Freeriden am Kitzsteinhorn

DIE 10 BESTEN TIPPS

1

Vergnügt springen Jump! Fun in den Snowparks und der Super­ pipe am Kitzsteinhorn. kitzsteinhorn.at

„Alles, was dich stresst, ist plötzlich weg – und du bist total im Moment.“ Guggi Pressl, 45, Skilehrerin

2

Schwarz sehen Die 4150 Meter lange Trass ­Abfahrt mit Start auf der Schmittenhöhe (1965 m) ist nicht nur die längste schwarze Piste Salzburgs, sie hat auch ein Gefälle von bis zu 70 Prozent. schmitten.at

3

Frühsport Zum Sonnenaufgang mit der Schmittenhöhebahn auf den Gipfel und dann zum Brunch in die Hütte mit der Ski ’n’ Brunch-Tour. schmitten.at

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Gipfel erobern Geführte Tour auf den Tristkogel (2642 m), ­Abfahrt in Naturschnee. zellamsee-kaprun.com

5

Weitblick Sensationelle Aussicht und regionale Schmankerl im Berggasthaus Franzl auf der Schmittenhöhe genießen. schmitten.at

6

Grillen unter Sternen Einmal was anderes: ein nächtliches BBQ auf dem Kitzsteinhorn. kitzsteinhorn.at

7

Gletscher erleben Wer an der „ExplorerTour“ am Kitzsteinhorn ­teilnimmt, erkundet vier ­Klimazonen an ­einem Tag. kitzsteinhorn.at

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Entspannung pur Ausspannen im Tauern Spa im Nationalpark mit einer 20.000 m² großen Wasser­ welt mit 12 Pools, 10 Saunen und Dampfbädern. tauernspakaprun.com

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Großglockner bestaunen Den besten Blick auf Öster­ reichs höchsten Berg gibt es vom „Top of Salzburg“, dem höchsten erreichbaren Punkt in der Gipfelwelt (3029 m). kitzsteinhorn.at

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Auf leisen Sohlen Eine Schneeschuh­ wanderung zum Plettsaukopf auf der Schmittenhöhe – mit Ausblick auf die Drei­ tausender der Hohen Tauern. schmitten.at

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B O U L E VARD DER HEL DEN

MATA HARI

TRIUMPH DER EINBILDUNGSKRAFT

Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 8: Eine geheimnisvolle Spionin, die ihren Mythos selbst erfand.

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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT

GETTY IMAGES (4)

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MICHAEL KÖHLMEIER

H

ochstaplerinnen – kennt jemand Was aber waren ihre Heldentaten? eine? Wir sind gewohnt, die An­ ­Antwort: Sie hat keine Heldentaten voll­ bracht. Ihre einzige „Heldentat“ war, sich geberei in großem Stil von Män­ nern vorgeführt zu bekommen. ein triumphales Image zu bauen. Wer war Und dann erscheint eine Frau, die diese Frau? Wer war sie wirklich? stellt sie alle in den Schatten, sogar ihren igentlich hieß sie Margaretha Geer­ Nachruf scheint sie noch zu manipulieren: truida Zelle. Sie stammte nicht aus Mata Hari, die schöne Agentin, die exzen­ MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger ­Indien oder einem anderen exotischen trische Tänzerin, die Doppelagentin gar – Bestsellerautor gilt Land, wie viele glaubten und glauben woll­ ­eine geheimnisvolle Frau, der man zutraute,­ als bester Erzähler ten und glauben sollten, sondern aus Leeu­ den Verlauf, wenn nicht gar den Ausgang deutscher Zunge. warden in Holland, dort wurde sie 1876 des Ersten Weltkriegs beeinflusst zu haben. Zuletzt erschienen: geboren. Ihr Vater war Hutmacher und Lügen halten sich in der Geschichte der Roman „Matou“, muss eine ebenso exzentrische Persönlich­ nicht. Heißt es. Irgendwann werden sie auf­ 960 Seiten, Hanser gedeckt, und bald wird vergessen, was sie Verlag. keit gewesen sein wie seine Tochter später, uns eigentlich erzählen wollten. Bei Mata reich und einflussreich war er, durchaus Hari ist es umgekehrt: Die Wahrheit über sie und auch angesehen und immer wieder zu theatralischen ihre Taten war von Anfang an bekannt, war immer Späßen aufgelegt. Sein Töchterchen, liebevoll „Grietje“­ ­bekannt; aber die Wahrheit wurde vergessen, der genannt, fügte er in seine großspurig theatralischen ­Mythos, die Legende hielt stand. Der melodramatische Auftritte ein, zum Beispiel, als er die Dreijährige­ Wunsch, eine schöne, begehrenswerte, hingebungs­ in einer kleinen, extra angefertigten goldbemalten volle, zugleich raffinierte, mit aller List und Hinter­ Kutsche von zwei weißen Ziegen durch die Straßen list begabte Frau hält in gefährlicher Zeit die Politik ziehen ließ, nur um den Bürgern zu beweisen, dass eines ganzen Kontinents in Atem, dirigiert die hart­ kein anderer Vater erstens sein Kind so sehr liebt und gesottensten Männer, schreibt Geschichte – dieser verwöhnt, zweitens – eigentlich erstens –, dass kein Wunsch hat die Realität besiegt: Mata Hari wurde anderer Mann sich solchen Luxus leisten kann. Dem zu einer dunklen Heldin. Kindchen scheint es gefallen zu haben. Als erwachsene­ Bücher wurden über sie geschrieben, Theaterstücke, Frau noch erinnert sie sich immer wieder an diesen ein Ballett wurde choreographiert, viele Lieder wurden Sonntagnachmittag, und sie teilt ihre Erinnerungen kompo­niert und getextet, Filme gedreht – wenigstens ihrem Publikum mit – dann spielt die Szene einmal in Indien, aus den Ziegen werden Elefanten, ein ander­ zehn, der bekannteste 1931 mit Greta Garbo in der mal wird sie von Affen in einer Sänfte getragen. Oscar Hauptrolle, 1964 wurde sie in einem französischen Wilde sagte einmal, wir lieben Männer mit Zukunft Film von Jeanne Moreau verkörpert, der vorläufig und Frauen mit Vergangenheit, schon mit siebzehn letzte Film kam 2017 in die Kinos. Sogar eine Spiri­ Jahren inszenierte sich Margaretha Geertruida als ­ tuose trägt ihren Namen, ein Videospiel ebenfalls.


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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

geheimnisvolle Frau, deren Vergangenheit hinter einem Schleier aus Melancholie und Melodram nur erraten werden konnte. Schauspielerin möchte sie werden, Tänzerin, Sängerin. Ihr Vater spendiert aufwendige Ausbildungen, sie spricht fünf Sprachen, trainiert sich in allen Sprachen, auch in der Muttersprache, einen Akzent an, der die Fantasie ihrer Zuhörer beflügeln soll, in Wahrheit stamme sie von irgendwo ganz anders her. Talent zur Schauspielerei hat sie wenig, auch nicht viel, um zu singen und zu tanzen. Aber das scheint keine Rolle ­gespielt zu haben. Sie war die Meisterin des Als-ob. Eine Meisterin des Konjunktivs – so kann man es auch ausdrücken. Wenn sie sang, tat sie, als ob sie zwar keine Sängerin sei, eine innere Not, ein rätselhaftes Schicksal aber dränge sie zum Singen, zum Ausdruck. Keinen perfekten, aber seelenlosen Belcanto gab sie, sondern den undurchdringlichen Abgrund. Nach Abgründen waren die Menschen damals geradezu verrückt. Ohne diese ganz Europa in ihren Bann ziehende­ Sehnsucht nach der Katastrophe wäre der Erste Weltkrieg nicht zu erklären. Sie heiratet einen holländischen Kolonialoffizier, bringt einen Sohn zur Welt, da ist sie erst neunzehn, ein Jahr später eine Tochter, zieht mit ihrem Mann nach Java, wo die Familie fünf Jahre lebt. Ihr Sohn stirbt im Alter von zwei Jahren unter ungeklärten ­Umständen, die Ehe zerbricht an dieser Tragödie. Die Familie kehrt nach Europa zurück, Margaretha Geer­ truida und ihr Mann lassen sich scheiden. Die Tochter wird dem Mann zugesprochen, die Mutter habe kein großes Interesse an dem Kind gezeigt.

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it neunundzwanzig erst startet Margaretha Geer­ truida ihre eigentliche Karriere, sie zieht allein nach Paris, entwirft sich ein neues Leben, eine neue Vergangenheit. Sie nennt sich Mata Hari. Das ist malaiisch und heißt „Auge des Morgens“ oder „Auf­ gehende Sonne“. Geschickt verbreitet sie das Gerücht, sie sei die Tochter eines orientalischen Herrschers. Ihr Aussehen konnte das bestätigen. Sie hat dunkles­ Haar und einen olivbraunen Teint. Schminke erledigt­ den Rest. Alles belässt sie im Ungefähren. Wenn ihr ein Reporter Widersprüche in ihrer Biografie nachweist, schaut sie ihn lange mit ihren dunklen Augen an, so lange, bis er ihren Blick nicht mehr aushält. Sie kann gut reden, noch besser kann sie schweigen. Ihre Auftritte als Tänzerin beginnt sie mit dem Satz: „Shiva, ich tanze ihn für dich, den Bajaderentanz.“ Eine Bajadere ist eine indische Tempeltänzerin,

„Als Doppelagentin bekommt Mata Hari Geld von den Deutschen und den Franzosen.“ 94

deren Aufgabe in erster Linie nicht darin bestand, in einem europäischen Sinn gut zu tanzen, sondern so zu tanzen, dass die Aufmerksamkeit Shivas erregt wurde. Wer weiß schon, welche Körperbewegungen einen Gott erregen? Die Besucher der entsprechenden Etablissements waren entzückt, zumal Mata Hari beim Tanzen einen Schleier nach dem anderen fallen ließ, bis sie schließlich nackt war – alles zu Ehren des Gottes. Die Belle Époque liebte das Extrem, das Außergewöhnliche, das Laszive, das Ruchlose, den Rausch. Sie reist nach Berlin, wo sich neue Möglichkeiten auftun, in Berlin spielt das Leben. Es gelingt ihr, Kontakte zu Politikern und hohen Militärs zu knüpfen. Sie streut das Gerücht, sie habe mit dem Kronprinzen, dem Sohn von Kaiser Wilhelm II., ein Verhältnis. Alles Lüge. Verhängnisvolle Lüge. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist Mata Hari bereits achtunddreißig Jahre alt. Sie weiß, sie hat nichts erreicht in ihrem Leben. Alles, was sie ist, ist Schein. Sie hatte zahlreiche Geliebte, aber keine Liebe, sie hat die Männer nur ausgenutzt für ihre sogenannte Karriere, und diese Karriere bestand darin, sich einen Ruf als eine außergewöhnliche Frau zu verschaffen, wobei niemand sagen konnte, auf welchen Qualitäten dieser Ruf eigentlich fußte. Nur einmal bewarb sie sich bei einem großen, seriösen Theater in Berlin, der Intendant war außer sich vor Freude, dass die berühmte Mata Hari an seinem Haus spielen wollte, und war nach dem Vorsprechen erschüttert. Nie habe er eine talentlosere Schauspielerin erlebt.

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ei einem Empfang lernt sie den Presseattaché der deutschen Botschaft in Den Haag, einen gewissen­ Carl H. Cramer, kennen. Die beiden werden heim­ lich ein Paar. Cramer ist nicht nur bei der deutschen Botschaft angestellt, er ist auch Agent des militärischen Nachrichtendienstes des Deutschen Reiches. Offen und ohne Umschweife fragt er seine Geliebte, ob sie für ihn in Frankreich spionieren wolle. Auch Cramer überschätzt Mata Hari, er meint, sie habe Zugang zu den höchsten Kreisen von Militär und Politik. Eben­ diesen Eindruck hat sie ihm vermittelt, indem sie geschickt Gerüchte so platzierte, als stammten sie aus wohlinformierten Kreisen. Mata Hari, die sich nie ernsthafte Gedanken gemacht hatte über Politik und den Krieg, wertet das Angebot als Möglichkeit, sich auch in ihrem Alter noch interessant zu machen. Sie stimmt zu und liefert. Was sie liefert, ist letztlich ohne Belang, aber man wird auf sie aufmerksam. Ein anderer Liebhaber, ein gewisser Georges Ladoux, seinerseits Chef der französischen Spionageabwehr, fragt sie, er ebenso ohne Umschweife, ob sie sich vorstellen könne, auch für die Franzosen zu arbeiten – als Doppel­agentin. Mata Hari bekommt Geld, von den Deutschen, von den Franzosen. Endlich kann sie ihren Lebensstil, den sie vor dem Krieg gewohnt war, wieder aufnehmen. Sie kommt sich wichtig vor. Sie interessiert sich für den Krieg nur, insofern er ihre Karriere hemmt oder fördert. In welche Gefahr sie sich begibt, ahnt sie

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„In welche Gefahr sie sich begibt, ahnt sie nicht einmal.“ nicht einmal. Es war ihr mit List, Erotik und der Gabe, überzeugend zu lügen, gelungen, von sich das Image einer wichtigen Persönlichkeit zu erzeugen. Nun nahm man sie wichtig.

D

er französische Geheimdienst kommt zur Auf­ fassung, Mata Hari, die deutsche Agentin H 21, die vorgab, als Doppelagentin zugleich für Frank­ reich zu spionieren, sei in Wahrheit eine raffinierte und gefährliche Dreifachagentin im Dienst des deutschen Kaisers. Ihr Verhältnis mit dem Kronprinzen – das in Wahrheit nie bestand – wird in den entsprechenden Berichten belastend angeführt. Vor einem französischen Militärtribunal findet der Prozess statt, Mata Hari wird zum Tode verurteilt. Am 15. Oktober 1917 wird sie auf Schloss Vincennes nahe Paris hingerichtet. Auch in den letzten Minuten ihres Lebens gibt sie die Rolle ihres Lebens nicht auf – die

rätselhafte Frau mit der melodramatischen Vergan­ genheit, die auch angesichts der Gewehrmündungen die Männer in Er­regung versetzen konnte. Der Kommandant des 26. französischen Jäger­ bataillons berichtet: „Ihr Auftreten war von unglaub­ lichem Stolz und, fast möchte ich sagen, ein wenig theatralisch. Sie umarmte ihren Verteidiger und schickte viele Abschiedskusshände in die Richtung, wo viele offizielle Persönlichkeiten standen. In dem Augenblick, da ich meinen Degen hob, um ‚Feuer!‘ zu kommandieren, sah sie mir fest ins Auge und sagte mit ruhiger dunkler Stimme: ‚Ich danke Ihnen, mein Herr‘.“

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