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The Red Bulletin AT 07/21

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ÖSTERREICH JULI 2021 € 3,50

FORMEL 1

EXKLUSIV

MAX VERSTAPPEN

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

So wurde er zum Zen-Meister

ECHT  JETZT?

Nein. Aber die Zukunft des Fußballs wird sehr anders: Bälle lernen denken, Frauen setzen die Trends, und die USA werden Weltmeister (kein Witz!) Plus: Die 11 Thesen des Fußball -Visionärs Ralf Rangnick


E DI TO R I A L

WILLKOMMEN

ALLES WIRD ANDERS

Warum Robert ­Lewandowski Torten als Vorspeise isst, um sein Wohlbefinden zu steigern? Die Selbst­ optimierungs-Tipps der Kicker-Elite ab Seite 70.

Viel Spaß mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

DAS ECKIGE INS RUNDE

Stefan Stratil, mehrfach ausgezeichneter Illustrator, hat mit ­unserem Cover einen Hattrick geschafft: scharf, schön und überraschend.

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Stunden trainiert ein Profigamer – am Tag. Das heißt, sein Leben besteht aus Spiel und Schlaf. Zwölf Fakten zum E-Sports-Boom auf Seite 14.

KICK IT LIKE ELTON!

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GETTY IMAGES

Elton John 1974 im Dress des FC Watford. Warum der Edel-Fan heute Gucci- statt Fußball­ schuhe trägt, auf Seite 16.

STEFAN STRATIL (COVER), STUART PATIENCE

DER SÜSSE STÜRMER-TRICK

Dass ein Torjäger wie Robert Lewandowski Torten schaufelt (wie in unserer Illustration links), ist kein Witz. Auch nicht, dass er die süße Kalorienbombe als ersten Gang genießt, also quasi als Anpfiff des Menüs. Er macht das aus gutem Grund (Erklärung ab Seite 70). Es ist dies eine kleine, zugegeben pointierte Ver­ änderung in der Welt des Fußballs. Sie zeigt, welche Bedeutung heute selbst Details in einer Sportart haben, die gerade völlig umgekrempelt wird. Wir haben diesen einschneidenden Veränderungen deshalb ein ganzes Dossier gewidmet – ab Seite 45. Doch nicht nur die Welt des Fußballs ist im Wandel, auch in der Formel 1 stehen die Zeichen der Zeit auf Umbruch. Ganz sicher ist, dass wir in diesem Jahr ein Duell der Giganten er­ leben: Herausforderer Max Verstappen gegen RekordChampion Lewis Hamilton heißt das Match einer ­außergewöhnlichen langen F1-Saison. Das verspricht Hochspannung – ab Seite 38.

THE RED BULLETIN


Elegance is an attitude Simon Baker

HydroConquest


I N H A LT The Red Bulletin im Juli 2021

PORTFOLIO

20 ATEM(BE)RAUBEND

46 RANGNICKS PROGNOSEN Taktik-Pionier Ralf Rangnick über Emotionen und Big Data. 50 LANG LEBEN DIE FANS! Wie wir bald anders jubeln werden. 58 F RAUEN GEHEN VORAN Die Zukunft ist weiblich, meint Profi Viktoria Schnaderbeck. 64 A LLE GEGEN MESSI Die Evolution der Freistoß-Mauer. 66 U SA AUF ERFOLGSKURS Angriff auf den WM-Titel mit Strategien eines Start-ups. 70 B IOHACKING FÜR PROFIS Wie Stars mit Kältekammer und Co ihre Leistung optimieren. 76 DER COMPUTER-COACH Warum Virtual Reality und Tracking das Training verändern. 80 Q UIZ: WER HAT’S GESAGT? Erling Haaland vs. Ivan Drago.

MUSIK

32 Ä RGER SCHAFFT KUNST London-Grammar-Sängerin Hannah Reid macht sich mit ihren Hit-Songs Luft.

32 IM BLICKPUNKT Mächtige Männer ärgern und inspirieren Pop-Star Hannah Reid.

KLETTERN I

34 KRAFT & KÖPFCHEN

Kletterin Jessica Pilz gilt als Gold-Hoffnung für Tokio.

KLETTERN II

36 DER WILLE ZUM SIEG

Druck macht ihn nur stärker: „Ich bin ein Ehrgeizler“, ­bekennt Jakob Schubert.

FORMEL 1

38 M ACHT’S MAX?

Das Duell: Max Verstappen gegen Lewis Hamilton.

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STEFAN STRATIL

DIE ZUKUNFT DES FUSSBALLS

IN BLICKRICHTUNG Max Verstappens große Chance auf seinen ersten WM-Titel.

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen 83 REISEN. Wo die Red Bull X-Alps auch für Hobbysportler zum Abenteuer-Trip werden. 88 T IPPS & TRENDS. Ruhe oder Sturm – die Tipps des Monats mit besten Empfehlungen. 92 B OULEVARD DER HELDEN. Marlene Dietrich im Fettnäpfchen.

8 GALLERY 14 ZAHLEN, BITTE! 16 FUNDSTÜCK

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17 MEIN ERSTES MAL 18 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

58 IM BLICKFELD Wie Team-Kapitänin Viktoria Schnaderbeck junge Fußballerinnen inspiriert.

THE RED BULLETIN

THOMAS LAISNÉ/CONTOUR, GREG FUNNEL, GETTY IMAGES, FRANCK SEGUIN

Dossier

Der französische Fotograf Franck Seguin entführt uns in die Welt der Apnoe-Taucher.


20 KUNST UNTER WASSER Die hypnotisierenden Apnoe-Bilder des Fotografen Franck Seguin.

THE RED BULLETIN

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FORTALEZA, BRASILIEN

Allein im Fun-Park

Inzwischen haben die Freibäder ja gottlob wieder offen, aber eine Zeit lang waren sie zu. Unerfreulich, aber Pedro „Pedrinho“ Caldas machte das Beste draus: Der 21-jährige Brasilianer, eines der größten WakeboardTalente der Welt, funktionierte den ver­ lassenen Beach Park von Fortaleza einen Tag lang zu seinem Spielplatz um. Nichts war vor ihm und seinem Board sicher: kein Pool, kein Geländer und auch nicht „Vaikuntudo“, die 25 Meter hohe Wasserrutsche. Wer das Video der Trick-Session sieht, staunt über einen Meister der Körperbeherrschung. Für den Clip: QR-Code scannen


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MARCELO MARAGNI/RED BULL CONTENT POOL


LA BALME, FRANKREICH

DAVYDD CHONG

Einfach fallen lassen

DEAN TREML/RED BULL CONTENT POOL

Ja, diese Brücke ist hoch. 20 Meter, um genau zu sein. Und der Gedanke, da runterzuspringen, bereitet den meisten Menschen ein mulmiges Gefühl im Magen. Bei ­Rhiannan Iffland, 29, die wir hier beim eleganten Absprung sehen, war das am Anfang nicht anders: An den ersten Sprung aus dieser Höhe, sagt die Australierin, erinnerst du dich ein Leben lang. Selbst heute, nach vier Siegen hintereinander bei der Red Bull Cliff Diving Series, ist der ­Respekt noch immer da. „Aber mit der Zeit“, so Iffland, „gewöhnt man sich dran.“ Mehr Sprünge: redbullcliffdiving.com

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BOVEC, SLOWENIEN

Ballett über den Wolken Das ist die Polin Maja Kuczyńska, die mit ihren 21 Jahren bereits zur Weltelite der Skydiver zählt. Sie hat sich mit ihrem Landsmann, dem KunstflugAss Łukasz Czepiela, eine himmlische Show aus­ gedacht: Red Bull Game of A.I.R. Łukasz macht mit dem Flugzeug Manöver aus dem Kunstflugprogramm vor – Loopings, Schrauben, Salti vorwärts und rückwärts, Trudeln –, Maja turnt sie im freien Fall nach. So entsteht ein Tanz zwischen Mensch und Maschine. Hier sehen wir Maja gut gelaunt vor dem Start, hoch über der Wolkendecke von Slowenien. Für den Clip: QR-Code scannen


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SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL


ZAHL E N, B I TT E !

E-SPORTS-BOOM

Das Leben ist ein Spiel Vom Gamer zum Millionär? Längst normal. Die spannendsten Fakten zur E-Sports-Branche: Wie lange trainieren E-Sportler täglich? Wie reich werden sie? Wann gehen sie in Pension?

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Menschen spielen hauptberuflich „­ Counter-Strike: Global Offensive“, das populärste Game der E-Sports-Branche.

Stunden Wärme geben die Handkissen ab, die E-Sportler in den Turnierpausen kneten. Sie sollen ihre Feinmotorik in den kalten Studios erhalten.

schauten gut 100 Millionen Menschen bei der „League of Legends“-WM zu. Um zwei Millionen mehr als beim ­Super Bowl im selben Jahr.

5,8

1972

Millionen Euro verdiente der Däne Johan „N0tail“ S ­ undstein, 27, bei 126 „Dota 2“-Turnieren – mehr als jeder andere ­E-Sportler.

fand das erste Videospiel-­ Turnier statt – an der kalifornischen Stanford-Universität. Gespielt wurde „Spacewar!“. Hauptpreis: ein Jahresabo des „Rolling Stone“-Magazins.

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600

Milliarde Dollar Umsatz (ca. 835 Mio. €) wird die ­E-Sports-Industrie 2021 ­erwirtschaften, 14,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Fingerbewegungen pro Minute führen E-Sports-Profis bei manchen Spielen aus.

Jahre alt war der Brite Jaden „Wolfiez“ Ashman, als er 2019 beim „Fortnite“-Weltcup ­Zweiter und damit jüngster E-Sports-­Millionär der Welt wurde. Sein Preisgeld: 1,04 Millionen Euro.

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Stunden trainiert ein Profi-Gamer täglich. Durchschnittliches ­Pensionsantrittsalter: 25.

495

Millionen Menschen sind Teil der globalen E-Sports-­ Community. 223 Millionen spielen, 272 Millionen ­schauen zu.

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30.500.000

Dollar (ca. 25,8 Mio. €) investierte eine Gruppe um Rapper Sean Combs 2018 in die ­E-Sports-Plattform PlayVS und löste damit einen PromiTrend aus: Drake, Jennifer Lopez u. a. sind heute E-Sports-Teilhaber.

685

E-Sports-Teams gibt es an britischen Unis – mehr als Fußballteams (662).

THE RED BULLETIN

CLAUDIA MEITERT

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GETTY IMAGES (2), F. SCOTT SCHAFER

2019

13.029


F U ND ST Ü CK

Reginald Kenneth Dwight, besser be­ kannt als Elton John: Seine Karriere be­ gann ziemlich genau vor fünfzig Jahren.

So geht Rock-Star Bühnenschuhe des britischen Rockstars von Gucci für die Abschiedstour „Farewell Yellow Brick Road“, 2021 Immer wenn Reginald K. Dwight, 74, in den letzten fünfzig Jahren in seine Bühnenkluft schlüpfte, ver­ wandelte er sich in den größten Paradiesvogel des Rock ’n’ Roll: die Kunstfigur Elton John. Das wird auch bei seiner Abschiedstour nicht anders sein, die noch bis Jänner 2023 läuft: Die Garderobe stammt durch­ gehend vom italienischen Luxus-Label Gucci – von den bunten Brillen bis zu den Schuhen mit Seestern. „Kleider waren immer Teil meiner Show“, sagt Elton, „weil ich auf der Bühne ja immer am Klavier sitze.“

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MIGNOT/NYT/REDUX/LAIF, GETTY IMAGES

ELTON JOHN


M EIN ERST ES M A L

CHRISTIAN SCHIESTER:

„Der Katermorgen, der mein Leben rettete“

JÜRGEN SKARWAN/RED BULL CONTENT POOL

Bis kurz nach seinem 22. Geburtstag rauchte er 60 Zigaretten pro Tag. Dann: die radikale Wandlung. Hier spricht Extremläufer Christian Schiester über seinen ersten Tag als Nichtraucher, sein erstes Training und seinen ersten Titel. Ein Durchbeißer. Ein wilder Hund. Ein Sieger. So Diesen Tag werde ich nie vergessen. Das hat sich so kennt man Christian Schiester. Als Mann, der tage­ furchtbar angefühlt, weil ich mir gedacht hab, du bist lang durch Wüsten, Dschungel und Eislandschaften ein junger Mensch, du hast es aber innerhalb von ein rennt. Zum Beispiel durch die marokkanische Sahara paar Jahren geschafft, dich selbst wirklich nieder­ (beim Marathon des Sables, dem zuringen. Du bist nicht belastbar, härtesten Ultralauf der Welt), wo und schön anzuschauen bist du er in 6 Tagen 243 Kilometer bei auch nicht. Das Lebensgefühl über 40 Grad zurücklegte. 2007 war überhaupt nicht lässig. Ich gewann Schiester das berüch­ wusste, ich muss etwas ändern. tigte Antarctica Ultra Race am Südpol (100 Kilometer bei Das erste Mal laufen bin ich dann ­knackigen 20 Grad unter null). einen Monat später ge­gangen. Oder als Typ, der die Welt um­ Ich bin von mir daheim zu mei­ nem Arbeitsplatz – zum P ­ ostamt segelt. Richtung Osten, gegen – gelaufen und wieder retour. den Wind. Um es sich nicht zu Und dann habe ich ganz stolz in leicht zu machen. mein Trainingsbuch eingetragen: Hier erzählt der steirische 16. Juli 1989, vier Minuten. So Ausdauersportler von einer Zeit ­lange hat der Lauf – oder besser: vor seinen großen Abenteuern – Spaziergang – gedauert. von seinen frühen Zwanzigern, 0:00 –45:40 als er übergewichtig und Ketten­ Christian Schiester raucher war. Der 54-Jährige Eineinhalb Jahre später war ich Mein erstes Mal – Der Podcast ­erinnert sich noch gut daran, dann zum ersten Mal Landes­ meister. Da waren alle völlig wie er sich fühlte an jenem überrascht, und am meisten ich ­Morgen, an dem er beschloss, selbst. Ich hatte ja nie vorgehabt, das Steuer herumzureißen. „Vier Minuten. So lange Sportler zu werden. Wie das „Mein erster Tag ohne Zigaretten, hat mein erster Lauf – ging? Ich bin sehr streng erzogen worden, daheim war ich immer das war der 11. Juni 1989, ein oder besser: Spazier­ der Verlierer. Der Sport hat mir Sonntag. An diesem Tag bin ich eine neue Welt eröffnet. Weil du erst am frühen Morgen nach gang – gedauert.“ dich nicht nur mit anderen mes­ Hause gekommen – von einem Ultrarunner Christian Schiester, 54, sen kannst. Wenn du alles gibst, Zeltfest der Freiwilligen Feuer­ über sein erstes Lauftraining wehr. Nach zwei Stunden Schlaf dann bist du im Ziel dein ganz bin ich aufgestanden, weil die persönlicher Sieger. Das war ein Sonne schon ins Zimmer geschienen hat. Jetzt ziehst komplett neues Gefühl für mich. Das war für mich du dir die Lederhosen aus, habe ich mir gedacht, und die Antriebskraft, noch weiter zu laufen, noch härter jetzt ziehst du neue Socken an. Aber ich habe mir zu trainieren – und noch besser zu werden. Und es ­diese S ­ ocken nicht anziehen können. Einerseits war hat funktioniert.“ ich übergewichtig, völlig unbeweglich; andererseits „Mein erstes Mal“ ist die Red Bulletin-Podcast-Serie, in der habe ich beim Runterbeugen ein Stechen in der Lunge ­Helden über ihre Anfänge sprechen. Die erste Folge mit Christian gespürt – mit 22 Jahren! Das war ein Schock. Ich ging Schiester, in der er auch davon erzählt, wie er ein dann zu meinem Hausarzt, und nach dem Belastungs­Segelboot versenkte, gibt’s im Podcast-Kanal von EKG sagte er: ‚Bursche, du wirst keine dreißig, wenn The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast du so weitermachst.‘

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DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W

PLATON SAGT:

„Liebe ist spontan und frei“ Der verbreitete Wunsch, einen Partner zu finden, der perfekt zu einem passt, ist komplett überbewertet, ­findet der griechische Philosoph Platon – in unserem ­fiktiven Interview über Liebe und Leiden­schaft mit dem deutschen Philosophen Christoph Quarch.

the red bulletin: Eine bekannte OnlinePartnervermittlung wirbt damit, dass sich auf ihrer Plattform alle elf Minuten ein Single verliebt. Intelligente Algorithmen werten dafür die Profile der Nutzer aus und ermitteln anhand von „Matching Points“, wer zu wem passt. Schon manche glückliche Ehe soll so entstanden sein. Was halten Sie davon? Platon: Hm, wenn ich Sie recht verstehe, fragen Sie danach, ob ich denke, dass man das Wirken des G ­ ottes, den wir Griechen Eros nennen, ­mathematisch errechnen kann.

Ach, wenn Sie wüssten … Aber lassen wir das. Sehen Sie: Wir Menschen sind zu keinem Zeitpunkt fertig – was auch Ihre Hirnforscher bestätigen. Wir sind keine Puzzleteile, die man zusammenlegen könnte; und wenn’s passt, dann war’s das. Nein, das Wunder des Eros ist anders: Er ist eine Kraft, die Sie dazu bringt, Ihre Potenziale zu entfalten, zu wachsen, zu reifen, neues Leben zu zeugen und ein großer Mensch zu werden. Dauerhaft glückliche Partnerschaften sind nicht solche, bei denen die Partner g ­ enau den Wunschvorstellungen des ­anderen genügen, sondern solche, bei denen sie sich wechselseitig in ihrem Wachstum unterstützen, um gemeinsam zu erblühen.

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PLATON (428 –348 v. Chr.) ist der wohl einflussreichste Philosoph der europäischen Kultur. Seine vollständig erhaltenen ­Dialoge verraten nicht nur eine hohe literarische Begabung, sondern auch die Fähigkeit, die ganze Weisheit der griechischen Antike zu einer Philosophie zusammenzufassen. Die von ihm gegründete Athener Akademie war knapp tausend Jahre lang das intellektuelle Zentrum der alten Welt.

Vielleicht, verehrter Herr Platon, haben Sie ja ­einfach noch nicht Ihre bessere Hälfte gefunden.

CHRISTOPH QUARCH, 56, ist deutscher Philosoph, Theologe, Unternehmens-Coach und Autor zahlreicher philosophischer Bücher. Zuletzt erschienen: „Platon und die Folgen“.

Also ist digitale Partnervermittlung nichts für Sie? Exakt. Bei den Dingen des Eros sind Algorithmen fehl am Platz. Da hilft nur eins: sich dem Leben hingeben, Herz und Geist für das Unerwartete öffnen und sich berühren lassen. Eros ist pure Energie. Wer sich auf ihn einlässt, hat die Chance, ein wirklich lebendiger Mensch zu sein – mit allem Leid und aller Freude.

THE RED BULLETIN

DR. CHRISTOPH QUARCH

Aber wird die Chance, von Liebe – oder von mir aus: von Eros – ergriffen zu werden, nicht größer, wenn ich dank einer digitalen Vorauswahl nur ­solche Menschen treffe, die zu mir passen? Ja, so dachte auch mein Freund Aristophanes, dem ich die Theorie in den Mund gelegt habe, wir Men­ schen seien einst kugelrund gewesen. Dann aber habe Zeus uns im Zorn in zwei Hälften gespalten, sodass wir seither verzweifelt nach unserer anderen, besseren Hälfte suchen. Wenn es sich so verhielte, könnten Algorithmen bei der Partnersuche helfen. Aber so sehr die vom Eros Entflammten manchmal das Gefühl ­haben, erst durch ihren Partner komplettiert worden zu sein, ist das Bild doch trotzdem irreführend.

BENE ROHLMANN

Aber wollen wir nicht alle Partner, die unseren Wünschen entsprechen? Durchaus, aber genau deshalb sind so viele unglücklich. Eros ist kein „Eros ist kein der zwei passende Hälften Klebstoff, der zwei Klebstoff, Ja, so kann man es auch sagen. verbindet, sondern ein Feuer, das So sollte man es sagen. Denn schau­ passende Hälften sich am Anderssein der Partnerin en Sie: Meine Vorfahren stellten sich des Partners entzündet. Wenn verbindet, sondern oder die Macht der Liebe – oder besser: alles genau so passt, wie man es ein Feuer, das sich sich ausgerechnet hat, gibt es keine der Liebesleidenschaft – mit gutem Grund als einen Knirps mit Pfeil Entwicklung mehr – dann erstarrt am Anderssein und Bogen vor. Sie wussten, dass ein Paar in Harmonie. Wo Sie hin­ entzündet.“ der Pfeil des Eros einen Menschen gegen von Liebe für einen Menschen ungewollt und ungerufen trifft – ergriffen sind, der vorerst gar nicht und dass diese Leidenschaft gerade keinen Regeln zu Ihnen passt, bei dem Sie aber ahnen, dass Sie mit oder Algorithmen folgt, sondern spontan und frei ist, ihm reifen können, da verleiht Ihnen Eros Flügel – ja, wie ein Kind, das spielt. er lässt Sie über sich hinauswachsen.


s i e f li H C A A BE #LIFEISTASTEA


P O RT FO L IO

Die Freiheit eines Atemzugs Seit 15 Jahren begleitet der Franzose Franck Seguin die Elite der Apnoe-Taucher mit der Kamera. Hier erzählt er von seinen Bildern einer magischen Welt unter Wasser. Text PH CAMY

Der neongrüne Champion

Villefranche-sur-Mer, Frankreich, 2006

„Das ist eines meiner ersten Freitauchfotos. Ich habe fast alle französischen Champions begleitet, um ihren Sport bekannt zu machen. Guillaume Néry, der Beste von ihnen, und ich sind später Freunde geworden. Für dieses Bild habe ich ihn gebeten, statt des üblichen schwarzen Neoprenanzugs mal die neongrüne Variante anzuziehen.“

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P O RT FO L IO

Wandern über Wale

Mauritius, Indischer Ozean, 2017

„Für das Projekt ‚One Breath around the World‘ (Mit einem Atemzug um die Welt) reisten wir zwei Jahre lang zu den atem­ beraubendsten Orten der Ozeane. Hier ist Guillaume vor Mauri­ tius 20 Meter zu einer Gruppe von Pottwalen hinuntergetaucht. Auf dem Foto habe ich es so aussehen lassen, als würde er über ihre Rücken wandern.“

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So sehen Helden aus Frioul-Inseln, Marseille, Frankreich, 2015

Der Außerirdische

Cenote Angelita, Yucatán, Mexiko, 2018

„Der zweifache Apnoe-Weltmeister Morgan Bourc’his war früher Lehrer. Ein Mensch mit unendlicher Güte und außergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten. Die Sorte Freund, die du dir wünschst, weil dir mit ihm an deiner Seite nichts passieren kann – ein Superheld im engeren Sinn, hier unter Wasser vier Kilometer westlich vor Marseille.“

„Guillaume Néry taucht hier in einer Höhle, 30 Meter unter Wasser, fünf Autostunden von jeder Zivilisation entfernt. Er ist um­ geben von einer Wolke aus Schwefelwasser­ stoff, die aus dem Zusammentreffen von Meer- und Süßwasser und verwesten Baum­ resten entsteht. Dafür sieht er eigentlich ganz entspannt aus.“

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Tiefen­ entspannt

Ville­franche-surMer, Frankreich, 2021

„Das ist Arnaud Jerald, der kommende große Star der FreitaucherSzene. Der 24-Jährige kann ohne Pressluftflaschen über hundert Meter tief tauchen. Und das, obwohl er in seiner Kindheit an Dyspraxie litt, einer Koordinations- und Entwicklungsstörung. Hier konzentriert er sich knapp unterhalb des Wasserspiegels auf das Abtauchen.“

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P O RT FO L IO

Brüder im Geist

Tahiti, Französisch-­ Polynesien, 2019 „Zwei Menschen unter Wasser: rechts Guillaume Néry, links Arnaud Jerald. Der Meister und sein Nachfolger – Rollen, die beide akzeptieren –, also hat dieses Foto starke Symbolkraft. Von einer Über­ gabe würde ich trotzdem nicht sprechen. Denn vorläufig bleibt Guillaume, der Ältere, unumstritten die Nummer eins.“

Im großen Blau

Villefranche-sur-Mer, Frankreich, 2020 „Guillaume Néry in den unendlichen Weiten des Ozeans. An diesem Ort kenne ich mich aus, und der Taucher ist einer meiner besten Freunde: perfekte Voraussetzungen, wenn man etwas Neues schaffen will. Ich wollte die vielen Nuancen von Blau festhalten.“

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Südsee-Abenteuer

Tahiti, Französisch-­ Polynesien, 2019

„Altmeister Guillaume Néry (re.) und sein junger Freund Arnaud Jerald tauchen Seite an Seite zu einem Flugzeugwrack in der Südsee hinunter, ein Schwarm tropischer Fische begleitet sie. Mich er­ innert dieses Bild immer ein bisschen an die Ästhetik eines Comic-Hefts: Die Szene könnte genauso gut gezeichnet sein.“

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DER FOTOGRAF Zu Wasser hatte Franck Seguin ­immer schon ein inniges Verhältnis: In Dunkerque (Dün­kirchen) am Ärmelkanal ge­ boren, begeisterten ihn als Kind die Dokus des berühmten Ozeanografen Jacques Cousteau. ­Später ging er zur Marine. Dennoch war Seguin, der sein Alter nicht ver­ raten will, nicht mehr ganz jung, als er vor 15 Jahren das Feld entdeckte, für das er heute berühmt ist: Er gilt als Chronist der weltbesten ApnoeTaucher, er hält ihre Abenteuer unter Wasser fest, diese wunderbare und doch fremde Welt, die sich mit nur ­einem Atemzug erschließt. Seguins Qualitäten? „Franck ist kein Taucher, der sich der Foto­grafie zugewandt hat“, beschreibt es Guillaume Néry, Apnoe-Legende und inzwischen mit Franck Seguin eng ­befreundet, ­„sondern ein Fotograf, der Tauchen gelernt hat.“ Das trifft es auffallend: Franck Seguin war ursprünglich Sportfotograf und ist einer der Foto­ chefs bei der französischen Sport-­ Tageszeitung „L’Équipe“. Instagram: @franckseguinphoto

Er ist so frei

Villefranche-sur-Mer, Frankreich, 2006 „Dieses Foto zeigt für mich das Wesen des Freitauchens: Guillaume Néry beim Luft­ holen, entweder vor dem Ab- oder nach dem Auftauchen. Dieser eine tiefe Atemzug verschafft ihm die Freiheit, sich schwerelos in einer fremden Welt zu bewegen. Als ich anfing, Apnoe-Taucher zu fotografieren, gab es diese Art Bilder noch nicht.“

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Musik

Sie ist die Sängerin von London Grammar und macht ihre Band zur Nummer eins in England. Wie? Hannah Reid verwandelt ihren Ärger über mächtige Männer in Kunst. Text STEPHANIE PHILLIPS  Foto WILL REID

Als wir Hannah Reid daheim in West London erreichen, erzählt sie, wie sie und ihre Band das Beste aus dem Lockdown gemacht haben: „Statt auf Tour zu gehen, haben wir neue Songs geschrieben und an ­einem vierten Album gearbeitet.“ Diese Ansage kommt über­ raschend, denn das dritte Album von London Grammar ist zum Zeit­ punkt des Interviews gerade erst er­ schienen. „Californian Soil“ ist eine Sammlung aus geschickt gemachten Tracks, die toxische Frauenfeindlich­ keit, das Ende des American Dream und Reids persönliche Entwicklung behandeln. Und es stieg sofort auf Nummer eins der Charts ein. Was auf­ fällt: Die Lieder sind selbstbewusster als die Songs auf früheren Alben der Band. Dieses neue Selbstbewusst­ sein schreibt die 31-Jährige der ­Inspiration durch eine jüngere Ge­ neration von Künstlerinnen zu. the red bulletin: Sie wurden ziemlich jung bekannt. Wie hat Sie das persönlich beeinflusst? hannah reid: Wir haben unseren ersten Plattenvertrag bekommen, als ich 21 war, das hat mich als Mensch auf ­jeden Fall verändert. Die Musik­ industrie ist ein hartes Pflaster. Sie ist komplett von Männern dominiert, und der Wechsel in dieses Umfeld

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Glauben Sie, dass die #MeToo-­ Bewegung einen bleibenden Effekt auf die Musikindustrie hat? #MeToo ist ähnlich wie Black Lives Matter – es hat Menschen dazu ge­ bracht, in sich zu gehen und nach­ zudenken. Sogar wirklich gute ­Männer, mit denen ich zusammen­ gearbeitet habe, sagten: „Ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass Frau­ en sich so fühlen.“ #MeToo war ein Riesenschritt nach vorn.

war eine krasse Umstellung für mich. Wenn du erfolgreich wirst, ­haben plötzlich viele Leute, die du nicht kennst, eine Meinung zu dir und deiner Arbeit. Du riskierst, dein Gefühl dafür zu verlieren, wer du bist. Aber ich glaube, dass ich mir dieses Gefühl auf dem dritten Album wieder zurückhole. Ich habe mich als Mensch verändert, und hinter meiner Musik steckt eine andere Energie. Das Album klingt ziemlich poppig, aber die Texte sind teilweise dunkel und aggressiver als sonst.

Lassen Sie sich auch von anderen Künstlerinnen inspirieren? Ich liebe jede Art von Kunst, die von Frauen geschaffen wurde und in der es darum geht, unsere Stärken zu kennen und unser Leben selbst zu bestimmen. Gerade gibt eine neue Generation von Künstlerinnen den Weg vor, zum Beispiel Arlo Parks und Billie Eilish. Sie sind deutlich jünger als ich, aber haben die Kon­ trolle über ihre Karriere und sagen alles, was sie sagen wollen. Das macht mir neuen Mut.

Ist das Selbstbewusstsein mit dem Alter gekommen? Auf dem ersten Album war ich ­tatsächlich sehr verloren und ver­ letzlich, wie viele junge Leute es in diesem Alter sind. Auf dem zweiten Album habe ich mich hinter den Texten versteckt. Jetzt dachte ich mir: „Ich werde sagen, was auch ­immer ich sagen will.“

Lässt Sie Ihr neu gewonnenes Selbstvertrauen auch an eine ­Solo-Karriere denken? Zwischen uns drei in der Band ist eine Magie, die ich wirklich schätze. Egal wie sich die Musik von Album zu Album verändert: Wir als Trio ­haben uns immer weiterentwickelt. Es ist faszinierend, ein Teil davon zu sein. Obwohl: Ich könnte mir schon vorstellen, eines Tages ein wirklich ob­skures, tragisches Country-Album aufzunehmen, das sich vermutlich niemand anhören würde. Aber das ist noch weit weg.

Sie haben erwähnt, dass Sie das neue Album als feministisches Werk sehen … Die Texte sind es definitiv. Ich habe prägende Erfahrungen als Frau in der Musikindustrie gesammelt, und als ich dann nach Hause kam und meinen Freundinnen davon erzählte, habe ich gemerkt, dass sie alle die­ selben Erfahrungen gemacht hatten. Und das, obwohl sie gar nicht in

London Grammars Album „Californian Soil“ ist bereits erschienen.

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WILL REID/CONTOUR BY GETTY IMAGES

„#MeToo war ein Riesenschritt nach vorn“

­ erselben Branche arbeiten. Es war d enttäuschend. Ich dachte: „Wow, die Welt hat sich nicht so weiter­ entwickelt, wie ich geglaubt hatte.“


„Künstlerinnen wie Billie Eilish machen mir neuen Mut.“ Sängerin Hannah Reid, 31, wird von einer neuen Generation selbst­ bewusster Künstlerinnen inspiriert.

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Klettern I

Jessica Pilz ist Österreichs Kletter-Hoffnung in Tokio und nutzt dabei innere Anspannung wie ein Segler den Wind. Nur eines hat sie bisher vermieden: eine richtige Bergtour. Interview KARIN CERNY

Zum Klettern ist Jessica Pilz ganz zu­ fällig gekommen: Sie nahm an einem Ferienprogramm ihrer Geburtsstadt Haag in Niederösterreich teil. Von da an ging es nur noch steil bergauf: 2018 gewann sie die Weltmeisterschaft im Vorstieg (Begehung einer Kletterroute mit Seilsicherung von unten; Anm.). Inzwischen hat man der 24-Jährigen in ihrem Heimatort ein Denkmal gesetzt. Jessy, wie ihre Freunde sie nennen, ist trotz ihrer Erfolge am Boden geblieben. the red bulletin: Du hast einmal gesagt, dass du mental sehr stark bist. Wie hast du das gemerkt? Jessica pilz: Das ist mir erst durch die Wettkämpfe bewusst geworden. Ich habe da mehr zeigen können als im Training. Und bessere Leistungen gebracht. Die Nervosität hat sich nicht negativ ausgewirkt bei mir, sondern eher positiv. Was bedeutet diese Stärke für dich? Dass ich mich sehr gut konzentrieren kann und mich nicht durch Stör­ faktoren ablenken lasse. Du hast keine Angst zu stürzen? Nein, in meiner Jugend habe ich das bewusst geübt. Ich habe Sturztraining gemacht. Du erkennst, dass nichts passiert, und kannst danach besser ans Limit gehen.

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Du setzt dich deiner Angst be­ wusst aus, um sie zu überwinden? Das braucht man unbedingt. Gerade beim Klettern. Wenn man ständig Sturzangst hat, kann man nicht so locker und befreit losklettern. Es ist auf die Dauer sehr anstrengend, wenn man ständig Angst hat. Für Außenstehende sieht Klettern oft leicht und elegant aus. Wie würdest du das optimale Verhält­ nis von Kraft, Technik und men­ taler Stärke beschreiben? Ich glaube, Kraft spielt die wichtigste Rolle. Man muss sehr beweglich sein, man braucht Koordination und vor allem beim Bouldern ein gutes Körpergefühl. Die mentale Stärke kommt erst im Wettkampf zum Vorschein. Sie entscheidet am Ende, ob du dein Potenzial voll ausschöpfen kannst. Oder ob dich der Kopf daran hindert. Misst du dich auch privat gern mit anderen? Nein, da bin ich eher der chillige Typ, ich hänge gerne mit Freundinnen und Freunden ab. In der Freizeit bin ich ganz a ­ nders als im Sport. Du hast früher viel allein trainiert. Wie geht es dir in der Gruppe? Ich mag beides gern. Es ist gut, sich im Training zu messen. Aber ich mag es auch, mich auf mich selber zu konzentrieren.

Klingt wie ein Computerspiel, bei dem man Lösungen durchgeht. Es ist auch irgendwie ähnlich. Ihr müsst in Tokio in drei Dis­ ziplinen antreten. Ist das nicht schwierig, weil man nicht überall gleich gut sein kann? Es ist ein riesiger Unterschied ­zwischen den Disziplinen. Beim Bouldern und beim Leadklettern (auch: Schwierigkeitsklettern; Anm.) geht es ums Problemlösen. Du hast eine Route, die du schaffen willst. Das ist viel kreativer. Beim Speedklettern geht es nur um Tempo. Es geht nur darum, dass du so schnell wie möglich oben ankommst. Du hast im Lockdown witzige ­Videos gedreht, die zeigen, wo man überall klettern kann – sogar im Haus deiner Eltern. Ich habe probiert, mich daheim fit zu halten. Und klettern kann man an den absurdesten Stellen. Zum Beispiel bin ich in Papas Firma eine Wand entlanggeklettert. Es hat Spaß gemacht, die Videos zu drehen. ­Humor ist mir auf alle Fälle wichtig. Du warst noch nie bergsteigen, stimmt das? So richtig tatsächlich noch nie. Ich bin schon am Fels geklettert, aber eine richtige Bergtour – so ­etwas Alpines, Gefährliches – habe ich noch nie gemacht. Jessica auf Instagram beim Klettern ­bewundern: @jessy_pilz Wie Österreichs männliche KletterHoffnung mit Erfolgsdruck umgeht? Bitte umblättern.

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AKL YAZBEK/RED BULL CONTENT POOL

Diese Frau ist gerne nervös

Kletterst du die Route schon vor dem Wett­bewerb im Kopf? Genau – du hast sechs Minuten, in denen du dir den Parcours ein­ prägen kannst.


„Du solltest schnell sein und kreativ. Nur so gewinnst du.“ Jessica Pilz, 24, über die Vielfalt der Sportkletter-Bewerbe

THE RED BULLETIN

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Klettern II Selbstbewusst: Kletter-Profi Jakob Schubert weiß, was er will.

„Gehe ich als Kletterer zur Wand, muss ich an den Erfolg glauben.“ Weil ich denke, dass große Ziele auch große Erfolge bringen können. Bei mir hat das in der Vergangenheit oft funk­tio­niert. Daher habe ich nie auf­ gehört, mir die Latte hoch zu legen. Du bezeichnest dich selbst als „Ehrgeizler“. Die wenigsten ­Menschen geben das so offen zu. Ich finde, das ist kein negativer Begriff, obwohl das oft so gesehen wird. Ich bin eben so. Ich glaube, ­jeder erfolgreiche Sportler lügt, wenn er sagt, er sei nicht ehrgeizig. Als Sportler schafft man es nirgend­ wohin, wenn es an Ehrgeiz fehlt. Das ist nicht nur im Sport so, sondern auch in der Arbeit und im Leben. Man braucht einen gewissen Ehrgeiz, ­damit man es irgendwohin schafft.

Er setzt seine Ziele absichtlich hoch, hält Selbstvertrauen für essenziell und preist die Erfahrung des Alters. Kletterer Jakob Schubert, 30, über seine Mentalstrategie für Tokio. Interview KARIN CERNY

Er wollte schon als Bub immer gewinnen. Heute bekommt Jakob Schubert keinen Wutanfall mehr, wenn er bei einem Spieleabend verliert. Wohl auch deshalb, weil der Innsbrucker ohnehin meis­ tens triumphiert. 2018 holte er in seinem Heimatort bei der Kletter­ weltmeisterschaft Gold im Vorstieg sowie im Kombinations-Wettbewerb. Bei der Kletter-Olympia-Premiere will er ebenfalls nach ganz oben.

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The red bulletin: Du sagst ­ziemlich selbstbewusst, dass du in Japan Gold holen willst. jakob schubert: Ich weiß, dass Gold extrem schwierig wird. Aber wenn man bei Olympia ist, dann muss das Ziel eine Medaille sein. Es zählen nur die ersten drei Plätze. Der Vierte ist der erste Verlierer. Machst du dir damit nicht ­enormen Druck? Ich setze mir ganz bewusst hohe ­Ziele und habe hohe Erwartungen.

Hast du vor Wettkämpfen Rituale? Nein, das Wichtigste ist Selbst­ vertrauen und der Glaube an sich. Ich habe schon oft beobachtet, dass Leute ganz anders klettern, wenn sie gerade einen tollen Wettkampf hinter sich haben. Ihr neues Selbst­ vertrauen lässt sie einfach solider klettern. Wenn ich zu einer Route gehe, und ich glaube nicht daran, dass ich sie schaffen werde, laufe ich Gefahr, tatsächlich zu scheitern. Jakob hängend jubeln sehen, auf Instagram: @jakob.schubert THE RED BULLETIN

SIMON RAINER

„Ich bin eben ein Ehrgeizler“

Du bist dreißig. Bringt das Alter auch Vorteile? Natürlich ist das ein Vorteil. Ich habe schon sehr viele wichtige Wettkämp­ fe bestritten. Wenn man solche Erleb­ nisse hinter sich hat, hilft das sicher. Die paar Favoriten im Klettern, die haben es nicht so leicht – sind es doch die ersten Olympischen Spiele, bei denen Klettern als Disziplin ­dabei ist. Wenn man da die Chance hat, eine Medaille zu gewinnen, ist das etwas ganz Besonderes.


FLÜÜÜGEL FÜR JEDEN GESCHMACK.

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Formel 1

COOL IM COCKPIT

Max Verstappen am Arbeitsplatz. Das neue Motto des Jahrhundert-Talents: In der Ruhe liegt die Kraft.

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Oooooooo


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ooooooom!

Er fährt die Formel-1-Saison seines Lebens in einem epischen Duell gegen Rekord-Champion Lewis Hamilton, 36, und erfand sich dafür neu: Heißsporn MAX VERSTAPPEN, 23, kämpft von nun an mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters.  Text GERALD ENZINGER, JUSTIN HYNES


Formel 1

Der Heißsporn: „ Bis jetzt gingen wir über unsere Grenzen hinaus, um ein besseres Ergebnis zu erzielen, als uns zustand.“ Max Verstappen über seine Taktik in der Vergangenheit


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ie Kraft liegt in der Ruhe. Klingt verwegen bei einem, der in den Anfängen seiner Formel-1-Kar­ riere fehlende Kraft im Aggregat seines Wagens oft durch Aggressivität im Cockpit ausgleichen musste – und vor allem: konnte. Aber jetzt, mit der Routine von 23 Lebensjahren, sechs davon in der Königsklasse des Rennsports, ist Max Verstappen schneller und wettbewerbsfähiger denn je. Auch bei der für einen Hochleistungssportler schwierigsten Übung: seine eigene Mitte zu finden, den absoluten Ruhepunkt, um mit dieser Gelassenheit Geschwindigkeit zu erreichen. Und so kann sich der fliegende Holländer, den sie schon als Bub einen „künftigen Weltmeister“ nannten, nun dem ersten echten WM-Kampf seines jungen Lebens widmen. 2021 sind Red Bull Racing und Mercedes erstmals wieder auf Augenhöhe, und dank dieser Waffengleichheit kann sich Max mit dem erfolgreichsten Fahrer in der Geschichte der Formel 1 duellieren: mit Lewis Hamilton, dem siebenfachen Weltmeister, eben zum Sir geadelt. Zwölf Jahre Vorsprung hat der Brite, doch nun bietet sich für Verstappen die historische Chance, ihn noch im direkten Duell zu besiegen. Was für die Legendenbildung von beiden, die des besten Fahrers des vergangenen Jahrzehnts und die des vermutlich besten Piloten der beginnenden D ­ ekade, von entscheidender Bedeutung ist. Und so wird die Formel 1 2021 zu einem e­ pischen Kampf, dem besten und höchstklassigen seit dem Match Alain Prost gegen Ayrton Senna.

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Max – Name und Ansage

Verstappen war noch ein Teenager, da wurde er von Experten wie selbstverständlich in einer Reihe mit den Giganten des Sports genannt. Er war sechzehn, als ihm Helmut Marko eine Formel-1-Chance gab, siebzehn, als er seinen ersten Grand Prix fuhr, und achtzehn, als er zum ersten Mal gewann – gleich in seinem ­allerersten Rennen für Red Bull Racing. Sein Name ist eine Ansage: Max. Max wie maximal talentiert, maximal geladen, maximal aggressiv. Einer, der durch die Wand   41


Formel 1

Der Zen-Meister: „ Jetzt nutzen wir auch halb perfekte Wochen­enden zum Punktesammeln.“ Max Verstappen über den neuen Ansatz in seinem Team

guten Tag hat, und sich mit dem Ergebnis zufriedengeben“, erklärt er. „Wir haben jetzt ein Auto, das besser in der Lage ist, gegen Mercedes anzukommen. Das ist mehr als nur ein Strohfeuer. In den Jahren davor wussten wir, dass wir nicht wirklich um die Weltmeisterschaft mitfahren können, da stürzt man sich auf jede Gelegenheit zu siegen. Man gibt alles und geht über seine Grenzen, um ein besseres Ergebnis zu erzielen, als einem ­eigentlich zusteht. Jetzt achten wir darauf, dass auch an einem nicht ganz perfekten Wochenende genügend Punkte zusammenkommen – das ist ein ganz anderer Ansatz.“ Einer, bei dem ihm Helmut Marko hilft. Der Grazer spart an weniger guten Tagen, an denen Verstappen um einen Tick weniger abgebrüht agiert als Rivale Hamilton, nicht mit Kritik. Aber die beiden reden viel mit­ einander, wenn auch nicht nach dem Rennen. Marko: „In diesem Moment ist ein Rennfahrer weniger empfänglich für Ratschläge.“ Aber: Jener Verstappen, der seinen Rivalen Esteban Ocon attackierte, nachdem ihm der Franzose beim Grand Prix von Brasilien 2018 ins Auto gefahren war, scheint ebenso Geschichte wie jener, der 2019 beim Grand Prix von Österreich alles riskierte, um knapp an Ferrari-Fahrer Charles Leclerc vorbeizustreifen und sich damit den Sieg zu sichern.

Oben: Verstappen in Imola. Unten: Sein Team bejubelt den Sieg beim Grand Prix im Autodromo Enzo e Dino Ferrari.

Ursache und Wirkung: „ Wir haben ein Auto, das besser gegen Mercedes ankommt.“ Max Verstappen über die neue Konkurrenzsituation 2021

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geht, wenn es sein muss. Das ist gut, wenn du als junger Pilot die Welt eroberst. Aber schlecht, wenn du die Welt regieren willst – als Weltmeister. Denn dafür brauchst du Konstanz, Demut, Geduld – und Nervenstärke, wenn alles auf einen Showdown gegen den erfahrenen Lewis Hamilton hinausläuft. Früher hätte dieses Kopf-an-Kopf-Rennen zu einem Aufflammen der feurigeren Seite von Verstappens Wesen geführt, aber dieses Jahr umgibt Max Verstappen eine Aura der Zen-artigen Ruhe, die er rund um seine Philosophie der „Suche nach Glanzmomenten“ aufgebaut hat. „Wenn man keinen guten Tag hat, muss man akzeptieren, dass man keinen

Der Red Bull Ring am Spielberg hat in Max Verstappens Leben eine ganz besondere ­Bedeutung – er ist für ihn so etwas wie ein Heimrennen. In normaleren Zeiten färben hier zehntausende niederländische Fans das Grün der Steiermark orange ein. MotorradLegende Gustl Auinger, der als erfahrener Rennsport-Mentor einst schon beim FormelDebüt von Sebastian Vettel in Spielberg dabei war, erinnert sich an die ersten Runden von Verstappen in einem World-Series-Auto – ­einem Rennwagen, der doppelt so stark war wie alles, was Max bis dahin bewegt hatte: „Er war auf Anhieb schnell und hatte das Selbstbewusstsein, um neue, teure Bremsen zu bitten. Man sah sofort: Da ist einer, der weiß, was er kann – und weiß, was er will.“ Entsprechend schnell kam der Erfolg in der Formel 1 – und am Red Bull Ring: 2018 und 2019 hat er hier gewonnen. Auch in dieser THE RED BULLETIN

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Showdown am Red Bull Ring


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Saison werden der Große Preis der Steier­ mark und jener von Österreich für Max ent­ scheidend sein. Wenn die Formel 1 am 27. Juni und 4. Juli in der Steiermark zu Gast ist, dann nimmt die Meisterschaft Fahrt auf, das Rennen ist in dem psychologischen Duell sehr wichtig. Denn diese WM, die zu den besten in 72 Jahren Formel 1 gehören könnte, wird in kleinen Details entschieden werden und in den Köpfen. Wer ins Hintertreffen und damit unter Druck gerät, hat ein Problem. Max sagt: „Das Selbstvertrauen hat zu­ genommen. Voriges Jahr war das Heck stets ein bisschen unruhig. Wenn man an die Grenze geht, ist auch das Auto immer an der Grenze der eigenen Balance. Inzwischen ­haben wir herausgefunden, wie wir es her­ richten müssen, damit es besser vorhersehbar ist. Selbst bei einem Sieg kann man immer noch viel aus einem Rennen lernen, denn es ist nie alles perfekt, und wir schauen uns ­jeden Aspekt dieses Kampfes ganz genau an.“ Und es ist ein Kampf der Giganten.

Denn sie wissen, was sie tun

Das englisch-deutsche Team von Mercedes hat siebenmal hintereinander die Konstruk­ teurs-WM gewonnen, davor hatte Red Bull Racing viermal in Serie den Titel erobert. „Leicht ist es nicht. Mercedes ist immer noch schneller, besonders im Rennen, das heißt, wir müssen auf jeden Fall ein bisschen zu­ legen“, sagt Max. „Red Bull Racing war schon einmal in dieser Position. Das ist zwar eine Zeit her, aber alle kennen ihre Rolle. Auch ich weiß, was ich tue.“ Verstappen vereinigt wie niemand anderer Erfahrung und Jugend. Erst im Dezember 2020 wurde er so alt, wie Lewis Hamilton es bei seinem Debüt war. Nur hatte er da schon 118 Rennen bestritten. Er kann wohl noch zwei Jahrzehnte in der Formel 1 bleiben und viele Titel gewinnen. Aber der heuer, der wäre besonders viel wert. Errungen im direkten Duell zweier Jahrhundert-Talente.

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Formel 1 auf ServusTV

Die zwei Heim-Grands-Prix in Spielberg am 27. Juni und 4. Juli werden bei ServusTV zu Vollgas-Wochenenden. Sobald ab Freitag, dem 25. Juni, die Motoren dröhnen, sind die ­Formel-1-Fans bei ServusTV live dabei. Moderatorin Andrea ­Schlager, die als gebürtige Knittelfelderin Heimvorteil in der ­Steiermark genießt, und Christian Klien melden sich jeweils von Freitag bis Sonntag mit Interviews live aus der Boxengasse des Red Bull Rings. Neben der packenden Action auf dem knapp viereinhalb ­Kilometer langen Rundkurs gibt’s jede Menge zusätzliches Futter, sprich Features für Formel-1-Fans. Zum Beispiel ein Exklusiv-Interview mit Bernie Ecclestone. Der langjährige „Mister Formel 1“ spricht bei ServusTV über seinen Aufstieg vom Gebrauchtwagenhändler zum obersten Boss und „Money Maker“ der Königsklasse des Motorsports.  servustv.com THE RED BULLETIN

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Dies ist ein Aufruf an alle Helden der Lüfte und ihre kreativen Crews. Jetzt für das Event in der Brigittenauer Bucht am 26. September 2021 bewerben unter:

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Dossier

DIE ZUKUNFT DES FUSSBALLS

… wird sehr anders. Auf den folgenden Seiten erzählen uns Experten, warum Profi-Spieler ihr Gehirn am Klavier trainieren, Frauen zur besten TV-Sendezeit kicken und Lionel Messi bald keine Freistoß-Tore mehr schießt. Aber keine Angst: Das Runde muss weiterhin ins Eckige.

STEFAN STRATIL

46 IDENTITÄT SCHLÄGT KAPITAL 50 FANS BLEIBEN DAS HERZ DES SPORTS 58 FRAUEN SETZEN DIE TRENDS 64 DIE MAUER WIRD SCHLAUER 66 DIE USA HOLEN DEN WM-TITEL 70 BIOHACKING WIRD STANDARD 76 COMPUTER ÜBERNEHMEN DAS COACHING 80 DAS QUIZ

THE RED BULLETIN

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Als Sportdirektor, Trainer und Taktik-Vordenker prägte RALF RANGNICK, 62, Europas Fußball. Für uns beantwortet er elf Fragen über die Zukunft seines Sports: warum Big Data immer wichtiger wird und Romantik niemals stirbt.

IDENTITÄT SCHLÄGT KAPITAL

WIE SIEHT FUSSBALL IN ZEHN JAHREN AUS, HERR RANGNICK? Interview: Christian Eberle-Abasolo Fotos: Philipp Horak

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THE RED BULLETIN


Dossier Fußball

1. Wenn ich mir in zehn Jahren ein Champions-League-Spiel ansehe, wo werde ich die größte Veränderung merken?

Fußball hat sich in den letzten Jahren zu einer Hochgeschwindigkeitssportart gewandelt, und diese Entwicklung ist noch nicht zu Ende. Passschärfe, Pass­ präzision und Entscheidungsschnellig­ keit werden weiter zunehmen. Spieler bekommen noch weniger Zeit und Raum, einen Ball in Ruhe anzunehmen. Früher gab es ja Sätze von Experten wie „Es braucht auch einmal einen, der das Spiel beruhigt, der auf den Ball steigt“. Mach das heute gegen die Spitzen­ mannschaften. So schnell kannst du gar nicht schauen, wie die dich auffressen.

2. In den letzten Jahrzehnten hat die körperliche Leistungsfähigkeit rasant zugenommen. Gibt es noch Möglichkeiten, junge Spieler besser zu machen?

In puncto Leistungsfähigkeit wird es kei­ ne Quantensprünge mehr geben, daher wird die Verletzungsvorbeugung noch wichtiger. Dank Tracking-Daten wissen unsere Athletiktrainer genau, wie an­ strengend eine Einheit ist, wann Pausen einzuhalten sind. Da steckt der Teufel im Detail. In Zukunft wird es aber vor allem um „train the brain“, also kognitives ­Training gehen: Spieler zu provozieren, sie im Training aus der Komfortzone zu holen, sie unter erschwerten Bedingun­ gen trainieren und Entscheidungen auf engstem Raum unter Zeitdruck treffen zu lassen. In Hoffenheim haben wir etwa eine Countdown-Uhr am Trainingsplatz aufgestellt. Zehn Sekunden Zeit, ein Tor zu schießen. Acht Sekunden Zeit, einen verlorenen Ball wiederzuerobern. Das ­Ticken ständig hörbar. Das war für alle Spieler nicht nur neu, sondern im wahrs­ ten Sinne des Wortes nervig. Es ging ­ihnen auf die Nerven, und das musste es auch, um Verhaltensänderungen – „train the brain“ – zu erzielen. THE RED BULLETIN

„Die Zukunft heißt ‚train the brain‘, kognitives Training, das Spieler aus ihrer Komfortzone holt.“ Erfolgsmacher: Ralf Rangnick, 62, führte als Trainer Hoffenheim und RB Leipzig in die Bundesliga. Er war Sportdirektor in Leipzig und Salzburg und gilt als einer der Väter des modernen Pressing-Fußballs.

3. Wird es noch Spieler geben, die sich im Alltag – sagen wir einmal – nicht ganz so professionell verhalten?

Die wird es geben. Aber sie werden nie das Maximale aus ihrer Karriere heraus­ holen. Es gab ja lange eine Meinung ­unter Trainern und TV-Experten, die lautete: „Du brauchst auch ein paar Sau­ hunde in der Mannschaft, die aus dem Trainingslager ausbüxen, die Nacht zum Tag machen, einmal einen über den Durst trinken.“ Aber solche Spieler

­ aben ­keine Chance mehr. Das wäre so, h als würde Max Verstappen versuchen, ein Formel-1-Rennen zu gewinnen, aber ständig Diesel ins Auto tanken.

4. Sterben klassische Straßen- oder Käfig-Kicker aufgrund der zunehmenden Professionalisierung im Jugendbereich aus?

Ich sehe es als Aufgabe der Vereine und Akademien, Elemente aus dem Käfigund Straßenfußball ins Training zu   47


i­ ntegrieren. Das heißt: sich durchsetzen, sich gegen Ältere behaupten und um ­jeden Sieg kämpfen. In den Verbänden gibt’s Überlegungen, wegen des Leistungsdrucks bei ganz jungen Spielern keine Tore mehr zu zählen, Sieg, Niederlage und Tabellen abzuschaffen. Völliger Blödsinn! Hättest du das dem achtjährigen Joshua Kimmich (heute Profi bei Bayern München; Anm.) gesagt, wäre seine ­Antwort gewesen: „Der einzige Grund, warum ich kicke, ist, zu gewinnen.“ Aufgrund dieser Mentalität hat er schon mit achtzehn in Leipzig Mitspieler zusammengestaucht, wenn sie im vier ­gegen vier nicht Vollgas gegeben haben. Und aufgrund dieser Mentalität spielt er heute in München. Genau dieses Mindset muss in Akademien mehr trainiert werden.

5. Was muss der Fußball ver­ ändern, um ein junges Publikum mit geringerer Aufmerksamkeits­ spanne zu erreichen?

Ich glaube, dass diese geringere Aufmerksamkeit ein Klischee ist. Gerade der E-Sport zeigt ja, dass junge Menschen sehr wohl bereit und auch in der Lage sind, sich stundenlang auf eine Sache zu konzentrieren. Es gibt zudem ein ­größeres Verlangen nach einem evidenzbestimmten Verständnis des Spiels, ­Statistiken, Passwege, erwartete Tore, Laufkilometer, Top-Speed. 0Es gibt ja ­inzwischen so ziemlich über alles Datenmaterial. Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden auf dem Vormarsch bleiben. Entscheidend ist die Frage: Wie interpretierst du diese Daten? Sowohl für Zuseher als auch für ein Trainerteam. Das Schöne bei all den Innovationen ist, dass ganz am Ende trotzdem wieder Menschen mit diesem Datenmaterial umgehen und es entsprechend inter­ pretieren müssen.

6. Welche Regeländerung würden Sie begrüßen?

Ich würde weiter wie in Corona-Zeiten fünf Auswechslungen erlauben. Das macht das Spiel schneller, mindert Verletzungen, hält den Kader besser bei ­Laune. Und man sollte darüber ­diskutieren, was ich schon vor 15 Jahren gefragt habe: Ist die Torgröße noch angemessen? Als das Tor mit 2,44 Meter Höhe und 7,32 Meter Breite festgelegt wurde, war der Mensch im 48

„Erfolg hängt an drei Ks: Konzept, Kompetenz und Kapital. Kapital ist schnell mal vorhanden, meistens scheitert es an den anderen zwei.“ Jeder Klub braucht eine Identität, sagt Ralf Rangnick: „Ein Trainer wie Jürgen Klopp hat so in Dortmund und Liverpool eine ganze Stadt elektrisiert.“

Schnitt zehn Zentimeter kleiner, auch Torhüter. Macht man das Tor drei Zentimeter breiter und zwei Zentimeter höher, fallen sicher ein paar Tore mehr.

7. Was sind die wichtigsten Eigen­ schaften, die ein erfolgreicher Trainer in zehn Jahren haben muss, um große Titel zu gewinnen? Teamverständnis, Menschenführung und Entscheidungssicherheit. Im Prinzip alles, was ein moderner Manager in der freien Wirtschaft auch haben sollte. Bei meinem ersten Trainerjob waren wir zu dritt: Co-Trainer, Torwarttrainer, ich. Heute musst du Ansprechpartner sein für

15 bis 20 Fachleute, vom Videoanalysten bis zum Ernährungsberater. Und es ist nicht getan, Aufgaben an diese Experten zu delegieren, du musst mit ihnen in den Dialog treten können. Deshalb muss ein Trainer auch über viel mehr Spezialwissen als früher verfügen.

8. Womit muss ich beginnen, um in zehn Jahren mit einem Team erfolgreich zu sein? Es braucht eine klare Vereinsphilosophie. Wofür möchte ich stehen? In der freien Wirtschaft redet man von Corporate ­Identity. Ohne Corporate Identity gibt es auch kein Corporate Behaviour. Wenn

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Dossier Fußball

„Moderne Methoden begrüße ich mit offenen Armen. Aber die Essenz muss die Liebe zum Sport bleiben.“ Vordenker Rangnick setzt auf Big-Data-Analysen und Tech-Fortschritt. Aber er sagt: Am Ende entscheidet stets der Mensch über die Anwendung der Technik.

­ ayern sind wieder Meister. Aber wäre B Erling Haaland bei RB Leipzig und nicht bei Borussia Dortmund, hieße der Meister 2021 RB Leipzig. Das ist eine Hypothese. Aber man muss sich nur seine Torquote im Verhältnis zu den liegen gelassenen Chancen bei Leipzig anschauen. Kurzum: Wenn du viel richtig machst, kannst du auch Vereine, die deutlich mehr finan­ zielle Mittel haben, überflügeln. Das wird auch in zwanzig Jahren noch so sein. Also dieses Geld schießt Tore oder ge­ winnt Meisterschaften – da gibt es zu viele Gegenbeispiele, als dass ich das so ohne weiteres unterschreiben würde.

10. Was würden Sie den Initiatoren der Super League ausrichten?

Bezieht ein bisschen mehr Fußball­ fachkompetenz in die Gespräche ein. Bei dieser Diskussion war die wirtschaftliche Kompetenz offensichtlich zu einseitig ver­ treten. Wer sich die Schuldenstände der führenden Vereine ansieht, braucht kein Hardcore-Fan zu sein, um zu verstehen, dass es nur um Geld ging. Hier bin ich ­totaler Traditionalist: Es muss weiter­ hin die erfolgsbasierte Fußballpyramide geben. Kleine Vereine müssen aufsteigen können. Und große Klubs, wenn sie über Jahre hinweg misswirtschaften, müssen absteigen. Mit einem Franchise-System wie in den USA (siehe S. 66) konnte ich mich schon zu meiner Zeit als Head of Global Soccer bei Red Bull schwer arran­ gieren, und ich glaube, in diesem Leben schaffe ich das auch nicht mehr.

11. Was war im Fußball früher besser, als es heute ist?

es keine Identität gibt beziehungsweise sich die mit jedem Trainerwechsel ändert, stehst du als Verein für nichts. Deshalb spielt ­Schalke 04 nächste Saison in der zweiten Liga. E ­ rfolg hängt an drei Ks: Konzept, Kompetenz und Kapital. Kapital ist schnell mal wo vorhanden, meistens scheitert es an fehlender Kompetenz der Handelnden und am fehlenden Konzept. Ich nenne es auch Spielidee. Schau dir an, THE RED BULLETIN

was Jürgen Klopp in Dortmund oder Liver­pool gemacht hat. Er hat Verein, Spieler und die ganze Stadt elektrisiert.

9. Wird es in Zukunft noch Underdog-Storys geben, oder geht die Ära der Serienmeister weiter? Die zweite deutsche Liga, wo kleinere Vereine wie Fürth oder Kiel vorn mit­ spielen, zeigt das gut. Und okay, die

Die Atmosphäre in den Stadien. Ich kann mich an Besuche im alten Stuttgarter Stadion, im Highbury von Arsenal oder im Upton Park in London erinnern – da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Damals gab es so gut wie keine VIP-Räume oder Lounges, keine Leute, die zum Spiel ge­ kommen sind, um gut zu essen und sich zu unterhalten. Es ging nur um Fußball. Um Herz, Emotionen und die Liebe zu dieser Sportart. Genau das darf man nie aus den Augen verlieren. Moderne Methoden, um Spieler und Mannschaften zu entwickeln, sind mit offenen Armen zu begrüßen. Aber die Essenz muss die Liebe zum Sport bleiben.   49


Sie erheben Menschen zu Göttern, füllen Arenen mit Leben, erobern ganze Städte. Eine Hommage der Fotografin JANE STOCKDALE an Fußball-Fans rund um den Globus. Und drei Veränderungen*, die uns beim Jubeln bevorstehen.

FANS BLEIBEN DAS HERZ DES SPORTS

AUS LIEBE

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Fotos: Jane Stockdale * Prognosen: Projektreport „Fußball 2050“ von Stefan Bader und Werner Grabherr. teamwerk-sport.de/fussball-2050

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UND DER STRAND BEBTE …

„In diesem Moment ist Argentinien ins Finale der WM in Brasilien eingezogen“, erinnert sich die schottische Fotografin Jane Stockdale an den Abend des 9. Juli 2014. „Die Copacabana von Rio de Janeiro bebte.“

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ZUM SPIEL

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GESPANNTE BLICKE

Das WM-Finale 2018 – Frankreich gegen Kroatien – verfolgte Stockdale mit hunderttausenden Fans auf den Straßen von Paris. „Nachdem ich kein Ticket ergattern konnte, war dies die nahe­liegendste Lösung.“

DAS ENDE EINES TRAUMS

„Halbfinale 2014, Brasilien gegen Deutschland. Soundanlage, Feuerwerk: Alles war am Strand von Rio bereit für die Party. Dann ging das Spiel 1:7 verloren. Für Brasilien war das niederschmetternd.“

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Dossier Fußball

HIER REGIEREN WIR

Die Pariser Polizei hatte 2018 die Innenstadt abgesperrt, die Stadt gehörte nun den Fans. „Hier klettern zwei auf ein Verkehrsschild.“

DER STURM VOR DER RUHE

Anfeuerungsrufe argentinischer Fans beim Public Viewing des WMFinales 2014 – am Ende vergeblich. Deutschland wurde Weltmeister. „Sie waren am Boden zerstört.“

Prognose 1:

Wir jubeln in fremden Stadien 3D-Audiosounds und 360-Grad-Filmaufnahmen sorgen dafür, dass Kinos neben Bars und Fanmeilen immer öfter zu Stätten des gemeinsamen Fußballschauens werden. Noch mehr ­Stadion-Atmosphäre gefällig? Bereits jetzt gibt es Konzepte, WM-Spiele mittels Hologramm-Technik in jedes beliebige ­Stadion live zu projizieren.

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Dossier Fußball

Prognose 2:

Wir jubeln für Spieler, nicht für Vereine Menschen binden uns emo­ tional stärker als Konstrukte, daher wird sich der Fokus der Fans noch mehr auf einzelne Spieler richten. Denkbares Nebenprodukt: All-Star-Games nach amerikanischem Vorbild – mit Teams, die sich aus den beliebtesten Fuß­ballern zusammensetzen.

GENERATION DER HOFFNUNG

„Dieses Bild zeigt meine Heimat, den Celtic Park in Glasgow, 2011“, sagt Stockdale. Zehn Jahre später darf sich die Fotografin mit den schottischen Fans freuen: Ihr Nationalteam ist nach 25 Jahren wieder bei einer Europameisterschaft am Start.

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ALLEZ LES BLEUS!

Prognose 3:

Wir jubeln mit der ganzen Welt

„Nach dem Sieg der Franzosen im WM-Finale 2018 feiern mehr als eine Million Menschen auf den Champs-Élysées. Unglaublich!“

Schon jetzt zielen viele Maßnahmen im Fußball-Marketing auf den asiatischen Markt ab. Und Europa bekommt auch von woanders Konkurrenz: Ein Bevölkerungsanstieg von 1,1 auf 2,44 Milliarden Menschen bis 2050, Wirtschaftswachstum und immer mehr Top-Spieler afrikanischer Herkunft sorgen dafür, dass auch die Klubs mehr Fokus auf afrikanische Fans legen.

STOSSGEBET ZUM FUSSBALLGOTT

Vom Arbeitersport der Männer zum Event für alle. Stockdales Fotos (hier Paris 2018) zeichnen auch ein diverseres Bild der Fußballfans.

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Dossier Fußball

DER LETZTE SCHREI

„Ich kann die Freude der Menschen über Frankreichs WM-Titel nicht in Worte fassen, aber dieses Foto bringt sie gut zum Ausdruck.“

FACKELLÄUFER

„Während der WM-Feier in Paris musste ich zu meinem Hotel durch Bengalenrauch und Tränengas­ schwaden laufen. Das war es wert.“ Mehr Bilder: janestockdale.co.uk THE RED BULLETIN

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Dossier Fußball

ÖSTERREICHS VORZEIGE-LEGIONÄRIN

Viktoria Schnaderbeck, 30, hier im Dress des FC Arsenal, beim Fotoshoot in der englischen Hauptstadt. Sie spielt in Europas stärkster Frauenliga und fördert Talente in ihrer Heimat.

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Vom steirischen Dorfplatz nach London zum FC Arsenal: Österreichs Teamkapitänin VIKTORIA SCHNADERBECK, 30, über Frauenfußball im Fernsehen, nervige Macho-Sprüche und eine neue Generation weiblicher Stars.

FRAUEN SETZEN DIE TRENDS

DIE ZUKUNFT IST WEIBLICH Text: Pauline Luisa Krätzig  Fotos: Greg Funnell

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Sie kickt in der stärksten FrauenfußballLiga Europas für den Londoner Tradi­ tionsverein FC Arsenal, führt Österreichs Nationalteam als Kapitänin aufs Feld, absolviert neben ihrer Sportkarriere ein Masterstudium in Wirtschaftspsycho­ logie und steht regelmäßig als KeynoteSpeakerin im Rampenlicht: Die Ost­ steirerin Viktoria Schnaderbeck, 30, ist nicht nur Österreichs bekannteste Fußballerin, sondern auch redegewandte Expertin, wenn es um die Zukunft ihres Sports geht. Also: Mikro bereit? Anpfiff! The Red Bulletin: Frau Schnaderbeck, den jüngsten Skandal im Frauenfußball hat Ende Jänner mal wieder ein Mann verursacht. Mit einem Macho­spruch aus dem letzten Jahrhundert – „Frauen haben auf dem ­Fußballplatz einfach nichts zu suchen“ – hat Heiko Vogel, U23-Trainer von ­Borussia Mönchengladbach, einer Schieds­richterin vor den Kopf geknallt. Was sagt das über die aktuelle Lage des Frauenfußballs? Viktoria Schnaderbeck: Es zeigt, wie hartnäckig dieselben dummen Klischees sind, gegen die wir seit Jahrzehnten kämpfen. Klischees, die bessere Rahmenbedingungen für Mädchen und Frauen im Fußball noch immer erschweren. Ohne einen lokalen Verein und spezielle Förderung kommt Fußball als Hobby für viele Mädchen nie infrage, geschweige denn als Profisport. Viele Klubs schließen Mädchen wegen Vorurteilen à la Vogel noch immer bewusst aus. Dabei fehlt es den Mädels nicht an Interesse, sondern oft an einem fairen Zugang zum Sport. THE RED BULLETIN

Viktoria Schnaderbeck, hier ganz rechts im FA-Cup-Viertelfinale gegen Tottenham, spielt seit 2018 beim FC Arsenal in England, Heimat der stärksten Frauenliga Europas.

Kindern ist es völlig egal, ob sie in ­gemischten Teams kicken – in solchen Schub­laden denken Erwachsene. Meine Eltern und die Vereine in meiner kleinen Gemeinde waren zum Glück ­aufgeschlossener. Als ich mit sieben ­Jahren beim TSV Kirchberg in der Ost­ steiermark mit dem Fußballspielen angefangen habe, gab es weit und breit keinen Mädchenverein, es gab nur Schlupflöcher für Mädchen: Wir durften mit den Burschen trainieren. Ich war später das erste Mädchen im Landes­ ausbildungszentrum in Weiz.

Kein Wunder, dass von den aktiven Kindern und Jugendlichen, die beim ÖFB gemeldet sind, heute nur 2,2 Prozent weiblich sind. Dass der FC Bayern München Sie 2007, also mit 16 Jahren, ­verpflichtet hat, kam also gelegen. Ich wollte mich sportlich weiterentwickeln, hatte in Österreich damals aber keine Möglichkeit mehr dazu. Mit der Pubertät war das gemeinsame Training mit den Burschen nicht mehr sinnvoll, sie sind dann physisch einfach überlegen. Die Akademie für Frauen in St. Pölten gibt es erst seit 2011, die zweite von   59


„In England laufen unsere Spiele zur besten Sendezeit im Fernsehen.“ Schnaderbeck erlebt den Höhenflug des Frauenfußballs in London hautnah mit.

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Dossier Fußball

Sturm Graz seit 2019. Für die Burschen gibt es hingegen zwölf Akademien. In Deutschland hatte der Frauenfußball nach den WM-Titeln der Deutschen 2003 und 2007 schon damals einen viel ­höheren Stellenwert, die Trainings­ bedingungen waren ausgereifter und viel­fältiger. In München wurde ich zweimal Deutscher Meister, einmal Pokal­ sieger – das waren neue Dimensionen.

Schnaderbeck vergeht das Lachen nicht so schnell. Auch nicht nach sieben Knie-OPs.

Gut, der ÖFB hat zwar erst 1990 ein Frauen-Nationalteam beigesteuert, aber die Nationalelf hat sich gerade mit fünf Siegen in sechs Spielen für die EM 2022 qualifiziert. Da hat sich doch eindeutig was getan. Der österreichische Frauenfußball ist schon seit einigen Jahren auf einem guten Weg. Gamechanger war aber erst die EM 2017. Wir haben die Euro-Endrunde erreicht und den 3. Platz gemacht, das kam total unerwartet und hat einen ­Riesen-Hype ausgelöst. Seitdem konnte sich unser Nationalteam neu positionieren. Davor waren wir innerhalb des Landes, der Gesellschaft und auch des Verbandes allerdings kaum anerkannt. Das ist aber nicht nur in Österreich so. Leider. Die Unterschiede zwischen den Ländern und auf Vereinsebene erkennt man vor allem an den Nationalteams. Auf nationaler Ebene gibt es ein recht starkes Gefälle: ein paar Top-Nationen, dann Teams wie unseres, die allmählich aufschließen, im unteren Drittel herrscht aber quasi Stillstand. Da gibt es für den Frauenfußball keine finanziellen Mittel, keine Infrastruktur, keine Ambitionen, das zu ändern. Das ist echt schlimm! Keine Investition, kein Fortschritt, kein Erfolg, keine Popularität, keine Reichweite. Wo ansetzen? Ich vergleiche das oft mit einem Startup: Wenn man in ein Projekt investiert, ohne wirklich daran zu glauben, wird nichts daraus. Ein Vorschuss ist nötig, auch von Vertrauen, um einen Return on Investment zu erreichen. Deutschland und Frankreich sind schon weit, dürfen sich aber nicht darauf ausruhen. Italien und Spanien holen auf, der FC Barcelona stand dreimal im Champions-League-­ Finale! Und England liegt im europäischen Vergleich, was Niveau, Relevanz, Sponsoring anbelangt, ganz vorn. Sie spielen seit 2018 in der englischen Liga beim FC Arsenal und erleben es live mit. THE RED BULLETIN

„Beim Thema Gehalt geht es um Respekt. Wir spielen mit demselben Aufwand und Risiko, können aber nicht davon leben.“ Mit ihrem Verein „Be The One“ fördert Schnaderbeck den weiblichen Fußball-Nachwuchs.

Man erkennt das strategische Ziel der Verbände, Frauenfußball als eigenes Produkt zu vermarkten, weil man das Potenzial erkannt hat. Dieses Commitment der Verbände und damit auch diese Reichweite und die Einnahmen sind einzigartig und so wichtig für das Image wie auch die Professionalisierung des Frauen­fußballs. Viele englische Männervereine haben Frauenteams, die 2010 gegründete Liga (Barclays FA Women’s Super League; Anm.) steckt viel Geld rein. Hier spielt die Zukunft. Gerade haben die BBC und Sky Sport mit der Liga einen

TV-Deal über drei Jahre abgeschlossen: Frauenfußball zur besten Sendezeit. Das ist der Wahnsinn! Der englische Verband zeigt, dass es sich lohnt, auf Frauenfußball zu setzen, immer mehr Medien springen auf den Zug auf. Stichwort: Lohn. Laut „Global Sports Salaries Survey“ verdienten 2017 alle 1700 Fußballspielerinnen der sieben Top-Ligen zusammen etwa 100.000 Euro weniger als der brasi­ lianische Megastar Neymar allein. Abgesehen davon, dass manche Gehälter heute absolut unverhältnismäßig sind – die Spieler tragen an dieser GenderPay-Gap natürlich keine Schuld, die sind auch nur Teil des Geschäfts –, geht es uns auch nicht um Millionengehälter, es geht um Respekt. Wir spielen mit dem gleichen Zeitaufwand und Risiko wie die Männer, können aber nicht davon leben. Beim Tennis oder Skisport sind wenigstens die Preisgelder in der Top-Kategorie inzwischen angepasst. Wer als Frau Fuß  61


„Bei den Männern geht es oft um Egos und Selbstdarstellung. Frauenfußball ist ehrlicher.“ Schnaderbeck hat das Gefühl, dass sich der Männerfußball von seinen Werten entfernt hat.

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Dossier Fußball

Bei der EM 2017 erreichte Österreich (mit Schnaderbeck, 3. v. re. in Weiß) das Halbfinale und unterlag Dänemark erst im Elferschießen. Der dritte Platz löste einen Hype aus.

ball nicht gerade in einer Top-Liga spielt, braucht einen Nebenjob zusätzlich zum Spiel- und Trainingsplan. Das ist heftig.

PICTUREDESK.COM

„Man kann nur Gleiches gleich behandeln“, könnte DFB-Vize Rainer Koch jetzt ähnlich wie beim Prämienstreit in Deutschland einwerfen. Schon wieder eines dieser Totschlag­ argumente, um den Frauenfußball ab­ zuwerten und Spielerinnen schlechter zu bezahlen. Der Vergleich von Männerund Frauensport nervt einfach, weil er immer auf das Geschlecht und die Physis runtergebrochen ist. Wir Frauen spielen unsere ganz eigene Liga. Eigene Taktik, eigene Dynamik, eigenes Tempo. Nach einem Spiel werde ich aber ständig ­gefragt, ob wir unsere Trikots tauschen. Solche irrelevanten Fragen werden dem Sport und unserer Leidenschaft dafür nicht gerecht. Fußball ist kein Geschlechter-, sondern ein sportlicher Wettkampf. Wir sollten uns wieder auf das Wesent­ liche konzentrieren, auf die Wertekultur, die der Sport transportiert. Sie setzen sich aktiv dafür ein. Ich habe zusammen mit meinem Cousin, ÖFB-Teamspieler Sebastian Prödl, und drei anderen den Verein „Be The One“ gegründet und die Schirmherrschaft der ÖFB Frauen-Bundesliga übernommen. Das sind zwei voneinander unabhängige­ Projekte, beide mit demselben Ziel: Wir wollen dem Frauenfußball mehr THE RED BULLETIN

„Ich freue mich auf die nächste, selbstbewusste Generation von Fußballerinnen, die unbeirrt nach ihren Regeln spielt.“ Schnaderbeck sieht die EM 2022 als nächsten Turbo in der Entwicklung des Frauenfußballs.

Relevanz verschaffen, Mädchen für den Sport gewinnen und die Bedingungen für aktive Spielerinnen verbessern. Fuß­ ball ist ein so toller, sozialintegrativer Sport. Man kann jungen Menschen durch das Spiel wichtige Werte fürs Leben vermitteln: Teamgeist, Mut, ­Toleranz, genauso interkulturelle ­Kompetenz und Gleichberechtigung. Das scheinen manche Männer ver­ gessen zu haben: Partys trotz Corona, Protzkarren auf Instagram, Franck Ribéry, damals Bayern-­Spieler, der sich im D ­ ubai-Urlaub sein Steak vergolden ließ, und auf dem Rasen fliegen die Ellbogen. Sie spielen für Österreich in der Abwehr und haben in 77 Spielen noch keine Rote oder Gelb-Rote Karte­ kassiert, auf Instagram sieht man Sie meistens beim Sport, Ihr größtes ­„Laster“ ist Ihre Kaffeesucht. Man hat schon das Gefühl, dass sich der Männerfußball von seinem Wertesystem

entfernt hat und es zu sehr um Egos und Selbstdarstellung geht. Frauenfußball ist ehrlicher. Bei uns gibt es keine Alpha­tiere. Wir sind nicht stutenbissig, wie man es Frauen gern unterstellt, wir konkurrieren miteinander, aber auf eine gesunde, produktive Art. Man darf auch nicht vergessen, gerade meine ­Generation hat ihre Fußball-Laufbahn unter ganz anderen Voraussetzungen begonnen. Wir mussten uns durchsetzen in einer so­genannten Männerdomäne, uns R ­ äume schaffen und Stellung halten. Im Alleingang, ohne Herzblut, Mut und Stärke wäre uns das nicht gelungen. Die Damen-EM 2021 musste der verschobenen Herren-EM weichen. Daher kommt es erst 2022 zum nächsten Meilenstein für den Frauenfußball. Was erwarten Sie sich davon? Für die EM werden sehr hohe Einschaltquoten erwartet. Wir werden auf dem Rasen alles geben, um Frauenfußball auf ein neues Level zu heben, und die mediale Präsenz nutzen, um noch mehr explis Mädchen für unseren SportAntempe zu begeistern. as quaspicab Ich freue mich auf eine nächste selbstillandemq bewusste Generation von Spielerinnen, ommolo con rerdie unbeirrt nach ihren eigenen Regeln spero evene spielt. Es geht im Leben nicht darum, denselben Weg wie andere zu gehen, sondern seinen eigenen Weg zu finden. Schnaderbecks Blog und Projekte: ­viktoria-schnaderbeck.com

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Seit Meisterschützen wie LIONEL MESSI jede Art von Freistoßmauer über­ winden, wird der Mauerbau immer kreativer: Verteidiger werfen sich zu Boden, sprinten ins Tor. Und scheitern dennoch. Zeit für unkonventionelle Lösungen.

DIE MAUER WIRD SCHLAUER

WIE MAN MESSI STOPPT WAS BISHER NICHT GEKLAPPT HAT …

hochspringende Mauer

Strategie: DRÜBERSCHIESSEN Resultat: TOR Barcelona – Liverpool, Champions-League-­ Halbfinale 2019, Distanz 29 Meter: Der Respekt vor Messi ist Gomez, Matip, Fabinho und Firmino (v. li.) anzusehen.

Strategie: FLACH UNTEN DURCHROLLEN Resultat: TOR Barcelona – Girona, Liga 2018: Diese besonders freche ­Variante klaute Messi von seinem Mentor Ronaldinho. Der traf so schon 2006 gegen Werder Bremen.

hochspringende Mauer + liegender Spieler

hochspringende Mauer + liegender Spieler + zur Torlinie sprintender Spieler

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Strategie: NOCH PRÄZISER SCHIESSEN Resultat: TOR (bzw. Eigentor des Verteidigers) Barcelona – Sevilla, Liga 2019: Der Ball ist schneller im Tor als Verteidiger Carriço auf der Linie. Wenige Monate davor war Espanyol-Spieler Sanchez zwar schnell genug, köpfte den Ball aber ins eigene Tor.

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GETTY IMAGES

Strategie: PRÄZISE DRÜBERLUPFEN Resultat: TOR Barcelona – Bilbao, Liga 2021: Um den Schuss unter die Mauer zu blocken, legt sich Muniain (Nr. 10) hin – und sieht das 1:0 aus völlig neuer Perspektive.

CHRISTIAN EBERLE ABASOLO

STEFAN STRATIL

klassische Mauer


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… WAS IN ZUKUNFT KLAPPEN KÖNNTE

Extrem große Spieler verpflichten Die Durchschnittsgröße von Fußballern liegt bereits bei 1,81 Metern. Immer noch zu wenig. Die Chicago Bulls messen aktuell im Schnitt 2,06 Meter. Zeit also, Basketballer anzuheuern. NACHTEIL: Die fußballerischen Skills von Basketballern sind, nun ja, begrenzt.

Den Teambus vor dem Tor parken Jahrelang als Metapher für die unansehnliche Defensivtaktik von Star-Trainer José Mourinho verwendet, könnte der echte Mannschaftsbus als unüberwindbare Mauer die Lösung sein. NACHTEIL: Braucht eine Regeländerung. Obwohl wir den Passus „Busse sind auf dem Spielfeld verboten“ bisher in keinem Regelbuch gefunden haben.

Keine Mauer bauen, damit der Goalie besser sieht Mancher Freistoßschütze nutzt die Mauer als Wegweiser Richtung Torerfolg. „Einfach drüberzirkeln und drin das Ding.“ Ergo: keine Mauer, kein Wegweiser, kein Tor. Schließlich hat der Torhüter dann auch freie Sicht. NACHTEIL: Freie Bahn für Meisterschützen (siehe linke Seite).

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Nie zuvor schickten die USA so viele Top-Talente in die Welt: Trainer Jesse Marsch, Akademie-Leiter Sean McCafferty und Jungspieler Tyler Adams über das Ausbildungswunder ihres Landes, das seinen Erfolg wie einen Börsengang plant.

DIE USA HOLEN DEN WM-TITEL

DAS FUSSBALL-START-UP Text: Jürgen Schmieder

Die USA können die Weltmeister­ schaft 2026 gewinnen.

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Dest (20, FC Barcelona), Yunus Musah (18, Valencia CF), Brenden Aaronson (20, Red Bull Salzburg), und natürlich spricht er von Tyler Adams. Der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler von RB Leipzig ist das beste Beispiel dafür, wie es diesem Fußball-Start-up gerade geht. „Ich habe mich erst richtig auf Fußball konzentriert, als ich im Alter von zwölf Jahren an der Red Bulls Academy aufgenommen worden bin“, sagt Adams, Das US-Fußball-Nationalteam beim Training in Bradenton, Florida

GETTY IMAGES

Das klingt verrückt, klar. Vor allem, wenn so eine Ansage aus einem Land kommt, das noch nie übers Viertelfinale einer Weltmeisterschaft hinausgekommen ist, dessen Nationalelf die Qualifikation fürs letzte WM-Turnier auf blamable Weise verpasst hat und dessen U23 in der Olympia-Quali gerade an Honduras gescheitert ist. Dazu kommt, dass die Profiliga Major League Soccer (MLS) im Vergleich zu europäischen Topligen noch immer als zweitklassig gilt. Obwohl: Sind nicht Leute, die verrückt genug sind zu glauben, sie könnten die Welt aus den Angeln heben, genau die, denen es am Ende gelingt? Das war im Übrigen auch die Botschaft der Apple-Werbung aus dem Jahr 1997, der Slogan dazu lautete Think different – denke anders. Und genau das tun sie nun endlich in den USA. Deshalb, nur so ein Gedanke: Wie wäre es, würde man den amerikanischen Fußball einmal nicht als Verband betrachten, die MLS nicht als Liga und ­einen Klub wie die New York Red Bulls nicht bloß als Verein; sondern als riesiges Start-up? Und die Weltmeisterschaft in fünf Jahren als Börsengang? Welchen Prospekt würde dieses Fußball-Start-up derzeit den Investoren vorlegen? „Wir hatten noch nie so viele talentierte Spieler wie jetzt“, sagt Nationaltrainer Gregg Berhalter. „Der Kader ist extrem jung, viele werden bei der HeimWM auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sein.“ Berhalter redet von Christian Pulisic (22 Jahre, Chelsea FC), Giovanni ­Reyna (18, Borussia Dortmund), Weston McKennie (22, Juventus Turin), Sergiño

und diese Beobachtung ist bedeutsamer, als es zunächst scheint. Er stammt aus der Kleinstadt Wappinger, etwa eineinhalb Autostunden nördlich von New York City; hätte er 15 Jahre früher das Licht der Welt erblickt, dann wäre er heute vielleicht Basketballprofi (seine zweitliebste Sportart als Kind), weil so jemand damals ganz einfach nicht für den Fußball entdeckt worden wäre. Die MLS füllte die Kader der Vereine damals mit alternden Stars aus Europa statt mit heimischen Talenten. Das lag daran, dass die Ausbildung junger Sportler in den Vereinigen Staaten völlig anders funktioniert als in Europa.

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Dossier Fußball Profitruppen wie der Basketballverein Los Angeles Lakers kümmern sich nicht um Nachwuchs, das übernehmen zuerst Organisationen wie die Amateur Athletic Union (AAU) und später Schulen und Universitäten; die Klubs be­dienen sich beim jährlichen Draft (der Rekrutierung von Nachwuchsspielern) aus dem Talentepool. Basketball-Superstar Kobe Bryant etwa, aufgewachsen in Philadelphia, hätte seine Karriere gemäß dem europäischen System bei den Philadelphia 76ers begonnen. In der US-Sportkultur wählten ihn die L. A. Lakers und gewannen mit ihm fünf Meisterschaften.

Drei Millionen potenzielle Stars

Das Wachstum, das jedes Start-up in der Anfangsphase dringend braucht, war ohne Zweifel da: Derzeit spielen in den USA knapp drei Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren Fußball. Was bis jetzt fehlte, war ein Weg, zum ­gelobten Fußball-Land zu werden – das sind immer noch Europa und Südamerika. Auch das ärgerte die Amerikaner. Schließlich sind sie es gewohnt, in allen Sportarten selbstverständlich zu den Besten zu gehören; den besten Ligen eine Heimat zu bieten und damit die ­bedeutendsten Titel zu vergeben (interessiert irgendwen die WM in Football oder Baseball?). Es war ungeheuerlich, was Vereine wie die New York Red Bulls da für eine Kultur importiert haben – doch genau das ist der Grund, warum die Amerikaner bei der Fußball-WM

2026 wettbewerbsfähig sein werden. „Es war die perfekte Umgebung, um Fußballprofi zu werden“, sagt Tyler Adams über die Red Bulls Academy, die 2005 gegründet wurde, kurz vor der Über­ nahme des Vereins durch Red Bull. Dass dieses Engagement erst Jahre später Früchte zu tragen beginnt, fügt sich in den Start-up-Gedanken. In der Akademie werden Fußballer ab zwölf Jahren ausgebildet, sie muss sich nicht hinter der Jugendarbeit großer euro­ päischer Vereine verstecken. „Etwa 40.000 junge Leute kommen pro Jahr mit unserem Projekt in Berührung“,

Amerikanische Fans im Stadion in San José, Kalifornien: Bei der Heim-WM 2026 wird die USA den begabtesten Kader ihrer Geschichte aufbieten können. THE RED BULLETIN

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sagt Akademie-Leiter Sean McCafferty. „Wir suchen wirklich überall nach Talenten, wir fördern Trainer, und ich glaube, dass es kein Zufall mehr ist, dass wir nun US-Profis sehen, die auch taktisch besser ausgebildet sind.“ Wie Tyler Adams, der auf vielen Positionen eingesetzt werden kann. Im Alter von 16 Jahren musste er eine schwerwiegende Entscheidung ­treffen – eine, die die meisten Amerikaner so nicht kennen. Die Red Bulls boten ihm im März 2015 einen Profivertrag an – in Europa völlig normal, in den USA ein Problem: Wer als Teenager mit Sport Geld verdient, darf kein Stipendium an einer Uni annehmen. Das allerdings ist das Ziel vieler junger Leute: sich über Sport das in den USA sündhaft teure Studium (an Elite-Unis kosten vier Jahre inklusive aller Gebühren, die die Sportfakultät bei Talenten komplett übernimmt, schon mal 300.000 Dollar) zu finanzieren. Den Profivertrag zu unterschreiben war für Adams ein Risiko: „Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich eine Uni besuche, aber sie hat verstanden, dass dies der richtige Weg für mich ist.“

„Wir wollen in den USA immer sofort die Besten sein und nicht über den langwierigen Prozess bis hin zum Erfolg nachdenken.“ Jesse Marsch, 47, Coach Red Bull Salzburg, ab Sommer RB Leipzig

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Geduld muss noch geübt werden

Es ist erstaunlich, wie sie umgedacht ­haben im US-Fußball, und keiner könnte das besser beurteilen als Jesse Marsch. Als Spieler absolvierte er die traditionelle amerikanische Sportlerkarriere: CollegeStipendium an der Princeton University in New Jersey, 14 Jahre MLS-Profi. Dann Trainer beim US-Verband und in Princeton, gefolgt von Jobs auf der Trainerbank der New York Red Bulls, RB Leipzig, Red Bull Salzburg (und ab Sommer wieder RB Leipzig). „Wir wollen in den USA ­immer sofort die Besten sein und nicht

Ausbildungsliga? Unerhört!

Das ist ein weiterer Aspekt, den US-Fußballvereine mittlerweile verinnerlicht ­haben: Sie müssen den Talenten, die sie ausbilden, eine Perspektive bieten, und an Adams wird das Alleinstellungsmerkmal der Red Bulls sichtbar. „Mein Mentor Jesse Marsch hat mir einen Weg auf­ gezeigt, wie das klappen könnte mit dem Profifußball“, sagt Adams. Der Plan sah so aus: Spielzeit bei Red Bulls II, Training mit den Profis – also genau das, was zum Beispiel Thomas Müller beim FC Bayern durchlaufen hat. Adams musste nicht, wie es etwa bei Christian Pulisic der Fall war, als Teenager nach Europa über­ siedeln; er konnte sich Zeit lassen: „Ich konnte hier reifen, auch als Mensch; ich konnte meinen Schulabschluss machen – und war dennoch Profi.“ 2016, mit siebzehn, gab er sein MLSDebüt, zwei Jahre später gewann er mit den Red Bulls den Grunddurchgang der Saison, und im Jänner 2019 trat ein, was ihm New York als Schlagobers-Häubchen obendrauf bieten konnte: die Brücke nach Europa aufgrund der Verbindungen nach Salzburg und Leipzig. Er folgte seinem Mentor Marsch, damals Co-Trainer in Leipzig, in die Bundesliga. Bemerkenswert ist, was Akademie-Leiter McCafferty über den Transfer sagt: „Wir haben von ihm profitiert, er hat von uns profitiert – und nun profitieren Leipzig und die USNationalelf davon. Für uns ist das ein ge-

waltiger Erfolg.“ So eine Aussage klingt für einen Europäer, McCafferty ist Ire, völlig normal – in den USA ist so etwas ­unerhört. Es ist unvorstellbar, dass die Lakers über einen Spieler sagen würden: „Den haben wir jahrelang gefördert, jetzt rockt er eine andere Liga und hilft dem Dream Team: gewaltiger Erfolg für uns.“ Doch genau das mussten die Amerikaner akzeptieren: dass die MLS derzeit eine Ausbildungsliga für die ganz großen ­Talente ist. „In 20 Jahren können wir vielleicht versuchen, einen wie Adams ein bisschen länger zu halten“, sagt McCafferty. „Die Realität derzeit ist eine andere, aber wir sehen die ersten Früchte unserer Arbeit. Das ist nur der Anfang.“

Talentepool: Ein Nachwuchs-Team der New York Red Bulls schwört sich auf das Spiel ein. Bis man die besten Spieler in der US-Liga halten kann, wird es wohl noch eine Weile dauern.

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„Etwa 40.000 junge Leute kommen pro Jahr mit unserem Akademie­ Projekt in Berührung.“ Sean McCafferty, 42, Leiter der New York Red Bulls Academy

GEPA-PICTURES.COM, NEW YORK RED BULLS(2), GETTY IMAGES, MOTIVIO/THOMAS EISENHUTH

Das Gesicht des US-Nationalteams: Christian ­Pulisic, 22, hier mit der Nummer 10 in einem Freundschaftsspiel gegen Italien

darüber nachdenken, dass diesem Erfolg oftmals ein langwieriger Prozess vorausgeht“, sagt er. „Wir sehen jetzt die ersten Produkte eines Systems, das wir vor mehr als 15 Jahren eingeführt haben.“ Es sei nun leichter, Talente (und vor allem deren Eltern, die ein anderes Sportsystem gewohnt sind) von den Fußball-Akademien zu überzeugen, wenn es Vorbilder wie Tyler Adams gibt und die heimische MLS keine Rentner-, sondern eine Talente-Liga ist: „Junge Leute dürfen nun davon träumen, internationale Stars zu werden. Das hat sich verändert, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.“ Bei aller Freude über den Erfolg: Alle wissen, dass sie bloß die ersten Kilometer eines Marathons absolviert haben. „Der nächste wichtige Schritt: „Wir brauchen qualifizierte Jugendtrainer, die Grundschulkindern die Basics beibringen: nicht nur Technik, sondern auch Spielfreude, Taktik, Psychologie – was eben im jeweiligen Alter notwendig ist“, sagt Marsch. „Wir dürfen Talente nicht erst in den Akademien fördern, sondern müssen schon auf Bolzplätzen dafür sorgen, dass sie diese Kultur verinnerlichen.“ Oder, in ­aller Deutlichkeit: dass ein Talent nicht zu einer Sportart wie Basketball oder Baseball wechselt, weil der Fußball­ trainer ahnungslos ist und der Coach der konkurrierenden Disziplin ein Ex-Profi oder ein bestens ausgebildeter Trainer. Kinder merken so was. Was noch fehlt: eine adäquate Aus­ bildung außerhalb der MLS-Akademien; eine Ligenstruktur wie in Europa, vielleicht sogar mit Auf- und Abstieg, sowie semiprofessionelle Teams in ländlichen THE RED BULLETIN

„Ich konnte Profi sein, aber gleichzeitig die Schule abschließen und als Mensch wachsen.“ Tyler Adams, 22, Mittelfeldspieler RB Leipzig

Gebieten, was noch engmaschigeres Scouting erlauben würde. Die Möglichkeit, als Teenager einen Profivertrag zu unterschreiben – und dann, sollte es nicht klappen mit der Karriere, doch ein Stipendium an einer Uni annehmen zu dürfen: Profi Adams, Trainer Marsch und Akademie-Leiter McCafferty haben all das erkannt. Sie haben im US-Fußball das getan, was auch Tech-Start-ups tun: Sie haben eine Branche aufgewirbelt, in diesem Fall den US-Jugendsport. Wie ein junges ­Unternehmen haben sie sich umgesehen in der Welt, ein paar Ideen übernommen

und sie mit der amerikanischen Kultur verbunden. Profivereine sichten Talente selbst und bilden sie aus. Sie akzeptieren, den besten Spielern vorerst nur als Sprungbrett nach Europa zu dienen – diese Sorte Bescheidenheit ist keine amerikanische Tugend. Dazu: Geduld bei der Entwicklung des Systems – auch das keine typisch amerikanische Eigenschaft. Ziel ist es, mit den etablierten USSportarten um Talente zu konkurrieren. Sie müssen nicht mehr David Beckham oder Zlatan Ibrahimović holen, amerikanische Kinder haben nun Tyler Adams als Poster im Zimmer hängen. Das Trikot von Christian Pulisic ist nach dem von Lionel Messi Topseller im Land.

Heim-WM als Brandbeschleuniger

Der Erfolg bei einer WM lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad planen; die Deutschen vergessen etwa bei den verklärten Erinnerungen an den Weltmeistertitel 2014 oft, dass ihre Nationalelf im Achtelfinale gegen Algerien dem Scheitern gefährlich nahe war. Was die Amerikaner allerdings wissen: Sie haben 2026 zur WM den begabtesten Kader ihrer Geschichte, und vielleicht ist die Heim-WM (bei der Gastgeber oft weiter kommen, als es die Qualität des Kaders vermuten lassen würde) auch das, was sie 2006 für Deutschland gewesen ist: die Grundlage für spätere Erfolge. Die US-Fans sind nicht mehr verrückt, wenn sie glauben, dass ihre Nationalelf weit kommen kann bei der WM 2026 im eigenen Land. Sie werden ihren Schlachtruf brüllen, nur wird dahinter eher gesundes Selbstbewusstsein als Größenwahn s­ tehen: „I believe that we will win!“   69


Eiskammer, Filterbrillen, Spezialernährung, Gehirntraining, minutengetakteter Schlaf, Klavierstunden: wie sich Fußball-Weltstars mit erstaunlichen Methoden schneller, fitter und manchmal sogar ein bisschen unsterblicher machen.

BIOHACKING WIRD STANDARD

DER OPTIMIERTE KICKER Text: Stefan Wagner  Illustration: Stuart Patience

R

obert Lewandowski ist der offiziell beste Fußballer der Welt. Cristiano Ronaldo ist der offiziell zweitbeste Fußballer der Welt, was ­angesichts ­seiner stabil überirdischen Performance nicht nur er selbst für einen diskussionswürdigen Zustand hält. Zlatan Ibrahimović rettet das schwedische Nationalteam und mischt nebenbei die italienische Serie A auf. Lewandowski ist 32 Jahre alt, Ronaldo 36, Ibrahimović 39. Was ist da los im Weltfußball? Werden die guten Spieler immer ­älter? Oder die älteren Spieler immer besser? Und ist das alles Zufall? Oder der ­Beginn eines Trends, der den Fußball für immer verändern wird? Sehr wahrscheinlich ist das alles kein Zufall. Sehr wahrscheinlich werden Fußballer-Karrieren auch an der absoluten Spitze in Zukunft deutlich länger dauern als bisher. Und ganz sicher hat all das mit einem Begriff zu tun, den man in letzter Zeit immer öfter hört: „Biohacking“. Biohacking fasst, grob gesagt, alles zusammen, was Menschen eigenverantwortlich tun, um ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit, ihre Lebensqualität und Langlebigkeit zu optimieren. Sie schwitzen in der Infrarotsauna, sie meditieren, sie messen ihre Herzratenvariabilität und die Dauer ihres Tiefschlafs, sie schlucken Nahrungsergänzungsmittel70

kapseln im Dutzend, manche buchen geheimnisvolle Selbstfindungs-Retreats im Amazonasdelta. Stars der stark wachsenden globalen Szene sind die Amerikaner Dave Asprey, Ben Greenfield oder Tim Ferriss; bekanntester deutscher Biohacker ist Andreas Breitfeld. Er macht in seinem Münchner Labor sogar einige der spannendsten Gadgets und Tools für jedermann zugänglich: von der hyperbaren Sauerstoffkammer bis zum Stirnband, das Gehirnwellen beim Meditieren misst, von Rotlicht-Panels in ausgewählten Nanometer-Bereichen bis zum Inhalations­ gerät von „Exclusion Zone“-Wasser. („The Red Bulletin INNOVATOR“ hat Breitfeld in Ausgabe 02/20 ausführlich vorgestellt.) Nun gibt es die ersten Biohacker ­unter den Fußball-Profis – und der Erfolg gibt ihnen recht: Neben Lewandowski, Ronaldo und Ibrahimović gehen vor ­allem Erling Haaland, 20, und Serge Gnabry, 25, neuartige Wege in der Selbstoptimierung. Bei Gnabry ist daran sein Berater nicht ganz unschuldig: Hannes Winzer, Co-Founder von ROOF, einer der fünf größten Spieleragenturen der Welt, ist privat selbst ein ambitionierter Biohacker.

Robert Lewandowski Erst Kuchen, dann Suppe Anna Lewandowska, ­Fitnesstrainerin, hat die Ernährung ihres Mannes umgestellt: keine Kuhmilchprodukte, kein Weizen, kaum Zucker. „Und weil es meiner Verdauung hilft, esse ich zuerst den Nachtisch, dann die Vorspeise, dann die Hauptspeise“, sagt der Weltfußballer. Zuerst Kuchen, dann Suppe? „Ja. Weil Kohlenhydrate schneller verdaut werden als Proteine.“ Was kann der Hobby-Athlet von Robert Lewandowski ­lernen, Andreas Breitfeld? „Kuchen vor der Suppe essen? Ist kein Muss. Kann aber sinnvoll sein, sagt der deutsche Biohacking-­ Experte. Unter zwei Bedingungen. Erstens: Du verbrennst Kalorien wie ein Spitzensportler. Zweitens: Du hast gerade trainiert. Denn dann sind die Glykogenspeicher in Leber und Muskeln leer. Die saugen jede Art von Kohlenhydraten auf, also auch kurzkettige wie Zucker, da kann man also auch mal irgendeinen Süßigkeiten-Schrott einwerfen. Und danach in Ruhe höherwertiges Protein und gutes Fett. Achtung: CouchAthleten futtern sich mit der Kombi aus Zucker und Fetten eine Wampe an, egal in welcher Reihenfolge.“ THE RED BULLETIN


Torte für den Torjäger: Robert Lewandowski, 32, isst sein Dessert vor Suppe und Hauptspeise. Das erhöht sein Wohlbefinden.

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Winzer sieht Biohacking im Profi-­ Fußball „als die beste Möglichkeit, diese ‚marginal gains‘ zu erreichen, nach denen alle suchen, diese ein, zwei Prozent Verbesserung, die dann letztlich den entscheidenden Unterschied ausmachen, diesen einen gewonnenen Zweikampf in der Verlängerung, diesen einen schnelleren Schritt vor dem Siegestor. Also die Details, die dann die extra Siege bringen und die extra Titel.“ Winzer holt sich von Breitfeld in ­dessen Münchner Lab Inspirationen, er selbst testet auch die experimentelleren Geräte. „Meinen Spielern empfehle ich aber nur, was in ihr Leben passt, womit sie sich wohlfühlen. Man soll und kann da nichts übers Knie brechen. Fußball ist im Denken und in seinen Strukturen eine traditionelle, konservative Sportart, die mit Innovationen, sagen wir’s so, nicht gerne überfordert wird.“ Auf Dauer sieht Winzer die Methoden des Biohacking im Spitzenfußball aber als unaufhaltsam. „Das ist in manchen Bereichen – wie zum Beispiel der Regeneration – ein No-Brainer. Die Daten sind eindeutig, die Forschungslage ist ein­deutig, die Ergebnisse sind eindeutig. Dass ein Profi zum Beispiel am Abend seine Augen vor Blaulicht schützt, um besser schlafen zu können, wird in ein paar Jahren nicht mehr eigenartig sein, sondern selbstverständlich.“

Erling Haaland Ein Mann sieht orange Leistungsoptimierung beginnt beim Schlaf, das spricht sich bei immer mehr Spitzensportlern herum. Erling Haaland verwendet als einer der ersten Profi-Fußballer eine sogenannte BlueblockerBrille mit orange eingefärbten Gläsern, die die Augen abends vor dem Blaulicht-Frequenzbereich (Handy-Screen, Monitor, TV-Gerät, LED-Beleuchtung …) schützen. Denn dieses Blaulicht hemmt 72

die Bildung des Ein- und Durchschlafhormons Melatonin – und ohne ausreichend Melatonin keine gute Regeneration. Was kann der Hobby-Athlet von Erling Haaland lernen, Andreas Breitfeld? „Blueblocker-Brillen sind ein extrem wirksamer AnfängerBiohack. Funktioniert garantiert – bei jungen Menschen besser als bei älteren, weil die natürliche MelatoninProduktion ab etwa Mitte vierzig nachlässt. Die besten Ergebnisse bringen orange gefärbte Brillen zwei bis drei

Erling Haaland, 20, trägt am Abend eine Brille mit orangen Gläsern gegen Blaulicht, um besser schlafen zu können. Stunden vor dem Zubett­ gehen, die man in der letzten Stunde gegen rot gefärbte wechselt. Es gibt große Qualitätsunterschiede, wir haben einmal das Angebot professionell durchgetestet. Goldstandard sind die Marken TrueDark, Innovative Eyewear, Ra Optics und BLUblox.“ THE RED BULLETIN


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Zlatan Ibrahimović Ice, Zlatan Der ewig junge Altstar ­vertraut der Kältetherapie im Wim-Hof-Style, wie er selbst am 30. Dezember auf Instagram postet: Da warf er sich, nur mit Badehose bekleidet, in den frisch gefallenen Schnee seines Mailänder Gartens. Wie viele andere (etwa Cristiano Ronaldo oder der englische Klub Leicester City) vertraut er auch den magischen Kräften einer Cryokammer. Das ist eine Art Negativ-Heimsauna, bis zu minus 82 Grad kalt. Rund drei Minuten pro Tag verbringt man in diesem begehbaren Tiefkühlraum, die Kälte versetzt den ­Körper in einen Schock, die Blutgefäße verengen sich, um sich später ­wieder zu weiten und den Körper mit Blut voller ­entzündungshemmender Stoffe zu fluten.

rieren will, schon. Eine kalte Dusche am Morgen, mindestens drei Minuten, bringt ­unglaubliche Gesundheits-­ Benefits auf vielen Ebenen. Für den Einsteiger kann es auch weniger sein oder auch Kalt-warm-Wechselduschen. Ausprobieren, durchbeißen – wirkt Wunder!“

Zlatan Ibrahimović, 39, schwört zur Regeneration auf eine ­sogenannte Cryokammer, also einen begehbaren Tiefkühlraum.

Was kann der Hobby-Athlet von Zlatan Ibrahimović ­lernen, Andreas Breitfeld? „Kälte ist genial. Ich rate ­jedem, sich mit Kälte zu beschäftigen, ein super Einstieg ist Josephine Worsecks Buch ‚Die Heilkraft der Kälte‘. ­Wesentlich für den Sportler ist das Timing. Vereinfacht gesagt: Wer Muskeln aufbauen will, sollte nicht direkt nach dem Training in die ­Kälte. Wer schneller regene-

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Serge Gnabry Klavier spielt Fußball Gnabry arbeitet intensiv mit dem NeuroathletikCoach Lars Lienhard. Die Trainings mögen eigenartig aussehen – er schüttelt den Kopf, absolviert spe­ zielle Finger-, Hand- und Augenübungen –, aber sie wirken: Die innovative ­Disziplin der Neuroathletik verbessert Koordination, Raumgefühl und Geschicklichkeit. Gnabry achtet auf die Qualität seines Schlafs, lässt sich durch Biografien erfolgreicher Persönlichkeiten inspirieren und nimmt Klavierstunden. Berater Hannes Winzer: „Serge war früher ver­ letzungsanfällig. Heute macht er 40, 50 Spiele pro Saison, fällt ganz selten aus. Das passiert ja nicht einfach so, das ist ja kein Zufall. Serge ist enorm fleißig. Er hat gelernt, ­seinen Körper als Tempel zu sehen.“ Und was hat Klavierspielen damit zu tun? Winzer: „Klavier­ spielen zu lernen verbessert das Rhythmusgefühl, bedeutet, Synapsen neu zu verknüpfen und neu anzusteuern. Und das macht Serge zu einem besseren Fußballer.“

Idee mit den Klavierstunden: Musizieren unterstützt die Verknüpfung verschiedener Hirnareale, wir reden da von einer Verbesserung von Balance und Links-rechtsKoordination, von einem Ausgleich von starkem und schwachem Fuß. Man kann sagen: Klavierspielen ist eine anspruchsvolle Art von Neuroathletik-Training.“

Serge Gnabry, 25, ver­ bessert seine Balance und Links-rechts-Koordination durch Klavierspielen.

Was kann der Hobby-Athlet von Serge Gnabry lernen, Andreas Breitfeld? „Hannes Winzer führt seine Spieler wirklich gut ans Biohacking heran. Ich mag die

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Dossier Fußball

Cristiano Ronaldo Der Mann, der sechsmal schläft Legendär ist Cristiano ­Ronaldos Schlafrhythmus vor großen Spielen: Er hält sechs neunzigminütige ­Nickerchen, verteilt über 24 Stunden (bei jedem ­Nickerchen muss es ein frischer Pyjama sein). Und er isst an diesen Tagen sechs Mahlzeiten: Frühstück, zwei Mittagessen, ein Snack und zwei Abendessen. Klarerweise verzichtet der Perfektionist auch nicht auf die Vorteile der Kältetherapie. Ronaldo ließ sich um 45.000 Euro eine Cryokammer nach Hause liefern. Was kann der Hobby-Athlet von Cristiano Ronaldo ­lernen, Andreas Breitfeld? „Polyphasischer Schlaf funktioniert wunderbar. Das ist gut erforscht, da gibt es keinen Zweifel. Der Nachteil: Kein Mensch schafft das. Sechsmal täglich punkt­ genau abtauchen, das lässt sich weder mit einem halb­ wegs normalen Berufs- noch mit einem erträglichen ­Familienleben vereinbaren. Aber sieben bis acht Stun­ den ordentlicher Nacht­ schlaf reichen normaler­ weise aus. Am besten schläft es sich übrigens, wenn das Schlafzimmer komplett dunkel und kühl ist.“

Idealer Schlafrhythmus: Cristiano Ronaldo, 36, hält vor großen Spielen sechs 90-minütige Nickerchen.

NORMAN KONRAD

BIOHACKER ANDREAS BREITFELD QR-Code scannen und sein Labor entdecken THE RED BULLETIN

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Die technischen Hilfmittel fürs Training werden immer smarter: Roboter-Ärzte, virtuelles Elferschießen (mit eingespielten Buhrufen) oder digitale Schienbeinschützer können bald den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen.

COMPUTER ÜBERNEHMEN DAS COACHING

TECHNIK-TRAINING Text: Marc Baumann

Auf dem „ddrobotec“Einsitzer trainieren Sportler ihre Beine mittels feinfühliger Pneumatik (Druckluft).

nervenaufreibenden Wettläufe mit der Zeit: Ärzte und Physiotherapeuten. Selten kennt man ihre Namen – vom legendären Dr. Müller-Wohlfahrt einmal abgesehen. Ein zweiter Name, den man sich merken sollte: „ddrobotec“. So heißt der RoboPersonal-Trainer, der wie eine Beinpresse mit Monitor aussieht. Feinfühlig achtet die Maschine darauf, verletzte Muskeln nicht zu sehr zu belasten. Bei gesunden Sportlern geht das Gerät an die Grenze, aber nicht dar­ über. Der Clou: Die Übungen kommen wie Videospiele daher, das bedeutet Spielspaß statt Kraftschinderei. ddrobotec.com

Digitaler Personal Trainer

Der Robo-Doc

Zu den Dramen des Fußballs gehört: die Reha. Im Jahr 2006 bangte ganz Deutschland, ob Philipp Lahm zur HeimWM gesund sein würde. Oder aktueller: Schafft Robert Lewandowski trotz Ver­ letzungspause Gerd Müllers Rekord von 40 Ligatoren? Die stillen Helden dieser 76

Beinpresse mit Monitor: Die Übungen sind an die individuellen Leistungsgrenzen angepasst und als kleine Spiele getarnt.

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Dossier Fußball

Fliegender Datensammler

Dieser Ball denkt mit

Wer sehen möchte, mit welchen Bällen wir in Zukunft spielen werden, der muss ordentlich Chips essen. Den „Smartball“ der Hannoveraner Firma Sport Technology Systems gibt es nämlich erst mal nur in Pringles-Dosen zu gewinnen – während der Fußball-EM. Ende des Jahres soll es den mit Sensoren und künst­licher Intelligenz schlau gemachten Ball für alle im Handel geben. „Der Sport ­verliert zu viele Jugendliche an Videospiele, darum ist unser Gegner die Spielkonsole“, erklärt der Firmengründer Lennardt Hachmeister. Er und sein Mitgründer, Ex-Bundes­ ligaprofi Fabian Ernst (HSV, Schalke, Bremen), setzen stark auf den Gamification-Ansatz – einen lockeren Mix aus Trainingseinheiten und lustigen Challenges. In einem zweiten Schritt soll der Smartball im Vereinsfußball etabliert werden und beispielsweise Amateurmannschaften helfen, ohne großen technischen Aufwand an Leistungsdaten zu kommen. Beim Spielen mit dem Smartball merke man „im Look and Feel“ keine Unterschiede zu handelsüblichen Matchbällen, sagt Hachmeister.

Ob die Smartball-Technologie in die Bälle anderer Marken integriert wird oder das Unternehmen die Bälle selbst herstellt, ist noch nicht entschieden. Jedenfalls kann der Smartball Geschwindigkeit, Effet, Flughöhe und damit die Präzision der Ballberührung ermitteln. Vom Schweizer Trainer Lucien Favre weiß man, dass er seinen Spielern gerne erklärt, wie wichtig es ist, den Ball perfekt zu treffen – es könnte also sein, dass sich der Chips-Konsum im Hause Favre bald dramatisch erhöht. sporttechnology.systems

Bislang musste ein Ball nur gut fliegen, bald liefert er Daten zu Speed, Effet, oder Flughöhe. THE RED BULLETIN

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360-Grad-Simulator

Leinwand­ abenteuer

Nach verlorenen Spielen liegen Fuß­ baller oft die ganze Nacht wach, weil in ihren Köpfen die entscheidenden Spiel­ szenen in Endlosschleife laufen. Schlaf­ mangel macht sie nicht besser, sehr wohl aber der SoccerBot360. In dem Gerät lassen sich Spielszenen auf Knopfdruck simulieren. Der Spieler steht in der Trainingshalle auf Kunstrasen, umgeben von Leinwänden, auf die mal Gegner, mal Mitspieler, mal Tore projiziert werden. Der reale Ball muss schnell und präzise zum virtuellen Mitspieler gepasst werden. Ob im SoccerBot360, in dem RB Leip­ zig oder die Red Bull Fußball Akademie trainieren, oder in anderen Trainings­ stationen wie dem Footbonaut in Dort­ mund oder dem Skills.Lab des FC Bayern, die Idee ist immer dieselbe: Reaktion, Konzentration und Übersicht verbessern und messen. Das kann recht schweiß­ treibend werden, wenn etwa im Skills.Lab

Dank Virtual Reality können die Träger der Brille ein Fußball­ spiel erleben, ohne sich echten Zweikämpfen aus­setzen zu müssen.

auf den Leinwänden zehn Mit- und ­Gegenspieler e­ rscheinen und man in ­Sekunden den frei stehenden Mann in seinem Rücken erkennen soll. Und fürs Training der Nerven gibt es beim virtuel­ len Elfer ­buhende Fans vom Tonband.

Maßarbeit: Im SoccerBot360 können Spieler im virtuellen Raum unter anderem ihre Passgenauigkeit trainieren.

soccerbot360.de

Virtueller Fußballplatz

Gedankenspiele Fragt man die Trainer der Red Bull ­Akademie in Salzburg-Liefering, welche technische Entwicklung sie spannend finden, hört man zwei Wörter: Virtual Reality. Bald wird es möglich sein, Spiel­ situationen inklusive Gegner, Fans und Wetter fotorealistisch nachzuspielen. Bis dahin gibt es schon mal Rezzil: Mit einer Datenbrille und Daten-Schien­ beinschonern (!) kann man einen virtuel­ len Rasenplatz betreten und diverse Übungen anwählen: Ballannahme mit anschließendem Präzisionspass etwa, Volleyschüsse aufs Tor und sogar Kopf­ bälle zum virtuellen Mitspieler. Samt Ballgeräusch. Wer mag, kann sich in der Trainerperspektive Spielszenen aus der Sicht aller Spieler anschauen. Dass beim VR-Training der echte Ball fehlt, kann sogar ein Vorteil sein, wenn Spieler nach Verletzungen ohne Schuss­ belastung erst mal wieder die Bewegungs­ abläufe üben wollen. rezzil.com

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Dossier Fußball Big-Data-Analysesystem

Kick, Trick & Track

Das im Shirt fixierte TrackingModul kommuniziert mit Sendern am Spiel­feldrand – 100-mal pro Sekunde!

Als Verteidiger gegen Kingsley Coman zu spielen gehört zu den Höchststrafen im Weltfußball. Der Bayern-Star ist enorm schnell. Was kann man dem entgegen­ stellen? Zum Beispiel die Tracking- und Analysetechnik von Kinexon Sports. „Wir wissen, dass ein Außenverteidiger gegen Coman in zehn bis zwölf Spiel­ situationen kommen wird, wo er fast aus dem Stand 22 bis 23 km/h schnell sprinten muss“, erklärt Maximilian Schmidt, Mitgründer der Firma Kinexon Sports.

Mit seinen Daten kann der Abwehrspieler diese Duelle trainieren, Comans Laufwege durchspielen und Sprinttempi vergleichen. Schmidts Unternehmen hat mehrere­Trainingsplätze in der Red Bull Fußball Akademie mit sogenannter LPSTechnologie ausgestattet, weil sich Kinexon nicht mehr auf die etwas ungenauen GPS-Satellitendaten verlässt, sondern am Spielfeldrand eigene Sender installiert, die sich bis zu 100-mal pro Sekunde mit den T ­ rackern der Spieler austauschen. Aus den gewonnenen Daten lassen sich nicht mehr nur wie früher Lauf­ geschwindigkeit und -distanz erfassen, sondern die exakte Position jedes Spielers – damit wird seine Bewegung in Abwehroder Angriffsketten ausgewertet. Dass Kinexon mittlerweile auch den Ball trackt, macht den erhobenen Datenberg noch höher – und komplizierter. Aus den Trackingdaten versuchen die Vereine die entscheidenden Parameter gemäß der eigenen Spielphilo­sophie ­herauszulesen. „Big Data“ ist an Sporthochschulen und in Trainerlehrgängen daher schon Teil der Ausbildung. Und auch Profis entdecken den Wert ihrer Trackingdaten: Um an Schwächen zu arbeiten oder – wie Manchester-CityStar Kevin De Bruyne – valide Daten als gute Argumente bei der nächsten Vertragsverhandlung zu haben. kinexon.de

UMBRELLA SOFTWARE DEVELOPMENT GMBH

Mundstück-Assistent

Schutz fürs Köpfchen

Spätestens seit Deutschlands Christoph Kramer im WM-Finale 2014 den Schiedsrichter nach einem Zusammenprall gefragt hat, ob dies hier das WM-Finale sei, sind Gehirnerschütterungen im Fußball ein großes Thema – zu oft gibt es harte Luftzweikämpfe, zu gefährlich sind die Spätfolgen von Kopfverletzungen. THE RED BULLETIN

Das Mundstück wird wie von Boxern über der oberen Zahnreihe getragen und misst Erschütterungen.

Die Firma SWA lässt deshalb aktuell ihren neuen Hightech-Mundschutz Protecht bei der U23 des FC Liverpool, den U18-Frauen von Manchester City und – um ganz sicherzugehen – auch noch beim englischen Rugby-Team Leicester Tigers testen. Das individuell angepasste Mundstück misst die Intensität aller Erschütterungen bei Kopfbällen oder Zweikämpfen, die Messung erfolgt dabei am Oberkiefer, der direkt mit dem Schädelknochen verwachsen ist. Das Teil sendet Daten in Echtzeit an das medizinische Team am Spielfeldrand, das dann Entscheidungen trifft. Damit wäre Christoph Kramer wohl nicht erst 15 Minuten nach dem Zusammenstoß vom Feld genommen worden. swa.one

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Der Norweger ERLING HAALAND gilt als größte Stürmer-Hoffnung der Zukunft. Und als gefürchteter Interview-Partner. Weil er so wenig redet, wie Boxer IVAN DRAGO im Kultfilm „Rocky IV“. Ein Zitate-Ratespiel der wortkargen Kampfmaschinen.

DAS QUIZ

WER HAT’S

GESAGT? Haaland oder Drago: Von wem stammen diese Kurz-Ansagen?

Lässt Fäuste sprechen: der heute 63-jährige Dolph ­Lundgren in seiner Parade­rolle als Boxer Ivan Drago

DIE AUFLÖSUNG 1. Ivan Drago, nachdem er von seinem Manager als Idiot bezeichnet wurde. 2. Erling Haaland auf die Frage, was das Geheimnis hinter seiner unglaublichen Torquote in der Champions League (heute 20 Tore in 16 Spielen) ist. 3. Erling Haaland auf die Frage, wie es ist, ohne Fans auf den Rängen spielen zu müssen. 4. Ivan Drago vor dem Beginn des Kampfes gegen Rocky Balboa. 5. Erling Haaland auf die Frage, ob er mit seinem Torjubel vor der leeren Tribüne eine Message an seine Fans senden wollte. 6. Erling Haaland auf die Frage, wie es sich anfühlt, der jüngste Spieler zu sein, der je einen Hattrick in der Champions League erzielt hat. 7. Ivan Drago vor der letzten Runde im Kampf gegen Rocky Balboa. 8. Ivan Drago vor dem Kampf gegen Apollo Creed.

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IMAGO IMAGES, GETTY IMAGES

Lässt seine Tore für sich sprechen: Erling Haaland, 20, stürmender Super­star der kommenden Jahre

fight to win.“ 2. „Work hard!“ 3. „It’s shit.“ 4. „I must break you.“ 5. „Yes.“ 6. „I feel very good.“ 7. „To the end.“ 8. „You will lose.“

CHRISTIAN EBERLE ABASOLO

1. „I


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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

ÜBER ALLE BERGE

SEBASTIAN MARKO/RED BULL CONTENT POOL

HANNES KROPIK

Mit Gleitschirmflieger Paul Guschlbauer auf den Spuren der Red Bull X-Alps

Paul Guschlbauer im Höhenflug in der Nähe des Mont Blanc

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GUIDE Reisen

„Die Strecke bietet grandiose Orte für Hobbysportler, selbst aktiv zu werden.“ Paul Guschlbauer über die Abenteuer entlang der Red Bull X-Alps-Route

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ie Red Bull X-Alps sind ein echtes Abenteuer: Du hast einen Startplatz und ein Ziel; dazwischen gibt’s zwölf Kontrollpunkte in fünf Ländern – und du kommst in viele Situationen, die du un­ möglich vorhersehen kannst. Theoretisch könntest du die Strecke von Salzburg zum Mont Blanc an der schweizerisch-­ italienischen Grenze und zurück auch in einem Stück durchfliegen, das wäre sogar regelkonform. Praktisch sprechen die ­Naturgesetze dagegen: Irgendwann ist die Thermik weg, und du musst landen. Und von da, wo du landest, gehst du los – hinauf zu einem Punkt, von dem aus du wieder fliegen kannst. Wenn es sein muss, gehst du bei Schlechtwetter auch schon einmal ein ganzes Tal entlang. 2021 finden die Red Bull X-Alps zum zehnten Mal statt. Ich habe mir in der Vorbereitung das rechte Sprungbein ­gebrochen, aber ich bin optimistisch, was meinen sechsten Start angeht – ich werde mich stärker aufs Fliegen konzen­ trieren. Es ist ja ein „Hike & Fly“-Event: Du fliegst – oder du gehst. Entweder der Gleitschirm trägt dich, oder du trägst den Gleitschirm. Es ist aber kein Rennen, an dem jeder teilnehmen kann. 33 aus­ gewählte Athleten dürfen an den Start gehen, es gibt eine Wertung für Damen und Herren. Doch die Regionen, die wir so flott wie möglich durchmessen, bieten auch für Hobbysportler grandiose Möglichkeiten, aktiv zu werden. Hier ein paar Beispiele aus meiner Erfahrung.

Biken auf Salzburgs Almen

Zum Beispiel Wagrain-Kleinarl in Salzburg, wo wir die Red Bull X-Alps am 17. ­Juni mit dem Prolog in Angriff nehmen: 84

Guschlbauer im Rennen: Fliegen ist schöner.

Die „Kleinarler Runde“ ist eine heraus­ fordernde Bike-Strecke: 24,8 Kilometer lang, es geht 1046 Höhenmeter ­hinauf auf knapp 1800 Meter und genauso viele wieder hinunter, dazwischen liegen die Kitzsteinalm oder die Kurzegg­alm als Rastpunkte mit toller Aussicht. Auch wenn wir in der Luft auf uns ­allein gestellt sind: Die Red Bull X-Alps sind ein Teamrennen. Mein Teamkollege – oder wie wir sagen: Supporter – ist der Werner Strittl. Er begleitet mich mit einem Camper zu ebener Erd’ durch Österreich, Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Italien und zurück nach Österreich. Die Nachtruhe ist vorgegeben: Um 22.30 Uhr parkt der Camper, dort gehe ich schlafen, dort starte ich um 5 Uhr früh wieder los. THE RED BULLETIN


Red Bull X-Alps: die Route Es ist die längste Route in der Geschichte der Red Bull ­X-Alps: 1238 Kilometer müssen die Athleten bewältigen. Start ist in Salzburg, das Ziel in Zell am See, dazwischen müssen zwölf Kontrollpunkte passiert werden. 17. Juni 2021: Prolog: Wagrain-Kleinarl 20. Juni 2021: Start: Salzburger Mozartplatz

GER SUI

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07 08

05 10

09 FRA

04 03

AUT 01 02

12 11

ITA

KONTROLLPUNKTE 01 Gaisberg (AUT): 1275 m Seehöhe 02 Wagrain-Kleinarl (AUT): 1009 m 03 Kitzbühel – Hahnenkamm (AUT): 1633 m 04 Chiemgau – Achental (GER): 521 m 05 Lermoos – Tiroler Zugspitz Arena (AUT): 990 m 06 Säntis (SUI): 2500 m 07 Fiesch – Aletsch Arena (SUI): 1057 m 08 Dent d’Oche (FRA): 2079 m 09 Mont Blanc (FRA): 4714 m 10 Piz Palü (SUI): 3901 m 11 Kronplatz (ITA): 2258 m 12 Schmittenhöhe (AUT): 1950 m Ziel: Zell am See (AUT): 751 m

Trailrunning im Chiemgau

NICOLAS HOLTZMEYER/RED BULL CONTENT POOL, MIRJA GEH/ RED BULL CONTENT POOL, PHILIPP REITER/RED BULL CONTENT POOL

Paul Guschlbauer beim Gleitflug in der Gegend von L’Alpe d’Huez in Frankreich

Gratwanderung: Guschlbauer bei den Red Bull X-Alps 2019, bei denen er Dritter wurde THE RED BULLETIN

Wir fliegen dieses Jahr wieder im Chiemgau in Bayern. Ich habe hier eine Zeit lang gelebt. In dieser Gegend hat man nicht nur als Paragleiter seinen Spaß, sondern auch als Trailrunner. Von Marquartstein aus winden sich Trails aller Schwierigkeitsstufen durch die Berge – von einer zehn Kilometer langen Einsteigerrunde mit knackigen Waldpassagen über die ambitionierte Halbmarathon-Distanz ­hinauf auf den Gipfel der Hochplatte bis hin zur 42-Kilometer-Runde, auf der man vom Hochgerngipfel einen tollen Blick auf den Chiemsee hat. Entschieden werden die Red Bull X‑Alps im Prinzip in der Luft; athletisch sind wir alle ungefähr gleich stark. Aber je besser du fliegst, je genauer du weißt, wie die Winde fließen, desto rascher geht es voran. Wichtig ist, dass du über die Thermik in allen Tälern Bescheid weißt und dich taktisch richtig entscheidest: Fliege ich bei schlechten Bedingungen   85


GUIDE Reisen

Wanderparadies: Blick auf das Bettmeralp Resort im Gebiet des Aletschgletschers in der Schweiz

Red Bull X-Alps: das große Jubiläum

einfach hinunter und gehe den nächsten Berg hinauf, oder warte ich eine Stunde und kann eine bessere Thermik aus­ nutzen? Je weiter wir nach Westen ­kommen, desto höher werden die Berge. Und umso anspruchsvoller wird das Flie­ gen, denn die Windsysteme ändern sich schneller und stärker. Du stehst perma­ nent unter Anspannung. Wenn du beim Gehen müde wirst, kannst du dich kurz hinsetzen. In der Luft gibt’s keine Pause. Du kannst die Arme kurz ausschütteln, aber du musst immer fokussiert bleiben.

In diesem Jahr findet der einzigartige Wettbewerb ­bereits zum zehnten Mal statt.

Wandern am Rekord-Gletscher

In der Schweiz ist einer der Kontrollpunkte in der Aletsch Arena. Der Aletschgletscher ist der größte und längste Gletscher der Alpen. Von Fiesch führt eine Bergbahn ­hinauf, doch bei den Red Bull X-Alps müs­ sen wir auch diese Strecke zu Fuß gehen. Und wir haben auch keine Zeit, den groß­ artigen Ausblick auf die Viertausender der Berner Alpen zu genießen. Aber ich weiß, dass es in diesem UNESCO-Welt­ kulturerbe mehr als 300 Kilometer Wan­ derwege gibt. Für mich ist das Gehen bei den X‑Alps nur Mittel zum Zweck. Ich will hinauf auf den nächsten Berg und weiterfliegen. Immer weiterfliegen. Weiterführende Links: redbullxalps.com paulguschlbauer.at

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„Rund um den Aletsch­gletscher führen 300 Kilometer Wanderwege.“ Paul Guschlbauer über den schönsten Punkt der Strecke in der Schweiz

1238 KILOMETER Luftlinie stehen den Athleten in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Italien bevor. Der Check erfolgt über Kontrollpunkte, der Mont Blanc muss im Gegenuhrzeigersinn um­flogen werden. 33 TEILNEHMER 30 Männer und 3 Frauen, aus 17 Nationen werden an den Start gehen; alle 48 Stunden wird der Letzt­ platzierte aus dem Klassement genommen.

­Athleten von 5 bis 22.30 Uhr ­fortbewegen. DIE SECHS JÜNGSTEN Red Bull X-Alps waren eine Machtdemonstration des Schweizers Christian „Chrigel“ Maurer, insgesamt gingen alle neun bisherigen Siege an Schweizer. 2011, 2015, 2017 & 2019 Viermal landete der ge­ bürtige Steirer Paul Guschl­ bauer auf Rang drei. BESONDERES JUBILÄUM Der 46-jährige Rumäne Toma Coconea feiert in Salzburg ein besonderes ­Jubiläum: Als einziger Athlet wird er bei der 10. Auflage seine 10. Red Bull X-Alps in Angriff nehmen. Per Livetracking bei den Red Bull X-Alps dabei sein:

VON 6 BIS 21 UHR darf geflogen werden, zu Fuß können sich die THE RED BULLETIN

GETTY IMAGES, NICOLAS HOLTZMEYER/RED BULL CONTENT POOL

Die Red Bull X-Alps gibt es seit 2003, sie finden im Zweijahresrhythmus statt. Die 10. Ausgabe startet am 20. Juni in der Stadt Salzburg und führt über die ­bislang längste Strecke ­zurück nach Zell am See (Land Salzburg).


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FREERUNNER ENTERN HAFEN IN ATHEN SPEKTAKULÄRE ACTION: RED BULL ART OF MOTION Im Hafen Mikrolimano im griechischen Piräus zeigen Freerunner, dass Boote kein Hindernis, sondern eine Herausforderung sind. Im Bild ­Dimitris Kyrsanidis und Silke Sollfrank – noch weit mehr Freerunner gibt’s bei Red Bull Art of Motion am 10. Juli auf Red Bull TV. redbull.com

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DAMIAN KRAMSKI/RED BULL CONTENT POOL, ALEX GRYMANIS/RED BULL CONTENT POOL, SAMANTHA SASKIA DUGON/RED BULLL CONTENT POOL

Mal Hängematte, mal Action: die Tipps des Monats mit besten Empfehlungen der Redaktion.  Text WOLFGANG WIESER


GUIDE Tipps & Trends BÜHNE FREI FÜR DIE YOUNGSTERS CRANKWORX IN TIROL Auf der Crankworx World Tour in Innsbruck (16.– 20. Juni) ­werden erstmals eigene Wettbewerbe für 13- bis 19-Jährige ausgetragen. Die Weltelite ist natürlich auch zu sehen. Infos zu Programm, Teilnehmern und Tickets auf: crankworx.com

WIE HALTE ICH DEN KURS? FLOTT AUFGEBAUT Leichtgewicht aus Alu, lässt sich mit einem Zug am Seil aufstellen.

BUCH EINER SEGEL-LEGENDE Keine schöne Geschichte, aber eine mit beeindruckendem Ende: Ein Jahr nach seiner Krebsoperation holt SegelHeld Santiago Lange Gold bei Olympia in Rio de Janeiro – ein Triumph unvergleichlichen Kampgeistes. pantauro.com

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SCHWARZE SCHÖNHEIT RANGER GRIP 55 VON VICTORINOX Das ist die jüngste Ausformung des berühmten Schweizer­ messers: Hat Werkzeug bis zum Abwinken und sieht dazu fantastisch aus. Die wunder­ bare Farbe heißt Onyx Black. victorinox.com THE RED BULLETIN

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BORN TO ELECTRIFY Er stand bereits auf dem Genfer Auto-Salon für eine Sitzprobe bereit. Nun soll er den Markt der Elektrofahrzeuge grundlegend verändern: der neue CUPRA Born, das erste vollelektrische Modell der spanischen Performance-Marke.

Der sportliche Charakter des elektrischen CUPRA setzt sich auch im Innenraum fort.

CUPRA-typisch sportlich – außen wie innen Basierend auf dem modularen Elektro-Baukasten (MEB) des Volkswagen-Konzerns ist der CUPRA Born mit

CUPRA

Seit der Vorstellung des Konzeptfahrzeuges Born auf dem Genfer Auto-Salon entwickelte das Designteam von CUPRA das Fahrzeug akribisch weiter, um seinen sportlichen Charakter und seine beeindruckende Optik noch stärker zu betonen. Aufbauend auf der dynamischen Ausstrahlung und seiner modernen Technik wie dem hochentwickelten Antriebsstrang nahmen die Entwickler von CUPRA kontinuierlichen Feinschliff vor. Das Ergebnis ist das erste rein elektrische Modell der Marke: der CUPRA Born. Designt und entwickelt wurde der ­CUPRA Born in Barcelona, die Fertigung erfolgt im ­deutschen Werk Zwickau.


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DER NEUE CUPRA BORN Der CUPRA unter den Elektroautos Die neuen CUPRA Born Modelle vereinen einzigartiges, exklusives Design mit fortschrittlichsten Technologien und einem dank lokal emissionsfreiem Antrieb geringen ökologischen Fußabdruck:

Der CUPRA Born wird in verschie­ denen Leistungsstufen und mit einer E-Boost-Funktion erhältlich sein.

­ odernster Technik ausgestattet – darunter beispielsm weise ein Head-up-Display mit Augmented-RealityFunktion und ein umfassendes Konnektivitäts- und ­Infotainmentsystem mit 12-Zoll-Bildschirm. Zudem legte CUPRA neben der Liebe zum Detail und hoher Material­qualität im Innenraum unter Verwendung von recycelten Materialien besonderes Augenmerk auf die Nachhaltigkeit des neuen Elektro-Fahrzeuges. Seinen Performance-Anspruch bringt der CUPRA Born mit den höchst bequemen Sportschalensitzen und dem neuen innovativen Lenkrad mit CUPRA Modus- und Fahrprofiltasten zum Ausdruck.

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B O U L E VARD DER HEL DEN

MARLENE DIETRICH

ZUCKER ODER FETT?

Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 14: Wie eine junge dicke Journalistin bei der Diva ihr Fett abkriegte.

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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT

GETTY IMAGES

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MICHAEL KÖHLMEIER

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husnelda Harris war gerade ein­ es gab vieles, was er ihm von früher her mal zwanzig Jahre alt, als ihr schuldig war. Immerhin: Einen besseren Henry R. Luce, Herausgeber des Start in das Leben einer dicken hübschen amerikanischen „Life Magazine“, Schriftstellerin, als Marlene Dietrich zu den Auftrag erteilte, Marlene interviewen, gab es nicht. Dietrich zu interviewen. Henry Luce arlene Dietrich war zu dieser Zeit war ein Freund von Miss Harris’ Vater am Höhepunkt ihrer Karriere an­ aus Studentenzeiten, sein ehemaliger MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger gelangt. Sie war der Inbegriff der Kommilitone hatte ihn gebeten, seiner Bestsellerautor gilt Diva. „Die Apotheose der Diva“, wie der Tochter eine Chance zu geben. Denn als bester Erzähler Schriftsteller Gore Vidal schrieb. Nach zur Schönheitskönigin werde sie es nicht deutscher Zunge. ihr werde man von einer Diva nur mehr bringen, sagte er. Zuletzt erschienen: in der Vergangenheitsform sprechen. Das war im Jahr 1958, dreizehn Jahre „Die Märchen“, Ein Jahr zuvor war der Film „Witness nach Ende des Krieges. Amerika präsen­ 816 Seiten, Verlag tierte sich der Welt als Vorbild, als poli­ Carl Hanser. for the Prosecution“, also „Zeugin der tisches, wirtschaftliches und militärisches Anklage“, herausgekommen, eine Adap­ tion des gleichnamigen Stücks von Agatha Christie, Vorbild – und als Vorbild, was den Lebensstil betraf. bei der Billy Wilder Regie geführt hatte. Marlene Auch wenn Ärzte schon damals besorgt feststellten, Dietrich spielt darin die Ehefrau eines vermeint­ dass die amerikanische Jugend von Jahr zu Jahr lichen Mörders, verkörpert von Tyrone Power – die ­dicker werde, war Amerikas selbstbewusst fröhlicher Auflösung soll hier nicht bekanntgegeben werden, Vorschlag an die Welt: fit sein und schlank sein! ich halte mich an die Bitte der Produktionsfirma, Thusnelda Harris hatte mit Auszeichnung als die über dem ­Abspann zu lesen war: Wer den Film Beste ihres Jahrgangs in Hartford, Connecticut, das ge­sehen habe, solle den Schluss nicht verraten. Mar­ College absolviert und war im ersten Anlauf an der lene Dietrich gibt in diesem Film einen neuen Typ Columbia University in New York aufgenommen Frau, neu im amerikanischen Kino: eine schlanke, worden; aber sie war dick, sehr dick. Dazu hatte sie andro­gyne, hohe­Erscheinung, spitze Schultern, ein hübsches Gesicht. Was paradoxerweise als ein schmale Wangen, rauchige Stimme, nach außen hin weiterer Nachteil gewertet wurde. Sie wollte näm­ lich Schriftstellerin werden. Eine dicke hässliche kalt und berechnend, intelligent, wagemutig und Schriftstellerin wäre mit dem nationalen Selbstver­ vorausblickend wie eine Meisterschachspielerin, die ständnis verträglich gewesen, ebenso eine schlanke Männer einschüchternd, den Männern überlegen, hübsche, nicht jedoch eine Mischung, also eine wie tief drinnen aber – so viel darf verraten werden – Thusnelda Harris. ­lodernd vor Leidenschaft, tapfer und treu. Ihr Vater war dieser Meinung und sein Freund Nie zuvor war auf der Leinwand eine so wider­ sprüchliche Figur gezeigt worden, und hätte Billy Henry Luce auch und die amerikanische Öffentlich­ keit auch. Aber Mister Harris liebte seine Tochter, Wilder die Rolle mit einer anderen Schauspielerin und Mister Luce respektierte seinen Freund, und besetzt, wir befürchten, die ganze Geschichte wäre


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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

wegen Unglaubwürdigkeit in sich zusammengebrochen. In Anspielung auf Dietrichs ersten großen Erfolg „Der blaue Engel“, die Verfilmung des Romans „Professor Unrat“ von Heinrich Mann, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Die Wandlung vom blauen zum schwarzen Engel ist vollzogen.“ Nach diesem Film relativierten sich die Sexsymbole Marilyn Monroe und Mae West zu Pin-up-Bildchen an der Innenseite der Kleiderschränke von Pubertierenden. Marlene Dietrich war das erste und vielleicht einzige erwachsene Sexsymbol – was die Frage aufwirft, ob dieser Begriff hier überhaupt zutrifft.

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n den Star heranzukommen war schwer, selbst für den Herausgeber des „Life Magazine“. Eine Kette von Fürsprechern und ­Fürsprecherinnen war nötig. Über den Komponisten Burt Bacharach gelang es schließlich, Marlene Dietrichs Interesse zu wecken – ausdrücklich ihr Interesse an einer „jungen dicken Frau mit hübschem Gesicht, die Schriftstellerin werden möchte“. Als die Diva schließlich Thusnelda Harris gegenüberstand, lachte sie heraus und rief: „Sie sind ja noch dicker und noch hübscher, als mir versprochen wurde. Jetzt sehe ich kein Hindernis mehr, dass Sie auch eine großartige Schriftstellerin werden.“ Miss Harris stellte Marlene Dietrich ihre erste Frage: „Was war das Wichtigste, worauf Sie in Ihrem Leben verzichtet haben?“ Nach einer langen Pause fragte Frau Dietrich: „Inwiefern wichtig?“ „Ich meine“, antwortete Miss Harris, „was sollte man im Leben keinesfalls tun?“ Wieder nach einer langen Pause sagte Frau ­Dietrich: „Zucker essen.“ „Soll ich Ihre Antwort auf mich beziehen?“, fragte Miss Harris, als würde sie die Antwort nicht auf sich beziehen. „Sie meinen, ich bin zu dick, weil ich zu viel Zucker esse. Habe ich recht?“ „Zeigen Sie mir Ihre Zähne!“, sagte Frau Dietrich. Sie saß in einigem Abstand von ihrer Interviewerin. Sie war geschminkt und gekleidet wie Christine Vole in „Zeugin der Anklage“. Die Redaktion des „Life Magazine“ hatte angekündigt, man werde einen ­Fotografen schicken, den besten selbstverständlich. Marlene Dietrich wollte wahrgenommen werden, wie Millionen sie kurz zuvor auf der Leinwand ge­ sehen hatten. „Kommen Sie her!“, rief sie der jungen Interviewerin zu. Miss Harris ging um den Tisch herum.

„Sie nehmen mich auf den Arm, Mrs. Dietrich. Aber das macht nichts.“ 94

„Näher!“ Miss Harris trat näher. „Noch näher! Und nun beugen Sie sich über mich und machen den Mund auf!“ Auch das tat Miss Harris. Frau Dietrich schaute in Miss Harris’ Mund, sie zog mit den Zeigefingern die Backen auseinander, sie schnupperte, sie griff nach den Schneidezähnen, rüttelte daran. Schließlich sagte sie: „Sie essen nicht viel Zucker, habe ich recht? Oder Sie putzen viermal am Tag die Zähne. Was nun?“ „Ich mag Süßes nicht“, antwortete Miss Harris. Frau Dietrich ließ die Arme sinken, sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Dann ist es also doch das Fett. Ich kann es nicht glauben“, murmelte sie, sprach zu sich selbst. „Ich kann es nicht glauben … ich will es nicht glauben …“ „Ich verstehe Sie nicht.“ „Sie verstehen mich nicht?“, sagte Frau Dietrich. „Wirklich nicht? Sie sollten mich aber verstehen. Ich komme aus Deutschland, und ich bin nach Amerika ausgewandert, weil ich mit Hitler und seinen Verrückten nichts zu tun haben wollte. Ich bin nicht so erzogen worden, wie die Nazis die Welt gesehen ­haben. Ich bin Amerikanerin geworden. So eine wie Sie. Dann hat Hitler gegen England einen Krieg begonnen, und Amerika ist England zur Seite gesprungen, und wir haben Hitler besiegt. Und nun haben sich Amerika und England zerstritten, Amerika und Europa. Wussten Sie das nicht?“ „Nein“, sagte Miss Harris, „das weiß ich nicht.“ „Der Fett-Zucker-Krieg“, flüsterte Frau Dietrich und winkte Miss Harris nahe an sich heran. „Die Engländer behaupten, Zucker macht dick, die Amerikaner sagen, es ist das Fett. Macht der Zucker dick, oder macht das Fett dick? Das ist doch die Frage.“

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iss Harris sagte: „Sie nehmen mich auf den Arm, Mrs. Dietrich. Aber das macht nichts. Es ist eine Ehre, von Ihnen auf den Arm ­genommen zu werden.“ „Reden Sie kein dummes Zeug“, zischte Frau Dietrich sie an. Die beiden Frauen waren nicht allein in dem Raum – einem Extrazimmer im Hotel Waldorf-Astoria in der Park Avenue in New York City. „Wer diesen Krieg gewinnt, America oder Old Europe, der wird die Zukunft gewinnen. Die Zukunft ist schlank. Die Zukunft ist durchtrainiert. In Zukunft sehen Siebzigjährige aus wie heute die Vierzigjährigen. Und warum? Weil sie sich schlank halten. Da kannst du eine noch so hübsche Larve haben, wenn deine Oberschenkel wabbeln und deine Oberarme wabbeln, dann wird nichts aus dir. Ich war vorhin freundlich, ich wollte dich nicht entmutigen, Kleines. Verträgst du die Wahrheit? Ja, du verträgst sie. Aus den Fetten werden auch keine Schriftstellerinnen. Warum nicht? Weil niemand fette Schriftstellerinnen

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mag. Am allerwenigsten die Fetten. Die Fetten ­wollen nur schlanke Menschen sehen. Aber weil es immer weniger schlanke und immer mehr fette Menschen gibt, fängt der Mensch an, sich selbst zu hassen. Die Fetten kriegen die Krankheiten ab, und sie kriegen den Spott ab, sie gehen als Letzte durch das Ziel, und sie sterben als Erste. Zucker oder Fett, das ist die Frage. Du isst wirklich keinen Zucker, Kleines? Ich sag’s nicht weiter. Sag mir die Wahr­ heit. Flüstere mir die Wahrheit ins Ohr. Die Wahr­ heit und nichts als die Wahrheit!“

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Und lass das Süße! Das Süße ist das Wichtigste, ­worauf ich in meinem Leben verzichtet habe.“ Damit erhob sie sich, drehte sich noch einmal zu dem Fotografen um – es war übrigens Richard Avedon, der damals hippste Modefotograf von New York –, senkte die Augenlider und sog die Wangen ein. Dann wirbelte sie herum und war weg. Thusnelda Harris’ Interview mit Marlene Dietrich ist nie im „Life Magazine“ erschienen. In den folgen­ den Jahren hat sie dreißig Kilo abgenommen. Sie wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin. In einem ihrer Romane beschreibt sie die Begegnung einer jungen dicken Journalistin mit einem berühmten Filmstar.

Rahofer.

nd Thusnelda Harris flüsterte Marlene Dietrich die Wahrheit ins Ohr: „Ich bin verrückt nach Süßem. Ich esse heimlich Süßes. Ich habe ge­ logen und lüge die ganze Zeit. Mum und Dad denken, ich mag Süßes nicht. Aber ich mag es. Ich bin süchtig danach. Ich bin verloren. Ich fresse und fresse und fresse Süßes. Ich kann nicht mehr. Helfen Sie mir, Mrs. Dietrich! Bitte, helfen Sie mir!“ Frau Dietrich seufzte und nickte, nickte lang, seufzte lang. „Wir sollten mit den Engländern ­Frieden schließen“, sagte sie. „Friss Fett, Kleines!

„Das Süße ist das Wichtigste, worauf ich in meinem Leben verzichtet habe.“

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NICOLAS MAHLER

N IC OL AS M A HL ERS SPI T ZF ED ERL ICHES CHA R A K T ER-K A BINE T T

Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 13. Juli 2021.

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Bereit für neue Momente. Der neue Audi Q5 Sportback. Future is an attitude

Mehr erfahren auf audi.at Kraftstoffverbrauch kombiniert: 5,6 – 8,4 l/100 km. CO₂-Emissionen kombiniert: 148 – 212 g/km. Angaben zu Kraftstoffverbrauch und CO₂-Emissionen bei Spannbreiten in Abhängigkeit von der gewählten Ausstattung des Fahrzeugs. Stand 05/2021. Symbolfoto.


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