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WILLKOMMEN
UNDER W GEHIRN
Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion
… treibt es unser Gehirn bunt. Jochen Schievinks Illustrationen (u. a. „Süddeutsche“, „Zeit“) zieren unsere GehirnStory: ab Seite 70.
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Siege hat der Portugiese Miguel Oliveira bis Redaktionsschluss in der Motorrad-WM gefeiert. Wie er bei 350 km/h Entscheidungen trifft, erzählt er ab Seite 42.
TONY HAWKS ERSTES BRETTL
Er hat Skaten in den Achtzigern neu erfunden und posiert hier mit einem aktuellen Modell. Hawks allererstes Skateboard zeigen wir auf Seite 16. 4
JOCHEN SCHIEVINK
Hier sehen wir US-Fotograf Keith Ladzinski, dem wir unser Cover und eine abenteuerliche Bildstrecke verdanken, bei der A rbeit. Und zwar in einer Wand im Zion- Nationalpark im Bundes staat Utah. Keith’ Bilder: ab Seite 22.
WENN HERZERL KREISEN …
KEITH LADZINSKI (COVER), ATIBA JEFFERSON
IMMER IM BILD
„Wenn du denkst, dass du denkst, dann denkst du nur, du denkst …“ Ja, es gab einst Schlager, die schafften es tatsächlich, uns vor lauter Grübeln ein angenehmes, aber unbestimmtes Kribbeln im Oberstübchen zu bescheren. Was tatsächlich in unserem Gehirn ab geht, ohne dass wir es auch nur ahnen, haben uns Wissenschaftler in der Story Liebe ist stärker als Kokain verraten – ab Seite 70. Wie meint Rapper Jan Delay im Inter view so treffend? „Erlaubt ist, was Bock macht.“ Und man erfährt auch, was er unter seiner „Pop schwein-Seite“ versteht, ab Seite 64. Auch Designerin Marina Hoermanseder plaudert so manches Detail aus, das uns bisher verborgen blieb. So hat sie zum Beispiel die Buchstaben GUT aufs Handgelenk tätowiert. Warum das aber noch gar nicht alles ist: Seite 48.
THE RED BULLETIN
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I N H A LT The Red Bulletin im August 2021
COVERSTORY
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SURFEN
22 OUTDOOR-ABENTEUER
Zehn spektakuläre Bilder als Reise um die Welt. Fotograf Keith Ladzinski zeigt, was an Cliffs und Felsen möglich ist.
54 N EUE WELLE
MIT BOCK AUF MEHR Wie sich Rapper Jan Delay immer wieder neu erfindet
Die Zukunft des Surfens liegt in Afrika – wir zeigen, wie wunderbar sie aussieht.
MUSIK
64 DER GRENZGÄNGER DANCE
In der Welt von DeutschRapper Jan Delay sind Regeln zum Brechen da.
Wie „Dance Your Style“-Star Olga Lock im Duell mit Männern ihre Weiblichkeit fand.
GEHIRNFORSCHUNG
SURFEN
Was das Gehirn anstellt, während wir glauben zu denken – neun Beispiele zum Staunen.
38 DER TRAUMFÄNGER
Windsurf-Ikone Robby Naish verrät, was ihn zum Glücks pilz macht.
MUSIK
40 D IE AUFSTEIGER
Sharktank heißt die neue Band von Bilderbuch-Produzent Marco Kleebauer.
70 KUNST IM KOPF
GUIDE
Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen 77 REISEN. Auf Boulder-Tour mit Kletter-Profi Giuliano Cameroni.
MOTOGP
82 F ITNESS. Wie du dich für den Red Bull Almauftrieb stärkst.
Wie entscheidet man bei Tempo 350 – MotoGP-Star Miguel Oliveira erklärt’s.
84 LESESTOFF. Der „Stone Man“ zertrümmert unsere Welt.
42 KOPF ODER BAUCH?
MODE
48 M EIN GRÖSSTES GLÜCK
Designerin Marina Hoermans eder hat mit ihrer Schnalle ein Erfolgsrezept gefunden.
8 GALLERY 14 ZAHLEN, BITTE! 16 FUNDSTÜCK
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38 MIT DER STRÖMUNG Surf-Legende Robby Naishs Suche nach der längsten Welle der Welt
48
86 G AMING. Ein Survival Game hilft auch im wirklichen Leben. 88 T IPPS & TRENDS. Mit besten Empfehlungen der Redaktion. 92 BOULEVARD DER HELDEN. Michael Köhlmeier über Mark Spitz.
18 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 2 0 MEIN ERSTES MAL
96 IMPRESSUM 98 CARTOON
MIT GESPÜR Designerin Marina Hoermans eder erzählt, wie man Aufmerksamkeit gewinnt
THE RED BULLETIN
THOMAS LEIDIG, CRAIG KOLESKY/RED BULL CONTENT POOL, DAVID FISCHER, ALAN VAN GYSEN
36 D IE ENTDECKERIN
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IM TUNNELGLÜCK South-African-Open- Champion Joshe Faulkner (o.) und die neue Welle afrikanischer Top-Surfer
THE RED BULLETIN
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RAUNHEIM, DEUTSCHLAND
Robert geht ein Licht auf
ROBERT GARO/RED BULL ILLUME
An dieser Location an der A3 südwestlich von Frankfurt ist Fotograf Robert Garo gut tausend Mal vorbeigedüst, ohne sie zu bemerken. Erst ein Stau änderte das. Und zum Glück kam Garo nachts wieder, um das Bauwerk näher in Augen schein zu nehmen. Erst da bemerkte er, dass das Ding sogar beleuchtet war. Genau die richtige Kulisse, um Skateboarder Milan Hruska in Szene zu setzen. Und um bei Red Bull Illume, dem größten Action- und Adventure-Fotowettbewerb der Welt, eine gute Figur zu machen. Mehr meisterhafte Fotos: robertgaro.net
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WINDHOEK, NAMIBIA
Schau mir in die Augen
SHAWN VAN EEDEN/RED BULL ILLUME
Diese Aufnahme sieht wie ein Schnappschuss aus, die Sache war aber deutlich komplizierter: Zuerst mussten mehrere Nashörner (die in einem Reservat leben, Anm.) wochenlang an die Rampe und an die Bewegungen des namibischen BMX-Könners Eric Garbers gewöhnt werden. Da die Tiere ziemlich schlecht sehen, aber umso besser hören, versuchte Garbers vom Bike aus beruhigend auf sie einzureden. Fotograf Shawn van Eeden hingegen musste gaaaanz leise sein. Und dann entstand dieser magische Schuss, auf dem Nashorn Mattanu und der Biker ein ander direkt in die Augen sehen. Shawn van Eeden unterstützt das Rhino Momma Project zum Schutz der Tiere: creativelab.com.na
ÖTZTAL, ÖSTERREICH
Höchste Eisenbahn! Die ungewohnte Perspektive, die grafische Strenge des Bildausschnitts, die fast beiläufige Integration der Wakeboarderin Anne Eaton an diesem See im Freizeitpark „Area 47“ (rechts im Bild): Es hat Gründe, warum es dieses Foto des Münchner Fotografen Lorenz Holder ins Finale von Red Bull Illume 2019, Kategorie „ Innovation“, geschafft hat. Falls du jetzt das Gefühl hast, das kann ich auch, dann ist Eile geboten: Anmeldeschluss für den aktuellen Fotowettbewerb ist der 31. Juli. Schnellster Weg an den Start: QR‑Code links scannen. Alle Infos: redbullillume.com
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LORENZ HOLDER/RED BULL ILLUME
ZAHL E N, B I TT E !
INDIANA JONES
Mit Peitschen und Trompeten Vierzig Jahre nach Teil eins, „Jäger des verlorenen Schatzes“, starten diesen Sommer die Dreharbeiten zu „Indiana Jones V“. Hier die Fakten zum berühmtesten Archäologen der Kinogeschichte: von der 5000-Schlangen-Szene bis zum Hasenhaar-Filzhut.
Dollar pro Woche verdiente Harrison Ford, heute 78, zu Beginn seiner Filmkarriere 1966. 2008 kassierte er für „Der Tempel des Kristall schädels“ 65 Millionen Dollar.
Trompeten des London Symphony Orchestra spielen den „Raiders March“, das „Indiana Jones“-Thema des Komponisten John Williams.
Schlangen wurden für die Höhlenszene in „Jäger des verlorenen Schatzes“ aus Holland nach Tunesien eingeflogen.
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ist die Hutgröße von Harrison Fords ikonischem Fedora, einem Modell aus Hasenhaarfilz namens „The Poet“ von der Herbert Johnson Hat Company in der City von London.
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Jahre nach dem ersten benteuer erscheint im A Sommer 2021 eine Sammelbox mit Remasters aller vier Filme in 4K Ultra-HD.
1.961.339.569 Dollar spielten die vier Indy-Filme weltweit an den Kinokassen ein – die Gesamt-Produktionskosten betrugen 281 Millionen Dollar.
43,5
ist Harrison Fords Schuhgröße. Als Indiana Jones verlässt er sich auf rahmengenähte Arbeits schuhe der Marke Alden, Modell 405 mit Trubalance-Leisten.
THE RED BULLETIN
CLAUDIA MEITERT
Dollar kostet eine der 10 Fuß langen „No. 455“-Peitschen der Firma David Morgan heute. Bei den ersten drei „Indiana Jones“Produktionen waren mehr als 30 von ihnen im Einsatz.
Teile umfasst „Der Tempel des Kristallschädels“, das größte von 19 Indiana-Jones-Lego-Sets.
Jahre alt war die Figur des Indiana Jones im ersten Teil. Darsteller Harrison Ford (78) war beim Kinostart 1981 zwei Jahre älter.
Drehtage brauchte Regisseur Steven Spielberg für den ersten Teil – 14 Tage weniger als vom Studio vorgegeben.
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5000
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GETTY IMAGES (3), PICTUREDESK.COM
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Meter lang war der Filmstreifen, der „Jäger des verlorenen Schatzes“ 1981 auf die Leinwand zauberte.
FLÜÜÜGEL FÜR DEN SOMMER. MIT DEM GESCHMACK VON KAKTUSFRUCHT.
BELEBT GEIST UND KÖRPER®.
F U ND ST Ü CK
Der Gottvater der Skateboarder: Der Kalifornier Tony Hawk, 53, machte eine Gegenkultur weltweit populär.
TONY HAWK
Am Anfang war das Brett Tony Hawk, heute 53, war gerade einmal neun Jahre alt, als er 1977 das abgelegte Skateboard seines älteren Bruders Steve bekam: ein Brett der Marke Bahne, Baujahr 1975. Es sollte sein Leben und die Welt verändern: Mit 14 wurde Tony Profi, in den 80ern kreierte er über hundert Tricks und erfand damit das Skateboarden neu. In diesem Jahrtausend wurde sein Name über ein Videospiel weltweit zum Begriff. Und er hatte maßgeblichen Einfluss darauf, dass Skateboarden jetzt kein öffentliches Ärgernis mehr, sondern olympisch ist.
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THE RED BULLETIN
MIKE BLABAC, ATTIBA JEFFERSON
Das erste Board der lebenden Skater-Legende, Smithsonian National Museum of American History, 1977
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DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W
SCHOPENHAUER SAGT:
„Selbstverwirklichung ist Blödsinn“
Sich selbst zu verwirklichen, halten Sie für kontraproduktiv? Damit stehen Sie ziemlich alleine da. Ist mir doch egal, solange es der Wahrheit entspricht. Und das tut es: erstens, weil es dieses ach so tolle Selbst gar nicht gibt; zweitens, weil uns das Wollen auf Dauer versklavt. Ist doch furchtbar, ewig ein Sklave des Willens zu sein – ewig irgendetwas sein zu wollen, was es in Wahrheit gar nicht gibt. Okay, aber was gibt’s dann igentlich noch für uns zu tun? e Gar nichts zu wollen und gar nichts zu sein klingt irgendwie trostlos. Bingo, genau so ist es: trostlos. Das Leben ist eine ziemlich trostlose Angelegenheit – oder sagen wir so: Es wäre komplett trostlos, wenn es da nicht etwas gäbe, was uns von dem ganzen Elend des Wollens befreit.
Das heißt: Wir sind nichts anderes als das, was wir zu sein glauben. „Ich warne Sie Kein Selbst, keine Seele, kein eindringlich: Wesenskern oder so etwas? Und alle Bemühungen, das wahre Von dem, was in Selbst zu finden, sind Quatsch? Ihnen steckt, Sagen wir mal so: Da ist schon lassen Sie besser Da machen Sie mich jetzt aber etwas im Hintergrund Ihres Ichs, neugierig. Was denn? dessen Sie sich nicht bewusst sind die Finger.“ Resignation! Na, na, nun schauen und was Sie unaufhaltsam vor sich Sie nicht so bedröppelt. Ich meine hertreibt. Psychologen nennen es das zwar ernst, habe aber noch mehr zu bieten. Das „das Unbewusste“. Ich nenne es „den Willen“. Und ich Beste, was Sie tun können, wenn Sie glücklich werden verstehe darunter eine schwer greifbare Dynamik, die wollen, ist, dieses ganze Rumgestochere in sich selbst überall in der Welt zugange ist: Evolution, Fortschritt, aufzugeben und sich etwas hinzugeben, bei dem Sie Entwicklung, Geschichte, Ihre Biografie – das alles sich komplett selbst vergessen. Kunst oder Musik zum wird unermüdlich vom Willen angetrieben. Wenn es Beispiel. Das schaltet den Willen aus, da kommen Sie irgendetwas wie Ihr wahres Wesen gibt, dann ist das zur Ruhe – und vielleicht ja auch zur Wahrheit, die dieser in Ihnen wabernde Wille. dort beginnt, wo der Wille aufhört. Fußballgucken ist übrigens auch gut. Werde gleich einmal schauen, was Aber ist das nicht nur ein anderes Wort für die Seele die Eintracht macht … oder das Selbst, das zu entdecken uns die von Ihnen so wenig geschätzten Psychologen nahelegen? ARTHUR SCHOPENHAUER (1788–1860) ist der wohl einfluss Nein, der Wille, von dem ich rede, ist unpersönlich. reichste Philosoph Europas. Seine vollständig erhaltenen Dia Er ist die treibende Kraft, die nichts und niemanden loge verraten nicht nur eine beachtliche literarische Begabung, je zur Ruhe kommen lässt. Dieser elende Wille macht sondern auch die Fähigkeit, die Weisheit der griechischen Antike uns fertig. Ihn als „Potenzial zu entfalten“ wäre das in einer Philosophie zusammenzufassen. Dümmste, was Sie tun können. Das führt zu nichts als CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer Stress. Wollen, wollen – immer mehr, immer Neues. der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor Mein Gott! Das mag zwar gut fürs Business sein, aber zahlreicher philosophischer Bücher. Zuletzt erschienen: Sie, mein Freund, gehen in diesem Hamsterrad vor „Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“. die Hunde. Was glauben Sie, weshalb so viele Leute 18
THE RED BULLETIN
BENE ROHLMANN
the red bulletin: „Du musst dein wahres Selbst finden!“ – „Du musst dich selbst verwirklichen!“ – „Du musst dein Potenzial entfalten!“ So oder ähnlich bekommen wir es ständig gepredigt. Was halten Sie davon? Arthur schopenhauer: Nichts halte ich davon, rein gar nichts. Das ist in meinen Augen Küchenpsychologie, die vielleicht für bunte Wochenend-Illustrierte taugt, aber nicht fürs wirkliche Leben.
an Burnout leiden? Weil sie zu viel wollen. Deshalb warne ich Sie eindringlich: Von dem, was da in Ihnen steckt, lassen Sie besser die Finger.
DR. CHRISTOPH QUARCH
Wer wirklich zu sich selbst finden will, muss sich zuerst selbst vergessen. Denn prinzipiell steht unserem Glück nur eines im Weg: Wir wollen zu viel. Das behauptet der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer in unserem fiktiven Interview mit Christoph Quarch.
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MARTIN GRUBINGER:
„In Japan hab ich gemerkt: Schlagzeug ist mein Ding!“ Der Salzburger zählt heute zu den besten klassischen Perkussionisten der Welt. Hier erzählt er von seinem Erweckungserlebnis als Jugendlicher: einer Reise zu einem Musikwettbewerb, bei dem er eigentlich verlieren wollte. Viele kennen ihn als Kolumnisten der „Kronen Zeitung“, andere als Fernsehmoderator beim Bayerischen Rundfunk. Die Musikwelt feiert den 38-jährigen Salzburger als schnellsten Trommler von allen (40 Schläge pro Sekunde), als musikalischen Ausdauersportler (Konzerte können bis zu sieben Stunden dauern) und als Allrounder, der klassisches Schlagzeug, Marimba und andere Percussion-Instrumente auf Weltklasse-Niveau spielt. Prestigereiche Konzertsäle – vom Wiener Musikverein bis zur Carnegie Hall in New York – füllt er bis auf den letzten Platz. Hier erzählt Grubinger von der Zeit vor seinen großen Gigs.
ankomme, treffe ich hundert andere Schlagzeuger aus der ganzen Welt, die alle monatelang auf diesen Wettbewerb hintrainiert haben. Da war schon eine ziem liche Grundnervosität da. Ich war aber gleichzeitig völlig naiv. Und das war gut so. Denn das hat es mir ermöglicht, völlig unbeschwert loszulegen. Ich übersteh also die erste Runde. Die zweite Runde. Die dritte. Halbfinale. Und plötzlich steh ich im Finale!
Das Ganze ist schrecklich losgegangen: Mein Vater hätte mich begleiten sollen, aber am Salzburger Flughafen hat er festgestellt, dass sein Pass abgelaufen war. Ich sitz also allein im Flieger nach Japan. Dann vom Tokioter Flughafen direkt nach Shinjuku, einen der größten Bahnhöfe der Welt. Ich – ein echtes österreichisches Landei – war völlig geflasht. Und als ich dort
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in der Helden über ihre Anfänge sprechen. Die aktuelle Folge mit Martin Grubinger, in der er auch verrät, warum er bald in Pension gehen will, gibt’s im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast
THE RED BULLETIN
SIMON PAULY
Am Abend davor bin ich im Hotelzimmer gesessen und hab noch einmal die Töne gelernt, weil ich das Programm für die späteren Runden schon wochenlang nicht mehr geübt hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, so „1999 war ich ein junger Student, ich hatte schon zwei Jahre weit zu kommen. Für die besten 0:00 –45:40 in Linz am Bruckner-Konservatodrei hat es am Ende nicht geMartin Grubinger rium hinter mir. Dass ich gut war reicht, aber ich hab zum ersten Mein erstes Mal – der Podcast am Schlagzeug, das wusste ich. Mal gemerkt: Hey, da kann ich Aber es gab noch kein YouTube, mithalten! In dem Moment habe kein Internet. Ich hatte also keine ich zum ersten Mal gespürt: Ahnung, wie die Kids in Amerika Schlagzeug ist mein Ding. Ich oder in Japan drauf waren. Dann „Ich war allein in Okaya, habe dort so viel Selbstvertrauen erzählte mir mein Lehrer von der nervös und völlig naiv. mitgenommen, dass ich mit einem World Marimba Competition in Schlag gleich noch viel besser So konnte ich total Okaya, Japan. Das ist so etwas war – ohne dass ich irgendetwas wie die Kitzbüheler Streif für Maunbeschwert loslegen.“ verändert hätte. Beflügelt von rimba-Spieler und Schlagzeuger. diesem Erlebnis, habe ich daraufMartin Grubinger, 38, hin noch härter trainiert. Zum ‚Da könntest du mitmachen‘, über sein Aha-Erlebnis als Musiker Teil zwölf Stunden nonstop. Weil meinte er. Einfach mitmachen, dieser Trip mir vor Augen geführt olympischer Gedanke, dabei sein hatte, dass man mit harter Arbeit sogar als Salzburger ist alles. Die anderen Teilnehmer waren alle älter und Landei mit den Besten der Welt mithalten kann.“ erfahrener, zwischen 22 und 30 Jahre alt. Meine Idee: Ich scheide in der ersten Runde aus, dann höre ich den anderen zu, lerne und knüpfe Kontakte. „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE,
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Wände hoch!
In zehn Abenteuern um die Welt: US-Fotograf Keith Ladzinski begleitet die besten Kletterer überallhin. Hier erzählt er die Geschichten hinter seinen Bildern – vom Eisberg in Grönland bis zum „Super Mario“-Felsen in China. Protokoll DAVID MAYER
Hier kommt Alex
Alex Honnold, Kalymnos, Griechenland „Einmalige Kalkfelsformationen, überwältigende Ausblicke, jede Menge Sonne – die kleine Insel Kalymnos vor der türkischen Südwestküste ist ein absolutes Kletterparadies. Diesen Spot entdeckten Alex und ich, als wir die Gegend mit Rollern erkundeten.“
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THE RED BULLETIN
Wüste Route
Mike Brumbaugh, Großes Becken, Nevada, USA „Die Wüste in N evada ist eine Schatztruhe voller SandsteinKletterrouten, die noch kein Mensch bezwungen hat. Hier versucht sich Mike an einer Erstbesteigung eines ebenso steilen wie makellosen Felsen.“
THE RED BULLETIN
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Alles im Griff
Dave Graham, Grampians National Park, Australien „In der Great Dividing Range im Südosten Australiens, dem größten Gebirgszug des Kontinents, liegt eine der schwierigsten Boulder-Passagen der Welt, genannt ‚The Wheel of Life‘. Über 60 Handgriffe brauchen Kletterer, um sie zu bezwingen. Mich faszinierte, wie leicht Dave diesen Kampf aussehen ließ.“
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Sie will nur spielen
Tara Brouwer, Yellowstone Lake, Wyoming, USA „Die meisten Menschen sehen hier ein traumhaftes Panorama im Yellowstone-Nationalpark, Tara hingegen sieht einen Spielplatz. Als wir hier ankamen, legte sie spontan einen einhändigen Radschlag hin. Das Foto beweist: Selbst die außergewöhnlichsten Orte der Welt können wir mit unserer Fantasie noch bereichern.“
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THE RED BULLETIN
Am Mondberg Emily Harrington, Yangshuo, China
„Vor etwa 500 Millionen Jahren entstanden im Süden Chinas diese fast unwirklichen Karstland schaften aus Kalkstein – mich erinnern sie an die asiatisch angehauchten Naturwelten der ‚Super Mario‘-Spiele. Hier sehen wir Emily bei einer kurzen Pause am Moon Hill, bevor sie die kühne Route weiterklettert.“
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Hängepartie
Joe Kinder, Mojave Desert, Utah „In der Kletterfotografie geht es darum, Schlüssel momente einzufangen. Hier meistert Joe eine be sonders kni≠lige und damit entscheidende Stelle der steilen Route Visitor Q hoch über der Mojave-Wüste im Südwesten Utahs. Er besteigt sie hier zum aller ersten Mal und scheint förmlich am Fels zu kleben.“
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Es werde Licht
Jonathan Siegrist, Estes Park, Colorado, USA
Bild rechts: „Manchmal reicht ein Lichtstrahl, um einer Kletterroute völlig neuen Glanz zu verleihen. An diesem Tag traf die Sonne im Estes Park in Colorado zufällig exakt die ‚Grand Ol’ Opry‘, als J onathan auf den Felsen kletterte. Die Route führt über unebenen, leicht überhängenden Granit – ein echter Kraftakt.“
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Das gibt ihnen Berge
Mike Libecki und Ethan Pringle, Grönland, Dänemark „Seekrank wurden Mike und Ethan nicht auf unserer elf Tage langen Bootsreise durch die unberührten Weiten Grönlands. Doch als wir einige Zeit vergeblich nach besteigbaren Eisbergen gesucht hatten, befiel sie heftiges Kletterfieber. Wir verschafften ihnen mit einem Stopp an diesem Eisberg Linderung.“
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Abstecher ins Blaue
Erik Leidecker, Südisland
„Du stellst dir Island als lebendige und etwas verwunschene Insel vor? Genauso ist es auch. Profi‑Kletterer, die einen richtigen Nervenkitzel suchen, steigen hier in Eishöhlen ab. Hier macht sich Erik zu einem Tagesausflug in die tiefblauen Welten auf.“
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Das ist die Härte!
Arjan de Kock, Waterval Boven, Südafrika „Viel schwieriger als hier im Nordosten Südafrikas wird es für Kletterer nicht. Das gilt sowohl für die oft überhängenden Routen als auch für das Gestein an sich. Es handelt sich um extrem harten Quarzit, der Arjan – und vor allem seinen Schultern – alles abverlangt.“
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THE RED BULLETIN
DER FOTOGRAF „Für ein großartiges Foto musst du zwei Dinge gleich‑ zeitig einfangen: einen Schlüsselmoment und das richtige Licht“, erklärt US‑Fotograf Keith Ladzinski, 45, sein Handwerk. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass er die Übung perfektioniert hat. Vor allem der Einsatz mitgebrachten Lichts und das Vertrauen auf sein gutes Auge zeichnen die Bildsprache des New Yorkers aus, der in Colorado aufgewachsen ist. Renommierte Auftraggeber wie „National Geographic“, die „New York Times“ oder Apple schicken ihn für seine M issionen zu Themen wie Natur, K limawandel oder Extremsport inzwischen rund um die Welt. Dabei ist er von Anfang an seinen beiden Leidenschaften treu geblieben: Skateboarden und K lettern. „85 Prozent des Aufwands gehen für die Location-Suche drauf“, sagt Ladzinski. „Oft waren wir über 30 Tage unterwegs, bevor jemand zum ersten Mal geklettert ist. Das ist Wahnsinn!“ Mit Keith um den Globus: ladzinski.com
Unser Coverfoto mit Athlet Caio Afeto vor der Küste Brasiliens gelang Keith Ladzinski Minuten, bevor ein Sturm losbrach.
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Dance
hat im Wettkampf mit Männern ihre Weiblichkeit entdeckt. Als Titelverteidigerin bei Red Bull Dance Your Style schwört sie auf die Kraft des „Super Funk“. Text WOLFGANG WIESER Foto PHILIPP HORAK
Bevor du diese Geschichte liest, mach eine Pause. Scan den QR-Code, setz deine Kopfhörer auf und schieb den Lautstärkeregler nach rechts. Weit nach rechts. Oder nach oben. Nach ganz oben. Egal wohin, wichtig ist, dass du mit dem VolumeRegler an die Grenzen gehst. Der Song, den du jetzt hörst, ist ein Klassiker. James Brown, der „Godfather of Soul“, der „Minister of New Heavy Super Funk“, hat ihn gesungen, gestöhnt oder ge-was-auchimmert. Er heißt „Sex Machine“ und ist der perfekte Begleiter für diese Geschichte. „Das war der Lieblingssong meiner Mama“, sagt Stephanie Olga Anna Wöhrer, und ja, sie meint „Sex Machine“. „Es gibt ein Bild, das sie mit der Platte zeigt, hochschwanger.“ 31 Jahre später tanzt eine selbstbewusste junge Frau durch die Welt. Ihren Eltern bescheinigt sie einen „richtig guten Musikgeschmack“. Aus Liebe zu Oma Olga hat sie ihren zweiten Vornamen zum Künstlernamen erkoren. Und wenn sie tanzt, hängt sie noch ein Lock an, also Olga Lock. Lock kommt von „Locking“. Das ist ein Tanzstil, den ein gewisser Don Campbell aus St. Louis im USBundesstaat Missouri in den 1970erJahren erfunden hat. Im Prinzip geht es um ausladende Gesten – etwas, das man Signature-Moves nennen könnte – mit Stopps an den richtigen Stellen. Insgesamt schaut das sehr lässig aus.
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Olga tanzt, seit sie sechs ist. Anfangs Ballett, bis ihr Lehrer meint, sie bewege sich „wie ein Bauer“, dann Hip-Hop. So gut, dass sie bereits mit vierzehn Unterricht gibt. Irgendwann entdeckt sie Locking. „Meine Freundinnen haben sich schwer damit getan. Ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht. Für mich war das alles ganz logisch – die großen Bewegungen, die Schnelligkeit, die plötzlichen Stopps“, erzählt die Grazerin. Das Tanzen ist ihr Leben. Obwohl sie eine Ausbildung zur Medien designerin absolviert hat, gibt sie Kurse, freut sich riesig, Teil der HipHop-Community zu sein und dar über, dass das Tanzhaus Graz, für das sie sich engagiert hat, endlich Wirklichkeit geworden ist. 2019 hat sie Red Bull Dance Your Style gewonnen – die heimische Variante der globalen Street-DanceSerie. Das Format des Wettbewerbs ist einzigartig: Alle Stile sind erlaubt, Männer treten gegen Frauen an, die Crowd, das Publikum, stimmt ab – aber getanzt wird zu unvorherseh barer Mainstream-Musik. Olga siegte mit Moves zu Ricky Martins „(Un, Dos, Tres) Maria“. Ein Riesenspaß. Zu diesem Zeitpunkt sind Duelle auf der Bühne nichts Neues mehr für sie. Im Gegenteil: Längst hat sie im Wettkampf mit männlichen Konkurrenten ihre Weiblichkeit entdeckt. „Als ich noch Meisterschaften getanzt habe, oder auch in der Tanzschule, waren wir strikt getrennt. Männer und Frauen hat’s einfach nicht ge geben. Doch dann hab ich zu batteln angefangen, wo männlich und
TANZ DEINEN STIL Olga Lock 2019 bei den Pre-World-Finals im Club Bataclan in Paris (o.). Die dies jährige Ausgabe des Tanzwettbewerbs Red Bull Dance Your Style steigt am 31. Juli im Museumsquartier Wien. Event-Infos: redbull.com/danceyourstyle; Olga auf Instagram: @olga_lock
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LITTLE SHAO /RED BULL CONTENT POOL
Olga Lock
weiblich gemischt ist. Und ich habe gemerkt, dass Männer in ihren Be wegungen sehr maskulin sind – sehr, sehr hart. Und dass ich Hip-Hop tanze wie sie. Sehr männlich, sozusagen. Das war die erste Erkenntnis. Ich war aber auch mehrere Monate in Afrika, weil mein Vater dort gearbeitet hat. In Ghana. Und in Tansania. Dort habe ich die weichen Bewegungen der Frauen gesehen, ihre Bewegungen aus der Hüfte – und erkannt, dass man Hip-Hop auch so tanzen kann.“ Noch immer zieht Olga gern weite Sachen an, „aber ich finde, dass es auch okay ist, Haut zu zeigen, dass ich mich dabei wohlfühle. Diese Weiblichkeit im Tanz auszudrücken, das hat offenbar auch den Zuschauern gefallen. Ich spiele mit der Crowd, ich grinse. Oft bin ich erstaunt, dass ich so gefeiert werde. Aber beim Freestyle ist das so eine Sache. Wie bist du drauf? Wie ist der Vibe der Crowd? Es ist ein Geben und ein Nehmen. Du bist so eng mit dem Publikum: Wenn du die Energie spürst, pusht dich das, und du gibst Energie zurück – und dann hast du sie auch, die Crowd.“
„Ich spiele mit der Crowd. Oft bin ich erstaunt, dass ich so gefeiert werde.“ Olga Lock, 31, hier biegsam beim Red BulletinShoot in Graz, über ihr Verhältnis zum Publikum
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Surfen
hat sich nie Ziele gesetzt, sondern immer nur Träume verwirklicht. Das hält die Windsurf-Ikone bis heute so. Text JÜRGEN SCHMIEDER
1976, mit dreizehn (!), holte Robby Naish den ersten von 24 WM-Titeln, er trieb Innovationen wie kürzere Boards und Fußschlaufen voran, sein Abbild schmückte bis in die 90er-Jahre als Poster Kinderzimmer rund um den Globus. Kurz: Naish hat Windsurfen zum Welterfolg gemacht und erfindet den Sport bis heute immer wieder neu (so war er auch am Aufstieg von Kitesurfen und Stand-up-Paddling beteiligt). Nun erscheint eine Doku über sein Leben nach der Titeljagd – höchste Zeit für ein Gespräch über die wahren Gründe für seinen Erfolg. the red bulletin: Mister Naish … robby naish: Bitte „Robby“. Okay. Jetzt einmal ehrlich, Robby: Wo befindet sich dieser Jung brunnen auf Hawaii, in den du gefallen bist? Oder gibt es gar ein geheimes Fitnessprogramm? Im Gegenteil: Ich mache kein Yoga, ich dehne nicht einmal. Ich will, dass die Muskeln hart und kräftig sind. Sollten ein Fitnesstrainer und ein Psychologe herkommen, würden sie denken, sie hätten es mit einer Laune der Natur zu tun. Ich mache so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Ich mache das, was ich auch mit zwanzig gemacht habe. Klingt ziemlich old school … Ich versuche, fast täglich ins Wasser zu gehen. Man verletzt sich dort nicht so schnell: Man plumpst rein, und das war es meistens. Ich bin bis
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auf einen Beckenbruch vor einigen Jahren von größeren Verletzungen verschont geblieben. Bereust du etwas im Leben? Ich habe das Leben nie so betrachtet, weil einen so was fertigmacht. Sehr oft sind die Leute, die viel haben, diejenigen, die am unglücklichsten sind – weil sie immer mehr wollen und sagen: „Oh, ich habe so viel geopfert, ich sollte noch mehr haben!“ So will ich nicht sein. Ich bin nicht perfekt – aber ich bin unfassbar glücklich, der zu sein, der ich bin. Du hast leicht reden: Du bist immerhin 24-facher Weltmeister! Aber der letzte Titel liegt Jahrzehnte zurück. Ich bin keiner, der von der guten alten Zeit schwärmt. Ich will auch nicht zu viel an die Zukunft denken. Ich nehme jeden Tag, wie er kommt. Ich feile noch immer an meiner Technik oder entwickle eine neue Disziplin. In der TV-Doku „The Longest Wave“ reist du um die Welt, um möglichst lange Wellen auf einem Stand-up-Paddle-Board zu s urfen. War das dein Ziel, eine neue Sportart populär zu machen? Ich habe mir nie ein Ziel gesetzt, sondern eher Träume verwirklicht. Ich wollte nie etwas erreichen. Ich liebe, was ich tue – und ich bin ein Glückspilz, weil ich tun darf, was ich mag. Wer mit Zielen durchs Leben läuft, fragt sich irgendwann: Und nun?
Das klingt doch gut … Aber auch die Liste der negativen Aspekte ist lang. Die sozialen Medien verändern, wie gerade junge Leute die Welt sehen. Es geht nicht mehr darum, gut in etwas zu werden – sondern berühmt. Daraus entsteht ein Wettbewerb: Du bist nur so viel wert wie dein letztes Posting. Du machst aber auch mit. Ich passe mich an. Für junge Leute ist das jedoch gefährlich, weil sie glauben, dass sie berühmt werden, ohne dafür arbeiten zu müssen. Doch auf den einen, der berühmt wird, kommen Tausende, die es nicht schaffen. Ich wünsche mir, dass die Leute einfach die Reise genießen, statt dem nächsten Foto nachzujagen. Das Leben ist kein Beliebtheitswettbewerb. Es geht darum, Glück in dem zu finden, was man tut. Das Ziel sollte sein, die Fahrt zu genießen und das Gefühl, etwas erreicht zu haben.
Robby jagt die längste Welle
Eine neue Doku zeigt das jüngste Abenteuer des Altmeisters. Von Namibia über Peru bis Costa Rica: Drei Jahre reiste Robby Naish immer wieder um die Welt, um mit seinem Standup-Paddle-Board die längsten Wellen der Welt zu reiten. Begleitet vom oscarnominierten Filmemacher Joe Berlinger, entdeckt der Surfer dabei nicht nur eine neue Sportart, sondern auch ein wenig sich selbst. Die daraus entstandene Doku „The Longest Wave“ zeigt das wohl aufwühlendste Abenteuer in Naishs Karriere. Aktuell in der ZDFmediathek, ab 10. August auch auf Red Bull TV; Infos: redbull.com
Die Surf-Kultur hat sich durch die sozialen Medien gewaltig verändert. Was meinst du dazu? THE RED BULLETIN
CRAIG KOLESKY / RED BULL CONTENT POOL
Robby Naish
Die positive Seite: Jeder kann sein Können präsentieren. Er braucht keinen Manager oder Magazin-Foto grafen mehr, um berühmt zu werden. Jeder hat die gleiche Chance.
„Ich bin ein Glückspilz, weil ich tun darf, was ich mag.“ Robby Naish, 58, über seine Lebenseinstellung
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Musik
Sharktank heißt eine neue, vom Produzenten der heimischen Pop-Überflieger Bilderbuch erst voriges Jahr formierte Band. Erste Erkenntnis aus dem Haifischbecken: Ideen dürfen ruhig auch mal danebengehen. Text HANNES KROPIK Fotos REA VON DER LISZT
Das knallige Rot auf Marcos Lippen. Katrins und Miles bunt geschminkte Augenpartien. Dazu hipper Designer zwirn oder die klassische Lederhaut: Sharktank schauen schon auf den ersten Blick aus wie die geborenen Popstars. Dann der Sound: eine un verkrampfte Mischung aus Hip-Hop und melodiösen Gitarren. Und das unbestimmte Gefühl: Das könnte was werden – so lässig, wie es daher kommt. Genau so einem diffusen Gefühl verdankt die Band ihre Existenz: Marco Kleebauer, Soundtüftler und Produzent der seit Jahren erfolg reichen Truppe Bilderbuch, feilte gerade an Songs von Rapper Mile, bürgerlicher Name Michael Lechner, als ihn die Ahnung beschlich, „dass da irgendwie eine Ebene in der Musik fehlt. Dann ist mir ein Auftritt der Band Oehl eingefallen und dass mich die Ausstrahlung und Bühnen präsenz der Gitarristin sehr be eindruckt haben.“
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Jetzt ist Katrin Paucz, 20 Jahre alt, Teil der voriges Jahr gegründeten Band Sharktank – und die einzige Wienerin des Trios. Schlagzeuger und Multi-Instrumentalist Marco Kleebauer, 26, ist Oberösterreicher; Sänger und Rapper Mile, 33, hat seine ersten Lebensjahre in Nigeria, der Heimat seiner Mutter, verbracht und ist als Kind nach Weiz in die Steiermark übersiedelt. Von Anfang an haben Sharktank die speziellen Umstände des Jahres 2020 in einen Vorteil verwandelt. Der Lockdown erlaubte etwa die bedingungslose Konzentration aufs Wesentliche. „Schon auf dem Weg zu unserem wöchentlichen Termin haben Mile und ich in der U-Bahn an neuen Texten gearbeitet“, erzählt Katrin. Und auch in Marcos Studio war das Ziel klar definiert: „Wir wollten in jeder Session einen Song fertigstellen.“ Dass es dabei weniger um Per fektion ging als vielmehr um die unbändige Lust an Kreativität, sollte rasch zum Markenzeichen der Band werden, erzählt Marco Kleebauer: „Sharktank ist eine Plattform, um Dinge auszuprobieren. Es ist ein befreiendes Gefühl, wenn eine Idee auch einmal total danebengehen darf. Wir akzeptieren das Rohe und Nichtperfekte und betrachten es als Stärke des Projekts.“ Musikalisch lässt sich Sharktank nicht leicht einordnen. AlternativeRock trifft mit tänzerischer Eleganz auf Hip-Hop, lieblicher Gesang auf geschmeidige Beats und zarte
Gitarrenlinien oder entspannte Bass läufe auf coolen Rap, garniert ist das Ganze mit lebhaften Sounds und Samples und tanzbaren Vibes. Die Debüt-Single „Washed Up“ landete im Herbst vorigen Jahres jedenfalls sofort auf Platz eins der FM4-Charts und fand sich auf Play lists in ganz Europa wieder, im Juni erschien nun ihr erstes Album „Get It Done“ beim international bestens vernetzten Label Ink Music. Michel Attia, Head of Booking & Events beim Radiosender FM4, führt Sharktank in seiner Prognose „Sound of Music 2021 – The 10 Most Promising Newcomer Acts from Austria“ – auf Rang drei (hinter den Sängerinnen Florence Arman und OSKA). Warum? „Sie schaffen es, anspruchsvoll und durchaus jazzig zu klingen und gleichzeitig alles locker-flockig in Popsongs zu ver packen. Das spricht sowohl die klei nen Radiosender an als auch den Mainstream. Es ist beeindruckend, wie selbstverständlich Sharktank Indie-Pop mit Hip-Hop fusionieren. An diesem Vorhaben sind schon größere Acts gescheitert, aber bei ihnen passen die unterschiedlichen Stile unverkrampft zusammen.“
Große Nummer
Bilderbuch, Leyya, Sharktank: Marco Kleebauer gilt als eine zentrale Figur der österreichischen Musikszene. Umtriebiges Genie, Multi-Instrumentalist, Soundtüftler – für Marco Kleebauer (re. Mi.), 26, gibt es viele Umschreibungen. Er selbst lässt die Musik für sich sprechen – egal ob als Produzent von Bilderbuch („Vernissage My Heart“) oder Oehl, als Hälfte des Duos Leyya (Amadeus-Awards 2017/18, aktuelle Single „Am I Even Real?“) oder Solokünstler („All My Life“). Damit künstlerisch noch nicht genug: Diesen Sommer erscheint ein Sammelband seiner Malereien. instagram.com/bloodonmyfloor
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„Beeindruckend, wie Sharktank Indie-Pop mit Hip-Hop fusionieren.“ FM4-Experte Michel Attia über den innovativen Musikstil der Band
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MotoGP
Penible Datenanalysen, ausgefeilte Renntaktik, Blitzentscheidungen bei 350 km/h: MIGUEL OLIVEIRA, 26, ist der größte Stratege der MotoGP – weil der Portugiese genau weiß, wann er intuitiv und wann mit Hirn handeln muss. Wir haben ihn deshalb vor zehn Entscheidungen gestellt: vom Rennstart bis zum Heiratsantrag. Text WERNER JESSNER
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ROB GRAY/POLARITY PHOTO/KTM
Kopf oder Bauch, Herr Oliveira?
ER ÜBERLÄSST NICHTS DEM ZUFALL
Unter den MotoGP-Piloten ist Miguel Oliveira – hier im Gespräch mit CrewChief Paul Trevathan (li.) – gefürchtet für seine akribische Vorbereitung.
RUNDE 1
Soll ich meiner Freundin oder meinem Freund einen Antrag machen? „Das ist sehr einfach: hundert Prozent Bauch. Oder besser: hundert Prozent Herz. Wo, wenn nicht in der Liebe, trifft man Entscheidungen intuitiv, mit allem, was dazugehört?“
15 Grands Prix konnte Miguel Oliveira bereits gewinnen – zuletzt am Circuit de Barcelona-Catalunya für sein neues Team Red Bull KTM Factory Racing.
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er Portugiese Miguel Oliveira, 26, ist ein Exot im Fahrerlager der MotoGP. Er ist der Erste seines Landes, der sich vor mittlerweile elf Jahren dauerhaft in der Motorrad-WM etablieren konnte. Doch das war erst der Anfang: Heute ist er der einzige Portugiese, der je Rennen der Motorrad-WM gewinnen konnte – und das in allen Klassen: der Moto3, Moto2 und, 2020 und 2021, bis dato dreimal in der MotoGP. Lange war nicht klar, ob er den Weg nach oben bis zum Gipfel schaffen würde. Daher betrieb er bis vor wenigen Jahren parallel zur Profi-Karriere ein Zahnmedizin-Studium, das derzeit allerdings ruht. Und schon in jungen 44
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Intuition
Jahren gründete er eine Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, unter Zehn- bis Vierzehnjährigen seinen eigenen Nachfolger zu finden: Er will damit Portugal nachhaltig in der Welt der MotoGP verankern. Die Kids sollen es einmal leichter haben als er. Doch auch wie er sich mit seinen Ingenieuren und Technikern austauscht oder wie er in der Öffentlichkeit spricht, zeichnet das Bild eines wohlüberlegten Mannes – das er regelmäßig infrage stellt, wenn er auf dem Bike überraschende Überholmanöver bei einem Speed von bis zu 350 km/h setzt oder mit dem Messer zwischen den Zähnen um die Kurven wetzt. Wo überlässt er seinem Hirn die Führung, wann kommt der Instinkt zum Tragen? Zehn schnelle Runden mit Miguel Oliveira (plus eine Auslaufrunde) geben Antwort.
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PERFECT MATCH
Seit zwölf Jahren ist Miguel Oliveira mit Landsfrau Andreia Pimenta liiert. 2020 hielt er um ihre Hand an.
THE RED BULLETIN
ROB GRAY/POLARITY PHOTO/KTM, PRIVAT, GOLD & GOOSE/RED BULL CONTENT POOL
FLOTTER TYP
MotoGP
RUNDE 2
Soll ich das neue Auto kaufen? „Für mich eine knappe Ent scheidung, mit leichter Schlag seite Richtung Herz. Vermutlich ist es sogar mehr, aber für mich fühlt es sich nicht so an. Vor drei Jahren habe ich mir einen BMW M2 Competition gegönnt, im Februar meinem Vater einen Porsche 911 Carrera spendiert. Das sind beides keine Autos, die man aus rein rationalen Gründen kauft. Generell muss ich sagen, dass mir Autos im Alltag wich tiger sind als Motorräder.“ 60
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Intuition
Intellekt
RUNDE 3
Soll ich eine unangenehme Frage beantworten? „In der Öffentlichkeit verhalte ich mich total rational. Wenn mich eine Frage nervt, etwa weil sie eine hidden agenda bedient, weil sie mich provozieren will oder ins Persönliche geht, bleibe ich trotz dem ruhig. Demonstrativ ruhig. Ich kann mich nicht erinnern, auf der Rennstrecke jemals die Nerven weggeschmissen zu haben. Viel leicht, wenn mich jemand auf der Strecke abgeschossen hat. Gerade wenn andere zuschauen oder zuhören, bin ich ein extremer Kopfmensch.“ 0
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Intuition
Intellekt
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RUNDE 5
Soll ich vernünftig früh ins Bett? FÜHRUNGSKRAFT
Oliveira (li.) hält den Aus tralier Jack Miller in Schach.
RUNDE 4
Soll ich das Überholmanöver durchziehen? „Manchmal zermartert man sein Hirn, wie man vorbeikommt, manchmal sticht man blitzartig in eine Lücke, die sich gerade auftut. Der intellektuelle Teil ist, seine Gegner kennenzulernen und potenzielle Schwächen zu suchen. Dasselbe gilt für die Strecke: Bei meinem ersten Sieg in Öster reich bin ich als Dritter in die letzte Kurve eingebogen. Ich wusste, dass sich die Kollegen vor mir zu Rennende in die Haare kriegen würden und potenziell weit nach außen getrieben werden. Als sich innen die Lücke auftat, stach ich intuitiv rein. Da war nichts einstudiert.“ 50
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„Für mich kein Problem. Ich kann eigentlich immer gut schlafen, auch vor Rennen. Manchmal weiß ich, dass ich an diesem Tag ein wenig mehr Ruhe brauche, und lege mich früher ins Bett. Normalerweise gehe ich um halb zehn ins Bett und wache um sieben, halb acht Uhr auf. Schwierig sind nur die Nächte nach Renn-Sonntagen. Das Hirn läuft noch auf Hochtouren, aber der Körper ist hundemüde. Meditation und Atemübungen bringen mich dann runter.“ 70
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Intuition
Intellekt
RUNDE 6
Soll ich auf der Rennstrecke bei Tempo 200 zurückrempeln? „Motorradfahren ist physisch. Es gibt Körperkontakt. Klar versuchst du Überholmanöver möglichst sauber zu setzen, aber Berührungen sind unvermeid lich. Revanchefouls sollten nicht vorkommen, aber andererseits will man auch kein einfaches Opfer sein. Ich glaube, dass ich ein ziemlich fairer Pilot bin. Ich habe ein korrektes Verhältnis zu allen anderen Fahrern – selbst in der Hitze des Gefechts.“ 40
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Intuition
Intellekt
Intuition
Intellekt
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MotoGP
RUNDE 10
Soll ich das Dessert noch essen?
Soll ich trotz Sauwetter trainieren gehen?
VOLLE ATTACKE!
„Es ist, was es ist. Ich würde das gar nicht am Wetter festmachen. Es gibt Tage, an denen die Sonne scheint und man trotzdem keinen Bock hat auf Training – das ist normal. Ich sage mir immer vor, warum ich das mache. Damit schiebe ich die Faulheit zur Seite. Die Intuition sagt: Miguel, dreh dich um und schlaf noch eine Runde. Das Hirn sagt: Oliveira, du fährst MotoGP. Du brauchst die Fitness. Raus aus den Federn!“ 0
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RUNDE 8
Soll ich zur Zahnarzt-Kontrolle? „Klar, das macht man. Logisch. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich fürchten – aber wovor? Reine Hirnsache. Man will keine Löcher in den Zähnen, darum geht man zur Prophylaxe. Punkt.“ %
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Im Start sieht Oliveira einen Schlüssel zum Erfolg.
RUNDE 9
Soll ich einen Frühstart riskieren?
„Das Rennen dauert eine Drei viertelstunde. Du willst es nicht am Start versauen und eine Strafe riskieren, andererseits bedeutet es unnötig viel Stress, das Feld von hinten aufrollen zu müssen. Motorradfahren ist eine relativ einfache mechanische Tätigkeit. Es sind die anderen rund um dich, die die Sache schwierig machen. Jeder kann schöne Pläne schmieden, die aber sofort Makulatur sind, sobald die anderen in deine Spur fahren. Das schiere Losfahren ist durch unser neues Start-Device ein wenig komplizierter geworden, aber es zu bedienen ist erlernbar.“ %
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Erlebe die MotoGP auf dem Red Bull Ring! Die Königsklasse gastiert im August gleich zweimal in Spielberg. Zuerst geben Miguel Oliveira (li.) und Kollegen beim „Michelin Grand Prix of Styria“ (6. bis 8. 8.) in Spielberg Vollgas, am Wochenende darauf (13. bis 15. 8.) folgt der „Motorrad GP von Österreich“. ServusTV überträgt jeweils von Freitag bis Sonntag alle Sessions der Moto3, Moto2 sowie der Königsklasse MotoGP live – kommentiert von Christian Brugger und Alex Hofmann. Moderatorin Andrea Schlager meldet sich mit den Experten Gustl Auinger und Stefan Bradl aus der Boxengasse. Infos: servustv.com/sport; Red Bull KTM Racing Fan-Kollektion: redbullshop.com
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„Ui, ein schwieriges Thema. Da schrillen bei mir gleich die Rationalitäts-Glocken! Es ist nicht so, dass ich Gewichts probleme hätte, im Gegenteil. Mengenmäßig kann ich eigentlich machen, was ich will. Es geht mehr um den gesundheit lichen Aspekt. Fruchtsalat als Dessert ist okay, beim Schokolade-Brownie mit Eiscreme ist es deutlich anders.“ 20
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BONUSRUNDE
Miguel, wie ist dein Zugang zum Rennfahren? „Ich halte mich für einen recht überlegten Menschen. Um das Hirn ausschalten zu können, muss ich zuvor wissen, dass all meine Tools bereitliegen und geschliffen sind. Erst dann gehe ich ans Limit. Für mich hat Rennfahren viel mit Analyse und weniger mit Intuition zu tun. Manchmal habe ich da vielleicht Nachteile gegenüber Konkurrenten mit einer Alles-oder-nichtsAttitüde, aber ich betrachte meinen Zugang als Vorteil. Sofern tatsächlich alles funktioniert, bin ich schwer zu schlagen. Andrea Dovizioso wurde mit einem vergleichbaren Ansatz Weltmeister. Im aktuellen Fahrerfeld gehören Valentino Rossi und Franco Morbidelli zu jenen Piloten, bei denen der Intellekt die Intuition überwiegt. Auch sie sind Weltmeister geworden.“ 40
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Intellekt
THE RED BULLETIN
CARLOS PINTO, GETTY IMAGES
RUNDE 7
Designerin Marina Hoermanseder (35) in ihrem Atelier in Berlin. Ihr Markenzeichen stammt in diesem Fall aus einem orthopädischen Korsett.
Mode
„Die Schnalle war mein größtes Glück“ Die Schnalle ist das Markenzeichen der österreichischen Designerin MARINA HOERMANSEDER. Am Anfang ihrer Karriere fällt sie auf, weil Lady Gaga ihre Sachen trägt. Inzwischen hat sie Briefträgern Coolness verliehen, Uhren entworfen und tritt mit Heidi Klum im Fernsehen auf. Porträt einer Frau, die weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt. Text WOLFGANG WIESER Fotos DAVID FISCHER
THE RED BULLETIN
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Mode
E
Wie bist du damit umgegangen? Es war wie ein Wirbelwind, bei dem ich in der Mitte war. Aber im Zentrum eines Sturms ist es immer am ruhigsten. Ich habe einfach in Ruhe gemacht und gemacht und gemacht.
Marina Hoermanseder in Berlin bei der Arbeit, erste Skizzen vor sich
„Ich habe meine Lookbooks in die Briefkästen der zehn Top-Stylisten in L. A. werfen lassen.“
Lady Gaga in der Buckle-Jeans von Marina Hoermanseder, getragen 2015 bei New Yorks Pride Parade
the red bulletin: Und die wären? marina hoermanseder: Fleiß, Anstand, Dankbarkeit und Loyalität – auf mich kann man sich verlassen. Du hast ja geradezu rasant Karriere gemacht. Das habe ich damals gar nicht so erlebt, nicht so wahrgenommen. Ich habe die Firma gegründet, weil Lady Gaga meine erste Kollektion bestellt hat. Man kann sagen: Ich habe einfach auf den Zuspruch reagiert, den ich bekommen habe. 50
US-Sängerin Janelle Monáe in Hoermanseder auf dem „Variety“-Cover
Erzähl doch bitte, wie Lady Gaga auf dich gekommen ist. Ich gehe mit offenen Augen durchs Leben, ich interessiere mich für Erfolgsgeschichten. Und überlege mir, was ich daraus lernen kann. Ich hatte gelesen, dass Ed Hardy (US-Tattookünstler, Anfang des neuen Jahrtausends für kurze Zeit als Designer extrem populär; Anm.) seine T-Shirts und Kappen vor Hotel zimmern deponierte, in denen Stars übernachteten. Und seine Sachen hat dann immerhin Madonna getragen. Also habe ich 2013 eine Liste mit den zehn wichtigsten Stylisten in L. A. gemacht und eine Freundin gebeten, meine Lookbooks in deren Briefkästen zu werfen. Und das hat tatsächlich funktioniert. Der Mann, der sich für Hoermanseders Entwürfe interessiert, heißt Nicola Formichetti. Er ist zu dieser Zeit auch für die Outfits von Popstar Lady Gaga verantwortlich – er ist es etwa, der der Sängerin das berühmt gewordene „Fleisch-Kleid“ verpasst. Und er erkennt das Potenzial von Marina Hoermanseder. Lady Gaga schlüpft schließlich 2015 bei der Pride Parade in New York in die Buckle- Jeans der Österreicherin – Jeans, die an der Vorderseite mit Schnallen in Regenbogen farben geschmückt sind. Stars wie Kylie Jenner, Kourtney Kardashian und Jennifer Lopez kopieren den Trend. Und Marina ist praktisch über Nacht berühmt. Ein Kinderspiel, könnte man glauben. Tatsächlich hat sie all das akribisch vorbereitet. Marina Hoermanseder absolviert ein Wirtschaftsstudium, das Vater Wilhelm, langjähriger Vorstandschef des Industrieunternehmens Mayr-Melnhof Karton, ihr abgerungen hat. 2010 liefert sie ihre Diplomarbeit ab, belegt parallel Kurse am Central Saint Martins College of Art and Design in London und wechselt schließlich nach Berlin an die Mode-Uni ESMOD. 2012 macht sie außerdem ein Praktikum im Unternehmen des 2010 verstorbenen britischen Star-Designers Alexander McQueen, das heute von Kreativdirektorin Sarah Burton geführt wird. Als sie für ihre Abschlusskollektion recherchiert, entdeckt sie orthopädische THE RED BULLETIN
DDP IMAGES
in paar Zentimeter über ihrem linken Handgelenk hat Marina Hoermanseder eine kleine Tätowierung. Es ist nicht die einzige, da ist auch noch ein Kreuzchen knapp unterhalb des Ellbogens, ein gefräßiger Pac-Man und ein zartes Porträt einer Löwin auf dem rechten Unterarm. Aber nur diese drei blassen Großbuchstaben über dem rosa Uhrband, das sich zweimal um ihr Handgelenk schlingt, irritieren den Betrachter – auch auf den zweiten Blick. Da steht: GUT. Erster Gedanke: Was, bitte, ist GUT? Zweiter Gedanke? Meint Marina Hoermanseder damit sich selbst? Ganz so einfach ist es – wie so oft – nicht. Tatsächlich werden sich diese drei Buchstaben als Statement entpuppen – allerdings ganz anders als gedacht. Aber davon später. Marina Hoermanseder, gerade 35 geworden, hat in den vergangenen acht Jahren eine beneidenswerte Karriere hingelegt – von null auf hundert in Null kommanichts könnte man sagen. Zuerst schafft sie das Kunststück, dass Lady Gaga einen ihrer Entwürfe trägt. Drei Jahre später feiert sie die Modebibel „Vogue“ als „neue Modestimme“ Berlins, wo sich inzwischen ihr Hauptquartier befindet. Und heute gilt sie außerdem als Königin der Kooperationen, eine Frau von „entschieden ungewöhnlicher Substanz“, wie es in einem Statement der Schweizer Uhrenmarke Rado heißt, die sich von Hoermanseder eben eine Uhr hat ent werfen lassen. „Ich sehe mich als fleißige, kreative Unternehmerin, das beschreibt mich am besten“, sagt Marina Hoermanseder, „mein Leben ist auf Werte gebaut, die mir stets gegenwärtig sind.“
Im Atelier von Marina Hoermanseder in Berlin. Das Schild hielt ein Model in der Herbst/Winter-2020/21Runway-Show, die ein Strapskirt aus veganem „Ananas-Leder“ trug: „Mein Rock ist aus Ananas.“
Die Erleuchtung: Zwischen ihren Schuhen im Atelier schnappt sich Marina Hoermanseder spontan eine Neonröhre als Accessoire für das letzte Bild.
Mode
Korsetts. Deren morbider Charme und das für ihre Anfertigung nötige handwerkliche Können faszinieren sie. Daraus entsteht Marina Hoermanseders Markenzeichen: der Strapskirt, ein enger Rock aus kreuz und quer übereinandergelegten Lederstreifen, die mit Schnallen verziert sind. „Mein größtes Glück ist, dass ich die Schnalle gefunden habe – daran man erkennt sofort, dass es ein Stück von mir ist. Und ich sitze nie vor einem weißen Blatt Papier. Ich arbeite immer um die Schnalle herum.“
nicht gegeben – und wer genau hinsieht, erkennt auch das eingravierte Strap muster auf dem Zifferblatt.
Marina Hoermanseder mit österreichischen Postlern, denen sie neuen Chic verpasst hat.
Hattest du so etwas wie einen Busi nessplan, also zum Beispiel: zuerst Aufsehen erregen und dann souverän den Mainstream erobern? Ich habe Wirtschaft studiert. Viele meiner Kollegen sitzen heute in den Marketingabteilungen großer Unter nehmen. Und natürlich weiß ich, dass das Allerwichtigste die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist. Andere würden sagen, ich bin der Lobbyist der Truppe. Ich bin einfach von Natur aus Netz werkerin, aber ich gebe meinem Netz werk auch immer etwas zurück.
PICTUREDESK.COM, MAKE-UP: SHIRIN KÜRSCHNER/NINA KLEIN
Warum ist das wichtig? Weil Dankbarkeit zählt. Tatsächlich habe ich einige Jobs nur bekommen, weil ich immer die Einzige bin, die sich bedankt. Man darf nicht nur verlangen – jeder, der Hilfe braucht, bekommt sie von mir auch. Ich hatte nie Berührungsängste – vielleicht, weil ich eine halbe Französin bin (ihre Mutter stammt aus Frankreich; Anm.) –, ich bin weltoffen, und es geht mir außerdem darum, Kräfte zu bündeln. Du bist für deine vielen Kooperationen bekannt – so hast du etwa die öster reichischen Postler neu eingekleidet. Wenn ich Kooperationen mache, stehe ich auch wirklich dahinter. Ich suche mir meine Partner ganz genau aus. Ich muss hinter dem Produkt stehen. Und ich möchte nicht das Zugpferd sein. Mein Anspruch ist es, mit jeder Kooperation meine Bekanntheit zu steigern. Deine Uhr für die Schweizer Marke Rado ist unverkennbar Marina Hoer manseder. Ich wollte schon immer eine Uhr machen, wo das Uhrband eine Schnalle ist. Dieses „Captain Cook“-Modell, das eigentlich gar nicht so feminin wirkt, ist ein echtes Statement Piece. So etwas hat es noch THE RED BULLETIN
Ihr jüngster Coup: eine Uhr für Rado. Rechts darüber ist die GUT‑Tätowierung zu erkennen.
„Die Reaktionen auf die Hasskommentare haben gezeigt, wie sehr meine Community hinter mir steht.“ Id molutet volupta turemquuntis aute none nonesto il ipiduciet quun‑ da idis sequae. Ex el imet at.
Die Uhr wird auf Marinas Instagram- Account vom Publikum übrigens begeistert aufgenommen. Auszug aus den Kommentaren: „Sieht mega aus“, „so sexy“, „… ist der Hammer“. An gleicher Stelle ist beispielsweise auch dokumentiert, wie ein Vasenkleid für Hip-Hop-Superstar Nicki Minay entsteht: Es wird gehämmert, geschliffen und gebohrt. Und wir sehen Marina erst hochschwanger und gut gelaunt im knappen Bikini durchs Bild hüpfen und später mit blankem Busen Baby Lotti stillen. Nicht immer aber ist alles eitel Wonne. Nach deinem Auftritt bei Heidi Klums TV-Show „Germany’s Next Topmodel“ hast du einen heftigen Shitstorm ge erntet, weil du eine der Teilnehmerin nen kritisiert hattest. Die Reaktionen auf die Hasskommentare böser Trolls (die sich unter anderem über das Stillen des Babys lustig machten; Anm.) nach dem Auftritt bei „GNTM“ ha ben gezeigt, wie sehr meine Community hinter mir steht. Mein Vater hat immer gesagt: „Ruhm und Ruhe sind selten Freunde.“ Man muss halt lernen, sich wie ein nasser Hund abzuschütteln. Würdest du’s wieder machen? Solche Shows machen mir die größte Freude! Natürlich würde ich wieder mitmachen und wieder den Designer raushängen lassen. Das ist ein Unter haltungsformat – wer das nicht versteht, hat in der Branche nichts zu suchen. Letzte Frage, Marina: Warum hast du GUT auf deinem Unterarm tätowiert? (Lacht.) Da hast du nicht alles gesehen: Eine Silbe fehlt auf dem Foto. Bei einem unserer Events war auch ein Tätowierer, und ich habe meine Mitarbeiterinnen nach einem Wort gefragt, das ich immer sage – eines, das sie mit mir verbinden. „Urgut“, haben sie gesagt. Und das steht da jetzt auch, in Großbuchstaben. Urgut, das ist die in diesem Fall bessere Version von Gut. Ein Gut mit Augenzwinkern. Und Selbstironie ist nur eine Eigenschaft, die Marina vergessen hat, in ihrer Persönlichkeitsbeschreibung zu erwähnen.
Führung durchs Atelier in Berlin: Marina trägt ihre Kreationen.
Mehr Marina: @marinahoermanseder
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Über den blauen Augen blonder Wellenreiterstars vergaß die Welt, dass dunkelhäutige Menschen in Polynesien diesen Sport erfunden hatten. Dann kamen die Brasilianer und verärgerten die Beach-Eliten mit ihrer leidenschaftlichen Exzellenz. Jetzt zieht der „ African Storm“ auf und erfindet das Surfen neu – mit Krügen voller Ozeanwasser im Wohnzimmer und dem Zauber, der aus der Schönheit des Nichtbesserwissens erblüht. Text FLORIAN OBKIRCHER
TATE DRUCKER, NICOLE SWEET
Die Zukunft des Surfens ist afrikanisch
Surfen
Zwei Helden aus dem Buch „Afrosurf“, das Afrikas neue Surfszene vorstellt: Sung Min Cho (linke Seite) ist drauf und dran, Mosambiks erster Profisurfer zu werden. Diese Seite: Der Senegalese Cherif Fall ist der erste schwarze Surfer, der die West Africa Tour zweimal gewonnen hat.
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Surfen
Es
gibt da in der legendären Surfer-Doku „The Endless Summer“ aus dem Jahr 1966 eine ziemlich bezeichnende Szene: Die Helden des Films, die US-Surfer Mike Hynson und Robert August, unternehmen eine Weltreise auf der Suche nach der perfekten Welle. Auf ihrem Weg durch Afrika machen sie in Ghana Station. Am Labadi Beach holen sie die Surf bretter raus und ziehen vor scheinbar verblüfften Einheimischen eine Show ab, dass denen die Kinnlade runterfällt. So suggeriert der Film, dass die Ghanaer so etwas noch nie zuvor gesehen hätten. Aber wer genau hinschaut, erkennt bei der Ankunft von Hynson und August am Strand im Hintergrund ein paar Burschen, die auf Schwemmholz die Wellen reiten – was in der Doku jedoch niemals angesprochen wird. Eine Beobachtung, die Teil eines größeren Problems ist: Die Surfkultur wurde praktisch von Anfang an über Bilder von blonden Menschen mit blauen Augen definiert. Das Anfang des Jahres erschienene Buch „Afrosurf“ will dieses Narrativ nun korrigieren – Herausgeber sind u nter anderen Selema Masekela, 49, US-amerikanischer TV-Moderator und Surfer mit südafrikanischen Wurzeln (Selema ist Sohn der südafrikanischen Jazz-Legende Hugh Masekela), s owie das Team der afrikanischen Surfmarke Mami Wata. Zum ersten Mal wird darin die Surfbewegung Afrikas umfassend dokumentiert – von Marokko bis Somalia, vom Senegal über Mosambik bis Südafrika. Mit über 200 Fotos, 25 Porträts der besten afrikanischen Surfer und 14 kulturwissenschaftlichen Texten stellt das Buch die üblichen Surfklischees infrage. Nur ein Beispiel unter vielen: Entgegen einer weit verbreiteten Meinung war es nicht ein Botaniker in Diensten des 56
Dass es so etwas wie eine afrikanische Surfszene gibt, zeigte erstmals die Doku „Sliding Liberia“ (2007). Sie beschäftigte sich mit dem lokalen Pionier Alfred Lomax (hier auf der Welle) und begeisterte mit Bildern von unberührten Stränden. THE RED BULLETIN
ARTHUR BOURBON
„Es war doch immer so: Um als Surfer ernst genommen zu w erden, musstest du blonde Haare und blaue Augen haben.“
THE RED BULLETIN
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Der südafrikanische Big-Wave-Surfer Grant „Twiggy“ Baker in seinem Element. Er meint: „In 20 Jahren gibt es mindestens so viele schwarze Weltklasse-Surfer wie jetzt brasilianische.“
Surfen
eltumseglers Captain James Cook, W der 1767 in Tahiti zum ersten Mal in der Geschichte einen Surfer beobachtete; tatsächlich stammt die erste erhaltene Aufzeichnung aus den 1640ern aus je nem Gebiet, auf dem sich heute Ghana befindet. Im Interview erklärt Selema Masekela, wie es zum Erblühen des Surfens in Afrika kam und warum es nur eine Frage der Zeit ist, bis Afrikaner die weltweite Szene aufmischen. the red bulletin: Herr Masekela, was hat Sie zu Ihrem Buch „Afrosurf“ über Afrikas Surfkultur inspiriert? selema masekela: Mein Vater hat sich auf dem Totenbett gewünscht, dass ich seine Arbeit fortsetze – die Beziehung der Leute zum afrikanischen Kontinent zu fördern und ihren Eifer, ihn zu ent decken. Nach seinem Tod 2018 dachte ich darüber nach, wie ich dieses Ver mächtnis einlösen würde. Ich wollte die Sache über das Surfen anlegen. Wir be gannen zu diskutieren, wie Surfen als ein Brennglas einsetzbar wäre, um die Schönheit Afrikas zu zeigen: Bilder, die noch niemand gesehen hatte, und Ge schichten, die noch nie erzählt wurden. Warum hat die Welt dieses Buch gebraucht? Seit ich denken kann, zeigen 99,9 Prozent der gängigen Surfbilder Menschen, die keine große Ähnlichkeit mit mir hatten. Es war doch immer so: Um als Surfer ernst genommen zu werden, musstest du blonde Haare und blaue Augen haben. Das ist das sichtbare Erkennungszeichen von Surfern – ungeachtet der Tatsache, dass das Surfen von Süd-Polynesiern erfunden wurde …
MARTIN CAPRILE
… und von Afrikanern auf dem Gebiet des heutigen Ghana, wie wir im Buch lernen. Wie konnte dieser wichtige
„Wir wollten das Surfen als Brennglas einsetzen, um die Schönheit Afrikas zu zeigen.“ THE RED BULLETIN
Der US-amerikanische TV-Moderator Selema Masekela ist einer der Herausgeber des Buchs „Afrosurf“, das erstmals die gesamte Wellenreiterszene Afrikas dokumentiert. Es ist das Ergebnis eines Versprechens, das er seinem Vater auf dem Totenbett gab.
spekt so lange ignoriert werden, A sogar innerhalb der Szene? Da gibt es all diese merkwürdigen Me thoden, mit denen die Geschichte weiß gewaschen und so verändert wird, damit es so aussieht, als ob ein bestimmter Teil der Menschheit die Dinge erfunden hat, weil er großartiger, talentierter und von Gott gesegnet ist. Lauter Dinge, von de nen wir überzeugt worden sind, richtig? Das hat zu einer Menge Missverständnis sen geführt: Ich sehe immer wieder die Reaktionen von Menschen auf Bilder, die Afrikaner beim Surfen auf hohem Niveau zeigen. Ungefähr so: „Hä?“ Als ich seiner zeit surfen lernte, fragten mich die Leute: „Wie kann es sein, dass du surfen lernst, wenn Menschen wie du doch nicht ein mal schwimmen können?“ Wenn du dir Surfvideos anschaust: Die Mehrzahl von
ihnen wurzelt in der Idee, dass weiße Menschen exotische Gegenden auf suchen und unglaubliche Wellen r eiten, während die Einheimischen am Strand stehen und ihnen ungläubig z uschauen. Der Film „The Endless Summer“ ist das klassische Beispiel dafür. Hatten Sie vor, die Praxis des Weiß waschens in der Geschichte des Sur fens aufzudecken? Unsere Absicht war es nicht, zu sagen: „Hey, alles, was sie dir bis jetzt übers Surfen erzählt haben, ist eine Lüge.“ Wir wollen nur den Blickwinkel dafür erweitern, wie wir den Surfsport wahr nehmen, und darüber hinaus einen Einblick in den Reichtum Afrikas bieten. Dieses Buch ist eigentlich nur ein kleiner Kratzer an der Oberfläche. 59
Surfen
Weil es heute Vorbilder gibt. 2018 war der Südafrikaner Mikey February der erste nicht weiße Surfer auf der World Tour. Das öffnete die Tür sowohl für afrikanische Kids überall auf dem Kontinent als auch für schwarze Surfer auf der ganzen Welt. Vor Mikey wussten sie nicht, dass es überhaupt möglich war, so aus zusehen und das zu machen. In ganz Afrika wurde Surfen historisch als ein Sport für Weiße gesehen.
Mitglieder des 2012 ins Leben gerufenen Bureh Beach Surf Club in Sierra Leone. „Nur wenige wussten damals, was Surfen ist“, sagt Mitgründer Jahbez Benga (nicht im Bild).
Warum passiert das erst heute und nicht schon vor zehn Jahren? 60
„Wenn ich früher mit einem Board in die Hotellobby kam, erstarrten alle.“
Und das ist nur dreißig Jahre her … Sogar im Südafrika von heute gibt es noch eine Menge Leute, die an eine Wohltätigkeitssache glauben, wenn sie schwarze Kids surfen sehen – eine Aktion des guten Willens. Es ist, als würden sie eine Tür aufhalten, um sie h ereinzulassen – dabei gehört das Surfen genauso gut uns wie ihnen.
Das ist die 15-jährige Senegalesin Aita Diop. Ihre Fähigkeiten auf dem Board brachten ihr ein Stipendium der International Surfing Association. Für talentierten Nachwuchs in der beständig wachsenden Szene ist jedenfalls gesorgt.
Im Buch sagen viele Surfer, dass ein besonderes Kennzeichen der afrikanischen Surfkultur darin besteht, dass es keine gibt. Dass sie sie erfinden, während sie surfen. Das ist richtig. Die Abwesenheit von Magazinen oder einer Gehirnwäsche über Generationen – in der Art von „Du musst das so und so machen, sonst machst THE RED BULLETIN
MAGNUS ENDAL, DJIBRIL DRAME
Der südafrikanische Surfprofi Grant „Twiggy“ Baker meint, dass das Surfen in Afrika soeben im Begriff ist, zu explodieren – so wie die brasilianische Szene vor zehn Jahren. Sehen Sie das auch so? Total. Der „Brazilian Storm“ war etwas, was das Mainstream-Surfen nicht kommen gesehen hat. Die Brasilianer wurden immer als Belästigung gesehen, weil sie kulturell anders waren. Das Maß ihrer Leidenschaft fürs Surfen war anders, und die Leute verstanden nicht, wie sie plötzlich auf der Weltbühne auftauchten. Als der Sturm 2011 ankam, drehte er alles. Es war sehr schierig für die Surf-Community, das zu verdauen und die Dominanz und das Leistungsniveau zu akzeptieren, das die Brasilianer brachten – bis zu dem Punkt, an dem sie sich für ihren Stil entschuldigen sollten. Ich hätte damals nicht gedacht, dass brasilianische Surfer je Teil der globalen Teams der größten Marken der Welt sein würden, aber heute beherrschen sie die World Surf League Championship Tour … Ich glaube, der „ African Storm“ entwickelt sich gerade. Afrika hat die jüngste Bevölkerung und ist ein riesiger Kontinent. Es ist nicht die Frage, ob der afrikanische ProfisurferSturm kommt, sondern nur, wann.
Warum denn das? In Südafrika zum Beispiel wurde Surfen durch die Apartheid eindeutig geregelt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich 1991 am North Beach von Durban verhaftet werden sollte. Das war nach der Aufhebung des Segregationsgesetzes (das den verschiedenen Rassen zwischen 1951 und 1991 unterschiedliche Wohngebiete zuwies), also rein technisch war meine Anwesenheit dort erlaubt. Aber der Umstand, dass ich dort war und mir nichts, dir nichts „ihr Ding“ machte, hat die Cops dermaßen aufgeregt, dass sie mich drei Tage lang beobachtet haben, bevor sie irgendeinen lächerlichen Grund fanden, um mich festzunehmen. So war das damals. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit einem Surfboard aus dem Aufzug in die Hotellobby kam und alle in der Sekunde erstarrten. Sie glotzten mich an und bewegten sich nicht mehr. Es war ein Anblick, den sie nie im Leben erwartet hatten.
South-African-OpenChampion Joshe Faulkner zeigt, was er kann. „Ein schwarzer Surfer zu sein bedeutet mir eine Menge“, sagt er, „gerade weil es ein von Weißen dominierter Sport ist.“
MARTIN CAPRILE ,DJIBRIL DRAME, ALAN VAN GYSEN
„Es ist nicht die Frage, ob der afrikanische Profisurfer-Sturm kommt, sondern nur, wann.“
Auf 30.500 Kilometern Küste gibt es natürlich auch den einen oder anderen Geheimtipp: hier ein nahezu jungfräulicher Traumstrand im Süden Angolas mit drei Kilometern Wellen. THE RED BULLETIN
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Surfen
Der Südafrikaner Mikey February, 28, scha≠te es 2018 als erster Schwarzer, sich für die World Surf League Championship Tour zu qualifizieren. Er ist der Held von Legionen afrikanischer Jugendlicher.
„Der Zauber beginnt, wenn dir niemand diktiert, was richtig oder falsch ist.“
du es nicht richtig“ erlaubt einen völlig anderen Zugang. Die Schönheit des Nichtbesserwissens ist genau der Punkt, wo der Zauber passiert. In der Kunst, in der Musik und überhaupt im Leben ist es ja dasselbe: Keine Instanz zu haben, die dir diktiert, was richtig oder falsch ist, war immer schon der Schlüssel, um kulturverändernde Momente zu schaffen. Wenn man sich die Porträts der afrikanischen Surfhelden anschaut, scheint es einen roten Faden zu geben: die spirituelle Verbindung zum Meer. Diese Idee des Surfens als sexy Freizeitvergnügen existiert in der afrikanischen Kultur nicht; stattdessen gibt es eine starke Verehrung für den Ozean. Als mein Vater jung war und damit anfing, Konzertreihen in den südafrikanischen Townships zu spielen, hat ihn meine Oma gebeten, Krüge mit Ozeanwasser aus bestimmten Regionen mitzubringen, das war ihr einziger Wunsch. Sie hat diese Krüge auf einem Regal im Wohnzimmer aufgehoben. Mein Vater hat auch einen Song mit dem Titel „Mami Wata“ geschrieben – eine Ode an die spirituelle Energie des Ozeans.
ALAN VAN GYSEN, YORIYAS YASSINE ALAOUI ISMAILI
Hat dieser spirituelle Aspekt irgend eine Auswirkung auf den Zugang der Leute zum Surfen? Die Gemeinschaft und die Nähe in indigenen Kulturen sind einzigartig. Im Fall Südafrikas besteht etwa die Ubuntu- Philosophie darin, dass das Teilen alle Menschen miteinander verbindet. Wenn du das auf die Einstellung zum Surfen überträgst, kommst du zu völlig anderen Ergebnissen als die Surfer anderswo. Glauben Sie, dass Sie dieser Sinn für Gemeinschaft zu einem besseren Surfer gemacht hat? Wenn du dir die weltbesten Surfer – ganz egal, welcher Hautfarbe und Kultur – anschaust, dann hatten viele von ihnen mit Widrigkeiten zu kämpfen. Sie mussten Hindernisse überwinden, um gut zu werden. Kelly Slater hatte ein kaputtes Elternhaus, mit Alkoholismus in seiner Familie, also wurde das Surfen zu seiner Oase. Oder schau dir die Geschichten dieser brasilianischen Surfer an: Viele von ihnen kommen aus den sehr starken THE RED BULLETIN
Ramzi Boukhiam vertritt Marokko bei den Spielen in Tokio. „Wir sind eine Surfnation“, sagt er. „Wir haben 3000 Kilometer Küste mit Weltklassewellen.“
Gemeinschaften ihrer Favelas, nicht? Sie haben es alle geschafft, wirtschaftliche Krisen zu überwinden. Wenn wir lernen, unsere Kultur mit unserem Talent, harter Arbeit und Chancen zu verbinden, dann werden wir aufsteigen. Wie sehen Sie die Zukunft der afrikanischen Surfkultur? Das wird davon abhängen, wie die SurfCommunitys quer über den ganzen Kontinent ihre eigene Definition von Surf kultur hinkriegen – von der Gründung von Marken, die Menschen weltweit ansprechen, bis zur Neuausrichtung des Surftourismus. Im Augenblick wird die Szene noch von Amerikanern und Aus traliern dominiert, die nach Afrika gehen und dort Einheimische engagieren – sie bestimmen, wie die Geschäfte laufen. Doch was wäre, wenn das Business von Afrikanern geführt werden würde – anstatt dass Ausländer diese Wir-obenihr-unten-Situation schaffen? Das wäre eine riesige Chance für Einheimische, ihre eigene Version solcher Betriebe aufzubauen und zu gestalten. In einem Essay schreibt der süd afrikanische Surfstar Mikey February: „Ich habe das Gefühl, dass die afri
kanischen Surf-Communitys in Zukunft viele Menschen auf der ganzen Welt beeinflussen werden.“ Stimmen Sie dem zu? Ja. Mikey sagt, dass die afrikanische Art, Dinge auszudrücken, sehr roh und ehrlich ist. Da gibt es keine hohlen Phrasen, und niemand versucht, andere zu beeindrucken. Das ist ganz wichtig, denn all deine Erfahrungen an Land prägen dich, wenn du auf dem Board stehst. Das ist es, was du ausstrahlst – das Essen, die Musik, das Tanzen. Kultur und Tradition. All diese Dinge, die für deine Kultur einzigartig sind, prägen dich auch beim Surfen. Das ist auch der Grund für die Ausstrahlung der Brasilianer und dass die Menschen in Tahiti tanzen, wie sie tanzen. Im Wesentlichen ist es das, was dem Surfen seinen Reichtum verleiht, seine Tiefe und seine Vielfalt. Das ist es, was Surfen so cool macht.
„Afrosurf“, 320 Seiten, Ten Speed Press, z. B. bei Amazon um ca. 33 Euro. mamiwatasurf.com/ pages/afrosurf
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STILSICHER
Auch wenn Rapper Jan Delay, der Mann mit der markant n asalen Stimme, sein Musikgenre öfter wechselt – sein Style ist immer unverkennbar.
Musik
Erlaubt ist, was Bock macht Wenn man sich bei JAN DELAY, 45, auf etwas verlassen kann, dann darauf, dass immer alles anders ist. Hier erklärt der Mann, der vor 30 Jahren den Deutschrap erfunden hat, welche Grenzen Künstler nie überschreiten dürfen, warum er sich den Namen eines Radiosenders auf die Stirn tätowieren lassen würde. Und was kreative Neugier mit Swingerclubs zu tun hat. Text DANIEL SCHIEFERDECKER Fotos THOMAS LEIDIG
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In
der Welt von Jan Delay sind Regeln zum Brechen und Grenzen nur zum Über treten da. Das war immer schon so. Als er vor dreißig Jahren als Jan Philipp Eißfeldt mit Denyo, DJ Mad und Platin Martin die Beginner (damals noch Absolute Beginners) gründete, war Hip-Hop auf Deutsch noch eher seltener zu hören (wenn wir großzügig davon absehen, dass Falco bereits die internationalen Hitparaden aufgemischt hatte). Jans Grenzenlosigkeit war dann auch auf dem Beginner-Debütalbum „Flash nizm“ von 1996 zu besichtigen: Da waren alle erdenklichen Musikstile zu einem bewusstseinserweiternden Space-HopAlbum verschmolzen. Zwei Jahre später traten die Beginner mit „Bambule“ – heute ein Klassiker – den allerersten Deutsch rap-Hype los. Plötzlich war Hip-Hop auf Deutsch kein nischiges Szenephänomen mehr, sondern auch kommerziell im Mainstream erfolgreich, fand im Fernsehen, Radio und Feuilleton statt. Jan, der sich zu jener Zeit noch Eizi Eiz nannte, hatte wieder einmal alle Grenzen gesprengt – und Gefallen daran gefunden. Weil seine Eltern eine vielfältige und stilsichere Plattensammlung besaßen, war er bereits als Kind mit allen mög lichen Musikstilen in Kontakt gekommen und hatte dadurch eine Offenheit ent wickelt, die er fortan zur musikalischen Selbstverwirklichung nutzte. Seit zwanzig Jahren und über fünf Alben bedient er sich solo unter dem Namen Jan Delay nun schon der unterschiedlichsten musikalischen Ausdrucks weisen – von Reggae bis Funk, von Soul bis Rock. Auf seinem neuen Album „Earth, Wind & Feiern“ (erschienen am 21. Mai) ist natürlich wieder alles anders: Hier überwindet er Grenzen, indem er auf sie pfeift und die verschiedensten Genres vereint – von Afrobeats über Ska bis hin zum Stadiontechno. 66
the red bulletin: Die meisten Musiker bleiben stets einem Genre treu – du nicht. Warum? jan delay: Auslöser für einen Wechsel sind oft äußere Umstände. Als Hip-Hop nach dem ersten Boom Ende der Neunziger langweilig wurde, wollte ich lieber Reggae machen. Nachdem Seeed das Reggae-Ding ausgebumst hatten und nur noch Schrott rauskam, hab ich mich dem Funk gewidmet. Es ist immer gut,
„Für mich ist es das Schlimmste, vorhersehbar zu sein. Ich möchte mich nicht wiederholen.“ THE RED BULLETIN
Musik
„Wenn du anfängst, Musik wie ein Dienst leister zu machen, ist das der Anfang vom Ende.“ Aber die Kritik dazu war eine wichtige Erfahrung, die mich weitergebracht hat. Ich weiß jetzt umso mehr: Ich bin Künstler und mache das, was ich will – nicht das, von dem ich denke, dass es am besten ankommt. Denn wenn du anfängst, Musik wie ein Dienstleister zu machen, ist das der Anfang vom Ende. Kreative Grenzen zu sprengen und auch mal selbst auferlegte Regeln zu brechen ist wichtig – aber diese Grenze darf man wirklich nie überschreiten.
FEINSCHMECKER
Bei aller Unberechenbarkeit bleibt eines gleich: Jan Delay spielt gern Musik, die er am liebsten selbst hört.
sich hin und wieder selbst herauszu fordern, an Grenzen zu bringen und diese zu durchbrechen. Für mich ist es das Schlimmste, vorhersehbar zu sein. Ich möchte mich nicht wiederholen.
ich ja auch: „Mach mal wie früher – aber warum? / Hab ich doch schon, das wär doch dumm.“ Oder wie Jay-Z auf „On to the Next One“ rappt: „Ni**as want my old shit – buy my old album.“
Damit setzt du dich auch auf deinem neuen Album auseinander. Ja. Leute sagen mir oft: „Mach mal wie früher!“ Aber die sind äußerlich und innerlich hängengeblieben. Deshalb sing
Wenn du immer was Neues machst, besteht aber auch die Gefahr, dass du Fans verprellst. Klar – das habe ich bei meiner Rockplatte auch schmerzlich feststellen müssen.
THE RED BULLETIN
Nach welchen Kriterien wählst du neue Musikstile für dich aus? Ausgangspunkt ist immer das, was ich in den fünf Jahren davor privat an Musik gehört habe. Vor meinem letzten Album, „Hammer & Michel“ von 2014, hatte ich eine extreme Rock-Phase: Kaiser Chiefs, Arctic Monkeys, Queens of the Stone Age. Doch in den letzten Jahren höre ich vor allem einen Musiksender, der exakt meinen Geschmack trifft: BBC 1Xtra. Den liebe ich so sehr, dass ich mir sogar das Logo auf die Stirn tätowieren lassen würde. Was begeistert dich so daran? Tagsüber läuft dort all das, was gerade angesagt ist – das spricht meine Pop schwein-Seite an. Abends wird es dann richtig nerdig und nischig, da kann man sich in sämtliche musikalische Stil richtungen reinhören – so etwas liebe ich auch. Von diesem Ansatz habe ich mich inspirieren lassen, weshalb „Earth, Wind & Feiern“ keine Genreplatte ge worden ist wie die Alben davor. Dieses Mal war unser Ansatz eher: Erlaubt ist, was Bock macht. 67
Musik
Also totale Grenzenlosigkeit. Im Ansatz schon. Aber beim Machen ent stehen automatisch Grenzen. Während des Produktionsprozesses der Platte habe ich mich zum Beispiel gegen Live-Drums entschieden, weil die Songs modern klingen sollten. Ich wollte eine gewisse Knüppeligkeit in die Beats kriegen, damit die Tracks auch im Club funktionieren. Die Grenze war diesmal weniger das Genre, mehr der Sound. Also keine Grenze im Sinne von Mauer, sondern von Leitfaden. Ja, genau. Wobei die Mauer durchaus da ist, aber weniger als Begrenzung, über die man nicht rüberdarf, sondern als selbst auferlegte Hürde, die es zu überwinden gilt. Wie bringst du eigentlich den Mut auf, deine Erfolgspfade immer wieder zu verlassen? Das hat weniger mit Mut zu tun als mit Neugier. Ich habe einfach Spaß daran, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Wie bei einem alten Ehepaar, das nach dreißig Jahren merkt, dass Swingerclubs auch ganz geil sind (lacht). Also sind das ganz bewusste Ent scheidungen? Ja, weil ich festgestellt habe: Wenn sich Künstler nicht regelmäßig verändern und weiterentwickeln, gehen ihr Erfolg und ihre Faszination selten über drei Platten hinaus. Mein Ansatz ist eine gute Möglichkeit, diese Gefahr zu umgehen. Wie in der Landwirtschaft: Da funktio nieren Monokulturen auch nur begrenzt. Wenn du auf deinem Feld nicht alle paar Jahre etwas anderes anbaust und es da nach nicht auch mal brachliegen lässt, wird der Boden irgendwann unfruchtbar. So ist das bei mir auch. Warum war es dir bei deinen vor herigen Alben wichtig, innerhalb be stimmter Genregrenzen zu bleiben? Ich habe zu Grenzen generell ein sehr ambivalentes Verhältnis, das ist eine Hassliebe. Einerseits bin ich ein Verfech ter von Grenzenlosigkeit, andererseits bin ich auch ein kleiner Genre-Fetischist (grinst). Ich weiß aber: Manchmal führt erst das Ziehen von Grenzen zum gewünschten Ziel. Als wir 1996 das 68
„Wenn kreativ der Magen drückt, tausche ich mich mit anderen aus.“ Beginner-Album „Flashnizm“ gemacht haben, war unser Ansatz noch ein anderer, nämlich: Alles ist erlaubt. Da gab es plötzlich Rumba-Elemente neben schottischen Dudelsäcken. Aber diese Grenzenlosigkeit führte letztlich dazu, dass es keine Richtung gab und die musi kalische Reise ins Nichts verlief. Das gilt es zu vermeiden. Wichtig ist, dass man nicht festfährt – obwohl ich durchaus ein Kandidat dafür bin. Inwiefern? Manchmal stecke ich so tief drin in einer Produktion, dass ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehe. Dann hadere ich mit jedem Detail, will am liebsten alles in die Tonne treten und Koch werden. Vor „Mercedes Dance“ hatte ich regel rechte Panikattacken. Das ist heute zum Glück nicht mehr so. Wie vermeidest du es mittlerweile, an deine Belastungsgrenze zu stoßen? Indem ich mich mehr öffne. Früher habe ich oft monatelang in meinem Kämmer chen gesessen und allein an meinen Songs rumgepimmelt. Aber der Aus tausch mit anderen ist total wichtig. Dadurch kann man kreative Hürden, die einem auf den Magen drücken, häufig schnell und unkompliziert aus dem Weg räumen. Ich erinnere mich, dass wir beim letzten Beginner-Album den Loop des Songs „Es war einmal“ nicht richtig hinbekommen haben. Denyo meinte dann, er kenne jemanden, der das hin kriegen würde: Das war Fiji Kris von KitschKrieg. Und als wir den Loop von dem zurückbekamen, bin ich vor Glück fast vom Stuhl gefallen. Das war perfekt! Fiji Kris ist ein Basswissenschaftler mit einem super Gespür für Sound. Der wusste genau, was wir vorhatten. Seit dem gehört Kris zum festen Kreis von Leuten, mit denen ich mich regelmäßig über neue Songs austausche.
„Eine Mauer hat durchaus ihre Berechtigung: nicht als Grenze, sondern als Hürde, die es zu überwinden gilt.“
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ALBEN
Vielfalt und MusikstilHopping Von funky Sounds bis Schredder-Gitarre: eine Jan-Delay-Werkschau.
Reggae-Beats Erster Solo-Auftritt: Mit „Searching for the Jan Soul Rebels“ (2001) wendet er sich dem Reggae zu. Und legt ein glänzendes Album hin.
Soul-Sounds „Mercedes Dance“ (2006) war eine Liebeserklärung an Soul und Funk. Live spielt er das in großer Besetzung.
Funk-Hits PARTYSAN
Jan Delays neuer Albumtitel „Earth, Wind & Feiern“ greift ein aktuelles Bedürfnis auf.
Hast du das zurückliegende Pandemie jahr in irgendeiner Weise für einen Neustart genutzt? Ich habe auf jeden Fall so viel Zeit mit meiner Familie und meiner Tochter verbracht wie noch nie. Unter normalen Umständen hätte ich das wohl nie getan, aber das war toll und hat mich total entschleunigt. Ich merke nun aber, wie schwer es mir fällt, wieder in die Gänge zu kommen. Warum? Wenn ich mehrere Dinge auf einmal machen muss, fällt mir das bereits extrem schwer; Dinge, die vorher für mich ein THE RED BULLETIN
Klacks waren. Ich muss mich da wieder langsam rantasten. Wie beim Hantel training: Da fängst du ja auch nicht mit hundert Kilo an, sondern erst mal mit zwanzig, wenn du dich nicht verheben willst. Vor Corona hatte ich ein w irklich krasses Arbeitspensum. Da habe ich manchmal dreißig Sachen parallel ge macht und war der Meinung, es ist ja gerade nicht viel los (lacht).
Mit „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ (2009) perfektioniert er den funky Sound. Die Band sitzt wie ein eng anliegender Anzug.
Rock-Kracher Auf „Hammer & Michel“ (2014) sägen plötzlich verzerrte Gitarren. Delays nasaler Singsang ist dennoch unverkennbar.
Pop-Mix Das Album „Earth, Wind & Feiern“ ist im Frühjahr erschienen. Hier geht’s direkt zur Spotify-Playlist – einfach den QR-Code scannen.
Das Intro zu „Earth, Wind & Feiern“ (2021) trifft’s genau: Dies ist wieder ein Album „für die Menschen, die es lieben zu dancen zu tiefen Frequenzen“. 69
Liebe ist stärker Gehirnforschung
als Kokain
Das Gehirn hat den Menschen zum intelligentesten Lebewesen der Erde gemacht. Aber nicht klug genug, um die Funktionsweise dieses Organs vollständig zu verstehen. Die deutsche Therapeutin Anja Hussong und der Schweizer Wissenschaftler Philipp Stämpfli arbeiten in unterschiedlichen Fachrichtungen mit dem Gehirn: Hier erklären sie, warum wir beim Duschen Lösungen finden, uns Laufen beim Erinnern hilft und Liebe stärker wirkt als jede Droge. Text WOLFGANG WIESER Illustrationen JOCHEN SCHIEVINK
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THE RED BULLETIN
KUNSTWERK IM KOPF
THE RED BULLETIN
BRAINPICS GMBH
Mittels Magnetresonanz lässt sich das Netzwerk der Nervenfasern im Gehirn darstellen. Neben ihrer wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit e rschaffen die beiden Forscher Anja Hussong und Philipp Stämpfli aus solchen Aufnahmen bunte GehirnKunstwerke wie dieses Exemplar.
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1 FORSCHER & THERAPEUTIN MIT GEMEINSAMER MISSION
Philipp Stämpfli und Anja Hussong machen die Schönheit des Gehirns sichtbar. Mit Wissenschaft und Kunst.
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ie Mission von Anja Hussong und Philipp Stämpfli ist es, „die Schönheit und Einzigartigkeit des menschlichen Gehirns in die Welt zu tragen“. Hussong ist Neurofeedback-Therapeutin, Stämpfli ist Informatikingenieur und leitet das Zentrum für MagnetresonanzBildgebung an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, zudem ist er Hypnosetherapeut. Gemeinsam haben sie die Firma BrainPics gegründet. Das Ziel des Unternehmens ist, mit Hilfe eines komplexen Verfahrens, der sogenannten diffusionsgewichteten Bildgebung, die Schönheit der Struktur der Nervenfaserverbindungen sichtbar zu machen – gern auch vom Gehirn der Kunden. Diese Netzwerke steuern unsere Denkleistung, Konzentration und Gefühle. Was dabei so abgeht? Hier sind neun Beispiele aus der Hirnforschung.
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Warum wir unter der Dusche oft die besten Ideen haben
Die Erklärung: Duschen ist wie ins Ka-
minfeuer starren – man erreicht einen fast hypnotischen Zustand. Das Unter bewusstsein liefert Antworten, die rational (noch) nicht greifbar wären. Im Detail: Warmes Wasser umhüllt den Körper. Die Muskeln entspannen sich. Der Duft der Seife bahnt sich durch die Nase den Weg in den Mandelkern (Amygdala) im Zentral gehirn. Er wandelt Wahrnehmungen in Gefühle um und weckt Erinnerungen. Das Gehirn produziert vermehrt beruhigende Alpha-Theta-Wellen. Schließen wir jetzt noch die Augen, aktiviert sich das „Default Mode“Netzwerk (Ruhenetzwerk). Die Ablenkung von außen wird verringert, der Geist findet Zugang zum Unterbewusstsein – plötzlich tauchen Antworten auf Fragen oder Lösungen auf, die vorher nicht greifbar waren.
Wie Gehirntraining dabei hilft, vernünftig mit Geld umzugehen
... oder warum wir Lotto spielen, obwohl wir statistisch betrachtet 450.000 Jahre spielen müssten, um eine 95-prozentige Chance auf einen Jackpot zu haben.
Die Erklärung: Mittels Neurofeedback lässt sich der Frontalkortex (Stirnhirnlappen) trainieren, er ist für die Impulskontrolle zuständig. Weil wir Menschen aber grundsätzlich Optimisten sind, probieren wir das L ottospielen entgegen besserem Wissen trotzdem immer wieder – die Verlockung des schnellen Gewinns ist zu groß. Im Detail: Es gibt Untersuchungen, die
zeigen, dass die meisten Menschen eher davon ausgehen, zu denen zu gehören, denen etwas Gutes widerfährt – etwa ein Lottogewinn. Gleichzeitig wird die Möglichkeit, dass einem etwas Schlimmes passiert, als eher unwahrscheinlich eingeschätzt. Dabei spielt der Frontalkortex eine große Rolle. Er ist sozusagen die letzte Instanz in der Netzwerkreihe des Gehirns und entscheidet, ob eine Handlung ausgeführt wird oder nicht. Eine Unteraktivierung des Frontalkortex kann dazu führen, dass jemand spielt, obwohl es kein logisches Argument dafür gibt. Ein gezieltes Neurofeedback-Training zur verstärkten Aktivierung des Frontal kortex kann helfen, den Impuls zum Spielen zu kontrollieren. B essere Impulskontrolle hilft übrigens bei allen Süchten. Vorteil: Der Frontalkortex ist sehr lernfreudig – weil wir dabei Lust empfinden.
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So arbeitet unser Gehirn
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THE RED BULLETIN
Gehirnforschung
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Warum uns zu viele Drinks geschwätzig machen Die Erklärung: Alkohol bringt vor allem zwei Botenstoffe im Gehirn ins Ungleichgewicht – und das lockert unsere Zunge. Im Detail: Alkohol aktiviert den Boten-
stoff GABA (Gamma-Aminobutter säure). Wir fühlen uns entspannter. Gleichzeitig wird der Botenstoff Glutamat, der für das „schnelle Denken“ zuständig ist, blockiert. Enthemmt und denkfaul – schon ist’s passiert: Wir plaudern ein Geheimnis aus, das sonst niemals über unsere Lippen gekommen wäre.
Wir können unser Hirn mit Dauerläufen trainieren. Körper liche Anstrengung lässt die Zellen im Hippocampus wachsen. Das steigert Kurz- und Langzeitgedächtnis. THE RED BULLETIN
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Wie ein übereifriges Gehirn Ehen gefährden kann
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Warum Laufen Erinnerungen bewahrt
Die Erklärung: Eine Studie hat gezeigt, dass der Hippocampus, die zentrale Schaltstelle des limbischen Systems, mit Dauerläufen trainiert werden kann. Gut in Form, macht er höhere Denkleistungen möglich und hat ein stärkeres Erinnerungsvermögen. Im Detail: Der Hippocampus ist das
Die Erklärung: Das zum limbischen System gehörende Cingulum (Teil des Frontalhirns) steuert das Sozial verhalten. Ist es zu aktiv, werden wir nachtragend, unkooperativ und grantig. Und das hat noch keiner Beziehung gutgetan. Im Detail: Das Cingulum ist verant-
wortlich für die kognitive Flexibilität und die soziale Anpassung an den Alltag, entscheidet über die Kooperationsbereitschaft und die Fähigkeit, Chancen zu erkennen und zu er greifen. Ist dieser Bereich über- oder unteraktiviert, kann es zu Problemen im täglichen Miteinander kommen. Diese Menschen neigen dazu, sich ständig zu sorgen, sind n achtragend, unflexibel und zwanghaft – Eigen schaften, die zu Problemen in Be ziehungen führen können. Ein Ansatz zur Abhilfe kann Neurofeedback sein. Wichtige Voraussetzung: der Wille, wirklich etwas zu ändern.
Zentrum für Erinnerungen aus dem Kurz- und Langzeitgedächtnis. In ihm wird bei Erwachsenen auch das Protein BDNF (Brain-Derived Neuro trophic Factor) gebildet. Eine Studie zeigte, dass ein niedriger BDNF- Spiegel mit einem kleineren Hippocampus verbunden sein kann. Dies lässt den Rückschluss zu, dass ein kleinerer Hippocampus mit schlechteren Gedächtnisleistungen einhergeht. Die Bildung des BDNF wird unter anderem angeregt, wenn Muskeln sich zusammenziehen. Das heißt: Körperliche Anstrengung lässt die Gehirnzellen im Hippocampus wieder wachsen und optimiert so seine Leistung im Kurz- und im Langzeitgedächtnis.
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Wie wir uns zum Traumjob denken
Die Erklärung: Glaube kann Berge v ersetzen – das stimmt tatsächlich. Eine präzise Vorstellung wird vom Gehirn als wahr betrachtet und führt dazu, dass zum Beispiel der Traum job Wirklichkeit wird.
Warum Verliebtsein stärker (und gesünder) als jede Droge ist
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Warum Multitasking Blödsinn ist (und trotzdem ans Ziel führen kann)
Im Detail: Die ersten Auswirkungen
Im Detail: Jeder Gedanke, der intensiv
genug ist, löst im Gehirn die Aus schüttung von Nervenbotenstoffen (Neurotransmittern) aus. Bei negati ven Gedanken erzeugen sie Stress, bei positiven machen sie uns zu er folgreichen Menschen. Aus diesem Grund gilt: „Achte auf deine Ge danken – sie erzeugen deine Welt!“ Für die Ausschüttung der Botenstoffe spielt es erstaunlicherweise keine Rolle, ob wir uns eine Situation nur vorstellen oder sie echt erleben, denn das Unterbewusstsein kann nicht zwi schen Fiktion und Fakten, zwischen Traum und Wirklichkeit unterschei den. Eine im Unterbewusstsein ver ankerte Vorstellung wird auf die Art zur „persönlichen Wahrheit“. Jeder Gedanke hinterlässt im Gehirn eine Gedächtnisspur – ein Muster, das ab gerufen und verfestigt wird, je öfter wir diese Spur benutzen. Denken wir uns also nur oft genug in unseren Traumjob (und tun natürlich auch etwas dafür, dass wir dort gebraucht werden), steigert das die Chancen, diese Stelle tatsächlich zu bekommen. Genau so verwurzeln sich auch ande re Glaubenssätze, positive wie – auf gepasst! – negative: Die Sätze „Du taugst nichts“, „Das schaffst du nie“, „Du bist zu dick“ können so zur fixen Idee und in der Folge wahr werden. 74
Die Erklärung: In der Verliebtheits phase werden vom Gehirn die glei chen Neurotransmitter ausgeschüttet wie beim Kokainkonsum. Die Folge: das gleiche Hochgefühl, aber ohne die gesundheitlichen Risiken.
Die Erklärung: Multitasking funktio
niert nicht, sagt die Hirnforschung. Wer trotzdem alles gleichzeitig macht, wünscht sich vermutlich unbewusst eine Änderung seines Lebens. Im Detail: Wer mehrere Dinge zur
gleichen Zeit macht, schenkt keiner von ihnen die nötige Aufmerksam keit. Das führt zu Schlampereien und Fehlern. Im Wiederholungsfall wird womöglich der Chef reagieren – et wa mit Versetzung oder Kündigung – und so für die unbewusst herbei gesehnte Veränderung sorgen.
von Sich-Hals-über-Kopf-Verlieben und dem Konsum von Kokain sind recht ähnlich. Man spürt unfassbare Euphorie, mitunter Appetitlosigkeit und überbordende Motivation – das ist bei Liebe und Droge gleich. Nervenbotenstoffe (Neurotrans mitter) lassen sich also durch einen anderen Menschen oder mit Chemie beeinflussen. Die Liebe schädigt allerdings nachweislich weder die Herzwände noch die Organe, und irgendwann stabilisiert sich auch der Schlafrhythmus wieder.
Ein verliebtes Gehirn schüttet die gleichen Neurotransmitter aus wie beim Drogenkonsum. Aber ohne Risiko für die Gesundheit. THE RED BULLETIN
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Wie wir der Angst die Kraft nehmen
Die Erklärung: Angstzustände werden oft durch eine falsche „Programmierung“ im Unterbewusstsein verursacht – und sind durchaus behandelbar. Im Detail: Das Unterbewusstsein ist
leider – im Gegensatz zum Bewusstsein – nicht rational und analytisch, sondern stellt oft Verknüpfungen her, die nicht logisch sind. Solche „Fehlprogrammierungen“ können Ängste, aber auch Blockaden, Suchtverhalten, Allergien oder andere körperliche Symptome auslösen, deren Ursache analytisch nicht zu ergründen ist. Durch moderne Hypnosetherapie kann jedoch der Ursprung des Angstgefühls aufgedeckt und neutralisiert werden. Das Ergebnis der Veränderung ist messbar, indem man beispielsweise die Hirnleistung in einem bestimmten Netzwerk in gewissen Situationen vor und nach einer Therapie misst. Ein Trauma kann innerhalb weniger Millisekunden entstehen – aber mit einer Therapie auch ebenso schnell aufgelöst werden. BRAINPICS GMBH
GEHIRNE ABSTRAKT
Zwei weitere Magnetresonanz-Kunstwerke von Hussong und Stämpfli. Wer sein eigenes Gehirn als Bild an die Wand hängen will, kann eine Sitzung hier buchen: brainpics.ch
THE RED BULLETIN
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ANZ EIGE
must-haves
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1 JUNGE LIEBE
2 WIE ANGEGOSSEN
3 WILDES DING
4 STARTHILFE
5 EASY TO LOVE
6 DIE SPORTBRILLE FÜR ALLES
Tim Thoelke, Stadionsprecher von RB Leipzig, interviewt 44 Fans: Egal ob Lokführer, Lehrerin, Professor oder Boxerin – sie erzählen von den schönsten Momenten der jungen Vereinsgeschichte. Fotograf Enrico Meyer porträtiert die Fans für diesen einzigartigen Text-Bild-Band, der zeigt, dass Fußball ein Sport ist, der ohne Fans nur halb so großartig wäre! pantauro.com
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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen
FELS IM GRIFF
STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL
SIMON SCHREYER
Die Schweiz mediterran: auf Boulder-Tour im Tessin mit Maestro Giuliano Cameroni
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GUIDE Reisen
„Im Tessin gibt es eine höhere Konzentration an kniffligen Felsproblemen als überall sonst in Europa.“ Boulder-Profi Giuliano Cameroni, 24, erzählt uns von seiner Kletter-Heimat
I
ch war noch nicht einmal geboren, da war ich schon auf den Felsblöcken des Tessins unterwegs. Meine Mutter ließ es sich nämlich nicht nehmen, sogar während der Schwangerschaft zu bouldern (also in Absprunghöhe zu klettern, Anm.). Auch mein j üngerer Bruder Diego und mein Vater Claudio (der ganz besonders!) sind in meiner Heimat als Boulderer bekannt. Mein Vaterhat sogar vier beliebte Guides über das Tessin verfasst. Klettern ist bei uns also eine echte Familienangelegenheit. Und die Boulder-Felder der U mgebung waren bereits meine Spielwiese, als ich erst vier Jahre alt war. Im Tessin befinden sich vier wichtige Boulder-Gebiete: Cresciano, Chironico, Brione und den Gotthardpass. Sie alle zeichnen sich durch hohe Felsqualität aus. Die Granit- und Gneisblöcke verfügen über kompakte Strukturen – gerade genug für Griffe und Leisten. Es kommt so gut wie nie vor, dass ein Griff ausbricht. Außerdem ist der Fels so gestaltet, dass sich die Bewegungen ganz von selbst ergeben. Es ist beinahe so, als hätte die Schöpfung für uns mitgedacht. Hier spricht der Fels zu den Kletterern. 78
Steiniges Zuhause: Boulder-Profi Giuliano Cameroni auf einem Felsblock im Tessin
Der klare Bergbach im Tessiner Verzascatal erzeugt natürliche Whirlpools. Hier findet man nach dem Bouldern herrliche Abkühlung. THE RED BULLETIN
Anreise Mit dem Auto: Von Zürich aus erreicht man den Gotthardtunnel in etwa eineinhalb Stunden (keine Maut!). Eine Autobahn- Vignette für 10 Tage kostet € 9,40 / CHF 10.29. Am besten gleich einen Zwischenstopp einlegen, denn der Gotthardpass ist für sich schon ein BoulderTraumziel. Fährt man doch durch den Tunnel, so erreicht man ungefähr eine Stunde nach der Tunnelausfahrt Bellinzona. Von dort sind es nur noch wenige Minuten bis Cresciano.
Zürich Bern
Schweiz KANTON TESSIN Cresciano Lugano
Mit der Bahn: Die Fahrzeit von Zürich nach Bellinzona beträgt etwa 2 Stunden. (Ticket: € 71,– / CHF 77.80).
STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL, EVOLUTIONCENTER.CH, GETTY IMAGES (2) SIMON SCHREYER
Der Ort Lavertezzo in der Valle Verzasca: Hier können Besucher bouldern und wildbaden.
Gut zu wissen
Im Tessin gibt es so eine höhere Konzentration an kniffligen Felsproblemen als überall sonst in Europa – genau das begeistert den ambitionierten Boulderer. Und meine Erfahrung ist: Jeder Felsen hat seine ganz eigene Energie.
Unterkunft: Barbara und Cornelia betreiben das Ostello Cresciano, das sich unter Kletterern zunehmender Beliebtheit erfreut. Dort ist das Frühstück inkludiert, das Wi-Fi gratis und die Lounge gemütlich. Als Alternative bieten sich Airbnb an oder drei Campingplätze (Al Censo, Bellinzona oder Agriturismo La Finca), wenn ihr mit dem Van anreist.
Ob Anfänger oder Experten: Hier können alle klettern Drei der Boulder-Probleme möchte ich hier genauer vorstellen. Sie befinden sich in meinem Lieblingsgebiet – in Cresciano. Fangen wir mit dem schwierigsten an (in der Klammer steht jeweils der BoulderSchwierigkeitsgrad aus der Skala bis 9a): Dreamtime (8b+/8c), 7 Meter lang, 3 Meter hoch, ist ein Klassiker mit THE RED BULLETIN
An Regentagen bieten sich zwei Indoor-Anlagen zum Klettern an: Alphaboulder in Giubiasco und die Sportkletterhalle Evolution (Bild links) in Taverne. Für Regentage: Kletterhalle Evolution in Taverne
Infos: ostello-cresciano.online
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GUIDE Reisen
Die Ponte dei Salti im Verzascatal lädt Wagemutige zum Sprung ins Wasser.
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Zur Abkühlung in der Verzasca baden
„Im Tessin spricht der Fels zu den Kletterern.“ Giuliano Cameroni, 24, Boulder-Profi
Dazu kommt noch, dass die Gegend eine besonders friedvolle Ausstrahlung hat. Falls in Cresciano einmal viel los sein sollte (was aber selten vorkommt), kann man immer noch nach Chironico in Leventina ausweichen. Zur Abkühlung baden meine Freunde und ich gern in der Verzasca. Der klare Bergbach in dem idyllischen Tal erzeugt natürliche Whirlpools mit sanfter Strömung. Attraktive Alternative dazu: Ponte Brolla im nahe gelegenen Maggiatal. Dort kann man aus mehreren Metern Höhe ins Wasser springen und manchmal auch professionellen Cliff-Divern zuschauen. Mehr über Giuliano Cameroni: Instagram: @giuliano_cameroni, redbull.com THE RED BULLETIN
SIMON SCHREYER
Pluspunkt der Gegend: Im Tessin lässt sich das ganze Jahr über klettern. Und: Es scheint extrem oft die Sonne!
GETTY IMAGES, STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL
20 Zügen und einem Dyno (Sprung) am Ausstieg. Die Route führt durch einen 45-Grad-Überhang, steigt von rechts nach links und führt dann mittig nach oben. Was ich hier mag, ist der geschmeidige Bewegungsfluss. La grotte des soupirs (7c), 4 Meter lang, 2 Meter hoch, ist ein höhlenartiges Dach mit weiten Griffabständen. Sie bietet einen nicht zu schwierigen, aber kräftezehrenden Ablauf. Anstrengung und Akustik haben Erstbegeher Fred Nicole zu dem Namen inspiriert: die Höhle der Seufzer. Il Cerchio Celtico (6a+), 4 Meter lang, 2 Meter hoch, wohl ein ehemaliger keltischer Kultplatz, befindet sich auf einem Hügel mit unglaublichem Panorama. Auf den Boulder führen fünf Routen, die sich zum Aufwärmen für Könner oder als Startpunkt für Anfängerinnen und Anfänger eignen. Die meisten Boulder stehen tief in der wilden Landschaft versteckt, weitab jeder Zivilisation. Ein weiterer
GUIDE Fitness Einige Stationen der Red Bull AlmauftriebFitness-Challenge 2019 in Mayrhofen: Eine Kuhglocke (li. o.) läutet den Start ein, dann geht es über eine Strohpyramide (re. o.). Es folgt das Milchkannen-Tragen (re. u.) und am Ende das Seilklettern.
Neunkampf Auf der sechs Kilometer langen Red Bull AlmauftriebStrecke müssen die Teil nehmer neun beinharte Challenges und dabei auch 600 Höhenmeter bewältigen. 1. Heu-Kraxln Es gilt, mehrere Pyramiden aus Strohballen zu überwinden. 2. Wood-Carry Ein Holzstamm muss rund 700 Meter weit ge tragen werden. Keine Kleinigkeit: Er wiegt 30 Kilo (Herren) bzw. 15 Kilo (Damen)
Alm für dahoam Der Red Bull Almauftrieb ist auch für Spitzensportler wie Snowboard-Weltmeister Benjamin Karl ein Härtetest: Hier ist sein Almtraining für zu Hause. Benjamin „Benny“ Karl, 35, ist gerade vom Gletscher nach Hause gekommen. Ein paar Abfahrten waren trotz des weichen Schnees drin. „Für das Gefühl sind mehr auch gar nicht nötig“, sagt der Snowboard-Star. Mit seiner Internet-Plattform „Athletic Heroes“ hat er sich längst zum Fitness-Guru entwickelt. Hier erklärt er, wie du dich auf den Red Bull Almauftrieb vorbereitest oder seine Fitness-Challenges für ein Workout daheim umsetzt. Einige der neun Aufgaben (siehe Kasten rechts) bereiten Karl kein Kopfzerbrechen. Dazu gehören das Heu-Kraxln (1), Wood-Carry (2), der Stadl (7) 82
und die Heu-Mandln (8): „Dafür reichen Grundfitness und ein gewisses Geschick.“ Den Holzknecht (3) kann er gar nicht leiden: „Danach bist du
„Klimmzüge sind für den Rücken ein Wundermittel.“ Benjamin Karl, Snowboard-Weltmeister
oft irgendwo aufgescheuert.“ Bleiben von den neun Übungen noch fünf. Fürs Milchkandl- Laden (4) und Milchkandl- Carry (5) „zahlt es sich aus, Bergläufe zu machen, sowie alles, was die Oberschenkel stärkt, zum Beispiel in Ausfallschritten vorwärts gehen.“ Beim Milchkandl-Laden hilft es, ebenso wie beim Heu-Wenden (6), wenn du einen alten Traktorreifen (oder Ähnliches) hast: „Bei beiden Challenges sind ein starker Rücken und ein kräftiger Rumpf Voraus setzung. Also, runterhocken und den Reifen mit geradem Rücken aus den Beinen auf hebeln und umkippen. Im Gym machst du am besten Deadlifts“ (Gewicht vom Boden bis zur Hüfte heben; Anm.). Und für den Almhütten-Climb (9) am Schluss des Rennens? „Klimmzüge, Klimmzüge, Klimmzüge.“
3. Holzknecht Holzscheite unter den Arm klemmen und 600 Meter bis zum Waldrand schleppen. 4. Milchkandl laden Eine Milch kanne (40/25 kg) von einer Prit sche auf eine andere umladen. 5. Milchkandl-Carry Milch kannen (2× 5 kg/3 kg) sind 800 Meter weit zu tragen. 6. Heu wenden Strohballen wen den erfordert eine Menge Kraft: Sie wiegen 80 bzw. 40 Kilo. 7. Der Stadl Es sind verschiedene Hindernisse in einem urigen Stadl zu bewältigen. 8. Heu-Mandln Auf den letzten 300 Metern stehen einem HeuMandln im Weg – wie immer man sie überwindet, alles ist erlaubt: seitlich vorbei, drunter oder drüber. 9. Almhütten-Climb Das Finale: an einem Seil bis unters Dach einer Almhütte klettern und Glocke (= Medaille) abholen. Red Bull Almauftrieb: Mayrhofen, 7. August 2021; redbull.com
Mehr Training mit Benjamin Karl: athletic-heroes.com THE RED BULLETIN
MIRJA GEH/RED BULL CONTENT POOL, SEBASTIAN MARKO/RED BULL CONTENT POOL (2), DAVID ROBINSON/RED BULL CONTENT POOL, SERVUS TV/NEUMAIER LEO WOFLGANG WIESER
TRAINING
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SCIENCE-FICTION
Steinharte Geschichten Sobald sich die Gestalt aus Stein in Bewegung gesetzt hat, kann sie nichts und niemand mehr aufhalten: Mit seinem Debütroman „Stone Man“ führt der Brite Luke Smitherd vor, wie die Welt mit existenzbedrohenden Gefahren umgeht. Text JAKOB HÜBNER
C
oventry in den West Midlands Englands: An einem lauen Sommerabend taucht mitten auf dem Millennium Place, einem beliebten Platz in der Innenstadt, plötzlich eine rund zweieinhalb Meter große, grob menschenähnliche Steinskulptur auf – tatsächlich materialisiert sich das Ding, das aussieht wie „das Männer-Piktogramm an einer Toilettentür“, buchstäblich
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aus dem Nichts, so als hätte Scotty es höchstpersönlich auf die Erde gebeamt. Natürlich bildet sich augenblicklich eine schnatternde Zuschauermenge rund um die Erscheinung – alle haben die Handys gezückt und sind elektrisiert von dem Gedanken, hier einen echten SocialMedia-Heuler zu erleben. Während die Leute noch r ätseln, ob es sich um einen Kunst-Event oder einen PR-Gag handelt,
nimmt die Show richtig Fahrt auf: Die Kreatur, die später als „Stone Man“ die globale Berichterstattung beherrschen wird, setzt sich in Bewegung. Unter den Schaulustigen ist zufällig auch der ehrgeizige Lokalreporter Andy Pointer. Gemeinsam mit der aufge kratzten Menge wird er Zeuge, wie der Stone Man ganz gemütlich über den Millennium Place stapft und dann, ohne langsamer zu werden, durch ein Museumsgebäude marschiert, als wäre es eine Filmkulisse aus Pappmaché. Der anfängliche Jubel wandelt sich zur schrillen Panik, in die sich schon bald die ersten Todesschreie mischen. Auch Andy verfällt zunächst in Panik, aber bei ihm brennen nicht sämtliche THE RED BULLETIN
VINZ SCHWARZBAUER
GUIDE Lesestoff
Erster Absatz aus „Stone Man“
LESETIPPS
Im Nachbarzimmer läuft der Fernseher. Der Ton ist laut, es sind die Nachrichten, und ich bekomme mit, wie ein schottischer Reporter verkündet, dass alles wieder von vorn losgeht. Natürlich wusste ich das schon, so wie jeder andere Zuschauer auch. Überall im Land und auf der ganzen Welt stellt man sich die „Preisfrage“: Wer wird es dieses Mal sein?
Sicherungen durch. Er wittert nicht nur seine große Chance als Journalist – die Story sei nes Lebens! –, sondern spürt auch eine mentale Verbindung zu diesem apokalyptischen Wesen. Aus irgendeinem Grund scheint er in der Lage zu sein, das Ziel des Stone Man zu lokalisieren – aller dings ohne jede Chance, die Kreatur auch nur einen Milli meter von ihrer grauenhaften Mission abzubringen. Der Stone Man geht unbeirrbar seinen Weg. Und nichts kann ihn aufhalten. Die Rahmengeschichte, die uns der Brite Luke Smitherd hier auftischt, hat ungefähr so viel Raffinesse wie ein Bull dozer auf Autopilot. Aber um die geht es auch gar nicht. Der besondere Reiz dieses Buchs, das – zunächst im Eigenverlag erschienen – in England durch die Decke ging und regelrechten Kultstatus erreichte, liegt auf einer ganz anderen Ebene. Smitherd, der auch einen erfolgreichen Podcast („Are You Sure? With Smitherd and Shaw“) betreibt, wirft in seinem ver wegenen Mix aus Science- Fiction, Horror und Gesell schaftsroman einen ganzen Haufen moralischer und exis tenzieller Fragen auf – und beantwortet keine einzige davon. Er schmeißt sie uns einfach vor die Füße. Da wäre zunächst der Stone Man selbst. Bei dessen Beschreibung bleibt Smitherd stets im Ungefähren und lässt damit der Fantasie des Lesers freien Lauf. Wichtig ist nur ein Punkt: Hier gibt es eine absolut tödliche Bedrohung, THE RED BULLETIN
die man zwar kommen sieht, aber unter keinen Umständen abwenden kann. Ein schlauer Schachzug gelingt Luke Smitherd auch mit der Figur des Reporters Andy. Er sitzt – als Erzähler dieser Geschichte – in einem Hotelzimmer und gibt die Geschehnisse in einer Art Gedächtnisprotokoll wieder. Warum, das erfahren wir erst gegen Ende des Buchs – und wäre an dieser Stelle ein ge radezu gemeiner Spoiler. Ver raten sei nur, dass Andy am Asperger-Syndrom leidet und Probleme hat, soziale Empa thie zu entwickeln – was wie derum Smitherd die Möglich keit gibt, betont distanziert an die Sache heranzugehen und die Egozentrik unserer Gesell schaft auszuloten, ohne sei nen Helden wie ein eiskaltes Arschloch wirken zu lassen. Fazit: „Stone Man“ ist ein hinterhältiger Roman, der auf subtile Weise mit der Vor stellungskraft und den Ängs ten der Leser spielt. Teil 2, „Die Rückkehr“, erscheint am 1. September, Teil 3, „Die Wiedergeburt“, ist für Jänner 2022 angekündigt.
LUKE SMITHERD „Stone Man – Die Ankunft“ Deutsch von Andreas Decker Piper, 400 Seiten
Heimkehr der Helden Vier aktuelle Fantasy-Serien, die auf eine große Geschichte zurückblicken können.
MICHAEL J. SULLIVAN Dass uns US-Autor Michael J. Sullivan jetzt die Vorgeschichte zu seiner großartigen und mehrfach preisgekrönten „Riyria“-Serie rund um die Meisterdiebe Royce Melborn und Hadrian Blackwater nachreicht, haben wir seiner Aussage zufolge einer außerehelichen Liebesaffäre seiner Frau zu verdanken. Denn die hat sich offenbar unsterblich in Hadrian verknallt … „Die Riyria-Chroniken“ (Klett-Cotta)
ANTHONY RYAN Auch der schottische Best sellerautor Anthony Ryan hat sich nach seinem erfolg reichen Steampunk-Abstecher ins Reich der Drachen („Draconis Memoria“) seiner Wurzeln besonnen und seinen dunklen Helden Vaelin Al Sorna wiederbelebt. Band 1, „Das Lied des Wolfes“, steht bereits in den Buchläden, Band 2, „Das schwarze Lied“, erscheint am 21. August. Action-Fantasy vom Feinsten. „Rabenklinge“ (Klett-Cotta)
LEIGH BARDUGO Das sogenannte „Grisha verse“ (Welt der Grisha) bildet den erzählerischen Hinter grund für nahezu alle Romane der Amerikanerin Leigh Bardugo und die darauf basie rende Netflix-Serie „Shadow and Bone“. Während die Anfänge der Reihe noch eher im Jugendfach beheimatet waren, ist die amerikanische Erfolgsautorin spätestens mit ihrer „King of Scars“-Dilogie in der Erwachsenen-Fantasy angekommen. „King of Scars“ (Knaur)
JOE ABERCROMBIE Der bekannteste „Heim kehrer“ ist der britische Ausnahmekönner Joe Aber crombie, dessen neue Trilogie („The Age of Madness“) naht los an seine bis heute unüber troffene „The First Law“-Serie anschließt. „Silberklingen“, der abschließende dritte Band, soll im November er scheinen – es bleibt also noch Zeit genug, um sich in dieses in allen Belangen fulminante Leseabenteuer zu stürzen. Klingen-Serie/ „Silberklingen“ (Heyne)
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GUIDE Gaming Szene aus dem Wildnis-Game „Open Country“: ein Wasserfall, (fast) so schön wie im echten Leben.
ÜBERLEBENSTRAINING
Spiel mit der Natur
Wähle das Lager schlau
Das Survival-Game „Open Country“ macht die Wildnis zum Erlebnis. Und bietet Tipps, die auch im wirklichen Leben helfen.
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aller Zusammenhänge ist überlebenswichtig: Holz kann einerseits zum Unterschlupf, andererseits zum Lagerfeuer werden, Spuren am Boden führen zu Tierherden, Flüsse zu reicher Vegetation. „Es ist das reinste SurvivalTraining“, verspricht Tudor Nimara, Chefdesigner des Spieleentwicklungsteams FUN Labs. „Aber wir wollten auch Momente zur Betrachtung traumhafter Aussichten zu lassen, um die Verbindung zur Natur wiederzufinden.“ Und da im Universum alles mit allem verbunden ist, hat auch dieses Spiel einen un mittelbaren Bezug zur Wirk lichkeit: Einige der Tricks zum Überleben in der Wildnis, die einem das Spiel beibringt, könnten sich beim nächsten Real-Life-Abenteuer durchaus als nützlich erweisen ...
Merk dir markante Orte „Um in der Natur die Ruhe zu bewahren, ist es wichtig, nie die Orientierung zu verlieren“, so Nimara. „Darum merk dir markante Orte. Benutze einen Kompass, und behalte deine Position immer im Blick.“
Sei fürs Wetter gerüstet Im Spiel wie im Leben gilt: Das Wetter ist unberechenbar. Wenn es sich ändert, muss man schnell reagieren kön nen. Nimara: „Der Spieler muss sich ordentlich aus rüsten, um zu überleben.“
Respektiere die Natur
„Dieses Game ist pures SurvivalTraining.“ Tudor Nimara, Spieledesigner
In „Open Country“ wirst du von einem loyalen Freund begleitet. „Dein Hund kann Tierspuren aufspüren und dich auf Gefahren aufmerk sam machen.“ Unterm Strich: Entscheidend ist, dass du lernst, die Natur und ihre Gefahren zu respektieren. Das hilft dir im Spiel. Und im Rest des Universums sowieso. „Open Country“ gibt es für PS4, Xbox One und Steam; opencountrygame.com THE RED BULLETIN
STU KENNY
„Wenn wir versuchen, etwas gesondert zu betrachten – egal was es ist –, werden wir immer wieder feststellen, dass es mit allem anderen im Universum verknüpft ist“, schrieb der legendäre Ent deckungsreisende und Natur schützer John Muir, Vater des gigantischen amerikanischen Nationalparksystems, 1869, als er das Gebirge der Sierra Nevada zum ersten Mal er blickte. Wer „Open Country“ zu spielen beginnt, wird rasch verstehen, was Muir meint. Die Wildnis-Challenge ist im Computerspiele-Verlag 505 Games erschienen. Als Figur, die das Stadtleben gegen ein Leben in der freien Natur eingetauscht hat, landet man in einer Welt, die von US-Nationalparks wie Yellowstone und Yosemite inspiriert ist. Das Verständnis
„Wir zwingen die Spieler nicht, ihr Lager an bestimmten Plät zen aufzuschlagen, aber es ist sinnvoll, sich gründlich umzu sehen und zu prüfen, welche Ressourcen in der Nähe sind.“
Spitz die Ohren The Red Bulletin gibt’s nun auch zum Anhören: inspirierende Interviews, scharfe Porträts, abenteuerliche Reportagen. Jeden Mittwoch – überall, wo es Podcasts gibt. Jetzt reinhören und gleich abonnieren.
Plus:
MICHAEL KÖHLMEIERS Kolumne Boulevard der Helden als Podcast-Serie
GUIDE Tipps & Trends 7 KILOMETER FOTOKUNST ¡VIVA LATINA! TOLLES FOTOFESTIVAL IN BADEN BEI WIEN 1500 Fotos aus Lateinamerika (bis zu 280 m² groß!) sind beim größten Outdoor-Foto-Festival Europas in Baden bei Wien zu sehen – und zwar auf sieben Kilometer Länge. Bis Mitte Oktober, Eintritt ist frei. Infos: festival-lagacilly-baden.photo
DOMINIC THIEMS TENNIS-TURNIER RED BULL THIEM, SET, MATCH Vorteil für alle! Tennis-Star Dominic Thiem lädt auch 2021 ambitionierte Amateure zum Thiem-Turnier. Bei sechs Stopps in ganz Österreich habt ihr die Chance, euer Können zu beweisen. Erste Station: Colony Club Wien, 21. 8. redbull.com/thiem
GUT BEHÜTET Das Bild von Luisa Dörr zeigt Boliviens „Flying Cholitas“.
VESPA FEIERT GEBURTSTAG VESPA GTS 75TH ANNIVERSARY
SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL, LUISA DÖRR, BALLY, ENNSTAL-CLASSIC/PETER MEIERHOFER, TUDOR
Eine Vespa wie damals, in einem speziellen Metallic-Gelb mit dem naheliegenden Namen Giallo – in den 1940er-Jahren eine der angesagtesten Farben. Das Cockpit ist hingegen absolut auf der Höhe der Zeit: mit Farbdisplay und möglicher Smartphone-Verbindung. vespa.com
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BOOTS FÜR ABENTEURER BALLY NOKOR Ein Schuh, der auch Professor Indiana „Indy“ Jones gefallen würde – feinstes Leder, trittfeste Sohle, bestens geeignet für aufregende Höhlenabenteuer inklusive weniger erfreulicher Schlangen-Begegnung. bally.eu
BOCK AUF STIL Das feine Leder aus Italien wurde pflanzlich gegerbt.
Richtig gutes Zeug Lateinamerika im Bild, Traumautos und ein Skater-Trolley – mit besten Empfehlungen der Redaktion. Text WOLFGANG WIESER
SCHWARZE SCHÖNHEIT TUDOR BLACK BAY CERAMIC
SO SCHÖN WAR AUTOFAHREN OLDTIMER-PARADE BEI DER ENNSTAL-CLASSIC Ein Bentley, Baujahr 1928, ein Aston Martin, Baujahr 1937, ein Maserati, Baujahr 1954 – bei der Ennstal-Classic werden Autos zu sehen sein, die seit Jahrzehnten die Herzen vieler Benzinbrüder höherschlagen l assen. 21. bis 24. Juli, Gröbming. ennstal-classic.at THE RED BULLETIN
Diese Uhr macht ihrem Namen alle Ehre: Selbst ihr Werk ist tiefschwarz. Und es ist der erste „Master Chronometer“ der Marke, heißt: Sie erfüllt – per Test bestätigt – höchste Standards bei Präzision, Magnetfeldresistenz und Gangreserve. tudorwatch.com
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GUIDE Tipps & Trends EINFACH BLAUMACHEN FLOYD CABIN Ein Koffer, der so viel Schwung bringt wie Skateboarder in den 1970er-Jahren. Deshalb auch die knallroten Rollen – als Verweis auf die Inspiration durch die frühen Asphalthelden. Die schicke Farbe heißt übrigens „Miami Blue“. floyd.one
SCHÖNER GOLF SPIELEN CHALLENGE TOUR ZU GAST Der Golfplatz Adamstal von ExRallye-Pilot Franz Wittmann gilt als einer der schönsten Europas. Hier, in der Nähe von Hainfeld, macht von 15. bis 18. Juli die Challenge Tour Station. Der Bewerb ist mit 190.000 Euro dotiert. europeantour.com
STARKES LEICHTGEWICHT Wiegt 4 Kilo, hat 41 Liter Fassungsraum und ist kabinentauglich.
ZUG UM ZUG BESSER WERDEN CHESS UP: SCHLAUER SCHACH SPIELEN LERNEN Die Idee: Schachspielen lernen bzw. sein Schachkönnen ver bessern – per Interaktion mit dem Brett, einer schlauen Software und echtem Know-how von Großmeister Levon Aronian. Für Weihnachten notieren – das Gerät soll im November marktreif sein. indiegogo.com
TECHNIK IN PERFEKTION RED BULL LEDGEND Es gewinnt, wer durch Style, Kreativität und Innovation auf der Ledge (im Bild oben: Vorjahressieger Levi Löffelberger) die Judges überzeugt. Termin: 31. Juli, Copa Beach Skatepark, Wiener Donauinsel. redbull.com
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Ob im Berglauf, mit dem Gleitschirm, im Kajak oder auf dem Bike: Beim Red Bull Dolomitenmann gehen die Teilnehmer (im Bild Ex-Biathlet Dominik Landertinger) in Viererteams an ihre Grenzen. Start: 11. September. redbull.com/dolomitenmann
B O U L E VARD DER HEL DEN
MARK SPITZ
VERLIEBT IN SUPERMAN
Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 15: Teenie-Schwärmerei für einen Meisterschwimmer im Sommer 1972.
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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT MICHAEL KÖHLMEIER
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GETTY IMAGES
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as ist eine alte Geschichte, an die mir sogar einbilden, sie mochte mich beson ders gern, und deshalb setzte sie sich zu uns manchmal gern, manchmal ungern und schaute sich gemeinsam mit uns an, erinnert wird. Sie trug sich im was da alles in München geschah. Und dann Sommer 1972 zu. Die Olympischen verliebte sie sich. Und sie verliebte sich so Spiele fanden in München statt. heftig, so bedingungslos, voll Hingabe und Wir alle, die damals so viel Freude am Verzweiflung – nie in meinem Leben bin ich Sport hatten, denken gern daran – mein einem solchen Überschwang begegnet. Onkel Hans war Schiedsrichter beim Hoch MICHAEL KÖHLMEIER sprung der Damen; und wir denken nicht Der Vorarlberger Sie verliebte sich in Mark Spitz. Bestsellerautor gilt gern daran, denn ein großes Verbrechen Und das war ja auch ganz leicht. Mark als bester Erzähler war geschehen: Palästinensische Terroris Spitz war Schwimmer, er trat für die USA deutscher Zunge. ten überfielen das Camp der israelischen an. Er war ein schöner Mann – das erstens. Zuletzt erschienen: olympischen Mannschaft und ermordeten Zweitens war er am Ende der Spiele der „Die Märchen“, zwei Sportler. Insgesamt starben siebzehn erfolgreichste olympische Sportler aller 816 Seiten, Verlag Carl Hanser. Menschen. Zeiten. Sieben Goldmedaillen hat er ge wonnen! Außerdem sieben Mal Weltrekord! So viel Freiheit war in meinem Leben Und das innerhalb einer Woche! Zu groß, um es nur zu damals. Ich war Student, in den Semesterferien wollte erwähnen; ich will, ich muss aufzählen: Am 28. August ich arbeiten, um wenigstens einen Teil meines Studiums 200 Meter Schmetterling und 4 × 100 Meter Freistil, selbst zu verdienen. Genauso mein Freund. Es gab die am 29. August 200 Meter Freistil, am 31. August Möglichkeit, in der Schweiz auf den Feldern Bohnen 100 Meter Schmetterling und 4 × 200 Meter Freistil, zu ernten, da konnte man gut Geld machen und eine am 3. September 100 Meter Freistil, am 4. September interessante sonnenbraune Haut bekommen, aber die 4 × 100 Meter Lagen. Während sich seine Konkur Arbeit war beschwerlich – und: Wir wären nicht dazu gekommen fernzusehen, wir hätten die meisten Wett renten alle Haare vom Körper rasieren ließen, um bewerbe verpasst. Das allein war unser Antrieb, dem dadurch vielleicht um ein paar Hundertstel schneller ORF ein Hörspiel anzubieten, das erste, wir hatten zu sein, trat Mark Spitz mit fast schulterlangen brau keine Erfahrung. Aber der ORF nahm an, und wir nen Locken auf und mit einem attraktiven Schnurr bart. Hundertstelsekunden spielten bei ihm keine verdienten etwa genauso viel wie auf den Schweizer Rolle, wo er doch alle anderen manchmal sogar um Bohnenfeldern. Und wir konnten uns im Fernsehen einige Längen hinter sich ließ. die Olympischen Spiele ansehen. Das war Glück. ie Schwester meines Freundes versäumte keinen Meine Familie hatte damals noch keinen Fernseher. Start. Sie fieberte. Sie fieberte nicht, weil sie sich Aber die Familie meines Freundes hatte einen. Er um einen Sieg ihres Idols sorgte. Nein. Jeder studierte auch, fast das Gleiche wie ich, er hatte eine wusste, Mark Spitz würde in allen Disziplinen, in denen sehr liebe kleine Schwester, sie war erst vierzehn und er antrat, gewinnen. Sie fieberte, weil sie fürchtete, interessierte sich überhaupt nicht für Sport. Sie mochte er könnte schon vergeben sein. Sie war vierzehn ihren Bruder gern, und mich mochte sie auch, ich darf
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B OU L EVAR D DE R HE L D E N
Jahre alt, aber doch nicht so naiv, dass sie dachte, sie könne diesen Prinzen des Wassers erobern. Nicht in der Wirklichkeit jedenfalls. Aber in ihren Träumen. Nur Verrückten gelingt es, ihre Träume ganz und gar von der Wirklichkeit zu lösen – ich kann mir nicht einbilden, ein Wolf zu sein, aber ich kann mir ein bilden, einen dressierten Wolf zu besitzen. Ich will der Schwester meines Freundes einen Namen geben, einen falschen Namen, ich hoffe, das wird mir nie mand nachtragen. Ich nenne sie Marianne. Mariannes Traum wäre zerstört worden, hätte sie erfahren, Mark Spitz sei verheiratet oder verlobt oder sonst wie ge bunden. Sie stutzte ihre Träume zurecht. Wenigstens die Hand wollte sie ihm geben. Wenigstens ein paar Worte wollte sie mit ihm wechseln. Vielleicht ihm das Handtuch reichen, wenn er aus dem Bassin steigt. Und dann war sie weg. Es war am 4. September, Marianne war verschwunden. Ohne einen Brief. Ohne jemandem etwas zu sagen. Ihr Bruder berichtete, er sei früher als sonst auf gewacht, er wollte Marianne wecken, sie war nicht mehr da. Als sie bis zum Abend nichts von ihr hörten, verständigten die Eltern die Polizei.
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ch, es ist eine merkwürdige Geschichte! Meine Familie hatte damals nicht nur keinen Fernseher, wir hatten auch kein Telefon. Wenn ich tele fonieren wollte, ging ich in den Gemischtwarenladen in unserer Straße. Jeder in unserer Straße kannte die Nummer dieses Ladens. Marianne auch. Am Morgen des 5. September klingelte es an unserer Haustür, die Angestellte des Ladens stand draußen und sagte, ich werde am Telefon verlangt. Es war Marianne. Sie rief aus München an, von einer Telefonzelle. Sie habe leider nur wenige Münzen sagte sie, sie sprach schnell und mit hoher, aufgeregter Stimme. Ich solle bitte ihren Eltern ausrichten, es gehe ihr gut, sie sei sehr, sehr glücklich. Mich bat sie, ich solle sie in München abholen, sie habe kein Geld mehr für die Rückreise. Ich fragte, wo ich sie denn treffen könne. Sie rief in den Hörer: „Bei Mark …“ Dann brach die Verbindung ab. Ich mochte Marianne von Herzen gern, also fuhr ich nach München. Aber wo ist „bei Mark“? Dass sie Mark Spitz gemeint hatte, das war klar. In diesen Tagen war dieser Mann der größte Star der Welt. Den kann man nicht einfach treffen. Zugleich aber dachte ich, wenn es jemand kann, dann Marianne. Was wird sie tun? Mit dem unbedingten Zutrauen eines vierzehn jährigen verliebten Mädchens wird sie sich durch die
„Mark Spitz habe ihr einen Kuss gegeben. Auf den Mund. Hundertprozentig.“ 94
Stadt zum olympischen Dorf fragen und dort zu den amerikanischen Sportlern und dort zu Mark Spitz. Also, dachte ich, mache ich es genauso. Und ich traf sie. Sie saß, an die Wand einer Baracke gelehnt, im amerikanischen Bezirk und lachte mir entgegen. Sie habe, rief sie mir schon weitem zu, Mark Spitz getroffen. Er habe sie auf eine Jause eingeladen und ihr eine Limonade spendiert. Und dann habe er ihr einen Kuss gegeben. Auf den Mund. Hundertprozentig. „Gott, ich lüge nicht!“ Was soll ich sagen: Ich glaubte ihr. „Glaubst du mir?“, fragte sie. „Ich glaube dir“, sagte ich. „Hundertprozentig?“ „Hundertprozentig.“ Sie war glücklich. Wir gingen den weiten Weg in die Stadt, und dort lud ich sie auf ein Eis ein, nicht irgendein Eis, sondern ein sechsstöckiges, das nur zur Hälfte abgeschleckt werden konnte, der Rest tropfte ihr über die Hand und den Ärmel hinunter auf die Beine und die Schuhe, es war ein sehr heißer Tag. Sie lachte darüber. Sie war glücklich. Über und über. „Also erzähl“, sagte ich. „Wie ist er?“ Sie wollte gerade beginnen – ich schwöre –, da war um uns herum plötzlich ein Tumult – Polizeisirenen heulten, Menschen schrien, Durchsagen ertönten. Was war geschehen? Terroristen hatten das Haus des israelischen Olympiateams gestürmt, zwei Männer erschossen und die anderen als Geiseln genommen. Einer neben uns sagte, sie hätten auch Mark Spitz in ihrer Gewalt, er sei zwar Amerikaner, aber Jude, und die Terroristen wollten alle Juden töten. Marianne brach zusammen und weinte und weinte weiter, noch als wir erfuhren, dass Mark Spitz in Sicher heit sei. Er sei unter einer Decke in einem Auto aus dem olympischen Dorf gebracht und nach London ausgeflogen worden.
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reißig Jahre später war Marianne in Amerika. Sie besuchte ihren Bruder, meinen Freund, er war inzwischen ein ziemlich berühmter Rockmusiker. Sie erkundigte sich nach Mark Spitz, fand heraus, wo er lebte, mietete sich einen Pontiac Firebird, fuhr nach Modesto in Kalifornien und klingelte an seiner Tür. Und Mark Spitz himself öffnete. Und Mark Spitz himself lud sie zu sich in sein Haus ein, er selbst ließ ihr einen Kaffee aus der Espresso maschine rinnen, er selbst holte einen Kranz Eiskuchen aus dem Tiefkühlschrank. Er sah immer noch gut aus, die Haare waren inzwischen grau geworden, auch der Oberlippenbart – Marianne vermutete, er färbe ihn den Haaren nach, was sie als geschmackvoll wertete. Sie verbrachten einen netten Nachmittag mit einander. Marianne erzählte ihm, dass sie vor dreißig Jahren einen sehr, sehr guten Freund angelogen habe, dass sie diesem Freund erzählt habe, sie habe ihn, Mark, in München während der Olympischen Spiele ge troffen, ihn persönlich, im olympischen Dorf, sie habe
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„Sie habe kein Glück mit Männern, sagte sie. Sie habe sich mit vierzehn in Superman verliebt, das sei ihr Verhängnis.“ ihm, Mark, die Hand gegeben und er, Mark, habe sie auf die Wange geküsst. Sie habe den langen Weg nach Modesto zurückgelegt, um diese Lüge auszulöschen. Ob er, Mark, sie, bitte, auf die Wange küssen wolle. Das tat er.
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eitere zehn Jahre später traf ich Marianne in Wien. Wir hatten uns in all den Jahren aus den Augen verloren. Aber das bedeutete nichts. Sie hatte geheiratet, sich scheiden lassen, wieder geheiratet, sich wieder scheiden lassen. Sie sagte zu mir, ich sei der beste Freund in ihrer Jugend gewesen.Sie sagte, ich solle mich nicht wundern, aber
sie wolle mir das Geld zurückgeben, das ich damals für ihre Rückfahrt aus München ausgelegt habe. Sie habe kein Glück mit Männern, sagte sie. Sie habe sich als Vierzehnjährige in Superman verliebt, das sei ihr Verhängnis gewesen. Und dann erzählte sie mir von ihrem Nachmittag im Haus von Mark Spitz in Modesto in Kalifornien. Und was soll ich sagen: Ich glaubte ihr. „Glaubst du mir?“, fragte sie. „Ich glaube dir“, sagte ich. „Hundertprozentig?“ „Hundertprozentig.“
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