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The Red Bulletin AT 10/19

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ÖSTERREICH OKTOBER 2019, € 3,50

Der WandaZirkus

Österreichs Rock-Helden über die Suche nach dem guten Leben

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E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

ZIEL: ZUHAUSE

SCHIRM­ HERREN

DAVID FISCHER (COVER), OLIVER JISZDA

Unser Coverfoto ist von den Beatles inspiriert. Wie Wanda selbst: „Wir waren alle bei ihnen in der Schule.“ Was das heißt? Ab Seite 40

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Schweinswale (nach drastischen Schätzungen sogar noch weniger) gibt es weltweit noch. Wir zeigen, wer für ihr Überleben kämpft. Seite 62

THE RED BULLETIN

„Es war teilweise nur noch Leerlauf, eine sinnlose Suche nach Exzess und der nächsten Erkenntnis“: So beschreibt Marco Michael Wanda die Jahre 2016 und 2017, in denen seine Band Wanda in neue musikalische Sphären vorgestoßen ist: Nummer-1-Hits, ausverkaufte Konzerte, Medienhype. ­ ­­Im Interview ab Seite 40 verraten der Sänger sowie Gitarrist Manuel Christoph Poppe unter anderem, was i­ hnen in turbulenten Zeiten Halt ge­geben hat und wie jeder sein persön­liches Zuhause finden kann. Zuhause ist Andreas Ulmer seit über zehn Jahren bei Red Bull Salzburg – eine Ausnahme im modernen Fußball. Keine großen Sprüche, kein Luxusleben, kein Drang, bei der ersten Gelegenheit ins Ausland zu wechseln. Sein Lohn: das Kapitänsamt, eine in Österreich beispiellose Titel-Sammlung sowie die Gewissheit, dass man nicht laut sein muss, um gehört zu werden – nachzulesen ab Seite 32. Viel Spaß mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

DEN BALL ­­­ FLACH HALTEN

Andreas Ulmer ist kein Mann großer Worte, sondern großer Taten. Wie „Leading by Example“ beim Kapitän von Red Bull Salzburg ­aussieht, liest du ab Seite 32.

MAHLER-HANDWERK

Ein Jahr illustrierte Nicolas Mahler die Red Bulletin To-do-Liste. Nach­ dem nun alles abgehakt ist, gibt es die Rubrik nicht mehr – dafür aber mehr Platz für Zeichnungen des Ausnahmekünstlers: Seite 110  3


I N H A LT The Red Bulletin Oktober 2019

COVERSTORY

KUNST

40 WANDA-TAGE

Österreichs prägende Rockband im großen Interview über Exzess, Entspannung und die Suche nach dem guten Leben

38 DER STAMM-SPIELER

Klaus Littmann lässt für Österreichs größte Kunst-Installation einen Wald im Stadion wachsen.

SKATEBOARDING ABENTEUER

20 EINE REISE JENSEITS ALLER KLISCHEES

Zwei Zwillingsschwestern (und Mountainbike-Profis) entdecken die Schönheit des Iran.

FUSSBALL

32 LEKTIONEN EINES LEADERS Offenheit und Teamwork: wie Kapitän Andreas Ulmer den FC Red Bull Salzburg prägt

HOLLYWOOD

36 JASON STATHAMS WELT

Warum der „Fast and Furious“Star in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt 6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 KOLUMNE

4

48 LETÍCIA BUFONIS WEG AN DIE SPITZE

20

FREI Mit den Schweizer Bikerinnen Anita und Caro Gehrig durch den Iran

Wie die Brasilianerin zum Vorbild von Skaterinnen auf der ganzen Welt wurde

SIMON RICKLIN, TRUNK ARCHIVE, STEVEN LIPPMAN, NATIONAL GEOGRAPHIC

5-MINUTEN-COACH

60 SO SCHALTEST DU SELBSTZWEIFEL AUS

Die Wettkampf-Tipps des zweifachen WakeboardWeltmeisters Dominik Gührs

UMWELTSCHUTZ

62 GEHEIMAGENT DER MEERE

Der Italiener Andrea Crosta über den gefährlichen Kampf für das Überleben des Schweinswals

16 FUNDSTÜCK 18 LIFE HACKS

104 READ BULL 108 IMPRESSUM 110 KARIKATUR

36 STARK Filmstar Jason Statham erzählt, wie er in der realen Welt ums Überleben kämpfte.

THE RED BULLETIN


„ Mein  Vater hat mein Skateboard vor meinen Augen zersägt.“ LETÍCIA BUFONI musste auf ihrem Weg zur Profi-Skaterin Widerstände in der eigenen Familie überwinden. Seite 48

guide

DEIN PROGRAMM

78 REISEN Der Insider-Guide zur Rallye Australien 93 GAMING Ein Wissenschaftler ­erklärt, wie uns „Minecraft“ im Alltag hilft. 94 F00D So wird Fisch knusprig: die Tricks unseres Koch-Professors 96 FITNESS Das Laufband mit NASA-Technik 98 EVENTS Pflichttermine für die kommenden Wochen

48 TALENTIERT Die Wendepunkte in der Karriere der Ausnahme-Skaterin Letícia Bufoni THE RED BULLETIN

62

100 ENTERTAINMENT Red Bull TV-Highlights, live & on demand

GEFÄHRDET Wie Umweltschützer illegale Fischerei (im Bild ein gefährdeter Schweinswal) bekämpfen  5


GA L L E RY

Klitmøller, Dänemark

SO PADDELT EIN WELTMEISTER

Hier sehen wir den Dänen Casper „The Viking“ Steinfath beim Training vor der rauen Küste ­seiner Heimat, auch „Cold Hawaii“ genannt: Dem mehrfachen Weltmeister im Stand-up-Paddling (SUP) gelang voriges Jahr das Husarenstück, das Skagerrak, die 147 Kilometer breite Meer­ enge zwischen Dänemark und Norwegen, in ­etwas mehr als 18 Stunden zu überqueren. Instagram: @cj_steinfath

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THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN

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JESPER GRONNEMARK/RED BULL CONTENT POOL


CHRIS TEDESCO/ RED BULL ILLUME

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Caineville, Utah

WIE GEMALT

Man nehme eine Landschaft wie aus dem amerikanischen Bilderbuch, dazu einen talentierten Motocrossfahrer wie X-Games-Sieger Tom ­Parsons plus einen brillanten Fotografen wie Chris Tedesco. Das atemberaubende Ergebnis siehst du ja. „Die Felsen, die schon seit Urzeiten da sind“, erklärt Tedesco die Faszination der Sequenz-Aufnahme, „bilden einen Kontrast zur sehr gegenwärtigen Energie des Fahrers.“ Schöner hätten wir es auch nicht sagen können. Instagram: @tedescophoto

THE RED BULLETIN

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GA L L E RY

Paris, Frankreich

ÜBERRASCHUNG!

Der Wettbewerb „Red Bull Dance Your Style“, dessen Finale am 12. Oktober in Paris statt­findet, hat eine ganz spezielle Herausforderung zu bieten: Die Teilnehmer (wie die Belgierin Mavinga im Bild) wissen vorher nie, zu welcher Musik getanzt werden muss. Mehr noch: Gespielt wird, womit Hip-Hopper oder Jazzdancer genau gar nichts anfangen können – von Céline Dion abwärts. Gewonnen hat, wer sich am schnellsten darauf einstellen kann. redbull.com/danceyourstyle

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THE RED BULLETIN


LITTLE SHAO

THE RED BULLETIN

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ZAHL E N, B I TT E !

Tag der Untoten

ALLES SO WEIT BLUT Am 5. Oktober ist World Zombie Day. Zur Einstimmung: ein paar Fakten zu einem Thema, das zwischen prickelnder Unterhaltung (in Serie) und bitterem Ernst (in Haiti) oszilliert.

erfand ein US-Kellner den Rum-Cocktail „Zombie“. Nach drei davon fühlt man sich wie einer.

3

Tage bräuchte ein (fiktives) Zombievirus zur Auslöschung einer 500.000-Seelen-Stadt, errechnete die Universität von Ottawa.

1983

1932

verwandelte sich Michael Jackson im legendären Musikvideo zu „Thriller“ in e­ inen Zombie.

lief der erste Zombiefilm („White ­Zombie“) im Kino. Die Handlung sei noch schlechter als die Schauspieler, fanden die Kritiker. Heute ist der Streifen Kult.

249

198

ist die Kennzahl des Artikels im haitianischen Gesetz, der es verbietet, Menschen in Zombies zu verwandeln.

Minuten brachten Sean McShane nach dem Dublin City Marathon 2013 ins Guinness-Buch der R ­ ekorde: als schnellsten Marathon-Läufer im Zombiekostüm.

15.458

Zombies gingen beim Zombie Pub Crawl 2014 in Minneapolis einen heben: Mehr Untote kamen bisher nirgends zusammen.

995 1.400.000

Zombies wurden allein in den ersten fünf Staffeln von „The Walking Dead“ abgemurkst.

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1982

fand ein US-Forscher ­ eraus, dass für die Zombi­ h fizierung in Haiti ein Gebräu aus ­Krötensekret und Kugelfischgift eingesetzt wird.

Exemplare verkaufte Max Brooks, der Sohn des Regisseurs Mel Brooks, vom fiktiven Ratgeber „Zombie Survival Guide“. THE RED BULLETIN

CLAUDIA MEITERT

Wege zum Zombietum: von j­ emandem mit Gift in den Scheintod versetzt werden oder einen Virus erwischen.

1934

GETTY IMAGES (5), PICTUREDESK.COM

2

99

von 100 Voodoo-Zombifizierungen in Haiti enden tödlich.


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KO LUM NE

Thilo Mischke

BEGEGNUNGEN

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

„Ich singe, damit ich fröhlich bleibe. Am liebsten Liebeslieder.“

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THE RED BULLETIN

THILO MISCHKE

„Ich brauch nicht viel“, sagt er. Das Hämmern der Dosen bringt ihm im Monat 400 Euro. Das reicht für Essen, Miete zahlt er keine, die Stadt duldet die Behausungen. Ich will von ihm wissen, wie er verhindert, verrückt zu werden – allein, in diesem Häuschen. Er will es mir zeigen, unterbricht seine ­Arbeit, steht auf, öffnet die Tür, zieht die Schuhe aus. Wie man das Herr Hoshi ist obdachlos. Aber es in Japan macht, bevor man eine fehlt ihm an nichts. In wenigen Wohnung betritt. Es ist sehr sauber, Worten hat er mir viel über das sehr ordentlich unter dem Vordach. ­Leben erzählt. Armut, sagt er, heißt Das Zimmer im Haus, höchstens nicht, kein Geld zu haben, sondern zwei Quadratmeter groß, ein klei­ nes Fenster. Eine Matratze, ein sich zu verirren auf dem Weg zum Kassettenregal. Herr Hoshi wählt Wohlstand. Es klang nicht nach eine aus. Legt sie in einen alten ­einer Rechtfertigung für ein Leben, Zum Zufriedensein braucht Herr Hoshi wenig mehr als Musik – und seine Katzen. Walkman und drückt auf Play. das so anders ist als das Leben der Dann singt er, und ich kann es Menschen im heutigen Japan. Ein nicht glauben, fühle den Kitsch, die Romantik der Szene, Leben, das eigentlich nur eine Regel kennt: nicht auffallen. aber es ist wahr. Herr Hoshi singt alte japanische Liebes­ Er spricht nicht viel, wir waren auch nicht verabredet. lieder. Erst jetzt sehe ich die Falten, sein Alter. Zwischen Baseballfeld und Fahrradweg gibt es einen schmalen Streifen wildes Grün. Auf diesem Streifen haben „Ich singe“, sagt er, „damit ich fröhlich bleibe. Am liebs­ sich Männer kleine Häuser gebaut, aus Brettern, blauer ten Liebeslieder.“ Ich höre ihm zu, im Schneidersitz, mit Plane, selbst gezimmerten Fenstern. Sie haben Vorgärten, halb offenem Mund. Er hat alles, ohne etwas zu besitzen. in denen sie Gemüse anbauen. Vor allem ist er eines: stolz. „Und die Einsamkeit?“, frage Ich bin hier entlanggelaufen, sein Klopfen hat mich ich. Eine von drei Katzen, rot und robust, frisst aus einem zu ihm gelockt. Habe mich mit meinen wenigen Worten Napf. Schnurrt, beobachtet mich und Herrn Hoshi. Japanisch vorgestellt. Herr Hoshi hat seine Arbeit nicht „Allein bin ich nicht“, sagt er, „nicht mehr.“ Und dann unterbrochen. Er hebt den Kopf, nickt, stellt sich vor. streicht er über ihr Fell. „Es freut mich, Sie kennenzulernen“, sagt er förmlich.

BLAGOVESTA BAKARDJIEVA

S

eit vier Stunden schlägt Herr Hoshi mit einem Hammer auf alte Getränkedosen ein. Wie eine Maschine, ein Drucklufthammer, der nur eine Funktion hat, nämlich die Dosen platt zu machen. Herr Hoshi schwitzt nicht, obwohl die Sonne brennt. Sein Ar­ beitsplatz ist ein aus Stahlresten selbst gebauter Amboss, links der Beutel mit den Dosen, rechts davon der Beutel mit dem Altmetall. Das ist sein Beruf, seit 16 Jahren. Und Herr Hoshi ist wirklich sehr glücklich. Im Hintergrund spielen japa­ nische Kinder Baseball mit ihren ­Vätern, verschwitzt essen sie Auto­ maten-Nudeln, trinken Softdrinks. Das Lachen der Familien legt sich in die Luft wie die Rufe eines Vogel­ schwarms. Die Melodie eines Sonntags. Herr Hoshi kennt keine Wochentage. Hier, an diesem Ort, im Speckgürtel von Tokio, wohnt er, direkt am Tama-Fluss.

76 Jahre ist er alt, die Haut auf seinem Körper wirkt wie um sein Skelett laminiert, so dünn ist er. Sein Lächeln ist ehrlich, als ich ihn frage, ob ich ihm helfen soll. „Nein“, antwortet er, „du bist zu langsam“, und schickt ein Kichern hinterher. Und klopft weiter. Ich will wissen, wie man in Japan arbeitslos werden könne, wie man hier, in dem Land mit dem engsten aller sozialen Netze, hin­ durch bis an das Ufer des Tama-Flusses rutschen kann. „Ich habe zu viel gearbeitet“, sagt er, „bis ich nicht mehr konnte.“ Wir hier in Europa nennen es Burn-out, in Japan gilt Herr Hoshi als einfach nicht stark genug. „Das ist das Einzige, wofür ich mich schäme“, sagt er. Er schämt sich, dass ihn die Arbeit auf der Baustelle zerbrochen hat. Er wäre gerne ein zuverlässiger Arbeiter gewesen. Die Toch­ ter spricht nicht mehr mit ihm, die Familie hat sich von ihm abgewandt. Freunde hat Herr Hoshi nur lose. „Meine Nachbarn sind freundlich, aber Freunde sind das nicht“, sagt er. Manchmal sterben sie in ihren Häuschen.

MARTIN GASCH

Er ist 200 Tage im Jahr unterwegs, Jetlag ist bei Korrespondent und Reise­ reporter Thilo Mischke (TV-Dokureihe „Uncovered“) ein Dauerzustand. Auf seinen Expedi­tionen trifft der 38-jährige Berliner immer wieder Menschen, die ihn faszi­nieren. Diesmal: Herrn Hoshi, einen Obdachlosen in Tokio, der zeigt, dass wenig Geld nicht automatisch Armut bedeutet.


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F U ND ST Ü CK

Beatles-Tonband

Ganz ehrlich, wir wissen nicht, was auf diesem Viertelzoll-ScotchTonband zu hören ist. Wir wissen aber, dass die Beatles darauf ihre Spuren hinterlassen haben (also wird es mit ziemlicher Sicher­heit großartig sein). Es stammt aus dem Jahr 1965, in dem die „Fab Four“ das Shea-Baseballstadion in New York und die Hollywood Bowl in Los Angeles füllten. Und es ist das Jahr ihres genialen Albums „Rubber Soul“ – also könnten sich auf diesem Band Spuren von „Drive My Car“, „Nowhere Man“ oder „Michelle“ befinden.

John, Paul, George und Ringo: Als Beatles veränderten sie die Musikwelt wie keine andere Pop-Band.

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THE RED BULLETIN

HENRY LEUTWYLER, GETTY IMAGES

REKORDZEIT


L IF E HACKS

Science-Bastler

GENIALE TRICKS BEI STURM UND NÄSSE Schlaue Lösungen für konkrete Probleme, Volume 13: Vom Schlechtwetter überrascht wird jeder einmal. Wie du mit Klebeband, Papier und Müllsäcken dem Regen trotzt.

REGENSCHIRM REPARIEREN

SCHUHE TROCKNEN

Der Kugelschreiber-Trick Wenn der Sturm den Bezug von den Speichen reißt, wird jeder SchirmZ nutzlos EITU– ein trauriger Anblick. NG als du denkst. Aber Reparieren geht leichter,

News mit Saugkraft

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NG Nasse Füße bekommen? Schuhe nicht auf die Heizung stellen! Die Zeitung von gestern ist 1h besser.

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Zeitungspapier zerknüllen, in den Schuh stopfen, warten.

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2 Erwärme das Plastik, sodass es formbar wird (aber nicht an­ kokeln!). Mithilfe der Schere verengst du das Röhrchen an einer Stelle abseits der Mitte (nicht abschneiden!).

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Nimm ein dünnes Plastikröhrchen aus einem defekten Kugelschreiber. Schneide ein etwa 2 cm langes Stück ab. Das wird die neue Öse.

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REGENJACKE BASTELN

Wir nennen es Trashy Chic Vom Wetterumschwung überrascht? So machst du aus einem Müllsack einen feinen Regenschutz.

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oben

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oben

3 Das Röhrchen auf

die Speiche stecken. Mit Nadel und Faden die Schirm-Bespan­ nung an der vereng­ ten Stelle des Röhr­ chens befestigen. Hält vielleicht sogar besser als zuvor.

Müllsack entlang der Linie auf­ schneiden. Kapuze (li. u.) über­ ziehen, an den Laschen zubinden.

SNEAKERS PIMPEN

SASCHA BIERL

Sport trotz Regen: Mit Gaffer Tape machst du deine Laufschuhe temporär wasserdicht.

Vorfuß und Obermaterial mit drei Tape-Streifen abdichten.

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CLEMENS MAKANAKY

Eine Ausrede weniger

THE RED BULLETIN


AUFBRUCH INS UNGEWISSE Zwei Zwillingsschwestern, ein Pioniergeist: Die Schweizer Mountainbike-Profis ANITA und CARO GEHRIG erfahren die Freiheit – im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr Trip durch den Iran ist voller Überraschungen – und ein Lehrstück jenseits aller Klischees. Text WERNER JESSNER  Fotos SIMON RICKLIN


METER-EBENE Die Grabstätte Khalid Nabi im Iran nahe der turk­menischen Grenze hatten die Schwes­ tern im Internet entdeckt. Ob sich die Linie auf dem Monitor tatsächlich als Trail er­ weisen würde? Nach stundenlanger Anreise war klar: Ja! „Es war eine der eindrück­ lichsten Abfahrten der gesamten Reise.“   21


DRAHTESEL UND GIPFELTREFFEN Maultiere tragen die Bikes Richtung Scharte des Damawand-Berges. Hier treffen die Gehrig-Schwestern auf Wanderer. Die sie aber nicht nach dem Weg fragen, sondern nach den Instagram-Namen der beiden (@caro_gehrig, @anitagehrig). Da Facebook im Iran gesperrt ist, ist Instagram das virtuelle Tor zur Welt.

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„Die Kinder waren völlig geflasht. Als wir ihnen unsere Bikes geborgt haben, wollten sie sie überhaupt nicht mehr hergeben.“

EMPFANG DER AUSSERIRDISCHEN Caro und Anita brettern über die Treppe des Dorfes Palangan in Kurdistan. „Die Leute waren hellauf begeistert. Sie hatten eine echte Freude an uns Ausländerinnen. Je weiter man von den großen Städten wegkommt, umso weniger entspricht der Iran jenem Klischee, das man aus den Medien zu kennen glaubt.“   25


WIE GEMACHT FÜRS BIKEN Jahrhundertealte Pfade verbinden die ­abgelegenen Bergdörfer. Einspurig, trocken, griffig: nahezu optimale Bedingungen für Mountainbikes. „Wo Menschen und Trag­ tiere gehen, ist mit Enduro-Bikes allemal ein Durchkommen.“


In der Nähe von Teheran gibt es den einzigen Bikepark des Landes. Hier hängt die lokale Community nach Feierabend ab, shreddet und baut Jumps und Trails wie überall auf der Welt auch.

Persönliche Einladung: Die Gehrigs überreichen der besten iranischen Mountainbikerin, Faranak Partoazar, das Ticket zur Mountainbike-WM in Lenzerheide (die im August stattfand).

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„Ab 4000 Metern war der Damawand-Berg unbefahrbar: einfach zu viel Schnee.“

GANZ SCHÖN HOCH Das Elbrus-Gebirge mit dem Damawand als höchster Erhebung (5604 m) ist in Summe 600 Kilometer lang und äußerst vielfältig. Sogar Schifahren kann man hier. Oder Mountainbiken: Die Abfahrten sind scheinbar endlos, das Panorama atemberaubend. Adler, Bären, Wölfe und Leoparden, aber auch Gämsen gibt es hier. Kontakt: Selten. 28


Khalid Nabi Gorgan

Teheran

„Wenn du eine Tür siehst – geh durch!“ Wahre Neugier ermöglicht die größten Abenteuer: warum es die Gehrig-Zwillinge Anita und Caro immer wieder in fremde Länder zieht – und warum es sich lohnt, den Hintern hochzukriegen. the red bulletin: Ich ­er­reiche euch gerade in ­Tasmanien, aber wir sollten über eure Reise in den Iran sprechen. Seid ihr eigentlich irgendwann auch zu Hause? caro gehrig: Doch, durchaus. Nächste Woche sind wir daheim in Flims. Aber kurz danach geht es schon wieder weiter nach Portugal, in die USA und nach Kanada.

gilt vor allem für Länder wie den Iran. Dieses Land stellt alles auf den Kopf, was du aus den Nachrichten zu kennen oder zu wissen glaubst. Erst wenn du dort bist, fallen dir die Fragen ein, die du stellen musst, um es zu verstehen. Zum Beispiel? Unsere Erfahrung im Dorf ­Palangan, weitab von großen

Städten: Es heißt ja immer, der Iran sei streng muslimisch. Dort haben wir Frauen in T-Shirts gesehen, und Jugendliche haben uns selbst gebrannten Schnaps angeboten – am helllichten Tag. Es gibt auch im Iran nicht nur Schwarz und Weiß, sondern alle Schattierungen. Aber das wirst du vor dem TV-Gerät niemals herausfinden.

Wer mit seinem Bike Nordund Südamerika bereist, Neuseeland, Tasmanien oder den Iran, der hat es eher nicht so mit Pauschaltourismus, oder? Wir haben einfach etwas gegen Copy-&-Paste-Reisen. Klar gibt es in Europa tolle Plätze, aber sehr viele davon kennen wir schon. Wir fahren ja auch Mountainbike-Rennen, und Reisen an sich gehört da fast zum Daily Business. Spannend sind Reisen, die dein Denken umkrempeln.

FREE RIDING IRAN

… wie der Iran-Trip … Genau. Natürlich geht es auch um die geile Landschaft, aber eben nicht in erster Linie.

DER FILM

Worum geht es dann? Du kannst Dinge zigmal ­gehört oder auf Instagram gesehen haben – aber das alles ersetzt das Machen nicht. Das

Neben Action und Wahnsinnslandschaften erwartet den Zuseher vor allem Menschliches: Einblicke in das Leben von (vor allem) Frauen, für die ein Rad so viel mehr ist als ein Sportgerät. Gänsehautmomente sind garantiert! Auf Vimeo und unter www.freeridingiran.com

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Eine Filmcrew hat die Gehrig-Twins auf diesem Trip begleitet und eine feine halbstündige Doku daraus gebastelt.

Palangan

Damawand

Schiras

Iran

DIE ROUTE 4500 Kilometer im Pick-up für die besten Spots des Iran: Start und Ziel war Teheran, es ging an die turkmenische Grenze und ins Landesinnere.

Was entgegnet ihr Mountainbikern, die vielleicht auch von einer Abenteuer­ reise träumen, aber den Hintern nicht in die Höhe kriegen? Begreift doch eure Freiheit! Ihr könnt jederzeit ins Internet gehen und einen Flug buchen – ganz egal wohin. Viele Menschen, vor allem in streng kontrollierten Ländern, haben diese Freiheit nicht. Das gilt zuallererst für Frauen. Die brauchen eine Genehmigung ihrer Eltern oder ihres Mannes, um überhaupt reisen zu dürfen. Wenn Mädels Rad fahren wollen, bedeutet das für sie bereits einen Akt der Rebellion. Weil? Weil sie sich durch das Rad für ein paar Minuten oder Stunden der Kontrolle ent­ ziehen. Weil das ihr persönliches Stück Freiheit ist. Ihre Chance, auch einmal allein zu sein, selbständig unterwegs zu sein. Selbst zu bestimmen, was sie sehen. Das Rad ist eine Freiheitsmaschine. Das ist eine Einstellung, die wir ganz sicher von diesem Trip mitnehmen und nie mehr vergessen werden. THE RED BULLETIN


Anita (links) und Caro Gehrig: Enduro-Racerinnen, Entdeckerinnen und Reisende aus Leidenschaft

Du meinst, es sollte beim Reisen generell mehr um Freiheit gehen und nicht um das Abhaken von Wünschen? Ja, das würde ich schon ­sagen. Klar wollen wir etwas sehen, wenn wir aufbrechen. Sonst müssten wir uns nicht 4500 Kilometer in einem Pickup durchschütteln lassen wie auf unserem Iran-Roadtrip. Aber das eindrücklichste Erlebnis waren nicht die Berge, nicht die Trails, die vor uns wahrscheinlich noch keine Frau befahren hat, sondern der persönliche Kontakt mit den Einheimischen. Was meinst du konkret? Noch heute bekommen wir Nachrichten von den Irane­ THE RED BULLETIN

„Der Iran stellt alles auf den Kopf, was du aus den Nach­ richten zu wissen glaubst.“

rinnen, mit denen wir einen Tag lang biken waren. Nachrichten, bei denen uns die ­Tränen runterkullern. „Endlich ist da jemand, der uns versteht“, schreiben sie. Wir seien so was wie Role Models, weil wir selbstbewusst unsere Freiheit genießen.

Nicht „beginnen“ – da ist für ­meinen Geschmack schon zu viel Grübeln dabei. Mach es einfach! Lebe deine Neugier! Wenn du eine Tür siehst – geh durch und schau, was dahinter­ liegt. Die Welt ist spannend und weit weniger feindselig, als du vielleicht meinst.

Wer ins Abenteuer auf­ bricht,­verändert nicht nur sich, sondern eventuell auch sein Gegenüber? Einverstanden. Das ist ein sehr schöner Gedanke. Wenn man es richtig macht, dann lernt jeder vom anderen und kann ihn besser verstehen.

Ihr habt schon so viel ge­ sehen. Steht noch irgend­ was auf eurer „Bucket List“? Und ob! Mit dem Essen kommt der Appetit, heißt es. Die Nordlichter haben wir noch nicht gesehen. Oder einen Orca in freier Wildbahn. Wobei Letzteres mit dem Mountainbike – zugegeben – eventuell ein wenig schwierig werden könnte …

Wie beginnt man damit, Abenteurer zu werden?

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Andreas Ulmer, 33, FC Red Bull SalzburgLegende und zehn­ facher österreichischer Fußballmeister


HE RO ES

Andreas Ulmer

DER LEISETRETER

Genügsamkeit statt Glamour. Harte Arbeit statt harter Worte. Red Bull Salzburg-Kapitän Andreas Ulmer beweist, dass man nicht laut sein muss, um gehört zu werden – und obendrein zum erfolg­ reichsten Fußballer Österreichs aufzusteigen.

OLIVER JISZDA

CHRIS EBERLE-ABASOLO

E

ndlich. Es ist geschafft. Nach insgesamt elf Anläufen hat der FC Red Bull Salzburg sein erklärtes Ziel erreicht. In der Spielsaison 2019/20 wird sich Österreichs Serienmeister erstmals in der Gruppenphase der UEFA Champions League mit Europas absoluten TopKlubs messen. Aufs Feld geführt werden die Bullen dabei von einem Mann, der allerdings nicht so recht ins Glamour-Bild eines modernen Profikickers passt: Andreas Ulmer. Er ist kein Star, keine Diva, kein Enfant terrible. Während andere mit teuren Marken­ klamotten auf der Kühlerhaube eines 500-PS-Sportwagens ­posieren, postet Ulmer Bilder von seiner Mutter, seinem Hund und seiner Lederhose. Scharmützel in der VIP-Area angesagter Szenelokale? ­Fehlanzeige. Künstlich am ­Köcheln gehaltene Transfer­

„Das Wichtigste in unserem Team? Dass jeder offen seine Meinung sagen kann.“

gerüchte? Auch kein Treffer. Frauen? Ja, seine. Kurz gesagt: Andreas Ulmer ist für Medien das exakte Gegenteil eines ­gefundenen Fressens – für seinen Klub hingegen ist er Gold wert. Denn der 1985 in Linz geborene Kapitän des FC Red Bull Salzburg, dessen ProfiKarriere von der Wiener Aus­ tria über den SV Ried im Jahr 2009 schließlich an die Salzach führte, verkörpert Führungsqualitäten, die weit über das Sportliche hinausgehen: Bescheidenheit und Beständig­ keit. Und ganz nebenbei ist er mit zehn Meistertiteln österreichischer Rekordhalter. „Ich bin, wie ich bin“, sagt Ulmer, der seine 2018 übernommene Rolle als Mannschaftskapitän genauso anlegt wie seine bisherige Karriere: leise und unaufgeregt. „Es macht mich in erster Linie stolz, und ich habe großen ­Respekt vor diesem Amt. Was aber nicht bedeutet, dass die Kapitänsschleife mich zu ­einem anderen Menschen macht.“ Seine Hauptaufgabe als Führungsspieler sieht der bald 34-jährige Routinier, der unter Franco Foda in seiner Stammposition als linker ­Außenverteidiger auch wieder ins Nationalteam berufen wurde, als Ruhepol und – ­salopp ausgedrückt – Gleich  33


HE RO ES

„Fühlt man sich in  seiner Umgebung wohl, ist das die Basis für gute Leistungen.“

gewichtsheber. Auf und neben dem Spielfeld. „Es geht um die Balance. Wenn die Stimmung in der Mannschaft ausgewogen ist, wenn jeder offen und ehr­ lich reden kann, dann ver­ kraftet die Mannschaft auch locker das eine oder andere böse Wort, das natürlich in der Hitze des Gefechts schon mal fallen kann. Und natürlich hat man als älterer Spieler auch abseits des Spielfelds eine Vorbildwirkung. Du kannst den jüngeren mit dei­ nen Erfahrungen im Umgang mit alldem, was sich im mo­ dernen Fußball so rundherum abspielt – Medientermine, ­Autogrammstunden –, helfend zur Seite stehen.“ Von Star-­ Kapitänen, die sich am Rasen wie Live-Trainer inszenieren, hält Andreas Ulmer indes ­wenig. „Man muss jetzt nicht groß am Platz herumwinken und ständig Anweisungen brüllen. Während des Spiels ist das nicht sehr sinnvoll. 34

Noch schlimmer ist, wenn man einen Mitspieler – sollte etwas nicht so gut klappen – zur Sau macht. Es bringt ein­ fach nichts, wenn der dann fünf Minuten am Platz steht und damit beschäftigt ist, über seinen Fehler nachzudenken. In fünf Minuten kann man eine Menge Tore kassieren, wenn einer nicht da ist.“

U

lmer ist kein Wortführer. Sein Credo: Wenn man zu allem seinen Senf ­abgibt, verliert er an Schärfe. „Ich rede nicht viel, weil ich nichts davon halte, einfach nur zu reden, um zu reden. Aber wenn es wichtig und ­nötig ist, sage ich meine ­Meinung. Deutlich und klar. Und meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass diese dann umso mehr Gewicht hat.“ Noch deut­ lichere Worte findet Andreas Ulmer, wenn es um gegen­ seitigen Respekt geht. „Respekt ist das Allerwichtigste – inner­ halb der Mannschaft, aber auch gegenüber allen anderen, die für unseren Erfolg arbeiten,

Alle Infos zum FC Red Bull Salzburg in der Champions League: redbullsalzburg.at; Andreas Ulmer auf Instagram: @andreasulmer

THE RED BULLETIN

OLIVER JISZDA

Ulmer in der Umkleidekabine des FC Red Bull Salzburg. Im Herbst steigen in der Red Bull Arena (mindestens) drei Champions-League-Spiele gegen europäische Topteams.

vom gesamten Betreuerstab bis hin zum Reinigungsperso­ nal. In dieser Hinsicht konnte ich sehr viel von Marco Rose (Trainer 2017 bis 2019; Anm.) lernen.“ Bescheidenheit und Beständigkeit, okay. Aber mischt sich da nicht auch eine Spur Bequemlichkeit hinein? Immerhin steht Andreas Ulmer seit nunmehr fast elf Jahren in Diensten des FC Red Bull Salz­ burg und hat nie den Weg ins Ausland gesucht. „Natürlich ist es für jeden Fußballprofi immer ein Thema, irgend­ wann in einer ‚großen‘ Liga zu spielen, aber für mich war Salzburg immer das Beste. Und man darf eines nicht ­unterschätzen: Wenn man sich in einer Umgebung rich­ tig wohlfühlt, dann ist das die Basis für gute Leistungen.“ Und was die i­ nternationalen Erfahrungen betrifft, hat ­Ulmer außerdem ein weiteres, bei genauerer Betrachtung durchaus stichhaltiges Argu­ ment im Köcher: „Wenn ich mir unsere Trainer der letzten Jahre anschaue, kann ich nur sagen: Viel internationaler geht nicht. Holländer, Deut­ sche, Spanier und jetzt Jesse Marsch aus den USA. Natür­ lich hat da jeder seine ganz ­eigenen, oft auch von seiner Heimat geprägten Ideen und Spielphilosophien. Und das Gleiche gilt für die Spieler ­unterschiedlichster Natio­ nalitäten, die wiederum ihre Erfahrungen in unsere Mann­ schaft getragen haben. Eines ist sicher: Langweilig ist mir bei Red Bull Salzburg nie geworden.“


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HE RO ES

„ ICH BIN FAST ERTRUNKEN“ „Fast & Furious“-Star Jason Statham steht nicht nur im Kino für Action. Der 52-Jährige weiß lebensgefährliche Situationen auch in der Realität zu meistern.

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he red bulletin: Ihre Filmcharaktere schwebten sehr oft in Lebensgefahr. Aber was war die brenzligste Situation, die Sie in der Realität über­ stehen mussten? jason statham: Während des Drehs zu „Expendables 3“ bin ich fast draufgegangen. Für Probeaufnahmen musste ich in einem drei Tonnen schweren Tieflader auf eine Hafenmauer zusteuern. Allerdings hatte ich diesen Wagen nie gefahren, die Gangschaltung war mir ein bisschen suspekt. Ich war mit rund 50 Sachen unterwegs, als ich den Punkt erreichte, wo ich stoppen sollte; also trat ich auf die Bremsen – nichts.

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Wie reagiert man da am ­besten? Ich versuchte mich aus dem Sitz zu drücken, damit ich leichter aus dem Auto hinaus­ kam. Aber als ich das geschafft hatte und meine Hände an die Tür legte, knallte der Truck gerade ins Meer. Und weil das Fenster unten war, strömte das Wasser in einem richtigen Schwall herein, und die Kabine war binnen einer Sekunde voll. Was geschah dann? Normalerweise würdest du tief einatmen, denn das gibt dir Luft für rund eineinhalb Minuten. Aber weil alles so schnell passierte, kapierte ich, dass ich keine Extraluft hatte. Ich war unter Wasser und sank immer tiefer in eine dreckige, finstere Brühe. Da geriet ich in Panik. Wie tief waren Sie da? Wahrscheinlich fünf bis zehn Meter. Aber dann bekamen Sie die Situation unter Kontrolle? Nein. Denn plötzlich trieb ich wie schwerelos im Wasser. Ich wusste nicht mehr, wo das Fenster war, mein Kopf krachte gegen die Decke. Ich tastete herum, völlig orientierungs­ los, versuchte mich wieder zu fassen. Ich schwamm herum, suchte nach dem Fenster, das

ich dann auch fand. Und als ich mich rausziehen wollte, verfing sich das Pistolen­ halfter, das ich am Bein trug, im Lenkrad. In diesem Moment schwankte ich zwischen „Ich werde es schaffen, ich muss das hinkriegen“ und „Oh Scheiße“. Da verstand ich plötzlich, was es heißt, zu ertrinken. Können Sie dieses Gefühl beschreiben? Mein Reflex war es, den Mund zu öffnen und Luft zu holen. Aber dann begriff ich, dass es die nicht gab, also hielt ich ihn geschlossen. Und dann? Ich kam frei, kämpfte wie wild, machte einen Schwimm­ zug nach dem anderen. Und mit dem buchstäblich aller­ letzten Zug brachte ich meinen Kopf an die Oberfläche, und ich war am Leben. Es war eine ganz, ganz üble Erfahrung. Wie hat das Ihre Lebens­ einstellung geprägt? Alles wird mit einem solchen Erlebnis neu kalibriert. Seit diesem Tag schätze ich es ­total, dass ich am Leben bin und auf dieser Erde herum­ spazieren darf. Irgendwie sollte jeder einmal so etwas durchmachen, damit er eine neue Perspektive auf sein ­Dasein bekommt. Jason Statham ist derzeit mit „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ im Kino.

THE RED BULLETIN

RÜDIGER STURM

Jason Statham

Aber alle haben überlebt? Ja, aber als ich das mitbekam, merkte ich auch, dass ich über den Rand der Hafen­mauer in das verdammte Meer fuhr. Drei Meter in die Tiefe.

„Ich sank immer tiefer in eine dreckige, finstere Brühe.“

TRUNK ARCHIVE

Die Hydraulik war im Eimer. Plötzlich hörte ich einen ge­ waltigen Knall. Ich dachte, ich sei in den Wagen gekracht, in dem die Kameracrew saß, und hätte alle gekillt. Das war für mich das schwärzeste Gefühl überhaupt.


Statham tut nicht nur so, als ob: Er ist auch im wirklichen Leben hart im Nehmen.


HE RO ES

Klaus Littmann

WIR SIND WALDMEISTER! In einem Fußballstadion wachsen die Bäume in den Himmel. Grund dafür: ein temporäres Kunstprojekt. Und der lange Atem des Künstlers.

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„Ich bin kein Mahner, sondern ein Ermöglicher.“

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Als Klimaaktivismus will Littmann das Projekt dennoch nicht verstanden wissen. „Ich bin kein Mahner, sondern ein Ermöglicher“, betont er. „Mit meinen Projekten ermögliche ich einen Perspektivenwechsel, eine Wahrnehmungsveränderung.“

ROBERT SPERL

Nun steht das Projekt. In Form eines 300 Bäume starken Mischwaldes, der unter dem Titel „For Forest“ aktuell im Wörthersee Stadion zu be­ staunen ist. Dass sein Langzeitprojekt ausgerechnet in Klagenfurt Wurzeln geschlagen hat, bezeichnet Littmann selbst als „Zufall“. Es ist aber das Ergebnis eines Prozesses, geprägt von Suche, Überzeugungs­ arbeit und Einstecken von ­Kritik. Denn nicht jeder war von der Idee der „Stamm-­ Spieler“ im Stadion angetan. Drei Aspekte sorgten für die Realisierung. Erstens: Die Finanzierung erfolgte ohne Steuermittel. Zweitens: Der Wald bleibt erhalten und wird eins zu eins auf ein nahes Grundstück verpflanzt. „Im Vorfeld wurde ja behauptet, die Bäume würden gehäckselt werden. Wenn dem so wäre, würde man mich wohl an e­ inem der Bäume aufknüpfen“, lacht Littmann. Und ­drittens: die Zeit. Denn die r­ eale Umsetzung von Peintners Dys­topie von 1974 schlägt anno 2019 mit voller Wucht ein.

Wurzelwerk: Klaus Littmann, 67, verwandelt eine kleine Bleistift­zeichnung in Österreichs größtes Kunstprojekt.

30.000 PLÄTZE FÜR 300 BÄUME

Hier erwartet dich der ungewöhn­lichste Stadionbesuch aller Zeiten. „For Forest. Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ ist eine temporäre Kunstintervention von Klaus Littmann, die das Wörthersee-Fußballstadion in Klagenfurt von 9. September bis 27. Oktober 2019 in Österreichs größte öffentliche Kunstinstallation verwandelt. Geöffnet von 10 bis 22 Uhr. Eintritt frei. forforest.net

THE RED BULLETIN

EMMANUEL FRADIN, JOHANNES PUCH

s misst gerade mal 44 mal 62,5 Zentimeter. Und liefert dennoch die Grundfläche für die größte Kunstinstallation, die jemals in Österreich realisiert wurde: „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ – so der Titel einer Bleistiftzeichnung des Tiroler Künstlers Max Peintner aus dem Jahr 1974. Sie zeigt ein brechend volles Open-Air-Stadion, auf dessen Rasen allerdings nicht 22 Fußballer laufen, sondern ein kleiner Wald steht. Bäume. Ausgestellt. Wie exotische ­Tiere in einem Zoo. Im Hintergrund erhebt sich die Skyline einer futuristischen Metropole. Es ist ein seltsam berührendes und bedrohliches Bild. „Als ich die Zeichnung vor dreißig Jahren erstmals sah, war ich sofort fasziniert“, erzählt der Schweizer Interventionskünstler Klaus Littmann, „und habe seit damals davon geträumt, dieses Bild als dreidimensionale Kunstinstallation zum Leben zu erwecken.“


HELP! WANDA waren eine Revolution. Deutschsprachige Musik hat nach ihnen anders geklungen als zuvor. Im Interview erzählen sie vom Rausch der frühen Tage, wer sie auffängt, was sie vorantreibt und wo sie zu Hause sind. Text STEFAN NIEDERWIESER  Fotos DAVID FISCHER

Österreichs aktuell größte Rockband (von links): Gitarrist Manuel Christoph Poppe, Keyboarder Christian Hummer, Sänger Marco Michael Wanda, Bassist Reinhold „Ray“ Weber und Drummer Lukas Hasitschka

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Frontmann Marco Michael Wanda: „Wir wissen, dass wir keine Virtuosen sind. Wir müssen bluten für unsere Arbeit.“

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„ ICH GLAUBE ÜBERHAUPT NICHT AN DEN ABGRUND ALS QUELL DER INSPIRATION.“ MARCO MICHAEL WANDA

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underttausend sollen es gewesen sein. Aber so genau weiß das niemand. Als Wanda letztes Jahr auf der Wiener Donauinsel aufgeigten, konnte halb Österreich aus voller Kehle mit­ singen, „Bologna“, „Columbo“ und „Bussi Baby“. Innerhalb von nur fünf Jahren haben Wanda die heimische Musikszene komplett um­gekrempelt. Man singt wieder vom guten ­Leben, und das im Dialekt. Der Hype hinter­ ließ nicht nur Spuren im kollektiven Bewusst­ sein, sondern auch bei den Musikern. Das ­Tempo war manches Mal zu hoch und forderte seinen Tribut. Wanda haben seither einen Gang zurückgeschaltet. „Können wir bitte bald nach Hause gehen“, singen sie auf ihrer jüngsten Single, ein anderes Mal senden sie ein „S. O. S.“. Aber wie beim legendären „Help!“ von den Beatles klingen Wandas Rufe nach ­Hilfe nicht so, als wären sie kurz davor auf­ zugeben – sondern wie ein Appell an die Wil­ lenskraft, weiter alles zu geben. the red bulletin: Zum Einstieg eine ­elementare Frage – wo oder was ist Zuhause? manuel christoph poppe: Bei den liebsten Menschen. Das kann an jedem Ort der Welt sein. Zuhause ist auch die Familie, bis hin zu den Haustieren. Auf unserer Rock ’n’ Roll-Reise sind das wir fünf als Freunde, wir fangen uns gegenseitig auf – in guten wie in schlechten Zeiten, wie’s so schön heißt. marco michael wanda: Es ist schwer, ­Zuhause einzugrenzen, es ist eine ewige ­Problemstellung, eine endlose Reise, ein Anund Ablegen. Menschen versuchen, in ihrem eigenen Geist zu Hause zu sein. Gleichzeitig ist man für andere ein Zuhause, für seine Liebsten. Und wir als Band sind auch ein Zuhause für unser Publikum.

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Woher kommt die Sehnsucht nach einem Zuhause? wanda: Ich habe mein Leben lang in Songs nach Sinn gesucht. Ich traue keiner Politik, ich traue wenigen Dingen, aber ich traue der Musik. Die ist deshalb so wahr, weil sie gar nicht wahr sein will und nicht wahr sein kann. Ich schreibe einzelne Songs, dabei beschäftigt mich so vieles, und einiges kann ich ausdrücken, an­ deres nicht. Ich lerne mich immer noch kennen und mein Handwerk besser zu verstehen. Marco, auf eurem neuen Album singst du erstmals über Kinder und darüber, dass du nicht weißt, wo du bist, wo du stehst. wanda: Ich bin älter geworden. Und wir alle kennen das Gefühl, dass wir sitzen bleiben, während die ganze Welt sich weiterdreht. Die Frage, zu wem oder was wir nach Hause kommen, haben wir uns alle gestellt. Wir haben sehr viel erlebt, haben es auch über­ trieben, nie gab es Ruhe. 2016 und 2017 waren teilweise nur noch ein Leerlauf, eine sinnlose Suche nach Exzess und der nächsten Erkenntnis. Wie seid ihr da herausgekommen? wanda: Ich glaube, über die Musik. Und über Menschen, die uns wirklich nahestehen. Außer­ dem haben wir heute deutlich mehr Erfahrung. Wir sind nicht mehr am Jupiter, sondern schweben lediglich ein paar Zentimeter über dem Boden. poppe: Wir haben gelernt, dass Körper und Geist zur selben Zeit am selben Ort sein ­müssen. (Beide lachen.) Musstet ihr zwischendurch abtauchen, um Kräfte zu sammeln?   43


wanda: Wir sind wider Erwarten durchaus lernfähig. Wir übernehmen uns nicht mehr und fahren mit guter Geschwindigkeit. Wie bleibt ihr hungrig, wie lasst ihr euch auf Neues ein? wanda: Ich bin grundsätzlich ein sehr fauler Mensch. Wenn mir niemand sagt, probier dieses oder jenes aus, würde ich in meiner Gewohnheit versinken. Unser Produzent Paul Gallister ist zum Glück jemand, der unglaub­ lich geschickt und herzlich fordern kann. Viele Leute brauchen jemanden, der sie motiviert und antreibt. Seid ihr zueinander auch so? wanda: Eher nein, wir lassen einander in Ruhe. Wir verlangen voneinander nicht viel. Aber wir wissen, dass wir keine Virtuosen sind. Wir müssen bluten für unsere Arbeit. Das ist ein Kampf. Steuern können wir ihn nicht, unsere Arbeit ist immer einem Faktor X unterworfen, dem Intuitiven und dem Mentalen. Wenn gar nichts mehr geht, muss man es aussitzen. Songs sind wie Geister, die einen besuchen kommen. Geister lassen sich auch beschwören … wanda: Das heißt aber noch lange nicht, dass sie kommen. Man braucht viel Geduld, einen langen Atem und unbedingt ein gutes Leben. Ich glaube überhaupt nicht an den Abgrund als Quell der Inspiration. Wusstest du in den drei Wochen, in denen du das neue Album „Ciao!“ großteils geschrieben hast, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist? wanda: Ja. Alle Geister haben mich auf ein­ mal besucht. Früher habe ich alles dafür ver­ sucht, jedes Hilfsmittel war recht. Aber irgend­ wann war das kein gutes Leben mehr. Haben euch die Beatles besucht, haben sie euch beeinflusst? wanda: Der Einfluss, den diese Gruppierung auf die Musik, auf die gesamte Kultur hat, der lässt sich vorne und hinten nicht verfehlen. Und ja: Wir haben etwas gemeinsam. Immerhin waren wir alle bei den Beatles in der Schule. Das ist eine Art, Musik zu denken, die uns ver­ wandt ist. Ich verstehe, in welchem Rahmen sie arbeiten wollten. Diese Musik ist mir viel näher und verständlicher als vieles andere.

„ HELFEN MUSS MAN SICH SELBST. ABER FREUNDE FANGEN DICH AUF.“ MANUEL CHRISTOPH POPPE 44

„ SONGS SIND WIE GEISTER, DIE EINEN BESUCHEN KOMMEN.“ MARCO MICHAEL WANDA

Aber die neuen Beatles wollen wir nicht sein – und das können wir auch nicht sein. Manche Harmonien, Instrumentierungen und Rhythmen erinnern dennoch stark an die Beatles. Auch ein Songtitel wie „Swing Shit Slide Show“. wanda: Ich verstehe das als eine Art Öff­ nung. In einem Magazin habe ich eine Werbe­ einschaltung für diese Freakshow namens „Swingshift Sideshow“ gesehen, und in diesem Moment war mir klar, dass ich nicht über mich schreiben will, sondern so viele Geschichten wie möglich erzählen möchte. Wie auf einem Festival, bei dem sich Menschen ihren Ängsten stellen und dafür auch noch Eintritt zahlen. Im Übrigen halte ich auch dieses Lied für ­grandios gescheitert. poppe: In drei Akten erfolgreich gescheitert. (Beide lachen.) Auf dem Cover eures neuen Albums lauft ihr mit einem Schiff aus, auf dem „Ciao!“ steht. Das soll angeblich eine Einladung zur Reise sein. wanda: Das haben wir nie gesagt. (Lacht.) Überhaupt spürt man eine große Lebens-, aber auch eine Todessehnsucht. In euren ­Videos geht ein Auto in Flammen auf, ein anderes geht unter, und ein Boot säuft ab. Die neuen Songs heißen „S.  O.  S.“, „Ein schneller Tod“ oder „Nix reparieren“. Geht es euch gut? wanda: Wanda will den Optimismus finden, wo es vermeintlich keinen gibt. Wanda will den Karneval, wo alles grau ist. Das war immer die geistige Reise dieser Band, für uns als Men­ schen wie als Musiker. poppe: Ein Lied, das sich nicht an das kollek­ tive Unbewusste richtet, wäre uninteressant. wanda: Es ist immer ein Versuch. Vielleicht lernt man das nie, aber der Versuch ist wichtig. Nichts kann jemals fertig sein, genauso wie ein Leben niemals fertig ist. Man stirbt, bevor irgendwas passiert ist. Wenn man die eigene Sterblichkeit versteht, aber auch die aller ­anderen, kann man niemandem mehr wehtun wollen. Dann kann man nicht spalten wollen. Alle Menschen, die spalten, haben überhaupt keine Ahnung vom Leben. Denkt ihr, dass eure Fans das genauso sehen? wanda: Meine Mutter ist Therapeutin. Sie meinte kürzlich, was wir als Musiker machen, ist eine Katharsis für den Moment. Man fühlt sich während eines Konzerts sehr stark, aber THE RED BULLETIN


Klar Schiff! Die Wanda-Besatzung beim Red BulletinShooting nahe der SchemerlbrĂźcke in Wien-Nussdorf


am nächsten Tag ist vermutlich nicht viel hängen geblieben. Ich muss noch darüber nachdenken. Sollte das allerdings stimmen, werde ich den Rest meines Lebens dagegen ankämpfen. Heilen und geistige Gesundheit sind derzeit große gesellschaftliche Themen. Ihr wirkt aber eher wie Menschen, die nicht oft in den Rückspiegel schauen. 46

poppe: Die Rückspiegel sind abmontiert – habe ich einmal gesagt. wanda: Und ich hab dir damals den Slogan gestohlen und ihn aus Verlegenheit in vielen Interviews verwendet. poppe: Eigentlich ziemlich kaputt. (Lacht.) wanda: In dieser Zeit war ich vollkommen ­kaputt. Aufs Leben zurückblicken würde ich aber nur mit Stolz. Ich finde viel Schönes in dem, was wir erlebt haben. THE RED BULLETIN


„WANDA WILL DEN KARNEVAL, WENN ALLES ANDERE GRAU IST.“ MARCO MICHAEL WANDA

wanda: Hier summiert sich alles, worüber wir gerade reden. Die Zweifel an Politik und Wissen­ schaft haben ein Vakuum hinterlassen, in dem sich viele Scheinexperten tummeln, sei es auf YouTube, wo mir irgendjemand inbrünstig er­ klärt, wie ich leben soll, oder Blogger, die mei­ nen, die Erde sei flach. Das hat mich fasziniert: die Hilflosigkeit, aus der heraus wir uns auf die Suche nach Wahrheit machen. Du sprichst von einem unbekannten Zeit­ alter. Was ist das? wanda: Das ist das große Jetzt. Ich kenne den Ort nicht, auf den wir als Menschen zusteuern. Es sind so viele Deutungen im Raum, dass ich keine Ahnung habe, welches Versprechen sich jetzt einlöst. Wird das die bessere oder die schlechtere Welt? Gibt es so was überhaupt noch? Das ist für mich die große Frage. Stimmt es, dass du noch immer kein Smart­ phone hast? wanda: So etwas besitze ich nicht. poppe: Ich habe eines. wanda: Und wir sind trotzdem Freunde. Und wir können telefonieren. (Lacht.) Die Textzeile „Alles schaut so gut aus, so, dass man es fast glaubt“ soll Instagram meinen. wanda: Ich bin immer wieder begeistert, was Menschen in diese Texte hineinlesen. Das ist sehr schmeichelhaft und eine der Säulen der Freude. Die Interpretationen übertreffen einen selbst bei weitem. poppe: Ich fühle mich dadurch gerade sehr bereichert. Keyboarder Christian Hummer am Steuerrad. Wanda haben mittler­ weile einen guten Weg zwischen Ruhe und Exzess gefunden.

Wie helft ihr euch? poppe: Helfen muss man sich selbst. Aber man kann sich gegenseitig auffangen. So wie in dieser Band, die als Freundschaft begonnen hat. Wenn einer fliegt, halten vier das Netz. Es gibt viele Arten, wie Menschen versuchen, sich selbst zu helfen: Yoga, Ernährung, Me­ dikamente, Astrologie. Ihr habt den Song „Gerda Rogers“ geschrieben … THE RED BULLETIN

Brauchst du weniger im Leben? Tun dir ­andere leid, wenn sie viele Dinge kaufen? wanda: Wenn ich hinausgehe, sehe ich keine gefühllosen Roboter. Die Menschen sind an­ gefüllt mit Angst, Schmerz, Liebe und Leiden­ schaft. In solchen Momenten empfinde ich Mitleid, das rührt mich. In diesen Momenten schreibe ich Lieder. Möchtest du, dass andere Leute dich als ­Experten sehen? wanda: Das steht mir nicht zu. poppe: Wanda will Menschen aus den verschiedensten Gegenden, Gesellschafts­ schichten und Denkweisen zusammenführen. wanda: Und wir erleben das auf unseren ­Konzerten, wenn sie sich in den Armen liegen. Das neue Wanda-Album „Ciao!“ ist am 6. September 2019 erschienen; wandamusik.com

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WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN LETÍCIA BUFONI ist die bekannteste Skateboarderin der Welt. Eine Erfolgsstory in zwölf Kapiteln. Text JEN SEE Fotos STEVEN LIPPMAN


Das Ziel vor Augen: Letícia Bufoni, 26, verließ mit vierzehn ihre Heimat Brasilien. Seitdem lebt sie in Los Angeles – den Traum vom Skateboarden.

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Bufoni, seit Februar mit pinkfarbenen Haaren un­ter­wegs, ist eine StilIkone. Nachzufragen bei ihren 2,5 Millionen Instagram-Followern.


„UM MICH VOM SKATEN ABZUHALTEN, HAT MEIN VATER MEIN BOARD VOR MEINEN AUGEN ZERSÄGT.“

1. DIE AUSSENSEITERIN

Ihre Kindheit in São Paulo verbrachte Letícia Bufoni, so wie die meisten Kids aus der Nachbarschaft, überwiegend auf der Straße. Allerdings quasi auf der falschen Straßenseite. Denn während die anderen Mädchen gemeinsam mit dem Fahrrad unterwegs waren oder Fußball spielten (was in Brasilien durchaus üblich ist), zog es die kleine Letícia geradezu magnetisch in die Skateparks ihres Viertels – und die waren damals, Anfang der Nuller-Jahre, absolutes BubenTerritorium. „Alle hatten Skateboards, und der einzige Grund, warum ich keines hatte, war der, dass ich ein Mädchen bin“, erinnert sich Bufoni. „Damit wollte ich mich schon damals nicht abfinden.“ Schließlich war es ihre Großmutter, die als Erste erkannte, dass hinter der Faszination mehr als nur kindliche Rebellion steckte, und der neunjährigen Letícia ihr erstes Skateboard kaufte. Sehr zum Leidwesen ihres Vaters, der von den „unmädchenhaften“ Ausritten seiner Tochter nichts wissen wollte. „Er wollte nicht, dass man mich als burschikos oder lesbisch bezeichnet“, erzählt sie. „Um mich vom Skaten abzuhalten, hat Dad sogar mein Skateboard vor meinen Augen zersägt.“ Aber diesen Kampf konnte er nicht gewinnen. Wenige Tage später hatte Letícia ein neues Board, zusammengeschraubt aus Einzelteilen, die sie von ein paar Freunden bekommen hatte.

2. DAS NATURTALENT

Letícia Bufoni lernte schnell. Extrem schnell. Und vor allem: schneller als die Jungs. Nach nur zwei Monaten beherrschte sie Kickflip und Heelflip in Perfektion. Zur Schule ging sie damals eigentlich nur noch, um ihre Eltern zu beruhigen. Ihr Leben hieß Skaten, und sonst nichts. Es war dann ausgerechnet ein Freund ihres Vaters, der Bufonis unglaubliches Talent entdeckte und ihren Dad davon überzeugen konnte, sie an einem Wettbewerb teilnehmen zu lassen.

Tatsächlich begleitete der Vater – der Letícia davor noch kein einziges Mal auf einem Skateboard gesehen hatte – seine Tochter sogar zu dem Contest in São Paulo, an dem Mädels aus ganz Brasilien teilnahmen. Letícia gewann den Wettbewerb. Und ihren größten Fan: Dad.

3. DIE ABENTEURERIN

In den folgenden Jahren tourte Bufoni, stets begleitet von ihrem Vater, zu zahlreichen Events und Contests quer durchs Land – von denen sie die meisten als Siegerin verließ. Bereits mit 14 Jahren war sie gut genug, um bei den legendären X Games in Los An­geles anzutreten. Die Einladung war ihre Eintrittskarte ins Skater-Paradies. Ursprünglich war der kostspielige Trip für zwanzig Tage angelegt, doch sobald Bufoni die sportlichen Möglichkeiten sah, die sich in L.  A. boten, war ihr klar: Hier gehöre ich hin. Ihr achter Platz bei den X Games sollte ein vielversprechendes Vorzeichen für ihre künftigen Erfolge sein. „Ich kannte Los Angeles nur von den unzähligen Skateboard-Videos, die ich regelrecht verschlungen habe. Aber in echt war alles noch viel imposanter“, schwärmt Bufoni. „Man skatet hier mit den besten Profis in den besten Skateparks. Es ist meine Traumstadt.“ Natürlich mischten sich auch Zweifel in die Euphorie. Letícia war ein 14-jähriges Mädchen, konnte kaum Englisch und kannte niemanden in der Stadt. Auch wenn sie bei einer befreundeten Fotografin unterkam, ließen ihr die finanziellen Mittel ihrer Familie nicht viel Spielraum. Außerdem wusste sie um die „Gefahren“, die in L.  A. lauern. „Partys, Drogen, die Clubszene – in L.  A. spielt sich permanent der ganze Mist ab.“ Aber Letícia Bufoni wollte Profi-Skaterin werden, und das konnte sie nur hier. Also blieb sie. Und vertraute ihrem gut ausgeprägten Überlebensinstinkt.   51


BUFONI HAT MIT IHREN ERFOLGEN DEN WEG FÜR SKATERINNEN NICHT GEEBNET – SIE HAT IHN ÜBERHAUPT ERST FREIGESCHLAGEN.


4. DIE WEGBEREITERIN

Skaten ist für Jungs, nicht für Mädels. Die Erfahrungen, die Letícia Bufoni als knapp Zehnjährige in ihrer nächsten Umgebung machen musste, wiederholten sich wenige Jahre später, als sie sich auf Sponsorensuche begab. Obwohl sie bereits mehrere Contests hatte gewinnen können, stieß sie bei potenziellen Finanziers auf eine Mauer der Ablehnung. Skateboard-Marken schlossen keine Verträge mit jungen Frauen ab. Punktum. „Irgendwann dachte ich mir: Wisst ihr was? Wenn ihr mich nicht wollt, mache ich eben mein eigenes Ding“, erzählt sie. Sie stand kurz vor der Gründung ihres eigenen Skateboard-Labels, als Plan B ihr einen Vertrag anbot. Als erste Frau fährt Bufoni für die Marke, die einige der größten Namen der Skateboard-Szene unter Vertrag hat – bis zu dem Zeitpunkt allerdings nur Männer. Heute haben es junge Skaterinnen deutlich ein­ facher. „Es hat sich vieles zum Positiven verändert“, so die heute 26-Jährige. Sie selbst fühlt sich nicht

wohl in der Vorbildfunktion, doch diese Rolle ergibt sich einfach aus ihrem Werdegang. „Ich erinnere mich noch, dass ich früher eine der wenigen weib­ lichen Skaterinnen war, die überhaupt bezahlt wurden“, sagt sie. „Mittlerweile hat jede namhafte Marke Mädels im Team.“ Szene-Insider sagen: Bufoni hat mit ihren Erfolgen nicht den Weg ge­ ebnet – sie hat ihn überhaupt erst freigeschlagen.

5. DIE REKORDJÄGERIN

Nur zwei Jahre nach ihrer improvisierten Über­ siedlung nach Kalifornien trug sich Letícia Bufoni beim Maloof Money Cup erstmals ganz oben in die Siegerliste einer bedeutenden Skateboard Street Compe­tition ein – 25.000-Dollar-Scheck inklusive. Und dann ging es Schlag auf Schlag. 2010 holte sie in der Kategorie SKB Street bei den X Games Silber, 2013 erstmals Gold – vier weitere X-Games-Siege sollten folgen, insgesamt elf Medaillen. Ein Rekord.

Wer hoch fliegt, fällt tief … und steht wieder auf. Stürze (und deren gab es genug) ließen Bufoni nie an ihrer Berufswahl zweifeln.

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Nebenbei gewann Bufoni auch zahlreiche andere, teils in Europa ausgetragene Major Contests wie Far’n High, den Mystic Sk8 Cup oder das Street League Skateboarding. 2015 zierte sie als erste Athletin das Cover des renommierten „Skateboard Mag“, und sie war auch die erste Frau, die auf der Sponsor Payroll des NikeSB-Teams aufschien. In Brasilien lancierte Bufoni eine eigene TV-Show, fand 2017 ihren Weg in die „Guinness World Records“ („Most Wins of the World Cup of Skateboarding“) und schaffte es 2018 als eine der weltweit einflussreichsten Sport­lerinnen auf Platz 25 eines „Forbes“-Rankings.

6. DIE STRASSENKÄMPFERIN

In L.  A. wurde Letícia Bufoni sehr schnell bewusst, dass der Begriff Streetskaten hier eine andere Be­deutung hat als in ihrer Heimat. Wenn Bufoni in der Stadt unterwegs ist, hält sie ständig Ausschau nach potenziellen Skateplätzen – wie Rails, die sich in Höhe und Neigung perfekt für Slides eignen. „Ich betrachte alles aus der Sicht einer Skaterin“, sagt sie. „L.  A. hat zum Beispiel die mit Abstand besten Schulhöfe überhaupt. An jeder Schule gibt es perfekte Spots – Treppen für Jumps und Bänke für Tailslides.“

„SCHULHÖFE, TREPPEN, BÄNKE: ICH BETRACHTE ALLES AUS DER SICHT EINER SKATERIN.“

Gute Strandfigur: Bufoni überzeugt mit ihren Qualitäten beim Foto­shooting am Venice Beach in Los Angeles.

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„ES IST COOL, DASS ICH WIE EIN TYP SKATE. ABER ICH WILL AUSSEHEN WIE EIN MÄDCHEN.“

Das Problem ist allerdings, dass viele dieser Hotspots hinter verschlossenen Toren oder auf Privatgrundstücken liegen. Auch Profi-Streetskater müssen also stets darauf achten, sich nicht von den Sicherheitskräften erwischen zu lassen. Es ist wie ein Katzund-Maus-Spiel. „Vor kurzem waren wir eine ganze Stunde unterwegs, um zu einem bestimmten Spot zu kommen – und als wir da waren, hat uns der Wachdienst eiskalt vor die Tür gesetzt“, erzählt Bufoni. Manchmal gelingt es ihr erst am zweiten oder dritten Spot, einen Clip zu Ende zu drehen. In L.  A. kommen da schnell einige Stunden an Fahrtzeit zusammen. Meistens ist das Sicherheitspersonal entspannt und bittet Bufoni und ihre Crew einfach nur, das Feld zu räumen. „Einige flippen aber auch völlig aus und werden laut“, erzählt sie. Ob sie schon einmal ver­ haftet wurde? „Zum Glück noch nie, aber es könnte jederzeit passieren“, lacht sie.

7. DIE STEHAUFFRAU

Vier- oder fünfmal lag sie bereits auf dem Operations­ tisch, so ganz genau weiß sie das selbst nicht. Ihre Knochenbrüche zählt sie schon längst nicht mehr. 2014 stürzte Bufoni in den Finals, als sie, wortwörtlich, den Sprung vom zweiten auf den ersten Platz schaffen wollte. Vor den Augen ihrer Familie, die den Event in Brasilien live am Fernseher verfolgte, zog sie sich eine massive Gehirnerschütterung zu. Aber solche Risiken schrecken sie nicht ab. Im Gegenteil: In ihrer Freizeit geht sie Fallschirm springen, weil sie den Adrenalinrausch und den Nervenkitzel liebt. Ein Ende ihrer Skateboard-Karriere ist für sie noch lange nicht in Sicht. „Es gab bisher nicht einen einzigen Moment, in dem ich dachte: ‚Ich kann das nicht mehr, ich höre auf.‘ Ich fand Skaten schon immer so cool, dass ich nach jedem Sturz sofort ans Weiterfahren denke.“

8. DIE ASKETIN

Auch wenn ihr Instagram-Profil den Eindruck erweckt, ihr Leben sei eine einzige Party, geht Bufoni gern früh schlafen. „Ich werde alt“, lacht sie. Es fällt ihr leichter, ihr dichtes Programm – Skaten, Workouts, PR-Termine – unter einen Hut zu bringen, wenn sie morgens ausgeschlafen ist. Seit drei Jahren trinkt Bufoni auch keinen Alkohol mehr. „Ich wollte gesünder leben“, meint sie. „Gegen das Trinken selbst habe ich gar 56

nichts, aber am nächsten Tag geht es einem immer total dreckig.“ Dauerhaft in Abstinenz leben will sie zwar nicht, aber momentan trägt die Disziplin dazu dabei, das Skaten trotz ihres Promi-Status auf diesem extrem hohen Level zu halten.

9. DIE GEZEICHNETE

Auf ihre rechte Hand hat sich Bufoni das Wort ­„Trouble“ tätowieren lassen. Sie meint, sie gerate ständig in Schwierigkeiten. Als Gegenstück dazu ­bilden ihre Finger-Tattoos das Wort „Hope“. Dann wären da noch ein paar Totenköpfe, die Zahl 13 (ihr Geburtsdatum ist der 13. April 1993) und ein Flugzeug, weil sie ständig unterwegs ist. Ein Adler mit einem Skateboard in den Klauen bedeckt ihren Oberarm. „Mein Vater hat denselben Adler“, erzählt sie. „Er hat ihn sich machen lassen, bevor ich nach L.  A. gezogen bin – darauf steht ‚Good Luck, Letícia‘.“

10. DIE INFLUENCERIN

Pink war schon immer Bufonis Markenzeichen. Im Februar färbte sie sich die Haare in einem knalligen Fuchsia-Ton. Im Skatepark in Venice Beach sticht sie mit ihrer neuen Haarfarbe ebenso prächtig hervor wie bei unserem Fotoshooting. Ihr Style überzeugt ebenso wie ihr Können. Über 2,5 Millionen Instagram-­ Follower sprechen eine deutliche Sprache. Letícia Bufoni ist weit über die Skater-Community hinaus ein Social-Media-Star. Sie shootet für Sephora, geht im knappen Bikini surfen und stürzt sich anschließend ins Nachtleben. Der Mix aus Skate-Clips und Party-Fotos macht einen fast schwindelig. Sie ist nicht mehr das kleine Mädchen, das keine Kleider tragen will. „Es ist cool, dass ich wie ein Typ skate“, sagt sie, „aber ich will aussehen wie ein Mädchen.“ Mit ihrem Stream bildet sie ihren Alltag weit­ gehend ungefiltert ab. „Ich kümmere mich selbst um meinen Account, damit ich wirklich meine Sicht mit meinen Worten wiedergeben kann“, betont sie. „Ich will einfach nur ich selbst sein – und keine ­Marionette.“ Ihre Eltern konnten ihr die SkateboardLeidenschaft nicht ausreden, und beim Erstellen ihrer Social-Media-Profile lässt sich Bufoni ebenso wenig reinreden. Auf Instagram kann sie selbst bestimmen, wie sie sich präsentiert. „Wenn mir etwas gefällt, ist es mir egal, ob es anderen gefällt oder nicht“, sagt sie. „Sie müssen mich so nehmen, wie ich bin.“


Auf der Straße daheim: Viermal holte Letícia Bufoni bei den X Games Gold – in der Kategorie Skateboard Street.


Quantensprung für den einstigen Trend- und Underground­sport: 2020 ist Skateboarden erstmals olympisch, Letícia Bufoni heiße Medaillenkandidatin.


„ICH LEBE, WAS ICH LIEBE, UND ICH LIEBE, WAS ICH LEBE.“

11. DIE OLYMPIONIKIN

Tokio 2020: Zum ersten Mal wird Skateboarden eine olympische Disziplin sein. Und Letícia Bufoni will natürlich dabei sein. Die Entwicklung ihres Sports sieht sie dennoch mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Streetskater waren schon immer tief in den Stadtteilen und Parks verwurzelt, in denen sie mit ihren Freunden geskatet sind. Jetzt ist aus der Underground-Szene eine reglementierte Sportart mit professionellen Trainingsplänen und Workouts geworden. Zu den Olympischen Spielen werden die Skater sogar nationale Teamtrikots tragen. Für Bufoni hat die Kommerzialisierung durchaus ihre guten Seiten. „Es haben jetzt mehr Leute Zugang zu diesem Sport“, findet sie. Gleichzeitig wird sie das Gefühl nicht los, dass dabei auch etwas verlorengeht. „Den Kids geht es heute vielleicht eher darum, Profi-Skater zu werden, um zu gewinnen und damit Geld zu verdienen“, sagt sie. „Ich habe damals an­gefangen, weil ich Skateboarden cool fand und es unbedingt können wollte.“ Für sie war es eher der Ausdruck eines Lebensgefühls als eine Sportart.

Es war einfach das Größte, den ganzen Tag draußen zu sein, zu skaten, mit den Freunden durch die Gegend zu ziehen und sich von Schulhöfen und Parkplätzen verjagen zu lassen. Sie wollte Teil der Skateboard-Kultur werden – dabei sein war alles. Die Möglichkeit, ihr Land nun bei den Olympischen Spielen zu vertreten, übersteigt alles, was sich Bufoni jemals hätte ausmalen können. „Jeder Athlet träumt von Olympia“, sagt sie. „Ich will unbedingt die erste Medaille gewinnen.“

12. DIE TRAUMFÄNGERIN

„Ich lebe definitiv meinen Traum“, sagt Letícia Bufoni. „Jeden Tag ist mir das bewusst. Ich habe ein Haus, meinen eigenen Skatepark, ein schönes Auto – total krass! Ich bin ständig unterwegs, die Reisen, die Leute, alles wie im Traum! Manchmal frage ich mich, ob das wirklich real ist. Es ist ein verrücktes Leben. Ich lebe, was ich liebe, und ich liebe, was ich lebe.“ Instagram : @leticiabufoni

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5- M IN UT E N- COACH

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MEHR FOKUS IN BERUF U ND SPORT

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Befolge diesen Leitspruch aus Bayern Ich werde oft gefragt, wie ich als Profisportler vor wichtigen Wettkämpfen mit dem Erwartungsdruck umgehe. Ich glaube, das liegt daran, dass ich für meine Nervenstärke bekannt bin. Ich mag den Druck einfach. Er gehört zu meinem Beruf. Ich werde ja auch ständig bewertet. Bei meiner Disziplin – Wakeboard-Cable – werden wir Athleten von einem Lift durch ein Gewässer mit Hindernissen gezogen, auf denen wir Tricks zeigen. Eine Fachjury vergibt dann Punkte für die Ausführung. Mir gibt diese Wettkampfsituation Extra­ power. Je mehr Leute zusehen, desto besser. Ich glaube, diese Stärke ruht auf zwei Säulen. Erstens: Erfahrung. Ich habe in den vergangenen 17 Jahren an mehr als 200 Contests teilgenommen. Selbst schwierige mentale Situationen ver­lieren da ihren Schrecken. Zweitens: die Einstellung zu Niederlagen. Viele Menschen haben Angst vor Versagen, aber eigentlich haben sie Angst davor, was andere Leute dann über sie denken.

Ich weiß, das ist schwierig, aber wenn man es schafft, diese Haltung zu ändern, ist das ungeheuer befreiend. Wenn ich an einer Aufgabe scheitere, sage ich mir einfach auf gut Bairisch: „Jå mei! Beim nächsten Mal klappt es dann besser.“

Wenn du nervös wirst: Rede wie ein Wasserfall Es ist schon tausendmal gesagt worden, aber es stimmt eben: Gute Vorbereitung verleiht dir mehr Selbstvertrauen. Egal ob ich für meine Abschlussprüfung lerne, ein Meeting ordentlich vorbereite oder für die Wakeboard-WM trainiere. Denn vor dem Start kann ich dann zu mir sagen: „Du hast bis hierhin alles richtig gemacht. Sei stolz. Bereits das ist eine Leistung.“ Trotzdem versuche ich zusätzlich, in den letzten Minuten vor dem Wettkampf Anspannung und Zweifel aus meinem Kopf zu verbannen. Dafür habe ich mir über die Jahre einige Tricks zurechtgelegt. Jonglieren zum Beispiel, ein großartiges Hilfsmittel, um den Kopf freizubekommen. Beim

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Zu viele E-Mails? Flüchte aus deinem Büro! Sich auf seine Stärken zu fokussieren und den Kopf freizubekommen ist nicht nur vor Wettkämpfen ein Thema, sondern auch im Alltag. Zum Beispiel, wenn du von E-Mails, WhatsApp und Papierkram völlig überfordert bist. Man soll an t­ ausend Sachen zugleich arbeiten. Wir alle kennen solche Tage. Wenn ich mal zwei Stunden E-Mails machen muss, klappt das nur, wenn ich mich vorher ausge­powert habe. Ich gebe zu, ich bin da ein Spezialfall. Ich hatte schon in der Schule Probleme, über ­einen längeren Zeitraum still zu sitzen und zu lernen. Meine Lösung damals: Ich ging runter in den Garten und kickte einen Fußball gegen die Wand, während ich in meinem Buch las. Sport hilft mir auch heute noch ausgezeichnet ­dabei, mich zu konzentrieren. Und ich rede nicht von Spitzensport oder harten

03:37 THE RED BULLETIN

ANDREAS ROTTENSCHLAGER

Der Münchner Dominik Gührs ist zweifacher Welt- und dreifacher Europameister im Wakeboarden – weil er vor Wettkämpfen seine Selbstzweifel erfolgreich ausschaltet. Vier Empfehlungen, wie du in entscheidenden Momenten (auch im Job) einen kühlen Kopf bewahrst.

Jonglieren hast du keine Zeit für Zweifel oder andere Gedanken. Du musst dabei völlig im Moment sein, sonst fallen alle Bälle zu Boden. Da es wahrscheinlich recht komisch aussieht, wenn ­Menschen im Büro vor wichtigen Besprechungen plötzlich zu jonglieren a ­ nfangen, hilft im Notfall auch, viel zu reden. Dazu braucht man kein Equipment. Du bist nervös? Quatsch deine Kollegen zu! ­Mache ich auch, wenn ich keine B ­ älle dabeihabe. Dann rede ich wie ein Wasserfall, mit allen, die gerade neben mir stehen – und bin so perfekt abgelenkt. Kurz vor dem Start ziehe ich mich dann aber zurück, gehe nochmal in mich und fokussiere mich ganz auf den Lauf.

DAN DEAK BARDOS/RED BULL CONTENT POOL

Futter für die Nerven


03:38

Workouts. Nach e­ iner halben Stunde Bewegung habe ich mehr mentale ­Energie für andere Auf­gaben. Es genügt schon, spazieren zu gehen und den Kreislauf ein wenig in Schwung zu brin­ gen. Einfach mal eine halbe Stunde aus dem Büro flüchten, raus an die frische Luft, um nachher besser zu performen. Ja, man muss sich dazu zwingen. Aber dieser Aufwand lohnt sich immer.

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Mach das Beste aus schlechten Tagen

Dominik Gührs, 29, Motivationsprofi: „Ich werde permanent bewertet.“

Spritztour durch Thailand

Ein schwimmender Markt, eine Seilwinde, ein Wakeboard: Mit diesen Zu­taten setzte Dominik Gührs ein einzig­artiges ActionVideo um. Auf dem Kanal des Floating Markets in Amphawa sprang er etwa über mit Blumen beladene Holzboote. Vorher erkundete er für eine dreiteilige Web-Serie Bangkok – mit einer Foodbloggerin, einem Street-Art-Künstler und anderen Insidern. Action-Clip und Web-Serie auf: youtube.com/redbull

Natürlich bin auch ich schon spekta­ kulär gescheitert. Beispiel: die WM vor fünf Jahren auf den Philippinen. Jeder erwartete meinen Sieg. Training und Qualifikation liefen top. Alles war für die Siegesfeier vorbereitet. Aus Deutsch­ land war extra ein Filmteam nach Asien gereist, um eine Dokumentation über mich zu drehen. Dann kam das Finale, und ich stürzte – gleich zweimal. Zwei­ mal! Völlig untypisch für mich. Nun gibt es zwei Sichtweisen, um mit schlechten Tagen umzugehen. Pessimisten sagen: „Du bist unfähig und kannst es einfach nicht.“ Optimisten sagen: „Du weißt, was du kannst, aber heute hattest du einfach Pech.“ Ich war wütend nach der Nieder­­ lage. Aber irgendwann siegte dann ­wieder mein Leitspruch: „Jå mei! Beim nächsten Mal klappt es dann besser.“ Und überhaupt finde ich: Wenn du nie scheiterst, sollte dir das eher zu denken geben. Vielleicht könntest du viel mehr erreichen, gehst aber nicht nah genug an deine Grenzen.

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„ Ich habe keine Angst“ Hier erzählt der Mann, der undercover gegen Kriminelle kämpft, um aussterbende Tierarten zu retten, seine Geschichte.

Andrea Crosta war Sicherheits-­ berater für Konzerne, Regierungen und Geheimdienste. Heute leitet der gebürtige Italiener die „Earth League International“ – eine ­Organisation, die bedrohte Arten mit geheimdienst­lichen Mitteln zu retten versucht. Derzeit kämpft er fürs Überleben der letzten dreißig Vaquitas im Golf von Kalifornien. Redaktion MANFRED KLIMEK

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Das Schiff

Die „Sea of Shadows“ beim Auslaufen in den Golf von Kalifornien, wo der sich im Aussterben befindliche Schweinswal, auch Vaquita (dt.: kleine Kuh), seine Paarungsgründe hat.

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Der Retter

Ich habe keine Angst. Ich bin nur in Sorge, wenn meine Teams recherchieren. Das tun sie meist ­undercover, und wenn sie auffliegen würden, ­kämen sie schnell in eine lebens­bedrohliche ­Situation. Um mich selbst mache ich mir keine Sorgen. Ich lebe allein mit meinem Hund in Kali­ fornien und bin viel auf Reisen. S ­ icher kommt da manchmal der Gedanke auf, dass da irgendwer hinter einer Ecke auf mich ­lauern könnte, um eine Rechnung zu begleichen. Aber diese Gedanken schlage ich mir schnell wieder aus dem Kopf.

„Ich habe keine Angst. Ich bin nur in Sorge, wenn meine Teams recherchieren. Das tun sie meist undercover, und wenn sie auffliegen würden, kämen sie schnell in eine lebensbedrohliche Situation.“ 64

Ich heiße Andrea Crosta, bin 50 Jahre alt, in der Nähe von Mailand geboren, habe Zoologie, Natur­ wissenschaften, Wirtschaft und Psychologie ­studiert und bin nun Executive Director der Earth League International, einer O ­ rganisation zur Auf­ deckung von Verbrechen g ­ egen den Artenschutz. Wir setzen uns also für die Rettung bedrohter und aussterbender Tiere ein. Das tun weltweit viele Organisationen, und darüber kann man auch sehr froh sein. Wir aber unterscheiden uns von all die­ sen Organisationen dadurch, dass wir bei unseren Recherchen geheimdienstliche Mittel anwenden. Und das meine ich so, wie ich es sage: Wir sind eine weltweit agierende, teils im Untergrund ­arbeitende professionelle Organisa­tion geheim­ dienstlichen Zuschnitts, die Kriminalfälle auf­ deckt und Ermittlungsergebnisse den Behörden zuführt. Uns geht es nicht um Empörung, sondern nur darum, kriminelle Taten zu beweisen und es so Polizei und Justiz zu ermöglichen, ­gegen das organisierte Abschlachten und den Handel mit aussterbenden Tierarten vorzugehen.

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Die Frage, die ich am häufigsten gestellt bekomme, ist die, ob ich Angst habe. Das wundert mich nicht, denn meine ­Arbeit hat viel mit Risiken und Ge­ fahren zu tun. Mein Team und ich verhindern seit bald schon zehn Jahren die Geschäfte von Kriminellen. Da weiß man natür­ lich, dass man sich viele Feinde macht. Und sich auch weiter viele Feinde machen wird.

Andrea Crosta, 50, lebt mit seinem Hund in Kalifornien. Meistens ist er in der Welt unterwegs. Jede Frau an s­ einer Seite wäre gefährdet. Darum bleibt er lieber Single.

Das erste Mal habe ich vom Vaquita vor ungefähr vier Jahren gehört. Der Vaquita, der Name be­ deutet „kleine Kuh“, ist ein ungefähr eineinhalb Meter langer Wal, der sich nur in der Paarungs­ zeit vor der Küste Mexikos aufhält. Davor und ­danach sind diese Säugetiere eher Einzelgänger. Vom Vaquita gibt es derzeit geschätzt nur noch etwa dreißig lebende Exemplare. Ich vermute, es werden i­ nzwischen leider noch weniger sein. THE RED BULLETIN


Das Opfer

Ein Vaquita im Netz mexikanischer Fischer. Er landet da als Beifang. Eigentlich gilt die Jagd den Totoabas. Die Schwimmblase dieser Fische ist in China ein Vermögen wert.

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Die Ortung

Die Mitarbeiter der „Sea of Shadows“ starren nachts stundenlang auf die Sonare ihrer Überwachungsinstrumente. Und ganz plötzlich erkennen sie ein Fischerboot.

„Nachdem ich mich in die Sache eingelesen hatte, wurde mir schnell bewusst, wie gefährdet der Vaquita ist und wie  schnell seine Ausrottung vonstatten geht.“

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Der Vaquita hat ein Problem: In seinem Lebens­ raum gibt es auch Schwärme von Totoabas. In China gilt die Blase dieses Fisches als Wunder­ medizin: Schwangere nehmen sie, um Fehlgebur­ ten zu vermeiden. Außerdem soll sie schöne Haut machen und natürlich auch die männliche Potenz steigern. Die Wirkung ist natürlich nie wissen­ schaftlich bewiesen worden, doch g ­ egen so einen traditionellen Glauben ist schwer anzukommen. Totoabas fängt man mit sogenannten Kiemen­ netzen, die am Meeresgrund ausgelegt werden. Die Vaquitas verfangen sich darin und ersticken. Zuerst hat mich das Thema wenig interessiert, es hörte sich wie ein simples Problem der Über­ fischung durch sehr arme Fischer an. Zudem musste ich auch eine Arbeit über die Dezimierung von Nashörnern in Afrika beenden. Danach aber, nachdem ich mich in die Sache eingelesen hatte, wurde mir schnell bewusst, wie g ­ efährdet der ­Vaquita ist und wie schnell seine Ausrottung ­vonstatten geht. Er hat vielleicht nur noch diese Fangsaison, die im Herbst 2019 beginnt, bis er eventuell ganz aus der Tierwelt verschwindet. Wir begannen also 2016 dort zu recherchieren, wo die getrockneten Totoaba-Blasen verkauft werden: in China. Unser asiatisches Team gab sich als reiche Geschäftsleute aus, die in der ­südlichen Provinz Guangdong Handel treiben. Guangzhou, die Hauptstadt Guangdongs, liegt am Meer und ist ein Handelszentrum für Fische und Krustentiere. Wohlgemerkt: Wir präsentierten uns als seriöse Händler, die mit legalen Waren handeln. Die Frage nach den Totoaba-Blasen ­stellten wir erst, als wir in der dortigen Geschäfts­ welt etabliert waren. THE RED BULLETIN


Die Piraten

Mexikanische Fischer beim Einholen ihrer Netze. Sie sind das wichtigste und dennoch ärmste Glied der Kette. Mitleid für sie muss man trotzdem keines aufbringen.

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Der Angriff

Die Artenschützer der „Sea of Shadows“ ­versuchen, die illegalen Fischer von den Netzen wegzubringen.

So eine Recherche ist ein gewaltiger Aufwand, der auch finanziert werden muss. Unser asiatisches Team musste sehr wohlhabend erscheinen. Das bedeutet, dass sie gute Anzüge trugen, große ­Autos fuhren, in den besten Hotels wohnten und auch ein Spesenbudget für Einladungen hatten. Da ging eine Menge Geld drauf, das bei einem Scheitern beim Fenster rausgeschmissen gewesen wäre. Und dann brauchst du auch noch viel Geduld, bis dir die Leute vertrauen, bis sie dir auch rare, illegale Waren anbieten. Wir fuhren mehrmals über Wochen in die Region, bis wir das erste Mal eine getrocknete Totoaba-Blase gezeigt be­ kamen. Unsere Leute filmten dieses Treffen mit Kameras, die in Aktenkoffern oder auch in der Kleidung versteckt waren. Jetzt wussten wir, wie das Ding aussah – nicht sehr spektakulär. Die Totoaba-Blase, das ist die Groteske an dieser Geschichte, wird in China kaum mehr für den Verzehr gehandelt, sondern gilt in Geschäfts­kreisen als exklusives Geschenk, um Geschäfte anzu­ bahnen. Ein Geschenk, das man dann wieder jemand anderem, einem anderen Geschäftspartner, schenkt. Weil die Blase so selten ist, kostet sie, in Gramm gemessen, inzwischen doppelt so viel wie Gold. Man kann sich also gut vorstellen, ­welche finanzielle Dimension dieser Handel hat. 68

„Auch in China ist der Handel und der Verzehr der TotoabaBlase streng verboten. Die chinesischen Behörden halten sich für gewöhnlich an die Artenschutzabkommen.“

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Auch in China ist der Handel und der Verzehr der Totoaba-Blase streng verboten. Die chinesischen Behörden halten sich für gewöhnlich an die ­Artenschutzabkommen. Und um Zweifeln zuvorzukommen: Die chinesische Polizei geht, wenn sie Information bekommt, auch mit Härte vor. Nachdem wir mit unserem Material nach Kali­ fornien zurückgekehrt waren, ging es an das Auswerten unserer Informationen. Man muss sich das wie reguläre Polizeiarbeit vorstellen: Drei Mitarbeiter, erfahrene Auswerter von Datenmaterial aller Art, sehen sich teils in Nachtschichten die stundenlangen Aufnahmen an und entdecken ­dabei Relevantes, das sie zusammenfassen. Bei mir zu Hause gab es während der Recherchen eine eigene, meterlange Wand, auf der wir die einzelnen Menschen und Orte in Zusammenhang brachten. Ganz genau so, wie man es aus Krimi­ serien kennt: Fotos hinhängen, Dokumente hinhängen und mit dem Filzstift Verbindungen ziehen. Wenn du dann drei Schritte zurücktrittst und die Wand betrachtest, kannst du das ganze Bild, die ganze Dimension des Verbrechens wahrnehmen. Mir war nun auch klar, dass dieses Projekt in eine größere Dimension eintreten musste. Ich hatte zwar schon einen Financier gewonnen, der uns die Reisen und die Recherchen in China bezahlt hatte, doch das Thema Vaquita zeigte nun doch mehr journalistische Substanz, als ich mir am ­Anfang erwartet hatte. Ich sah die Möglichkeit, das Thema breiter zu spielen. 70

„Es ist wahrscheinlich so, dass ab Oktober wieder Fischerboote illegal Jagd auf Totoabas machen. Und es kann sein, dass wir im Winter feststellen, dass mittlerweile sämtliche Vaquitas ums Leben ­gekommen sind.“ Da sind die Händler in Guandong, die die ge­ trockneten Totoaba-Blasen an eine kleine, aus­ gesuchte Klientel verkaufen. Da sind die Händler in Mexiko, meist eingebürgerte Chinesen, die die Blasen von Mexiko weg quer durch die Welt schicken, damit sie ja nicht auf direktem Weg nach China kommen, weil das auffallen würde. Da sind die Männer von den mexikanischen Kartellen, die die Blasen von den Fischern zu den ­mexikanischen Chinesen fahren. Und da sind die Fischer, die Totoabas und Vaquitas illegal fangen. Ich wusste: In einem Film könnte man den Ablauf und das Bild dieses kriminellen Handels gut sichtbar machen, eines Handels, der beispielhaft für so vieles steht, was im Artenschutz falsch läuft. Also rief ich Richard Ladkani an, den österreichischen Regisseur, mit dem gemeinsam ich 2016 den Film „Das Elfenbein-Komplott“ gedreht hatte – über den Elfenbein­handel in China und Hongkong. THE RED BULLETIN


Die Flucht

Nach der harten und auch gewalttätigen Konfrontation suchen die Fischer ihr Heil in der Flucht.

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„Ich wusste: In einem Film könnte man den Ablauf und das Bild dieses kriminellen Handels gut sichtbar machen, eines Handels, der beispielhaft für so vieles steht, was im Artenschutz falsch läuft.“ 72

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Die Befreiung

Den Mitarbeitern auf der „Sea of Shadows“ gelingt es, einen illegal gefangenen Totoaba zu befreien und wieder im Meer auszusetzen. Für einen Vaquita käme da jede Hilfe zu spät, weil er im Fischernetz längst erstickt wäre.

Richard war zuerst nicht wirklich Feuer und Flamme – so wie ich es bei dem Thema anfangs ja auch nicht gewesen war. Elfenbein, das war ein wirklich großes Thema, Elefanten kennt die ganze Welt. Aber ein kleiner Wal, von dem es wahrscheinlich nur mehr dreißig Exemplare gibt? Richard dachte wohl: Ist das Stoff genug für einen langen Film, für eine Dokumentation, die im Kino oder auf Streamingkanälen laufen soll? Doch dann kam Leo, Leonardo DiCaprio, der auch das „Elfenbein-Komplott“ mitproduziert hatte. Leo sagte, das ist ein Film, den man machen muss. Und dass er uns unterstützen würde. Und nach Leo kam Terra Mater, die Produktionsfirma des „Elfenbein-Komplotts“, und sagte uns zu, den Film zu finanzieren. Jetzt war das alte Team wieder beisammen. THE RED BULLETIN

Ich muss dazwischen kurz erzählen, wie ich auf die Idee kam, meinen kleinen Geheimdienst zu gründen. Bevor ich nach Kalifornien ging, hatte ich eine Sicherheitsfirma in Afrika. Ich habe Leute beschützt, die in verschiedenen Teilen Afrikas, meist in Kenia, gelebt und gearbeitet haben. Das war eine Tätigkeit, bei der du das Gefühl für Gefahr bekommst, denn es gibt dort Situationen, die es in Europa nicht gibt. Und dann habe ich jahrelang in aller Welt Sicherheits- und Über­ wachungstechniken entwickelt, die auch im Kampf gegen den Terrorismus eingesetzt wurden. Um den Ball rund zu machen: Bei meiner Arbeit in Afrika habe ich erfahren, dass sich die islamistische Terrororganisation Al-Shabaab über den ­Elfenbeinhandel finanziert. Das habe ich dann gründlich recherchiert und meine Recherchen mithilfe von Politikern wie US-Außenminister John Kerry publik gemacht. Meine Initiative hat dazu geführt, dass diese Geschäfte danach großteils verhindert wurden. Ich nehme an, ein paar hundert Elefanten verdanken mir damit ihr Leben.   73


Die Händler

Nach dem Al-Shabaab-Fall habe ich mir andere Themen im Artenschutz gesucht, wo Tierarten ebenfalls von kriminellen Geschäftemachern bedroht werden. Und weil ich mich bei den ganzen Geheimdienstsachen auskenne, habe ich mein Wissen in die Organisation mit eingebracht. So ist Earth League International heute die wohl einzige NGO, die mit geheimdienstlichen Methoden professionell ermittelt. Aber zurück zum Vaquita und zum Film. Als ­Richard mit seinem Filmteam in Mexiko ankam, war klar, dass wir nun sichtbar sind. Bei allen ­Recherchen davor waren wir ja quasi Gespenster, aber beim Drehen eines Films ist jede Menge ­Ausrüstung mit dabei, da ist es mit der Under­ cover-Arbeit vorbei. In Mexico City holten wir den ­Investigativ-Journalisten Carlos Loret de Mola mit ins Team, der eine eigene Fernsehsendung hat. Loret de Mola sieht gut aus und kann Geschichten gut erzählen: Er ist der ideale Mann, um Fälle wie den des Vaquita an die Öffentlichkeit zu bringen. 74

Die Mitglieder der mexikanischen Kartelle sind nicht gerade zimperlich. Der hier Abgebildete ist für mehrere Morde verantwortlich.

Die Dreharbeiten und auch die Recherchen in ­Mexiko gestalteten sich um einiges schwieriger als in China. Damit hatten wir auch gerechnet, denn gerade in den Kartellen sind keine Typen, die vor Gewalt zurückschrecken – ganz im Gegenteil. Natürlich hatten wir Personenschutz, trotzdem gab es eine Situation, die richtig bedrohlich wurde, nämlich als aufgebrachte Fischer uns mit Steinen und Gegenständen bewarfen. Ein faustgroßer Stein flog nur wenige Zentimeter an meinem Kopf vorbei. Wenn so etwas passiert, muss man ruhig bleiben und sich in Sicherheit bringen. Das Einzige, was zählt: weg von hier. THE RED BULLETIN


Der Markt

Getrocknete Totoaba-Blasen auf dem chinesischen Schwarzmarkt. Für ein Gramm Totoaba-Blase wird inzwischen doppelt so viel bezahlt wie für ein Gramm Gold.

Der Film ist jetzt seit einigen Monaten fertig und macht seine Runde durch die Welt. Wir haben ­getan, was wir konnten, die bedrohliche Situation des Vaquita einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Leider, das muss ich sagen, bin ich nicht sehr zuversichtlich, dass das Fischen jetzt eingestellt wird. Was uns aber gelungen ist: Die Behörden in China haben die Handelswege für Totoaba-Blasen unterbunden. Es ist ja auch eine Taktik, dafür zu sorgen, dass es eine gewisse Zeitlang keinen Nachschub an Blasen gibt, denn dann gerät das Produkt und irgendwann auch seine Legende in Vergessenheit, und die Blase wird wertlos. Das wäre dem Wal echt zu wünschen. Aber wahrscheinlich wird es so sein , dass ab ­Oktober wieder Fischerboote rausfahren und illegal Jagd auf Totoabas machen. Und es kann sein, dass wir im Winter feststellen, dass die letzten sich im Pazifik vor Mexiko paarenden Vaquitas ums ­Leben gekommen sind. Dann wäre dieses Kapitel in der Geschichte der Evolution geschlossen und die Menschheit um eine weitere Art ärmer. THE RED BULLETIN

„Sea of Shadows“: der Film Mit Unterstützung von Leonardo DiCaprio und im Auftrag der Terra-Mater-Filmproduktion entstand unter der Regie von ­Richard Ladkani ein mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilm, der derzeit in Kinos in ganz Europa zu sehen ist. Infos unter: terramater.at/cinema/sea-of-shadows

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REISEN

Schotter, Speed, Staub: wo du den Profis bei der Rallye Australien am nächsten kommst und wie du selbst die rauen Pisten meisterst. SEITE 78

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Reisen

Wegen eines Beinah-Crashs mit einem verirrten Traktor verlor Andreas Mikkelsen 2018 in Australien viel Zeit.

WRC-FINALE

IN DEN SPUREN DER SCHOTTER-PROFIS Australien ist das Mekka für Rallye-Fans. Und für Fahrer, die selbst gern Schottersteine spritzen lassen. Redakteur Florian Obkircher sucht nach der perfekten Offroad-Piste.

V

ogelgezwitscher, Insektensummen, Wind in den Bäumen. Perfekte Morgenruhe. Entlang der Rhones Creek Road, eines Schotterwegs, der sich durch die saftig grünen Hänge zieht, lauert ein Dutzend Frühaufsteher auf Campingstühlen. Als in der

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Ferne ein dumpfes Grollen hörbar wird, springen sie auf. Sie rennen zur Straße, bringen sich mit Fotoapparaten und Smartphones in Stellung. Das Grollen wird lauter, schwillt zum Knurren an. Ein Auto schießt zwischen den Bäumen aus der Kurve. 160 Sachen,

Florian Obkircher im Cockpit von Rallye-Profi Brendan Reeves

THE RED BULLETIN


guide

REISE-TIPPS

SO SCHMECKT DER STAUB

325 Kilometer legen die Fahrer in 25 Etappen und vier Tagen zurück: wo du die besten Fotos schießt und wie du dich auf die Rallye einstimmst.

Australien Eastern Dorrigo Way: die perfekte Schotterstraße für Rallye-Amateure

Coffs Harbour Canberra

Sydney

Die Rallye findet im australischen Frühling statt, was im Normalfall warme, sonnige Tage (mit ca. 25 °C) mit kühleren, aber milden Abenden bedeutet.

AUSSICHT Die besten Orte entlang der Strecke, um die Autos möglichst nahe zu erleben:

THOMAS WIELECKI

Staub zu Staub: Schals gehören zur Grundausstattung australischer Rallye-Fans.

380 PS. Kieselsteine fliegen durch die Luft. Der Wagen driftet auf die Gerade. Schrecksekunde: Geht sich das aus? Mäht der mit dem Heck den Pfeiler nieder? Ufff! ­Gerade noch gut gegangen. Dann: alles braun. Staub in den Augen, in der Nase, im Mund. Die dichte Wolke, die Thierry Neuville im Hyundai i20 Coupé WRC aufwirbelt, hält sich zehn Sekunden. Als sie sich auflöst, ist der belgische Rallye-Fahrer längst hinter dem nächsten Hügel verschwunden. Die Rallye Australien im ­November ist ein echtes Highlight im WRC-Kalender. Hier wird der neue Champion gekrönt (es ist das letzte Rennen der Saison), die ­Kulisse um die ostaustralische

THE RED BULLETIN

„Untersuche immer erst das Gestrüpp, die Schlangen hier sind nicht ohne!“ ­ afenstadt Coffs Harbour ist so H grandios wie gefährlich (ToyotaFahrer Kris Meeke: „Bei der Pinkel­ pause untersuche ich immer erst das Gestrüpp, die Schlangen hier sind nicht ohne!“), die Schotterpisten führen durch Regenwälder und das Outback – und zählen zu den schnellsten der Welt. Die Rallye-Profis hier aus allernächster Nähe über unbefestigte

FLOODED GUMS Tief im Wedding-Bells-Wald versteckt, erlebt man die Autos hier mit Höchstgeschwindigkeit. SIMPSONS RIDGE Hier preschen die Autos gleich zweimal vorbei. Wegen der Snack-Buden und Mobilklos perfekt für Rallye-Fan-Familien. BLUEBERRY POINT Zwei Aussichtspunkte an einem Ort: wenn die Autos rauf auf den Hügel und runter zum Bach donnern.

EINBLICK Wie sich WRC-Fans in Coffs Harbour auf die Rallye eingrooven: AUSTRALIAN RALLY MUSEUM Eine mobile Ausstellung, die Memorabilien aus sechzig Jahren Rallye Australien präsentiert, ausgewählt von Gründer und wandelndem Rallye-Lexikon Trevor Shelton. RALEIGH INTERNATIONAL RACEWAY Bei der Rallye Australien wird der 15 Minuten südlich von Coffs Harbour gelegene Kurs von den Profis befahren. ­Davor kann man ihn für Drifting-Sessions etc. mieten.

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Reisen

guide

ANSCHNALLEN, BITTE!

WECKE DEN RENNFAHRER IN DIR

Lust bekommen, dein Gefährt abseits der ­öffentlichen Straßen zu nutzen? Hier ­erfährst du, wie du es zum Driften bringst und es in einen Rennwagen verwandelst.

DRIFTING LEICHT GEMACHT SO NIMMST DU JEDE KURVE WIE EIN RALLYE-PROFI:

Die Aussies sind entzückt: Hayden Paddon aus Neuseeland landete 2018 auf Platz 2.

1 1 Lenke mit einem d ­ ezenten Gasstoß sanft in die Kurve und bring das Heck in Schwung.

3 Jetzt mit dem Gas lenken. Aber Vorsicht: Zu viel Gas, und das Heck bricht zu weit aus.

2 Schnell gegenlenken, ­runter vom Gas. Durch die ­Motorbremse wird das Heck so leicht, dass es ausbricht.

4 Reduziere nun das Gas, um das Heck wieder ­einzufangen, und lenke ­gefühlvoll zurück.

GIB GAS So machst du dich und dein Auto rennfit – drei Tipps vom australischen Hyundai-Entwicklerteam: 1. REIFEN Andrew Tuitahi: „Hobby-Rennfahrern empfehle ich Mischreifen bzw. Semi-Slicks. Bei nasser Fahrbahn schwierig, aber im Trockenen liefern sie eine Top-­ Performance und halten lange, ohne zu überhitzen.“ 2. BREMSBELÄGE Geoff Fear: „Besorg dir bessere Bremsbeläge, anstatt in neue Bremsen zu investieren. Ich empfehle den ­japanischen Hersteller Winmax. Was das Modell angeht: je höher der Temperaturbereich, desto besser.“ 3. WEITERBILDUNG Tim Rodgers: „Du willst eine neue Aufhängung? Schön, aber eine gute ist richtig teuer. Mein Tipp: Wirf dein Geld nicht für billige Upgrades aus dem Fenster. Bilde dich weiter, fahr bei einem Profi als Co-Pilot mit.“

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Straßen preschen zu sehen ist spektakulär: der Nervenkitzel, wenn die Autos auf dich zurasen; der Luftschwall, wenn sie zwei Meter an dir vorbeiblasen; die mannshohen Schlammwellen, wenn sie durch Pfützen donnern. Schauplätze direkt am Geschehen gibt’s viele (siehe vorige Seite), auch wenn nicht alle ganz leicht zu erreichen sind. Deshalb gilt: Wer auf Nummer sicher gehen will, bucht eine Spectator-Tour (z. B. via rallysportmag.com), Abenteuerlustige fragen sich bei den hilfsbereiten Locals durch. Was nach drei Tagen Zuschauen passiert: Du bist angefixt und willst selber. Die schlechte Nachricht? Die meisten der 25 Etappen sind unmittelbar nach der Rallye gesperrt. Die gute Nachricht: Eine Dreiviertelstunde westlich von Coffs Harbour gibt’s ein zwölf Kilo­ meter langes Stück Schotterpiste, auf dem du deine Rallye-Tauglichkeit testen kannst. 2011 war die bergige Regenwaldpiste zwischen Eastern Dorrigo Way und Coramba Road Teil der vierten Rallye-Aus­ tralien-Etappe, die der Norweger Petter Solberg im Citroën damals für sich entschied. Der Geheimtipp stammt von ­einem, der es wissen muss: Philip

Rodgers, einst Asia-Pacific-RallyTeilnehmer und heute Suspension-­ Tuning-Experte beim HyundaiTeam. „Schotterfahren gehört in Australien zum Alltag, 58 Prozent unserer Straßen sind nicht asphaltiert“, sagt er. „Es ist wie beim Skifahren: Richtig Spaß macht’s erst, wenn dich etwas ­rutschen und treiben lässt – ohne dabei die Kontrolle zu verlieren.“ Wesentlich ist es, den Belag abzuschätzen (rote Erde heißt: extra rutschig) und genug Weitblick zu haben (größte Gefahren: Schlaglöcher, große Steine – und Kängurus). Der Trick, mit dem die Profis auf solchen Pisten Zeit aufholen? Sie machen das Auto instabil und bringen das Heck zum Rutschen. Damit die Nase des Autos auf die Gerade zeigt, schon bevor die Kurve zu Ende ist. So können sie so früh wie möglich wieder Gas geben. Doch das sollte für Amateure kein Ansporn sein, warnt Rodgers. „Rallye-Fahrer haben auf öffentlichen Straßen nichts verloren. Aber das Stück ist die perfekte Möglichkeit, um den Spaß, den ein Rallye-Profi auf Schotter hat, selbst zu spüren.“ Rallye Australien, 14.  – 17.  November, Coffs Harbour, New South Wales, ­Tickets auf: rallyaustralia.com.au

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THOMAS WIELECKI

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O LYM P FA C H H Ä N D LE R 1010 Wien Peek & Cloppenburg 1060 Wien Kleider Bauer 1070 Wien Peek & Cloppenburg 1140 Wien Kleider Bauer 1160 Wien Kleider Bauer 1200 Wien Tom’s Männermode 1210 Wien Kleider Bauer 1220 Wien Kleider Bauer • Peek & Cloppenburg 1300 Wien-Schwechat OLYMP Shop Flughafen 2020 Hollabrunn Modehaus Schneider 2130 Mistelbach Kleider Bauer 2201 Gerasdorf Peek & Cloppenburg 2334 Vösendorf Kleider Bauer • Peek & Cloppenburg 2700 Wiener Neustadt Kleider Bauer 2752 Wöllersdorf Modehaus Sorelle Ramonda 3100 St. Pölten Kleider Bauer 3107 St. Pölten Kleider Bauer 3240 Mank Kaufhaus Anderle 3250 Wieselburg Steinecker Moden 3263 Randegg Steinecker Moden 3300 Amstetten Steinecker Moden 3331 Kematen a. d. Ybbs Trend Moden 3340 Waidhofen a. d. Ybbs Herrenmode Pöchhacker 3485 Grunddorf Fest- u. Modewelt Pichler 3500 Krems Kleider Bauer • Steinecker Moden 3580 Frauenhofen/EKZ Horn Modehaus Zach 3910 Zwettl Steinecker Moden 3950 Gmünd Shopping Center Ruzicka 4020 Linz Kleider Bauer • Peek & Cloppenburg 4053 Haid OLYMP Store Haid Center 4066 Linz-Pasching Peek & Cloppenburg 4070 Eferding Modehaus Stöcker 4150 Rohrbach Fussl Modestraße 4240 Freistadt Fussl Modestraße • Kolm-Moden 4300 St. Valentin Modehaus Kutsam 4311 Schwertberg Modehaus Kutsam 4320 Perg Kolm-Moden 4400 Steyr Kleider Bauer 4400 Steyr/EKZ Hey Steinecker Moden 4470 Enns Damen- u. Herrenmode Schmid 4522 Sierning Modehaus Kutsam 4540 Bad Hall Modehaus Kutsam 4560 Kirchdorf a. d. Krems Modehaus Kutsam 4600 Wels Kleider Bauer 4810 Gmunden Herrenmode Schönleitner 4840 Vöcklabruck Kastner & Öhler 4910 Ried i. Innkreis Fussl Modestraße • Kastner & Öhler 5020 Salzburg Kleider Bauer • OLYMP Store Europark 5020 Salzburg-Klessheim Peek & Cloppenburg 5021 Salzburg Kleider Bauer 5280 Braunau/Inn Atelier Milano 5600 St. Johann i. Pg. Fussl Modestraße 5760 Saalfelden Textilhaus Peter Lederer 6010 Innsbruck Kleider Bauer 6020 Innsbruck Herrenmoden Peter Salchner • Kleider Bauer Kleider Mair • Peek & Cloppenburg 6060 Hall i. Tirol Mode von Feucht 6130 Schwaz Mode von Feucht 6176 Völs Kleider Bauer 6263 Fügen Elviro 6300 Wörgl Fussl Modestraße • Mode von Feucht 6380 St. Johann i. Tirol Fussl Modestraße 6330 Kufstein Mode von Feucht 6706 Bürs Facona Fashion 6830 Rankweil Facona Fashion 6850 Dornbirn Facona Fashion • Kleider Bauer • Peek & Cloppenburg 6912 Hörbranz Facona Fashion 7350 Oberpullendorf Csitkovics Modehaus 7400 Oberwart Kastner & Öhler • Top Moden Balaskovics 7551 Stegersbach Pop-Shop 8010 Graz Kappaun Man 8020 Graz Kastner & Öhler 8025 Graz Kleider Bauer 8041 Graz-Murpark Kastner & Öhler 8054 Graz-Webling Modehaus Sorelle Ramonda 8055 Seiersberg Kleider Bauer • OLYMP Store Shoppingcity Peek & Cloppenburg 8200 Gleisdorf Fussl Modestraße 8230 Hartberg Modehaus Roth 8280 Fürstenfeld Kastner & Öhler 8330 Feldbach Modehaus Goldmann • Modehaus Roth 8342 Gnas Modehaus Goldmann 8430 Gralla-Kaufpark Kappaun Man 8430 Leibnitz Modehaus Roth 8490 Bad Radkersburg Herrenboutique Gollmann 8535 Fohnsdorf Kastner & Öhler 8582 Bärnbach/Rosental Kastner & Öhler 8600 Bruck a. d. Mur Kleider Bauer 8642 Kapfenberg/St. Lorenzen Kastner & Öhler 8700 Leoben-LCS Kastner & Öhler 8940 Liezen Kastner & Öhler 9020 Klagenfurt Kleider Bauer • Peek & Cloppenburg 9400 Wolfsberg Kastner & Öhler 9500 Villach Kastner & Öhler • Kleider Bauer 9800 Spittal a. d. Drau Kastner & Öhler 9900 Lienz Fussl Modestraße OLYMP GROSSE GRÖSSEN 1060 Wien Hirmer

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Gaming

guide

tisch visualisieren.“ Um 3D-Modelle von Molekülen für Proteine und DNA anzufertigen, nützt er die „Minecraft“-Mod Mol­ Craft. „Man kann sogar um die Moleküle herumfliegen.“

Mixt Game und Realität: die AR‑Version „Minecraft Earth“

LERN-BLÖCKE

BAUSTEINE DES LEBENS Zu alt fürs virtuelle Lego-Spielen? Unsinn. „Minecraft“ kann dir helfen, die Welt besser zu verstehen und smarter zu gestalten.

M EXPERTENPROFIL MARK LORCH

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MATT RAY

„MINECRAFT“-­ PROFESSOR Der Biochemiker, Schriftsteller und Professor für Wissenschaftskommunikation lehrt an der University of Hull und hat Microsoft bei der Entwicklung einer „Minecraft“-Mod ­beraten. In seinen Vorlesungen verwendet er „Minecraft“ für den Bau anschau­ licher 3D-Modelle von Molekülen.

THE RED BULLETIN

it 176 Millionen ab­ gesetzten Einheiten ist „Minecraft“ das meist­ verkaufte Game der Welt – den reduzierten Grafiken und dem scheinbar simplen Gameplay zum Trotz. Irgendetwas daran scheint uns tief drinnen zu ­berühren, wenn wir pixelige Bäume fällen, Häuser bauen und Zombies jagen. Inzwischen gibt es sogar eine eigene Aug­ mented-Reality-(AR-)Version des Spiels: „Minecraft Earth“. Dabei ist die würfelförmige „Minecraft“-Welt längst mit unserer realen verschmolzen. Man kann mit „Minecraft“ Kryptowährungen schürfen oder – wie in der Google-Mod qCraft – komplizierte Vor­ gänge der Quantenphysik ver­ anschaulichen. „Das Potenzial des Spiels ist noch lange nicht ausgeschöpft“, sagt der „Mine­ craft“-Experte Professor Mark Lorch.  minecraft.net/earth

WELT VERBESSERN Wie effektiv „Minecraft“ demokratische Prozesse unterstützen kann, beweist die von den Vereinten Nationen ­geförderte Block by Block Foundation (blockbyblock.­org). In Workshops widmen sich Anrainer einem „Mine­ craft“-Modell ihres Viertels und suchen gemeinsam nach Verbesserungen – vom beleuchteten Heimweg bis zum ersten Skatepark im Kosovo. „Eine ­anschauliche 3D-‚Mine­ craft‘-Simulation hilft den Leuten dabei, sich voll auf

ein Problem einzulassen und konstruktiv zu ko­ operieren“, sagt Lorch. ­„Unterschiede in Bildung und technologischem Wissen spielen keine Rolle mehr, man kann risikofrei experimentieren.“ GENAU HINSEHEN Als Vortragender hält der gelernte Biochemiker Lorch seine Uni-Tutorials auf einem „Minecraft“Server ab. „Das Tolle an ‚Minecraft‘ ist seine Wandelbarkeit“, sagt Lorch, „Vor allem 3D-Strukturen lassen sich damit fantas-

„Minecraft Earth“ spielt dir die virtuellen ­Bauwerke anderer direkt aufs Smartphone.

TIEFER GRABEN Du fühlst dich als „Mine­ craft“-Profi, weil du eine mit Aufzug ausgestattete Pyramide gebaut hast? Nett. Die British Geological Society hat eine topografische „Minecraft“-Karte von Großbritannien angelegt – inklusive aller unterirdischen Gesteinsschichten. Wer möchte, kann sich dort von jedem be­ liebigen Punkt nach unten wühlen. „So bekommt ­jeder unkompliziert Zugang zu Wissen, das bisher ­wenigen vorbehalten war.“ KÜNSTLICHE INTELLIGENZ TRAINIEREN Experimente mit künst­ licher Intelligenz (KI) können ganz schön ins Geld gehen, wenn der neue ­Roboter im Testlauf gleich mal in den erstbesten Teich fällt. „Darum setzt Microsoft auf das Project Malmo“, sagt Lorch, „eine Plattform, die auf ‚Minecraft‘ aufbaut.“ Hier kann eine KI in sicherer Um­ gebung beobachten, wie Menschen Probleme lösen und welche Regeln dabei einzuhalten sind. Das ­Gelernte wird sie dann später in der realen Welt selbst umsetzen. OBJEKTE HERSTELLEN „Die Grenze zwischen ­‚Minecraft‘ und der realen Welt ist schon so durchlässig geworden, dass man virtuelle Objekte ganz einfach herüber­ holen kann“, sagt Lorch, „Dafür gibt es inzwischen spezielle Mods. Dort speichert man sein gebautes Objekt in einem Format ab, das 3D-Drucker lesen können.“ Lust auf auf­ wendigere Konstruktionen? „Dabei hilft ein CAD‑Programm (Computer-Aided Design; Anm.), das direkt mit ‚Minecraft‘ kommuniziert.“

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Food

DAS GEHEIME REZEPT FÜR …

DIE PERFEKTE FISCHKRUSTE Von Stuart Farrimond

F

ür butterzarten Fisch lohnt es sich (fast) zu sterben. Leider gelingt unsereinem Restaurantqualität nur selten. Der Fisch wird zu gar oder zu trocken oder schmeckt fad. Das muss nicht sein: Wer den delikaten Balanceakt beherrscht und den Wettlauf gegen die Zeit gewinnt, holt ein goldbraun-knuspriges Meisterstück aus der Pfanne. Der erste Schritt: Schnuppere an deinem Fisch, bevor du ihn in die Nähe der Herdplatte lässt. Ein frischer Süßwasserfang – Forelle etwa – riecht „grün“, ein bisschen wie gehäckselte Blätter. Meeresfisch wiederum ­duftet nach Brandung – genau wie die zuvor vom Fisch verspeisten Algen. „Fischiger“ Geruch hingegen ist ein Alarmzeichen. Den Gestank ver­antworten Bakterien, die sich ins Fleisch gefressen haben. Frischen Fisch lagerst du übrigens am besten ganz hinten im Kühlschrank.

DR. STUART FARRIMOND Der Mediziner schreibt Bücher, moderiert und hält Vorträge über Lebensmittelchemie. Er ist Autor von „Kochen in Perfektion“ (Verlag Dorling Kindersley) und häufig zu Gast im britischen TV und Radio.

Jetzt geht’s ans Braten: Herd einschalten, Pfanne drauf und den Prozess der sogenannten Maillard-Reaktion einleiten. Die knusprige Fischkruste entsteht durch eine biochemische Reaktion: Bei eiweißhaltigen Lebensmitteln verbinden sich ab 140 °C an der Oberfläche Aminosäuren und ­Zucker. Die gleiche Reaktion passiert z. B. auch bei gebackenem Brot. Der Trick gelingt aber nur, wenn die Haut des Fisches gut abgetrocknet ist, sonst wird sie beim Braten nicht heißer als 100 °C. Doch der Siedepunkt ist für die gewünschte Reaktion nicht genug: Die Pfanne muss richtig heiß sein, bevor der Fisch hineinkommt, damit die in der Haut eingeschlossene Flüssigkeit sofort wegbrutzelt. Jetzt beginnt das Rennen: Du musst die gesamte Haut auf mindestens 140 °C erhitzen, bevor der restliche Fisch durchgebraten ist. Wenn die Temperatur der Oberfläche auf über 180 °C ansteigt, brennt der Fisch an – ein Prozess, den die Chemiker Pyrolyse nennen. Wenn du das Gefühl hast, dass der Fisch kleben bleibt, musst du die Temperatur reduzieren. Taste dich mit einem Pfannenwender an die feine Linie zwischen fettigem, schwabbeligem Etwas und scharf gebratener Kruste heran. Die Belohnung ist Gold wert.

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Geschirrspülen ist eine gute Garmethode für gedämpften Fisch. So geht’s: Lege den fest in Alufolie gewickelten, marinierten Fisch ins obere Fach der Geschirrspülmaschine und lass das StandardProgramm durchlaufen. Für einen großen Fisch ­reichen zwei Stunden bei 70 °C – also das Programm für stark verschmutzte Töpfe und Pfannen.


guide

DO & DON’T

Bevor die Fischhaut knusprig ­werden kann, muss die gesamte Feuchtigkeit verdampfen. Darum lohnt es sich, den Fisch vor dem Braten mehrmals trocken zu tupfen und zu salzen. Die Haut mit der ­Messerrückseite aufzurauen ­entzieht zusätzlich Flüssigkeit. Spezialtipp für saftige ­Filets und Lachs: Gönne dem Fisch ein zehn­­ minütiges Salzwasser­ bad (Formel: vier Ess­ löffel Salz auf einen Liter Wasser), damit das Fleisch beim ­Braten auch an den Rän­dern fest bleibt. Dieser Trick funk­tioniert sowohl bei weißen als auch bei ­öligen Fischen.

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OLIVIER KUGLER

Sobald das Öl zu rauchen beginnt, kannst du das gewürzte ­Fischfilet vorsichtig mit der Haut nach unten in die Pfanne ­legen. Es zischt nicht? Dann alles noch einmal herausnehmen und weiter aufheizen lassen. Wichtig: Drücke das Filet flach in die Pfanne, damit sich die Ränder wegen der sich zusammen­ ziehenden F­asern nicht aufwölben können. Dann: Hitze auf ­mittlere Stufe stellen und das Filet brutzeln lassen. Gib Öl dazu, wenn du das Gefühl hast, dass der Fisch festklebt oder anbrennt.

Dreh das Filet nicht zu früh um: Die Haut muss gründlich Wasser lassen, damit sie sich auf 140 °C erhitzen kann. Erst dann reagieren die Proteine und der Zucker auf der Hautoberfläche miteinander und bilden eine knusprige, goldbraune Haut voll mit Röstaromen. Sobald das Filet zu zwei D ­ ritteln gar ist, kannst du es vorsichtig und ohne die Haut zu ver­ letzen mit einem dünnen Pfannenwender aus Metall umdrehen. Jetzt nur noch ganz kurz auf der anderen Seite anbraten – dann servieren oder, im Fall eines mehr als 2,5 Zentimeter dicken Filets, noch einmal für sieben bis zehn Minuten bei 180 °C in den heißen Ofen geben.

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Im Gegensatz zu rotem Fleisch (z. B. Rindfleisch) muss Fisch nach dem Braten nicht rasten. Er hat eine andere Proteinzusammensetzung und kann ­sofort heiß serviert werden.

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Fitness

guide

ANTI-SCHWERKRAFT-LAUFBAND ALTER G

KNOW-HOW

LAUFTRAINING AUF DER MILCHSTRASSE

WELTRAUM­ TAUGLICH Fitnessgeräte, die von, mit und für ­Astronauten ­entwickelt wurden.

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ann ist der richtige Zeitpunkt, um mit der Reha zu beginnen? Wie belastbar ist der Körper bereits? Im Spitzensport kann ein falsches Timing schlimmstenfalls Titelträume platzen lassen. Fast immer müssen die Athleten nach einer Operation oder Verletzung zunächst aufs Laufband. Nun haben US-Entwickler den Trainings-Evergreen auf Weltraumniveau gepimpt – und mit Unterstützung der NASA ein Anti-Schwerkraft-Laufband entwickelt. Der Effekt: Dank Differenz-Luftdruck-Techno­ logie ist das eigene Körper­ gewicht um bis zu 80 Prozent reduzierbar. Die verringerte Schwerkraft senkt die Belastung für Knochen und Gelenke – und auch die Schmerzen. „Ich nutze das AlterG seit meinen Vorbereitungen auf Rio 2016

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„Mit diesem Laufband trainiere ich verletzungs-­ vorbeugend.“ Nicola Spirig, Olympia-­ siegerin im Triathlon

regelmäßig. Außerdem kann ich damit das Training nach Verletzungen viel früher wieder aufnehmen“, sagt die Schweizer Triathletin Nicola Spirig, die 2012 Olympiagold und bislang sechs EM-Titel holte. Auch NBA-Legenden wie Kobe Bryant und LeBron James schwör(t)en auf das Astronautenfeeling. Mit dem Weltall-Laufband können Sportler auch Verletzungen ­vorbeugen. Eine genaue Gang­ analyse und detaillierte Videoaufzeichnungen überlassen nichts dem Zufall. alterg.com

ADVANCED RESISTIVE EXERCISE DEVICE (ARED) Hantelübungen ohne Erdanziehungskraft? Klappt nicht. Das ARED generiert seinen eigenen Widerstand und umgeht so die Crux der Schwerelosigkeit. Es wurde erstmals 2008 an Bord der ISS verwendet.

MINIATURE EXERCISE DEVICE (MED-2) Auf demselben Prinzip basiert der MED-2. Sieht aus wie ein Staubsauger, lässt sich aber für Kniebeugen, Armund Bein­training oder für ein Ganzkörperworkout einsetzen. Weltraum­ premiere: 2016.

OYO DOUBLEFLEX PERSONAL GYM Die neu entwickelte Widerstandstechnologie (SpiraFlex) dieses Gadgets ist nicht zuletzt auch für die auf der Erde Weilenden interessant. Ganz ohne zusätzliche Gewichte simuliert es Widerstand – und ist deshalb hocheffektiv: oyofitness.com

THE RED BULLETIN

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Events

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bis 29. September Flitzer von morgen Formel-E-Boliden in Showruns auf der GrandPrix-Strecke in Action erleben, die neuesten E-Autos und E-Bikes (von Herstellern wie Audi, BMW und Jaguar) selber Probe fahren und sich von den wissenschaftlichen Vorträgen auf der The Red Bulletin Innovator Stage inspirieren ­lassen: Die E-Mobility Play Days sind der all­ jährliche Pflichttermin für alle, die sich für die Zukunft der Fortbewegung interessieren. Red Bull Ring, Spielberg; projekt-spielberg.com

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September Goodbye, Angie! Bevor Angela Merkel sich von der politischen Bühne verabschiedet, widmen ihr Maschek ein Spezialprogramm: Die beiden Satiriker (be­ kannt aus der ORF-Sendung „Willkommen Österreich“, in der sie News-Clips der Woche humorvoll neu vertonen) bezeichnen die deutsche Bundeskanzlerin als Fixstern und heimliche Heldin im Maschek-Universum – und kompilieren deshalb ein Best-of ihrer Merkel-Einlagen. Stadtsaal Wien, Wien; maschek.org

15 MIESEPETER MIT GROOVE

Die Rhythmusmaschine rumpelt, darüber eine drahtig-monotone Bassgitarre und ein Typ, der vor sich hin schimpft, als würde es seit Monaten regnen. Et voi­là, so klingen Sleaford Mods, ein britisches Duo, das von der Musikpresse als eine der wichtigsten Punk-Bands der Stunde gefeiert wird. Weil Jason Williamson (re., neben Kollege ­Andrew Robert Lindsay Fearn) mit seinem Sprechgesang das soziopolitische Klima auf der Insel so treffend einfängt wie sonst keiner. Arena, Wien; sleaford-mods.myshopify.com

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THE RED BULLETIN

MASCHEK.ORG , CHUFFMEDIA.COM, ROGER SARGENT, MARC SCHWARZ/RED BULL CONTENT POOL

Oktober


guide

14

September

LASS WAS SPRINGEN

Ein Pumptrack ist ein Rundkurs mit Kurven und Wellen – ideal für urbane Mountainbiker ohne Zugang zu Tracks in den Bergen. Und für ehrgeizige Rider (im Bild: Vanessa Kager in Mittersill), die bei der Red Bull Pump Track World Championship den Besten unter sich ermitteln wollen. Beim heimischen Qualifier kannst du mitfiebern – oder dein Talent am Bike selbst unter Beweis stellen. Bikepark, Leogang; redbullpumptrackworldchampionship.com

10

September Im Fokus: die Hand Gottes Seine Filmporträts über Ayrton Senna und Amy Winehouse ­haben Asif Kapadia einen Oscar ein­gebracht. Nun nimmt sich der britische Regisseur das ­bewegte Leben von Diego ­Maradona vor. Wieder gelingt es ihm auf einfühlsame Weise, die Person hinter der Profes­ sion greifbar zu machen. Votiv Kino, Wien; diegomaradona.movie

14

September Punk-Cabaret Neue Wege zu beschreiten – das lag Amanda Palmer schon immer. Vor 19 Jahren gründete sie die Dresden Dolls, ein Kunst-Punk-Duo, das den Chic der Berliner 1920er-Jahre in die Gegenwart holte. Nach dem Ende der Band 2008 machte sie sich als Schriftstellerin und TED-Sprecherin (Thema: Crowdfunding) einen Namen, nun kehrt die 43-Jährige mit ihrem dritten Album („There Will Be No Intermission“) auf die Rockbühne zurück. Konzerthaus, Wien; amandapalmer.net

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Oktober Die Urväter des Indie-Rock Was haben Nirvana, Radiohead und die Strokes gemeinsam? Sie alle wurden von derselben Band beeinflusst: den Pixies. Mit seinem leicht schiefen wie genialen Mix aus Surf-Rock, Pop-Melodien und Krach gastiert das Bostoner Quartett auf Comeback-Tour nun in Wien. Gasometer, Wien; pixiesmusic.com

THE RED BULLETIN PROMOTION

G-STAR RAW G-STAR RAW

Endlich ist es so weit! G-Star eröffnet im September seinen ersten Store im EUROPARK in Salzburg. Die Leidenschaft für Denim inspiriert das Team in Amsterdam immer wieder dazu, neue Maßstäbe in der Modewelt zu setzen. Das Ergebnis: unverwechselbare Designs mit Seele. Mit Max Verstappen hat G-Star unlängst eine eigene Kollektion an limitierten Styles herausgebracht, welche auch exklusiv im G-Star Store in Salzburg erhältlich sein wird. g-star.com


Entertainment

guide Heimvorteil: Shane McElrath (USA, li.) gewann im Vorjahr.

Old-School-Motorrad-Action im Westen der USA, ausdrucksstarke Tänzer in Paris und qualmende Reifen auf Irlands legendärer Renn­ strecke: Hier sind die Highlights von Red Bull TV in ­diesem Monat.

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Oktober   LIVE

RED BULL STRAIGHT RHYTHM

Für seine sechste Ausgabe kehrt das Retro-Motorrad-Rennen auf das Fairplex-Gelände in Pomona, östlich von Los Angeles, zurück. Das Besondere: Die Teilnehmer kämpfen mit ihren alten Zweitakt-Motorrädern Kopf an Kopf auf einem schnurgeraden Track um den Sieg. Das Best-of-Three-Rennformat gibt dabei jedem eine zweite Chance auf den Sieg.

12

Oktober   LIVE

RED BULL DANCE YOUR STYLE WORLD FINAL

SO SIEHST DU RED BULL TV ÜBERALL

Red Bull TV ist deine g ­ lobale digitale Destination für Entertainment abseits des Alltäglichen, empfangbar rund um die Uhr an jedem Ort der Welt. Geh auf redbull.tv, hol dir die App oder connecte dich via Smart-TV. Alle Infos: redbull.tv

100

Keine festgelegte Choreographie, stattdessen spontanes Reagieren auf Musik und Rhythmus: Nach mehr als 50 Events in 30 Ländern treffen sich die kreativsten Tänzer der Quali-Turniere nun in Paris zum Weltfinale.

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und 22. September   LIVE

DRIFT MASTERS IRLAND

Auf dem Mondello Park Circuit nahe Dublin, Irlands größter Motorsport-Strecke, steigt das Finale der Drift Masters European Championship 2019. Das Ziel der Fahrer aus Rest-Europa: die mittlerweile 16-jährige Siegesserie der Iren auf ihrer Heimstrecke zu beenden.

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WEGE ZUM RUHM


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DER VOLLELEKTRISCHE

JAGUAR I-PACE

Zeit für Veränderung. Zeit für einen Jaguar – gebaut in Österreich! Der erste Elektro-Jaguar besticht mit viel Platz, Sportwagen-Performance und aufsehenerregendem Design.

D

er I-PACE bietet dir genau den Fahrspaß, für den Jaguar ­bekannt ist. Denn dank der elektrischen Motoren und der nah­ezu perfekten Gewichtsverteilung fasziniert der I-PACE durch eine sportwagentypische Agilität. All diese Faktoren machen ihn offiziell zum besten Auto der Welt! Der Beweis? Der dreifache Sieg bei der 2019er-Wahl des World Car of the Year, des World Car Design of the Year und der World Green Car Awards.

LADEN: Bei Verwendung eines Gleichstrom-Schnellladegeräts mit 50 kW kann der I-PACE eine elektrische Reichweite von bis zu 270 Kilometern pro Stunde erreichen.¹

HEIMATWERK: Der I-PACE wird für die ganze Welt bei Magna Steyr in Graz gebaut, ist also ein Österreicher.

JAGUAR

PERFORMANCE: Die Beschleunigung auf 100 km/h erfolgt in gerade einmal 4,8 Sekunden.

Design der obersten Liga Fließende Übergänge, innere Ruhe und modernste Elemente machen den I-PACE zum Design-Meisterwerk. Mit seiner eleganten und aerodynamischen Bauweise macht er aus jedem Blickwinkel eine gute Figur. Auch der Innenraum überzeugt durch sein futuristisches Design. Nahtlos integrierte Technologien und das großzügige Raumangebot ermög­lichen höchsten Komfort. Ein Design-Highlight ist das Touch Pro Duo Infotainment-System: die zentrale Steuerung aller eingebauten Technologien. Emissionsfreie Power Der I-PACE ist ein vollelektrischer SUV, der während der Fahrt keine Emissionen ausstößt. Durch seine Hightech-Lithium-­ Ionen-­Batterie mit einer Speicherkapazität von 90 kWh kommt er auf eine elektrische Reichweite von bis zu 470 Kilometern.² Der Jaguar I-PACE ist ab € 79.710,– erhältlich. jaguar.at

¹ Die tatsächlichen Ladezeiten können je nach Umgebungsbedingungen und verfügbarer Ladestation variieren. ² WLTP (weltweit harmonisiertes Prüfverfahren für leichte Nutzfahrzeuge) ist das neue europäische Prüfverfahren für Kraftstoff- und Energieverbrauch, Reichweite und Emissionen bei Pkw, das 2017 eingeführt wurde. Es dient dazu, realistischere Verbrauchswerte zu liefern. Die Fahrzeuge werden dabei mit Sonderausstattung und einem anspruchsvolleren Fahrprofil unter schwierigeren Testbedingungen geprüft.


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Read Bull

Peter Keglevic

KING M

Peter Keglevic, 69

Der Salzburger arbeitete zunächst als Buchhändler, bevor er 1968 begann, Kurzgeschichten und Drehbücher zu schreiben. Er machte sich auch als TV‑Regisseur einen Namen – etwa mit der Verfilmung der Entführung des ­Industriellen Richard Oetker („Der Tanz mit dem Teufel“) oder der TV-Bio über den Schlagersänger Roy Black mit Christoph Waltz in der Hauptrolle („Du bist nicht allein“). Bücher: „Ich war Hitlers Trauzeuge“ (Knaus, 2017). Aktuell: „Wolfsegg“ (Penguin, 2019).

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eine erneute Unterbringung war mit Zahlen und Abkür­ zungen untermauert. BTMK zum Beispiel – Betäubungs­ mittelkonsument. GefKV. 91! Gefährliche Körperverletzung. Geistes­ kranker! Geisteskrank war ich bestimmt nicht! Ich hatte nur einen Zusammen­ bruch. Die Dexamphetamine waren mir ausgegangen, Morbus Hirschsprung quälte mich unsäglich – seit fünf Tagen konnte ich nicht kacken –, und die Apothekerin wollte mir nicht helfen. Ich hatte aber niemanden verletzt. Nicht wissentlich. Das hatte ich alles im Fragebogen be­ antwortet. Auch das hatte ich beantwortet: die Motivation für Ihr tägliches Tun? „Das interessiert mich jetzt. Musik ­bestimmt Leben und Tod. Gibt es da ein ­besonderes Erlebnis? Oder ist es ein lieb­ gewordenes Gefühl, das Sie nicht missen wollen?“ Es war das dritte Gespräch mit der Neuen. Die ersten beiden Male war es recht hölzern gewesen, mit Sätzen wie „Ge­ meinsam werden wir einen Weg finden“ oder „Schweigen ist in Ordnung, denn tie­ fes Schweigen gibt ein großes Geräusch“. Ich lag, meiner Gesprächspartnerin abgewandt, auf einer Liege und sah hin­ aus in den Anstaltspark. „Also … Herr …“ „King“, sagte ich, „King trifft es haar­ genau.“ Ich spürte, wie schwer es ihr fiel, mich so anzusprechen. Es klang ein wenig ver­

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THE

legen, aber nicht spöttisch. Ihre zwei männlichen Vorgänger hatten mich so höhnisch Miiister Kiing tituliert, dass ich die Zusammenarbeit mit ihnen ver­ weigerte. Mit Leuten, die mich nicht res­ pektieren, will ich nichts zu tun haben! „Herr King, wollen Sie mir nicht er­ zählen, an was Sie sich … was ist das Frü­ heste, an das Sie sich erinnern können?“ Ich schloss die Augen und ließ mich in mich hineinfallen. Es war ein schwarzrotes, sämiges Bild, das aus der Dunkel­ heit auftauchte und rhythmisch pumpte. Eine winzige Figur in der Ursuppe, wie ein Astronaut, der durchs Weltall schwebt. „Ich sehe mich als Embryo“, sagte ich. Tatsächlich, ich erkannte mich, wie ich in Mutters Bauch im Fruchtwasser von dumpfen Beats geschaukelt wurde. „Sagten Sie Embryo?“ „Ja“, sagte ich, „ich grinse und genieße es sehr.“ Alles, was ich über meine Mutter wuss­ te, basierte auf dürftigen Erinnerungen, Erzählungen, Hörensagen, und manchmal bastelte ich mir aus allem einen Lebens­ lauf. Jetzt zum Beispiel war mir die Ur­ sache des dumpfen Rhythmus, der mich so schweben und grinsen ließ, sofort er­ klärbar: Meine hochschwangere Mutter lehnte in einem Club an der Lautsprecher­ box und wippte zu der Musik der LiveBand. Meine Mutter war verrückt nach Musik. Und dass sie mich Johnny nannte, obwohl in meinem Taufschein Herbert steht, war ein Indiz dafür, dass sie Johnny Cash verehrte, oder Johnny Hallyday. Während ich gestillt wurde, trug meine Mutter dröhnende Kopfhörer. Auf meinem Kinderwagen plärrte immer ein großes Kofferradio, und mit zwei saß ich hinten in einem VW Käfer. Vorne saß Mama mit ihrem neuen Freund, sie redeten und ­redeten, aber ich verstand kein Wort, weil es aus den Lautsprechern hinter mir ohren­betäubend hämmerte. So hätte es von mir aus ewig weiter­ gehen können, aber dann kam der 16. ­August ’77, das große Open-Air-­ Konzert auf dem Nürburgring, und das besiegelte das Schicksal meiner Mutter. Und natürlich auch meins. „Sollen wir eine Pause machen?“, frag­ te die Stimme in meinem Rücken, als ich innehielt. „Wir müssen nichts erzwingen,

PETER KEGLEVIC

Hier schreiben namhafte Literatinnen und Literaten jeden Monat, was sie bewegt.


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Read Bull wir haben Zeit. Ein afrikanisches Sprich­ wort sagt: Geduld ist ein Baum mit bitteren Wurzeln, aber mit süßen Früchten.“ Also trieb ich die bitteren Wurzeln in die Vergangenheit. Ich durfte mit Mama und der WG-Clique zum Open-Air-Kon­ zert in der Eifel. Es regnete in Strömen. Gerade spielten die Rolling Stones „Satis­ faction“, als Mama in einer eruptiven Tanzbewegung erstarrte. Als eine andere Tanzende sie anstieß, fiel sie um wie ein nasses Brett. Mama war tot.

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uch wenn ich sehr viel später im Totenschein nachlesen konnte, dass sie an einem Herzinfarkt ver­ storben war, gefällt mir ausgelebte Ekstase bis heute als Todesursache wesentlich besser. Denn dass Musik Leben und Tod meiner Mutter bestimmte, ist unwiderleg­ bar. Ihr Sarg war psychedelisch bemalt, aus zwei Lautsprecherboxen dröhnte „You Can’t Always Get What You Want“, und die WG-Clique tanzte entrückt einen letzten Abschied. Ich hockte neben dem offenen Sarg und sah Mama ins Gesicht. Sie schien in einem rosaroten Schlaf zu lächeln, und ich konnte nicht glauben, dass sie tatsächlich mausetot war. Bis heute bin ich davon überzeugt, dass sie so noch immer da unten liegt, unangreif­ bar für Verwesung und Verfall. Eine un­ vergängliche Kirschblüte. „Wie alt waren Sie damals?“ „Seit zwei Tagen sieben.“ „Und Ihre Mutter?“ „Siebenundzwanzig.“ Hinter mir wurde es still, und ich hörte, wie in Unterlagen geblättert wurde. Ich genoss das Stillschweigen und vergaß den Grund meines hiesigen Aufenthalts. Die Erinnerung an meine Mutter überwältigte mich derart, und wenn ich mich konzen­ trierte, konnte ich sie riechen: Es war eine Mischung aus Lindenblüten, frischgemäh­ tem Gras und, na ja, angebrannter Milch. „Den Aufzeichnungen meiner Kollegen entnehme ich“, platzte es in mein An­ denken, „dass dieser 16. August 1977 für Sie ein folgenschwerer Tag war. In deren Niederschriften lese ich von existenzieller und essenzieller Bedeutung … Können Sie mir das erklären?“ Wie sie darauf herumritten! Schlüsselerlebnis! Keyword! Narrative Bearbeitung! Sie war auch nicht besser als Dr. Wolff oder Dr. Leibinger, die in mir herum­ gebohrt hatten wie Holzwürmer in einem gesunden Stück Holz. Frau Dr. Heumann!

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Peter Keglevic

Also gut, zum x-ten Mal. „Am Tag, an dem meine Mutter in der Eifel starb, starb in Memphis Elvis. Elvis Presley. Der Tod hatte sie zusammen­ geführt, und sie wurden ein Paar. Das war kein Zufall, das war seit jeher Gottes Rat­ schluss. Ab nun hielten Mama und Elvis ihre schützenden Hände über mich, und Elvis beschenkte mich mit seinem Gesangs­ talent. Ich wurde – genau genommen – sein Adoptivsohn.“ „Dann ist der 16. August sowohl Todes­ tag Ihrer Mutter als auch Geburtsstunde Ihrer …“ „Erweckung! Exakt.“ „Und wann, und vor allem wie, hat sich diese Erweckung geäußert?“ „Bei Tante Elke. Sie war die ältere Schwester meiner Mutter, und das Fami­ liengericht hatte mich ihr zugesprochen. Wir aßen unser erstes gemeinsames Abendessen, als sie plötzlich aufsprang, ‚Wie wär’s mit ein bisschen Musik?‘ sagte und eine Schallplatte auflegte. ‚Melodien aus aller Welt‘.“ Ja, das hat mich wirklich umgehauen! Ich kannte ja nur die Musik meiner Mutter und ihrer Freunde. Gleich summte ich mit, und schon beim zweiten Mal konnte

Ab nun hielten Mama und Elvis ihre schützenden Hände über mich. ich den Refrain. ‚Ganz Paris träumt von der Liebe‘. Und als zum wiederholten Mal Chris Roberts sang, sang ich gleich mit. ‚Ich bin verliebt in die Liebe‘. ‚Oh, wann kommst du?‘ von Daliah Lavi. Tante Elke fand mich besser als die Originalsänger! Man stelle sich das vor: besser als Gus Backus! Nancy Sinatra! ­Sogar besser als Cliff Richard! Doch das genügte ihr nicht – alle sollten es wissen! So sang ich für ihre Freundinnen im Kegel­ verein, für die Bekannten im Sparkassen­ verein und bei der alljährlichen Weih­ nachtsfeier der Postpensionäre. Jahr für Jahr. Ich gewann Karaoke-Wettbewerbe!

„Das waren doch alles banale Schlager. Sie sangen belangloses Zeugs“, unterbrach mich Frau Dr. Heumann. „Wie äußerte sich aber der Elvis in Ihnen?“ Ich spürte die Ungeduld in meinem Rücken. „Haben Sie denn nie einen Song von ihm gesungen – als Adoptivsohn?“ Hatte ich. Einmal war ich so vermessen gewesen. Auf einem Stadtteilfest hatte ich „Let Me Be Your Teddy Bear“ gesungen. Jedes Mal, wenn es zu der Zeile „Put a chain around my neck and lead me any­ where“ kam, spürte ich, wie Elvis an der Kette riss. Es war eine Warnung, ja nicht in seinem Terrain zu wildern. „Nein. Nie. Aber darum geht es nicht – ich verkörpere seine andere Seite“, sagte ich und drehte mich zur Heumann um. „Verstehen Sie, die banale und triviale, die abgedroschene und lächerliche – eben die andere Seite der Medaille.“

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ür einen kurzen Augenblick dachte ich, sie hätte es verstanden, doch dann sagte sie: „Aber die ist häss­ lich und abstoßend! Warum die selbst­ zerstörerische Seite?“ „Weil er mir so am nächsten ist. Weil wir nur so eins werden!“ Sie war ebenso uneinsichtig wie die anderen Psychodoktoren. Sie verstand einfach nicht, dass ich Elvis nur erlösen konnte, wenn ich seine Leidensstationen durchlief. Einer trage des anderen Last, hieß es bei Paulus im Brief an die Galater. Ich tat es! Ich trug Elvis’ Last! Sein Über­ gewicht, seine Verstopfung, seine Tablet­ tensucht. Ich hievte meine 130 Kilo von der L ­ iege – für mich war die Sitzung beendet. Ich schwitzte stark, aber das kam nur, weil sie meine Aufputschmittel abgesetzt hatten und mir nichts zur Beruhigung gaben! Kein Wunder, dass es mir so beschissen ging. Die Heumann sagte: „Immer wieder und wieder durchs Dickicht – nur so ent­ steht ein Pfad“, aber das ist auch nur ein Spruch. Ich setzte mich in den Rollstuhl und wartete, dass man mich aus dem Therapiezimmer schob. Ein Gospelchor ertönte vom Korridor her, wurde allmählich kräftiger, und schließlich setzte Elvis ein. „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“. Ja, wenn meine Not am größten ist, tröstet er mich. Und dann rieche ich auch den Duft von Lindenblüten, frischgemähtem Gras und leicht angebrannter Milch.

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Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 8. Oktober 2019. 110

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