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The Red Bulletin CD 07/21

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SCHWEIZ JULI  / AUGUST 2021 CHF 3.80

ECHT  JETZT?

Nein. Aber die Zukunft des Fussballs wird sehr anders: Bälle lernen denken, Frauen setzen die Trends, und die USA werden Weltmeister (kein Witz!) Plus: Die 11 Thesen des Fussball-Visionärs Ralf Rangnick

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E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

ALLES WIRD ANDERS DAS ECKIGE INS RUNDE

Stefan Stratil, mehrfach ausgezeichneter Illustrator, hat mit unserem Cover einen Hattrick geschafft: scharf, schön und überraschend.

Stunden trainiert ein Profigamer – pro Tag. Das heisst, sein Leben besteht aus Spiel und Schlaf. Zwölf Fakten zum E-Sports-Boom auf Seite 12.

DER SÜSSE STÜRMER-TRICK

Warum Robert ­Lewandowski Torten als Vorspeise isst, um sein Wohlbefinden zu steigern? Die Selbst­ optimierungs-Tipps der Kicker-Elite ab Seite 70.

Viel Spass mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

KICK IT LIKE ELTON!

Elton John 1974 im Dress des FC Watford. Warum der Edel-Fan heute Gucci- statt Fussball­ schuhe trägt, auf Seite 14.

GETTY IMAGES

STEFAN STRATIL (COVER), STUART PATIENCE

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Dass ein Torjäger wie Robert Lewandowski Torten schaufelt (wie in unserer Illustration rechts), ist kein Witz. Auch nicht, dass er die süsse Kalorienbombe als ersten Gang geniesst, also quasi als Anpfiff des Menüs. Er macht das aus gutem Grund (Erklärung ab Seite 70). Es ist dies eine kleine, zugegeben pointierte Veränderung in der Welt des Fussballs. Sie zeigt, welche Bedeutung heute selbst Details in einer Sportart haben, die gerade völlig umgekrempelt wird. Wir haben diesen einschneidenden Veränderungen deshalb ein ganzes Dossier ­gewidmet – ab Seite 45. Doch nicht nur die Welt des Fussballs ist im Wandel, auch in vielen anderen Sportarten stehen die Zeichen der Zeit auf Umbruch. In ­Tokio erhalten viele Athleten endlich die Würdigung, die sie längst verdienen, wie beispielsweise BMX-­A rtistin Nikita ­Ducarroz, für die das Radfahren geradezu lebens­ rettend war – ab Seite 30.

THE RED BULLETIN

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I N H A LT The Red Bulletin im Juli/August 2021

PORTFOLIO

18 M AGIE DER TIEFE

46 RANGNICKS PROGNOSEN Taktik-Pionier Ralf Rangnick über Emotionen und Big Data 50 L ANG LEBEN DIE FANS! Wie wir bald anders jubeln werden. 58 F RAUEN GEHEN VORAN Wie Idol Anja Mittag jungen Fussballerinnen den Weg zeigt. 64 A LLE GEGEN MESSI Evolution der Freistoss-Mauer 66 U SA AUF ERFOLGSKURS Angriff auf den WM-Titel mit Strategien eines Start-ups 70 B IOHACKING FÜR PROFIS Wie Stars mit Kältekammer und Co ihre Leistung optimieren. 76 D ER COMPUTER-COACH Wie Virtual Reality und Tracking das Training verändern. 80 Q UIZ: WER HAT’S GESAGT? Erling Haaland vs. Ivan Drago

30 SIE KÄMPFT SICH DURCH Wie ihr Sport Nikita Ducarroz das Leben rettete.

34 VON POPPIG BIS DÜSTER  Hannah Reid, Frontfrau von London Grammar, liebt Abwechslung.

MUSIK

34 AUS WUT WIRD KUNST Wie die London-GrammarSängerin Hannah Reid sich mit ihrer Musik Mut macht.

FECHTEN

36 KREATIVES TRAINING

Wieso Max Heinzer mit dem Degen Hockey-Pucks abwehrt.

KLETTERN

38 H OCH HINAUS

Ein Blick ins mentale Tage-­ buch von Profi Petra Klingler.

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

STEFAN STRATIL

DIE ZUKUNFT DES FUSSBALLS

BMX

58 VON SOCCERBOT BIS PODCAST  RB Leipzig Trainerin Anja Mittag denkt Frauenfussball neu.

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83 REISEN. Gleitschirmflieger Paul Guschlbauer verrät Abenteuer entlang der Route von Red Bull X-Alps. 88 T IPPS & TRENDS. Tipps, Termine und Liebhaberstücke. 90 K ALENDER. Zeit für Cliffdiving! Aktuelle Events und TV-Highlights. 92 B OULEVARD DER HELDEN. Der grösste Verzicht Marlene Dietrichs.

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE!

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14 FUNDSTÜCK 16 PHILOSOPHEN-INTERVIEW

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

VON HOCHS UND TIEFS  Petra Klingler öffnet vor dem Trip nach Tokio ihr Tagebuch.

THE RED BULLETIN

THOMAS LAISNÉ/CONTOUR, GREG FUNNEL, GIAN PAUL LOZZA, FRANCK SEGUIN

Dossier

Franck Seguin lichtet Helden der Apnoe-Taucher ab – wir zeigen seine besten Bilder.


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UNTERWASSERKÜNSTLER Die hypnotisierenden Apnoe-Bilder des Fotografen Franck Seguin

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FORTALEZA, BRASILIEN

Allein im Fun-Park

Inzwischen haben die Freibäder ja gottlob wieder offen, aber eine Zeitlang waren sie zu. Unerfreulich, aber Pedro «Pedrinho» Caldas machte das Beste draus: Der 21-jährige Brasilianer, eines der grössten WakeboardTalente der Welt, funktionierte den ver­ lassenen Beach Park von Fortaleza einen Tag lang zu seinem Spielplatz um. Nichts war vor ihm und seinem Board sicher: kein Pool, kein Geländer und auch nicht «Vaikuntudo», die 25 Meter hohe Wasserrutsche. Wer das Video der Trick-Session sieht, staunt über einen Meister der Körperbeherrschung. Für den Clip: QR-Code scannen


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MARCELO MARAGNI/RED BULL CONTENT POOL


LA BALME, FRANKREICH

DAVYDD CHONG

Einfach fallen lassen

DEAN TREML/RED BULL CONTENT POOL

Ja, diese Brücke ist hoch. 20 Meter, um genau zu sein. Und der Gedanke, da runterzuspringen, bereitet den meisten Menschen ein mulmiges Gefühl im Magen. Bei ­Rhiannan I≠land, 29, die wir hier beim eleganten Absprung sehen, war das am Anfang nicht anders: An den ersten Sprung aus dieser Höhe, sagt die Australierin, er­innerst du dich ein Leben lang. Selbst ­heute, nach vier Siegen hintereinander bei der Red Bull Cliff Diving Series, ist der ­Respekt noch immer da. «Aber mit der Zeit», so I≠land, «gewöhnt man sich dran.» Mehr Sprünge: redbullcliffdiving.com

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BOVEC, SLOWENIEN

Ballett über den Wolken Das ist die Polin Maja Kuczynska, die mit ihren 21 Jahren bereits zur Weltelite der Skydiver zählt. Sie hat sich mit ihrem Landsmann, dem KunstflugAss Łukasz Czepiela, eine himmlische Show aus­ gedacht: Red Bull Game of A.I.R. Łukasz macht mit dem Flugzeug Manöver aus dem Kunstflug­ programm vor – Loopings, Schrauben, Salti vorwärts und rückwärts, Trudeln –, Maja turnt sie im freien Fall nach. So entsteht ein Tanz zwischen Mensch und Maschine. Hier sehen wir Maja gut gelaunt vor dem Start, hoch über der Wolkendecke von Slowenien. Für das Video: QR-Code scannen


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SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL


ZAHL E N, B I TT E !

E-SPORTS-BOOM

Das Leben ist ein Spiel Vom Gamer zum Millionär? Längst normal. Die spannendsten Fakten zur E-Sports-Branche: Wie lange trainieren E-Sportler täglich? Wie reich werden sie? Wann gehen sie in Pension?

Menschen spielen hauptberuflich «­ Counter-Strike: Global Offensive», das populärste Game der E-Sports-Branche.

schauten gut 100 Millionen Menschen bei der «League of Legends»-WM zu. Um zwei Millionen mehr als beim ­Super Bowl im selben Jahr.

Millionen Franken verdiente der Däne Johan «N0tail» ­Sundstein, 27, bei 126 «Dota 2»-Turnieren – mehr als jeder andere ­E-Sportler.

fand das erste Videospiel-­ Turnier statt – an der kalifornischen Stanford-Universität. Gespielt wurde «Spacewar!». Hauptpreis: ein Jahresabo des «Rolling Stone»-Magazins.

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600

Milliarde Dollar Umsatz (ca. 910 Mio. CHF) wird die ­E-Sports-Industrie 2021 ­erwirtschaften, 14,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Fingerbewegungen pro Minute führen E-Sports-Profis bei manchen Spielen aus.

Jahre alt war der Brite Jaden «Wolfiez» Ashman, als er 2019 beim «Fortnite»-Weltcup ­Zweiter und damit jüngster E-Sports-­Millionär der Welt wurde. Sein Preisgeld: 1,14 Millionen Franken.

Stunden trainiert ein Profi-Gamer täglich. Durchschnittliches ­Pensionsantrittsalter: 25.

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30.500.000

Dollar (ca. 27,8 Mio. CHF) investierte eine Gruppe um Rapper Sean Combs 2018 in die ­E-Sports-Plattform PlayVS und löste einen PromiTrend aus: Drake, Jennifer Lopez u. a. sind heute E-Sports-Teilhaber.

685

E-Sports-Teams gibt es an britischen Unis – mehr als Fussballteams (662).

THE RED BULLETIN

CLAUDIA MEITERT

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495

Stunden Wärme geben die Handkissen ab, die E-Sportler in den Turnierpausen kneten. Sie sollen ihre Feinmotorik in den kalten Studios erhalten.

6,4

1972

Millionen Menschen sind Teil der globalen E-Sports-­ Community. 223 Millionen spielen, 272 Millionen ­schauen zu.

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GETTY IMAGES (2), F. SCOTT SCHAFER

2019

13.029


Elegance is an attitude Simon Baker

HydroConquest


F U ND ST Ü CK

Reginald Kenneth Dwight, besser be­ kannt als Elton John: Seine Karriere be­ gann ziemlich genau vor fünfzig Jahren.

So geht Rock-Star Bühnenschuhe des britischen Rockstars von Gucci für die Abschiedstour «Farewell Yellow Brick Road», 2021 Immer wenn Reginald K. Dwight, 74, in den letzten fünfzig Jahren in seine Bühnenkluft schlüpfte, ver­ wandelte er sich in den grössten Paradiesvogel des Rock ’n’ Roll: die Kunstfigur Elton John. Das wird auch bei seiner Abschiedstour nicht anders sein, die noch bis Januar 2023 läuft: Die Garderobe stammt durch­ gehend vom italienischen Luxus-Label Gucci – von den bunten Brillen bis zu den Schuhen mit Seestern. «Kleider waren immer Teil meiner Show», sagt Elton, «weil ich auf der Bühne ja immer am Klavier sitze.»

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THE RED BULLETIN

MIGNOT/NYT/REDUX/LAIF, GETTY IMAGES

ELTON JOHN


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DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W

PLATON SAGT:

«Liebe ist spontan und frei» Der verbreitete Wunsch, einen Partner zu finden, der perfekt zu einem passt, ist komplett überbewertet, ­findet der griechische Philosoph Platon – in unserem ­fiktiven Interview über Liebe und Leiden­schaft mit dem deutschen Philosophen Christoph Quarch.

the red bulletin: Eine bekannte OnlinePartnervermittlung wirbt damit, dass sich auf ihrer Plattform alle elf Minuten ein Single verliebt. Intelligente Algorithmen werten dafür die Profile der Nutzer aus und ermitteln anhand von «Matching Points», wer zu wem passt. Schon manche glückliche Ehe soll so entstanden sein. Was halten Sie davon? Platon: Hm, wenn ich Sie recht verstehe, fragen Sie danach, ob ich denke, dass man das Wirken des G ­ ottes, den wir Griechen Eros nennen, ­mathematisch errechnen kann.

Ach, wenn Sie wüssten … Aber lassen wir das. Sehen Sie: Wir Menschen sind zu keinem Zeitpunkt fertig – was auch Ihre Hirnforscher bestätigen. Wir sind keine Puzzleteile, die man zusammenlegen könnte; und wenn’s passt, dann war’s das. Nein, das Wunder des Eros ist anders: Er ist eine Kraft, die Sie dazu bringt, Ihre Potenziale zu entfalten, zu wachsen, zu reifen, neues Leben zu zeugen und ein grosser Mensch zu werden. Dauerhaft glückliche Partnerschaften sind nicht solche, bei denen die Partner g ­ enau den Wunschvorstellungen des ­anderen genügen, sondern solche, bei denen sie sich wechselseitig in ihrem Wachstum unterstützen, um gemeinsam zu erblühen.

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PLATON (428 – 348 v. Chr.) ist der wohl einflussreichste Philosoph der europäischen Kultur. Seine vollständig erhaltenen ­Dialoge offenbaren nicht nur eine hohe literarische Begabung, sondern auch die Fähigkeit, die ganze Weisheit der griechischen Antike zu einer Philosophie zusammenzufassen. Die von ihm gegründete Athener Akademie war knapp tausend Jahre lang das intellektuelle Zentrum der alten Welt.

Vielleicht, verehrter Herr Platon, haben Sie ja ­einfach noch nicht Ihre bessere Hälfte gefunden.

CHRISTOPH QUARCH, 56, ist deutscher Philosoph, Theologe, Unternehmens-Coach und Autor zahlreicher philosophischer Bücher. Zuletzt erschienen: «Platon und die Folgen».

Also ist digitale Partnervermittlung nichts für Sie? Exakt. Bei den Dingen des Eros sind Algorithmen fehl am Platz. Da hilft nur eins: sich dem Leben hingeben, Herz und Geist für das Unerwartete öffnen und sich berühren lassen. Eros ist pure Energie. Wer sich auf ihn einlässt, hat die Chance, ein wirklich lebendiger Mensch zu sein – mit allem Leid und aller Freude.

THE RED BULLETIN

DR. CHRISTOPH QUARCH

Aber wird die Chance, von Liebe – oder von mir aus: von Eros – ergriffen zu werden, nicht grösser, wenn ich dank einer digitalen Vorauswahl nur ­solche Menschen treffe, die zu mir passen? Ja, so dachte auch mein Freund Aristophanes, dem ich die Theorie in den Mund gelegt habe, wir Men­ schen seien einst kugelrund gewesen. Dann aber habe Zeus uns im Zorn in zwei Hälften gespalten, sodass wir seither verzweifelt nach unserer anderen, besseren Hälfte suchen. Wenn es sich so verhielte, könnten Algorithmen bei der Partnersuche helfen. Aber so sehr die vom Eros Entflammten manchmal das Gefühl ­haben, erst durch ihren Partner komplettiert worden zu sein, ist das Bild doch trotzdem irreführend.

BENE ROHLMANN

Aber wollen wir nicht alle Partner, die unseren Wünschen entsprechen? Durchaus, aber genau deshalb sind so viele unglücklich. Eros ist kein «Eros ist kein der zwei passende Hälften Klebstoff, der zwei Klebstoff, Ja, so kann man es auch sagen. verbindet, sondern ein Feuer, das So sollte man es sagen. Denn schau­ passende Hälften sich am Anderssein der Partnerin en Sie: Meine Vorfahren stellten sich des Partners entzündet. Wenn verbindet, sondern oder die Macht der Liebe – oder besser: alles genau so passt, wie man es ein Feuer, das sich sich ausgerechnet hat, gibt es keine der Liebesleidenschaft – mit gutem Grund als einen Knirps mit Pfeil Entwicklung mehr – dann erstarrt am Anderssein und Bogen vor. Sie wussten, dass ein Paar in Harmonie. Wo Sie hin­ entzündet.» der Pfeil des Eros einen Menschen gegen von Liebe für einen Menschen ungewollt und ungerufen trifft – ergriffen sind, der vorerst gar nicht und dass diese Leidenschaft gerade keinen Regeln zu Ihnen passt, bei dem Sie aber ahnen, dass Sie mit oder Algorithmen folgt, sondern spontan und frei ist, ihm reifen können, da verleiht Ihnen Eros Flügel – ja, wie ein Kind, das spielt. er lässt Sie über sich hinauswachsen.


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P O RT FO L IO

Die Freiheit eines Atemzugs Seit 15 Jahren begleitet der Franzose Franck Seguin die Elite der Apnoe-Taucher mit der Kamera. Hier erzählt er von seinen Bildern einer magischen Welt unter Wasser. Text PH CAMY

Der neongrüne Champion

Villefranche-sur-Mer, Frankreich, 2006

«Das ist eines meiner ersten Freitauchfotos. Ich habe fast alle französischen Champions begleitet, um ihren Sport bekannt zu machen. Guillaume Néry, der Beste von ihnen, und ich sind später Freunde geworden. Für dieses Bild habe ich ihn gebeten, statt des üblichen schwarzen Neoprenanzugs mal die neongrüne Variante anzuziehen.»

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P O RT FO L IO

Wandern über Wale

Mauritius, Indischer Ozean, 2017

«Für das Projekt ‹One Breath around the World› (Mit einem Atemzug um die Welt) reisten wir zwei Jahre lang zu den atem­ beraubendsten Orten der Ozeane. Hier ist Guillaume vor Mauri­ tius 20 Meter zu einer Gruppe von Pottwalen hinuntergetaucht. Auf dem Foto habe ich es so aussehen lassen, als würde er über ihre Rücken wandern.»

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So sehen Helden aus Frioul-Inseln, Marseille, Frankreich, 2015

Der Ausserirdische

Cenote Angelita, Yucatán, Mexiko, 2018

«Der zweifache Apnoe-Weltmeister Morgan Bourc’his war früher Lehrer. Ein Mensch mit unendlicher Güte und aussergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten. Die Sorte Freund, die du dir wünschst, weil dir mit ihm an deiner Seite nichts passieren kann – ein Superheld im engeren Sinn, hier unter Wasser vier Kilometer westlich vor Marseille.»

«Guillaume Néry taucht hier in einer Höhle, 30 Meter unter Wasser, fünf Autostunden von jeder Zivilisation entfernt. Er ist um­ geben von einer Wolke aus Schwefelwasser­ stoff, die aus dem Zusammentreffen von Meer- und Süsswasser und verwesten Baum­ resten entsteht. Dafür sieht er eigentlich ganz entspannt aus.»

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Tiefen­ entspannt

Ville­franche-surMer, Frankreich, 2021

«Das ist Arnaud Jerald, der kommende grosse Star der FreitaucherSzene. Der 24-Jährige kann ohne Pressluftflaschen über hundert Meter tief tauchen. Und das, obwohl er in seiner Kindheit an Dyspraxie litt, einer Koordinations- und Entwicklungsstörung. Hier konzentriert er sich knapp unterhalb des Wasserspiegels auf das Abtauchen.»

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Brüder im Geist

Tahiti, Französisch-­ Polynesien, 2019 «Zwei Menschen unter Wasser: rechts Guillaume Néry, links Arnaud Jerald. Der Meister und sein Nachfolger – Rollen, die beide akzeptieren –, also hat dieses Foto starke Symbolkraft. Von einer Über­ gabe würde ich trotzdem nicht sprechen. Denn vorläufig bleibt Guillaume, der Ältere, unumstritten die Nummer eins.»

Im grossen Blau

Villefranche-sur-Mer, Frankreich, 2020 «Guillaume Néry in den unendlichen Weiten des Ozeans. An diesem Ort kenne ich mich aus, und der Taucher ist einer meiner besten Freunde: perfekte Voraussetzungen, wenn man etwas Neues schaffen will. Ich wollte die vielen Nuancen von Blau festhalten.»

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Südsee-Abenteuer

Tahiti, Französisch-­ Polynesien, 2019

«Altmeister Guillaume Néry (re.) und sein junger Freund Arnaud Jerald tauchen Seite an Seite zu einem Flugzeugwrack in der Südsee hinunter, ein Schwarm tropischer Fische begleitet sie. Mich er­ innert dieses Bild immer ein bisschen an die Ästhetik eines Comic-Hefts: Die Szene könnte genauso gut gezeichnet sein.»

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DER FOTOGRAF Zu Wasser hatte Franck Seguin ­immer schon ein inniges Verhältnis: In Dunkerque (Dün­kirchen) am Ärmelkanal ge­ boren, begeisterten ihn als Kind die Dokus des berühmten Ozeanografen Jacques Cousteau. ­Später ging er zur Marine. Dennoch war Seguin, der sein Alter nicht ver­ raten will, nicht mehr ganz jung, als er vor 15 Jahren das Feld entdeckte, für das er heute berühmt ist: Er gilt als Chronist der weltbesten ApnoeTaucher, er hält ihre Abenteuer unter Wasser fest, diese wunderbare und doch fremde Welt, die sich mit nur ­einem Atemzug erschliesst. Seguins Qualitäten? «Franck ist kein Taucher, der sich der Foto­grafie zugewandt hat», beschreibt es Guillaume Néry, Apnoe-Legende und inzwischen mit Franck Seguin eng ­befreundet, «sondern ein Fotograf, der Tauchen gelernt hat.» Das trifft es auffallend: Franck Seguin war ursprünglich Sportfotograf und ist einer der Foto­ chefs bei der französischen Sport-­ Tageszeitung «L’Équipe». Instagram: @franckseguinphoto

Er ist so frei

Villefranche-sur-Mer, Frankreich, 2006 «Dieses Foto zeigt für mich das Wesen des Freitauchens: Guillaume Néry beim Luft­ holen, entweder vor dem Ab- oder nach dem Auftauchen. Dieser eine tiefe Atemzug verschafft ihm die Freiheit, sich schwerelos in einer fremden Welt zu bewegen. Als ich anfing, Apnoe-Taucher zu fotografieren, gab es diese Art Bilder noch nicht.»

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Radfahren

Nikita Ducarroz, 24, ist das grösste BMX-Talent der Schweiz und Medaillen-Hoffnung für Tokio. Dass sie unter Depressionen leidet, hat sie nicht aufgehalten – ganz im Gegenteil. Interview WERNER JESSNER  Foto LUIS CASANOVA

Mit zwölf Jahren beschloss Nikita, in kein Flugzeug mehr zu steigen, selbst wenn das bedeutete, ihre Grosseltern in Genf nicht mehr ­sehen zu können. Ihre Eltern – der Vater Schweizer, die Mutter Amerikanerin – hatten immer grossen Wert darauf gelegt, dass ihre Tochter Kontakt zu beiden Seiten der Familie hielt. Zwar wohnte Nikita in den USA, in Glen Ellen, nördlich von San Francisco, und ging auch dort zur Schule, aber die Sommer verbrachte sie in der Schweiz, und zu Hause wurde Französisch gesprochen. Aber das war nun vorbei. An manchen Tagen konnte Nikita nicht einmal mehr ihr Zimmer verlassen, weil ihre Welt so schwarz war. Sie sass vor ihrem Laptop und schaute YouTube-Videos. Irgendwann landete sie zufällig bei einem BMX-FreestyleClip. Der gefiel ihr. Etwas, was ihr immer irgendwie Spass gemacht hatte, war Radfahren. Das mochte sie, seit sie auf einem Camping-Trip mit ihren Eltern im Wald kleine Schanzen gebaut hatte und darüber gesprungen war. BMX hatte im Vergleich zu Fussball, das sie früher gespielt hatte, ausserdem einen ganz entscheidenden Vorteil: Man kam dabei ohne andere Men-

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schen aus, konnte es ganz allein auf einer Holzrampe ausüben und musste mit niemandem sprechen. Und es wurde nicht so rasch langweilig wie viele andere Dinge, die sie versucht hatte: «Ich habe eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne. Aber auf dem BMX kannst du immer etwas Neues probieren, dich immer verbessern. Das hat mir geholfen, dranzubleiben.» Und dann natürlich das besondere Gefühl, einen neuen Trick erlernt und ihn sauber gelandet zu ­haben: «Das ist so ein gutes ­Gefühl, dass man es immer wieder erleben will.»

Der Druck hilft ihr dabei, am Morgen aufzustehen

Nikita gehört zu jenen Menschen, für die alle Anfänge hart sind. Aufstehen. Losgehen. Das ist bis heute so. Sie sagt es sich vor, wenn es ­wieder einmal hakt: dass es besser wird, wenn sie einmal unterwegs ist. Routinen helfen ihr, diesen ersten Schritt zu tun, nach dem es nur noch leichter wird. Nicht nach­ denken, tun. Automatisch. Nikitas Talent und wohl auch ihr Ehrgeiz beim Üben brachten sie rasch zu Contests, was sie vor die nächsten Probleme stellte: Sie musste reisen. Fremde Menschen kennenlernen. Das Hotelzimmer verlassen. «Der glücklichste Mensch, der ich sein kann, bin ich dann, wenn ich ohne Druck in einem geilen Park

Durch ihren Sport hat sie weltweit Freunde gewonnen

Wann immer sie Verletzungen auskurieren musste und nicht aufs Bike steigen konnte, merkte sie erst, wie ihr das Fahren fehlte. Es war, als ob man ihre Medizin abgesetzt hätte, die sie braucht, um happy zu sein. In dem ganzen Entzug fiel ihr auf, was sie noch heftig vermisste, was sie mochte, ja liebte: die Kumpels, mit denen sie abhing und trainierte. Die Aufregung vor den Contests, das Gefühl, bestanden zu haben, die Euphorie nach einem Lauf, der genau so gelaufen war, wie sie es sich vorgenommen hatte. Das Reisen. Jawohl, das Reisen. Mit neunzehn war Nikita Ducarroz erstmals wieder in ein Flugzeug gestiegen und hatte zu ihrer eigenen Überraschung die Freude am Unterwegssein entdeckt: «Was ich an meinem Lifestyle am meisten mag, ist, dass ich in so gut wie jedem Land Freunde gewonnen habe. Wir BMXer sind wie eine grosse Familie. Selbst wenn wir gegeneinander fahren, fährt doch jeder für sich und die ­gemeinsame Sache: Wir wollen ­unseren Sport pushen.»

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ROBERT SNOW/RED BULL CONTENT POOL

«BMX hat mein Leben gerettet»

einfach fahren kann.» Aber warum setzt man sich dann dem Druck von Wettbewerben aus und wird noch dazu zur ersten (und einzigen) Schweizer Olympia-Teilnehmerin in BMX? «Ein bisschen brauche ich den Druck wohl», gibt sie zu. «Er hilft mir, am Morgen aufzustehen und aufs Bike zu steigen. Nicht ­stehen zu bleiben. Es ist wichtig, sich zu überwinden und Dinge zu tun, die man lieber nicht machen würde – wie zum Beispiel in ein Flugzeug zu steigen.»


«Wir BMXer sind wie eine grosse Familie.» Nikita Ducarroz sagt, was sie an ihrem Sport am meisten mag.

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Radfahren

Wo sie am ­glücklichsten ist: Nikita Ducarroz beim Training auf i­ hrem Rad, hier in North ­Carolina, USA

Und keine pusht ihn mehr als die dunkelhaarige US-Schweizerin mit zwei Staatsbürgerschaften und ­helvetischer Lizenz. Sie ist von Kalifornien nach North Carolina gezogen, weil die Community und die Möglichkeiten dort besser sind als sonst wo. «Früher bin ich zwei, drei, vier Tage pro Woche gefahren, heute fahre ich jeden Tag. Selbst wenn ich nicht alle Tage Vollgas gebe, hilft diese fixe Routine, dass mein Gehirn nicht anfängt, alte Mechanismen in Gang zu setzen. Frühstück, raus aufs Gelände, fahren.» Kein Wunder, dass man auf diese Art besser wird. «Wenn man Kinder jeden Tag sieht, fällt nicht auf, wie sie wachsen. Das bemerkt man erst, wenn man sie längere Zeit nicht gesehen hat. So geht es mir mit meiner Fahrtechnik: In meiner Trainingsgruppe wachsen wir alle gleich, um bei diesem Bild zu bleiben.» Ihren letzten Contest ist sie im Jahr 2019 gefahren. Wie hat sie den erzwungenen Stillstand mental bewältigt? «Ich habe mich mit anderen Dingen abgelenkt, für die sonst keine oder nur wenig Zeit gewesen wäre: Yoga. Lesen. Ich habe eine Liste jener Dinge angelegt, auf die ich mich freue, wenn wieder Wettbewerbe stattfinden können. Ich musste 32

mein Hirn beschäftigen, um nicht in Depressionen zu verfallen, und habe diese Ablenkungen so gewählt, dass sie mir für die Olympischen Spiele helfen.» Nikita Ducarroz ist auf der ganz grossen Bühne angelangt. BMX Freestyle ist zum ersten Mal überhaupt olympisch, da wird die Welt ganz genau hinschauen. Dabei hat sie mit BMX doch begonnen, weil sie dabei allein und unbeobachtet war. «Ich gehe damit inzwischen ein bisschen besser um – wohl auch wegen der Routine. Es gibt Tage, an denen crashe ich noch immer in mein mentales Loch und muss mich ermahnen, mich wie ein Profi zu verhalten. ­Immerhin ist das meine Karriere.»

«Ganz ehrlich: So gut wie jetzt war ich noch nie.»

Wie ihr Leben ohne BMX verlaufen wäre? «Wahrscheinlich würde ich noch immer im Dunkeln sitzen und nicht viel tun.» Sie sitzt heute noch viel und gerne rum: «Es sind meine Freunde, die mich dann rauszerren. Und ich muss vorher wissen, wohin und für wie lange.» Wenn Nikita Ducarroz heute an Tokio denkt, fühlt sie eine Mischung aus Freude und Stress. «Freude, weil ich dabei sein darf, und Stress, weil es die Olympischen Spiele sind. Aber eigentlich weiss keiner, was ihn erwartet, weil es die ersten Spiele für uns alle sind. Und das kann auch zum Stressfaktor werden.» Sie werde garantiert nervös sein, sagt sie. «Ich bin kein sonderlich wettkampforientierter Typ. Andere zu besiegen bedeutet mir nicht viel. Aber ich bin streng zu mir selbst und lege hohe Massstäbe an mich an.» Nikita weiss, wie sie damit umgehen soll. «Bei ­jedem Contest muss ich mein Hirn austricksen, indem ich mir vorsage, dass das nur eine riding session mit denselben Leuten wie immer ist. Und dass ich das kann. Dass ich mir jeden Tag beweise, das zu können.» Sie sei eine Person, die viel zu viel nachdenkt, sagt sie. Doch etwas hat Nikita im Lauf der Jahre gelernt: Die Stunden und Minuten zwischen dem Radfahren sind die schlimmsten. Sobald sie in die Halfpipe droppt, ist die Welt zu einhundert Prozent in Ordnung, da ist sie ist ihrem Element. Da lenkt sie nichts ab, da gibt es keine schwarze Wand. Da ist sie ganz bei sich. Besser als die allermeisten. Und im Augenblick ist die 24-Jährige in Höchstform: «Ganz ehrlich: So gut wie jetzt war ich noch nie.» Und das klingt nicht unbedingt nach jemandem, der sich nicht traut, das Haus zu verlassen. Nikita Ducarroz beim Training via Instagram begleiten: @nikita.ducarroz THE RED BULLETIN

ROBERT SNOW/RED BULL CONTENT POOL

Sobald sie in die Halfpipe droppt, ist die Welt in Ordnung


Musik

Sie ist die Sängerin von London Grammar und macht ihre Band zur Nummer eins in England. Wie? Hannah Reid verwandelt ihren Ärger über mächtige Männer in Kunst. Text STEPHANIE PHILLIPS  Foto WILL REID

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Als wir Hannah Reid daheim in West London erreichen, erzählt sie uns, wie sie und ihre Band das Beste aus dem Lockdown gemacht haben: «Statt auf Tour zu gehen, haben wir neue Songs geschrieben und an ­einem vierten Album gearbeitet.» Diese Ansage kommt über­ raschend, denn das dritte Album von London Grammar ist zum Zeit­ punkt des Interviews gerade erst er­ schienen. «Californian Soil» ist eine Sammlung aus geschickt gemachten Tracks, die toxische Frauenfeind­lich­ keit, das Ende des American ­Dream und Reids persönliche Entwicklung behandeln. Und es stieg sofort auf Nummer eins der Charts ein. Was auffällt: Die Lieder sind selbst­be­ wuss­ter als die Songs auf früheren Alben der Band. Dieses neue Selbst­ bewusstsein schreibt die 31-Jährige der Inspiration durch eine jüngere Generation von Künstlerinnen zu.

krasse Umstellung. Wenn du erfolg­ reich wirst, haben plötz­lich viele Leute, die du gar nicht kennst, eine Meinung zu dir und deiner Arbeit. Du riskierst, dein Gefühl dafür zu ver­ lieren, wer du bist. Aber ich glaube, dass ich mir dieses Gefühl auf dem dritten Album wieder zurückhole. Ich habe mich als Mensch verändert, und auch hinter meiner Musik und meinen Texten steckt eine andere Energie. Das Album klingt ziemlich poppig, aber die Texte sind teilweise dunkel und aggressiver als sonst.

the red bulletin: Sie wurden ziemlich jung bekannt. Wie hat Sie das persönlich beeinflusst? hannah reid: Wir haben unseren ersten Plattenvertrag bekommen, als ich 21 war – was mich als Mensch verändert hat. Die Musikindustrie ist ein hartes Pflaster. Sie ist komplett von Männern dominiert, und der Wechsel in dieses Umfeld war eine

Sie haben erwähnt, dass Sie das neue Album als feministisches Werk sehen … Die Texte sind es definitiv. Ich habe prägende Erfahrungen als Frau in der Musikindustrie gesammelt, und als ich dann nach Hause kam und meinen Freundinnen davon erzählte, habe ich gemerkt, dass sie alle die­ selben Erfahrungen gemacht hatten. Und das, obwohl sie gar nicht in ­derselben Branche arbeiten. Es war

Ist das Selbstbewusstsein mit dem Alter gekommen? Auf dem ersten Album war ich ­tatsächlich sehr verletzlich, wie viele junge Leute es in diesem Alter sind. Auf dem zweiten Album habe ich mich hinter den Texten versteckt. Jetzt dachte ich mir: Ich werde sagen, was auch ­immer ich sagen will.

Glauben Sie, dass die #MeToo-­ Bewegung einen bleibenden ­Effekt auf die Musikindustrie hat? #MeToo ist ähnlich wie Black Lives Matter – es hat Menschen dazu ge­ bracht, in sich zu gehen und nach­ zudenken. Sogar wirklich gute ­Männer, mit denen ich zusammen­ gearbeitet habe, sagten: «Ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass ­Frauen sich so fühlen.» #MeToo war ein Riesenschritt nach vorn. Lassen Sie sich eigentlich auch von anderen Künstlerinnen inspirieren? Ich liebe jede Art von Kunst, die von Frauen geschaffen wurde und in der es darum geht, unsere eigenen Stärken zu kennen und unser Leben selbst zu bestimmen. Gerade gibt eine neue Generation von Künst­ lerinnen den Weg vor, zum Beispiel Arlo Parks und Billie Eilish. Sie sind deutlich jünger als ich, aber haben die Kontrolle über ihre Karriere und sagen alles, was sie sagen wollen. Das macht mir neuen Mut. Lässt Sie Ihr neu gewonnenes Selbstvertrauen auch an eine ­Solo-Karriere denken? Zwischen uns drei in der Band ist eine Magie, die ich wirklich schätze. Egal wie sich die Musik von Album zu Album verändert: Wir als Trio ­haben uns immer weiterentwickelt. Es ist faszinierend, ein Teil davon zu sein. Obwohl: Ich könnte mir schon vorstellen, vielleicht eines Tages ein wirklich ob­skures, tragisches Coun­ try-Album aufzunehmen, das sich vermutlich niemand anhören würde. Aber das ist noch weit weg. London Grammars Album «Californian Soil» ist im Frühjahr erschienen.

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WILL REID/CONTOUR BY GETTY IMAGES

«#MeToo war ein Riesenschritt nach vorn»

enttäuschend. Ich dachte: Wow, die Welt hat sich nicht so weiter­ entwickelt, wie ich geglaubt hatte.


«Künstlerinnen wie Billie Eilish machen mir neuen Mut.» Sängerin Hannah Reid, 31, lässt sich von einer neuen Generation selbst­ bewusster Künstlerinnen inspirieren.

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Fechten Dritter Versuch bei Olympia: Max Heinzer, 33, in Fechter-Montur

Von der Kraft der Kreativität Seine Manöver erinnern an Hollywoodfilme, im T ­ raining stellt er sich ins Eishockeytor: Ideen, die Fechter Max ­Heinzer endlich das ersehnte Olympiagold bringen sollen. Text HANNES KROPIK

Im entscheidenden Moment gibt es kein Zögern: Max Heinzer springt entschlossen ab, schlägt die Klinge des Angreifers mit seiner eigenen zur Seite, gewinnt an Höhe, stoppt die Bewegung seines rechten Arms abrupt und lässt die Kräfte der Physik für sich arbeiten. Sein Degen biegt sich schwungvoll nach unten, «und ich gebe ihm mit einer raschen Bewegung aus dem Handgelenk noch den nötigen Impact mit». Die Spitze trifft den Rücken des überrumpelten Gegners, der 33-jährige Schweizer reisst triumphierend die Arme in die Höhe. 36

«Back Flick» heisst diese ebenso riskante wie spektakuläre Angriffsvariante. Sie ist zum Markenzeichen des 17-fachen Medaillengewinners bei Welt- und Europameisterschaften geworden. Dass dieser spezielle Move an eine Szene aus dem Hollywoodschinken «Troja» (2004) er­ innert, in der Brad Pitt als Achilles kurzen Prozess mit seinem hünenhaften Gegner macht, amüsiert Heinzer: «Ich habe mir das nicht bei Brad Pitt abgeschaut. Ich war damals zwar noch ein Teenager, aber diesen Trick hatte ich mir selbst beigebracht.» Und zwar aus Langeweile,

wie der in der Weltrangliste bestklassierte Schweizer (Nummer 16), verrät: «Ich habe als Fünfjähriger mit dem Florettfechten begonnen, bei dem ja nur der Rumpf als Trefferfläche zählt. Als ich mit dreizehn auf den Degen umgestiegen bin, bei dem Treffer von Kopf bis Fuss ­erlaubt sind, fühlte ich mich oft ­unterfordert. Ich habe deshalb nach Wegen gesucht, meinen Gegner auf schwierigere Weise zu besiegen.» Der Fechtsport fördert – und fordert – Kreativität: Auf die Olympischen Spiele bereitet sich Heinzer in einem modernen Trainingszentrum vor, dem OYM in Cham, wo auch die Eishockeyspieler des EV Zug trainieren. «Ich darf ein Gerät benutzen, das den Tormann mit Pucks beschiesst.» Natürlich sieht es witzig aus, wenn ein Fechter in voller Montur im Eishockeytor steht, sagt er: «Ich merke aber: Wenn Pucks mit Tempo 85 auf mich zufliegen und ich sie – mit dem Degen in der Hand – wegfauste, kostet das grosse Überwindung. Meine Reaktionszeit verbessert sich, und ich werde lockerer.» Hoffentlich auch bei den Olympischen Spielen. Dort hat er eine Rechnung offen: Bei seinem Debüt 2012 in London scheiterte er im Achtelfinale am Venezolaner Rubén Limardo, der später Gold holte. 2016 in Rio zerplatzte der Traum ­erneut – diesmal im Viertelfinale – am späteren Olympiasieger, dem Südkoreaner Park Sang-young. Max Heinzers Lebensplanung hätte eine aktive Karriere bis zu den Spielen 2024 vorgesehen. Die Begleitumstände der Pandemie könnten ihn, der in Tokio im Einzel und im Team antreten wird, jedoch zu einem Umdenken bringen. Eines aber sei sicher, sagt Max Heinzer selbst­ bewusst: «In Tokio gehe ich all-in!» Wer Max Heinzer auf Instagram begleiten will: @maxheinzer THE RED BULLETIN

VALERIANO DI DOMENICO/RED BULL CONTENT POOL

«Ich wollte meine Gegner auf schwie­ri­ gere ­Weise ­besiegen.»


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Klettern

KRAFTPAKET

Petra Klinger 2019 bei der WM in Hachioji, Japan – hier ist sie im Lead oder Schwierigkeitsklettern unterwegs, einer von drei Disziplinen in Tokio.

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Seit Jahren führt die Schweizer BoulderWeltmeisterin PETRA KLINGLER, 29, Tagebuch. Uns verrät sie jene zwölf Einträge, die sie am meisten inspirieren – und ihr für Tokio mentale Kraft geben.

Buchstäblich hoch hinaus

GETTY IMAGES

Text WOLFGANG WIESER


Klettern

7. September 2020

Mach dir bewusst, was wirklich entscheidend ist «Alles geben & Zeit nutzen! VERTRAU MEINEM BEWEGUNGSGEFÜHL!»,

enn Petra Klingler schreibt, dann sind die Buchstaben rund und weich und neigen sich meist leicht nach links – so als würden sie sich gleich irgendwo entspannt anlehnen. «g» und «y» enden mit schwungvollen Unterlängen, es gibt Wörter in Grossbuchstaben und kleine Glühbirnen mit gelbem Strahlenkranz: «SUPER STRONG!», «Alles geben & Zeit nutzen! VERTRAU MEINEM BEWEGUNGSGEFÜHL!» und «Rhythmus gspüre –> Tam ta tam tam …» Die weiche Schrift gehört der besten Kletterin der Schweiz. Die heute 29-Jährige wurde 2016 als erste Eid­ genossin Boulder-Weltmeisterin. Und erst im November des Vorjahres stellte sie einen neuen Schweizer Rekord im Speedkletttern auf. Ende 2014 fing ­Petra mit dem Tagebuchschreiben an. «Um mental dranzubleiben», sagt sie, «um zu organisieren und zu analysieren.» Vor allem aber, um sich zu er­ innern: «Ich hatte oft das Gefühl, ich hätte zu wenig trainiert. Dabei hatte ich nur vergessen, was ich alles gemacht habe. Anhand meiner Notizen konnte ich das leicht überprüfen.» Für uns hat sie in ihren Tagebüchern geblättert und zwölf Erkenntnisse ausgewählt, die sie bis heute inspirieren. 40

17. September 2020

Erinnere dich an die guten Erlebnisse Ein Tag, an dem alles geklappt hat. In Petras Tagebuch ist das nicht zu übersehen. Der 17. September ist mit einem «SUPER STRONG» in Rot gekennzeichnet. Dazu gibt es einen breit grinsenden Smiley. «Statements wie diese helfen mir, mich daran zu er­ innern, was alles gut geklappt hat. Sie erinnern mich daran, die guten ­Sachen nicht zu vergessen. Wenn ich Gefahr laufe, mich in einer Negativ­ spirale zu verlieren, kann ich zu meinem Buch zurückkehren – und mir so neue Kraft holen. Es hilft mir, auch in kritischen Phasen Ruhe zu bewahren.»

26. September 2020

Behandle dich freundlicher Wir lesen «8,71 sec», von einem Kreis umgeben, mit zehn Strahlen geschmückt. Der Grund: Petra hat an diesem Tag e­ inen neuen Schweizer Speedrekord in der 15-Meter-Wand aufgestellt (knapp zwei Monate später wird sie ihn auf 8,598 Sekunden verbessern). «Das u ­ nterstreicht, was ich zuvor gesagt habe. Im Training bin ich die Speedroute nicht hochgekommen. Bin jedesmal rausgefallen. Und dann ist mir ein neuer Rekord gelungen. Ich bin ein Wettkampftyp – ich muss einfach lernen, netter zu mir zu sein.»

« Mein Buch hilft mir, auch in kritischen Phasen Ruhe zu bewahren.» 9. Januar 2021

Nimm neue Herausforderungen an

TAGEBUCHSEITE Eintrag von 2015 – Erkenntnis plus klare Definition eines Ziels

«Ein wichtiger Tag. Ein Team-Meeting. Ich habe alle Termine aufgelistet, die auf mich zukommen würden. Natürlich waren wir uns bewusst, dass es kein ganz normales Jahr werden würde. Wir haben aber trotzdem gesagt, wir bereiten uns dennoch so vor, als wäre alles wie früher – das Meeting hat natürlich online stattgefunden. Ganz normal war es also nicht, oder anders gesagt: Es war neu normal. Das ‹Let’s do it!› ist mehr als Aufforderung zu verstehen, nicht den Mut zu ver­ lieren, als eine Aufmunterung.» THE RED BULLETIN

GIAN PAUL LOZZA

W

­ otiert Petra. «Im Training ist es an n diesem Tag nicht so gut gelaufen. Mit dieser Notiz wollte ich mich daran ­erinnern, dass nicht das Training ­entscheidet, wer gewinnt, sondern der Wettkampf. Erkannt habe ich an diesem Tag auch, dass ich mich auf mich selbst konzentrieren muss und nicht auf alle anderen Athleten um mich herum.»


« Ich bin ein Wettkampftyp – ich muss nur lernen, netter zu mir zu sein.» Petra entspannt in der Wand – auf diesem Bild hat das mit dem Nettsein geklappt.


ALLES IM GRIFF

Petra beim Bouldern: Es geht auch mal berg­ab, bevor es wieder bergauf geht.

5. Februar 2021

Akzeptiere Tage, an denen du Schwäche zeigst «… und trotzdem nagets au paar Tag nachere na a mir», schreibt Petra an diesem Tag. Was an ihr knabberte: «Wir hatten ein Speedtraining verein­ bart. Unser Trainer wurde per Video zugeschaltet. Ich hatte meine Vor­ stellung, was wir machen würden. Habe eher an technische Dinge ge­ dacht. Und er hat nur gesagt, leg mal los. Ich habe keinen gescheiten Lauf hingebracht. Das war frustrierend. Ich wollte den Erwartungen gerecht wer­ den, die Zeit mit ihm voll ausnutzen und davon profitieren. Aber die Sprit­ zigkeit hat gefehlt. Das war für mich schwierig zu verstehen. Doch dann habe ich in meinem Buch noch ein­ mal die Woche davor angesehen und festgestellt, dass ich Vollgas trainiert hatte. Es war also kein Wunder, dass nicht mehr möglich war. In dieser ­Situation hat mir das Tagebuch gehol­ fen, zu erkennen und zu akzeptieren, dass ich müde sein durfte.»

« Ich muss mir vertrauen. Mein Körper sagt mir schon, was ich machen werde.» 42

6. Februar 2021

9. Februar 2021

Spüre deinen Rhythmus

Freue dich über gute Tage

«Der Tag danach. Ich habe ihn als Bei­ spiel dafür genommen, wie ich mich motiviere. Ich habe mir drei Pluspunkte notiert («Neue Tag, neui Energie», «Ziit gla, mich usegforderd, aber nöd gstresst», «mis Ding gmacht»). Ja, ich schreib, wie es mir gefällt. Die Glüh­ birne steht für drei Dinge, die ich ge­ lernt habe. «Entspanne ide Schultere», «uf de Moment d Hand zue tue!», «Rhythmus gspüre –> Tam ta tam tam …» Das mache ich kurz vor dem Klettern. Ich lerne die Bewegung in der Wand nicht immer, in dem ich sie visualisiere. Ich lerne sie auch über den Rhythmus, ich sag mir im Kopf vor, wie es klingen sollte, wenn ich die Bewegung mache.»

«Harter, aber guter Trainingstag» mit einem Smiley. «Manchmal reicht es auch, sich ganz einfach zu freuen. Dann braucht es keine grossen Er­ klärungen. Es reicht, dass ich zu­ frieden bin.» 27. Februar 2021

Du kannst dir ruhig vertrauen Nach einem kurzen Einbruch im Trai­ ning gelingt es Petra, sich schnell wie­ der zu fassen. «VERTRAUEN IN MICH» steht in ihrem Tagebuch. «Es war wich­ tig, zu erkennen, dass ich mir auch ­selber vertrauen muss – und kann, vor allem, was bestimmte Bewegungs­ abläufe anbelangt. Oft spüre ich die besser, als sie logisch zu erkennen. Mein Körper sagt mir schon, was ich machen muss.» THE RED BULLETIN


Klettern

« Plötzlich war ich Nummer eins. Das war eine Rolle, in der ich mich nicht wohl gefühlt habe.»

10. April 2015

Lebe mit deiner Bestimmung

SCHAFF ICH’S?

Seil zwischen den Zähnen, Arme an­ gespannt, das Ziel im Blick – es geht noch höher hinaus.

8. März 2021

27. Februar 2015

«Bewegungen spüren»: Einen Tag nach einem Wettkampf denkt Petra über ­einen Boulder nach und welchen Schwung sie probieren könnte, um ihn zu schaffen. Eine Variante hat sie bei einer anderen Athletin gesehen: «Es gibt so viele Möglichkeiten, wie man etwas machen kann – offen für neue Lösungen zu sein, die sich vielleicht als die besseren entpuppen, ist des­ halb besonders wichtig.»

Ein Blick zurück ins Jahr 2015. Erst im Dezember zuvor hat Petra begonnen, ­Tagebuch zu führen. An diesem 27. ­Februar schreibt Petra: «Training ist nicht hier, um dir zu zeigen, wenn du stark bist, sondern dir zu zeigen, was du noch alles lernen kannst.» Auch Jahre danach blättert die Athletin immer wieder in ihren Notizbüchern, um sich bewusst Gedanken über ihre Entwicklung zu machen: «Es hilft, sich aktiv mit sich selbst auseinanderzu­ setzen. Man sieht die Entwicklung und mit der eigenen Schrift ist halt auch das Commitment grösser. Man kann es nicht einfach wieder löschen. Es steht nun einmal drin.»

GETTY IMAGES, GIAN PAUL LOZZA

Bleib offen für neue Lösungen

THE RED BULLETIN

Erkenne, was du noch lernen kannst

An diesem Tag zeichnet Petra mit Nachdruck einen dicken schwarzen Pfeil in ihr Notizbuch. Dahinter ein Satz, wie üblich in blauer Schrift, doch dieses Mal hat sie ihn zusätzlich mit orangem Marker gekennzeichnet: «Ich bin Leaderin & man darf mich wahrnehmen.» Wie dieser Satz zu ver­ stehen ist? «Zwei Kletterinnen hatten ihre Karriere beendet. Plötzlich war ich die Nummer eins. Das war eine Rolle, in der ich mich nicht wohl ge­ fühlt habe. Ich hatte mit einem Mal höhere Erwartungen an mich selbst, habe mehr Druck von aussen gespürt. Und konnte nicht mehr ganz ent­ spannt im Schatten der anderen ­klettern. Ich hatte lange Schwierig­ keiten, das zu verstehen. Diese Notiz war ein erster Schritt in die richtige Richtung.» 26. Juni 2015

Pfeif auf die Analyse «Haiyang» steht an diesem Tag in ­Petras Tagebuch. Mehrfach nach­ gezogen, unterstrichen mit Smiley-­ Begleitung. Und: «Super cool kon­ zentriert & bei der Sache geblieben», «Gut gespürt, wie zu bewegen». Mehr nicht, dabei hat sie an diesem Tag in der chinesischen Stadt ihren ersten Weltcup gewonnen: «Ich war so über­ wältigt – und irgendwann ist auch ­genug analysiert.»   43


RED BULL FLUGTAG 2021. ÜBERFLIEGER GESUCHT.

ANMEL SCHLU DE3. JULI SS 2021

Alle Infos zur Teilnahme via QR-Code oder unter redbull.ch/flugtag

19. SEPTEMBER, LAUSANNE


Dossier

DIE ZUKUNFT DES FUSSBALLS

… wird sehr anders. Auf den folgenden Seiten erzählen uns Experten, warum Profi-Spieler sechs Mal pro Nacht schlafen, Frauen TV-Rekorde brechen und Lionel Messi bald keine Freistoss-Tore mehr schiesst. Und keine Angst: Das Runde muss weiterhin ins Eckige.

STEFAN STRATIL

46 IDENTITÄT SCHLÄGT KAPITAL 50 FANS BLEIBEN DAS HERZ DES SPORTS 58 FRAUEN SETZEN DIE TRENDS 64 DIE MAUER WIRD SCHLAUER 66 DIE USA HOLEN DEN WM-TITEL 70 BIOHACKING WIRD STANDARD 76 COMPUTER ÜBERNEHMEN DAS COACHING 80 DAS QUIZ

THE RED BULLETIN

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Als Sportdirektor, Trainer und Taktik-Vordenker prägte RALF RANGNICK, 62, Europas Fussball. Für uns beantwortet er elf Fragen über die Zukunft seines Sports: warum Big Data immer wichtiger wird und Romantik niemals stirbt.

IDENTITÄT SCHLÄGT KAPITAL

WIE SIEHT FUSSBALL IN ZEHN JAHREN AUS, HERR RANGNICK? Interview: Christian Eberle-Abasolo Fotos: Philipp Horak

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THE RED BULLETIN


Dossier Fussball

1. Wenn ich mir in zehn Jahren ein Champions-League-Spiel ansehe, wo werde ich die grösste Veränderung merken?

Fussball hat sich in den letzten Jahren zu einer Hochgeschwindigkeitssportart gewandelt, und diese Entwicklung ist noch nicht zu Ende. Passschärfe, Pass­ präzision und Entscheidungsschnellig­ keit werden weiter zunehmen. Spieler bekommen noch weniger Zeit und Raum, einen Ball in Ruhe anzunehmen. Früher gab es ja Sätze von Experten wie «Es braucht auch einmal einen, der das Spiel beruhigt, der auf den Ball steigt». Mach das heute gegen die Spitzen­ mannschaften. So schnell kannst du gar nicht schauen, wie die dich auffressen.

2. In den letzten Jahrzehnten hat die körperliche Leistungsfähigkeit rasant zugenommen. Gibt es noch Möglichkeiten, junge Spieler besser zu machen?

In puncto Leistungsfähigkeit wird es kei­ ne Quantensprünge mehr geben, daher wird die Verletzungsvorbeugung noch wichtiger. Dank Tracking-Daten wissen unsere Athletiktrainer genau, wie an­ strengend eine Einheit ist, wann Pausen einzuhalten sind. Da steckt der Teufel im Detail. In Zukunft wird es aber vor allem um «train the brain», also kognitives Training gehen: Spieler zu provozieren, sie im Training aus der Komfortzone zu holen, sie unter erschwerten Bedingun­ gen trainieren und Entscheidungen auf engstem Raum unter Zeitdruck treffen zu lassen. In Hoffenheim haben wir etwa eine Countdown-Uhr am Trainingsplatz aufgestellt. Zehn Sekunden Zeit, ein Tor zu schiessen. Acht Sekunden Zeit, einen verlorenen Ball wiederzuerobern. Das ­Ticken ständig hörbar. Das war für alle Spieler nicht nur neu, sondern im wahrs­ ten Sinne des Wortes nervig. Es ging ­ihnen auf die Nerven, und das musste es auch, um Verhaltensänderungen – «train the brain» – zu erzielen. THE RED BULLETIN

«Die Zukunft heisst ‹train the brain›, kognitives Training, das Spieler aus der Komfortzone holt.» Erfolgsmacher: Ralf Rangnick, 62, führte als Trainer Hoffenheim und RB Leipzig in die Bundesliga. Er war Sportdirektor in Leipzig und Salzburg und gilt als einer der Väter des modernen Pressing-Fussballs.

3. Wird es noch Spieler geben, die sich im Alltag – sagen wir einmal – nicht ganz so professionell verhalten?

Die wird es geben. Aber sie werden nie das Maximale aus ihrer Karriere heraus­ holen. Es gab ja lange eine Meinung ­unter Trainern und TV-Experten, die lautete: «Du brauchst auch ein paar Sau­ hunde in der Mannschaft, die aus dem Trainingslager ausbüxen, die Nacht zum Tag machen, einmal einen über den Durst trinken.» Aber solche Spieler

­ aben ­keine Chance mehr. Das wäre so, h als würde Max Verstappen versuchen, ein Formel-1-Rennen zu gewinnen, aber ständig Diesel ins Auto tanken.

4. Sterben klassische Strassen- oder Käfig-Kicker aufgrund der zunehmenden Professionalisierung im Jugend­ bereich aus?

Ich sehe es als Aufgabe der Vereine und Akademien, Elemente aus dem Käfigund Strassenfussball ins Training zu   47


i­ ntegrieren. Das heisst: sich durchsetzen, sich gegen Ältere behaupten und um ­jeden Sieg kämpfen. In den Verbänden gibt’s Überlegungen, wegen des Leistungsdrucks bei ganz jungen Spielern keine Tore mehr zu zählen, Sieg, Niederlage und Tabellen abzuschaffen. Völliger Blödsinn! Hättest du das dem achtjährigen Joshua Kimmich (heute Profi bei Bayern München; Anm.) gesagt, wäre seine ­Antwort gewesen: «Der einzige Grund, warum ich kicke, ist, zu gewinnen.» Aufgrund dieser Mentalität hat er schon mit achtzehn in Leipzig Mitspieler zusammengestaucht, wenn sie im vier ­gegen vier nicht Vollgas gegeben haben. Und aufgrund dieser Mentalität spielt er heute in München. Genau dieses Mindset muss in Akademien mehr trainiert werden.

5. Was muss der Fussball ver­ ändern, um ein junges Publikum mit geringerer Aufmerksamkeits­ spanne zu erreichen?

Ich glaube, dass diese geringere Aufmerksamkeit ein Klischee ist. Gerade der E-Sport zeigt ja, dass junge Menschen sehr wohl bereit und in der Lage sind, sich stundenlang auf eine Sache zu konzentrieren. Es gibt zudem ein grösseres Verlangen nach einem evidenzbestimmten Verständnis des Spiels, Statistiken, Passwege, erwartete Tore, Laufkilometer, Top-Speed. Es gibt inzwischen so ziemlich über alles Datenmaterial. Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden auf dem Vormarsch bleiben. Entscheidend ist die Frage: Wie interpretierst du diese Daten? Sowohl für Zuseher als auch für ein Trainerteam. Das Schöne bei all den Innovationen ist, dass ganz am Ende trotzdem wieder Menschen mit diesem Datenmaterial umgehen und es ent­ sprechend interpretieren müssen.

6. Welche Regeländerung würden Sie begrüssen?

Ich würde weiter wie in Corona-Zeiten fünf Auswechslungen erlauben. Das macht das Spiel schneller, mindert Verletzungen, hält den Kader besser bei ­Laune. Und man sollte darüber diskutieren, was ich schon vor 15 Jahren hinterfragt habe: Ist die Torgrösse noch an­ gemessen? Als das Tor mit 2,44 Meter Höhe und 7,32 Meter Breite festgelegt wurde, war der Mensch im Schnitt zehn 48

«Erfolg hängt an drei Ks: Konzept, Kompetenz und Kapital. Kapital ist schnell mal vorhanden, meistens scheitert es an den anderen zwei.» Jeder Klub braucht eine Identität, sagt Ralf Rangnick: «Ein Trainer wie Jürgen Klopp hat so in Dortmund und Liverpool eine ganze Stadt elektrisiert.»

Zentimeter kleiner, auch Torhüter. Macht man das Tor drei Zentimeter breiter und zwei Zentimeter höher, fallen sicher ein paar Tore mehr.

7. Was sind die wichtigsten Eigen­ schaften, die ein erfolgreicher Trainer in zehn Jahren haben muss, um grosse Titel zu gewinnen? Teamverständnis, Menschenführung und Entscheidungssicherheit. Im Prinzip alles, was ein moderner Manager in der freien Wirtschaft auch haben sollte. Bei meinem ersten Trainerjob waren wir zu dritt: Co-Trainer, Torwarttrainer, ich. Heute musst du Ansprechpartner sein für

15 bis 20 Fachleute, vom Videoanalysten bis zum Ernährungsberater. Und es ist nicht getan, Aufgaben an diese Experten zu delegieren, du musst mit ihnen in den Dialog treten können. Deshalb muss ein Trainer auch über viel mehr Spezialwissen als früher verfügen.

8. Womit muss ich beginnen, um in zehn Jahren mit einem Team erfolgreich zu sein?

Es braucht eine klare Vereinsphilosophie. Wofür möchte ich stehen? In der freien Wirtschaft redet man von Corporate Identity. Ohne Corporate Identity gibt es auch kein Corporate Behaviour. Wenn es keine THE RED BULLETIN


Dossier Fussball

«Moderne Methoden begrüsse ich mit offenen Armen. Aber die Essenz muss die Liebe zum Sport bleiben.» Vordenker Rangnick setzt auf Big-Data-Analysen und Tech-Fortschritt. Aber er sagt: Am Ende entscheidet stets der Mensch über die Anwendung der Technik.

­ ayern sind wieder Meister. Aber wäre B Erling Haaland bei RB Leipzig und nicht bei Borussia Dortmund, hiesse der Meister 2021 RB Leipzig. Das ist eine Hypothese. Aber man muss sich nur seine Torquote im Verhältnis zu den liegen gelassenen Chancen bei Leipzig anschauen. Kurzum: Wenn du viel richtig machst, kannst du auch Vereine, die deutlich mehr finan­ zielle Mittel haben, überflügeln. Das wird auch in zwanzig Jahren noch so sein. Also dieses Geld schiesst Tore oder gewinnt Meisterschaften – da gibt es zu viele Gegenbeispiele, als dass ich das so ohne weiteres unterschreiben würde.

10. Was würden Sie den Initiatoren der Super League ausrichten?

Bezieht ein bisschen mehr Fussball­ fachkompetenz in die Gespräche ein. Bei dieser Diskussion war die wirtschaftliche Kompetenz offensichtlich zu einseitig ver­ treten. Wer sich die Schuldenstände der führenden Vereine ansieht, braucht kein Hardcore-Fan zu sein, um zu verstehen, dass es nur um Geld ging. Hier bin ich ­totaler Traditionalist: Es muss weiter­ hin die erfolgsbasierte Fussballpyramide geben. Kleine Vereine müssen aufsteigen können. Und grosse Klubs, wenn sie über Jahre hinweg misswirtschaften, müssen absteigen. Mit einem Franchise-System wie in den USA (siehe S. 66) konnte ich mich schon zu meiner Zeit als Head of Global Soccer bei Red Bull schwer arran­ gieren, und ich glaube, in diesem Leben schaffe ich das auch nicht mehr.

11. Was war im Fussball früher besser, als es heute ist?

Identität gibt bzw. sich die mit jedem Trainerwechsel ändert, stehst du als Ver­ ein für nichts. Deshalb spielt Schalke 04 nächste Saison in der zweiten Liga. ­Erfolg hängt an drei Ks: Konzept, Kom­ petenz und Kapital. Kapital ist schnell einmal wo vorhanden, meistens scheitert es an fehlender Kompetenz der Handeln­ den und am fehlenden Konzept. Ich nen­ ne es auch Spielidee. Schau dir an, was THE RED BULLETIN

Jürgen Klopp in Dortmund oder Liver­ pool gemacht hat. Er hat Verein, Spieler und die ganze Stadt elektrisiert.

9. Wird es in Zukunft noch Under­ dog-Storys geben, oder geht die Ära der Serienmeister weiter? Die zweite deutsche Liga, wo kleinere Vereine wie Fürth oder Kiel vorn mit­ spielen, zeigt das gut. Und okay, die

Die Atmosphäre in den Stadien. Ich kann mich an Besuche im alten Stuttgarter Stadion, im Highbury von Arsenal oder im Upton Park in London erinnern – da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Damals gab es so gut wie keine VIP-Räume oder Lounges, keine Leute, die zum Spiel ­gekommen sind, um gut zu essen und sich zu unterhalten. Es ging nur um Fuss­ ball. Um Herz, Emotionen und die Liebe zu dieser Sportart. Genau das darf man nie aus den Augen verlieren. Moderne Methoden, um Spieler und Mannschaften zu entwickeln, sind mit offenen Armen zu begrüssen. Aber die Essenz muss die Liebe zum Sport bleiben.   49


Sie erheben Menschen zu Göttern, füllen Arenen mit Leben, erobern ganze Städte. Eine Hommage der Fotografin JANE STOCKDALE an Fussball-Fans rund um den Globus. Und drei Veränderungen*, die uns beim Jubeln bevorstehen.

FANS BLEIBEN DAS HERZ DES SPORTS

AUS LIEBE

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Fotos: Jane Stockdale * Prognosen: Projektreport «Fussball 2050» von Stefan Bader und Werner Grabherr. teamwerk-sport.de/fussball-2050

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UND DER STRAND BEBTE …

«In diesem Moment ist Argentinien ins Finale der WM in Brasilien eingezogen», erinnert sich die schottische Fotografin Jane Stockdale an den Abend des 9. Juli 2014. «Die Copacabana von Rio de Janeiro bebte.»

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ZUM SPIEL

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GESPANNTE BLICKE

Das WM-Finale 2018 – Frankreich gegen Kroatien – verfolgte Stockdale mit hunderttausenden Fans auf den Strassen von Paris. «Nachdem ich kein Ticket ergattern konnte, war dies die nahe­liegendste Lösung.»

DAS ENDE EINES TRAUMS

«Halbfinale 2014, Brasilien gegen Deutschland. Soundanlage, Feuerwerk: Alles war am Strand von Rio bereit für die Party. Dann ging das Spiel 1:7 verloren. Für Brasilien war das niederschmetternd.»

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Dossier Fussball

HIER REGIEREN WIR

Die Pariser Polizei hatte 2018 die Innenstadt abgesperrt, die Stadt gehörte nun den Fans. «Hier klettern zwei auf ein Verkehrsschild.»

DER STURM VOR DER RUHE

Anfeuerungsrufe argentinischer Fans beim Public Viewing des WMFinales 2014 – am Ende vergeblich. Deutschland wurde Weltmeister. «Sie waren am Boden zerstört.»

Prognose 1:

Wir jubeln in fremden Stadien 3D-Audiosounds und 360-Grad-Filmaufnahmen sorgen dafür, dass Kinos neben Bars und Fanmeilen immer öfter zu Stätten des gemeinsamen Fussballschauens werden. Noch mehr ­Stadion-Atmosphäre gefällig? Bereits jetzt gibt es Konzepte, WM-Spiele mittels Hologramm-Technik in jedes beliebige ­Stadion live zu projizieren.

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Dossier Fussball

Prognose 2:

Wir jubeln für Spieler, nicht für Vereine Menschen binden uns emo­ tional stärker als Konstrukte, daher wird sich der Fokus der Fans noch mehr auf einzelne Spieler richten. Denkbares Nebenprodukt: All-Star-Games nach amerikanischem Vorbild – mit Teams, die sich aus den beliebtesten Fuss­ballern zusammensetzen.

GENERATION DER HOFFNUNG

«Dieses Bild zeigt meine Heimat, den Celtic Park in Glasgow, 2011», sagt Stockdale. Zehn Jahre später darf sich die Fotografin mit den schottischen Fans freuen: Ihr Nationalteam ist nach 25 Jahren wieder bei einer Europameisterschaft am Start.

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ALLEZ LES BLEUS!

Prognose 3:

Wir jubeln mit der ganzen Welt

«Nach dem Sieg der Franzosen im WM-Finale 2018 feiern mehr als eine Million Menschen auf den Champs-Élysées. Unglaublich!»

Schon jetzt zielen viele Massnahmen im Fussball-Marketing auf den asiatischen Markt ab. Und Europa bekommt auch von woanders Konkurrenz: Ein Bevölkerungsanstieg von 1,1 auf 2,44 Milliarden Menschen bis 2050, Wirtschaftswachstum und immer mehr Top-Spieler afrikanischer Herkunft sorgen dafür, dass auch die Klubs mehr Fokus auf afrikanische Fans legen.

STOSSGEBET ZUM FUSSBALLGOTT

Vom Arbeitersport der Männer zum Event für alle. Stockdales Fotos (hier Paris 2018) zeichnen auch ein diverseres Bild der Fussballfans.

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Dossier Fussball

DER LETZTE SCHREI

«Ich kann die Freude der Menschen über Frankreichs WM-Titel nicht in Worte fassen, aber dieses Foto bringt sie gut zum Ausdruck.»

FACKELLÄUFER

«Während der WM-Feier in Paris musste ich zu meinem Hotel durch Bengalenrauch und Tränengas­ schwaden laufen. Das war es wert.» Mehr Bilder: janestockdale.co.uk THE RED BULLETIN

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Olympische Spiele, Weltmeisterschaft, Champions League: Als Spielerin hat ANJA MITTAG, 36, alles gewonnen. Im Trainerteam von RB Leipzig will sie ihren Sport aufs nächste Level heben – als starkes Vorbild mit eigenem Podcast.

FRAUEN SETZEN DIE TRENDS

DIE ZUKUNFT IST WEIBLICH Text: Nicol Ljubić  Fotos: Urban Zintel

Wie es sein sollte, hat Anja Mittag in der Saison 2002/03 erlebt. Letzter Spieltag, Showdown zwischen Turbine Potsdam und FFC Frankfurt, es ging um die Meisterschaft. 7900 Zuschauer drängten sich ins Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg bei Berlin. Beim Anpfiff, daran er­ innert sich Anja Mittag, standen immer noch Menschen draussen. «Diese Stimmung, diese besondere Anspannung – ich fand das grossartig», sagt sie. Es war ihre erste ­Saison in der Bundesliga und nach vielen Spielen vor ein paar Dutzend Zuschauern auch das erste Mal, dass ihr klar wurde: Krass, da geht was, die Leute interessieren sich ja doch für Frauen­ fussball! So sollte es immer sein, dachte sie damals, nicht nur am letzten Spieltag, wenn es um die Meisterschaft geht.

Endlich zündet der Turbo

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Schwer zu stoppen: Mit Tempo-Fussball stieg RB Leipzig zuletzt in die 2. Bundesliga auf. Hier dribbelt Marlene Müller (Nr. 27) im DFB-Pokal gegen den 1. FFC Niederkirchen.

Anja Mittag kam 2002 zu Turbine Potsdam in die 1. Bundesliga, spielte im Laufe ihrer Karriere unter anderem beim FC Rosengård und dem Malmö FF in Schweden, bei Paris Saint-Germain und dem VfL Wolfsburg. 2019 wechselte sie zu RB Leipzig und stieg mit der Mannschaft in die 2. Liga auf. Eigentlich hatte sie als Spielerin längst aufhören und sich auf ihre Aufgabe als Individualtrainerin konzentrieren wollen, aber weil immer wieder Spielerinnen aufgrund von Verletzungen fehlen, steht sie mit 36 Jahren nach wie vor auf dem Platz. Anja Mittag hat 158 Spiele für die deutsche National-

mannschaft bestritten und jeden Titel gewonnen, den es im Fussball zu gewinnen gibt: Spielerin des Jahres, Torschützenkönigin, Rekordtorschützin in den ­Vereinswettbewerben der UEFA, dazu ­Olympiasiegerin, Weltmeisterin, mehr­ fache Europameisterin sowie deutsche und schwedische Meisterin, Pokal- und Champions-League-Siegerin. Dass der Fussball heute weiblicher denn je ist, hat auch mit Spielerinnen wie ihr zu tun. Als sie anfing, hatten sie bei Turbine Potsdam nicht mal einheitliche Trainingskleidung. Anja Mittag erinnert sich an die Zeiten, in denen die eine Spielerin THE RED BULLETIN

RB LEIPZIG

Seitdem hat sich viel getan im Frauenfussball, vor allem die vergangenen Jahre waren wie ein Turbo für die Entwicklung. Es gab einen Rekord nach dem anderen: 60 700 Zuschauer beim Ligaspiel zwischen Atlético Madrid und dem FC Barcelona, 77 800 beim Testspiel zwischen England und Deutschland im WembleyStadion. 993 Millionen Menschen weltweit vor den Fernsehern während der WM 2019 in Frankreich, 30 Prozent mehr als bei der Weltmeisterschaft in K ­ anada vier Jahre zuvor. 822 000 aktive Spielerinnen waren 2020 beim DFB gemeldet, 2010 waren es 711 000 gewesen. Und mittendrin in dieser Entwicklung: Anja Mittag. Es gibt wohl kaum eine bessere Zeitzeugin für das, was sich in den vergangenen zwanzig Jahren im Frauenfussball getan hat.


Dossier Fussball

Offensiv-Mission: Als Trainerin kon­ zentriert sich Anja  Mittag vor allem auf die Schulung der Stürmerinnen.

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Ideale Basis: In Leipzig profitieren die Frauen von der Top-Infrastruktur – samt Kunstrasen.

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im Dortmund-Trikot, die andere im ­Hoodie zum Training kam. An die Plätze, auf ­denen sie ihre Ligaspiele austrugen – eher Dorfacker als Stadien. Und an die Rückfahrten im Bus, während der die Spielerinnen vom Physiotherapeuten ausmassiert wurden. Heute gehört nicht ein Physiotherapeut zur Mannschaft, sondern mehrere, die Spielerinnen bekommen Trainingspläne, und statt im Bus massiert zu werden, bekommen sie Zeit zum Regenerieren. Es gibt nicht bloss einen Co-Trainer, der für Torwartund Athletiktraining zuständig ist, ­sondern einen für jeden Bereich. Heute profitieren die Spielerinnen auch von der Infrastruktur der Männer, denn viele Bundesliga-Vereine haben die Bedeutung des Frauenfussballs und dessen Potenzial bereits erkannt. Dazu gehören unter anderem der FC Bayern, der VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim, Bayer Leverkusen, Werder Bremen und RB Leipzig.

Quotenrekorde und eigene Köche

Besonders wichtig für die Entwicklung aber waren die deutsche Frauennationalmannschaft und deren Erfolge, Anja ­Mittag nennt sie «Zugpferd». Sie erinnert sich an ein Freundschaftsspiel gegen ­Brasilien in Frankfurt im Jahr 2009 vor 44 800 Zuschauern. Dann kam die WM 2011 in Deutschland und lockte insgesamt 845 700 Zuschauer in die Stadien. Das Spiel gegen Spanien während der WM 2019 sahen sich 6,15 Millionen Menschen im deutschen Fernsehen an, das war die höchste Quote aller PrimeTime-Programme an jenem Tag. Aber es war nicht nur die öffentliche Wahrnehmung der Nationalmannschaft, die den Frauenfussball voranbrachte, sondern auch eine Infrastruktur, die sie als Frauen in den Vereinen lange nicht vorgefunden hatten. Dass zum Beispiel ein Koch mit dabei war, nicht nur bei grossen Turnieren, sondern auch bei Lehrgängen und Länderspielen. Dazu kamen mehrere Physiotherapeuten, gute Trainingsplätze und richtige Stadien. Den stärksten Boost aber, so erlebt es Anja Mittag, erfährt der Frauenfussball, seitdem auch andere Länder in Europa angefangen haben, in den Sport zu in­ vestieren. Das führte dazu, dass bei der Europameisterschaft 2017 nicht wie ­gewohnt die deutsche Mannschaft den Titel holte, sondern erstmals die niederländische. «Auf einmal merkte man, da THE RED BULLETIN

Mittendrin: Anja Mittag im Spieler(innen)trakt des Trainings­ zentrums

passiert was in anderen Ländern, es tut sich was», sagt Mittag, «die Konkurrenz wird besser, und als Fussballerin kann man plötzlich auch in England spielen, in Spanien, in Frankreich, in Schweden. In meiner Zeit hatte ich noch nicht so ­viele Optionen. Jetzt hast du als Spielerin viel mehr Möglichkeiten, was super ist für die Entwicklung des Frauenfussballs.»

«Wir Frauen müssen Pionierarbeit leisten für die nächste Generation, wir sind gewillt, nach Veränderung zu suchen.» Viele Profis engagieren sich für Veränderungen im Frauenfussball, Anja Mittag mit eigenem Podcast.

England läutet die Zukunft ein

Es ist aber vor allem England, das mit der ­ersten europäischen Profiliga, der Women’s Super League (WSL), die grosse Zukunft des Frauenfussballs eingeläutet hat. Die Liga zieht die besten Spielerinnen der Welt an, auch deutsche National­ spielerinnen wie Melanie Leupolz oder Leonie Maier. Vor kurzem ist die Dänin Pernille Harder für die Rekordablöse von kolportierten 385 000 Franken, vom VfL Wolfsburg zum FC Chelsea gewechselt.

Eben hat die WSL einen Deal über drei Jahre mit der BBC und Sky Sports ab­ geschlossen. Ab der kommenden Saison werden 66 Spiele pro Saison gezeigt, die meisten zur besten Sendezeit, was der Liga rund 18 Millionen Pfund pro Saison einbringt. Die WSL zeigt, was im Frauenfussball möglich ist. Als Profis können sich Spielerinnen ganz auf den Fussball konzentrieren, sie müssen nicht neben  61


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Experimente mit E-Sport

Es wäre der nächste logische Schritt in der Entwicklung. Und dabei geht es in erster Linie gar nicht mal um «Equal Pay», sondern um «Equal Play». Als Anja Mittag anfing, bekam sie ihr Geld noch in Umschlägen, und von Sieg- und Punkteprämien war keine Rede. Das hat sich mit den Jahren geändert. Mittag sagt: «Wenn ich überlege, was ich in meinem ersten Jahr Bundesliga bekommen habe und was man heute bekommt, ist das eine sehr gute Entwicklung.» Auch wenn sie nicht daran glaubt, dass Frauen im Fussball jemals so viel verdienen werden wie Männer. Aber es geht ihr auch mehr um die Bedingungen, unter

«Junge Mädchen sollen Spielerinnen wie Pernille Harder oder Dzsenifer Marozsán nacheifern und nicht Messi oder Ronaldo.» Weibliche Vorbilder seien entscheidend für die Zukunft des Frauenfussballs, findet Anja Mittag.

denen Frauen trainieren und spielen: «Equal Play» eben. Und dann zählt sie auf, was ein Verein wie RB Leipzig den Fussballerinnen bietet. Die Trainings­qualität, die guten Plätze, es gibt Vormittags­ einheiten, die sie selbst als Trainerin ­leitet, die Spielerinnen haben einen ­SoccerBot360 für kognitives Training, können einen Bus im Look von RB Leipzig für die Auswärtsspiele nutzen, und sie ­bekommen Mittagessen in der Akademie. «Solche Dinge hatte ich in Wolfsburg oder Paris, aber dass wir sie bei einem Verein in der 2. Liga haben, zeigt, was sich tut im Frauenfussball.» Und vielleicht ist der Frauenfussball in mancher Hinsicht sogar weiter als der Männerfussball, innovativer. Kaum vorstellbar, dass es bei den Männern einen Spieler gibt, der wie Lena Güldenpfennig gleichzeitig in der E-Sport-Bundesliga spielt und so Vorbild ist für viele junge

Erfolgreiche Karriere: Anja Mittag (li.), hier noch als aktive Spielerin, freut sich mit ­Josephine Henning über deren Treffer gegen Italien in der Vorrunde der Euro 2020.

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Spielerinnen. Sie zeigt, dass beides geht, man muss sich nicht entscheiden, was möglicherweise ganz neue Wege eröffnet in Zeiten, in denen E-Sport unter Jugendlichen so beliebt ist. Anja Mittag sagt: «Wenn sich Mädchen für E-Sport inter­ essieren, bekommen sie auch ein besseres Verständnis für den Fussball.» 1995 sagte der damalige FIFA-Präsident Sepp Blatter, die Zukunft des Fussballs sei weiblich, und zeigte sich damit erstaunlich visionär. Auch wenn es gedauert hat und das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist.

Vorkämpferinnen mit Podcast

Vor allem die mediale Wahrnehmung hinkt der Entwicklung hinterher – zumindest in Deutschland. In Schweden wurde schon vor zehn Jahren in den ­Medien gleichberechtigt über Frauenund Männerfussball berichtet. «Das war wirklich eine sehr beeindruckende Er­ fahrung», sagt Anja Mittag, «in Schweden habe ich gemerkt, dass es möglich ist, man muss es nur wollen.» Sie erzählt, wie sie kürzlich versucht hat, sich im Internet die Highlights des Champions-League Halbfinales zwischen Bayern und Chelsea anzuschauen und nicht wusste, auf welcher Seite sie suchen sollte. Es gibt sie nämlich nicht, die zen­ trale Vermarktung des Frauenfussballs, einen Streaming-Dienst, der alle Spiele überträgt oder zusammenfasst. «Wird aber Zeit», sagt Mittag, die sich, wie ­andere bekannte Spielerinnen, sehr für die Zukunft des Frauenfussballs einsetzt. Auch, indem sie offen über Frauen­ fussball reden, wie in dem Podcast, den sie zusammen mit ihrer ehemaligen Mitspielerin Josephine Henning betreibt. «Wir müssen Pionierarbeit leisten für die Generation, die nach uns kommt», sagt Anja Mittag, «ich glaube, wir Frauen ­sehen darin eine Chance – wir sind gewillt, nach Veränderung zu suchen.» Und dann spricht sie davon, wie ­wichtig weibliche Vorbilder für die Zukunft des Fussballs seien und dass sie auch d ­ eswegen die stete Professionalisierung brauchten. Damit junge Mädchen wissen, dass sie die Möglichkeit haben, Profi-Fussballerin zu werden, und alles geben, um einmal so gut zu werden wie eine Pernille Harder oder eine Dzsenifer ­Marozsán und nicht wie ein Messi oder Ronaldo. Das, sagt Anja Mittag, sei ihr grösster Wunsch. THE RED BULLETIN

GETTY IMAGES, MAKE-UP: ANDREAS BERNHARDT/BASICS

her eine Ausbildung machen oder in ­einem anderen Job arbeiten, so wie viele Frauen in der Bundesliga. Auch Anja ­Mittag kennt das vom Beginn ihrer Karriere, als sie von 7 bis 16 Uhr bei der Arbeit war, dann schnell nach Hause fuhr, ein Brot ass und um 17 Uhr zum Training kam. Sie sagt: «Dass Spielerinnen in ­England nebenher keinen Job haben müssen, ­sondern unter denselben Bedingungen trainieren können, ist grossartig. Schliesslich ist Fussballerin auch ein ­Beruf, den du zu hundert Prozent ausüben möchtest. Von der WSL sollten wir in Deutschland lernen, es muss unser Ziel sein, dahin zu kommen.»


«Dass Spielerinnen in England nebenher keinen Job haben müssen, ist grossartig. Davon sollten wir in Deutschland lernen.» Anja Mittag wünscht sich Verhältnisse wie in der englischen Profi-Liga WSL.

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Seit Meisterschützen wie LIONEL MESSI jede Art von Freistossmauer über­ winden, wird der Mauerbau immer kreativer: Verteidiger werfen sich zu Boden, sprinten ins Tor. Und scheitern dennoch. Zeit für unkonventionelle Lösungen.

DIE MAUER WIRD SCHLAUER

WIE MAN MESSI STOPPT WAS BISHER NICHT GEKLAPPT HAT …

hochspringende Mauer

Strategie: DRÜBERSCHIESSEN Resultat: TOR Barcelona – Liverpool, Champions-League-­ Halbfinale 2019, Distanz 29 Meter: Der Respekt vor Messi ist Gomez, Matip, Fabinho und Firmino (v. li.) anzusehen.

Strategie: FLACH UNTEN DURCHROLLEN Resultat: TOR Barcelona – Girona, Liga 2018: Diese besonders freche ­Variante klaute Messi von seinem Mentor Ronaldinho. Der traf so schon 2006 gegen Werder Bremen.

hochspringende Mauer + liegender Spieler

hochspringende Mauer + liegender Spieler + zur Torlinie sprintender Spieler

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Strategie: NOCH PRÄZISER SCHIESSEN Resultat: TOR (bzw. Eigentor des Verteidigers) Barcelona – Sevilla, Liga 2019: Der Ball ist schneller im Tor als Verteidiger Carriço auf der Linie. Wenige Monate davor war Espanyol-Spieler Sanchez zwar schnell genug, köpfte den Ball aber ins eigene Tor.

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Strategie: PRÄZISE DRÜBERLUPFEN Resultat: TOR Barcelona – Bilbao, Liga 2021: Um den Schuss unter die Mauer zu blocken, legt sich Muniain (Nr. 10) hin – und sieht das 1:0 aus völlig neuer Perspektive.

CHRISTIAN EBERLE ABASOLO

STEFAN STRATIL

klassische Mauer


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… WAS IN ZUKUNFT KLAPPEN KÖNNTE

Extrem grosse Spieler verpflichten Die Durchschnittsgrösse von Fussballern liegt bei 1,81 Metern. Immer noch zu wenig. Die Chicago Bulls messen aktuell im Schnitt 2,06 Meter. Zeit also, Basketballer anzuheuern. NACHTEIL: Die fussballerischen Skills von Basketballern sind, nun ja, begrenzt.

Den Teambus vor dem Tor parken Jahrelang als Metapher für die unansehnliche Defensivtaktik von Star-Trainer José Mourinho verwendet, könnte der echte Mannschaftsbus als unüberwindbare Mauer die Lösung sein. NACHTEIL: Braucht eine Regeländerung. Obwohl wir den Passus «Busse sind auf dem Spielfeld verboten» bisher in keinem Regelbuch gefunden haben.

Keine Mauer bauen, damit der Goalie besser sieht Mancher Freistossschütze nutzt die Mauer als Wegweiser Richtung Torerfolg. «Einfach drüberzirkeln, und drin ist das Ding.» Ergo: keine Mauer, kein Wegweiser, kein Tor. Schliesslich hat der Torhüter dann auch freie Sicht. NACHTEIL: Freie Bahn für Meisterschützen (siehe linke Seite).

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Nie zuvor schickten die USA so viele Top-Talente in die Welt: Trainer Jesse Marsch, Akademie-Leiter Sean McCafferty und Jungspieler Tyler Adams über das Ausbildungswunder ihres Landes, das seinen Erfolg wie einen Börsengang plant.

DIE USA HOLEN DEN WM-TITEL

DAS FUSSBALL-START-UP Text: Jürgen Schmieder

Die USA können die Weltmeisterschaft 2026 gewinnen.

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Dest (20, FC Barcelona), Yunus Musah (18, Valencia CF), Brenden Aaronson (20, Red Bull Salzburg), und natürlich spricht er von Tyler Adams. Der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler von RB Leipzig ist das beste Beispiel dafür, wie es diesem Fussball-Start-up gerade geht. «Ich habe mich erst richtig auf Fussball konzentriert, als ich im Alter von zwölf Jahren an der Red Bulls Academy aufgenommen worden bin», sagt Adams, Das US-Fussball-Nationalteam beim Training in Bradenton, Florida

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Das klingt verrückt, klar. Vor allem, wenn so eine Ansage aus einem Land kommt, das noch nie übers Viertelfinale einer Weltmeisterschaft hinausgekommen ist, dessen Nationalelf die Qualifikation fürs letzte WM-Turnier auf blamable Weise verpasst hat und dessen U23 in der Olympia-Quali gerade an Honduras gescheitert ist. Dazu kommt, dass die Profiliga Major League Soccer (MLS) im Vergleich zu europäischen Topligen noch immer als zweitklassig gilt. Obwohl: Sind nicht Leute, die verrückt genug sind zu glauben, sie könnten die Welt aus den Angeln heben, genau die, denen es am Ende gelingt? Das war im Übrigen auch die Botschaft der Apple-Werbung aus dem Jahr 1997, der Slogan dazu lautete Think different – denke anders. Und genau das tun sie nun endlich in den USA. Deshalb, nur so ein Gedanke: Wie wäre es, würde man den amerikanischen Fussball einmal nicht als Verband betrachten, die MLS nicht als Liga und ­einen Klub wie die New York Red Bulls nicht bloss als Verein; sondern als riesiges Start-up? Und die Weltmeisterschaft in fünf Jahren als Börsengang? Welchen Prospekt würde dieses Fussball-Start-up derzeit den Investoren vorlegen? «Wir hatten noch nie so viele talentierte Spieler wie jetzt», sagt Nationaltrainer Gregg Berhalter. «Der Kader ist extrem jung, viele werden bei der HeimWM auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sein.» Berhalter redet von Christian ­Pulisic (22 Jahre, Chelsea FC), Giovanni ­Reyna (18, Borussia Dortmund), Weston McKennie (22, Juventus Turin), Sergiño

und diese Beobachtung ist bedeutsamer, als es zunächst scheint. Er stammt aus der Kleinstadt Wappinger, etwa eineinhalb Autostunden nördlich von New York City; hätte er 15 Jahre früher das Licht der Welt erblickt, dann wäre er heute vielleicht Basketballprofi (seine zweitliebste Sportart als Kind), weil so jemand damals ganz einfach nicht für den Fussball entdeckt worden wäre. Die MLS füllte die Kader der Vereine damals mit alternden Stars aus Europa statt mit heimischen Talenten. Das lag daran, dass die Ausbildung junger Sportler in den Vereinigen Staaten völlig anders funktioniert als in Europa.

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Dossier Fussball Profitruppen wie der Basketballverein Los Angeles Lakers kümmern sich nicht um Nachwuchs, das übernehmen zuerst Organisationen wie die Amateur Athletic Union (AAU) und später Schulen und Universitäten; die Klubs be­dienen sich beim jährlichen Draft (der Rekrutierung von Nachwuchsspielern) aus dem Talentepool. Basketball-Superstar Kobe Bryant etwa, aufgewachsen in Philadelphia, ­hätte seine Karriere gemäss dem euro­ päischen System bei den Philadelphia 76ers begonnen. In der US-Sportkultur wählten ihn die L. A. Lakers und gewannen mit ihm fünf Meisterschaften.

Drei Millionen potenzielle Stars

Das Wachstum, das jedes Start-up in der Anfangsphase dringend braucht, war ohne Zweifel da: Derzeit spielen in den USA knapp drei Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren Fussball. Was bis jetzt fehlte, war ein Weg, zum ­gelobten Fussball-Land zu werden – das sind immer noch Europa und Südamerika. Auch das ärgerte die Ameri­ kaner. Schliesslich sind sie es gewohnt, in allen Sportarten selbstverständlich zu den Besten zu gehören; den besten Ligen eine Heimat zu bieten und damit die ­bedeutendsten Titel zu vergeben (interessiert irgendwen die WM in Football oder Baseball?). Es war ungeheuerlich, was Vereine wie die New York Red Bulls da für eine Kultur importiert haben – doch genau das ist der Grund, warum die Amerikaner bei der Fussball-WM

2026 wettbewerbsfähig sein werden. «Es war die perfekte Umgebung, um Fussballprofi zu werden», sagt Tyler Adams über die Red Bulls Academy, die 2005 gegründet wurde, kurz vor der Über­nahme des Vereins durch Red Bull. Dass dieses Engagement erst Jahre später Früchte zu tragen beginnt, fügt sich in den Start-up-Gedanken. In der Akademie werden Fussballer ab zwölf Jahren ausgebildet, sie muss sich nicht hinter der Jugendarbeit grosser euro­ päischer Vereine verstecken. «Etwa 40.000 junge Leute kommen pro Jahr mit unserem Projekt in Berührung»,

Amerikanische Fans im Stadion in San José, Kalifornien: Bei der Heim-WM 2026 wird die USA den begabtesten Kader ihrer Geschichte aufbieten können. THE RED BULLETIN

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sagt Akademie-Leiter Sean McCafferty. «Wir suchen wirklich überall nach Talenten, wir fördern Trainer, und ich glaube, dass es kein Zufall mehr ist, dass wir nun US-Profis sehen, die auch taktisch besser ausgebildet sind.» Wie Tyler Adams, der auf vielen Positionen eingesetzt werden kann. Im Alter von 16 Jahren musste er eine schwerwiegende Entscheidung ­treffen – eine, die die meisten Amerikaner so nicht kennen. Die Red Bulls boten ihm im März 2015 einen Profivertrag an – in Europa völlig normal, in den USA ein Problem: Wer als Teenager mit Sport Geld verdient, darf kein Stipendium an einer Uni annehmen. Das allerdings ist das Ziel vieler junger Leute: sich über Sport das in den USA sündhaft teure Studium (an Elite-Unis kosten vier Jahre inklusive aller Gebühren, die die Sportfakultät bei Talenten komplett übernimmt, schon mal 300.000 Dollar) zu finanzieren. Den Profivertrag zu unterschreiben war für Adams ein Risiko: «Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich eine Uni besuche, aber sie hat verstanden, dass dies der richtige Weg für mich ist.»

«Wir wollen in den USA immer sofort die Besten sein und nicht über den langwierigen Prozess bis hin zum Erfolg nachdenken.» Jesse Marsch, 47, Coach Red Bull Salzburg, ab Sommer RB Leipzig

Geduld muss noch geübt werden

Es ist erstaunlich, wie sie umgedacht ­haben im US-Fussball, und keiner könnte das besser beurteilen als Jesse Marsch. Als Spieler absolvierte er die traditionelle amerikanische Sportlerkarriere: CollegeStipendium an der Princeton University in New Jersey, 14 Jahre MLS-Profi. Dann Trainer beim US-Verband und in Princeton, gefolgt von Jobs auf der Trainerbank der New York Red Bulls, RB Leipzig, Red Bull Salzburg (und ab Sommer wieder RB Leipzig). «Wir wollen in den USA

Ausbildungsliga? Unerhört!

Das ist ein weiterer Aspekt, den US-Fussballvereine mittlerweile verinnerlicht ­haben: Sie müssen den Talenten, die sie ausbilden, eine Perspektive bieten, und an Adams wird das Alleinstellungsmerkmal der Red Bulls sichtbar. «Mein Mentor Jesse Marsch hat mir einen Weg auf­ gezeigt, wie das klappen könnte mit dem Profifussball», sagt Adams. Der Plan sah so aus: Spielzeit bei Red Bulls II, Training mit den Profis – also genau das, was zum Beispiel Thomas Müller beim FC Bayern durchlaufen hat. Adams musste nicht, wie es etwa bei Christian Pulisic der Fall war, als Teenager nach Europa über­ siedeln; er konnte sich Zeit lassen: «Ich konnte hier reifen, auch als Mensch; ich konnte meinen Schulabschluss machen – und war dennoch Profi.» 2016, mit siebzehn, gab er sein MLSDebüt, zwei Jahre später gewann er mit den Red Bulls den Grunddurchgang der Saison, und im Januar 2019 trat ein, was ihm New York als Schlagobers-Häubchen obendrauf bieten konnte: die Brücke nach Europa aufgrund der Verbindungen nach Salzburg und Leipzig. Er folgte seinem Mentor Marsch, damals Co-Trainer in Leipzig, in die Bundesliga. Bemerkenswert ist, was Akademie-Leiter McCafferty über den Transfer sagt: «Wir haben von ihm profitiert, er hat von uns profitiert – und nun profitieren Leipzig und die USNationalelf davon. Für uns ist das ein ge68

waltiger Erfolg.» So eine Aussage klingt für einen Europäer, McCafferty ist Ire, völlig normal – in den USA ist so etwas ­unerhört. Es ist unvorstellbar, dass die Lakers über einen Spieler sagen würden: «Den haben wir jahrelang gefördert, jetzt rockt er eine andere Liga und hilft dem Dream Team: gewaltiger Erfolg für uns.» Doch genau das mussten die Amerikaner akzeptieren: dass die MLS derzeit eine Ausbildungsliga für die ganz grossen T ­ alente ist. «In 20 Jahren können wir vielleicht versuchen, einen wie Adams ein bisschen länger zu halten», sagt McCafferty. «Die Realität derzeit ist eine andere, aber wir sehen die ersten Früchte unserer Arbeit. Das ist nur der Anfang.»

Talentepool: Ein Nachwuchs-Team der New York Red Bulls schwört sich auf das Spiel ein. Bis man die besten Spieler in der US-Liga halten kann, wird es wohl noch eine Weile dauern.

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«Etwa 40.000 junge Leute kommen pro Jahr mit unserem AkademieProjekt in Berührung.» Sean McCafferty, 42, Leiter der New York Red Bulls Academy

GEPA-PICTURES.COM, NEW YORK RED BULLS(2), GETTY IMAGES, MOTIVIO/THOMAS EISENHUTH

Das Gesicht des US-Nationalteams: Christian ­Pulisic, 22, hier mit der Nummer 10 in einem Freundschaftsspiel gegen Italien.

i­ mmer sofort die Besten sein und nicht darüber nachdenken, dass diesem Erfolg oftmals ein langwieriger Prozess vorausgeht», sagt er. «Wir sehen jetzt die ersten Produkte eines Systems, das wir vor mehr als 15 Jahren eingeführt haben.» Es sei nun leichter, Talente (und deren Eltern, die ein anderes Sportsystem gewohnt sind) von den Fussball-Akademien zu überzeugen, wenn es Vorbilder wie Tyler Adams gibt und die heimische MLS keine Rentner-, sondern eine Talente-­ Liga ist: «Junge Leute dürfen nun davon träumen, internationale Stars zu werden. Das hat sich verändert, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir noch ­einen ­weiten Weg vor uns haben.» Bei aller Freude über den Erfolg: Alle wissen, dass sie bloss die ersten Kilometer eines Marathons absolviert haben. Der nächste wichtige Schritt: «Wir brauchen qualifizierte Jugendtrainer, die Grundschulkindern die Basics beibringen: nicht nur Technik, sondern auch Spielfreude, Taktik, Psychologie – was eben im jeweiligen Alter notwendig ist», sagt Marsch. «Wir dürfen Talente nicht erst in den Akademien fördern, sondern schon auf Bolzplätzen dafür sorgen, dass sie diese Kultur verinnerlichen.» Oder, in ­aller Deutlichkeit: dass ein Talent nicht zu ­einer Sportart wie Basketball oder Baseball wechselt, weil der Fussball­trainer ahnungslos ist und der Coach der konkurrierenden Disziplin ein Ex-Profi oder ein bestens ausgebildeter Trainer. Kinder merken so was. Was noch fehlt: eine adäquate Aus­ bildung ausserhalb der MLS-Akademien; eine Ligenstruktur wie in Europa, vielleicht sogar mit Auf- und Abstieg, sowie THE RED BULLETIN

«Ich konnte Profi sein, gleichzeitig die Schule abschliessen und als Mensch wachsen.» Tyler Adams, 22, Mittelfeldspieler RB Leipzig

semiprofessionelle Teams in ländlichen Gebieten, was noch engmaschigeres Scouting erlauben würde. Die Möglichkeit, als Teenager einen Profivertrag zu unterschreiben – und dann, sollte es nicht klappen mit der Karriere, doch ein Stipendium an einer Uni annehmen zu dürfen: Profi Adams, Trainer Marsch und Akademie-Leiter McCafferty haben all das erkannt. Sie haben im US-Fussball das getan, was auch Tech-Start-ups tun: Sie haben eine Branche aufgewirbelt, in diesem Fall den US-Jugendsport. Wie ein junges ­Unternehmen haben sie sich umgesehen

in der Welt, ein paar Ideen übernommen und sie mit der amerikanischen Kultur verbunden. Profivereine sichten Talente selbst und bilden sie aus. Sie akzeptieren, den besten Spielern vorerst nur als Sprungbrett nach Europa zu dienen – diese Sorte Bescheidenheit ist keine amerikanische Tugend. Dazu: Geduld bei der Entwicklung des Systems – auch das ist keine typisch amerikanische Eigenschaft. Ziel ist es, mit den etablierten US-Sportarten um Talente zu konkur­ rieren. Sie müssen nicht mehr David Beckham oder Zlatan Ibrahimović holen, amerikanische Kinder haben nun Tyler Adams als Poster im Zimmer hängen. Das Trikot von Christian Pulisic ist nach dem von Lionel Messi Topseller im Land.

Heim-WM als Brandbeschleuniger

Der Erfolg bei einer WM lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad planen; die Deutschen vergessen etwa bei den Er­ innerungen an den Weltmeistertitel 2014 oft, dass ihre Nationalelf im Achtelfinale gegen Algerien dem Scheitern nahe war. Was die Amerikaner jedoch wissen: Sie haben 2026 zur WM den begabtesten Kader ihrer Geschichte, und vielleicht ist die Heim-WM (bei der Gastgeber oft ­weiter kommen, als es die Qualität des Kaders vermuten lassen würde) auch das, was sie 2006 für Deutschland gewesen ist: die Grundlage für spätere Erfolge. Die US-Fans sind nicht verrückt, wenn sie glauben, dass ihre Nationalelf weit kommen kann bei der WM 2026 im eigenen Land. Sie werden ihren Schlachtruf brüllen, nur wird dahinter eher gesundes Selbstbewusstsein als Grössenwahn ­stehen: «I believe that we will win!»   69


Eiskammer, Filterbrillen, Spezialernährung, Gehirntraining, minutengetakteter Schlaf, Klavierstunden: wie sich Fussball-Weltstars mit erstaunlichen Methoden schneller, fitter und manchmal sogar ein bisschen unsterblicher machen.

BIOHACKING WIRD STANDARD

DER OPTIMIERTE KICKER Text: Stefan Wagner  Illustration: Stuart Patience

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obert Lewandowski ist der offiziell beste Fussballer der Welt. Cristiano Ronaldo ist der offiziell zweitbeste Fussballer der Welt, was ­angesichts ­seiner stabil überirdischen Performance nicht nur er selbst für einen diskussionswürdigen Zustand hält. Zlatan Ibrahimović rettet das schwedische Nationalteam und mischt nebenbei die italienische Serie A auf. Lewandowski ist 32 Jahre alt, Ronaldo 36, Ibrahimović 39. Was ist da los im Weltfussball? Werden die guten Spieler immer ­älter? Oder die älteren Spieler immer besser? Und ist das alles Zufall? Oder der ­Beginn eines Trends, der den Fussball für immer verändern wird? Sehr wahrscheinlich ist das alles kein Zufall. Sehr wahrscheinlich werden Fussballer-Karrieren auch an der absoluten Spitze in Zukunft deutlich länger dauern als bisher. Und ganz sicher hat all das mit einem Begriff zu tun, den man in letzter Zeit immer öfter hört: «Biohacking». Biohacking fasst, grob gesagt, alles zusammen, was Menschen eigenverantwortlich tun, um ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit, ihre Lebensqualität und Langlebigkeit zu optimieren. Sie schwitzen in der Infrarotsauna, sie me­ ditieren, sie messen ihre Herzratenvariabilität und die Dauer ihres Tiefschlafs, sie schlucken Nahrungsergänzungsmit70

telkapseln im Dutzend, manche buchen geheimnisvolle Selbstfindungs-Retreats im Amazonasdelta. Stars der stark wachsenden globalen Szene sind die Amerikaner Dave Asprey, Ben Greenfield oder Tim Ferriss; bekanntester deutscher Biohacker ist Andreas Breitfeld. Er macht in seinem Münchner Labor sogar einige der spannendsten Gadgets und Tools für jedermann zugänglich: von der hyperbaren Sauerstoffkammer bis zum Stirnband, das Gehirnwellen beim Meditieren misst, von Rotlicht-Panels in ausgewählten Nanometer-Bereichen bis zum Inhalations­ gerät von «Exclusion Zone»-Wasser. («The Red Bulletin INNOVATOR» hat Breitfeld in Ausgabe 02/20 ausführlich vorgestellt.) Nun gibt es die ersten Biohacker ­unter den Fussball-Profis – und der Erfolg gibt ihnen recht: Neben Lewandowski, Ronaldo und Ibrahimović gehen vor ­allem Erling Haaland, 20, und Serge Gnabry, 25, neuartige Wege in der Selbstoptimierung. Bei Gnabry ist daran sein Berater nicht ganz unschuldig: Hannes Winzer, Co-Founder von ROOF, einer der fünf grössten Spieleragenturen der Welt, ist privat selbst ein ambitionierter Biohacker.

Robert Lewandowski Erst Kuchen, dann Suppe Anna Lewandowska, ­Fitnesstrainerin, hat die Ernährung ihres Mannes umgestellt: keine Kuhmilchprodukte, kein Weizen, kaum Zucker. «Und weil es meiner Verdauung hilft, esse ich zuerst den Nachtisch, dann die Vorspeise, dann die Hauptspeise», sagt der Weltfussballer. Zuerst Kuchen, dann ­Suppe? «Ja. Weil Kohlenhydrate schneller verdaut werden als Proteine.» Was kann der Hobby-Athlet von Robert Lewandowski ­lernen, Andreas Breitfeld? «Kuchen vor der Suppe essen? Ist kein Muss. Kann aber sinnvoll sein, sagt der deutsche Biohacking-­ Experte. Unter zwei Bedingungen. Erstens: Du verbrennst Kalorien wie ein Spitzensportler. Zweitens: Du hast gerade trainiert. Denn dann sind die Glykogenspeicher in Leber und Muskeln leer. Die saugen jede Art von Kohlenhydraten auf, also auch kurzkettige wie Zucker, da kann man also auch mal irgendeinen Süssigkeiten-Schrott einwerfen. Und danach in Ruhe höherwertiges Protein und gutes Fett. Achtung: CouchAthleten futtern sich mit der Kombi aus Zucker und Fetten eine Wampe an, egal in welcher Reihenfolge.» THE RED BULLETIN


Torte für den Torjäger: Robert Lewandowski, 32, isst sein Dessert vor Suppe und Hauptspeise. Das erhöht sein Wohlbefinden.

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Winzer sieht Biohacking im Profi-­ Fussball «als die beste Möglichkeit, diese ‹marginal gains› zu erreichen, nach denen alle suchen, diese ein, zwei Prozent Verbesserung, die dann letztlich den entscheidenden Unterschied ausmachen, diesen einen gewonnenen Zweikampf in der Verlängerung, diesen einen schnelleren Schritt vor dem Siegestor. Also die Details, die dann die extra Siege bringen und die extra Titel.» Winzer holt sich von Breitfeld in ­dessen Münchner Lab Inspirationen, er selbst testet auch die experimentelleren Geräte. «Meinen Spielern empfehle ich aber nur, was in ihr Leben passt, womit sie sich wohlfühlen. Man soll und kann da nichts übers Knie brechen. Fussball ist im Denken und in seinen Strukturen eine traditionelle, konservative Sportart, die mit Innovationen, sagen wir’s so, nicht gerne überfordert wird.» Auf Dauer sieht Winzer die Methoden des Biohacking im Spitzenfussball aber als unaufhaltsam. «Das ist in manchen Bereichen – wie zum Beispiel der Re­ generation – ein No-Brainer. Die Daten sind eindeutig, die Forschungslage ist ein­deutig, die Ergebnisse sind eindeutig. Dass ein Profi zum Beispiel am Abend seine Augen vor Blaulicht schützt, um besser schlafen zu können, wird in ein paar Jahren nicht mehr eigenartig sein, sondern selbstverständlich.»

Erling Haaland Ein Mann sieht orange Leistungsoptimierung beginnt beim Schlaf, das spricht sich bei immer mehr Spitzensportlern herum. Erling Haaland verwendet als einer der ersten Profi-Fussballer eine sogenannte Blueblocker-Brille mit orange eingefärbten Gläsern, die die Augen abends vor dem Blaulicht-Frequenzbereich (Handy-Screen, Monitor, TV-Gerät, LED-Beleuchtung …) schützen. Denn dieses Blaulicht hemmt 72

die Bildung des Ein- und Durchschlafhormons Melatonin – und ohne ausreichend Melatonin keine gute Regeneration. Was kann der Hobby-Athlet von Erling Haaland lernen, Andreas Breitfeld? «Blueblocker-Brillen sind ein extrem wirksamer AnfängerBiohack. Funktioniert garantiert – bei jungen Menschen besser als bei älteren, weil die natürliche MelatoninProduktion ab etwa Mitte vierzig nachlässt. Die besten Ergebnisse bringen orange gefärbte Brillen zwei bis drei

Erling Haaland, 20, trägt am Abend eine Brille mit orangen Gläsern gegen Blaulicht, um besser schlafen zu können. Stunden vor dem Zubett­ gehen, die man in der letzten Stunde gegen rot gefärbte wechselt. Es gibt grosse Qualitätsunterschiede, wir haben einmal das Angebot professionell durchgetestet. Goldstandard sind die Marken TrueDark, Innovative Eyewear, Ra Optics und BLUblox.» THE RED BULLETIN


Dossier Fussball

Zlatan Ibrahimović Ice, Zlatan Der ewig junge Altstar ­vertraut der Kältetherapie im Wim-Hof-Style, wie er selbst am 30. Dezember auf Instagram postet: Da warf er sich, nur mit Badehose bekleidet, in den frisch gefallenen Schnee seines Mailänder Gartens. Wie viele andere (etwa Cristiano Ronaldo oder der englische Klub Leicester City) vertraut er auch den magischen Kräften einer Cryokammer. Das ist eine Art Negativ-Heimsauna, bis zu minus 82 Grad kalt. Rund drei Minuten pro Tag verbringt man in diesem begehbaren Tiefkühlraum, die Kälte versetzt den ­Körper in einen Schock, die Blutgefässe verengen sich, um sich später ­wieder zu weiten und den Körper mit Blut voller ­entzündungshemmender Stoffe zu fluten.

rieren will, schon. Eine kalte Dusche am Morgen, mindestens drei Minuten, bringt ­unglaubliche Gesundheits-­ Benefits auf vielen Ebenen. Für den Einsteiger kann es auch weniger sein oder auch Kalt-warm-Wechselduschen. Ausprobieren, durchbeissen – wirkt Wunder!»

Zlatan Ibrahimović, 39, schwört zur Regeneration auf eine ­sogenannte Cryokammer, also einen begehbaren Tiefkühlraum.

Was kann der Hobby-Athlet von Zlatan Ibrahimović ­lernen, Andreas Breitfeld? «Kälte ist genial. Ich rate ­jedem, sich mit Kälte zu beschäftigen, ein super Einstieg ist Josephine Worsecks Buch ‹Die Heilkraft der Kälte›. ­Wesentlich für den Sportler ist das Timing. Vereinfacht gesagt: Wer Muskeln aufbauen will, sollte nicht direkt nach dem Training in die ­Kälte. Wer schneller regene-

THE RED BULLETIN

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Dossier Fussball

Cristiano Ronaldo Der Mann, der sechsmal schläft Legendär ist Cristiano ­Ronaldos Schlafrhythmus vor grossen Spielen: Er hält sechs neunzigminütige ­Nickerchen, verteilt über 24 Stunden (bei jedem ­Nickerchen muss es ein frischer Pyjama sein). Und er isst an diesen Tagen sechs Mahlzeiten: Frühstück, zwei Mittag­ essen, ein Snack und zwei Abendessen. Klarerweise verzichtet der Perfektionist auch nicht auf die Vorteile der Kältetherapie. Ronaldo liess sich um 50.000 Franken eine Cryokammer nach Hause liefern. Was kann der Hobby-Athlet von Cristiano Ronaldo lernen, Andreas Breitfeld? «Polyphasischer Schlaf funktioniert wunderbar. Das ist gut erforscht, da gibt es keinen Zweifel. Der Nachteil: Kein Mensch schafft das. Sechsmal täglich punkt­ genau abtauchen, das lässt sich weder mit einem halb­ wegs normalen Berufsnoch mit einem erträglichen Familienleben vereinbaren. Aber sieben bis acht Stunden ordentlicher Nachtschlaf ­reichen normalerweise aus. Am besten schläft es sich übrigens, wenn das Schlaf­ zimmer komplett dunkel und kühl ist.»

Idealer Schlafrhythmus: Cristiano Ronaldo, 36, hält vor grossen Spielen sechs 90-minütige Nickerchen.

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NORMAN KONRAD

BIOHACKER ANDREAS BREITFELD QR-Code scannen und sein Labor entdecken THE RED BULLETIN


FLÜÜÜGEL FÜR DEN SOMMER.

MIT DEM GESCHMACK VON DRACHENFRUCHT.

NEU

BELEBT GEIST UND KÖRPER.


Die technischen Hilfmittel fürs Training werden immer smarter: Roboter-Ärzte, virtuelles Elferschiessen (mit eingespielten Buhrufen) oder digitale Schienbeinschützer können bald den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen.

COMPUTER ÜBERNEHMEN DAS COACHING

TECHNIK-TRAINING Text: Marc Baumann

Auf dem «ddrobotec»Einsitzer trainieren Sportler ihre Beine mittels feinfühliger Pneumatik (Druckluft).

nervenaufreibenden Wettläufe mit der Zeit: Ärzte und Physiotherapeuten. Selten kennt man ihre Namen – vom legendären Dr. Müller-Wohlfahrt einmal abgesehen. Ein zweiter Name, den man sich merken sollte: «ddrobotec». So heisst der RoboPersonal-Trainer, der wie eine Beinpresse mit Monitor aussieht. Feinfühlig achtet die Maschine darauf, verletzte Muskeln nicht zu sehr zu belasten. Bei gesunden Sportlern geht das Gerät an die Grenze, aber nicht dar­ über. Der Clou: Die Übungen kommen wie Videospiele daher, das bedeutet Spielspass statt Kraftschinderei. ddrobotec.com

Digitaler Personal Trainer

Der Robo-Doc

Zu den Dramen des Fussballs gehört: die Reha. Im Jahr 2006 bangte ganz Deutschland, ob Philipp Lahm zur HeimWM gesund sein würde. Oder aktueller: Schafft Robert Lewandowski trotz Ver­ letzungspause Gerd Müllers Rekord von 40 Ligatoren? Die stillen Helden dieser 76

Beinpresse mit Monitor: Die Übungen sind an die individuellen Leistungsgrenzen angepasst und als kleine Spiele getarnt.

THE RED BULLETIN


Dossier Fussball

Fliegender Datensammler

Dieser Ball denkt mit

Wer sehen möchte, mit welchen Bällen wir in Zukunft spielen werden, der muss ordentlich Chips essen. Den «Smartball» der Hannoveraner Firma Sport Technology Systems gibt es nämlich erst mal nur in Pringles-Dosen zu gewinnen – während der Fussball-EM. Ende des Jahres soll es den mit Sensoren und künst­licher Intelligenz schlau gemachten Ball für alle im Handel geben. «Der Sport ­verliert zu viele Jugendliche an Videospiele, darum ist unser Gegner die Spielkonsole», erklärt der Firmengründer Lennardt Hachmeister. Er und sein Mitgründer, Ex-Bundes­ ligaprofi Fabian Ernst (HSV, Schalke, Bremen), setzen stark auf den Gamification-Ansatz – einen lockeren Mix aus Trainingseinheiten und lustigen Challenges. In einem zweiten Schritt soll der Smartball im Vereinsfussball etabliert werden und beispielsweise Amateurmannschaften helfen, ohne grossen technischen Aufwand an Leistungsdaten zu kommen. Beim Spielen mit dem Smartball merke man «im Look and Feel» keine Unterschiede zu handels­üblichen Matchbällen, sagt Hachmeister.

Ob die Smartball-Technologie in die Bälle anderer Marken integriert wird oder das Unternehmen die Bälle selbst herstellt, ist noch nicht entschieden. Jedenfalls kann der Smartball Geschwindigkeit, Effet, Flughöhe und damit die Präzision der Ballberührung ermitteln. Vom Schweizer Trainer Lucien Favre weiss man, dass er seinen Spielern gerne erklärt, wie wichtig es ist, den Ball perfekt zu treffen – es könnte also sein, dass sich der Chips-Konsum im Hause Favre bald dramatisch erhöht. sporttechnology.systems

Bis jetzt musste ein Ball nur gut fliegen, bald liefert er Daten zu Speed, Effet, oder Flughöhe. THE RED BULLETIN

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360-Grad-Simulator

Leinwand­ abenteuer

Nach verlorenen Spielen liegen Fuss­ baller oft die ganze Nacht wach, weil in ihren Köpfen die entscheidenden Spiel­ szenen in Endlosschleife laufen. Schlaf­ mangel macht sie nicht besser, sehr wohl aber der SoccerBot360. In dem Gerät lassen sich Spielszenen auf Knopfdruck simulieren. Der Spieler steht in der Trainingshalle auf Kunstrasen, umgeben von Leinwänden, auf die mal Gegner, mal Mitspieler, mal Tore projiziert werden. Der reale Ball muss schnell und präzise zum virtuellen Mitspieler gepasst werden. Ob im SoccerBot360, in dem RB Leip­ zig oder die Red Bull Fussball Akademie trainieren, oder in anderen Trainings­ stationen wie dem Footbonaut in Dort­ mund oder dem Skills.Lab des FC Bayern, die Idee ist immer dieselbe: Reaktion, Konzentration und Übersicht verbessern und messen. Das kann recht schweiss­ treibend werden, wenn etwa im Skills.Lab

Dank Virtual Reality können die Träger der Brille ein Fussball­spiel erleben, ohne sich echten Zweikämpfen aus­setzen zu müssen.

auf den Leinwänden zehn Mit- und Ge­ genspieler ­erscheinen und man binnen ­Sekunden den frei stehenden Mann in seinem Rücken erkennen soll. Und fürs Training der Nerven gibt es beim virtuel­ len Elfer ­buhende Fans vom Tonband.

Massarbeit: Im SoccerBot360 können Spieler im virtuellen Raum unter anderem ihre Passgenauigkeit trainieren.

soccerbot360.de

Virtueller Fussballplatz

Gedankenspiele Fragt man die Trainer der Red Bull ­Akademie in Salzburg-Liefering, welche technische Entwicklung sie spannend finden, hört man zwei Wörter: Virtual Reality. Bald wird es möglich sein, Spiel­ situationen inklusive Gegner, Fans und Wetter fotorealistisch nachzuspielen. Bis dahin gibt es schon mal Rezzil: Mit einer Datenbrille und Daten-Schien­ beinschonern (!) kann man einen virtuel­ len Rasenplatz betreten und diverse Übungen anwählen: Ballannahme mit anschliessendem Präzisionspass etwa, Volleyschüsse aufs Tor und sogar Kopf­ bälle zum virtuellen Mitspieler. Samt Ballgeräusch. Wer mag, kann sich in der Trainerperspektive Spielszenen aus der Sicht aller Spieler anschauen. Dass beim VR-Training der echte Ball fehlt, kann sogar ein Vorteil sein, wenn Spieler nach Verletzungen ohne Schuss­ belastung erst mal wieder die Bewegungs­ abläufe üben wollen. rezzil.com

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THE RED BULLETIN


Dossier Fussball Big-Data-Analysesystem

Kick, Trick & Track

Das im Shirt fixierte TrackingModul kommuniziert mit Sendern am Spiel­feldrand – 100-mal pro Sekunde!

Als Verteidiger gegen Kingsley Coman zu spielen gehört zu den Höchststrafen im Weltfussball. Der Bayern-Star ist irre schnell. Was kann man dem entgegen­ stellen? Zum Beispiel die Tracking- und Analysetechnik von Kinexon Sports. «Wir wissen, dass ein Aussenverteidiger gegen Coman in zehn bis zwölf Spiel­ situationen kommen wird, wo er fast aus dem Stand 22 bis 23 km/h schnell sprinten muss», erklärt Maximilian Schmidt, Mitgründer der Firma Kinexon Sports.

Mit seinen Daten kann der Abwehrspieler diese Duelle trainieren, Comans Laufwege durchspielen und Sprinttempi vergleichen. Schmidts Unternehmen hat mehrere­Trainingsplätze in der Red Bull Fussball Akademie mit sogenannter LPSTechnologie ausgestattet, weil sich Kinexon nicht mehr auf die etwas ungenauen GPS-Satellitendaten verlässt, sondern am Spielfeldrand eigene Sender installiert, die sich bis zu 100-mal pro Sekunde mit den T ­ rackern der Spieler austauschen. Aus den gewonnenen Daten lassen sich nicht mehr nur wie früher Lauf­ geschwindigkeit und -distanz erfassen, sondern die exakte Position jedes Spielers – damit wird seine Bewegung in Abwehroder Angriffsketten ausgewertet. Dass Kinexon mittlerweile auch den Ball trackt, macht den erhobenen Datenberg noch höher – und komplizierter. Aus den Trackingdaten versuchen die Vereine die entscheidenden Parameter gemäss der eigenen Spielphilo­sophie ­herauszulesen. «Big Data» ist an Sporthochschulen und in Trainerlehrgängen daher schon Teil der Ausbildung. Und auch Profis entdecken den Wert ihrer Trackingdaten: um an Schwächen zu arbeiten oder – wie Manchester-CityStar Kevin De Bruyne – valide Daten als gute Argumente bei der nächsten Vertragsverhandlung zu haben. kinexon.de

UMBRELLA SOFTWARE DEVELOPMENT GMBH

Mundstück-Assistent

Schutz fürs Köpfchen

Spätestens seit Deutschlands Christoph Kramer im WM-Finale 2014 den Schiedsrichter nach einem Zusammenprall gefragt hat, ob dies hier das WM-Finale sei, sind Gehirnerschütterungen im Fussball ein grosses Thema – zu oft gibt es harte Luftzweikämpfe, zu gefährlich sind die Spätfolgen von Kopfverletzungen. THE RED BULLETIN

Das Mundstück wird wie von Boxern über der oberen Zahnreihe getragen und misst Erschütterungen.

Die Firma SWA lässt deshalb aktuell ihren neuen Hightech-Mundschutz Protecht bei der U23 des FC Liverpool, den U18-Frauen von Manchester City und – um ganz sicherzugehen – auch noch beim englischen Rugby-Team Leicester Tigers testen. Das individuell angepasste Mundstück misst die Intensität aller Erschütterungen bei Kopfbällen oder Zweikämpfen, die Messung erfolgt dabei am Oberkiefer, der direkt mit dem Schädelknochen verwachsen ist. Das Teil sendet Daten in Echtzeit an das medizinische Team am Spielfeldrand, das dann Entscheidungen trifft. Damit wäre Christoph Kramer wohl nicht erst 15 Minuten nach dem Zusammen­ stoss vom Feld genommen worden. swa.one

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Der Norweger ERLING HAALAND gilt als grösste Stürmer-Hoffnung der Zukunft. Und als gefürchteter Interview-Partner. Weil er so wenig redet, wie Boxer IVAN DRAGO im Kultfilm «Rocky IV». Ein Zitate-Ratespiel der wortkargen Kampfmaschinen.

DAS QUIZ

WER HAT’S

GESAGT? Haaland oder Drago: Von wem stammen diese Kurz-Ansagen?

Lässt Fäuste sprechen: der heute 63-jährige Dolph ­Lundgren in seiner Parade­rolle als Boxer Ivan Drago

DIE AUFLÖSUNG 1. Ivan Drago, nachdem er von seinem Manager als Idiot bezeichnet wurde. 2. Erling Haaland auf die Frage, was das Geheimnis hinter seiner unglaublichen Torquote in der Champions League (heute 20 Tore in 16 Spielen) ist. 3. Erling Haaland auf die Frage, wie es ist, ohne Fans auf den Rängen spielen zu müssen. 4. Ivan Drago vor dem Beginn des Kampfes gegen Rocky Balboa. 5. Erling Haaland auf die Frage, ob er mit seinem Torjubel vor der leeren Tribüne eine Message an seine Fans senden wollte. 6. Erling Haaland auf die Frage, wie es sich anfühlt, der jüngste Spieler zu sein, der je einen Hattrick in der Champions League erzielt hat. 7. Ivan Drago vor der letzten Runde im Kampf gegen Rocky Balboa. 8. Ivan Drago vor dem Kampf gegen Apollo Creed.

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THE RED BULLETIN

IMAGO IMAGES, GETTY IMAGES

Lässt seine Tore für sich sprechen: Erling Haaland, 20, stürmender Super­star der kommenden Jahre

fight to win.» 2. «Work hard!» 3. «It’s shit.» 4. «I must break you.» 5. «Yes.» 6. «I feel very good.» 7. «To the end.» 8. «You will lose.»

CHRISTIAN EBERLE ABASOLO

1. «I


ANZ EIGE

must-haves

1

2

3

4

1  TIME FOR SHINY SNEAKERS

Das perfekte Tool für alle SneakerLiebhaber: Der Philips Sneaker Cleaner sorgt mit einer rotierenden Bürste und ca. 500 Umdrehungen pro Minute für eine schnelle und effiziente Reinigung. Er ist mit drei verschiedenen Bürstenaufsätzen, passend für unterschiedliche Materialien, erhältlich. Deine Sneaker sehen damit in kürzester Zeit wieder aus wie neu. philips.ch

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Die Strandtuch-Kollektion ist eine Hommage an den Sommer an der Riviera mit von Eiscreme inspirierten Designs. Ein Geschmack von Retro, fröhlich und farbenfroh, der an den italienischen Sommer der 60er-Jahre erinnert. ZigZagZurich arbeitet sowohl mit etablierten als auch neuen Künstlern und Designern an einzig­ artigen Kollektionen. zigzagzurich.com

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4  DER TREUE BEGLEITER

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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

ÜBER ALLE BERGE

SEBASTIAN MARKO/RED BULL CONTENT POOL

HANNES KROPIK

Mit Gleitschirmflieger Paul Guschlbauer auf den Spuren der Red Bull X-Alps

Paul Guschlbauer im Höhenflug in der Nähe des Mont Blanc

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GUIDE Reisen

«Die Strecke bietet grandiose Orte für Hobbysportler selbst aktiv zu werden.» Paul Guschlbauer über die Abenteuer entlang der Red Bull X-Alps-Route.

D

ie Red Bull X-Alps sind das härteste Abenteuer in den Alpen: Du hast einen Startplatz und ein Ziel; dazwischen gibt’s zwölf Kontrollpunkte in fünf Ländern – und kommst in viele Situa­ tionen, die du unmöglich vorhersehen kannst. Theoretisch könntest du die Strecke von Salzburg zum Mont Blanc an der schweizerisch-italienischen Grenze und zurück auch in einem Stück durchfliegen, das wäre sogar regelkonform. Praktisch sprechen die Naturgesetze dagegen: Irgendwann ist die Thermik weg, und du musst landen. Und von da, wo du landest, gehst du los – hinauf zu einem Punkt, von dem aus du wieder fliegen kannst. Wenn es sein muss, gehst du bei Schlechtwetter auch schon mal ein ganzes Tal entlang. 2021 finden die Red Bull X-Alps zum zehnten Mal statt. Ich habe mir in der Vorbereitung das rechte Sprungbein gebrochen, aber ich bin optimistisch, was meinen sechsten Start angeht – ich werde mich stärker aufs Fliegen konzen­ trieren. Es ist ja ein «Hike & Fly»-Event: Du fliegst – oder du gehst. Entweder der Gleitschirm trägt dich, oder du trägst den Gleitschirm. Es ist aber kein Rennen, an dem jeder teilnehmen kann. 33 aus­ gewählte Athleten dürfen an den Start gehen, es gibt eine Wertung für Damen und Herren. Doch die Regionen, die wir so flott wie möglich durchmessen, bieten auch für Hobbysportler grandiose Möglichkeiten, aktiv zu werden. Hier ein paar Beispiele aus meiner Erfahrung.

Biken auf Salzburgs Almen

Zum Beispiel Wagrain-Kleinarl in Salzburg, wo wir die Red Bull X-Alps am 17. Juni mit dem Prolog in Angriff nehmen: 84

Guschlbauer im Rennen: Fliegen ist schöner.

Die «Kleinarler Runde» ist eine heraus­ fordernde Bike-Strecke: 24,8 Kilometer lang, es geht 1046 Höhenmeter hinauf auf knapp 1800 Meter und genauso viele wieder hinunter, dazwischen liegen die Kitzsteinalm oder die Kurzeggalm als Rastpunkte mit toller Aussicht. Auch wenn wir in der Luft auf uns allein gestellt sind: Die Red Bull X-Alps sind ein Teamrennen. Mein Teamkollege – oder wie wir sagen: Supporter – ist der Werner Strittl. Er begleitet mich mit einem Camper zu ebener Erd’ durch Österreich, Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Italien zurück nach Österreich. Die Nachtruhe ist fix vorgegeben: Um 22.30 Uhr parkt der Camper, dort gehe ich schlafen, dort starte ich um 5 Uhr früh wieder los. THE RED BULLETIN


Red Bull X-Alps: die Route Es ist die längste Route in der Geschichte der Red Bull ­X-Alps: 1238 Kilometer müssen die Athleten bewältigen. Start ist in Salzburg, das Ziel in Zell am See, dazwischen müssen zwölf Kontrollpunkte passiert werden. 17. Juni 2021: Prolog: Wagrain-Kleinarl 20. Juni 2021: Start: Salzburger Mozartplatz

GER SUI

06

07 08

05 10

09 FRA

04 03

AUT 01 02

12 11

ITA

KONTROLLPUNKTE 01 Gaisberg (AUT): 1275 m Seehöhe 02 Wagrain-Kleinarl (AUT): 1009 m 03 Kitzbühel – Hahnenkamm (AUT): 1633 m 04 Chiemgau – Achental (GER): 521 m 05 Lermoos – Tiroler Zugspitz Arena (AUT): 990 m 06 Säntis (SUI): 2500 m 07 Fiesch – Aletsch Arena (SUI): 1057 m 08 Dent d’Oche (FRA): 2079 m 09 Mont Blanc (FRA): 4714 m 10 Piz Palü (SUI): 3901 m 11 Kronplatz (ITA): 2258 m 12 Schmittenhöhe (AUT): 1950 m Ziel: Zell am See (AUT): 751 m

Trailrunning im Chiemgau

NICOLAS HOLTZMEYER/RED BULL CONTENT POOL, MIRJA GEH/ RED BULL CONTENT POOL, PHILIPP REITER/RED BULL CONTENT POOL

Paul Guschlbauer beim Gleitflug in der Gegend von L’Alpe d’Huez in Frankreich

Gratwanderung: Guschlbauer bei den Red Bull X-Alps 2019, bei denen er Dritter wurde THE RED BULLETIN

Wir fliegen dieses Jahr wieder im Chiemgau in Bayern. Ich habe hier eine Zeit lang gelebt. In dieser Gegend hat man nicht nur als Paragleiter, sondern auch als Trailrunner seinen Spass. Von Marquartstein aus winden sich Trails aller Schwierigkeitsstufen durch die Berge – von einer zehn Kilometer langen Einsteigerrunde mit knackigen Waldpassagen über die ambitionierte Halbmarathon-Distanz hinauf auf den Gipfel der Hochplatte bis hin zur 42-Kilometer-Runde, auf der man vom Hochgerngipfel einen tollen Blick auf den Chiemsee hat. Entschieden werden die Red Bull X-Alps im Prinzip in der Luft; athletisch sind wir alle ungefähr gleich stark. Aber je besser du fliegst, je genauer du weisst, wie die Winde fliessen, desto rascher geht es voran. Wichtig ist, dass du über die Thermik in allen Tälern Bescheid weisst und dich taktisch richtig entscheidest: Fliege ich bei schlechten Bedingungen   85


GUIDE Reisen

Wanderparadies: Blick auf das Bettmeralp Resort im Gebiet des Aletschgletschers in der Schweiz

Red Bull X-Alps: das grosse Jubiläum

hinunter und gehe den nächsten Berg hinauf, oder warte ich eine Stunde und kann danach eine bessere Thermik ausnutzen? Je weiter wir nach Westen kommen, desto höher werden die Berge. Und umso anspruchsvoller wird das Fliegen, denn die Windsysteme ändern sich schneller und stärker. Du stehst permanent unter Anspannung. Wenn du beim Gehen müde wirst, kannst du dich kurz hinsetzen. In der Luft gibt’s keine Pause. Du kannst die Arme kurz ausschütteln, aber du musst immer fokussiert bleiben.

In diesem Jahr findet der einzigartige Wettbewerb bereits zum zehnten Mal statt.

Wandern am Rekord-Gletscher

In der Schweiz ist einer der Kontrollpunkte in der Aletsch Arena. Der Aletschgletscher ist der längste Gletscher der Alpen. Von Fiesch führt eine Bergbahn hinauf, doch bei den Red Bull X-Alps ­müssen wir auch diese Strecke zu Fuss gehen. Und wir haben auch keine Zeit, den grossartigen Ausblick auf die Viertausender der Berner Alpen zu geniessen. Aber ich weiss, dass es in dem UNESCOWeltkulturerbe mehr als 300 Kilometer Wanderwege gibt. Für mich ist das Gehen bei den X-Alps nur Mittel zum Zweck. Ich will hinauf auf den nächsten Berg und weiterfliegen. Immer weiterfliegen. Weiterführende Links: redbullxalps.com paulguschlbauer.at

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«Rund um den Aletschgletscher führen 300 Kilometer Wanderwege.» Paul Guschlbauer über den schönsten Punkt der Strecke in der Schweiz

1238 KILOMETER Luftlinie stehen den Athleten in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Italien bevor. Der Check erfolgt über Kontrollpunkte, der Mont Blanc muss im Gegenuhrzeigersinn um­flogen werden. 33 TEILNEHMER 30 Männer und 3 Frauen, aus 17 Nationen werden an den Start gehen; alle 48 Stunden wird der Letztplatzierte aus dem Klassement genommen.

­ thleten von 5 bis 22.30 Uhr A fortbewegen. DIE SECHS JÜNGSTEN Red Bull X-Alps waren eine Machtdemonstration des Schweizers Christian «Chrigel» Maurer, insgesamt gingen alle neun Siege bis jetzt an Schweizer. 2011, 2015, 2017 & 2019 Viermal landete der ge­ bürtige Steirer Paul Guschlbauer auf Rang drei. BESONDERES JUBILÄUM Der 46-jährige Rumäne Toma Coconea feiert in Salzburg ein besonderes ­Jubiläum: Als einziger Athlet wird er bei der 10. Auflage seine 10. Red Bull X-Alps in Angriff nehmen. Per Livetracking bei den Red Bull X-Alps dabei sein:

VON 6 BIS 21 UHR darf geflogen werden, zu Fuss können sich die THE RED BULLETIN

GETTY IMAGES, NICOLAS HOLTZMEYER/RED BULL CONTENT POOL

Die Red Bull X-Alps gibt es seit 2003, sie finden im Zwei-Jahres-Rhythmus statt. Die zehnte Ausgabe startet am 20. Juni in der Stadt Salzburg und führt über die bislang längste Strecke zurück nach Zell am See (Land Salzburg).


AUFRUF ZUM ABHEBEN RED BULL FLUGTAG Nach 20 Jahren Pause kehrt der Flugtag nach Lausanne zurück: Es geht darum, mit selbst gebauten Geräten möglichst lässig ins Wasser zu fallen. Termin: 19. September, Strandbad Bellerive-Plage, Lausanne. Infos: ­redbull.ch/flugtag

NIMM’S LEICHT HÄNGEMATTE VON QNUX Entspannen, entspannen. Das ist keine Wortwieder­ holung. Das ist Action und ­Erholung gleichermassen. Diese Hängematte lässt sich in sieben simplen Schritten aufstellen, wiegt nur neun Kilo, trägt aber 200. qnux.eu

Richtig gutes Zeug LEUCHTKRAFT Strahlt in der Nacht kräftig grün, der 30-Minuten-Zähler (links) leuchtet blau.

KÖNIGIN DER NACHT VINTAGE BR V2-94 FULL LUM VON BELL & ROSS Sieht schon bei Tag formidabel aus, entfaltet aber erst bei Nacht ihre ganze Schönheit: Bei dieser Uhr von Bell & Ross strahlt das ganze Zifferblatt, man nennt das Lumineszenz. bellross.com

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FREERUNNER ENTERN HAFEN IN ATHEN SPEKTAKULÄRE ACTION: RED BULL ART OF MOTION Im Hafen Mikrolimano im griechischen Piräus zeigen Freerunner, dass Boote kein Hindernis, sondern eine Herausforderung sind. Im Bild ­Dimitris Kyrsanidis und Silke Sollfrank – noch weit mehr Freerunner gibt’s bei Red Bull Art of Motion am 10. Juli auf Red Bull TV. redbull.com

THE RED BULLETIN

DAMIAN KRAMSKI/RED BULL CONTENT POOL, ALEX GRYMANIS/RED BULL CONTENT POOL, ALAN MAAG/CYCLE WEEK

Mal Hängematte, mal Action: die Tipps des Monats mit besten Empfehlungen der Redaktion.  Text WOLFGANG WIESER


GUIDE Tipps & Trends GANZ IM ZEICHEN DES VELOS DIE CYCLE WEEK IN ZÜRICH Vom 4. bis 8. August findet in Zürich das grösste Velofestival der Schweiz statt. Ob Mountainbike, E-Bike oder Rennvelo: Bikebegeisterte können die neuesten Produkte testen, ­Parcours fahren und Workshops besuchen. cycleweek.ch

WIE HALTE ICH DEN KURS? FLOTT AUFGEBAUT Leichtgewicht aus Alu, lässt sich mit einem Zug am Seil aufstellen.

BUCH EINER SEGEL-LEGENDE Keine schöne Geschichte, aber eine mit beeindruckendem Ende: Ein Jahr nach seiner Krebsoperation holt SegelHeld Santiago Lange Gold bei Olympia in Rio de Janeiro – ein Triumph unvergleichlichen Kampfgeistes. pantauro.com

ELEGANZ FÜR DRAUSSEN Hat alles, was der ­Outdoor-Enthusiast braucht.

SCHWARZE SCHÖNHEIT RANGER GRIP 55 VON VICTORINOX Das ist die jüngste Ausformung des berühmten Schweizer­ messers: hat Werkzeug bis zum Abwinken und sieht dazu fantastisch aus. Die wunder­ bare Farbe heisst Onyx Black. victorinox.com THE RED BULLETIN

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GUIDE Kalender

Die weltbesten Freeride-­ Mountainbiker (im Bild: Gee Atherton) kämpfen um den Titel des Slope­ style-Weltmeisters. Die Eröffnungs­runde der Crankworx World Tour wird in Innsbruck aus­ getragen. Von 17. bis 20. Juni werden die ­Teilnehmer in verschie­ denen Disziplinen ihr Können zeigen. Live zu sehen auf Red Bull TV.

11. bis 12. Juni RED BULL CLIFF DIVING: DAS COMEBACK Malerische Locations, furchtlose Athleten und atemberaubende Sprünge: Red Bull Cliff Diving ist 2021 nach der Absage der World Series im vergangenen Jahr wieder in grossem Stil zurück. 24 der weltbesten Klippenspringer – 12 Männer und 12 Frauen (im Bild: die Australierin Rhiannan Iffland in Rhône-Alpes, Frankreich) – feiern am 11. und 12. Juni in Saint-Raphaël, ­Frankreich, ihr Comeback. Die Wettbewerbe gibt es live und exklusiv auf Red Bull TV.

On Demand EIN KNOCHENJOB IN MEXIKO The Red Bulletin begleitet in der Doku «Underwater Ex­ plorer» den dänischen Profi­ taucher Klaus Thymann auf einer gefährlichen Mission: Er erforscht eine Unterwasser­ höhle in Mexiko, in der ver­ mutlich menschliche Skelette aus der Urzeit liegen. Der ge­ naue Fundort bleibt geheim, um die Knochen vor Plün­ derern zu schützen. «Diese ­Reise macht demütig», sagt Thymann über die Erfahrung. redbull.com 90

24. bis 27. Juni DAS COMEBACK DER SAFARI-­ RALLYE Die legendäre Safari-­ Rallye in Kenia ist nach einer langen Pause vom WRC-­Kalender wieder da. Der 6. Lauf der Rallye-­WM steht von 24. bis 27. Juni auf dem Programm und wird auf Red Bull TV live übertra­ gen. Der letzte Gewinner war 2002 übrigens der Weltmeister von 1995, der Brite Colin McRae. THE RED BULLETIN

REDBULLCLIFFDIVING.COM, BORIS BEYER/RED BULL CONTENT POOL, JAANUS REE/RED BULL CONTENT POOL, KLAUS THYMANN

17. bis 20. Juni HOHE SPRÜNGE IN INNSBRUCK


CH A E B O T E C A THE PL

GSTAAD / 06 – 11 JULY 2021 beachworldtour.ch


B O U L E VARD DER HEL DEN

MARLENE DIETRICH

ZUCKER ODER FETT?

Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die aussergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 3: Wie eine junge dicke Journalistin bei der Diva ihr Fett abkriegte.

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THE RED BULLETIN

BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT

GETTY IMAGES

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MICHAEL KÖHLMEIER

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husnelda Harris war gerade ein­ es gab vieles, was er ihm von früher her mal zwanzig Jahre alt, als ihr schuldig war. Immerhin: Einen besseren Henry R. Luce, Herausgeber des Start in das Leben einer dicken hübschen amerikanischen «Life Magazine», Schriftstellerin, als Marlene Dietrich zu den Auftrag erteilte, Marlene interviewen, gab es nicht. Dietrich zu interviewen. Henry Luce arlene Dietrich war zu dieser Zeit war ein Freund von Miss Harris’ Vater am Höhepunkt ihrer Karriere an­ aus Studentenzeiten, sein ehemaliger MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger gelangt. Sie war der Inbegriff der Kommilitone hatte ihn gebeten, seiner Bestsellerautor gilt Diva. «Die Apotheose der Diva», wie der Tochter eine Chance zu geben. Denn als bester Erzähler Schriftsteller Gore Vidal schrieb. Nach zur Schönheitskönigin werde sie es nicht deutscher Zunge. ihr werde man von einer Diva nur mehr bringen, sagte er. Zuletzt erschienen: in der Vergangenheitsform sprechen. Das war im Jahr 1958, dreizehn Jahre «Die Märchen», Ein Jahr zuvor war der Film «Witness nach Ende des Krieges. Amerika präsen­ 816 Seiten, Verlag tierte sich der Welt als Vorbild, als poli­ Carl Hanser. for the Prosecution», also «Zeugin der tisches, wirtschaftliches und militärisches Anklage», herausgekommen, eine Adap­ tion des gleichnamigen Stücks von Agatha Christie, Vorbild – und als Vorbild, was den Lebensstil betraf. bei der Billy Wilder Regie geführt hatte. Marlene Auch wenn Ärzte schon damals besorgt feststellten, Dietrich spielt darin die Ehefrau eines vermeint­ dass die amerikanische Jugend von Jahr zu Jahr lichen Mörders, verkörpert von Tyrone Power – die ­dicker werde, war Amerikas selbstbewusst fröhlicher Auflösung soll hier nicht bekanntgegeben werden, Vorschlag an die Welt: fit sein und schlank sein! ich halte mich an die Bitte der Produktionsfirma, Thusnelda Harris hatte mit Auszeichnung als die über dem ­Abspann zu lesen war: Wer den Film Beste ihres Jahrgangs in Hartford, Connecticut, das ge­sehen habe, solle den Schluss nicht verraten. Mar­ College absolviert und war im ersten Anlauf an der lene Dietrich gibt in diesem Film einen neuen Typ Columbia University in New York aufgenommen Frau, neu im amerikanischen Kino: eine schlanke, worden; aber sie war dick, sehr dick. Dazu hatte sie andro­gyne, hohe­Erscheinung, spitze Schultern, ein hübsches Gesicht. Was paradoxerweise als ein schmale Wangen, rauchige Stimme, nach aussen weiterer Nachteil gewertet wurde. Sie wollte näm­ lich Schriftstellerin werden. Eine dicke hässliche hin kalt und berechnend, intelligent, wagemutig Schriftstellerin wäre mit dem nationalen Selbstver­ und vorausblickend wie eine Meisterschachspie­ ständnis verträglich gewesen, ebenso eine schlanke lerin, die Männer einschüchternd, den Männern hübsche, nicht jedoch eine Mischung, also eine wie überlegen, tief drinnen aber – so viel darf verraten Thusnelda Harris. werden – ­lodernd vor Leidenschaft, tapfer und treu. Ihr Vater war dieser Meinung und sein Freund Nie zuvor war auf der Leinwand eine so wider­ sprüchliche Figur gezeigt worden, und hätte Billy Henry Luce auch und die amerikanische Öffentlich­ keit auch. Aber Mister Harris liebte seine Tochter, Wilder die Rolle mit einer anderen Schauspielerin und Mister Luce respektierte seinen Freund, und besetzt, wir befürchten, die ganze Geschichte wäre


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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

wegen Unglaubwürdigkeit in sich zusammengebrochen. In Anspielung auf Dietrichs ersten grossen Erfolg «Der blaue Engel», die Verfilmung des Romans «Professor Unrat» von Heinrich Mann, schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung»: «Die Wandlung vom blauen zum schwarzen Engel ist vollzogen.» Nach diesem Film relativierten sich die Sexsymbole Marilyn Monroe und Mae West zu Pin-up-Bildchen an der Innenseite der Kleiderschränke von Pubertierenden. Marlene Dietrich war das erste und vielleicht einzige erwachsene Sexsymbol – was die Frage aufwirft, ob dieser Begriff hier überhaupt zutrifft.

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n den Star heranzukommen war schwer, selbst für den Herausgeber des «Life Magazine». Eine Kette von Fürsprechern und ­Fürsprecherinnen war nötig. Über den Komponisten Burt Bacharach gelang es schliesslich, Marlene Dietrichs Interesse zu wecken – ausdrücklich ihr Interesse an einer «jungen dicken Frau mit hübschem Gesicht, die Schriftstellerin werden möchte». Als die Diva schliesslich Thusnelda Harris gegenüberstand, lachte sie heraus und rief: «Sie sind ja noch dicker und noch hübscher, als mir versprochen wurde. Jetzt sehe ich kein Hindernis mehr, dass Sie auch eine grossartige Schriftstellerin werden.» Miss Harris stellte Marlene Dietrich ihre erste Frage: «Was war das Wichtigste, worauf Sie in Ihrem Leben verzichtet haben?» Nach einer langen Pause fragte Frau Dietrich: «Inwiefern wichtig?» «Ich meine», antwortete Miss Harris, «was sollte man im Leben keinesfalls tun?» Wieder nach einer langen Pause sagte Frau ­Dietrich: «Zucker essen.» «Soll ich Ihre Antwort auf mich beziehen?», fragte Miss Harris, als würde sie die Antwort nicht auf sich beziehen. «Sie meinen, ich bin zu dick, weil ich zu viel Zucker esse. Habe ich recht?» «Zeigen Sie mir Ihre Zähne!», sagte Frau Dietrich. Sie sass in einigem Abstand von ihrer Interviewerin. Sie war geschminkt und gekleidet wie Christine Vole in «Zeugin der Anklage». Die Redaktion des «Life Magazine» hatte angekündigt, man werde einen ­Fotografen schicken, den besten selbstverständlich. Marlene Dietrich wollte wahrgenommen werden, wie Millionen sie kurz zuvor auf der Leinwand ­ge­sehen hatten. «Kommen Sie her!», rief sie der ­jungen Interviewerin zu. Miss Harris ging um den Tisch herum.

«Sie nehmen mich auf den Arm, Mrs. Dietrich. Aber das macht nichts.» 94

«Näher!» Miss Harris trat näher. «Noch näher! Und nun beugen Sie sich über mich und machen den Mund auf!» Auch das tat Miss Harris. Frau Dietrich schaute in Miss Harris’ Mund, sie zog mit den Zeigefingern die Backen auseinander, sie schnupperte, sie griff nach den Schneidezähnen, rüttelte daran. Schliesslich sagte sie: «Sie essen nicht viel Zucker, habe ich recht? Oder Sie putzen viermal am Tag die Zähne. Was nun?» «Ich mag Süsses nicht», antwortete Miss Harris. Frau Dietrich liess die Arme sinken, sie seufzte und schüttelte den Kopf. «Dann ist es also doch das Fett. Ich kann es nicht glauben», murmelte sie, sprach zu sich selbst. «Ich kann es nicht glauben … ich will es nicht glauben …» «Ich verstehe Sie nicht.» «Sie verstehen mich nicht?», sagte Frau Dietrich. «Wirklich nicht? Sie sollten mich aber verstehen. Ich komme aus Deutschland, und ich bin nach Amerika ausgewandert, weil ich mit Hitler und seinen Verrückten nichts zu tun haben wollte. Ich bin nicht so erzogen worden, wie die Nazis die Welt gesehen ­haben. Ich bin Amerikanerin geworden. So eine wie Sie. Dann hat Hitler gegen England einen Krieg begonnen, und Amerika ist England zur Seite gesprungen, und wir haben Hitler besiegt. Und nun haben sich Amerika und England zerstritten, Amerika und Europa. Wussten Sie das nicht?» «Nein», sagte Miss Harris, «das weiss ich nicht.» «Der Fett-Zucker-Krieg», flüsterte Frau Dietrich und winkte Miss Harris nahe an sich heran. «Die Engländer behaupten, Zucker macht dick, die Amerikaner sagen, es ist das Fett. Macht der Zucker dick, oder macht das Fett dick? Das ist doch die Frage.»

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iss Harris sagte: «Sie nehmen mich auf den Arm, Mrs. Dietrich. Aber das macht nichts. Es ist eine Ehre, von Ihnen auf den Arm ­genommen zu werden.» «Reden Sie kein dummes Zeug», zischte Frau Dietrich sie an. Die beiden Frauen waren nicht allein in dem Raum – einem Extrazimmer im Hotel Waldorf-Astoria in der Park Avenue in New York City. «Wer diesen Krieg gewinnt, America oder Old Europe, der wird die Zukunft gewinnen. Die Zukunft ist schlank. Die Zukunft ist durchtrainiert. In Zukunft sehen Siebzigjährige aus wie heute die Vierzigjährigen. Und warum? Weil sie sich schlank halten. Da kannst du eine noch so hübsche Larve haben, wenn deine Oberschenkel wabbeln und deine Oberarme wabbeln, dann wird nichts aus dir. Ich war vorhin freundlich, ich wollte dich nicht entmutigen, Kleines. Verträgst du die Wahrheit? Ja, du verträgst sie. Aus den Fetten werden auch keine Schriftstellerinnen. Warum nicht? Weil niemand fette Schriftstellerinnen

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mag. Am allerwenigsten die Fetten. Die Fetten ­wollen nur schlanke Menschen sehen. Aber weil es immer weniger schlanke und immer mehr fette Menschen gibt, fängt der Mensch an, sich selbst zu hassen. Die Fetten kriegen die Krankheiten ab, und sie kriegen den Spott ab, sie gehen als Letzte durch das Ziel, und sie sterben als Erste. Zucker oder Fett, das ist die Frage. Du isst wirklich keinen Zucker, Kleines? Ich sag’s nicht weiter. Sag mir die Wahr­ heit. Flüstere mir die Wahrheit ins Ohr. Die Wahr­ heit und nichts als die Wahrheit!»

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nd Thusnelda Harris flüsterte Marlene Dietrich die Wahrheit ins Ohr: «Ich bin verrückt nach Süssem. Ich esse heimlich Süsses. Ich habe ge­ logen und lüge die ganze Zeit. Mum und Dad denken, ich mag Süsses nicht. Aber ich mag es. Ich bin süch­ tig danach. Ich bin verloren. Ich fresse und fresse und fresse Süsses. Ich kann nicht mehr. Helfen Sie mir, Mrs. Dietrich! Bitte, helfen Sie mir!» Frau Dietrich seufzte und nickte, nickte lang, seufzte lang. «Wir sollten mit den Engländern ­Frieden schliessen», sagte sie. «Friss Fett, Kleines!

«Das Süsse ist das Wichtigste, worauf ich in meinem Leben verzichtet habe.» Und lass das Süsse! Das Süsse ist das Wichtigste, ­worauf ich in meinem Leben verzichtet habe.» Damit erhob sie sich, drehte sich noch einmal zu dem Fotografen um – es war übrigens Richard Avedon, der damals hippste Modefotograf von New York –, senkte die Augenlider und sog die Wangen ein. Dann wirbelte sie herum und war weg. Thusnelda Harris’ Interview mit Marlene Dietrich ist nie im «Life Magazine» erschienen. In den folgen­ den Jahren hat sie dreissig Kilo abgenommen. Sie wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin. In einem ihrer Romane beschreibt sie die Begegnung einer jungen dicken Journalistin mit einem berühmten Filmstar.

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