ÖSTERREICH NOVEMBER 2021 € 3,50
ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN Ikonisch: Triathletin Lucy Charles-Barclay und der eine magische Moment
ICH SEH, ICH SEH, WAS DU NICHT SIEHST Der Fotograf Rick Guest verwandelt Energie in Kunst.
JOIN US ON: JACK-WOLFSKIN.COM/WOLFTRAIL
E D I TO R I A L
WILLKOMMEN
SCHLAU WIE EIN RAPPER
GARTENGLÜCK
Kool Savas im Schrebergarten? Ist der Rapper etwa zum Spießer mutiert? Die Antwort gibt’s ab Seite 40.
Prominente Menschen sind nicht unbedingt schlauer als wir Normalsterblichen. Weil sie aber meist einer interessanten Beschäftigung nachgehen, eröffnen sie uns im besten Fall So-habe-ichdas-noch-nie-gesehen-Momente. Wie der Rapper Kool Savas. Er hat ein Buch mit dem Titel „24 Gesetze“ verfasst, großspurig wie gewohnt. Im Interview sagt er: „Sei die Veränderung, die du dir für dein Leben wünschst“ – ab Seite 40. Triathlon-Star Daniela Ryf hat das bereits getan und ihr Leben völlig umgekrempelt. Sie sagt: „Hinter meinen Leistungen steckt eine sensible Frau“ – ab Seite 58. Und weil aller guter Dinge drei sind, weisen wir auf Sophie Bolzers Geschichte hin. Als ihre preisgekrönte App wider Erwarten nicht abhob, dachte sie sie einfach neu – ab Seite 38.
RICK GUEST (COVER), CHRISTOPH VOY, PHIL AND AI, KLAUS PICHLER
Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion
ER FLIEGT ÜBERS WASSER
Kite-Profi Stefan Spiessberger zeigt, dass die Trendsportart Wingfoilen auch in Wien ein Vergnügen ist. Ab Seite 85.
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Monate brauchte ein 30-köpfiges Team, um die Idee eines trag baren MP3-Players umzusetzen – die Geschichte des Apple iPod in erstaunlichen Zahlen auf Seite 12.
NIMM DIR ZEIT
Wer heute Uhr trägt, hat Zeit. Und will sie genießen. Die schönsten Modelle ab Seite 94. THE RED BULLETIN
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I N H A LT The Red Bulletin im November 2021
COVERSTORY
20 MAGIE DER MOMENTE
Fotograf Rick Guest inszeniert kunstvoll begnadete Körper – das Ergebnis sind Bilder voller Anmut und Athletik.
TRIATHLON
58 H IER IST EIN MENSCH
Daniela Ryf galt als TriathlonMaschine – jetzt hat sich die Schweizerin neu erfunden.
58 NEUE WEGE Triathlon-Superstar Daniela Ryf gibt radikal ehrliche Einblicke in ihr Leben.
INNOVATION
66 PLASTIK ALS ÖLQUELLE MUSIK
Die OMV hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich aus Abfällen Öl gewinnen lässt.
Sängerin Tinashe Jørgenson Kachingwe tauschte PlattenDeal gegen kreative Freiheit.
BREAKING
36 KOPFGEBURT
Dora vertritt Österreich beim Red Bull BC One World Final. Ihre Karriere fing vor 20 Jahren mit einem Kopfstand an.
START UP
38 ERFOLGSMODELL
Sophie Bolzer entwickelte eine preisgekrönte App – und musste sie neu erfinden.
DEUTSCHRAP
40 KOOLS KARRIERE-TIPPS Deutschlands härtester Rapper Kool Savas im tiefenpsychologischen Interview.
BIKE LIFE
68 KUNST-RADLER
In New York haben sich Wheelie-Artisten eine ganz besondere Form der Freiheit erkämpft.
GUIDE
Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen
90 G AMING. „Riders Republic“ – Extremsport für zu Hause. 92 T IPPS & TRENDS. Mit besten Empfehlungen der Redaktion. 94 U HREN. Es lohnt sich, Zeit zu spüren – auf dem Handgelenk.
Der italienische Pilot Dario Costa stellte in 44 Sekunden fünf Weltrekorde auf.
100 BOULEVARD DER HELDEN. Michael Köhlmeier erzählt die Geschichte einer schönen Spionin.
6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK
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NEUES GLÜCK Tinashe Jørgenson Kachingwe hat Geld gegen Unabhängigkeit getauscht.
85 REISEN. Wingfoilen in Wien? Ja, darauf fliegen wir – mit KiteProfi Stefan Spiessberger.
KUNSTFLUG
48 DER TUNNELFLIEGER
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16 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 18 MEIN ERSTES MAL
104 IMPRESSUM 106 CARTOON
68 NEUE FREIHEIT Wie sich Wheelie-Künstler in New York Aufmerksamkeit verschaffen.
THE RED BULLETIN
JANOSCH ABEL, YIMMY YAYO, BEN FRANKE, EROS MAGGI/RED BULL CONTENT POOL
34 ENDLICH FREI
48 TUNNELGLÜCK Geschafft! Überflieger Dario Costa hat gerade fünf Weltrekorde aufgestellt.
THE RED BULLETIN
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PATAGONIEN, CHILE
PaddelParadies Wovon träumen Könner in Kajaks? Von möglichst wilden oder unbefahrenen Flüssen. Der Rio Baker, der Rio Bravo und der Rio Blanco (hier im Bild) sind da ideal: Von wilden Stromschnellen bis zu epischen Canyon-Durchfahrten bieten die Flüsse am Südzipfel Südamerikas das volle Programm. Die Französin Nouria Newman, 30, und die Amerikaner Ben Stookesberry, 43, und Erik Boomer, 35, haben sie in einer sechswöchigen Ex pedition erstmals bezwungen. Fotograf Boomer hat auch diese Aufnahme von der Gruppe gemacht, sein Kajak hat inzwischen ein Helfer übernommen. Das Video zur Expedition nach Patagonien: QR-Code scannen, und los geht’s!
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ERIK BOOMER/RED BULL CONTENT POOL
DAVYDD CHONG
LOFOTEN, NORWEGEN
Grüne Welle Wer die heilige Dreifaltigkeit der nor wegischen Natur – starkes Nordlicht, schöne Wellen, klarer Sternenhimmel – auf ein Bild kriegen will, muss in erster Linie eines haben: Geduld. Drei Tage warteten Australiens Surf-Legende Mick Fanning und der einheimische Foto graf Emil Sollie, bis die Bedingungen passten. „Es war ungefähr Mitternacht“, erinnert sich Sollie. „Noch halb im Schlaf sprang Mick in den Neoprenanzug und rannte ins Wasser, schreiend vor Be geisterung über die einzigartige Kulisse.“ Mehr magische Bilder: emilsollie.com
DAVYDD CHONG EMIL SOLLIE/RED BULL ILLUME, WANG WEI CHIH/RED BULL ILLUME
ORCHIDEENINSEL, TAIWAN
Lichtgestalt Vor der Küste Taiwans liegt die Orchideen insel Lanyu, ein 48-Quadratkilometer-Brocken schroffes Vulkangestein. Sie ist die i deale Basis für den Freitaucher Ding Zi Xiang, der von hier aus die Philippinensee erforscht. Fotograf Wang Wei Chih hat ihn bei einem Tauchgang vier Meter unter Wasser auf dem Weg nach unten festgehalten, „auf der Suche nach einem Fenster zwischen Seele und Natur“. Das erklärt vielleicht auch die leicht spirituelle Stimmung der Aufnahme. Mehr erhebende Fotos: redbullillume.com
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HOCHSAVOYEN, FRANKREICH
Stilles Wasser
ADRIEN PETIT/RED BULL ILLUME
DAVYDD CHONG
So ruhig wie hier ist es am Gebirgs fluss Chéran nur wenige Wochen im Jahr. Bevor Fotograf Adrien Petit diese Aufnahme in einer Art natür licher Halfpipe glückte, waren drei Jahre Vorbereitung nötig: Erst ent deckte er diesen hübschen Platz, dann die magische Spiegelung im Wasser. Am Ende wusste er genau, wo er sich aufstellen musste, um Skateboarder Antoine Force gestochen scharf – und doppelt – aufs Bild zu bekommen. Instagram: @petio.74
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Z AHL EN, BI T T E!
iPOD
Jukebox im Hosensack Der iPod von Apple feiert seinen 20. Geburtstag: wie lange es dauerte, 100 Millionen Geräte zu verkaufen, wie viel der teuerste iPod kostete und wo Designer Jonathan Ive abkupferte.
1000
2001:
Odyssee im Weltraum
Songs, so warb Steve Jobs zur Markteinführung, würden auf dem iPod Platz finden – also „praktisch die gesamte Sammlung der meisten Menschen“.
Stanley Kubricks Kultfilm von 1968 i nspirierte die Namensgebung mit der Textzeile „Open the pod bay door, Hal!“.
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66
71
49.000
verschiedene iPod-Modelle gab es bis jetzt, aktuell im Handel erhältlich ist nur die 7. Generation des iPod touch.
Dollar (41.700 Euro) kostet ein originalverpackter iPod der 1. Generation aktuell auf eBay.
Gigabyte Speicher hatte der erste iPod von 2001. Spätere Geräte boten bis zu 256 GB.
60.000.000
15
Prozent seines Umsatzes erzielte Apple 2004 mit iPods, bevor iPhones und iPads die neuen Cashcows wurden.
Songs bietet Apples iTunes-Store heute – genug, um 60.000 iPods der ersten Generation zu füllen. 12
THE RED BULLETIN
CLAUDIA MEITERT
Monate dauerte es, um 100 Millionen iPods zu v erkaufen. Rekordjahr war 2008 mit 54,8 Millionen Exemplaren.
Jahre nach Einführung des iPods starb Apple-Boss Steve Jobs. Sein Vermögen wurde auf 8,3 Milliarden Dollar geschätzt.
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Gramm Gold umhüllten 2009 den iPod Supreme, den mit 233.000 Dollar teuersten iPod, den es je gab. Das Apple-Logo bestand aus 53 Diamanten.
HANNES KROPIK
Monate brauchte ein 30-köpfiges Team, um die Idee eines tragbaren MP3-Players umzusetzen.
brachte Braun sein Taschenradio T3 auf den Markt, das laut Designer Jonathan Ive Pate für die Optik des iPods stand.
GETTY IMAGES
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1958
omegawatches.com NUR IM KINO
JAMES BOND’S CHOICE Auf den Spuren eines geheimnisvollen Bösewichts stellt sich Bond seiner neuesten Mission in Keine Zeit zu sterben mit der OMEGA Seamaster Diver 300M am Handgelenk. Dieser
Zeitmesser
im leichten Titandesign ist jederzeit einsatzbereit, mit einem Höchstmaß an Präzision und Antimagnetismus, auf das man sich dank Master Chronometer Zertifizierung immer verlassen kann.
F U ND ST Ü CK
SANTIAGO LANGE
Mate-Nachhilfe Mate-Trinkbecher des vierfachen Segel-Weltmeisters und Olympiasiegers Santiago Lange, 2021
GIANFRANCO TRIPODO
„Wenn ich eine wichtige Entscheidung fällen oder über etwas Komplexes nachdenken muss, dann setze ich mich in der Früh hin, trinke in Ruhe meinen Mate-Tee und denke die Sache durch“, sagt Santiago „Santi“ Lange. Für einen Argentinier ist so ein Ritual nicht ungewöhnlich. In Südamerika ist der Genuss der aufgegossenen Blätter des Mate-Strauchs mindestens so verbreitet wie bei uns der Morgenkaffee, Mate wurde schon von den Ureinwohnern wegen seiner anregenden Wirkung geschätzt. Zum Ritual gehört auch der spezielle Mate-Becher mit Metall-Trinkhalm („bombilla“).
Santi Lange, 60, ist seit fünf Jahrzehnten erfolgreich auf Segelbooten unterwegs.
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THE RED BULLETIN
FUSSL.AT
17&CO. MÜT ZE 29,99 EUR JACKE 99,99 EUR S W E AT E R 3 9 , 9 9 E U R JE ANS 59,99 EUR
DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W
JEAN-JACQUES ROUSSEAU SAGT:
„Wer frei sein will, sollte zu Fuß gehen“
the red bulletin: Herr Rousseau, Sie haben sich viele Gedanken darüber gemacht, was Freiheit eigentlich wirklich bedeutet. Heutzutage ver sprechen sich eine Menge Men schen Freiheit davon, im Wohn mobil durch die Welt zu reisen. Können Sie diesen Wunsch nach vollziehen? jean-jacques rousseau: Gewiss, Machen Sie so etwas? mein Herr, den Wunsch nach Freiheit Aber sicher! Immer, wenn ich einen kann ich gut verstehen. Nicht zufällig klaren Gedanken fassen will, verlasse beginnt mein berühmtestes Buch ich die Komfortzone meiner vier mit den Worten: „Der Mensch ist Wände und gehe nach draußen. „Mit dem frei geboren, doch überall liegt er Dann lausche ich darauf, was mir Wohnmobil streift in Ketten.“ Und dabei dachte ich die Natur zu sagen hat. Würde ich man keineswegs die nicht nur an die Ketten der feudaim Wohnmobil durch die Gegend listischen Gesellschaftsordnung, die fahren, begegnete ich immer Ketten ab, sondern zu meiner Zeit so viele Menschen nur mir selbst – sogar, wenn ich legt sich neue, in Knechtschaft hielten und die zu irgendwo am Nordkap parken unsichtbare an.“ sprengen das Anliegen der Revowürde. lutionäre von 1789 war, die sich auf mich beriefen. Nein, mehr noch dachte ich an die Aber Sie könnten dann doch aussteigen und einen Spaziergang machen? Ketten, die sich die Menschen mit ihren Konventionen Vergessen Sie’s, mein Freund. Bei einem Spaziergang und Gewohnheiten selbst schmieden. Wer immer diese Ketten abstreifen will, wird meinen Segen haben. um seinen Camper hat noch keiner seine wirkliche Freiheit gefunden. Solange er an das gebunden bleibt, Verstehe, Sie sind ein Freund aller Aussteiger und was er besitzt, liegt der Mensch in Ketten – oder steckt Individualisten. Aber wie steht es mit Caravaning, im goldenen Käfig seines Wohnmobils. Und je weniger also dem Reisen im Wohnmobil: Wäre das Ihr Ding? er das weiß, desto unfreier ist er. Ganz sicher nicht. Denn wenn ich diese Art des Reisens näherhin betrachte, scheint sie mir denen, die sich ihr JEAN-JACQUES ROUSSEAU (1712–1778) war einer der meist ergeben, keineswegs die Ketten abzustreifen, sondern verfolgten Männer Europas. Egal was er schrieb: Die Gelehrtenihnen vielmehr neue, unsichtbare Ketten anzulegen. welt, die Obrigkeit und die Kirche waren gegen ihn. Deshalb war er zeit seines Lebens auf Wanderschaft. Frieden war ihm immer Denn sie sind gebunden an die Straßen und Plätze, nur für befristete Perioden gegönnt, etwa für die Zeit, die er für die ihre komischen Fahrzeuge geeignet sind. Das mit seiner Frau auf einem Bergbauernhof in Südfrankreich verschränkt ihre Freiheit außerordentlich ein. Wenn man brachte. Dort konnte er das naturverbundene Leben führen, sich frei in der Welt bewegen will, dann sollte man nach dem er sich immer gesehnt hatte. zu Fuß gehen. So wie es die Menschen taten, bevor CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer der ihre zivilisatorische Irrfahrt begann. Aber Herr Rousseau, bedenken Sie, wie bequem es ist, in einem Wohnmobil zu reisen. Erinnern 16
Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: „Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“, legenda Q 2021. THE RED BULLETIN
BENE ROHLMANN
Sie sich doch nur an die schäbigen Spelunken des 18. Jahrhunderts, in denen Sie absteigen mussten … Jaja, so denkt ihr Bürger der modernen Welt – und merkt gar nicht, was für einen Unsinn ihr verzapft. Bequemlichkeit, mein Herr, ist aller Freiheit Tod. Freiheit heißt, sich aller Bequemlichkeit zu entäußern: den ganzen materiellen und mentalen Kram zurückzulassen, den man über die Jahre angehäuft hat – all das Zeug, was du vermeintlich mit dir führen musst, all die Konzepte davon, was du angeblich gesehen haben musst. Weg damit! Je weniger du bei dir hast, desto besser. Zieh die Schuhe aus und geh in den Wald, dann bist du frei.
DR. CHRISTOPH QUARCH
Fast jeder träumt von der großen Freiheit. Etwa davon, mit dem Wohnmobil die Welt zu entdecken. Mit dem Thema Freiheit kennt sich der in Genf geborene Aufklärungsphilosoph Jean-Jacques Rousseau bestens aus. Im fiktiven Gespräch mit dem deutschen Philosophen Christoph Quarch verrät er, wie man als Reisender wirklich frei sein kann.
Elegance is an attitude Simon Baker
HydroConquest
M EIN ERST ES M A L
ANJA BLACHA
„Mein Reise-Guide sagte: Anja, du bist verrückt!“ Von 2015 bis 2017 stieg Anja Blacha – als bislang jüngste Deutsche – auf den höchsten Gipfel jedes Kontinents. Dabei hatte sie erst vier Jahre zuvor mit dem Bergsteigen angefangen. Uns erzählt die Abenteurerin von dem Peru-Trip, der ihre Wanderlust weckte. war so beeindruckend, dass ich mir damals schwor, die Timberlands nicht verstauben zu lassen. Vier Jahre später hatte ich dann die Seven Summits, den jeweils höchsten Berg jedes Kontinents, geschafft – als jüngste Deutsche überhaupt. Ob ich es bereue, nicht schon früher mit dem Bergsteigen begonnen zu haben? Nein. Denn mein Beispiel zeigt: Unsere Vergangenheit muss nicht bestimmen, was wir in unserer Zukunft erreichen können.
Ich habe das Klettern spät entdeckt, und das war vielleicht sogar gut so. Ich lebe heute in der Schweiz, da gibt es Kletterer, die sind technisch unendlich ver„Meine ersten Bergschuhe waren sierter als ich, die kommen die eigentlich gar keine wirklichen 0:00 –48:53 Eiger-Nordwand in Rekordzeit Bergschuhe, das waren MultiAnja Blacha funktionsstiefel der Marke Timhoch – und doch wagen sie sich Mein erstes Mal – der Podcast berland, von denen ich beim nicht an die großen Berge heran. Kaufen dachte: Damit kann ich Weil sie ständig vor Augen haben, durch die Altstadt schlendern, welche Skills ihnen vielleicht aber auch wandern gehen. Pernoch fehlen, anstatt das große „Ich habe das Klettern Ziel anzugehen. Und so kann es fekt auch für die anstehende Peru-Reise mit meiner Schwester. spät entdeckt, und das sein, dass ich vielleicht auch stegeblieben wäre in diesem Ich bin in Bielefeld aufgewar vielleicht gut so.“ cken wachsen. Berge gibt es da nicht. ‚Ich muss noch lernen‘-Zyklus, Meine gesamte Jugend war von hätte ich früher oder in einem Rekord-Frau Anja Blacha hat ihre erste Bergtour erst mit 23 gemacht. Strandurlauben und Städtetrips bestimmten Umfeld begonnen. geprägt. In Peru hab ich dann Ich habe mit dem Bergsteigen zum ersten Mal einen Vulkan gesehen – mit 23. Auf aus Spaß angefangen, aus Neugier, etwas Neues für einem Berg war ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie, mich entdecken zu wollen. Es war einfach Teil meiner aber ich wollte unbedingt rauf. Das Problem: Allein Reiselust. Und genau diese Ungezwungenheit war konnte man da nicht hoch, und das Ticket für unsere mein großer Vorteil.“ Weiterreise am nächsten Tag war schon gebucht. ‚Ihr seid verrückt, wenn ihr da jetzt in einer Nacht und „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, in einem halben Tag raufwollt‘, sagten uns die Guides. in der Heldinnen über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit Anja Blacha, in der sie auch verrät, warGeklappt hat es am Ende doch: vom Meeresspiegel um Excel-Tabellen für ihre Expeditionen rauf auf 5800 Höhenmeter. Oben war ich so fertig, dass wichtiger sind als Muskelberge, gibt’s im ich den Ausblick gar nicht richtig genießen konnte. Podcast-Kanal von The Red Aber ich war so angefixt vom Spaß, den wir beim Bulletin. Zu finden auf Aufstieg hatten, und vom Glück, das Ziel erreicht zu allen gängigen Plattformen haben. Noch im gleichen Urlaub nahmen wir uns auch wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast noch den Machu Picchu vor. Dieses erste Mal Trekking
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THE RED BULLETIN
ANJA BLACHA
Anja Blacha liebt die ganz großen Herausforderungen: Mit 27 war sie als jüngste deutsche Kletterin auf dem Mount Everest, bis heute ist sie die einzige Deutsche, die den K2 bezwungen hat. Voriges Jahr schaffte sie es als erste Frau auf Langlaufski von der Küste der Antarktis bis zum Südpol. 1400 Kilometer in 58 Tagen. Ihren 100-Kilo-Schlitten zog sie dabei selbst. Dabei ist ihr die Lust am Extremen nicht in die Wiege gelegt worden. Ihre erste Bergtour absolvierte sie 2013, nur vier Jahre bevor sie den höchsten Berg der Welt bestieg. Hier spricht die 31-Jährige unter anderem von diesem Erweckungsmoment.
MAKE WI NTER YOU R PL AYG ROUND
E X P LO R E T H E B F G O O D R I C H ® g - F O R C E W I N T E R 2 T YR E w w w. b f g o o d r i c h . c o m
WHAT ARE YOU BUILDING FOR?
P O RT FO L IO
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THE RED BULLETIN
Jäger des Augenblicks Von der Kunst, im richtigen Moment abzudrücken: Der britische Foto graf Rick Guest ist ein Meister der Inszenierung begnadeter K örper. Hier erzählt er von s einen bewegendsten Aufnahmen. Protokoll ANDREAS WOLLINGER
Höhenluft
Ballet Black, London, 2018 „Ein Augenblick der Schwerelosigkeit: Nicht nur, dass die Truppe ,Ballet Black‘ tolle Auftritte hinlegt. Sie zeigt auch durch ihre Existenz, was alles möglich ist – sind schwarze und asiatischstämmige Tänzerinnen und Tänzer bis jetzt doch vom Mainstream der Tanzwelt weitgehend ignoriert worden.“
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Wasserfest Adam Peaty, London, 2018
„Der Mann ist eine Legende: Er hält den Weltrekord über 50 und 100 Meter Brust seit 2014. Darüber hinaus ist er ein wirklich feiner Kerl. Für dieses Bild ließ ich mich vom Cover des ‚Life‘-Magazins vom August 1972 inspirieren, das den siebenfachen Olympiasieger Mark Spitz zeigte. Natürlich habe ich meiner Aufnahme einen modernen Dreh verpasst: Es sollte einen Athleten ganz in seinem Element darstellen.“
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Marmorposen
Katarina Johnson-Thompson und Jonnie Peacock, London, 2012
Anmut, eingefroren
Simona Halep, Paris, 2015 „Dieses Kraftpaket von einer Tennisspielerin ist eine Freude für jeden Fotografen. Bei dem atemberaubenden Tempo, das die Rumänin vorlegt, ist es schwierig, den rich tigen Moment zu erwischen, aber ich wollte unbedingt ihre Anmut und Schönheit in einem eingefrorenen Augenblick einfangen.“
THE RED BULLETIN
„Diese Serie habe ich anlässlich der Olym pischen Spiele 2012 in London gemacht. Vorbild war das in Marmorstatuen ver körperte olympische Ideal der alten Griechen – Studien des menschlichen Körpers, ge schärft durch jahrelanges hartes Training.“
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Lucys Muskelspiele
Lucy Charles-Barclay, London, 2021 „Ein Ironman zählt zu den forderndsten Sport bewerben überhaupt, und Lucy ist eine der besten in dieser Disziplin. Einen Körper zu sehen, der von lebenslangem Training geformt wurde, ist immer beeindruckend, aber wenn er dann noch Muskeln hat, die von zahllosen Wettbewerben definiert wurden, kommt eine ganz eigene Proportion ins Spiel: elegant, geschmeidig und doch kraftvoll. Rechts: Lucy auf ihrem Rennrad. Wie ich ihren Köpfler-Moment (u.) hin gekriegt habe? Ob sie im Schwimmbecken oder auf einer Matte landet? Das verrate ich nicht, das würde nur den Zauber des Bildes zerstören.“
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Versuch mit Zeit und Raum Laurretta Summerscales, London, 2015
„Wenn man mit Choreografen redet, dann finden sie Fotos nur selten spannend, weil sich in ihrer Arbeit alles um Bewegung und Emotionen dreht, die über Zeit und Raum stattfinden. Im Versuch, das in einem Foto hinzukriegen, habe ich mehrere Einzelbilder zusammengefügt. Im Bild: Laurretta Summerscale, Solo tänzerin im Bayerischen Staatsballett.“
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Bei ihm sieht’s leicht aus
Eric Underwood, London, 2017
„Das Training im Royal Ballet in London ist ganz auf das Ideal von Stärke und Anmut ausgerichtet, und die Körper der Tänzer erzählen davon. Eric – er ist einer der wenigen farbigen Solotänzer – verkörpert perfekt das Prinzip, dass selbst die größte Anstrengung mühelos aussehen muss.“
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Energie eines Moments
Marco Materazzi, Mailand, 2007 „Lange Zeit habe ich für eine Serie Fußballer beim Spiel aufgenommen – von Messi über Neymar bis Ronaldo –, weil da unglaublich viel Energie in den Szenen steckt. Hier sehen wir Marco Materazzi von Inter Mailand, einen der härtesten Verteidiger seiner Generation in einer dynamischen Ballannahme-Pose.“
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P O RT FO L IO
„Fotografieren fühlt sich für mich sehr archaisch an – es ist wie jagen.“ Rick Guest
Die hohe Kunst der Poesie
Morgan Lake, Loughborough, 2021
„Wenn diese Frau wollte, könnte sie locker über mich drüberspringen: Ihre Bestleistung im Hochsprung liegt bei 1,96 Metern, dabei hat sie mit 24 gerade erst angefangen. Ihr Körper ist das perfekte Werkzeug zur Überwindung der Schwerkraft. Im Bild: Kurz vor dem Anlauf bündelt Morgan ihre ganze Energie und Konzentration in einem Moment. Ihr zuzusehen ist reine Poesie.“
THE RED BULLETIN
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DER FOTOGRAF
RICK GUEST
Seine Liebe zur Fotografie ent deckte der Londo ner erst relativ spät, in seinen frühen Zwanzigern. Und aus Langeweile: Nach einer Krankheit zu Bettruhe gezwungen, spielte er mit einer Kamera herum. Der Blick durch den Sucher sollte sein Leben verändern. „Es war ein Erweckungs erlebnis“, erinnert sich Rick Guest. „Es gab mir die Möglichkeit, der Welt einen Rahmen zu geben und sie so kontrollie ren zu können.“ Der Rest seiner Karriere sei Glück gewesen, verbunden mit „einer Menge harter Arbeit, die mich in die Lage versetzte, Chancen zu ergreifen, wenn sie sich auftaten“. Guest lernte als Assistent bei Fotografen in London, die ihn weniger mit ihrer Arbeit beeinfluss ten; ihm jedoch die Augen öffneten für die wirklich Großen der Branche – von Herb Ritts über Man Ray und Edward Weston bis Richard Avedon. Im Lauf der Zeit entwickelte Rick Guest, der sein aktuelles Alter nicht verraten will, eine Liebe für besondere Augenblicke. „Wenn du im richtigen Moment abgedrückt hast“, sagt er, „ist das ein richtiger Kick.“ rg-e.com, rickguest.gallery
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Ganz vorn
Die Magazin-Covers von Rick Guest Von links oben im Uhrzeigersinn: Kiteboarder Aaron Hadlow, Hochspringerin Morgan Lake, Triathletin Lucy Charles-Barclay, Bergsteiger Ed Jackson, Tänzerin Gemma Pitchley-Gale für Red Bulletin, DJ David Guetta für „GQ“, Schauspieler Jeff Bridges für „Esquire“, Tänzer William Bracewell, Schwimmer Adam Peaty und Surferin Justine Dupont für Red Bulletin.
THE RED BULLETIN
t s b O n Dei e s ü m e G
+ UNTERSTÜTZE DEIN IMMUNSYSTEM. Vitamin C & D tragen zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Ganz allgemein empfehlen wir eine ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Empfohlene Verzehrseinheit: ein Glas (250 ml) pro Tag.
Musik
Tinashe Jørgenson Kachingwe drehte als Kind Filme mit Tom Hanks und opferte jetzt als Sängerin ihren Platten-Deal für mehr kreative Freiheit. Verrückt? Nein: Sie sagt, das Risiko lohnt sich. Text WILL LAVIN Foto YIMMY YAYO
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the red bulletin: Worauf war dein Streit mit der Plattenfirma zurückzuführen? tinashe: Ich habe den Eindruck, Opfer des Systems gewesen zu sein. Die Menschen, mit denen ich bei RCA gearbeitet habe, haben mich ehrlich unterstützt, aber die Entscheidungen, die getroffen wurden, waren schädlich für meine Karriere. Was führte konkret zur Trennung? Das ist natürlich nicht von heute auf morgen passiert, es war ein sehr langer, schleichender Prozess. Immer mehr negative Gefühle im Zusammenhang mit meiner Karriere drängten sich mir auf. Ich stellte fest, dass mein Selbstbewusstsein angeknackst war. Das hatte ich zuvor noch nie erlebt. Sobald ich das begriffen hatte, war mir klar, dass ich etwas ändern musste. Wie bist du es angegangen? Indem ich aus dem Nichts ein brandneues Team aufgebaut habe. Ich habe neue Leute gefunden, die meine Vision verstanden oder zumindest unterstützt haben, sodass wir gemeinsam wachsen konnten.
Sich aus der Matrix nehmen … … einfach ganz konkret rausgehen und die App löschen. Es ist alles nur eine Frage der Selbstdisziplin. Man ist ja nie gezwungen, jeden Unsinn zu lesen. Wenn man es doch tut, kann es leicht passieren, dass man immer mehr davon verschluckt wird. Also: einfach den Stecker ziehen, in die Natur hinausgehen und Zeit mit der Familie verbringen. Gab es noch etwas, woran du arbeiten musstest? Ich musste lernen, Grenzen zu ziehen und mich selbst an die erste Stelle zu setzen. Diese neue Struktur war wirklich wichtig für die Kreation des neuen Albums. Von meinen persönlichen Themen – loslassen können, straucheln, ein ewiges Hin und Her – handeln die meisten Songs. Was ist die Geschichte hinter dem Titel des Albums, „333“? Das sind Engelszahlen. Sie signalisieren mir, dass ich auf der richtigen Spur bin und mich gut behütet fühlen kann, was meine Entscheidungen betrifft. Könnte man also sagen, dass wir es gerade mit der wahren Tinashe zu tun haben? Im Moment ja, absolut. Ich entwickle mich ständig weiter, es geht mir immer besser. Hoffentlich kann ich das bei meinem nächsten Projekt auch sagen. Tinashes neues Album „333“ ist jetzt bei Tinashe Music Inc. erhältlich.
Du hast Kritik erwähnt. Wie gehst du heute damit um? Ich habe rasch gelernt, dass Nachrichten sehr kurzlebig sind – sie halten höchstens 24 Stunden. Wenn
YIMMY YAYO
Tinashe Jørgenson Kachingwe, 28, sitzt nicht gerne lange still. Ihre Eltern – die Mutter hat dänische, norwegische und irische Vorfahren, der Vater stammt aus Simbabwe – zogen mit ihr, als sie acht Jahre alt war, von Kentucky nach Los Angeles, um der Tochter eine Karriere in Hollywood zu ermöglichen. Das lief ganz gut: Mit zehn spielte sie an der Seite von Tom Hanks in „Der Polarexpress“, mit sechzehn war sie mit der Girlgroup The Stunners Vorband auf Justin Biebers „My World“-Tour. 2012 brachte Tinashe ihre ersten Mixtapes heraus. Das Major-Label RCA nahm sie unter Vertrag. 2014 erschien ihr Debütalbum „Aquarius“. Brancheninsider waren sich einig: Tinashe würde der nächste große Popstar werden. Doch es kam anders. Aufgrund künstlerischer Differenzen um ihr zweites Album, „Nightride“, weigerte sich das Label, die Platte angemessen zu bewerben, was sich negativ auf das Folgewerk „Joyride“ auswirkte. 2018 trennte sich Tinashe von RCA. Gerade hat sie ihr fünftes Album, „333“, herausgebracht. Aus der von ihrem Vertrag frustrierten Sängerin ist eine aufblühende Künstlerin geworden. Uns erzählt Tinashe, wie sie ihre Freiheit zurückgewann.
man also aus irgendeinem Grund in die negativen Schlagzeilen geraten ist oder online für irgendetwas kritisiert wird, dann ist es das Beste, sich einfach auszuloggen und einen Tag unterzutauchen. Meistens passt dann alles wieder.
THE RED BULLETIN
„Wenn’s mir auf Social Media zu wild wird, ziehe ich den Stecker.“ US-Popstar Tinashe, 28, über Hass im Netz
THE RED BULLETIN
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Breaking
Dora Aitner hat Breaking weiblich gemacht. Jetzt vertritt das 41-jährige B-Girl Österreich beim Red Bull BC One World Final. Ihre Karriere? Verdankt sie einem Kopfstand. Text KARIN CERNY Foto CHRIS MAVRIČ
Einen Headspin? Vergiss es, kannst du sowieso nicht! In Ungarn ist die Breaking-Szene in den 1990erJahren fest in männlicher Hand. Die B‑Boys zeigen, wie es geht, die Girls schauen zu und staunen. Aber Dora, die sich bereits länger für Hip-Hop und Graffiti interessiert, ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie möchte mitmischen. Warum soll Breaking nur etwas für Burschen sein? „Ich wollte erst den Kopfstand lernen“, erinnert sich die heute 41Jährige an ihre Anfangsjahre. „Dann habe ich versucht, mich dabei zu drehen. Und sah: Wow, das geht ja!“
Probier es trotzdem!
Heute lebt Dora, die bürgerlich Dora Aitner heißt, in Österreich, und der Headspin ist ihr Signature-Move. Hätte sie damals auf die anderen gehört, wäre ihr gar nicht klar geworden, wie talentiert sie ist. „Du hast keine Chance – probier es trotzdem“: Dieser Zugang und ihre BattlePower, also das direkte Duell auf der Tanzfläche, haben sie zu einer Breaking-Legende gemacht. „Am Anfang haben mich die B‑Boys ausgelacht“, sagt Dora. „Später behauptete so mancher, er hätte mir die Moves beigebracht.“ Sie sagt das ohne eine Spur von Arroganz. Eher glücklich, dort gelandet zu sein, wo sie hingehört.
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Liebe auf den ersten Blick
Es ist eine klassische Lovestory, die wie im Märchen bis heute anhält. In einer Tanzschule in Budapest besuchte sie einen Kurs, um wie MC Hammer in „U Can’t Touch This“ tanzen zu lernen. Zufällig beobachtete sie dabei eine Breakdance-Klasse, die viel freier und akrobatischer war. „Ich wusste nicht, wie es heißt und was es ist, aber ich wollte es unbedingt machen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Weibliche Role-Models gab es im Breaking Mitte der 1990er-Jahre so gut wie keine. B-Girls mussten mit Vorurteilen kämpfen, sie galten als zu schwach, zu wenig trainiert. Dora aber wollte ernst genommen werden, härter tanzen als die Männer. Genauso viel Kraft und Energie in ihre Bewegungen legen. Zugleich ging es ihr aber nie vordergründig um den Wettbewerb. Eher darum, etwas mit Gleichgesinnten zu unternehmen. Internet gab es damals noch nicht. Learning by doing, lautete das Gebot der Stunde. Dabei waren ihre Ausgangsbedingungen alles andere als ideal. Sie hielt sich für unsportlich, schwach und ungeschickt. „Ich habe mir einfach von meinen Brüdern etwas abgeschaut, Bauchübungen gemacht und gesehen, dass ich dadurch stärker werde. Da dachte ich: Okay, vielleicht probiere ich es auch mit Joggen.“ Zimperlich war Dora nie. In Ungarn tanzte sie 1997 mit den B-Boys auf der Straße. Selbst im Winter. „Das war kalt und schmutzig. Ich
habe Hautprobleme bekommen.“ Bei ersten Einladungen zu Battles ins Ausland bekam sie aber auch mit, dass es international bereits eine Szene gab, in der sie Gemeinschaftsgefühl und Inspiration fand. „Das hat mir Kraft gegeben.“ Dora lebt seit einigen Jahren in Österreich und hat eine viereinhalbjährige Tochter. Sogar hochschwanger hat sie weitergetanzt – bis zum letzten Tag vor der Geburt. Als Frau müsse man 1000 Prozent geben, sagt sie, aber zugleich ging es ihr nie um den Ruhm allein. „Hauptsache, man hat Spaß und vergisst nicht, woher man kommt.“
Sie hängt die Jüngeren ab
Und wie gelingt es, den Platz an der Spitze so lange zu behaupten? „Man muss nicht jeden Trend mitmachen, aber man sollte ihn mitbekommen“, sagt sie. Und sie sucht den Austausch mit einer jüngeren Generation, der sie im Gegenzug auch gern ihr Wissen weitergibt. Den Red Bull BC One Cypher Austria-Vorentscheid hat sie heuer souverän gewonnen und sich damit für das Weltfinale in Danzig quali fiziert. In Wettbewerben hängt sie regelmäßig auch deutlich Jüngere ab. Wie das geht? „Erfahrung hilft“, sagt sie. „Aber eigentlich ist Breakdance mein Leben. Solange ich gehen kann, werde ich auch tanzen.“ Man glaubt es ihr aufs Wort.
Showdown in Polen
In Danzig batteln sich die besten Breakdancer der Welt. Bereits zum 18. Mal findet das Red Bull BC One Final im Breaking statt. Am 5. und 6. November kommen B-Boys und B-Girls aus aller Welt nach Danzig in Polen, um gegeneinander anzutreten. Für Österreich batteln heuer Dora und B-Boy The Wolfer aus Innsbruck. redbull.com
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„Breakdance ist mein Leben. Solange ich gehen kann, werde ich auch tanzen.“ Für B-Girl Dora, 41, ist Breaking mehr als bloß ein Sport.
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Start-up
Sophie Bolzer entwickelte eine preisgekrönte Lern-App, die nicht abheben wollte. Also musste die Salzburgerin lernen, ihr „Baby“ loszulassen – und gewann so ein Millionen-Investment. Text WALTRAUD HABLE Foto CHRIS MAVRIČ
Irgendwann kommst du an den Punkt, da musst du einfach alles infrage stellen. Du musst dein Ego überwinden, die Handbremse ziehen und in eine neue Richtung gehen. Auch wenn die Dinge im Grunde völlig anders geplant waren. Sophie Bolzer war vor über einem Jahr in dieser Situation. Dabei schien sie bis dahin alles richtig gemacht zu haben. Ihre App-Idee, die sie während ihres Masterstudiums Strategic Management in Innsbruck entwickelt hatte, bekam von allen Seiten attestiert, vielversprechend zu sein. Audvice ist eine Art Spotify für Wissensvermittlung. Eine crowd basierte App, die es Usern erlaubt, Zusammenfassungen von Seminaren und Büchern einzusprechen, die in der Folge als Playlists für alle abrufbar sind – beim Zähneputzen, beim Autofahren, beim Sport. Das spart nicht nur Zeit – durch Zuhören zu lernen hilft auch nachweislich, sich Inhalte besser einzuprägen. Beim globalen Ideenwettbewerb Red Bull Basement holte Sophie 2019 damit den Sieg. Dem Start-up wurde viel Aufmerksamkeit zuteil, Kontakte zu anderen Unternehmen wurden geknüpft. Das Interesse von Hochschulen war riesig. Trotzdem blieb der Kundenstamm klein. „Auf dem Bildungssektor fehlt oft die Zahlungsbereitschaft“, erklärt die Start-up-Gründerin, die ihren Firmensitz in Salzburg hat. „Oben-
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drein hatten wir ein Chicken-EggProblem. Ohne Content kriegst du keine User. Und ohne User wird kein Content kreiert.“ Als schließlich auch die Coronapandemie keinen Boost brachte – „die meisten Hoch schulen kauften in der Eile Komplettlösungen fürs Online-Learning, wie z. B. Microsoft Teams“ –, stand Selbstreflexion an: Was tun, wenn man überall ein bisschen den Fuß in der Tür hat, aber eben nicht weit genug? Die Idee begraben – oder weitermachen?
Emotion vs. Business
„Ich tat mir schwer, loszulassen, immerhin hatte ich lange am Aufbau gearbeitet. Erst als ich meine Emotio nen aus der Sache raushielt, wurde mir klar: Der Kerngedanke, nämlich Informationen schnell und unkompliziert via Audio zu teilen, ist prin zipiell richtig. Es hakte also nicht an der Idee, sondern an der Zielgruppe – und damit auch am Geschäfts modell. Das musste ich ändern.“ Bolzer wandte sich an ihr sechsköpfiges Team. „Die Meinungen meiner Leute sind mir extrem wichtig. Sie helfen mir, einen frischen Blick auf die Dinge zu bewahren. Und wenn alle eingebunden sind, bleiben auch alle motiviert.“ Es wurde beschlossen, Entwicklungen für den universitären Bereich zu stoppen. Stattdessen richtete Bolzer Audvice komplett auf die Bedürfnisse von Unternehmen aus. „Man kann etwa neuen Mitarbeitern Playlists zur Verfügung stellen, die erklären: Wo finde ich was? Welche Jahresziele
gibt es? Welche Werte vertritt das Unternehmen? Solche OnboardingTracks können von allen eingesprochen werden, vom Abteilungsleiter hin bis zum Hausmeister.“ Auch im Sales-Bereich kommt Audvice zum Einsatz: „Es lassen sich etwa BestCase-Verkaufsgespräche aufnehmen, die man sich dann kurz vor einer Kundenpräsentation noch einmal anhören kann.“ Zwei Forbes-500-Unternehmen sind bereits Kunden. Und: Bolzers Start-up, das 2022 auf insgesamt 20 Mitarbeiter aufstocken will, konnte sich ein siebenstelliges Investment sichern. Was Sophie aus dem Kurswechsel gelernt hat? „Schneller loszulassen, wenn eine Sache nicht funktioniert. Und: Man muss seinen Perfektionismus ablegen. Es braucht nicht gleich ein fertiges Produkt. Man kann auch nur mal eine Idee präsentieren und anhand dieser validieren, ob die Zielgruppe dafür bereit ist.“ Und wenn nicht? „Dann weiter mit Plan B, C, D.“
Wettbewerb der innovativen Köpfe
Gesucht: schlaue Lösungen Sophie Bolzer hat mit Audvice 2019 beim globalen Ideen-Contest Red Bull Basement (Globaler Technologiepartner: der IT-Serviceprovider NTT Limited) den Sieg geholt. Auch dir schwirren innovative Lösungen im Kopf herum? Dann verlier keine Zeit: Noch bis zum 24. Oktober können Studierende aller Disziplinen außergewöhnliche Konzepte, die das Zeug haben, die Welt zu verändern, einreichen. So bist du dabei: Präsentiere deinen Einfall in einem kurzen Video (maximal 60 Sekunden) und lade den Clip auf redbullbasement.com hoch. Mitte Dezember wird in Istanbul die SiegerIdee gekürt, mit Mentoren weiter entwickelt und zur Marktreife gebracht.
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„Leg deinen Perfektionismus ab. Manchmal reicht eine gute Idee.“ App-Entwicklerin Sophie Bolzer, 29, über ihren Neustart
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Deutschrap
Was macht Deutschlands härtester Rapper in einem Schrebergarten? Er denkt über seine Karriere nach. Hier erklärt KOOL SAVAS, 46, warum man Angriffe am besten ignoriert, ein Seegrundstück seine beste Anschaffung war und er Blumenverkäuferinnen gern nach ihrem Leben ausfragt. Interview SVEN MICHAELSEN Fotos CHRISTOPH VOY
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GARTENIDYLLE
Ist Kool Savas auf seine alten Tage etwa spießig geworden? Natürlich nicht. Die Kleingartenparzelle gehört dem Fotografen, der die Idee hatte, das RapperDasein ironisch zu brechen.
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E „Ein Song mit Grönemeyer ist ein großer Traum von mir.“ VITAMIN KOOL
„Das Künstlerische“, sagt Kool Savas, „ist mir nie schwer gefallen. Mein Kampf war der Alltag.“
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in schwül-heißer Tag in einem Villen viertel in Westberlin. Kool Savas, vor 46 Jahren als Savaş Yurderi geboren, hat in seinem unterirdischen Tonstudio Platz genommen. Er trägt ein nassgeschwitztes weißes Lacoste-T-Shirt, eine schwarze Trainingshose von Nike und transparente „Brudiletten“ (Badeschlapfen) von Haftbefehl. Wie man s eine vor kurzem erschienene Autobiografie finde, will er mit ebenso viel freundlicher Bestimmtheit wie Misstrauen wissen. Wenn er spricht, mischen sich drei Idiome: Kreuzberger Straßenjargon, Rapper-Sprech und Manager-Vokabeln wie „Branding“ und „USP“, die davon künden, dass er sich als Marke versteht, die es zu bewahren und weiterzuentwickeln gilt. „Ich mache es wie Porsche“, sagt er, „ich erweitere mein Portfolio, so wie Porsche es mit dem SUV Cayenne gemacht hat, weil sich die Zielgruppe g eändert hatte.“ the red bulletin: Im Prolog Ihres Buchs schreiben Sie: „Ich will mehr als das Narrativ vom Kreuzberger Hinterhofkind zum strahlenden ‚King of Rap‘, dem die Sonne aus dem Arsch scheint.“ Was war Ihr Motiv, 368 Seiten über Ihr Leben zu schreiben? kool savas: Ich habe anhand meiner Biografie einen Ratgeber geschrieben, was Künstler zu beachten haben, die dauerhaft erfolgreich sein wollen, statt als One-Hit-Wonder zu enden. Beim Lesen des Manuskripts ist mir auf gefallen, dass mir das Künstlerische nie schwergefallen ist. Mein Kampf war das alltägliche Leben: Wieso habe ich lange nicht die Hauptrolle in meinem Leben gespielt? Warum zweifle ich so oft an mir? Warum höre ich nicht immer auf mich selbst? Wie lebt man
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im Einklang mit sich und den eigenen Überzeugungen? Wie gelangt man zu Freiheit und Selbstbestimmung, statt sich nur als Komparse zu sehen und im Strom mitzuschwimmen? Der Untertitel Ihres Buchs lautet „24 Gesetze“. Welche halten Sie für die wichtigsten? Der Sinn des Lebens ist, deinem Leben einen Sinn zu geben. Mach deinen persönlichen Tiefpunkt zum Anfang von etwas Neuem. Sei die Veränderung, die du dir für dein Leben wünschst. Erfülle keine Erwartungen, folge dir selbst. Wähle deine Schlachten weise. Wenn du ein kleines Problem in ein großes verwandeln willst, dann verschieb es auf morgen. Nichts ist so wichtig wie jene, die immer an deiner Seite sind. Für mich stehen mein Sohn und meine Frau an erster Stelle. „Man muss anerkennen“, schreiben Sie, „dass es außerhalb der Familie niemanden gibt, auf den man sich verlassen kann.“ Das ist nieder schmetternder Pessimismus. Mein Menschenbild ist, dass jeder von uns erst einmal allein auf der Welt ist und nur sich selbst vertrauen sollte. Wer ist schon absolut loyal und wirklich für einen da? Ich könnte jeden meiner Freunde verstehen, der mich für seine Familie im Stich lässt, wenn es hart auf hart kommt. Ich würde es ja genauso machen. Nicht jede Freundschaft muss sich so anfühlen, dass man sich für den anderen von einer Klippe stürzen würde. Ich habe Freunde, die noch nie bei mir zu Hause waren.
„Ich würde jederzeit ein vegetarisches Produkt herausbringen.“ 43
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Haben Sie einen besten Freund? Ja, wir sind in vielem extrem unterschiedlich, aber wir spielen uns nichts vor, haben tiefes Vertrauen zueinander und wissen viel über die Seele und Probleme des anderen. Trotzdem ist es zwischen uns nicht wie im Kinderfilm, wo zwei Kumpels gegen den Rest der Welt stehen. So eine Freundschaft hatte ich nie. In Ihrem Buch entzaubern Sie den Mythos, auf der Straße gäbe es eine gerechtere Gegenwelt mit Solidarität und Gleichheit. Auf verklärende Ghetto-Storys reagiere ich allergisch. Ich habe früh gespürt, dass auf der Straße um Macht und Unterwerfung gekämpft wird. Die Werkzeuge heißen Angst, Einschüchterung und Gewalt. Die Unterdrückten lassen sich das gefallen, weil viele von ihnen selbst Unterdrücker werden wollen. Oft ist das gar kein bewusster Vorsatz – so wie Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, später ihre eigenen Kinder schlagen. Meine Eltern sind gebildet und waren lange Zeit hundertprozentige Kommunisten. Mein Vater saß wegen seiner Überzeugungen fünf Jahre lang in einem Folterknast in der Türkei. Er hat mir früh vermittelt, Unterdrückung sei etwas, was es zu bekämpfen gilt. In der Subkultur spiegeln sich die Hierarchien unserer Gesellschaft. Von utopischem Geist habe ich nie etwas gespürt. Warum sind Sie 2004 aus BerlinKreuzberg ins beschauliche Touristenmekka H eidelberg gezogen? Ich habe meine damalige Freundin auf einer Autobahnraststätte in der Nähe von Heidelberg kennengelernt, wo sie studierte. Für mich war das eine schicksalhafte Begegnung. In Berlin gab es außer meiner Familie nichts, was mich hielt oder gar glücklich machte. Ich hatte von der Stadt schlicht und ergreifend die Schnauze voll und habe durch meinen Umzug eine wichtige Lektion gelernt: Du kannst vor deinen Problemen weglaufen!
„Mein Rat ist: Lass dich nicht so einfach triggern.“ 44
„Auf verklärende Ghetto-Storys reagiere ich allergisch.“ Sie hatten 13 Jahre lang einen Berater, vor dem Sie vermutlich besser weg gelaufen wären. Ich habe dieser Person erlaubt, so viel Macht über mich zu erlangen, wie niemand über einen anderen Menschen haben sollte. Ich wollte blind vertrauen, aber das war ein kapitaler Fehler, denn dieser Mensch kannte jeden meiner Schwachpunkte genau. Man muss dem eigenen Gespür folgen, ob man sich wirklich gern mit einer Person trifft oder sich das nur vorspielt. Bei den ersten Warnsignalen muss man in die Kon frontation gehen. Weil ich stattdessen die Augen verschlossen habe und konfliktscheu war, trifft mich genauso viel Schuld wie ihn. Sie haben den Battle-Rap in Deutschland populär gemacht. In Ihrem Buch schreiben Sie: „Heute macht es fast niemand mehr unter der Behauptung, dass die Mutter des Gegners auf dem Strich arbeitet. Alles, was man sich aus den Fingern saugen kann, wird benutzt. Und der Zirkus drum herum spielt fröhlich die Begleitmusik. Schlagzeilen, Reaction-Videos, YouTube- Analysen: Vom Beef im deutschen Rap leben mehr Künstler als vom tatsäch lichen Beef auf ihren Tellern.“ Was Kampfsport dem Battle-Rap voraus hat, sind eine Arena, klare Regeln und ein Schiedsrichter. Kein Boxer zieht im Ring auf einmal ein Messer und sticht auf dich ein. Werde ich angegriffen, frageich mich zunächst, ob man das sportlich sehen sollte. Wenn beide cool damit sind, finde ich es okay, den anderen ein bisschen zu ärgern und daraus Entertainment zu machen. Die rote Linie ist, Menschen zu degradieren oder zerstören zu wollen, indem man dazu auffordert, sie zu ächten. Meine persönliche Strategie bei neun von zehn Angriffen ist: ignorieren! Abperlen
lassen! Der Angegriffene lässt schneller die Hüllen fallen als der Angreifer. Die wenigsten kommen damit klar, wenn ihre Angriffe auch nicht die winzigste Reaktion auslösen. Schweigen kann das stärkste Statement sein, weil die Leute denken: Der ignoriert diesen Vogel, weil der unter seiner Würde ist. Warum sollte ich mit gekränkten Reaktionen Leuten Relevanz verschaffen, die in meinen Augen keine haben? Ein Strategieberater könnte ein wenden: Wer auf Angriffe in den sozialen Medien nicht rechtzeitig reagiert, riskiert, aus einem Schneeball eine Lawine zu machen. Das Schlimme ist, dass die Leute immer noch nicht begriffen haben, dass dieses ganze Social-Media-Ding nicht echt ist. Dort werden Schauspiele inszeniert, die nach 48 Stunden niemanden mehr inter essieren. Zwei Tage sind die magische Zeitspanne, danach muss der Angreifer einen riesigen Aufwand betreiben, um die Sache künstlich zu strecken. Mein Ratschlag ist: Lass dich nicht so einfach triggern. So wie Udo Lindenberg den Deutsch rock begründet hat, sind Sie der Pionier des deutschsprachigen Rap. Was ließ Sie 1996 von englischen Texten auf deutsche umsteigen? In dem Jahr besuchte ich mit meiner damaligen Freundin die Band Living Legends in Oakland in Kalifornien. Wir chillten zwei, drei Wochen zusammen, und weil die Jungs gerade ihr neues Album bewarben, nahmen sie mich zu Radiostationen mit. Um ihre Coolness und Weltläufigkeit zu demonstrieren, baten sie mich, auf Deutsch zu rappen. Wenn ich englisch rappte, hieß es jedes Mal: „Das beeindruckt uns nicht. Jeder von uns kann Englisch, und wir rappen alle besser als du.“ Das war für mich ein Aha-Moment. Ich begriff, dass ich nur auf Deutsch die Leute beeindrucken kann, zu denen ich musikalisch oder textlich aufschaue. In Ihrem 1999 veröffentlichten Lied „Ihr müsst noch üben“ heißt es: „Nutte, blas zu Ende, meine Zeit ist knapp bemessen. Deine Mutter wartet draußen und will Penis in die Fresse.“ In welchem Gemütszustand ist Ihnen dieser Text eingefallen? Ich war damals absolut tiefenentspannt und fand das superwitzig, aber das ist THE RED BULLETIN
SPRITZIG
Kools Strategie bei persönlichen Angriffen: „Einfach abperlen lassen.“
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Deutschrap
22 Jahre her. Es wäre traurig, wenn mein damaliger Humor mein Humor von heute wäre. Herabsetzende Begriffe wie „Schwuchtel“ waren in Rap und Hip‑Hop lange gang und gäbe. Ich habe das Wort bestimmt schon einmal in Texten verwendet, aber im Jahr 2021 rede ich nicht mehr so – schon gar nicht, wenn mein siebenjähriger Sohn neben mir steht.
ZUHÖRER
„Ich höre mittlerweile lieber zu, als dauernd selbst zu quasseln“, sagt der King of Rap.
Rappen Frauen eigentlich mit, wenn Sie bei Auftritten „Ihr müsst noch üben“ anstimmen? Ja, sie kennen den Künstler Kool Savas und wissen, dass der Text nur unterhaltsamer Blödsinn ist, der emotionalisieren soll. Meine Mutter ist Pädagogin und Feministin und müsste den Text eigentlich inakzeptabel finden, aber auch sie sagt: „Na ja, ist ja nur Quatsch.“ Wenn Frauen nichts von mir kennen und zum ersten Mal ein Konzert von mir besuchen, kassiere ich bei derberen Songs allerdings schon einmal einen Mittelfinger. Das ist für mich auch völlig in Ordnung. Wer so etwas rappt, sollte bei einem Mittelfinger nicht anfangen zu heulen. Ihre Frau stammt aus dem Iran. Ist sie die schärfste Kritikerin Ihrer Texte? Nein, sie empfindet meine derberen Texte als lustigen Stumpfsinn und sagt: „Wie gut, dass meine Eltern Deutsch nicht so gut verstehen und du so schnell rappst. Es wäre mir unangenehm, wenn sie jedes Wort verstehen würden.“ Meine Frau ist auch deshalb super, weil sie mich nicht auf Biegen und Brechen ändern will. Werden Sie bei Streitigkeiten mit Ihrer Frau zum Battle-Rapper? Nein, ich mag keine langen emotionalen Aussprachen. Selbst in Filmen finde ich sie unangenehm und unnötig. Wenn meine Frau und ich ein Problem haben, lösen wir es mit ein paar klaren, einfachen Sätzen. Wer weiß, was Sache ist, muss nicht viele Worte machen oder Dinge dramatisieren. Oft sage ich zweieinhalb Sätze, und das war es dann für mich. Kennen Sie die Moderatorin und Rap‑Journalistin Visa Vie? Ja, sie ist eine Freundin von mir. Sie sagt, sie würde Monate brauchen, die Fälle von sexualisierter Gewalt in der deutschen Rap-Szene aufzu 46
„Ich habe Freunde, die Uhren für 300.000 Euro tragen.“ zählen, von denen sie weiß. Auch sie selbst sei ein Opfer. Meiner Erfahrung nach ist sexualisierte Gewalt kein Rap-typisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. In der High Society gibt es wahrscheinlich nicht weniger Vergewaltigungen. Da
gibt es Typen, die um einiges krasser drauf sind. Ich kenne wenig Rapper mit einem G eisteszustand, der mich ver muten lassen könnte, sie wüssten nicht, wo beim Umgang mit einer Frau die roten Linien verlaufen. Gendern Sie in Ihrem privaten Leben? Ich habe gehört, dass man eine Frau, die irgendwo zu Gast ist, nicht als Gast bezeichnet, sondern als Gästin. Vielleicht schaffe ich es, mir das in ein paar Jahren anzugewöhnen. Noch würde ich mir als Heuchler vorkommen, das Wort Gästin in den Mund zu nehmen. Die Frage ist doch, ob eine Unterscheidung einen konstruktiven Zweck erfüllt oder nicht. Wer von Astronauten spricht, sollte im selben Atemzug von Astronautinnen sprechen. Sonst könnte ein Mädchen denken, nur Jungs haben das Zeug, ins Weltall zu fliegen. THE RED BULLETIN
Warum beten so viele Rapper Geld und Reichtum an? Weil man es ihnen vorgelebt hat. Und weil sie noch nicht an dem Punkt waren, Geld zu haben und dann zu begreifen, dass Geld nicht glücklich macht. Wer ein tolles Auto und eine tolle Uhr hat, wird erst einmal respektiert. Aber wenn das abgehakt ist, muss etwas anderes dazu kommen, sonst bleibt dein Leben leer und oberflächlich. Ich kann jeden ver stehen, der aus einfachsten Verhältnissen kommt und Geld für ein großes Ziel hält. Es wäre arrogant, dem zu sagen, Geld sei nicht erstrebenswert. Rap ist mittler weile ultrakommerzialisiert und Materia lismus extrem verbreitet – so wie in der ganzen Gesellschaft. Rap ist heute keine superpolitische Sache mehr wie zu Zeiten von Public Enemy in den Achtzigern. Fühlen Sie sich reich? Mein Verstand sagt, ich habe ausgesorgt. Mein Gefühl sagt, ich werde noch lange hart arbeiten müssen. Was machen Sie mit Ihrem Geld? Ich habe Freunde, die Uhren für 300.000 Euro tragen. Das würde mir keine Sicherheit geben. Mein emotional bester Kauf war ein Seegrundstück in Brandenburg, das ungefähr so viel ge kostet hat wie eine dieser Uhren. Als ich den Kaufvertrag unterschrieb, hatte ich das großartige Gefühl, etwas für die Zukunft meines Sohnes getan zu haben.
MAKE-UP: SABINE HÖGERL/NINA KLEIN
Ihr Kollege Capital Bra, bürgerlich Vladislav Balovatsky, hat mit dem „BraTee“ einen Eistee und mit der „Gangstarella“ eine Tiefkühlpizza in mehreren Geschmacksrichtungen in den Supermarktregalen. Würden Sie so etwas auch machen? Natürlich. Ich bin seit dreißig Jahren Vegetarier. Ein vegetarisches Produkt rauszubringen, das zu mir passt, würde ich jederzeit machen. Sie haben Ihrem Vater zum 60. Geburtstag eine Rolex geschenkt. Wie hat er reagiert? Er hat sich schon gefreut, aber nicht wegen des Geldwerts. Meine Eltern sind Menschen, die von heute auf morgen auf all ihren Besitz verzichten würden, wenn dadurch die Welt besser werden würde. Sie halten den Kommunismus immer noch für das einzige Prinzip, das die Menschheit retten kann. Aber sie haben auch gelernt, cool damit zu sein, THE RED BULLETIN
„Meine Frau empfindet meine Texte als lustigen Stumpfsinn.“ dass ihr Sohn ihnen einen gewissen Komfort verschafft. Sie hatten einmal einen Porsche, einen Lamborghini und einen türkisen McLaren 570S mit Flügeltüren. Den McLaren habe ich nach zwei Mona ten zurückgegeben, weil er unmensch lich laut war. Den konnte man im Alltag nicht nutzen. Der war zu radikal. Wie groß ist Ihr Fuhrpark heute? Ich fahre einen 911er-Porsche, meine Frau hat einen Mercedes G 63 AMG, einen Geländewagen. Fürchten Sie manchmal, wegen Ihres gehobenen Lebensstils könnten Ihnen beim Texten Themen ausgehen, die Menschen dadurch berühren, weil diese ihr Leben gespiegelt sehen? Überhaupt nicht. Beim Texten beziehe ich meine Gedanken von überallher: Müll, den ich gucke, Scheiß, den ich höre, Alltagssituationen, die ich mitmache. Ich lebe ja nicht wie die Prinzessin auf der Erbse und werde den ganzen Tag rumgetragen. Ich bin deutlich wort karger als früher, weil ich mittlerweile lieber zuhöre, als selbst dauernd zu quasseln. Ich habe große Freude daran, eine Blumenverkäuferin nach ihrem Leben auszufragen. Meine Frau verflucht mich manchmal dafür und dreht mir den Rücken zu. Als Ihr Sohn noch in die Kita ging, hat er an Kinder Probefahrten in Ihrem Lamborghini verschenkt. Wie verhindern Sie, dass aus ihm ein Angeber und Großkotz wird? Wir versuchen, ihn in vielen Gesprächen immer wieder, so gut es geht, zu erden. Irgendwann wird er in den Sommerferien einen Job annehmen müssen, der ihm
zeigt, wie schwer Geld zu verdienen ist. In seinem Alter gibt es die Tendenz zu sagen: „20 Euro? Das ist doch überhaupt nicht viel Geld!“ Da muss ich ihn dann sehr bremsen und ihm irgendwie begreif lich machen, wie lange man für 20 Euro netto an der Kasse von McDonald’s arbeiten muss. Sie sind jetzt 46. Wollen Sie weiter machen, bis man Sie als meckernden Rap-Opa mit den Füßen voran von einer Bühne trägt? Mick Jagger ist Milliardär und steht immer noch auf der Bühne. Das ist doch das Geilste, was es gibt. Ich bin schon ewig ein riesiger Fan von Herbert Gröne meyer. Mit ihm einen Song zu machen ist ein großer Traum von mir. Er ist 65 und gibt nächstes Jahr 20-Jahre-„Mensch“Jubiläumskonzerte. Das finde ich bewun dernswert. Wie ich mich kenne, komme ich nicht drum herum, mit 65 immer noch Musik zu machen. Allerdings nicht mehr als Frontman. Ich bin nicht der Ultra-Star-Typ, der auf Fame und Gla mour aus ist und die ganze Zeit Applaus für sein Ego braucht. Eine Künstler schmiede gründen und junge Talente produzieren: Das wäre es! Gibt es einen Satz, der Sie im Leben begleitet und den Sie am liebsten ins Gehirn Ihres Sohnes einbrennen möchten? Es gibt zwei davon. Der eine lautet: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem anderen zu.“ Der andere stammt aus dem Film „Unbroken“ über den amerikanischen Leichtathleten und Weltkriegshelden Louis Zamperini: „Ein kurzer Moment des Schmerzes für ein Leben voller Ruhm.“ Man kann manchmal nicht garantieren, dass etwas nicht wehtun wird, aber wenn man es trotzdem macht, wird man sich hinter her besser fühlen und ein Leben lang etwas davon haben.
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KOOL SAVAS DIE 24 GESETZE
Kool Savas: „King of Rap – Die 24 Gesetze“, 368 Seiten, Verlag Droemer
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Mit 245 km/h durch die knapp neun Meter hohe Röhre: Dario Costa, 41, in seiner Zivko Edge 540 kurz nach dem Start im ersten der beiden ÇatalcaTunnels nahe Istanbul
SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL
PRÄZISIONSARBEIT
Kunstflug
Überflieger im Untergrund
Mit dem Flugzeug durch zwei Autotunnel: Wie der Italiener DARIO COSTA eines der waghalsigsten Manöver der Luftfahrtgeschichte durchzog. Und in 44 Sekunden fünf Weltrekorde knackte. Text JUSTIN HYNES
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Kunstflug
„Solche Flüge gibt es im Action-Kino als Computer-Animation. In echt hat es noch niemand probiert.“
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Wenn der Flug gelingt, dann purzeln gleich ein paar Weltrekorde: erster (und längster) Flug durch einen Tunnel, längster Flug unter einem festen Hinder nis, plus zwei weitere Pioniertaten. „Ich werde im Inneren des ersten Tunnels abheben und dann durch den zweiten Tunnel fliegen“, erklärt Costa. Warum der Start im Tunnel? „Weil es eine Schande wäre, es nicht zu probieren.“ Doch je mehr man ins Detail geht, desto teuflischer wird die Aufgabe. Zum Beispiel ist die Zivko Edge 540 – eine Kunstflugmaschine, die Dario benützt – ein Heckrad-Flieger: „Das bedeutet, dass ich beim Start mit der Nase nach oben dastehe. Ich kann nicht nach vorn sehen. Am Anfang bin ich im Blindflug unterwegs. Ich muss sehr präzise sein, um den Tunnelwänden nicht zu n ahe zu kommen.“
TÜRKEI SCHWARZES MEER Bosporus
Tunnels Çatalca
ISTANBUL
MARMARAMEER Rekord-Ort: Die Çatalca-Tunnel liegen westlich von Istanbul.
MARCIN KIN/RED BULL CONTENT POOL
H
alb fünf Uhr an einem kühlen September morgen in Istanbul. Tief in einem der beiden Çatalca-Tunnels nahe der türkischen Metropole steigt Dario Costa aus seinem Wohnwagen. Wo sonst der Verkehr brodelt, herrscht jetzt gespenstische Leere: Die Tunnels sind in Vorbereitung dessen, was heute statt finden soll, gesperrt worden. Costa fährt die Strecke langsam mit dem Fahrrad ab, zuerst einen halben Kilometer durch den ersten Tunnel, er gleitet über die mondbeschienene Zwi schenpassage und taucht schließlich in den 1,7 Kilometer langen zweiten Tunnel ein. Schweigend mustert er ein letztes Mal die Abstände zwischen den Mauern, die Position der Ventilatoren an der Decke, die Elektrizitätsanlagen und die Beschilderung, bevor er kehrtmacht, um etwas zu versuchen, was vor ihm nur in der Fantasie von Actionfilm-Regisseuren und Comic-Autoren existierte: Er wird ein Flugzeug durch den Berg fliegen, nur 75 Zentimeter über der Straße, über ihm kaum vier Meter Platz. „Im Kino siehst du so etwas dauernd“, sagt Costa mit einem schiefen Lächeln, „aber das ist computergeneriert. In echt hat das noch niemand gemacht. Ich wollte einfach wissen, ob so es möglich ist.“ Wenn jemand so ein Kunststück schafft, dann er: Der 41-jährige Italiener ist ein Weltklasse-Kunstflugpilot, einer von nur zwölf handverlesenen Spezialis ten, die 2022 in der World Championship Air Race starten dürfen, dem Nachfolge bewerb der Red Bull Air Race-Serie.
AUGENMASS
Pilot Dario Costa inspiziert den ersten der beiden Tunnel für den Durchflug. Seine Maschine wird er später 75 Zentimeter über der Fahrbahn fliegen.
Kunstflug
Die Fakten
Der Rekordflug in Zahlen Gesamtstrecke: 2363 m Gesamtflugzeit: 43,44 sec Take-off: im ersten Tunnel Flughöhe: 75 cm Geschwindigkeit: 245 km/h Strecke im Freien: 343 m Erreichen des Tunnelausgangs: nach weiteren 11,51 sec
Dario Costa und seine Maschine, eine Zivko Edge 540: Der Start muss im Blindflug erfolgen.
Und diese Wände sind unfassbar nahe. „Da gibt es keinen Spielraum für Fehler“, sagt Costas Flugzeugmechaniker Anthony Hill. „Der Tunnel ist 6,72 Meter hoch, wenn Dario fliegt, beträgt der Abstand vom Fahrwerk bis zur Spitze des Leitwerks 2,25 Meter. Das heißt, dass er eine Flughöhe von 75 Zentimetern einhalten sollte.“ Hill weiter: „Der Tunnelbreite ist 16 Meter, die Flügelspannweite beträgt 7,5 Meter, also sind auf jeder Seite etwa 4 Meter Platz. Das ist ziemlich eng, wenn man bedenkt, dass Dario mit einem Tempo von rund 245 km/h unterwegs ist.“
Vater vom Iran nach Manchester in England, wo Dario geboren wurde. Bald danach übersiedelte die Familie nach Libyen, wo Darios Papa als Ingenieur arbeitete. Dort verortet Dario, damals gerade ein Jahr alt, seine ersten Erinnerungen an die Fliegerei. 43,44 sec
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5 Weltrekorde
„Es gibt keinen Platz für Ausweichmanöver.“
1. Längster Flug durch einen Tunnel: 1730 Meter, Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde 2. Erster Flug durch einen Tunnel 3. Längster Flug unter einem festen Hindernis: 1730 Meter 4. Erster Flug durch zwei Tunnel 5. Erster Flugzeugstart in einem Tunnel THE RED BULLETIN
LAURIE GREASLEY
Die letzten 150 Meter des Tunnels sind breiter.
EROS MAGGI
om Red Bull Air Race ist Costa enge Abstände gewohnt. Dort stehen die Pylonen, die die Piloten durchfliegen müssen, auch nur 10, 15 Meter auseinander. Doch die geben bei einer Kollision nach. „Im Tunnel gibt es riesige Belüftungsventilatoren, die Beleuchtung und Notausgänge“, sagt Costa. „Was mich noch nervöser macht, ist die Begrenzung nach oben, weil es keinerlei Platz für Ausweichmanöver gibt, wenn ich ein Problem habe. Und sollte ich mit den Rädern den Boden berühren, dann schleudert es mich an die Decke.“ Immerhin: Der Flug dauert nur 44 Sekunden. Doch genau genommen währt er schon, solange Dario denken kann. Im Jahr 1979, mitten im Chaos der Islamischen Revolution, flohen Costas persische Mutter und sein italienischer
Take-off: 6:43 Uhr Lokalzeit, Samstag, 4. September 2021
Take-off
Kamera-Helikopter
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Die Tunnelmaße
Platzangst für Fortgeschrittene Vier Fahrspuren, Gehsteigbreite auf jeder Seite: 1 Meter
Flugzeugbreite: 7,5 m Tunnelbreite: 16 m
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Flugzeughöhe: 2,25 m
Bis zu den Ventilatoren : 6,72 m
Tunnelhöhe: 8,85 m
Abstand von der Flügelspitze zur Mauer: 4 Meter
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Als die Costas schließlich nach Bologna zogen, hatte Dario die Begeisterung fürs Fliegen schon voll erwischt. „Fliegen war Freiheit“, erklärt er. „Wann immer ich in der Luft war, blendete sich alles andere aus – plötzlich war es, als wäre alles möglich.“ Aber die Träume von einer Karriere in der Luftfahrt erlebten eine unsanfte Landung auf dem Boden der Tatsachen. „Man sagte mir, dass ich nicht den passenden finanziellen Hintergrund dafür hätte. Es hieß immer: Das ist unmöglich für einen wie dich. Doch das motivierte mich nur noch mehr, allen zu zeigen, dass sie sich irrten.“ Costa sicherte sich einen Platz am Istituto di Istruzione Superiore „Baracca“, einer auf Luftfahrttechnik spezialisierten Schule nahe Bologna. Bereits mit sechzehn absolvierte er seinen ersten Soloflug. Aber weil ihm das Geld für den Flugschein fehlte, schienen Darios Tage in der Luftfahrt gezählt. Doch er weigerte sich, das zu akzeptieren. „Ich arbeitete als Fischverkäufer, putzte Swimmingpools, heuerte als Gärtner an. Dann studierte ich Physik, was mir einen Job an meiner alten Schule einbrachte. Sie brauchten jemanden, der die Grundlagen der Aerodynamik lehrte.“ 53
Kunstflug
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ier Jahre vergingen, Costa beobachtete das Red Bull Air Race vom Rande her. Aber seine Geduld sollte sich auszahlen: 2018 wurde er zur Teilnahme an der Challenger Class eingeladen, jenem Be werb, in dem künftige World-Champion ship-Piloten zeigen, was sie draufhaben. Schon in seinem zweiten Rennen landete Dario Costa auf dem Podium. Im folgen den Jahr feierte er seinen ersten Sieg in Ungarn – als erster Italiener überhaupt. „Es hat mich 15 Jahre gekostet, aber ich hab’s geschafft“, sagt er stolz. Doch im gleichen Jahr kam der nächste Rück schlag – das Red Bull Air Race wurde für immer eingestellt. „Das war ein massiver Schock für mich“, sagt er unverblümt. In der Zeit danach stieg ein alter Traum an die Oberfläche seines Bewusst seins – eine Herausforderung, die die vielschichtige Bedeutung der Fliegerei einem breiteren Publikum zugänglich machen würde. Dario erzählt: „Zufällig meldete sich ein Bekannter von Red Bull Türkei. Er fragte, ob ich durch einen 54
„Ich fürchte mich jeden Tag beim Fliegen. Das ist es, was mich lebendig hält.“ Tunnel fliegen könne. Ich antwortete bloß: ‚Wenn du einen für mich findest, werde ich durchfliegen.‘“ Zurück in Istanbul, ließ Dario wissen, dass er jetzt bereit sei. Angst vor dem Risiko? „Ich fürchte mich jeden Tag beim Fliegen – das ist es, was mich lebendig hält“, sagt er. „Aber ich respektiere die Angst. Ich nehme sie, ich analysiere sie und versuche sie abzuschwächen. Ich mache einfach meine Hausaufgaben. So auch bei diesem Projekt: Natürlich habe ich Angst, aber ich fürchte mich weniger vor Dingen, die ich kenne. Wichtig ist, dass es keine großen Fragezeichen gibt.“ Die Vorbereitungen begannen im Jänner dieses Jahres mit einem intensiven Trai ningsprogramm im Red Bull Athlete Per formance Center in Thalgau, Salzburg. Zuständig für die mentale Fitness des Pi loten war York-Peter Klöppel, Chef der gleichnamigen Abteilung. „Diese Aufga be ist eine extreme Herausforderung, so wohl körperlich als auch geistig“, sagt der deutsche Sportpsychologe. „Um den körperlichen Aspekt haben wir uns mit einem unserer Kraft- und Konditionstrai ner sowie e inem Physiotherapeuten ge kümmert. Im mentalen Bereich haben wir uns auf die Verbesserung der Reakti onszeit konzentriert. Das System, das wir dazu verwenden, heißt ‚Sensory Station‘. Damit können wir ein Video des Tunnel flugs aus der Sicht des Piloten einspielen, dann muss er auf eine Reihe von Dingen reagieren, die auf dem Touchscreen auf poppen. Es gilt, physisch mit den Hän den darauf zu reagieren. Geht es um die Verbesserung der Reaktionszeit, sind zwei Teile wichtig. Erstens das, was wir Neuroplastizität nennen: Je öfter wir etwas machen, desto besser werden wir darin. Die Verbindun gen im Gehirn werden stärker. Beim zwei ten Teil geht es um den optimalen men talen Zustand. Dabei arbeiten wir an der Atmung, der Gedanken- und Gefühls kontrolle, was sicherstellt, dass sich der
SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL
Aber auch das war nicht genug, um die nötigen Flugstunden zu finanzieren. Da kam Dario wieder das Glück zu Hilfe: „Der Club, wo ich trainierte, brauchte einen Lehrer. Sie fragten, ob ich den Job im Austausch gegen Flugstunden ma chen würde – und ich bekam ein Stipen dium.“ 2003 machte Costa endlich den Flugschein, aber kaum hatte seine Kar riere in der kommerziellen Luftfahrt be gonnen, war sie schon wieder zu Ende. „Ein Freund zeigte mir ein Video vom Red Bull Air Race. Ich dachte nur: ‚Halt dich nicht mir Airline-Jobs auf; das ist schließlich nicht das, wovon du als Kind geträumt hast.‘ Danach wollte ich es nur noch dorthin schaffen.“ Costa absolvierte die Fluglehrer-Aus bildung und bemühte sich um eine Kunst flug-Berechtigung. Dann übersiedelte er nach Mailand, wo er zum Chef-Instruktor des „Aero Club Milano“ aufstieg. In dieser Rolle fand Dario endlich die Möglichkeit, seine Fähigkeiten auf das beim Air Race erforderliche Level zu schrauben. „Sie hatten dort 40 Flugzeuge und flogen tau sende von Stunden pro Jahr, so konnte ich mich verbessern.“ Nach dem Gewinn der italienischen Kunstflug-Meisterschaft 2013 kam endlich der ersehnte Anruf. Leider nicht mit dem erhofften Inhalt. „Red Bull Air Race bot mir einen Job als Flight Operation Manager und Entwick lungspilot an“, erinnert sich Costa.
THE RED BULLETIN
DER FLUG IN BILDERN
Darios Husarenstück aus Heckund Cockpit-Kamera-Perspektive: 14 Monate Vorbereitung münden in einen Flug von nicht einmal einer Minute, bei dem alles passen muss. THE RED BULLETIN
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Kunstflug
„Was ich bei 245 km/h im Tunnel fühlen werde? Frieden.“ angefertigt, um zu sehen, was passieren würde. Das beginnt mit der Lufttemperatur. Die Dichte der Luft hängt von ihrer Temperatur ab. Wenn es da große Unterschiede gibt – zum Beispiel beim Herausfliegen aus dem ersten Tunnel oder beim Hineinfliegen in den zweiten, spürt der Pilot das wie eine Bodenwelle. Wenn er darauf nicht gefasst ist, kann das gefährlich werden.“
GESCHAFFT!
Costas Zivko Edge 540 bei der triumphalen Himmelfahrt nach dem zweiten Tunnel
Pilot vor dem Reaktionstraining in einem perfekten mentalen Zustand befindet. Das macht einen riesigen Unterschied.“ Costa ist von der Wirkung des Trainings überzeugt. „Als ich angefangen habe, war meine Reaktionszeit 450 Millisekunden. Jetzt erreiche ich 210.“ Seine Liebe zum Detail gebot es auch, sich mit dem Verhalten des Flugzeugs im Tunnel zu beschäftigen. Dafür nahm Dario die Hilfe von DI Dr. Andreas Flanschger vom Unternehmen Bionic Surface Technologies in Anspruch. „Wir haben computergestützte Modelle verwendet, die sonst den aerodynamischen Effekt auf Formel-1-Autos berechnen“, sagt Flanschger. „Wir haben digitale Modelle des Flugzeugs und des Tunnels 56
MISSION ACCOMPLISHED
Dario Costa, unmittelbar nach dem Rekordflug: In diesem Moment überwältigten ihn die Gefühle.
Dario Costa erfüllte sich seinen Traum vom Tunnelflug am 4. 9. 2021. Für das Video einfach den QR-Code scannen. THE RED BULLETIN
EROS MAGGI/RED BULL CONTENT POOL, SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL
D
amit nicht genug: Auch die Luft, die der Flieger durch seine Vorwärtsbewegung verdrängt, kommt in Form von kleinen Schockwellen zurück, die seine fragile Balance stören können. Flanschgers Simulationen berechneten exakt, wann diese auftreten. „Dario wird vier zusätz liche Stöße im Tunnel bekommen, zu ganz b estimmten Zeiten. Aerodynamisch sind sie nicht wirklich kritisch, aber der Pilot sollte wissen, dass und wann sie kommen. Jetzt ist er darauf vorbereitet.“ Doch irgendwann ist alle Theorie grau. Jetzt, nach 14 Monaten penibler Vorbereitung, geht es um 44 Sekunden präziser, bahnbrechender Praxis. „Was ich in diesen 44 Sekunden fühlen werde? Frieden!“, meint Costa lächelnd. „Das ist die Belohnung. Es sind bloß die letzten 44 Sekunden von über einem Jahr Arbeit von so vielen Menschen. Ich möchte jetzt beweisen, dass sich all das gelohnt hat.“ Jetzt aber los. „In dem Augenblick, in dem ich abhebe, lenkt mich nichts mehr ab. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, in einem Tunnel zu fliegen. Aber in diesen 44 Sekunden werde ich vermutlich nichts anderes spüren als Stille. Genau wie seinerzeit, als ich ein Kind war, wird sich alles andere ausblenden. Und alles ist wieder möglich.“
TUNING TROPHY GERMANY NEUE SERIE MONTAG 21:15
Triathlon
Die Menschwerdung der Maschine Ryf Die Schweizerin DANIELA RYF gilt als Extremistin der Triathlon-Szene. Nun krempelte die vierfache Iron-Man-Siegerin ihr Leben komplett um. Ein neues Haus, der Verzicht auf einen Trainer und eine radikal ehrliche Sicht auf ihr Leben. Sie sagt: „Hinter meinen Leistungen steckt eine sensible Frau.“ Text CHRISTOF GERTSCH
JANOSCH ABEL
BLICK NACH VORN
Triathlon-Weltstar Daniela Ryf, 34, am St. Moritzersee in der Schweiz: Die „eiserne Lady“ will Gefühle zeigen.
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ALLES FLIESST
Daniela Ryf beim Schwimmtraining in Tulsa, Oklahoma, USA: Trotz Quallenstichen kraulte sie der Konkurrenz davon.
„Es machte mir zu schaffen, dass die Leute dachten, ich hätte keine Schwächen. Ich glaubte, ich dürfe wirklich keine haben.“ 60
THE RED BULLETIN
Triathlon
Rennrad-Kilometer abspulen im Trainingslager in den USA: Von 2015 bis 2018 gewann Daniela Ryf den Ironman auf Hawaii.
TALBOT COX
A
ls Daniela Ryf im Oktober 2018 den Ironman Hawaii gewann, einen der härtesten Sportwettkämpfe der Welt, fühlte sie sich zunächst, als wäre alles wie zuvor. Es war ihr vierter Sieg hintereinander, was sollte auch groß anders sein? Gut, sie hatte mit 8:26:16 Stunden den Streckenrekord aufgestellt, obwohl sie beim Einschwimmen kurz vor dem Start von einer Qualle gestochen worden war und unter den Achselhöhlen lange höllische Schmerzen litt. Sie war sogar so schnell geschwommen, gefahren und gerannt, dass sie am Ende nicht nur alle Frauen weit hinter sich ließ, sondern auch die meisten Männer. Manche sagten, Daniela Ryf habe an diesem Tag das Unmögliche möglich gemacht. Sie hatte, bei aller Pein, ihren Sport so leicht wirken lassen, dass man tatsächlich kurz denken konnte, nur hierfür sei der Mensch erschaffen worden. In all den Jahren, die ihre Karriere bis dahin schon
THE RED BULLETIN
dauerte, war das die außergewöhnlichste Leistung von Daniela Ryf: dass bei ihr harte Arbeit oft wie Zauber aussieht. Auf Hawaii schien sie in manchen Momenten sogar mit der Natur, durch die sie sich fortbewegte, zu verschmelzen, mit der Bucht vor Kailua-Kona ebenso wie mit der Lavawüste und der Kona- und Kohala-Küste. Und doch war nach diesem vierten Sieg nichts wie zuvor. Denn in den Wochen nach dem Rennen fragte sich Ryf immer häufiger: „Was will ich jetzt eigentlich noch?“ Es ist die Frage, die im Sport normalerweise das Ende einläutet. Wie soll man denn noch länger das brutale Training auf sich nehmen, wenn man darin keinen Sinn mehr erkennt?
Ryf fragte sich: Kann man Höchstleistung und Spaß verbinden?
Seit mittlerweile anderthalb Jahrzehnten führte die Schweizerin Daniela Ryf das Leben einer Spitzensportlerin, bestimmt durch den immer gleichen Dreiklang: trainieren, essen, schlafen, trainieren, essen,
schlafen. Jetzt ließ sie die Frage, was der Zweck von alldem ist, nicht mehr los. Sie hatte keine Antwort. Sie dachte an ihre Landsfrau Natascha Badmann, die den Ironman Hawaii zwischen 1998 und 2005 unglaubliche sechs Mal gewonnen hatte. Beim Schwimmen spielte Badmann mit den Fischen, beim Velofahren strahlte sie über das ganze Gesicht, beim Laufen hörte sie die Vögel zwitschern. Bei Badmann hatte Sport etwas Übersinnliches. Triathletin zu werden war für sie der letzte Ausweg gewesen aus einer dunklen Sackgasse, in die das Leben sie geführt hatte. Doch als Ryf versuchte, sich Badmann zum Vorbild zu nehmen und die Wettkämpfe fortan nicht nur zu gewinnen, sondern auch zu genießen, scheiterte sie. Sie konnte die beiden Gegensätze – Höchstleistung und Vergnügen – einfach nicht miteinander verbinden, und sie merkte: Sie wollte das auch gar nicht. Die beste Leistung erbringt Daniela Ryf nicht lachend, sondern wenn sie ein ernstes, fast grimmiges Gesicht aufsetzt, sodass sie in eine tiefe Trance gerät. 61
Triathlon
Ryf will den Ironman 2022 als rundum erneuerte Athletin gewinnen
Daniela Ryf erkannte, dass in ihrem Leben wenig Platz für anderes ist, so viel Raum beansprucht der Sport. Sie nahm ihr Studium in Lebensmitteltechnologie wieder auf, machte eine Weiterbildung in Angewandter Psychologie, schrieb dafür eine dreißigseitige Selbstreflexion. Sie beschäftigte sich mit sich selbst, aber auch mit Themen, die über sie hinaus reichen, sie dachte über den Kapitalismus nach, das Schulsystem, über Spitzensport und das allgegenwärtige Leistungsprinzip. Ist das die beste Art zu leben? Oder wären wir unter anderen Bedingungen glücklicher? Daniela Ryf liebt Sport noch immer, aber nach so langer Zeit an der Weltspitze
„Ich hatte als Kind null Selbstvertrauen. Der Sport hat das geändert.“ gab sie einmal der Möglichkeit Raum, das System, das sie geformt und groß gemacht hatte, zu hinterfragen. Warum sind die Menschen im Sport nicht acht samer sich selbst gegenüber? Warum glauben so viele, dass erfolgreich ist, wer sich nur ausreichend quält? Warum sind psychische Probleme kaum Thema und wird der Druck vor großen Wettkämpfen kleingeredet? „Der Sport hat mir viel gegeben“, sagt sie, als wir uns an einem Abend im August 2021 lange unterhalten, wenige Tage bevor bekannt wird, dass der Ironman Hawaii wegen der Corona-Pan demie auch dieses Jahr nicht stattfindet. „Ich lernte schöne Orte, liebe Menschen und extreme Empfindungen kennen, und ich erarbeitete mir ein Selbstwertgefühl, wie ich es als Kind nicht für möglich gehalten hätte: Ich hatte null Selbst vertrauen. Der Sport hat das geändert.“ Aber? „Schaue ich zurück, bin ich stolz auf meinen Weg. Doch ich bin auch froh, dass ich ihn nicht ein zweites Mal gehen muss. Ich zweifle, dass mir alles noch einmal so gut gelingen würde. Sieg und Niederlage waren in meiner Karriere
Ryf trainiert oft allein, wie hier am See in St. Moritz: Sie möchte das Leben als Sportlerin und ihr normales Leben nicht allzu sehr vermischen.
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oft näher beieinander, als man von außen vielleicht dachte. Es gab Momente, in denen ich Angst hatte und es schwierig fand, hinzustehen und zu sagen: So, jetzt gebe ich Vollgas! Es war nicht immer leicht.“ Ihre kommenden Wettkämpfe wird Daniela Ryf mit ihrem alten Ziel be streiten – „Ich würde die Vorbereitung nicht auf mich nehmen, wenn ich nicht gewinnen wollte“ –, aber als rundum erneuerte Athletin. Man kann sagen: Sie hat sich befreit. Daniela Ryf will nicht mehr die Un antastbare sein, an der scheinbar alles abprallt, die eiserne Lady, vor der sich die Gegnerinnen fürchten. Sie möchte nach wie vor gern überlegen siegen, aber sie will nicht länger so tun, als könne ihr nichts etwas anhaben. Sie will darüber reden, dass auch eine Hochgejubelte wie sie Schwächen hat, dass auch ihre Kar riere dunkle Momente bereithielt, dass auch sie traurig war. Sie möchte kein Geheimnis mehr daraus machen, dass sie auch nach vielen Jahren Spitzensport jedes Mal bei Saisonbeginn wieder zweifelt, ob sie fit genug ist. Daniela Ryf will Mensch sein, nicht Maschine. Sie will nicht die Athletin sein, zu der sie selbst, aber vor allem die Öffentlichkeit sie gemacht hat.
„Die Fans sollen wissen, dass wir keine Maschinen sind“
Sie sagt: „So viele Leute meinen, ich würde mich fürs Leben gern quälen, am liebsten rund um die Uhr trainieren. Ich weiß, dass ich dieses Bild gefördert habe. Denn wenn alle glauben, ich sei die Stärkste, sei unschlagbar, dann glauben es auch die Gegnerinnen, und irgendwann glaube es sogar ich. Aber ich habe gemerkt, dass es schlecht für mein Wohlbefinden ist, wenn ich anderen und besonders mir selbst etwas vormache. Es machte mir zu schaffen, dass die Leute dachten, ich hätte keine Schwächen. Ich glaubte dann immer, ich dürfe tatsächlich keine Schwächen haben, das setzte mich unter Druck. Im Sport geht es ums Gewinnen, aber doch nicht im Leben.“ Daniela Ryf hat den Weg der radikalen Ehrlichkeit eingeschlagen. Aber nicht nur für sich, sie geht ihn auch für all jene, die sie als Vorbild betrachten. „Für das zwölfjährige Mädchen mit Selbstzweifeln, das zu Sportlerinnen und Sportlern aufschaut, ist es wichtig zu wissen, dass wir keine Maschinen sind, dass hinter den extremen Leistungen, die ich vollbringe, eine sensible Frau steckt.“ THE RED BULLETIN
JANOSCH ABEL
Sie nennt es ihr angry bird face. Das war der erste Schritt: zu erkennen, dass sie nicht so sein muss wie andere. Wer aber war Daniela Ryf? Geschwächt von einem Magen-DarmInfekt in den Tagen vor dem Rennen, beendete sie den Ironman Hawaii 2019 abgeschlagen auf Platz 13. Die Nieder lage motivierte sie neu, sie nahm sich vor, im nächsten Jahr wieder den Sieg anzustreben. Doch dann kam die Corona- Pandemie, und es kamen Leere und Langeweile, weil alle Wettkämpfe abgesagt wurden. Und die Frage, mit der sich Ryf seit mehr als einem Jahr beschäftigte, wurde lauter und drängender: Was will ich jetzt eigentlich noch? Die Pandemie fügte eine Frage hinzu: Was wäre ich ohne Sport?
. r e h c i s t s i s e n i E . t k r i w n e f Imp Infektionen nach Impfstatus 12 – 17 Jahre 300
285,07 Nicht (vollständig) geimpft
250 200 150 100 50
22,13 1.7.
8.7.
15.7.
22.7.
29.7.
6.8.
13.8.
20.8.
27.8.
Vollständig geimpft
02.9.
7-Tage-Inzidenzen, Datenstand 03.09.2021, Datenquellen EMS/AGES-Covid-19 Datenbank und e-Impfpass
Die Zahlen zeigen ein deutliches Bild: Die Corona-Schutzimpfung verhindert einen Großteil der Infektionen, schützt sehr effektiv gegen schwere Krankheitsverläufe und bremst die Weitergabe des Virus.
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Triathlon
STARK, NICHT UNSCHLAGBAR
Ryf nach dem Schwimmtraining in St. Moritz: „Motiviert sein setzt voraus, dass ich akzeptiere, wer ich bin.“
Die letzten Monate brachten viel Neu es. Daniela Ryf trennte sich von Brett Sutton, ihrem langjährigen Trainer (blieb ihm aber freundschaftlich verbunden). Sie baut sich jetzt ein Haus. Und in einem großen Interview in der „Schwei zer Illustrierten“ erzählte sie, dass sie sich nicht nur in Männer, sondern auch in Frauen verlieben kann.
Statt Likes auf Social Media jagt Ryf ein „wahnsinniges Gefühl“
Eine abschließende Antwort auf die Frage, was sie im Sport jetzt eigentlich noch will, hat sie vielleicht nicht ge funden. Aber eine, die ihr im Moment genügt: Sie hat sich eingestanden, dass sie auf Sport noch nicht verzichten kann. 64
Sie sagt: „Das ist nun sehr persönlich, aber wenn ich schon ehrlich sein will, dann richtig. Zu erkennen, was mich motiviert, setzte voraus, dass ich akzep tierte, wer ich bin. Ich verstand, dass ich schon immer einen Killerinstinkt hatte. Im Wettkampf will ich meine Gegnerin nen dominieren. Das ist ein Teil von mir: dass ich besser sein will als die anderen. Nicht im Leben, aber im Sport. Der Sport ist für mich ein Werkzeug, mit dem ich zeigen kann, woran ich gearbeitet habe. Das gibt mir extrem viel, es gibt mir einen Kick. Ein Sieg mehr macht mich nicht glücklicher, stellt mein Leben nicht mehr auf den Kopf. Aber ins Ziel zu kom men und zu wissen, dass ich abgeliefert habe – das ist ein wahnsinniges Gefühl.“
Daniela Ryf – auch das hat sie in den letzten Monaten erkannt – ist eine Wett kämpferin, die den Vergleich mit anderen auf den Wettkampf beschränken will. Sie ist kompetitiv und ehrgeizig. Wenn sie jedoch zu lange um Sportlerinnen und Sportler herum ist, wird es ihr zu viel. Sie trainiert oft allein, hält sich nur selten in den sozialen Medien auf. Es gibt das normale Leben und dann das als Sport lerin, und vermischen möchte sie die beiden Bereiche lieber nicht allzu sehr. Wenn sie sich heute fragen würde, was sie denn ohne Sport wäre, würde sie sagen: jemand ganz anderes. Mehr über Daniela auf Instagram: @danielaryf THE RED BULLETIN
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INNOVATOR
IDEAS FOR A B E T TE R FU T U R E
Wolfgang Hofer, Entwickler des Verfahrens der OMV, in seinem Labor in der Ra∞nerie Schwechat
Recycling
Ölquelle Müll Plastik besteht aus Rohöl. Was, wenn man es in hochwertiges synthetische Öl zurückverwandeln könnte? Eine neue Technologie der OMV macht nun Kreislaufwirtschaft für Plastikabfälle möglich.
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lastik ist aus unserem Alltag kaum wegzu denken. Aber das uni versell einsetzbare Material ist in Verruf geraten. Zu viel Mist hat sich angesammelt, der viel zu lange braucht, um endlich zu verrotten. Doch jetzt gibt es Hoffnung. Ein Verfahren, das derzeit auf dem Betriebsgelände der OMV in Schwechat getestet wird, könnte eine Kehrt wende einleiten, die alles ver ändert. Die Idee grenzt fast schon an Alchimie.
Grundgedanke: Plastik ist ein Erdölprodukt. Das paten tierte chemische RecyclingVerfahren, eine Eigenentwick
Das bei dem Verfahren gewonnene synthetische Öl ist Ausgangsbasis für neue hochwertige Kunststoffe.
THE RED BULLETIN
IN ALLER KÜRZE eBIKE, VOLL VERNETZT „Im Moment produziert unser Prototyp pro Minute aus 100 Kilo Kunststoff abfall 100 Liter synthetisches Öl.“
OMV AG, NORMAN KONRAD
Wolfgang Hofer, Advisor Plastic to Oil der OMV-Ra∞nierie Schwechat
lung der OMV-Ingenieure, macht aus Altplastik wieder frisches synthetisches Öl. Man dreht den chemischen Prozess quasi um. Die Vision einer echten Kreislaufwirtschaft beim Plastik ist damit greifbar geworden. Bis jetzt werden Kunststoffe auf mechanischem Weg re cycelt, also eingeschmolzen. Das Problem: Auf diese Weise wird relativ wenig Altplastik wiederverwertet. Beim patentierten OMV-Verfahren handelt es sich hingegen um chemisches Recycling, das den Wirkungsgrad massiv erhöht. Der Kunststoffabfall muss dabei gar nicht sortenrein sein und verliert bei der Wiederverwertung nicht an Qualität. Im Gegenteil: Das etwa aus Chipsverpackungen gewonnene synthetische Öl ist so hochwertig, dass es zu hochqualitativen neuen Kunststoffen – etwa für die Medizin- oder Lebens mittelindustrie – weiter verarbeitet werden kann.
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Fahrspaß, next Level: Beim E-Bike der Zukunft sind alle Komponenten digital verbunden.
ALLES IM FLOW Die eBike Flow App ist das zentrale Element des neuen, smarten Bosch eBike Systems – bestehend aus App, LED Remote, Display, Akku und Drive Unit. Die BikeKomponenten können so mit immer neuen Updates erweitert werden.
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Unter Strom Beschwerden, Schmerzen, Energiemangel? Dagegen hilft eine Mikrostrom-Behandlung: Sie lädt die Batterien des Körpers neu auf.
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eheimtipp aus der Werkzeugkiste von Andreas Breitfeld, dem Guru unter den deutschen Biohackern: Selbst optimierung durch Mikro strom. Und das steckt dahinter: Der wichtigste Energieträger in den Zellen heißt Adenosintriphosphat (ATP). Durch Stimulation mit Strom sehr niedriger Stärke lässt sich dieser vitalisierende Stoff verfünf- bis verachtfachen. ATP ist an allen physiologischen Prozessen beteiligt, bei denen Energie gebraucht wird. Die Erhöhung von ATP durch Mikrostrom hilft etwa gegen
Kopfweh und führt zu schnellerer Wundheilung. Die Stimulatoren gibt es ab circa 500 Euro (z. B. bei healyworld.net), Profigeräte sind erheblich teurer.
Ein professioneller Stimulator wie der B-E-St von JeeCee (o.) kostet satte 16.000 Euro.
PURE ÜBERSICHT Mehr Flexibilität: Die Bedieneinheit „LED Remote“ verbindet das eBike mit der eBike Flow App. So kannst du alle wichtigen Fahrdaten über dein Handy ab rufen und mit anderen Nutzern teilen. bosch-ebike.at
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Hoch die Räder! In New York erkämpfen sich Wheelie-Artisten auf ihren Bikes einen Platz in der City. In der Szene zählen Tricks, Respekt und eine ganz eigene Form von Freiheit. Fotos BEN FRANKE
Bike Life
STRASSEN-KÜNSTLER
Bike-Trickser Jae Milez im ashington Square Park in ManW hattan. Der New Yorker beherrscht den szenetypischen „Wheelie“ sogar ohne Vorderrad.
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„Ich habe schon verfeindete GangMitglieder gesehen, die nebeneinander Tricks vorzeigen. Unsere Bike‑Kultur ist ein positives Ventil.“ JAE MILEZ
Bike Life
AUSRITT VOR DER SKYLINE
New Yorks Bike-Life-Enthusiasten bei einer ihrer Gruppenfahrten. Hier über die Brooklyn Bridge
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Bike Life
HIER KOMME ICH!
Trick-Session in Chinatown: Bike-Life-Fahrer El Arte springt über seinen Kumpel Luis Banks.
STIL-IKONE Bike-Artist Obloxkz wuchs in der Bronx auf. Heute folgen ihm 18.000 Fans auf Instagram. Hier zeigt er seinen Lieblingstrick in Manhattan.
„Als ich die ersten WheelieFahrer sah, wusste ich, das ist mein Ding. CURLY, TRICK-FAHRERIN
IM GLEICHGEWICHT „Immer mehr Frauen sind in der Szene am Start“, sagt Trick-Fahrerin Curly, die hier einen eleganten Wheelie zeigt. THE RED BULLETIN
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Bike Life
GEMEINSAM STARK Die Regeln der Bike-Life-Szene sind einfach: Wer ein Rad hat und andere respektiert, ist dabei. Hier trifft sich die Gruppe zum Ausritt in Downtown Manhattan.
J
ae Milez braucht auf seinem Bike kein Vorder rad. Er fährt sowieso ausschließlich auf dem Hinterrad, also hat er es gleich ganz abmontiert. Wenn der 23-jährige mit den schwarzen Rastazöpfchen seine Lenkstange hochzieht, schlängelt er sich mühelos durch den dichten Verkehr Man hattans. Wheelie ohne Pause – und auch ohne Alternative. Ganz easy. Denn auf dem Hinterrad ist Jae Milez in seinem Element. Der „Wheelie“, also das Balancieren auf dem Hinterrad des Bikes, ist Erken nungszeichen und Ehrensache zugleich in der „Bike Life“-Szene von New York. Unter dem Begriff ist in den vergangenen Jahren eine neue urbane Subkultur ent standen. Meist sind es farbige Jugend liche, die das Tricksen auf dem Rad für sich entdeckt haben: nicht in erster Linie als umweltfreundliche Art, von A nach B zu kommen, sondern als Ausdrucks form und Lifestyle, um in der öffent 74
lichen Wahrnehmung Aufmerksamkeit zu erregen – und um einen Platz in der City einzufordern. New York ist nur eine von vielen US-Metropolen, die derzeit diese Nischenkultur erleben. In Newark, Boston, Philadelphia, Oakland oder Los Angeles spielt sich das Gleiche ab. Wenn Jae Milez mit seinen Freunden die Straßen zwischen der Bronx und der Wall Street unsicher macht, erregt das zuverlässig Aufsehen. Erstens, weil sie so viele sind. Die Schwärme, in denen die Radler bei ihren „Mass Rides“ in der Stadt auftreten, können sich schon mal über drei Blocks erstrecken. Zweitens, weil die Bike-Life-Grup pen eine ganze Palette von Tricks drauf haben: Da werden Pedale, Sättel und Lenkstangen spielerisch in akrobatische Figuren eingebaut, da schleifen Hände am Boden, und immer ist das Vorderrad in der Luft. Meist stacheln sich die Fahrer gegenseitig zu immer neuen Höchst leistungen an. Die Bike-Life-Szene lebt von Individualisten, die aber den gegen seitigen Support hochhalten.
Klar erregen die Biker-Gruppen Aufsehen. Ihre Schwärme erstrecken sich oft über drei Blocks. THE RED BULLETIN
FLÜÜÜGEL FÜR DEN WINTER. MIT DEM GESCHMACK VON GRANATAPFEL.
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BELEBT GEIST UND KÖRPER®.
Bike Life
“People judge us on what they see. I just wish they respected us like BMX riders” OBLOXKZ
GRUPPENFOTO Bike-Life-Fahrer Obloxkz (Mitte) mit vier seiner Kumpels im Abendlicht Manhattans: Besonders für schwarze Jugendliche geht es in der Szene auch um Sichtbarkeit.
Aber warum wurde ausgerechnet das Fahrrad zum Ausdrucksmittel? Das habe mit der weitgehend elitären Geschichte des Sportradelns in den USA zu tun, meint die amerikanische Stadt-Architektin und Bloggerin Taz Khatri: „Radfahrclubs haben Afroamerikaner, Amerikaner mit asiatischen Wurzeln sowie Arme und Ureinwohner die längste Zeit aus geschlossen.“ Jetzt sorgt Bike Life für ein starkes Gemeinschaftsgefühl in der Community. „Bikes vereinen alle“, sagt Jae Milez, „ich habe schon Gang-Mitglieder gesehen, die nebeneinander Tricks zeigen, nur wegen der Freude am Biken. Das ist ein absolut positives Ventil.“ Sein Kollege mit dem Künstlernamen Obloxkz, gern auch O genannt, ebenfalls aus der Bronx und seit vier Jahren mit von der Partie, meint: „Für mich bedeutet Biken Gemeinschaft und Familie. So drücken wir uns aus.“ O hat es ausdruckstechnisch inzwischen zu einer derartigen Meisterschaft gebracht, dass ihm 18.000 Fans auf Instagram folgen. 76
Seit drei Jahren hat er einen Sponsor – ein auf Street Bikes spezialisiertes Unternehmen aus Los Angeles. Obwohl bis jetzt Männer die BikeLife-Kultur ganz klar dominieren, haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Frauen der Bewegung angeschlossen, was ihr deutlich mehr Style und Flair verleiht. Die New Yorkerin Curly ist ein gutes Beispiel: 2017 hing sie gerade vor ihrem Block an der Lower Eastside herum, als ein paar junge Männer mit den Vorderrädern hoch in der Luft vorbeicruisten. „Das war eine Schicksalsbegegnung“, erinnert sich Curly. „Jetzt konzentriere ich mich ganz auf meine Tricks.“ Zugegeben, ganz einfach ist das nicht. Normalerweise dauert es zwei, drei Monate, bis man den Wheelie sicher beherrscht. „Zuerst fand ich mich nur peinlich, also habe ich allein auf einem Parkplatz geübt“, erzählt Curly. Aber der Support aus der Gruppe überzeugte sie dann doch. Mittlerweile balanciert sie ziemlich selbstbewusst auf dem Hinterrad durch ihre Stadt.
„Für mich bedeutet Biken Familie und Gemeinschaft. So drücken wir uns aus.“ OBLOXKZ, TRICK-FAHRER
WHEELIE-HELDEN
Für die Film-Doku zu New Yorks Bike Life-Kultur einfach den Code scannen. THE RED BULLETIN
GREEN CHOICE: OLYMP SETZT EIN ZEICHEN FÜR NACHHALTIGKEIT
WIR ARBEITEN TÄGLICH DARAN, UNSERE PRODUKTE NOCH NACHHALTIGER ZU MACHEN. ZAHLREICHE ARTIKEL IN UNSEREM SORTIMENT SIND BEREITS AUS ZERTIFIZIERTEN ROHSTOFFEN UND UMWELTSCHONEND GEFERTIGT – UND ES WERDEN STÄNDIG MEHR. DIESE PRODUKTE ERHALTEN AB SOFORT ALS ERKENNUNGSMERKMAL DAS LABEL GREEN CHOICE.
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D IS C O V E R T H E O LY M P AUTUMN STYLES 2021 O LY M P.C O M / A U T U M N / AT
OLYMP.MEN OLYMPMEN
OLYMP FACHHÄNDLER 1010 Wien Peek & Cloppenburg 1070 Wien Peek & Cloppenburg 1110 Wien Modepark Röther 1140 Wien Egger Mode 1180 Wien Wagner & Glass 1200 Wien Tom’s Männermode 1220 Wien Peek & Cloppenburg 2020 Hollabrunn Modehaus Schneider 2201 Gerasdorf Peek & Cloppenburg 2334 Vösendorf OLYMP Store Shopping City Süd • Peek & Cloppenburg 2500 Baden Herrenmoden Czaker • Modehaus Hanai 2640 Gloggnitz Mode von Leskovar 2700 Wiener Neustadt Modepark Röther • Peek & Cloppenburg 2752 Wöllersdorf Modehaus Sorelle Ramonda 2880 Kirchberg am Wechsel Köck Mode & Tracht 3133 Traismauer Herrenmoden Neuchrist 3240 Mank Kaufhaus Anderle 3244 Ruprechtshofen Modeszene Hackl 3250 Wieselburg Steinecker Moden 3263 Randegg Steinecker Moden 3300 Amstetten Steinecker Moden 3340 Waidhofen an der Ybbs Herrenmode Pöchhacker 3352 St. Peter in der Au Schenkermayr Moden 3380 Pöchlarn Steinecker Moden 3390 Melk Modeeck Martina Exel 3430 Tulln Stift Moden 3485 Grunddorf Fest- u. Modewelt Pichler 3500 Krems Steinecker Moden 3580 Frauenhofen/EKZ Horn Modehaus Zach 3830 Waidhofen an derThaya Ulrike Ramharter Mode 3910 Zwettl Modehaus Boden • Steinecker Moden 3950 Gmünd Shopping Center Ruzicka 4020 Linz Peek & Cloppenburg • Pro Kaufland 4061 Linz-Pasching OLYMP Store PlusCity • Peek & Cloppenburg 4070 Eferding Stöcker Mode 4160 Aigen-Schlägl Silandra Style 4160 Rohrbach Egger Moden 4190 Bad Leonfelden Hole CityStore 4311 Schwertberg Modehaus Kutsam 4320 Perg Modehaus Bogart 2.0 4400 Steyr Pfeiffer Moden 4400 Steyr/EKZ Hey Steinecker Moden 4470 Enns Modehaus Schmid 4560 Kirchdorf an der Krems Modehaus Kutsam 4642 Sattledt Modehaus Sorelle Ramonda 4710 Grieskirchen Moden Kastner 4761 Enzenkirchen Auzinger Mode 4780 Schärding Auzinger Mode 4810 Gmunden Herrenmode Schönleitner 4840 Vöcklabruck Kastner & Öhler 4870 Vöcklamarkt Modehaus Greinöcker 4910 Ried im Innkreis Kastner & Öhler 4933 Wildenau Modehaus Mittermayr 5020 Salzburg Modepark Röther • OLYMP Store Europark • Peek & Cloppenburg 5230 Mattighofen Gypser Mode und Tracht 5233 Pischelsdorf Modehaus Schwarzenhofer 5280 Braunau Atelier Milano 5580 Tamsweg Coop Shoppingcenter 5700 Zell am See Trendmaker Fashion & Lifestyle 5760 Saalfelden Mode & Textilwelten Lederer 6020 Innsbruck Mode von Feucht • Herrenmode Salchner • Kastner & Öhler • Kleider Mair • Peek & Cloppenburg 6060 Hall in Tirol Mode von Feucht 6130 Schwaz Mode von Feucht 6240 Rattenberg Gutschlhofer Moden 6300 Wörgl Mode von Feucht 6460 Imst FMZ Stigger Mode 6500 Landeck Auer 6706 Bürs Facona Fashion 6830 Rankweil Facona Fashion 6840 Götzis Modehaus Mayer 6850 Dornbirn Facona Fashion • Peek & Cloppenburg 6912 Hörbranz Facona Fashion 7132 Frauenkirchen Modehaus Lass 7350 Oberpullendorf Csitkovics Modehaus 7400 Oberwart Kastner & Öhler • Top Moden Balaskovics 7551 Stegersbach Pop-Shop 8010 Graz Kappaun Man • Kastner & Öhler 8041 Graz-Murpark Kastner & Öhler 8054 GrazWebling Modehaus Sorelle Ramonda 8055 Seiersberg OLYMP Store Shoppingcity • Peek & Cloppenburg 8160 Weiz Modehaus Laschober 8200 Gleisdorf Modehaus Roth 8230 Hartberg Modehaus Roth 8254 Wenigzell Moden Posch 8280 Fürstenfeld Höllerl-Moden • Kastner & Öhler 8330 Feldbach Modehaus Roth 8342 Gnas Goldmann Mode 8344 Bad Gleichenberg Modehaus Hufnagl 8430 Leibnitz Modehaus Roth 8431 Gralla-Kaufpark Kappaun Man 8490 Bad Radkersburg Herrenboutique Gollmann 8535 Fohnsdorf Kastner & Öhler 8582 Bärnbach/Rosental Kastner & Öhler 8642 Kapfenberg/St. Lorenzen Kastner & Öhler 8700 Leoben LCS Kastner & Öhler 8940 Liezen Kastner & Öhler 9020 Klagenfurt Peek & Cloppenburg 9400 Wolfsberg Kastner & Öhler 9500 Villach Kastner & Öhler 9800 Spittal an der Drau Kastner & Öhler OLYMP GROSSE GRÖSSEN 1060 Wien Hirmer ALLE PRODUKTE, BEZUGSQUELLEN UND INFORMATIONEN UNTER: OLYMP.COM
GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen
FLÜGELSPANNUNG
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Mit Kite-Profi Stefan Spiessberger zum Wingfoilen nach Wien
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GUIDE Reisen
„Zum Wingfoilen brauchst du nur ganz wenig Wind. Du musst nicht mal ans Meer fahren, um Spaß zu haben.“ Surf-Profi Stefan Spiessberger erzählt in eigenen Worten von einer neuen Sportart, die dich abheben lässt:
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ien ist ja nicht gerade als Destination für Surf-Urlauber bekannt. Dass ich auf der Neuen Donau aber innerhalb von drei Kilometern gleich zwei ganz unterschied liche Spots zum Wingfoilen gefunden habe, hat mich doch positiv überrascht. Kleiner Einschub: Wingfoilen ist eine Variation von Wind- und Kitesurfen. Den Antrieb liefert ein aufblasbares Segel, das man in den Händen hält. Weil das Board mit einem Tragflügel („Foil“) bestückt ist, kann das Segel klein und handlich sein. Das Areal unter der Brigittenauer Brücke kannte ich schon aus Erzählungen und von Videos. Die beiden mächtigen Pfeiler haben genau den richtigen Abstand, um den sogenannten Venturi-Effekt auszu lösen: Wenn der Wind aus Südost kommt, direkt die Donauinsel entlang, wird die Luft hier wie in einer Düse kanalisiert und komprimiert. Auf einer Fläche von der Größe eines Fußballfeldes kannst du selbst bei wenig Wind ordentlich beschleunigen und richtig hoch und spek takulär springen. Normalerweise kommt der Wind in der City aber aus Nordwest. Bei diesen Bedingungen hat eine kleine, aber feine Wing foil-Community bei der Kaisermühlen brücke und in der Kaisermühlenbucht in den vergangenen Monaten einen neuen
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„Selbst das Springen geht ganz simpel.“ Stefan Spiessberger erhebt sich aus dem Wasser der Neuen Donau in Wien.
Hier schwebt Stefan Spiessberger unter der Kaisermühlen-Brücke. Für S tabilität sorgt ein aufgeblasener Schlauch (Fronttube) an der sogenannten Leading Edge. THE RED BULLETIN
Stefan Spiessberger nutzte den City-Trip für stilsicheres Sightseeing (Bild oben: am Kahlenberg) auf seiner Brixton Cromwell 125: „Was ich zum Wingfoilen brauche, passt sogar auf ein Motorrad.“
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Stefan auf der Neuen Donau in Wien: Sein Segel ist ein ultrakompakter „Sky Wing“, 5 Fuß (etwa 1,50 m) lang, der Wind kann auf vier Quadratmeter angreifen.
Wien
Drei Spots zum Abheben Die besten Seen zum Wingfoilen in Österreich TRAUNSEE Stefan Spiessbergers Heimat bietet perfekte Bedingungen. „Ähnlich wie am Gardasee entstehen bei wolkenlosem Himmel thermische Winde. Zwischen den Bergen heizt sich Luft auf. Rund um Gmunden im Norden des Sees gibt es Flachland, von dort wird kalte Luft angesaugt. Weil das bei Schönwetter verlässlich passiert, ist der Traunsee bei Surfern so beliebt.“ NEUSIEDLER SEE Podersdorf ist bekannt für seine verlässlichen Westwinde: „Dass der Neusiedler See vergleichsweise flach ist, THE RED BULLETIN
Traunsee Neusiedler See Wolfgangsee
Österreich
stellt beim Foilen eine gewisse Herausforderung dar. Normal ist der Mast des Foils 75 Zentimeter lang. Aber man kann sein Material ja an die Begebenheiten anpassen und mit kürzeren Masten fahren, um nicht am Grund aufzusitzen.“ WOLFGANGSEE Vor allem bei schlechterem Wetter ein Hit: „Wenn es kühler wird, haben wir hier im Salzkammergut gute Westwinde. Dieser Spot ist vor allem bei den Wingfoilern aus Salzburg sehr populär.“
Spot etabliert. Schon bei einer mäßigen Brise von rund 20 Knoten (37 km/h) geht es hier zur Sache: Du kannst zwar nur kurze Schläge fahren – also ein, zwei Manöver, dann musst du schnell wieder umdrehen –, aber es ist lustig, diesen schmalen Kanal auszunutzen. Vor allem, wenn du die Umgebung auf dich wirken lässt: Daheim am Traunsee sehe ich überall die Berge, hier in Wien Hochhäuser. Erstaunlich ist: Du merkst am Wasser, dass diese Gebäude im Weg stehen, wenn der Wind zwischendurch dreht …
Die Kunst des Schwebens Ich habe meine Karriere als Windsurfer begonnen und bin seit langer Zeit Kite- Profi. Aber ich hatte ein Level erreicht, auf dem ich mich nur noch schwer weiter entwickeln konnte. In meiner erfolgreichsten Zeit war ich die Nummer 5 der Weltrangliste und damit bester Kitesurfer aus einem Binnenland. Jetzt erlebe ich wieder die gleiche Faszination wie früher: Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu, einen neuen Sprung, ein neues Manöver. Der größte Vorteil des Wingfoilens ist, dass relativ wenig Wind nötig ist. Da muss man nicht ans Meer. Das verdanken wir der Physik und der Technik: Um in Schwung zu kommen, genügt ein bisschen Wind im Wing. Sobald 87
GUIDE Reisen
Wien, Traunsee, New York Zum Wingfoilen brauchst du viel weniger platzraubendes Equipment als beim Wind- oder Kitesurfen; ich bringe mein ganzes Material sogar auf meine Brixton Cromwell, ein 125er-Motorrad. Kein Mast, kein Gabelbaum – und nicht der ewige Kampf mit den Leinen. Dieser Sport ist so einfach und auch ziemlich leicht zu erlernen! Selbst das Springen geht ganz simpel: Verlagere ich mein Gewicht auf den hinteren Fuß, steigt das Foil vorne auf, und ich hebe ab. Zum Landen verlagere ich das Gewicht auf den vorderen Fuß und drücke den Anstellwinkel damit 88
„Ich bin mit dem Ding schon über einen Gletschersee gedüst.“ Stefan Spiessberger, 32, mag die Vielseitigkeit des Wingfoil-Sports.
wieder nach unten. Beim Wingfoilen steht für mich der Spaß im Vordergrund. Ich bin jetzt 32. Ich habe meinen Lebensmittelpunkt wieder an den Traunsee verlagert und eine Surfschule eröffnet. Die 12, 13 Jahre davor war ich mit der World Tour unterwegs. Aber mittlerweile reizen mich die Wettkämpfe an den immer gleichen Spots nicht mehr so sehr wie früher. Ich fokussiere mich lieber auf Fotound Videoproduktionen. Und ich genieße meine Freiheit, an ungewöhnlichen Orten wie vor der Freiheitsstatue in New York zu kiten oder – wie im Vorjahr – mit meinem Wingfoil über einen Gletschersee im Ötztal zu düsen. Wien hat mir auch getaugt, die Spots auf der Neuen Donau sind eine echte Alternative zum Neusiedler See. Aber mein Lieblingsspot bleibt der Traunsee, da bin ich schließlich daheim. Weitere Infos: wing-surf.at stefanspiessberger.com THE RED BULLETIN
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du in Bewegung bist, wird das Foil unter dir angeströmt, und das Brett hebt sich aus dem Wasser. Wenn du auf dem Foil surfst, erzeugt dein Brett keinen Widerstand mehr auf der Wasseroberfläche. Der Druck von unten und der Wind im Wing erzeugt genug Vortrieb, damit du über dem Wasser schwebst.
HANNES KROPIK
Luft und Wasser: Stefans 75 Kilo schweben auf seinem Wingfoil schwerelos über der Neuen Donau.
Spitz die Ohren The Red Bulletin gibt’s nun auch zum Anhören: inspirierende Interviews, scharfe Porträts, abenteuerliche Reportagen. Jeden Mittwoch – überall, wo es Podcasts gibt. Jetzt reinhören und gleich abonnieren.
Plus:
MICHAEL KÖHLMEIERS Kolumne Boulevard der Helden als Podcast-Serie
GUIDE Gaming Fast wie in echt: In „Riders Republic“ erkunden Spieler auf Bikes oder im Wingsuit hyperreale Welten.
und sogar mit dem Snowmobil erforschen. Im MultiplayerModus sind zudem auch Wettkämpfe möglich.
Fühlt sich an wie echt Die Entwickler des Videospielherstellers Ubisoft haben die jeweiligen Landschaften mit ihrer Flora und Fauna sowie die Bodenbeschaffenheit unheimlich realistisch hinbekommen. Dazu gibt es Gerät und Ausrüstung von angesagten Marken wie Santa Cruz, Specialized oder YT. Unterm Strich: ein gigantischer digi taler Spielplatz für (virtuelle) Adrenalin-Jünger.
Atmen wie die Profis
Im neuen Ubisoft-Game wirst du Action-Sportler. Mit Herzrasen, aber ohne Risiko. Nur eine Handvoll Mountain biker – heuer sind es 15 – darf jedes Jahr am Red Bull Rampage teilnehmen. Mit gutem Grund: Die meisten Sportler wären mit den Anforderungen des legendären MountainbikeFreeride-Events heillos überfordert. Die Fahrer stürzen sich von einer winzigen Plattform in 240 Meter Höhe fast senkrecht über die Felsen des Zion-Nationalparks im USBundesstaat Utah. Außerdem gibt es keinen fixen Kurs. Die Teilnehmer „schnitzen“ sich ihre Strecke mit Schaufeln und Hacken selbst aus dem Sandstein. Entsprechend spektakulär ist die Veranstaltung für Zuschauer: Legendär ist etwa der 18-Meter-No-Hander90
Jump von Kyle Strait aus dem Jahr 2013 oder Nicholi Rogatkins Sturz von einen neun Meter hohen Felsen im Jahr 2015, nach dem er sich abputzte und seinen Lauf ungerührt fortsetzte.
„Es ist, als würdest du bei Red Bull Rampage fahren.“ Rémi Salomon, Videospiel-Designer
Ab in den Nationalpark Selbst teilnehmen? Nicht mal dran denken: Selbst für die meisten Profis ist Red Bull Rampage eine Spur zu steil. Doch nun können wir alle die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, in Utah am Start zu stehen: Im neuen SportGame „Riders Republic“ kann Red Bull Rampage nachgespielt werden – und das ist nur ein Abenteuer in der virtuellen Extremsport-Welt. Neben Zion können sechs weitere US-Nationalparks ausgewählt werden – Yosemite, Bryce Canyon, Grand Teton, Canyonlands, Sequoia und Mammoth Mountain –, wobei die Spieler die Gegend nach Lust und Laune mit dem Bike, per Ski oder Snowboard, in Wingsuits
Positiver Stress Die größte Schwierigkeit sei es gewesen, sagt Salomon, die Art Anspannung beim Spieler zu erzeugen, die so eine Erfahrung erst prickelnd macht. „Wir haben die StressSituationen ganz genau analysiert“, erklärt der Entwickler. Das Ziel: „Obwohl das Spiel natürlich komplett ungefährlich ist, soll es sich doch gefährlich anfühlen.“ „Riders Republic“ ist ab 28. Oktober für PS4, PS5, Xbox One und Series X/S, Google Stadia und Microsoft Windows erhältlich. ubisoft.com THE RED BULLETIN
STU KENNY
Spielplatz extrem
UBISOFT ANNECY
„RIDERS REPUBLIC“
Um die Atmosphäre beim Red Bull Rampage zu simulieren, griffen die Programmierer auf Aufnahmen von Helmkameras der Teilnehmer zurück. „Das war ein unglaubliches Werkzeug“, sagt Spieldesigner Rémi Salomon. „Wir haben das Atmen und die Reifen geräusche da herausgenommen, um das richtige ‚game feel‘ zu generieren.“ Nachsatz: „Es ist, als würdest du wirklich beim Rampage fahren.“
A NZ EIGE
must-haves
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1 ZEIT FÜR SONNENPOWER
Die Garmin Fenix 6X Pro Solar ist die GPS-Multisport-Smartwatch für alle, die das Beste in sich entdecken wollen. Inspiriert von Athleten, bietet sie alle Features, die man für Sport- und Outdoor-Aktivitäten benötigt: Karten, Musik, Pace-Überwachung und vieles mehr. Dazu nutzt das 1,4 Zoll große Power Glass™ Display das Sonnenlicht, um die Akkulaufzeit für große Entdeckungstouren zu verlängern. garmin.com
2 STYLE TRIFFT HIGHTECH
Die photochrome ACHTON XEp von MessyWeekend ist eine Hommage an den dänischen Polarforscher Achton Friis und wurde für extreme Gebirgsbedingungen entwickelt. Das selbsttönende Glas passt sich automatisch an die Licht- und Wetterbedingungen an und gewährleistet so stets die richtige Tönung. Das sorgt für beste Sicht, egal welche Wetterverhältnisse vorherrschen. messyweekend.com
3 VOLL IM FLOW
Geschaffen, um deine persönlichen Leistungen zu steigern: Der JBL Re flect Flow PRO überzeugt mit dem hauseigenen POWERFIN-Design der Ohrstöpsel für einen sicheren Sitz und ist nach IP68-Norm staub- und wasserdicht. Zudem hält dich der JBL Signature Sound bis zu 30 Stunden lang in Schwung, während das adap tive Noise-Cancelling dich vor un erwünschten Geräuschen abschirmt. jbl.com
4 GEMACHT FÜR ABENTEUER
Die COROS VERTIX 2 ist die erste GPS-Uhr mit dem All-Satelliten-Doppelfrequenz-Chipsatz der nächsten Generation. Er ermöglicht es der Uhr, mit allen fünf großen Satellitensystemen (GPS, GLONASS, Galileo, QZSS und Beidou) gleichzeitig zu kommunizieren. Vollgepackt mit praktischen Features wie topografischen Karten oder Musik und mit 60-Tage-Akkulaufzeit, ist sie bereit für jedes Abenteuer. de.coros.com
DAS DRACULA-RÄTSEL DER VAMPIR-SONG DER BAND WALLNERS Biss zum Schluss? Man weiß es nicht, man rätselt, ob der Feschak im Video zum aktuellen WallnersSong „Dracula“ zugebissen hat. Fix ist: Man bleibt bei der hypnotischen Reise durch die Nacht bis zum augenöffnenden Finale dran. Instagram: @wallners
SCHRILLE ERINNERUNGEN ALBERTINA: THE 80S. ANYTHING GOES Die 1980er-Jahre waren bunt, schrill und großartig. Wer sich erinnern kann, hat sie nicht erlebt, sagte Falco einst. Er irrte: Wer sich erinnert, freut sich noch heute. Wer nicht, geht in die Albertina. albertina.at
BUNT, NA UND? Inszenierung des Designer-Duos Gilbert & George
Richtig gutes Zeug DER KILT AUS DEN ALPEN MÄNNERRÖCKE VON RETTL Von wegen Schottland: Funde in den Alpen belegen, dass das typische Karo schon vor 2500 Jahren von den Kelten gewebt wurde (und erst viel später in den Highlands landete). Bei Rettl in Villach gibt es Kilts, die nach uralten Originalmustern gefertigt sind. rettl.com
WIE MAN EINEN DUFT ZÄHMT BURBERRY HERO Ein Pferd, eine Küste, ein Mann – starke Inspirationen, denen Burberry den ersten Duft seines Chefkreativen Riccardo Tisci verdankt. Wir genießen der Abenteuer Zähmung tropfenweise. burberry.com
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COLLECTION THADDAEUS ROPAC, LONDON · PARIS · SALZBURG © GILBERT & GEORGE/ © BILDRECHT, WIEN 2021, WALLNERS, BURBERRY, PASCAL BRÄUER, SIMON HABEGGER, SYO VAN VLIET/HOLOGRAM MEDIA, ROOTED CREATIVE/RED BULL CONTENT POOL, TINA HERZL
Die bunten Achtziger, Männerröcke und ein gezähmter Duft – mit besten Empfehlungen der Redaktion. Text WOLFGANG WIESER
GUIDE Tipps & Trends
ÜBUNG SCHADET NIE PRIME PARK SESSIONS Wer im Winter besonders schöne Pirouetten oder grandiose Salti machen will, trainiert vorab am besten auf den Slopes des Stubaier Gletschers. primeparksessions.com
SO WIRST DU ZUR LEGENDE RED BULL SOLO Q Der beste „League of Legends“-Spieler Österreichs wird beim Red Bull Solo Q gekürt (hier im Bild im Hangar-7, 2020). Wer gewinnt, darf zum Europaund Weltfinale. Livestream: redbull.com/soloq
MAN LEBT NUR ZWEIMAL FREITAG F707 STRATOS Dass Lkw-Planen gut ausschauen, wissen wir dank des Recyclings der Schweizer Firma Freitag seit Jahren. Jetzt feiern auch Airbags ein zweites Leben: als schicker Rucksack „F707 Stratos“. freitag.ch
THE RED BULLETIN
EIN DRINK BEI JOSEFINE KLAPPE! Das Außenfach des Rucksacks besteht aus Lkw-Plane.
DAS COMEBACK DES „BARFLY’S“ Die legendärste Bar Wiens zieht uns wieder in ihren Bann. Mit der Eröffnung des Hotels „Die Josefine“ in der Esterházygasse in Mariahilf dürfen wir auf die Rückkehr des „Barfly’s“ anstoßen. hoteljosefine.at
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ALLES GUTE ZUM FÜNFZIGER
AUSFLUG INS GRÜNE Das handgefertigte Zifferblatt entspannt die Augen mit Schilfgrün. Die SeaQ von Glashütte Original kommt mit Edelstahlgehäuse und -band, Durchmesser: 39,5 mm. 10.100 Euro. glashuetteoriginal.com
GUIDE Uhren
NIMM DIR ZEIT! Auch wenn Smartphones die Zeit genauso anzeigen: Jeder Blick aufs Handgelenk macht Freude. Hier schon einmal ein Vorgeschmack darauf. Fotos KLAUS PICHLER Text WOLFGANG WIESER
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AUTOSCHLÜSSEL: OLDTIMER-GUIDE.AT/CHRISTIAN SCHAMBUREK
Zum runden Geburtstag legt Tudor die Black Bay Chrono neu auf: mit 41-mm-Edelstahlgehäuse und opalfarbenem Zifferblatt. 4880 Euro. tudorwatch.com
GRAUE EMINENZ Kennzeichen der Luminor Marina von Panerai ist ihr ikonischer Kronenschutz. Sehr schick: Die Ziffern leuchten grau auf weißem Grund. 7900 Euro. wempe.at
PATENTE ELEGANZ Omegas erste Uhr, deren Gehäuse aus patentiertem Bronze-Gold besteht. Absolut elegant, dieses Seamaster- Modell. 11.400 Euro. omegawatches.com
DIE NATUR DER UHR Für Outdoor-Fans: Die Aquaracer von TAG Heuer ist die Uhr für alle, die es gerne ein bisschen härter haben. 2850 Euro. tagheuer.com
GUIDE Uhren
WUNDERBARE LEICHTIGKEIT Die Longines Spirit führt uns ins Titan- Zeitalter – sie wird damit leichter, wirkt am Handgelenk geradezu luftig und ist dank Silizium spiralfeder anti magnetisch, was hohe Genauigkeit garantiert. 2530 Euro. longines.com
FRIEDE SEI MIT EUCH „Come in Peace“ heißt dieses Modell aus der Serie Big Bold Planets von Swatch. Wir finden: Für solche Botschaften ist immer Zeit! 135 Euro. swatch.com
CHECKT DEIN LEBEN Die Garmin Enduro weiß, wie es bei dir läuft – mit Solarkraft und smarten Features für die Vitalfunktio nen. 799,99 Euro. garmin.com
SCHUTZENGEL
WAS DAS HERZ BEGEHRT: SMARTE UHREN WISSEN, WAS DU BRAUCHST – EGAL OB DU ENTSPANNT BIST ODER GESTRESST.
Diese Citizen (BN2040-17X) bewahrt dich bei Tauchgängen vor Fehlern. Schaltet sich ein, sobald Licht auf das Titanium-Ge häuse fällt. 795 Euro. citizenwatch.com
SONNENKIND Die Tissot T-Touch Connected Solar ist mit allen gängigen mobilen Betriebs systemen kompatibel. Tankt Sonnenenergie. 975 Euro. tissotwatches.com
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GUIDE Uhren
ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT Mido Multifort Patrimony: Retro-Charme trifft auf neueste Technologie – so haben wir es gern! 780 Euro. midowatches.com
DAS ABENTEUER KANN KOMMEN Hamilton Khaki Aviation X-Wind: Zifferblatt im Camouflage- Look, dazu ein Khaki-Armband – Zeit für Abenteuer oder so. 2045 Euro. hamiltonwatch.com
DURCHBLICK IM QUADRAT Rado Open Heart: Diese Uhr gewährt Einblick in ihr Innerstes – ein wunder schönes Automatikwerk. 2340 Euro. rado.com
EINFACH ABTAUCHEN Die Certina DS Action Diver erfüllt alle Ansprüche, die wir an eine Taucheruhr stellen. 810 Euro. certina.com
SETSTYLING: NADINE GURTNER/MAKING OF
SONNENSCHLIFF-FINISH: BEI DIESER UHR IST DIE ZEIT SELBST BEI SCHLECHTEM LICHT NOCH ABLESBAR.
FANG DAS LICHT! Horizontale Linien mit Sonnenschliff- Finish streuen das einfallende Licht über die gesamte Ober fläche der Uhr. Das Ergebnis: Die Alpiner4 Automatic ist auch bei schlechtem Licht noch perfekt abzu lesen. 1350 Euro. alpinawatches.com
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B O U L E VARD DER HEL DEN
MATA HARI
TRIUMPH DER EINBILDUNGSKRAFT
Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 18: Eine geheimnisvolle Spionin, die ihren Mythos selbst erfand.
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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT
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MICHAEL KÖHLMEIER
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ochstaplerinnen – kennt jemand Was aber waren ihre Heldentaten? Ant wort: Sie hat keine Heldentaten begangen. eine? Wir sind gewohnt, die An Ihre einzige „Heldentat“ war, sich ein tri geberei in großem Stil von Män nern vorgeführt zu bekommen. umphales Image zu bauen. Wer war diese Und dann erscheint eine Frau, die Frau? Wer war sie wirklich? stellt sie alle in den Schatten, sogar ihren igentlich hieß sie Margaretha Geer Nachruf scheint sie noch zu manipulieren: truida Zelle. Sie stammte nicht aus Mata Hari, die schöne Agentin, die exzen MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger Indien oder einem anderen exotischen trische Tänzerin, die Doppelagentin gar – Bestsellerautor gilt Land, wie viele glaubten und glauben woll eine geheimnisvolle Frau, der man zutraute, als bester Erzähler ten und glauben sollten, sondern aus Leeu den Verlauf, wenn nicht gar den Ausgang deutscher Zunge. warden in Holland, dort wurde sie 1876 des Ersten Weltkriegs beeinflusst zu haben. Zuletzt erschienen: geboren. Ihr Vater war Hutmacher und Lügen halten sich in der Geschichte der Roman „Matou“, muss eine ebenso exzentrische Persönlich nicht. Heißt es. Irgendwann werden sie auf 960 Seiten, gedeckt, und bald wird vergessen, was sie Hanser Verlag. keit gewesen sein wie seine Tochter später, uns eigentlich erzählen wollten. Bei Mata reich und einflussreich war er, durchaus Hari ist es umgekehrt: Die Wahrheit über sie und auch angesehen und immer wieder zu theatralischen ihre Taten war von Anfang an bekannt, war immer Späßen aufgelegt. Sein Töchterchen, liebevoll „Grietje“ bekannt; aber die Wahrheit wurde vergessen, der genannt, fügte er in seine großspurig theatralischen Mythos, die Legende hielt stand. Der melodramatische Auftritte ein, zum Beispiel, als er die Dreijährige Wunsch, eine schöne, begehrenswerte, hingebungs in einer kleinen, extra angefertigten goldbemalten volle, zugleich raffinierte, mit aller List und Hinter Kutsche von zwei weißen Ziegen durch die Straßen list begabte Frau hält in gefährlicher Zeit die Politik ziehen ließ, nur um den Bürgern zu beweisen, dass eines ganzen Kontinents in Atem, dirigiert die hart kein anderer Vater erstens sein Kind so sehr liebt und gesottensten Männer, schreibt Geschichte – dieser verwöhnt, zweitens – eigentlich erstens –, dass kein Wunsch hat die Realität besiegt: Mata Hari wurde anderer Mann sich solchen Luxus leisten kann. Dem zu einer dunklen Heldin. Kindchen scheint es gefallen zu haben. Als erwachsene Bücher wurden über sie geschrieben, Theaterstücke, Frau noch erinnert sie sich immer wieder an diesen ein Ballett wurde choreographiert, viele Lieder wurden Sonntagnachmittag, und sie teilt ihre Erinnerungen komponiert und getextet, Filme gedreht – wenigstens ihrem Publikum mit – dann spielt die Szene einmal in Indien, aus den Ziegen werden Elefanten, ein ander zehn, der bekannteste 1931 mit Greta Garbo in der mal wird sie von Affen in einer Sänfte getragen. Oscar Hauptrolle, 1964 wurde sie in einem französischen Wilde sagte einmal, wir lieben Männer mit Zukunft Film von Jeanne Moreau verkörpert, der vorläufig und Frauen mit Vergangenheit, schon mit siebzehn letzte Film kam 2017 in die Kinos. Sogar eine Spiri Jahren inszenierte sich Margaretha Geertruida als tuose trägt ihren Namen, ein Videospiel ebenfalls.
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B OU L EVAR D DE R HE L D E N
geheimnisvolle Frau, deren Vergangenheit hinter einem Schleier aus Melancholie und Melodram nur erraten werden konnte. Schauspielerin möchte sie werden, Tänzerin, Sängerin. Ihr Vater spendiert aufwendige Ausbildungen, sie spricht fünf Sprachen, trainiert sich in allen Sprachen, auch in der Muttersprache, einen Akzent an, der die Fantasie ihrer Zuhörer beflügeln soll, in Wahrheit stamme sie von irgendwo ganz anders her. Talent zur Schauspielerei hat sie wenig, auch nicht viel, um zu singen und zu tanzen. Aber das scheint keine Rolle gespielt zu haben. Sie war die Meisterin des Als-ob. Eine Meisterin des Konjunktivs – so kann man es auch ausdrücken. Wenn sie sang, tat sie, als ob sie zwar keine Sängerin sei, eine innere Not, ein rätselhaftes Schicksal aber dränge sie zum Singen, zum Ausdruck. Keinen perfekten, aber seelenlosen Belcanto gab sie, sondern den undurchdringlichen Abgrund. Nach Abgründen waren die Menschen damals geradezu verrückt. Ohne diese ganz Europa in ihren Bann ziehende Sehnsucht nach der Katastrophe wäre der Erste Weltkrieg nicht zu erklären. Sie heiratet einen holländischen Kolonialoffizier, bringt einen Sohn zur Welt, da ist sie erst neunzehn, ein Jahr später eine Tochter, zieht mit ihrem Mann nach Java, wo die Familie fünf Jahre lebt. Ihr Sohn stirbt im Alter von zwei Jahren unter ungeklärten Umständen, die Ehe zerbricht an dieser Tragödie. Die Familie kehrt nach Europa zurück, Margaretha Geer truida und ihr Mann lassen sich scheiden. Die Tochter wird dem Mann zugesprochen, die Mutter habe kein großes Interesse an dem Kind gezeigt.
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it neunundzwanzig erst startet Margaretha Geer truida ihre eigentliche Karriere, sie zieht allein nach Paris, entwirft sich ein neues Leben, eine neue Vergangenheit. Sie nennt sich Mata Hari. Das ist malaiisch und heißt „Auge des Morgens“ oder „Auf gehende Sonne“. Geschickt verbreitet sie das Gerücht, sie sei die Tochter eines orientalischen Herrschers. Ihr Aussehen konnte das bestätigen. Sie hat dunkles Haar und einen olivbraunen Teint. Schminke erledigt den Rest. Alles belässt sie im Ungefähren. Wenn ihr ein Reporter Widersprüche in ihrer Biografie nachweist, schaut sie ihn lange mit ihren dunklen Augen an, so lange, bis er ihren Blick nicht mehr aushält. Sie kann gut reden, noch besser kann sie schweigen. Ihre Auftritte als Tänzerin beginnt sie mit dem Satz: „Shiva, ich tanze ihn für dich, den Bajaderentanz.“ Eine Bajadere ist eine indische Tempeltänzerin,
„Als Doppelagentin bekommt Mata Hari Geld von den Deutschen und den Franzosen.“ 102
deren Aufgabe in erster Linie nicht darin bestand, in einem europäischen Sinn gut zu tanzen, sondern so zu tanzen, dass die Aufmerksamkeit Shivas erregt wurde. Wer weiß schon, welche Körperbewegungen einen Gott erregen? Die Besucher der entsprechenden Etablissements waren entzückt, zumal Mata Hari beim Tanzen einen Schleier nach dem anderen fallen ließ, bis sie schließlich nackt war – alles zu Ehren des Gottes. Die Belle Époque liebte das Extrem, das Außergewöhnliche, das Laszive, das Ruchlose, den Rausch. Sie reist nach Berlin, wo sich neue Möglichkeiten auftun, in Berlin spielt das Leben. Es gelingt ihr, Kontakte zu Politikern und hohen Militärs zu knüpfen. Sie streut das Gerücht, sie habe mit dem Kronprinzen, dem Sohn von Kaiser Wilhelm II., ein Verhältnis. Alles Lüge. Verhängnisvolle Lüge. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist Mata Hari bereits achtunddreißig Jahre alt. Sie weiß, sie hat nichts erreicht in ihrem Leben. Alles, was sie ist, ist Schein. Sie hatte zahlreiche Geliebte, aber keine Liebe, sie hat die Männer nur ausgenutzt für ihre sogenannte Karriere, und diese Karriere bestand darin, sich einen Ruf als eine außergewöhnliche Frau zu verschaffen, wobei niemand sagen konnte, auf welchen Qualitäten dieser Ruf eigentlich fußte. Nur einmal bewarb sie sich bei einem großen, seriösen Theater in Berlin, der Intendant war außer sich vor Freude, dass die berühmte Mata Hari an seinem Haus spielen wollte, und war nach dem Vorsprechen erschüttert. Nie habe er eine talentlosere Schauspielerin erlebt.
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ei einem Empfang lernt sie den Presseattaché der deutschen Botschaft in Den Haag, einen gewissen Carl H. Cramer, kennen. Die beiden werden heim lich ein Paar. Cramer ist nicht nur bei der deutschen Botschaft angestellt, er ist auch Agent des militärischen Nachrichtendienstes des Deutschen Reiches. Offen und ohne Umschweife fragt er seine Geliebte, ob sie für ihn in Frankreich spionieren wolle. Auch Cramer überschätzt Mata Hari, er meint, sie habe Zugang zu den höchsten Kreisen von Militär und Politik. Eben diesen Eindruck hat sie ihm vermittelt, indem sie geschickt Gerüchte so platzierte, als stammten sie aus wohlinformierten Kreisen. Mata Hari, die sich nie ernsthafte Gedanken gemacht hatte über Politik und den Krieg, wertet das Angebot als Möglichkeit, sich auch in ihrem Alter noch interessant zu machen. Sie stimmt zu und liefert. Was sie liefert, ist letztlich ohne Belang, aber man wird auf sie aufmerksam. Ein anderer Liebhaber, ein gewisser Georges Ladoux, seinerseits Chef der französischen Spionageabwehr, fragt sie, er ebenso ohne Umschweife, ob sie sich vorstellen könne, auch für die Franzosen zu arbeiten – als Doppelagentin. Mata Hari bekommt Geld, von den Deutschen, von den Franzosen. Endlich kann sie ihren Lebensstil, den sie vor dem Krieg gewohnt war, wieder aufnehmen. Sie kommt sich wichtig vor. Sie interessiert sich für den Krieg nur, insofern er ihre Karriere hemmt oder fördert. In welche Gefahr sie sich begibt, ahnt sie
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„In welche Gefahr sie sich begibt, ahnt sie nicht einmal.“ nicht einmal. Es war ihr mit List, Erotik und der Gabe, überzeugend zu lügen, gelungen, von sich das Image einer wichtigen Persönlichkeit zu erzeugen. Nun nahm man sie wichtig.
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er französische Geheimdienst kommt zur Auf fassung, Mata Hari, die deutsche Agentin H 21, die vorgab, als Doppelagentin zugleich für Frank reich zu spionieren, sei in Wahrheit eine raffinierte und gefährliche Dreifachagentin im Dienst des deutschen Kaisers. Ihr Verhältnis mit dem Kronprinzen – das in Wahrheit nie bestand – wird in den entsprechenden Berichten belastend angeführt. Vor einem französischen Militärtribunal findet der Prozess statt, Mata Hari wird zum Tode verurteilt. Am 15. Oktober 1917 wird sie auf Schloss Vincennes nahe Paris hingerichtet. Auch in den letzten Minuten ihres Lebens gibt sie die Rolle ihres Lebens nicht auf – die
rätselhafte Frau mit der melodramatischen Vergan genheit, die auch angesichts der Gewehrmündungen die Männer in Erregung versetzen konnte. Der Kommandant des 26. französischen Jäger bataillons berichtet: „Ihr Auftreten war von unglaub lichem Stolz und, fast möchte ich sagen, ein wenig theatralisch. Sie umarmte ihren Verteidiger und schickte viele Abschiedskusshände in die Richtung, wo viele offizielle Persönlichkeiten standen. In dem Augenblick, da ich meinen Degen hob, um ‚Feuer!‘ zu kommandieren, sah sie mir fest ins Auge und sagte mit ruhiger dunkler Stimme: ‚Ich danke Ihnen, mein Herr‘.“
Michael Köhlmeiers Geschichten gibt es auch zum Anhören im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify, auf redbulletin.com/podcast oder einfach den QR-Code scannen.
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