Skip to main content

The Red Bulletin DE 11/21

Page 1

DEUTSCHLAND NOVEMBER 2021 € 2,50

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

DIE

MISSION

Vom Heißsporn zum Zen-Meister: MAX VERSTAPPEN und sein Weg zum Formel-1-Titel

JETZT ABONNIEREN: GETREDBULLETIN.COM

Oooooomm!


JOIN US ON: JACK-WOLFSKIN.COM/WOLFTRAIL


E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

FORMULA 1/ADRIAN GREENE (C0VER), GETTY IMAGES/RED BULL CONTENT POOL, KHOTOSO TSAAGANE

OLE HÄNTZSCHEL

DUELL DER ÜBERFLIEGER

SCHLAG EIN!

Der faszinierende ­Zwei­­kampf  zwischen Lewis Hamilton (li.) und Max Verstappen (hier beim Großen Preis von Frank­reich im Juni) verlangt beiden Formel-1-­ Piloten alles ab. Die ganze ­Story ab Seite 36.

Ausnahmetalent gegen siebenfachen Weltmeister, ­beide in extrem leistungsfähigen Rennwagen. Auf der Strecke gleichermaßen kompromisslos, abseits davon denkbar unterschiedliche Typen: Max Verstappen, 24, für Red Bull Racing und Lewis H ­ amilton, 36, für Mercedes ­­liefern sich ein episches Duell, wie es die Formel 1 seit Jahrzehnten nicht mehr ­gesehen hat. Den WM-Titel vor Augen, zeigt der früher mit­ unter unbeherrschte Verstappen ­fokussierte Gelassenheit. Die ­Story hinter seinem Wandel vom ­Heißsporn zum Zen-Meister: ab Seite 36. Um starke Nerven geht es auch im Interview mit Schauspielerin Svenja Jung, 28, die ab Seite 44 erzählt, warum Mutproben ihren Weg zum Filmstar ebneten. Und warum sie heute noch von hohen Klippen springt. Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

WER BIETET MEHR?

410 Millionen Euro beträgt ­der Marktwert des E-Sports-Teams „TSM“, etwa so viel wie jener des Fußball-Spitzenklubs Ajax ­Amsterdam. Mehr verblüffendes E-Sports-Wissen ab Seite 58.

THE RED BULLETIN

WER BIST DU?

Fotograf Chris Saunders zeigt auf seinen Bildern Menschen, ­ die mit PerformanceKunst und Tanz ihr ­Innerstes ausdrücken. Ab Seite 18.

7

beträgt die Zahl der Olympischen Spiele, an denen Segler Santiago Lange bereits teil­ genommen hat. Wie er vor seiner Goldmedaille in Rio den Krebs besiegte: ab Seite 50.

410

.00 0.0 00

3


I N H A LT The Red Bulletin im November 2021

COVERSTORY

36 DER ZEN-MEISTER

Formel-1-Star Max Verstappen hat sich neu erfunden – und fährt nun ganz cool die Saison seines Lebens.

SEGELN

50 H ART AM WIND

Santiago Lange holte 2016 Gold im Segeln – nur ein Jahr nach seiner Krebs-Diagnose.

E-SPORTS

58 WAS WIRD HIER GESPIELT?

PORTFOLIO

18 FREIGEISTER­

Fotograf Chris Saunders zeigt vierzehn Künstler, die ihre Einzigartigkeit feiern.

MUSIK

30 WIE NEU GEBOREN

Sängerin Tinashe Jørgenson Kachingwe opferte ihren Plattenvertrag. Ein Fehler? Nein!

Genies und Shitstorms: E-Sports-Trainer Fabian ­Lohmann erklärt die Welt von E-Sports.

KUNSTFLUG

66 DRUNTER UND DRÜBER

Der italienische Pilot Dario Costa absolvierte bei Istanbul den bisher längsten Tunnelflug – wir waren dabei.

FUSSBALL

32 KICK IT LIKE KARISHMA

Wie eine 24-Jährige aus dem Hochland Pakistans ihre Heimat mit der Kraft des Fußballs zum Besseren verändern will.

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

START-UP

77 R EISEN. Eine wilde Kajakfahrt durch das Soča-Tal in Slowenien

Sophie Bolzer entwickelte eine preisgekrönte App – und musste sie neu erfinden.

82 T IPPS & TRENDS. Vom ­gezähmten Duft zum MotoGP-­ Finale – die Favoriten des Monats

34 IDEEN-GESCHICHTE

FILM

84 U HREN. Von elegant bis lässig – die schönsten Zeitmesser für jeden Anlass

Warum Schauspielerin Svenja Jung gern von 15 Meter hohen Klippen springt.

90 BOULEVARD DER HELDEN. Wie Box-Legende Muhammad Ali 1967 ein Großmaul bestrafte

44 D IE FURCHTLOSE

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE!

4

KEINE KONKURRENZ Fabian Lohmann ist der beste E-Sports-Trainer Europas.

1 4 FUNDSTÜCK 1 6 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

44 KEINE ANGST Schauspielerin Svenja Jung wagt Mutproben, um an ihnen zu wachsen.

18

KEINE SCHEU Vierzehn Individualisten, ­ orträtiert von Star-Fotograf Chris Saunders p

THE RED BULLETIN

NORMAN KONRAD, ANNE WILK, CHRIS SAUNDERS, EROS MAGGI/RED BULL CONTENT POOL

58


66

DER TIEFFLIEGER 44 Sekunden, fünf Welt­ rekorde: Dario Costas Flug durch die zwei ÇatalcaTunnel bei Istanbul

THE RED BULLETIN

5


PATAGONIEN, CHILE

PaddelParadies Wovon träumen Könner in Kajaks? Von möglichst wilden oder unbefahrenen Flüssen. Der Rio Baker, der Rio Bravo und der Rio Blanco (hier im Bild) sind da ideal: Von wilden Stromschnellen bis zu epischen Canyon-Durchfahrten bieten die Flüsse am Südzipfel Südamerikas das volle Programm. Die Französin ­Nouria Newman, 30, und die Amerikaner Ben Stookesberry, 43, und Erik Boomer, 35, haben sie in einer sechswöchigen Ex­ pedition erstmals bezwungen. Fotograf Boomer hat auch diese Aufnahme von der Gruppe gemacht, sein Kajak hat ­inzwischen ein Helfer übernommen. Das Video zur Expedition nach Patagonien: QR-Code scannen, und los geht’s!


7

ERIK BOOMER/RED BULL CONTENT POOL

DAVYDD CHONG


LOFOTEN, NORWEGEN

Grüne Welle Wer die heilige Dreifaltigkeit der nor­ wegischen Natur – starkes Nordlicht, schöne Wellen, klarer Sternenhimmel – auf ein Bild kriegen will, muss in erster Linie eines haben: Geduld. Drei Tage warteten Australiens Surf-Legende Mick Fanning und der einheimische Foto­ graf Emil Sollie, bis die Bedingungen passten. „Es war ungefähr Mitternacht“, erinnert sich Sollie. „Noch halb im Schlaf sprang Mick in den Neoprenanzug und rannte ins Wasser, schreiend vor Be­ geisterung über die einzigartige Kulisse.“ Mehr magische Bilder: emilsollie.com


DAVYDD CHONG EMIL SOLLIE/RED BULL ILLUME, WANG WEI CHIH/RED BULL ILLUME

ORCHIDEENINSEL, TAIWAN

Lichtgestalt Vor der Küste Taiwans liegt die Orchideen­ insel Lanyu, ein 48-Quadratkilometer-Brocken schroffes Vulkangestein. Sie ist die i­ deale ­Basis für den Freitaucher Ding Zi Xiang, der von hier aus die Philippinensee erforscht. Fotograf Wang Wei Chih hat ihn bei einem Tauchgang vier Meter unter Wasser auf dem Weg nach unten festgehalten, „auf der Suche nach einem Fenster zwischen Seele und Natur“. Das erklärt vielleicht auch die leicht spirituelle Stimmung der Aufnahme. Mehr erhebende Fotos: redbullillume.com

9


HOCHSAVOYEN, FRANKREICH

Stilles Wasser

ADRIEN PETIT/RED BULL ILLUME

DAVYDD CHONG

So ruhig wie hier ist es am Gebirgs­ fluss Chéran nur wenige Wochen im Jahr. Bevor Fotograf Adrien Petit diese Aufnahme in einer Art natür­ licher Halfpipe glückte, waren drei Jahre Vor­bereitung nötig: Erst ent­ deckte er diesen hübschen Platz, dann die magische Spiegelung im Wasser. Am Ende wusste er genau, wo er sich aufstellen musste, um Skateboarder Antoine Force gestochen scharf – und doppelt – aufs Bild zu bekommen. Instagram: @petio.74

11


Z AHL EN, BI T T E!

iPOD

Jukebox zum Mitnehmen Der iPod von Apple feiert seinen 20. Geburtstag: wie lange es dauerte, 100 Millionen Geräte zu verkaufen, wie viel der teuerste iPod kostete und wo Designer Jonathan Ive abkupferte.

1000

2001:

Odyssee im Weltraum

Songs, so warb Steve Jobs zur Markteinführung, würden auf dem iPod Platz finden – also „praktisch die gesamte Sammlung der meisten Menschen“.

Stanley ­Kubricks Kultfilm von 1968 i­ nspirierte die Namensgebung mit der Textzeile „Open the pod bay door, Hal!“.

10

66

71

49.000

verschiedene iPod-Modelle gab es bis jetzt, aktuell im Handel erhältlich ist nur die 7. Generation des iPod touch.

Dollar (41.700 Euro) kostet ein originalverpackter iPod der 1. Generation aktuell auf eBay.

Gigabyte Speicher hatte der erste iPod von 2001. Spätere Geräte boten bis zu 256 GB.

60.000.000

15

Prozent seines Umsatzes ­ erzielte Apple 2004 mit iPods, bevor iPhones und iPads die neuen Cashcows wurden.

Songs bietet Apples iTunes-Store heute – genug, um 60.000 iPods der ersten Generation zu füllen. 12

THE RED BULLETIN

CLAUDIA MEITERT

Monate dauerte es, um 100 Millionen iPods zu v­ erkaufen. Rekordjahr war 2008 mit 54,8 Millionen Exemplaren.

Jahre nach Einführung des iPods starb Apple-Boss Steve Jobs. Sein Vermögen wurde auf 8,3 Milliarden Dollar geschätzt.

5

149

Gramm Gold umhüllten 2009 den iPod Supreme, den mit 233.000 Dollar teuersten iPod, den es je gab. Das Apple-Logo bestand aus ­53 Diamanten.

HANNES KROPIK

Monate brauchte ein 30-köpfiges Team, um die Idee eines tragbaren MP3-Players umzusetzen.

brachte Braun sein Taschenradio T3 auf den Markt, das laut Designer Jonathan Ive Pate für die Optik des iPods stand.

GETTY IMAGES

8

1958


WWW.PRINGLES.COM

CHANCE TO ▴

WIN

TM, ®, © 2021 KELLOGG Europe Trading Limited DE: Die Teilnahmebedingungen können Sie vor dem Kauf auf jeder Aktionsdose finden.


F U ND ST Ü CK

SANTIAGO LANGE

Mate-Nachhilfe Mate-Trinkbecher des vierfachen Segel-Weltmeisters und Olympiasiegers Santiago Lange, 2021

GIANFRANCO TRIPODO

„Wenn ich eine wichtige Entscheidung fällen oder über etwas Komplexes nachdenken muss, dann setze ich mich in der Früh hin, trinke in Ruhe meinen Mate-Tee und denke die Sache durch“, sagt Santiago „Santi“ Lange. Für einen Argentinier ist so ein Ritual nicht ungewöhnlich. In Südamerika ist der Genuss der aufgegossenen Blätter des Mate-Strauchs mindestens so verbreitet wie bei uns der Morgenkaffee, Mate wurde schon von den Ureinwohnern wegen seiner anregenden Wirkung geschätzt. Zum Ritual gehört auch der spezielle Mate-Becher mit Metall-Trinkhalm („bombilla“).

Santi Lange, 60, ist seit fünf Jahrzehnten als Segler unterwegs. Seine ganze Story gibt’s ab Seite 50.

14

THE RED BULLETIN


Kleine Abenteuer. Große Momente. www.tirol.at


DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W

JEAN-JACQUES ROUSSEAU SAGT:

„Wer frei sein will, sollte zu Fuß gehen“

the red bulletin: Herr Rousseau, Sie haben sich viele Gedanken darüber gemacht, was Freiheit eigentlich wirklich bedeutet. Heutzutage ver­ sprechen sich eine Menge Men­ schen Freiheit davon, im Wohn­ mobil durch die Welt zu reisen. Können Sie diesen Wunsch nach­ vollziehen? jean-jacques rousseau: Gewiss, Machen Sie so etwas? mein Herr, den Wunsch nach Freiheit Aber sicher! Immer, wenn ich einen kann ich gut verstehen. Nicht zufällig klaren Gedanken fassen will, verlasse beginnt mein berühmtestes Buch ich die Komfortzone meiner vier mit den Worten: „Der Mensch ist Wände und gehe nach draußen. „Mit dem frei geboren, doch überall liegt er Dann lausche ich darauf, was mir Wohnmobil streift in Ketten.“ Und dabei dachte ich die Natur zu sagen hat. Würde ich man keineswegs die nicht nur an die Ketten der feudaim Wohnmobil durch die Gegend listischen Gesellschaftsordnung, die fahren, begegnete ich immer Ketten ab, sondern zu meiner Zeit so viele Menschen nur mir selbst – sogar, wenn ich legt sich neue, in Knechtschaft hielten und die zu irgendwo am Nordkap parken unsichtbare an.“ sprengen das Anliegen der Revowürde. lutionäre von 1789 war, die sich auf mich beriefen. Nein, mehr noch dachte ich an die Aber Sie könnten dann doch aussteigen und einen Spaziergang machen? Ketten, die sich die Menschen mit ihren Konventionen Vergessen Sie’s, mein Freund. Bei einem Spaziergang und Gewohnheiten selbst schmieden. Wer immer diese Ketten abstreifen will, wird meinen Segen haben. um seinen Camper hat noch keiner seine wirkliche Freiheit gefunden. Solange er an das gebunden bleibt, Verstehe, Sie sind ein Freund aller Aussteiger und was er besitzt, liegt der Mensch in Ketten – oder steckt Individualisten. Aber wie steht es mit Caravaning, im goldenen Käfig seines Wohnmobils. Und je weniger also dem Reisen im Wohnmobil: Wäre das Ihr Ding? er das weiß, desto unfreier ist er. Ganz sicher nicht. Denn wenn ich diese Art des Reisens näherhin betrachte, scheint sie mir denen, die sich ihr JEAN-JACQUES ROUSSEAU (1712–1778) war einer der meist­ ergeben, keineswegs die Ketten abzustreifen, sondern verfolgten Männer Europas. Egal was er schrieb: Die Gelehrtenihnen vielmehr neue, unsichtbare Ketten anzulegen. welt, die Obrigkeit und die Kirche waren gegen ihn. Deshalb war er zeit seines Lebens auf Wanderschaft. Frieden war ihm immer Denn sie sind gebunden an die Straßen und Plätze, nur für befristete Perioden gegönnt, etwa für die Zeit, die er für die ihre komischen Fahrzeuge geeignet sind. Das mit seiner Frau auf einem Bergbauernhof in Südfrankreich verschränkt ihre Freiheit außerordentlich ein. Wenn man brachte. Dort konnte er das naturverbundene Leben führen, sich frei in der Welt bewegen will, dann sollte man nach dem er sich immer gesehnt hatte. zu Fuß gehen. So wie es die Menschen taten, bevor CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer der ihre zivilisatorische Irrfahrt begann. Aber Herr Rousseau, bedenken Sie, wie bequem es ist, in einem Wohnmobil zu reisen. Erinnern 16

Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: „Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“, legenda Q 2021. THE RED BULLETIN

BENE ROHLMANN

Sie sich doch nur an die schäbigen Spelunken des 18. Jahrhunderts, in denen Sie absteigen mussten … Jaja, so denkt ihr Bürger der modernen Welt – und merkt gar nicht, was für einen Unsinn ihr verzapft. Bequemlichkeit, mein Herr, ist aller Freiheit Tod. Freiheit heißt, sich aller Bequemlichkeit zu entäußern: den ganzen materiellen und mentalen Kram zurückzulassen, den man über die Jahre angehäuft hat – all das Zeug, was du vermeintlich mit dir führen musst, all die Konzepte davon, was du angeblich gesehen haben musst. Weg damit! Je weniger du bei dir hast, desto besser. Zieh die Schuhe aus und geh in den Wald, dann bist du frei.

DR. CHRISTOPH QUARCH

Fast jeder träumt von der großen Freiheit. Etwa davon, mit dem Wohnmobil die Welt zu entdecken. Mit dem Thema Freiheit kennt sich der in Genf geborene Aufklärungs­philosoph Jean-Jacques Rousseau bestens aus. Im fiktiven Gespräch mit dem deutschen Philosophen Christoph Quarch verrät er, wie man als Reisender wirklich frei sein kann.


FLÜÜÜGEL FÜR DEN WINTER. MIT DEM GESCHMACK VON GRANATAPFEL.

R NUR FÜ EIT KURZE Z

BELEBT GEIST UND KÖRPER®.


P O RT FO L IO

18

THE RED BULLETIN


Wer bin ich? ­­Der südafrikanische Fotograf Chris Saunders porträtiert Menschen, die mit PerformanceKunst, Musik und Mode aus­drücken, wer sie in ihrem Inneren sind. Hier kommen vierzehn Freigeister, die ihre Individualität feiern. Protokoll ALEXANDER NEUMANN-DELBARRE

Phantom-Künstler

Johannesburg, Südafrika, 2013 „DJ InviZAble ist Musiker und PerformanceKünstler aus Südafrika, der stets Maske trägt und weder seine Identität noch seine Hautfarbe noch sein Geschlecht preisgibt. Der Zuschauer soll sich ganz auf seine Kunst konzentrieren. Mit diesem Sprung bringt er für mich seinen extrem energiegeladenen extrovertierten Charakter auf den Punkt.“

THE RED BULLETIN

19


P O RT FO L IO

Muse an der Themse

London, Großbritannien, 2017 „Die Südafrikanerin Manthe Ribane war einige Jahre meine Muse. Als wir uns kennenlernten, war sie Tänzerin bei der Band Die Antwoord, später nahm sie mit dem Musiker Okzharp ein Album auf. Für dieses Foto zog sie in den Docklands ihr Bühnen­kostüm an – sie hatte es selbst entworfen.“

Ganz nah dran

Paris, Frankreich, 2017

„Als Manthe und Okzharp auf Europa-Tour gingen, lebte ich bereits in Paris. Es war etwas ganz Besonderes, sie in meiner neuen Heimat­stadt zu fotografieren. Ich finde, man sieht dem Bild die große Nähe an, die zwischen uns besteht. Ich bin sogar selbst zu sehen: in der Spiegelung ihrer Sonnenbrille.“

20

THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN

21


P O RT FO L IO

22

THE RED BULLETIN


Vier Meister-Poser

Soweto, Südafrika, 2015 „In den 1950er-Jahren ist in den Townships von Johannesburg eine Tanzkultur ent­standen, die mittlerweile in ganz Südafrika populär ist: Pantsula. Ensembles führen Choreo­grafien auf, in denen sie ihre Kultur und ihre Geschichte thematisieren. Sieben Jahre lang habe ich Dutzende dieser Tanztruppen begleitet und fotografiert. Diese hier heißt Rea Iktsetsa und hat wie alle ­Tanztruppen ihre SignaturePosen, von d ­ enen sie uns hier eine zeigt.“

THE RED BULLETIN

23


P O RT FO L IO

24

THE RED BULLETIN


Afropunk-Ikonen

Paris, Frankreich, 2019 „Das erste Afropunk-Festival fand 2005 in Brooklyn, New York, statt. Heute gibt es weltweit Ableger davon. Es ist ein Fest der Vielfalt und der Toleranz, das viele Besucher mit ihrem kreativen Styling bereichern. Ein gutes Beispiel dafür: der Pariser Musiker The Moe (re.) und seine Begleiterin Bea.“

Prophet der Maske Paris, Frankreich, 2019

„Was ich an Paris besonders liebe, ist das Multikulturelle. Sichtbar wird das bei Events wie dem Afropunk-Festival, das alternative Kultur feiert. Dort traf ich auf Cheikh, er ist Model und kam in einem selbst gestalteten Outfit samt Maske – als von Corona noch keine Rede war.“

THE RED BULLETIN

25


P O RT FO L IO

Immer en vogue

Paris, Frankreich, 2020 „Matyouz LaDurée ist ein Tänzer der Pariser Voguing-Szene. Der Tanzstil entstand in den 1970er-Jahren in der LGBTQ-Community von Harlem, New York, und ist heute in Paris sehr populär. Dieses Bild ist Teil einer Serie, bei der ich mit dem Verein ‚Art Press Your­ self‘ kooperiert habe. Er fördert die Vielfalt der afro-urbanen Kultur in Paris.“

26

Hier bin ich!

Johannesburg, Südafrika, 2018 „Umlilo macht elektronische Musik und möchte sich nicht auf ein Geschlecht festlegen lassen. Queere Menschen hatten es in Südafrika lange sehr schwer. Nun präsentiert er/sie sich stolz auf einem Tennisplatz in Jo’burg. Großartig! Schönes Detail: Der Schatten Umlilos ähnelt einer weiblichen Figur.“

THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN

27


P O RT FO L IO

28

THE RED BULLETIN


DER FOTOGRAF „Egal wen ich fotografiere, ob es der CEO eines Modekonzerns ist oder ein junger Künstler in einem Township, mir geht es darum, die Essenz dieser Menschen einzufangen“, sagt Chris Saunders. „Dazu musst du vor allem eine freundliche, offene Atmosphäre schaffen, in der sich alle wohlfühlen.“ Wie man das hinkriegt, lernte der heute 37-Jährige schon als Teenager. Mit fünfzehn begann er, Musiker, Tänzer und andere Kreative in Johannesburg zu fotografieren. Besonders interessierten ihn Subkulturen mit ihren eigenen Regeln und Codes sowie Menschen, die es genießen, herauszustechen und sich der Welt zu präsentieren. Die Bilder seines Langzeitprojekts über die Pantsula-Tanzkultur wurden im Fowler Museum in L. A. ausgestellt, viele weitere Fotoarbeiten in namhaften Publikationen ver­ öffentlicht. Seit 2016 lebt Chris Saunders in Paris. Einer seiner Grundsätze: „Wenn du dich der Welt gegenüber öffnest, bereit bist für zufällige und willkürliche Interaktionen mit Menschen, dann geschieht oft etwas Spannendes.“ chrissaunders.co; Instagram: chrissaundersphoto

Cool im Pool

Johannesburg, Südafrika, 2015 „Etwa ein Jahr lang hatte ich mein Studio in einer alten Fabrik in Johannesburg. Ich fotografierte damals viel in der StreetStyle-Szene. Einmal kamen die Designer Lebogang Makgale (li.) und Skhumbuzo vorbei. Wir hatten diesen Plastikpool herum­ ­­­ stehen, und ich fragte sie spontan, ob sie hineinsteigen wollten. Das Foto ist bis heute eines meiner Lieblingsbilder.“

THE RED BULLETIN

29


Musik

Tinashe Jørgenson Kachingwe drehte als Kind Filme mit Tom Hanks und opferte jetzt als Sängerin ihren Platten-Deal für mehr kreative Freiheit. Verrückt? Nein: Sie sagt, das Risiko lohnt sich. Text WILL LAVIN   Foto YIMMY YAYO

30

the red bulletin: Worauf war dein Streit mit der Plattenfirma zurückzuführen? tinashe: Ich habe den Eindruck, Opfer des Systems gewesen zu sein. Die Menschen, mit denen ich bei RCA gearbeitet habe, haben mich ehrlich unterstützt, aber die Entscheidungen, die getroffen wurden, waren schädlich für meine Karriere. Was führte konkret zur Trennung? Das ist natürlich nicht von heute auf morgen passiert, es war ein sehr langer, schleichender Prozess. Immer mehr negative Gefühle im Zusammenhang mit meiner Karriere drängten sich mir auf. Ich stellte fest, dass mein Selbstbewusstsein angeknackst war. Das hatte ich zuvor noch nie erlebt. Sobald ich das begriffen hatte, war mir klar, dass ich etwas ändern musste. Wie bist du es angegangen? Indem ich aus dem Nichts ein brandneues Team aufgebaut habe. Ich habe neue Leute gefunden, die meine Vision verstanden oder zumindest unterstützt haben, sodass wir gemeinsam wachsen konnten.

Sich aus der Matrix nehmen … … einfach ganz konkret rausgehen und die App löschen. Es ist alles nur eine Frage der Selbstdisziplin. Man ist ja nie gezwungen, jeden Unsinn zu lesen. Wenn man es doch tut, kann es leicht passieren, dass man immer mehr davon verschluckt wird. Also: einfach den Stecker ziehen, in die Natur hinausgehen und Zeit mit der Familie verbringen. Gab es noch etwas, woran du ­arbeiten musstest? Ich musste lernen, Grenzen zu ziehen und mich selbst an die erste Stelle zu setzen. Diese neue Struktur­ war wirklich wichtig für die Kreation des neuen Albums. Von meinen persönlichen Themen – loslassen können, straucheln, ein ewiges Hin und Her – handeln die meisten Songs. Was ist die Geschichte hinter dem Titel des Albums, „333“? Das sind Engelszahlen. Sie signalisieren mir, dass ich auf der richtigen Spur bin und mich gut behütet fühlen kann, was meine Entscheidungen betrifft. Könnte man also sagen, dass wir es gerade mit der wahren Tinashe zu tun haben? Im Moment ja, absolut. Ich entwickle mich ständig weiter, es geht mir immer besser. Hoffentlich kann ich das bei meinem nächsten Projekt auch sagen. Tinashes neues Album „333“ ist jetzt bei ­Tinashe Music Inc. erhältlich.

Du hast Kritik erwähnt. Wie gehst du heute damit um? Ich habe rasch gelernt, dass Nachrichten sehr kurzlebig sind – sie halten höchstens 24 Stunden. Wenn

YIMMY YAYO

Tinashe Jørgenson Kachingwe, 28, sitzt nicht gerne lange still. Ihre ­Eltern – die Mutter hat dänische, norwegische und irische Vorfahren, der Vater stammt aus Simbabwe – zogen mit ihr, als sie acht Jahre alt war, von Kentucky nach Los Angeles, um der Tochter eine Karriere in Hollywood zu ermöglichen. Das lief ganz gut: Mit zehn spielte sie an der Seite von Tom Hanks in „Der Polarexpress“, mit sechzehn war sie mit der Girlgroup The Stunners Vorband auf Justin Biebers „My World“-Tour. 2012 brachte Tinashe ihre ersten Mixtapes heraus. Das Major-Label RCA nahm sie unter Vertrag. 2014 erschien ihr Debütalbum „Aquarius“. Brancheninsider waren sich einig: Tinashe würde der nächste große Popstar werden. Doch es kam anders. Aufgrund künstlerischer Differenzen um ihr zweites Album, „Nightride“, weigerte sich das Label, die Platte angemessen zu bewerben, was sich negativ auf das Folgewerk „Joyride“ auswirkte. 2018 trennte sich Tinashe von RCA. Gerade hat sie ihr fünftes Album, „333“, herausgebracht. Aus der von ihrem Vertrag frustrierten Sängerin ist eine aufblühende Künstlerin geworden. Uns erzählt Tinashe, wie sie ihre Freiheit zurückgewann.

man also aus irgendeinem Grund in die negativen Schlagzeilen geraten­ ist oder online für irgendetwas kritisiert wird, dann ist es das Beste, sich einfach auszuloggen und einen Tag unterzutauchen. Meistens passt dann alles wieder.

THE RED BULLETIN


„Wenn’s mir auf Social Media zu wild wird, ziehe ich den Stecker.“ US-Popstar Tinashe, 28, über Hass im Netz

THE RED BULLETIN

31


Fußball

Karishma Ali hat im Hochland von Pakistan einen Sportklub für Mädchen gegründet und es auf die Bestenliste des US-Magazins ­„Forbes“ geschafft. Ihr nächstes Projekt? Ein Stadion bauen. Text ALEXANDRA ZAGALSKY  Foto ABUZAR MIR

Vor fünf Jahren feierte Karishma Ali eine bittersüße Premiere: Das ­damals 19-jährige Fußballtalent war die ­erste Frau aus ihrem Heimat­ bezirk Chitral, die an einem großen Sportwettbewerb im Ausland teilnahm – bei den muslimischen Jubilee Games in Dubai. Ali, seit ihrem neunten Lebensjahr Fußballfan, ­hatte in der Highschool in Pakistans Hauptstadt Islamabad Fußballspielen gelernt, wo die Teilnahme von Mädchen am Sportunterricht liberaler ­gesehen wurde als sonst im Land. Als die pakistanischen Fuß­ ballerinnen in Dubai auch noch die Silbermedaille gewannen, kehrte sie mit dem festen Entschluss zurück, mehr Frauen zum Sport zu ermutigen. Sie organisierte ein kleines Schnupper-Trainingslager und rechnete mit bescheidenem Zulauf. Zu ihrer Überraschung erschienen mehr als 50 Mädchen zum Training. Doch das hatte seinen Preis: ­Chitral – eine abgelegene Gebirgs­ region im Norden Pakistans – ist außer­gewöhnlich konservativ und patriarchalisch geprägt. Prompt wurde Ali Ziel von Beschimpfungen und Drohungen im Netz. „Damals überforderten mich der viele Hass und die harsche Kritik“, erinnert sich die 24-Jährige. „Ich habe mich Nacht für Nacht in den Schlaf geweint.“

Dennoch ließ sie sich nicht entmutigen. 2018 gründete sie den ­Chitral Women’s Sports Club. Heute sind über 200 Frauen im Alter zwischen 8 und 16 Jahren Mitglied in dem Verein. Die Aktion erregte weltweit Aufsehen, sodass es Karishma Ali 2019 auf die Bestenliste „30 unter 30 in Asien“ des US-Wirtschafts­ magazins „Forbes“ schaffte. Inzwischen hat sie in Islamabad einen Abschluss der University of London in Business und Management gemacht und will diesen nutzen, um die Infrastruktur für Sport in der Region Chitral weiter zu verbessern. „Ich möchte ein Stadion für diese Mädchen bauen und den Sportklub in viele andere Täler tragen“, sagt sie. „Veränderung passiert nicht über Nacht, aber Fußball ist mehr als nur ein Spiel. Er ist ein Werkzeug, das positive Veränderung in die Gemeinschaften bringt.“ the red bulletin: Fußball drängt sich jetzt als Hobby für ein Mädchen in Chitral nicht gerade auf … karishma ali: Das habe ich meinem Vater zu verdanken. Seit 2006 schauen wir zusammen die WM, und danach war ich draußen und hab gekickt, was das Zeug hielt. Mein Vater ist sehr aufgeschlossen. Er hat 2002 die erste englische Schule in Chitral mitbegründet. Wenn Eltern ihre Söhne dort aus­ bilden lassen wollten, mussten sie auch ihre Töchter anmelden. Hast du geahnt, wie beliebt dein Fußballtrainingslager sein würde? Ich habe nur 20 Anmeldeformulare

32

drucken lassen, aber die Mädels ­haben sie fotokopiert, sodass die Gruppe viel, viel größer wurde. Mir wurde bewusst, dass sie bereit sind, für ihre Rechte zu kämpfen, und dass ich ihnen dabei helfen konnte. Und wie hat sich das dann zu ­einem Sportklub entwickelt? Die Spielerinnen, mit denen ich ­arbeite, kommen aus 40 verschie­ denen Dörfern. Manche von ihnen mussten bis zu zwei Stunden zu Fuß gehen. 2019 gewannen wir ein Stipendium, mit dem wir Gelände­ wagen für den Transport zum Platz und zurück mieten konnten. Dadurch haben sich die Mitgliederzahlen ­verdoppelt. Chitral hat die höchste Selbstmordrate in ganz Pakistan, die meisten Betroffenen sind junge Frauen. Viele Mädchen kommen aus benachteiligten Situationen, der Fußball ermöglicht ihnen neue Per­ spektiven und eine Gemeinschaft. Dein Engagement hat dich auf die „Forbes“-Liste der „30 unter 30“ ­Asiens gebracht … Ich war stolz, meinen Namen neben so inspirierenden Menschen wie Naomi Ōsaka (japanische Tennis­ spielerin; Anm.) zu sehen. Als Erstes habe ich meinen Vater angerufen, der seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Vorher hatte man mich für verrückt gehalten, aber als ich die erste Bewohnerin von Chitral im „Forbes“ war, machte ich plötzlich Schlagzeilen in Pakistan. Das hat die Wahrnehmung von Frauen im Sport zum Besseren verändert. Trotzdem: Die Trolle im Netz ­haben sich schon versammelt. Wissen Sie was? Wenn die seinerzeit mein 19-jähriges Ich nicht ­aufhalten konnten, schaffen sie es heute erst recht nicht. Heute bin ich verrückt genug. Da stellt man sich mir besser nicht in den Weg. Twitter: @karishmaAli22

THE RED BULLETIN


„Manche Spielerinnen gingen zwei Stunden lang zu Fuß, um zu trainieren.“ Fußball-Pionierin Karishma Ali, 24, hier im Dress ihrer pakistanischen Heimatregion Chitral, glaubt an die Macht des Sports.

THE RED BULLETIN

33


Start-up

Sophie Bolzer entwickelte eine preisgekrönte Lern-App, die nicht abheben wollte. Also musste die Salzburgerin lernen, ihr „Baby“ loszulassen – und gewann so ein Millionen-Investment. Text WALTRAUD HABLE  Foto CHRIS MAVRIČ

Irgendwann kommst du an den Punkt, da musst du einfach alles ­infrage stellen. Du musst dein Ego überwinden, die Handbremse ziehen und in eine neue Richtung gehen. Auch wenn die Dinge im Grunde völlig anders geplant waren. Sophie Bolzer war vor über ­einem Jahr in dieser Situation. Dabei schien sie bis dahin alles richtig ­gemacht zu haben. Ihre App-Idee, die sie während ihres Masterstudiums ­Strategic Management in Innsbruck entwickelt hatte, bekam von allen Seiten attestiert, vielversprechend zu sein. Audvice ist eine Art Spotify für ­Wissensvermittlung. Eine crowd­ basierte App, die es Usern erlaubt, Zusammenfassungen von ­Seminaren und Büchern einzusprechen, die in der Folge als Playlists für alle ­abrufbar sind – beim Zähneputzen, beim Autofahren, beim Sport. Das spart nicht nur Zeit – durch Zuhören zu lernen hilft auch nachweislich, sich Inhalte besser einzuprägen. Beim globalen Ideenwettbewerb Red Bull Basement holte Sophie 2019 damit den Sieg. Dem Start-up wurde viel Aufmerksamkeit zuteil, Kontakte zu anderen Unternehmen wurden geknüpft. Das Interesse von Hochschulen war riesig. Trotzdem blieb der Kundenstamm klein. „Auf dem Bildungssektor fehlt oft die Zahlungsbereitschaft“, erklärt die Start-up-Gründerin, die ihren Firmensitz in Salzburg hat. „Oben-

34

drein hatten wir ein Chicken-EggProblem. Ohne Content kriegst du keine User. Und ohne User wird kein Content kreiert.“ Als schließlich auch die Coronapandemie keinen Boost brachte – „die meisten Hoch­ schulen kauften in der Eile Komplettlösungen fürs Online-Learning, wie z. B. Microsoft Teams“ –, stand Selbstreflexion an: Was tun, wenn man überall ein bisschen den Fuß in der Tür hat, aber eben nicht weit genug? Die Idee begraben – oder weitermachen?

Emotion vs. Business

„Ich tat mir schwer, loszulassen, ­immerhin hatte ich lange am Aufbau gearbeitet. Erst als ich meine Emotio­ nen aus der Sache raushielt, wurde mir klar: Der Kerngedanke, nämlich Informationen schnell und unkompliziert via Audio zu teilen, ist prin­ zipiell richtig. Es hakte also nicht an der Idee, sondern an der Zielgruppe – und damit auch am Geschäfts­ modell. Das musste ich ändern.“ Bolzer wandte sich an ihr sechsköpfiges Team. „Die Meinungen meiner Leute sind mir extrem wichtig. Sie helfen mir, einen frischen Blick auf die Dinge zu bewahren. Und wenn alle eingebunden sind, bleiben auch alle motiviert.“ Es wurde beschlossen, Entwicklungen für den universitären Bereich zu stoppen. Stattdessen richtete Bolzer Audvice komplett auf die Bedürfnisse von Unternehmen aus. „Man kann etwa neuen Mit­arbeitern Playlists zur ­Verfügung stellen, die erklären: Wo finde ich was? Welche Jahresziele

gibt es? Welche Werte vertritt das Unter­nehmen? Solche OnboardingTracks können von allen eingesprochen werden, vom Abteilungsleiter hin bis zum Hausmeister.“ Auch im Sales-Bereich kommt Audvice zum Einsatz: „Es lassen sich etwa BestCase-Verkaufsgespräche aufnehmen, die man sich dann kurz vor einer Kundenpräsentation noch einmal anhören kann.“ Zwei Forbes-500-Unternehmen sind bereits Kunden. Und: Bolzers Start-up, das 2022 auf insgesamt 20 Mitarbeiter aufstocken will, konnte sich ein siebenstelliges Investment ­sichern. Was Sophie aus dem Kurswechsel gelernt hat? „Schneller ­loszulassen, wenn eine Sache nicht funktioniert. Und: Man muss seinen Perfektionismus ablegen. Es braucht nicht gleich ein fertiges Produkt. Man kann auch nur mal eine Idee präsentieren und anhand dieser ­validieren, ob die Zielgruppe dafür bereit ist.“ Und wenn nicht? „Dann weiter mit Plan B, C, D.“

Wettbewerb der innovativen Köpfe

Gesucht: schlaue Lösungen Sophie Bolzer hat mit Audvice 2019 beim globalen Ideen-Contest Red Bull Basement (Globaler Technologiepartner: der IT-Serviceprovider NTT Limited) den Sieg geholt. Auch dir schwirren innovative Lösungen im Kopf herum? Dann verlier keine Zeit: Noch bis zum 24. Oktober können Studierende ­aller Disziplinen außergewöhnliche Konzepte, die das Zeug ­haben, die Welt zu verändern, einreichen. So bist du dabei: Präsentiere deinen ­Einfall in einem kurzen Video (maximal 60 Sekunden) und lade den Clip auf ­redbullbasement.com hoch. Mitte ­Dezember wird in Istanbul die SiegerIdee gekürt, mit Mentoren weiter­ entwickelt und zur Marktreife gebracht.

THE RED BULLETIN


„Leg deinen Perfektionismus ab. Manchmal reicht eine gute Idee.“ App-Entwicklerin Sophie Bolzer, 29, über ihren Neustart

THE RED BULLETIN

35


Formel 1

COOL IM COCKPIT

Max Verstappen am Arbeitsplatz, hier vor dem Grand Prix in Imola, Italien. Sein neues Motto: In der Ruhe liegt die Kraft.

36

Ooooooo


GETTY IMAGES

ooooomm!

Er fährt die Formel-1-Saison seines Lebens in einem epischen Duell gegen Rekord-Champion Lewis Hamilton, 36, und erfand sich dafür neu: Heißsporn MAX VERSTAPPEN, 24, kämpft von nun an mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters.  Text GERALD ENZINGER, JUSTIN HYNES


Formel 1

Es gibt ihn im Leben jeder Legende: den Hollywood-Moment. Jenen Augenblick, in dem sich Jahre der Vorbereitung, der Leiden und der Leidenschaft, der Tränen und der Träume auf das Maximum des Möglichen verdichten. Und es nur mehr alles oder nichts gibt. Zumindest in der Wahrnehmung eines Weltklasse-Athleten, der sich über das Maximum definiert. Und das Motto seines Lebens sogar im ­Namen trägt: Max. Max Verstappen, geboren 1997, Niederländer. Sein Weg zur Unsterblichkeit führt durch einen selbst gebauten Tunnel, in dem er sich abschotten und fortbewegen kann. Der Tunnel führt mitten durch eine pulsierende orange Masse. Es ist der 5. September 2021, und zum ersten Mal in seiner Karriere wird Max Verstappen, das vielleicht größte Rennfahrer-Talent, das es je gab, in seiner Heimat auf der ­eigens seinetwegen für Millionen umgebauten Rennstrecke von Zandvoort einen Formel-1-Grand-Prix bestreiten. Und das am Höhepunkt eines Jahrhundert-Duells zwischen dem zu diesem Zeitpunkt erst 23-Jährigen und dem um fast 13 Jahre älteren Rivalen Lewis Hamilton, dem als siebenfachen Weltmeister und 96-maligen Grand-Prix-Sieger erfolgreichsten ­Piloten des Formel-1-Zeitalters. 38

GETTY IMAGES

E


WILLKOMMEN DAHEIM!

Max Verstappen 2021 beim Formel-1-Rennen auf seiner für rund 15 Millionen Euro umgebauten Heimstrecke in Zandvoort, Niederlande


SCHAUMPARTY

Max Verstappen bei der Champagner-Dusche auf dem Podest nach seinem Sieg beim Großen Preis der Niederlande in Zandvoort


Formel 1

GETTY IMAGES, MARKUS BERGER/RED BULL CONTENT POOL

Reifeprüfung eines jungen Manns, der lange als unbeherrscht galt

Verstappen war noch nie Weltmeister, er hat sogar noch nie einen Titel im Autorennsport gewonnen. Und doch ist er es, den der britische Champion fürchtet. Und mit ihm der ganze Daimler-Konzern, der seit 2014 ohne Unterbrechung den Weltmeister in der Formel 1 stellt und der nun in einem Showdown von Red Bull Racing, Weltmeister von 2010 bis 2013, herausgefordert wird. Und das auf einer Bühne, die grell orange ausgeleuchtet ist. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Helmut ­Marko, Motorsportberater von Red Bull, beim Blick auf die niederländischen Fans, die aus dem morbiden Badeort an der Nordsee, in dem einst sogar Kaiserin Sisi zu kuren pflegte, den Party-Hotspot Europas gemacht haben. Die Stimmung ist aufgeheizt, erst recht, seit Verstappen im Sommer zweimal nach Kollisionen mit Mercedes-Piloten schuldlos ausschied. Böse Worte sind gefallen, die ­Situation drohte zu eskalieren. Es war Max Verstappen selbst, der – entgegen allen Erwartungen – wieder für Ruhe sorgte. Der alle in seinem Team aufforderte, sich wieder ganz auf die Sache zu konzentrieren. „Wir müssen auf uns schauen, nicht auf den Gegner.“ Früher hätte so ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu einem Aufflammen der feurigeren Seite von Verstappens Wesen geführt, aber dieses Jahr umgibt Max Verstappen die Aura einer fast Zen-artigen Ruhe, die er rund um seine Philosophie der „Suche nach Glanzmomenten“ aufgebaut hat. „Wenn man keinen guten Tag hat, muss man akzeptieren, dass man keinen guten Tag hat, und sich mit dem Ergebnis ­zufriedengeben“, erklärt er. So steckte er auch die Strafe für seinen Crash mit Hamilton in Monza cool weg, um sofort wieder nach vorne zu schauen. Es ist die Reifeprüfung eines jungen Mannes, der lange als unbeherrscht und unberechenbar galt, besonders in der Niederlage. Einer, der von Kindesbeinen an mit den durchaus robusten Methoden seines Vaters Jos, einst ebenfalls Formel‑1-­ Pilot, zum Sieger e­ rzogen wurde. THE RED BULLETIN

TUNNELBLICK

Verstappen bei einem PorträtShoot in Kitzbühel im Januar. Seinem großen Ziel, die Formel-1-WM zu gewinnen, ordnet Max fast alles unter.

Nur wer seine Mitte findet, kann die eigene Gelassenheit in Leistung verwandeln.

Perfekte Ausbildung vom Vater, aber auch eine verdammt harte

Das Fach „Verlieren“ gab es jedoch nicht. Dafür war Max einfach zu gut. Wie sein Vater Jos, dessen eigene Karriere als Rennfahrer einst hinter den eigenen ­hohen E ­ rwartungen zurückgeblieben war (das beste Resultat von Jos’ zehn­jähriger ­Formel-1-Zeit von 1994 bis 2003 war ein zehnter Platz im Gesamtklassement 1994), konnte Max genau das nicht: ­verlieren. Und wie seinerzeit Michael Schumacher wurde er sehr zornig, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Doch der Max des Jahres 2021 ist nun anders als der f­ rühere. „In der Ruhe liegt die Kraft“, lautet sein neuer Leitspruch. Jetzt – mit der Routine von knapp sieben   41


Formel 1

sitzt Max noch in seinem Raum in der Red Bull Energy Station und sieht sich das Rennen der DTM in Spielberg an. Das Rasen der anderen beruhigt ihn, Rennsport ist seine Welt. „Er hat alles von der Pike auf gelernt“, weiß Formel‑1-­ Legende Gerhard Berger, der selbst noch gegen den Vater von Max gefahren ist. „Jos hat ihn perfekt ausgebildet, aber es war eine harte Schule, durch die er ihn hat gehen lassen.“ Das Naturtalent des Schülers war schon früh Thema in den Boxen: „Als Erster hat mir der ehemalige holländi‑ sche Formel-1-Fahrer Huub Rothengatter von Max erzählt, und dann habe ich ihn öfter im Kart beobachtet. Und spätestens in der Formel 3, seiner ersten Kategorie im Autorennsport, war klar: Da kommt was ganz Besonderes auf uns zu.“

ALLES AUF ORANGE

Beim Rennen in Zandvoort kon­ trolliert Verstappen seinen Rivalen Hamilton (o.), seine Fans (u.) lassen es vor Begeisterung rauchen.

„Er ist der erste Pilot, den ich kenne, der mitten in der schnellen Kurve per Funk reflektierte Aussagen trifft.“ DR. HELMUT MARKO, RED BULL MOTORSPORT-BERATER 42

Jahren in der Königsklasse des Renn‑ sports und dem in diesem Jahr super‑ schnellen Honda von Red Bull Racing – ist Max Verstappen erfolgreicher denn je. Gerade bei der für einen vom Ehrgeiz ­getriebenen Hochleistungssportler schwierigsten Übung: seine eigene Mitte zu finden, den absoluten Ruhepunkt, um diese Gelassenheit anschließend in Leistung zu verwandeln. Nie ist ihm das besser gelungen als an diesem Tag in Zandvoort. Er gewinnt sein Heimrennen – dem enormen Druck zum Trotz, der auf ihm lastet – auf be­ eindruckende Weise. Auch, weil er trotz der Atmosphäre konzentriert bleibt. Als sich draußen auf den Tribünen die Menge schon für den Start warm schreit,

Bergers Moment der Erleuchtung: „For‑ mel 3 in Imola, 2014. Max hatte seine Heckflügel um zwei Stufen flacher gestellt als alle anderen.“ Das heißt: Der Renn‑ wagen ist sehr schnell auf den Geraden, aber in der Folge praktisch unlenkbar in den Kurven. Es sei denn, man ist Max Verstappen. Von dieser einzigartigen Art, immer die Kurve zu kriegen, schwärmt auch der wichtigste Mentor von Max, Helmut Marko: „Er ist der erste Pilot, den ich je gesehen habe, der mitten in ­einer schnellen Kurve total reflektierte Aus­sagen über Funk macht. Jeder andere ist dort unfähig, etwas zu sagen.“ Die Betonung liegt auf „etwas zu ­sagen“. Denn Max redet nicht nur, er hat tatsächlich etwas zu sagen. Seine Fest‑ stellungen und Analysen sind präzise; er spürt genau, was die Maschine, bis zu 365 km/h schnell, macht. Die Reifung hin zum robusten und in sich ruhenden Wirbelwind war nicht nur optisch erkennbar, weil Max einige Kilo an Muskelmasse zugelegt hat. Man sieht sie auch in seinem Blick. „Er hat unter Druck ein ganz spezielles System, zu sich und den Ereignissen um ihn herum auf Distanz gehen zu können“, hat Andrea Schlager beobachtet, die als Formel-1-­ THE RED BULLETIN

GETTY IMAGES

Je verrückter die Welt um ihn herum, umso größer sein Fokus


Wie einst Michael Schumacher wurde Max früher sehr zornig, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte.

WIE HUND UND KATZ

MAX VERSTAPPEN

LEWIS HAMILTON

Im aufregendsten Formel-1-Duell seit Jahrzehnten liegen Lewis Hamilton und Max Verstappen oft Kopf an Kopf. Abseits der Rennstrecke könnte ihr Abstand kaum größer sein. Ein Überblick:

DAS ERSTE AUTO

Porsche 911 GT3 RS

Mini Cooper S

Alles auf Style: 2002 ­extrem angesagt – der UKKleinwagen im Retro-Look.

Alles auf Power: Porsches radikaler Straßenrenner mit extra großem Spoiler.

DAS VORBILD Moderatorin von ServusTV am Grid die Rennfahrer noch bis kurz vor dem Start aus der Nähe sieht. Je verrückter sich die Welt um ihn dreht, desto mehr konzentriert er sich auf das für ihn Wesentliche: um die Rennstrecke, um seine To-do-Liste, die es abzuarbeiten gilt.

Jos Verstappen

Familie im Blick: Sein Vater, 1994 Michael Schumachers Teamkollege, führte Max in den Rennsport.

Nelson Mandela

Welt im Blick: 2008 hatte Hamilton die Ehre, Mandela zu treffen, er sei für ihn wie ein Großvater, sagte er.

DAS HOBBY

GETTY IMAGES (9), PORSCHE AUSTRIA GMBH, BMW GROUP ARCHIV, VERSTAPPEN.NL

F1-Rekordbrecher vom Dienst

Obwohl: Max Verstappen ist es gewohnt, bei allem im Leben früher dran zu sein als andere. Er hat in der Formel 1 sämt­ liche Jugendrekorde gebrochen: erster Test mit 16, erste Saison mit 17, erster Sieg mit 18. Erst Ende vorigen Jahres war er so alt wie Lewis Hamilton (selbst ein „Wunderkind“) bei dessen allererstem Grand Prix im Jahr 2007 – 23 Jahre und zwei Monate. Daran ist leicht zu erkennen: Max Verstappen, seit 30. September 24, gehört die Zukunft. Das ändert allerdings nichts daran, dass er den WM-Titel schon dieses Jahr und im direkten Duell gegen Hamilton will, unbedingt und um jeden Preis. Denn Lewis wird wohl nur noch zwei, drei Saisonen in der Formel 1 bleiben. Und wenn sich nun, für ein kurzes Zeitfenster, die Ikone der vergangenen Dekade und der Champ des neuen Jahrzehnts am Höhepunkt ihres Könnens mit ungefähr gleichwertigen Werkzeugen (=  Rennautos) zum Duell treffen, dann wird das eines Tages darüber entscheiden, wer von beiden historisch als der noch Größere eingestuft wird. Meist auf der Strecke, ab und zu im Urlaub. Auf Instagram gibt Max Einblicke: @verstappen1 THE RED BULLETIN

Sim-Racing

Fallschirmspringen

Hauptsache Lenkrad: An rennfreien Wochenenden fährt Verstappen ­regelmäßig virtuelle Rennen.

Hauptsache Himmel: In seiner ­Freizeit springt Hamilton gerne in großen Höhen aus Flugzeugen.

DER STYLE

Sportlich

Eher leger: Bei Ankunft an der Rennstrecke trägt Verstappen ­gerne Jeans, T-Shirt und Team-Cap. Für schickere Anlässe setzt er regelmäßig auf Outfits des Labels AlphaTauri.

Ausgefallen

Immer en vogue: Komplett in Pink, im trans­parenten Top mit breiter Halskette oder im Leoparden-Look – seine Ankunft am Rennwochenende zelebriert Hamilton mit laufsteg­ reifen Auftritten.

TIERISCHE SEELENVERWANDTE

Katzen

Mit Krallen: Mit fünf Katzen (sowie vier Hunden und einem K ­ akadu) aufgewachsen, hat Max zwei Katzen (im Bild eine Symbol-Samt­ pfote). Ihn fasziniere, dass sie „in ihrer ­eigenen Welt leben“.

Hund

Mit Plattschnauze: ­Aufgewachsen mit Labrador-Hunden, lebt Hamilton seit vielen Jahren mit Bulldoggen. „Roscoe“ (li.) begleitet ihn zu vielen Rennen und hat über 380.000 Instagram-Follower.

43


Film

„Svenja, da musst du runterspringen!“ Auf einer Australien-Reise erkannte SVENJA JUNG, 28, dass sie nichts auf dieser Welt fürchten muss. Seither springt die Schauspielerin gern ins kalte Wasser – auch von 15 Meter hohen Klippen. Ein Gespräch über den Sinn von Mutproben, ihre Zeit als Staubsauger-Verkäuferin und die schwierigste Filmszene ihres Lebens. Interview NICOL LJUBIĆ  Fotos ANNE WILK

44

THE RED BULLETIN


KEINE ANGST!

Schauspielerin Svenja Jung sagt: „Bis jetzt haben sich Risiken in meinem Leben ­immer gelohnt.“


„Für mich bedeutet Mut, dorthin zu gehen, wo ich mich nicht mehr sicher fühle.“ Svenja Jung erklärt, wie sie an Wagnissen wächst.


Film

S

venja Jung ist in einem kleinen 500-Einwohner-Dorf im Westerwald aufgewachsen. Mit neunzehn, nach dem Abi, wollte sie raus in die Welt, reiste vier Monate ­allein durch Australien und machte sich dann mit dem Rucksack auf nach Berlin, um Schauspielerin zu werden. Wagnisse einzugehen – das ist seither eine Art ­Lebensprinzip von ihr geworden. Im Film „Fucking Berlin“ spielte sie eine Studentin, die nebenbei als Prostituierte arbeitet, es war ihre erste große Rolle. Am 14. Oktober kommt „Fly“ in die Kinos, ein Tanzfilm von Regisseurin Katja von Garnier, in dem Svenja Jung die Hauptrolle spielt und sich mit den besten Tänzern Europas misst. Ein Film, der sie körperlich an ihre Grenzen gebracht hat. Aber sie wirkt gut erholt, als sie zum Interview in einem Berliner Café erscheint, was vielleicht auch an dem Urlaub auf Mallorca liegt, den sie gerade hinter sich hat. Sie bestellt einen Cappuccino mit Hafermilch und nimmt sich viel Zeit für das Gespräch über die Mutproben ihres Lebens.

THE RED BULLETIN

the red bulletin: Svenja, bist du ein mutiger Mensch? svenja jung: Ich würde sagen, ja. Für mich bedeutet Mut, mich in Bereiche zu wagen, in denen ich mich nicht sicher fühle, das tue ich immer wieder, und es bringt mich in meiner persönlichen Entwicklung weiter. Als Kind war ich wahnsinnig ruhig, wollte immer im Hintergrund bleiben. Ich habe mich nicht mal getraut, nach dem Lolli zu fragen, den wir als Kinder nach dem Essen beim ­Italiener bekommen haben, das musste meine kleine Schwester für mich machen. Während der Pubertät aber habe ich mich sehr verändert, seitdem scheint es mir manchmal, als würde ich alles kompensieren, wofür mir in der ersten Hälfte meines Lebens der Mut gefehlt hat. Was hat dich denn so verändert? Ich glaube, das Tanzen. Ich habe im Alter von sechs Jahren mit Ballett angefangen. Mit vierzehn ging es los, dass ich mit meiner Cousine zusammen ein Schautanz-Duo gebildet habe. Auf einer Bühne zu stehen und vor Wertungsrichtern und Publikum zu tanzen war für mich eine Riesenüberwindung, letztlich bin ich dar­ an gewachsen und mutiger geworden. Nach dem Abitur, mit neunzehn, bist du allein nach Australien gereist. War das deine erste große Mutprobe? Wahrscheinlich schon. Ich wusste, dass ich rausmuss aus meinem kleinen Dorf, und ich wollte so weit weg wie möglich. Freunde von mir hatten Work and Travel in Australien gemacht, und das hat mich auf die Idee gebracht. Hattest du Angst? Total! Ich hatte nur so viel Geld dabei, wie ich für die Einreise brauchte, 2000 Euro, glaube ich, die hatte ich mir neben der Schule in einem Irish Pub verdient. Ich kam von einem Elternhaus, wo ich ­alles hatte, ins Nichts. Ich wusste nicht, wo ich arbeiten und schlafen konnte. Und auch mit der Sprache war es für mich ­anfangs schwierig, weil mein Englisch damals nicht besonders gut war.

Wie bist du finanziell über die Runden gekommen? Als Erstes habe ich Staubsauger verkauft von Haustür zu Haustür, ich hatte eine Annonce gesehen und mich gemeldet. Aber nach einer Woche wurde ich ge­ feuert, weil es nicht gut lief. Als Nächstes habe ich als Köchin auf einem Schiff gearbeitet, das Taucher zum Great Barrier Reef gebracht hat. Ich bin hin und habe gesagt, ich hätte in meinem Leben ganz viel gekocht und könne problemlos eine Crew von zwanzig Leuten verpflegen, was eine glatte Lüge war. Es dauerte ­einen halben Tag, bis ich gemerkt habe, dass ich komplett überfordert war, ich verstand nicht mal die englischen Rezepte. Ich bin dann relativ schnell aufgeflogen, habe Ärger bekommen, aber wir waren ja schon auf See, die konnten wegen mir nicht einfach zurückfahren. Am Ende hat die Crew mitgeholfen, und wir haben zusammen gekocht. Danach habe ich in einem Restaurant gearbeitet und in dem Hostel, in dem ich damals wohnte, habe geputzt und in einem Irish Pub gejobbt. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles ­hinbekommen habe mit den drei Jobs – einen nachts, die anderen am Tag. Wann ich geschlafen habe? Keine Ahnung. Als das Geld aufgebraucht war, habe ich am Strand übernachtet. Vier Monate warst du in Australien, es war die erste große Reise allein, weit weg von zu Hause. Hat diese ­Erfahrung dich verändert? Ja total, seitdem wage ich mehr. Ich bin mir sicher: Ohne Australien wäre ich nicht Schauspielerin geworden, ich wäre das Risiko nicht eingegangen. Die

„Ich habe mich als falsche Köchin auf ein Schiff geschmuggelt.“   47


„Ich lebe in einer Blase, die mit jeder bestandenen Mutprobe ein Stück größer wird.“ Svenja Jung musste für ihre Rolle im Film „Fly“ über ihren Schatten springen.


Film

Erfahrung mit Australien hat mir gezeigt, ich komme durch, ohne mir vorher einen Plan zu machen. Ich habe gelernt, flexibel zu sein, und natürlich hat die Reise mein Vertrauen in mich selbst gestärkt. Als ich zurückkam, habe ich eine Freundin angerufen, die nach Berlin gezogen war. Ich habe gefragt, ob ich bei ihr wohnen könnte, und bin mit dem noch gepackten Rucksack gleich nach Berlin weiter­ gezogen. Die nächste Mutprobe … Ja, ich war etwas naiv, hatte keine Vor­ stellung davon, was es bedeutet, Schau­ spielerin zu werden. In Berlin hat an­ fangs gar nichts geklappt, ich bin zu so vielen Castings gegangen und habe nur Absagen bekommen. Ich erinnere mich an ein offenes Casting für eine TV-Serie, bei dem ich einige junge deutsche Schau­ spieler kennengelernt habe. Die haben mir dann erklärt, wie diese Welt funktio­ niert – dass ich zum Beispiel eine Agen­ tur brauche –, und mir Tipps gegeben. So bin ich zu meiner Agentin gekommen. Nach all den Absagen war ich so frus­ triert und so sauer, dass ich beschlossen habe, Europäische Medienwissenschaften zu studieren, um etwas ganz anderes zu machen. Von dem Moment an hat es mit dem Schauspiel funktioniert. Ich ­hatte losgelassen, und dann ging es auf einmal. Nach meinem ersten größeren Film fing es an, immer besser zu laufen.

STUDIOCANAL

Dieser erste Film – „Fucking Berlin“ – war bestimmt auch eine besondere Herausforderung für dich, oder? Ja, es war ein extremer Film, er handelt von einer Studentin, die als Prostituierte arbeitet, und es gab viele Nackt- und Sex­ szenen. Ich hatte meine erste Hauptrolle, mit zwanzig. Ich musste mich komplett hingeben und dem Regisseur vertrauen, dass er mich respektvoll zeigt und be­ handelt. Das ist das Krasse am Schau­ spiel, dass ich in so viele Bereiche ein­ tauche, mit denen ich überhaupt keine Berührungspunkte habe, so wie auch bei meinem neuen Film. Du sprichst von „Fly“, einem Tanzfilm von Regisseurin Katja von Garnier, in dem du die Hauptrolle spielst. Es geht um die 20-jährige Bex, die an einem Resozialisierungsprogramm in einer Tanzgruppe teilnimmt. Ich musste mich der Figur erstmals ­körperlich nähern, ich musste tanzen, THE RED BULLETIN

„Während des Sprungs dachte ich: Fuck!, warum hast du das gemacht?“ und zwar anders, als ich es gewohnt war: urban style, und ich war umgeben von Profis, den besten Tänzern Europas, ­einige von denen sind Ikonen in der Hip‑Hop-Szene. Um ehrlich zu sein: Mir ist der Arsch auf Grundeis gegangen. Ich bin die Figur im Film, die am meisten tanzt, ich habe viele Soloparts und tanze sogar Battles, ich hatte zuvor noch nie ein Tanzbattle gemacht. Du musst dir vorstellen: Diese ganzen Profis stehen um dich herum, und du musst tanzen. Auch das klingt nach einer Mutprobe. Auf jeden Fall! Ich musste total raus aus meiner Komfortzone. Ich erinnere mich noch an die Nacht, bevor ich das erste Tanzsolo hatte. Ich war so aufgeregt, habe vielleicht drei Stunden geschlafen. Von den Tänzern und auch vom Head of Creative wurde mir immer wieder ­gesagt: „Svenja, es darf niemand merken, dass du keine professionelle Tänzerin bist.“ Ich hatte drei Monate Zeit, um mich auf die Rolle vorzubereiten. Ich habe ­jeden Tag trainiert. Bei diesem Film bin ich körperlich an meine Grenzen ge­ kommen. Ich war bei diesem Projekt so exzessiv dabei, ich habe alles ignoriert, habe einfach gemacht und gemacht und gemacht, auch wenn ich Schmerzen ­hatte oder es mir nicht gut ging. Aber diese Arbeit mit Elementen wie zum Bei­ spiel der Tanzszene im Wasser gibt dem Film eine besondere künstlerische und poetische Metaebene, die ich so in einem Film noch nie gesehen habe. Ins kalte Wasser zu springen scheint zu deinem Leben dazuzugehören. Ja, sogar im wahrsten Sinn des Wortes. Seit ich in Australien war, bin ich immer auf der Suche nach einer Klippe, von der ich ins Wasser springen kann, egal an welchem Strand ich bin. Gerade war ich mit zwei Freundinnen auf Mallorca, wir waren in einer Bucht, und ich habe gleich eine krasse Klippe entdeckt. Ich wusste sofort: Da muss ich runterspringen! Es ist, als ob ich mich dem stellen müsste,

als ob eine Stimme in mir sagte: „Svenja, da ist eine Klippe, du musst von dort ­runterspringen!“ Ich bin dann hoch­ gestiegen und stand da. 15 Meter sind echt hoch! Aber je länger man überlegt, desto mehr Angst bekommt man. Wenn ich von Klippen springe, muss ich schnell sein. Ich habe zweimal durchgeatmet und bin gesprungen. Wie ist es mit der Angst in solchen ­Momenten? Ich bekomme richtig Schiss. Ich guck mir das an, denke, Scheiße!, viel zu hoch. Aber dann ist da diese treibende Kraft in mir, die sagt, du musst jetzt da runter­ springen, du musst das für dich machen. Während des Fallens denke ich, fuck!, warum habe ich das gemacht, dann: Okay, versuch einfach, gerade zu bleiben. Der Moment des Eintauchens fühlt sich wie eine Befreiung an, weil dir klar wird: Du hast es gemacht. Wie fühlt es sich an, solche Mutproben zu überstehen? Als ob ich mir selbst mehr Raum gebe durch die Wagnisse, die ich eingehe. Ich habe dieses Bild vor Augen: Ich komme auf die Welt, und um mich herum ist eine Blase. Mit jeder Mutprobe aber, die ich bestehe, mache ich den Raum in dieser Blase größer und erweitere so auch meine Möglichkeiten. Und Wagnisse sind dafür da, den Raum um mich herum so groß wie möglich zu machen.

Dance Moves für die Freiheit

„Fly“ haucht dem Genre Tanzfilm neues Leben ein. Die 20-jährige Bex (Svenja Jung) landet im Gefängnis. Dort muss sie zur Re­ sozialisierung an einem Tanzkurs teilnehmen. Ein Haufen Einzelgänger, ­gespielt von Tänzer Majid Kessab und den Flying Steps, muss sich für ein Tanz-Battle zu einem Team zusammenraufen. Und dann ist da noch die Liebe! „Fly“, Regie: Katja von Garnier, Kinostart: 14. Oktober

49


Segeln

Hart am Wind Der argentinische Segler SANTIAGO LANGE, 60, ist ein Wunder in Sachen Kampfgeist: Nicht nur, dass er nach fünf Jahrzehnten auf dem Wasser vier WM-Titel und drei Olympia-Medaillen vorweisen kann. Ein Jahr vor  seiner letzten Goldmedaille hat er auch noch den Krebs besiegt. Text ALEXANDER NEUMANN-DELBARRE Fotos GIANFRANCO TRIPODO


VOLLE KRAFT VORAUS

Santiago und seine SegelPartnerin Cecilia Carranza (hinter ihm) beim Training auf ihrem Katamaran im Mittelmeer vor Barcelona.

51


TIEFFLIEGER

Vom Trainingsboot aus sah unser Fotograf den Katamaran von Santi und Cecilia wie die meisten ihrer Gegner: von hinten.


Segeln

„Wenn ich in ein Boot steige, geschieht genau das. Alles fällt von mir ab.   Ich lebe ganz in der Gegenwart.“

D

as Beeindruckendste ist nicht die irre Geschwindigkeit, mit der Santiago Lange an der Seite seiner Segelpartnerin Cecilia Carranza über das Meer vor Barcelona rauscht. Gut 20 Knoten, das sind fast 40 km/h, erreichen sie, und was das hier draußen bedeutet, versteht man erst, wenn man im Motorboot hinterherrast. Das Beeindruckendste ist auch nicht der Lärm, der anschwillt, das Flattern, Peitschen und Schlagen, wenn ihr Katamaran, mehr Hengst als Boot, Tempo aufnimmt und über Wellen und Gischt jagt. Das Beeindruckendste ist noch nicht mal, dass Santiago, im Trapez über dem Wasser hängend und tausend Dinge gleichzeitig steuernd, nebenher auch noch den Wind liest. Das Beeindruckendste ist: Santiago sieht bei all dem seelenruhig aus. Als sei er völlig bei sich, als gehe er ganz in dem auf, was er tut. Das ist es wohl, was Psychologen Flow nennen. Logisch: Nach sieben Olympia-Teilnahmen und drei Medaillen, nach zig Weltmeisterschaften und vier WM-Titeln, nach Extrem-­Erfahrungen bei America’s Cup und Ocean Race, nach mehr als fünf Jahrzehnten auf dem Wasser, kann man sich auf einem rasenden Katamaran schon mal im Flow fühlen. Nur: Im Fall von Santiago Lange war es eher andersrum. Erst war da der Flow, dann kamen Erfahrung und Erfolg.   53


Segeln

Ein paar Stunden vor der Trainingseinheit auf dem Meer sitzt Santiago – Jeans, Sneakers, Baseballcap – in einem Lokal am kleinen Yachthafen neben dem Barcelona International Sailing Center. Dass er sechzig Jahre alt ist (inzwischen ist er sechzig), darauf d ­ euten höchstens ein paar Fältchen in seinem Gesicht hin. Seine Körperspannung, seine Energie – all das lässt ihn viel jünger wirken.

Zu Hause ging es früher streng zu, auf dem Wasser war Santiago frei

Am Nebentisch trinken Fischer ihr mittägliches Feierabendbier, Santiago bestellt Cappuccino, dann beginnt er zu erzählen. Über ein Leben voller Höhen, wie dem Goldtriumph in Rio 2016, und Tiefen, wie seine Krebserkrankung im Jahr davor, und über Erfahrungen, die ihn viel gelehrt haben. Dass man vor allem Freiheit braucht, um zu lernen, zum Beispiel. Dass es ein großes Glück ist, eine Passion zu haben. Und: dass ein Tisch nicht ­immer vier Beine haben muss. Seit einigen Jahren schon verbringt Santiago die Sommerhälfte des Jahres in Cabrera, einem Dorf nahe Barcelona. Aufgewachsen ist er aber in San Isidro, einem idyllischen Vorort von Buenos Aires, gelegen an der gigantischen Meeresbucht, die den etwas irreführenden Namen Rio de la Plata trägt. Sie wird früh zu Santiagos Abenteuerspielplatz. Zu Hause geht es streng zu, draußen auf dem Wasser ist er frei. „Am Freitag nach der Schule fuhr ich zum Segelclub und kam Sonntagabend wieder heim“, erzählt er. „Ich liebte es schon immer, draußen auf dem Meer zu sein. Heute ist oft davon die Rede, wie wichtig es sei, im Hier und Jetzt zu leben. Wenn ich in ein Boot steige, geschieht genau das. Alles fällt von mir ab. Ich lebe ganz in der Gegenwart. So war das schon immer.“ Mit seinem Kumpel Martin erkundet er in jeder freien Stunde segelnd den Rio de la Plata. Sie sind noch Kinder, machen Fehler, geraten in Gefahr, aber sie können sich nichts Schöneres vorstellen. Wie Abenteurer fühlen sie sich, und mit ­jedem Abenteuer lernen sie dazu. „Wir hatten das Privileg, allein gelassen zu werden. Und das ist die beste Art, etwas zu lernen, glaube ich: Fang einfach an, mach deine eigenen Erfahrungen und Fehler. Vom Wissen anderer kannst du später immer noch lernen. Und das gilt nicht nur fürs Segeln.“ 54

OH, CAPTAIN!

An Bord überzeugt Santiago mit Weitblick. Hier posiert er für uns im Parc del ­Fòrum von Barcelona.

Mit Martin hat er einen Freund, der talentierter ist als er selbst. Auch das ein großes Glück. Martin wird für ihn Weggefährte und Konkurrent zugleich. Von ihm lernt er, besser zu segeln – und härter zu arbeiten. Bei den Jugendmeisterschaften 1976 gewinnt Santiago seinen ersten nationalen Titel in Argentinien – im Optimist, einem Ein-Mann-Segelboot. Bis heute ist das einer seiner schönsten Triumphe: Santiago ist damals 15 Jahre alt und lernt zwei Lektionen: Mit Willen und Köpfchen lässt sich vieles schaffen.

Und die Zufriedenheit, ein Ziel zu er­ reichen, fühlt sich fantastisch an.

Wilde Jahre in England

Santiago weiß früh, was seine Passion ist: segeln, an Wettkämpfen teilnehmen, besser werden. Die Frage, die ihn lange beschäftigt, ist jedoch: Wie konsequent folge ich ihr? Zunächst läuft alles auf ­einen Kompromiss hinaus. Da sein Vater darauf pocht, dass er ein Studium absolviert, zieht er Anfang der 1980er-Jahre nach England und studiert in South­

Die 80er-Jahre sind eine aufregende Zeit für ihn. Santiago lebt in einem besetzten Haus in Southampton. Im Sommer reist er, obwohl   fast pleite, zu Segelwettbewerben durch Europa. THE RED BULLETIN


Eine Legende nimmt Fahrt auf

„Damals verstand ich eines“, sagt Santiago, „wenn ich meine Träume für ein normales Leben aufgebe, werde ich nicht glücklich sein.“ ampton Schiffsbau. Es ist eine aufregende Zeit, er lebt in einem besetzten Haus, reist im Sommer, wiewohl fast pleite, zu Segelwettbewerben durch Europa, sperrt sich im Winter zum Lernen ein. Ein Spagat, den er nach dem Studium fortsetzt: Tagsüber arbeitet er in einem Schiffsbauatelier in Buenos Aires, abends trainiert er für die 1985 in Argentinien stattfindende Weltmeisterschaft in der Snipe-Klasse, bei der er seinen ersten WM-Titel holt. Bald kommt zu den Polen Leistungssport und Arbeit noch ein dritter hinzu: die eigene Familie. Santiago heiratet, wird Vater, lebt nun ein Leben in drei Rollen: Er versucht seine beruf­ liche Karriere, das Familienleben mit bald vier Kindern und die Teilnahme an Olympia 1988 in Seoul („Danach wusste ich, dass ich das Potenzial habe, eine ­Medaille zu gewinnen“) und 1996 in ­Atlanta (wo er nach Platz neun im Laser enttäuscht ist) unter einen Hut zu kriegen. Es sind zu viele Rollen.

PRIVAT

Nach der Scheidung verspricht er sich, seiner Berufung zu folgen

Seiner Frau und der Familie zuliebe gibt er das Segeln auf, nimmt einen Job im Vertrieb von Tiefkühlprodukten an, sitzt im Büro statt im Boot. Lange hält er das nicht aus. Die Ehe scheitert, die Trennung von den Kindern bricht ihm das Herz. Doch es ist auch ein Neu­ anfang. In der kommenden Lebensphase, das verspricht er sich, soll nichts seine Berufung als Segler aufhalten. „Damals verstand ich eines“, sagt ­Santiago am Hafen in Barcelona, „wenn ich meine Träume aufgebe für ein ‚normales‘ Leben, werde ich nicht glücklich sein; und die Menschen um mich herum in der Folge auch nicht. Heute glaube ich, das ist die wichtigste Lehre, die ich meinen Söhnen mitgeben kann: Sei frei, finde deine Passion und folge ihr. Einer Sache musst du dir dabei aber bewusst THE RED BULLETIN

sein: Wenn du deiner Leidenschaft folgst, ist dein Leben wie ein Tisch mit nur drei Beinen – es ist nicht perfekt ausbalanciert. Das ist der Preis, den du zahlst. Den musst du akzeptieren.“

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere: auf zu neuen Abenteuern!

Bei den Olympischen Spielen im Jahr 2000 in Sydney tritt Santiago Lange in der schnelleren Tornado-Klasse an. Mit seinem Partner verpasst er auf dem Katamaran einen Medaillenplatz, aber er ist sicher, nun das richtige Boot für sich gefunden zu haben. Und tatsächlich: 2004 in Athen gewinnt er Bronze, seine erste olympische Medaille. Vier Jahre später, 2008 in Peking, wiederholt er diesen Erfolg sogar. Mit mittlerweile 46 Jahren glaubt er den Höhepunkt ­seiner olympischen Laufbahn erreicht zu haben – und beschließt, sich von den Spielen zurückzuziehen. Schließlich gibt es in der Welt des Segelns noch eine ­Reihe weiterer spannender Heraus­ forderungen. Schon 2005 arbeitet er erstmals bei einem Team mit, das am renommierten America’s Cup teilnimmt, der Formel 1 des professionellen Segelns. 2008, kurz nach den Spielen von Peking, tritt er – zum zweiten Mal nach 2001 – auch wieder beim dritten großen Wettstreit des Segelsports an: dem Ocean Race, einem monatelangen Rennen um die Welt. Kaum Schlaf, Stürme, ständige Lebensgefahr. „Das Ocean Race steht vor allem für die abenteuerliche Seite des Sports“, sagt Santiago. „Eine großartige Herausforderung. Genauso wie der America’s Cup, bei dem es vor allem um Techno­ logie und Management geht. Die Essenz des Sports aber, das sind für mich die Olympischen Spiele.“ Dass er eines Tages zu ihnen zurückkehren wird, erwartet er dennoch nicht. Bis ihn 2012 eine E-Mail erreicht.

Die größten Erfolge von Santiago Lange im Überblick

1976

Erster Rückenwind: Bei den Jugendmeisterschaften in Argentinien gewinnt er im Ein-Mann-Segelboot.

1983

Theoretisch gut: In England schließt er sein Schiffbau-Studium ab.

1985

Praktisch noch besser: In der ­Bootsklasse Snipe holt er in Argentinien seinen ersten WM-Titel.

1986

Familienglück: Santi heiratet seine Verlobte Silvina. Insgesamt bekommen sie vier Söhne. Yago und Klaus werden ebenfalls olympische Segler.

Alle an Bord (von links): Santiago 2004 in Athen mit seinen Söhnen Yago, Klaus und den Zwillingen Theo und Borja

2004

Edles Metall: In Athen holt er in der Bootsklasse Tornado seine erste Olympia-Medaille (Bronze).


LANDGANG

Nach knapp zwei Stunden Training ziehen Santiago und Cecilia den Katamaran aus dem Wasser.

AUF EIN WORT

Santiago (li.), Cecilia und Trainer Juan de la Fuente bei der Besprechung des nächsten Trainings

56

THE RED BULLETIN


Segeln

„Hallo Santi, ich hoffe, es geht dir gut. Kommst du in den nächsten Monaten nach Buenos Aires?“, schreibt ihm die damals 25-jährige argentinische Seglerin Cecilia Carranza. Bei den Spielen in Rio 2016 soll erstmals ein Wettbewerb in der Bootsklasse „Nacra 17“, einem schnellen Katamaran, stattfinden, die Teams be­ stehen aus einer Frau und einem Mann. Cecilia möchte in dieser Klasse antreten und Santiagos Rat für die Planung ein­ holen. Sie ist überrascht, als er sie bald darauf bei einem persönlichen Treffen fragt: „Wie wäre es, wenn wir zusammen anträten?“

PRIVAT

Erst kann Santiago die Diagnose Lungenkrebs nicht glauben

Santiago weiß, dass ihm in seinem Alter nun eine riesige Herausforderung bevorsteht. Wie groß sie tatsächlich wird, ahnt er nicht. Das Training mit Cecilia für Olympia läuft bereits, als die Ärzte bei ihm 2015 einen Knoten in der Lunge finden. Er kann es kaum glauben und lange nicht akzeptieren. Er hat sein Leben lang Sport gemacht, an der frischen Meeresluft gelebt – und soll nun Lungenkrebs haben? Doch der Rat der Ärzte ist klar. Er muss operiert werden. Im September 2015 entnehmen sie ihm in einer siebenstündigen Operation 80 Prozent seiner linken Lunge. Die Ärzte versprechen ihm, er werde seine volle Lungenkapazität wiedererlangen. Doch Santiago ist skeptisch. Er liegt im Krankenhausbett, pustet in ein Trainingsgerät für seine Lunge – drei kleine Bällchen soll er mit der Kraft seines Atems in der Luft halten – und denkt an die Olympischen Spiele, die in nicht einmal einem Jahr beginnen. „Ein Athlet zu sein, ein Segler, das half mir in dieser Zeit ungemein“, sagt Santiago. „Erstens trainierst du als Sportler dein Leben lang, Widerstände zu überwinden. Zweitens hast du als Segler gelernt, die Natur zu akzeptieren – du weißt, es geschehen Dinge, die du nicht kontrollieren kannst. Und drittens war der Wunsch, in Rio dabei zu sein, eine riesige Motivation.“ Neun Monate nach seiner Operation gewinnt Santiago mit Cecilia die Goldmedaille in Rio. Es ist der größte sportliche Erfolg seiner Karriere. „Ich habe mich oft gefragt, warum es gerade in Rio mit Gold geklappt hat. Die Antwort, die ich darauf finde, ist: Wir hatten diesen besonderen Willen und THE RED BULLETIN

Die Diagnose Krebs kann er nicht glauben. Er hat sein Leben lang Sport gemacht, an der frischen Meeresluft gelebt. Ärzte entnehmen ihm 80 Prozent seiner linken Lunge. 2008

Treppchen zum Zweiten: In Peking tritt Santiago erneut in der Bootsklasse Tornado an – und holt wieder die Bronzemedaille.

2013

Große Fahrt: Als Crew-Mitglied bei Team „Artemis“ nimmt er am legendären America’s Cup teil.

2016

Comeback: Nach überstandener Krebs-OP gewinnt er mit Cecilia Carranza Olympia-Gold in Rio.

Mit Judoka Paula Pareto bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires 2018

2021

Große Ehre: Zusammen mit Cecilia Carranza darf er bei den Olym­ pischen Spielen in Tokio die Fahne für das argentinische Team tragen.

Glauben. Wir gingen als Team durch sehr harte Zeiten, das gab uns Kraft und mach­ te uns zu einer Einheit. Wir wussten: Wir können jeden Gipfel besteigen.“ Dass es bei den Spielen in Tokio im Sommer nur Platz 7 geworden ist, findet er „schmerzhaft“, wie er sagt. Etwas Trost findet er darin, dass er und Cecilia immerhin das finale Medaillenrennen ­gewannen. Auch wenn dieser Sieg ihnen im Gesamtergebnis nicht mehr zum erhofften Platz auf dem Treppchen verhalf, sei es „keine kleine Sache“ gewesen.

Die achten Olympischen Spiele? Nicht ausgeschlossen …

Wie es nun weitergeht? Santiago weiß es noch nicht. Er kann sich nun, mit sechzig, vieles vorstellen. Sein Leben stärker aus­ zubalancieren, „den Tisch etwas mehr auf vier Beine zu stellen“, wie er sagt. Aber auch, noch einmal an Olympia teilzu­ nehmen. Die Motivation ist weiterhin da. „Ich liebe den Wettbewerb“, sagt Santiago, „und ich genieße es, Arbeit in etwas zu stecken, um besser darin zu werden. Auch weil mir das die Chance gibt, noch glück­ licher zu sein, wenn es zum Erfolg führt. Und diese großen Emotionen, die mir der Sport schenkt – Freude, Adrenalin, auch Frustration –, sind ein wesentlicher Teil meines Antriebs.“ Und dann ist da natürlich noch diese andere Sache: „Ich spüre heute draußen auf dem Meer noch immer das Gleiche wie damals als Kind“, sagt Santiago. „Das Gefühl, ganz bei mir zu sein und den Moment zu genießen.“ „Wind: Meine Triumphe, meine Gedanken, mein Leben“: Unter diesem Titel erzählt Santiago Lange seine inspirie­rende Lebens­ ge­schichte. Pantauro Verlag, 24 € Erlebe Santiago Lange im Gespräch in Barcelona. Einfach QR-Code scannen!

57


TEAM-MEETING

E-Sports-Trainer Fabian Lohmann mit den Pappfiguren seiner „League of Legends“Mannschaft in Berlin.

58

THE RED BULLETIN


E-Sports

Was wird hier gespielt, Herr Lohmann?

FABIAN LOHMANN, 25, ist Europas erfolgreichster E-Sports-Trainer. Hier gibt er uns einen Crashkurs über die Welt der Profi-Gamer: über MillionenPreisgelder, Shitstorms aus China und Stars, die mit 25 in Rente gehen. Text MARC BAUMANN  Fotos NORMAN KONRAD THE RED BULLETIN

59


1

Warum ist ausgerechnet das Echtzeit-Strategie­spiel „League of Legends“ bei E-Sports-Turnieren das beliebteste Game der Welt?

ERFOLGSCOACH

Lohmann im Pokalraum des Hauptquartiers seines E-Sports-Teams G2 in Berlin

E-Sports

boomt, weltweit und auch in Deutschland. Die Spieler messen sich in Sportsimula­tionen, aber auch in Egoshootern wie „Call of Duty“ oder „CounterStrike“. Das bei weitem beliebteste Wettbewerbsspiel ist ­allerdings das Echtzeit-Strategiespiel „League of Legends“ („LoL“). Nur um die Dimensionen einmal zu verdeutlichen: Ein Startplatz in der höchsten europäischen „LoL“-Liga ­w urde kürzlich um 25 Millionen Euro verkauft. E-Sports ist nicht nur für Spieler attraktiv, es zieht auch immer mehr Zuschauer an: Inzwischen füllen die Turniere auch die größten Stadien. Die große Masse der Fans schaut aber auf dem Online-Streaming-Dienst Twitch oder via YouTube zu. Während viele Top-Teams und Superstars in Asien ­daheim sind, ist bei den E-Sports-Trainern ein Deutscher in der Weltspitze vertreten: Fabian Lohmann, 25, Kampf­ name „GrabbZ“, aus Wolfsburg, kam mit seiner Mannschaft G2, formiert aus europäischen Top-Spielern, 2019 bis ins WM‑Finale von „League of Legends“. Wir haben uns von ihm die Welt von E-Sports erklären lassen. 60

Im Mai feierte „League of Legends“ („LoL“) einen Zuschauerrekord bei Twitch: Die User streamten das Spiel mehr als 174 Millionen Stunden. ­Dabei ist die Spielidee von „LoL“ gar nicht so originell: Zwei Teams mit je fünf Spielern treten gegeneinander an. Jetzt, zwölf Jahre nach der Markteinführung, ist die Beliebtheit des Online-Multiplayer-Games immer noch ungebrochen. Im Gegenteil: Sie wächst sogar noch. Warum? „LoL“ ist einfach zu spielen, aber schwer zu meistern. Es gibt 150 Helden zur Auswahl: Jeder von ihnen hat unterschiedliche Fähig­ keiten, Stärken und Schwächen – nicht einmal ein Profitrainer wie ­Fabian „GrabbZ“ Lohmann kann sich die Eigenschaften aller Figuren merken, wie er gerne zugibt. Die ultimative Herausforderung besteht jedoch darin, dass die Entwickler von Riot Games, Erfinder von „LoL“ und in L. A. beheimatet, alle zwei Wochen ein Update („Patch“) herausbringen, das das Spiel jedesmal stark verändert. So, als würde der Fußballweltverband beschließen, dass Kopfballtore plötzlich doppelt zählen. „Wir hatten bis Mitte 2020 ­einen sehr aggressiven Spielstil, ich wusste damals genau, welche Helden wir wählen mussten. Dann kam ein Patch, mit dem die Entwickler entschieden, dass dieser sehr offensive Stil deutlich schwieriger zu spielen ist – und wir mussten uns total um­ stellen“, e­ rinnert sich Lohmann. THE RED BULLETIN


E-Sports

2

Was müssen HobbyGamer mitbringen, um unter 100 Millionen aktiven Spielern zur Weltelite aufzusteigen? Wer wirklich sein Geld mit E-Sports verdienen möchte, muss schnell sein, vor dem Bildschirm wie im Leben: Mit 17 Jahren darf man Profi werden, mit Mitte 20 enden die meisten Karrieren schon wieder. Der Weg zur Spitze sieht bei „LoL“ zum Beispiel so aus: Erst einmal gilt es, sich auf Level 30 hochzuspielen, um überhaupt Ranglistenspiele machen zu können. Und dann reiht man sich in eine sehr ­lange Schlange ein: „Wir haben fünf Millionen Ranglistenspieler in Europa, davon werden vielleicht 50 Profi“, sagt Fabian Lohmann. Trotzdem sind Hunderttausende bereit, jeden Tag bis zu zwölf Stunden zu spielen, um richtig, richtig gut zu werden. Bis die Profimannschaften auf einen Spieler aufmerksam werden, muss der in der Rangliste in den niedrigen dreistelligen Bereich hinaufklettern. Lohmann: „Unsere Mannschaft G2 trainiert 12, 13, 14 Stunden – jeden Tag.“ Und die „LoL“-Saison ist lang, elf Monate am Stück. Unter den Millionen Ranglisten-­ Spielern sind nur – geschätzt – tausend Frauen, so Lohmann. „Aber es kommen immer mehr Frauen dazu. Die Türen stehen ihnen offen, sofern sie bereit sind, den exzessiven ‚LoL‘-­ Lebensstil zu führen.“

3

Kochen, Fitness, Stress: Wie wird man eigentlich E-Sports-Trainer?

„Bei Videospielen habe ich zwei linke Hände“, sagt Fabian Lohmann. Im Jahr 2010, im Alter von 14 Jahren, spielte er erstmals „LoL“, „ich war spät dran als E-Sportler“. Gleichzeitig aber hatte er einen guten Zeitpunkt erwischt, um in die noch junge Szene hineinzurutschen: Ein paar Jahre später arbeitete Lohmann neben dem BWL-Studium als Analyst für ‚LoL‘-Teams. Die dynamische, junge E‑Sports-Szene begeisterte ihn mehr als das theoretischere Studium. Im Februar 2016, mit knapp zwanzig, wurde er erstmals Cheftrainer. Fabian Lohmanns große Stärken sind Motivation und Stressmanagement. „Früher habe ich jede Niederlage ­öffentlich auf meine Kappe genommen, um das Team zusammenzu­ halten“, erzählt Lohmann. 50 Prozent seines Jobs seien Psychologie, 20 Prozent Organisatorisches und 30 Prozent taktisches Arbeiten am Spiel. Außerdem muss er am Ende seiner rand­vollen Arbeitstage noch schauen, was die koreanische oder chinesische Liga so treiben. GrabbZ leitet auch ein Team von mehreren Analysten, einem Fitnesstrainer und einem sehr gesundheitsbewussten Koch – man muss ja nicht jedes E-Sportler-­ Klischee erfüllen.

Lohmanns Spieler wissen oft nicht, was sie gestern gegessen haben – können aber drei Jahre alte Partien analysieren. THE RED BULLETIN

4

Wie formt man aus chaotischen Charakterköpfen ein eingeschworenes E-Sports-Team? Im Wettbewerb agieren seine Spieler messerscharf analytisch, brillieren mit hohem mathematischem Verständnis, berechnen blitzschnell Schadenspunkte und richten ihre Taktik danach aus. „Aber wo sie ihr Handy wieder haben liegen lassen, ist dann als Information nicht mehr gespeichert“, erzählt Fabian Lohmann lachend. Seine Spieler wissen oft nicht, was sie gestern gegessen haben, aber sie können dir sagen, wie vor drei Jahren eine unwichtige „LoL“-Partie abgelaufen ist. Als Fabian Lohmann vor fünf Jahren als Coach anfing, hatte der ehemalige Landesliga-Fußballer ein ganz klares Bild davon, wie ein Trainer sein sollte – „aber das hat sich dann gleich er­ ledigt, weil E-Sportler andere Bedürfnisse und Vorstellungen haben als Fußballer“. Er merkte außerdem, dass seine sehr deutsche Vorstellung von Disziplin weder modern noch umsetzbar ist in E-Sports – mit Spielern aus Slowenien, Polen, Dänemark oder Schweden. Der erste Schritt war, zu verstehen, warum seine Spieler manche Dinge so und nicht anders haben wollten, und um diese Erkenntnisse herum funktionierende Strukturen zu schaffen. „Für die einen Spieler ist ein strukturierter Tagesablauf sehr wichtig, für andere ist so was eher schlecht. Da muss ich als Trainer herausfinden, wie ich diese Wünsche unter einen Hut bringen kann.“ Lohmanns Leit­ faden geht so: Vertrauen schaffen, ­offen über alles reden können, kon­ stant sein in Entscheidungen und ­berechenbar bleiben.

61


E-Sports

Zocken nach Zahlen Herzrasen wie im Formel-1-Cockpit, Marktwerte wie Top-Fußballer, eine Gaming-Community fast so groß wie Japan: Hier sind die Fakten zum E-Sports-Boom.

IMMER MEHR ZUSCHAUER 5,41 Millionen Menschen verfolgten 2021 vor ihren Bildschirmen die erste Final­ runde der „Free Fire World Series“, ein Turnier in einem mobilen Game aus der Adventure-Abteilung. Kein E-Sports-Event hatte bis dahin mehr Zuschauer. Zwei Jahre vorher war es gerade einmal die Hälfte gewesen (2.016.157).

PLATZ 1 China 1434 Mio.

PLATZ 3 USA 331 Mio.

PLATZ 11 Japan 126 Mio.

LAND DER SPIELER 115 Millionen Menschen spielen „League of Legends“. Würden sie alle in einem Land wohnen, bildeten sie die zwölftgrößte Nation der Welt.

62

PLATZ 12 „League of Legends“Spieler 115 Mio.

PLATZ 19 Deutschland 84 Mio.

PLATZ 97 Österreich 9 Mio. PLATZ 9 Russland 146 Mio. PLATZ 2 Indien 1380 Mio. PLATZ 101 Schweiz 8,7 Mio.

THE RED BULLETIN


410

.00 0.0 00

MONUMENTALE MARKTWERTE 410 Millionen Euro beträgt der Marktwert des E-Sports-­Teams „TSM“ – etwa so viel wie jener des ­europäischen Fußball-Topklubs Ajax Amsterdam.

BLITZARTIGE REAKTIONEN Erst wirkt der Wert gering: Die Reaktionszeit von E-Sportlern ist nur 21 Millisekunden kürzer als bei Normalsterblichen – so viel Zeit braucht ein Airbag, um sich aufzublasen. Aber im Spiel unterscheidet genau das zwischen Weltklasse und Amateuren.

HERZKLOPFEN

OLE HÄNTZSCHEL

Bis zu 180-mal pro Minute schlägt das Herz eines E‑Sportlers im Spiel – so eine Studie der Deutschen Sport­ hochschule Köln über Strategie-Spieler. Auf so einen Wert kommen Formel-1-Fahrer, wenn sie auf die erste Kurve zurasen.

FLIEGENDE FINGER

DAVID MAYER

Bis zu 600 Finger­ bewegungen pro Minute führen E-Sportler während der Kämpfe bei Real-Time-Strategie­ spielen an der Maus, am Controller oder am Keyboard aus.

THE RED BULLETIN

PRÄCHTIGE PREISGELDER 13,18 Millionen Euro kassierte das E-Sports-Team „OG“ 2019 für einen Turniersieg im MultiplayerOnline-Game „DOTA 2“. Zum Vergleich: TennisAss Novak Djokovic bekam für seinen Wimbledon-­ Sieg im selben Jahr 2,73 Millionen Euro.

63


E-Sports

6

5

Busfahrt im Gucci-Bademantel: Wie ticken Stars in E-Sports?

E-Sports-Superstars sind nicht so reich wie junge Profifußballer, die mit achtzehn oder neunzehn oft bereits Multimillionäre sind. Aber die besten Spieler bei „League of Legends“ bekommen ein Gehalt, das sich viele Menschen wünschen würden. Teilweise sechsstellig im Jahr. Lohmann: „Wenn ich merke, dass ein Spieler ­unnötigen Luxus kauft, dann rede ich mit ihm. Mein Team ist da sehr vernünftig, gleich mehrere haben sich Häuser oder Wohnungen gekauft, die Eltern achten da drauf“, sagt Lohmann. Aber klar, ein bisschen Protzen kommt schon einmal vor – zwei Spieler haben sich etwa zum Spaß GucciBade­mäntel für 5000 Euro das Stück gekauft. Es gab dann ein Foto von den beiden, wie sie im Bademantel aus dem Teambus steigen – ein großer Spaß! Lohmanns bekanntester Spieler hat eine halbe ­Million Follower auf Twitter. Die Leute in E-Sports definieren sich sehr über den Erfolg in sozialen Medien und auf Streamingdiensten wie Twitch. Aber nur viele Follower zu haben und wenig Leistung zu zeigen geht in E-Sports nicht: „Die Fans lassen ­einen sonst schnell fallen“, weiß Lohmann. Nachsatz: „Superstars sind auch die besten Spieler, weil sie für besondere Momente sorgen.“ Und: Sie kennen ihren Wert. „Früher war ich bei schwächeren Teams, da konnte ich sagen: ‚Verbessert euch, oder ihr spielt nicht mehr‘“, sagt GrabbZ. „Jetzt arbeite ich mit fünf Stars, die genau wissen, dass man sie nicht so leicht austauschen kann.“ 64

Warum sind Chinesen, Südkoreaner und Japaner in E-Sports überlegen? In China und Korea trainieren die Profis 16 Stunden am Tag, das ist dort die Erwartungshaltung. „Es gibt kultu­ rell große Unterschiede bei E-Sports – in Asien wird sehr autoritär gearbeitet, die haben ja schon als Schüler viel mehr Leistungsdruck“, meint Fabian Lohmann. „Ich kann von meinen Spielern nicht verlangen, den knallharten asiatischen Weg zu gehen.“ Kleiner Einschub: In China hat die Regierung vor kurzem autoritär eingegriffen. Unter 18-Jährige dürfen künftig nicht mehr als drei Stunden pro Woche Computer spielen, was die E-Sports-Szene hart treffen wird. „Wir Europäer werden von den Asiaten ‚die Künstler‘ genannt, weil wir Konventionen nicht so ernst nehmen und unser eigenes Ding machen“, sagt GrabbZ. In Turnieren sind die Euro­ päer anfangs hinten. Aber weil sie nicht ganz so hart trainieren, haben sie dann noch Reserven, um sich im Turnier zu steigern. Darum war die Verblüffung der Koreaner groß, als sie erstmals gegen Europäer ver­loren. Lohmann weiß noch, wie Superstar Lee „Faker“ Sang-hyeok bei einem Turnier an ihm vorbeigelaufen ist. „Ich merkte: Der weiß gar nicht, wer wir sind. Seit wir gegen sein Team ­gewonnen haben, ist sein Lächeln ­anders – er nimmt uns jetzt ernst.“

7

Wie gehen E-Sportler mit Shitstorms um? Wenn GrabbZ und sein Team ein Spiel verlieren, müssen sie nicht fürchten, am nächsten Tag in der „Bild“-Zeitung in der Luft zerrissen zu werden. Klassische Medien berichten selten über E-Sports. Feedback bekommen die E-Sportler auf Reddit, Twitch und Twitter. Vor allem Lob und Unterstützung. Aber auch das Gegenteil davon: Lohmann hatte ­einen Spieler, der im Spaß sagte, die Chinesen würden unter sich ihre Strategien absprechen – „und dann haben ihm über Nacht 20.000 Chinesen auf Twitter ein paar nicht so nette Kommentare dagelassen“. Das muss er seinen jungen Spielern ebenfalls beibringen: souverän durch einen Shitstorm zu segeln. Lohmanns Tipp für alle, die Ärger im Netz haben: relativieren, was wirklich passiert. „Man weiß ja, wie ein paar Leute die Anonymität nutzen, um Dampf rauszulassen.“

Vorsicht bei Scherzen über Gegner: Über Nacht antworten 20.000 chinesische Fans auf Twitter. THE RED BULLETIN


9

Was könnte der Fußball von E-Sports lernen? Der Weltfußballverband schaut ge­ nau auf die E-Sports-Szene, denn das reale Spiel verliert in der Zielgruppe der 15- bis 21-Jährigen beständig ­Zuschauer an E-Sports. Einen Macht­ wechsel in der Zuschauergunst sieht Fabian Lohmann aber nicht: „Es mag einzelne Spiele geben, wo die Zuschauerzahlen in E-Sports an die eines Fußball-Bundesligaspiels her­ ankommen. Aber es wäre vermessen zu glauben, dass E-Sports auf Augen­ höhe mit Fußball oder American Football ist.“ Viele ältere Menschen, gerade in Deutschland, sind noch nicht so firm in der digitalen Welt, dass sie E-Sports auf dem Schirm hätten. „Es gibt aber tatsächlich schon E-Sports-Fans, die schon so lange dabei sind, dass sie mit ihren Kindern Partien oder Tur­ niere schauen – das finde ich ultra­ süß“, sagt Fabian Lohmann.

ALLES IM GRIFF

50 Prozent seines Jobs, sagt E-Sports-Trainer Lohmann, bestehen aus Psychologie.

8

Warum gehen die meisten E-Sportler schon mit Mitte 20 in Rente? Einer Studie zufolge nimmt die Re­­ aktionsfähigkeit bei Männern erst mit 30 Jahren ab, so lange könnte man theoretisch als E-Sports-Profi an der Weltspitze mithalten. Aber der Lebens­ stil ist fordernd: Viele Spieler sagen mit 25, 26 Jahren, sie wollen nicht mehr 14 Stunden am Tag – jeden Tag! – ein Computerspiel spielen. Schließlich verpasst man als E-SportsProfi einiges, was Gleichaltrige als Teenager oder mit Anfang zwanzig erleben und ausprobieren.

THE RED BULLETIN

Würden Spieler auch einen Coach ­akzeptieren, der 40 oder 50 Jahre alt ist? „Ich denke, das einzige Problem wäre, dass die Schere der emotiona­ len Reife zu groß wird. Dass man als Trainer irgendwann zu alt ist, um die Spieler zu verstehen.“ Fabian Lohmann bereitet sein Team auch auf das Leben nach der eher kurzen Karriere vor und ermuntert sie, Eigeninitiative zu entwickeln: „Nutzt Sponsorentermine, zeigt euch in der Öffentlichkeit.“ Influencer zeigten ja, dass viele Follower ein Standbein für später sein können. Viele Ex-Spieler bleiben in E-Sports, werden Trainer, Kommentatoren, ­betreiben eigene Streams. Andere Spieler suchen bewusst den Bruch, machen die Schule fertig, studieren oder wollen endlich die Welt sehen.

In welcher Hinsicht sich traditionelle Sportarten – vor allem der Profi­ fußball – von E-Sports eine Scheibe abschneiden könnten, ist die Nähe zum Fan. Auf Twitter können E-SportsFans etwa jeden Spieler anschreiben und haben eine reelle Chance, Ant­ wort zu bekommen. Vorbildlich auch die digitalen „Ask me anything“-Frage­ runden für Fans, bei denen man wirk­ lich ­etwas von den Profis erfährt – und nicht einstudierte Floskeln. Den Reiz eines mit echten Fans ge­ füllten Stadions hat Fabian Lohmann aber auch am eigenen Leib erfahren: „2019 haben wir den koreanischen Meister im WM-Halbfinale in einer Stierkampfarena in Spanien besiegt, da war eine Atmosphäre wie beim Fußball, Fangesänge inklusive. Und nach den Presseterminen haben ­immer noch tausende Fans auf uns gewartet.“ E-Sports-Coach Fabian Lohmann beim Training über die Schulter schauen? Scanne den QR-Code für unsere Video-Doku.

65


Mit 245 km/h durch die knapp neun Meter hohe Röhre: Dario Costa, 41, in seiner Zivko Edge 540 kurz nach dem Start im ersten der beiden ÇatalcaTunnels nahe Istanbul

SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL

PRÄZISIONSARBEIT


Kunstflug

Überflieger im Untergrund

Mit dem Flugzeug durch zwei Autotunnel: Wie der Italiener DARIO COSTA eines der waghalsigsten Manöver der Luftfahrtgeschichte durchzog. Und in 44 Sekunden fünf Weltrekorde knackte. Text JUSTIN HYNES

67


Kunstflug

„Solche Flüge gibt es im Action-Kino als Computer-Animation. In echt hat es noch niemand probiert.“

68

Wenn der Flug gelingt, dann purzeln gleich ein paar Weltrekorde: erster (und längster) Flug durch einen Tunnel, längster Flug unter einem festen Hinder­ nis, plus zwei wei­tere Pioniertaten. „Ich werde im Inneren des ersten Tunnels ­abheben und dann durch den zweiten Tunnel fliegen“, erklärt ­Costa. Warum der Start im Tunnel? „Weil es eine Schande wäre, es nicht zu probieren.“ Doch je mehr man ins Detail geht, desto teuflischer wird die Aufgabe. Zum Beispiel ist die Zivko Edge 540 – eine Kunstflugmaschine, die Dario benützt – ein Heckrad-Flieger: „Das bedeutet, dass ich beim Start mit der Nase nach oben dastehe. Ich kann nicht nach vorn sehen. Am Anfang bin ich im Blindflug unterwegs. Ich muss sehr präzise sein, um den Tunnelwänden nicht zu n ­ ahe zu kommen.“

TÜRKEI SCHWARZES MEER Bosporus

Tunnels Çatalca

ISTANBUL

MARMARAMEER Rekord-Ort: Die Çatalca-Tunnel liegen westlich von Istanbul.

MARCIN KIN/RED BULL CONTENT POOL

H

alb fünf Uhr an einem kühlen September­ morgen in Istanbul. Tief in einem der beiden Çatalca-Tunnels nordwestlich der türkischen Metropole steigt ­Dario Costa aus seinem Wohn­ wagen. Wo sonst der Verkehr brodelt, herrscht jetzt gespenstische Leere: Die Tunnels sind in Vorbereitung dessen, was heute stattfinden soll, gesperrt worden. Costa fährt die Strecke langsam mit dem Fahrrad ab, zuerst einen halben ­Kilometer durch den ersten Tunnel, er gleitet über die mondbeschienene Zwi­ schenpassage und taucht schließlich in den 1,7 Kilometer langen zweiten ­Tunnel ein. Schweigend mustert er ein letztes Mal die Abstände zwischen den Mauern, die Position der Ventilatoren an der ­Decke, die Elektrizitätsanlagen und die ­Beschilderung, bevor er kehrtmacht, um etwas zu versuchen, was vor ihm nur in der Fantasie von Actionfilm-Regisseuren und Comic-Autoren existierte: Er wird ein Flugzeug durch den Berg fliegen, nur 75 Zentimeter über der Straße, über ihm kaum vier Meter Platz. „Im Kino siehst du so etwas dauernd“, sagt Costa mit einem schiefen Lächeln, „aber das ist computergeneriert. In echt hat das noch niemand gemacht. Ich wollte einfach wissen, ob so etwas möglich ist.“ Wenn jemand so ein Kunststück schafft, dann er: Der 41-jährige Italiener ist ein Weltklasse-Kunstflugpilot, einer von nur zwölf handverlesenen Spezialis­ ten, die 2022 in der World Championship Air Race starten dürfen, dem Nachfolge­ wettbewerb der Red Bull Air Race-Serie.


AUGENMASS

Pilot Dario Costa inspiziert den ersten der beiden Tunnel für den Durchflug. Seine Maschine wird er später 75 Zentimeter über der Fahrbahn fliegen.


Kunstflug

Die Fakten

Der Rekordflug in Zahlen Gesamtstrecke: 2363 m Gesamtflugzeit: 43,44 sec Take-off: im ersten Tunnel Flughöhe: 75 cm Geschwindigkeit: 245 km/h Strecke im Freien: 343 m Erreichen des Tunnelausgangs: nach weiteren 11,51 sec

Dario Costa und seine Maschine, eine Zivko Edge 540: Der Start muss im Blindflug erfolgen.

Und diese Wände sind unfassbar nahe. „Da gibt es keinen Spielraum für Fehler“, sagt Costas Flugzeugmechaniker Anthony Hill. „Der Tunnel ist 6,72 Meter hoch, wenn Dario fliegt, beträgt der Abstand vom Fahrwerk bis zur Spitze des Leitwerks 2,25 Meter. Das heißt, dass er eine Flughöhe von 75 Zentimetern einhalten sollte.“ Hill weiter: „Der Tunnelbreite ist 16 Meter, die Flügelspannweite beträgt 7,5 Meter, also sind auf jeder Seite etwa 4 Meter Platz. Das ist ziemlich eng, wenn man bedenkt, dass Dario mit einem Tempo von rund 245 km/h unterwegs ist.“

Vater vom Iran nach Manchester in England, wo Dario geboren wurde. Bald danach zog die Familie nach Libyen, wo Darios Papa als Ingenieur arbeitete. Dort verortet Dario, damals gerade ein Jahr alt, seine ersten Erinnerungen an die Fliegerei. 43,44 sec

V

70

5 Weltrekorde

„Es gibt keinen Platz für Ausweichmanöver.“

1. Längster Flug durch einen Tunnel: 1730 Meter, Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde 2. Erster Flug durch einen Tunnel 3. Längster Flug unter einem festen Hindernis: 1730 Meter 4. Erster Flug durch zwei Tunnel 5. Erster Flugzeugstart in einem Tunnel THE RED BULLETIN

LAURIE GREASLEY

Die letzten 150 Meter des Tunnels sind breiter.

EROS MAGGI

om Red Bull Air Race ist Costa enge Abstände gewohnt. Dort stehen die Pylonen, die die Piloten durchfliegen müssen, auch nur 10, 15 Meter auseinander. Doch die geben bei einer Kollision nach. „Im Tunnel gibt es riesige Belüftungsventilatoren, die Beleuchtung und Notausgänge“, sagt Costa. „Was mich noch nervöser macht, ist die Begrenzung nach oben, weil es keinerlei Platz für Ausweichmanöver gibt, wenn ich ein Problem habe. Und sollte ich mit den Rädern den Boden berühren, dann schleudert es mich an die Decke.“ Immerhin: Der Flug dauert nur 44 Sekunden. Doch genau genommen währt er schon, solange Dario denken kann. Im Jahr 1979, mitten im Chaos der Islamischen Revolution, flohen Costas persische Mutter und sein italienischer


Take-off: 6:43 Uhr Lokalzeit, Samstag, 4. September 2021

Take-off

Kamera-Helikopter

26,37 sec

31,93 sec

290

34

0 173

m

11 ,5

1 se

c

Ge

s am

t

ec str

23 ke:

6

3m

Flu

it gze

,4 : 43

4s

ec

Du

3m

sc rc h

5, 5

tts h ni

6s

tem

ec

po

5 24

,07

km

/h

Die Tunnelmaße

Platzangst für Fortgeschrittene Vier Fahrspuren, Gehsteigbreite auf jeder Seite: 1 Meter

Flugzeugbreite: 7,5 m Tunnelbreite: 16 m

THE RED BULLETIN

Flugzeughöhe: 2,25 m

Bis zu den Ventilatoren : 6,72 m

Tunnelhöhe: 8,85 m

Abstand von der Flügelspitze zur Mauer: 4 Meter

m

Als die Costas schließlich nach Bologna zogen, hatte Dario die Begeisterung fürs Fliegen schon voll erwischt. „Fliegen war Freiheit“, erklärt er. „Wann immer ich in der Luft war, blendete sich alles andere aus – plötzlich war es, als wäre alles möglich.“ Aber die Träume von einer Karriere in der Luftfahrt erlebten eine unsanfte Landung auf dem Boden der Tatsachen. „Man sagte mir, dass ich nicht den passenden finanziellen Hintergrund dafür hätte. Es hieß immer: Das ist unmöglich für einen wie dich. Doch das motivierte mich nur noch mehr, allen zu zeigen, dass sie sich irrten.“ Costa sicherte sich einen Platz am Istituto di Istruzione Superiore „Baracca“, einer auf Luftfahrttechnik spezialisierten Schule nahe Bologna. Bereits mit sechzehn absolvierte er seinen ersten Soloflug. Aber weil ihm das Geld für den Flugschein fehlte, schienen Darios Tage in der Luftfahrt gezählt. Doch er weigerte sich, das zu akzeptieren. „Ich arbeitete als Fischverkäufer, putzte Swimmingpools, heuerte als Gärtner an. Dann studierte ich Physik, was mir einen Job an meiner alten Schule einbrachte. Sie brauchten jemanden, der die Grundlagen der Aerodynamik lehrte.“ 71


Kunstflug

V

ier Jahre vergingen, Costa ­beobachtete das Red Bull Air Race vom Rande her. Aber seine ­Geduld sollte sich auszahlen: 2018 wurde er zur Teilnahme an der Challenger Class eingeladen, jenem Wett­ bewerb, in dem künftige World-Cham­ pionship-Piloten zeigen, was sie drauf­ haben. Schon in seinem zweiten Rennen landete Dario Costa auf dem Podium. Im folgenden Jahr feierte er seinen ersten Sieg in Ungarn – als erster Italiener über­ haupt. „Es hat mich 15 Jahre gekostet, aber ich hab’s geschafft“, sagt er stolz. Doch im gleichen Jahr kam der nächste Rückschlag: Das Red Bull Air Race wurde für immer eingestellt. „Das war ein massi­ ver Schock für mich“, sagt er unverblümt. In der Zeit danach stieg ein alter Traum an die Oberfläche seines Bewusst­ seins – eine Herausforderung, die die vielschichtige Bedeutung der Fliegerei ­einem breiteren Publikum zugänglich machen würde. Dario erzählt: „Zufällig meldete sich ein Bekannter von Red Bull Türkei. Er fragte, ob ich durch einen 72

„Ich fürchte mich jeden Tag beim Fliegen. Das ist es, was mich lebendig hält.“ Tunnel fliegen könne. Ich antwortete bloß: ‚Wenn du einen für mich findest, werde ich durchfliegen.‘“ Zurück in Istanbul, ließ Dario wissen, dass er jetzt bereit sei. Angst vor dem ­Risiko? „Ich fürchte mich jeden Tag beim Fliegen – das ist es, was mich leben­dig hält“, sagt er. „Aber ich respektiere die Angst. Ich nehme sie, ich analysiere sie und versuche sie abzuschwächen. Ich mache einfach meine Hausaufgaben. So auch bei diesem Projekt: Natürlich habe ich Angst, aber ich fürchte mich weniger vor Dingen, die ich kenne. Wichtig ist, dass es keine großen Fragezeichen gibt.“ Die Vorbereitungen begannen im Januar dieses Jahres mit einem intensiven Trai­ ningsprogramm im Red Bull Athlete Per­ formance Center in Thalgau, Salzburg. Zuständig für die mentale Fitness des Piloten war York-Peter Klöppel, Chef der gleichnamigen Abteilung. „Diese Auf­ gabe ist eine extreme Herausforderung, sowohl körper­lich als auch geistig“, sagt der deutsche Sportpsychologe. „Um den körper­lichen Aspekt haben wir uns mit einem unserer Kraft- und Konditions­ trainer ­sowie e­ inem Physiotherapeuten gekümmert. Im mentalen Bereich haben wir uns auf die Verbesserung der Reakti­ onszeit kon­zen­triert. Das System, das wir dazu ver­wenden, heißt ‚Sensory Station‘. Damit können wir ein Video des Tunnel­ flugs aus der Sicht des Piloten einspielen, dann muss er auf eine Reihe von Dingen reagieren, die auf dem Touchscreen auf­ poppen. Es gilt, physisch mit den Händen darauf zu reagieren. Geht es um die Verbesserung der ­Reaktionszeit, sind zwei Teile wichtig. Erstens das, was wir Neuroplastizität nennen: Je öfter wir etwas machen, desto besser werden wir darin. Die Verbindun­ gen im Gehirn werden stärker. Beim zwei­ ten Teil geht es um den optimalen men­ talen Zustand. Dabei arbeiten wir an der Atmung, der Gedanken- und Gefühls­ kontrolle, was sicherstellt, dass sich der

SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL

Aber auch das war nicht genug, um die nötigen Flugstunden zu finanzieren. Da kam Dario wieder das Glück zu Hilfe: „Der Club, wo ich trainierte, brauchte ­einen Lehrer. Sie fragten, ob ich den Job im Austausch gegen Flugstunden ma­ chen würde – und ich bekam ein Stipen­ dium.“ 2003 machte Costa endlich den Flugschein, aber kaum hatte seine Kar­ riere in der kommerziellen Luftfahrt be­ gonnen, war sie schon wieder zu Ende. „Ein Freund zeigte mir ein Video vom Red Bull Air Race. Ich dachte nur: ‚Halt dich nicht mir Airline-Jobs auf; das ist schließlich nicht das, wovon du als Kind geträumt hast.‘ Danach wollte ich es nur noch dorthin schaffen.“ Costa absolvierte die Fluglehrer-Aus­ bildung und bemühte sich um eine Kunst­ flug-Berechtigung. Dann zog er nach Mailand, wo er zum Chef-Instruktor des „Aero Club Milano“ aufstieg. In dieser Rolle fand Dario endlich die Möglichkeit, seine Fähigkeiten auf das beim Air Race erforderliche Level zu schrauben. „Sie hatten dort 40 Flugzeuge und flogen tau­ sende von Stunden pro Jahr, so konnte ich mich verbessern.“ Nach dem Gewinn der italienischen Kunstflug-Meisterschaft 2013 kam endlich der ersehnte Anruf. ­Leider nicht mit dem erhofften Inhalt. „Red Bull Air Race bot mir einen Job als Flight Operation Manager und Ent­ wicklungspilot an“, erinnert sich Costa.

THE RED BULLETIN


DER FLUG IN BILDERN

Darios Husarenstück aus Heckund Cockpit-Kamera-Perspektive: 14 Monate Vorbereitung münden in einen Flug von nicht einmal einer Minute, bei dem alles passen muss. THE RED BULLETIN

73


Kunstflug

„Was ich bei 245 km/h im Tunnel fühlen werde? Frieden.“ angefertigt, um zu sehen, was passieren würde. Das beginnt mit der Lufttemperatur. Die Dichte der Luft hängt von ihrer Temperatur ab. Wenn es da große Unterschiede gibt – zum Beispiel beim Herausfliegen aus dem ersten Tunnel oder beim Hineinfliegen in den zweiten, spürt der Pilot das wie eine Bodenwelle. Wenn er darauf nicht gefasst ist, kann das gefährlich werden.“

GESCHAFFT!

Costas Zivko Edge 540 bei der triumphalen Himmelfahrt nach dem zweiten Tunnel

Pilot vor dem Reaktionstraining in einem perfekten mentalen Zustand befindet. Das macht einen riesigen Unterschied.“ Costa ist von der Wirkung des Trainings überzeugt. „Als ich angefangen ­habe, war meine Reaktionszeit 450 Millisekunden. Jetzt erreiche ich 210.“ Seine Liebe zum Detail gebot es auch, sich mit dem Verhalten des Flugzeugs im Tunnel zu beschäftigen. Dafür nahm ­Dario die Hilfe von DI Dr. Andreas ­Flanschger vom Unternehmen Bionic Surface Techno­logies in Anspruch. „Wir haben computer­gestützte Modelle verwendet, die sonst den aerodynamischen Effekt auf Formel-1-Autos berechnen“, sagt Flanschger. „Wir haben digitale ­Modelle des Flugzeugs und des Tunnels 74

MISSION ACCOMPLISHED

Dario Costa, unmittelbar nach dem Rekordflug: In diesem Moment überwältigten ihn die Gefühle.

Dario Costa erfüllte sich seinen Traum vom Tunnelflug am 4. 9. 2021. Für das Video einfach den QR-Code scannen. THE RED BULLETIN

EROS MAGGI/RED BULL CONTENT POOL, SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL

D

amit nicht genug: Auch die Luft, die der Flieger durch seine ­Vorwärtsbewegung verdrängt, kommt in Form von kleinen Schockwellen zurück, die seine fragile Balance stören können. Flanschgers Simu­lationen berechneten exakt, wann diese auftreten. „Dario wird vier zusätz­ liche Stöße im Tunnel bekommen, zu ganz b ­ estimmten Zeiten. Aerodynamisch sind sie nicht wirklich kritisch, aber der Pilot sollte wissen, dass und wann sie kommen. Jetzt ist er darauf vorbereitet.“ Doch irgendwann ist alle Theorie grau. Jetzt, nach 14 Monaten penibler Vorbereitung, geht es um 44 Sekunden präziser, bahnbrechender Praxis. „Was ich in diesen 44 Sekunden ­fühlen werde? Frieden!“, meint Costa ­lächelnd. „Das ist die Belohnung. Es sind bloß die letzten 44 Sekunden von über einem Jahr Arbeit von so vielen Menschen. Ich möchte jetzt beweisen, dass sich all das gelohnt hat.“ Jetzt aber los. „In dem Augenblick, in dem ich abhebe, lenkt mich nichts mehr ab. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, in einem Tunnel zu fliegen. Aber in diesen 44 Sekunden werde ich vermutlich nichts anderes spüren als Stille. Genau wie seinerzeit, als ich ein Kind war, wird sich alles andere ausblenden. Und alles ist wieder möglich.“


Die Oragnisatoin dneeis Sutudims ist caotchish und kozierimlpt? Lsas Studo dsa üebmerhnen! Mit Studo organisierst du dein ganzes Studium in einer App.

SCANNEN & APP DOWNLOADEN


ANZ EIGE

must-haves

1

2

3

4

1  ZEIT FÜR SONNENPOWER

Die Garmin Fenix 6X Pro Solar ist die GPS-Multisport-Smartwatch für alle, die das Beste in sich entdecken wollen. Inspiriert von Athleten, bietet sie alle Features, die man für Sport- und Outdoor-Aktivitäten benötigt: Karten, Musik, Pace-Überwachung und vieles mehr. Dazu nutzt das 1,4 Zoll große Power Glass™ Display das Sonnenlicht, um die Akkulaufzeit für große Entdeckungstouren zu verlängern. garmin.com

2  STYLE TRIFFT HIGHTECH

Die photochrome ACHTON XEp von MessyWeekend ist eine Hommage an den dänischen Polarforscher Achton Friis und wurde für extreme Gebirgsbedingungen entwickelt. Das selbsttönende Glas passt sich automatisch an die Licht- und Wetterbedingungen an und gewährleistet so stets die richtige Tönung. Das sorgt für beste Sicht, egal welche Wetterverhältnisse vorherrschen. messyweekend.com

3 VOLL IM FLOW

Geschaffen, um deine persönlichen Leistungen zu steigern: Der JBL Re­ flect Flow PRO überzeugt mit dem hauseigenen POWERFIN-Design der Ohrstöpsel für einen sicheren Sitz und ist nach IP68-Norm staub- und wasser­dicht. Zudem hält dich der JBL Signature Sound bis zu 30 Stunden lang in Schwung, während das adap­ tive Noise-Cancelling dich vor un­ erwünschten Geräuschen abschirmt. jbl.com

4  GEMACHT FÜR ABENTEUER

Die COROS VERTIX 2 ist die erste GPS-Uhr mit dem All-Satelliten-Doppelfrequenz-Chipsatz der nächsten Generation. Er ermöglicht es der Uhr, mit allen fünf großen Satellitensystemen (GPS, GLONASS, Galileo, QZSS und Beidou) gleichzeitig zu kommunizieren. Vollgepackt mit praktischen Features wie topografischen Karten oder Musik und mit 60 Tage Akkulaufzeit, ist sie bereit für jedes Abenteuer. de.coros.com


GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

KONSTANTIN REYER

IM SCHLEUDERGANG

Eine wilde Kajak-Fahrt durch das Soča-Tal in Slowenien mit Wildwasser-Profi Adrian Mattern

77


GUIDE Reisen

„An manchen Stellen sieht es hier aus wie im Urwald von Ecuador.“ Kajak-Ass Adrian Mattern, 26, erzählt über die Schönheit der Natur im Soča-Tal.

D

as Beste kommt zum Schluss: Kurz vor dem Ende geht es in die „Große Schlucht“. Das ist meine Lieblingsstelle auf der Soča. Der Fluss wird dann für knapp zwei Kilometer schneller, von beiden Seiten rücken die Felswände näher und näher, und immer wieder gibt es bis zu drei Meter hohe Was­ serfälle, die du hinabstürzt. Zum Durch­ atmen bleibt keine Zeit, denn das nächste Hindernis wartet schon: fünf bis sechs Meter hohe Steine, die aus dem Wasser ragen. Großartig! Die sind perfekt, um meinen „Cobra Flip“ zu üben – einen Trick, bei dem ich das Kajak in der Luft einmal ganz um die eigene Achse drehe. So was macht man eigentlich bei größeren Wasserfällen, es geht aber eben auch an solchen Brocken, die ich dafür als Sprungchance benutze.

Wasser marsch: Adrian Mattern auf der 4,4 Kilometer langen „Abseilstrecke“

Kreativ im Kajak Ich gehe Hindernisse gerne kreativ an. Deshalb benutze ich für solche Aktionen wie den Cobra Flip einen „River Runner“, das ist ein etwas kürzeres Kajak als jene für Hobbyfahrer. Es ist zwar nicht so ­stabil, dafür bin ich wendiger. Ich will ­anders Kajak fahren als die anderen. Des­ halb gucke ich mir auch andere Sport­ arten wie Freestyle-Skifahren und Skate­ boarden als Inspirationsquelle an, wie die Probleme lösen. Nur weil man bisher auf eine bestimmte Art Kajak gefahren ist, muss das ja nicht immer so sein. 78

Adrian Mattern ist unser Guide auf einem der schönsten Flüsse Europas – der Soča. THE RED BULLETIN


Jesenice Kobarid

So

ča

GORIŠKA

Laibach

Slowenien

Anreise

Vršič-Pass, einen 1.611 Meter hohen Gebirgsübergang, von dem aus man einen atem­beraubenden Blick auf die Julischen Alpen hat. ­Danach führen 50 Haar­ nadelkurven schließlich ins Soča-Tal.

Mit dem Auto: Von Villach erreicht man nach nicht einmal einer halben Stunde Fahrt die slowenische Grenze am Wurzenpass. Achtung, Vignette nicht vergessen (1 Woche: € 15). Von dort geht es weiter über den

Mit der Bahn: Die Fahrt von Villach zum nächst­ gelegenen Bahnhof Most na Soči dauert 3 Stunden (Ticket: € 15,70). Von dort geht es mit dem Bus nach Bovec – oder 20 Kilometer mit dem Taxi bis Kobarid.

Für Flieger und Camper Keine Lust auf Kajak? Oder keinen Schlafplatz? Kein Problem. PARAGLIDING Im Soča-Tal herrscht unter anderem aufgrund seiner Nähe zum Meer eine besondere Thermik. Dadurch kann man hier sehr lange Gleit­ schirmflüge machen. Ein überaus beliebter Startplatz dafür ist zum Beispiel der Berg Stol (1400 m) bei Kobarid. Infos: soca-valley.com

KONSTANTIN REYER, ALEŠ FEVŽER/WWW.SLOVENIA.INFO PROTOKOLL: MAXIMILAN REICH

Hier fahren Anfänger & Profis Die Soča entspringt einer Karstquelle oben in den Julischen Alpen im slowenischen Nationalpark Triglav und fließt bis in die Adria – wobei der Fluss aber nur zwischen den Ortschaften Trenta und ­Tolmin für Wassersportler interessant ist, weil er danach zu flach wird. Dieser Teil ist in zwölf Streckenabschnitte unterteilt. Da sind a ­ lle Schwierigkeitsstufen von 1 (leicht) bis 5 (sehr anspruchsvoll) dabei. Anfängern empfehle ich die fünf Kilometer lange „Hausfrauenstrecke“ (Stufe 1) mit Einstieg an der Brücke von Čezsoča. Das Wasser ist hier sehr fair – das heißt, es versperren keine Steine den Weg, und der Fluss ist ruhig und relativ tief. Wenn THE RED BULLETIN

Das Tal eignet sich auch gut zum Paragliden (o.). Unten: Adrian ruht sich nach der Kajak-Session im Ford Transit Custom Nugget aus.

CAMPING In Kobarid betreibt Jakob Koren das Camp Koren, eine beliebte Anlaufstelle für Kajak-Fahrer. Hier stört es niemanden, wenn man seine Sachen zum Trocknen zwischen den Bäumen aufhängt. Außerdem befindet sich das Camp direkt am Ende der „Abseilstrecke“. Wer am Abend noch schnell eine Runde fahren möchte, braucht bloß eine Mitfahrgelegenheit zum Strecken­ anfang – und kann am Ende direkt beim Camp aus dem Kajak aus­ steigen. Es gibt WLAN und eine CrossFit Box, die so gut ausgestattet ist, dass hier sogar manch slowenischer Profi-Skifahrer trainiert. campingplatz-koren.de

79


GUIDE Reisen

Size matters: Adrian Mattern benutzt das kurze Kajak-Modell „River Runner“, um wendiger zu sein.

80

Schwierigkeiten im Wildwasser heranzutasten. Wer so was sucht, steigt einfach erst bei der „Blauen Lagune“ ein.

„Die Soča hat prak­ tisch das ganze Jahr über genug Wasser zum Kajakfahren.“ Adrian Mattern, 26, Kajak-Profi

Manchmal ist es auch schön, sich einfach treiben zu lassen und die Landschaft zu genießen. Allein die Farbe des Wassers ist spektakulär. Grünalgen und Kalkpartikel verleihen ihm einen grün-bläulichen Schimmer. Ringsherum thronen die Gipfel der Julischen Alpen. Das weiße Karst­ gestein in der Region kann den Regen besonders gut speichern und übers Jahr verteilt lange abgeben. Das hat zwei Vorteile: Zum einen hat die Soča praktisch das ganze Jahr über genug Wasser zum Kajakfahren. Und die Vegetation ist dadurch extrem grün. Manchmal sieht es aus wie im Urwald. Das erinnert mich dann sogar ein bisschen an Ecuador, wo ich 2016 einen Kajak-Trip gemacht habe. Mehr über Adrian Mattern: Instagram: @adrianmatternkayak THE RED BULLETIN

PROTOKOLL: MAXIMILAN REICH

Südamerika in Europa

KONSTANTIN REYER

man einmal umkippt, haut man sich nicht gleich den Kopf am Grund an. Hier kann man super Kehrwasser fahren üben – also wie man aus der Strömung herauskommt und an Land anlegt. Fortgeschrittene haben auf der ­„Slalom-Strecke“ (Stufe 4) bei Trnovo ihren Spaß. Die heißt so, weil hier auch das slowenische Kajak-Team trainiert. Hier schauen schon mehr Steine aus dem Wasser, und immer wieder be­ gegnet einem eine Stufe. Dafür ist die Strecke mit 700 Metern aber auch nicht so lang. Wer dabei schon an seine Grenzen stößt, steigt am Ende lieber aus. Denn nach der Slalom-Strecke kommt die Große Schlucht, die herausforderndste Passage auf der Soča. Direkt im Anschluss folgt die „Abseilstrecke“ (Stufe 3–4) – ein Geschenk für Profis, die aus der Großen Schlucht kommen. Der Fluss wird hier wieder ­etwas breiter und die Stufen kleiner. Ein schöner Abschnitt zum Cooldown – oder um sich langsam an größere


NICHT NUR IN TERMINEN SCHWIMMEN?


AUSFLUG INS WELTALL

WIE MAN EINEN DUFT ZÄHMT

„SPACE PROGRAM: RARE EARTHS“ Der Künstler Tom Sachs baute für seine Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg (noch bis 10. 4. 2022) eine Weltraumlandschaft aus Keramik, Sperrholz und anderen Materialien.  deichtorhallen.de

WILLKOMMEN! Installation einer Quarantäne-­ Station für All-Rückkehrer

BURBERRY HERO Ein Pferd, eine Küste, ein Mann – starke Inspirationen, denen Burberry den ersten Duft seines Chefkreativen Riccardo Tisci verdankt. Wir genießen der Abenteuer Zähmung tropfenweise.  burberry.com

Richtig gutes Zeug TOOL TIME! Mit dem Ding in der Tasche kann ­einen nichts mehr überraschen.

DA KLAPPT ALLES

RAP BATTLE

MULTIFUNKTIONSWERKZEUG VON LAND ROVER

DIE „RED BULL SOUNDCLASH STUDIO EDITION – THE TAKEOVER“

Federzange, Messer, Flaschenöffner, Säge, Dosenöffner – um nur ein paar der neun Tools aus verstärktem Edelstahl zu nennen, die sich da in einem leuchtend orangefarbenen Alleskönner verbergen. MacGyver w ­ ürde der Neid fressen.  shop.landrover.de

82

Rapperin badmómzjay (im Bild) tritt gegen Bozza an. Jeder beginnt mit einem Song – und der Gegner muss ihn fortsetzen. Zu sehen seit 7. 10. auf dem Kanal Red Bull Rap Einhundert auf youtube.com.

THE RED BULLETIN

GENEVIEVE HANSON © TOM SACHS, BURBERRY, LANDROVER, UNIVERSAL MUSIC, SIMON HABEGGER, GOLD AND GOOSE/RED BULL CONTENT POOL, GETTY IMAGES

Wiedergeborene Airbags und der wilde Duft von Abenteuer: mit besten Empfehlungen der Redaktion.  Text WOLFGANG WIESER


GUIDE Tipps & Trends

HORROR-GESCHICHTE ROMAN „PLAYLIST“ (DROEMER, 22,99 EURO) Der neue Thriller von Sebastian Fitzek (erscheint am 27. 10.) dreht sich um eine Playlist. Der Clou: Bekannte Musiker wie Kool Savas haben unveröffentlichte Songs zum Download beigesteuert.  fitzek-playlist.de

SICH MESSEN MIT MESSI RB LEIPZIG VS. PARIS SAINT-GERMAIN Highlight der Champions-League-Gruppenphase: Am 4. Spieltag (3. 11., 21 Uhr) kommt Paris Saint-­ Germain (im Bild: Kylian Mbappé im Duell mit RB-Star Angeliño) in die Red Bull Arena.  dierotenbullen.com

MAN LEBT NUR ZWEIMAL FREITAG F707STRATOS Dass Lkw-Planen gut aussehen, wissen wir dank des Recyclings der Schweizer Firma Freitag seit vielen Jahren. Jetzt feiern auch Airbags ein zweites Leben: als schicker Rucksack „F707 Stratos“.  freitag.ch

THE RED BULLETIN

ENDSPURT KLAPPE! Das Außenfach des Rucksacks besteht aus Lkw-Plane.

MOTO GP IN VALENCIA Die MotoGP geht in die letzte Runde: beim SaisonFinale (14. 11.) in Valencia. ServusTV überträgt die Qualifyings, das vierte freie Training und die Rennen aller drei Klassen.  servustv.com/motogp

83


ALLES GUTE ZUM FÜNFZIGER

AUSFLUG INS GRÜNE Das handgefertigte Zifferblatt entspannt die Augen mit Schilfgrün. Die SeaQ von Glashütte Original kommt mit Edelstahlgehäuse und -band, Durchmesser: 39,5 mm. 10.100 Euro. glashuetteoriginal.com

GUIDE Uhren

NIMM DIR ZEIT! Auch wenn Smartphones die Zeit genauso anzeigen: Jeder Blick aufs Handgelenk macht Freude. Hier schon einmal ein Vorgeschmack darauf. Fotos KLAUS PICHLER  Text WOLFGANG WIESER

84

AUTOSCHLÜSSEL: OLDTIMER-GUIDE.AT/CHRISTIAN SCHAMBUREK

Zum runden Geburtstag legt Tudor die Black Bay Chrono neu auf: mit 41-mm-Edelstahlgehäuse und opalfarbenem Zifferblatt. 4880 Euro. tudorwatch.com


GRAUE EMINENZ Kennzeichen der Luminor Marina von Panerai ist ihr ikonischer Kronenschutz. Sehr schick: Die Ziffern leuchten grau auf weißem Grund. 7900 Euro. wempe.at

PATENTE ELEGANZ Omegas erste Uhr, deren Gehäuse aus patentiertem Bronze-Gold besteht. Absolut elegant, ­dieses Seamaster-­ Modell. 11.400 Euro. omegawatches.com

DIE NATUR DER UHR Für Outdoor-Fans: Die Aquaracer von TAG Heuer ist die Uhr für alle, die es gerne ein bisschen härter haben. 2850 Euro. tagheuer.com


GUIDE Uhren

WUNDERBARE LEICHTIGKEIT Die Longines Spirit führt uns ins Titan-­ Zeitalter – sie wird damit leichter, wirkt am Handgelenk geradezu luftig und ist dank Silizium­ spiral­feder anti­ magnetisch, was hohe Genauigkeit garantiert. 2530 ­Euro. longines.com


FRIEDE SEI MIT EUCH „Come in Peace“ heißt dieses Modell aus der Serie Big Bold Planets von Swatch. Wir finden: Für solche Botschaften ist immer Zeit! 135 Euro. swatch.com

CHECKT DEIN LEBEN Die Garmin Enduro weiß, wie es bei dir läuft – mit Solarkraft und smarten Features für die Vitalfunk­tio­ nen. 799,99 Euro. garmin.com

SCHUTZENGEL

WAS DAS HERZ BEGEHRT: SMARTE UHREN WISSEN, WAS DU BRAUCHST – EGAL OB DU ENTSPANNT BIST ODER GESTRESST.

Diese Citizen (BN2040-17X) bewahrt dich bei Tauchgängen vor ­Fehlern. Schaltet sich ein, sobald Licht auf das Titanium-Ge­ häu­se fällt. 795 Euro. citizenwatch.com

SONNENKIND Die Tissot T-Touch Connected Solar ist mit allen gängigen mobilen Betriebs­ systemen kompatibel. Tankt Sonnenenergie. 975 Euro. tissotwatches.com

87


GUIDE Uhren

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT Mido Multifort Patrimony: Retro-Charme trifft auf neueste Technologie – so haben wir es gern! 780 Euro. midowatches.com

DAS ABENTEUER KANN KOMMEN Hamilton Khaki Aviation X-Wind: Zifferblatt im Camouflage-­ Look, dazu ein Khaki-Armband – Zeit für Abenteuer oder so. 2045 Euro. hamiltonwatch.com

DURCHBLICK IM QUADRAT Rado Open Heart: Diese Uhr gewährt Einblick in ihr Innerstes – ein wunder­ schönes Automatikwerk. 2340 Euro. rado.com

EINFACH ABTAUCHEN Die Certina DS Action Diver erfüllt alle Ansprüche, die wir an eine Taucheruhr stellen. 810 Euro. certina.com


SETSTYLING: NADINE GURTNER/MAKING OF

SONNENSCHLIFF-FINISH: BEI DIESER UHR IST DIE ZEIT SELBST BEI SCHLECHTEM LICHT NOCH ABLESBAR.

FANG DAS LICHT! Horizontale Linien mit Sonnenschliff-­ Finish streuen das ein­fallen­de Licht über die gesamte Ober­ fläche der Uhr. Das Ergebnis: Die Alpiner4 Auto­matic ist auch bei schlechtem Licht noch perfekt abzu­ lesen. 1350 Euro. alpinawatches.com

89


B O U L E VARD DER HEL DEN

MUHAMMAD ALI

„WHAT’S MY NAME!“

Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 7: Wie sich Box-Künstler Muhammad Ali an einem Großmaul rächte.

90

THE RED BULLETIN

BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT MICHAEL KÖHLMEIER

B

PICTUREDESK, GETTY IMAGES

A

m 6. Februar 1967 boxte Ernie Kampf gegen Sonny Liston über – damals Terrell unter dem riesigen noch – Cassius Clay geschrieben. Das ­Kuppeldach des Astrodome ­arrogante Auftreten dieses ungewöhnlich in Houston, Texas, gegen gut aussehenden Boxers provozierte, ­Muhammad Ali. Der Kampf war und als er im selben Jahr seiner Namens­ änderung dann auch noch bekanntgab, für Ali ein Rachefeldzug, für Terrell eine dass er Mitglied der Nation of Islam sei, Tragödie, ein Trauma, das endgültige Aus. der Black Muslims, wie die Anhänger Eigentlich war der Kampf eine Farce. MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger ­dieser radikalen religiös-politischen Nachdem Terrell von der World Boxing Bestsellerautor gilt ­Organisation genannt wurden und sich Association (WBA) 1965 zum Weltmeister als bester Erzähler selbst nannten, war die Empörung nicht erklärt worden war, meinten er und sein deutscher Zunge. nur bei den Sportfans groß, sondern Manager, den wahren, in Wahrheit von Zuletzt erschienen: beim Großteil der weißen Amerikaner. allen anerkannten Weltmeister, nämlich der Roman „Matou“, Ernie Terrell, selbst Afroamerikaner, sah Muhammad Ali, herausfordern zu können. 960 Seiten, Hanser Verlag. seine Chance. Ihm imponierte Alis groß­ Terrell wurde der „Papierweltmeister“ ge­ nannt, und das hieß, die Entscheidungen sprecherische Art, er wollte es ihm gleich­ tun und seinerseits seinen Gegner beschimpfen und der WBA wurden missbilligt, verächtlich gemacht, herabsetzen. Wenn es ihm gelänge, Muhammad Ali belächelt. Die Verwirrung entstand, weil die ver­ schiedenen Boxverbände untereinander in Kon­ nicht nur im Ring, sondern auch in puncto Angeberei kurrenz standen, jeder kürte seinen Weltmeister, zu schlagen, dann würde er sich den Platz des guten ­einer warf dem anderen Korruption vor, die Kämpfe Schwarzen sichern. Also beschlossen er und sein seien geschoben, sagte der eine über den anderen, Manager, es auf die harte Tour zu versuchen. Sieg und Niederlage stünden von vornherein fest. ei allen Interviews vor dem Kampf nannte Drei Jahre zuvor hatte der Olympiasieger im Halb­ schwergewicht von Rom 1960, Cassius Clay, seinen Terrell seinen Gegner, und das sehr oft und Namen auf Muhammad Ali geändert. Er wolle nicht ­jedes Mal mit zynischer Betonung: „Cassius Clay“. Auf die Frage eines Reporters, ob er denn einen Namen tragen, der einem seiner Vorfahren nicht ­mitgekriegt habe, dass Cassius Clay mittler­ von einem Sklavenhalter gegeben worden war, weile M ­ uhammad Ali heiße, antwortete er, von ­argumentierte er. ­einem gewissen Propheten Muhammad habe er Ali war damals schon berühmt für seine Un­ zwar schon irgendwann irgendwas gehört, aber verblümtheit, er ließ sich von niemandem etwas der sei doch schon lange tot, aber gut, wenn nicht, ­gefallen, er hatte es nicht nötig, sich einen Sieg dann werde er es bald sein. Das war sehr mutig – zu kaufen. Vor seinen Kämpfen zeigte er mit den und sehr dumm. Fingern auf, in welcher Runde er seinen Gegner Der Kampf wurde im Fernsehen übertragen, ich auf die Bretter schicken würde. glaube mich zu erinnern, es muss bei uns so gegen „Er kann nicht so gut kämpfen, wie er reden drei oder vier Uhr am Morgen gewesen sein. Wir kann“, hatte ein Reporter vor dem legendären


THE RED BULLETIN

91


B OU L EVAR D DE R HE L D E N

­ esaßen damals schon einen Fernseher, unseren b ­ersten, ein kleines Schwarzweißgerät, das heißt, klein war es nicht, es war ein mächtiges Möbelstück, nur der Bildschirm war klein. Mein Freund und ich, wir waren siebzehn, blieben in dieser Nacht auf. Diesen Kampf wollten wir unbedingt sehen. Ali hatte zunächst angekündigt, er werde Ernie Terrell in der fünften Runde k. o. schlagen, hatte dann auf die dritte Runde korrigiert und schließlich auf die erste. Bisher hatte er mit seinen Prognosen noch immer recht behalten. Es würde also ein kurzes Aufbleiben werden, mein Freund und ich mussten ja am nächsten Tag in die Schule.

E

s kam anders. Nach der ersten Runde ließ Ali verlautbaren, er werde seine Strategie ändern, das freche Verhalten von Ernie Terrell müsse ­bestraft werden. Schon jetzt war klar, Terrell hatte nicht die geringste Chance gegen diesen Gegner, und wenn Ali es gewollt hätte, wäre er tatsächlich gleich zu Beginn des Kampfes zu Boden gegangen. Aber genau das wollte Muhammad Ali nicht, er wollte Ernie Terrell bestrafen. Er schonte ihn. Noch. Scheinbar. Nach jedem Schlag schnauzte er ihn an: „What’s my name? What’s my name?“ Mein Freund und ich waren von Anfang an auf Alis Seite. Was denn sonst! Spätestens seit seinem Kampf gegen Sonny Liston war Cassius Clay alias Muhammad Ali für uns der Größte. Dass er jedes Mal vorher bekanntgab, in welcher Runde der Kampf zu Ende sein würde, werteten wir nicht als Angeberei, sondern als nüchterne Bekanntgabe einer Wahrheit. Liston war ein Wunder gewesen – gewesen –, aber ein Wunder war er. Er verfügte über nur wenig Tech­ nik und über gar keine Eleganz. Dass ein Schwer­ gewichtler elegant sein kann, auf diese Idee wäre vor Muhammad Ali ohnehin niemand gekommen. Ein Schwergewichtler haut zu und steckt ein, fertig. So einer war Sonny Liston. Er stand im Ring wie ­angeschraubt, ein Boxer mit Herz – darunter wird nicht einer verstanden, der lieb ist, sondern einer, der einstecken kann. Und das konnte Mister Liston. Einer sagte einmal über ihn, dem könne man einen Kirchturm auf den Kopf hauen, dann schüttele er sich nur und weiter geht’s. Er hatte ein vertrauens­ volles Verhältnis zum organisierten Verbrechen. Für seine Gegner hieß es, sich ducken, den Schlägen ausweichen und durchhalten, ein einziger Treffer

„Er selbst nannte den Kampf eine Bestrafung. Muhammad Ali war kein Sklave, er war der König.“ 92

würde genügen. So erging es dem damaligen Welt­ meister Floyd Patterson, 1962 streckte ihn Sonny Liston in der ersten Runde nieder, K. o., ein Treffer. Aber dann der Kampf gegen Cassius Clay. Nun konnte die Welt sehen, dass Schwergewicht und Eleganz, Angeberei und furiose Könnerschaft einander nicht ausschließen. In der sechsten Runde gab Liston den Kampf auf, technischer K. o. Der Mann mit dem Hammer aus Stahlbeton war geschlagen – und ge­ demütigt. Cassius Clay hatte nicht ein einziges Mal während des Kampfes die Fäuste zur Deckung er­ hoben. Er war um den Weltmeister herumgetänzelt wie ein übermütiges Mädchen, nicht einen wirklichen Schlag hatte Liston anbringen können. Cassius Clay hatte den scheinbar Unbesiegbaren vorgeführt wie einen Tanzbären, er hatte ihn blamiert. – Meinem Freund und mir hatte das gefallen. Das war ein neues Boxen! Das war ein schönes Boxen! Und nun Muhammad Ali gegen Ernie Terrell: „What’s my name? What’s my name?“

T

errell wird spätestens nach der zweiten Runde­ klar geworden sein, dass dieser Kampf für ihn nur schmachvoll enden konnte. Vielleicht hat er sich sogar gewünscht, dass Ali seine erste Voraus­ sage doch wahr machte, dass er ihn in der dritten oder fünften Runde k. o. schlägt. In dem finsteren Raum des K. o., in dem, wie es ein Boxer einmal ­ausdrückte, „blutrote Fackeln brennen, aber kein Licht machen“, in diesem Raum kannte sich Ernie Terrell­aus, durch diesen Raum hatte er sich schon einmal in seiner Karriere tasten müssen. Was ­Muhammad Ali mit ihm – und zwar über alle fünf­ zehn Runden! – aufführte, das war ihm neu. Das war kein Kampf wie der fünf Monate zuvor gegen den Deutschen Karl Mildenberger, der über zwölf Runden ging, aber nicht, weil Ali ihn „schonen“ ­wollte, sondern weil Mildenberger, der Europa­ meister, ein exzellenter Fighter war, ein ganz und gar würdiger Herausforderer, gegen den ­Muhammad Ali kein zweites Mal kämpfen wollte, wie er sagte – was wohl das größte Lob war, das aus seinem Mund erwartet werden konnte. Ali „bestrafte“ Terrell. Er selbst nannte den Kampf eine Bestrafung. Nie wieder sollte es jemand wagen, ihn in seiner Gegenwart Cassius Clay zu nennen. Muhammad Ali war kein Sklave, er war der König!

N

ach dem Kampf wirkte Ali, als hätte er gerade einen erfrischenden Waldlauf hinter sich. Ernie Terrell aber war nicht wiederzuerkennen. Boxen heißt Verletzen. Wer sich einen Boxkampf anschaut, darf sich nicht aufregen, wenn verletzt wird. Boxen und Mitleid passen nun einmal nicht zusammen. In den meisten Fällen ist das sehr unschön anzusehen – milde ausgedrückt. Jemanden schön verletzen konnte nur Muhammad Ali. Muhammad Ali hatte nicht nur bewiesen, dass Boxen eine elegante

THE RED BULLETIN


„Nach dem Kampf wirkte Ali, als hätte er einen erfrischenden Waldlauf hinter sich.“ Angelegenheit sein kann, sondern auch, dass sich auf elegante Art und Weise das Gesicht eines Gegners in eine blutige Fratze verwandeln lässt. Zugegeben, das verwirrt, das bestürzt.

Irgendwann kam mein Vater im Pyjama und schlaftrunken ins Wohnzimmer. Ob wir ein bisschen leiser sein könnten … Schließlich setzte er sich zu uns, schließlich brüllte er mit. Meine Mutter, eine zarte, milde Person, kam. Ob wir ein bisschen leiser sein könnten … Ich erklärte ihr kurz, dass dies eigentlich kein Kampf, sondern eine Art Wiedergutmachung sei – Wiedergutmachung klang weniger martialisch als Bestrafung. Sie setzte sich zu uns. Nein, sie brüllte nicht mit uns mit, aber ich glaube, sie verstand doch irgendwie, dass wir drei, mein Freund, mein Vater und ich, brüllten.

M

ein Freund und ich saßen vor dem kleinen Schwarzweißbildschirm, zudem war die Übertragung schlecht, manchmal schob sich ein breiter dunkelgrauer Balken von oben nach unten über den Boxring. Uns störte das nicht. Bald störte uns auch nicht mehr das Versprechen, das wir meinen Eltern gegeben hatten, nämlich leise zu sein, damit sie schlafen können. Spätestens ab der dritten Runde brüllten wir. Bei jedem „What’s my name?“ brüllten wir mit: „What’s my name!“

Michael Köhlmeiers Geschichten gibt es auch zum Anhören im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify, auf redbulletin.com/podcast oder einfach den QR-Code scannen.

DAS JAHRESABO FÜR NUR €25,90

12 The Red Bulletin Ausgaben

getredbulletin.com

Erhältlich am Kiosk, im Abo, als E-Paper, auf theredbulletin.com oder als Beilage in einer Teilauflage von:


Scholz & Friends


DAHINTER STECKT IMMER EIN KLUGER KOPF. Malaika Mihambo, Weitsprung-Olympiasiegerin www.faz.net/mihambo


IMPRESSUM

THE RED BULLETIN WELTWEIT

Aktuell erscheint The Red Bulletin in sechs Ländern. Das ­Cover unserer US-Ausgabe zeigt in diesem Monat die Rap-Künstler des Duos Earthgang, die aktuell von Atlanta im Bundesstaat Georgia aus die Welt des Hip-Hop prägen. Mehr Geschichten abseits des Alltäglichen findest du auf: ­redbulletin.com

96

Gesamtleitung Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.) Chefredaktion Andreas Rottenschlager, Andreas Wollinger (Stv.) Creative Direction Erik Turek, Kasimir Reimann (Stv.) Art Direction Marion Bernert-Thomann, Miles English, Tara Thompson Grafik Martina de Carvalho-Hutter, Cornelia Gleichweit, Kevin Goll Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Tahira Mirza, Rudi Übelhör Digitalredaktion Christian Eberle-Abasolo (Ltg.), Marie-Maxime Dricot, Melissa Gordon, Lisa Hechenberger, Elena Rodriguez Angelina, Benjamin Sullivan Head of Audio Florian Obkircher Special Projects Arek Piatek Chefin vom Dienst Marion Lukas-Wildmann Managing Editor Ulrich Corazza Publishing Management Ivona Glibusic, Bernhard Schmied, Melissa Stutz, Anna Wilczek Managing Director Stefan Ebner Head of Media Sales & Partnerships Lukas Scharmbacher Head of Co-Publishing Susanne Degn-Pfleger Projektmanagement Co-Publishing, B2B-Marketing & Communication Katrin Sigl (Ltg.), Mathias Blaha, Katrin Dollenz, Thomas Hammerschmied, Teresa Kronreif (B2B), Eva Pech, Valentina Pierer, Stefan Portenkirchner (Communication), Jennifer Silberschneider Creative Services Verena Schörkhuber-Zöhrer (Ltg.), Sara Wonka, Julia Bianca Zmek, Edith Zöchling-Marchart Commercial Management Co-Publishing Alexandra Ita Editorial Co-Publishing Raffael Fritz (Ltg.), Gundi Bittermann, Mariella Reithoffer, Wolfgang Wieser Executive Creative Director Markus Kietreiber Senior Manager Creative Elisabeth Kopanz Art Direction Commercial & Co-Publishing Peter Knehtl (Ltg.), Erwin Edtmayer, Simone Fischer, Martina Maier, Andreea Gschwandtner, Carina Schaittenberger, Alexandra Schendl, Julia Schinzel, Florian Solly, Dominik Uhl, Sophie Weidinger, Stephan Zenz Abo & Vertrieb Peter Schiffer (Ltg.), Marija Althajm, Nicole Glaser, Victoria Schwärzler, Yoldaş Yarar Anzeigenservice Manuela Brandstätter, Monika Spitaler Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Friedrich Indich, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailović, Sandra Maiko Krutz, Josef Mühlbacher Finanzen Mariia Gerutska (Ltg.), Klaus Pleninger MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler IT Service Desk Maximilian Auerbach Operations Alice Gafitanu, Melanie Grasserbauer, Alexander Peham, Thomas Platzer Projekt Management Dominik Debriacher, Gabriela-Teresa Humer Assistant to General Management Sandra Artacker Herausgeber & Geschäftsführer Andreas Kornhofer Verlagsanschrift Am grünen Prater 3, A-1020 Wien Telefon +43 1 90221-0 Fax +43 1 90221-28809 Web redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-LepperdingerStraße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dkfm. Dietrich Mateschitz, Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber

THE RED BULLETIN Deutschland, ISSN 2079-4258 Länderredaktion David Mayer Lektorat Hans Fleißner (Ltg.), Petra Hannert, Monika Hasleder, Billy KirnbauerWalek, Belinda Mautner, Klaus Peham, Vera Pink Country Project Management Nina Hahn Media Sales & Partnerships Thomas Hutterer (Markenlead), Alfred Vrej Minassian, Franz Fellner, Ines Gruber, Daniela Güpner, ­Wolfgang Kröll, Gabriele MatijevicBeisteiner, Nicole Okasek-Lang, Britta Pucher, Jennifer Sabejew, Johannes Wahrmann-Schär, Ellen Wittmann-Sochor, Ute Wolker, Christian Wörndle, Sabine Zölß Abo Abopreis: 21,90 EUR, 10 Ausgaben/Jahr, getredbulletin.com, abo@de.redbulletin.com Druck Quad/Graphics Europe Sp. z o. o., Pułtuska 120, 07-200 Wyszków, Polen

THE RED BULLETIN Frankreich, ISSN 2225-4722 Länderredaktion Pierre-Henri Camy Country Coordinator Christine Vitel Country Project Management Alexis Bulteau

THE RED BULLETIN Großbritannien, ISSN 2308-5894 Länderredaktion Tom Guise (Ltg.), Lou Boyd Lektorat Davydd Chong (Ltg.), Nick Mee Publishing Management Ollie Stretton Media Sales Mark Bishop, mark.bishop@redbull.com Fabienne Peters, fabienne.peters@redbull.com

THE RED BULLETIN Österreich, ISSN 1995-8838 Länderredaktion Wolfgang Wieser Lektorat siehe entsprechenden Eintrag bei Deutschland Publishing Management Bernhard Schmied Media Sales & Partnerships Thomas Hutterer (Markenlead), Alfred Vrej Minassian, Franz Fellner, Ines Gruber, Daniela Güpner, ­Wolfgang Kröll, Gabriele MatijevicBeisteiner, Nicole Okasek-Lang, Britta Pucher, Jennifer Sabejew, Johannes Wahrmann-Schär, Ellen Wittmann-Sochor, Ute Wolker, Christian Wörndle, Sabine Zölß Sales Operations & Development Anna Schönauer (Ltg.), David Mühlbacher

THE RED BULLETIN Schweiz, ISSN 2308-5886 Länderredaktion Stefania Telesca Lektorat siehe entsprechenden Eintrag bei Deutschland Country Project Management Meike Koch Media Sales & Brand Partnerships Stefan Brütsch (Team Lead), stefan.bruetsch@redbull.com Marcel Bannwart, marcel.bannwart@redbull.com Christian Bürgi, christian.buergi@redbull.com Jessica Pünchera, jessica.puenchera@redbull.com Goldbach Publishing Marco Nicoli, marco.nicoli@goldbach.com

THE RED BULLETIN USA ISSN 2308-586X Länderredaktion Peter Flax (Ltg.), Nora O’Donnell Lektorat David Caplan Publishing Management Branden Peters Media Network Communications & Marketing Manager Brandon Peters Media Sales Todd Peters, todd.peters@redbull.com Dave Szych, dave.szych@redbull.com Tanya Foster, tanya.foster@redbull.com

THE RED BULLETIN


Für alle, die Fans aus Leidenschaft sind. Die immer hinter ihrem Verein stehen. In guten wie in schlechten Zeiten. Elisabeth, Fan

Tom, Fan

BILD jetzt im TV!

Infos unte www.BILD r .tv

Simran, Fan

Elisa, Fan


NICOLAS MAHLER

N IC OL AS M A HL ERS SPI T ZF ED ERL ICHES CHA R A K T ER-K A BINE T T

Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 9. November 2021.

98

THE RED BULLETIN


Spitz die Ohren The Red Bulletin gibt’s nun auch zum Anhören: ­inspirierende Interviews, scharfe Porträts, abenteuerliche Reportagen. Jeden Mittwoch ­– überall, wo es Podcasts gibt. Jetzt reinhören und gleich abonnieren.

Plus:

MICHAEL KÖHLMEIERS Kolumne Boulevard der Helden als Podcast-Serie


omegawatches.com

NUR IM KINO

JAMES BOND’S CHOICE Auf den Spuren eines geheimnisvollen Bösewichts stellt sich Bond seiner neuesten Mission in No Time To Die mit der OMEGA Seamaster Diver 300M am Handgelenk. Dieser

Zeitmesser im

leichten Titandesign ist jederzeit einsatzbereit, mit einem Höchstmass an Präzision und Antimagnetismus, auf das man sich dank Master Chronometer Zertifizierung immer verlassen kann.


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
The Red Bulletin DE 11/21 by Red Bull Media House - Issuu