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The Red Bulletin CD 07/22

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SCHWEIZ JULI /  AUGUST 2022 CHF 3.80

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ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

Die Schweizer Top-Surferin Fabienne Sutter, 31, in den Walliser Bergen

WO GEHT’S HIER ZUM MEER?

Wie die Schweiz zum Land der Wellenreiter wurde. Plus: die sechs besten Surf-Spots für Einsteiger und Profis C H A N N I N G TAT U M / C A R I S S A M O O R E / PA B L O C A P R E Z / M I R I A M H Ö L L E R / J U D I T H W Y D E R


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A B C D E F G

A


E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

NEW WAVE IN DEN ALPEN

DOM DAHER (COVER), PENGUIN RANDOM HOUSE VERLAGSGRUPPE GMBH

TOBIAS GÖBEL

HEIMLICHE HELDEN

Yannick Ducrot (o. re.) sorgte beim Covershoot mit einem Föhn für wallendes Haar. Hubert Marclay (u. re.), Besitzer unserer CoverKuh Caipirinha, hielt das gute Tier mit Futter bei Laune: ab Seite 38.

Sie heisst Caipirinha – und bevorzugt ­dennoch klares Gebirgswasser: die Kuh, die auf unserem Cover in Champéry in der ­Région Dents du Midi mit der Surferin Fabienne Sutter, 31, die warme Jahreszeit einläutet. Schon bald werden die 45.000 Surferinnen und Surfer des Landes die perfekte Welle suchen. Nicht etwa in Frankreich oder auf Bali, sondern in Bremgarten oder in Sitten. Denn die Schweiz ist eine echte Surfernation! Den Beweis liefern wir ab Seite 38. Viel Zeit draussen auf dem Fussballfeld wird diesen Sommer auch Schauspieler Pablo Caprez, 23, verbringen. Auf Seite 32 erzählt uns der Gewinner des Schweizer Filmpreises, weshalb Gemeinschaft und Familie für ihn wichtiger sind als die Schauspielerei. Und weil Sommer ist, toben sich auch die Tänzer vor der Linse des Fotografen Little Shao, 39, im Freien aus. Die ­spektakulären Bilder gibt’s im Portfolio ab Seite 20. Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

SPITZE FEDER

Comiczeichner Nicolas Mahler liefert auf ­Seite 98 sein Charakter-­ Kabinett – und eine Romy-­SchneiderHommage fürs Bücherregal. Jetzt im Handel.

1000

Höhenmeter kann man beim Trailrunning in Davos überwinden: ab Seite 73.

SURFEN, GANZ OHNE INTERNET ...

Fluss, See oder doch Pool – die sechs besten Surfspots der Schweiz: auf Seite 50/51.

THE RED BULLETIN

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I N H A LT The Red Bulletin im Juli / August 2022

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COVERSTORY

38 SURFLAND SCHWEIZ

Das Land der Berge – ein Surfparadies! Pioniere und Profis erzählen uns die ganze Brettgeschichte. Plus: unsere sechs besten Surfspots

5-MINUTEN-COACH

OHNE ZWEIFEL Warum Carissa Moore, die weltbeste Surferin, auf der Glückswelle reitet

62 M ISTER COOL

B-Boy Said verrät uns seine Tipps, um vor grossen Auf­ tritten ruhig zu bleiben.

SCHACHBOXEN

64 KÖNIG AM BODEN

20 S CHWERELOS

Vor Little Shaos Linse trotzen Tänzerinnen und Tänzer allen physikalischen Gesetzen.

FILM, DIE ERSTE

32 FAMILIENSACHE

Pablo Caprez, der Gewinner des Schweizer Filmpreises, ganz privat und persönlich.

FILM, DIE ZWEITE

34 «HOT DOG»

Für seinen neuen Film ist Holly­ wood-Beau Channing Tatum auf den Hund gekommen.

36 WÄNDE SPRENGEN

Die Schweizer Schauspielerin Deleila Piasko über die Kraft, sich zu selbst zu befreien

SURFEN

52 D IE KRAFT VON ALOHA

Carissa Moore erzählt, wie sie die Selbstzweifel besiegte und zur weltbesten Surferin wurde.

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GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen 73 REISEN. Judith Wyder rennt mit uns über die Davoser Bergkämme. 78 BIOHACKING. Volle Konzentration – mit einer Kappe auf dem Kopf! 80 PLAYLIST. Fontaines D. C. und ihre vier Lieblingssongs

36 OHNE FURCHT Warum Schauspielerin Deleila Piasko ihrem grossen Freiheitsdrang folgt

82 L ESESTOFF. Terry Miles’ Thriller «Rabbits» hat Suchtpotenzial.

FILM, DIE DRITTE

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK

Drei Minuten Schach, drei ­Minuten Boxen. Unser Autor stellt sich seinem ersten Kampf.

84 TIPPS & TRENDS. Richtig gutes Zeug für den Sommer 86 KALENDER. Events, die man auf keinen Fall verpassen sollte 88 OUTDOOR GEAR. Die besten Pro­ dukte für den Sommer im Freien 92 B OULEVARD DER HELDEN. Michael Köhlmeier über die brasilia­ nische Fussballlegende Garrincha

16 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 18 MEIN ERSTES MAL

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

64 OHNE GNADE Warum Anatol Vitouch (re.) ­seinen Boxgegner Josef anlächelt. Trotz allem …

THE RED BULLETIN

JEREMIAH KLEIN/RED BULL CONTENT POOL, JEANNE DEAGRAA/PHOTOSELECTION, NORMAN KONRAD, LITTLE SHAO

PORTFOLIO


20 ONE-SHOT-WONDER Der einstige B-Boy Little Shao sorgt für ­einmalige One-Takes von Tänzern und ihren besten Moves.

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WAYNE REICHE/RED BULL CONTENT POOL

DAVYDD CHONG


KAPSTADT, SÜDAFRIKA

Volles Rohr BMX-Profis sehen die Welt ein wenig anders als du und ich. Zum Beispiel geraten sie beim Anblick eines mächtigen Industrie­ rohrs in helle Aufregung. Zuerst sah es noch so aus, als müsste das Monstrum in einer typischen Nacht-und-Nebel-Aktion erobert werden. Doch die Hafenarbeiter in Kapstadt hatten ohnehin vor, das Ding zu zer­ schneiden und somit nichts dagegen, dass Murray Loubser seine Tricks in die ­Röhre zauberte. Und Fotograf Wayne ­Reiche? Der freute sich, einmal nicht unter Zeitdruck arbeiten zu müssen. Mehr Bilder: waynereiche.com


LA CLUSAZ, FRANKREICH

Sessellift to Heaven Eine halbe Stunde brauchte der Heissluftballon, bis er 6500 Meter Höhe erreicht hatte. Der Franzose Fred Fugen nahm ­derweil auf dem darunter angebrachten Sessel Platz. Dann stiess er sich ab und liess sich in die Tiefe fallen. Nach ein paar eleganten Figuren im freien Fall öffnete er seinen Gleitschirm, um im Stile eines Speedriders – Kombination aus Gleitschirmfliegen und Skifahren – auf der ­Piste zu landen. Wer hat da behauptet, dass keine Meister vom Himmel fallen? Video von der Aktion: redbull.com


INSEL SIARGAO, PHILIPPINEN

Phantom des Ozeans

DOM DAHER/RED BULL CONTENT POOL, MATT POWER/RED BULL ILLUME

DAVYDD CHONG

Der Sonnenuntergang. Die perfekte Welle. Das klare Wasser. Und obendrauf ein talentierter Surfer: Es ­dauerte ­ziemlich lang, bis die von Fotograf Matt Power erträumten Zutaten zusammenkamen. «Nein, ich kenne den Surfer nicht», sagt er, «aber das macht die Aufnahme nur noch mystischer.» Jedenfalls bescherte sie dem KameraKünstler einen Platz im Finale des Fotowettbewerbs Red Bull Illume. mattpowerphoto.com

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CARRARA, ITALIEN

Nein, das ist kein griechischer Tempel und auch keine südamerikanische Kultstätte. Es handelt sich um die berühmt-berüchtigten Steinbrüche von Carrara. Berühmt, weil hier seit der Römerzeit unermüdlich wertvoller Marmor abgebaut wird. Berüchtigt, weil das der Landschaft in der Toskana inzwischen ­imposante Narben zugefügt hat. Kletterer wollen jetzt darauf aufmerksam machen. Der See ist übrigens nicht natürlichen Ursprungs: Das Regenwasser kann nicht abfliessen, weil Marmorstaub die Erde versiegelt. Mehr Fotos: federicoravassard.com 10

FEDERICO RAVASSARD/RED BULL ILLUME

BeckenGymnastik


Z AHL EN, BI T T E!

HARRY POTTER

Die Magie der Moneten Vor 25 Jahren veröffentlichte die Sozialhilfeempfängerin Joanne K. Rowling das erste von sieben Büchern über den Zauberschüler Harry Potter. Heute hat sie mehr als eine Milliarde Franken auf dem Sparkonto. Hier sind die wilden Zahlen zum Jubiläum.

Verlegern wurde das erste Buch 1996 angeboten. Alle zwölf lehnten ab.

Dollar zahlte Scholastic für die US-Verlagsrechte am ersten Potter-Band.

8,3

820

Millionen Exemplare von «Die Heiligtümer des Todes», dem letzten Band der PotterSerie, wurden 2007 binnen 24 Stunden verkauft.

Millionen Pfund (gut eine Milliarde Franken) soll das Vermögen von J. K. Rowling heute umfassen.

10,4

79 455

Wörter auf insgesamt 6095 Seiten umfassen J. K. Rowlings sieben Harry-Potter-Bände.

Meter lang war der Red Carpet bei der Londoner Weltpremiere von «Heiligtümer des Todes».

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7.726.174.542

29

Nationen nahmen 2018 an der 4. Quidditch-WM in Florenz teil. Der Titel ging zum dritten Mal an die USA.

Dollar (7.750.666.515 Franken) spielten die acht Potter-Kino­ filme weltweit ein – Bestmarke für eine Fantasy-Serie. 12

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CLAUDIA MEITERT

1.084.170

HANNES KROPIK

Millionen Fans besuchten allein 2019 den Vergnügungspark «The Wizarding World of Harry Potter» in Orlando.

Sprachen bieten Übersetzungen an. Potter-Bücher gibt es auch auf Maori, Yiddish und Kasachisch.

Jahre nach dem letzten Buch feierte das Theaterstück «Harry Potter and the Cursed Child» am Broadway Erfolge.

105.000

PICTUREDESK.COM, GETTY IMAGES

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500

Exemplare umfasste die 1. Auflage von «Harry Potter and the Philosopher’s Stone» im Juni 1997.


5,500 MILES On 5th October 1931 Clyde Pangborn and Hugh Herndon, Jr., two daring American aviators, completed the world’s first nonstop, transpacific flight from Japan to the United States. They took off and landed 41 hours later in Wenatchee, Washington, having covered a distance of 5,500 miles. At the time, it was the longest flight ever made over water.

PIONEERING TIME ZONES LONGINES SPIRIT ZULU TIME


F U ND ST Ü CK

ANDREAS WOLLINGER

Madonna Louise Ciccone, Tochter ­italienischer Einwanderer, schaffte es in den 80ern auf den Gipfel der Pop-Welt.

MADONNA

Drunter überdrüber Zentraler Teil des Bühnenoutfits der «Queen of Pop» bei der «Who’s that Girl»-Tour, 1987

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PICTUREDESK.COM, GETTY IMAGES

Während des Songs «Dress You Up» hob Madonna, damals 29 und der angesagteste Popstar der Welt, mehrmals neckisch ihren Rock und zeigte dem Publikum, was sich darunter verbarg: eine Netzstrumpfhose und ein Nichts von einem Höschen mit der Aufschrift KISS an pikanter Stelle. Und am Ende des Liedes hatte sie das Ding plötzlich in der Hand. Jedenfalls brach die Show alle bis dahin gültigen Zuschauerrekorde.

THE RED BULLETIN


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DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN -IN T ERV IE W

KAISER MARC AUREL SAGT:

«Nimm dich nicht so wichtig, dann lebst du deutlich besser»

Okay, dass Sie Ihren eigenen Stil gefunden haben, wird niemand bestreiten. Aber meinen Sie, dass wir gut beraten wären, uns diesbezüglich Sie zum Vorbild zu nehmen? Ja, ich denke, es liegt in der Natur des Menschen, etwas Besonderes sein zu wollen – nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich. Und dieses Bedürfnis drückt sich eben im persön­ lichen Stil eines Menschen aus.

Echt jetzt? Wenn jemand Sie angreift oder verletzt – egal ob mit Worten oder Waffen –, deuten Sie das als Wink des Schicksals? Und regen sich nicht weiter darüber auf? So ist es. Jedenfalls versuche ich alles, was geschieht, zu begrüssen und anzunehmen. Ich sage mir: Das alles «Wie viel Zeit habe dient nur dazu, dass ich etwas dazu­ ich schon damit lernen kann. Mit dieser Haltung lebt verplempert, es sich viel entspannter. Wie viel Zeit habe ich schon damit verplempert, mich über Leute mich über Leute aufzuregen, Umstän­ Nun gut, Marcus, wie Sie wünschen. aufzuregen …» de zu beklagen, über Nichtigkeiten Ärgern Sie sich eigentlich oft über rum­zuheulen. Das Leben ist so kurz, Ihre Kritiker? mein Freund, da sollten Sie Ihre Zeit lieber darauf Sie meinen meine Mitmenschen? Nein. Ich ärgere ­verwenden, Ihren Mitmenschen nützlich zu sein. mich nicht über sie. Wieso sollte ich? Jeder Mensch tut das, von dem er glaubt, es sei das Richtige. Das gilt Und wo bleiben Sie dabei? auch für meine Gegner und Rivalen. Ja, es gilt sogar Was für eine lächerliche Frage! Als ob es hier um mich für die Feinde Roms, mit denen ich dauernd Krieg ginge. Morgen bin ich eh tot. Und ich werde keinen führen musste. Deshalb unterstelle ich niemandem Tag länger oder besser leben, wenn ich mich ab jetzt böse Absichten – allenfalls Dummheit oder Ver­ zum Mittelpunkt der Welt erkläre. Es lebt sich deut­ blendung. Aber das ist deren Sache, nicht meine. lich besser, wenn man sich nicht so wichtig nimmt. Das heisst, Sie lassen die Kritik an Ihrer Person ­einfach abperlen? MARCUS AURELIUS (121  –180) war die letzten neunzehn Jahre Nein, so ist es nicht. Ich höre mir sehr genau an, was seines Lebens Kaiser des Römischen Reichs. Wirklich glücklich war er damit nicht, denn als junger Mann hegte er den Wunsch, andere mir zu sagen haben. Und ich frage mich dabei als Philosoph eine Gelehrtenlaufbahn einzuschlagen. Seine sogleich, worum es ihnen eigentlich geht – was die Regentschaft war überschattet von zahlreichen Kriegen an der Leute wirklich antreibt. Auf diese Weise kann ich sie Nordgrenze des Reichs. Kurz vor seinem Tod verfasste er im verstehen. Manchmal erkenne ich im Hintergrund Feldlager seine berühmt gewordenen «Selbstbetrachtungen». ­ihres Tuns oder ihrer Worte einen bedauerlichen CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer ­Irrtum. Oder ich sehe, dass sich jemand von seiner der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor Leidenschaft oder seinen Ängsten hat übermannen zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: «Kann ich? lassen. Anstatt mich zu ärgern, empfinde ich in Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen», legenda Q, 2021. ­solchen Fällen allenfalls Mitleid.

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BENE ROHLMANN

the red bulletin: Eure Majestät, Herr Imperator, Kaiser … marc aurel: Lassen Sie den Quatsch! Nennen Sie mich Marcus, und kom­ men Sie zur Sache.

Ha, aber das ist doch ebenfalls eine Art, sich gegen Kritik zu immunisieren: Der andere tut Ihnen leid, aber zu sagen hat er Ihnen nichts …? Wieder falsch. Denn auch wenn dieser konkrete Mensch mich womöglich nichts angeht, gehe ich doch davon aus, dass seine Worte und sein Handeln mir etwas zu sagen haben. Wir leben in einem Kosmos, in dem alles mit allem zusammenhängt und in dem nichts zufällig geschieht. Ob Sie es nun Gott, die Weltvernunft oder das Schicksal nennen – ich bin davon überzeugt, dass ich alles, was mir widerfährt, dazu nutzen kann, meiner Pflicht als Mensch und Kaiser besser zu genügen.

DR. CHRISTOPH QUARCH

Manch einer nimmt sich Kritik schrecklich zu Herzen und leidet dann wie ein Hund. Mit der richtigen Einstellung muss das nicht sein, meint der Philosoph und römische Kaiser Marc Aurel. Wie er es geschafft hat, trotz seiner vielen Gegner und Kritiker stets ein Muster an Gelassenheit zu bleiben, erklärt er im fiktiven Interview mit dem Philo­ sophen Christoph Quarch.


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M EIN ERST ES M A L

MIRIAM HÖLLER

«Barbiepuppen? Ich spielte mit Ninja Turtles»

Viele kennen ihr Gesicht aus dem Fernsehen: als Kandi‑ geplatzt. Ich sass dann eines Abends, ich muss etwa datin bei «Germany’s Next Topmodel» (ProSieben) sechzehn gewesen sein, sehr betrübt mit meinen oder Moderatorin von «GRIP – Das Motormagazin» ­Eltern vor dem Fernseher. In der Sendung hing eine (RTL Zwei). Doch Miriam Höller stand lange Zeit auch Frau an einem Seil von einem Helikopter. Ich sprang ­inkognito vor der Kamera. Als vom Sofa auf: ‹Mama, Papa, das will ich auch machen!› Stuntfrau übernahm sie in Serien Und meine Mama sagte: ‹Dann wie «Alarm für Cobra 11» (RTL) musst du Stuntfrau werden!› jene Jobs, die Schauspielerinnen Ich hatte natürlich keine Ahnung, zu riskant waren: von Häusern was eine Stuntfrau ist, also er‑ springen, sich aus Hubschrau‑ bern stürzen, in Flammen s­ tehen. klärte sie es mir: ‹Das sind Frauen, Obendrein leitete Höller ein die gefährliche Dinge tun, sich 24‑köpfiges Stuntteam und spielte dabei aber nicht verletzen, weil Hauptrollen in den Action-­Livesie die Gefahr und das Risiko Shows des Europa-Parks in kon­trollieren können.› Sie sagte, ­Baden-Württemberg, Deutsch‑ ich solle einfach in den Freizeit‑ lands grösstem Freizeitpark. park gehen und mir eine Stunt‑ show anschauen. Seit einem schweren Arbeits‑ unfall 2016 ist die 34-Jährige als Ich fuhr dann echt nach der Sportbotschafterin und KeynoteSchule mit meinem Mofa hin 0:00 –37:40 Speakerin aktiv – um anderen und guckte mir eine solche Miriam Höller Menschen Mut zu einem auf­ Stuntshow an. Und wow! Ich Mein erstes Mal – der Podcast regenden Leben zu machen. Hier war sofort Feuer und Flamme. spricht Höller über das erste Mal, Mein Kindheitstraum, Action­ als ihr klar wurde, dass sie Action­ heldin zu werden, wurde plötz‑ lich wieder greifbar. heldin werden wollte – und wie «Am Seil von einem sie ihren Traum ver­wirklichte. Im Rückblick war es mein gröss‑ Helikopter hängen. tes Glück, dass aus dem Moment, «Barbiepuppen hatte ich als Kind Das wollte ich auch!» in dem mein Ballerina-Traum nie. Ich spielte lieber mit Match‑ box-Autos und Ninja-­Turtles­geplatzt ist, etwas Grossartiges Die spätere Stuntfrau Miriam Höller fand ihre Berufung schon als Kind. Figuren. Als kleines Mädchen entstand. Ich wäre weiterhin träumte ich davon, Superkräfte beim Tanzen geblieben, wenn zu haben, fliegen zu können und Actionheldin zu wer‑ ich nicht die Diagnose bekommen hätte, grosswüchsig den. Aber das war natürlich kein realistischer Berufs‑ zu sein – und hätte gar nie zurück zu meinem Traum‑ wunsch. Nichts, was man lernen konnte. Ausserdem beruf gefunden.» sagten alle Erwach­senen: ‹Nee, nee, mach mal lieber etwas Vernünftiges.› Deshalb geriet mein Kindheits‑ traum immer mehr in Vergessenheit, je älter ich wurde. Stattdessen stieg ich in die Fussstapfen meiner Tante und Mama und wurde Ballerina. Ich stand auf der Bühne, liebte das Tanzen. Bis der Wachstums‑ «MEIN ERSTES MAL» IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, in der schub einsetzte – und zwar ordentlich. Mit fünfzehn ­Heldinnen und Helden über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit Miriam mass ich schon über eins achtzig. Diagnose: gross‑ Höller, in der sie auch erzählt, wie man von einem Haus springt, ohne sich wüchsig. Als Ballerina hast du mit so einer Grösse zu verletzen, gibt’s im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast keine Chance. Mein Karrieretraum war wieder

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WOLFGANG LIENBACHER

Sie war Deutschlands bekannteste Stuntfrau, sprang von Hausdächern und ging am Filmset in Flammen auf: Hier erzählt die 34-Jährige, wie sie durch einen geplatzten Kindheitstraum ihren Traumberuf fand.


Wegweisend: Subaru 4×4.


P O RT FO L IO

Schwerkraft? Nein, danke! Der in Paris lebende Fotograf Little Shao sieht B-Boys und seine Kumpels aus der Welt des Tanzes als Super­helden. Weil sie physikalischen Gesetzen trotzen und auch in schwierigen Zeiten befreiende Leichtigkeit vermitteln. Hier zeigt der Ästhet seine Serie von fliegenden Tänzern. Text NINA KALTENBÖCK 20


Schlaflos in Philly

Philadelphia, Pennsylvania, USA, 2017

B-Boy Drud aus der Ukraine ­ atte sich beim Breakdanceh Event ­Silverback Open offenbar noch nicht genug verrenkt. «Um ein Uhr früh haben wir diese coole Brücke gefunden. Ich mag, wie dem langen und gelenkigen Drud das Licht direkt auf den Kopf fällt und er Schatten auf den ­Boden wirft. Ganz ohne Blitz», sagt Fotograf Little Shao.


P O RT FO L IO

«One-Shots only! Ich habe eine präzise Vision und will nichts wiederholen.» Little Shao

Ganz ohne Sch***!

Mumbai, Indien, 2019

«Diese Szenerie gibt es auch nur einmal. Hätte ich den One-Click verkackt, wäre es wohl nur B-Boy Bart aus Brasilien in aller Herrgottsfrüh vor Mumbais Toren gewesen», grinst Little Shao. Der Backflip im Zuge des Red Bull BC One World Final hat die Vögel zwar auf­ gescheucht, aber kein ­einziger hat sich auf ihm erleichtert. Sauber!

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P O RT FO L IO

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«Es ist alles eine Frage der Balance und wo genau der Schwerpunkt liegt.» Little Shao

Haargenau getroffen

Chicago, Illinois, USA, 2016 Model, Tänzerin und Ballett-Leichtgewicht Renee Lee regelt an einem kalten Montagmorgen im Oktober mit ihrer grazilen Pose den Verkehr. «Es brauchte nur einen Sprung», erinnert sich Shao. «Weil ich selbst Tänzer bin, weiss ich, welche Lines gut aussehen. Was Renee aber am meisten freute: Ihre Haare klebten nicht vollkommen zerzaust im Gesicht.» Das war wohl nur ein ­Detail, warum es das Sujet ins Finale des Fotowett­ bewerbs Red Bull Illume schaffte.

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P O RT FO L IO

50 Shades of Grey

Paris, Frankreich, 2020 La Défense ist ein modernes Hochhausviertel im Département Hauts-deSeine und gilt als Europas grösste Bürostadt. Vor der bunten Wand turnt Akrobat Andrea Catozzi. Für Little Shao war’s eher grau in grau. Er erklärt: «Ich bin farbenblind. Wie ich die Welt sehe, ist meine Superpower.»

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Entspannter Teufelskerl Paris, Frankreich, 2017

Der Autor J. M. Smith schreibt: «Wenn du mit dem Teufel tanzt, dann hast du keine Ahnung, denn du denkst, du wirst den Teufel ändern, aber der Teufel ändert dich.» Jean Michel Premier alias Diablo ist ein Solo-Freestyler mit Freude am Risiko, der unseren Blick dafür verändert, was wir für möglich halten. «Er sprang von einem fünf Meter hohen Denkmal, und ich erwischte ihn aus einem flachen Winkel», erzählt Shao.

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P O RT FO L IO

Ab durch die Hecke! Paris, Frankreich, 2018

Mit Francis Quessary alias 6fran, seinem Teamkollegen von der R.A.F Crew, spazierte Little Shao zeitig am Morgen durch den Parc de Sceaux. Das Licht war traumhaft, die Luft kalt, aber zart, die Atmosphäre filmreif. «Es war das letzte Foto auf dem Weg nach Hause und ein magischer Moment», schwärmt der Fotograf.

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«Breakdance hat mich zu einem Fotografen gemacht, der einzigartig arbeiten und niemals kopieren möchte.» Little Shao

Der Luftläufer

Paris, Frankreich, 2019 Ablaye Diop arbeitet als Tänzer, Performer und Choreograf und ist dafür bekannt, besonders mit seinen Armen ausdrucksstark zu tanzen. Little Shao, immer noch ­beeindruckt: «Wir haben bei den Wohntürmen von Les Olympiades geshootet. Ich liebe diesen Ort! Ablaye wirkte, als könne er in der Luft laufen.»

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P O RT FO L IO

Ready for Take-off? Paris, Frankreich, 2019

Lment, der Gewinner des Contests Red Bull Dance Your Style Cuba, ist mit seinen Breaking-Skills das erste Mal in Paris angetreten. Mit Ehrfurcht und Höhenangst. Little Shao erinnert sich: «Der Eiffelturm war in meinem Rücken und hat Lment zumindest etwas davon abgelenkt, dass nur drei Schritte hinter ihm die Pariser Strassen lagen.»

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«Meine Obsessionen sind die Fotografie, Breaking und nächte­ langes Gamen.»

FLORA MÉTAYER

Little Shao

Little Shao bei einer seiner liebsten Beschäftigungen: «Ich fotografiere viel auf den Dächern von Paris!»

DER FOTOGRAF

LITTLE SHAO Wer Thinh Souvannarath heisst, braucht dringend einen Künstlernamen, fanden seine Homies aus der Breakdance-Szene – und verpassten B-Boy Thinh daher den Namen Little Shao. «Ich war der Kleinste der Crew, hatte einen rasierten Kopf und Moves wie ein Shaolin-Mönch drauf», erzählt der heute 39-Jährige mit vietnamesischen Wurzeln. Mit der Hip-Hop-Kultur kam Little Shao in den herunter­ gekommenen Vororten von Paris in Kontakt, wo er aufgewachsen ist. Darauf folgten beruflich einige Jahre als Business Analyst in einer Bank. Dann beschloss er, Fotograf zu werden: «Ich möchte der Welt meine Visionen zeigen.» Seither lautet sein Motto: Nur nicht jeden Tag dasselbe machen. Das verkörpern auch die Tänzer in seiner Fotoserie. «Jeder hat einen Signature-Move. Wie ­Spider-Man, der springt auch nicht kerzengerade.» Little Shao hat ebenfalls etwas Bemerkens­ wertes: Er ist farbenblind. Was er jedoch nicht als Einschränkung begreift: «Meine Art, die Welt zu sehen, ist meine Superkraft!» Instagram: @littleshao

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Film

gewann dieses Jahr den Schweizer Filmpreis für den besten Darsteller. Abheben wird er deswegen nicht: Statt nach Hollywood zu schielen, studiert der 23-Jährige Wirtschaft. Interview MICHÈLE ROTEN

Foto LAURIN BLEIKER

In «Soul of a Beast» spielt Pablo Caprez den jungen Vater Gabriel, der um seinen zweijährigen Sohn kämpft und sich in die Freundin seines besten Freundes verliebt. Es ist ein klassischer Coming-of-Age-Film, eine bildgewaltige Ode an die Phase, in der man mitten im ohren- und sinnesbetäubenden Getöse des jungen Lebens herauszufinden versucht, wer man selber ist und wer die anderen. Wer mitkommen soll auf die Reise. Wer bleibt – und wer geht. Keiner wäre besser geeignet gewesen für diese Rolle als Pablo Caprez. Wir treffen uns in der «Kleinen Freiheit» in Zürich. Stillsitzen ist nicht sein Ding: Das Bein wippt unablässig, der Blick seiner absurd blauen Augen wandert rastlos durch den Raum. Er spricht laut und in der breitestmöglichen Zürischnurre. Der 23-Jährige ist mit drei Brüdern und einer Schwester aufgewachsen, in einer Familie, die durch eine ausgeprägte soziale Ader immer noch grösser wurde und weiter wird. Kaum ein Satz über sein Leben, ohne dass es auch um die anderen geht: um die Familie, das Team, die Gemeinschaft. Pablo ist immer einer von vielen, im allerbesten Sinne. the red bulletin: Wir sind hier in einem Café in der Nähe der Uni – wo stehst du in deinem Wirtschaftsstudium? pablo caprez: Ich habe letzten Sommer angefangen. Seit ein paar

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Jahren gibt es ein Assessment-Jahr, wenn man das nicht besteht, ist man für dreissig Jahre gesperrt für ein Wirtschaftsstudium. Ist ziemlich streng und stressig, ich muss da jetzt irgendwie durchbeissen. Ein etwas ungünstiger Zeitpunkt, um auch noch mit einem Film rauszukommen. Ja. Ich hab auch gerade sechs Wochen verpasst, weil ich noch in Miami war. Aber hey, kommt schon gut. Warum eigentlich Wirtschaft? Mir ist es einfach wichtig, neben der Schauspielerei etwas «Richtiges» in der Hand zu haben, etwas, das Sicherheit gibt. Ich will irgendwann eine Familie, und das am liebsten ohne grosse finanzielle Sorgen. Die Schauspielerei soll etwas Freies bleiben, ein Glück, wenn es passiert. Wie bei «Soul of a Beast»? Ja, ganz genau. Das hat einfach gematcht mit Lorenz (Merz, der Regisseur; Anm.) und mir, und beim Casting war auch Luna (Wedler; Anm.) dabei, sie ist eine Kindheitsfreundin von mir. Uns allen war sofort klar, dass wir diesen Film zusammen machen wollen. Das ist eigentlich die Hauptsache bei solchen Projekten: dass man sich versteht im Team, dass man sich mag. Das Team, die Familie im weitesten Sinne, scheint ein Hauptthema deines Lebens zu sein. Mega. Ich bin erst vor einem Jahr von zu Hause ausgezogen und wohne auch jetzt nur fünf Minuten weit

Ihr habt auch ein Pflegekind ­aufgenommen, stimmt das? Ja, als ich ausgezogen bin, fanden meine Eltern, es könne nicht sein, dass ein Zimmer frei ist im Haus. Das Pflegekind ist inzwischen wieder bei der Mutter, jetzt sind zwei ukrainische Flüchtlinge eingezogen. Wenn man helfen kann, dann hilft man, so bin ich aufgewachsen. Wo hilfst du? Ich mache viel Freiwilligenarbeit, auch beim Fussball geht es oft ­darum, die Kids zu unterstützen – wir fahren sie herum, helfen bei ­Mitgliederbeiträgen und sind Vertrauenspersonen. Im Sommer 2017 haben wir den Partnerverein «Kampala Galaxy Soccer Academy» in Uganda gegründet. Ziel des Projekts ist, den Kindern aus dem Ghetto einen niederschwelligen und kostenlosen Zugang zum Fussball zu verschaffen. Dieses soziale Ding ist schon seit Generationen ein Thema: Mein Grossvater ist der Journalist, der vor fünfzig Jahren den «Kinder der Landstrasse»-Skandal aufgedeckt hat, also dass jenischen Eltern systematisch die Kinder geraubt wurden. Gemeinschaft und Gerechtigkeit als roter Faden der Familie Caprez sozusagen? Korrekt. Für mich ergibt auch der Satz «Du gehst allein durchs Leben» wenig Sinn. Klar, am Ende stirbst du allein, aber den Weg dahin, den kann man doch nur zusammen gehen. Infos zum Film: beast-movie.com Mehr zu Pablo: Instagram @pablocaprez

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LAURIN BLEIKER (MARTY/TREZZINI)

Pablo Caprez

weg, meine Geschwister sind noch da. Meine Brüder und ich sind alle Fussballtrainer beim FC Seefeld, mein Vater ist Präsident, also sehen wir uns auch auf dem Platz ständig. Meine Eltern sind sehr cool, neben meiner Freundin verbringe ich am meisten Zeit mit meiner Familie.


«Wenn man wirklich helfen will – dann hilft man.» Pablo Caprez, 23, über die Einfachheit, das eigene Glück zu teilen

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Film

hat Adonis’ Body und den Geist von Odysseus, wenn es ums Erreichen neuer Ufer geht. Doch für seinen jüngsten Erfolg musste der Filmstar erst mal auf den Hund kommen. Interview RÜDIGER STURM

Sein Oberkörper ist immer noch perfekt trainiert. Wer Channing Tatum vor sich sieht, hat keinerlei Probleme, in ihm den Actionhelden früherer Tage zu erkennen. Doch der Model-Body ist dem 42-Jährigen nicht mehr so wichtig, er hat sich beruflich neu orientiert. Nach Auftritten bei Regisseuren wie Quentin Tarantino («The Hateful Eight») oder den Coen-Brüdern («Hail, Caesar!») will er jetzt als Regisseur durchstarten. Uns erzählt er, was ihn an Hunden inspiriert. Und warum er sich nie mit Mittelmass zufriedengibt. the red bulletin: In «Dog» spielst du einen Soldaten, der mit einem Belgischen Schäferhund durch die Vereinigten Staaten reist. Hattest du schon Erfahrungen mit Hunden? channing tatum: Ja, ich hatte mehrere Jahre eine Mischlingshündin namens Lulu, die 2020 leider an Krebs gestorben ist. Danach adoptierte ich einen Schäferhund. Gibt es etwas, was du von Hunden gelernt hast? Zuhören – auf eine ganz andere Art. Hunde vermitteln dir ihre Gefühle etwa dadurch, wie sie sich bewegen. Du fragst dich: «Warum ist sie heute nicht zur Tür gelaufen? Geht es ihr gut?» Du stellst dich ganz i­ nstinktiv auf das Verhalten des Hundes ein, ohne das rational zu analysieren. Es ist einfach so, als würdest du mit einem stummen, sehr emotio­nalen Wesen zusammenleben.

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Was hatte es für eine Wirkung, als du Lulu verloren hast? Du lernst loszulassen. Als Lulu schon todkrank war, ging ich mit ihr auf eine letzte Reise, die auch den Film inspiriert hat. Auf diesem Trip wurde mir klar, dass ich an ihrem Sterben nichts ändern konnte. Ich musste mich darauf einstellen. Wie hat das deine Einstellung zum Leben grundsätzlich geprägt? Ich bin jemand, der seinen Willen durchsetzen will. Wenn ich mit einer Mauer, einer verschlossenen Tür oder einem Nein konfrontiert bin, dann hole ich mir eine Axt. Damit durchbreche ich das Hindernis. Zumindest war diese Sturheit bei mir früher ziemlich ausgeprägt. Jetzt gehe ich sanfter an die Dinge heran. Wenn ich Widerstand spüre,­ dann mache ich nicht einfach weiter Druck, sondern nehme mir eine ­Minute und denke: «Ich muss das nicht erzwingen, wenn es jetzt nicht funktioniert.» Aber mit deiner Willenskraft hast du dich doch in der Branche ziemlich gut behauptet. Ich habe deshalb nicht meinen Ehrgeiz verloren. Meine Pläne sind vielleicht sogar noch ambitionierter geworden. Das hat auch damit zu tun, dass ich eine achtjährige Tochter habe, für die ich Zeit haben will. Ich drehe keine Filme einfach nur so. Da müssen schon ernsthaftere Absichten dazukommen. Und ich gebe mich nicht mit Mittelmass zufrieden. Ich will den nächsten Meilenstein.

Keine Angst vor Überraschungen? Ich habe einige harte Bewährungsproben im Leben durchgemacht, darauf kann ich verzichten. Aber du musst dich auf das Unbekannte einlassen. Das gilt auch für meine Figur im Film. Dieser Mann begibt sich auf eine Reise mit diesem Hund, er hat keine Ahnung, wo sie ihn hinführen wird, aber als er sie hinter sich gebracht hat, ist er menschlich um so vieles vorangekommen. Gibt es denn Eigenschaften von Hunden, die dich inspirieren? Hunde haben kein Ego, sie sind völlig reine Wesen, die sich ganz und gar auf etwas einlassen, ohne es zu hinterfragen. Sie können voll vertrauen. Das liebe ich an ihnen. Ich selbst bin jemand, der am Anfang Vertrauen in andere Menschen hat, aber dann schaltet sich mein Gehirn ein, und Zweifel kommen hoch. Aber wenn wir es schaffen würden, so wie Hunde zu sein, dann würden wir in einer besseren Welt leben. «Dog», zu sehen in Schweizer Kinos

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DANNY MOLOSHOK/AP/PICTUREDESK.COM

Channing Tatum

Welche Meilensteine gibt es denn bereits in deinem Leben? In meiner Jugend war ich kein guter­ Sportler, also habe ich so lange trainiert, bis ich einer war. Als ich merkte, dass mich die Schauspielerei allein nicht ausfüllt, habe ich mit einem Partner das Drehbuch zum Film «Magic Mike» geschrieben. Auch, weil ich nicht davon abhängig sein wollte, dass man mir passende Rollen anbietet. Und indem ich die Regeln des Geschichtenerzählens lernte, wurde ich als Schauspieler besser. Der nächste Schritt war es, Regie zu führen – was ich bei «Dog» gemacht habe. Ich bin mit dem Erreichten nie zufrieden, sondern sehe zu, dass ich etwas Neues lerne.


«Wenn wir mehr wie Hunde wären, lebten wir in einer besseren Welt.» Channing Tatum, 42, resümiert, was er von vierbeinigen Freunden lernte.

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Film

wird schon als «Schweizer Penélope Cruz» gefeiert. Hier erzählt die Schauspielerin, die derzeit in einem Stasi-Film zu sehen ist, von ihrem persönlichen Freiheitskampf. Interview RÜDIGER STURM

Ihr Lächeln wirkt sympathisch, aber stets ein wenig nachdenklich. Dabei bewegt sich die Karriere von Deleila Piasko, 31, steil nach oben. Seit 2019 gehört sie zum Ensemble des renommierten Wiener Burgtheaters. Und auch vor der Kamera machte sie Eindruck. Nach Aufritten in Prestige­produktionen wie «Die Ibiza Affäre» oder «Felix Krull» spielt sie jetzt eine tragende Rolle in «Stasikomödie». Im Film zieht sie als Muse die Sehnsüchte von Ostberliner Künstlern in der ehemaligen DDR auf sich. Doch Kunst in der DDR, das war immer auch die Kunst, die persönliche Freiheit zu behaupten. Was, fragten wir, bedeutet Freiheit für eine Frau wie Deleila Piasko? the red bulletin: In der deutschen Grossproduktion «Stasikomödie» spielen Sie eine Muse im Ostberliner Künstlermilieu vor dem Mauerfall. Hätten Sie selbst damals das Bedürfnis verspürt, aus der DDR zu fliehen? PIASKO: Es kann immer nur eine Ver­ mutung sein, wie man sich in Zeiten, in denen man noch nicht gelebt hat, verhalten hätte. Aber aus meiner heutigen Perspektive hätte ich unter solchen Umständen den Drang zu fliehen. Was bedeutet für Sie Freiheit? Freiheit ist ein Raum, in dem man sich kreativ austoben und seinen Gedanken freien Lauf lassen darf: Man bekommt keine Schablone

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für Richtig und Falsch vorgelegt. ­Deshalb ist Freiheit auch eine sehr wichtige Basis für Kreativität. Müssen Sie Widerstände überwinden, um Freiheit zu finden? Ja. Bei vielen gibt es noch immer diese Begrenzungen im Kopf – und eine klare Definition, was richtig und nicht richtig ist. So gesehen suche ich als Künstlerin immer nach Wänden, die ich sprengen kann. Wie machen Sie das? Ich bemühe mich, dass diese Menschen nicht mental die Oberhand über mich gewinnen. Und ich erlaube mir nicht, mich selbst anzupassen. Ich will keinem fremden Denken entsprechen. Was war der grösste Befreiungsakt Ihres Lebens? Als Teenager hatte ich das Gefühl, dass ich aus meinem Umfeld ausbrechen muss. Ich habe eine gewisse Hassliebe zu Zürich und zur Schweiz. Obwohl dort nicht alles nur Postkarte ist, wurde es mir zu eng. Deshalb war der Wechsel mit 20 nach Berlin genau richtig. Wie schwer war dieser Schritt? Ich kannte damals niemanden und war auf mich allein gestellt. Ich habe mich damals auch sehr für meinen Akzent geschämt. Die Leute in Berlin waren wahnsinnig schlagfertig, die Rhetorik war eine andere. Das erste halbe Jahr an der Schauspielschule bestand aus einem Improvisations­ seminar, und mir war mein Schweizer Akzent so unangenehm, dass ich

Brauchen Sie immer Menschen um sich, oder kommen Sie mit sich allein klar? Es ist immer die goldene Mitte. Ich mag, wenn es vor der Tür brummt und Lebendigkeit und Kreativität vorhanden sind. Deshalb wohne ich gerne in einer Stadt, wo viel passiert, wo man verschiedene Gesichter sieht und eine Dynamik spürt. Aber es ist auch wichtig, dass man sich dem wieder entzieht. Gibt es etwas, was Sie in diesem Leben verpasst haben? Nach der Matura wollte ich noch ein bisschen mehr die Welt sehen und etwas Produktives machen. Deshalb hatte ich vor, in einen Kibbuz nach Israel zu gehen. Aber dann wurde ich wider Erwarten schon bei der ersten Bewerbung an der Schauspielschule Ernst Busch aufgenommen. Ausserdem wollte ich Religionswissenschaft studieren. Ich finde es faszinierend, was in der Geschichte alles durch den Motor Religion und Glaube in Bewegung gesetzt wurde. Was machen Sie im Alltag, wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie mehr Freiheit brauchen? Ich tanze sehr gerne, habe früher Ballett gemacht, Hip-Hop, Modern Dance. Jetzt mache ich das vor allem daheim. Ich halte es für eine sehr sinnliche Art, sich auszudrücken – und dabei fühle ich mich frei. Aber mein eigentliches Ziel ist es, mich im Beruf frei zu fühlen. Der Film «Stasikomödie» läuft derzeit im Kino. Instagram: @deleila_ piasko

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JEANNE DEAGRAA/PHOTOSELECTION

Deleila Piasko

immer nur nonverbal gespielt habe. Aber ich bin an dieser Erfahrung gewachsen. Es ist die beste Lebensschule, wenn man sich in neue ­Gewässer begibt.


«Als Teenager hatte ich das Gefühl, dass ich ausbrechen muss.» Deleila Piasko, 31, über die Triebkraft hinter ihrer steilen Karriere

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Surfen

Surfing Switzerland

Kein Meer, keine Küste, keine Brandung. Na und? Die Schweiz ist ein Surfparadies, seit in den Achtzigern erstmals ein paar Exoten unter einer Brücke aufs Board stiegen. Bei uns erzählen sie die ganze Brettgeschichte. Text ALEXANDER NEUMANN-DELBARRE

Fotos DOM DAHER


MACH DIE WELLE

Für diese Geschichte öffnete Fotograf Dom Daher für uns sein Album mit den besten Surfer­­fotos der Schweiz: Hier im Bild nutzt Ueli Kestenholz, ein Freund von Daher, auf dem Thunersee die Bugwelle eines Ausflugsschiffes.

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Surfen

U

ngläubig blicken die Zuschauer von der Pont de la Machine auf diese merkwürdigen Figuren da unten im Wasser hinab. Sie sind eine kleine Sensation. Kinder zeigen mit dem Finger auf sie. Passanten bleiben stehen, blockieren den Gehweg, fast jeden Abend dasselbe. Und in der Zeitung wird man schon bald lesen, die hochkonzentrierten Geschäftsleute würden bei ihrer Arbeit gestört, weil der Trubel auf der Brücke im Herzen der Genfer Altstadt so gross sei. Es ist 1982, es ist Sommer, und der Grund für den allabendlichen Auflauf ist eine Handvoll abenteuerlustiger Jungs um den damals 14-jährigen Gaël Vuillemin. Auf Surfbrettern stehen sie unterhalb der Brücke im tosenden Wasser, das dort mit Wucht aus dem Genfersee in die Rhone strömt, und lassen’s unter sich nur so vorbeirauschen. «Bevor wir das zum ersten Mal versuchten, hatte ich vier Wochen zum Surfen in Frankreich verbracht», sagt Gaël, der heute 54 ist. «Als ich zurückkam, sah ich mir die Brücke an und dachte: Vielleicht funktioniert das auch hier in Genf?» Also probiert es die Gaël-Gang ganz einfach. Die Teenager binden ein Seil an das Brückengeländer, ziehen sich damit von unten aufs Brett. Und als sie es loslassen, 40

stehen sie für ein paar Sekunden auf ­einer Welle wie ihre Vorbilder in Kali­ fornien. Sie surfen! In der Schweiz! ­Unglaublich! Und plötzlich fühlten sie sich, als würden sie übers Wasser gehen. «Wir folgten einfach unserer Leidenschaft, unserer Lust am Ausprobieren», sagt Gaël. «Wie Pioniere fühlten wir uns nicht.» Aber genau das waren sie: Surf­ pioniere. In einem Land, das über keinen Meter Meeresküste verfügt, waren sie die Ersten, die sich anschickten, die Geografie zu überlisten. Und Wege fanden, um im Land der Berge Wellen zu reiten. «Ich konnte mir schon damals vor­ stellen, dass das Surfen in der Schweiz populär werden könnte», sagt Gaël, «weil sich viele meiner Freunde, die ich zu dem Sport brachte, sofort ins Surfen verliebten.» Aber die Entwicklung, die es in jüngeren Jahren genommen hat? Damit rechnete wohl auch er nicht. Rund 45.000 aktive Surferinnen und Surfer gibt es laut einer Schätzung des

«Vom Atlantik unter die Genfer Brücke: Ich dachte mir, warum nicht?» Surfer Gaël Vuillemin

Schweizer Surfverbands Swiss Surfing heute in der Schweiz. Eine erstaunliche Zahl für ein Binnenland, das eine Tagesreise vom nächsten Meeresstrand mit brauchbaren Wellen entfernt liegt. Der Anteil der Surfer an der Einwohnerzahl der Schweiz liegt genauso hoch wie im meerumspülten Frankreich mit seinen ­legendären Surfspots am Atlantik. Die Schweiz, man kann das wohl so sagen, ist ein Land der Surfer geworden. Und immer mehr Schweizerinnen und Schweizer entdecken, dass sie ihre Heimat nicht einmal unbedingt verlassen müssen, um ihrer Leidenschaft zu folgen. Aber wie kam es dazu? Wer sind die Menschen, die – wie einst Gaël und seine Kumpels – Schweizer Gewässer zu Surf­ spots tunten? Und vor allem: Wo findet man sie, die besten Wellen der Republik?

Die Spur der glücklichen Gleiter

Der Hobbysurfer Esteban Caballero, der Fotograf Dom Daher und die Journalistin Patricia Oudit sind seit zwei Jahren unterwegs, um diesen Fragen nachzuspüren. Was sie dabei herausfinden, zeigen sie in der ebenso erhellenden wie unter­ haltsamen Web-Serie «Landlocked». Sie ­haben glücklich gleitende Surfer auf endlosen Flusswellen getroffen, sie haben un­ erschrockene Surfer in den eisigen Wellen des Neuenburgersees erlebt, sie haben ­einen riesigen Wellenpool im Wallis besucht, der das Surfen in der Schweiz nachhaltig verändern könnte. Und bei all dem haben sie, erzählt Dom, eines THE RED BULLETIN


WELLE AUF KNOPFDRUCK

Fantin Habashi übt im Outdoor-Surfbecken von Alaïa Bay in Sitten, dem ersten in Kontinentaleuropa.


DER EINSTEIGER

Symbolbild aus Dom Dahers Album: ein Boarder kurz vor dem Einstieg ins urbane Wildwasser


Surfen

Oben: die Schweizer Surfer Esteban Caballero (li.) und Valentin Milius. Unten: Esteban zieht beim Dreh für die Doku-Serie «Land­locked» seine Runden über den eiskalten Neuenburgersee.

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Oben: Vincent Schneider surft auf der Flusswelle in Bremgarten. Unten: Hale Woods, Erfinder der Freeride World Tour, gründete 1992 die Swiss Surfing Association.

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Surfen

«Unglaublich, wie vielfältig die Möglichkeiten bei uns sind.» Fotograf Dom Daher Die Surfer Valentin Milius und Esteban Caballero (re.) schrauben an ihrem selbst gezimmerten Board. Die beiden sind Protagonisten der Web-Serie «Landlocked».

Im Herzen der Stadt Zürich: Urban Surfer José Fernandes reitet die Citywave. Die Höhe der Welle kann an das Surflevel der Gäste angepasst werden.

i­ mmer wieder festgestellt: «Das Surfen in der Schweiz ist unglaublich vielfältig und kann richtig Spass machen.» Kaum irgendwo wird das so unmittelbar sichtbar wie an der Flusswelle in Bremgarten, etwa 15 Kilometer westlich von Zürich. Schon Anfang der 70er-Jahre sollen sich auf der stehenden Welle erste Surfer auf ihren Brettern versucht haben. Heute ist Bremgarten einer der populärsten Surfspots in der Schweiz. Im Frühjahr und Frühsommer, wenn das Schmelz­ wasser die Reuss ansteigen und eine ­endlose Welle erzeugen lässt, sind die Be­dingungen ideal. Surfer springen von der kleinen Insel in der Mitte der Reuss ins tiefgrüne Wasser und reiten die Welle. Junge, Alte, Anfänger, Könner, Fluss­ 44

wellen-Spezialisten, Atlantikwellen-Veteranen, ein einziges Woodstock im Wasser. «Das Erstaunlichste dort war, dass sich tatsächlich das Gefühl einstellte, beim Surfen zu sein», sagt Esteban, der in «Landlocked» immer wieder sein Brett rausholt und die Wellen seines Landes testet. «Du parkst dein Auto, schlüpfst in den Wetsuit, schnappst dir dein Brett, und los geht’s. Es ist wie ein Mini-Surf­ urlaub. Du vergisst den Stress der Woche, hast dieses Gefühl, auf dem Brett zu ­stehen. Und danach gehst du auf den Campingplatz, grillst und chillst.»

Ein Mann, der gut kennt, was Esteban da beschreibt, ist Benedek Sarkany. Der 42-Jährige ist Präsident von Swiss Surfing sowie Nationaltrainer des Verbands und hat in Bremgarten einen eigenen Wohnwagen stehen. In den vergangenen ­Jahren konnte er am Ufer der Reuss beobachten, was sich auch in den Daten seines Verbandes niederschlägt: Die Zahl der Surfer nimmt seit etwa acht Jahren rapide zu. Noch 2014 waren es etwa 20.000 weniger als heute.

Die kleine Welt der Bretter

Wie er sich das erklärt? «Zum einen sind wir Schweizer eine Brettsport-Nation. Wir stehen schon als Kinder auf Ski oder Snowboards und lernen, irgendwo hinabzufahren. Zum Wellenreiten ist es von da kein grosser Schritt. Zum anderen ­reisen wir gerne. Viele lernen das Wellen­reiten im Ausland und wollen es weiter betreiben, wenn sie zurück sind. So ­stossen sie dann auf Bremgarten und all die anderen Möglichkeiten.» Und davon gibt es heute viele. In den vergangenen Jahrzehnten entdeckten Schweizer Surfer mehrere neue Flusswellen, wie in Bern, Basel oder Thun. Zudem entstanden auch erste An­ lagen mit künstlich erzeugten stehenden Wellen, wie die Outdoor-Wellenreit­ anlage «Urbansurf» mitten in der Stadt Zürich oder die Indoor-Anlage «Oana Citywave» in Ebikon. Und dann wäre da natürlich noch die Möglichkeit, auf THE RED BULLETIN


DER MEER-WERT

Surflehrerin Fabienne Sutter beim Shooting für The Red Bulletin in der Bergwelt der Région Dents du Midi. (Die Kuh im Hintergrund heisst übrigens Caipirinha.)


Surfen

VORNE GISCHT, HINTEN GIPFEL

e­ inem der Schweizer Seen den Wellen nachzujagen. Das allerdings ist eher was für echt Motivierte – und Hartgesottene. Als der Lausanner Surfer und Mit­ begründer der Association Romande de Surf, Greg Williams, 2014 in Villette am Genfersee die wohl höchsten Wellen reitet, die je auf einem Schweizer See ­gesurft wurden, ist es Februar. Der Wind bläst mit bis zu 150 Stundenkilometern übers Wasser. «Die Wellen waren viel­ leicht 1,50 Meter hoch, und du konntest nur wenige Sekunden surfen», erzählt Williams in «Landlocked», «aber, mein Gott, was für ein einmaliges Gefühl: Du reitest eine Welle auf deinem See!» Wellen wie an jenem «Big Thursday», wie ihn Williams heute nennt, sind selten. Aber ein paar Tage, an denen man an ­einigen Stellen am Genfersee und am Neuenburgersee surfen kann, gebe es ­jedes Jahr, erzählt Esteban. Einen davon hat er selbst im Neuenburgersee erlebt. «Es war superkalt, und die Wellen waren superklein, aber immerhin: Du konntest sie tatsächlich reiten!» 46

«Surfen auf der Flusswelle in Bremgarten ist wie ein kurzer Urlaub.» Surfer Esteban Caballero

Ueli Kestenholz beim Wingfoil-Surfen auf dem Thunersee. Das Segel hat keinen Kontakt zum Brett.

Wer Wellen wie am Meer sucht, wird an den Seen eher nicht fündig. In anderen Teilen des Landes aber schon. Etwas wei­ ter im Süden. In der «Alaïa Bay» in Sitten, im Herzen der Schweizer Alpen. «Seit es diese Anlage gibt, habe ich das Gefühl, dass man in der Schweiz tat­ sächlich surfen kann», sagt Fabienne Sut­ ter über die Alaïa Bay, ein Outdoor-Surf­ becken in der Grösse eines Fussballfelds (und das erste Surfbecken überhaupt in Kontinentaleuropa), das auf Knopfdruck ideale Wellen jeder Grösse liefert.

Die Atlantik-Connection

Fabienne, 31, ist eine Art Schweizer Vor­ zeigesurferin: Ihr Weg aufs Brett verlief klassisch, ihre Fähigkeiten darauf sind klasse. Aufgewachsen in einem Dorf im Kanton Schwyz, stand sie schon als Kind auf Ski, später auf dem Skateboard, mit 18 dann erstmals auf einem Surfbrett am THE RED BULLETIN


FLÜÜÜGEL FÜR DEN SOMMER.

MIT DEM GESCHMACK VON APRIKOSE-ERDBEERE.

NEU

BELEBT GEIST UND KÖRPER.


Surfen

«Unsere kleine Revolution: die Mini-Welle, extra für Surfer-Kids.» Surf-Coach Benedek Sarkany

verbringst. Und weil dein Coach dich rausholen, dir Tipps geben und dich gleich wieder reinschicken kann, um sie umzusetzen.»

Die massgeschneiderte Welle

Surfer Sandro Santschi trainiert im Herzen der Altstadt von Thun: Der Spot an der Mühleschleuse wird wegen seiner Kraft auch «Das Monster» genannt.

«Landlocked»

Schweizer Surf-Storys: die Serie zum Phänomen

In der kurzweiligen Webserie «Land­ locked» zeigen Surfbegeisterte um den Fotografen Dom Daher, dass die Schweiz auch ganz ohne Meer ein Paradies für Surfer ist. Die Episoden sind zu finden auf youtube.com (Landlocked Swiss Surfing).

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Atlantik. Heute lebt sie den Grossteil des Jahres im nordwestspanischen Küs­ tendorf Ferrol, arbeitet als Surflehrerin und war lange Mitglied des «National Talents Teams» von Swiss Surfing. Sie hat Flusswellen ausprobiert, ist auf Schweizer Seen den Wellen nach­ gepaddelt, aber so richtig befriedigend fand sie das alles nicht. Von der Alaïa Bay aber schwärmt sie: «Du kannst dort so viel Zeit auf der Welle verbringen, dass du wirklich Fortschritte machst.» Die ­Anlage könne auf Breitensportebene das Surfniveau in der Schweiz heben und biete auch echten Topleuten grossartige Möglichkeiten. «Klar ist das Surfen im Meer noch mal was anderes, und den Spirit des Sports erlebst du dort noch ­intensiver. Aber wenn du an bestimmten Dingen feilen willst, ist die Anlage per­ fekt: weil du so viel Zeit auf der Welle

Benedek Sarkany von Swiss Surfing spricht sogar von einer «kleinen Revolu­ tion». Vor allem was den Surfnachwuchs betrifft, könne sich durch die Alaïa Bay vieles verändern. «Du kannst jetzt als Acht­jähriger in der Schweiz surfen gehen, in einem sicheren Umfeld, mit ideal auf dich abgestimmten Wellen. Das wird das Surfen in der Schweiz insgesamt besser machen.» Alaïa-Bay-Gründer Adam ­Bonvin selbst sagt dazu: «Die Revolution ist vergleichbar mit der Erfindung des Skilifts: Wir ermöglichen einen grösseren und besseren Zugang zum Surfen. Dank dem Wellenpool haben Surferinnen und Surfer, die in einem Binnenland leben, ihren Urlaub zu Hause.» Und vielleicht wird es dem Land ­irgendwann sogar seinen ersten Surf-Star bescheren. «Landlocked»-Macher Dom Daher jedenfalls kann sich das gut vor­ stellen. In nicht allzu ferner Zukunft, glaubt er, könnten olympische Surfwett­ bewerbe nicht mehr im Meer ausgetragen werden, sondern in Pools, ähnlich dem in der Alaïa Bay. Doms Schlussfolgerung: «Wir haben einen Roger Federer hervor­ gebracht, weil wir grossartige Tennis­ plätze haben – warum sollen wir nicht den nächsten Kelly Slater hervorbringen, wenn wir grossartige Bedingungen fürs Surfen h ­ aben?» Doch das ist eine andere Brettgeschichte. THE RED BULLETIN


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Kein Meer? Kein Problem! Egal ob See, Fluss, Pool, Halle – oder gleich neben der chilligen Cocktailbar: Hier sind die besten sechs Schweizer SurfSpots für Anfänger und Profis. Illustration TOBIAS GÖBEL

Genfersee. Sie sind ­selten, aber es gibt sie: surfbare Wellen am Genfersee. Jedoch nur an einigen stür­mi­ schen Wintertagen – und an Spots, die die Locals gerne für sich behalten. Surf-Experte ­Esteban Caballero empfiehlt: Bei starkem Wind aus Südwesten das Nordostufer (etwa von Pully bis Montreux) abfahren und nach Wellen und Seezugängen Aus­ schau halten – und den dicken Neoprenanzug einpacken.

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Alaïa Bay in Sitten. Das riesige Surfbecken inmitten der Walliser Alpen ist das erste und einzige seiner Art in Kontinentaleuropa. Rund 300 bis 1000 surfbare Wellen in einstellbarer Grösse, Form und ­Frequenz rollen pro Stunde über den Wavepool. Und wer nach seiner Surf-Session nicht aus­gepowert ist, kann eine Stunde später mit dem Snow­ board auf einer Piste stehen.

Mühleschleuse in Thun. Die Surfer an der Flusswelle in Thuns Altstadt nen­ nen den Surfspot nicht umsonst «The Monster». Die Welle ist schnell, hoch – und nicht ganz ungefährlich: Die Pfeiler der Mühlebrücke sind nah, die Fels­ brocken in der Aare zahlreich. Für routinierte Flusssurfer aber ist sie ein kleines Paradies, umgeben von Cafés und Bars.

alaiabay.ch

flusssurfen.ch

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Surfen

Urbansurf in Zürich. Die Anlage im GeroldQuartier bietet ein feines Allround-Paket: eine perfekte künstliche Welle unter freiem Himmel in einem etwa tennisplatzgrossen Pool. Dazu Bars, Streetfood, manchmal Live­ konzerte. Offen von April bis Oktober, dank gepolsterter Wände und genügend Beckentiefe auch für Anfänger perfekt.

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urbansurf.ch

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Indoor Citywave OANA in Ebikon. Die einzige Indoor-Surfanlage der Schweiz bietet das ganze Jahr über eine stehende Welle in einem tropisch warmen Pool. Es lassen sich einzelne Surf-Slots buchen, Sessions mit Trainer, dazu Kurse und Surfcamps. Dank einstell­ barer Wellenhöhe geeignet für Einsteiger wie Könner – perfekt für Beach-Feeling im Winter.

Stehende Welle in Bremgarten. Die ­Welle 15 Kilometer westlich von Zürich gilt als Mekka des Schweizer Flusssurfens. Perfekte Be­dingungen herrschen meist im Frühling und Frühsommer. Tipp: den Wasserstand der Reuss ­(Station Mellingen) im Internet checken! Bewegt die Welle zwischen 200 und 350 m³/s, lässt sich meist surfen. Die Welle be­ findet sich am Honeggerwehr, am besten über die Insel einsteigen.

oana.surf

flusswellenbremgarten.ch

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ALEXANDER NEUMANN-DELBARRE

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Königin der Wellen Fünf WM-Titel, Gold bei Olympia: Die Hawaiianerin CARISSA MOORE, 29, ist die erfolgreichste Surferin der Welt. Ihr Geheimnis: Sie besiegt Selbstzweifel mit der Power von «Aloha». Text CHRISTINE YU

Fotos STEVEN LIPPMAN

BACK TO THE ROOTS

Surf-Superstar Carissa Moore beim The Red Bulletin-Foto­ shooting an der Ostküste der Insel O‘ahu, Hawaii. Hier trägt sie einen «Haku Lei», den ­traditionellen Kopfschmuck ihrer Heimat.


Ganz privat: Carissa Moore

Weltmeisterin im Surfen Surfte ihre erste Welle mit vier Jahren. Steht auch auf Boxen. Heiratete ihre Highschool-Liebe Luke. Litt an Essstörungen. Liebt ihre Hunde Maya und Tuffy.

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«Ich fragte mich ständig: Wer bin ich, wenn ich nicht gewinne?» 2021 gelang Carissa Moore das perfekte Jahr in ihrem Sport. Ihr grösster Sieg hatte aber nichts mit Surfen zu tun: «Ich musste daran arbeiten, glücklich zu sein.»

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origes Jahr im September wurde der Weltcup der Surferinnen erstmals in einem neuen Modus ausgetragen: Der Titel sollte­ in einem einzigen, entscheidenden ­Finale vergeben werden – statt wie früher an jene Sportlerin, die im Verlauf einer Saison die meisten Punkte gesammelt hatte. Für die Zuschauer versprach das deutlich mehr Spannung: Die besten fünf Surferinnen der Saison trafen beim Finale­ der Rip Curl World Surf League (WSL) im kalifornischen San Clemente an einem einzigen Tag in einer Art Showdown im K.-o.-System aufeinander – zuerst Fünfte gegen Vierte, die Siegerin gegen die Dritte und so weiter – bis zum grossen Finale, in dem es dann in einem «Best of three»Match um den Weltcupsieg ging. Für Carissa Moore, die Surf-Ikone aus Hawaii und Führende im Weltcup, war das theoretisch eine b ­ eneidenswerte Ausgangslage: Sie hatte das Ticket für das Finale bereits in der Tasche, musste nur gegen eine einzige Konkurrentin gewinnen. In der Praxis hiess das a ­ llerdings auch: Es blieb ihr den ganzen Tag nichts anderes als – Warten. Zermürbendes Warten auf den alles ­entscheidenden Moment. Und wenn sie in diesem Augenblick nicht ihre beste Leistung würde abrufen können, dann könnte sie sich ihren fünften Weltcup-­Titel aufzeichnen – ein Risiko, das in ­einem Showdown wohl nicht zu ver­meiden ist. Tapfer überstand sie die Wartezeit: mit Aufwärmen, Chillen und Musik über ihre roten Beats-Kopfhörer. Am Nach­ mittag erfuhr sie dann endlich, mit wem sie es im Finale zu tun bekommen würde: mit der in Brasilien geborenen, in Hawaii aufgewachsenen Tatiana Weston-Webb. 55


Surfen

In der ersten Runde schien es zu laufen wie immer. Gleich nach dem Startschuss erwischte Carissa Moore eine Welle und kassierte von der Jury Punkt um Punkt. Typisch. Es sah ganz nach einem glatten K. o. nach Runde zwei aus. Doch dann passierte das Unerwartete: Die Königin der Wellen kam, für sie v­ öllig ungewohnt, aus dem Tritt. Davon wieder profitierte ihre Gegnerin: Tatiana WestonWebb wurde mit jedem Ritt besser und selbstbewusster. Nicht einmal 30 Sekunden vor dem Ende lagen die beiden Finalistinnen schliesslich Kopf an Kopf, wetteiferten um eine Welle. Weston-Webb war um einen Hauch schneller und fuhr einen weiteren Punkt ein. Ein Rückstand, den Moore in den

Beim WM-Finale passiert das Unerwartete: Die Königin der Wellen verliert die Nerven. letzten neun Sekunden hektisch wett­ zumachen versuchte, jedoch: keine Welle weit und breit. Schlusspfiff. Und die ­bittere Erkenntnis, dass ihr, der Titel­ verteidigerin, die Nerven durchgegangen waren. «Ich wollte so schnell wie möglich gewinnen», erinnert sich Carissa Moore im Facetime-Interview mit The Red Bulletin. «Ich wollte, dass es so schnell wie möglich vorbei ist.»

Blieben 35 Minuten bis zu Runde zwei. 35 Minuten für Schadensbegrenzung. Wichtigste Aufgabe: ihre Emotionen ­unter Kontrolle zu zwingen. Aber die ­Gedanken rasten: Jetzt musste sie die nächsten zwei Runden unbedingt ge­ winnen. Konnte sie das? Was, wenn sie scheiterte? «Das ist alles, wofür ich ge­ arbeitet habe», sagte sie sich, «und jetzt bin ich hinten.» Und plötzlich war da wieder die lästige Stimme in ihrem Kopf. Eine Stimme, die Carissa Moore nur zu gut von früher kannte. So gut, dass sie ihr sogar einen ­Namen gegeben hat: «Old Riss» (also die «alte C ­ aRISSa», nach den mittleren Buchstaben ihres Vor­namens).

Szenen eines Rekord-Jahres. Bild ganz oben: Carissa Moore mit dem Siegerpokal ­ihrer fünften Surf-Weltmeisterschaft im September 2021 in San Clemente, Kali­ fornien. Darunter: Im Juli 2021 feiert Moore ihren Olympia-Premieren-Sieg in Japan.

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In den letzten Jahren hatte sie hart daran gearbeitet, Old Riss zum Schweigen zu bringen. Mühsam lernte sie, deren ­Gegenwart anzuerkennen und sich dennoch mit grundsätzlichem Wohlwollen zu begegnen. Jetzt aber war Old Riss wieder da, forsch wie eh und je. «Es war klar», sagt Moore, «entweder ich gebe mich weiter der Abwärtsspirale des Selbstzweifels hin – dann kann ich es gleich bleiben­lassen. Oder ich beisse mich durch, kämpfe und gebe mein Bestes.» Sie telefonierte mit ihrem Mentalcoach, dann holte sie sich Kraft von ­ihrem Vater und Trainer Chris und von ihrem Ehemann Luke Untermann. Der schaute sie mit Tränen in den ­Augen an und sagte: «Schatz, wenn eine das schafft, dann du!» Das genügte, um mit freiem Kopf in die nächste Runde zu gehen. Was sie am Surfen so liebt, sind sowieso nicht die ­Titel oder Trophäen, die es zu gewinnen gibt; sondern dass sie sich damit aus­ drücken kann. Sie war ohnehin schon der Champion – egal was jetzt noch ­passieren würde. Und dann gewann Carissa Moore die nächsten beiden Runden so souverän, dass Old Riss die Luft wegblieb. Damit THE RED BULLETIN

GETTY IMAGES(2), RYAN MILLER/RED BULL CONTENT POOL

Wie bringst du die negative Stimme im Kopf zum Schweigen?


Surf pic KRAFT UND ELEGANZ ALS MARKENZEICHEN Carissa Moore in der Welle beim Mexico Open in Huatulco im August 2021


SURF-QUEEN MIT PUNCHING-POWER Carissa Moore beim Sandsack-Training in ihrem Open-Air-Gym, zu Hause im Garten auf der Insel Honolulu

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Moore zieht ihre Linien mit der Präzision einer Chirurgin. Ihre Tricks haben das Damen-Surfen revolutioniert. THE RED BULLETIN


Surfen

war der zweite Weltcupsieg in Folge in trockenen Tüchern, der fünfte insgesamt. Überhaupt war das Jahr 2021 der Hammer: Bei keinem Event der Meisterschaft war sie schlechter klassiert als Dritte, das Gelbe Trikot der Führenden musste sie keinen einzigen Tag ausziehen. Darüber hinaus gelang ihr beim Rip Curl Newcastle Cup in Australien mit einer 360-Grad-Drehung in der Luft eine der spektakulärsten Figuren, die je gezeigt wurden. Und dann gewann sie noch in Tokio die Goldmedaille beim allerersten ­olympischen Surf-Wettbewerb. «Das war vermutlich das erfolgreichste Jahr, das in diesem Sport jemals jemand hatte», sagt Jessi Miley-Dyer, Wettbewerbsleiterin der WSL und früher selbst Profisurferin.

Ein Teenager im Rampenlicht

Oberflächlich betrachtet war das ja zu erwarten: Carissa Moore, 1992 geboren in Hawaiis Hauptstadt Honolulu, galt schon immer als Wunderkind. Mit fünf stand sie das erste Mal, angeleitet von ­ihrem Vater, am Waikiki Beach auf einem Surfboard. Schon bald sorgten Videos der Kleinen für Aufsehen in der Szene. Jessi Miley-Dyer, damals noch selbst ­aktiv, erinnert sich noch gut an das AhaErlebnis, als sie das unfassbare Mädchen sah, das Aerials (Tricks in der Luft), Fin Throws (bei denen das Surfbrett

fast senkrecht aus dem Wasser in die Luft ragt) und rasante Carving-Schwünge über hohe Wellen zeigte, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. «Wer ist das, bitte?, haben wir uns alle gefragt», erzählt Miley-Dyer. Mit zwölf begann Moore, an Wett­ bewerben teilzunehmen. Die Folge ­waren elf Titel der National Scholastic Surfing Association (NSSA). 2010 stieg sie in die Profi-Liga auf; ein Jahr später wurde sie, noch Teenager, zum ersten Mal Weltcupsiegerin. Von Anfang an war sie das Mass aller Dinge: Moore reitet die Wellen mit e­ inem makellosen Flow, gewürzt mit rhythmisch-­ kraftvollen Bewegungen an der Wellenkante, blitzschnellen Manövern in die «Pocket», das Energiezentrum der Welle; um dann mit der Präzision e­ iner Chir­ urgin eine saubere Linie über das «Face», den ungebrochenen Teil der Welle zu ziehen. Und ihre radikalen Tricks haben das Damensurfen revolu­tioniert: «Davor hat das einfach keine g ­ emacht», sagt Jessi Miley-Dyer. Aber es gibt erstaunlicherweise auch eine Kehrseite der Medaille, die zu leicht übersieht, wer nur flüchtig hinschaut. Zum Beispiel, dass Carissa Moore die ganze Pubertät über im grellen Licht der öffentlichen Beobachtung verbrachte. So bekam alle Welt mit, dass sie an Ess-

Tierische Freunde in glücklichen und schweren Zeiten: Carissa Moore in ihrem Wohnzimmer mit den Familienhunden Maya (li.) und Tuffy THE RED BULLETIN

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Surfen

störungen litt, und machte sich über ihre Figur lustig. Auf die Art bekam sie das Ge­ fühl, trotz ihrer Erfolge nicht gut genug zu sein. Überhaupt war die Identitäts­ findung eine echte Herausforderung. «Ich habe mir so viel Druck auferlegt, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen», sagt sie heute. «Ständig habe ich mich gefragt: Wenn ich keine Wettbewerbe ­gewinne, wer bin ich dann?» Nach ihrem dritten Weltcup-Gesamt­ sieg im Jahr 2015 schlitterte Carissa Moore in ein Burnout. Damals musste

sie lernen, dass sich ihr Wert nicht nur über ihren Lebenslauf definiert. «Manch­ mal», bilanziert sie heute, «muss man einfach noch einmal von vorn anfangen. In meinem Fall ging es darum, Liebe und Glück wiederzufinden. Und mir Zeit für Ruhe und ein gutes Leben freizuschaufeln.» Check! 2017 heiratete sie ihre High­ school-Liebe Luke Untermann. Sie fand Zeit für Freunde und Familie, für Wan­ derungen in den Wäldern rund um ihr Haus in den Hügeln von Honolulu, fürs

Basteln und das Skateboardfahren mit ihren beiden Hunden Maya und Tuffy. 2018 gründete Carissa Moore «Aloha», eine gemeinnützige Organisation, die das Ziel verfolgt, jungen Mädchen dabei zu helfen, sich zu starken, selbstbewuss­ ten und empathischen Menschen zu ent­ wickeln. «Aloha» wie der hawaiianische Gruss, der unter anderem Liebe, Mit­ gefühl, Sympathie bedeuten kann und generell für die behauptete Gut­ mütigkeit steht, die Hawaiianern zu­ geschrieben wird. Wenn man Leute, die sie kennen, ­bittet, Carissa Moore in einem Satz zu beschreiben, dann fällt auch überdurch­ schnittlich oft dieser: «Sie ist ein guter Mensch.» Moore hatte immer schon ein Händchen für überaus menschliche Überraschungen. Nach ihrem ersten Sieg auf der Profi-Tour 2010 in Neuseeland spendete sie das Preisgeld einem lokalen Surf-Verein. Und vor kurzem hielt sie als Dank dafür, dass das US-Surf-Team als Vorbereitung auf die Spiele in Tokio in Japan trainieren durfte, eine komplette Rede in der Landessprache.

Moores neue Mission: Mentorin für junge Frauen in den Wellen sein

Batterien aufladen auf Hawaiianisch: Ihre «grüne Kathedrale» nennt Moore die Wälder rund um ihr Haus im Palolo Valley auf der Insel Honolulu.

«Ich möchte, dass man sich an mein Surfen erinnert, weil es positive Gefühle ausgelöst hat.» 60

Sie ist jetzt 29. Viel mehr als sie kann man im Surfsport wohl nicht erreichen. Sie hat eine neue Generation von jungen Surferinnen inspiriert, die sich schon ­anschicken, den Sport noch einmal auf ein höheres Niveau zu heben. «Was die machen», sagt Moore und lacht, «schaffe ich im Leben nicht mehr, und das ist in Ordnung.» Nachsatz: «Aber es wäre schön, wenn ich noch ein bisschen mit ihnen mithalten könnte.» Nach den Erfolgen 2021 fühlt sich ­Carissa erstmals in ihrem Leben frei. «Mir kommt vor», sagt sie, «dass ich erst jetzt allmählich im Takt mit meinem persön­lichen und beruflichen Ich bin.» Welche Ziele hat eine wie sie noch? Sie will zum Beispiel noch ihre Technik beim Backside Barrel Ride, dem schwie­ rigsten Trick von allen, verbessern. Und auch beim Surfen über die Riesenwellen am Strand von Teahupo‘o gebe es noch Luft nach oben. Ihre Wellenritte dort sol­ len noch flüssiger und radikaler werden. Doch am Ende, sagt sie, gehe es nur um eines: «Ich möchte, dass man sich später an mein Surfen erinnert, weil es positive Gefühle ausgelöst hat.» Carissa auf Instagram: @rissmoore10 THE RED BULLETIN


ZEIT FÜR RUHE UND EIN GUTES LEBEN

Carissa, hier beim Shooting für The Red Bulletin auf Hawaii, ist angekommen.


5-M IN U TE N-C OACH

00:00 NIE MEH R L A M PE N ­ FIEBER

Nicht ohne meine Mutti

B-Boy SAID gehört zu den besten Tänzern Deutschlands. Hier verrät er, wie er bei Auftritten vor grossem Publikum cool bleibt – und was ein Wüstentrip damit zu tun hat.

00:18

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Schmuck tragen Auch ein Talisman kann einem die Nervosität nehmen und Selbst­ vertrauen schenken. Das kann alles sein, ein Stein, ein Kleidungsstück oder ein Schmuckstück. Ganz egal. Ich habe zum Beispiel einen Ring, den ich immer extra vor einer Battle anstecke. Ich kaufte ihn in Marokko, als ich 2018 eine Reise durch die Wüste unternahm. Damals dachte ich sehr viel über mein Leben nach und darüber, wie viel Arbeit ich in den Breakdance stecken möchte – und zu welchen Opfern ich für meine Karriere bereit bin. Wenn ich heute während eines Wettkampfes auf meine Hand gucke und den Ring sehe, kommen diese Emotionen wieder in mir hoch. Das gibt mir einen Extraschub an Kraft.

Das Zwerchfell pflegen

Den Leuten in die Augen schauen

Vor meinen Auftritten mache ich immer folgende Atemübung: Ich nehme eine bequeme und aufrechte Position ein, damit das Zwerchfell genügend Platz hat, dann atme ich ein paarmal tief in den Bauch. Warum ich das mache? Eine be­ wusste und tiefe Atmung reguliert den Herzschlag und beruhigt dadurch die Nerven. Denn unser Herzschlag ist mit dem Gehirn verbunden. Eine flache Atmung und ein damit verbun­ dener schnellerer Herzschlag signali­ sieren dem Gehirn: Stress! Leider sind wir gewohnt, flach in die Lunge zu atmen. Deshalb braucht es ein bisschen Übung. Meinen Tanz­ schülern sage ich immer, sie sollen eine Hand auf die Brust und die andere auf den Bauch legen und dann tief und langsam durch die Nase einatmen – so, dass sich zuerst die Hand auf der Brust hebt und anschliessend die zweite Hand auf dem Bauch.

Man hört oft den Ratschlag, man solle sich die Zuschauer nackt vorstellen oder sie einfach gleich komplett aus­ blenden. Angeblich würde das gegen 03:07 Lampenfieber helfen, weil man den Zuschauern ihre Bedrohlichkeit nimmt. Tatsächlich mache ich aber ­genau das Gegenteil: Ich guck mir bei meinen Auftritten das Publikum ganz genau an. Das beruhigt mich, weil ich in den Gesichtern der Menschen sehe: Noch bevor ich die Bühne überhaupt Die wollen mir überhaupt nichts betrete, juble ich bereits. Zumindest ­Böses. Niemand ist hier, um mich zu im Stillen. Denn im Geiste male ich verurteilen. Sie wollen mich sehen mir aus, wie ich gewinnen werde. Wie und mit mir feiern. ich dann die Hand in die Höhe strecke Ausserdem habe ich immer meine und mich dabei fühle. Das motiviert Crew dabei. Wenn ich weiss, dass mich und schenkt mir zusätzlich Freunde im Publikum sitzen oder Selbstvertrauen. dass meine Mutter den Livestream Der Film vor meinem inneren Auge ­anguckt, fühle ich mich nicht allein. geht aber noch weiter: Ich male mir Ich weiss: Diese Menschen werden auch aus, welche Moves ich machen mich immer supporten, ganz egal werde, wie die Zuschauer reagieren wie ich abschneide. Und das gibt mir und auf welche Gegner ich treffen ein sicheres Gefühl.

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01:58

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PHILIPP LEDÉNYI, ROMINA AMATO/RED BULL CONTENT POOL

Sich selber zujubeln


03:42 könnte. Indem ich verschiedene Situationen im Vorfeld visualisiere, sind sie für mich nicht mehr ganz neu, wenn sie dann tatsächlich eintreten. Ich bin vorbereitet und deshalb anschliessend auf der Bühne relaxter. Hilfreich ist es auch, wenn man sich vorher im Netz Videos und Fotos von den Räumlichkeiten angucken kann.

04:15

Ein Mantra aufsagen

Die Stärken von Serhat Perhat alias B-Boy Said, 25: ein kreativer Tanzstil und innere Ruhe. 2021 gewann er damit beim Red Bull BC One Cypher Germany.

«Die Zuschauer einfach ausblenden? Ne, ich mache genau das Gegenteil!» B-Boy Said

Die besten B-Boys und B-Girls des Red Bull BC One Cypher Switzerland (12. Juni in Baden) vertreten die Schweiz im November beim Finale in New York City. Infos: redbull.com/bconeswitzerland

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Wenn man Lampenfieber hat, fühlt man sich unwohl, klar. Aber eigentlich will man ja in genau dieser Situation stecken. Man will dem Publikum seine Tanzkünste zeigen oder seinen Song singen, auf der Bühne einen Preis entgegennehmen oder einen Vortrag halten. Zumindest in den meisten Fällen. Sonst wäre man ja nicht hier. Das mache ich mir bewusst, indem ich mir für jeden Auftritt einen Satz ausdenke, ein Mantra, das ich mir immer wieder vorsage. Eine Art positives Selbstgespräch, das mich motivieren soll. Ein Beispiel: Im April habe ich an der deutschen Breakdance-Meisterschaft teilgenommen. Ich hatte kurz davor zum zweiten Mal Covid gehabt und war körperlich noch nicht topfit. Also habe ich mir immer wieder gesagt: «Versteife dich nicht auf deine Moves und das Ergebnis, sondern geniess ­einfach die Musik und den Moment.»

05:00

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EHRENTREFFER!

Ein seltenes Bild: Meist war unser Autor Anatol Vitouch (re.) eher um eine kompakte Defensive bemüht.

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Drei Minuten hat Anatol (li.), um seinen Gegner Josef am Schachbrett zu besiegen. Sonst muss er für eine weitere Runde in den Ring steigen.

D ER R ED B U LLE TIN SELBST­ ­ Schachboxen VERSUCH

PLATT STATT MATT Drei Minuten Schach, drei Minuten Boxen. Matt oder K. o. entscheiden über den Sieg. Ist Schachboxen der ultimative Mix von Faust und Hirn? Unser Autor ist Schachmeister, aber absoluter Laie im Boxen. In Berlin stellt er sich seinem ersten Kampf. Text ANATOL VITOUCH

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Fotos NORMAN KONRAD

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B

erlin-Mitte, Franz-Mett-Sporthalle, Freitagabend, 19 Uhr. Zwei bandagierte Fäuste, in jeder ein Bauer, einer weiss, einer schwarz. Ich deute auf die rechte, mein Gegenüber öffnet sie: Weiss. Die Farbwahl habe ich schon mal gewonnen. Noch ein Handshake, dann ziehe ich: 1. c2–c4. Nach einem Dutzend Zügen ist aus einer Englischen Eröffnung eine Stellung mit Raumvorteil für mich entstanden. Mein Gegner spielt gar nicht schlecht. Er entwickelt seine Figuren auf zentrale Felder, macht keine unnötigen Bauernzüge und bringt seinen König in Sicherheit. Dennoch weiss ich schon nach zwei Minuten, dass seine Stellung früher oder später zusammenbrechen wird. Im Zentrum dränge ich ihn schrittweise zurück, stosse am Königsflügel aggressiv meine Bauern vor und beordere meine Dame auf einen aussichtsreichen Posten auf der anderen Brettseite. Bedenkzeit brauche ich fast keine, zu natürlich sind meine Züge. Trotzdem schellt bald die Glocke: Die erste Schachrunde ist vorbei, noch bevor ich zur Attacke übergehen kann. Zwei Assistenten heben Brett und Schachuhr aus dem Ring. Mit zittrigen Fingern schiebe ich mir den Mundschutz unter die obere Gebissreihe und lege meine Boxhandschuhe an. Dass ich noch schnell die Brille abnehmen muss, fällt mir erst ein, als mein Gegner mir zum Rundenbeginn schon die Fäuste zum Abklatschen entgegenstreckt. Wieder der Gong. Ich beisse auf meinen Mundschutz. Bobby Fischer, steh mir bei! Was bitte ist ein Schachboxkampf? Diese Frage hat mir jeder gestellt, dem ich den Anlass für meine Reise verraten habe. Die Antwort ist einfach: drei Minu­ 66

HERAUSFORDERER Autor und Schach­meister Anatol Vitouch, 37, boxt das erste Mal.

«ICH BEISSE AUF MEINEN MUNDSCHUTZ. BOBBY FISCHER, STEH MIR BEI!»

ten Schach, drei Minuten Boxen, immer abwechselnd, maximal elf Runden. Schachmatt oder K. o. entscheiden über den Sieg – je nachdem, in welcher Dis­ ziplin der letzte Treffer zuerst gelingt. Als ich damit herausrücke, dass ich selbst in den Ring steigen werde, ernte ich unterschiedliche Reaktionen. Eine zart besaitete Freundin beginnt, leise um mich zu weinen. Ein Kumpel vom Typ sportlicher Draufgänger versucht, mich vor die Tür des Lokals zu zerren, in dem wir sitzen, um meine Box-Skills zu prüfen. Nur: Ich habe keine Box-Skills. Zwar interessiert mich Boxen schon mein Leben lang. Die FernsehübertraTHE RED BULLETIN


Schachboxen

gungen von den Kämpfen der Klitschko-­ Brüder, von Axel Schulz oder H ­ enry Mas­ke gehören zu meinen Kindheits­ erinnerun­gen. Mit 16 las ich Hemingways «Paris, ein Fest fürs Leben» und war fortan überzeugt, dass ich als angehender Schriftsteller unbedingt boxen können müsste. Aber über ein paar Wirts­haus­ rempeleien und ein Gruppentraining bei einem Wiener Vorstadtverein bin ich faust­ kampfpraktisch nie hinausgekommen. Mit 37 befinde ich mich ausserdem in einem Alter, in dem viele Männer ­ihren Lieblingssessel entdecken. Ganz so schlimm steht es um mich noch nicht. Aber wenn ich den Grad meiner Fitness beschreiben müsste, würde ich sagen: durchschnittlich. Für einen 37-Jährigen. In meinem ersten Schachboxkampf habe ich deshalb nur einen einzigen Trumpf: Ich bin Schachmeister, genauer gesagt FIDE-Meister. Diesen Titel ver­gibt der Weltschachbund für Spieler, die ein Rating von mindestens 2300 Elo-­Punkten erreicht haben. Bessere Kaffeehausspieler liegen bei ungefähr 1700 Elo, Schachweltmeister Magnus Carlsen notiert konstant über 2800. Ergo: Ich verdiene mein Geld nicht mit Schach, und gegen Grossmeister habe ich meistens das Nachsehen. Aber ich bin auch ein Eckhaus besser als die allermeisten Leute, die von sich glauben, gute Spieler zu sein.

«VERDAMMT, WIE KOMME ICH DA OHNE BAHRE RAUS?» Die Frage lautet also: Habe ich eine Chance, genügend Boxrunden zu über­ stehen, um meinen Gegner mattzusetzen? Und wenn nicht: Wie, verdammt, komme ich ohne Bahre raus aus diesem Club?

Voll auf die Nase

Josef ist einen Kopf grösser als ich, sein Körper sieht aus wie ein einziger elastischer Muskel. Früher hatte er den schwarzen Gurt im Aikido. Erst als ihm das zu langweilig wurde, hat er auf Boxen, dann auf Schachboxen umgesattelt. Ein wenig habe ich darauf gehofft, dass er es langsam angehen wird: mich erst mal kommen lassen; mir Zeit geben, um in den Kampf zu finden. Das Gegenteil ist der Fall. Von der ersten Sekunde an deckt mich mein Gegner mit Treffern ein. Er schlägt vor allem Gerade, dazwischen rechte und linke Haken, die mich neben meiner Doppel­deckung an der Schläfe treffen. Das Stakkato der Hiebe lässt mich während der ersten halben Minute gar nicht dar­an denken, zurückzuschlagen. Mein Überlebensinstinkt sagt: decken, ducken, zusammenkrümmen, durch den Ring flüchten. Viel Strategie

ERSTES TRAINING. Kein Schachboxkampf ohne Vorbereitung: Am Tag vor dem Fight versucht unser Autor Anatol, sich noch rasch in Form zu bringen – mit der Springschnur und am Sandsack. Zumindest dem abhängenden Gegner in Rot versetzt er eine Tracht Prügel. THE RED BULLETIN

habe ich mir für diese zweite Runde überlegt. Im Angesicht der Schläge ist sie unbrauchbar. Es ist wie beim Schach: Man kann nur tun, was der Gegner zulässt. Josef lässt nichts zu. Nicht von mir. Mein Sekundant feuert mich aus der Ringecke an: «Sei frech, Anatol!» Ich ver­ suche eine Schlagkombination. Meine­ Linke blockt Josef locker ab. Ich will die Rechte nachschieben, aber bevor sie ihr Ziel erreicht, trifft er mich mit seiner Rechten das erste Mal voll auf die Nase. Ich taumle zwei, drei Schritte zurück, fange mich, reisse die Deckung hoch. Auch wenn Josef später sagen wird, dass er nicht annähernd Vollgas gegeben hat: So ein Treffer tut nicht nur weh, er kostet auch Luft. Und die ist kostbar. Der Mund­ schutz stört mich beim Schnaufen, mir ist schwindlig. Als irgendjemand ruft, dass zwei Minuten vorbei sind, habe ich das Gefühl, dass mir gleich die Beine ein­knicken. Aber Josefs Schläge treiben mich weiter durch den Ring. Konter täusche ich jetzt nur noch an, um ihn ­wenigstens kurz auf Distanz zu halten. Für Offensive fehlt mir längst die Kraft. Ding, ding, ding. Die Ringglocke erlöst mich. Für drei Minuten.

Der intellektuelle Fight Club

Die Geschichte des Schachboxens ist schnell erzählt. An ihrer Wiege steht der niederländische Aktionskünstler Iepe Rubingh, der 2003 erster Weltmeister in dem Sport wurde, den er selbst erfunden hatte. In einem französischen Comic war Rubingh auf die Idee gestossen. Und weil er für beide Sportarten ein Faible hatte, beschloss er, die Fiktion Wirklichkeit werden zu lassen. Statt einem ganzen Boxkampf eine ganze Schachpartie folgen zu lassen, hatte Rubingh den Einfall, beides mit­ einander zu verzahnen. Aus einer ein­ maligen Kunstaktion entstand bald der erste Schachboxclub der Welt in Rubinghs Wahlheimat Berlin. Auch wenn es inzwischen auf der halben Welt Schachboxvereine gibt – darunter in England, Russland, China, den USA und Indien –, gilt Berlin immer noch als das Mekka der Sportart. Hier, im ältesten Schachboxclub der Welt, dem Chess Boxing Club Berlin (CBCB), stelle ich mich meinem ersten Kampf. Aber Schach und Boxen: Passt das zusammen? Die Fans von Rubinghs Kreation schwärmen vom «intellectual fight club», der ultimativen Verbindung 67


Schachboxen

von körper­lichem und geistigem Sport. Dass man nach einem Wirkungstreffer im Boxen mitunter zu weich in der Birne ist, um noch vernünftig Schach zu spielen, wird von Enthusiasten nicht als Problem, sondern als Markenkern gesehen: Man muss beide Sportarten gleicher­massen trainieren und beherrschen. Wer beim Schach auf ein Schäfermatt (schnelles Matt in der Anfangsphase einer Partie; Anm.) hereinfällt, dem nützt auch der stärkste rechte Haken nichts. Weltmeister­ schaften wurden bisher übrigens fast ­immer durch Schachmatt entschieden.

Die Dame dankt

Mundschutz raus, Handschuhe aus­ ziehen. Mein Puls rast, ich triefe vor Schweiss. Wie schön, die Figuren statt Josefs Fäuste vor mir zu haben. Auf b7 lässt er einen Bauern stehen, meine Dame dankt. Wie mein Schweiss, der auf das Plastikbrett tropft, fliessen auch meine Figuren durch das einmal geschlagene Leck in Josefs Stellung. Mein schwarzfeld­ riger Läufer findet ein schönes Plätzchen auf d6 und fesselt von dort aus einen schwarzen Springer. Josefs Schwerfiguren­ lungern passiv auf der Grundreihe her­ um, die Partie ist klar gewonnen für mich. Nur heisst das leider nicht, dass das Matt schon in Sichtweite wäre. Denn Josefs schwarzer König ist immer noch in sei­ ner Rochade­stellung von einer Bauern­ phalanx geschützt. Die muss ich erst sprengen, bevor ich ihm an den Kragen gehen kann, und das wird dauern. Ding, ding, ding. Verdammt, jetzt schon? Brille runter, ein grosser Schluck Wasser, Mundschutz rein, Handschuhe drauf. Runde vier, und ich bin immer noch fertig von der zweiten. Soll ich in die Offensive gehen? Josef weiss, dass es beim Schach schlecht um ihn steht, mit

«AM BODEN IST ES SCHÖN. NIEMAND SCHLÄGT MICH DORT, UND ICH MUSS MICH NICHT BEWEGEN.» 68

DER GEGNER

drei grossen Schritten ist er bei mir und schlägt zu. Ich buckle und decke wie­ der, versuche, den Oberkörper kreisen zu lassen, um kein unbewegliches Ziel zu sein. Er trifft mich, aber aus irgend­ einem­Grund fühle ich mich besser als in Runde zwei. Kann man sich an Prügel so schnell gewöhnen? Ich habe noch ein bisschen Luft, jetzt will ich auch boxen. Eine linke Gerade von Josef wehre ich im Ansatz mit meiner Linken ab, gehe nach vorn und schlage zu: rechts-links-rechts. Josefs kurze rechte Gerade trifft mich an der Stirn, es blitzt, ich liege auf den Brettern. Am Boden ist es schön. Niemand schlägt mich dort, und ich muss mich nicht bewegen. Ausserdem war der Treffer gar nicht so schlimm, es ist mehr

Josef Galert, 49, ist 2. Vorsitzender des Chess Boxing Club Berlin (CBCB).

die Kondition, mit der es mit jedem von Josefs Hieben schneller zu Ende geht. An die nächste Schachrunde denke ich nicht mehr, ich denke nur ans Überleben. Josef reicht mir sportlich die behandschuhte Pranke, hilft mir auf. Es geht hier ja doch nicht um Leben und Tod und auch nicht um eine Weltmeister­schaft. Noch eine Minute muss ich durchhalten, bis die Runde vorbei ist. Die Angst ist zurück, aber sie ist jetzt anders: Es ist die Angst vor dem nächsten Niederschlag. Den will ich durch Beinarbeit vermeiden, aber Josef stellt mir nach. Warum ist der Ring so klein? Schon wieder bin ich in der Ecke. Josefs Körperhaken trifft mich links THE RED BULLETIN


GEHIRNSPORT

Blöd für unseren Autor: Sein Gegner Josef kann nicht nur boxen, er spielt auch gar nicht so übel Schach.

AUTSCH!

Anatol weiss zwar, was eine Deckung beim Schach ist, aber bei der Boxdeckung hat er Nachholbedarf.


Schachboxen

an der Rippe, ich weiche zur Seite aus, kassiere noch zwei Schläge, einmal Körper, einmal Stirn, aber noch kann ich die Deckung halten. Als die Glocke läutet, weiss ich, dass ich keine weitere ­Boxrunde mehr schaffen werde. Entweder ich setze­ihn jetzt matt, oder ich bleibe in der nächsten Boxrunde liegen. Punkt.

Pfötchen geben beim Training

Am Vortag des Kampfes muss ich erst einmal trainieren. Im CBCB gibt es Boxtage und Schachboxtage. Donnerstag ist Boxtag. Deshalb ist Ole heute der Chef, ein schlaksiger Mittdreissiger, der seine Schüler beim Lauftraining im Berliner Dialekt antreibt. Als mir nach ein paar Runden das erste Mal die Puste ausgeht,

frage ich Ole, wie es mit seinen Schachfertigkeiten aussieht. «Ick hab in meinem Leben noch keene janze Schachpartie jespielt», sagt er. Nach dem Lauftraining gehen wir hinunter in den Keller, wo die Sandsäcke hängen und es nach kalt gewordenem Schweiss riecht. Ich streife mir ein Paar abgenutzte­rote Handschuhe über und beginne, einen der Säcke im Rhythmus von Oles gebellten Kommandos zu traktieren: links-rechts, links-rechts-­ links, links-rechts, links-rechts-links. Geht ganz gut, auch wenn es mit der Zeit schweine­anstrengend wird. Bald tun mir Finger und Oberarme weh, weil ich zu hart zugeschlagen habe. Ich will mich hinsetzen, da ruft Ole mich zu sich nach vorn: Einzeltraining für den

«MIR TUN FINGER UND OBERARME WEH, DA RUFT MICH DER COACH ZU SICH: EINZELTRAINING.» Neuen. Ole hat «Pfötchen» an, das sind die runden, flächigen Handschuhe, mit denen Boxtrainer die Schläge ihrer Schüler steuern und auffangen. Er sagt mir die Kombinationen an, ich schlage sie: links-rechts-linker Haken. Links-rechtsAufwärtshaken. Links-rechts-­linker Haken. Links-rechts-links-rechts, und noch einmal: links-rechts-links-rechts. Ein bisschen schneller muss das schon gehen, findet Ole. Ich finde gar nichts, weil ich mit Luftkriegen beschäftigt bin. Als ich die Arme kaum mehr heben kann, schlägt Ole lachend mit den Pfötchen auf meine Handschuhe. Dann hat er endlich Erbarmen und knöpft sich einen anderen Schüler vor. Ich klammere mich an meinen Sandsack und keuche wie ein Hund. Wie soll ich morgen den Kampf überstehen, wenn ich schon nach fünf Minuten Einzel­training blau bin? Ich blicke mich im Trainingskeller um: ein Dutzend Schachboxer, zwei davon weiblich, die meisten um die zehn Jahre jünger, alle fitter als ich.

Jetzt wackelt der König

REGENERATION.

Nach dem Kampf heisst es durch­ atmen. Sechs Runden Schach­ boxen ermüden Beine und Gehirn.

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Trotz meiner Erschöpfung ist das Schachbrett jetzt meine Oase. Solange ich noch sitzen kann, kann ich auch diese Partie gewinnen. In der letzten Boxrunde bin ich zu Boden gegangen, aber mein Kopf funktioniert noch einwandfrei. Oder sagen wir: Er funktioniert noch gut genug, um einem Spieler von Josefs Kaliber am Brett keine Chance zu lassen. Denn Josef macht jetzt Fehler, lässt Bauern stehen, während meine Figuren seinen König umkreisen.­Wird das nicht jetzt schon Matt? Josef denkt. Es gibt nur einen einzigen Zug, mit dem er das Unvermeidliche noch hinauszögern kann. Er muss seinen Springer opfern. Shit, er hat es gesehen! Sein König rennt vor meiner Dame davon, ich schlage das schwarze Ross mit Schach. Das Opfer wird ihn nicht retten, aber es verschafft ihm ein paar Züge Galgenfrist. Dong, dong, dong. THE RED BULLETIN


Ein Lächeln, selig und doch leicht gequält: Einander im Ring wie am Brett sportlich fair zu bekämpfen kann – wie man hier bei Josef und Anatol sieht – auch zusammenschweissen.

«Schach ist Krieg»: Dieser Satz stammt vom US-Amerikaner Bobby Fischer. In den 70er-Jahren durchbrach er die sowje­ tische Dominanz und wurde mitten im Kalten Krieg Schachweltmeister. In Interviews erzählte er gerne, dass es ihm am meisten Spass mache, das Ego seines Gegners zu zerbrechen. Fischer wollte nicht einfach nur gewinnen, sondern seine Kontrahenten vernichten. ­Schachboxen hätte Bobby wahrscheinlich gefallen. Aber wer sind die Leute, die diesen Sport hier in Berlin lernen wollen? Einige sind Boxer, die Schach als intellektueller Ausgleich interessiert. Aber es gibt auch den umgekehrten Fall, vor allem, seit die Netflix-Serie «The Queen’s Gambit» einen Schach-Boom aus­gelöst hat. Schachgrossmeister sind allerdings nur schwer in den Ring zu bekommen: Sie lassen sich ungern auf den Kopf schlagen, weil der nun mal ihr ­Kapital ist. In der Umkleidekabine der FranzMett-Sporthalle, die der eines Schulturn­ saals gleicht, zieht sich Mustafa, dunkler Teint, dunkle Haare, Ende zwanzig, nach dem Training die Socken an und erzählt mir, dass er in der Türkei ein erfolgreicher Jugendschachspieler war. Vor kurzem ist er nach Berlin gezogen und hat hier durch Zufall vom Schach­ boxen erfahren. Jetzt kommt er mehrmals in der Woche zum Training, denn er hat ein ehrgeiziges Ziel: In drei Jahren will er mit den Fäusten so kompetent sein, dass er seinen ersten echten Schach­ boxkampf bestreiten kann. Dass ich nach THE RED BULLETIN

«SCHACH­GROSS­ MEISTER LASSEN SICH NUR UNGERN AUF DEN KOPF SCHLAGEN.» genau einer Stunde Boxtraining morgen selbst in den Ring steige, verrate ich ihm jetzt lieber nicht.

Nichts geht mehr

Im Schach kann man aufgeben, im Boxen auch? Ich weiss, dass Josef mich jetzt umhauen muss, und er auch. Mir fehlt die Kraft, um noch lange dagegenzuhalten. Vier, fünf Treffer in meine Doppeldeckung nehme ich noch, aber einmal muss es ­genug sein. Ein weiterer rechter Haken an meine Schläfe lässt mich zur Seite stolpern. Als meine Beine nachgeben, empfinde ich Erleichterung. Josef will mir noch einmal aufhelfen. Ich schüttle den Kopf, spucke den Mundschutz aus, der mir die Luft nimmt: Nichts geht mehr. Technischer K. o. in Runde 6. Ich habe meinen ersten Schachboxkampf verloren. Als ich am nächsten Morgen in meinem Hotelzimmer aufwache, betaste ich erst einmal meinen Körper vor dem Badezimmerspiegel. Ein blauer Fleck an der Rippe, dort, wo Josefs Körperhaken mich getroffen hat, ist die einzige sichtbare

Schramme. Ein bisschen durch die Mangel gedreht fühle ich mich schon. Aber das könnte auch an meiner nächtlichen Überlebensfeier in den Berliner Kneipen liegen. Wie es mir heute gehen würde, wenn mein Gegner mit voller Kampfhärte zugeschlagen hätte, will ich mir lieber nicht vorstellen. Beim Frühstück in einem Studentencafé am Alexanderplatz lasse ich noch mal Revue passieren, was ich im Ring erlebt habe. Schach und Boxen passen zu­sammen, weil man in beiden Sportarten schweigen muss – so ähnlich hat Josef mir das gestern nach dem Kampf erklärt. Nach sechs Runden Schachboxen bin ich von der Wahlverwandtschaft der beiden­ Disziplinen nicht restlos überzeugt. Egal wie ernst man es nimmt: Schach ist und bleibt ein Spiel, man braucht Musse dafür. Boxen ist etwas ganz anderes, ein Kampf ums Überleben, bei dem der Kopf zur Trefferfläche wird. Ich bin froh, diesen Kampf durchgestanden zu haben, aber ich muss ihn nicht unbedingt wieder­ holen. Ich packe mein Taschenschach aus und baue aus dem Gedächtnis, das zum Glück noch intakt ist, die gestrige Schlussposition auf. Verdammt. Nur vier Züge noch, dann hätte ich ihn mattgesetzt. Info: chessboxingberlin.de DIE SCHACHPARTIE ZUM NACHSPIELEN Weiss: Anatol Vitouch, Schwarz: Josef Galert 1. c4 e5 2. Sc3 Lc5 3. Sf3 d6 4. g3 Se7 5. Lg2 0–0 6. 0–0 c6 7. e3 Lg4 8. h3 Lh5 9. g4 Lg6 10. d4 e×d4 11. e×d4 Lb4 12. Lg5 f6 13. Lf4 L×c3 14. b×c3 d5 15. Db3. Ende Runde eins. 15. … Lf7 16. D×b7 Sd7 17. Ld6 Te8 18. Tfe1 Kf8 19. Sh4 g6 20. c×d5 c×d5 21. L×d5 L×d5. Ende Runde drei. 22. D×d5 Sb6 23. De6 Sc8 24. D×f6† Kg8 25. Le5 Sf5 26. Dh8† Kf7 27. D×h7† Ke6 28. g×f5†. Ende Runde fünf.

8 7 6 5 4 3 2 1 A

B

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D

E

F

G

H

Die Schlussstellung, nachdem unser Autor im Boxen aufgab. Gerade hatte er als weisser Spieler das schwarze Rössel auf f5 verspeist, sein Bauer bietet Schach. Hier hätte Anatol in vier Zügen durch Schachmatt gewonnen.

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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

ATEMLOS IN DAVOS

DAVOS KLOSTERS BERGBAHNEN AG

Lauf-Weltmeisterin Judith Wyder nimmt uns mit auf ihre drei Lieblingstrails.

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GUIDE Reisen

«Als Belohnung für die anfangs wirklich steilen 600 Höhenmeter winkt ein Blick auf den Davoser See.» Judith Wyder, 33, Weltmeisterin im Orientierungslauf, erzählt hier in eigenen Worten von ihrem Lieblings-Laufgebiet.

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eine halbe Stunde. Der W ­ eiterweg über die Kuppen der F ­ lüela-Gruppe ist mar­ kiert und technisch nicht sehr schwierig – aber lang. Er endet schliesslich fast ­direkt am Pischahorn auf 2 980 Metern.

Teste dein Alpin-Know-how Die Belohnung für die anfangs wirklich sehr steilen 600 Höhenmeter dieser Stre­ cke ist der Blick hinunter auf den Davoser See, die Weissfluh (2 843 m) und hinüber zur Strela-Alp. Über den Bergrücken kann man eine knappe Stunde ins Tal Richtung Klosters weiterlaufen.

Auf das Pischahorn selbst führt keine Bergbahn, du solltest also schon vorab dein alpines Know-how abwägen: Wie ­bewege ich mich sicher auf felsigem ­Terrain? Bin ich in der Lage, das in dieser Höhenlage rasch wechselnde Wetter ­richtig einzuschätzen? Das sind Fragen, mit denen du dich beschäftigen solltest, bevor du losläufst. Da es hier oben wenige Bäche hat, ­solltest du genügend zum Trinken mit­ nehmen, zumindest einen bis anderthalb Liter Flüssigkeit. Ich habe auch immer Energieriegel dabei. Zum Material: THE RED BULLETIN

SIMON SCHREYER

Sommertraining über Davos: Judith Wyder und ihr Mann Gabriel auf dem Jakobshorn

DAVOS KLOSTERS BERGBAHNEN AG

avos bietet allen etwas: Einer­ seits ist da die mondäne Stadt, andererseits aber ist die Natur extrem nah: Du tauchst in sie ein, indem du direkt vom Zentrum aus in die maleri­ sche Bergwelt losziehst – oder auch per Gondel als «Starthilfe», um steile Höhen­ meter zu sparen. Auf beide Arten erschliesst sich gerade uns Bergläufern eine grosse Auswahl an Routen, die woanders, wo es keine so gut ausgebaute Infrastruktur gibt, ­ungleich schwerer erreichbar sind. In ­Davos Klosters bringen dich die Berg­ bahnen sehr schnell hinauf auf die Ridges der Bündner Berge. Die Natur dort oben bietet grossartige Aussichten und viel Abwechslung zwischen offenen Grünflächen und schattigen Waldwegen. Mein erster Tipp für gut trainierte Trailrunner ist eine Route, die von ihrer Distanz her in etwa drei bis vier Stunden mach­bar ist. Sie nimmt ihren Anfang in Davos auf 1 560 Meter Seehöhe und führt auf direktem Weg aufs Seehorn, einen 2 238 Meter hohen Aussichtsberg. Bis hierher brauche ich, zügig gelaufen,


Zürich Bern Davos

Schweiz

KANTON GRAUBÜNDEN

Anreise Mit dem Auto: Von Zürich über die A3/A13 in Richtung Chur. Ab Landquart auf der Kantons­ strasse 28 weiter bis Davos. Die Gemeinden Davos und Klosters verfügen über ein umfang­ reiches Orts­busnetz. Vans und Campingbusse können gegen eine Stundengebühr von CHF 1 beim See parkieren. In Davos stehen ­verschiedene Stromtankstellen bereit. Mit der Bahn: Von Zürich gelangt man in 2 Stunden und 20 Minuten via Landquart nach Davos, von Genf in 5 Stunden und 20 Minuten.

Bei den Mountain Hotels (Bild: Hotel Strela) ist das Bergbahnticket im Package dabei.

Gut zu wissen Es lohnt sich, in einem der Mountain Hotels, etwa dem Hotel Strela (im Bild), zu übernach­ ten. Das Ticket für die Bergbahnen gibt’s im Package inklusive. Wer die Pracht der Bündner Berge geniessen will, dem sei der Weissfluh­ gipfel auf Parsenn empfohlen. Von dort star­ ten auch einige Trails für Läufer oder Biker.

Davos ist ein Magnet für Mountainbiker: Ein Bike Shuttle verkehrt jeden Freitag beim TGIF (Thank God it’s Friday) Run zum Flüelapass. THE RED BULLETIN

Das Wander- und Trailrunning-Package (ab CHF 74) beinhaltet Übernachtungen, ­Bergbahntickets für die Region, kostenlose Benutzung der Ortsbusse, Wanderkarten, die Davos Klosters Premium Card und mehr. Am Davoser See lässt es sich ausserdem hervorragend wakeboarden und windsurfen. Mehr Infos: davosklostersmountains.ch Instagram: @davosklostersmountains

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GUIDE Reisen

Ich empfehle Trailrunning-Schuhe mit gutem Profil, vor allem im Frühling oder Herbst, wenn es auf den Steinen oder im feuchten Gras rutschig ist. Es ist ­immer von Vorteil, ein zweites T-Shirt und eine Windjacke dabeizuhaben. ­Ausserdem sind Trailrunning-Stöcke von Nutzen, besonders in den steilen Passagen dieser Strecke.

Der richtige Flow Tipp 2: Ein weniger fordernder und sehr flowiger Trail hat seinen Ausgangspunkt in Teufi im Dischmatal, etwa vier Kilometer von Davos entfernt. Zu Beginn ein etwas langweiliger Kiesweg, gewinnt die Strecke ab der Mitte an Reiz. Hast du einmal die Tällifurgga erreicht, folgst du der aussichtsreichen Ridge bis aufs Jakobshorn (2 590 m). Auf diesem Grat hat übrigens letztes Jahr der Trailrunning-Wettbewerb Red Bull Ridges stattgefunden – nur in die andere Richtung. Vom Jakobshorn kann man entweder die Bergbahn ins Tal nehmen, oder man läuft die 76

«Ich laufe am liebsten morgens los, weil da das Licht am schönsten ist.» Lauf-Weltmeisterin Judith Wyder

5,2 Kilometer lange Strecke des 1k Vertical Run zurück nach Davos. Dieser Trail, nur bergauf, ist auch gleich mein Tipp 3: Er ist die kürzeste der drei Routen und führt direkt vom Restaurant Bolgenplaza in Davos auf die Jschalp und über einen schmalen Pfad bis aufs Jakobshorn. Achtung auf Biker! Der 1k Vertical Run ist der einzige meiner vorgeschlagenen Trails, auf dem du auch Bikern begegnen kannst. Die Strecke ist technisch einfach, und weil sie tausend ­Höhenmeter überwindet, bietet sie auch eine gute Vergleichsmöglichkeit und gibt dir Auskunft über deine Kon­ dition und Tagesverfassung. Ich persönlich laufe am liebsten morgens los, weil da das Licht am schönsten ist. Wenn du lieber später unterwegs bist, solltest du zur Talfahrt spätestens um 16.30 Uhr bei der je­ weiligen Station sein oder eine Stirnlampe mithaben. Mehr über Judith: indurance.ch, Instagram @judithwyder, redbull.com THE RED BULLETIN

DAVOS KLOSTERS BERGBAHNEN AG, ROMINA AMATO FOR WINGS FOR LIFE WORLD RUN

Unterwegs auf dem Jatzhorn: Judith Wyder läuft mit ihrem Mann Gabriel der Sonne entgegen.


fungolf.ch

Golf spielen ohne Vorkenntnisse.

Spielen, feiern, Spass haben mit Freunden. great fun!


GUIDE Biohacking EFFEKTIVER ARBEITEN

Die Kappe zur Konzentration Profi-Biohacker Andreas Breitfeld verrät uns jeden Monat einen Trick, der dein Leben verbessert. Dieses Mal: wie du Aufgaben durch die passende Kopfbedeckung besser erledigst.

Die Kappe wirkt wie ein niedriger Raum: das Sichtfeld ist begrenzt, der Fokus liegt auf der Aufgabe am Bildschirm, in ­diesem Fall der Excel-Tabelle.

Raumhöhe

Wahrnehmung

Arbeitsart

hoch

freiheitsorientiert

kreativ

niedrig

eingegrenzt

detailliert

Kreativität braucht Luft nach oben

Leider ist das Warum in dem Fall noch nicht ganz geklärt, aber wir wissen aus der «Cathedral Study» definitiv, dass sich die Deckenhöhe auf die Gehirnaktivität auswirkt. Wie der Name vermuten lässt, haben den Effekt vermutlich zunächst die Architekten der Gotteshäuser entdeckt. So wird bei einer niedrigen Decke detailliertes Arbeiten (oder ein inneres Gebet) 78

BIOHACKING umfasst, vereinfacht gesagt, alles, was Menschen eigenverantwortlich tun können, um Gesundheit, Lebensqualität und Langlebigkeit zu verbessern.

DIE BIOHACKING-PRAXIS Der Performance-Lifestyle-Podast für alle, die mehr über Biohacking (und sich selbst) erfahren wollen. QR-Code scannen und reinhören. THE RED BULLETIN

SASCHA BIERL

ANDREAS BREITFELD, 49, ist Deutschlands bekanntester Bio­hacker. Er forscht in seinem speziellen Lab in München.

ANDREAS BREITFELD

Wieso mache ich das?

gefördert, während eine hohe Decke oder Arbeiten im Freien kreative Prozesse (bzw. Gedanken an Gott) befeuert. Grund für die Wirkung des Caps dürfte das eingeschränkte Sichtfeld sein, das im Gegenzug den Blick auf Details schärft – und bei Fokus auf Zahlen und Tabellen das sogenannte Mathe-Zentrum in der äusseren Hirnrinde aktiviert. Unbewusst scheint der Effekt schon länger im Büro angekommen zu sein. Wer erinnert sich nicht an die typische Comic-Darstellung von Buchhalter oder Kassier mit Ärmelschoner und Visor …

PRIVAT

A

rbeit am Computer ist zentraler Teil vieler Berufe, und auch ich ­verbringe einen Grossteil meines Tages vor dem Rechner. Jedoch ist der Rechner nicht immer am selben Platz, sondern wird je nach Aufgabe umgestellt. Wenn das nicht geht, setze ich ab und zu eine Baseballkappe auf, gerade wenn es um Verwaltungskram geht.

Wer Gedanken schweifen lassen möchte, sollte ihnen Raum(-höhe) geben. Wer hingegen trockene Excel-Tabellen bearbeiten muss: Die gelingen besser bei tiefer Decke.


GUIDE Playlist

FONTAINES D. C.

«Damon Albarn ist der Grösste» Auch wenn er sonst ziemlich zornig ist – mit seinen Lieblingssongs hebt Carlos O’Connell, Gitarrist der irischen Post-Punk-Band, unsere Laune.

WUNDERHORSE

KENDRICK LAMAR

BLUR

TODAY (1993)

TEAL (2021)

HUMBLE (2017)

OUT OF TIME (2003)

«Als Teenager stand ich extrem auf Grunge. Extrem! Einfach so als Lärm. Dann entdeckte ich die Smashing Pumpkins mit ihrer unglaublichen Empfindsamkeit: Die sind gleichzeitig sanft und total böse, es gibt meines Wissens keine andere Band, die das kann. ‹Today› ist einer der schönsten Songs, die ich je gehört habe. Besonders toll sind die Gitarren.»

«Wunderhorse, auch bekannt als Jacob Slater, war früher in der Rockband Dead Pretties. Das Tolle an ihm ist, dass er wieder richtige Songs schreibt. Das hat mir gefehlt. Viele neue Bands der letzten Jahre achten zu wenig auf Gesang, Melodie und Harmonie. Diese formelhaft-steife Musik mit Sprechgesang da­rüber habe ich total satt.»

«Dieser dritte Song in meiner Auswahl geht ein bisschen in eine andere Richtung. Mit der Single ‹Humble› vom supererfolgreichen Album ‹DAMN› hat Lamar drei Grammys gewonnen. Ich finde den Song einfach perfekt ausgeführt. Er ist stark, furchtlos und punktet mit Groove und Attitude. Ehrlich gesagt kann ich den nicht oft genug hören.»

«Damon Albarn von Blur ist einer der grössten lebenden Songwriter, wie diese Nummer perfekt zeigt. Am besten gefällt mir daran das östlich klingende Gitarrensolo. Vielleicht ist es gar keine Gitarre, sondern eine Sitar? Aber das Zusammenspiel zwischen diesem Sound und der konventionellen Musik im Stil der Neunzigerjahre ist wunderschön.»

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MARCEL ANDERS

THE SMASHING PUMPKINS

FILMAWI

Der QR-Code führt dich zu unserer Spotify-Playlist mit Fontaines D.C. fontainesdc.com

Als Fontaines D. C. dieses Jahr im April ihr drittes Album, «Skinty Fia», herausbrachten, wurde es als ihr bisher wütendstes bezeichnet. Nach dem Erfolg von «Dogrel» 2019 und der Grammy-Nominierung für «A Hero’s Death» 2020 hatte das irische PostPunk-Quintett offenbar immer noch viel zu bemängeln. Unzufrieden mit dem Umgang der irischen Regierung mit der Covid-Krise und enttäuscht von der skandalumwitterten katholischen Kirche zogen die fünf nach London, um festzustellen, dass es dort um nichts besser war. Aber es ist nicht alles ­düster im Leben von Fontaines D. C.: ­Gitarrist Carlos O’Connell (im Bild der Zweite von links) macht uns mit vier erbaulichen Songs seiner Plattensammlung bekannt.


Donnerstag 25. August 2022

Kunz Lo & Leduc Megawatt Les Touristes Festgelände ESAF Pratteln im Baselbiet, Festplatz West 16.00 Uhr Türöffnung, 17.45 Uhr Konzerte Side-Event zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest Pratteln im Baselbiet, 26. - 28. 8. 2022 Weitere Informationen: esaf2022.ch/esaf-open-air/ Tickets über


GUIDE Lesestoff

MYSTERY-THRILLER

Hasenjagd Sie wollen nur spielen: «Rabbits»-Autor Terry Miles macht aus einem Underground-Game einen Thriller mit Suchtpotenzial.

M

enschen, die sich kopfüber in den Treibsand von Verschwörungs­ theorien stürzen, ihre Um­ gebung fieberhaft nach ver­ borgenen Mustern abscannen und aus jedem Rülpser eine geheime Botschaft heraus­ hören, lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Aluhut oder Narren­kappe. Sie sind entweder ein dringender Fall für den Psycho­doktor, oder sie sind Alternate-­

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Reality-Game-(ARG-)Spieler – wobei das eine das andere nicht ausschliesst. Denn der besondere Nervenkitzel von ARGs liegt paradoxerweise im sogenannten «This Is Not A Game»-Konzept. Offen­ bar macht die ­crossmediale Schnitzeljagd durch die Grau­ zonen zwischen fiktiven Er­ eignissen und realen Erlebnis­ sen erst dann richtig Spass, wenn man sie ernst nimmt. Das Spiel wird so Teil deines Lebens. Oder, wenn du Pech

hast, wird dein Leben Teil des Spiels … In diesem Dorado für Para­ noia jeglicher Geschmacks­ richtung schürft auch der ­kanadische Filmemacher, Pro­ duzent und Autor Terry Miles, der bisher vor allem mit sei­ nen gefeierten Mystery-Pod­ cast-Serien für Follower und Furore sorgte. Eine davon heisst «Rabbits», laut Miles «ein Name für ein namenloses Spiel, das angeblich exis­ tiert». Unter demselben Titel THE RED BULLETIN

VINZ SCHWARZBAUER

Text JAKOB HÜBNER


«Rabbits», Klappentext-Intro: «Es ist ein normaler Arbeitstag. Du siehst auf die Uhr: 4.44. Du checkst deine Mails, und 44 ungelesene Nachrichten ­warten auf dich. Schockiert realisierst du, dass heute der ­ 4. April ist – der 4. 4. Und als du in dein Auto steigst, um nach Hause zu fahren, zeigt der Kilometerzähler 44.444 km an. Zufall? Oder hast du gerade Rabbits für dich entdeckt?

ver­öffentlichte Miles 2019 auch seinen ersten Roman – allerdings nicht als Zweitver­ wertung des erfolgreichen Podcasts, sondern als eigen­ ständiges Spin-off aus dem gleichen, in Seattle angesie­ delten Mystery-Game-Setting – und auch dieser schlug in der Community asteroiden­ haft ein. Auf Deutsch erschien «Rabbits. Spiel um dein ­Leben» im März 2022. An dieser Stelle eine kleine Warnung: Wer die eingangs erwähnten Symptome aus erster Hand kennt, sollte sich besser zweimal überlegen, dieses Buch aufzuschlagen. Denn Terry Miles arbeitet hier ohne reflexive Distanz oder ­lineare Strukturen und pflanzt den Leser direkt in das chro­ nisch überhitzte Gehirn seines Ich-Erzählers K – der natür­ lich ein obsessiver «Rabbits»Spieler ist. «Ich heisse K. Nur ein Buchstabe. Ich sage euch jetzt zweierlei. Erstens: K ist eine Abkürzung. Zweitens: Ihr werdet nicht erfahren, wofür.» K ist ein hochintelligenter Nerd mit einer genialen Be­ gabung für Mustererkennung. Die treibt ihn zwar regelmäs­ sig an den Rand des Wahn­ sinns, macht ihn andererseits aber zum nahezu perfekten «Rab­bits»-Spieler. Denn bei «Rabbits» dreht sich alles um das Aufspüren und Deuten von Diskrepanzen und Ko­inzi­ den­zen – also Abweichungen im Realitätsgefüge und kumu­ lierte Zufälle, die sich überall und jederzeit in der r­ ealen oder virtuellen Welt mani­ THE RED BULLETIN

festieren können. Überschau­ barer hingegen sind die Re­ geln. Es gibt nämlich nur eine: Die Spielenden dürfen nicht über «Rabbits» sprechen. Wer ­gegen diese Regel verstösst, schwebt in Lebensgefahr. Dass es sich dabei keines­ wegs um einen morbiden Marketing-Gag handelt, däm­ mert K spätestens, als ihn nach einem konspirativen Treffen der legendäre «Rab­ bits»-Gewinner Scarpio davor warnt, dass «mit dem Spiel ­etwas nicht stimmt» – und er am nächsten Tag spurlos ver­ schwunden ist. Was K und sei­ ne beiden Mitstreiter Chloe (Ks beste Freundin und ein bisschen mehr) und Baron (IT-­Genie und vorzugsweise stoned wie eine Felswand) freilich nicht davon abhält, nur noch tiefer in das geheim­ nisvolle Labyrinth des Spiels vorzudringen – ohne zu ah­ nen, dass gerade die gefähr­ lichste «Rabbits»-Runde aller Zeiten begonnen hat …

TERRY MILES «RABBITS. Spiel um dein Leben» Deutsch von Kai Andersen Penguin Verlag

BUCHTIPPS

Kopfkino mit Promis Vier weltbekannte Filmstars, die auch als Buchautoren gute Figur machen.

TOM HANKS Als einer der erfolgreichsten Charakterdarsteller Hollywoods hat der zweifache ­Oscarpreisträger offensichtlich auch literarisch ein feines Gespür für «Schräge Typen» entwickelt. Sein gleichnamiger Story-Sammelband aus dem Jahre 2019 ist ein nos­ talgischer Streifzug durch den American Dream, in dem auch die Ironie des Schicksals stets ein Wörtchen ­mitzureden hat. «Schräge Typen» Piper

CARA DELEVINGNE Die 29-jährige Britin, die den heiklen Sprung vom Laufsteg auf die Leinwand mit be­ wundernswerter Bravour ­schaffte, gibt sich auch in ­ihrem ­Debütroman keine Blösse. Eine ebenso intensive wie rotzfreche Coming-ofAge-Story mit durchwegs überzeugenden Charakteren, die nicht zuletzt durch den gut dosierten Einsatz von Thriller-­Elementen über sich ­hinauswächst. Stark! «Mirror, Mirror» Fischer

ETHAN HAWKE Spätestens mit seinem vierten Roman, in dem sich Wut, Sex, Alkohol, Sehnsucht und Verzweiflung zu einem dramatischen Männerbild der Gegenwart verdichten, stellt Ethan Hawke klar, dass er definitiv kein Neben­erwerbs­autor ist, sondern in der literarischen Profiliga spielt. Die Art, wie der Schauspielstar hier mit seinen eigenen Dämonen tanzt, ist schlicht grossartig. «Hell strahlt die Dunkelheit» KiWi

DAVID DUCHOVNY Bekannt ist er vor allem für seine Rollen als Fox Mulder («X-Files») und Hank Moody («Californication»). Weniger bekannt ist, dass David ­Duchovny in Princeton und Yale Englische Literatur studierte, ein saucooler Hund ist und ziemlich abgefahrene ­Romane schreibt, von denen bisher zwei – «Heilige Kuh» (2016) und «Ein Papagei in Brooklyn» (2017) – auf Deutsch zu haben sind. «Heilige Kuh» Heyne

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GUIDE Tipps & Trends FUNKENFLUG HUBLOT

STRAHLKRAFT RIMOWA CABIN FLAMINGO-ROT Wer Afrika bereist hat, weiss, dass dort alles ein bisschen strahlender, einen Tick sonni­ ger ist. Tansanias Farben hat Rimowa nicht in seine Koffer gepackt, sondern sich von ­ihnen inspirieren lassen. Das Ergebnis: eine Neuerschei­ nung in Flamingo-Rot. rimowa.com

Der französische Ausnahme­ kicker Kylian Mbappé trägt eine Luxusuhr von Hublot am Handgelenk. Fotograf Ezra Petronio meinte, sein Ziel sei es, den Funken einzufangen, der jeden von uns einzigartig macht. hublot.com

120 JAHRE EXPERTISE Robustes, lang­ lebiges und leichtes Polycarbonat

Richtig gutes Zeug Kultdesign zum Fahren, Tragen und Rollen. Von der Redaktion gefunden und für einzigartig befunden.

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GUT GERÜSTET STAHLHANDSCHUHE

EZRA PETRONIO, KHM MUSEUMSVERBAND

Was einst ein Ritter war, ist heut’ ein «Iron Man». Wer Harnisch trug, so lernen wir in der Schau im Kunsthistorischen Museum in Wien, zog damit keineswegs nur ins Gefecht. Manch Edler wollte einfach modisch glänzen. Im Shop des Museums zu erstehen. khm.at

LA-LE-LU LONGINES PRIMALUNA Das Schweizer Uhrenhaus Longines steht bereits seit fast 200 Jahren für Eleganz. (Darf man bei Uhren von zeitloser Eleganz sprechen?) Hier zu sehen: das AutomatikModell PrimaLuna mit Mondphasenanzeige und einem Gehäuse aus poliertem Edelstahl. longines.com

RITTER-REPLIKAT Die Nachbildung eines Handschuhs aus Stahl

KULTDESIGN MIT ZUKUNFT RAY-BAN STORIES Zeitloser Stil trifft nun auf Future Touch: Die Smart Glasses haben zwei HD-Kameras und Lautsprecher an der Innenseite der Bügel integriert. Die Modelle Wayfarer, Meteor und Round gibt es exklusiv bei sehen!wutscher. rayban.com

ANGRIFFSLUST FERRARI 296 GTS Dieser Ferrari 296 GTS sieht so aus, als würde er jeden Moment zubeissen. Was angesichts der 830 PS des V6-Hybrid-Motors nicht verwundert. Wer Elektro pur probiert, wird feststellen, dass das Cabrio schnell an Power verliert – Reichweite: 25 Kilometer. ferrari.com

PRETTY IN PINK LANCÔMES BLÜTEN Hier, in der 500 Jahre alten «Domaine de la Rose» in der Duft-Welthauptstadt Grasse an der Côte d’Azur, lässt Lancôme Lavendel, Jasmin und Rosen auf nachhaltige Art spriessen: 33 Vogel-, 31 Schmetterlings- und 12 Fleder­mausarten geniessen hier ihr Dasein. lancome.com

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GUIDE Kalender

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bis 19. Juni ­CRANKWORX WORLD TOUR Beim Crankworx Innsbruck treffen sich die besten MTB-Fahrer und -Fahrerinnen der Welt in den Tiroler Alpen. Dort werden am 16. Juni die Wettbewerbe der Saison eröffnet, darunter die Suche nach King and Queen of Crankworx. Live auf Red Bull TV.

2 Juli RED BULL HALF COURT

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Juni COMEBACK AM ERZBERG Nach zwei Jahren Zwangspause ist das Red Bull Erzbergrodeo endlich zurück! Die Elite des Motorrad-HardEnduro-Sports versammelt sich von 18. bis 19. Juni am österreichischen Erzberg. Auch dieses Jahr werden wieder rund 1800 Teilnehmer erwartet, von denen es nur eine Handvoll ins Ziel schafft. Das Rennen gibt es am 19. Juni ab 14 Uhr live auf Red Bull TV. 86

16 2 Juli OCTOPUS GRAVEL RACE IN ANDERMATT Am 2. Juli gibt’s für Schotterradler nur ein Ziel: den Octopus ­Gravel in Andermatt. Das Streckennetz führt von einem Startpunkt auf sieben verschiedene Pässe – und wieder zurück: Wie viele Pässe pro Tag schaffst du? Alle Infos: gravelraceseries.com

Juni bis 10. Juli KINO UNTER FREIEM HIMMEL Im Innenhof des Landesmuseums Zürich (im Bild) kommen Geniesserinnen und Filmliebhaber auf ihre Kosten: Ab dem 16. Juni läuft jeden Abend ein Kinofilm, dazu gibt’s kulinarische Highlights vor historischer Kulisse. Infos und Programm unter: hofkino.ch THE RED BULLETIN

ONDREJ KOLACEK/RED BULL CONTENT POOL, BORIS BEYER/RED BULL CONTENT POOL, DANIEL GEIGER, SCHWEIZERISCHES NATIONAL MUSEUM

Am Samstag, dem 2. Juli, werden beim weltweit schnellsten Drei-gegen-drei-­ Basketball-Turnier die Schweizer Streetball Champions erkoren. Im Finale treten 16 Männer- und acht Frauenteams in der Bowl de Vidy in Lausanne an, um sich einen Platz für das World Final in Ägypten zu sichern. Doch das Red Bull Half Court ist mehr als ein Basketball-Turnier: Es ist ist ein Festival der Streetball-Kultur mit Art, Fashion, Dance und Music. Alle Infos unter: redbull.com/halfcourt


DUSCH DICH FIT

Wie du lernst, die kalte Dusche zu lieben. Mit welchen Tipps & Tricks du dein Leben verbesserst. Der Biohacking-Podcast von The Red Bulletin. Jeden Dienstag neu.

m Andrea it s Breitf eld Profi-B iohacke r und Red Bull etinKolumn ist


Endlich draussen! Die Camping-Saison 2022 ist eröffnet. Hier kommt die passende Urlaubsausrüstung für alle Outdoor-Junkies. Text JULIAN VATER

EIN SHIRT, DAS AUCH KÜHLT Modell aus Merino­ wolle, zu 100 % biokompostierbar

SOMMERWOLLE ALS KLIMAANLAGE DEVOLD NORANG MERINO SHIRT Das Shirt aus 100 Prozent feiner, reiner ­Merinowolle überzeugt mit den klima­ regulierenden Eigenschaften des Materials – es kühlt und absorbiert Feuchtigkeit. Das Teil der norwegischen Marke Devold gibt es wahlweise mit kurzen oder ­langen Ärmeln. Ca. 90 CHF; devold.com

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GUIDE Outdoor Gear

FEST IM SATTEL

ÜBER ALLE BERGE

NIE WIEDER LADEN!

NORRØNA FJØRÅ FLEX1 SHORTS

SALEWA MOUNTAIN TRAINER 2 MID

GARMIN INSTINCT 2 SOLAR

Die Damenshorts «fjørå flex1» bieten ­Be­wegungsfreiheit und sind an Knien und ­Gesäss verstärkt. Ausserdem wurde die Hose mit recycelten Materialien verbessert. ­Gegen einen kalten Rücken beim Hinunter­ sausen von den Bergen hat der Hersteller auch noch einen höheren Hosenbund ein­ gearbeitet. Ca. 170 CHF; norrona.com

Das Wichtigste für ein Abenteuer in den Bergen? Ein verlässlicher Schuh – wie der Mountain Trainer von Salewa. Robust und leicht, ausgestattet mit GoreTex-Performance-Comfort-Wetterschutz und einer ­Vibram-Sohle. Diese Kombi macht den Mountain Trainer zum beliebtesten Schuh von Salewa. Ca. 260 CHF; salewa.com

Diese Uhr ist ein Dauerbrenner. Die solar­ betriebene Instinct 2 Solar hat im Smartwatch-Modus unbegrenzte Akkulaufzeit. Wer modisch – also farblich – m ­ itmischen will, kann zwischen einer Vielzahl an Armbändern wechseln. Optisch an­sprechend und multifunktional: die Uhr, die niemals schläft. Ca. 450 CHF; garmin.com

KOFFEIN-KICK TO GO

Fahrrad fürs Handgepäck QiO EINS P-5

Am Campingplatz aufwachen und schnell mal zum Bäcker gehen kann vielerorts eine echte Herausforderung sein. Um solche Wege komfortabler zu erledigen, ist das EINS P-5 von QiO genau richtig. Ein verblüffend vielfältiges E-Kompaktrad, das bequem in jeden Campingbus passt. Ca. 4 000 CHF; qio-bikes.com THE RED BULLETIN

MAKITA AKKU-KAFFEEMASCHINE Ob auf einem Festival, beim Campen am See oder im Boot irgendwo am Meer – die Makita Reisekaffee­maschine macht immer und überall frischen Kaffee. Auch mit handelsüblichen Kaffeepads läuft dieser praktische Reisebegleiter perfekt. Messlöffel und Edelstahlhäferl sind ebenfalls serienmässig. Ca. 90 CHF; makita.at

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GUIDE Outdoor Gear

ALLESKÖNNER

WIE GESTOCHEN

DAS ABENTEUER RUFT

SUUNTO 9 PEAK

INDIANA 12'6 TOURING LTD INFLATABLE

HYMER GRAND CANYON S CROSSOVER

Laut Eigendefinition die leichteste und dünnste GPS-Uhr, die Suunto je gebaut hat. Das quasi unkaputtbare Titangehäuse hält auch die härtere Gangart aus. Zudem überzeugt die 9 Peak mit einer Vielzahl an Features zum Laufen, Schwimmen und Radfahren. Und ob ihrer Eleganz kannst du sie auch im Alltag tragen. Ca. 600 CHF; suunto.com

Einzigartiges Stand-up-Paddle-Board ­ge­fällig? Die diesjährige Limited Edition, von der es nur 50 Stück gibt, wurde von ­einem Tattoo-Artist entworfen. Die Motive sollen die Verbindung zwischen Mensch und Natur versinnbildlichen. Ein schnelles High-­ Performance-Board für geübte Paddler. Ca. 1 300 CHF; indiana-paddlesurf.com

Der perfekte Begleiter für den Trip ins Blaue. Zehn Tage kann man mit dem Grand Canyon S CrossOver autark verreisen. Dank Solar­anlage und umfangreicher Serienausstattung regiert die Freiheit. Mit Allradantrieb, Höherlegung und Geländebereifung sind dem Abenteuer (fast) keine Grenzen gesetzt. Ca. 121.600 CHF; hymer.com

Premiere einer Ikone VW ID. Buzz

Der Bulli ist zurück: und zwar vollelek­trisch. Ein multifunktionaler Transporter mit bis zu 500 Kilometer Reichweite, der sowohl als Familienkutsche wie auch als Liefer­wagen bella figura macht. Der Vorverkauf für den neuen VW ID. Buzz startet in der Schweiz voraussichtlich im Juli 2022; vw-nutzfahrzeuge.ch

DES CAMPERS THRON SNOWLINE PENDER WIDE Ein Sessel, der in keinem Kofferraum fehlen darf. Dank der «shock cord»-Technologie ist er binnen Sekunden auf- und abgebaut. In den Stuhlbeinen verläuft eine elastische Schnur, die alle Elemente auf Knopfdruck zusammenzieht. Ausserdem ist der Pender Wide nur 1,56 Kilo schwer und ganz easy zu verstauen. Ca. 140 CHF; kochalpin.at

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B O U L E VARD DER HEL DEN

GARRINCHA

DIE FREUDE DES VOLKES Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die aussergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 11: Glück und tragisches Ende des brasilianischen Kickers Garrincha.

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MICHAEL KÖHLMEIER BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT PICTUREDESK.COM (2), GETTY IMAGES (2)

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er sich für die Ästhetik des spiele deshalb so gut, dribble deshalb alle ­Fussballs begeistern kann, der seine Gegner aus, weil er zwei linke Beine sollte auf YouTube eingeben: habe. Ausserdem sei das eine Bein um sechs Garrincha Best Skills & Dribbles Zenti­meter kürzer als das andere. Er erzählEver. Das sind alte Schwarzte das mit einer solchen Begeisterung, dass Weiss-Aufnahmen aus den Jahren 1958 bis mir der Zustand von Garrinchas Beinen 1962. Vielleicht ist es ja wahr, was meine nicht als eine Behinderung erschien, sondern als ein Vorteil, ja sogar als ein Trick. Söhne sagen, dass auch der glorreichste­ MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger Ich dachte, das hat dieser überragende Fussball der glorreichsten brasilianischen Bestsellerautor gilt Sportler sich antrainiert. Aber wie? Oder Mannschaften aus jener Zeit im Vergleich als bester Erzähler die Natur hatte ihn schlichtweg bevorzugt, zu heute ein bisschen aussieht wie ein deutscher Zunge. wie sie es bei Genies eben tut. Match in einer Regionalliga; aber das beZuletzt erschienen: trifft nur die Geschwindigkeit des gesamten Ich diskutierte die Sache mit meinem der Roman «Matou», Spiels und nicht die Virtuosität der einzelFreund. Der meinte, zwei linke Beine, das 960 Seiten, nen Spieler. Hanser Verlag. könne nur bedeuten, dass beim linken Bein Pelé bleibt in seiner athletischen Eleganz der grosse Zeh wie bei jedem Menschen unerreicht, Nílton Santos bewies in seiner besten Zeit innen, beim rechten Bein aber aussen sei. Wenn Garrincha sich Schuhe kaufe, müssten es immer zwei Paar eine spielerische Intelligenz, wie wir sie später nur sein, damit er zwei linke bekomme. Das würde bestäti­ noch bei Franz Beckenbauer oder Zinédine Zidane gen, was mein Onkel mir noch erzählt hatte, nämlich ­erleben durften, Edvaldo Izídio Neto, genannt Vavá, dass Garrincha ein O-Bein und ein X-Bein habe. Wir war als Torjäger unaufhaltsam und in seiner Art zu versuchten diese Stellung der Beine nachzuahmen, spielen ohne Schnörkel und Tanz ein Asket, sozusagen ­natürlich in der Hoffnung, uns dadurch dem Genie der ­Samuel Beckett des Fussballs. Lobgesänge liessen ­anzunähern. Die Folge war, dass wir auf dem Platz sich auch auf Valdir Pereira, genannt Didi, anstimmen ­herumhumpelten und unser Trainer drohte, er werde oder auf Amarildo, Zagallo und Zito. Sie und ihre uns aus der Mannschaft werfen, wenn wir weiter so Spielerkollegen waren die Helden der Weltmeisterschaften von 1958 in Schweden und 1962 in Chile. einen Blödsinn aufführten. Für mich der grösste Held aber ist und bleibt: Manuel arrincha – so wird ein Vögelchen aus dem brasiliFrancisco dos Santos, genannt Garrincha. anischen Urwald genannt, unscheinbar, aber sehr Mein Onkel Hans, die Verkörperung eines Sportlerlebens, in seiner Jugend selbst aktiv als Leichtathlet, behände. Garrincha war der Liebling der brasilia­ später Trainer und Sportfunktionär, der sie alle per­ nischen Mannschaft, der Liebling des Publikums auf sön­lich kannte, die Grössen des deutschen Fussballs der Tribüne, die «Freude des Volkes» – Alegria do Povo. seiner Zeit, als da waren: Fritz Walter, Uwe Seeler, Er wurde 1933 geboren. Wie die meisten Spieler der Aki Schmidt, Fritz Herkenrath – mein Onkel Hans erNationalmannschaft stammte er aus der Unterschicht, zählte mir, da war ich neun Jahre alt, dieser Garrincha und das hiess zu der damaligen Zeit: In einer grossen


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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

Familie war das Durchkommen aller Kinder nicht ge­ sichert. Es kam vor, dass arme Eltern eines oder zwei ihrer Kinder aussetzten, nicht nur Säuglinge, auch Kleinkinder, die bereits gehen und sprechen konnten. Diese Kinder waren oft gebrechlich oder geistig zurück­ geblieben, ihre Eltern konnten sie nicht ernähren­und glaubten nicht, dass sie eines Tages zur Ernährung der Familie würden beitragen können. Manuel – «Mané» – war so ein Kind. Sein Rück­ grat war verkrümmt. In der Favela lebte ein Mann, der war kein Arzt, wurde aber als Heiler anerkannt, als Heiliger gepriesen; der sagte, aus dem Kind könne nichts Gescheites werden, ein Krüppel, ein Bettler. Er riet der Familie, es in einer Kirche auszusetzen, dann sei wenigstens gewährleistet, dass es sich satt essen könne und vielleicht als Knecht in einem Kloster ein ruhiges Leben in Aussicht habe. Dieses Schicksal blieb dem kleinen Manuel erspart. Er war flink wie das Vögelchen und genauso fröh­ lich, sein schönster Charakterzug aber war seine Frei­ gebigkeit. Er besass nichts, aber wenn ihm jemand eine Nuss schenkte, klopfte er sie mit einem Stein aus­ einander und gab eine Hälfte seinem Freund.

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olche Geschichten wurden später, als er reich und ein internationaler Star war, erzählt. Und er war kollegial. Im Unterschied zu manch anderem­ Fussballstar erwies er sich auf dem Feld immer als Teil der Mannschaft. Auch wenn er in einem fulminanten Sololauf bis nahe zum gegnerischen Tor gekommen war, wenn er einen anderen sah, der günstiger stand, gab er ab und überliess es ihm, den Ball ins Tor zu schiessen. Dass Pelé nach der Weltmeisterschaft 1958 der hellste Stern am brasilianischen Himmel war, er­ füllte Garrincha nicht mit Neid. Jeder war der Beste – Vavá, Didi, Zagallo, Zito, Dino Sani, Moacir, Mauro Ramos, eben auch Pelé und Garrincha. Aber über Gar­ rincha hiess es, er spreche mit dem Ball und der Ball spreche mit ihm und der Ball habe ihm einmal anver­ traut, er werde am liebsten von ihm getreten, er sei sein bester Freund, er habe ihm Treue geschworen und ihm versichert, dass er immer alles tun werde, was er von ihm verlange. Auf dem Platz konnte jeder sehen, dass dies die reine Wahrheit war und nichts als die Wahrheit. Wenn Garrincha ein hoher Pass zugespielt wurde, dann sprang der Ball nicht wie bei allen anderen vom Boden auf,

Über Garrincha hiess es, er spreche mit dem Ball und der Ball spreche mit ihm. Er sei sein bester Freund.

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sodass der Spieler ihm nachlaufen und mit dem Geg­ ner um ihn raufen musste. Nein, im selben Moment, wenn der Ball vor Garrincha den Rasen berührte, stoppte er ihn mit dem rechten oder linken Fuss – er war mit beiden gleich stark –, und im selben Augen­ blick rannte er auch schon los und fädelte und hakte und dribbelte sich und seinen besten Freund durch die Phalanx der gegnerischen Abwehr, vollführte Pirouet­ ten und schoss den Ball womöglich aus einem unmög­ lichen Winkel und platzierte ihn im Kreuzeck ins Tor. Das war Zauberei, das musste Zauberei sein! Die Kin­ der lernten in der Schule Lesen und Schreiben mit sol­ chen Heldengeschichten. Sie wurden in den Zeitungen abgedruckt und den Lehrern als Lernmaterial empfoh­ len. Das Lernziel war, den Kindern Mut für ihr Leben zu geben: Schaut her, einer von ganz unten, einer, der auf allen Gebieten benachteiligt war, wurde der Grösste – auch ihr könnt es schaffen! Bei der Fussballweltmeisterschaft 1962 in Chile war Garrincha Torschützenkönig. Es war der Höhepunkt in seiner Karriere, in seinem Leben. Nach dem Endspiel in Santiago de Chile wurde ein grosses Fest gegeben. Louis Armstrong trat auf – und mit ihm Elza Soares, die berühmteste Samba-Sängerin des Landes, ein Star wie Garrincha, schöner als jede Hollywood-Diva. Noch bevor sie sich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, wurde in den Gazetten spekuliert, wie es sein würde, wenn sich die beiden ­ineinander verliebten. Seufzer wurden zum Himmel geschickt, dass es so sein möge. Ein Traumpaar wurde in die Herzen der Brasilianer fantasiert, und als end­ lich die erste Zeitung verkündete, man habe die beiden tatsächlich miteinander sprechen, die zweite Zeitung behauptete, man habe sie sich umarmen, die dritte, man habe sie sich küssen gesehen, da waren für den Jubel selbst die grössten Lettern zu klein; eine der ­Zeitungen soll auf ihrer Titelseite nur ein Wort ab­ gedruckt haben: «Sim!» – Ja!

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ie Ehe war nicht glücklich. Weil die Eheleute­ nicht glücklich waren. Und die Ursache des ­Unglücks hatte einen Namen: Alkohol. Es hiess, bereits im Alter von zehn Jahren habe Manuel ange­ fangen zu trinken – angeblich, um seine Schmerzen zu lindern. Bei einem Autounfall im Jahr 1969 starb seine Schwiegermutter, Garrincha sass am Steuer und war betrunken. Elza war verzweifelt, sie gab ihm die Schuld. Die beiden stritten sich bald nur noch. Ausser­ dem betrog er sie. Es gibt Menschen, die haben nach­ gerechnet: Manuel soll dreizehn oder fünfzehn Kinder mit fünf oder sechs Frauen gehabt haben. 1977 liess sich Elza scheiden. Ja, Garrincha war freigebig. Wenn er einmal reich gewesen war, dann war er bald wieder arm. Der brasi­ lianische Staat zahlte ihm eine kleine Leibrente, um sich für die glücklichen Stunden zu bedanken, die er seinen Bürgern einst bereitet hatte. Man sah ihn in den

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Dieser Mann hat der Welt bewiesen, dass Fussball eine Kunst ist. Eine schöne Kunst, schön wie Musik. Armenvierteln von Rio de Janeiro, manchmal spielte er mit den Buben Fussball. Der Ball war nicht aus Leder, das war eine mit Schnur zusammengebundene Kugel aus alten Kleidern. Die Buben wussten, wer er war. Sie zeigten aber nicht mit dem Finger auf ihn. Sie setzten sich zu ihm in den Schatten und gaben ihm ein Bier aus. Mit neunundvierzig Jahren, am 20. Januar 1983, starb Manuel Francisco dos Santos, genannt Garrincha. Todesursache: Leberzirrhose. Tausende kamen zu ­seinem Begräbnis. Auf seinem Grabstein steht ein­ graviert: Aqui descansa em paz aquele que foi a alegria

do povo – Mané Garrincha. Hier ruht in Frieden, der die Freude des Volkes war – Mané Garrincha. Elza Soares starb in diesem Jahr, wie Garrincha am 20. Januar, im Alter von einundneunzig Jahren. Sie war die glänzendste Interpretin des Samba, in ­Brasilien ist sie eine Ikone. Übrigens: Mein Onkel Hans hat ein Bild von Gar­ rincha aus der Zeitung ausgeschnitten, er hat es in einen schwarzen Rahmen gegeben und in seinem Wohnzimmer an die Wand gehängt. «Dieser Mann», sagte er, «hat der Welt bewiesen, dass Fussball eine Kunst ist. Eine schöne Kunst, schön wie Musik.»

Michael Köhlmeiers Geschichten gibt es auch zum Anhören im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify, auf redbulletin.com/podcast oder einfach den QR-Code scannen.

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S P E E D M A S T E R M O O N WAT C H Im Juli 1969 verdiente sich die Speedmaster ihren Spitznamen, als erste Uhr, die auf dem Mond getragen wurde. 1970 übertraf sie alle Erwartungen: Sie half dabei, die Crew der verunglückten Apollo 13 Mission sicher zurückzubringen. Als Co-Axial Master Chronometer wird die legendäre Moonwatch heute vom Eidgenössischen Institut für Metrologie (METAS) auf höchstem Niveau geprüft und zertifiziert, was noch mehr Präzision, Verlässlichkeit und höchste Widerstandsfähigkeit gegen Magnetismus gewährleistet.


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