DEUTSCHLAND AUGUST / S EPTEMBER 2021 € 2,50
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Wie Hip-HopWeltmeister Majid Kessab den Fußballgott das Tanzen lehrte
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E DI TO R I A L
WILLKOMMEN
AUF DEM DANCEFLOOR
Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion
… treibt es unser Gehirn bunt. Jochen Schievinks Illustrationen (u. a. „Zeit“, „Süddeutsche“) zieren unsere GehirnStory: ab Seite 76.
JEDE MENGE TAKTGEFÜHL
Autorin Anne Waak (u. a. „Die Welt“) traf Hip-Hop‑Weltmeister Majid Kessab in seiner Heimatstadt Krefeld. Ihr Porträt ab Seite 42.
TONY HAWKS ERSTES BRETT
Er hat Skaten in den Achtzigern neu erfunden und posiert hier mit einem aktuellen Modell. Hawks allererstes Skateboard zeigen wir auf Seite 16. 4
THE RED BULLETIN
JOCHEN SCHIEVINK
Hier sehen wir US-Fotograf Keith Ladzinski, dem wir eine abenteuerliche Bildstrecke verdanken, bei der Arbeit. Und zwar in einer Wand im Zion-Nationalpark im Bundesstaat Utah. Seine Bilder ab Seite 22.
WENN HERZEN KREISEN …
KEITH LADZINSKI (COVER), ATIBA JEFFERSON, CHRISTIAN WERNER
IMMER IM BILD
Ganz im Rhythmus der Musik aufgehen, das Leben wieder fühlen, zu unseren Lieblingssongs mit anderen Menschen feiern: Wenig haben wir in den letzten Monaten dermaßen vermisst wie u nsere Rückkehr auf die Tanzfläche. Von der Magie des Tanzens kann kaum jemand besser erzählen als unser CoverHeld Majid Kessab, 28. Als schüchternes Kind stärkten die TanzAuftritte sein Selbstvertrauen. Mittlerweile ist der Krefelder mit irakischen W urzeln zweifacher Hip-Hop-Weltmeister, Tanzschullehrer und angehender Schauspieler. Ab Seite 42 erfährst du, wie Majid seinen Beat im Leben fand und dass er sogar Lionel Messi Unterricht gab. Eine Geschichte, die Lust macht, uns diesen Sommer endlich wieder die Seele aus dem Leib zu tanzen.
(K)EIN
FAULER SACK
Marleen Scholten @postbeforelost
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I N H A LT The Red Bulletin im August / September 2021
COVERSTORY
42 FINDE DEINEN BEAT
Vom Einwandererkind zum Hip-Hop-Weltmeister: der unglaubliche Weg des Kre felder Tänzers Majid Kessab.
MODE
60 TRIUMPHZUG EINER KREATIVEN
Die österreichische Designerin Marina Hoermanseder be geistert mit ihren Entwürfen nicht nur Lady Gaga.
42 MIT TAKTGEFÜHL Hip-Hop-Weltmeister Majid Kessab brachte Fußballgott Messi Tanzen bei.
WELLENREITEN
22 STEILE WELTREISE
Fotograf Keith Ladzinski zeigt seine besten Kletter-Motive rund um den Planeten.
WAKEBOARDEN
36 A N DER STRIPPE
Warum Athlet Felix Georgii seine kreative Ader wichtiger ist als das Gewinnen.
ARCHÄOLOGIE
38 RETTERIN DER INKA
Wie Forscherin und Model Terry Madenholm antike Stätten für morgen bewahrt.
WINDSURFEN
40 DER TRAUMTÄNZER
66 SURFIN’ AFRICA
Warum die Zukunft des Sports in Afrika liegt.
GEHIRNFORSCHUNG
76 BUNTE VORSTELLUNG
Zwei Forscher verwandeln Hirnströme in Kunst und er klären, wie das Gehirn arbeitet.
GUIDE
Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen 83 REISEN. Auf Boulder-Tour im Schweizer Tessin mit Kletter-Profi Maestro Giuliano Cameroni.
Warum sich Legende Robby Naish keine Ziele setzt, sondern Träume verwirklicht.
88 L ESESTOFF. Es geht noch böser – Märchen neu erzählt.
STREETBALL
90 T IPPS & TRENDS. Vom Skate- Trolley zum weltgrößten GamesEvent – unsere aktuellen Favoriten.
West 4th Street ist New Yorks legendärster Basketballplatz – zu Besuch im „Käfig“.
92 BOULEVARD DER HELDEN. Als Schwimmer Mark Spitz im Sommer 1972 zum Teenie-Schwarm wurde.
52 KÖNIGE DER STRASSE
8 GALLERY 14 ZAHLEN, BITTE! 16 FUNDSTÜCK
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18 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 2 0 MEIN ERSTES MAL
96 IMPRESSUM 98 CARTOON
40 MIT DER STRÖMUNG Windsurf-Legende Robby Naish sucht die längste Welle der Welt.
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MIT LEIDENSCHAFT Zu Besuch auf New Yorks legendärstem Streetball-Platz
THE RED BULLETIN
CHRISTOPH VOY, CRAIG KOLESKY/RED BULL CONTENT POOL, ANTHONY GEATHERS, ALAN VAN GYSEN
PORTFOLIO
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MIT PIONIERGEIST South-African-OpenChampion Joshe Faulkner (o.) und die neue Welle afrikanischer Top-Surfer
THE RED BULLETIN
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RAUNHEIM, DEUTSCHLAND
Robert geht ein Licht auf
ROBERT GARO/RED BULL ILLUME
An dieser Location an der A3 südwestlich von Frankfurt ist Fotograf Robert Garo gut tausend Mal vorbeigedüst, ohne sie zu bemerken. Erst ein Stau änderte das. Und zum Glück kam Garo nachts wieder, um das Bauwerk näher in Augen schein zu nehmen. Erst da bemerkte er, dass das Ding sogar beleuchtet war. Genau die richtige Kulisse, um Skateboarder Milan Hruska in Szene zu setzen. Und um bei Red Bull Illume, dem größten Action- und Adventure-Fotowettbewerb der Welt, eine gute Figur zu machen. Mehr meisterhafte Fotos: robertgaro.net
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WINDHOEK, NAMIBIA
Schau mir in die Augen
SHAWN VAN EEDEN/RED BULL ILLUME
Diese Aufnahme sieht wie ein Schnappschuss aus, die Sache war aber deutlich komplizierter: Zuerst mussten mehrere Nashörner (die in einem Reservat leben, Anm.) wochenlang an die Rampe und an die Bewegungen des namibischen BMX-Könners Eric Garbers gewöhnt werden. Da die Tiere ziemlich schlecht sehen, aber umso besser hören, versuchte Garbers vom Bike aus beruhigend auf sie einzureden. Fotograf Shawn van Eeden hingegen musste gaaaanz leise sein. Und dann entstand dieser magische Schuss, auf dem Nashorn Mattanu und der Biker ein ander direkt in die Augen sehen. Shawn van Eeden unterstützt das Rhino Momma Project zum Schutz der Tiere: creativelab.com.na
ÖTZTAL, ÖSTERREICH
Höchste Eisenbahn! Die ungewohnte Perspektive, die grafische Strenge des Bildausschnitts, die fast beiläufige Integration der Wakeboarderin Anne Eaton an diesem See im Freizeitpark „Area 47“ (rechts im Bild): Es hat Gründe, warum es dieses Foto des Münchner Fotografen Lorenz Holder ins Finale von Red Bull Illume 2019, Kategorie „Innovation“, geschafft hat. Falls du jetzt das Gefühl hast, das kann ich auch, dann ist Eile geboten: Anmeldeschluss für den aktuellen Fotowettbewerb ist der 31. Juli. Schnellster Weg an den Start: QR‑Code links scannen. Alle Infos: redbullillume.com
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LORENZ HOLDER/RED BULL ILLUME
ZAHL E N, B I TT E !
INDIANA JONES
Mit Peitschen und Trompeten Vierzig Jahre nach Teil eins, „Jäger des verlorenen Schatzes“, starten diesen Sommer die Dreharbeiten zu „Indiana Jones V“. Hier die Fakten zum berühmtesten Archäologen der Kinogeschichte: von der 5000-Schlangen-Szene bis zum Hasenhaar-Filzhut.
Dollar pro Woche verdiente Harrison Ford, heute 78, zu Beginn seiner Filmkarriere 1966. 2008 kassierte er für „Der Tempel des Kristall schädels“ 65 Millionen Dollar.
Trompeten des London Symphony Orchestra spielen den „Raiders March“, das „Indiana Jones“-Thema des Komponisten John Williams.
Schlangen wurden für die Höhlenszene in „Jäger des verlorenen Schatzes“ aus Holland nach Tunesien eingeflogen.
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ist die Hutgröße von Harrison Fords ikonischem Fedora, einem Modell aus Hasenhaarfilz namens „The Poet“ von der Herbert Johnson Hat Company in der City von London.
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Jahre nach dem ersten benteuer erscheint im A Sommer 2021 eine Sammelbox mit Remasters aller vier Filme in 4K Ultra-HD.
1.961.339.569 Dollar spielten die vier Indy-Filme weltweit an den Kinokassen ein – die Gesamt-Produktionskosten betrugen 281 Millionen Dollar.
43,5
ist Harrison Fords Schuhgröße. Als Indiana Jones verlässt er sich auf rahmengenähte Arbeits schuhe der Marke Alden, Modell 405 mit Trubalance-Leisten.
THE RED BULLETIN
CLAUDIA MEITERT
Dollar kostet eine der 10 Fuß langen „No. 455“-Peitschen der Firma David Morgan heute. Bei den ersten drei „Indiana Jones“Produktionen waren mehr als 30 von ihnen im Einsatz.
Teile umfasst „Der Tempel des Kristallschädels“, das größte von 19 Indiana-Jones-Lego-Sets.
Jahre alt war die Figur des Indiana Jones im ersten Teil. Darsteller Harrison Ford (78) war beim Kinostart 1981 zwei Jahre älter.
Drehtage brauchte Regisseur Steven Spielberg für den ersten Teil – 14 Tage weniger als vom Studio vorgegeben.
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GETTY IMAGES (3), PICTUREDESK.COM
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Meter lang war der Filmstreifen, der „Jäger des verlorenen Schatzes“ 1981 auf die Leinwand zauberte.
DER VOLLELEKTRISCHE FORD MUSTANG MACH-E. BIS ZU 610 KM REICHWEITE.1
Verbrauchswerte nach § 2 Nrn. 5, 6, 6 a Pkw-EnVKV in der jeweils geltenden Fassung: n. v.* Verbrauchswerte nach WLTP: Stromverbrauch 19,5–16,5 kWh/100 km (kombiniert); CO2-Emissionen im Fahrbetrieb: 0 g/km (kombiniert). * n. v. = Daten nicht verfügbar. Der Gesetzgeber arbeitet an einer Novellierung der Pkw-EnVKV und empfiehlt in der Zwischenzeit für Fahrzeuge, die nicht mehr auf Grundlage des Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) homologiert werden können, die Angabe der realitätsnäheren WLTP-Werte. Diese sind in der nachfolgenden Zeile zu finden. 1 Gemäß Worldwide Harmonised Light Vehicles Test Procedure (WLTP) können bis zu 610 km Reichweite bei voll aufgeladener Batterie erreicht werden – je nach vorhandener Konfiguration. Die tatsächliche Reichweite kann aufgrund unterschiedlicher Faktoren (Wetterbedingungen, Fahrverhalten, Fahrzeugzustand, Alter der Lithium-IonenBatterie) variieren.
F U ND ST Ü CK
Der Gottvater der Skateboarder: Der Kalifornier Tony Hawk, 53, machte eine Gegenkultur weltweit populär.
TONY HAWK
Am Anfang war das Brett Tony Hawk, heute 53, war gerade einmal neun Jahre alt, als er 1977 das abgelegte Skateboard seines älteren Bruders Steve bekam: ein Brett der Marke Bahne, Baujahr 1975. Es sollte sein Leben und die Welt verändern: Mit 14 wurde Tony Profi, in den 80ern kreierte er über hundert Tricks und erfand damit das Skateboarden neu. In diesem Jahrtausend wurde sein Name über ein Videospiel weltweit zum Begriff. Und er hatte maßgeblichen Einfluss darauf, dass Skateboarden jetzt kein öffentliches Ärgernis mehr, sondern olympisch ist.
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THE RED BULLETIN
MIKE BLABAC, ATTIBA JEFFERSON
Das erste Board der lebenden Skater-Legende, Smithsonian National Museum of American History, 1977
DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W
SCHOPENHAUER SAGT:
„Selbstverwirklichung ist Blödsinn“
Sich selbst zu verwirklichen, halten Sie für kontraproduktiv? Damit stehen Sie ziemlich alleine da. Ist mir doch egal, solange es der Wahrheit entspricht. Und das tut es: erstens, weil es dieses ach so tolle Selbst gar nicht gibt; zweitens, weil uns das Wollen auf Dauer versklavt. Ist doch furchtbar, ewig ein Sklave des Willens zu sein – ewig irgendetwas sein zu wollen, was es in Wahrheit gar nicht gibt. Okay, aber was gibt’s dann igentlich noch für uns zu tun? e Gar nichts zu wollen und gar nichts zu sein klingt irgendwie trostlos. Bingo, genau so ist es: trostlos. Das Leben ist eine ziemlich trostlose Angelegenheit – oder sagen wir so: Es wäre komplett trostlos, wenn es da nicht etwas gäbe, was uns von dem ganzen Elend des Wollens befreit.
Das heißt: Wir sind nichts anderes als das, was wir zu sein glauben. „Ich warne Sie Kein Selbst, keine Seele, kein eindringlich: Wesenskern oder so etwas? Und alle Bemühungen, das wahre Von dem, was in Selbst zu finden, sind Quatsch? Ihnen steckt, Sagen wir mal so: Da ist schon lassen Sie besser Da machen Sie mich jetzt aber etwas im Hintergrund Ihres Ichs, neugierig. Was denn? dessen Sie sich nicht bewusst sind die Finger.“ Resignation! Na, na, nun schauen und was Sie unaufhaltsam vor sich Sie nicht so bedröppelt. Ich meine hertreibt. Psychologen nennen es das zwar ernst, habe aber noch mehr zu bieten. Das „das Unbewusste“. Ich nenne es „den Willen“. Und ich Beste, was Sie tun können, wenn Sie glücklich werden verstehe darunter eine schwer greifbare Dynamik, die wollen, ist, dieses ganze Rumgestochere in sich selbst überall in der Welt zugange ist: Evolution, Fortschritt, aufzugeben und sich etwas hinzugeben, bei dem Sie Entwicklung, Geschichte, Ihre Biografie – das alles sich komplett selbst vergessen. Kunst oder Musik zum wird unermüdlich vom Willen angetrieben. Wenn es Beispiel. Das schaltet den Willen aus, da kommen Sie irgendetwas wie Ihr wahres Wesen gibt, dann ist das zur Ruhe – und vielleicht ja auch zur Wahrheit, die dieser in Ihnen wabernde Wille. dort beginnt, wo der Wille aufhört. Fußballgucken ist übrigens auch gut. Werde gleich einmal schauen, was Aber ist das nicht nur ein anderes Wort für die Seele die Eintracht macht … oder das Selbst, das zu entdecken uns die von Ihnen so wenig geschätzten Psychologen nahelegen? ARTHUR SCHOPENHAUER (1788–1860) ist der wohl einfluss Nein, der Wille, von dem ich rede, ist unpersönlich. reichste Philosoph Europas. Seine vollständig erhaltenen Dia Er ist die treibende Kraft, die nichts und niemanden loge verraten nicht nur eine beachtliche literarische Begabung, je zur Ruhe kommen lässt. Dieser elende Wille macht sondern auch die Fähigkeit, die Weisheit der griechischen Antike uns fertig. Ihn als „Potenzial zu entfalten“ wäre das in einer Philosophie zusammenzufassen. Dümmste, was Sie tun können. Das führt zu nichts als CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer Stress. Wollen, wollen – immer mehr, immer Neues. der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor Mein Gott! Das mag zwar gut fürs Business sein, aber zahlreicher philosophischer Bücher. Zuletzt erschienen: Sie, mein Freund, gehen in diesem Hamsterrad vor „Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“. die Hunde. Was glauben Sie, weshalb so viele Leute 18
THE RED BULLETIN
BENE ROHLMANN
the red bulletin: „Du musst dein wahres Selbst finden!“ – „Du musst dich selbst verwirklichen!“ – „Du musst dein Potenzial entfalten!“ So oder ähnlich bekommen wir es ständig gepredigt. Was halten Sie davon? Arthur schopenhauer: Nichts halte ich davon, rein gar nichts. Das ist in meinen Augen Küchenpsychologie, die vielleicht für bunte Wochenend-Illustrierte taugt, aber nicht fürs wirkliche Leben.
an Burnout leiden? Weil sie zu viel wollen. Deshalb warne ich Sie eindringlich: Von dem, was da in Ihnen steckt, lassen Sie besser die Finger.
DR. CHRISTOPH QUARCH
Wer wirklich zu sich selbst finden will, muss sich zuerst selbst vergessen. Denn prinzipiell steht unserem Glück nur eines im Weg: Wir wollen zu viel. Das behauptet der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer in unserem fiktiven Interview mit Christoph Quarch.
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M EIN ERST ES M A L
MARTIN GRUBINGER:
„In Japan hab ich gemerkt: Schlagzeug ist mein Ding!“ Der Salzburger zählt heute zu den besten klassischen Perkussionisten der Welt. Hier erzählt er von seinem Erweckungserlebnis als Jugendlicher: einer Reise zu einem Musikwettbewerb, bei dem er eigentlich verlieren wollte. Viele kennen ihn als Kolumnisten der „Kronen Zeitung“, andere als Fernsehmoderator beim Bayerischen Rundfunk. Die Musikwelt feiert den 38-jährigen Salzburger als schnellsten Trommler von allen (40 Schläge pro Sekunde), als musikalischen Ausdauersportler (Konzerte können bis zu sieben Stunden dauern) und als Allrounder, der klassisches Schlagzeug, Marimba und andere Percussion-Instrumente auf Weltklasse-Niveau spielt. Prestigereiche Konzertsäle – vom Wiener Musikverein bis zur Carnegie Hall in New York – füllt er bis auf den letzten Platz. Hier erzählt Grubinger von der Zeit vor seinen großen Gigs.
dort ankomme, treffe ich hundert andere Schlag zeuger aus der ganzen Welt, die alle monatelang auf diesen Wettbewerb hintrainiert haben. Da war schon eine ziemliche Grundnervosität da. Ich war aber gleichzeitig völlig naiv. Und das war gut so. Denn das hat es mir ermöglicht, völlig unbeschwert loszulegen. Ich übersteh also die erste Runde. Die zweite Runde. Die dritte. Halbfinale. Und plötzlich steh ich im Finale!
Das Ganze ist schrecklich losgegangen: Mein Vater hätte mich begleiten sollen, aber am Salzburger Flughafen hat er festgestellt, dass sein Pass abgelaufen war. Ich sitz also allein im Flieger nach Japan. Dann vom Tokioter Flughafen direkt nach Shinjuku, einen der größten Bahnhöfe der Welt. Ich – ein echtes öster reichisches Landei – war völlig geflasht. Und als ich
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in der Helden über ihre Anfänge sprechen. Die aktuelle Folge mit Martin Grubinger, in der er auch verrät, warum er bald in Pension gehen will, gibt’s im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast
THE RED BULLETIN
SIMON PAULY
Am Abend davor saß ich im Hotelzimmer und hab noch einmal die Töne gelernt, weil ich das Programm für die späteren Runden schon wochenlang nicht mehr geübt hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, so weit „1999 war ich ein junger Student, zu kommen. Für die besten drei ich hatte schon zwei Jahre in Linz 0:00 –45:40 hat es am Ende nicht gereicht, am Bruckner-Konservatorium Martin Grubinger aber ich hab zum ersten Mal hinter mir. Dass ich gut war am Mein erstes Mal – der Podcast gemerkt: Hey, da kann ich mitSchlagzeug, das wusste ich. Aber halten! In dem Moment habe ich es gab noch kein YouTube, kein zum ersten Mal gespürt: SchlagInternet. Ich hatte also keine zeug ist mein Ding. Ich h abe Ahnung, wie die Kids in Amerika oder in Japan drauf waren. Dann „Ich war allein in Okaya, dort so viel Selbstvertrauen miterzählte mir mein Lehrer von nervös und völlig naiv. genommen, dass ich mit einem Schlag gleich noch viel besser der World Marimba Competition So konnte ich total war – ohne dass ich irgendetwas in Okaya, Japan. Das ist so etwas wie die Kitzbüheler Streif für unbeschwert loslegen.“ verändert hätte. Beflügelt von diesem Erlebnis, habe ich daraufMarimba-Spieler und Schlag Martin Grubinger, 38, hin noch härter trainiert. Zum zeuger. ‚Da könntest du mit über sein Aha-Erlebnis als Musiker Teil zwölf Stunden nonstop. Weil machen‘, meinte er. Einfach mitmachen, olympischer Gedanke, dieser Trip mir vor Augen geführt dabei sein ist alles. Die anderen Teilnehmer waren alle hatte, dass man mit harter Arbeit sogar als Salzburger älter und erfahrener, zwischen 22 und 30 Jahre alt. Landei mit den Besten der Welt mithalten kann.“ Meine Idee: Ich scheide in der ersten Runde aus, dann höre ich den anderen zu, lerne und knüpfe Kontakte. „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE,
DEN MYTHOS ZUM LEBEN ERWECKT. IN HANDARBEIT.
Die ABT RS6 Johann Abt Signature Edition ist eine Hommage an unseren Gründer. 64 Meisterstücke, eins für jedes Lebensjahr – handgefertigt von unseren Rennsportmechanikern. In den Fahrzeugen stecken 800 Pferde*, unzählige Arbeitsstunden und ein einzigartiges Relikt unserer Historie: ein Fragment aus dem original Amboss von 1896, für die Ewigkeit konserviert in einer Zeitkapsel.
*ABT RS6 Johann Abt Signature Edition – 589 kW (800 PS), 980 Nm · Verbrauchswerte in l/100 km (die angegebenen Verbrauchswerte beziehen sich auf das Serienfahrzeug): innerorts 16,1 – 16,2; außerorts 8,9 – 8,8; kombiniert 11,6 – 11,5. CO2-Emissionen kombiniert: 265 – 263 g/km. Abbildungen zeigen Individualisierungsmaßnahmen nach den Regelungen der StVZO für Änderungen an in Verkehr befindlichen Fahrzeugen. Stand 30.4.2021
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P O RT FO L IO
Wände hoch!
In zehn Abenteuern um die Welt: US-Fotograf Keith Ladzinski begleitet die besten Kletterer überallhin. Hier erzählt er die Geschichten hinter seinen Bildern – vom Eisberg in Grönland bis zum „Super Mario“-Felsen in China. Protokoll DAVID MAYER
Hier kommt Alex
Alex Honnold, Kalymnos, Griechenland „Einmalige Kalkfelsformationen, überwältigende Ausblicke, jede Menge Sonne – die kleine Insel Kalymnos vor der türkischen Südwestküste ist ein absolutes Kletterparadies. Diesen Spot entdeckten Alex und ich, als wir die Gegend mit Rollern erkundeten.“
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Wüste Route
Mike Brumbaugh, Großes Becken, Nevada, USA „Die Wüste in N evada ist eine Schatztruhe voller SandsteinKletterrouten, die noch kein Mensch bezwungen hat. Hier versucht sich Mike an einer Erstbesteigung eines ebenso steilen wie makellosen Felsen.“
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Alles im Griff
Dave Graham, Grampians National Park, Australien „In der Great Dividing Range im Südosten Australiens, dem größten Gebirgszug des Kontinents, liegt eine der schwierigsten Boulder-Passagen der Welt, genannt ‚The Wheel of Life‘. Über 60 Handgriffe brauchen Kletterer, um sie zu bezwingen. Mich faszinierte, wie leicht Dave diesen Kampf aussehen ließ.“
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Sie will nur spielen
Tara Brouwer, Yellowstone Lake, Wyoming, USA „Die meisten Menschen sehen hier ein traumhaftes Panorama im Yellowstone-Nationalpark, Tara hingegen sieht einen Spielplatz. Als wir hier ankamen, legte sie spontan einen einhändigen Radschlag hin. Das Foto beweist: Selbst die außergewöhnlichsten Orte der Welt können wir mit unserer Fantasie noch bereichern.“
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Am Mondberg Emily Harrington, Yangshuo, China
„Vor etwa 500 Millionen Jahren entstanden im Süden Chinas diese fast unwirklichen Karstland schaften aus Kalkstein – mich erinnern sie an die asiatisch angehauchten Naturwelten der ‚Super Mario‘-Spiele. Hier sehen wir Emily bei einer kurzen Pause am Moon Hill, bevor sie die kühne Route weiterklettert.“
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Hängepartie
Joe Kinder, Mojave Desert, Utah „In der Kletterfotografie geht es darum, Schlüssel momente einzufangen. Hier meistert Joe eine be sonders kni≠lige und damit entscheidende Stelle der steilen Route Visitor Q hoch über der Mojave-Wüste im Südwesten Utahs. Er besteigt sie hier zum aller ersten Mal und scheint förmlich am Fels zu kleben.“
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Es werde Licht
Jonathan Siegrist, Estes Park, Colorado, USA
Bild rechts: „Manchmal reicht ein Lichtstrahl, um einer Kletterroute völlig neuen Glanz zu verleihen. An diesem Tag traf die Sonne im Estes Park in Colorado zufällig exakt die ‚Grand Ol’ Opry‘, als J onathan auf den Felsen kletterte. Die Route führt über unebenen, leicht überhängenden Granit – ein echter Kraftakt.“
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Das gibt ihnen Berge
Mike Libecki und Ethan Pringle, Grönland, Dänemark „Seekrank wurden Mike und Ethan nicht auf unserer elf Tage langen Bootsreise durch die unberührten Weiten Grönlands. Doch als wir einige Zeit vergeblich nach besteigbaren Eisbergen gesucht hatten, befiel sie heftiges Kletterfieber. Wir verschafften ihnen mit einem Stopp an diesem Eisberg Linderung.“
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Abstecher ins Blaue
Erik Leidecker, Südisland
„Du stellst dir Island als lebendige und etwas verwunschene Insel vor? Genauso ist es auch. Profi‑Kletterer, die einen richtigen Nervenkitzel suchen, steigen hier in Eishöhlen ab. Hier macht sich Erik zu einem Tagesausflug in die tiefblauen Welten auf.“
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DER FOTOGRAF „Für ein großartiges Foto musst du zwei Dinge gleichzeitig einfangen: einen Schlüsselmoment und das richtige Licht“, erklärt US-Fotograf Keith Ladzinski, 45, sein Handwerk. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass er die Übung perfektioniert hat. Vor allem der Einsatz mitgebrachten Lichts und das Vertrauen auf sein gutes Auge zeichnen die Bildsprache des New Yorkers aus, der in Colorado auf gewachsen ist. Renommierte Auftrag geber wie „National Geographic“, die „New York Times“ oder Apple schicken ihn für seine Missionen zu Themen wie Natur, Klimawandel oder Extremsport inzwischen rund um die Welt. Dabei ist er von Anfang an seinen beiden Leidenschaften treu geblieben: Skateboarden und Klettern. „85 Prozent des Aufwands gehen für die Location-Suche drauf“, sagt Ladzinski. „Oft waren wir über 30 Tage unterwegs, bevor jemand zum ersten Mal geklettert ist. Das ist Wahnsinn!“ Mit Keith um den Globus: ladzinski.com
Das ist die Härte!
Arjan de Kock, Waterval Boven, Südafrika „Viel schwieriger als hier im Nordosten Südafrikas wird es für Kletterer nicht. Das gilt sowohl für die oft überhängenden Routen als auch für das Gestein an sich. Es handelt sich um extrem harten Quarzit, der Arjan – und vor allem seinen Schultern – alles abverlangt.“
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Wakeboarden
lässt seiner Kreativität beim Wakeboarden freien Lauf: mit einer tragbaren Seilwinde und Tricks aus dem Zirkus. Das findet mitunter sogar die Polizei spannend. Interview JOHANNES MITTERER Foto MARCO FREUDENREICH
Felix Georgii, 28, ist Profi-Wakeboarder und wird von Kollegen als „König des Winchens“ bezeichnet. Winchen bedeutet, dass er mit seinem Board und einer mobilen Seilwinde, der Winch, in Bächen, Wehren oder Kanälen unterwegs ist. Bei den X Games gewann der Allgäuer Gold, sein Markenzeichen sind seine kreativen Videos. Im Interview erklärt er, warum ihn Kreativität noch mehr anspornt als Medaillen. the red bulletin: Wie reagieren die Leute, wenn du mit der mobilen Seilwinde und dem Wakeboard in der Stadt unterwegs bist? felix georgii: Es kann sein, dass 500 Leute drum herum stehen und alle klatschen und schreien. Es kann aber auch sein, dass ein böser alter Mann da ist – oder eine böse alte Frau –, die sagen: „Das ist verboten! Ihr seid schlechte Vorbilder!“ Und dann rufen sie die Polizei? Kommt vor. In Amsterdam waren wir mal in einem Kanal zugange, nach drei Stunden war die Polizei da. Die Beamten sagten: „Ihr fahrt hier schneller als die erlaubten 6 km/h.“ Das respektieren wir dann auch. Du erfindest oft neue Stunts, zuletzt den Sprung durch einen Reifen. Woher nimmst du die Ideen? Vom Snowboarden und Skaten her reizt es mich, meine Tricks aus dem Park an einem Street-Spot zu testen.
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Und dann will ich einfach den Sport immer weiter denken. Die ReifenIdee kommt aus dem Zirkus. Wir haben sogar kurz überlegt, ob der Reifen nicht brennen sollte. Das hat dann aber nicht ins Konzept gepasst. Wie wichtig sind dir Wettkämpfe? Seine krassesten Skills auf Knopfdruck abzurufen und in einem Run zusammenzupacken – wie der perfekte Athlet –, das ist ein Hammergefühl. Gleichzeitig ist aber immer jemand anderer enttäuscht, und damit konnte ich nie umgehen. Daher hatte ich nie diesen Ansatz, zu sagen: „Ich muss jetzt hier gewinnen.“ Heute gibt es wegen Social Media auch beim Wakeboarden einen Wettbewerb in Kreativität. Ist das dann nicht das Gleiche? Beim Contest bist du auf dich allein gestellt. Machst du einen Fehler, dann ist es dein Fehler. Winchen und davon Videos machen ist hin gegen Teamwork: Die einen bedienen die Winde, andere filmen, und wenn das am Ende geil aussieht, ist das nicht nur mein Verdienst. Da ist die Belohnung größer. Und über die Videos werden auch Außenstehende aufs Wakeboarden aufmerksam. Ich werde noch zu oft gefragt, was Wakeboarden überhaupt ist. Eine Stadt oder eine Wehr sind den Leuten näher als ein weißes Plastik-Hindernis in einem Wake-Park.
Du startest auch selbst. Hast du Elemente eingebaut, die dir besser liegen als der Konkurrenz? Es wird auf jeden Fall so ein paar Sachen … ähm … na ja, eigentlich nicht! Aber es wird so einen Bagger geben, den man in einem Wake-Park eher nicht findet. Das ist etwas ganz Neues. Da bin ich selber aufgeregt.
Ring frei: Felix Georgii beim Dreh des Videos „We’re Open“ in Duisburg
Erlebe den fliegenden Felix
Am 7. August steigt „Red Bull Wake Capital” in Hamburg. Einzigartige Hindernisse, 16 inter nationale Spitzenfahrer, und das alles mitten in der Speicherstadt: So es die dann aktuellen Vorschriften erlauben, kannst du das spektakulärste Wake board-Event des Jahres hautnah erleben. Alle Infos und Tickets unter: redbull.com
Im August findet „Red Bull Wake Capital“ in Hamburg statt, direkt unterhalb der Elbphilharmonie in der Speicherstadt. Es ist eine THE RED BULLETIN
STEFFEN VOLLERT/RED BULL CONTENT POOL
Felix Georgii
Mischung aus beiden Welten: ein klassischer Contest, aber mitten in der Stadt und mit einem kreativen Parcours, den du mitentwickelst. Wie sieht deine Mitarbeit aus? Ich war beim ersten Location-Check dabei und habe mit meinem Verständnis vom Winchen versucht, den Contest in die Stadt zu integrieren. Für den Hamburg-Vibe verwenden wir als Obstacles zum Beispiel auch sogenannte Spülschuten – Pontonschiffe, die sonst für Bauarbeiten benutzt werden. Diese Schuten füllen wir mit Wasser, sodass erhöhte Pools entstehen und wir mit verschiedenen Wasserebenen spielen können.
„Du zeigst deinen Wakeboard -Trick mitten in der Stadt. 500 Leute stehen da und schreien.“ Felix Georgii (28) über die Motivation für seine Video-Extratouren
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Archäologie
Terry Madenholm hat zwei interessante Jobs: Sie ist Archäologin und nebenbei gefragtes Model. Hier erklärt die 31-Jährige, wie sie antike Inka-Siedlungen mittels Drohnentechnik retten will. Text RACHAEL SIGEE Foto CHRIS SAUNDERS
Wir erreichen Terry Madenholm in ihrer Pariser Wohnung. Sie steckt gerade mitten in den Vorbereitungen für eine Rettungsaktion: Es geht um die Ausgrabung einer über 500 Jahre alten Inka-Siedlung in der Provinz Cotopaxi in Ecuador, die von Klimawandel, Bebauungsplänen und – besonders unberechenbar – einem seit 2015 aktiven Vulkan bedroht ist. Die 31-Jährige gehört zu einem Team, das diesen Kulturschatz mittels modernster Drohnentechnologie und digitaler 3D-Rekonstruktion im allerletzten Moment für die Nachwelt bewahren will. Madenholm, in Stockholm ge boren und in Polen aufgewachsen, hat in Paris aber noch andere Sachen zu tun: Sie stand bereits für Werbekampagnen so schillernder Marken wie L’Oréal, Clarins oder L’Occitane als Model vor der Kamera. Ursprünglich dienten ihr solche Jobs nur zur Finanzierung des Archäologiestudiums. Doch die Modelkarriere nahm derart schnell Fahrt auf, dass sie ihre Zeit heute zu gleichen Teilen zwischen Ausgrabungen und Foto shootings aufteilt. „Ich sehe mich als Archäologin, die zufällig auch modelt“, sagt Madenholm. „Immer, wenn ich bei Ausgrabungen etwas finde, erscheint es mir wie eine Reise in die Vergangenheit. Indem ich verschwitzt und voll Schlamm meine Hände in die Erde stecke, starte ich eine Zeitmaschine.“
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the red bulletin: Wie fühlt es sich an, bei Ausgrabungen mitzumachen? terry madenholm: Es ist eine intensive Erfahrung und erfordert viel Durchhaltevermögen und Demut, weil man seine Ziele nicht immer erreicht. Manchmal sucht man monateoder sogar jahrelang nach etwas, das dann nicht so ergiebig ist wie erhofft. Abgesehen davon sind die Aus grabungen sehr anstrengend. Man kämpft ständig mit sich selbst und geht an seine Grenzen. Aber genau das mag ich an der Archäologie: Man spürt so richtig, dass man lebt. Wie kartieren und bewahren Sie antike Stätten? Mit Tools wie LiDAR, das steht für Light Detection and Ranging. Es funktioniert im Grunde ganz einfach: Ein Laser tastet die Erdober fläche ab und erzeugt ein 3D-Bild dessen, was darunter versteckt liegt. Diese Werkzeuge sind in der Archäologie ziemlich neu, aber sie bringen uns schneller voran. Die Drohnen verschaffen uns einen besseren Überblick über die Ausgrabungsstätte, sodass wir mit unseren Aufzeichnungen schneller fertig sind. Was bedeutet diese Technologie für die Zukunft der Archäologie? Sie kann neue Perspektiven eröffnen. Wir können plötzlich größere, mutigere Fragen stellen. Ich glaube, die Geschichte der alten Kulturen wird neu zu schreiben sein. Monumente und Artefakte können mittels 3DNachbildungen originalgetreu für die Nachwelt bewahrt und für Publikum
zugänglich gemacht werden. So wird die Archäologie auch demokratisiert: Jeder kann sich die Stätten ansehen, ohne selbst hinzufahren. Was war für Sie der bisherige Höhepunkt Ihrer Karriere als Archäologin? Die Entdeckung eines zweitausend Jahre alten Rings an der Küste von Tel Aviv. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten Monate an einem Projekt und träumen die ganze Zeit nur davon, etwas Großartiges zu finden. Dann, im letzten Moment, kurz bevor das Projekt in die Winterpause geht, finden Sie plötzlich diesen Ring unter der Erde! Es fühlte sich irgendwie an, als hätte jemand den Ring vor zweitausend Jahren fallen lassen, damit ich ihn finde. Wenn man so ein persönliches Stück findet, dann spinnt man sofort eine Geschichte darüber, wer ihn gefertigt, wer ihn getragen hat. In meinem Kopf entstand das Bild eines dicken Kaufmanns, denn der Ring war riesig, und ich konnte ihn leicht über zwei Finger ziehen. Was erhoffen Sie sich in Zukunft für Ihre Arbeit? Überraschungen – die sind das Beste an der Archäologie. Denken Sie nur an die Ausgrabungen von Pompeji in Italien. Die Historiker waren ursprünglich überzeugt, dass der Vesuv am 24. August 79 n. Chr. ausgebrochen sei. Dann wurde 2018 eine alte Inschrift in Kohle entdeckt, aus der hervorging, dass der Ausbruch zwei Monate später stattgefunden hatte. Daran sieht man, dass Archäologen und Historiker manchmal falschliegen. Diese Geschichte spricht mich sehr an. Ich will einfach Überraschungen erleben. Ich will von meinen Funden so richtig umgehauen werden! Terry Madenholm ist Projektpartnerin von Drone Archaeology: dronearchaeology.com
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„Was ich an der Archäologie mag? Man spürt so richtig, dass man lebt.“ Terry Madenholm, hier an der Ausgrabungsstätte La Cave aux Fées in Brueil-en-Vexin bei Paris, über die Faszination ihres Hauptberufs
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Surfen
hat sich nie Ziele gesetzt, sondern immer nur Träume verwirklicht. Das hält die Windsurf-Ikone bis heute so. Text JÜRGEN SCHMIEDER
1976, mit dreizehn (!), holte Robby Naish den ersten von 24 WM-Titeln, er trieb Innovationen wie kürzere Boards und Fußschlaufen voran, sein Abbild schmückte bis in die 90er-Jahre als Poster Kinderzimmer rund um den Globus. Kurz: Naish hat Windsurfen zum Welterfolg gemacht und erfindet den Sport bis heute immer wieder neu (so war er auch am Aufstieg von Kitesurfen und Stand-up-Paddling beteiligt). Nun erscheint eine Doku über sein Leben nach der Titeljagd – höchste Zeit für ein Gespräch über die wahren Gründe für seinen Erfolg. the red bulletin: Mister Naish … robby naish: Bitte „Robby“. Okay. Jetzt einmal ehrlich, Robby: Wo befindet sich dieser Jung brunnen auf Hawaii, in den du gefallen bist? Oder gibt es gar ein geheimes Fitnessprogramm? Im Gegenteil: Ich mache kein Yoga, ich dehne nicht einmal. Ich will, dass die Muskeln hart und kräftig sind. Sollten ein Fitnesstrainer und ein Psychologe herkommen, würden sie denken, sie hätten es mit einer Laune der Natur zu tun. Ich mache so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Ich mache das, was ich auch mit zwanzig gemacht habe. Klingt ziemlich old school … Ich versuche, fast täglich ins Wasser zu gehen. Man verletzt sich dort nicht so schnell: Man plumpst rein, und das war es meistens. Ich bin bis
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auf einen Beckenbruch vor einigen Jahren von größeren Verletzungen verschont geblieben. Bereust du etwas im Leben? Ich habe das Leben nie so betrachtet, weil einen so was fertigmacht. Sehr oft sind die Leute, die viel haben, diejenigen, die am unglücklichsten sind – weil sie immer mehr wollen und sagen: „Oh, ich habe so viel geopfert, ich sollte noch mehr haben!“ So will ich nicht sein. Ich bin nicht perfekt – aber ich bin unfassbar glücklich, der zu sein, der ich bin. Du hast leicht reden: Du bist immerhin 24-facher Weltmeister! Aber der letzte Titel liegt Jahrzehnte zurück. Ich bin keiner, der von der guten alten Zeit schwärmt. Ich will auch nicht zu viel an die Zukunft denken. Ich nehme jeden Tag, wie er kommt. Ich feile noch immer an meiner Technik oder entwickle eine neue Disziplin. In der TV-Doku „The Longest Wave“ reist du um die Welt, um möglichst lange Wellen auf einem Stand-up-Paddle-Board zu s urfen. War das dein Ziel, eine neue Sportart populär zu machen? Ich habe mir nie ein Ziel gesetzt, sondern eher Träume verwirklicht. Ich wollte nie etwas erreichen. Ich liebe, was ich tue – und ich bin ein Glückspilz, weil ich tun darf, was ich mag. Wer mit Zielen durchs Leben läuft, fragt sich irgendwann: Und nun?
Das klingt doch gut … Aber auch die Liste der negativen Aspekte ist lang. Die sozialen Medien verändern, wie gerade junge Leute die Welt sehen. Es geht nicht mehr darum, gut in etwas zu werden – sondern berühmt. Daraus entsteht ein Wettbewerb: Du bist nur so viel wert wie dein letztes Posting. Du machst aber auch mit. Ich passe mich an. Für junge Leute ist das jedoch gefährlich, weil sie glauben, dass sie berühmt werden, ohne dafür arbeiten zu müssen. Doch auf den einen, der berühmt wird, kommen Tausende, die es nicht schaffen. Ich wünsche mir, dass die Leute einfach die Reise genießen, statt dem nächsten Foto nachzujagen. Das Leben ist kein Beliebtheitswettbewerb. Es geht darum, Glück in dem zu finden, was man tut. Das Ziel sollte sein, die Fahrt zu genießen und das Gefühl, etwas erreicht zu haben.
Robby jagt die längste Welle
Eine neue Doku zeigt das jüngste Abenteuer des Altmeisters. Von Namibia über Peru bis Costa Rica: Drei Jahre reiste Robby Naish immer wieder um die Welt, um mit seinem Standup-Paddle-Board die längsten Wellen der Welt zu reiten. Begleitet vom oscarnominierten Filmemacher Joe Berlinger, entdeckt der Surfer dabei nicht nur eine neue Sportart, sondern auch ein wenig sich selbst. Die daraus entstandene Doku „The Longest Wave“ zeigt das wohl aufwühlendste Abenteuer in Naishs Karriere. Aktuell in der ZDFmediathek, ab 10. August auch auf Red Bull TV; Infos: redbull.com
Die Surf-Kultur hat sich durch die sozialen Medien gewaltig verändert. Was meinst du dazu? THE RED BULLETIN
CRAIG KOLESKY / RED BULL CONTENT POOL
Robby Naish
Die positive Seite: Jeder kann sein Können präsentieren. Er braucht keinen Manager oder Magazin-Foto grafen mehr, um berühmt zu werden. Jeder hat die gleiche Chance.
„Ich bin ein Glückspilz, weil ich tun darf, was ich mag.“ Robby Naish, 58, über seine Lebenseinstellung
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Messis Tanzlehrer MAJID KESSAB kam als Kleinkind aus dem Irak nach Deutschland. Jetzt ist er 28, Hip-Hop-Weltmeister und Tanzschulbesitzer. Und er hat Fußballgott Lionel Messi elegante Moves beigebracht. Das alles reicht ihm allerdings noch nicht. Text ANNE WAAK Fotos CHRISTOPH VOY
AUF GROSSEM FUSS
Majids Bewegungen sind einzigartig. Im Tanz hat der Krefelder, hier in seiner Heimatstadt, seine Ausdrucksform entdeckt.
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AUGENBLICK!
Majid beim PorträtShooting für The Red Bulletin in Krefeld. In der TVShow „Got to Dance“ begeisterte er Millionen Fans.
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Sein Stil wirkt, als tanze er unter Wasser. Seine Bewegungen sind unglaublich fließend.
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in Schrottplatz mitten in Krefeld. Der knallblaue Himmel kontrastiert das Rostrot der riesenhaften Rohre, auf denen Majid Kessab posiert. Er balan ciert auf einem Bein, biegt den Kopf nach hinten, ein Arm hinterm Rücken. Er hält die Pose mühelos, bis das Bild im Kasten ist. Jemand hat mal über seinen Stil gesagt: Es sei, als würde er unter Wasser tanzen. Und es stimmt: Egal was er macht – ob Moves, die aus dem Freestyle stammen, oder welche, die eher an die eckigen Verrenkungen eines Roboters erinnern –, Majids Be wegungen sind unglaublich fließend und geschmeidig. In Sachen Körperbeherr schung ist der 28-Jährige einzigartig. Nicht nur das: Als zweimaliger HipHop-Weltmeister ist er einer der besten Tänzer der Welt. Im Dezember wird er beim globalen Finale von Red Bull Dance Your Style in Südafrika antreten – ein Contest, der vor allem die Improvisations gabe der Tänzer fordert. Majids Ziel dafür ist klar: gewinnen, was sonst? Majid ist Erfolg gewohnt. Tatsächlich scheint es, als würde ihm alles, was er anfängt, gelingen. Dabei ist es längst nicht nur das Tanzen, was ihn interessiert. Seine
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Ambitionen gehen weiter, viel weiter. Er wurde 1993 als jüngstes von vier Kindern im nordirakischen Zakho geboren, seine kurdischen Eltern – der Vater Ölunter nehmer, die Mutter Lehrerin – flohen nach Deutschland, als Majid drei Jahre alt war. Die Familie landete in Krefeld, in dem Teil Nordrhein-Westfalens, der an die Niederlande grenzt. Der Vater er öffnete einen Kiosk, die M utter kümmerte sich um die Kinder. Es war keinesfalls von Anfang an klar, dass er einmal Tänzer werden würde. Zwar war sein Vater immer ein begnade ter Folklore-Tänzer, der seine Künste auf Familienfeiern vorführte, aber Majids Ding war der Fußball. Es war seine Schwester, die den damals Achtjährigen drängte, es doch mit dem Tanzen zu versuchen. „Ich glaube, das war eigent lich eher ihr Wunsch, aber sie hat sich geschämt“, sagt Majid. „Also habe ich das für sie ausgelebt.“ Damals fehlte es ihm an Selbst bewusstsein, und wenn er sprach, dann nuschelte er so stark, dass man ihn kaum verstand. Das Tanzen änderte das. „Es war mein Sprachrohr, mit dem ich meine Emotionen ausdrücken konnte, und ein Ventil für meine Energie“, sagt er. Bald sah er erste Erfolge und gewann Wett bewerbe. „Das hat mich gestärkt und mir Selbstsicherheit gegeben.“
MIT MESSI BEIM DREH
Majid mit seinem berühmtesten Schüler 2013 in Barcelona: Für einen Werbeclip entwarf er eine Choreografie und zeigte Lionel Messi die Schritte.
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Als Kind nuschelte Majid so stark, dass man ihn kaum verstand. Heute spielt er in Kinofilmen mit.
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och das Tanzen veränderte sein Leben auch in anderer Hinsicht, denn es hatte Einfluss auf seinen Freundeskreis. Die, mit denen er rumhing, bevor er mit dem Tanzen in Berührung kam, sind alle irgendwann mit dem Gesetz kollidiert. Majid hat wenig Zweifel daran, dass es ihm genauso ergangen wäre. Aber gleich seine erste Straftat – eine dumme Geschichte um ein geklautes BMX-Bike – führte ihn an einen Ort, der wie kein anderer sein Leben prägen sollte und bis heute prägt. Er bekam Sozialstunden verordnet, abzuleisten in einem kirchlichen Krefelder Jugendzentrum. Der Ort sollte sich als besonders einflussreich für sein Leben erweisen. „Das Jugendzentrum war alles für mich, ich habe da so viel gelernt“, sagt er. Auch nach seinen Sozialstunden ging er weiter hin, weil dort Platz zum Tanzen war und er andere traf, die seine Leidenschaft teilten. Damit er noch mehr Zeit im Jugendzentrum verbringen konnte, absolvierte er auch noch das Praktikum im Rahmen seines Fachabiturs dort. Jugendzentren wie jenes in Krefeld entstanden ab Ende der 1960er-Jahre oft auf Initiative von Gymnasiasten, die für sich Räume einforderten, in denen ihnen weder der Staat noch die Stadt reinredeten. Gedacht waren sie als Orte, an denen jungen Menschen Demokratie und Werte vermittelt werden, um schließlich eine bessere Welt zu schaffen. Heute geht es in diesen Einrichtungen weniger um politische Bildung als darum, Jugendlichen ein kostenloses Freizeitangebot zu bieten, einen Treffpunkt abseits von Fußgängerzonen und Einkaufszentren, einen Fokus, der nicht das eigene Handy ist. In Majids Fall war es einer der wenigen Plätze, an denen er mit anderen Tänzern sein Wissen austauschen und seine Fähigkeiten ausbauen konnte. Y ouTube gab es vor zehn, zwölf Jahren zwar bereits, es war aber noch nicht die Plattform, auf 46
FREEZE!
Bei dieser Pose stoppt Majid abrupt seine flüssigen Bewegungen und „friert“ sie ein.
DIE NÄCHSTEN SCHRITTE
Majid in der Nähe seiner Tanzschule in Krefeld, mit der er bald umzieht. Viele seiner Schüler wohnen in Siedlungen wie dieser hier im Hintergrund.
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Er will den Kids mehr beibringen als Tanzen: stark sein, an sich glauben, sich selbst fordern. der man Tutorials zu jedem erdenklichen Nischenhobby hätte finden können. Tanzschulen waren noch nicht eingerichtet auf Kurse für seine Art des Tanzens, jedenfalls nicht auf solche, die mehr als die Grundlagen vermittelten. Daneben spielte Majids ältester Bruder eine wichtige Rolle für seine tänzerische Entwicklung. Er war es, der ihn und seine Freunde tagelang mit dem Auto durch halb Europa fuhr, zu Tanzcamps und auf Battles nach Tschechien, Österreich und in die Schweiz.
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ie Schule machte Majid nebenbei, ohne auch nur einmal sitzenzubleiben. Eine gute Ausbildung war seinen Eltern immer wichtig; seine Geschwister arbeiten heute als Apothekerin, Ingenieur und Mechatroniker. Nach der Schule etwas ratlos, wie es weitergehen sollte, studierte Majid Elektrotechnik – nur um nach ein paar Wochen abzubrechen. Auch das Architekturstudium schmiss er nach zwei – eigentlich erfolgreichen – Semestern. In der Zwischenzeit war er nämlich mit dem Tanzen so erfolgreich geworden, dass sich die Frage, wohin es ihn in Zukunft ziehen würde, gar nicht mehr stellte. 2014 sollte sein bis dahin bestes Jahr werden: Er nahm am Juste Debout teil, dem internationalen Gipfeltreffen in Sachen urbaner Tanz in Frankreich. Im Vorfeld behauptete er auf Facebook
öffentlich, er werde das Ding gewinnen. Damit legte er sich die Latte ziemlich hoch – wer will nach so einer Ansage schon scheitern? Aber er sollte recht behalten: Er gewann den Wettbewerb und war damit Hip-Hop-Weltmeister. Seither steht für ihn fest: Erfolg ist allein eine Frage der Einstellung, des Mindsets. „Wenn ich an mir zweifle, dann verliere ich.“ Wenn er jedoch an sich glaubt, kann ihn nichts und niemand aufhalten. Bis jetzt hat das jedenfalls immer gestimmt. Dank des Tanzens ist der Majid von heute das genaue Gegenteil des unsicheren Jungen von einst. Ebenfalls 2014 eröffnete er gemeinsam mit einem Freund in einem kleinen Raum des Krefelder Bahnhofsgebäudes seine Tanzschule AREA UDC und nahm an der ProSieben-Castingshow „Got to Dance“ teil, die ihn auch außerhalb der TanzCommunity bekannt machte. Majid sagt, er sei kein Fan von solchen Shows, denen es vor allem um die Schauwerte und Einschaltquoten geht und nicht um die Kultur hinter dem Tanz. Aber als die Produktionsfirma ihn kontaktierte und einlud mitzumachen, sah er die Möglichkeit, in der Sendung mit einem Aufdruck auf seinem Sweatshirt für seine Schule zu werben. Als ihm bewusst wurde, wie hoch die Einschaltquoten der ersten Folge waren, nahm er die Show ernst. Und was Majid ernst nimmt, will er auch gewinnen. Die Jury liebte ihn von Anfang an, besonders die britische Tänzerin und Choreografin Nikeata Thompson war gleich nach seinem ersten Tanz vollends begeistert von ihm. Der Rest war ein Durchmarsch, im Finale setzte er sich gegen neun andere Tänzer, Duos und Crews durch. Er gewann 100.000 Euro – die er als Anzahlung für ein Haus für seine Eltern verwendete. Er verdankt dem Tanzen viel, aber seiner Mutter und seinem Vater alles. Der Sperrbildschirm seines Handys zeigt ein aktuelles Bild der beiden. 49
GANZ BEI SICH
Für unser Shooting improvisiert Majid, wie er es beim Tanzen oft tut. Hier in einer riesigen Metallröhre.
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2022 will Majid als erster Tänzer zum dritten Mal Weltmeister werden.
TOMISLAV MOZE/RED BULL CONTENT POOL
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either kennt Majids Karriere nur eine Richtung: bergauf. Vor drei Jahren zog er mit der Tanzschule in größere Räume, sie belegt jetzt fast 300 Quadratmeter in einem Industriekasten unweit des Bahn hofs. Ein Dutzend Leute arbeiten hier für ihn, sie alle sind Freunde, die er noch aus dem Jugendzentrum kennt. Vor Corona trainierten sie 300 Schülerinnen und Schüler, und er hat keine Zweifel, dass es nach der Pandemie mindestens genauso viele sein werden. Der nächste Umzug in noch größere Räume steht bald an. Dennoch ist es ihm wichtig, dass die Tanzschule den Charakter des Jugend zentrums behält, in dem er damals so viel Freundschaft und Unterstützung fand. „Die Leute können uns immer privat schreiben, wenn sie allein trainieren oder ein eigenes Projekt verfolgen wollen.“ Für die Jugend in Krefeld sind sie auch Sozialarbeiter, die den Kids mehr bei bringen als Tanzen: nämlich Selbst bewusstsein, Charakterstärke, Persön lichkeit. Und sich selbst zu fordern. Längst ist Majids Talent auch außer halb der Dance-Community gefragt. Vor ein paar Jahren choreografierte und trai nierte er mit Fußballgott Lionel Messi eine Tanzszene in einem Werbespot für Qatar Airways, es folgte sein Schauspiel debüt in der Serie „Crews & Gangs“ des deutschen Streaming-Anbieters Joyn. Sein jüngstes Schauspielprojekt ist „Fly“,
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ein Film der deutschen Regisseurin Katja von Garnier, der im Herbst ins Kino kommen soll. In beiden Filmen spielt er Kleinkriminelle mit Migrationshinter grund – eher keine Sympathieträger. Er ist stolz auf die Rolle, auch wenn es ihn ein wenig nervt, dass sie gängigen Kli schees über Menschen entspricht, deren Eltern oder Großeltern nicht in Deutsch land geboren wurden. Aber Majid sagt, dann dreht er eben einfach selbst einen Film, der mit diesen Vorurteilen bricht. „Fly“ soll sein Einstieg in die Schau spielerei sein, aber sie ist nur eines von vielen Zielen. „Ich habe in den letzten Jahren geschäftlich so viel erreicht“, sagt Majid. „Aber es ging mir nie um Geld oder Bekanntheit. Ich will die Möglich keiten, die ich bekommen habe, an andere weitergeben.“ In den Tagen vor dem Gespräch hat er im Stadtbad Krefeld einen Film mit Tänzern der Schule ab gedreht, ein paar Tage später wird er in Bochum ein Battle mit 200 Tänzern unter freiem Himmel veranstalten. 2022 will er der Erste sein, der bei Juste Debout zum dritten Mal Welt meister wird. Er plant ein Tanzprojekt mit einem Kinderheim im Irak. Und denkt über die Eröffnung einer zweiten Tanz schule nach. Es besteht wenig Zweifel daran, dass er all das schaffen wird. Majid heißt immerhin: der Tüchtige. Mehr Majid in allen Lagen auf Instagram: @majidk
Deutschlands beste Tänzer live erleben! Ende August startet wieder Red Bull Dance Your Style.
Ein Floor, zwei Kontrahenten, deine Stimme: Hier zeigen die Tanzenden Moves zu Musik aus allen Genres, die Zuschauer entscheiden, wer gewinnt und zum Weltfinale in Südafrika fährt. Qualifier: 28. 8. München, 29. 8. Frankfurt, 4. 9. Berlin, 5. 9. Köln; nationales Finale: 11. 9. Hamburg; Infos: redbull.com
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Basketballspiel im Käfig an der West 4th Street in New York: Die Enge des KultPlatzes sorgt für intensive Stimmung.
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EIN KÄFIG
Streetball
West 4th Street ist New Yorks legendärster Basketballplatz. Stars wie Denzel Washington pilgern an seine Zäune, Spieler aller Ethnien kämpfen in hitzigen Partien um Respekt. Zu Besuch an einem Ort, der für viel mehr steht als Sport. Text DAVE HOWARD Fotos ANTHONY GEATHERS
VOLLER HELDEN
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er Platz ist klein
Das ist das Offensichtliche, wenn man den West 4th Street Park in New York City betritt. Würde man die Drei-Punkte-Linie auf NBA-Distanz setzen – als Zugeständnis für die Profis, die hier manchmal trainieren –, läge sie fast schon am Mittel kreis. Schaut man sich eines der großen Summer-Leagues-Matches im Cage an, dem „Käfig“, wie dieser sagenumwobene Platz genannt wird, kommt es einem vor, als hätten Riesen einen Kinderspielplatz überrannt. Versucht man herauszufinden, in wieweit die Maße des Platzes tatsächlich von den regulären abweichen, wird es interessant. Google wirft unterschiedlichste Schätzungen aus, von „ein bisschen kleiner als die Norm“ (das steht auf
Basketball-Cracks beim Einlauf zu einem Summer-Leagues-Playoff-Match 2016: Das Spiel im Käfig „körperbetont“ zu nennen ist eine krasse Untertreibung.
der offiziellen Homepage des New Yorker Parks) bis hin zur „Hälfte des Standards von 94 Fuß“ (28,65 Meter). Auch die Legenden des Käfigs äußern sich aus weichend: Die Spiele können sich schon eng anfühlen, hört man da, sogar ein bisschen klaustrophobisch. Kenny Graham, Gründer der „Summer Leagues“, die den West 4th zu einem Streetball-Hotspot und einem weltbekannten Geheimtipp für Touristen gemacht haben, zuckt nur mit den Schultern und antwortet, dem grünen Rechteck seien schon „viele Größen nachgesagt“ worden. „Das lieben die Leute ja so an diesem Platz.“ Warum mit dem Maßband den ganzen Spaß verderben, scheint er sagen zu wollen. Die ungewöhnlichen Abmessungen tragen zur Aura des Ortes bei, aber nicht nur: Sie verändern tatsächlich das Spiel. Wer auf Geschwindigkeit und Wendigkeit setzt, hat ein Problem, denn alle sind so eng zusammengepfercht, dass es sich anfühlt, als wären doppelt so viele Spieler auf dem Feld wie sonst. Der Zaun, der das Spielfeld umschließt, verstärkt den Eindruck der Enge noch. Der Käfig belohnt diejenigen, die ohne viel Platz gute Würfe oder Rebounds zustande bringen oder die, besser noch, sich selbst Platz verschaffen können in jener Zone, die die Veteranen einst „Death Valley“ nannten. Das Spiel hier „körperbetont“ zu nennen ist eine gewaltige Untertreibung. Und da das hier New York ist, sind einige der Zuschauer, die sich von außen an den Zaun drücken, Zwischenrufer, und sie lassen es dich wissen, wenn du Mist baust. Jason Curry ist der Gründer und Präsident von Big Apple Basketball. Als er klein war, schaute er seinem Vater zu, der hier an spontanen Freundschaftsmatches teilnahm, sogenannten Pickup Games. Später spielte Curry selbst und trainierte Spitzenspieler im West 4th. Nach einem Fehler, den er hier machte, dachte er: „Der wäre mir besser an jedem anderen Ort passiert.“ Viele Leute täten sich schwer im West 4th, weil der Platz so eng ist, erklärt er. „Es ist fast wie das Gesetz des Dschungels. Man darf in keiner Hinsicht eine Schwäche zeigen, sonst machen sie dich platt.“
Der Platz ist eine große Bühne
Hier darfst du keine Schwäche zeigen, sagen die Locals. Sonst machen dich die Gegner platt. 54
Als Kenny Graham 1976 auf diesen Ort stieß und bei Spontan-Matches mitspielte, spürte er sofort, dass der Platz anders war. Er war als Lebensmittellieferant viel unterwegs. Im Gegensatz zu den typischen Basketballplätzen in New York, THE RED BULLETIN
Streetball
Spielszenen aus dem Käfig: Hier zählen Können, Härte und Respekt.
Im letzten Viertel dieses knappen Spiels ist die Spannung auf dem Platz und daneben förmlich zu greifen.
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Angriff gestoppt: Das wilde Spiel im New Yorker Käfig brachte zahlreiche lokale Stars hervor.
Hip-Hop-Größen schauen regelmäßig vorbei. EA Sports baute den Court für ein Computerspiel nach. 56
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Streetball
„Es ist fast so, als würdest du mitten am Broadway spielen – alle Augen sind auf dich gerichtet.“ auf denen nur Leute aus dem Viertel anzutreffen waren, kamen hier Spieler aus allen Teilen der Stadt zusammen – und das heißt: Spieler aus der ganzen Welt. „Du triffst hier auch heute noch Juden, Italiener, Iren, Schwarze, Native Americans, alles Mögliche“, sagt Graham. „In keinem anderen Park im ganzen Land hast du so eine Diversität.“ Die besondere Lage spielt natürlich auch eine Rolle. Die meisten OutdoorBasketballplätze New Yorks verstecken sich in entlegenen Winkeln der Stadt, aber der West 4th liegt in Greenwich Village, an der 6th Avenue, einer der großen Verkehrsadern Manhattans. Die U-Bahn-Station West 4th Street ist ein Knotenpunkt für das öffentliche Verkehrsnetz – ein Ausgang befindet sich gleich neben dem Platz. „Es ist fast, als würdest du mitten am Broadway spielen“, meint Jason Curry. „Alle Augen sind auf dich gerichtet.“ Die Spiele hier ziehen schon lange Passanten an. Irgendwann in den Sechzigern gab es schon mal eine Liga, die aber nur ein paar Jahre überlebte. Als einige Trainer entschieden, die West 4th League neu zu organisieren, erkannte Kenny Graham das Potenzial für etwas Großes. Er heuerte bei der Liga an und stieg innerhalb von zwei Jahren zu ihrem Co-Commissioner und Direktor auf. In diesen Funktionen zeigte sich Grahams Händchen für den Aufbau einer Marke. Er schuf „Kenny Graham’s West 4th Street Pro-Classic“ mit eigenem Logo und Merchandising. In den frühen Achtzigern zogen die Summer Leagues immer größere Namen aus der CollegeLiga, selbst aus dem Profi-Lager an. Die Sacheschaukelte sich hoch: Je höher das Niveau, desto mehr Publikum kam, und so wurden die Namen noch größer. Sogar Julius Erving alias Dr. J, in den Siebzigern einer der Überflieger der NBA, stopfte damals ein paar Körbe im Käfig. Schon bald beehrten nicht mehr nur New Yorker Spieler den winzigen Platz. Jason Curry erinnert sich, wie einmal vor etwa zehn Jahren plötzlich Dwight Howard auftauchte – es war zu jener Zeit, THE RED BULLETIN
als er als aufregendster Spieler der Welt gefeiert wurde –, nur um sich ein Match anzuschauen. Die Popkultur folgte. Die HollywoodStars Denzel Washington und Spike Lee waren da. Hip-Hop-Größen schauen vorbei, und Werbespots für nationale Kampagnen werden hier gedreht. Wer es persönlich nicht auf den West 4th schafft, kann sich dort virtuell austoben: im Video spiel „NBA Street V3“ von EA Sports. Die Pandemie zwang den Summer Leagues eine einjährige Pause auf. Wenn die Stadt wieder voller Leben ist, werden sich auch wieder Touristen zu den Stamm-Zuschauern am Käfig ge sellen. Graham wird Kappen und Trikots verkaufen an Menschen aus Südkorea, Norwegen und Brasilien und ihnen das Gefühl geben, genau hier im Zentrum der Basketballwelt zu sein.
Der Platz ist ein Fluchtort
Jack Ryan wuchs als Basketball-Wilder in Brooklyn auf. Als er zwölf Jahre alt war, konnte ihm kein Gleichaltriger mehr das
Wasser reichen, sein vier Jahre älterer Bruder ließ ihn bei seinen Freunden mitspielen. Als er auch die an die Wand spielte, fand Ryan, dass es an der Zeit sei, sich in Manhattan zu messen. „Ich sagte mir, okay, mal sehen, wie gut ich wirklich bin“, erinnert er sich. Wo er hingehen musste, war klar: in den Park an der West 4th Street. So nahm die Legende von „Black Jack“ Ryan in den Achtzigern ihren Anfang. Ryan wurde auch dafür berühmt, dass er Angebote von Colleges und aus der NBA in den Wind schlug – seine Unreife und eine schwierige Kindheit trugen sicherlich viel dazu bei. Der Kosename seines Vaters für ihn war ein F-Wort, sein eigentliches Zuhause war der West 4th. Black Jack und der Platz waren wie füreinander geschaffen. Einmal flog er wegen zu viel Show aus einem College-Team, aber Streetball funktioniert anders: Im Käfig war sein aufreizendes Spiel eine Waffe. Gegen Phil Sellers, einen ehemaligen Profi der Detroit Pistons, machte Ryan einmal 44 Punkte. Als ihn ein Freund darauf ansprach, antwortete er: „Wer ist Phil Sellers?“ Von dem Hall-of-FameMitglied Chris Mullin, auch eine New Yorker Basketball-Legende, ist das Statement überliefert, Black Jack sei der beste Werfer, den er außerhalb der NBA je g esehen habe. Hier im West 4th umgab Ryan eine Familie, das spürte er.
Zuseher am Zaun an der West 4th Street: Beleidigungen gehören hier zum guten Ton.
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Streetball
Hier war Beständigkeit: Dass der Punkte zähler Omar vor den Spielen immer viel zu viel billiges Bier trank und sich prompt verzählte, sodass Graham ihn korrigieren musste, änderte nichts daran, dass Omar weiterhin für die Punkte verantwortlich blieb. Ryan gefiel das. Die Sticheleien des Sprechers, der ballettgleiche Wettkampf, Kenny Grahams strenge Regeln gegen Gewalt – das alles sorgte für Stabilität in einer sonst völlig instabilen Welt. Jack Ryan war MVP („most valuable player“ – der wertvollste Spieler) in einer der Ligen, auf seiner Wade prangt ein Tattoo des West-4th-Logos. Und er trifft sich immer noch mit Leo, Sherm, Doc – all den Männern, mit denen er Freundschaft geschlossen hat in seinen fast vierzig Jahren auf dem Platz. „Jetzt,
da ich älter bin, ist das meine Familie“, sagt Ryan. „West 4th Street ist mein zweites Zuhause. Mein Hinterhof.“
Der Platz ist eine Gemeinschaft
Das mag seltsam klingen, denn das Spiel ist so körperbetont, dass es sich an der Grenze zu offener Feindseligkeit bewegt. Nach einigen Schlägereien hat Kenny Graham Nulltoleranzregeln aufgestellt. Wer gegen sie verstößt, kann des Platzes verwiesen werden. Aber es gibt eine große Wertschätzung zwischen den Spielern. Alle mühsam erarbeiteten, liebevoll gehegten Animositäten verpuffen in dem Moment, in dem sich alle zur nächsten Runde, zum nächsten Match versammeln. „Bei aller Härte herrscht ein unglaublicher Kameradschaftsgeist“, sagt Jason
Curry. „Jedem, der auf den Platz geht, wird Respekt entgegengebracht.“ Die Leute passen aufeinander auf. Die Spiele im Käfig sind für viele ein wichtiger Teil ihres Lebens. 70 Teams treten hier in Ligen gegeneinander an: je 20 für Männer und High-School-Schüler, 16 für Frauen, 14 für Nachwuchsteams. Graham, heute 69, zeigt keine Ermüdungserscheinungen, obwohl er e rklärt, im Ruhestand zu sein. Im West 4th, so sagt er, „sieht man die Früchte meiner Arbeit“. Im Moment versucht er die Magie dieses Ortes, die multikulturelle Mischung des Käfigs in die Welt hin auszutragen. Er arbeitet mit Offiziellen aus der Dominikanischen Republik an einem Austauschprogramm. Für ihn war das während der Pandemie vielleicht auch ein guter Zeitvertreib. Bald jedoch wird alles wieder so sein wie früher: Die Spieler werden auftauchen, so verlässlich, dass man die Uhr nach ihnen stellen könnte. Die Fans, die während der Summer Leagues Abend für Abend denselben Platz am Zaun besetzen, werden ihre Posten wieder einnehmen. Den Käfig gibt es jetzt schon so lange, dass er Teil von Familien geschichten geworden ist: Generationen kommen gemeinsam. Eltern reichen die Erfahrung des Spielens oder Zuschauens im West 4th wie ein Erbstück feierlich an ihre Kinder weiter. Der Platz ist also noch etwas: eine Zeitkapsel. Mit den Jahrzehnten verändert sich Manhattan, es verwandelt sich immer wieder, nimmt ständig neue Formen an. Gebäude werden abgerissen und gebaut, Restaurants wechseln den Besitzer und die Identität, Parks verwahrlosen und werden wiedergeboren. Aber dieses kleine Rechteck, das da irgendwie in Greenwich Village hinein gequetscht wurde? Dieser Käfig, so scheint es, ist für die Ewigkeit.
Streetball vom Feinsten Gleich geht’s los: Zwei Spieler der New Yorker Männerliga sind bereit für das Spiel.
Alle Animositäten verpuffen in dem Moment, in dem sich alle zum nächsten Match versammeln. 58
Am 18. Juli steigt in Berlin das Finale von Red Bull Half Court.
Sechs Spieler, ein Korb und jede Menge Action: Sei dabei, wenn in Berlin Deutschlands beste 3-gegen-3-Streetball-Teams zur nationalen Ednrunde antreten. Die Gewinner reisen zum Weltfinale nach Russland und treffen auf die Sieger aus über 20 weiteren Nationen. Detaillierte Infos über das Turnier: redbull.com THE RED BULLETIN
Hier teilen sich zwei Schülermannschaften den Platz, der viel kleiner ist als ein normales Basketballfeld.
Fast jedes Match ist intensiv, aber der Höhepunkt sind die All-Star-Games, wie hier im Bild: Da spielen die Besten der Saison gegeneinander.
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Designerin Marina Hoermanseder (35) in ihrem Atelier in Berlin. Ihr Markenzeichen stammt in diesem Fall aus einem orthopädischen Korsett.
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„Die Schnalle war mein größtes Glück“ Die Schnalle ist das Markenzeichen der österreichischen Designerin MARINA HOERMANSEDER. Am Anfang ihrer Karriere fällt sie auf, weil Lady Gaga ihre Sachen trägt. Inzwischen hat sie Briefträgern Coolness verliehen, Uhren entworfen und tritt mit Heidi Klum im Fernsehen auf. Porträt einer Frau, die weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt. Text WOLFGANG WIESER Fotos DAVID FISCHER
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Wie bist du damit umgegangen? Es war wie ein Wirbelwind, bei dem ich in der Mitte war. Aber im Zentrum eines Sturms ist es immer am ruhigsten. Ich habe einfach in Ruhe gemacht und gemacht und gemacht.
Marina Hoermanseder in Berlin bei der Arbeit, erste Skizzen vor sich
„Ich habe meine Lookbooks in die Briefkästen der zehn Top-Stylisten in L. A. werfen lassen.“
Lady Gaga in der Buckle-Jeans von Marina Hoermanseder, getragen 2015 bei New Yorks Pride Parade
the red bulletin: Und die wären? marina hoermanseder: Fleiß, Anstand, Dankbarkeit und Loyalität – auf mich kann man sich verlassen. Du hast ja geradezu rasant Karriere gemacht. Das habe ich damals gar nicht so erlebt, nicht so wahrgenommen. Ich habe die Firma gegründet, weil Lady Gaga meine erste Kollektion bestellt hat. Man kann sagen: Ich habe einfach auf den Zuspruch reagiert, den ich bekommen habe. 62
US-Sängerin Janelle Monáe in Hoermanseder auf dem „Variety“-Cover
Erzähl doch bitte, wie Lady Gaga auf dich gekommen ist. Ich gehe mit offenen Augen durchs Leben, ich interessiere mich für Erfolgsgeschichten. Und überlege mir, was ich daraus lernen kann. Ich hatte gelesen, dass Ed Hardy (US-Tattookünstler, Anfang des neuen Jahrtausends für kurze Zeit als Designer extrem populär; Anm.) seine T-Shirts und Kappen vor Hotel zimmern deponierte, in denen Stars übernachteten. Und seine Sachen hat dann immerhin Madonna getragen. Also habe ich 2013 eine Liste mit den zehn wichtigsten Stylisten in L. A. gemacht und eine Freundin gebeten, meine Lookbooks in deren Briefkästen zu werfen. Und das hat tatsächlich funktioniert. Der Mann, der sich für Hoermanseders Entwürfe interessiert, heißt Nicola Formichetti. Er ist zu dieser Zeit auch für die Outfits von Popstar Lady Gaga verantwortlich – er ist es etwa, der der Sängerin das berühmt gewordene „Fleisch-Kleid“ verpasst. Und er erkennt das Potenzial von Marina Hoermanseder. Lady Gaga schlüpft schließlich 2015 bei der Pride Parade in New York in die Buckle- Jeans der Österreicherin – Jeans, die an der Vorderseite mit Schnallen in Regenbogen farben geschmückt sind. Stars wie Kylie Jenner, Kourtney Kardashian und Jennifer Lopez kopieren den Trend. Und Marina ist praktisch über Nacht berühmt. Ein Kinderspiel, könnte man glauben. Tatsächlich hat sie all das akribisch vorbereitet. Marina Hoermanseder absolviert ein Wirtschaftsstudium, das Vater Wilhelm, langjähriger Vorstandschef des österreichischen Industrieunternehmens Mayr-Melnhof Karton, ihr abgerungen hat. 2010 liefert sie ihre Diplomarbeit ab, belegt parallel Kurse am Central Saint Martins College of Art and Design in London und wechselt schließlich nach Berlin an die Mode-Uni ESMOD. 2012 macht sie ein Praktikum im Unternehmen des 2010 verstorbenen britischen Star-Designers Alexander McQueen, das heute von Kreativdirektorin Sarah Burton geführt wird. Als sie für ihre Abschlusskollektion recherchiert, entdeckt sie orthopädische THE RED BULLETIN
DDP IMAGES
in paar Zentimeter über ihrem linken Handgelenk hat Marina Hoermanseder eine kleine Tätowierung. Es ist nicht die einzige, da ist auch noch ein Kreuzchen knapp unterhalb des Ellbogens, ein gefräßiger Pac-Man und ein zartes Porträt einer Löwin auf dem rechten Unterarm. Aber nur diese drei blassen Großbuchstaben über dem rosa Uhrband, das sich zweimal um ihr Handgelenk schlingt, irritieren den Betrachter – auch auf den zweiten Blick. Da steht: GUT. Erster Gedanke: Was, bitte, ist GUT? Zweiter Gedanke? Meint Marina Hoermanseder damit sich selbst? Ganz so einfach ist es – wie so oft – nicht. Tatsächlich werden sich diese drei Buchstaben als Statement entpuppen – allerdings ganz anders als gedacht. Aber davon später. Marina Hoermanseder, gerade 35 geworden, hat in den vergangenen acht Jahren eine beneidenswerte Karriere hingelegt – von null auf hundert in Null kommanichts könnte man sagen. Zuerst schafft sie das Kunststück, dass Lady Gaga einen ihrer Entwürfe trägt. Drei Jahre später feiert sie die Modebibel „Vogue“ als „neue Modestimme“ Berlins, wo sich inzwischen ihr Hauptquartier befindet. Und heute gilt sie außerdem als Königin der Kooperationen, eine Frau von „entschieden ungewöhnlicher Substanz“, wie es in einem Statement der Schweizer Uhrenmarke Rado heißt, die sich von Hoermanseder eben eine Uhr hat ent werfen lassen. „Ich sehe mich als fleißige, kreative Unternehmerin, das beschreibt mich am besten“, sagt Marina Hoermanseder, „mein Leben ist auf Werte gebaut, die mir stets gegenwärtig sind.“
Im Atelier von Marina Hoermanseder in Berlin. Das Schild hielt ein Model in der Herbst/Winter-2020/21Runway-Show, die ein Strapskirt aus veganem „Ananas-Leder“ trug: „Mein Rock ist aus Ananas.“
Die Erleuchtung: Zwischen ihren Schuhen im Atelier schnappt sich Marina Hoermanseder spontan eine Neonröhre als Accessoire für das letzte Bild.
Mode
Korsetts. Deren morbider Charme und das für ihre Anfertigung nötige handwerkliche Können faszinieren sie. Daraus entsteht Marina Hoermanseders Markenzeichen: der Strapskirt, ein enger Rock aus kreuz und quer übereinandergelegten Lederstreifen, die mit Schnallen verziert sind. „Mein größtes Glück ist, dass ich die Schnalle gefunden habe – daran man erkennt sofort, dass es ein Stück von mir ist. Und ich sitze nie vor einem weißen Blatt Papier. Ich arbeite immer um die Schnalle herum.“
nicht gegeben – und wer genau hinsieht, erkennt auch das eingravierte Strap muster auf dem Zifferblatt.
Hoermanseder mit Angestellten der Österreichischen Post, denen sie neuen Chic verpasst hat.
Hattest du so etwas wie einen Businessplan, also zum Beispiel: zuerst Aufsehen erregen und dann souverän den Mainstream erobern? Ich habe Wirtschaft studiert. Viele meiner Kollegen sitzen heute in den Marketingabteilungen großer Unter nehmen. Und natürlich weiß ich, dass das Allerwichtigste die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist. Andere würden sagen, ich bin der Lobbyist der Truppe. Ich bin einfach von Natur aus Netz werkerin, aber ich gebe meinem Netz werk auch immer etwas zurück.
PICTUREDESK.COM, MAKE-UP: SHIRIN KÜRSCHNER/NINA KLEIN
Warum ist das wichtig? Weil Dankbarkeit zählt. Tatsächlich habe ich einige Jobs nur bekommen, weil ich immer die Einzige bin, die sich bedankt. Man darf nicht nur verlangen – jeder, der Hilfe braucht, bekommt sie von mir auch. Ich hatte nie Berührungsängste – vielleicht, weil ich eine halbe Französin bin (ihre Mutter stammt aus Frankreich; Anm.) –, ich bin weltoffen, und es geht mir außerdem darum, Kräfte zu bündeln. Du bist für deine vielen Kooperationen bekannt – du hast etwa die Mitarbeiter von Österreichs Post neu eingekleidet. Wenn ich Kooperationen mache, stehe ich auch wirklich dahinter. Ich suche mir meine Partner ganz genau aus. Ich muss hinter dem Produkt stehen. Und ich möchte nicht das Zugpferd sein. Mein Anspruch ist es, mit jeder Kooperation meine Bekanntheit zu steigern. Deine Uhr für die Schweizer Marke Rado ist unverkennbar Marina Hoermanseder. Ich wollte schon immer eine Uhr machen, wo das Uhrband eine Schnalle ist. Dieses „Captain Cook“-Modell, das eigentlich gar nicht so feminin wirkt, ist ein echtes Statement Piece. So etwas hat es noch THE RED BULLETIN
Ihr jüngster Coup: eine Uhr für Rado. Rechts darüber ist die GUT‑Tätowierung zu erkennen.
„Die Reaktionen auf die Hasskommentare haben gezeigt, wie sehr meine Community hinter mir steht.“ Id molutet volupta turemquuntis aute none nonesto il ipiduciet quun‑ da idis sequae. Ex el imet at.
Die Uhr wird auf Marinas Instagram- Account vom Publikum übrigens begeistert aufgenommen. Auszug aus den Kommentaren: „Sieht mega aus“, „so sexy“, „… ist der Hammer“. An gleicher Stelle ist beispielsweise auch dokumentiert, wie ein Vasenkleid für Hip-Hop-Superstar Nicki Minay entsteht: Es wird gehämmert, geschliffen und gebohrt. Und wir sehen Marina erst hochschwanger und gut gelaunt im knappen Bikini durchs Bild hüpfen und später mit blankem Busen Baby Lotti stillen. Nicht immer aber ist alles eitel Wonne. Nach deinem Auftritt bei Heidi Klums TV-Show „Germany’s Next Topmodel“ hast du einen heftigen Shitstorm geerntet, weil du eine der Teilnehmerinnen kritisiert hattest. Die Reaktionen auf die Hasskommentare böser Trolls (die sich unter anderem über das Stillen des Babys lustig machten; Anm.) nach dem Auftritt bei „GNTM“ ha ben gezeigt, wie sehr meine Community hinter mir steht. Mein Vater hat immer gesagt: „Ruhm und Ruhe sind selten Freunde.“ Man muss halt lernen, sich wie ein nasser Hund abzuschütteln. Würdest du’s wieder machen? Solche Shows machen mir die größte Freude! Natürlich würde ich wieder mitmachen und wieder den Designer raushängen lassen. Das ist ein Unter haltungsformat – wer das nicht versteht, hat in der Branche nichts zu suchen. Letzte Frage, Marina: Warum hast du GUT auf deinem Unterarm tätowiert? (Lacht.) Da hast du nicht alles gesehen: Eine Silbe fehlt auf dem Foto. Bei einem unserer Events war auch ein Tätowierer, und ich habe meine Mitarbeiterinnen nach einem Wort gefragt, das ich immer sage – eines, das sie mit mir verbinden. „Urgut“, haben sie gesagt. Und das steht da jetzt auch, in Großbuchstaben. Urgut, das ist die in diesem Fall bessere Version von Gut. Ein Gut mit Augenzwinkern. Und Selbstironie ist nur eine Eigenschaft, die Marina vergessen hat, in ihrer Persönlichkeitsbeschreibung zu erwähnen.
Führung durchs Atelier in Berlin: Marina trägt ihre Kreationen.
Mehr Marina: @marinahoermanseder
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Über den blauen Augen blonder Wellenreiterstars vergaß die Welt, dass dunkelhäutige Menschen in Polynesien diesen Sport erfunden hatten. Dann kamen die Brasilianer und verärgerten die Beach-Eliten mit ihrer leidenschaftlichen Exzellenz. Jetzt zieht der „ African Storm“ auf und erfindet das Surfen neu – mit Krügen voller Ozeanwasser im Wohnzimmer und dem Zauber, der aus der Schönheit des Nichtbesserwissens erblüht. Text FLORIAN OBKIRCHER
TATE DRUCKER, NICOLE SWEET
Die Zukunft des Surfens ist afrikanisch
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Zwei Helden aus dem Buch „Afrosurf“, das Afrikas neue Surfszene vorstellt: Sung Min Cho (linke Seite) ist drauf und dran, Mosambiks erster Profisurfer zu werden. Diese Seite: Der Senegalese Cherif Fall ist der erste schwarze Surfer, der die West Africa Tour zweimal gewonnen hat.
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Surfen
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gibt da in der legendären Surfer-Doku „The Endless Summer“ aus dem Jahr 1966 eine ziemlich bezeichnende Szene: Die Helden des Films, die US-Surfer Mike Hynson und Robert August, unternehmen eine Weltreise auf der Suche nach der perfekten Welle. Auf ihrem Weg durch Afrika machen sie in Ghana Station. Am Labadi Beach holen sie die Surf bretter raus und ziehen vor scheinbar verblüfften Einheimischen eine Show ab, dass denen die Kinnlade runterfällt. So suggeriert der Film, dass die Ghanaer so etwas noch nie zuvor gesehen hätten. Aber wer genau hinschaut, erkennt bei der Ankunft von Hynson und August am Strand im Hintergrund ein paar Burschen, die auf Schwemmholz die Wellen reiten – was in der Doku jedoch niemals angesprochen wird. Eine Beobachtung, die Teil eines größeren Problems ist: Die Surfkultur wurde praktisch von Anfang an über Bilder von blonden Menschen mit blauen Augen definiert. Das Anfang des Jahres erschienene Buch „Afrosurf“ will dieses Narrativ nun korrigieren – Herausgeber sind u nter anderen Selema Masekela, 49, US-amerikanischer TV-Moderator und Surfer mit südafrikanischen Wurzeln (Selema ist Sohn der südafrikanischen Jazz-Legende Hugh Masekela), s owie das Team der afrikanischen Surfmarke Mami Wata. Zum ersten Mal wird darin die Surfbewegung Afrikas umfassend dokumentiert – von Marokko bis Somalia, vom Senegal über Mosambik bis Südafrika. Mit über 200 Fotos, 25 Porträts der besten afrikanischen Surfer und 14 kulturwissenschaftlichen Texten stellt das Buch die üblichen Surfklischees infrage. Nur ein Beispiel unter vielen: Entgegen einer weit verbreiteten Meinung war es nicht ein Botaniker in Diensten des 68
Dass es so etwas wie eine afrikanische Surfszene gibt, zeigte erstmals die Doku „Sliding Liberia“ (2007). Sie beschäftigte sich mit dem lokalen Pionier Alfred Lomax (hier auf der Welle) und begeisterte mit Bildern von unberührten Stränden. THE RED BULLETIN
ARTHUR BOURBON
„Es war doch immer so: Um als Surfer ernst genommen zu w erden, musstest du blonde Haare und blaue Augen haben.“
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Der südafrikanische Big-Wave-Surfer Grant „Twiggy“ Baker in seinem Element. Er meint: „In 20 Jahren gibt es mindestens so viele schwarze Weltklasse-Surfer wie jetzt brasilianische.“
Surfen
eltumseglers Captain James Cook, W der 1767 in Tahiti zum ersten Mal in der Geschichte einen Surfer beobachtete; tatsächlich stammt die erste erhaltene Aufzeichnung aus den 1640ern aus je nem Gebiet, auf dem sich heute Ghana befindet. Im Interview erklärt Selema Masekela, wie es zum Erblühen des Surfens in Afrika kam und warum es nur eine Frage der Zeit ist, bis Afrikaner die weltweite Szene aufmischen. the red bulletin: Herr Masekela, was hat Sie zu Ihrem Buch „Afrosurf“ über Afrikas Surfkultur inspiriert? selema masekela: Mein Vater hat sich auf dem Totenbett gewünscht, dass ich seine Arbeit fortsetze – die Beziehung der Leute zum afrikanischen Kontinent zu fördern und ihren Eifer, ihn zu ent decken. Nach seinem Tod 2018 dachte ich darüber nach, wie ich dieses Ver mächtnis einlösen würde. Ich wollte die Sache über das Surfen anlegen. Wir be gannen zu diskutieren, wie Surfen als ein Brennglas einsetzbar wäre, um die Schönheit Afrikas zu zeigen: Bilder, die noch niemand gesehen hatte, und Ge schichten, die noch nie erzählt wurden. Warum hat die Welt dieses Buch gebraucht? Seit ich denken kann, zeigen 99,9 Prozent der gängigen Surfbilder Menschen, die keine große Ähnlichkeit mit mir hatten. Es war doch immer so: Um als Surfer ernst genommen zu werden, musstest du blonde Haare und blaue Augen haben. Das ist das sichtbare Erkennungszeichen von Surfern – ungeachtet der Tatsache, dass das Surfen von Süd-Polynesiern erfunden wurde …
MARTIN CAPRILE
… und von Afrikanern auf dem Gebiet des heutigen Ghana, wie wir im Buch lernen. Wie konnte dieser wichtige
„Wir wollten das Surfen als Brennglas einsetzen, um die Schönheit Afrikas zu zeigen.“ THE RED BULLETIN
Der US-amerikanische TV-Moderator Selema Masekela ist einer der Herausgeber des Buchs „Afrosurf“, das erstmals die gesamte Wellenreiterszene Afrikas dokumentiert. Es ist das Ergebnis eines Versprechens, das er seinem Vater auf dem Totenbett gab.
spekt so lange ignoriert werden, A sogar innerhalb der Szene? Da gibt es all diese merkwürdigen Me thoden, mit denen die Geschichte weiß gewaschen und so verändert wird, damit es so aussieht, als ob ein bestimmter Teil der Menschheit die Dinge erfunden hat, weil er großartiger, talentierter und von Gott gesegnet ist. Lauter Dinge, von de nen wir überzeugt worden sind, richtig? Das hat zu einer Menge Missverständnis sen geführt: Ich sehe immer wieder die Reaktionen von Menschen auf Bilder, die Afrikaner beim Surfen auf hohem Niveau zeigen. Ungefähr so: „Hä?“ Als ich seiner zeit surfen lernte, fragten mich die Leute: „Wie kann es sein, dass du surfen lernst, wenn Menschen wie du doch nicht ein mal schwimmen können?“ Wenn du dir Surfvideos anschaust: Die Mehrzahl von
ihnen wurzelt in der Idee, dass weiße Menschen exotische Gegenden auf suchen und unglaubliche Wellen r eiten, während die Einheimischen am Strand stehen und ihnen ungläubig z uschauen. Der Film „The Endless Summer“ ist das klassische Beispiel dafür. Hatten Sie vor, die Praxis des Weiß waschens in der Geschichte des Sur fens aufzudecken? Unsere Absicht war es nicht, zu sagen: „Hey, alles, was sie dir bis jetzt übers Surfen erzählt haben, ist eine Lüge.“ Wir wollen nur den Blickwinkel dafür erweitern, wie wir den Surfsport wahr nehmen, und darüber hinaus einen Einblick in den Reichtum Afrikas bieten. Dieses Buch ist eigentlich nur ein kleiner Kratzer an der Oberfläche. 71
Surfen
Weil es heute Vorbilder gibt. 2018 war der Südafrikaner Mikey February der erste nicht weiße Surfer auf der World Tour. Das öffnete die Tür sowohl für afrikanische Kids überall auf dem Kontinent als auch für schwarze Surfer auf der ganzen Welt. Vor Mikey wussten sie nicht, dass es überhaupt möglich war, so aus zusehen und das zu machen. In ganz Afrika wurde Surfen historisch als ein Sport für Weiße gesehen.
Mitglieder des 2012 ins Leben gerufenen Bureh Beach Surf Club in Sierra Leone. „Nur wenige wussten damals, was Surfen ist“, sagt Mitgründer Jahbez Benga (nicht im Bild).
Warum passiert das erst heute und nicht schon vor zehn Jahren? 72
„Wenn ich früher mit einem Board in die Hotellobby kam, erstarrten alle.“
Und das ist nur dreißig Jahre her … Sogar im Südafrika von heute gibt es noch eine Menge Leute, die an eine Wohltätigkeitssache glauben, wenn sie schwarze Kids surfen sehen – eine Aktion des guten Willens. Es ist, als würden sie eine Tür aufhalten, um sie h ereinzulassen – dabei gehört das Surfen genauso gut uns wie ihnen.
Das ist die 15-jährige Senegalesin Aita Diop. Ihre Fähigkeiten auf dem Board brachten ihr ein Stipendium der International Surfing Association. Für talentierten Nachwuchs in der beständig wachsenden Szene ist jedenfalls gesorgt.
Im Buch sagen viele Surfer, dass ein besonderes Kennzeichen der afrikanischen Surfkultur darin besteht, dass es keine gibt. Dass sie sie erfinden, während sie surfen. Das ist richtig. Die Abwesenheit von Magazinen oder einer Gehirnwäsche über Generationen – in der Art von „Du musst das so und so machen, sonst machst THE RED BULLETIN
MAGNUS ENDAL, DJIBRIL DRAME
Der südafrikanische Surfprofi Grant „Twiggy“ Baker meint, dass das Surfen in Afrika soeben im Begriff ist, zu explodieren – so wie die brasilianische Szene vor zehn Jahren. Sehen Sie das auch so? Total. Der „Brazilian Storm“ war etwas, was das Mainstream-Surfen nicht kommen gesehen hat. Die Brasilianer wurden immer als Belästigung gesehen, weil sie kulturell anders waren. Das Maß ihrer Leidenschaft fürs Surfen war anders, und die Leute verstanden nicht, wie sie plötzlich auf der Weltbühne auftauchten. Als der Sturm 2011 ankam, drehte er alles. Es war sehr schierig für die Surf-Community, das zu verdauen und die Dominanz und das Leistungsniveau zu akzeptieren, das die Brasilianer brachten – bis zu dem Punkt, an dem sie sich für ihren Stil entschuldigen sollten. Ich hätte damals nicht gedacht, dass brasilianische Surfer je Teil der globalen Teams der größten Marken der Welt sein würden, aber heute beherrschen sie die World Surf League Championship Tour … Ich glaube, der „ African Storm“ entwickelt sich gerade. Afrika hat die jüngste Bevölkerung und ist ein riesiger Kontinent. Es ist nicht die Frage, ob der afrikanische ProfisurferSturm kommt, sondern nur, wann.
Warum denn das? In Südafrika zum Beispiel wurde Surfen durch die Apartheid eindeutig geregelt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich 1991 am North Beach von Durban verhaftet werden sollte. Das war nach der Aufhebung des Segregationsgesetzes (das den verschiedenen Rassen zwischen 1951 und 1991 unterschiedliche Wohngebiete zuwies), also rein technisch war meine Anwesenheit dort erlaubt. Aber der Umstand, dass ich dort war und mir nichts, dir nichts „ihr Ding“ machte, hat die Cops dermaßen aufgeregt, dass sie mich drei Tage lang beobachtet haben, bevor sie irgendeinen lächerlichen Grund fanden, um mich festzunehmen. So war das damals. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit einem Surfboard aus dem Aufzug in die Hotellobby kam und alle in der Sekunde erstarrten. Sie glotzten mich an und bewegten sich nicht mehr. Es war ein Anblick, den sie nie im Leben erwartet hatten.
South-African-OpenChampion Joshe Faulkner zeigt, was er kann. „Ein schwarzer Surfer zu sein bedeutet mir eine Menge“, sagt er, „gerade weil es ein von Weißen dominierter Sport ist.“
MARTIN CAPRILE ,DJIBRIL DRAME, ALAN VAN GYSEN
„Es ist nicht die Frage, ob der afrikanische Profisurfer-Sturm kommt, sondern nur, wann.“
Auf 30.500 Kilometern Küste gibt es natürlich auch den einen oder anderen Geheimtipp: hier ein nahezu jungfräulicher Traumstrand im Süden Angolas mit drei Kilometern Wellen. THE RED BULLETIN
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Surfen
Der Südafrikaner Mikey February, 28, scha≠te es 2018 als erster Schwarzer, sich für die World Surf League Championship Tour zu qualifizieren. Er ist der Held von Legionen afrikanischer Jugendlicher.
„Der Zauber beginnt, wenn dir niemand diktiert, was richtig oder falsch ist.“
du es nicht richtig“ erlaubt einen völlig anderen Zugang. Die Schönheit des Nichtbesserwissens ist genau der Punkt, wo der Zauber passiert. In der Kunst, in der Musik und überhaupt im Leben ist es ja dasselbe: Keine Instanz zu haben, die dir diktiert, was richtig oder falsch ist, war immer schon der Schlüssel, um kulturverändernde Momente zu schaffen. Wenn man sich die Porträts der afrikanischen Surfhelden anschaut, scheint es einen roten Faden zu geben: die spirituelle Verbindung zum Meer. Diese Idee des Surfens als sexy Freizeitvergnügen existiert in der afrikanischen Kultur nicht; stattdessen gibt es eine starke Verehrung für den Ozean. Als mein Vater jung war und damit anfing, Konzertreihen in den südafrikanischen Townships zu spielen, hat ihn meine Oma gebeten, Krüge mit Ozeanwasser aus bestimmten Regionen mitzubringen, das war ihr einziger Wunsch. Sie hat diese Krüge auf einem Regal im Wohnzimmer aufgehoben. Mein Vater hat auch einen Song mit dem Titel „Mami Wata“ geschrieben – eine Ode an die spirituelle Energie des Ozeans.
ALAN VAN GYSEN, YORIYAS YASSINE ALAOUI ISMAILI
Hat dieser spirituelle Aspekt irgend eine Auswirkung auf den Zugang der Leute zum Surfen? Die Gemeinschaft und die Nähe in indigenen Kulturen sind einzigartig. Im Fall Südafrikas besteht etwa die Ubuntu- Philosophie darin, dass das Teilen alle Menschen miteinander verbindet. Wenn du das auf die Einstellung zum Surfen überträgst, kommst du zu völlig anderen Ergebnissen als die Surfer anderswo. Glauben Sie, dass Sie dieser Sinn für Gemeinschaft zu einem besseren Surfer gemacht hat? Wenn du dir die weltbesten Surfer – ganz egal, welcher Hautfarbe und Kultur – anschaust, dann hatten viele von ihnen mit Widrigkeiten zu kämpfen. Sie mussten Hindernisse überwinden, um gut zu werden. Kelly Slater hatte ein kaputtes Elternhaus, mit Alkoholismus in seiner Familie, also wurde das Surfen zu seiner Oase. Oder schau dir die Geschichten dieser brasilianischen Surfer an: Viele von ihnen kommen aus den sehr starken THE RED BULLETIN
Ramzi Boukhiam vertritt Marokko bei den Spielen in Tokio. „Wir sind eine Surfnation“, sagt er. „Wir haben 3000 Kilometer Küste mit Weltklassewellen.“
Gemeinschaften ihrer Favelas, nicht? Sie haben es alle geschafft, wirtschaftliche Krisen zu überwinden. Wenn wir lernen, unsere Kultur mit unserem Talent, harter Arbeit und Chancen zu verbinden, dann werden wir aufsteigen. Wie sehen Sie die Zukunft der afrikanischen Surfkultur? Das wird davon abhängen, wie die SurfCommunitys quer über den ganzen Kontinent ihre eigene Definition von Surf kultur hinkriegen – von der Gründung von Marken, die Menschen weltweit ansprechen, bis zur Neuausrichtung des Surftourismus. Im Augenblick wird die Szene noch von Amerikanern und Aus traliern dominiert, die nach Afrika gehen und dort Einheimische engagieren – sie bestimmen, wie die Geschäfte laufen. Doch was wäre, wenn das Business von Afrikanern geführt werden würde – anstatt dass Ausländer diese Wir-obenihr-unten-Situation schaffen? Das wäre eine riesige Chance für Einheimische, ihre eigene Version solcher Betriebe aufzubauen und zu gestalten. In einem Essay schreibt der süd afrikanische Surfstar Mikey February: „Ich habe das Gefühl, dass die afri
kanischen Surf-Communitys in Zukunft viele Menschen auf der ganzen Welt beeinflussen werden.“ Stimmen Sie dem zu? Ja. Mikey sagt, dass die afrikanische Art, Dinge auszudrücken, sehr roh und ehrlich ist. Da gibt es keine hohlen Phrasen, und niemand versucht, andere zu beeindrucken. Das ist ganz wichtig, denn all deine Erfahrungen an Land prägen dich, wenn du auf dem Board stehst. Das ist es, was du ausstrahlst – das Essen, die Musik, das Tanzen. Kultur und Tradition. All diese Dinge, die für deine Kultur einzigartig sind, prägen dich auch beim Surfen. Das ist auch der Grund für die Ausstrahlung der Brasilianer und dass die Menschen in Tahiti tanzen, wie sie tanzen. Im Wesentlichen ist es das, was dem Surfen seinen Reichtum verleiht, seine Tiefe und seine Vielfalt. Das ist es, was Surfen so cool macht.
„Afrosurf“, 320 Seiten, Ten Speed Press, z. B. bei Amazon um ca. 33 Euro. mamiwatasurf.com/ pages/afrosurf
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Liebe ist stärker Gehirnforschung
als Kokain
Das Gehirn hat den Menschen zum intelligentesten Lebewesen der Erde gemacht. Aber nicht klug genug, um die Funktionsweise dieses Organs vollständig zu verstehen. Die deutsche Therapeutin Anja Hussong und der Schweizer Wissenschaftler Philipp Stämpfli arbeiten in unterschiedlichen Fachrichtungen mit dem Gehirn: Hier erklären sie, warum wir beim Duschen Lösungen finden, uns Laufen beim Erinnern hilft und Liebe stärker wirkt als jede Droge. Text WOLFGANG WIESER Illustrationen JOCHEN SCHIEVINK
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KUNSTWERK IM KOPF
THE RED BULLETIN
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Mittels Magnetresonanz lässt sich das Netzwerk der Nervenfasern im Gehirn darstellen. Neben ihrer wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit e rschaffen die beiden Forscher Anja Hussong und Philipp Stämpfli aus solchen Aufnahmen bunte GehirnKunstwerke wie dieses Exemplar.
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1 FORSCHER & THERAPEUTIN MIT GEMEINSAMER MISSION
Philipp Stämpfli und Anja Hussong machen die Schönheit des Gehirns sichtbar. Mit Wissenschaft und Kunst.
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ie Mission von Anja Hussong und Philipp Stämpfli ist es, „die Schönheit und Einzigartigkeit des menschlichen Gehirns in die Welt zu tragen“. Hussong ist Neurofeedback-Therapeutin, Stämpfli ist Informatikingenieur und leitet das Zentrum für MagnetresonanzBildgebung an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, zudem ist er Hypnosetherapeut. Gemeinsam haben sie die Firma BrainPics gegründet. Das Ziel des Unternehmens ist, mit Hilfe eines komplexen Verfahrens, der sogenannten diffusionsgewichteten Bildgebung, die Schönheit der Struktur der Nervenfaserverbindungen sichtbar zu machen – gern auch vom Gehirn der Kunden. Diese Netzwerke steuern unsere Denkleistung, Konzentration und Gefühle. Was dabei so abgeht? Hier sind neun Beispiele aus der Hirnforschung.
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Warum wir unter der Dusche oft die besten Ideen haben
Die Erklärung: Duschen ist wie ins Ka-
minfeuer starren – man erreicht einen fast hypnotischen Zustand. Das Unter bewusstsein liefert Antworten, die rational (noch) nicht greifbar wären. Im Detail: Warmes Wasser umhüllt den Körper. Die Muskeln entspannen sich. Der Duft der Seife bahnt sich durch die Nase den Weg in den Mandelkern (Amygdala) im Zentral gehirn. Er wandelt Wahrnehmungen in Gefühle um und weckt Erinnerungen. Das Gehirn produziert vermehrt beruhigende Alpha-Theta-Wellen. Schließen wir jetzt noch die Augen, aktiviert sich das „Default Mode“Netzwerk (Ruhenetzwerk). Die Ablenkung von außen wird verringert, der Geist findet Zugang zum Unterbewusstsein – plötzlich tauchen Antworten auf Fragen oder Lösungen auf, die vorher nicht greifbar waren.
Wie Gehirntraining dabei hilft, vernünftig mit Geld umzugehen
... oder warum wir Lotto spielen, obwohl wir statistisch betrachtet 450.000 Jahre spielen müssten, um eine 95-prozentige Chance auf einen Jackpot zu haben.
Die Erklärung: Mittels Neurofeedback lässt sich der Frontalkortex (Stirnhirnlappen) trainieren, er ist für die Impulskontrolle zuständig. Weil wir Menschen aber grundsätzlich Optimisten sind, probieren wir das L ottospielen entgegen besserem Wissen trotzdem immer wieder – die Verlockung des schnellen Gewinns ist zu groß. Im Detail: Es gibt Untersuchungen, die
zeigen, dass die meisten Menschen eher davon ausgehen, zu denen zu gehören, denen etwas Gutes widerfährt – etwa ein Lottogewinn. Gleichzeitig wird die Möglichkeit, dass einem etwas Schlimmes passiert, als eher unwahrscheinlich eingeschätzt. Dabei spielt der Frontalkortex eine große Rolle. Er ist sozusagen die letzte Instanz in der Netzwerkreihe des Gehirns und entscheidet, ob eine Handlung ausgeführt wird oder nicht. Eine Unteraktivierung des Frontalkortex kann dazu führen, dass jemand spielt, obwohl es kein logisches Argument dafür gibt. Ein gezieltes Neurofeedback-Training zur verstärkten Aktivierung des Frontal kortex kann helfen, den Impuls zum Spielen zu kontrollieren. B essere Impulskontrolle hilft übrigens bei allen Süchten. Vorteil: Der Frontalkortex ist sehr lernfreudig – weil wir dabei Lust empfinden.
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So arbeitet unser Gehirn
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Gehirnforschung
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Warum uns zu viele Drinks geschwätzig machen Die Erklärung: Alkohol bringt vor allem zwei Botenstoffe im Gehirn ins Ungleichgewicht – und das lockert unsere Zunge. Im Detail: Alkohol aktiviert den Boten-
stoff GABA (Gamma-Aminobutter säure). Wir fühlen uns entspannter. Gleichzeitig wird der Botenstoff Glutamat, der für das „schnelle Denken“ zuständig ist, blockiert. Enthemmt und denkfaul – schon ist’s passiert: Wir plaudern ein Geheimnis aus, das sonst niemals über unsere Lippen gekommen wäre.
Wir können unser Hirn mit Dauerläufen trainieren. Körper liche Anstrengung lässt die Zellen im Hippocampus wachsen. Das steigert Kurz- und Langzeitgedächtnis. THE RED BULLETIN
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Wie ein übereifriges Gehirn Ehen gefährden kann
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Warum Laufen Erinnerungen bewahrt
Die Erklärung: Eine Studie hat gezeigt, dass der Hippocampus, die zentrale Schaltstelle des limbischen Systems, mit Dauerläufen trainiert werden kann. Gut in Form, macht er höhere Denkleistungen möglich und hat ein stärkeres Erinnerungsvermögen. Im Detail: Der Hippocampus ist das
Die Erklärung: Das zum limbischen System gehörende Cingulum (Teil des Frontalhirns) steuert das Sozial verhalten. Ist es zu aktiv, werden wir nachtragend, unkooperativ und grantig. Und das hat noch keiner Beziehung gutgetan. Im Detail: Das Cingulum ist verant-
wortlich für die kognitive Flexibilität und die soziale Anpassung an den Alltag, entscheidet über die Kooperationsbereitschaft und die Fähigkeit, Chancen zu erkennen und zu er greifen. Ist dieser Bereich über- oder unteraktiviert, kann es zu Problemen im täglichen Miteinander kommen. Diese Menschen neigen dazu, sich ständig zu sorgen, sind n achtragend, unflexibel und zwanghaft – Eigen schaften, die zu Problemen in Be ziehungen führen können. Ein Ansatz zur Abhilfe kann Neurofeedback sein. Wichtige Voraussetzung: der Wille, wirklich etwas zu ändern.
Zentrum für Erinnerungen aus dem Kurz- und Langzeitgedächtnis. In ihm wird bei Erwachsenen auch das Protein BDNF (Brain-Derived Neuro trophic Factor) gebildet. Eine Studie zeigte, dass ein niedriger BDNF- Spiegel mit einem kleineren Hippocampus verbunden sein kann. Dies lässt den Rückschluss zu, dass ein kleinerer Hippocampus mit schlechteren Gedächtnisleistungen einhergeht. Die Bildung des BDNF wird unter anderem angeregt, wenn Muskeln sich zusammenziehen. Das heißt: Körperliche Anstrengung lässt die Gehirnzellen im Hippocampus wieder wachsen und optimiert so seine Leistung im Kurz- und im Langzeitgedächtnis.
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Wie wir uns zum Traumjob denken
Die Erklärung: Glaube kann Berge v ersetzen – das stimmt tatsächlich. Eine präzise Vorstellung wird vom Gehirn als wahr betrachtet und führt dazu, dass zum Beispiel der Traum job Wirklichkeit wird.
Warum Verliebtsein stärker (und gesünder) als jede Droge ist
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Warum Multitasking Blödsinn ist (und trotzdem ans Ziel führen kann)
Im Detail: Die ersten Auswirkungen
Im Detail: Jeder Gedanke, der intensiv
genug ist, löst im Gehirn die Aus schüttung von Nervenbotenstoffen (Neurotransmittern) aus. Bei negati ven Gedanken erzeugen sie Stress, bei positiven machen sie uns zu er folgreichen Menschen. Aus diesem Grund gilt: „Achte auf deine Ge danken – sie erzeugen deine Welt!“ Für die Ausschüttung der Botenstoffe spielt es erstaunlicherweise keine Rolle, ob wir uns eine Situation nur vorstellen oder sie echt erleben, denn das Unterbewusstsein kann nicht zwi schen Fiktion und Fakten, zwischen Traum und Wirklichkeit unterschei den. Eine im Unterbewusstsein ver ankerte Vorstellung wird auf die Art zur „persönlichen Wahrheit“. Jeder Gedanke hinterlässt im Gehirn eine Gedächtnisspur – ein Muster, das ab gerufen und verfestigt wird, je öfter wir diese Spur benutzen. Denken wir uns also nur oft genug in unseren Traumjob (und tun natürlich auch etwas dafür, dass wir dort gebraucht werden), steigert das die Chancen, diese Stelle tatsächlich zu bekommen. Genau so verwurzeln sich auch ande re Glaubenssätze, positive wie – auf gepasst! – negative: Die Sätze „Du taugst nichts“, „Das schaffst du nie“, „Du bist zu dick“ können so zur fixen Idee und in der Folge wahr werden. 80
Die Erklärung: In der Verliebtheits phase werden vom Gehirn die glei chen Neurotransmitter ausgeschüttet wie beim Kokainkonsum. Die Folge: das gleiche Hochgefühl, aber ohne die gesundheitlichen Risiken.
Die Erklärung: Multitasking funktio
niert nicht, sagt die Hirnforschung. Wer trotzdem alles gleichzeitig macht, wünscht sich vermutlich unbewusst eine Änderung seines Lebens. Im Detail: Wer mehrere Dinge zur
gleichen Zeit macht, schenkt keiner von ihnen die nötige Aufmerksam keit. Das führt zu Schlampereien und Fehlern. Im Wiederholungsfall wird womöglich der Chef reagieren – et wa mit Versetzung oder Kündigung – und so für die unbewusst herbei gesehnte Veränderung sorgen.
von Sich-Hals-über-Kopf-Verlieben und dem Konsum von Kokain sind recht ähnlich. Man spürt unfassbare Euphorie, mitunter Appetitlosigkeit und überbordende Motivation – das ist bei Liebe und Droge gleich. Nervenbotenstoffe (Neurotrans mitter) lassen sich also durch einen anderen Menschen oder mit Chemie beeinflussen. Die Liebe schädigt allerdings nachweislich weder die Herzwände noch die Organe, und irgendwann stabilisiert sich auch der Schlafrhythmus wieder.
Ein verliebtes Gehirn schüttet die gleichen Neurotransmitter aus wie beim Drogenkonsum. Aber ohne Risiko für die Gesundheit. THE RED BULLETIN
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Wie wir der Angst die Kraft nehmen
Die Erklärung: Angstzustände werden oft durch eine falsche „Programmierung“ im Unterbewusstsein verursacht – und sind durchaus behandelbar. Im Detail: Das Unterbewusstsein ist
leider – im Gegensatz zum Bewusstsein – nicht rational und analytisch, sondern stellt oft Verknüpfungen her, die nicht logisch sind. Solche „Fehlprogrammierungen“ können Ängste, aber auch Blockaden, Suchtverhalten, Allergien oder andere körperliche Symptome auslösen, deren Ursache analytisch nicht zu ergründen ist. Durch moderne Hypnosetherapie kann jedoch der Ursprung des Angstgefühls aufgedeckt und neutralisiert werden. Das Ergebnis der Veränderung ist messbar, indem man beispielsweise die Hirnleistung in einem bestimmten Netzwerk in gewissen Situationen vor und nach einer Therapie misst. Ein Trauma kann innerhalb weniger Millisekunden entstehen – aber mit einer Therapie auch ebenso schnell aufgelöst werden. BRAINPICS GMBH
GEHIRNE ABSTRAKT
Zwei weitere Magnetresonanz-Kunstwerke von Hussong und Stämpfli. Wer sein eigenes Gehirn als Bild an die Wand hängen will, kann eine Sitzung hier buchen: brainpics.ch
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ANZ EIGE
must-haves
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1 JUNGE LIEBE
2 SPECIAL EDITION
3 WILDES DING
4 PERFECT MATCH
5 DIE SPORTBRILLE FÜR ALLES
6 EASY TO LOVE
Tim Thoelke, Stadionsprecher von RB Leipzig, interviewt 44 Fans: Egal ob Lokführer, Lehrerin, Professor oder Boxerin – sie erzählen von den schönsten Momenten der jungen Vereinsgeschichte. Fotograf Enrico Meyer porträtiert die Fans für diesen einzigartigen Text-Bild-Band, der zeigt, dass Fußball ein Sport ist, der ohne Fans nur halb so großartig wäre! pantauro.com
Was kommt dir in den Sinn, wenn du an das perfekte Mountainbike denkst? Richtig, das brandneue SCOTT Spark. Warum? Tja, abgesehen davon, dass es schnell, leicht und für verschiedenstes Terrain geeignet ist, sieht es auch verdammt gut aus. Sportliches Trail Bike? Downcountry Rig? Race Maschine? Es bleibt ganz dir überlassen, wie du es nennst. scott-sports.com
In Zusammenarbeit zwischen CASIO EDIFICE und dem F1-Rennstall AlphaTauri ist ein neuer Connected Chronograph entstanden: Die EQB-1000AT-1AER verkörpert gekonnt sportliche Leistungskraft und einen lässigen Lifestyle. Markante Stilelemente aus der Welt des Motorsports spiegeln sich im Design wider, das Gehäuse ist aus massivem Edelstahl. edifice.de
Egal ob zum Biken, Wandern oder Laufen: Die federleichte Sportbrille The HAWK von NAKED Optics wird allen Anforderungen gerecht. Der stylishe All rounder ist sehr flexibel und durch das magnetische Schweißband und das Brillenband angenehm zu tragen. Für die beste Sicht bei allen Bedingungen sorgen insgesamt 6 Wechselgläser. nakedoptics.net
Die Brixton Felsberg 125 XC verwandelt jedes noch so schwierige Gelände in ein Paradies. Gebaut nach dem Vorbild einer klassischen Enduro, wurde dieses Motorrad entwickelt, um immer wieder schmutzig gemacht zu werden. Mit seinem hohen Vorderradkotflügel und dem starken Unterbodenschutz ist die Felsberg 125 XC für jedes Abenteuer gerüstet. brixton-motorcycles.com
Skandinavisches Design gepaart mit Premium- Qualität: Die leichte und schlanke Suunto 9 Peak überzeugt bei Tag und Nacht mit viel Leistung und höchstem Komfort. Mit bis zu 170 Stunden GPS- Akkulaufzeit, über 80 Sportarten, Barometer, Herzfrequenz- und Blutsauerstoffmessung ist sie ein stylisher Begleiter für alle Abenteurer. suunto.com
GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen
FELS IM GRIFF
STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL
SIMON SCHREYER
Die Schweiz mediterran: auf Boulder-Tour im Tessin mit Maestro Giuliano Cameroni
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GUIDE Reisen
„Im Tessin gibt es eine höhere Konzentration an kniffligen Felsproblemen als überall sonst in Europa.“ Boulder-Profi Giuliano Cameroni, 24, erzählt uns von seiner Kletter-Heimat
I
ch war noch nicht einmal geboren, da war ich schon auf den Felsblöcken des Tessins unterwegs. Meine Mutter ließ es sich nämlich nicht nehmen, sogar während der Schwangerschaft zu bouldern (also in Absprunghöhe zu klettern, Anm.). Auch mein j üngerer Bruder Diego und mein Vater Claudio (der ganz besonders!) sind in meiner Heimat als Boulderer bekannt. Mein Vaterhat sogar vier beliebte Guides über das Tessin verfasst. Klettern ist bei uns also eine echte Familienangelegenheit. Und die Boulder-Felder der U mgebung waren bereits meine Spielwiese, als ich erst vier Jahre alt war. Im Tessin befinden sich vier wichtige Boulder-Gebiete: Cresciano, Chironico, Brione und den Gotthardpass. Sie alle zeichnen sich durch hohe Felsqualität aus. Die Granit- und Gneisblöcke verfügen über kompakte Strukturen – gerade genug für Griffe und Leisten. Es kommt so gut wie nie vor, dass ein Griff ausbricht. Außerdem ist der Fels so gestaltet, dass sich die Bewegungen ganz von selbst ergeben. Es ist beinahe so, als hätte die Schöpfung für uns mitgedacht. Hier spricht der Fels zu den Kletterern. 84
Steiniges Zuhause: Boulder-Profi Giuliano Cameroni auf einem Felsblock im Tessin
Der klare Bergbach im Tessiner Verzascatal erzeugt natürliche Whirlpools. Hier findet man nach dem Bouldern herrliche Abkühlung. THE RED BULLETIN
Anreise Mit dem Auto: Von Zürich aus erreicht man den Gotthardtunnel in etwa eineinhalb Stunden (keine Maut!). Eine Autobahn- Vignette für 10 Tage kostet € 9,40 / CHF 10.29. Am besten gleich einen Zwischenstopp einlegen, denn der Gotthardpass ist für sich schon ein BoulderTraumziel. Fährt man doch durch den Tunnel, so erreicht man ungefähr eine Stunde nach der Tunnelausfahrt Bellinzona. Von dort sind es nur noch wenige Minuten bis Cresciano.
Zürich Bern
Schweiz KANTON TESSIN Cresciano Lugano
Mit der Bahn: Die Fahrzeit von Zürich nach Bellinzona beträgt etwa 2 Stunden. (Ticket: € 71,– / CHF 77.80).
STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL, EVOLUTIONCENTER.CH, GETTY IMAGES (2) SIMON SCHREYER
Der Ort Lavertezzo in der Valle Verzasca: Hier können Besucher bouldern und wildbaden.
Gut zu wissen
Im Tessin gibt es so eine höhere Konzentration an kniffligen Felsproblemen als überall sonst in Europa – genau das begeistert den ambitionierten Boulderer. Und meine Erfahrung ist: Jeder Felsen hat seine ganz eigene Energie.
Unterkunft: Barbara und Cornelia betreiben das Ostello Cresciano, das sich unter Kletterern zunehmender Beliebtheit erfreut. Dort ist das Frühstück inkludiert, das Wi-Fi gratis und die Lounge gemütlich. Als Alternative bieten sich Airbnb an oder drei Campingplätze (Al Censo, Bellinzona oder Agriturismo La Finca), wenn ihr mit dem Van anreist.
Ob Anfänger oder Experten: Hier können alle klettern Drei der Boulder-Probleme möchte ich hier genauer vorstellen. Sie befinden sich in meinem Lieblingsgebiet – in Cresciano. Fangen wir mit dem schwierigsten an (in der Klammer steht jeweils der BoulderSchwierigkeitsgrad aus der Skala bis 9a): Dreamtime (8b+/8c), 7 Meter lang, 3 Meter hoch, ist ein Klassiker mit THE RED BULLETIN
An Regentagen bieten sich zwei Indoor-Anlagen zum Klettern an: Alphaboulder in Giubiasco und die Sportkletterhalle Evolution (Bild links) in Taverne. Für Regentage: Kletterhalle Evolution in Taverne
Infos: ostello-cresciano.online
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GUIDE Reisen
Die Ponte dei Salti im Verzascatal lädt Wagemutige zum Sprung ins Wasser.
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Zur Abkühlung in der Verzasca baden
„Im Tessin spricht der Fels zu den Kletterern.“ Giuliano Cameroni, 24, Boulder-Profi
Dazu kommt noch, dass die Gegend eine besonders friedvolle Ausstrahlung hat. Falls in Cresciano einmal viel los sein sollte (was aber selten vorkommt), kann man immer noch nach Chironico in Leventina ausweichen. Zur Abkühlung baden meine Freunde und ich gern in der Verzasca. Der klare Bergbach in dem idyllischen Tal erzeugt natürliche Whirlpools mit sanfter Strömung. Attraktive Alternative dazu: Ponte Brolla im nahe gelegenen Maggiatal. Dort kann man aus mehreren Metern Höhe ins Wasser springen und manchmal auch professionellen Cliff-Divern zuschauen. Mehr über Giuliano Cameroni: Instagram: @giuliano_cameroni, redbull.com THE RED BULLETIN
SIMON SCHREYER
Pluspunkt der Gegend: Im Tessin lässt sich das ganze Jahr über klettern. Und: Es scheint extrem oft die Sonne!
GETTY IMAGES, STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL
20 Zügen und einem Dyno (Sprung) am Ausstieg. Die Route führt durch einen 45-Grad-Überhang, steigt von rechts nach links und führt dann mittig nach oben. Was ich hier mag, ist der geschmeidige Bewegungsfluss. La grotte des soupirs (7c), 4 Meter lang, 2 Meter hoch, ist ein höhlenartiges Dach mit weiten Griffabständen. Sie bietet einen nicht zu schwierigen, aber kräftezehrenden Ablauf. Anstrengung und Akustik haben Erstbegeher Fred Nicole zu dem Namen inspiriert: die Höhle der Seufzer. Il Cerchio Celtico (6a+), 4 Meter lang, 2 Meter hoch, wohl ein ehemaliger keltischer Kultplatz, befindet sich auf einem Hügel mit unglaublichem Panorama. Auf den Boulder führen fünf Routen, die sich zum Aufwärmen für Könner oder als Startpunkt für Anfängerinnen und Anfänger eignen. Die meisten Boulder stehen tief in der wilden Landschaft versteckt, weitab jeder Zivilisation. Ein weiterer
Spitz die Ohren The Red Bulletin gibt’s nun auch zum Anhören: inspirierende Interviews, scharfe Porträts, abenteuerliche Reportagen. Jeden Mittwoch – überall, wo es Podcasts gibt. Jetzt reinhören und gleich abonnieren.
Plus:
MICHAEL KÖHLMEIERS Kolumne Boulevard der Helden als Podcast-Serie
KLASSIKER, NEU ERZÄHLT
Märchenhaft böse „Alice im Wunderland“ und andere Geschichten auf die harte Tour: US-Bestsellerautorin Christina Henry interpretiert weltberühmte Kinderbuch-Klassiker für Erwachsene neu. Text JAKOB HÜBNER
L
ewis Carroll war nicht nur Schriftsteller, Fotograf und Theologe – er war auch studierter Mathematiker. Und als solcher mit den Grundsätzen der Logik bestens vertraut. Der Brite wusste also ganz genau, wo er den surrealen Hebel ansetzen musste, als er 1865 sein weltberühmtes NonsensMärchen „Alice im Wunderland“ zu Papier brachte. Das schmale Büchlein entfaltete breite Wirkung. Die Abenteuer der kleinen Alice, die via Kaninchenbau in ein absurdes Fantasiereich plumpst, sind
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ein verlässlicher Kandidat in sämtlichen Ranglisten mit der Überschrift „Klassiker der Weltliteratur“. Außerdem schaute Alice in den vergangenen 150 Jahren einer Reihe von namhaften Künstlern – von Salvador Dalí bis John Lennon – konspirativ über die Schulter. Und ganz nebenbei wurde die Geschichte und ihre Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“ bis heute rund 50 Mal verfilmt. Nicht schlecht für ein Kinderbuch. Noch tiefer aus dieser sprudelnden Inspirations-
quelle schöpft die US-amerikanische Autorin Christina Henry. Anstatt lediglich ein paar Rosinen aus dem Wunderland zu picken, schnappt sie sich gleich den ganzen Kuchen. Ihre dunklen „Chroniken von Alice“ sind so etwas wie eine literarische Cover version des Märchens für Erwachsene. Der Ordnung halber muss man an dieser Stelle sagen, dass sie nicht die Erste ist, die eine Neuinterpretation dieses Kinderklassikers wagt (siehe Tipps rechts), allerdings ist sie die bisher Erfolgreichste – und die bei weitem Böseste. Henry verankert ihre „Alice“-Adaption in zwei Be reichen. Erstens: Alle tragenden Figuren stammen aus dem Original. Zweitens: Das Absurde kommt auch bei ihr mit der entwaffnenden Selbstverständlichkeit eines THE RED BULLETIN
VINZ SCHWARZBAUER
GUIDE Lesestoff
Erster Absatz aus „Finsternis im Wunderland“
Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, sich bis ganz nach oben streckte, die Wange an die Wand legte und den Kopf nach links drehte, konnte sie durch die Gitterstäbe gerade so den Rand des Monds sehen. Eine Scheibe Käse, eine Scheibe Kuchen, eine Tasse Tee, um der Höflichkeit Genüge zu tun. Einmal hatte ihr jemand eine Tasse Tee angeboten, jemand mit blaugrünen Augen und langen Ohren. Komisch, dass sie sich nicht an sein Gesicht erinnern konnte. Dieser Teil ihrer Erinnerung war nebelig, wie in Rauch gehüllt, abgesehen von den Augen und den Ohren. Und die Ohren waren lang und pelzig gewesen.
Traums daher – diesfalls jedoch mit der eines Albtraums. Alice, missbraucht und von ihrer Familie verstoßen, sitzt seit rund zehn Jahren in der gut gepolsterten Zelle einer düsteren Irrenanstalt, deren therapeutische Fähigkeiten sich auf zwei Dinge reduzieren: sedieren und wegsperren. Abgesehen von den sadistischen Pflegern hat sie – durch ein von einer Maus gegrabenes Loch – nur zu einem Menschen sozialen Kontakt: ihrem Zellennachbarn Hatcher. Der ist ein Axtmörder mit einer bipolaren Störung – sonst aber ein liebenswerter Mensch und ein virtuoser Kämpfer. Als in der Anstalt Feuer ausbricht, können Alice und Hatcher gemeinsam fliehen. Beide sinnen auf blutige Rache. Auf ihrer Liste: der Grinser, die Raupe, das Walross, das Kaninchen, der Jabberwock und die weiße Königin. Während Hatcher den Weg mit recht rustikalen Methoden freihackt, dämmert Alice allmählich, dass ihr Wahnsinn einen gewissen Zauber in sich birgt … Obwohl man die 1974 geborene Christina Henry nicht als Newcomerin bezeichnen kann – ihre „Black Wings“-Serie sammelt bereits seit Jahren eifrig Sternchen –, kam der Hype um Alice doch ein wenig überraschend. Der erste Band „Finsternis im Wunderland“ enterte vom Stand weg die internationalen Bestsellerlisten und wurde in „Amazon’s Best THE RED BULLETIN
Books of the Year“ gewählt. Begleitet wurde der kommerzielle Erfolg von wohlwollenden Worten aus Feuilletons, die derartige „U-Literatur“ normalerweise bestenfalls vom Wegsehen kennen. Was vermutlich nicht nur an der berühmten Vorlage, sondern auch an Henrys zutiefst eigenwilligem, kindlich-brutalem Erzählstil liegt, dessen Ambivalenz eine ganz seltsame Stimmung erzeugt. Streckenweise fühlt man sich, als lausche man dem düsteren Betthupferl am Lagerfeuer eines Jungscharcamps, aber dann haut Henry auch immer wieder Sätze raus, die man sich am liebsten einrahmen und an die Wand hängen würde. Und da kommt noch mehr: Die dunklen Chroniken von „Peter Pan“ sind für 21. Juni angekündigt, und auch jene von „Meerjungfrau“ und „Rotkäppchen“ sind bereits in der Übersetzung. Mit dem Spruch „Erzähl mir keine Märchen!“ braucht man Christina Henry also nicht zu kommen …
CHRISTINA HENRY „Finsternis im Wunderland. Die Chroniken von Alice“ Deutsch von Sigrun Zühlke Penhaligon, 352 Seiten
LESETIPPS
Es war einmal … Noch mehr Märchen für Erwachsene
FRANK BEDDOR Frank Beddor, der mit dem US-Ski-Team zweimal die Freestyle-Weltmeisterschaft holte, stürzt sich in seiner Interpretation von „Alice im Wunderland“ ohne Rücksicht auf Verluste in einen Fantasy-Thriller voller Action, in dem aber auch der Humor nicht zu kurz kommt. Im V orwort verspricht der Autor eine Geschichte „voll Blutvergießen, Mord, Rache und Krieg“. Und er hält Wort. „Das Spiegellabyrinth“ (dtv)
WALTER MOERS Walter Moers (bzw. sein Alter Ego Hildegunst von Mythenmetz) ist vermutlich der genialste Märchenonkel der Gegenwartsliteratur. In „Ensel und Krete“ versetzt er das berühmte Geschwisterpaar der Brüder Grimm in sein legendäres Zauberreich Zamonien, in dem sich – vom gemeingefährlichen Laubwolf bis zum doppel köpfigen Wollhühnchen – allerhand absonderliche Geschöpfe tummeln. „Ensel und Krete“ (Penguin Verlag)
NICOLE BÖHM Für ihre Jugendbuchserie „Die Chroniken der Seelen wächter“ wurde Nicole Böhm bereits zweimal mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Das gelang ihr auch mit dem – deutlich düsterer angelegten – Roman „Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“, der gemeinsam mit „Spieglein, Spieglein an der Wand“ eine märchenhafte Dilogie bildet, in der neben Spannung auch die Romantik knistert. „Das Vermächtnis der Grimms“ (Drachenmond Verlag)
NELSON MANDELA In dieser 2004 erschienenen, prächtig illustrierten Anthologie versammelt der Freiheitskämpfer, Friedens nobelpreisträger und erste schwarze Präsident Süd afrikas die schönsten Märchen seines Kontinents. Das Buch ist eine wahre Schatztruhe voll poetischer Juwele, die vor Witz und Weisheit nur so funkeln und deren exotischer Zauber Kinder ebenso in seinen Bann zieht wie Erwachsene. „Meine afrikanischen Lieblingsmärchen“ (dtv)
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GUIDE Tipps & Trends ZUG UM ZUG BESSER WERDEN CHESSUP: SCHLAUER SCHACH SPIELEN LERNEN Die Idee: Schachspielen lernen beziehungsweise sein Schachspiel verbessern – per Interaktion mit dem Brett, einer schlauen Software und echtem Know-how von Großmeister Levon Aronian. Für Weihnachten notieren – das Gerät soll im November m arktreif sein. indiegogo.com
DIE WOLLEN NUR SPIELEN GAMESCOM 2021 Brandneue Games, innovative Technik und jede Menge Unterhaltung: Ende August (25. – 27.) steigt das größte Games-Event des Planeten nochmals rein digital. Los geht’s mit der Show „gamescom: Opening Night Live“. gamescom.de
EINFACH BLAU MACHEN FLOYD CABIN Ein Koffer, der so viel Schwung bringt wie die Skateboarder in den 1970er-Jahren. Deshalb auch die knallroten Rollen – als Verweis auf die Inspiration durch die frühen Asphalt helden. Die schöne Farbe heißt „Miami Blue“, innen gibt’s zwei große verschließbare Fächer. floyd.one
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KOELNMESSE/GAMESCOM/OLIVER WACHENFELD, STEFAN VOITL/RED BULL CONTENT POOL
STARKES LEICHTGEWICHT Wiegt 4 Kilo, fasst 41 Liter und ist kabinentauglich.
BOOTS FÜR ABENTEURER BALLY NOKOR Ein Schuh, der auch Professor Indiana „Indy“ Jones gefallen würde – feinstes Leder, trittfeste Sohle, bestens geeignet für aufregende Höhlenabenteuer inklusive weniger erfreulicher Schlangen-Begegnung. bally.eu
BOCK AUF STIL Das feine Leder aus Italien wurde pflanzlich gegerbt.
Richtig gutes Zeug Ein schlaues Brett, eine tiefschwarze Uhr und ein SkaterTrolley – unsere besten Empfehlungen. Text WOLFGANG WIESER
SCHWARZE SCHÖNHEIT TUDOR BLACK BAY CERAMIC
CHAMPIONS AUF PUMP RED BULL UCI PUMP TRACK WORLD CHAMPIONSHIPS Rasantes Tempo, steile Kurven, pures Spektakel: In der Disziplin Pump Track beschleunigen die Biker (rechts im Bild: Martin Söderström) mittels Hochdrücken des Körpers aus der Tiefe („Pumpen“). Am 28. August gastiert die Weltmeisterschaft im Mellowpark in Berlin. redbull.com THE RED BULLETIN
Diese Uhr macht ihrem Namen alle Ehre: Selbst ihr Werk ist tiefschwarz. Es ist der e rste Master Chronometer der Marke, heißt: Bei Präzision, Magnetfeldresistenz und Gangreserve werden höchste Standards erfüllt – per Test bestätigt. tudorwatch.com
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B O U L E VARD DER HEL DEN
MARK SPITZ
VERLIEBT IN SUPERMAN
Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 5: Teenie-Schwärmerei für einen Meisterschwimmer im Sommer 1972.
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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT MICHAEL KÖHLMEIER
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GETTY IMAGES
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as ist eine alte Geschichte, an die mir sogar einbilden, sie mochte mich beson ders gern, und deshalb setzte sie sich zu uns manchmal gern, manchmal ungern und schaute sich gemeinsam mit uns an, erinnert wird. Sie trug sich im was da alles in München geschah. Und dann Sommer 1972 zu. Die Olympischen verliebte sie sich. Und sie verliebte sich so Spiele fanden in München statt. heftig, so bedingungslos, voll Hingabe und Wir alle, die damals so viel Freude am Verzweiflung – nie in meinem Leben bin ich Sport hatten, denken gern daran – mein einem solchen Überschwang begegnet. Onkel Hans war Schiedsrichter beim Hoch MICHAEL KÖHLMEIER sprung der Damen; und wir denken nicht Der Vorarlberger Sie verliebte sich in Mark Spitz. Bestsellerautor gilt gern daran, denn ein großes Verbrechen Und das war ja auch ganz leicht. Mark als bester Erzähler war geschehen: Palästinensische Terroris Spitz war Schwimmer, er trat für die USA deutscher Zunge. ten überfielen das Camp der israelischen an. Er war ein schöner Mann – das erstens. Zuletzt erschienen: olympischen Mannschaft und ermordeten Zweitens war er am Ende der Spiele der „Die Märchen“, zwei Sportler. Insgesamt starben siebzehn erfolgreichste olympische Sportler aller 816 Seiten, Verlag Carl Hanser. Menschen. Zeiten. Sieben Goldmedaillen hat er ge wonnen! Außerdem sieben Mal Weltrekord! So viel Freiheit war in meinem Leben Und das innerhalb einer Woche! Zu groß, um es nur zu damals. Ich war Student, in den Semesterferien wollte erwähnen; ich will, ich muss aufzählen: Am 28. August ich arbeiten, um wenigstens einen Teil meines Studiums 200 Meter Schmetterling und 4 × 100 Meter Freistil, selbst zu verdienen. Genauso mein Freund. Es gab die am 29. August 200 Meter Freistil, am 31. August Möglichkeit, in der Schweiz auf den Feldern Bohnen 100 Meter Schmetterling und 4 × 200 Meter Freistil, zu ernten, da konnte man gut Geld machen und eine am 3. September 100 Meter Freistil, am 4. September interessante sonnenbraune Haut bekommen, aber die 4 × 100 Meter Lagen. Während sich seine Konkur Arbeit war beschwerlich – und: Wir wären nicht dazu gekommen fernzusehen, wir hätten die meisten Wett renten alle Haare vom Körper rasieren ließen, um bewerbe verpasst. Das allein war unser Antrieb, dem dadurch vielleicht um ein paar Hundertstel schneller ORF ein Hörspiel anzubieten, das erste, wir hatten zu sein, trat Mark Spitz mit fast schulterlangen brau keine Erfahrung. Aber der ORF nahm an, und wir nen Locken auf und mit einem attraktiven Schnurr bart. Hundertstelsekunden spielten bei ihm keine verdienten etwa genauso viel wie auf den Schweizer Rolle, wo er doch alle anderen manchmal sogar um Bohnenfeldern. Und wir konnten uns im Fernsehen einige Längen hinter sich ließ. die Olympischen Spiele ansehen. Das war Glück. ie Schwester meines Freundes versäumte keinen Meine Familie hatte damals noch keinen Fernseher. Start. Sie fieberte. Sie fieberte nicht, weil sie sich Aber die Familie meines Freundes hatte einen. Er um einen Sieg ihres Idols sorgte. Nein. Jeder studierte auch, fast das Gleiche wie ich, er hatte eine wusste, Mark Spitz würde in allen Disziplinen, in denen sehr liebe kleine Schwester, sie war erst vierzehn und er antrat, gewinnen. Sie fieberte, weil sie fürchtete, interessierte sich überhaupt nicht für Sport. Sie mochte er könnte schon vergeben sein. Sie war vierzehn ihren Bruder gern, und mich mochte sie auch, ich darf
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B OU L EVAR D DE R HE L D E N
Jahre alt, aber doch nicht so naiv, dass sie dachte, sie könne diesen Prinzen des Wassers erobern. Nicht in der Wirklichkeit jedenfalls. Aber in ihren Träumen. Nur Verrückten gelingt es, ihre Träume ganz und gar von der Wirklichkeit zu lösen – ich kann mir nicht einbilden, ein Wolf zu sein, aber ich kann mir ein bilden, einen dressierten Wolf zu besitzen. Ich will der Schwester meines Freundes einen Namen geben, einen falschen Namen, ich hoffe, das wird mir nie mand nachtragen. Ich nenne sie Marianne. Mariannes Traum wäre zerstört worden, hätte sie erfahren, Mark Spitz sei verheiratet oder verlobt oder sonst wie ge bunden. Sie stutzte ihre Träume zurecht. Wenigstens die Hand wollte sie ihm geben. Wenigstens ein paar Worte wollte sie mit ihm wechseln. Vielleicht ihm das Handtuch reichen, wenn er aus dem Bassin steigt. Und dann war sie weg. Es war am 4. September, Marianne war verschwunden. Ohne einen Brief. Ohne jemandem etwas zu sagen. Ihr Bruder berichtete, er sei früher als sonst auf gewacht, er wollte Marianne wecken, sie war nicht mehr da. Als sie bis zum Abend nichts von ihr hörten, verständigten die Eltern die Polizei.
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ch, es ist eine merkwürdige Geschichte! Meine Familie hatte damals nicht nur keinen Fernseher, wir hatten auch kein Telefon. Wenn ich tele fonieren wollte, ging ich in den Gemischtwarenladen in unserer Straße. Jeder in unserer Straße kannte die Nummer dieses Ladens. Marianne auch. Am Morgen des 5. September klingelte es an unserer Haustür, die Angestellte des Ladens stand draußen und sagte, ich werde am Telefon verlangt. Es war Marianne. Sie rief aus München an, von einer Telefonzelle. Sie habe leider nur wenige Münzen sagte sie, sie sprach schnell und mit hoher, aufgeregter Stimme. Ich solle bitte ihren Eltern ausrichten, es gehe ihr gut, sie sei sehr, sehr glücklich. Mich bat sie, ich solle sie in München abholen, sie habe kein Geld mehr für die Rückreise. Ich fragte, wo ich sie denn treffen könne. Sie rief in den Hörer: „Bei Mark …“ Dann brach die Verbindung ab. Ich mochte Marianne von Herzen gern, also fuhr ich nach München. Aber wo ist „bei Mark“? Dass sie Mark Spitz gemeint hatte, das war klar. In diesen Tagen war dieser Mann der größte Star der Welt. Den kann man nicht einfach treffen. Zugleich aber dachte ich, wenn es jemand kann, dann Marianne. Was wird sie tun? Mit dem unbedingten Zutrauen eines vierzehn jährigen verliebten Mädchens wird sie sich durch die
„Mark Spitz habe ihr einen Kuss gegeben. Auf den Mund. Hundertprozentig.“ 94
Stadt zum olympischen Dorf fragen und dort zu den amerikanischen Sportlern und dort zu Mark Spitz. Also, dachte ich, mache ich es genauso. Und ich traf sie. Sie saß, an die Wand einer Baracke gelehnt, im amerikanischen Bezirk und lachte mir entgegen. Sie habe, rief sie mir schon weitem zu, Mark Spitz getroffen. Er habe sie auf eine Jause eingeladen und ihr eine Limonade spendiert. Und dann habe er ihr einen Kuss gegeben. Auf den Mund. Hundertprozentig. „Gott, ich lüge nicht!“ Was soll ich sagen: Ich glaubte ihr. „Glaubst du mir?“, fragte sie. „Ich glaube dir“, sagte ich. „Hundertprozentig?“ „Hundertprozentig.“ Sie war glücklich. Wir gingen den weiten Weg in die Stadt, und dort lud ich sie auf ein Eis ein, nicht irgendein Eis, sondern ein sechsstöckiges, das nur zur Hälfte abgeschleckt werden konnte, der Rest tropfte ihr über die Hand und den Ärmel hinunter auf die Beine und die Schuhe, es war ein sehr heißer Tag. Sie lachte darüber. Sie war glücklich. Über und über. „Also erzähl“, sagte ich. „Wie ist er?“ Sie wollte gerade beginnen – ich schwöre –, da war um uns herum plötzlich ein Tumult – Polizeisirenen heulten, Menschen schrien, Durchsagen ertönten. Was war geschehen? Terroristen hatten das Haus des israelischen Olympiateams gestürmt, zwei Männer erschossen und die anderen als Geiseln genommen. Einer neben uns sagte, sie hätten auch Mark Spitz in ihrer Gewalt, er sei zwar Amerikaner, aber Jude, und die Terroristen wollten alle Juden töten. Marianne brach zusammen und weinte und weinte weiter, noch als wir erfuhren, dass Mark Spitz in Sicher heit sei. Er sei unter einer Decke in einem Auto aus dem olympischen Dorf gebracht und nach London ausgeflogen worden.
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reißig Jahre später war Marianne in Amerika. Sie besuchte ihren Bruder, meinen Freund, er war inzwischen ein ziemlich berühmter Rockmusiker. Sie erkundigte sich nach Mark Spitz, fand heraus, wo er lebte, mietete sich einen Pontiac Firebird, fuhr nach Modesto in Kalifornien und klingelte an seiner Tür. Und Mark Spitz himself öffnete. Und Mark Spitz himself lud sie zu sich in sein Haus ein, er selbst ließ ihr einen Kaffee aus der Espresso maschine rinnen, er selbst holte einen Kranz Eiskuchen aus dem Tiefkühlschrank. Er sah immer noch gut aus, die Haare waren inzwischen grau geworden, auch der Oberlippenbart – Marianne vermutete, er färbe ihn den Haaren nach, was sie als geschmackvoll wertete. Sie verbrachten einen netten Nachmittag mit einander. Marianne erzählte ihm, dass sie vor dreißig Jahren einen sehr, sehr guten Freund angelogen habe, dass sie diesem Freund erzählt habe, sie habe ihn, Mark, in München während der Olympischen Spiele ge troffen, ihn persönlich, im olympischen Dorf, sie habe
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„Sie habe kein Glück mit Männern, sagte sie. Sie habe sich mit vierzehn in Superman verliebt, das sei ihr Verhängnis.“ ihm, Mark, die Hand gegeben und er, Mark, habe sie auf die Wange geküsst. Sie habe den langen Weg nach Modesto zurückgelegt, um diese Lüge auszulöschen. Ob er, Mark, sie, bitte, auf die Wange küssen wolle. Das tat er.
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eitere zehn Jahre später traf ich Marianne in Wien. Wir hatten uns in all den Jahren aus den Augen verloren. Aber das bedeutete nichts. Sie hatte geheiratet, sich scheiden lassen, wieder geheiratet, sich wieder scheiden lassen. Sie sagte zu mir, ich sei der beste Freund in ihrer Jugend gewesen.Sie sagte, ich solle mich nicht wundern, aber
sie wolle mir das Geld zurückgeben, das ich damals für ihre Rückfahrt aus München ausgelegt habe. Sie habe kein Glück mit Männern, sagte sie. Sie habe sich als Vierzehnjährige in Superman verliebt, das sei ihr Verhängnis gewesen. Und dann erzählte sie mir von ihrem Nachmittag im Haus von Mark Spitz in Modesto in Kalifornien. Und was soll ich sagen: Ich glaubte ihr. „Glaubst du mir?“, fragte sie. „Ich glaube dir“, sagte ich. „Hundertprozentig?“ „Hundertprozentig.“
Michael Köhlmeiers Geschichten gibt es auch zum Anhören im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify, auf redbulletin.com/podcast oder einfach den QR-Code scannen.
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Aktuell erscheint The Red Bulletin in sechs Ländern. Das Cover unserer aktuellen Österreich-Ausgabe zeigt den brasilianischen Slack liner, BASE-Jumper und Kletterer Caio Afeto hoch über den Wolken von Rio, abgelichtet von US-Fotograf Keith Ladzinski, dessen imposantes Portfolio auf Seite 22 beginnt. Mehr Geschichten abseits des Alltäglichen findest du auf: redbulletin.com
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Gesamtleitung Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.) Chefredaktion Andreas Rottenschlager, Andreas Wollinger (Stv.) Creative Direction Erik Turek, Kasimir Reimann (Stv.) Art Direction Marion Bernert-Thomann, Miles English, Tara Thompson Grafik Martina de Carvalho -Hutter, Cornelia Gleichweit, Kevin Goll Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Tahira Mirza, Rudi Übelhör Digitalredaktion Christian Eberle-Abasolo (Ltg.), Marie-Maxime Dricot, Melissa Gordon, Lisa Hechenberger, Elena Rodriguez Angelina, Benjamin Sullivan Head of Audio Florian Obkircher Special Projects Arek Piatek Chefin vom Dienst Marion Lukas-Wildmann Managing Editor Ulrich Corazza Publishing Management Ivona Glibusic, Bernhard Schmied, Anna Wilczek Managing Director Stefan Ebner Head of Media Sales & Partnerships Lukas Scharmbacher Head of Co-Publishing Susanne Degn-Pfleger Projektmanagement Co-Publishing, B2B-Marketing & Communication Katrin Sigl (Ltg.), Mathias Blaha, Katrin Dollenz, Thomas Hammerschmied, Teresa Kronreif (B2B), Eva Pech, Valentina Pierer, Stefan Portenkirchner (Communication), Jennifer Silberschneider Creative Services Verena Schörkhuber-Zöhrer (Ltg.), Sara Wonka, Julia Bianca Zmek, Edith Zöchling-Marchart Commercial Management Co-Publishing Alexandra Ita Editorial Co-Publishing Raffael Fritz (Ltg.), Gundi Bittermann, Mariella Reithoffer, Wolfgang Wieser Executive Creative Director Markus Kietreiber Senior Manager Creative Elisabeth Kopanz Art Direction Commercial & Co-Publishing Peter Knehtl (Ltg.), Erwin Edtmayer, Simone Fischer, Martina Maier, Andreea Parvu, Alexandra Schendl, Julia Schinzel, Florian Solly, Dominik Uhl, Sophie Weidinger, Stephan Zenz Abo & Vertrieb Peter Schiffer (Ltg.), Marija Althajm, Nicole Glaser, Victoria Schwärzler, Yoldaş Yarar Anzeigenservice Manuela Brandstätter, Monika Spitaler Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Friedrich Indich, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailović, Sandra Maiko Krutz, Josef Mühlbacher Finanzen Mariia Gerutska (Ltg.), Klaus Pleninger MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler Operations Melanie Grasserbauer, Alexander Peham, Yvonne Tremmel Projekt Management Dominik Debriacher, Gabriela-Teresa Humer Assistant to General Management Sandra Artacker Herausgeber & Geschäftsführer Andreas Kornhofer Verlagsanschrift Heinrich-Collin-Straße 1, A-1140 Wien Telefon +43 1 90221 -0 Fax +43 1 90221-28809 Web redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-LepperdingerStraße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dkfm. Dietrich Mateschitz, Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber
THE RED BULLETIN Deutschland, ISSN 2079-4258 Länderredaktion David Mayer Lektorat Hans Fleißner (Ltg.), Petra Hannert, Monika Hasleder, Billy KirnbauerWalek, Belinda Mautner, Klaus Peham, Vera Pink Country Project Management Nina Hahn Media Sales & Partnerships Thomas Hutterer (Markenlead), Alfred Vrej Minassian, Franz Fellner, Ines Gruber, Thomas Gubier, Daniela Güpner, Wolfgang Kröll, Gabriele Matijevic-Beisteiner, Nicole Okasek-Lang, Britta Pucher, Jennifer Sabejew, Johannes Wahrmann-Schär, Ellen WittmannSochor, Ute Wolker, Christian Wörndle, Sabine Zölß Abo Abopreis: 21,90 EUR, 10 Ausgaben/Jahr, getredbulletin.com, abo@de.redbulletin.com Druck Quad/Graphics Europe Sp. z o. o., Pułtuska 120, 07-200 Wyszków, Polen
THE RED BULLETIN Frankreich, ISSN 2225-4722 Länderredaktion Pierre-Henri Camy Country Coordinator Christine Vitel Country Project M anagement Alexis Bulteau
THE RED BULLETIN Großbritannien, ISSN 2308-5894 Länderredaktion Tom Guise (Ltg.), Lou Boyd Lektorat Davydd Chong (Ltg.), Nick Mee Publishing Management Ollie Stretton Media Sales Mark Bishop, mark.bishop@redbull.com Fabienne Peters, fabienne.peters@redbull.com
THE RED BULLETIN Österreich, ISSN 1995-8838 Länderredaktion Wolfgang Wieser Lektorat siehe entsprechenden Eintrag bei Deutschland Publishing Management Bernhard Schmied Media Sales & Partnerships Thomas Hutterer (Markenlead), Alfred Vrej Minassian, Franz Fellner, Ines Gruber, Thomas Gubier, Daniela Güpner, Wolfgang Kröll, Gabriele Matijevic-Beisteiner, Nicole Okasek-Lang, Britta Pucher, Jennifer Sabejew, Johannes Wahrmann-Schär, Ellen WittmannSochor, Ute Wolker, Christian Wörndle, Sabine Zölß Sales Operations & Development Anna Schönauer (Ltg.), David Mühlbacher
THE RED BULLETIN Schweiz, ISSN 2308-5886 Länderredaktion Stefania Telesca Lektorat siehe entsprechenden Eintrag bei Deutschland Country Project Management Meike Koch Media Sales & Brand Partnerships Stefan Brütsch (Team Lead), stefan.bruetsch@redbull.com Marcel Bannwart, marcel.bannwart@redbull.com Christian Bürgi, christian.buergi@redbull.com Jessica Pünchera, jessica.puenchera@redbull.com Goldbach Publishing Marco Nicoli, marco.nicoli@goldbach.com
THE RED BULLETIN USA ISSN 2308-586X Länderredaktion Peter Flax (Ltg.), Nora O’Donnell Lektorat David Caplan Publishing Management Branden Peters Media Network Communications & Marketing Manager Brandon Peters Media Sales Todd Peters, todd.peters@redbull.com Dave Szych, dave.szych@redbull.com Tanya Foster, tanya.foster@redbull.com
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NICOLAS MAHLER
N IC OL AS M A HL ERS SPI T ZF ED ERL ICHES CHA R A K T ER-K A BINE T T
Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 14. September 2021.
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3 TIPPS VON JEDEM GAST FÜR DEINEN ALLTAG
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ZEITNEHMER OLYMPISCHER TRÄUME SEIT 1932 Alle Athleten haben einen Traum. Er lebt in ihren Herzen und lässt sie nach dem Sieg greifen. An den Olympischen Spielen in Tokio wird diesen Träumen eine Bühne gegeben. Es ist der Moment, an dem Inspiration auf Leistungskraft trifft, Ehrgeiz auf Präzision, und an dem der Offizielle Zeitnehmer OMEGA dies alles festhält.