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The Red Bulletin AT 10/21

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THE RED BULLETIN

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I N H A LT The Red Bulletin im Oktober 2021

COVERSTORY

40 RED BULL FLUGTAG

Unser Special zur Rückkehr des Kult-Events nach Wien: die schrägsten Fluggeräte. Experten im Abheben teilen ihr Insider-Wissen. Und Österreichs Star-Philosoph seziert die Kunst der Bruchlandung.

FUSSBALL

60 DER BESSER-MACHER

Taktik-Visionär Ralf Rangnick analysiert höchst erfolgreiche Fußballtrainer, die er einst als Mentor formte.

BIKEN

64 AUF UND DAVON

Wie die 18-jährige Khothalang Leuta in Lesotho eine kleine Sport-Revolution lostrat.

PORTFOLIO

36 TIEFENENTSPANNT  Warum Schauspieler Tobias Moretti nichts aus der Ruhe bringt

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FREERUNNING

22 SEHT UNS AN! ­

Der südafrikanische FashionFotograf Chris Saunders feiert den Individualismus seiner Models. Eine Werkschau.

74 PINBALL WIZARD

Pavel „Pasha“ Petkuns fliegt als menschliche Kugel durch einen 20 Meter hohen Flipper.

FILM

34 GEFIEDERTER FREUND

Wie ein Flötenvogel das Leben der australischen Krankenschwester Sam Bloom rettete.

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

FERNSEHEN

89 TRAVEL. Ski fahren am Gletscher & fein essen rund ums Matterhorn

Tobias Moretti über die Lust an Grenzgängen. Im Alltag, in der Wüste und auf seiner Enduro-Maschine.

94 UHREN. Wie „James Bond“-Star ­Daniel Craig Omega inspirierte

MOUNTAINBIKEN

98 K ALENDER. Die Pflichttermine und TV-Events des Monats

Laura Stigger hat schon mit 20 mehrere WM- und EM-Titel gesammelt. Uns erzählt sie, was sie mental antreibt.

100 B OULEVARD DER HELDEN. ­Michael Köhlmeier über Muhammad Alis wortgewaltigen Kampfstil

36 M ANN DER EXTREME

38 SIE MAG ES STEIL

8 GALLERY 14 ZAHLEN, BITTE! 16 FUNDSTÜCK

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STILBEWUSST  Künstler und Performer aus Südafrika demonstrieren ihre Individualität.

96 RICHTIG GUTES ZEUG. HerbstEmpfehlungen der Redaktion

18 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 2 0 MEIN ERSTES MAL

104 IMPRESSUM 106 CARTOON

34 VOGELFREI  Ein Vogel rettete eine gelähmte Frau aus ihrer Krise: ein Fall für Hollywood

THE RED BULLETIN

RAFAELA PRÖLL, CHRIS SAUNDERS, CAMERON BLOOM, TYRONE BRADLEY/RED BULL CONTENT POOL


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DIE PIONIERIN Ein Besuch bei Khothalang Leuta, 18, der schnellsten PumptrackFahrerin Lesothos

THE RED BULLETIN

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NEW SOUTH WALES, AUSTRALIEN

DAVYDD CHONG

Plötzlich ist alles klar

KAMIL SUSTIAK/RED BULL ILLUME

Jeder Fotograf kennt das: qualvolles Warten auf den richtigen Moment. Der Tscheche ­Kamil Sustiak hätte ihn um ein Haar verpasst. „Ich wollte meine Kamera schon einpacken“, sagt Sustiak, der mit Slackliner Chris Wallace im Nebel des Blue-Mountains-Nationalpark (nahe Sydney) ausgeharrt hatte. Dann klarte das Wetter blitzschnell auf. Wallace balancierte. Sustiak drückte ab. Beide sagen: Es ist ein ­schmaler Grat zwischen Niederlage und Erfolg. Mehr epische Bilder: kamilsustiak.com

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INNSBRUCK, ÖSTERREICH

Frühsport Der Tiroler Skater Peter Mader und sein Landsmann, der Fotograf Manuel Kokseder, mussten früh aufstehen, um diese magische Stimmung in der Einfahrt einer Innsbrucker Tiefgarage einzufangen. Denn tagsüber herrscht hier viel zu viel Verkehr für so was. Aber um sieben Uhr früh ist die Welt noch in Ordnung. Portfolio: koksederphotography.com


PIRÄUS, GRIECHENLAND

Volle Kraft voraus!

MANUEL KOKSEDER/RED BULL ILLUME, ALEX GRYMANIS/RED BULL CONTENT POOL

DAVYDD CHONG

Freerunner können praktisch jede Um­ gebung in einen wunderbaren Spielplatz verwandeln. Hier zeigen der Grieche ­Dimitris Kyrsanidis (vom Dach der Kabine) und seine deutsche Kollegin Silke Soll­ frank (balancierend am Großbaum) ihre Fähigkeiten an Bord eines griechischen Zweimasters – vorgeführt beim Red Bull Art of Motion in Piräus im Sommer 2021. redbullartofmotion.com

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UTAH, USA

Großes Kino unter Sternen Die Wüste von Utah ist ein sehr dekorativer, aber leider auch ein sehr anstrengender Ort. Also musste US-Fotograf Noah Wetzel bei der Auswahl seiner Protagonisten mit B ­ edacht vorgehen: Gefragt waren Radler mit heraus­ ragenden Fahrkünsten, hitze­beständig (bei Tagestemperaturen um die 40 Grad) und auch sonst belastbar. Am Ende performten die Asse Blake Sommer und Jack Graham in den frühen Morgenstunden unter einem grandiosen Sternenhimmel, damit Noah zu der akribisch geplanten Aufnahme kam. Spektakuläre Fotos: noahdavidwetzel.com 12


NOAH WETZEL

DAVYDD CHONG


Z AHL EN, BI T T E!

NETFLIX

Haus des Geldes 2011 kündigte der amerikanische Streamingdienst Netflix an, eigene Serien und F­ ilme zu produzieren. Jetzt, zehn Jahre danach, hat er die traditionelle Filmindustrie ­Hollywoods erfolgreich verdrängt. Und will weiter wachsen – mit Online-Games.

Unternehmen waren laut ­US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ weltweit noch wertvoller als Netflix (26,7 Milliarden Dollar), auf dem Podest der Top 3 standen Apple, Google und Microsoft.

Dollar investierte Netflix 2020 in Forschung und Entwicklung.

925

Filme umfasste die Online-­ Videothek der Netflix-Gründer Reed Hastings und Marc ­Randolph beim Start im April 1998. Kosten pro Leihe: 50 Cent.

17.000.000.000

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Mal wurde „House of Cards“, Netflix’ erste Eigenproduktion, für einen Emmy nominiert und gewann sieben der TV-Preise.

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Oscars konnten Netflix-­ Produktionen seit 2017 gewinnen. Bei den letzten Academy Awards war man mit sieben Trophäen erstmals der erfolgreichste Vertrieb von allen.

50.000.000

Dollar hätte die US-Videotheken-Kette Blockbuster im Jahr 2000 ausgeben müssen, um das Start-up zu übernehmen. Man schlug das Angebot aus – Blockbuster ging 2010 pleite.

7,3

Milliarden Dollar betrugen die Einnahmen im 2. Quartal 2021 – 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

THE RED BULLETIN

HANNES KROPIK

Dollar will der Streamingdienst 2021 in die ­Produktion von Content investieren.

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Prozent der Zeit vor dem Bildschirm verbringen Amerikaner immer noch mit linearem Fernsehen, 27 Prozent entfallen auf On-DemandAnbieter wie Netflix (7 %).

Millionen Haushalte sahen Anfang 2021 den Thriller „Extraction“ (mit Chris Hemsworth) in den ersten vier Wochen – Rekord!

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1.830.000.000

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CLAUDIA MEITERT

Millionen zahlende Abonnenten hatte Netflix am Ende des 2. Quartals 2021. Das sind rund 2,65 Prozent der Weltbevölkerung.

Dollar zusätzlich sollen Abonnenten für das geplante Online-Spiele-Angebot ­bezahlen müssen.

GETTY IMAGES (2), NETFLIX

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Ein Herz für eine Seele Abendtäschchen des Modelabels Moschino, angefertigt für die Soul-Ikone anlässlich der Brit Awards, 2007 Es war einmal ein Mädchen aus London, das konnte wunderschön singen. Aber das war noch nicht alles: Es brachte die Menschen auch zum Träumen. Sie bildeten sich dann ein, längst vergangene Zeiten wären wieder zurückgekehrt. Das Mädchen sang Soul so inbrünstig wie in den Sechzigerjahren. Die Leute liebten das so sehr, dass sie ihre Platte „Back to Black“ kauften wie verrückt. Ein Jahr später war sie als „Best Female Act“ die Königin der Brit Awards. Was kaum jemand ahnte: Die Texte ihrer Lieder, die von zerstörerischer Liebe ­handelten, waren bitterernst gemeint. Und weil sie 2011 gestorben ist, lebt sie nur in unseren Herzen weiter.

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THE RED BULLETIN

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Amy, die Märchenprinzessin des Soul: Bienenkorbfrisur und Lidstrich waren ihre Markenzeichen.


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DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W

SENECA SAGT:

„Wir wollen zu viel und leben zu wenig“

the red bulletin: Herr Seneca, Sie waren zu Ihrer Zeit einer der wohlhabendsten Männer des Römischen Reiches. Hm. Das heißt, um wirklich gut zu Und Sie hatten direkten Zugang zu leben, sollten wir weniger um uns Kaiser Nero, dessen Erzieher Sie selbst kreisen? waren. Doch Nero entwickelte Korrekt, mein Freund! Und wenn sich später zu einem üblen ich mich einmal selbst zitieren ­Tyrannen – am Ende zwang er Sie darf, dann nehmen Sie Folgendes wegen angeblicher Beteiligung als meine Antwort auf Ihre Frage: an einer Verschwörung zur „Es kann niemand gut leben, der nur an sich denkt und alles seinem ­Selbst­tötung. Trotzdem haben Sie ­niemals die ­Nerven verloren. persönlichen Vorteil unterordnet. Du musst für den anderen leben, wenn Wie ist Ihnen das gelungen? du für dich selbst leben willst.“ seneca: Ach wissen Sie, das alles ist doch nur eine Frage der Ein„Es kann niemand stellung. Es gibt Dinge, an denen Aber wie werde ich dabei ge­ gut leben, der nur können Sie nichts ändern. Am Tod lassen? Der Stress wird doch an sich denkt und schon gar nicht. Irgendwann müsnur größer, wenn ich mich auch sen Sie sterben. Ob ein paar Jahre noch um andere sorge. alles seinem früher oder später – was macht das Eben nicht! Wenn du zum Beispiel persönlichen Vorteil schon, wenn Sie vorher damit ansagst: „Hey, ich engagiere mich für unterordnet.“ gefangen haben, so zu leben, dass Flüchtlinge, weil ich will, dass es Ihre Tage Sie erfüllen und glücklich denen besser geht“, tust du es bei machen? Lichte besehen nur für dich und nicht für diese Leute. Für andere leben heißt: Du tust, was gerade nötig ist. Na ja, erfüllende Tage gut und schön: Aber nicht „Aha, Menschen sind in Not. Was brauchen die jetzt?“ jeder ist so reich wie Sie. Darauf gibst du eine Antwort, das ist deine Verantwortung. Du handelst. So habe ich es im Übrigen auch Aber das hat doch mit Reichtum nichts zu tun, mein gehalten, als Nero seinen Boten mit der Aufforderung Freund! Für die Gemütsruhe, von der wir hier reden, zum Selbstmord schickte: „Aha, der Kaiser will, dass ist Reichtum sowieso eher hinderlich. Und wissen ich sterbe. Das kann ich nicht ändern. Also mach ich Sie, warum? Weil Sie sich ständig um Ihr vieles Geld einen Abgang.“ sorgen müssen: Wie kann ich es anlegen? Wie kann ich es schützen? Anstatt einfach zu leben und der täglichen Arbeit nachzugehen, zieht Geld ständig unsere LUCIUS ANNAEUS SENECA (1 bis 65 n. Chr.) war ein römischer Aufmerksamkeit auf sich und appelliert unaufhörlich: Politiker, Philosoph, Dramatiker und Naturforscher. Seine Schriften wurden schon zu Lebzeiten viel gelesen. Seit dem „Mach was mit mir! Tu, was du willst!“ Und das steht Jahr 49 war er maßgeblicher Erzieher und Berater des späteren der Gelassenheit im Wege: Wir wollen zu viel und Kaisers Nero. Seneca sah sich selbst in der Tradition der leben zu wenig. Ihr Landsmann Horaz forderte „carpe diem“ – ­nütze den Tag –, in der ursprünglichen Bedeutung: Pflücke den Tag! Sind Sie damit einverstanden? Ja, der gute alte Horaz. War ein toller Dichter, und das mit „carpe diem“ hat er wirklich schön gesagt. Aber 18

s­ toischen Philosophie, deren Lehren er in Essays und seinen „Briefen an Lucilius“ einem breiten Publikum vermittelte.

CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: „Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“, legenda Q 2021. THE RED BULLETIN

BENE ROHLMANN

mir geht es um mehr. Immerzu im Hier und Jetzt zu leben kann ja auch brutal anstrengend werden. Und zwar dann, wenn Sie dauernd danach trachten, nur die fetteste Frucht vom Baum des Lebens zu ­pflücken. So wird das nichts mit der Gemütsruhe. Eure Selbstbezüglichkeit ist’s, die euch nicht zur Ruhe kommen lässt.

DR. CHRISTOPH QUARCH

Das Leben ist manchmal hart, da ist es schwer, immer cool zu bleiben. Einer, der Letzteres meisterhaft beherrschte, war der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca. In unserem fiktiven Interview mit Christoph Quarch verrät er das Geheimnis der Gelassenheit.


t s b O n Dei e s ü m e G

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M EIN ERST ES M A L

VEA KAISER:

„So verstand ich die Magie des Geschichtenerzählens“ Mit einer Viertelmillion verkaufter Romane zählt sie zu den erfolgreichsten Autorinnen und Autoren Österreichs: Hier erzählt Vea Kaiser, wie sie ihr Talent als Schriftstellerin ­entdeckte: bei einer Fahrt ins Krankenhaus. Ich komme aus einem kleinen Dorf, da ruft man nicht die Rettung. Da stopft man die Kinder in das ­Auto und fährt ins Krankenhaus, alles andere würde zu lang dauern. Meine Mama hat also meinen Bruder und mich auf die Rückbank verfrachtet und mir ein Handtuch in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll die Wunde zuhalten. Mein Bruder schrie, ich versuchte die Blutung zu stillen. Dann fiel mir nichts anderes ein, als ihm eine Geschichte zu erzählen. Und das hat ihn dann beruhigt. Er hat aufgehört zu weinen und mir ganz gebannt zugehört.

Dann kam dieser berührende Moment im Krankenhaus, als er ins Behandlungszimmer gerufen „Eine Obsession mit Büchern wurde, um genäht zu werden. 0:00 –41:16 hatte ich immer schon. Meine Da schaute er mich an und sagte: Vea Kaiser Lieblingsbeschäftigung als Kind ‚Wenn wir da fertig sind, dann Mein erstes Mal – der Podcast war es angeblich, unser Bücherwill ich aber wissen, wie die Geregal auszuräumen. Ich habe schichte ausgeht.‘ ­systematisch jeden Band herausWorum es in der Geschichte gezogen und angeschaut. Keine genau ging, weiß ich leider nicht „Mein Bruder hat Ahnung, woher das kam. Aber mehr. Vermutlich um Ritter und für meine Eltern war es die Hölle, Drachen. Das war voll sein Ding. aufgehört zu weinen sie mussten ja das Regal immer Rückblickend betrachtet war und mir ganz wieder einräumen. das der Moment, in dem ich das Mich als Kind ins Bett zu erste Mal die Magie des Gegebannt zugehört.“ schichtenerzählens wirklich ­kriegen war unmöglich ohne Wie Autorin Vea Kaiser als Siebenjährige ­verstanden habe. ­Gutenachtgeschichte. Das Pro­ entdeckte, was gute Erzählungen können Denn das ist das Größte, was blem war: Sobald mir jemand eine Geschichte zu leisten ver­eine Geschichte vorlas, wurde ich mag: wenn sie Menschen, die Schmerzen und Angst nicht müde, sondern wach. Was oft zu seltsamen haben, davon ablenken kann.“ ­Situationen führte: Mama hat mich ins Bett gebracht und schlief beim Vorlesen ein. Worauf ich zurück ins Wohnzimmer lief und rief: ‚Papa, die Mama ist ein„MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, geschlafen, jetzt bist du dran!‘ in der Heldinnen & Helden über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit Vea Kaiser, in der sie auch verMein Bruder war als Kind ein ziemlicher Wildfang. rät, wie sie ihre erste Schreib­blockade Einmal – er war damals zirka drei und ich sieben – über­wand, gibt’s im Podcast-Kanal rutschte er beim Rennen durch unsere kleine Wohnung von The Red Bulletin. aus und landete mit dem Kinn am Treppenabsatz. Er Zu finden auf allen hat irre geblutet und geschrien wie ein Schweinchen gängigen Platt­formen auf der Schlachtbank. Unsere Mutter war natürlich wie Spotify und auf ­redbulletin.com/podcast völlig panisch, aufgelöst.

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DAVID PAYR

Ihr Debütroman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ machte Vea Kaiser 2012 mit einem Schlag zu einem Star der Literaturszene: Sie verkaufte davon 100.000 Exemplare, war am Cover der renommierten deutschen ­Wochenzeitung „Die Zeit“ und wurde mit Preisen überhäuft. Heute ist die 32-jährige ­Niederösterreicherin längst eine etablierte Größe der Gegenwartsliteratur. Hier erzählt sie eine ganz persönliche Geschichte aus ihrer Kindheit. Nämlich vom ersten Mal, als ihr bewusst wurde, welche Kraft einer guten Geschichte innewohnt. Und wie sie den ­Zuhörer Schmerz und Kummer vergessen lassen kann.


JAKE GYLLENHAAL

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Wer bin ich? ­­Der südafrikanische Fotograf Chris Saunders porträtiert Menschen, die mit PerformanceKunst, Musik und Mode aus­drücken, wer sie in ihrem Inneren sind. Hier kommen vierzehn Freigeister, die ihre Individualität feiern. Protokoll ALEXANDER NEUMANN-DELBARRE

Phantom-Künstler

Johannesburg, Südafrika, 2013 „DJ InviZAble ist Musiker und PerformanceKünstler aus Südafrika, der stets Maske trägt und weder seine Identität noch seine Hautfarbe noch sein Geschlecht preisgibt. Der Zuschauer soll sich ganz auf seine Kunst konzentrieren. Mit diesem Sprung bringt er für mich seinen extrem energiegeladenen extrovertierten Charakter auf den Punkt.“

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Muse an der Themse

London, Großbritannien, 2017 „Die Südafrikanerin Manthe Ribane war einige Jahre meine Muse. Als wir uns kennenlernten, war sie Tänzerin bei der Band Die Antwoord, später nahm sie mit dem Musiker Okzharp ein Album auf. Für dieses Foto zog sie in den Docklands ihr Bühnen­kostüm an – sie hatte es selbst entworfen.“

Er mag es bunt

Paris, Frankreich, 2017

„Als Manthe und Okzharp auf Europa-Tour gingen, lebte ich bereits in Paris. Es war etwas ganz Besonderes, sie in meiner neuen Heimat­stadt zu fotografieren. Ich finde, man sieht dem Bild die große Nähe an, die zwischen uns besteht. Ich bin sogar selbst zu sehen: in der Spiegelung ihrer Sonnenbrille.“

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Vier Meister-Poser

Soweto, Südafrika, 2015 „In den 1950er-Jahren ist in den Townships von Johannesburg eine Tanzkultur ent­ standen, die mittlerweile in ganz Südafrika populär ist: Pantsula. Ensembles führen Choreo­grafien auf, in denen sie ihre Kultur und ihre Geschichte thematisieren. Sieben Jahre lang habe ich Dutzende dieser Tanztruppen begleitet und fotografiert. Diese hier heißt Rea Iktsetsa und hat wie alle ­Tanztruppen ihre Signature-Posen, von ­denen sie uns hier eine zeigt.“

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Afropunk-Ikonen

Paris, Frankreich, 2019 „Das erste Afropunk-Festival fand 2005 in Brooklyn, New York, statt. Heute gibt es weltweit Ableger davon. Es ist ein Fest der Vielfalt und der Toleranz, das viele Besucher mit ihrem kreativen Styling bereichern. Ein gutes Beispiel dafür: der Pariser Musiker The Moe (re.) und seine Begleiterin Bea.“

Prophet der Maske Paris, Frankreich, 2019

„Was ich an Paris besonders liebe, ist das Multikulturelle. Sichtbar wird das bei Events wie dem Afropunk-Festival, das alternative Kultur feiert. Dort traf ich auf Cheikh, er ist Model und kam in einem selbst gestalteten Outfit samt Maske – als von Corona noch keine Rede war.“

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Immer en vogue

Paris, Frankreich, 2020 „Matyouz LaDurée ist ein Tänzer der Pariser Voguing-Szene. Der Tanzstil entstand in den 1970er-Jahren in der LGBTQ-Community von Harlem, New York, und ist heute in Paris sehr populär. Dieses Bild ist Teil einer Serie, bei der ich mit dem Verein ‚Art Press Your­ self‘ kooperiert habe. Er fördert die Vielfalt der afro-urbanen Kultur in Paris.“

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Hier bin ich!

Johannesburg, Südafrika, 2018 „Umlilo macht elektronische Musik und möchte sich nicht auf ein Geschlecht festlegen lassen. Queere Menschen hatten es in Südafrika lange sehr schwer. Nun präsentiert er/sie sich stolz auf einem Tennisplatz in Jo’burg. Großartig! Schönes Detail: Der Schatten Umlilos ähnelt einer weiblichen Figur.“

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DER FOTOGRAF „Egal wen ich fotografiere, ob es der CEO eines Modekonzerns ist oder ein junger Künstler in einem Township, mir geht es darum, die Essenz dieser Menschen einzufangen“, sagt Chris Saunders. „Dazu musst du vor allem eine freundliche, offene Atmosphäre schaffen, in der sich alle wohlfühlen.“ Wie man das hinkriegt, lernte der heute 37-Jährige schon als Teenager. Mit fünfzehn begann er, Musiker, Tänzer und andere Kreative in Johannesburg zu fotografieren. Besonders interessierten ihn Subkulturen mit ihren eigenen Regeln und Codes sowie Menschen, die es genießen, herauszustechen und sich der Welt zu präsentieren. Die Bilder seines Langzeitprojekts über die Pantsula-Tanzkultur wurden im Fowler Museum in L. A. ausgestellt, viele weitere Fotoarbeiten in namhaften Publikationen ver­ öffentlicht. Seit 2016 lebt Chris Saunders in Paris. Einer seiner Grundsätze: „Wenn du dich der Welt gegenüber öffnest, bereit bist für zufällige und willkürliche Interaktionen mit Menschen, dann geschieht oft etwas Spannendes.“ chrissaunders.co; Instagram: chrissaundersphoto

Cool im Pool

Johannesburg, Südafrika, 2015 „Etwa ein Jahr lang hatte ich mein Studio in einer alten Fabrik in Johannesburg. Ich fotografierte damals viel in der StreetStyle-Szene. Einmal kamen die Designer Lebogang Makgale (li.) und Skhumbuzo vorbei. Wir hatten diesen Plastikpool herum­ stehen, und ich fragte sie spontan, ob sie hineinsteigen wollten. Das Foto ist bis heute eines meiner Lieblingsbilder.“

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Film

Sam Bloom wurde von einem Vogel aus ihrer schwersten Krise gerettet. Heute ist die Rollstuhlfahrerin Weltmeisterin im Parasurfen. Und Hollywood verfilmt ihr Leben. Interview RACHAEL SIGEE  Foto CAMERON BLOOM

Die Krankenschwester war 41, als ihr gewohntes Leben von einer Se­ kunde zur anderen für immer zu­ sammenbrach: Sie fiel 2013 im Thai­ land-Urlaub von einem morschen Hotelbalkon sechs Meter in die Tiefe und schlug auf einem Betonboden auf. Diagnose: Schädelbruch und Zertrümmerung der Rückenwirbel T6 und T7. Folge: Die Australierin war von der Brust abwärts gelähmt. Anfangs stürzte Sam Bloom in eine schwere Lebenskrise. Doch dann kam 2017 Hilfe von unerwar­ teter Seite: In der Nähe ihres Hauses fand die Familie am Strand ein Vogel­ junges mit einem verletzten Flügel. Sie nannten den Vogel „Penguin“, weil er mit seinem schwarz-weißen Gefieder und den großen Füßen an einen Pinguin erinnerte. Sam be­ schloss, Penguin gesund zu pflegen – und hatte damit einen neuen Lebens­ zweck gefunden. In der Folge gewann sie derart an Selbstvertrauen, dass sie begann, Para-Kanu-Wettkämpfe zu bestreiten, auch mit dem Surfen fing sie wieder an. Inzwischen ist Bloom zweifache Weltmeisterin im Parasurfen. Gemeinsam mit dem Schrift­ steller Bradley Trevor Greive ver­ fasste sie zudem ein Buch über ihre Erlebnisse mit ihrer gefiederten Freundin – „Penguin Bloom“ wurde zum Bestseller. Heute ist Sam Bloom Wings for Life-Botschafterin, und 2020 feierte der Kinofilm „Penguin Bloom“ über ihr Leben Premiere. Bloom wird darin von HollywoodStar Naomi Watts gespielt.

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the red bulletin: Hätten Sie sich je träumen lassen, dass Sie von Naomi Watts verkörpert werden? sam bloom: Nie im Leben! Es war eine surreale Erfahrung. Haben Sie Naomi Watts beraten? Ich wollte nicht, dass es ein Holly­ wood-Happy-End gibt, wo „alles super ist“. Ja, das Leben wird leich­ ter, aber so gut wie früher wird es nie wieder sein. Das Tolle war, dass Naomi mich sehr oft am Set dabei­ haben wollte. Es sollte authentisch aussehen, wie sie zum Beispiel vom Bett in den Rollstuhl wechselt. Im Film stimmen Sie zuerst nur widerwillig zu, dass Penguin bleibt. War das tatsächlich so? Nein, der Film nimmt sich ein paar künstlerische Freiheiten. Ich war ganz verliebt in Penguin – sie war so süß! Als wir sie fanden, verlagerte sich die ganze Aufmerksamkeit von mir auf sie. Ich hasse es, im Mittel­ punkt zu stehen, und als ich nach meinem Unfall nach Hause kam, konzentrierten sich alle auf mich. Ein großer Moment im Film ist der, als Sie zum ersten Mal in ein Kanu steigen. Wie wichtig war es Ihnen, aufs Meer zu können? Enorm wichtig. Das Kajakfahren habe ich nur vorgeschlagen, weil zu diesem Zeitpunkt nichts von den Dingen, die ich am liebsten gemacht hätte, infrage kam. Ich hatte alles abgeschrieben. Zunächst war ich immer am Samstagmorgen paddeln, das wurde dann mein Lieblingstag. Es war so schön, wieder aus dem

Rollstuhl draußen zu sein, auf dem Wasser und in der Natur. Hat Ihnen das nicht auch Angst gemacht? Fürchterliche. Da ich von der Brust abwärts gelähmt bin, habe ich keine Bauchmuskeln und somit ein kata­ strophales Gleichgewicht. Ein paar Mal bin ich ins Wasser gefallen, aber ich war immer schon ein Sturkopf und habe beharrlich weitergemacht. Wie fallen die Reaktionen auf den Film bisher aus? Die Leute schreiben mir, dass sie sich weniger allein fühlen. Auf WhatsApp tausche ich mich mit einer jungen Frau in Spanien aus, sie hat auch ein Rückenmarkstrauma. Ich habe ihr vorgeschlagen, sie könnte es mit Surfen versuchen. Inzwischen hat sie mir schon ein paar Videos ge­ schickt. Es ist großartig, das Lächeln auf ihrem Gesicht zu sehen. Wie sind Sie zu Wings for Life ­gekommen? In Australien und Neuseeland gehen zehn Prozent aus dem Verkauf von „Penguin Bloom“ an SpinalCure Australia, in Europa spenden wir diesen Anteil an Wings for Life. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich wäre, wenn die Forschung Erfolg hätte. Wenn ich junge Leute mit Rückenmarkstrauma sehe, bricht es mir das Herz.

Mehr von Sam Bloom: sambloom.com.au; „Penguin Bloom“ (oben: Naomi Watts als Sam Bloom): auf Netflix. Forschung zum Thema Rückenmarksverletzungen: wingsforlife.com

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„Ich fand Penguin und war sofort verliebt in sie.“ Sam Bloom, 49, über ihre gefiederte Freundin, einen Flötenvogel

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Fernsehen

Tobias Moretti wird im TV-Zweiteiler „Im Netz der Camorra“ von seiner Vergangenheit eingeholt. Welche Extrem-Situationen sein eigenes Leben prägten, erzählt der Schauspieler hier. Interview RÜDIGER STURM   Foto RAFAELA PRÖLL

the red bulletin: Ihre Figur im TV-Krimi „Im Netz der Camorra“ wird von einer düsteren Vergangenheit eingeholt. Könnte Ihnen so etwas auch passieren? Tobias moretti: Mag sein, dass ich das eine oder andere verdrängt habe, so wie jeder von uns, aber ich habe keine Leichen im Keller. Obwohl ich ein reflektierter Mensch bin, beschäftige ich mich nicht mit meiner Vergangenheit. Ich lebe in einem ständigen Wirbel, bin ein Dauerläufer und Rettungsschwimmer meines Lebens. Woher nehmen Sie die Energie? Zum einen bin ich wohl so gebaut, bin tendenziell immer auf dem Sprung. Im Moment fühle ich mich jedenfalls immer noch voll kreativer Schaffenskraft, auch wenn das Leben nicht spurlos an einem vorbeigeht. Unlängst habe ich einen Magnaten und Produzenten getroffen, den ich sehr verehre und der Mitte siebzig ist, und im Vergleich zu ihm habe ich mich wie ein ausgewrungener Waschlappen gefühlt, weil ich gerade von einem Nachtdreh kam. Das sind doch Vorbilder. In meinem Arbeitsumfeld bin ich umgeben von Menschen, die voller geistiger Energie sind. Auch Andreas Prochaska, der Regisseur von unserem Film, ist so jemand. Er hat dieser Geschichte

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seinen Stempel aufgedrückt, sodass sie von einer absoluten Lebendigkeit und einem gnadenlosen Blick auf die Geschichte geprägt ist. Welchen Extremsport haben Sie gemacht? Da ich in Tirol aufgewachsen bin, bin ich früh zum Alpinsport gekommen, vor allem zum Skitourengehen in extremerem Gelände. Mit fünfzehn, sechzehn hat mich dann der Motorsport interessiert. Mit dreißig habe ich das wieder aufgenommen. Rallye-Weltmeister Walter Röhrl war mein Lehrer, ich bin Rennen im Vorprogramm der Formel 1 gefahren und hab später im Kini-KTMWerksteam mit dem Motorradl auch die Rallye Paris–Dakar gemacht. Was genau haben Ihnen diese ­Erfahrungen gegeben? Ich glaube, mich fasziniert der totale Fokus, den jeder Hochleistungssport dir abverlangt. Es ist der Moment, wo Hybris, Angst und Klarheit zusammenkommen. Manchmal erlebt man das auch auf der Bühne, wenn aus Schauspiel Kunst wird, was manchmal passiert. So was macht mich glücklich. Diesen Fokus haben Sie behalten? Ich würde sagen, es bleibt etwas von der Wachheit und der Genauigkeit, mit der man die Situation, in der man gerade ist, einschätzt. Extremsituationen im Psychischen und Physischen helfen dir, dass du mit voller Aufmerksamkeit durchs Leben gehst und überleben lernst, auch in der

Reflexion auf Dinge und Menschen. Ich könnte wahrscheinlich durch die Slums von Rio gehen, ohne dass mir was passiert, oder die Bedingungen in der Wüste überstehen. Ich kann mir nicht vorstellen, abgehoben in diesem Kokon einer überzivilisierten Gesellschaft zu leben, da käme ich mir nutzlos vor. Lernt man mit dieser Haltung auch das Leben mehr zu schätzen? Absolut. Ich bin nach der Rallye Paris–Dakar so glücklich gewesen, einfach weil ich heil und lebendig ins Ziel gekommen bin. Diese Welt zu erfahren war genauso wichtig wie alles, was ich bis zu dem Zeitpunkt gemacht habe. Wenn man auf einer Rallye dem Tod ins Auge schaut: Verliert man dadurch seine Ängste? Nein, Ängste habe ich immer. Aber ich habe sie meist, bevor ich etwas tue, und wenn ich damit angefangen habe, kann ich sie meistens gut ausklammern. Ich wünsche mir, dass das im Alter auch noch funktioniert, die Ängste werden ja nicht weniger. Wie überstehen Sie extreme Erfahrungen ­unversehrt? Du brauchst ein Fundament, auf das du dich verlassen kannst. Beim Schauspiel ist es der höchste handwerkliche Anspruch an sich selber, aber das gilt auch für andere Bereiche, ob in der Kunst oder im Leben. Ich nenne das „die allmähliche Verfertigung des Seins durch Fehler“. Wenn du gelernt hast, mit deinem Instrumentarium umzu­ gehen – auch im übertragenen Sinne –, dann kannst du das genießen. Wenn ich bei einer Skitour in einer Rinne den richtigen Schwung zum richtigen Zeitpunkt erwische, dann werden extremalpine Abfahrten zum Königsgefühl. „Im Netz der Camorra“ läuft auf ServusTV; mehr Action: moretti.at

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„Ich kann in der Hitze der Wüste überleben.“ Tobias Moretti, 62, lernte bei der Rallye Dakar fürs Leben.

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Mountainbiken

hat mit zwanzig bereits drei Weltmeister- und fünf Europa­meistertitel vorzuweisen. Mögliche Erklärung: Die Mountainbikerin aus Tirol mag ganz besondere Heraus­forderungen, um daran zu wachsen. Text WERNER JESSNER  Foto OLIVER SOULAS

Laura Stigger aus dem Tiroler Ötztal gehört zu den besten Radsport­ lerinnen der Welt – und zu den viel­ seitigsten. Ihre Kerndisziplin ist Cross Country – Rundstreckenrennen in schwierigem Gelände –, bei der ­neben Ausdauer auch perfekte Fahr­ technik gefragt ist. Doch sich allein auf diese olympische Disziplin zu konzentrieren kommt dem fröhlichen Blondschopf nicht in den Sinn. Ob Skit­ouren im hochalpinen Gelände, Langlaufbewerbe im Winter oder Straßenradrennen im Sommer – Stigger lebt ihre Vielseitigkeit. Im Herbst wird sie bei Red Bull Radical an den Start gehen, einem Rennen in einem Steinbruch bei Wuppertal, in dem schon die Red Bull X-Fighters mit ihren fliegenden Motorrädern zu Gast waren. Auf ­einem etwa 25 Kilometer langen Kurs mit 600 Höhenmetern werden die unterschiedlichen MountainbikeDisziplinen gemischt – von der super­schwierigen Abfahrt bis zur ­Tragepassage und einer Bachdurch­ querung. Ein Rennen genau nach Lauras Geschmack, weil es ein Be­ werb voller Überraschungen wird. Aber angehen wird sie ihn wie jedes Rennen: „Olm volle!“ – Das ist Tiro­ lerisch und heißt: immer Vollgas.

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Daheim im Ötztal hat sie es sich zum Sport gemacht, E-Biker zu ­jagen, um sie schließlich freund­ lich grüßend zu überholen. Die ­Einheimischen kennen Laura Stigger natürlich, aber hie und da wird noch ein Tourist Beute ihres kleinen ­Spaßes. Mit mehr als 25 km/h den Berg hinauftreten (so schnell sind E‑Bikes): Das zeigt, wie fit Welt­klasseAthleten vom Schlag einer Laura Stigger sind.

Furchtlosigkeit in den Genen

„Auch in den Rennen mag ich es am liebsten knackig: steile Auffahrten, technisch schwierige Abfahrten“, sagt sie. Was sie nicht dazusagt: dass sie den E-Bikern auch bergab davonfährt. Ihre Furchtlosigkeit liegt in den Genen, erzählt sie: „Die Mama fliegt bei Kunstfliegern mit und geht bungeejumpen. Vom Papa, der Fußballer war, hab ich meinen Ehrgeiz.“ Pause, Nachsatz: „Und ich bin brutal ehrgeizig.“ Dazu kommt, „dass ich immer schon gern draußen war“. „Gern draußen sein“ bedeutet in ihrem Fall, das erste Radrennen mit nicht einmal sieben Jahren gefahren zu sein. Mit vierzehn Jahren wurde sie zum ersten Mal Jugend-Europa­ meisterin im olympischen Cross Country. Mit siebzehn räumte sie bei den Juniorinnen ab und wurde Weltmeisterin, Europameisterin und zusätzlich Weltcup-Gesamtsiegerin mit ausschließlich ersten Plätzen. Grand Slam, sozusagen.

2018 hatte sie eine Idee: Die StraßenWM fand in Tirol statt, und da wäre es doch schön, wenn sie als Moun­ tainbikerin mitten unter den StraßenProfis mitmischen könnte, gerade bei einem Heimrennen. Die für eine Startberechtigung nötige Qualifika­ tion erledigte sie bei einem Rennen in Italien. Der Rest ist Geschichte: 20 Kilo­ meter vor dem Ziel setzte sie einen Angriff, den bloß drei ihrer Gegne­ rinnen mitgehen konnten. Es kam zum Zielsprint, Laura gewann. Stra­ ßen-Weltmeisterin im erst zweiten Straßenrennen ihrer Karriere! Die Verteidigung ihres WM-Titels auf dem Mountainbike zwei Monate da­ vor war da beinahe schon Routine. „Mir ist eigentlich nie fad“, grinst Laura, wenn man sie auf ihre Trai­ ningsroutine anspricht, die keine ist, und zwar mit Absicht. Natürlich hat sie Trainingspläne, aber wenn sie ­etwas machen will, dann macht sie es einfach. Einmal schnell eine Berg­ tour einstreuen. Oder sich auf Lang­ laufskier stellen, eine Startnummer holen und schauen, wie der Wett­ bewerb im Ski-Nordisch-Bereich funktioniert. Während andere im Winter Stunden um Stunden in ­fensterlosen Räumen auf ihren Ergo­ metern an der Form feilen, geht sie Skitouren auf Dreitausender. Haupt­ sache anders, Hauptsache hart. Aus diesen Mosaiksteinchen ist eine per­ fekte Athletin gebaut. Doch egal was sie macht, bei wel­ chem Bewerb sie startet, eine Sache ist immer gleich, sagt sie: „Sobald ich an der Startlinie stehe, geht es darum, als Erste ins Ziel zu kommen. Da ist mir egal, ob ich ein Vereins­ rennen fahre, eine Weltmeisterschaft oder im Herbst das Red Bull Radical. Mein Trainer und ich schauen uns an und sagen: ‚Olm volle!‘ Und dann geht’s los.“ Lauras Doku „Olm volle“: auf redbull.com

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MICHAEL CERVENY/SPECIALIZED GLOBAL SPORTS

Laura Stigger

Plötzlich StraßenWelt­meisterin


„Ich mag es am liebsten knackig: steile Auffahrten, schwierige Abfahrten.“ Laura Stigger, 20, ist außerhalb der Komfortzone daheim.

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Red Bull Flugtag

Wenn Träumen Flügel wachsen

Tollkühne Typen, kreative Geister und die neue Freude am wirklich kurzen Kurzstreckenflug. Der RED BULL FLUGTAG ist am 26. September zurück in Wien. Hier ein Amuse-Gueule der weltweit irrwitzigsten Manöver der Lüfte. Text SASKIA JUNGNIKL


JEDER METER ZÄHLT

Auch wenn das Fahrgestell gleich baden geht, kämpft diese Red Bull FlugtagBesatzung noch um jeden Zentimeter.

JÖRG MITTER/RED BULL CONTENT POOL

KIEW, UKRAINE, 2010

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EINFACH MAL BLAUMACHEN

Die Schiedsrichter be­werten neben ge­flogener Distanz auch Unter­haltungs­ wert und Kreativität. Dieses Team setzt auf schlumpfblaues Bodypainting. DUBLIN, IRLAND, 2011

Showtime: Du hast 30 Sekunden, um dein Team zu präsentieren: Erlaubt ist, was erlaubt ist!

BAHN FREI!

Anlauf, Balance und der richtige Absprung­ zeitpunkt entscheiden. Hier schieben drei Teil­ nehmer ihr Flugauto von der Rampe. GDYNIA, POLEN, 2019


Red Bull Flugtag

SIE BEKENNEN FARBE

Rettungsweste und Helm sind vorgeschrieben. Die Wahl zur Gesichts­bemalung haben diese drei Herren aber selbst getroffen. LUKASZ NAZDRACZEW/RED BUL CONTENT POOL, TOMEK GOLA/RED BULL CONTENT POOL, PEDRAG VUCKOVIC/RED BULL CONTENT POOL, TYRONE BRADLEY/RED BULL CONTENT POOL

BENGALURU, INDIEN, 2014

GUT GEMALT IST HALB GEFLOGEN

Hier sehen wir die Skizzen für das Mars-Rover-Flugobjekt des Teams „Curry Powder“ aus Durban. Erfolgreiche Starter kombinieren technisches Know-how mit viel Fantasie und einer Prise Mut. DURBAN, SÜDAFRIKA, 2012

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Red Bull Flugtag

Richtig abheben ist schon wichtig: Wer fällt, statt zu fliegen, kann nicht gewinnen. 44


AUS DER BAHN, HIER KOMME ICH!

Sicht, Atmung und Schwimm­ fähigkeit der Piloten dürfen nicht beein­trächtigt sein. Dann kann man sich wie dieser Renn­fahrer begeistert in die Fluten stürzen.

MAURIN BISIG

LUZERN, SCHWEIZ, 2011


DRACHEN-FLIEGER

Umgebaute Hängegleiter eignen sich hervorragend als Flugobjekte. Ein besonders buntes Exemplar bringt dieser Pilot ins Rennen.

DANIL KOLODIN/RED BULL CONTENT POOL, DEAN TREML/RED BULL CONTENT POOL,RYAN TAYLOR/RED BULL CONTENT POOL

KIEW, UKRAINE, 2010


Red Bull Flugtag SUPERMAN HEBT AB

Dieser Teil­nehmer (oben) vom Team ­„Minions Act of Seewen“ beeindruckt mit einer Kopfsprung-Variante Marke Superman. ZÜRICH, SCHWEIZ, 2016

Da schau her! Jedes Flugobjekt ist ein absolutes Unikat.

RETTET DAS EINHORN!

Das Team „Mercy No Mercy“ gewann 2016 in Kentucky den People’s Choice Award. Die Crew bestand aus Lehrern der lokalen Highschool. Und einem armen Einhorn. LOUISVILLE, KENTUCKY, USA, 2016 THE RED BULLETIN

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Red Bull Flugtag HIER JUBELN WIEN-SIEGER Das Team „Back to the Future“ gewann beim bislang letzten Flugtag in Wien. Pilot Peter Pichler (mit Sonnenbrille): „Niemand ist so ausgeflippt wie die Österreicher.“

Touchdown! Am Ende gilt die alte Fliegerweisheit: Runter kommen sie alle.

FEST ANSPANNEN Beim Red Bull Flugtag in Lyon gab dieser Teilnehmer alles für eine gute Haltungs­note.

LYON, FRANKREICH, 2019

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ERWIN POLANC/RED BULL CONTENT POOL, ALEX VOYER/RED BULL CONTENT POOL, MAURO PUCCINI/RED BULL CONTENT POOL

WIEN, ÖSTERREICH, 2012


DAS ENDE DER TRAGFLÄCHEN

Wie stabil ein Flug­ objekt ist, zeigt sich spätestens bei der Landung. Dieses hier war’s eher nicht. MAILAND, ITALIEN, 2016


Red Bull Flugtag

A

wie Aerodynamik Manchmal merken wir sofort, wenn ein Flugobjekt auf der Rampe in erster Linie „Ob­ jekt“ und bestenfalls in zwei­ ter Linie „Flug“ ist. „Auf die Aerodynamik kommt’s an“, sagt Pilot Mirko Flaim von den Flying Bulls. Konkret: ­darauf, dass die Flügel schön angeströmt werden. Dann erst ist ein weiter Flug drin.

„Wenn du nicht gut fliegst, schau wenigstens gut dabei aus“: der Red Bull Flugtag von A bis Z Vier Experten fürs Abheben und ihr Insider-Guide für das Event des Jahres.

B

wie Bauchfleck Lacht der Zuschauer, ist das für den bemühten Piloten nicht unbedingt ein Vergnü­ gen. Wenn’s ans Eintauchen geht, ist ein Bauchfleck unbe­ dingt zu vermeiden, schließ­ lich ist die Rampe respekt­ gebietende sechs Meter hoch. Da sollte die Landung im ­Kostüm gut vorbereitet sein. Oder wie Red Bull FlugtagRekord­halter Nate Herse sagt: „Denk ruhig schon vor­ her dran, was passiert, wenn du aufs Wasser klatschst.“

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Mit dabei: Skisprung-Hero a. D. und Heli-Pilot THOMAS MORGENSTERN, Snowboarderin ANNA GASSER, MIRKO FLAIM, Pilot bei der Flugstaffel The Flying Bulls, und ein Weltrekordler aus den USA: NATE HERSE, der mit seinem Team „Chicken Whisperers“ bis heute am weitesten geflogen ist: nämlich 78,65 Meter.

BALAZS GARDI/RED BULL CONTENT POOL, MARKUS BERGER/RED BULL CONTENT POOL, KEN LEANFORE/RED BULL CONTENT POOL, CARLO CRUZ/RED BULL CONTENT POOL

Mann vom Fach: Pilot Mirko Flaim

Text WOLFGANG WIESER

THE RED BULLETIN


C

E

H

L

Unser Weltrekordler aus den USA sagt: „Wenn du nicht gut fliegst, schau wenigstens gut dabei aus. Liefere eine Show, denke richtig groß – bei den Kostümen und den Tänzen.“ Denn auch das bringt JuryPunkte. Thomas Morgenstern, mit Höhen und Weiten bestens vertraut (und durchaus das, was man einen Schmähbruder nennt): „Für mich ist wichtig, wie lustig und glaubwürdig die Team-Performance ist. Je besser die Action, desto lauter der Applaus. Beinahe so, wie wenn du vom Bergisel springst.“

Die „Chicken Whisperers“ ­haben drei Monate an ihrem Flugobjekt gebaut und damit sogar Testflüge absolviert. Was sie dabei erkannt haben: 1. auf den Schwerpunkt achten, 2. nicht nur an den Bau denken, sondern auch daran, dass das Ding 3. wieder zerlegt, transportiert und am Wett­bewerbsort erneut zusammengebaut werden muss.

Augen zu und durch!

Wer Rekordhalter Nate fragt, was einer perfekten Landung vorausgehen muss, erhält eine Antwort mit Augenzwinkern: „Ein stabiler Flug.“ Zusatz­ frage: „Ist es okay, sich zu fürchten?“ – „Unbedingt.“

wie Choreografie

wie Expertise

Zur Testbeobachtung einfach den QR-Code scannen:

F

wie Fantasie

Startklar: Thomas Morgenstern im Cockpit seines Helikopters

D

wie Drama Der womöglich peinlichste Moment für hoffnungsvolle Piloten, sozusagen das Drama in Red Bull Flugtag-Gestalt vor Live-Publikum? Welt­ rekordler Nate Herse hat darauf eine klare Antwort: „Unbedingt darauf achten, dass die Flügel ordentlich befestigt sind. Nichts ist peinlicher, als wenn sich deine Flügel sofort zusammenfalten.“

Wer das Video der „Chicken Whisperers“ (siehe QR-Code oben) gesehen hat, erkennt, dass es das Team sehr genau, um nicht zu sagen, ernst genommen hat. Grundsätzlich gilt aber vor allem, was schon unter C zu lesen war („Liefere eine gute Show“), also: je ausgefallener, desto besser.

G

wie Geschwindigkeit Alle vier Experten sind sich einig: „Je schneller du beim Abheben bist, desto weiter geht es.“ Also: Gib Schub!

wie Höhenangst

I

wie Inspiration „Was beim Red Bull Flugtag daherkommt, ist schon sehr beeindruckend“, sagt Thomas Morgenstern. „Ich weiß, dass bei lässigen Garagenevents viele Stunden für Vor- und Nachbesprechungen drauf­ gehen. So holst du dir Ideen.“ Rekordmann: Nate Herse (li.) & ein Co-Huhn der „Chicken Whisperers“

J

wie Jury Bewertet die Flüge, muss auch sein. Thomas Morgenstern, 2012 Jury-Mitglied: „Die Show ist wichtig. Die Weite noch viel mehr!“

M wie Mut

Siehe: B – und wird belohnt. „Nate Herse, was war dein schönster Flugtag-Moment?“ – „Zu sehen, wie unser Flieger erfolgreich abhob.“

N

wie Nose Dive

Da lacht die Jury: dreimal die Zehn!

K

wie Kostüm Für einen Tipp siehe: Q.

THE RED BULLETIN

wie Landung

Da uns N wie Notlandung zu pessimistisch erschien, haben wir uns für einen Begriff aus dem Talk mit Nate Herse entschieden, nämlich „Nose Dive“. Den gilt es ebenso zu vermeiden wie einen „Backflip“, also mit Bug oder Heck in steilem Winkel ins Wasser krachen. Deshalb: immer auf den Schwerpunkt achten.

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Red Bull Flugtag

O

R

U

W

Ja, darum kommen vor allem die Piloten nicht herum. Ge­ meint ist damit die Bereit­ schaft, Kilos purzeln zu lassen. Nate Herse empfiehlt, „dass nicht nur das Flugobjekt, son­ dern auch Pilotin oder Pilot Leichtgewichte“ seien. Oder wie er sagt: „Minimize the weight of the craft and pilot.“

Die Bühne für die Teams plus Zeitlimit: Ihre Show darf maxi­ mal 30 Sekunden dauern!

Wien ist der Ort, an dem 1992 alles begann: der Flug­ tag-Ursprung, sozusagen.

S

V

78,65 Meter beträgt der Welt­ rekord des US-Teams „Chicken Whisperers“. Wie lange er noch halten wird, haben wir Nate Herse gefragt: „Hoffent­ lich für immer, aber ich finde es aufregend, wie die Leute versuchen, uns zu übertreffen. Ich glaube aber auch, dass es das richtige Team unter den richtigen Bedingungen schaffen kann.“

Daran haben wir erstaun­ licherweise nicht sofort ge­ dacht. Denn hier stand zuerst Schwerpunkt (siehe E). Dabei ist Spaß das entscheidende Flugtag-Element. Abgesehen von Luft und Wasser natürlich.

Wer schon einmal abgehoben hat, weiß: Von oben sieht die Welt ganz anders aus – auf­ regender, spannender, gefähr­ licher. Und das Wasser ist ­irritierend weit weg. Wer’s einmal gewagt hat, muss noch nicht zwingend als ­Sieger hervortreten, aber er oder sie weiß zumindest, was es heißt, die Perspektive zu verändern.

wie Rampe

wie Spaß

P

wie Paten Von den Pilotinnen & Piloten direkt zu den Paten: Anna Gasser, Thomas Morgenstern und die Flying Bulls werden jeweils einem Team mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Q

T

wie Ursprung

wie Vogelperspektive

wie Teamspirit Ohne geht’s nicht.

Das Comeback des Kult-Events

Z

Es ist das Revival des Jahres, wenn beim Red Bull Flugtag Piloten und ihre Crews der Schwerkraft trotzen. ServusTV überträgt das Event live aus der Brigittenauer Bucht in Wien. Moderator Andi Moravec führt durch die Sendung. Der Eintritt ist gratis. 26. 9., ab 15 Uhr auf ServusTV, Live-Stream auf redbullflugtag.at

Empfehlen wir vor allem sämt­ lichen Teilnehmern. Also: Nehmt euch Zeit und widmet euch noch einmal der Lektüre von „W wie Weltrekord“. Das macht Hoffnung. Ahoi!

Das Siegerteam von 2012 („Back to the Future“) hebt ab.

Red Bull Flugtag in der Brigittenauer Bucht, Wien

XY Weil das Ganze ein Spaß und keine Qual (siehe Q) sein soll, haben wir nach langem Nach­ denken beschlossen, X und Y keine Starterlaubnis für diese Story zu erteilen.

Wer es bis hierher geschafft hat, weiß, dass nicht nur Weite wichtig ist, sondern auch die Show (siehe C). Wer noch vor der Qual der Wahl steht, dem hilft vielleicht Anna Gassers Wunsch: „Ein fliegendes Eich­ hörnchen wäre lustig.“

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Die „Chicken Whisperers“ 2013 bei ihrem Weltrekord in Kalifornien

ungelöst

wie Qual der Wahl

Snowboarderin Anna Gasser ist Patin beim Red Bull Flugtag.

wie Weltrekord

wie Zeit

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MIRJA GEH/RED BULL CONTENT POOL, ERWIN POLANC/RED BULL CONTENT POOL, MATHIEU YOUNG/RED BULL CONTENT POOL

wie Opferbereitschaft


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Red Bull Flugtag

KONRAD PAUL LIESSMANN

Schöner scheitern Gedanken zur Ästhetik der Bruchlandung

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THE RED BULLETIN

HERIBERT CORN

WOLFGANG HARTL, EDITION5HAUS

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cheitern. Scheitern. Scheitern. Über Jahr­ des Aufwindes studierten, desto näher rückte die Mög­ lichkeit, tatsächlich zu fliegen – und seien es nur ein paar hunderte, vielleicht Jahrtausende. Auch Meter. Meilensteine dieser Entwicklung waren dann im so könnte man die Geschichte des Fliegens späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Flugversuche ­beschreiben. Der Traum des Menschen, es von Otto Lilienthal und der Brüder Wright. den Vögeln gleichzutun und sich in die Lüfte Aber wir sollten uns auch an den unglücklichen zu erheben, ist uralt. Lange bevor es dem Erfindergeist „Schneider von Ulm“ erinnern. Der technisch begabte des Menschen und seiner Ingenieurskunst gelang, mit­ hilfe der Kraft von Motoren die Schwerkraft zu über­ junge Albrecht Ludwig Berblinger (1770 –1829) hatte winden, entstanden Sagen, Mythen und Märchen, in nur aus Not und gegen seinen Willen das Schneider­ handwerk erlernen müssen, sein Herz und Hirn ­denen Menschen versuchen, sei es aus eigener gehörten der Mechanik. Er war fasziniert und Kraft, sei es durch Zauberei, den Erdboden besessen von der Idee, einen Hängegleiter zu unter sich zu lassen. Ungetrübt waren diese bauen, der dem Flug der Eulen nachempfun­ Phantasiereisen jedoch nie. Immer enthielten den war und ihn von einem Turm schweben sie eine Mahnung: Wer zu hoch hinauswill, lassen sollte. Jahrelang tüftelte er an diesem wird tief fallen. Die legendäre Geschichte des Gerät, er konnte sogar das Interesse des Königs Ikarus zeugt davon. In dieser antiken Erzäh­ lung können sich Ikarus und sein Vater Däda­ von Württemberg wecken. Am 31. Mai 1811 lus aus einer Gefangenschaft befreien, startet er nach mehreren Verschiebungen KONRAD PAUL weil es dem kundigen und erfindungs­ von der Adlerbastei in Ulm einen öffent­ LIESSMANN reichen Dädalus gelungen war, Flügel lichen Flugversuch und stürzt aufgrund Der 68-jährige Kärntner zu konstruieren, die sie davontragen. Im der ungünstigen Thermik in die Donau. ist einer der angesehensten Philosophen und ­Essayisten Hochgefühl des Fluges schlägt Ikarus die Er wird von F ­ ischern gerettet, aber sein Österreichs. Bis 2018 Warnungen seines Vaters in den Wind, Leben ist ruiniert. Er wird als Lügner war er als Professor an der steigt zu weit empor, nähert sich der und Betrüger geächtet und stirbt völlig Uni Wien tätig. ­Spezialgebiet: Sonne. Das Wachs, das die Flügel zu­ verarmt. Erst viel später stellte sich her­ „Methoden der Ver­mittlung sammenhält, schmilzt, der Knabe stürzt aus, dass sein Gerät im Prinzip flugfähig von Philosophie und Ethik“. ins Meer. Dieser antike Mythos warnt gewesen war. nicht vor dem Versuch, nach außer­ gewöhnlichen Lösungen für unangenehme Probleme zu Berblinger könnte als geheimer Ahnherr der Red Bull suchen; er warnt vor Selbstüberschätzung und Hybris. Flugtage gelten. Er muss viele Eigenschaften in sich Denn dem bedächtigen Dädalus gelingt der Flug, und ­vereinigt haben, die auch die waghalsigen Piloten und es war ein Flug in die Freiheit. Die Bewegung im drei­ Konstrukteure dieser einzigartigen Flugschau aus­ dimensionalen Raum, das Abheben vom Boden ist ein zeichnen: Hartnäckigkeit; der Wille, eine von vielen wirkmächtiges Bild für alle Formen des Strebens nach als ­Aberwitz bezeichnete Idee zu verwirklichen; die Unabhängigkeit. Das bittere Schicksal des übermütigen unbedingte Bereitschaft, Geld, Zeit und Nerven in ein Ikarus aber verweist uns darauf, dass wir in allem, was nahezu aussichtsloses Projekt zu investieren; die Kraft, wir tun, auch scheitern können. sich von Rückschlägen nicht irritieren zu lassen. Traut man den Augenzeugenberichten und zeit­ genössischen Darstellungen, kann der verunglückte Wann Menschen begonnen haben, mit dem Fliegen Gleitflug des Schneiders von Ulm als Vorwegnahme der Ernst zu machen und tatsächlich Geräte zu bauen, die Sprünge der Red Bull Flugtags-Enthusiasten gedeutet sie in der Luft halten sollten, wissen wir nicht. Versuche, werden. Eingespannt in eine aufwendige Konstruktion mit ausgebreiteten Armen und künstlichen Schwingen aus Bambusholz, die mit Seide bespannt war, nimmt er von Klippen zu springen, wird es wohl viele gegeben über eine 20 Meter lange Rampe Anlauf mit dem Ziel, ­haben. Doch erst der moderne, wissenschaftliche Geist die 40 Meter breite Donau zu überqueren, und landet des Menschen ging daran, ernsthaft zu überlegen, wie kurz nach dem Absprung mit seinem Fluggerät unsanft man vorgehen müsste, um die Natur zu überlisten. im Wasser. Was Berblinger von den Teilnehmern des Universalgenie Leonardo da Vinci (1452 –1519) Red Bull Flugtags unterscheidet: Er wollte das andere ­hinterließ uns etwa Skizzen eines durchdachten Flug­ Ufer erreichen, er wollte unbedingt demonstrieren, geräts, und je mehr die Menschen die Natur, die Gesetze


PIONIERE DES ABHEBENS Albrecht Ludwig Berblinger („Schneider von Ulm“), Ikarus, die Brüder Wright, Leonardo da Vinci Eine Collage des Wiener Illustrators Wolfgang Hartl, exklusiv für The Red Bulletin


Red Bull Flugtag

dass der Mensch fliegen kann, er wollte die Gesetze der Aerodynamik ausnützen, um erdgebundene Menschen schweben zu lassen; er wollte die Fesseln der Schwer­ kraft ablegen, er wollte nicht scheitern. Doch er kam um ein Jahrhundert zu früh und bekam keine Gelegen­ heit mehr, sein Gerät zu verbessern und aus der Erfah­ rung des Scheiterns zu lernen. Trotzdem zählt er heute zu Recht zu den tragischen Pionieren der Luftfahrt. Die Helden des Red Bull Flugtags jedoch können nicht nur scheitern, sie müssen und wollen sogar ­scheitern. Niemand entschwindet im Himmel, alle ­müssen eher früher denn später hinab ins kühle Nass. Die Athleten bewahren mit viel Witz die Erinnerung an die gescheiterten Versuche, die notwendig waren, um jene Technologie zu entwickeln, der wir uns, ohne viel nachzudenken, jedes Mal an­ vertrauen, wenn wir ein Flugzeug besteigen. Sie inszenieren eine ­Ästhetik der Bruchlandung, die ­zwischen Erhabenheit und Slap­ stick, zwischen Komik und Tragik, zwischen bizarrer Schönheit und plumper Unbeholfenheit, zwischen über­bordender Phantasie und gro­ tesker Inszenierung schillert. Die aufwendigen Kostümie­ rungen der Teams, die Tänze und rhythmisierten Anläufe, der Jubel nach dem großen Crash rücken dieses Fest in die Nähe einer spektakulären Clownerie. Worum geht es? Die ein­ falls- und variantenreich gestalteten ungewöhnlichen Flugapparate und die bunte, laute, fröhliche Drapierung der Mannschaften sind zweifellos amüsant und beein­ druckend. Alles dreht sich aber entscheidend um den Moment, in dem diese Dinger mit ihren Piloten nach kurzer Luftfahrt auf der Wasseroberfläche aufklatschen, in diese eintauchen und dabei stilvoll auseinanderbre­ chen. Das, was in unzähligen, mit Leidenschaft erfüllten Arbeitsstunden hervorgebracht wurde, wird in wenigen Augenblicken vernichtet. Der Einsatz, der den Teilneh­ mern im Vorfeld abverlangt wird, steht – vordergründig betrachtet – in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Die Szenen verdeutlichen uns das Prinzip der produktiven Zerstörung, sie gleichen in manchem einem uralten ­Opferritual: Mit viel Liebe wurde etwas hergestellt, das in einer besonderen, einzigartigen Handlung weg­ gegeben wird. Die Präsentation der Fluggeräte, der Anlauf über die Rampe demonstriert diese Liebe in all ihrer kuriosen Pracht. Im nächsten Moment bricht alles in sich zu­ sammen. Der Zweck, wenigstens ein paar Sekunden und einige Meter über den Wassern zu schweben, wurde wieder einmal grandios verfehlt. Oder liegt nicht genau in dieser Verfehlung der eigentliche Sinn?

tivität kokettiert, in einem entscheidenden Punkt dem Zeitgeist: In unserer effizienzorientierten Gesellschaft ist Scheitern nicht vorgesehen. Alles muss gelingen. Den Misserfolg können wir nur akzeptieren, wenn daraus irgendwann doch noch ein Erfolg wird. Das Scheitern als Zweck an sich zu sehen, ganz bewusst die Hoffnung an der Wasseroberfläche zerschellen zu lassen, gehört in eine andere Welt. Es ist die Welt der Kunst. In dieser dürfen Erfahrungen aller Art um ihrer selbst willen in einem ästhetischen Gewand zelebriert werden. Dass Menschen in ihren Anstrengungen und Be­ mühungen versagen können, wissen wir. Doch niemand scheitert gerne. Oft wollen wir es uns gar nicht ein­ gestehen, dass wir mit einem Projekt, einer Idee, einem Unternehmen gescheitert sind. Gerne reden wir uns die­ ses Scheitern schön, faseln etwas von wichtigen Lern­ prozessen und neuen Chancen. Das ändert wenig daran, dass Ziele nicht erreicht und Vorstellungen nicht verwirklicht werden konnten. Wer mehrmals scheitert, verliert alles. Der Red Bull Flugtag erlaubt den Akteuren und den Zuschauern, etwas in einer reinen und schönen­ Form zu genießen, das wir im harten Leben so nie und nimmer feiern dürften: das Unzulängliche, das Missglückte, das Unverhältnis­ mäßige, das Scheitern. Wie gut, sich einmal dazu bekennen zu können, dass manches eben einfach ins Wasser fällt.

„Das Scheitern als Zweck an sich zu sehen gehört in eine andere Welt: Es ist die Welt der Kunst.“

Der Red Bull Flugtag widerspricht, sosehr er mit den modernen Ideen von Innovation, Risikobereitschaft, Teamgeist, Nachhaltigkeit, Erfindungskraft und Krea­

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Scheitern ist aber nicht gleich ­Scheitern. Selbst bei ­dieser lebensfrohen Inszenierung des Misslingens gibt es Wertungen. Man kann auf mehr oder weniger schöne Art scheitern. Die Ästhetik der Bruchlandung kennt unterschiedliche Abstufungen der Skurrilität, der Ori­ ginalität, der athletischen Beherrschung des Absturzes, der überraschenden Fähigkeit, sich länger in der Luft zu halten als gedacht. Wenn, zur allgemeinen Verblüffung und von frene­ tischem Applaus begleitet, ein eleganter Gleitflug gelingt, das Gefährt und sein Pilot nach einem Flug über 50 und mehr Meter in einer sanften Neigung ins Wasser ein­ tauchen, dann spürt man, dass ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Der Schneider von Ulm und die anderen unglück­ lichen Abenteurer der Luftfahrt werden rehabilitiert, ihre Hartnäckigkeit und Unverdrossenheit wird in diesen seltenen Momenten bestätigt und belohnt. Um schön scheitern zu können, um eine spektakuläre Bruchlandung hinlegen zu können, um den Augenblick einer stilvollen Zerstörung genießen zu können, um Lust, Freude und Spaß an dieser eigenwilligen Einheit von Konstruktion und Destruktion zu haben, braucht es Enthusiasmus, innere Kraft, guten Geschmack und Mut. Dieser Event führt uns vergnüglich vor Augen, dass Scheitern nicht nur eine Konsequenz von Schwäche, sondern auch ein Ausdruck der Stärke sein kann.

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MEHR MUTAUSBRÜCHE BITTE Normalerweise ist die Luft der natürliche Lebensraum der Red Bull Skydive-Athleten  Marco Fürst  und  Marco Waltenspiel , doch für dieses einzigartige Abenteuer machten die beiden Extremsportler gerne eine Ausnahme: Sie testeten den neuen Opel Mokka-e auf Herz und Nieren.

Über 30.000-mal haben sie ihn gewagt und jedes Mal genossen: den freien Fall – den Absprung aus etwa 1000 bis 4000 Metern über Grund. Allein, im Team, in einstudierten Choreografien und spektakulären Stunts. Was es dafür braucht? Klarheit, Selbstbewusstsein und eine gehörige Portion Mut – das verbindet sie mit dem neuen Opel Mokka-e. Als erste Österreicher überhaupt kamen die beiden Red Bull Skydiver in den Genuss, den neuen, vollelektrischen Kompakt-SUV zu testen. Schauplatz war das beschauliche Bergdorf ObergurglHochgurgl inmitten verschneiter Dreitausender.

WOW! GANZ SCHÖN ELEKTRISIEREND. Es gibt vermeintlich leichtere Auf­ gaben, als zwei Jungs, die die Welt meist kopfüber betrachten, auf dem Boden zu halten – der Opel Mokka-e hat es geschafft! Elektrisch, emissionsfrei und voller Energie ­überzeugte der Kompakt-SUV mit seinem außergewöhnlichen Fahr­ erlebnis – wow!

MICHAEL GROESSINGER

„Sehr lässig!“, so der erste, coole Kommentar der ­beiden Adrenalinjünger bei der Autoübergabe in Tirol, ­wobei der neue Vizor – das brandneue Gesicht von Opel, ein Hightech-Panel, das die Scheinwerfer mit dem Opel Blitz im Zentrum arrangiert – es den beiden besonders angetan hat. Kaum hatten sie hinter dem Steuer Platz genommen, begeisterte sie vor allem das neue, voll­ digitale Cockpit, das Opel Pure Panel – bis mit dem Druck auf den Startknopf schlussendlich alle Freudendämme brachen: Ansatzlos und ohne Verzögerung ­beschleunigte der flüsterleise Elektroantrieb und ­bescherte den beiden einen Fahrspaß, bei dem sie versucht waren zu sagen: „Nur Fliegen ist noch schöner!“


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„Es war ein großartiger Tag und hat viel Spaß gemacht. Wir haben mehr Zeit am Boden verbracht als sonst – aber es war genial!“

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„Ich sehe mich als Entwicklungshelfer“

Fordernd, überzeugend, mitreißend: Eine neue Generation erfolgreicher Trainer kommt aus der Schule von FußballVordenker RALF RANGNICK, 63. Hier erzählt er in eigenen Worten, warum nichts mehr motiviert als ein Chef, der dich besser macht. Aufgezeichnet von MARC BAUMANN 60

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Fußball

„RANGNICKIANER“ AUF REISEN Die aktuellen Klubs ehe­ maliger Rangnick-Trainer in England, Deutschland und den Niederlanden

PHILIPP HORAK, GETTY IMAGES

„M

an muss ein Stück weit zum Cheftrainer geboren sein, schon als Sechs­ jähriger wollte ich beim Kicken mit Neun­ jährigen die Mannschaften einteilen, das Spiel o ­ rganisieren und anderen zeigen, wie sie sich verbessern können. Ein Journalist hat kürzlich von der ‚Glaubens­gemeinschaft der Rangnickia­ ner‘ geschrieben, weil es inzwischen doch einige erfolg­reiche Trainer gibt, die von mir geholt oder gefördert wur­ den – wie Julian ­Nagelsmann, Marco Rose, Oliver Glasner, Adi Hütter oder Jesse Marsch. Mir war das gar nicht so bewusst. Aber es stimmt wohl. Ich sehe meinen Job inzwischen vor allem als ‚Entwicklungshelfer‘: Wenn die Ausbildung von Fußballprofis wie ein Puzzle aus 500 Teilen ist, dann haben wir dafür gesorgt, dass in Salzburg wie in Leipzig alle 500 Teile verbessert werden. Es ist zu einem Gütesiegel geworden, wenn jemand zwei, drei Jahre bei Red Bull gearbeitet hat – ob Trainer, Video­ analysten oder Scouts. Selbst die Köche sind uns schon abgeworben worden. Fürs ganzheitliche Konzept ist wichtig, jeden kleinsten Bereich seines Berufs auf Verbesserungspotenzial zu untersuchen. Der größte Motivator für Menschen ist nicht Geld, sondern einen Chef, Trainer oder Professor zu haben, der oder die dich besser macht. Dann werden dir die Spieler oder Mitarbeiter immer folgen. Ich hab vor der Geburt meines ersten Kindes ein Elternseminar besucht, das unter dem Motto stand: ‚Erziehung mit Liebe und Konsequenz‘. Genau darum geht es im Beruf, als Führungsperson. Die Spieler müssen das Gefühl haben, dass sie dir am Herzen liegen, aber auch, dass du in gewissen Bereichen trotzdem konsequente Entscheidungen triffst. Ein gemeinsamer Weg geht aber auch mal zu Ende, dann kann man als Chef einfach sagen ‚Alles Gute und tschüs!‘ – aber ich finde, als guter Vorgesetzter kümmerst du dich auch um die Zeit danach und hilfst, die bestmögliche Lösung für deren weiteren Lebensweg zu finden.“

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NIEDERLANDE ENGLAND

DEUTSCHLAND

DIE RANGNICKSCHULE IN EUROPA

Diese Spitzenklubs vertrauen auf Trainer aus dem System Rangnick. Ein Überblick:

WEG EINES VISIONÄRS

Ralf Rangnick führte als Trainer Hoffenheim und RB Leipzig in die Bundesliga. Er war Sportdirektor in Leipzig und beim FC Red Bull Salzburg und ist einer der Väter des modernen Pressing-Fußballs.

Borussia Dortmund Marco Rose, 45 Erreichte mit Borussia Mönchengladbach 2020 die Champions League, visiert nun mit dem BVB die Meisterschaft an.

FC Bayern München Julian Nagelsmann, 34 Unterschrieb im Juli Vierjahresvertrag beim Rekordmeister, gewann im August den Supercup im Finale gegen Dortmund.

Borussia Mönchengladbach PSV Eindhoven Roger Adi Hütter, 51 Schmidt, 54 Wurde mit Bern Schweizer Meister, erreichte mit Frankfurt 2019 das Halbfinale der UEFA Europa League.

SEITENLINIEN-STRATEGE Für die Saison 2018/19 übernahm Ralf Rangnick das Leipziger Traineramt. Hier gibt er den Spielern Kevin Kampl und Tyler Adams Anweisungen.

Kam mit Bayer Leverkusen zweimal ins UEFA-ChampionsLeague-Achtelfinale, holte mit dem PSV den Supercup.

Eintracht Frankfurt Oliver Glasner, 47

FC Southampton Ralph Hasenhüttl, 54

Stieß mit Wolfsburg 2020 ins Europa-League-Achtelfinale vor und qualifizierte sich 2021 für die Champions League.

Bewahrte den englischen Tradi­tionsklub 2019 vor dem Abstieg, eroberte 2020 kurzzeitig Platz eins.

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Die Bessermacher Sechs Top-Trainer und was sie als Leader auszeichnet. Erklärt von ihrem früheren Mentor Ralf Rangnick. Adi Hütter

Borussia Mönchengladbach

Julian Nagelsmann FC Bayern München

Marco Rose

Borussia Dortmund

RANGNICKS BEOBACHTUNG „2013 wurde Adi mit dem Dorfklub SV Grödig Dritter in der Bundesliga. Das war erkennbar gute Arbeit.“

„Eine Kabinenansprache war nicht möglich, weil der U16-Trainer Nagelsmann nebenan so laut war.“

„Als Roger Schmidt 2014 von Red Bull Salz­ burg zu Leverkusen ging, haben wir e­ inen Nachfolger gesucht. Damals war Adi Hütter als Trainer des Aufsteigers aus G ­ rödig, ­einem Dorf mit 7300 Einwohnern, über­ raschend Dritter in Österreichs Bundesliga geworden. Ich hab gleich gemerkt, was für ein besonderer Mensch er war. Mit Grödig hat er ein brutales Pressing spielen lassen. Er hat auf seinen Stil vertraut und häufiger als ich auf erfahrene Spieler statt auf Ta­ lente gesetzt. Aus wenig sehr viel machen, das kann man von Adi Hütter lernen.“

„Ich sah Julian das erste Mal 2011, als er U16-Trainer war und mein Sohn gegen ­seine Mannschaft spielte. Zwei Dinge spra­ chen gleich für Julian: Er hat mir direkt eine E-Mail geschrieben und gefragt, wie ich seine Taktik fand und ihn selbst am Spielfeldrand. Und mein Sohn meinte, sein Trainer habe fast keine Kabinenansprache halten können, weil Nagelsmann nebenan so laut gewesen sei. Was nicht nur junge Chefs von Julian lernen können: Er ist von seiner Arbeits­ weise total überzeugt und bringt seine ­Ideen in die Herzen und Köpfe des Teams. Für mich ist Motivation nicht nur Inspiration, sondern vor allem Überzeugungstransfer, das muss eine Führungskraft schaffen. ­Julian hatte früh ein gesundes Selbst­ bewusstsein, mitunter auch sehr gesund. Dass er sich zutraut, den FC Bayern als ­direkter Nachfolger des irre erfolgreichen Hansi Flick zu übernehmen, sagt einiges.“

„Als Erwachsenentrainer ging Marco zur U16. Und hol­te einen europäischen Titel.“ Wieder vereint: Dortmunds Erling Haaland spielte schon in Salzburg unter Rose.

„In seiner ersten Saison als Cheftrainer von FC Lok Leipzig überzeugte Marco 2012/13 in den Derbys gegen RB Leipzig. Wir haben ihn dann zum FC Red Bull Salz­ burg geholt – als Trainer der U16. Der Schritt von den Herren in die Jugend sah wie ein Rückschritt aus, war aber genau richtig. Man muss mehr als nur eine Ent­ wicklungsstufe vorausdenken. Marco ­hatte in Salzburg ein perfektes Umfeld. Er gewann später mit der U18 sensationell die UEFA Youth League (2:1 im Finale ­gegen Benfica). Folglich wurde er Chef­ trainer der Profis. Diese Art der Karriere­ planung – notfalls auch einen Umweg zu gehen – hat Marco geradezu lehrbuch­ haft vorgelebt.“

2013: Grödigs Spieler feiern Hütter.

RANGNICKS FAZIT

„Hütter steht zu seinem Stil, holt das Optimum auch aus geringen Ressourcen.“ 62

„Nagelsmann bringt seine Ideen mit Über­­zeugungskraft in die Herzen und Köpfe des Teams.“

„Rose ist bereit, für den langfristigen Erfolg auch einen Schritt ­zurück zu gehen.“

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Fußball

H ier feh lt natürlich ei RB Leipzig-T ner: ra J ESSE MAR iner SCH

Das große Ex klusiv-Interv iew jetzt gleich online lesen:

Oliver Glasner

Ralph Hasenhüttl

Roger Schmidt

„Oliver fragte mich beim Joggen nach einem Trainerjob. Diese Initiative hat mich beeindruckt.“

„Ralph verkörpert Glaubwürdigkeit. Und das ist die wichtigste Eigenschaft als Leiter eines Teams.“

„Rogers Übungen wirkten wie Reizüberflutung. Spieler sollten das Match als leichter empfinden als das Training.“

„Als ich 2012 Sportdirektor bei Red Bull Salzburg war, arbeitete Oliver dort im Büro. Wir sind frühmorgens joggen gegangen, und bald fragte er, ob der Co-Trainer-­Posten noch frei sei, er traue sich den Wechsel auf den Platz zu. Diese Initiative hat mich beeindruckt. Wenn er später als WolfsburgCoach mal zu Unrecht kritisiert wurde, blieb er professionell. Nach außen ist er ­ruhig, aber intern gar nicht zurückhaltend. So hat er mit Wolfsburg die UEFA Cham­ pions League erreicht. Das geht nur, wenn man sein Ego nicht über die Sache stellt.“

„Ralph war in seinen ersten Wochen bei RB Leipzig von dem Know-how der ihm zuarbeitenden Abteilungen sehr beeindruckt. Ich hab dann gesagt: ,Ralph, es ehrt dich, dass du alle hier so lobst, aber jetzt musst du das Steuer übernehmen.‘ Mit Ralph ist Leipzig dann direkt Zweiter hinter dem FC Bayern geworden. Ralph will sich weiterentwickeln und ist sehr offen für Neues, das kann sich jeder Vorgesetzte von ihm absehen. Er ist ein gefühlsbetonter Mensch und zeigt das auch authentisch als Chef, darum mag man ihn so. Glaubwürdigkeit ist mit die wichtigste Eigenschaft als Leiter eines Teams. Ralph achtet bei Niederlagen darauf, die Analyse nicht von Gefühlen bestimmen zu lassen. Die Nachbesprechung eines Spiels oder Events oder Projekts sollte auf Verbesserung abzielen und nicht darauf, Sündenböcke zu suchen.“

„Roger hat bereits als Salzburg-Trainer oft Übungseinheiten ausgewählt, die wie eine Reizüberflutung und Überforderung wirkten. Die Spieler sollten das Match am Wochenende fast als leichter empfinden. Moderner Fußball bedeutet ,train the brain‘, also unter beengten Verhältnissen und Zeitdruck schnell Entscheidungen zu treffen. Man sollte als Vorgesetzter neue Mitarbeiter kognitiv und emotional weiterbringen. Da geht es um Stressresistenz, schnelles Erkennen der Schwierigkeiten und einen permanenten Willen zum Erfolg.“

PICTUREDESK.COM (5), GETTY IMAGES (5)

SEÑOR SALME/SYNERGY

Eintracht Frankfurt

FC Southampton

2020: Glasners Wolfsburger jubeln.

„Glasner stellt sein Ego hinter die gemeinsame Sache zurück.“ THE RED BULLETIN

PSV Eindhoven

Schmidt als Coach in Eindhoven

„Hasenhüttl gibt sich als Chef gefühlsbetont und authentisch.“

„Schmidt fordert ­seine Spieler kognitiv heraus­und steigert ihre Stressresistenz.“   63


HIER KOMME ICH Bike-Athletin Khothalang Leuta auf der PumptrackRennstrecke in ihrer Heimat Lesotho

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Biken

Das Rennen ihres Lebens Die 18-jährige KHOTHALANG LEUTA ist auf dem Weg in die Weltspitze der Pumptrack-­ Szene. Und kämpft auf ihrem Bike erfolgreich gegen Vorurteile. Porträt einer jungen Frau, die das Denken in ihrer Heimat verändert. Text LEE NXUMALO  Bilder TYRONE BRADLEY


Biken

A

uf den ersten Blick wirkt Khothalang Leuta wie ein schüchternes 18-jähriges Mädchen. Doch sobald sie den Pumptrack in ihrer Heimatstadt Roma betritt, ändert sich das: Ihre Schritte werden schwungvoller, ihre Augen beginnen zu glänzen. Khothalang steht da und blickt selbstbewusst auf ihre Lieblingsstrecke. Pumptracks sind Bike-Parcours mit Wellen und Steilwänden, auf denen sich alles um die perfekte Körperspannung dreht. Speed erzeugt man hier nicht durch reine Muskelkraft, sondern durch Pumpbewegungen auf dem Rad – daher der Name. Bei Pumptrack-Rennen geht es vor allem um die Harmonie mit der Strecke. In der BMX-Community spricht man dann vom „ultimativen Flow“. Khothalangs Heimatstadt Roma liegt im Nordwesten von Lesotho – jenem

­ ergigen Königreich, das gänzlich von b Südafrika umschlossen ist – in einem ­Talkessel auf 1700 Meter Höhe. Grüne Kiefernwälder, 8000 Einwohner. Und eine junge Frau, die es von hier in die Weltspitze ihres Sports geschafft hat. Khothalangs Geschichte beweist, wie weit dich der Flow der Pumptrack-Strecke im Leben tragen kann. Denn wenn du weißt, wo du hinwillst, ist es egal, woher du kommst. Khothalang ist sieben, als sie mit dem BMX-Fahren beginnt. Zunächst als reine Spielerei. Doch eines Tages beobachtet sie in der Nähe ihrer Schule einen Kipplaster, Lieferwagen und verschwitzte Männer, die Erde schaufeln und Schubkarren durch die Gegend schieben. Sie legen das Fundament für jenen Pumptrack, der Khothalangs Leben verändern

KURVENLAGE Khothalang saß mit sieben zum ersten Mal auf einem BMX. Mittlerweile trainiert die Achtzehnjährige fast täglich. In Lesotho, dem 2-Millionen-Einwohner-Königreich im Süden Afrikas, gilt sie als Pionierin ihres Sports. 66

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STILLE HELDIN

Khothalang Leuta beim Fotoshoot für The Red Bulletin in Bocheletsane, Lesotho

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Biken

wird: 157 Meter Streckenlänge, sieben Steilwandkurven, drei Plattformen. „Der Pumptrack war mir zunächst ­unheimlich, trotzdem wollte ich ihn un­ bedingt ausprobieren“, sagt Khothalang Ende Juli, beim Interview in Roma. ­„ Außerdem hat es meinen Ehrgeiz an­ gestachelt, dass außer mir nur Jungs auf der Strecke waren.“ Wie schwer es ist, in Lesotho Mäd­ chen für den Bike-Sport zu begeistern, erzählt auch Maryke Zietsman, Kom­ munikationsmanagerin beim Schweizer Pumptrack-Hersteller Velosolutions: ­„ Anfangs hatten wir wirklich Mühe, die Mädchen aus der Umgebung auf die Bahn zu bekommen. Es war kulturell einfach nicht üblich. Wir mussten gegen das große Vorurteil kämpfen, dass die Rennstrecke nur etwas für Buben ist.“ Bald schon ist Khothalang ein Teil ­dieser kulturellen Veränderung. Sie räumt bei Turnieren in der Umgebung ab, sorgt international für Aufsehen. 2020 gewinnt sie die Damenklasse der Red Bull Pumptrack Championship-Qualifika­

tion in Roma. Das Top-Ergebnis bedeutet die Qualifikation für die Red Bull UCI Pumptrack-Weltmeisterschaft, die Mitte Oktober in Portugal stattfindet. Es ist der größte Erfolg ihrer bisherigen Karriere. Und ebenfalls ein großer Erfolg für die Menschen hinter dem Pumptrack-Projekt.

Eine Idee aus Kambodscha verändert das Leben in Lesotho

Der Pumptrack in Roma ist Teil der „Pump for Peace“-Initiative des ehe­ maligen Schweizer Downhill-Profis Claudio Caluori. Seine Firma Velo­ solutions baut Profi-Strecken für inter­ nationale Wett­bewerbe ebenso, wie kleinere Bahnen in ärmeren Gegenden oder sogar in Kriegsgebieten. Ziel von „Pump for Peace“ ist es, den Sport vor al­ lem für Kinder zugänglicher zu machen. Die Idee dafür hatte Caluori, als Velo­ solutions den Auftrag für einen Track im verarmten Grenzgebiet zwischen Thai­ land und Kambodscha bekam. „Als wir in Kambodscha fertig waren, standen sofort diese Kinder da, die mit allem, was sie

DER FLOW ENTSCHEIDET Auf sogenannten Pumptracks gewinnen die Fahrer durch Pumpbewegungen auf dem Bike an Geschwindigkeit. Hier zeigt Khothalang ihre Technik vor. 68

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BLICK VON OBEN

Lesothos Pump‑ track‑Szene wächst. Hier eine Strecke in Bocheletsane

Als Khothalang erste Erfolge feiert, trauen sich auch die Mädchen auf die Rennstrecke. THE RED BULLETIN

hatten, auf dem Pumptrack gefahren sind“, erinnert er sich. „Manche hatten alte, rostige Bikes, andere nicht einmal Pedale, aber sie sind trotzdem stundenlang rumgeflitzt. Ich hatte Tränen in den Augen. Und dachte mir: Das müssen wir überall auf der Welt möglich machen.“ Das erste Projekt unter dem Titel „Pump for Peace“ ist die Anlage in Roma. Die Bauarbeiten dauern knapp vier Wochen. Eine Herausforderung für Caluori und sein Team. Bagger und Geräte sind

in der abgelegenen Gegend schwer aufzutreiben. Schließlich bekommt das Team Hilfe von Menschen aus der Stadt, die Material besorgen oder mit bloßen Händen anpacken – der Pumptrack wird so zu einem Gemeinschaftsprojekt. Um die Instandhaltung kümmern sich seither die Leute aus Roma. „Sobald die Strecke fertig war, wurde die Gemeinde aktiv“, erinnert sich Caluori. „Die Leute organisierten ein Fahrrad-Leihsystem für Kinder, hielten die Strecke in Schuss und   69


Biken

Makhetha ein Fahrradgeschäft in Roma. Er verleiht und repariert Fahrräder zu ­einem günstigen Preis. Jeder soll Rad­ fahren können, wie arm er auch sein mag. Khothalang Leuta, die junge Spit­ zenathletin, trifft man regelmäßig in  seinem Laden. Denn sie fährt ein Bike, das sie sich hier ausleiht.

Rund um die Rennstrecke entstehen auch Freundschaften

BIKER-SZENE Khothalang (oben) ist das Vorbild für die Jungen und Mädchen in Roma. Ihr Kollege Karabelo Mohapi (unten) gehört ebenfalls zur Pumptrack-Clique der Stadt.

Weil Bagger und Geräte fehlen, packt die ganze Stadt mit an. 70

veranstalteten jede Woche kleine Events. Das Ganze ist mittlerweile weit mehr als eine Sportstätte.“ Tumelo Makhetha koordinierte da­ mals die Freiwilligen. „Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem wir asphal­ tierten“, erzählt er. „Wir mussten den ­Boden in die richtige Form bringen. Das war stundenlang harte Arbeit.“ Neben seinem Job als Eventmanager betreibt

„Khothalang war das erste Mädchen, das sich für den Pumptrack interessiert hat“, sagt Makhetha. „Ich kenne sie, seit sie mit dem Radfahren angefangen hat. Ich hätte damals nicht gedacht, dass sie dranbleibt. Weil sich die meisten Mäd­ chen einfach nicht so für Sport inter­ essieren wie Jungs. Wenn ich ehrlich bin, ich habe nicht daran geglaubt, dass sie auf das Level kommen würde, auf dem sie jetzt ist.“ Je mehr Zeit Khothalang auf dem Pumptrack verbringt, desto besessener wird sie. Die Achtzehnjährige studiert YouTube-Videos von BMX-Fahrern aus der ganzen Welt. Probiert deren Tricks auf der Bahn. Khothalang ist zwar als „Geschwindigkeitsmonster“ bekannt, hat aber auch einige Überraschungen auf ­Lager. Hin und wieder kann man sie bei Sprüngen über Rampen beobachten, die sie mit kreativer Streckenführung oder ihrem Spezialtrick kombiniert, dem ­Mega Manual. Da sie so viel Zeit auf dem Track ver­ bringt, findet sie Freunde unter den an­ deren Fahrern. Am besten versteht sie sich mit Kopano Matobo, Mosito Mohapi und dessen Cousin Karabelo Mohapi. Leuta kennt die drei schon seit sie ein kleines Mädchen war, echte Freund­ schaft wurde daraus aber erst auf der Rennstrecke. Von Leutas Ehrgeiz verschont bleibt freilich keiner der Jungs. Die vier disku­ tieren ständig, wer von ihnen am schnells­ ten ist. Leuta hat Kopano Matobo schon einmal besiegt und behauptet, auch ­Mosito Mohapi geschlagen zu haben. Spricht man ihn darauf an, streitet er ­alles ab, lächelt dabei aber. „Khothalang arbeitet hart“, sagt er, „sie motiviert uns und hat auch andere Mädchen inspiriert.“ THE RED BULLETIN


Biken

DER TREFFPUNKT Im Bikeshop von Tumelo Makhetha in Roma können die Einwohner ihre Räder kostengünstig reparieren lassen. Sportler der Pumptrack-Szene versorgen sich mit neuen Modellen. Hier im Bild prüft Khothalang ein Bike.

„Ich habe jeden Tag für diese Chance trainiert“, sagt Khothalang. Nun fliegt sie erstmals zu einer WM.

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Mosito wird gemeinsam mit Khothalang nach Portugal fahren. Für ihn ist es bereits die zweite Weltmeisterschaft. Bei der letzten im Jahr 2019 in der Schweiz schaffte er es unter die Top 30. Leuta war auch damals schon mit im Ren­ nen, verpasste aber knapp die Qualifika­ tion. Eine bittere Erfahrung, von der sie sich aber nicht entmutigen ließ. Im Gegen­ teil, sie bezog daraus die Motivation, noch besser zu werden: „Ich habe danach fast jeden Tag für die nächste Qualifika­ tion trainiert, auch am Wochenende.“

Ihre Karriere widmet sie ihrem verstorbenen Vater

Ihr Selbstvertrauen, ihre Entschlossen­ heit und ihren Willen führt Leuta auf ­ihren Vater zurück, der eine äußerst ­prägende Figur in ihrem Leben war. „Er hatte ein gutes Herz und kümmerte sich sehr um mich“, sagt sie. „Er brachte mir bei, niemals aufzugeben. Und er brachte mir bei, wie man ein Rad repariert.“ ­Khothalangs Vater stirbt 2010 bei einem Autounfall. Sie ist damals gerade in der ersten Klasse. Sie vermisst ihn, aber seine

Werte sind ihr noch immer eine Orien­ tierung im Leben. „Er wäre stolz gewe­ sen, wenn er gesehen hätte, wo ich jetzt bin“, sagt Leuta. „Er hat mir immer ge­ sagt, ich soll das machen, was ich will. Und mich durch nichts und niemanden davon abhalten lassen.“ Die Red Bull UCI Pump Track Weltmeisterschaft hat für sie daher eine besondere Bedeutung – sie ist eine Erinnerung an ihren Vater und eine Möglichkeit, ihre Familie stolz zu machen. Khothalang freut sich auf die Reise nach Portugal. Es wird das erste Mal sein, dass sie in einem Flugzeug sitzt. Sie weiß, dass sie nicht nur sich selbst ­repräsentiert, s­ ondern eine komplette Stadt, die hinter ihr steht. „Viele Leute sind stolz auf mich“, sagt Leuta. „Ich glaube, ich kann eine Inspi­ ration für die Mädchen sein. Ich wollte immer schon ins Ausland. Und ich hoffe, ich kann alle zum Staunen bringen, wozu ein Mädchen aus Roma imstande ist.“ Mehr über Khothalang in der Dokumentation „The Fastest Girl in the Village“ auf Red Bull TV THE RED BULLETIN


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EIN TRAUM WIRD WAHR

Star-Freerunner Pasha Petkuns, 28, im weltgrößten Flipper in London

RIESENFLIPPER


Freerunning

„Mir doch egal, was die anderen von mir denken“: Mit diesem Mantra katapultierte sich PAVEL „PASHA“ PETKUNS in den Olymp der Freerunner und in eine glückliche Ehe – mit einem Pornostar. Sein jüngster Coup: Er verwandelt sich in die Kugel eines 20 Meter hohen Flippers. Text HOWARD CALVERT  Fotos LEO FRANCIS

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Freerunning

A

ls Kind, erinnert sich Pavel Petkuns, wollte er so sein wie die Ninja Turtles, diese grünen ComicSuperhelden in Form von mutierten Schild­ kröten, die im Fernsehen der 1990er-Jahre das New Yorker Kanalsystem unsicher machten. „Meine Freunde und ich“, erzählt er, „haben ­alle ihre Bewegungen nachgemacht. Und um vier Uhr nachmittags sind wir dann nach Hause ­gelaufen, um die Sendung nicht zu verpassen.“ Nachsatz: „Ich war immer Raphael – das war mein Liebling.“ Heute ist Pasha Petkuns Draufgänger von ­Beruf: Der 28-Jährige ist einer der besten Freerunner der Welt. Mit einer Mischung aus Bodenturnen, Breakdance-Moves und Kampfsport-­ Elementen verwandeln Sportler wie er jede urbane Umgebung in einen Spielplatz. Bereits 2009, da war er gerade einmal sechzehn, machte er mit einem selbst gedrehten Video erstmals in der Szene von sich reden. Dann gewann der Mann aus Daugavpils dreimal hintereinander den globalen Freerunning-Wettbewerb Red Bull Art of Motion, zwei Parkour-Weltmeistertitel folgten. All das brachte ihm den ehrfurchtgebietenden Spitznamen „The Boss“ ein. Mittlerweile zogen seine akrobatischen Tricks auf TikTok 5,2 Millionen Follower an, auf Instagram folgen ihm 1,3 Millionen Menschen. Trotz all seiner Erfolge ist Pasha Petkuns ein Träumer geblieben. Ein Traum beginnt zum ­Beispiel damit, dass er sich plötzlich in einem Flipperautomaten wiederfindet. Der „Plunger“, wie der Kolben mit Aufziehfeder im Fachjargon heißt, schießt ihn als menschliche Flipperkugel in die Maschine. Und dann kommt, was kommen muss: Die Kugel wird zwischen den verschie­de­ nen Attraktionen des Automaten hin und her 76

BITTE FESTHALTEN

Petkuns klammert sich im vertikal aufgebauten, 20 Meter hohen Flipper fest.

THE RED BULLETIN


SPIELPLATZ

Eine Fotomontage zeigt die mensch­ liche Flipper­kugel in Action.


geschleudert. Wie die meisten Flipper hat auch der aus Petkuns’ Traum ein Thema: berühmte Sehenswürdigkeiten aus aller Welt – von der Spitze des ­Pariser Eiffelturms fliegt Pasha zur Chinesischen Mauer, und von dort zu einer Maya-Pyramide. „Cut!“, ruft Regisseur Mike Christie, und ein ­erschöpfter Pavel Petkuns fällt vorbei an zwei kräf­ tigen Männern, die die Flipperfinger mit Hebeln ­bedienen, und landet sicher auf einer Matte. „Davon träume ich schon lang“, kommentiert Petkuns später das absurde Schauspiel. Wir befinden uns in einem gigantischen Hangar im Nordwesten Londons, hier hat Pasha Petkuns’ verrückter Traum Gestalt angenommen: Die in Flutlicht getauchte ­Kulisse ist mit Worten kaum angemessen zu beschreiben; nicht einmal Fotos geben auch nur ansatzweise den Wahnsinn wieder, der hier tatsächlich stattfindet. Eine Wand, fünf Stockwerke hoch, erhebt sich in einem Winkel von 45 Grad bis zur ­Decke. An der Vorderseite sieht man alles, was einen Flipper so ausmacht – von hinten beleuchtete Bumper, riesige Flipperfinger, Slingshots und Kicker. An der Rückseite: ein gitterartiges Gerüst, der der 23 Tonnen schweren Konstruktion Stabilität verleiht. Auf einer Hebebühne sitzt ein Kameramann, über ihm schwebt eine Drohne. Die Anfänge des Projekts liegen bereits über ein Jahrzehnt zurück. „Die Konstruktion war die größte Herausforderung“, erklärt Regisseur Christie, der 2013 auch schon den reichlich surrealen Film „Imaginate“ mit der Bike-Trial-Legende Danny MacAskill drehte. „Es hat allein acht Monate gedauert, um auszutüfteln, wie wir es bauen sollen.“ Über zwei Jahre dauerten dann die Ausführung und die Testphase. „Die meisten Unternehmen, an die wir uns deswegen wandten, fanden die Idee zwar lustig, hielten uns aber für völlig geistesgestört.“ Die Fortbewegung in der Flipperwand ist am ehesten mit einer Fahrt in einem Wildwasserkanal zu vergleichen. Man fühle sich, versucht es Pasha Petkuns in Worte zu fassen, als würde man gleichzeitig stehen und liegen. „Ich spiele mit der Schwerkraft“, sagt er. Insgesamt sei das eine gewöhnungsbedürftige Übung: „Am ersten Tag dachte ich: Was hab ich nur getan?! Die Baumeister sagten zuerst: ‚Sieht aus wie ein lustiges Spielzeug.‘ Doch dann, als sie die Wand bis zur Decke hochgezogen hatten, meinten sie: ‚Das ist kein Spielzeug, das ist ein Mordinstrument!‘“ Wie hat Pasha Petkuns dann diese Mutprobe bestanden? „Ich musste mich selbst daran erinnern, dass ich für so etwas bereit war“, sagt er, „dass ich trainiert hatte und dass es mir sicher gefallen würde.“ Heute, vier Wochen nach dem Start, wisse er genau, was er tue. „Ich kann jetzt meine Geschwindigkeit kontrollieren – man springt nicht auf dieser Wand, man reitet darauf.“ 78

EIN SEHR SCHRÄGER SPASS

Allein die Konstruktion des Mega-Flippers nahm drei Jahre in Anspruch.

Petkuns schaut sich die Filmaufnahmen mit Sportdirektor Michael „Frosti“ Snow an.

THE RED BULLETIN


Freerunning

„Man springt nicht auf dieser Wand – man reitet darauf.“

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SCHWERARBEIT FÜR DAS PERFEKTE FREERUNNING-VIDEO

Ein Kameramann auf seiner voll ausgefahrenen Hebebühne macht sich auf den Weg zur Arbeit.

THE RED BULLETIN

ie Leidenschaft fürs Freerunning entwickelte sich bei Pasha Petkuns in seinen Teenagerjahren: Die Ninja Turtles wurden da als Vorbilder von den Martial-Arts-Meistern Jackie Chan und Jean-Claude Van Damme abgelöst. Dazu faszinierten den Halbwüchsigen die Stars der Stummfilm-Ära der 1920er-Jahre – etwa Charlie Chaplin oder Buster Keaton. „Ich versuchte, ihre Sprünge und Bewegungen nachzuahmen“, erinnert sich Petkuns. „Später habe ich dann erkannt, dass ich noch viel von ihnen lernen kann – waren sie doch die Ersten, die mit Bewegung experimentiert haben. Wenn ich mir heute ihre Filme anschaue, fühle ich mich wie ein Archäologe: Ich analysiere ­ihre Bewegungen und probiere herauszufinden, wie sie das hin­gekriegt haben könnten.“ Auch den komischen Aspekt der Filme hat Pasha Petkuns in seine Kunst übernommen. Neben seinen akrobatischen Fähigkeiten ist das humoristische ­Element vermutlich verantwortlich für die hohe Zahl seiner Follower in den sozialen Medien. „Be­ wegung ist mehr als nur reine Bewegung“, erklärt der Meister. „Bewegung ist auch Kommunikation. Aber im Gegensatz zur Sprache wird Bewegung überall auf der Welt verstanden. A ­ lso erzählen wir Geschichten über Bewegung.“ Aber so philosophisch sieht es Petkuns erst heute. Zunächst war er einfach geflasht von den Tricks in den YouTube-Videos: Den Clip „The Russian Jumper“ von seinem Landsmann und Parkour-Pionier Oleg Vorslav von 2006 hat er „vielleicht tausendmal gesehen“. Da war etwa der „Gainer“, ein Rückwärtssalto in der Vorwärtsbewegung, den der junge Pavel unbedingt lernen wollte. „Tricks waren meine Währung“, erzählt er. „Ich wollte kein normaler Free­ runner werden, ich wollte immer anders sein.“ Wobei der Hang zum Risiko bei ihm in der Familie liege. Seine Mutter sei einmal aus dem zweiten Stock gesprungen, weil sie sich versehentlich aus der Wohnung ausgesperrt hatte. „Bei der Landung hat sie sich dann die Knie an den Kopf geschlagen“, sagt er und lacht. „Mama versteht, was ich mache. Wenn sie jünger wäre, sagt sie, würde sie dabei sein.“ Schon früh begann Petkuns, an Wettkämpfen teilzunehmen. Aber wahrgenommen wurde er erst, als er aufhörte, sich an Regeln zu halten. „Mir wurde beigebracht, dass ich die Dinge auf eine ganz bestimmte Art machen muss“, sagt Pasha. „Aber wenn   79


Freerunning

Petkuns kennt das. 2013 renkte er sich nach einem vierfachen Salto bei der Landung auf einem Trampo­ lin den Ellbogen aus. Ein Instagram-Clip hat den grausigen Moment festgehalten – obwohl das Video schon beim Anschauen wehtut, wurde es doch mehr als eine halbe Million Mal angeklickt. Auch heute wird es brenzlig. Bei einem auf den ersten Blick harmlosen Griff spürt Pasha einen leich­ ten Schmerz in der Hand. Tilt. Kein unnötiges Risiko, ab zur Überprüfung im Spital. Acht Stunden später tritt der Athlet aus einer ­orthopädisch-chirurgischen Praxis im Norden Lon­ dons. „Nicht gebrochen!“, sagt er strahlend und hält den verletzten Daumen hoch. Der Arzt hinter ihm kor­ri­giert: „Ein kleiner Bruch ist es schon.“ „Nur nicht dramatisch werden“, feixt Petkuns. Aber, ganz im Ernst: „Ich bin immer froh, eine Verletzung durchlebt zu haben. Das bedeutet, dass ich weiß, was ­passieren kann und wie ich damit umgehen muss.“

AUF EINEN SPRUNG NACH ARGENTINIEN

Freerunner Pavel Petkuns schaut in Südamerika vorbei.

„Am ersten Tag dachte ich: Mein Gott, was hab ich nur getan?!“ ich beschließe, dass ich, sagen wir, auf dem Gesicht rutschen will, dann mache ich das. Wer sagt, dass das nicht geht? Wenn du dir vorschreibst, ausschließ­ lich mit den Beinen aufzukommen, dann schränkst du dich damit nur ein. Der Körper ist ein Instrument, und du spielst darauf.“ Ein Zugang, der ihm bald nicht nur Siege bei Wettbewerben brachte. Auch Hollywood rief bald an. Petkuns übersiedelte nach Los Angeles und ­arbeitete als Stuntman – etwa in dem Actionstreifen „6 Underground“ von Regisseur Michael Bay (2019) oder in „Wonder Woman 1984“ (2020).

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urück am überlebensgroßen Flipper. Pasha Petkuns steht schon wieder ganz oben. Die Crew nimmt ihre Plätze ein für die nächste Einstellung, Sanitäter Chris Hewitt hält die Eisbeutel bereit. „Das sieht immer so leicht aus“, sagt er, „aber das ist es nicht. Er setzt seinen Körper enormem Druck aus, da kann immer was passieren.“

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it Dramen kennt sich Pavel Petkuns auch in seinem Privatleben aus: Ende 2020 ­postete er ein Instagram-Video, in dem er vom Rücken der US-Erwachsenenfilm­ darstellerin Riley Reid einen Salto macht. BegleitText: „So hat der Pimp Flip (wörtliche Übersetzung: Zuhälter-Salto; Anm.) seinen Namen bekommen.“ Der Shitstorm war nur eine Frage von Minuten. Weder Petkuns noch Reid (die mit bürgerlichem Namen Ashley Matthews heißt) beteiligten sich an der zuweilen hitzigen Debatte zum Thema Sexismus in der Parkour-Szene. Pasha Petkuns hat sich noch nie darum geküm­ mert, was die Leute sagten oder von ihm hielten. Sechs Monate nach dem umstrittenen Video feierten die beiden Hochzeit. „Ich habe mich ziemlich schnell in sie verliebt, weil sie so eine wunderbare Persön­ lichkeit hat“, sagt er. „Sie ist die liebste Frau, die ich je getroffen habe.“ Jetzt freut er sich darauf, Papa zu werden – und „mit meinem Kind lustige ­Sachen zu machen und überall runter- oder entlangzurutschen.“ So ist denn auch der Stunt im Flipperautomaten als Metapher für die Fliehkraft zu sehen, die die ­Herausforderungen im Kosmos des Pasha Petkuns mitunter entwickeln. Dennoch hat sich der Lette ­eine simple Sicht auf das Leben bewahrt. „Hab keine Angst, über deine Träume zu sprechen“, rät er. „Wenn du ein Kind sein willst, sei kindisch. Wenn du dir eine zwanzig Meter hohe Flipperwand einbildest, dann kannst du das schaffen. Tu einfach, was dich glücklich macht. Ich muss auf niemanden hören, ich muss nur tun, was zu tun ist. Und wenn dieser Moment da ist, dann genieß ihn.“ Pasha Petkuns’ Video „Human Pinball“ ist ab 24. September abrufbar. QR Code links einscannen oder bei Red Bull TV vorbeischauen: redbull.com THE RED BULLETIN


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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

HIER GEHT’S RAUF

LOIC MEILLARD

Gletscher-Skifahren in Zermatt, der Sonnen­stube der Schweiz

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GUIDE Reisen

„Der Gletscher ist eine Welt für sich – weit weg vom Alltag und ganz nah an der Sonne.“ Skiprofi Loïc Meillard, 24, über die besten Strecken rund um das Matterhorn

I

ch bin mit Blick auf das Matterhorn aufgewachsen. Deshalb ist mir dieser Berg seit meiner Kindheit in Hérémence vertraut. Seit sechzehn Jahren trainiere ich jeden Sommer auf dem Theodulgletscher. Und auch von dort sehe ich unseren ikonischen Gipfel, nur aus einem etwas anderen Winkel. Zudem ist die Gletscherregion oberhalb von Zermatt einer der ganz wenigen Orte in den Westalpen, wo wir außerhalb der Wintersaison trainieren können – die Alternative in der Schweiz ist Saas-Fee. Zermatt ist fürs Training nicht nur bei uns Schweizern beliebt: Jedes Jahr reisen mehr als 100 Teams aus 22 Ländern zur Vorbereitung an. Und auch für Amateure ist das Skigebiet ein Magnet. Manchmal werde ich gefragt, ob sich die Skiteams und Touristen nicht in die Quere kommen. Aber am weitläufigen Theodulgletscher ist mehr als genug Platz für alle. Die Profis nutzen die ab­ gesperrten Trainingspisten links und rechts vom Schlepplift am Plateau Rosa. Den zivilen Skifahrern stehen die

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Matterhorn am Horizont: Ski-Fans gelangen ganzjährig aufs Gletscherskigebiet Zermatt.

Lange Abfahrt: Ski-Profi Loïc Meillard knipste dieses Bild während seiner Abfahrt vom Theodulgletscher. THE RED BULLETIN


Oben: Die Fahrt mit den Zermatt-Bergbahnen bietet Aussicht auf Gletscher und Viertausender. Unten: Loïc Meillard beginnt mit seinem Training gern früh am Morgen. Dafür nimmt er die erste Gondel um 6.30 Uhr.

weiteren Pisten in voller Länge und Breite zur Verfügung, um der Wärme im Tal zu entfliehen. Insgesamt stehen bis im Spätsommer 21 Kilometer Piste zur Ver­ fügung. Im Winter bietet Zermatt über 360 Pistenkilometer. Und das auf bis zu 3 900 Metern über dem Meeresspiegel.

MICHAEL PORTMANN, LOIC MEILLARD, PEDRO RODRIGUEZ, ZOE CHASTAN/SWISS-SKI SIMON SCHREYER

Die Viertausender im Blick Zürich

Anreise Bern

Mit dem Auto: Von Osten über die Hauptstrasse 19, von Westen über die Hauptstrasse 9. Die Abzweigstelle nach Süden ist Visp. Mit der Bahn: Die Matterhorn-Gotthard-Bahn bringt euch von Zürich in zwei­ einhalb Stunden nach Visp, dort steigt ihr in eine Schmalspurbahn um. Der berühmte Glacier Express verbindet St. Moritz direkt mit Zermatt (Ticket: ab 48 CHF). Infos unter: matterhornparadise.ch THE RED BULLETIN

Schweiz

KANTON WALLIS Sion

Gut zu wissen Bereits seit dem Jahr 1931 ist Zermatt im Sommer wie im Winter autofreie Zone. Bei einem Besuch kann der Pkw im Parkhaus von Täsch

Zermatt

untergestellt werden. Von dort aus ist der Bergort am Fuß des Matterhorns in ungefähr zwölf Minuten per Bahn erreichbar. In Zermatt bringen E-Taxis und Shuttlebusse die Gäste komfortabel zu den Talstationen.

Meine Empfehlung ist: früh aufstehen! Denn ihr wollt sicher nicht im sulzigen Schnee unterwegs sein, sondern die Pisten genießen, wenn sie frisch prä­ pariert sind – griffig und krisp. Ab etwa 10.30 Uhr wird der Schnee zu weich. Wir Athleten nehmen daher meistens schon die ersten Gondeln um halb sieben. Die drei Bahnen, die euch vom Tal hinaufbringen, haben ausreichend Kapa­ zitäten, und der Betrieb geht komplett reibungslos vonstatten. Schon in der Gondel bietet sich euch eine aufregende Aussicht auf die Gletscherzungen und die Viertausender: eine Welt für sich, weit weg vom Alltag und ganz nah an der Sonne. Zu Mittag essen wir am liebsten   91


GUIDE Reisen

im Restaurant Furri, gleich neben der Mittelstation auf halbem Weg herab vom Gletscher. Der Wirt heißt Sepp Furri und ist bekannt für seine herz­ hafte Rösti mit Ei und Alpkäse. Und wie lässt man einen Tag in Zer­ matt am besten ausklingen? Meine Kol­ legen und ich chillen, sobald wir wieder zurück im Tal sind, meist ein Stündchen im Hotel. Dann stehen Meetings am Programm, Physiotherapie, Material­ check oder ein Besuch im Fitnessraum.

Nach dem Training ist vor dem Kuchen Doch auch Kaffee und Kuchen sind fixer Bestandteil meines Tagesablaufs. Mein Tipp: Das Café Petit Royal mit der besten Rüeblitorte und frisch zubereite­ tem Eistee. Die Betreiberin Aleksandra vermittelt ihren Gästen das gemütliche Gefühl, fast daheim zu sein. Abends gehe ich am liebsten ­ja­pa­nisch essen – und zwar im Fuji of Zermatt. Dort könnt ihr Sam, dem 92

„Steht früh auf! Ihr wollt die Pisten genießen, wenn sie frisch präpariert sind.“ Loïc Meillard

Sushi-Meister, auch bei der Zuberei­ tung zusehen. Das Einzigartige am Gletscher-­ Skifahren im Sommer und im frühen Herbst ist, dass ihr von Zermatt mit 25 Grad Celsius in knapp dreißig Minuten die Jahreszeit wechseln und euch ein paar Stunden lang einem ab­ soluten Winterfeeling hingeben könnt. Für Freestyler gibt der Snowpark Zermatt alles her: vom Slopestyle über ProLine, Triple Station und Rail Garden bis hin zu Transitions und einer Mini Pipe. Das Shred Coffee wartet mit Snacks und DJ-Sounds auf. Abseits vom Skibetrieb kann man die hochalpine Gegend mit dem (E-)Mountainbike sowie auf Skitouren und Schneeschuh-Ausflügen erkunden. Helikopterrundflüge mit der Air Zermatt sind ein Erlebnis, und Bergsteiger sind hier sowieso im Paradies. Mehr über Loïc: loicmeillard.ch Infos und Preise: matterhornparadise.ch THE RED BULLETIN

ZOE CHASTAN/SWISS-SKI, LORENZ RICHARD/RED BULL CONTENT POOL

Kennt die schönsten Abfahrten: unser Travel-Guide Loïc Meillard am Theodulgletscher


WELCHE FLÜÜÜGEL DÜRFEN’S SEIN?


GUIDE Uhren

TAK-TICK

Zeit für 007 Eine Uhr für James Bond – eine spannende Aufgabe für Omega. Dafür gab es Unterstützung von Darsteller Daniel Craig.

Omega passte perfekt in dieses Muster, besonders ­deren Taucheruhrenserie Seamaster, inspiriert von den Uhren der britischen Marine im Zweiten Weltkrieg: stilvoll und elegant, vor allem aber: praktisch.

Perfekter Look: Dafür gab Daniel Craig Omega interessante Tipps.

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Vor dem neuesten Aben­ teuer „Keine Zeit zu sterben“ durfte sich der Hersteller im Entwicklungsprozess promi­ nent beraten fühlen: „Ich bin mit ein paar Vorschlägen ­gekommen“, sagt Bond-Dar­ steller Daniel Craig, „und sie haben mitgemacht.“ Die Rede ist von der Omega Seamaster Diver 300M 007. Craigs Einflüsse finden sich in der Verwendung von leich­ terem Titan anstelle von Edel­ stahl – „Der Unterschied sind nur wenige Gramm, trotzdem kann ich sie tragen, ohne dar­ über nachzudenken“ – und im zusätzlichen NATO-Armband wieder. Omega verpasste der Uhr zudem Zahlen und Indizes in „tropischem“ Braun, um zu kennzeichnen, wo 007 zu

Beginn des Films in seinem Leben steht. „Auf Jamaika, auf seinem Boot, quasi in ­Pension“, erklärt Craig. „Das leuchtet total ein.“ Dann ist da noch der militä­ rische Konnex sowie eine An­ spielung auf Bonds ursprüng­ lichen Hintergrund als Marine­ kommandant bei Ian Fleming, dem Autor der Originalromane. Oberhalb des 6-Uhr-­Zeichens finden sich Insig­nien, die auf jeder britischen Militär­ uhr auftauchen – der „breite Pfeil“ – und auch auf der Rückseite gespiegelt werden, nämlich oberhalb der I­ nschrift 0552 (dem Code für die Marine­besatzung), 923 7697 (für eine Taucheruhr), A (für eine Krone zum Hinein­ schrauben) und 007 62 (für Bonds berühmte Kennzahl und das Beginnjahr der Film­ reihe). „Omega und das briti­ sche M ­ ilitär, die ganze Tradi­ tion ist da“, freut sich Craig. „Diese Zusammenhänge ­waren mir wichtig.“ „Keine Zeit zu sterben“ läuft ab 30. September im Kino. Mehr über die Omega Seamaster Diver 300M 007 auf omegawatches.com THE RED BULLETIN

TOM GUISE

Wie sein Auto und seine Bekleidung muss Bonds Uhr verkörpern, wer er ist.

OMEGA

James Bond und Omega – das ist eine Beziehung, die seit mehr als einem Viertel­ jahrhundert währt – begon­ nen hat alles mit „GoldenEye“ im Jahr 1995. Von entschei­ dender Bedeutung: dass des Geheimagenten Chronometer ebenso wie sein Auto, seine Bekleidung, sein Getränk der Wahl und seine musikalische Untermalung klarmachen, wer er ist. Ein Mann der Ge­ gensätze: Charmeur und Draufgänger, glamourös und diskret, ausgestattet mit ex­ klusiven Accessoires des Ge­ heimdienstes I­ hrer Majestät.

Zeichen der Zeit: Der „breite Pfeil“ unten am Zifferblatt findet sich auf allen Uhren des britischen Militärs.


SPRIT > HOTEL? Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie freuen sich bereits auf Ihren kürzeren oder längeren Urlaub in Österreich, die Taschen sind gepackt, Sie starten den Motor und driften auf kurvenreichen Straßen hin zur Traumdestination. Und am Ende des Urlaubes kommt die Abrechnung: Der Sprit war teuerer als Hotel und Kulinarik!

Aber keine Sorge, mit dem autorevueSpritpreisrechner können Sie die Preise der verschiedenen Tankstellen in Österreich vergleichen. Tragen Sie einfach Ihren Standort ein und der Spritpreisrechner zeigt Ihnen, wo es den billigsten Treibstoff in der Umgebung gibt.

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INS ARCHIV GESCHLÜPFT

EINMAL SOMMER, BITTE!

COLMAR × VASEGHI

Bei all dem Herbst auf diesen Seiten noch einmal ein Gefühl von Sommer – der Schweizer Fotograf Dominik Baur hat für sein Buch „The Flow“ die schönsten Surf­ spots in Frankreich, Spanien und Portugal besucht. Schön, mit ihm einzutauchen.  dominikbaur.com

„THE FLOW“

Zum dritten Mal hat das italie­ nische Familienunternehmen ­einem Designer die Chance ge­ geben, in den Firmenarchiven zu stöbern. Morteza Vaseghi nutzte die Chance und schuf eine kuschelig-moderne ­Winterkollektion.  colmar.it

NICHT ZU ÜBERSEHEN Rock für außen drüber – fein für frische Tage

Richtig gutes Zeug Der Herbst kann was – wie wir hier zeigen. Mit besten Empfehlungen der Redaktion.

WÜRFEL FINDET GEFALLEN POET-ZERO Ein Würfel (Kantenlänge: 22,4 cm), der so klingt, wie er aussieht – fantastisch. ­Entwickelt wurde der Blue­ tooth-Lautsprecher von Ton­ ingenieuren und Musikern in Graz. Ihr Versprechen: ­perfekter Hi-Fi-Sound, der Aug’ und Ohr erfreut. poetsoundsystems.com

SOUND ZUM GERNSEHEN Klarer Sound, klare Optik – der Laut­ sprecher von Poet

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THE RED BULLETIN

FRANCESCO PONZONI, THE FLOW, POET AUDIO, KARL LAGERFELD (2), GETTY IMAGES, GRILLTISCH HEDINGER, MAISON MARGIELA

Text WOLFGANG WIESER


GUIDE Tipps & Trends

EIN FEURIGER ANBLICK GRILLTISCH HEDINGER Jetzt, da es langsam kühler wird und die Lust aufs ­Kuscheln steigt, kommt uns dieser Tisch gerade recht. Er bringt Feuer in unser Zuhause – spezieller Chrom‑ stahl macht Grillen drinnen möglich, ohne dass der Tisch zu Zunder wird.  grilltisch-hedinger.ch

BUNTES TREIBEN Tote Bag aus der Kooperation von Lagerfeld und Ize

WIR SIND ALLE ALIENS COLDPLAY Mitte Oktober erscheint das neue Coldplay-Album – Chris Martin (Bild) stimmt uns mit neuen Tracks darauf ein. Dürfte ein interessanter Trip werden, zentrale Botschaft: „Jeder ist irgendwo ein Alien.“ coldplay.com

SO DUFTET EIN SPAZIERGANG DEN HERBST TRAGEN KARL LAGERFELD × KENNETH IZE

Kenneth Ize, Designer

Schöne neue Modewelt – Kenneth Ize, nigerianischer Designer mit Ausbildung an der Wiener Angewandten, hat für das Label Karl Lagerfeld eine farbenfrohe, ­optimistische Kollektion entworfen. Passt perfekt zum bunten Herbstwald.  karl.com

THE RED BULLETIN

‑REPLICA AUTUMN VIBES Laub raschelt, Moos wächst auf Bäumen, die Blätter fallen – als Parfümeurin Fanny Bal diesen Duft entwickelte, spazierte sie durch einen Herbstwald. Und genau den riechen wir auch. @maisonmargielafragrances

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GUIDE Kalender

24 Die Doku zum Aufstieg VALENTINA HÖLLS RASANTE BIKE-KARRIERE

Die beiden gehören zu den erfolgreichsten ­Musikern des Landes: Bei der „Red Bull Juke­ box“ im Steinbruch von St. Margarethen spielten Pizzera & Jaus, was die Fans wünschten. ServusTV zeigt den Gig am 24. 9., 22.10 Uhr

Als alle erwarteten, dass sie sich zur Weltmeisterin krönen würde, verletzte sich Vali Höll, 19, beim Training schwer. Warum das für sie damals ein Glück war, erzählt das einstige Moutainbike-Wunder­ kind in der spektakulären Dokumentation „Past – Present – Future“. Zuletzt sagte sie beim Interview im Red Bulletin: „In unserem Sport wird es dich immer wieder auf die Pfeife hauen.“ Und dann? „Dann stehst du auf und machst weiter.“ Zu sehen auf Red Bull TV. redbull.com/valihoell

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bis 24. Oktober MIT DEINER IDEE DIE WELT VERÄNDERN Red Bull Basement unter­ stützt Studierende dabei, ihre Ideen voranzutreiben, um die Welt damit besser zu machen. Eine Anmel­ dung ist noch bis 24. Okto­ ber möglich. Und so funk­ tioniert’s: die Idee in einem maximal 60-sekündigen Video beschreiben und auf die Website hochladen. Eine Jury wählt die natio­ nalen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus, die im ­globalen Finale antreten. basement.redbull.com 98

Oktober RED BULL RAMPAGE

Extremsportler Paul Guschlbauer als Gast bei Red Bull Basement

Das beste Big-MountainFreeride-Event, das Red Bull Rampage, ist zurück. Anlässlich des 20-JahrJubiläums werden 15 aus­gewählte Rider am 15. Oktober in die raue Wüstenlandschaft im Süden Utahs kom­ men, um sich auf der selbst gebauten Strecke zu match en. Livestream ab 21 Uhr, redbull.com THE RED BULLETIN

BARTEK WOLINSKI/RED BULL CONTENT POOL, ALEXANDER SCHWARZ/RED BULL CONTENT POOL, PHILIPP CARL RIEDL7RED BULL CONTENT POOL

September PIZZERA & JAUS LIVE!


B O U L E VARD DER HEL DEN

MUHAMMAD ALI

„WHAT’S MY NAME!“

Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 17: Wie sich Box-Künstler Muhammad Ali an einem Großmaul rächte.

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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT MICHAEL KÖHLMEIER

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PICTUREDESK, GETTY IMAGES

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m 6. Februar 1967 boxte Ernie Kampf gegen Sonny Liston über – damals Terrell unter dem riesigen noch – Cassius Clay geschrieben. Das ­Kuppeldach des Astrodome ­arrogante Auftreten dieses ungewöhnlich in Houston, Texas, gegen gut aussehenden Boxers provozierte, ­Muhammad Ali. Der Kampf war und als er im selben Jahr seiner Namens­ änderung dann auch noch bekannt gab, für Ali ein Rachefeldzug, für Terrell eine dass er Mitglied der Nation of Islam sei, Tragödie, ein Trauma, das endgültige Aus. der Black Muslims, wie die Anhänger Eigentlich war der Kampf eine Farce. MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger ­dieser radikalen religiös-politischen Nachdem Terrell von der World Boxing Bestsellerautor gilt ­Organisation genannt wurden und sich Association (WBA) 1965 zum Weltmeister als bester Erzähler selbst nannten, war die Empörung nicht erklärt worden war, meinten er und sein deutscher Zunge. nur bei den Sportfans groß, sondern Manager, den wahren, in Wahrheit von Zuletzt erschienen: beim Großteil der weißen Amerikaner. allen anerkannten Weltmeister, nämlich „Die Märchen“, Ernie Terrell, selbst Afroamerikaner, sah Muhammad Ali, herausfordern zu können. 816 Seiten, Verlag Carl Hanser. seine Chance. Ihm imponierte Alis groß­ Terrell wurde der „Papierweltmeister“ ge­ nannt, und das hieß, die Entscheidungen sprecherische Art, er wollte es ihm gleich­ tun und seinerseits seinen Gegner beschimpfen und der WBA wurden missbilligt, verächtlich gemacht, herabsetzen. Wenn es ihm gelänge, Muhammad Ali belächelt. Die Verwirrung entstand, weil die ver­ schiedenen Boxverbände untereinander in Kon­ nicht nur im Ring, sondern auch in puncto Angeberei kurrenz standen, jeder kürte seinen Weltmeister, zu schlagen, dann würde er sich den Platz des guten ­einer warf dem anderen Korruption vor, die Kämpfe Schwarzen sichern. Also beschlossen er und sein seien geschoben, sagte der eine über den anderen, Manager, es auf die harte Tour zu versuchen. Sieg und Niederlage stünden von vornherein fest. ei allen Interviews vor dem Kampf nannte Drei Jahre zuvor hatte der Olympiasieger im Halb­ schwergewicht von Rom 1960, Cassius Clay, seinen Terrell seinen Gegner, und das sehr oft und Namen auf Muhammad Ali geändert. Er wolle nicht ­jedes Mal mit zynischer Betonung: „Cassius Clay“. Auf die Frage eines Reporters, ob er denn einen Namen tragen, der einem seiner Vorfahren nicht ­mitgekriegt habe, dass Cassius Clay mittler­ von einem Sklavenhalter gegeben worden war, weile M ­ uhammad Ali heiße, antwortete er, von ­argumentierte er. ­einem gewissen Propheten Muhammad habe er Ali war damals schon berühmt für seine Un­ zwar schon irgendwann irgendwas gehört, aber verblümtheit, er ließ sich von niemandem etwas der sei doch schon lange tot, aber gut, wenn nicht, ­gefallen, er hatte es nicht nötig, sich einen Sieg dann werde er es bald sein. Das war sehr mutig – zu kaufen. Vor seinen Kämpfen zeigte er mit den und sehr dumm. Fingern auf, in welcher Runde er seinen Gegner Der Kampf wurde im Fernsehen übertragen, ich auf die Bretter schicken würde. glaube mich zu erinnern, es muss bei uns so gegen „Er kann nicht so gut kämpfen, wie er reden drei oder vier Uhr am Morgen gewesen sein. Wir kann“, hatte ein Reporter vor dem legendären


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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

­ esaßen damals schon einen Fernseher, unseren b ­ersten, ein kleines Schwarzweißgerät, das heißt, klein war es nicht, es war ein mächtiges Möbelstück, nur der Bildschirm war klein. Mein Freund und ich, wir waren siebzehn, blieben in dieser Nacht auf. Diesen Kampf wollten wir unbedingt sehen. Ali hatte zunächst angekündigt, er werde Ernie Terrell in der fünften Runde k. o. schlagen, hatte dann auf die dritte Runde korrigiert und schließlich auf die erste. Bisher hatte er mit seinen Prognosen noch immer recht behalten. Es würde also ein kurzes Aufbleiben werden, mein Freund und ich mussten ja am nächsten Tag in die Schule.

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s kam anders. Nach der ersten Runde ließ Ali verlautbaren, er werde seine Strategie ändern, das freche Verhalten von Ernie Terrell müsse ­bestraft werden. Schon jetzt war klar, Terrell hatte nicht die geringste Chance gegen diesen Gegner, und wenn Ali es gewollt hätte, wäre er tatsächlich gleich zu Beginn des Kampfes zu Boden gegangen. Aber genau das wollte Muhammad Ali nicht, er wollte Ernie Terrell bestrafen. Er schonte ihn. Noch. Scheinbar. Nach jedem Schlag schnauzte er ihn an: „What’s my name? What’s my name?“ Mein Freund und ich waren von Anfang an auf Alis Seite. Was denn sonst! Spätestens seit seinem Kampf gegen Sonny Liston war Cassius Clay alias Muhammad Ali für uns der Größte. Dass er jedes Mal vorher bekanntgab, in welcher Runde der Kampf zu Ende sein würde, werteten wir nicht als Angeberei, sondern als nüchterne Bekanntgabe einer Wahrheit. Liston war ein Wunder gewesen – gewesen –, aber ein Wunder war er. Er verfügte über nur wenig Tech­ nik und über gar keine Eleganz. Dass ein Schwer­ gewichtler elegant sein kann, auf diese Idee wäre vor Muhammad Ali ohnehin niemand gekommen. Ein Schwergewichtler haut zu und steckt ein, fertig. So einer war Sonny Liston. Er stand im Ring wie ­angeschraubt, ein Boxer mit Herz – darunter wird nicht einer verstanden, der lieb ist, sondern einer, der einstecken kann. Und das konnte Mister Liston. Einer sagte einmal über ihn, dem könne man einen Kirchturm auf den Kopf hauen, dann schüttele er sich nur und weiter geht’s. Er hatte ein vertrauens­ volles Verhältnis zum organisierten Verbrechen. Für seine Gegner hieß es, sich ducken, den Schlägen ausweichen und durchhalten, ein einziger Treffer

„Er selbst nannte den Kampf eine Bestrafung. Muhammad Ali war kein Sklave, er war der König.“ 102

würde genügen. So erging es dem damaligen Welt­ meister Floyd Patterson, 1962 streckte ihn Sonny Liston in der ersten Runde nieder, K. o., ein Treffer. Aber dann der Kampf gegen Cassius Clay. Nun konnte die Welt sehen, dass Schwergewicht und Eleganz, Angeberei und furiose Könnerschaft einander nicht ausschließen. In der sechsten Runde gab Liston den Kampf auf, technischer K. o. Der Mann mit dem Hammer aus Stahlbeton war geschlagen – und ge­ demütigt. Cassius Clay hatte nicht ein einziges Mal während des Kampfes die Fäuste zur Deckung er­ hoben. Er war um den Weltmeister herumgetänzelt wie ein übermütiges Mädchen, nicht einen wirklichen Schlag hatte Liston anbringen können. Cassius Clay hatte den scheinbar Unbesiegbaren vorgeführt wie einen Tanzbären, er hatte ihn blamiert. – Meinem Freund und mir hatte das gefallen. Das war ein neues Boxen! Das war ein schönes Boxen! Und nun Muhammad Ali gegen Ernie Terrell: „What’s my name? What’s my name?“

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errell wird spätestens nach der zweiten Runde­ klar geworden sein, dass dieser Kampf für ihn nur schmachvoll enden konnte. Vielleicht hat er sich sogar gewünscht, dass Ali seine erste Voraus­ sage doch wahr machte, dass er ihn in der dritten oder fünften Runde k. o. schlägt. In dem finsteren Raum des K. o., in dem, wie es ein Boxer einmal ­ausdrückte, „blutrote Fackeln brennen, aber kein Licht machen“, in diesem Raum kannte sich Ernie Terrell­aus, durch diesen Raum hatte er sich schon einmal in seiner Karriere tasten müssen. Was ­Muhammad Ali mit ihm – und zwar über alle fünf­ zehn Runden! – aufführte, das war ihm neu. Das war kein Kampf wie der fünf Monate zuvor gegen den deutschen Karl Mildenberger, der über zwölf Runden ging, aber nicht, weil Ali ihn „schonen“ ­wollte, sondern weil Mildenberger, der Europa­ meister, ein exzellenter Fighter war, ein ganz und gar würdiger Herausforderer, gegen den ­Muhammad Ali kein zweites Mal kämpfen wollte, wie er sagte – was wohl das größte Lob war, das aus seinem Mund erwartet werden konnte. Ali „bestrafte“ Terrell. Er selbst nannte den Kampf eine Bestrafung. Nie wieder sollte es jemand wagen, ihn in seiner Gegenwart Cassius Clay zu nennen. Muhammad Ali war kein Sklave, er war der König!

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ach dem Kampf wirkte Ali, als hätte er gerade einen erfrischenden Waldlauf hinter sich. Ernie Terrell aber war nicht wiederzuerkennen. Boxen heißt Verletzen. Wer sich einen Boxkampf anschaut, darf sich nicht aufregen, wenn verletzt wird. Boxen und Mitleid passen nun einmal nicht zusammen. In den meisten Fällen ist das sehr unschön anzusehen – milde ausgedrückt. Jemanden schön verletzen konnte nur Muhammad Ali. Muhammad Ali hatte nicht nur bewiesen, dass Boxen eine elegante

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„Nach dem Kampf wirkte Ali, als hätte er einen erfrischenden Waldlauf hinter sich.“ Angelegenheit sein kann, sondern auch, dass sich auf elegante Art und Weise das Gesicht eines Gegners in eine blutige Fratze verwandeln lässt. Zugegeben, das verwirrt, das bestürzt.

Irgendwann kam mein Vater im Pyjama und schlaftrunken ins Wohnzimmer. Ob wir ein bisschen leiser sein könnten … Schließlich setzte er sich zu uns, schließlich brüllte er mit. Meine Mutter, eine zarte, milde Person, kam. Ob wir ein bisschen leiser sein könnten … Ich erklärte ihr kurz, dass dies eigentlich kein Kampf, sondern eine Art Wiedergutmachung sei – Wiedergutmachung klang weniger martialisch als Bestrafung. Sie setzte sich zu uns. Nein, sie brüllte nicht mit uns mit, aber ich glaube, sie verstand doch irgendwie, dass wir drei, mein Freund, mein Vater und ich, brüllten.

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ein Freund und ich saßen vor dem kleinen Schwarzweißbildschirm, zudem war die Übertragung schlecht, manchmal schob sich ein breiter dunkelgrauer Balken von oben nach unten über den Boxring. Uns störte das nicht. Bald störte uns auch nicht mehr das Versprechen, das wir meinen Eltern gegeben hatten, nämlich leise zu sein, damit sie schlafen können. Spätestens ab der dritten Runde brüllten wir. Bei jedem „What’s my name?“ brüllten wir mit: „What’s my name!“

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NICOLAS MAHLER

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Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 12. Oktober 2021.

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