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The Red Bulletin CD 05/22

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SCHWEIZ MAI 2022 CHF 3.80

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ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

Sie war immer zu nett. Dann kam Star Wars.

* 33,02752293578 33,02752293578km/h km/h Jetzt ist Ajla Del Ponte DIE SCHNELLSTE FRAU DER SCHWEIZ.

*  100 Meter in 10,9 Sekunden. Das sind im Schnitt mehr als 33 km/h.

B E YO N C É / M A X V E R S TA P P E N / P E N É LO P E C R U Z / F R E D E R I C K L AU / DA N I E L A RY F


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E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

AUF DIE SCHNELLE

DUNKLE SEITE DER MACHT

ROBERT WUNSCH (COVER), GETTY IMAGES

Um schneller zu sein, lässt sich Ajla Del Ponte während Wett­ kämpfen auf die dunkle Seite der Macht ziehen. Diese Socken helfen ihr dabei. Ab Seite 44

Weltklasse-Sprinterin Ajla Del Ponte, 25, ist die schnellste Frau unseres Landes. Die 100 Meter rennt sie in 10,90 Sekunden und hält damit den Schweizer Rekord. Doch die sympathische ­Tessinerin musste erst einen wichtigen Schritt gehen, ehe sie allen davonrennen konnte: Sie musste lernen, weniger nett zu sein. Ab Seite 44 erzählt sie uns, welche Rolle der Dunkle Lord Darth Vader dabei spielte. Der Schnellste seinesgleichen ist auch Formel-1Pilot und Weltmeister Max Verstappen, 24. Weshalb der «fliegende Holländer» hofft, dass die Aliens unsere Sprache sprechen, erzählt er uns ab Seite 52. Dass Schnellsein Leben retten kann, beweisen uns die mutigen Feuerwehrleute der Eliteeinheit des Flughafens L. A. International. Wir durften den Jungs beim Training zuschauen – und sie wissen wirklich, was sie tun, wenn’s brennt. Die spannende Reportage dazu gibt’s ab Seite 60. Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

IRE GUT!

Illustrator Dan Leydon, daheim in Sligo im schönen Irland, hat für uns Max Verstappen auf dessen Essenz re­duziert. Ab Seite 52

1980

beginnt die offizielle Geschichtsschreibung des Breaking. Foto­ grafin Martha Cooper entdeckt statt eines Aufstands tanzende Teenager, ab Seite 18.

SO GEHT DAS

Besser leben dank Biohacking. Unser Experte Andreas Breitfeld teilt ab dieser Ausgabe sein Wissen. Folge eins: Besser schlafen, auf Seite 86.

THE RED BULLETIN

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I N H A LT The Red Bulletin im Mai 2022

FORMEL 1

52 M AX VERSTAPPEN

Die neue Nummer eins der Formel 1: 33 Fragen und Antworten zu Verstappen.

COVERSTORY

44 D IE SCHNELLSTE!

Die Tessinerin Ajla Del Ponte, 25, ist die schnellste Frau der Schweiz. Wie sie das schafft? Mit Hilfe von Darth Vader.

FEUER? MARSCH!

60 EINE HEISSE TRUPPE

60 LÖSCHBAR Ein starkes Team, das für 88 Millionen Passagiere im Jahr durchs Feuer geht.

Ein Besuch bei der wohl ­besten Feuerwehreinheit der Welt: der ARFF in Los Angeles.

WINGS FOR LIFE

72 DREAM-TEAM­ 18 B REAKING GOOD

Fotografin Martha Cooper war in den 80ern bei der Geburtsstunde des Breaking dabei.

FILM

30 PENÉLOPE CRUZ ­

Die Hollywood-Ikone über ­gewalttätige Rollen, Filmpreise und den Sinn des Lebens.

FILM

32 FREDERICK LAU

Der Schauspieler über Bergsteigen auf Borneo und warum wir mehr tanzen sollten.

BASKETBALL

34 D IE VERWANDLUNG

Poetin Asma Elbadawi ver­ ändert mit ihrem Zugang den Sport und die Dichtkunst.

MUSIK

36 SELF ESTEEM ­

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GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen 79 REISEN. Eine Kitesurf-Rallye in Brasilien – über 500 Kilometer! 84 L ESESTOFF. Philippe Djian ­verwandelt Alltag in Poesie. 86 BIOHACKING. Warum wir im Bett die Socken anlassen sollten.

52 UNÜBERHOLBAR Der Formel-1-Weltmeister Max Verstappen über Helden und Hollywood.

87 P LAYLIST. DJ David Morales und die Platten seiner Jugend. 88 TIPPS & TRENDS. Unsere ­Favoriten zum Frühlingsbeginn. 90 WINGS FOR LIFE WORLD RUN. Die App, mit der du von überall auf der Welt teilnehmen kannst. 91 K ALENDER. Auf diese Events freuen wir uns in den nächsten Wochen.

Danke, dass es dich gibt: die Pop-Heldin, auf die wir ­gewartet haben.

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK

Philipp Kuttin und Anita Gerhardter über das Ziel der Wings for Life Stiftung.

92 B OULEVARD DER HELDEN. Köhlmeier: Wie Sequoyah den Cherokee eine Schrift schenkte.

15 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 16 MEIN ERSTES MAL

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

18 TANZBAR Der Tag, an dem die Welt Breaking entdeckte (wir blicken zurück).

THE RED BULLETIN

JIM KRANTZ, FORMULA 1/ADRIAN GREEN, MARTHA COOPER, PHILIPP MUELLER,

PORTFOLIO


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WOULDN’T IT BE NICE Die britische Sängerin Self Esteem gibt Frauen Kraft. Und nicht immer ist sie dabei so sanft wie auf diesem Bild.

THE RED BULLETIN

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HALEIWA, O‘AHU, HAWAII

Glück im Unglück Zugegeben, es schaut ziemlich dramatisch aus, wenn Surfer Koa Rothman eine der gröberen Wellen vor der Küste seiner Heimat reitet. Aber das wahre Drama spielte sich nach dieser Aufnahme ab: Fotograf Ryan Moss verunglückte mit dem Jetski, dabei wurde der Kalifornier ernsthaft verletzt, seine Ausrüstung grossteils zerstört. Trotzdem gelang es ihm später mithilfe eines Freundes, ein paar Bilder von der Memory Card zu retten. Was ihm voriges Jahr einen ­Semifinalplatz beim Fotowettbewerb Red Bull ­Illume einbrachte. «Das hat den Schmerz nach Verletzung und OP gelindert», sagt Moss. ryancmoss.com


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RYAN MOSS/RED BULL ILLUME

DAVYDD CHONG


IBIZA, SPANIEN

Sprung ins Licht

DEAN TREML/RED BULL ILLUME, TRISTAN SHU/RED BULL ILLUME

DAVYDD CHONG

An der wilden Westküste der Partyinsel Ibiza gibt es einen zauberhaften Ort: die Ullal de na Coloms, zu Deutsch ­Höhle des Lichts. Sie heisst deshalb so, weil um die Mittagszeit die Sonne durch eine Öffnung an der Decke fällt und ihr Inneres magisch erleuchtet. Für Cliff Diver wie die Spanierin Celia Fernández eine Versuchung, der man unmöglich widerstehen kann. Instagram: @deantreml


HAUTES-ALPES, FRANKREICH

Wunderkerzen Die Landung eines Gleitschirmfliegers mag ja an sich aufregend sein, aber für ein ­wirklich a­ ussergewöhnliches Foto braucht es noch eine zündende Idee. Der französische Paragleiter Jean-Baptiste Chandelier machte seinem Namen alle Ehre: Er bestückte seine Schuhe mit Feuersteinen. Und schon hatte Fotograf ­Tristan «Shu» Lebeschu ein Motiv, bei dem die Funken nur so sprühten. tristanshu.com

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PAGE, ARIZONA, USA

DAVYDD CHONG

Rock  ’n’  Roll! NOAH WETZEL/REDBULL ILLUME

Die beiden Mountainbiker Blake Sommer und Jack Graham hatten vier heisse Tage im Grenzgebiet zwischen Arizona und Utah hinter sich, da schickte sich eine gnadenlose Sonne an, in aller Pracht unterzugehen. Also schulterte Blake noch einmal sein Bike und stapfte tapfer 240 Höhenmeter auf den Berg, um Fotograf Noah Wetzel diesen magischen Moment zu schenken. Das soll aber nicht heissen, dass er nicht auch seinen Spass hatte: «Er schrie vor Vergnügen, und Jack feuerte ihn vom Rand noch zusätzlich an», erinnert sich Wetzel an die beeindruckende Geräuschkulisse. noahdavidwetzel.com

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Z AHL EN, BI T T E!

BEYONCÉ

Eine Stimme für die Welt Beyoncé Knowles-Carter, 40, ist geschlechterübergreifend einer der erfolgreichsten Popstars der Welt. Hier ein paar glamouröse Details zu ihrer Karriere: wie alt sie bei ihrem ersten TV-Auftritt war, wie viele Hilfsorganisationen sie unterstützt und zu welchem Anlass sie Privatjets verschenkt.

sang sie bei Barack Obamas zweiter Angelobung als ­Präsident die US-Hymne.

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ist ihre Glückszahl. Sie und Ehemann Jay-Z ­haben ­jeweils an einem 4. Geburtstag, ­beide tragen ein «IV»-Tattoo am Ringfinger.

Millionen Euro kostete der Privatjet, den sie ihrem Ehemann Jay-Z 2011 zum ­Vatertag schenkte.

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Grammys gewann ­Beyoncé – mehr als jeder andere Einzelinterpret, ob Mann oder Frau.

Alben (also alle) stiegen in den US-Charts auf Platz 1 ein – was vorher keinem ­Solokünstler gelungen ist.

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verschiedene Sprachen ­ ieten auf Wikipedia einen b Eintrag über die Sängerin.

Jahre alt war Beyoncé bei ­ihrem ersten TV-Auftritt mit der Band Girls Tyme in der Talentshow «Star Search».

440

Millionen Dollar schwer ist Beyoncé laut Businessmagazin «Forbes».

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458.000

ihrer Wortschöpfungen («bootylicious», ein Adjektiv für «mit einem sexy Hinterteil ausgestattet») ­schaffte die Aufnahme ins Oxford English Dictionary.

Fans weltweit sahen ihren Auftritt beim Coachella-­ Festival 2018 live auf YouTube – Festival-Rekord!

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HANNES KROPIK

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CLAUDIA MEITERT

Hilfsorganisationen ­unterstützt Beyoncé mit Millionenbeträgen, dazu betreibt sie ihre eigene Charity «BeyGOOD».

2013

GETTY IMAGES (2)

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Tage alt war Tochter Blue Ivy, als ihr Daddy – Rapper Jay-Z – ihre Stimme für den Song «Glory» aufnahm.


FLÜÜÜGEL FÜR DEN SOMMER.

MIT DEM GESCHMACK VON APRIKOSE-ERDBEERE.

NEU

BELEBT GEIST UND KÖRPER.


F U ND ST Ü CK

SABRINA LUTTENBERGER

Mit dem Box-Epos «Rocky» gelang Sylvester Stallone 1976 der Durchbruch in Holly­ wood. Sieben weitere Teile sollten folgen.

SYLVESTER STALLONE

Schlag nach bei Rocky

JULIEN‘S AUCTIONS/EMILY MCGAHEE

Die Original-Boxhandschuhe aus dem Film «Rocky Balboa», 2006 30 Jahre nach dem Hollywood-Klassiker «Rocky» zog Sylvester Stallone 2006 für das Sequel «Rocky Balboa» ein letztes Mal die Boxhandschuhe an, bevor er sie in «Creed» (2015) an seinen Schüler weitergab. Mit seinen immerhin 60 Jahren zeigte Stallone beim Dreh noch vollen ­Körpereinsatz. Die Folgen: ein gebrochener Fuss und eine kurze Ohnmacht nach einem Schlag. Die Handschuhe vom Dreh brachten vor kurzem auf einer Versteigerung 16.000 US-Dollar.

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DAS F IK T IVE PHILO S O PHEN -IN T ERV IE W

LOU ANDREAS-SALOMÉ SAGT:

«Lass ruhig alle wissen, dass du was Besonderes bist!» Ob in sozialen Medien oder im wirklichen Leben: Auffallen ist en vogue. Wer Aufmerksamkeit auf sich zieht, steigert seinen Marktwert. Doch: Ist das nicht furchtbar selbst­ bezogen? Die russisch-deutsche Philosophin, Psycho­ therapeutin und Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé er­ klärt im fiktiven Interview mit Christoph Quarch, warum ein bisschen Narzissmus dann und wann nicht schadet.

the red bulletin: Frau Andreas-Salomé, wie wichtig ist es, dass man seinen eigenen Stil findet? lou andreas-salomé: Schauen Sie mich an!

DR. CHRISTOPH QUARCH

BENE ROHLMANN

Okay, dass Sie Ihren eigenen Stil gefunden haben, wird niemand bestreiten. Aber meinen Sie, dass wir alle gut daran täten, sich diesbezüglich Sie zum Vorbild zu nehmen? Ja, ich denke es liegt in der Natur des Menschen, etwas Besonderes sein zu wollen – nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich. Und dieser Drang drückt sich eben im persön­ lichen Stil eines Menschen aus.

Sie meinen wohl Sigmund Freud. Der war ja nicht Ihr einziger prominenter Freund. Da waren noch Friedrich Nietzsche und Rainer ­Maria Rilke. Waren das die ­Spiegel, in denen Sie sich persönlich erkannt haben? Auf jeden Fall! Ich habe diese Männer geliebt. Ich habe überhaupt viele Männer geliebt. Und je mehr ich geliebt habe, desto mehr wurde ich die Lou, die ich heute bin: eine un­ vergleichliche, liebenswerte Frau. Finde ich jedenfalls. Und ich finde das gut. Ohne dass ich irgendeine Idee davon hatte, wie ich sein müsste, um unvergleichlich und liebenswert zu sein, bin ich es einfach geworden, indem ich meiner Liebe freien Lauf gelassen habe.

«Gesund ist Narzissmus, wenn er Selbstliebe und Liebe zur Welt verbindet.»

Aber es gibt doch auch ziemlich viele Menschen, die lieber un­ auffällig bleiben. Beide Sehnsüchte stecken in uns. Schauen Sie, wir werden als individuelle Wesen ge­ boren – mit einem Körper, der uns von allen anderen unterscheidet. Gleichzeitig sind wir aber auch mit allen anderen Wesen verbunden. Als kleine Kinder fühlen wir uns noch allem zugehörig. Erst mit der sogenannten Individuation fangen wir an, uns bewusst von der Welt zu unterscheiden. Einerseits begeistert uns das, und wir wollen uns der Welt als etwas Besonderes zeigen, andererseits ängstigt es uns, und wir sehnen uns zu­ rück nach der Ureinheit. Diesen Konflikt aufzulösen ist eine Aufgabe, die wir uns alle stellen müssen.

Wie können wir diesen Spagat zwischen Sich-­ zeigen-Wollen und Unsichtbar-sein-Wollen hin­bekommen? Indem wir konsequent unseren eigenen Weg gehen und dabei doch nie die Verbindung zu anderen Men­ schen, zur Welt oder sagen wir: zum Grossen und Ganzen verlieren. Kennen Sie den antiken Mythos von Narziss, von dem das Wort «Narzissmus» abgeleitet ist?

THE RED BULLETIN

Narziss war ein Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und dafür von den Göttern bestraft wurde. Warum fragen Sie? An dieser Geschichte interessiert mich ein oft über­ sehenes Detail: Sein Spiegelbild sah Narziss auf der Oberfläche eines stillen Sees – nicht in einem von Menschen gemachten Spiegel. Man könnte auch sagen: Er spiegelte sich in der Natur. Das ist faszinie­ rend. Er verliebt sich in sich selbst – ja, aber er sieht sich dabei als Teil des Grossen und Ganzen. Das ist eine Haltung, die ich einen «gesun­ den Narzissmus» nennen möchte. Einen Narzissmus, der Selbstliebe und Liebe zur Welt verbindet und die beiden Sehnsüchte nach Individualität und Zugehörigkeit zum Ausgleich bringt. Das ist etwas ganz anderes als der krankhafte Narzissmus, den mein Freund Sigmund als ­Pathologie des modernen Menschen beschrieben hat.

LOU ANDREAS-SALOMÉ (1861  – 1937) war eine der schillerndsten Frauen des späten 19. Jahrhunderts. Geboren als Tochter ­eines russischen Aristokraten, zog sie als junge Frau mit ihrer Mutter nach Zürich, wo sie Vorlesungen in Philosophie und Theologie hörte. Sie lernte Friedrich Nietzsche kennen, dessen Heiratsantrag sie aber ablehnte. Fortan verkehrte sie in den wichtigsten intellektuellen Zirkeln Europas und entwickelte eine eigene Philosophie. CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: «Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen», legenda Q, 2021.

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M EIN ERST ES M A L

DANIELA RYF

«Meine Krise rettete meine Karriere» Erfolge pflastern ihren Weg: Daniela Ryf ist vielfache Ursache für meine Probleme: eine bakterielle Darmfehlbesiedlung und ein Candida-Pilz im Magen. Ironman-Weltmeisterin und die weltweit erfolgreichste Triathletin. Wer auf Wikipedia die Liste ihrer Siege anschaut, kommt aus dem Scrollen gar nicht mehr herHeute staune ich, wie gut ich diese Durststrecke überaus. Doch für die heute 34-Jährige wunden habe. Ich habe nie die aus Solothurn lief bei weitem Hoffnung aufgegeben, dass es nicht immer alles glatt: 2018 morgen besser werden kann. wurde sie Sekunden vor dem Meine Familie und mein Umfeld Start des Ironman Hawaii von in Solothurn haben mir dabei einer Qualle gestochen. Trotz gesehr geholfen. Und der Beginn schwollener Arme und Angst vor meines Studiums hat mir gezeigt, dem Ertrinken gewann sie den dass Sport nicht alles ist. Andererseits hab ich durchs viele Hocken Wettbewerb – und stellte noch vor dem Lernpult gemerkt, wie dazu einen Streckenrekord auf, sehr ich die Bewegung in meinem angespornt vom Medusen-Feuer. ursprüng­lichen Beruf mag. Ich 2010 holte sich Daniela eine erkannte, wie gut Leistungssport Pilzinfektion, die zunächst nicht und der dazugehörige Lebensstil entdeckt wurde. Die Folge: Eineinhalb Jahre lang wurde ihr vor zu mir passen. Zugleich reduzierte ich das Triathlon-Training jedem Lauf übel, und kein Arzt 0:00 –41:29 und wandte mich mehr den Ironkonnte ihr sagen, warum. Hier Daniela Ryf man-Wettbewerben zu. Das nahm erzählt die sympathische KämpMein erstes Mal – der Podcast ferin, wie sie lernte, diesen Druck raus und liess mich den ­ersten Tiefpunkt ihrer Karriere Sport aus neuer Perspektive zu überwinden. Und wie sie es sehen. So betrachtet hat mir die schafft, in widrigsten Momenten Krise meine Karriere gerettet, «Erfolg heisst nicht, Höchstleistungen abzurufen – weil ich dadurch erst meine indem sie ihren Fokus auf die ­Balance gefunden habe. alles zu gewinnen, Performance legt. Mit meiner geänderten Einsondern das Beste stellung kann ich im Sport wie aus jeder Situation im Leben viel zum Besseren «Meine erste grosse Krise kam ­wenden: Manchmal erlebst du gleich nach meinem ersten groszu machen.» sen Erfolg beim Weltcup 2010 Niederschläge, die schwer zu Daniela Ryfs Erfolgsrezept in Seoul. Ich hatte das Rennen verdauen sind. Dann kannst du gewonnen und war so gut unterentweder den Kopf in den Sand wegs wie nie zuvor. Was ich aber noch nicht wusste: stecken oder schauen, was das Gute an der Situation Bei diesem Rennen hatte ich einen Magenvirus auf­ ist. Das ist der Grund, warum ich nie aufhören werde, gelesen. Der machte sich auf dem zehnstündigen Rückmich zu entwickeln und immer besser zu werden.» flug nach Zürich bemerkbar: Vom vielen Übergeben zerrte ich mir das Zwerchfell und kam vollkommen erschöpft zu Hause an. Diese Erschöpfung stellte sich als langwieriger heraus, als ich gedacht hatte: Ich war durchgehend sehr müde, und mein Immunsystem war komplett überfordert. Vor jedem Training wurde mir «MEIN ERSTES MAL» IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, in der übel. Daraus entstand dann auch eine negative Spirale ­Heldinnen und Helden über ihre erste grosse Krise sprechen. Die Folge im Kopf und eine mentale Krise. Ich wusste ja nicht, mit Daniela Ryf, in der sie von Qualen, Quallen und ihrem schlimmsten ob meine Erschöpfung nicht ein Mangel an Motivation Flug erzählt, gibt’s im Podcast-Kanal von The Red Bulletin – auf allen gängigen Plattformen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast war! Erst nach anderthalb Jahren fand man die

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IGNAZ KOENIG/RED BULL CONTENT POOL

Sie ist die beste Triathletin der Welt. Vor zehn Jahren fiel sie in ein tiefes Loch. Hier erzählt Daniela Ryf, warum das das Beste war, was ihr passieren konnte.


© 2021 Garmin Ltd. or its subsidiaries. All rights reserved. Auf bestimmten Modellen. Voraussetzung: ganztägige Tragezeit mit 3 Std. Aufenthalt im Freien bei 50.000 Lux

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P O RT FO L IO

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Breaking Good Martha Cooper hat die New Yorker Hip-Hop-Kultur vierzig Jahre lang mit ihrer Kamera dokumentiert. Dabei fing sie die Geburtsstunde eines globalen TanzPhänomens ein: Breaking. Text WOLFGANG WIESER

Street Style

Upper West Side, 1982 Ein Stück Karton, ein Ghettoblaster: Mehr braucht dieser junge B-Boy nicht, um seine Moves auf die Strasse zu zaubern. Breaking, ursprünglich B-Boying genannt, entstand in den 1970er-Jahren in den New Yorker Armenvierteln. Der Tanz sollte die Spannungen zwischen Gangs ausdrücken.

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P O RT FO L IO

«Der ‹StrassenAufstand›, den ich fotografieren sollte, war in Wirklichkeit ein Tanz-Battle.» Martha Cooper über jene Verwechslung, die 1980 zu ihrer ersten Begegnung mit Breaking führte.

Brückenbauer Queens, 1982

Zwei Breaker tanzen auf einer Strasse in Queens – die Zuschauer sind begeistert, wie an ihren Mienen zu erkennen ist. Martha Cooper hielt mit ihren Fotos die rasante Entwicklung der Hip-Hop- und Graffiti-Kultur in Manhattan, Brooklyn, Queens und der Bronx fest.

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Kens Kampf-Grimasse Riverside Park, 1982

Wohlüberlegte Grimassen waren von Anfang an ein wichtiger Teil des Breaking, sie sollten die Gegner in Battles einschüchtern. Hier sehen wir Urgestein Ken Swift und sein «mad mugsy»-Gesicht, inspiriert von Kampfkünstler Bruce Lee. Swift tanzte später im Filmhit «Flashdance». Heute ist er Präsident der Hip-Hop-Organisation Breaklife.

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Ein Mann hebt ab

Lincoln Center, 1981

Treffen sich zwei Breaking-Partien: So beginnt kein Witz, sondern ein Battle, wie die Wettkämpfe der B-Boys genannt werden. Hier sehen wir Frosty Freeze von der Rock Steady Crew in Aktion. Er zeigt seinen Signature-Move, den «Dead Man Drop». Wie das Kräftemessen gegen die Dynamic Rockers ausging, konnte mangels Jury nicht geklärt werden.

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Open-Air-Training

Upper West Side, 1981 B-Boy Doze Green als Wirbelwind auf Pappe. Die Rock Steady Crew pflegte ihre Moves auf dem Happy Warrior Playground, Ecke 98. Strasse West und Amsterdam Avenue, zu üben. Im Volksmund wird der Spielplatz heute Rock Steady Park genannt.

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Jetzt wird’s wild

Riverside Park, 1983

Doze Green, Frosty Freeze, Ken Swift (vorne von links), Fab 5 Freddy (hinten Mitte) und Patti Astor (hinten links) waren alle bei «Wild Style» dabei – dem Film, der als erster Hip-Hop-Streifen in die Geschichte einging. Hier tanzen sie vor dem ikonischen «Wild Style»-Mural, das heute leider nicht mehr existiert.

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Dancefloor aus Karton Upper West Side, 1982

In einem Hinterhof nahe Martha Coopers Wohnung trainieren zwei B-Boys ihre Moves. Ab den Achtzigern verbreitete sich die New Yorker Subkultur explo­sions­­artig über die ganze Welt.

Drunter & drüber East Village, 1982

B-Boy-Legende Ken Swift mitten im Getümmel. Hier purzeln seine Kollegen der Rock Steady Crew durchs Bild, die sich an diesem Tag einen Battle mit der Floor Masters Crew liefern. Schauplatz ist der Club Negril im East Village, Manhattan.

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P O RT FO L IO

Mit diesem Bild fing alles an

Washington Heights, 1980

Dieses Foto, aufgenommen am 21. Januar 1980 in Washington Heights, einem Stadtteil im äussersten Norden von Manhattan, gilt heute als das erste Bild, das einen damals verstörend neuen Tanz dokumentiert: Breaking. Eine Jugendkultur, die sich, parallel zu Graffiti und Hip-Hop, auf der Strasse entwickelte.

«Die Cops staunten: ‹Diese Kids drehen sich auf dem Kopf!›» Martha Cooper über die ersten Reaktionen der New Yorker Polizei auf die Breakdancer

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Fotografin Martha Cooper vor einem Graffiti, das sie zeigt: In der Hip-Hop-Szene gilt die heute 79-jährige US‑­ Amerikanerin als Legende.

DIE FOTOGRAFIN

MARTHA COOPER Martha Cooper, Jahrgang 1943, war ab 1973 als Fotografin bei der «New York Post» beschäftigt. Im Januar 1980 wurde sie von der Redaktion nach Washington Heights im Norden Manhattans geschickt – dort seien Ausschreitungen im Gange. Die entpuppten sich dann als Breaking-­Battle: keine Story für die «Post», aber lebensverändernd für Cooper. Abgesehen davon, dass Breaking mit ihrem Foto (siehe linke Seite) erst das Licht der Welt erblickte, spezialisierte sie sich in der Folge auf die Dokumentation der New Yorker Hip-Hop-Szene: Graffiti, Breaking. Jugendkultur, die in

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dem Spannungsfeld von Armut, Gangs und Überlebenskampf wuchs – bis heute hat sie mehr als zehn Bücher zum Thema ver­ öffentlicht. Sie hielt die legendären Battles der Rock Steady Crew oder der Dynamic Rockers fest, die sich auf den Strassen New Yorks erbitterte Tanzduelle lieferten, indem sie ihre Körper grotesk verrenkten, Pirouetten auf ihren Köpfen d ­ rehten und Salti schlugen. Es war der Beginn einer Bewegung, die Hip-HopBeats in unwider­stehliche Moves verwandelte und in den folgenden Jahren die Welt eroberte. Instagram: @marthacoopergram, kodakgirl.com

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Film

ist Feministin, seit sie denken kann und beweist privat und in ihrem Job als Filmstar: Stärke kommt sehr gut auch ohne Fäuste und Waffen aus. Interview RÜDIGER STURM

Nach neun Jahren klassischem ­Ballettunterricht weiss Penélope Cruz genau, wie man einen per­ fekten Spagat hinlegt. Die spani­ sche Schauspielerin und zweifache ­Mutter wechselte in ihrer Film­ karriere immer wieder zwischen europäi­schem Autorenkino und ­grossen Hollywood-Blockbustern – und überzeugte an beiden Enden des Spektrums mit enormer Intensität. In der Liste ihrer Auszeichnungen glänzt neben drei spanischen Film­ preisen, den «Goyas», auch ein Oscar für ihre Rolle in «Vicky Cristina Barcelona» (2009). Aktuell ist Cruz in Pedro Almodóvars faszinierender Identitätssuche «Parallele Mütter» und dem feministischen Actionfilm «The 355» zu sehen. the red bulletin: Frau Cruz, in «The 355» treten Geheimagen­ tinnen in Actionszenen auf und lassen es ordentlich krachen. Sie hingegen haben sich die Figur der Psychologin Graciela ausgesucht, die vor Gewalt Angst hat. Warum? penélope cruz: Nicht jeder Mensch will mit Fäusten und Waffen kämpfen. Ich persönlich jedenfalls nicht. Man kann seine Stärke auch auf andere Art beweisen – und genau das tut sie, und zwar mit Mitteln der Psychologie. Das ist ihre Stärke, darin ist sie gut. Natürlich fühlt sie sich im Kreis der Superagentinnen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Aber deshalb können sich die Zu­ schauer auch viel besser mit ihr

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identifizieren. Gleichzeitig sorgt sie mit ihrem Verhalten für Komik. Für mich war diese Rolle von Anfang an viel interessanter als die einer reinen Actionheldin. Wie haben Sie selbst – also im richtigen Leben – Stärke g ­ elernt? Von meinen Eltern. Meine Mutter ist sehr stark, eine geborene Feministin. Meine Eltern haben mich gelehrt, dass ich mir selbst treu bleiben muss. Deshalb hatte ich auch nie Bedenken oder Probleme, meinen Standpunkt zu behaupten. Ganz wichtig war, dass sie Gleichberech­ tigung perfekt vorgelebt und in der Erziehung zwischen meiner Schwes­ ter, meinem Bruder und mir keinen Unterschied gemacht haben. Ist das der beste Weg, Gleich­ berechtigung zu lernen? Meines Erachtens ja. Das muss vom ersten Tag an präsent sein. Wenn du das als ganz natürlich erlebst, muss man es dir nicht mehr erklären. Gleichberechtigung wird Teil deiner DNA, und auf diese Weise vermittelst du das automatisch deinen eigenen Kinder weiter. Sie sind seit dreissig Jahren im Filmgeschäft erfolgreich. Welche Faktoren sind sonst noch hilfreich, damit man sein ganzes Potenzial entfalten kann? Du musst dich mit den richtigen Leuten umgeben. Für die Menschen in meinem Umfeld, meine Familie und meine Freunde, bin ich nicht die berühmte Schauspielerin. Da wer­ den die Dinge ehrlich beim ­Namen

Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie sich auch in künstlerisch ­anspruchsvollen Rollen, etwa in den Filmen Pedro Almodóvars, verwirklichen? Es geht mir einfach darum, die ver­ schiedensten Arten von Projekten zu drehen – kleine, unabhängige Produktionen ebenso wie grosse Blockbuster. Und mit Pedro fühle ich mich einfach wohl, weil wir uns schon so lange kennen. Er gehört dem engen Kreis von Menschen an, die für mich wichtig sind. Die Filme Almodóvars bescheren Ihnen freilich auch Preise und Auszeichnungen. Welche Rolle spielen die für Sie? Meine Haltung zu solchen Dingen ist: Erwarte nichts. Wenn du einen Preis gewinnst, ist es aufregend, aber es ist viel gesünder, wenn du dich einfach überraschen lässt. Was wäre eigentlich, wenn man Ihnen die Statussymbole Ihres ­Erfolgs wegnehmen würde? Das würde nicht grossartig etwas am Kern meines Lebens ändern. Ob erfolgreich oder nicht, letzt­ endlich musst du dich immer mit dir selbst konfrontieren und versuchen, mit dir klarzukommen. Letztlich möchte ich eben nur die Antwort auf das grosse Rätsel finden: Warum sind wir hier? Und diese Suche nach Wahrheit kann mir niemand weg­ nehmen. Penélope Cruz in der Rolle der Psychologin Graciela im Actionfilm «The 355» gibt’s auf diversen Streamingportalen.

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KENT NISHIMURA/LOS ANGELES TIMES/CONTOUR RA

Penélope Cruz

genannt, da gibt’s keinen Bull­shit. Diese Dosis Realität ist für mich ­extrem wichtig. Und wenn du Kinder hast, fördert das deine Entwicklung natürlich auch. Wenn du deine ganze­ Aufmerksamkeit auf diese kleinen Menschen richtest, kannst du dir keinen Egoismus leisten.


«Realitäts-Check? Meine Familie. Da gibt’s keinen Bullshit.» Penélope Cruz, 47, über die Momente, in denen sie keine Film-Ikone sein muss

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Film

Frederick Lau ist als Schauspieler auf harte Typen abonniert. Privat hingegen steht er für grosse Emotionen. Zu Hause wird viel gelacht und viel geweint – aus Überzeugung. Text RÜDIGER STURM

Foto PASCAL BÜNNING

Eigentlich ist Frederick Lau nicht interviewtauglich. Er leidet an einer schmerzhaften Infektionskrankheit und kann kaum ruhig sitzen. Doch der 32-jährige Schauspieler beisst sich für unser Gespräch durch, weil ihm sein neuer Film «Wolke unterm Dach» (bald im Kino zu sehen) am Herzen liegt. Für dieses Durchhaltevermögen lieben ihn die Zuschauer auch in seinen Rollen. Egal ob in packenden Drama-Serien wie «4 Blocks» oder in Liebesfilmen wie «Generation Beziehungsunfähig» – Lau strahlt immer so eine raue Authentizität aus. Was nicht bedeutet, dass er keine verletzliche Seite besässe. Im Gegenteil: Lau plädiert dafür, dass wir mehr Gefühle zeigen. the red bulletin: «Wolke unterm Dach» erzählt die Geschichte eines Mannes, der mit dem Tod seiner Frau klarzukommen versucht. ­Setzen Sie selbst sich eigentlich mit solchen Fragen auseinander? frederick lau: Das musste ich zwangsläufig durch den Tod meines Bruders und meines Vaters. Was es besonders schwierig macht, ist, wenn man sich nicht verabschieden kann. In dieser Geschichte flüchtet sich die kleine Tochter in eine Fantasiewelt, und das kann ich nachvollziehen. Jeder hat seine eigene Art, mit Trauer umzugehen. Wobei es auch wichtig ist, sich Hilfe zu holen. Denn so eine Erfahrung kann schnell dazu führen, dass man sich in einer Depression verliert.

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Wie gut stecken Sie Schicksalsschläge weg? Einen Fall wie im Film, wo die eigene Frau plötzlich stirbt, möchte ich mir nicht vorstellen. Aber wenn es um so etwas wie Scheitern geht, dann ist das für mich nichts Schlimmes. Da kann man immer wieder neu ­an­fangen und weitermachen. Sind Sie schon mal gescheitert? Ich wollte eigentlich Eishockey­ spieler werden, habe schon mit drei angefangen. Aber irgendwann habe ich nicht mehr die Leistung gebracht, um erfolgreich zu sein. Also habe ich mich entschieden, Schauspieler zu werden. In «Wolke unterm Dach» geht es darum, dass man seine Gefühle nicht zurückhalten soll. Wie sehen Sie das? Mein Vater meinte einmal zu mir, dass es ganz schlimm ist, dass man bei uns nicht auf der Strasse tanzen und seine Freude zum Ausdruck bringen darf – so wie in Brasilien oder Afrika. Hierzulande will ­niemand auffallen, weil er keine Schwäche zeigen will. Aber wir ­müssen uns mehr trauen. Ich bin jedenfalls ein Freund von grossen Gefühlen. Die müssen zum Ausdruck kommen. Bei uns in der Familie wird deshalb auch viel gelacht und geweint. Ich finde es auch gut, sich mit seinen Verletzungen auseinanderzusetzen und sich, wenn nötig, einen Therapeuten zu nehmen, um an sich zu arbeiten und Dinge zu verstehen, die früher passiert sind.

Arbeiten Sie auch an sich? Unbedingt. Ich bin ein getriebener Mensch. Ich hatte nicht die beste Kindheit und will diese Vergangenheit nicht mit mir herumtragen, ­sondern möchte wissen, woher be­ stimmte Verhaltensmuster kommen, damit ich sie nicht wiederhole. Was tun Sie sonst noch für Ihre Selbstfindung? Das Wichtigste ist, Erkenntnisse zu sammeln. Deshalb möchte ich mir ganz viele Welten angucken, um Neues zu erfahren. Ich bin mit meiner Familie viel in der Welt unter­ wegs, und zwar meistens mit Zelt und Rucksack, ohne fliessend Wasser, immer ganz nah an der Natur. Klingt, als steckte da ein Aben­teurer in Ihnen … Total. Wenn es mit der Schauspielerei nicht mehr klappt, fände ich es super­spannend, mich der Archäologie zu widmen. Ich bin auch mit einem Kameramann befreundet, der Tier­ dokumentationen macht. Den würde ich gerne begleiten und Mäuschen spielen. Aber ich mache das auch spontan. Zum Beispiel bin ich mal aus einer Schnapsidee heraus auf den Mount Kinabalu auf Borneo gestiegen, der ist mit 4095 Metern der höchste Berg Südostasiens. Weil ich nicht dachte, dass es da oben kalt sein könnte, hatte ich nur Pulli und Jogginghose an. Trotzdem habe ich Lust, noch mehr solcher Sachen zu machen. Zum Beispiel? Das Weltall wäre das Grösste für mich. Einmal bin ich bei der NASA in einem Space-Shuttle-Simulator geflogen, bei dem du die Erde von oben siehst. Ich war so aufgewühlt, dass mir die Tränen kamen. Der Film «Wolke unterm Dach» läuft bald in den Kinos.

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«Als ich die Erde von oben sah, kamen mir die Tränen.» Frederick Lau über eine Perspektive, die er nie wieder vergessen wird

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Basketball

verwandelte ihre Legasthenie in Poesie, ihre Angst in Mut und Basketball in einen noch viel bunteren Sport. ­Indem sie Grenzen im und auf dem Kopf überwand. Text RACHAEL SIGEE

Foto SADIA MIR

Wenn Asma Elbadawi in der Schule Tests zurückbekam, waren sie mit Anmerkungen in Rot übersät. «Ständig hat man mir gesagt, dass meine Rechtschreibung nicht passt, und mit der gestochenen Ausdrucksweise von Aufsätzen kam ich auch überhaupt nicht klar», erinnert sich die heute Dreissigjährige. Dann entdeckte Elbadawi die Lyrik für sich. Der Legasthenikerin eröffnete sich eine ganz neue Welt an Ausdrucksmöglichkeiten. «Legasthenie ist eine von diesen ‹Schwächen›, mit denen du komplett unkonventionell denken kannst», erklärt sie. «Du stellst Zusammenhänge her, die andere nicht sehen.» Vielleicht war es dieser andere Blick auf die Welt, der Elbadawi nicht nur Dichterin werden liess, sondern auch Basketballspielerin und bildende Künstlerin. Derzeit ist sie Artist-in-Residence an der Jan van Eyck Academie in Maastricht in den Niederlanden, während ihr erster Gedichtband «Belongings» ihrem zweifachen Erbe als britischer Sudanesin auf den Grund geht. Für ihren Aktivismus im Sport­ist Asma weithin bekannt: 2017 führte sie eine Kampagne zur Abschaffung des Hidschab-Verbots für Profi-Basketballerinnen auf dem Platz. Mit Erfolg. «Ich bin einfach ein Mädchen aus Yorkshire und habe für etwas gekämpft, was mir wichtig ist, und

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wir alle haben dabei zusammen­ gehalten», freut sich Elbadawi, die im Sudan geboren und in Bradford in Nordengland aufgewachsen ist. «Das hat mir die Kraft der Gemein­­ schaft gezeigt – und dass ich nie glauben darf, dass meine Stimme für irgendwas nicht stark genug ist.» Die breite Streuung ihrer Inter­ essen und die Entschlossenheit, sie zu verfolgen, ist für Asma ein Grund zum Feiern. «Schon als Kind habe ich Sport, Kunst und Lyrik geliebt und musste mir anhören, dass das keine Zukunft habe. Aber ich konnte mir nie einen anderen Weg vor­ stellen.» Wie es in ihrem Gedicht «Ban­shee» so schön heisst: «Being anything but me would be a tragedy …» Alles andere, als ich zu sein, wäre eine Tragödie. the red bulletin: Wie bringst du Basketball und Lyrik unter einen Hut? asma elbadawi: Das ist gar nicht so leicht. Meine Gedichte zwingen mich, verletzlich und durchlässig zu bleiben, aber im Sport muss ich die härteste Version meiner selbst sein. Kaum zu glauben, aber mir hat die Lyrik geholfen, eine bessere Basketballerin zu werden. Welche Fähigkeiten nimmst du aus diesen beiden Welten mit? Im Sport bin ich die Art Mensch, die immer perfekt sein will. Als ich als Poetin zum ersten Mal aufgetreten bin, habe ich auf der Bühne Fehler gemacht, und es hat niemanden ­gestört. Da habe ich erkannt, dass es okay ist, Fehler zu machen.

Was sagst du jenen, die finden, Sportlerinnen und Sportler sollten ihre Meinung nicht äussern? Meine erste rassistische Erfahrung im Sport hat sich angefühlt wie eine Strafe dafür, dass ich etwas gesagt hatte. Jahrelang war ich der Meinung, Sportlerinnen sollten ­einfach spielen und zu ihrer eigenen Sicherheit neutral bleiben. Dann habe ich erkannt, wie viel es bringt, eine Bühne zu haben. Wenn du eine Athletin bist und deshalb eine Bühne hast, gibt dir das die Verantwortung, für die einzutreten, die keine Stimme haben. Du solltest etwas sagen, wenn du siehst, dass etwas nicht in Ordnung ist. Inwiefern spielst du mit den ­Erwartungen anderer? Wir dürfen nie zulassen, dass andere definieren, wer wir sind und wer wir sein können. Es geht darum, uns gegenseitig zu befeuern, unser Potenzial zu erreichen – ganz ohne Grenzen im Kopf. Instagram: @asmaelbadawi

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SADIA MIR/REDEFINING CONCEPTS

Asma Elbadawi

Welche Hürden erleben Frauen mit Kopftuch im Sport? Frauen aus meiner Community kennen die üblichen Wege zu einer sportlichen Karriere überhaupt nicht. Das hat zum Teil damit zu tun, dass wir nicht sichtbar sind. Die Leute gehen davon aus, dass unsere Familien uns gar nicht erlauben, solche Berufe zu ergreifen. Meine Turnlehrer wären zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, mich zu ermuntern, mit einem Team an Netball-Bewerben (eine Art Basketball; Anm.) teil­ zunehmen, obwohl ich voll drauf ­abgefahren bin. Das zweite grosse Hindernis ist, dass Frauen nicht genauso viel bezahlt bekommen wie Männer, nicht einmal im Spitzensport. Ich kenne so viele Athletinnen, die Teilzeit als Lehrerinnen oder in der Bank arbeiten, nur damit sie weiter Profisport machen können.


«Ich bin ein Mädchen aus Yorkshire. Wir halten zusammen.» Asma Elbadawi, 30, definiert selbst, wer sie ist.

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Rebecca Lucy Taylor alias Self Esteem beim Fotoshooting für The Red Bulletin in England. Hier persifliert sie einen Fotobrauch aus Hollywood: Jeder junge, heisse männliche Star muss sich einmal im Anzug in den Pool schmeissen.


Musik

SELF ESTEEM

EIN POPSTAR SCHWIMMT SICH FREI Text LOU BOYD Fotos PHILIPP MUELLER

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In so einem Korbsessel haben schon Legionen von Stars Platz genommen, um sich würdig zu inszenieren. Jetzt ist auch Self Esteem dran: «Sieht aus, als wäre ich eine grosse Nummer.»

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Musik

Die britische Sängerin Rebecca Lucy Taylor, 35, kennt das Musikgeschäft, seit sie 17 ist. Doch erst seit sie sich als SELF ESTEEM neu erfand, fühlt sie sich wirklich wohl in ihrer Haut. Und ist jetzt die stärkste Stimme einer neuen, streitbaren Weiblichkeit.

G

egen Ende des Songs «I’m Fine», der ersten Nummer auf Rebecca Lucy Taylors aktuellem Album «Prioritise Pleasure», hört man Gesprächsfetzen ­einer Gruppe von Frauen, die über S ­ icherheit an ­öffentlichen Plätzen reden. «Ich gehe immer mit den Schlüsseln in der Hand nach Hause», sagt die eine über die Geheimwaffe in ihrer Faust. «Es hört sich dumm an», erwidert eine andere, «aber meine Freundinnen und ich beginnen wie Hunde zu bellen, sobald eine Gruppe von Männern auf uns zukommt. Nichts jagt Männern mehr Angst ein als eine offenbar geistesgestörte Frau.» Die Musik schwillt an, und wir hören eine weibliche Stimme wie einen Hund bellen und wie einen Wolf heulen; kein Zweifel, im Schrank dieser Frau fehlen ein paar Tassen. Dann setzt ein ohrwurm­verdächtiger Beat ein, das Album erwacht explosiv zum Leben. Willkommen in der Welt von Self Esteem (zu Deutsch: Selbstwertgefühl), einem kampflustigen Pop-Projekt, hinter dem die 35-jährige Künstlerin Rebecca Lucy Taylor steckt. Mit ihren zu einem Künstlernamen kondensierten Ängsten schreibt sie Lieder, die das patriarchalische Narrativ zerfetzen und von allen Aspekten weiblicher Erfahrungen ­erzählen – von der nächtlichen Angst auf dem Heimweg über die Scham, wenn die Rede aufs Kinderkriegen kommt, bis hin zur Präsenz im eigenen Körper. Alles von einem sexy griffigen Pop in Szene gesetzt, der dir Tanzbeine macht.

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Ihr aktuelles Album löste im Netz geradezu überschäumende Zustimmung aus. Sinngemäss zusammengefasst: endlich eine Künstlerin, die sich ohne Umschweife mit sexueller Identität und männlicher Gewalt befasst. «Das ist der Popstar, auf den ich mein ganzes Leben lang gewartet habe», postete ­Autorin Bryony Gordon, 41. «Mit Self Esteem im Ohr hab ich das Gefühl, dass ich durch Mauern rennen kann», ergänzte ein weiblicher Fan auf Twitter. Auf das «Daumen hoch» der Fans folgte die Be­ stätigung der Kritiker: Vom «Rolling Stone» bis hin zur «New York Times» setzte es Lobeshymnen für das A ­ lbum, das auch in den einschlägigen Musikcharts konstant nach oben kroch. «BBC Introducing» kürte Taylor zum «Artist of the Year 2021»; anlässlich der Attitude Awards holte sie sich den «Best New Artist 2021» ab. Weitere Trophäen: «Album of The Year 2021» («The Sunday Times»), «Song of The Year 2021» («The Guardian»), und unlängst kam die ­prestigeträchtige Brit-Award-Nominierung für die Wahl zum «Best New Artist 2022» dazu. «Sieht so aus, als wäre ich jetzt eine grosse Nummer», sagt T ­ aylor im Gespräch mit The Red Bulletin und lacht. «Ich meine, ich hab ja immer gewusst, dass ich super bin, aber es ist nett, dass es jetzt auch andere Leute sagen.» Wir haben uns anlässlich ihrer UK-Tour getroffen, ein Kalender voller Termine wartet auf sie. «Wegen der Pandemie hiess es i­ mmer: Werden wir jemals wieder auftreten? Also kann ich jetzt nicht darüber jammern; aber es sind verdammt

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Musik

«Ich liebe schwere Beats, grosses Kino und weitflächige Sounds.» viele Gigs.» Die Tickets zu ihren Shows gehen weg wie warme Semmeln, und im Netz r­ aufen sich Fans ­ge­radezu darum. Manche flehen Taylor sogar per Private Message um Hilfe an. «Ich kenne in dieser Beziehung tat­ sächlich keine Grenzen. Als altru­istische Waage ist meine erste Reaktion immer: O Gott, kann ich ­irgendwie helfen?», sagt sie lachend. «Wenn Leute mir eine Nachricht schicken und es traurig genug ­rüberkommt, antworte ich letztlich mit so was wie: Ich setz dich auf die Gästeliste. Jetzt ist meine ­Gästeliste randvoll mit Leuten, die ich noch nie ­gesehen habe!»

Von erlebter Gewalt zum explosiven Album

Als Taylor vor fünf Jahren ihre Solokarriere begann, hatte sie keine soziale Agenda, sie wollte einfach nur sexy Popmusik machen. Ihr erstes Album, «Compliments Please», machte aber schnell klar, dass hier keine Schaumschlägerin am Werk war. Schon die erste Single, «Your Wife», zeigte ihre be­ eindruckenden Qualitäten als Texterin, mit dem zweiten Hit, «Girl Crush», schaffte sie es als eine wichtige Stimme der queeren Community (sie oute­ te sich 2013 als b ­ i­sexuell) in den Mainstream. «Ich war ein totaler Fan des A ­ lbums ‹Anti› von Rihanna, also dachte ich: Hey, das stehle ich ganz einfach», scherzt sie. «Doch dann kam der Punkt, als mir klar wurde, wozu ich selbst fähig bin, und meine Musik wuchs wie von selbst in eine andere Richtung.» Der herausragende Song des neuen Albums – «I Do This All the Time» – ist eine Mischung aus ­gesprochenen Versen, unterbrochen von Chören, die eine eingängige Melodie intonieren. «Es ist die mutigste Nummer, die ich je gemacht habe, und ein echter Gamechanger für mich», sagt Taylor. «Ich wollte nie Hintergrundmusik für Dinnerpartys machen. Das interessiert mich einfach nicht. Hinzu kommt, dass ich schwere Beats liebe und fetten Bass, ich liebe grosses Kino, weitflächige Sounds. Wirf das alles in einen Topf, und du kriegst letzt­ lich …», sie kichert, «… dieses Chaos.» Energie und Intensität werden das ganze Album hindurch im Überfluss gereicht. Schon mit dem Ein­ stiegslied «I’m Fine», das sich mit erlebter sexueller Gewalt befasst, ist die Absicht klar. «Verstehst du 40

Rebecca Lucy Taylor erhebt in ihren Songs Einspruch – gegen Stereotype, Gewalt und Bodyshaming.


In der Tat scheint es eine ganze Menge Girls zu geben, die bereit sind, Rebecca Lucy Taylor zuzu­ hören. «Es ist so nett, wenn sich jemand die Zeit für eine Nachricht nimmt und mir mitteilt, dass meine Musik geholfen hat», erzählt sie. «Neulich habe ich mit einem Mann geplaudert, der Teenie-Töchter und welche in den Zwanzigern hat. Er war super emotio­ nal drauf und sagte, wie froh er sei, dass ich mache, was ich tue, und dass ich etwas für seine Töchter ge­ schaffen habe.» Einen Augenblick wird Taylor ernst. «Es ist eine Art Macht – ich darf gar nicht zu lange darüber nachdenken, das bringt mich nur durch­ einander.» Aber dann kichert sie wieder und gesteht: «Ich liebe es, wenn alte Männer weinen.»

Differenzen beenden ihre Lebenslüge

Rebecca Lucy Taylors Karriere spiegelt ihre Wandlung wider – vom sexy Bandmädchen zu einer wortgewaltigen Kämpferin mit sozialer Agenda.

«Ich weiss jetzt, dass du verrückt wirst, wenn du eine Lüge lebst.» den Schmerz, den du verursachst, wenn ein Körper für dich nur Sport ist?», singt sie. Herausragend auch das augenzwinkernde «Moody» («launisch», Anm.), ein Einspruch gegen die stereotype Beschrei­ bung weiblicher Charakterzüge. Die Songs riefen im Publikum ein Echo hervor, das Taylor nicht vorhergesehen hatte. «Es ist inter­ essant, wie viele Menschen damit etwas an­fangen konnten», sagt sie. «Für mich – als Teenager und in meinen Zwanzigern – war das alles so verdammt hart. Ich konnte nicht verstehen, was mit mir nicht stimmte. Wenn ich es jetzt schaffe, all das in halb­ wegs eloquenter Weise zu verknüpfen, damit ein ­anderes Girl wie ich, das sein Leben hasst, zu den­ ken beginnt: Moment mal, vielleicht bin ich okay, vielleicht sollte ich versuchen, zu mir selbst zu ­stehen … das ist mir wirklich wichtig.» 42

Self Esteem ist keineswegs Taylors erstes Projekt in der Musikindustrie. Die Indie-Szene kennt ihr Gesicht seit über einem Jahrzehnt. Sie war eine Hälfte des Soul-Rock-Duos Slow Club, das sie zusammen mit dem Gitarristen Charles Watson 2006 in Sheffield ­gegründet hatte. Die Band war recht erfolgreich, während ihrer elfjährigen Existenz spielten sie fünf hochgelobte Alben ein, das brachte eine solide Fan­ gemeinde (u. a. Harry-Potter-Darsteller Daniel Rad­ cliffe). Hinter den Kulissen jedoch funk­tionierte die Partnerschaft nicht so gut, 2017 hatte Taylor von der Gruppe genug. «Ich war schon mit siebzehn in der Band, und im Lauf der Jahre wurde klar, dass ich mich veränderte, eine Art Monster des Selbst­ vertrauens wurde», sagt sie. «Ich hatte das Gefühl, dass ich den Räumen, die ich betrat, die Luft nahm, dass ich für meine Umgebung zur Bürde wurde.» Sie hatte zunehmend Probleme, die Rolle des «bescheidenen, hübschen Mädchens in der Band» zu spielen, um die Wünsche einer männlich dominierten Industrie zu erfüllen. «Es ist nichts Schreckliches passiert», sagt sie, «es gab keinen Bösewicht, es pas­ sierte allmählich. Ich hatte ständig das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Ich war nicht glücklich.» Ihre Erfahrungen mit der Band inspirierten zum Teil ihre erste Single «I Do This All the Time» – die Texte sind voll mit Sachen, die der Tourmanager von Slow Club gesagt hatte. «Zieh dieses kurze Kleid an, D ­ arling, das ist alles, was du tun musst», heisst es emotionslos im Lied, und «wenn du das nicht machst, landest du bei McDonald’s». Und auch: «Du bist ein gutes Mädchen, ein gutes dralles Mädchen.» Dazu kam, dass «ich ständig das Gefühl hatte, Ehrgeiz und Erfolg seien etwas Schlechtes», erklärt sie. «Im Zuge unseres dritten Albums kamen wir ins Fernsehen, dort blühte ich so richtig auf, aber der Rest der Band hasste das.» Kunstpause. Rebecca Lucy Taylor überlegt sich den nächsten Satz genau. «Es war, als ob die Dinge, die ich wollte, irgendwie widerlich waren; das machte mich fertig. Wir k ­ amen ins Fernsehen, und ich genoss das so richtig, es war genau meine Kragenweite, aber für die Band war es THE RED BULLETIN


Musik

schlecht.» Sie macht wieder eine kleine Pause. «Das hört sich jetzt so lächerlich an! Kein Wunder, dass ich so eine verdammt miese Laune hatte. Aber ich dachte wirklich, hm, vielleicht bin ich ein Arschloch, vielleicht bin ich keine echte Musikerin, weil ich das so sehr mag.» Als Self Esteem kann Taylor ihren Pop-Ambi­tio­ nen freien Lauf lassen. Ihre neue Musik ist das Gegenteil des sanften Liedermachens Marke Indie, nämlich grosser, dramatischer, donnernder Pop, der voll ins Ohr geht. «Ich weiss jetzt, dass du verrückt wirst, wenn du eine Lüge lebst. Und ich lebte eine Lüge», erinnert sie sich mit Schrecken an ihre Zeit mit Slow Club. «Wenn ich heute vor der Kamera ­stehe, wünsche ich mir manchmal, dass ich das schon vor zehn Jahren gemacht hätte. Ich glaube, ich hätte mich wohler in meiner Haut gefühlt! Aber ich muss mich daran erinnern, dass so was nichts für Menschen unter 25 Jahren ist. Die Reise ist es, die dich zu dir bringt.» Jetzt ist sie ironischerweise mit Mitte dreissig eine der ältesten Künstlerinnen, die für die «Best New Artist»-Kategorie der Brit Awards nominiert wurden. «Was immer auch passiert, als 35-jährige Frau für die Brit Awards nominiert zu werden macht mich stolz», twitterte Taylor nach ihrer Nominierung. «In einer Industrie, die von jungen Frauen besessen ist, gibt mir das Berge.»

Eine Drag-Queen-Show als Wendepunkt

Den ersten Schritt der Reise in Richtung ihrer Verwandlung machte Rebecca Lucy Taylor bereits vor zehn Jahren, damals überschlugen sich die Ereignisse: das Ende einer Beziehung, ein Nervenzusammenbruch, und im Fernsehen lief die amerikanische ­Reality-Show «RuPaul’s Drag Race», ein Wettkampf der Drag Queens. «2012 hatte ich einen wirklich schrecklichen, klassisch missbräuchlichen Boyfriend und verbrachte praktisch das ganze folgende Jahr damit, Diäten zu machen und ‹Drag Race› zu schauen», sagt sie und lacht bitter. In diesem Jahr lebte sie bei ihren Eltern im eng­ lischen Norden. «Es war eine bizarre Zeit in meinem Leben, in der ich offenbar meinen Verstand verloren hatte und nicht mehr wusste, wer ich war», sagt sie. «Dann begann ich ‹Drag Race› zu schauen, eine Show, wo du gewinnst, wenn du am besten posierst.» Mit all den affektierten Phrasen und dem ­eitlen Hochglanz traf die Show bei Taylor einen Nerv. «In meinem ganzen Leben, Boyfriend inklusive, hiess es: ‹Halt die Klappe, sei ruhig, benimm dich!›, verstehst du?», erklärt Taylor. «Sowohl privat als auch beruflich wurde es negativ bewertet, wenn ich versuchte, so grossartig wie möglich zu sein. ‹Drag Race› servierte die gegenteilige Botschaft, und das machte ­etwas mit mir.» Das Zelebrieren der prallen Weiblichkeit in der Show weckte die wahre Taylor. «Ich hab grosse Titten und einen riesigen Arsch, und ich hab THE RED BULLETIN

«Es fühlt sich so verdammt gut an, diese normative Weiblichkeit zu verarschen.» mich dafür mein Leben lang geschämt», sagt sie, «aber in ‹Drag Race› wurde das verherrlicht. Eine grosse, üppige Frau zu sein, darum geht es eigentlich in der Show. Endlich erlaubte ich mir zu denken: Warum um­arme ich ihn eigentlich nicht, diesen ­Körper, für den ich mich immer geschämt habe?» Auch jetzt, zehn Jahre danach, verrät ein Blick auf Taylors Bühnenpräsenz noch immer den Einfluss von «Drag Race». In einer Show tritt sie als satin­ pinke Popsirene auf, in der Nacht darauf erscheint sie in einem komisch überzeichneten LeopardenOutfit, dann wieder in einem androgynen schwarzen Anzug. «‹Drag Race› hat enthüllt, wie grotesk klassische Weiblichkeit ist – dieses Konzept, von dem sie uns lehrten, dass es erstrebenswert sei», sagt Taylor und lacht. «Es fühlt sich so verdammt gut an, diese normative Weiblichkeit zu verarschen und das, was von dir erwartet wird.» Hat sie also jetzt Frieden mit ihrem Körper geschlossen? «Ich ringe noch immer damit, aber manchmal sag ich mir: Das geb ich mir jetzt, und ich setze Dinge, für die ich mich eigentlich schäme, zu meinem Vorteil ein, um die Botschaft zu ver­ mitteln», erklärt sie. «Das Video zu ‹How Can I Help You› zeigt nur meine pralle Oberweite, während ich Schlagzeug spiele. Ich wusste, das würde eine ­Menge Zugriffe bringen, aber das Lied selbst ist eine verdammt feministische Predigt.» Wenn Rebecca Lucy Taylor bei ihrer «Prioritise Pleasure»-Tour die Bühne betritt und die Unter­ haltung der anfangs zitierten Frauengruppe aus den Lautsprechern tönt, ist es nicht mehr nur eine Frau, die wie ein Hund bellt und wie ein Wolf heult – jede einzelne Frau im Publikum macht mit. «Die Self-Esteem-Fans sind an meiner Seite», sagt Taylor. «Bei Slow Club gab es nur Trennung, nicht nur zwischen mir und der Band, sondern auch zwischen uns und dem Publikum. Daran war keiner schuld, es war nur ich, die da versuchte, irgendwo reinzupassen, wo ich nie reinpassen würde.» Sie macht wieder eine Pause. «Aber jetzt habe ich das Gefühl, meine Leute gefunden zu haben. Diese Leute sind ebenso dick und deprimiert und verrückt wie ich. Zusammen sind wir unheimlich gross. Das schafft eine schöne Feedback-Schleife der Liebe. Das ­ver­ändert das Leben.» Instagram: @selfesteemselfesteem

Styling TAFF WILLIAMSON Gilet: Hugo Boss Hut: Thora grüner Anzug: Sleeper Body: Florentina Leitner Mantel: Landeros Ohrringe: Lage Haare und Make-up GABRIELLA FLOYD mit Produkten von Fenty Skin, Charlotte Tilbury und Windle London Location DEERHOUSE ROAD SHOOT LOCATION, LONDON SW16

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VERWANDELT

Mehr Muskeln, mehr Training, weniger Rücksicht: Ajla Del Ponte beim Shooting in den Niederlanden


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DIE SCHNELLSTE FRAU DER SCHWEIZ Sprinterin AJLA DEL PONTE, 25, hält den Schweizer Rekord auf 100 Metern und gehört zur Weltelite der Leichtathletik. Ihr Weg dahin bedingte einen wichtigen Schritt: Sie musste lernen, weniger nett zu sein. Text CHRISTOF GERTSCH

Fotos ROBERT WUNSCH

Konzentration vor dem Start: Ajla Del Ponte trainiert in Holland neunmal pro Woche.

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A

jla Del Ponte hat in ihrem Leben schon so viele Bücher gelesen, dass sie sich unmöglich an alle erinnert. Sie ist ein FantasyFan, liebt fremde Welten und erfindet auch selbst gern Geschichten – früher mit ihrem Bruder auf langen Streifzügen durch den Wald, heute gelegentlich als Dichterin. Doch ein Buch nimmt sie immer wieder hervor, «Nicht Anfang und nicht Ende» von Plinio Martini. Es ist das Buch, das sie jedes Mal, wenn sie es aufschlägt, Neues über ihre Wurzeln lehrt. Dafür, dass es zu den besten Büchern zählt, die je in der Schweiz erschienen sind, ist «Nicht Anfang und nicht Ende» erstaunlich unbekannt. In harten, eindringlichen Worten wird die fiktive, aber realitäts­ nahe Geschichte des Bauernsohns Gori erzählt, der in den 1920er-Jahren im Maggiatal seine grosse Liebe Maddalena zurücklässt, um Hunger und Elend zu entkommen. In Kalifornien findet Gori weder Glück noch Geld. Als er Jahre später heimkehrt, ist nichts vom alten Leben übrig. Die Auswandererbiografie handelt von einer fast vergessenen Schweizer Vergangenheit: Zwischen 1870 und 1950 sind aus den Alpentälern um den Lago Maggiore über die Hälfte der Menschen in die USA emigriert, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

«An der Startlinie musst du daran glauben, dass du alles getan hast, was nötig war, um hierher zu gelangen.» 46

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«Will ich schnell rennen, muss ich auf mich selbst Rücksicht nehmen.» Sprinterin Ajla Del Ponte darüber, wie sie lernen musste, weniger nett zu sein

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WELTSPITZE

Die Tessinerin gehört zur Weltelite der Sprinterinnen. Hier rennt sie an der Diamond League in England, 2021.

Del Pontes grösste sportliche Erfolge Immer mehr, immer schneller

Hallen-Europameisterschaften, Toruń, 2021 Europameisterin über 60 Meter Olympische Spiele, Tokio, 2021 Fünftplatzierte im 100-Meter-Final und neuer Schweizer Rekord über 100 Meter

Mit 10,91 Sekunden auf 100 Metern knackte sie 2021 an den Olympischen Spielen den Schweizer Rekord. Wenige Tage später verbesserte sie diese Zeit auf 10,90.

Schweizer Meisterschaften, Basel, 2020 Schweizer Meisterin über 60 und 100 Meter Diamond League, Monaco / Stockholm, 2020 Siegerin über 100 Meter 48

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GETTY IMAGES, PICTUREDESK.COM

TRAUM IN TOKIO


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Wie der Autor Plinio Martini – er war eigentlich Dorflehrer – und sein tragischer Held Gori stammen auch Ajla Del Ponte und die Familie ihres Vaters aus dem hinteren Maggiatal. In Bignasco ist sie auf­ gewachsen, einem Dorf mit dreihundert Einwohne­ rinnen und Einwohnern, umgeben von dichten Wäldern, reissenden Wasserfällen, hohen Bergen. «Für mich war es das Paradies», sagt Ajla Del Ponte. «Vielleicht haben die Berge meinen Horizont etwas eingeengt, aber sie haben meinen Blick auch auf das Wesentliche gerichtet.» Das Wesentliche ist, was um dich herum ist: So sieht das Ajla Del Ponte, die schnellste Frau der Schweiz. Mutter Senada stammt aus Jajce in Bosnien-­ Herzegowina, von wo sie 1992 vor dem Krieg ge­ flohen ist. Dass sie sich in der Schweiz zurechtfand, verdankt sie auch Luigi Martini, einem Bruder des 1979 verstorbenen Plinio. Luigi war einer ihrer ersten Unterstützer. Im hinteren Maggiatal, eine Busstunde von Locarno entfernt, liegt die Zeit, da die Menschen der Heimat den Rücken kehrten, nicht weit zurück. Man weiss noch, wie es ist, verlassen zu werden oder anderswo neu anzufangen.

Der Sport ist ihr wichtig, den Sinn des Lebens will sie aber erst noch entdecken

Ajla, geboren 1996, und ihr zwei Jahre jüngerer ­Bruder Karim kennen die Biografien ihrer Vorfahren. Sie haben darüber gelesen, man hat ihnen davon erzählt. Doch sie selbst wurden in einer anderen Welt gross. Sie mussten nie fürchten, dass ein Familien­ mitglied bei der Arbeit von einem Felsen stürzt oder im Fluss ertrinkt, mussten nie arbeiten wie früher schon die jüngsten Kinder. Sie durften die Nach­ mittage im Wald verbringen, mit den Eltern im Haus per Walkie-Talkie verbunden. Karim ging ins Eis­ hockey, Ajla ins Eiskunstlaufen und in die Leicht­ athletik. Sie spielte auch Piano, wäre sogar am Konservatorium aufgenommen worden. Die Eltern liessen Ajla und Karim machen, auf ­einer Sache aber bestanden sie: Die Schule durfte nicht vernachlässigt werden. Ajla nahm sich das ­besonders zu Herzen, auch aus eigenem Antrieb: «Ich fand schon immer, dass ich mein Leben nicht nur mit Sport verbringen will», sagt sie. «Sport ist nicht der Sinn meines Lebens. Den Sinn des Lebens werde ich erst noch entdecken.» Tatsächlich hat der Sport die Ausbildung nie gebremst, im Gegenteil. Die Ausbildung stand am Ursprung der Entscheidung, die Ajla Del Ponte erst zu der Weltklassesportlerin machte, die sie heute ist.

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«Heute weiss ich, dass es die Rücksichtnahme auf andere weniger verträgt, je näher der Wettkampf rückt.»

Sie erzählt: «Bei uns lernst du schon als Kind, dass du deine Heimat wahrscheinlich verlassen wirst, wenn du studieren willst.» Es ist die alte Tessiner Realität, übersetzt in die Gegenwart: Man muss zwar nicht mehr unbedingt die Landesgrenzen passieren und in ein Schiff nach Übersee steigen, und es geht auch nicht mehr um Leben und Tod. Aber wer etwas erreichen möchte – so sehen das im Tessin viele Junge –, versucht es noch immer besser anderswo. In der Deutsch­ schweiz, in der Romandie, in Mailand. Auch Ajla Del Ponte ging diesen Weg, angesichts ihres Perfektionismus bemerkenswert unvorbereitet. Als im Sommer 2015 der Beginn ihres Studiums in Lausanne näherrückte, hatte sie dort noch nicht ein­ mal eine Wohnung. Ausserdem war unklar, wie es mit der Sportkarriere weitergeht.

Schnelle Füsse und schöne Schritte

In Lausanne arbeitete der Trainer Laurent Meuwly, er betreute gleich drei Läuferinnen, die an inter­ nationalen Meisterschaften teilnahmen. Aber warum sollte er Ajla Del Ponte aufnehmen? Sie war 19 Jahre alt und ein Leichtgewicht im doppelten Sinn: Sie wog fünfzig Kilo und rannte die 100 Meter in 11,90 Sekunden, das reichte in jenem Jahr nicht einmal für die Top 10 der Schweizer Bestenliste. An den Schweizer Meisterschaften nahm sie allen Mut zusammen und sprach Meuwly an. Der wusste wenig über sie, erkundigte sich aber in ihrem Umfeld und schaute ihr beim Laufen zu. Er fand, dass sie zum Sprinten zwei herausragende Qualitäten hat: schnelle Füsse und schöne Schritte. Was bedeutet das? Laurent Meuwly sagt: «Ajla war vielseitig aus­ gebildet, hatte auch Sprungtraining gemacht. Sie konnte beim Auftreten auf dem Boden in kurzer Zeit viel Kraft produzieren. Auch die Schritte waren effi­ zient, sie bewegte sich leicht. Nur die Power fehlte. Ich dachte, wenn sie Muskeln zulegt, kann sie eine der besten Sprinterinnen der Schweiz werden.» Heute ist sie zehn Kilo schwerer und eine der ­besten Sprinterinnen der Welt. 49


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Die 100 Meter läuft sie in 10,90 Sekunden exakt eine Sekunde schneller als damals, eine Winzigkeit schneller auch als Mujinga Kambundji, die Frau, die gezeigt hat, dass man es in dieser prestigeträchtigen Disziplin auch aus der Schweiz an die Spitze schaffen kann. An den Olympischen Spielen letztes Jahr in Tokio standen beide im Final, Del Ponte und ­Kambundji, und belegten die Plätze fünf und sechs. Eine Tessinerin und eine Bernerin unter den Sprint­ nationen Jamaika, USA, Grossbritannien: Es war, auch ohne Medaille, einer der wahnsinnigsten ­Momente in der Geschichte des Schweizer Sports.

«Früher wollte ich bloss schnell rennen. Doch um das zu schaffen, musste ich die Wettkämpferin in mir entdecken.» Man könnte meinen, dass Ajla Del Ponte das Ren­ nen seither ungezählte Male angeschaut habe, doch das stimmt nicht. Sie will das, was in ihrem Kopf ist, nicht mit Bildern von aussen zerstören, will sich ihre Gefühle bewahren und sich genau so an den Moment erinnern, wie sie und nur sie ihn erlebt hat. Sie ver­ gleicht es mit Fotos aus der frühen Kindheit. «Wenn man die wieder einmal sieht, meint man auch, dass man sich an die Situation erinnert. Dabei erinnert man sich nur an das Bild.»

An der Startlinie schaltet sie den Kopf aus und wird zur Weltklassesprinterin

Es fällt Ajla Del Ponte bis heute schwer, in Worte zu fassen, was ihr der Olympiafinal bedeutet, so lang ist der Weg, der hinter ihr liegt. Sie ist eine Tag­ träumerin, ihre Gedanken sind häufig irgendwo, sie hat sich den Moment, in dem sie sich für den Final qualifiziert, in ihrem Leben viele Male vorgestellt. Den Final selbst, vom Start bis ins Ziel, aber kein einziges Mal. Das war ihr zu surreal. Von drei auf neun Trainingseinheiten pro Woche, von fünfzig auf sechzig Kilo, vom Tessin nach Lau­ sanne und dann sogar in die Niederlande (als Laurent Meuwly dort Nationalcoach wurde): Abgesehen von 50

diesen offensichtlichen Veränderungen bedingte Ajla Del Pontes Weg an die Weltspitze aber noch ­einen ganz anderen Schritt. Sie musste lernen, ­weniger nett zu sein. Was das genau heisst, erklärt sie am besten selbst: «Ich war als Kind nicht besonders kompetitiv. Ich machte Leichtathletik, um mit meinen Freundinnen und Freunden draussen zu sein. Es ging nicht dar­ um, andere zu schlagen, ich wollte bloss schnell ­rennen. Doch um das zu schaffen, musste ich die Wettkämpferin in mir entdecken, musste lernen, nicht darüber nachzudenken, gegen wen ich an­ trete. Und vor allem war ich gezwungen, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Wenn ich im Training meine Trinkflasche fülle, bin ich sonst eher die, die fragt: ‹Will noch jemand Wasser?› Und dann laufe ich mit fünf Trinkflaschen herum. Heute weiss ich, dass es diese Rücksichtnahme auf andere weniger verträgt, je näher der Wettkampf rückt. Will ich schnell rennen, muss ich auf mich selbst Rücksicht nehmen.»

Die helle und die dunkle Seite der Macht

Es war ihr Psychologe, der erkannte, dass sie etwas ändern musste. Zuerst wusste sie nicht, wie sie den Ratschlag, weniger nett zu sein, umsetzen sollte. Doch dann erinnerte sie sich an ihre Bücher, die Fantasy-Romane und epischen Werke – und hatte die Lösung. Sie ergänzte die Vorgabe des Psychologen um ein eigenes Narrativ, bediente sich bei «Stars Wars» und «Der Herr der Ringe». Sie stellt sich nun vor, dass sie eine helle und eine dunkle Seite der Macht in sich trägt, und je nachdem, welcher Zustand ­gerade gefragt ist, wechselt sie hin und her. Steht sie dann an der Startlinie, geschieht noch etwas anderes, sozusagen der letzte Schritt vom Tes­ siner Mädchen zur Weltklassesprinterin: Sie schaltet den Kopf aus. Man hat das von Sportlerinnen und Sportlern schon oft gehört, doch es ist der wichtigste und gleichzeitig schwierigste Moment von allen. Wie schafft man das? «Du musst daran glauben, dass du alles getan hast, was nötig war, um hierher zu gelangen», sagt Ajla Del Ponte. «Du bist voller Adrenalin und wirst doch ganz ruhig. Du vertraust darauf, dass dein Körper weiss, was zu tun ist. Du musst zulassen, dass er übernimmt. Und dann loslassen.» Klingt wie ein Zustand, den man selbst unbedingt auch einmal erreichen möchte. Mehr von Ajla Del Ponte auf Instagram: @ajletta

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«Du vertraust darauf, dass dein Körper weiss, was zu tun ist.» Weltklassesprinterin Ajla del Ponte über das Loslassen kurz vor dem Startschuss


Formel 1

33 FRAGEN AN DIE NEUE NUMMER EINS

Formel-1-Weltmeister Max Verstappen über Helden, Bargeld, Handy-Apps und Hollywood. Text GERALD ENZINGER Illustrationen DAN LEYDON 52


JETZT SCHON LEGENDÄR: DAS WELTMEISTERLICHE ÜBERHOLMANÖVER In der letzten Runde im letzten Rennen der Saison 2021 sicherte sich Verstappen (re.) gegen Lewis Hamilton in Abu Dhabi seinen ersten WM-Titel.

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U MAX VERSTAPPEN, DER TITELVERTEIDIGER

Ein selbstbewusster Rennfahrer, 24 Jahre jung, viersprachig und ­tiefenentspannt. Er sagt: «Nach den meisten Rennen schlafe ich gut.» THE RED BULLETIN

m einen fliegenden Holländer zu treffen, ist der Flugplatz Zell am See kein schlechter Ort. Diese Gegend ist seit jeher Startrampe so mancher VollgasKarriere: Der Innsbrucker Otto Mathé hat hier beim Eisrennen in den Vierziger- und Fünfzigerjahren mit einem selbst gebauten Porsche Geschichte geschrieben. Harald Ertl, einer von Niki Laudas Lebensrettern bei dessen Feuerunfall 1976 am Nürburgring, wurde in Zell geboren. Und Nico Rosberg ist ums Eck in den Kindergarten gegangen – also jener Rennfahrer, der es 2016 geschafft hatte, Lewis Hamilton in einem Formel-1-WM-Finale zu besiegen. Als Letzter bis zu dem denkwürdigen Sonntag im Dezember 2021, als es Max Verstappen in der aller­letzten Runde des letzten Rennens einer 6409 Kilometer langen

Saison gelang, mit dem letzten Überholmanöver gegen Hamilton diesen als Weltmeister zu entthronen. Und genau hier in Zell in Salzburg treffen wir Max, die neue Nummer 1 der Formel 1, nun zu seinem ersten Interview im Jahr 2022. In 33 Fragen versuchen wir, den puren Max aus dem maximal begnadeten Rennfahrer zu destillieren. Wir treffen auf einen in sich ruhenden Wirbelwind, der die kalte Jahreszeit nach ­einer überhitzten Saison dazu genutzt hat, neue Energie zu laden. Das aber, typisch für ihn, mit einem klaren Blick nach vorne. Der verschmierte Rückspiegel der Sentimentalität ist seine Sache nicht. Denn er ist erst 24 Jahre alt und somit um fast 13 Jahre jünger als Hamilton, der ihm – wie Michael Schumacher – noch sechs WM-Titel voraushat. Es gibt niemanden im Fahrer­ lager, der es Verstappen nicht zutraut, der erfolgreichste Rennfahrer in der Geschichte der Formel 1 zu werden.

1 Wie oft bist du diese berühmte letzte Runde in Abu Dhabi im Kopf noch einmal gefahren? Gar nicht so oft. Ich habe mir natürlich die Bilder an­ geschaut, aber dann hatte ich Ferien – und da habe ich nicht so viel über die Formel 1 geredet. Am Ende dieser langen Saison war ich einfach nur eines: müde.

2 Deine letzte Runde aus deiner Perspektive? Ich hatte plötzlich Krämpfe im Gasfuss (in der rechten Wade; Anm). Aber in so einem Moment vergisst du alles. Es war der Moment, auf den ich mein ganzes Leben hingearbeitet hatte. Mein Vater und ich haben immer davon geträumt. Aber ich hoffe, das war erst der Anfang.

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Formel 1

6 Wer ist für dich der grösste Sportler aller Zeiten?

3 Rallye-Star Sébastien Ogier hat am Anfang seiner Karriere gesagt: «Lieber werde ich einmal gegen Sébastien Loeb Weltmeister als drei­ mal ohne ihn.» Ist es für dich ähnlich wichtig, Lewis Hamilton in einem direkten Duell der Giganten noch am Höhepunkt seines Schaffens besiegt zu haben? Nein, dieser Umstand allein ist es nicht für mich. Das Ziel ist immer: die Weltmeister­ schaft zu gewinnen! Dafür muss man so viele gute Fahrer­ besiegen, jeden für sich. Da geht es nicht nur darum, ­Lewis zu schlagen.

«ONKEL» MICHAEL

Mit Formel-1-Legende Michael Schumacher (hier 1996 mit Ehefrau Corinna) fuhr Max als Kind in die Ferien.

5 Michael Schumacher, ein ­e nger Freund deines ­Vaters, war für dich als Kind so etwas wie ein Onkel. Wie fühlte sich das an?

Da sind schon viele schöne Erinnerungen. Wir waren gemeinsam in den Ferien, im Sommer in Frankreich, aber auch im Winter. Im Nachhinein ist das etwas sehr Schönes und ganz Besonderes, obwohl mir damals natür­ lich nicht so bewusst war, mit wem ich da spiele.

4 Dein Verhältnis zu Lewis Hamilton? Wir hatten unsere Kämpfe, aber da ist auch ganz viel Res­ pekt. Er ist einer der grössten Rennfahrer, die es je gab. 54

Ich finde es immer schwierig, so etwas zu sagen, es hat in der Formel 1 so viele grosse Rennfahrer gegeben. Und was Sportler insgesamt betrifft, gilt für mich erst recht:

keine Ahnung.

7+8 Wie erklärst du einem plötzlich auftauchenden Marsmenschen die Formel 1? Als Erstes hoffe ich, dass wir dieselbe Sprache haben, das ist das Wichtigste, sonst geht gar nichts (lacht). Aber wie würdest du dem Ausser­ irdischen ­deinen Sport erklären? Die coolsten Momente in der Formel 1 würde ich jedenfalls so erklären: schnell auf der Geraden, gut auf der Bremse zu sein – und natürlich auch die Fliehkräfte zu spüren, die in der Kurve wirken.

SCHULTERSCHLUSS – TROTZ HEFTIGER ZWEIKÄMPFE:

Lewis Hamilton und Max nach dem WM-Finale 2021 THE RED BULLETIN


9 Deine klare Entscheidung war, als Weltmeister künftig mit der Nummer 1 zu fahren – von diesem Vorrecht hat Lewis Hamilton nie Gebrauch gemacht: Warum wechselst du die Startnummer? Das ist ganz einfach. Die Eins ist die schönste Nummer in der Formel 1, und die Chance, sie zu wählen, hast du in nicht so vielen Saisonen. Daher ist es für mich selbstverständlich, dass ich sie nehme. Meine bisherige Nummer 33 war ur­ sprünglich auch nicht meine Lieblingsnummer, das wäre die Drei gewesen. Die hatte aber schon Daniel Ricciardo, als ich in die Formel 1 kam. Zeit, um den Sportler Max Verstappen langsam hinter sich zu lassen – und sich dem Menschen anzu­ nähern. Vielleicht, indem man über sein liebstes Werk­ zeug redet: Autos.

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10 Du bist der erste Formel-1-­ Weltmeister, der seine Kindheit im neuen Jahrtausend erlebt hat. Welches Auto war das erste, das dich ­g eprägt hat? Das erste, an das ich mich erinnern kann, ist der Arrows­ (oben rechts; Anm.), mit dem Vater in der Formel 1 gefahren ist, Anfang der Nullerjahre. Das war ein oranger Renn­ wagen – ein schönes Auto!

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PFEILSCHNELL: DAS ERSTE AUTO, DAS MAX GEPRÄGT HAT

Der orangefarbene Arrows, mit dem sein Vater Jos in der Formel 1 gefahren ist (hier bei einem Rennen im kanadischen Montréal im Juni 2000)

11 Wie viele Autos stehen in deiner Garage? Genug. Max ist kein Protz, er definiert sich nicht über seinen Besitz, würde nie damit angeben. Man weiss aber, dass er einen Porsche GT3 RS sehr schätzt, den er jüngst auch auf einer Rennstrecke in Portugal für eine schnelle Spritzfahrt verwendet hat. Auch mit Sportwagen der Marken Aston Martin (DB 11), Ferrari (488 Pista) und Honda (NSX) wurde er schon gesichtet.

12 Du bist der erste Mensch, der einen Vertrag als Formel-1-Pilot unterschrieben hat (mit sechzehn in Graz; Anm.) und der erst danach den Führerschein gemacht hat. Wie hat sich das denn angefühlt?

Ich war natürlich nervös bei der Prüfung, denn ich hatte nur eine Chance. Da­ nach wäre ich nämlich zwei Monate nicht zu Hause ge­ wesen, und da wollte ich un­ bedingt davor noch meinen Führerschein bekommen. Da war ordentlich Druck drauf. Der Fahrlehrer war streng und hat mich natürlich so behandelt wie alle anderen auch. Aber es hat geklappt.

13 Welche Verkehrsregel würdest du abschaffen? Keine. Ich denke, das passt schon. Ich fahre sowieso nicht allzu viel, und ich verstehe natürlich auch, dass du ein Limit hast auf normalen Strassen. Für mich passt alles. Es ist okay, so wie es ist. 55


Formel 1

So manch Vierundzwanzigjähriger hat schon (zu) viel Geld in Autos investiert, Max dagegen verdient mit Autos Millionen. Reden wir also mal kurz übers Business.

14 Wie viel Bargeld hast du bei dir? Nicht viel. Manchmal habe ich auch kein Bargeld mit, keinen Cent. Nur die Kreditkarte ist immer dabei. Kein Bargeld mitzuhaben hat in Formel-1-Fahrerkreisen Tradition. Berühmt ist die Geschichte, die Niki Laudas einstige PR-Chefin Agnes Carlier erzählt. Sie war nach dem WM-Finale 1984 mehrere Wochen mit Lauda und seinem Teamkollegen Alain Prost auf Promo-Tour für Marlboro. Sparefroh Lauda hatte am Anfang der Reise mit Prost gewettet, dass er keinen einzigen Dollar ausgeben würde. Er gewann und bekam von Prost noch den Wetteinsatz, 100 Dollar oder so.

15 Investierst du eher in Aktien oder in Krypto­ währungen? Keine Krypto bis jetzt! 56

MAX, GANZ OBEN

Mit dem Pokal in der rechten Hand jubelt der Niederländer nach seinem Titelgewinn in Abu Dhabi.

16 Was war deine erste Siegesprämie? Das war ganz früh, vielleicht 100 Euro. Oder 200? Es könnte aber auch so etwas wie ein Satz Reifen gewesen sein.

17 Wie hast du dich für den Titel belohnt? Etwa mit einem Luxusgeschenk? Eigentlich gar nicht. Erst war ich ein paar Wochen nicht daheim, und dann bin ich wieder auf den Simulator gegangen, wie ich das immer mache. Ich habe trainiert, mir aber nichts gekauft. THE RED BULLETIN


22+23 Sein Teamchef Christian Horner erzählt, dass Max allein beim USA-Grand-Prix 2021 rund 14 Stunden lang «FIFA» spielte. Es ist seine Art, sich von der knallharten Formel‑1-­ Realität zu lösen. Und das macht der Ehrgeizling wieder mit dem, was er braucht und liebt: dem Wettkampf.

IN DEN ARMEN VON KELLY PIQUET, 33,

der Tochter des dreifachen Formel-1-Weltmeisters Nelson Piquet (BRA). Max und Kelly sind seit Oktober 2020 ein Paar.

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Ein aufwendiger Lebensstil liegt Max nicht besonders. Er lebt zwar in Monaco, dies aber recht zurückgezogen und vor allem aus logistischen Gründen. Man kann dort gut trainieren. Das Jet-Set-Leben seines Rivalen Lewis Hamilton ist Max’ Sache nicht. Seine Freundin Kelly Piquet, die Tochter des dreifachen Formel‑1-Weltmeisters Nelson Piquet, und die Familie – ­Vater Jos fuhr 107 Grands Prix, Mutter Sophie Kumpen war eine der schnellsten Kart-Fahrerinnen der Welt, sie besiegte sogar Jenson Button in einigen Rennen, und Schwester Victoria, die eben ihr zweites Baby bekommen hat – haben bei ihm Vorrang gegenüber Partys.

18 Wie schläfst du nach einem Rennen? Manchmal gut, manchmal schlecht. Das hängt natürlich auch vom Resultat ab. Aber meistens gut.

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Im Internet erzählt man sich, dass du auch im Computerspiel «FIFA» Welt­ klasse seist – Nummer 21 des weltweiten Rankings des Spielmodus «FIFA Ultimate Team» im Jänner 2019. Kannst du das bestätigen? Auf «FIFA» geht es schon ganz gut. Ich bin kein Pro, aber es macht Spass.

Wie würdest du dich selbst bewerten? Gut. Nicht schlecht. Nein, doch: gut!

Kochst du manchmal selbst? Nein.

20 Wie kommst du wieder in deine Mitte, wenn du mal nicht gut drauf bist? Dann mache ich etwas ganz anderes. Zum Beispiel fahre ich dann mit dem Simulator. Oder ich rede mit meinen Freunden oder der Familie.

21 Hast du eine Lieblingsserie im Fernsehen? Aktuell gar keine, als Kind jedes Jahr eine andere.

FREIZEITVERGNÜGEN UND TOP FÜR DEN JOB Max beim konzentrierten Fahrtraining am Simulator

24 Wenn man von Beruf Renn­ fahrer ist, kann man sich ja kaum eine Freizeitbeschäf­ tigung vorstellen, die einen ähnlichen Adrenalinkick bringt als der eigene Job. Was machst du denn in der Freizeit am liebsten?

Mein liebstes Hobby ist eigentlich Simulator­ fahren.

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Formel 1

25 Wir gehen davon aus, dass dein Leben eines Tages verfilmt wird – und auch dein episches Duell gegen Lewis Hamilton 2021. Wer soll dich spielen? Ich hoffe erst mal, dass das nie passiert. Das brauche ich nicht! Aber wenn doch und jetzt, dann könnte mich Leonardo DiCaprio spielen. Das wäre schön. Für Max gilt die alte Weisheit: «Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.» Wie sonst wäre er technisch so kom­ petent und so sprachgewandt. Er spricht Limburgisch (seine Muttersprache, verbreitet im deutsch-holländisch-belgischen Grenzgebiet), Niederländisch, Deutsch und Englisch fliessend, auch Italienisch, Französisch und Portugiesisch beherrscht er in gewissem Umfang.

26 Schule war nie so dein Ding? Die mochte ich überhaupt nicht, gar kein Fach. Am ehesten noch Geschichte.

27 Welche Sprache würdest du noch gerne lernen? Chinesisch. 58

HOLLYWOODSTAR LEONARDO DiCAPRIO

Sollte sein Leben je verfilmt werden, wünscht sich Max, dass der 47-jährige Oscar-Preisträger ihn darstellt.

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Deine liebste App? WhatsApp.

Noch Fragen, die der Reporter Verstappen dem Weltmeister Verstappen stellen würde? Nein, ich denke, es passt und es ist genug gesagt.

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MAX VERSTAPPEN MIT ZWEI SEINER WICHTIGSTEN LEBENSBEGLEITER

Red Bull Racing-Motorsportchef Dr. Helmut Marko …

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Okay, dann aber noch je eine Frage, zwei deiner wichtigsten Mentoren betreffend – die Österreicher Helmut Marko und Franz Tost. Was fällt dir zu ihnen ein? Das Jahr mit Franz als Team­ chef bei Toro Rosso war ein super Jahr. Franz hat sehr viel Erfahrung in der Formel 1, wir haben bei jedem Rennen viel geredet – und tun das ­immer noch, auch wenn ich jetzt in einem anderen Team bin, haben wir Kontakt.

31 Und Helmut Marko? Und mit Helmut Marko, der mir meinen ersten Vertrag in der Formel 1 gegeben hat, habe ich sehr viele coole Sachen erlebt – und mein Wunsch ist es, dass das noch viele Jahre so bleibt. THE RED BULLETIN

Zeit für eine kleine Zwischenfrage, die wir von Max an seinen Mentor weiterreichen.

32 Herr Dr. Marko, wie hat sich Max in diesen bislang sieben gemeinsamen Jahren verändert? Er ist erst 24, hat einen statt­ lichen Reifeprozess hinter sich. Das ist von aussen gar nicht so sichtbar. Früher ist er immer explodiert, wenn wir im Training technische Pro­ bleme hatten. Heute bleibt er ruhig. Und er ist auch in den Jahren zum Team gestanden, als klar war, dass wir keine Chance auf den Weltmeister­ titel haben. Was ihn aber, wie andere Champions auch, aus­ zeichnet, das ist diese totale Fokussierung, man kann es auch Rücksichtslosigkeit nennen. Es gibt für ihn nichts anders als: «Ich will gewinnen und mache alles dafür!»

… und Franz Tost, Teamchef der Scuderia AlphaTauri, mit dem Max nach wie vor in engem Kontakt steht.

33 Max, deine Lehren aus der bereits legendären Saison 2021 fürs echte Leben? Dass man dranbleiben und bis zur letzten Runde an seine Chance glauben muss. Red Bull Racing Road Trips

Erlebe, wie Max Verstappen das erste Rennen des Jahres bestreitet – auf Eis. Die ganze Staffel gibt’s auf redbull.com

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DIE DURCHS FEUER GEHEN Firefighter sind harte Knaben, die weder Flammen noch ­Explosionen fürchten. Wer diesen Job macht, der liebt das Risiko, überall – doch ­nirgendwo ist er so gefährlich wie in Los Angeles, am viert­ grössten Airport der Welt. Wir haben der viel­leicht ­besten Feuerwehr­einheit der Welt beim Training zu­ gesehen. Und eines können wir mit S ­ icherheit sagen: ­Diese Jungs wissen wirklich, was sie tun, wenn’s brennt. Text SCOTT JOHNSON Fotos JIM KRANTZ

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ARFF heisst die Eliteeinheit der Feuerwehr am Flughafen L. A. International. Das steht für «Aircraft Rescue and Firefighting» – und dass der Job tatsächlich ein Kampf ist, wird bei jedem Training deutlich.


Feuer? Marsch!


Feuer? Marsch!

E

r sah die Boeing 767, als der Morgen dämmerte. Vielleicht hundert Meter tief, direkt über dem Los Angeles International Airport (LAX). So nahe, dass Michael Flores am Vordersitz seines Feuerwehr-Trucks fast jedes Detail erkennen konnte. Vor ein paar Minuten hatte ihr Kapitän einen Notruf an die Flugverkehrskontrolle am LAX abgegeben: linkes Fahrwerk defekt, Not­ landung unvermeidbar. Der Tiefflug war eine taktische Entscheidung. Die Einsatzkräfte sollten vom Boden aus den Schaden begutachten, den der Pilot im Cockpit nicht sehen konnte. Da war nur ein Haken: Flores sah nichts. Grund: Das Fahrwerk war nicht ausgefahren. «Gar nicht gut», sagte der Feuerwehrmann rechts von Flores. Die Boeing 767 der FedEx-Frachtflotte ­befand sich ­eigentlich auf dem Weg nach Newark, New Jersey. Mit der gesamten Fracht an Bord wog sie mehr als 180 Tonnen. Wenn jetzt etwas schiefging, könnte diese Maschine am viertgrössten Flughafen der Welt ein Inferno auslösen. Flores, 51, war erst kurz davor nach dreissig Dienst­ jahren beim LAFD, dem Los Angeles Fire Department, zur ARFF gestossen, der Eliteeinheit Aircraft Rescue and Firefighting am LAX. In Gedanken spielte er jetzt einen Fall von vor ein paar Jahren durch: Damals musste ein JetBlue-Flug von Burbank nach New York am LAX notlanden. Beim Aufsetzen auf die Landebahn stand das vordere Fahrwerk quer, und bis das Flugzeug zum Stillstand kam, waren die Vorderräder verbrannt und das Fahrwerk kaum mehr als ein schwelender Metallstumpf. Trotzdem hatte es keine Verletzten gegeben. Und heute? Als die 767 auf der 3940 Meter langen Landebahn 25R aufsetzte, schlug das linke Triebwerk auf der Landebahn auf, und sofort zogen Funken eine leuchtende Spur durch die Dunkelheit. Das Startsignal für Flores und den Rest des ARFF-Teams der Station 80: Sechs riesige Feuerwehrautos – eine Million Franken teure grüne Monster namens Panther, von der österreichischen Firma Rosen­ bauer speziell für den LAX adaptiert, rasten jetzt auf die Startbahn. Vor Ort teilten sich die Feuerwehrleute in mehrere Teams auf: Eines holte den unverletzten Piloten mit einer Rettungstreppe aus dem Cockpit. Ein anderes Team kümmerte sich um den Co-Piloten, der sich in Panik an einem selbst zu­sam­men­geknoteten Seil aus dem Cockpitfenster abseilen ­wollte. Dabei stürzte er ab und verletzte sich beim Aufprall auf der Betonpiste am Bein. Immerhin ein vergleichsweise glimpflicher Ausgang des befürchteten Albtraumszenarios mit hunderten Toten und Schäden in Milliardenhöhe. Flores und seine Leute bereiten sich dennoch Tag für Tag auf die ultimative 62

­Katastrophe vor. Während die anderen Feuerwehreinheiten der Umgebung – davon zwei in unmittelbarer Nähe des LAX – für medizinische Notfälle und Brände innerhalb der acht Flughafen-Terminals zuständig sind, ist die Station 80 nur auf eine Art von Einsätzen spezialisiert: den Schutz der rund 700.000 Flugzeuge, die jedes Jahr den LAX passieren. Ausgelaufener Treibstoff, Rauch im Cockpit, ein seltsamer Geruch: Diese Warnzeichen können binnen Sekunden zu lebensbedrohlichen Feuersbrünsten führen. Denn jedes der im Schnitt 1900 Flugzeuge, die pro Tag am LAX starten oder landen, fasst zigtausende Liter hochentzündlichen Kerosins, ein vollgetankter zweistöckiger Airbus 380 sogar über 300.000 – und hat direkt daneben ein paar hundert Passagiere sitzen. Deshalb patrouilliert die Elite-Crew rund um die Uhr durch die labyrinthartigen Korridore der Start- und Landebahnen, stets bereit zum sofortigen Eingreifen. «Am LAX musst du immer zu hundert Prozent fo­ kussiert sein», sagt Leonard Sedillos, ein sanftmütiger Kumpel­typ in der rauen Schale eines abgebrühten Feuerwehr-Profis, «denn deine ganze Karriere kann an einem einzigen Einsatz gemessen werden.» Sedillos ist einer von mehreren Feuerwehrhauptleuten in der Station 80 und wacht mit der Selbstlosigkeit einer Glucke über seine Jungs. Auch wenn Zwischenfälle selten vorkommen, sind er und sein ARFF-Team dank der Kombination aus perfekt abgestimmtem Teamwork, hochmoderner Ausrüstung und jahrelanger Erfahrung für jeden vorstellbaren Unfall gerüstet – bis hin zur gigantischen Massenkatastrophe, die eine Stadt oder ein Land für Generationen prägen könnte. Präventionsarbeit und Katastrophentraining fi ­ nden weitgehend im Verborgenen statt. Sie sind der G ­ arant dafür, dass der Ernstfall niemals eintritt und jedes Jahr Millionen Passagiere sicher an ihr Ziel kommen.

Trainings so hart wie ein Einsatz

Die Feuerwehreinheit des LAX hat eine lange Geschichte – und sie war von Anfang an ein Experimentierfeld für kühne Zukunftsideen. So setzten die ersten ARFF-Ein­ heiten schon 1937 Hochdrucknebel zur Brandbekämpfung ein, zu jener Zeit ein revolutionäres Konzept. Damals wie heute: Die Eliteeinheit ARFF repräsentiert so etwas wie die Champions League der Branche. Nur wer jahre- oder jahrzehntelange Erfahrung aus Stadt- und U‑Bahn-Feuerwehreinheiten mitbringt, darf am 3000 Hek­ tar grossen Mikrokosmos LAX in der Top-Liga mitspielen. «Wenn du als erfahrener Feuerwehrmann neu zu uns

Alles, was hier passiert, hat Auswirkungen auf die Flugwelt. Ein Zwischenfall am LAX löst Chaos aus. Auch bei uns. THE RED BULLETIN


Firefighter Eric ­Johnson in einer ­Pause bei der Einsatzübung: Zwischen den Taktik-Trainings mit unerträglicher Hitze bleibt kaum Zeit zum Durchatmen.

Der Rosenbauer Panther kommt aus Österreich und ist so etwas wie der Ferrari unter den Feuerwehrautos. Er kostet ca. eine Million Franken und ­erreicht 140 km/h.


Wer den Panther steuert, hat das Sagen – und ­vollen Überblick über alle technischen Details des Einsatzes.


Feuer? Marsch!

Auf Knopfdruck schiessen aus dem Panther 15.000 Liter Wasser auf ein bren­nendes Flugzeug. Das kann ­reichen. Muss es aber nicht.

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Beim Training hier brennt eine leere Flugzeughülle, und das Team löscht den Brand mit Wasser. Bei einem echten Einsatz würden sie mit einem chemischen ­Brandbekämpfungsmittel, dem sogenannten «forever foam», arbeiten, das den Sauerstoff bindet.


Feuer? Marsch!

48 Stunden dauert eine Schicht in der ARFF, bei ärgster Hitze und schlimmstem Stress. Trotzdem hat das Team keinerlei Nachwuchs­probleme.

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Feuer? Marsch!

Pflicht, Ehre, Gemein­schaft sind die Werte, die die Firefighter zu­sam­men-­ halten. Sagen sie. stösst, lernst du deinen Job nochmals von der Pike auf», sagt Flores, der davor zwanzig Jahre lang bei der Stadtfeuerwehr von Los Angeles – durchaus wörtlich – durchs Feuer gegangen war. Der LAX, der pro Jahr 88 Millionen Passagiere abfertigt, ist so etwas wie eine Insel innerhalb von Los Angeles, eine Stadt in der Stadt. Spezielle Markierungen unterscheiden erlaubte von verbotenen Wegen, auch das Fahrverhalten der Spezialfahrzeuge muss berücksichtigt werden: Erst am Vortag war ein Feuerwehrmann mit seinem Panther fast vom Rollfeld gerutscht, weil das untersteuernde Monstrum aus der Kurve schob. Merke: Ein Panther-­Truck kann zwar auf 140 km/h beschleunigen, allzu beherzt gelenkt aber auch schon mit 25 km/h umkippen. Noch ein bisschen mehr Stress gefällig? Kann ein kleiner Zwischenfall am LAX nicht im Handumdrehen unter Kontrolle gebracht werden, gerät die gesamte Flugsituation in den USA und zum Teil auch weltweit aus dem Gleichgewicht. Aber nicht für Stunden. Für Tage.

Eine Ruheoase innerhalb der roten Hölle

Dass die Feuerwehrleute trotz ihres Heldenstatus relativ unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen können, hat einen praktischen Grund: Der beste Aussichtsplatz für Plane­ spotters befindet sich nicht am Flughafen, sondern etwas ausserhalb am Imperial Highway. Hier finden sich jeden Tag – und noch mehr jede Nacht – hunderte Flugzeugfans ein, um die Show zu beobachten. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum die Feuer­ wehr-Profis «ihren» Flughafen als Ruheoase innerhalb ­einer verrückten Welt empfinden. Warum sie den LAX (wohl auch wegen der Farbe ihrer Rosenbauer-Panther) «grüne Welt» nennen. Er ist für sie das wohlgeordnete, friedliche Gegenstück zur chaotischen «roten Welt» ausserhalb der Flughafenzäune, zum Moloch L. A. mit seinen Obdachlosenlagern, Autounfällen und Verbrecher-Ver­ folgungsjagden. «Die rote Welt ist die Hölle», sagt Flores’ Kollege Billy Barnes, Flugzeug-Nerd von Geburt an und Feuerwehrmann seit 21 Jahren. «Alle meine Kumpels ­wären lieber hier am LAX als draussen», sagt er. Sein e­ rster Stützpunkt war die Station 94 im sogenannten «Jungle». Mitte 2021 landete Barnes auf Station 80, wo er am liebsten den Rest seines Berufslebens verbringen würde. Der Afroamerikaner, der mindestens zehn Jahre jünger aussieht, als sein Personalausweis behauptet, ist Amateur­ filmer und wandelndes Archiv der Einheit. In seiner Freizeit baut er Flugzeugmodelle für Sicherheits-Tutorials, rahmt Schwarz-Weiss-Fotos historischer Ein­sätze oder

Die ARFF ist so etwas wie der Cham­ pions-League-Sieger der Branche. Aber ein netter: Auf ihrem Trainings­ gelände bilden sie auch die Feuerwehr­­ einheiten anderer Flughäfen aus.

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1900 Flugzeuge pro Tag, 700.000 Flugzeuge im Jahr, insgesamt 88 Millionen Passagiere: Der LAX ist eine Stadt in der Stadt. Leute wie Firefighter Oscar Scott haben sie täglich im Blick.

­ ewahrt die schlimmsten Flugzeugunfälle der Geschichte b vor dem Vergessenwerden. Etwa mithilfe ­seiner Fotosammlung in der Ecke des Besprechungssaals, in dem er dreissig Jahre alte Zeitungsausschnitte auf­gehängt hat: «Pilot tot, viele vermisst nach Feuer-Inferno in L. A.!»

Kein Fehler passiert zweimal

Über Traumata wie dieses reden die harten Jungs nicht gerne. Aber das heisst nicht, dass alle Einsätze spurlos an ihnen vorübergegangen sind. Barnes bekam zum Beispiel nie den Absturz einer Asiana-Airlines-Maschine am 6. Juli 2013 am San Francisco International Airport aus dem Kopf. Das Heck der Maschine war gegen eine Mauer geprallt und das Flugzeug in zwei Teile zerbrochen, drei Tote und 187 Verletzte waren zu beklagen. Aber das war damals noch nicht das Schlimmste: Den F ­ euerwehrleuten, die seinerzeit Dienst hatten, war ein folgenschwerer Fehler unterlaufen – sie hatten in der Hektik ein Opfer übersehen, das auf die Rollbahn geschleudert worden war, und überrollten es mit ihrem Feuerwehr-Truck. Bei der Autopsie wurde s­ päter fest­gestellt, dass die Person zu dem Zeitpunkt noch gelebt hatte. «Manchmal hört man von Kollegen, die in Depression verfallen oder sich das Leben nehmen, weil sie eine falsche Entscheidung getroffen haben», sagt Barnes. «Dabei kann jedem einmal ein Fehler passieren. Aber kein Fehler passiert uns zweimal – wir lernen aus unseren Lektionen.» Die Garantie dafür ist permanentes Training. An einem heissen, wolkenlosen Tag machen sich mehrere Mitglieder THE RED BULLETIN

Das Firefighter-Glossar

Fakten zum Einsatzteam des Flughafens in Los Angeles LAX: Los Angeles International Airport mit 3000 Hektar Fläche LAFD: Los Angeles Fire Department ARFF: Eliteeinheit Aircraft Rescue & Fire Fighting Working Group Panther: Grossflughafenlöschfahrzeug, das 15.000 Liter Wasser und Löschschaum fasst Forever foam: chemisches Brandbekämpfungsmittel 1900 Flugzeuge starten/landen pro Tag am LAX Station 80: zuständig für den Schutz von ca. 700.000 Flugzeugen

der ARFF-Station 80 auf den Weg zum Flughafen von San Bernardino, hundert Kilometer östlich der Feuerwache. Hier trainieren oft Feuerwehr-Teams aus der ganzen Welt, etwa aus Nigeria, Kanada und Deutschland. Ein Dunstschleier verdeckt die nahe gelegenen San Bernardino Mountains. Am Programm steht heute ein so­genannter «live fire burn». Auf einer riesigen Betonfläche in der Nähe von zwei riesigen Lagerhäusern stehen mehrere Reihen ausgemusterter Flugzeuge, bereit für die Schlachtbank. Der Schauplatz für die heutige Schulung: zwei leere Flugzeughüllen. Das grössere Wrack liegt in einer kreisförmigen, mit Steinen gefüllten Grube von 16 Meter Durchmesser, gemeinsam mit 78 Gasleitungen, die unterirdisch mit einem mehr als 100.000 Liter fassenden Flüssigpropantank 69


Sie trainieren, als ob ihr Leben davon abhängen würde, und das tut es ja auch. Wenn’s brennt, dann muss alles so effizient und automatisiert sein wie bei einer Maschine.

Es ist ein Stressjob, aber ­keiner für junge Küken: ARFFFirefighter wie Eric Johnson (li.) und Paul Reyes haben schon erfolgreich für andere Feuerwehren gearbeitet, bevor sie in die Flughafen-Truppe aufgenommen wurden.


Feuer? Marsch!

Wissen ist Speed. Und Sekunden können im Ernstfall den Unter­schied ausmachen. Das ist das Wichtigste, was man am Airport wissen muss. v­ erbunden sind. Auf Kommando der diensthabenden Test-­Ingenieure geht die Grube in Flammen auf. Sofort lodert rund um das Flugzeug eine sechs Meter hohe Flammenwand auf und frisst sich durch den Flugzeug­ torso. Jetzt muss sich eine Sechs-Mann-Trupp von Feuerwehrleuten in die überdimensionale Feuerhölle wagen, geschützt durch feuerfeste Anzüge und ausgestattet mit Atem­schutz­geräten. Das Team schliesst einen Schlauch an den Rosenbauer-Panther, rückt weiter Richtung Brandherd vor und löscht die Flammen. Heute kommt dabei nur Wasser zum Einsatz, aber im Falle eines realen Brandeinsatzs wären Poly­fluoro­alkyl-­ Substanzen (PFAS) die bessere Wahl. Der sogenannte ­«forever foam», ein chemisches Brandbekämpfungs­mittel, bindet den Sauerstoff, das Lebenselixier der Flammen. In seltenen Fällen wird auch eine teure und hochgiftige Verbindung namens Halotron eingesetzt. Ihr Vorteil: Wird sie bei einem Cockpit-Brand eingesetzt, kommen empfindliche elek­trische Geräte nicht zu Schaden. Jeder der sechs grünen Lastwagen der Station 80 führt fast 15.000 Liter Wasser und weitere 4000 Liter PFAS mit. Wie der Stachel eines Skorpions lauert auf dem Geschütz­ turm auf dem Dach der Trucks eine zwei Meter ­lange ­ausfahrbare Kanone, die ein Loch durch Metall schlagen kann – etwa um die Hülle eines Flugzeugs zu öffnen. Durch den Hohlraum können die Feuerwehrleute dann Wasser oder Schaum ins Innere pumpen. Wissen ist Speed. Und Sekunden können, wie Gonzalez seinen jüngeren Kollegen eintrichtert, in ­einem E ­ insatz den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Als Faustregel gelten dabei 90 Sekunden: So lange haben die Einsatzkräfte im Schnitt Zeit, bevor ein Brand im Flugzeug den gesamten vorhandenen Sauerstoff zum ­Atmen verbraucht hat. Gelingt die Rettung nicht schnell genug, könnten Menschen sterben – als Erstes die Alten, die ­Gebrechlichen, die Menschen mit einem Handicap. Und manchmal auch Feuerwehrleute. Sogar ein Training kann zum Ernstfall werden; so erlitt vor ein paar Jahren ein Feuerwehrmann während einer Ausbildungseinheit in San Bernardino ­einen Herzinfarkt. Zum Glück konnten ihm seine Teamkollegen das Leben retten.

Eiserne Entschlossenheit brennt nicht

Als einer der Verantwortlichen ist heute auch Hauptmann Leonard Sedillos am Trainingseinsatz in San Bernardino beteiligt. Aufgewachsen in einer Familie von Feuerwehrleuten, wusste Sedillos schon als Kind, dass er in die ­Fussstapfen seines Vaters treten wollte. Zu dessen Zeit mussten die Feuerwehrleute der Gefahr noch mit verTHE RED BULLETIN

gleichsweise primitiver Ausrüstung ins Auge blicken. Nicht selten traf man damals Kollegen, deren Ohren ­infolge übermässiger Hitzeeinwirkung halb verbrannt waren. Atemschutzgeräte und feuerfeste Anzüge gab es nicht, und an den Beinen trug man normale Stiefel – ­keine stahlkappenbewehrten Sicherheitsstiefel wie heute. Nur das Berufsethos ist dasselbe geblieben: Pflicht, Ehre, Gemeinschaft. Sedillos verbrachte seine Kindheit in der Station seines Vaters, wo die Kollegen zur Familie gehörten und Tragödien und Triumphe gemeinsam durchlebt wurden. Heute verbringt Sedillos seine Nachtschichten sowohl in der «roten» als auch in der «grünen» Welt. Die Überstunden helfen ihm, seine Zwillingsmädchen durchs ­College zu bringen.

Jederzeit bereit für den Ernstfall

Zwei Wochen später treffen wir die Crew wieder am LAX. Die Stimmung ist entspannt, trotzdem sind alle einsatzbereit. Es sind andere Zeiten, doch eine Familie ist Sedillos’ Team noch immer. Jedes Mitglied arbeitet in Schichten von 48 Stunden, verbringt also ein Drittel seines Lebens zusammen mit den anderen auf der Wache. Beim Kochdienst wechselt man sich ab – heute gibt es Pulled-PorkSandwiches, frisches Obst und Schokoladekuchen. «Das mag hier recht gemütlich aussehen», sagt Sedillos, «aber wir sind jede Sekunde bereit für den Ernstfall, auch für eine Megakatastrophe.» Denn jeder hier – Michael Flores, der gerade über Football redet, Billy Barnes, der lachend einen seiner ­legendären Witze reisst – hat schon Leben gerettet, Bewusstlose wiederbelebt, Schwerverletzte und Tote aus brennenden Wracks geschnitten. «Ich wollte was erleben – und das habe ich hier bis zum Überfluss», sagt Barnes, «aber ich bleibe hier bis zu meinem letzten Arbeitstag.» Draussen starten und landen die Flugzeuge, das Dröhnen der Düsentriebwerke verebbt zu einem angenehmen Hintergrundgeräusch. Flores beisst in sein Sandwich. «Wer hier bei uns anruft, hat normalerweise ein wirklich ernstes Problem. Und bei dem können wir ihm helfen, weil wir die Ausrüstung und Erfahrung dafür h ­ aben. ­Eigentlich ist das ein gutes Gefühl.» Tony Guzman, das dienstälteste Mitglied des ARFF-­ Teams, gibt seinen jungen Kollegen trotzdem gerne eine Warnung mit auf den Weg: dass die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das erhofft. Immer wieder ertappt er sich dabei, an Feuerkatastrophen vergangener Tage ­zurückzudenken. «Vergesst nie, dass jede Sekunde zählt. Und dass Menschenleben davon abhängen, dass ihr euren Job perfekt macht», sagt er. Es ist diese Überzeugung, die alle diese Feuerwehrleute hier im Raum teilen. Fast eine Art Be­ sessenheit, die den LAX auch morgen wieder ein Stück ­sicherer machen wird.

QR-Code scannen und die Elite Squad in den «Stories in Motion» auf theredbulletin.com ­hautnah bei einem feurigen Training erleben!

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Wings for Life

« Man muss die offenen Türen sehen wollen» Kann man Optimismus lernen? Wie fühlen Rollstuhlfahrer eigentlich, und warum hilft es in Krisensituationen, wie ein Sportler zu denken? Wir fragen nach bei Wings for Life-Chefin ANITA GERHARDTER und PHILIPP KUTTIN, seit Sommer 2020 im Rollstuhl. Text WERNER JESSNER

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Fotos PHILIPP HORAK

THE RED BULLETIN


HOFFNUNGSFROH Anita Gerhardter und Philipp Kuttin möchten den Rollstuhl bald ins Museum stellen können.


E

in sonniger Morgen in der Salzburger­ Fürstenallee. Im Büro von Wings for Life treffen wir Anita Gerhardter, die der Stiftung für Rückenmarks­ forschung seit Anbeginn vorsteht. Die Stimmung ist amikal und herz­ lich, was vielleicht auch daran liegt, dass hier hauptsächlich Frauen arbeiten. Wir warten auf Philipp Kuttin, den Sohn des ehemaligen Skispringers Heinz, der beim Schlaf­ wandeln abgestürzt ist. Ein VW mit Kärntner Kennzeichen parkt sich ein. Der Lenker packt den Rollstuhl aus und düst in den Raum. Grosses Hallo, Lachen, Witze. So hätten sich das vielleicht nicht alle vorgestellt. the red bulletin: «Stiftung für Rückenmarksforschung» klingt so gravitätisch, so ernst. Und doch ist die Stimmung im Headquarter von Wings for Life optimistisch und leicht. Wie kommt das? Anita Gerhardter: Haben wir mit frisch Verletzten zu tun, sind wir in dem Moment natürlich sehr betroffen und traurig. Aber wir verbreiten hier Hoffnung – weil wir aktiv etwas un­ ternehmen, um Verletzungen heilbar zu machen. Es ist schön, zu wissen, wofür man arbeitet. Wir arbeiten, um eine Vision zu realisieren. Das ist ungemein befriedigend. Philipp Kuttin: Wenn ich in die Fürstenallee komme, ist es jedes Mal spannend, zu erfahren, wie weit die Wissenschaft mit ihren Erfolgen ge­ kommen ist. Es hilft mir, anatomisch zu verstehen, was sich bei einem Querschnitt im Körper tut. Hier gibt es auch unter gehenden Menschen solche, die sich komplett in Gelähmte hineinversetzen können. Da redet es sich leichter. Sie stellen weit spezi­ fischere Fragen. 74

PHILIPP KUTTIN,

Jahrgang 1998, war in seiner Jugend als Nordischer Kombi­ nierer erfolgreich, später ­arbeitete der Kärntner im ­Österreichischen Skiverband. Er stürzte während seiner Zeit beim Bundesheer im August 2020 beim Schlafwandeln acht Meter vom Balkon in die Tiefe und ist seither quer­schnitts­ gelähmt.

Wie lief der Erstkontakt zu Wings for Life? Gerhardter: Philipps Vater Heinz kannte ich aus Funk und Fernsehen, plötzlich rief er mich an und sagte, dass sein Sohn beim Schlafwandeln abgestürzt sei. Das sind die sehr schwe­ren Momente, das wird nie einfacher. Ich erinnere mich noch haargenau, wie ich einst den Anruf wegen Hannes Kinigadners (Sohn des ehemaligen Motocross-Welt­ meisters Heinz Kinigadner; Anm.) Verletzung bekommen habe. Da zieht es dir den Boden unter den Füssen weg.

Wie verläuft das Erstgespräch? Gerhardter: Emotional. Man möchte den Betroffenen so viel mehr helfen können, als wir es derzeit können. Aber es ist eine Schwung­ masse in Bewegung geraten. Quer­ schnittslähmung heilbar zu machen ist ein Mosaik, und viele Teile liegen bereits auf dem Tisch. Anderswo gibt es noch weisse Flecken. In den kommenden Jahren werden wir ­grosse Entwicklungsschritte sehen. Philipp, wie waren deine Tage nach dem Unfall? Kuttin: Ich lag 16 Tage auf der ­Intensivstation, weil Probleme mit der Lunge aufgetreten sind. Daher musste ich für einen Monat in eine Fachklinik nach Murnau, bevor ich mit der Reha beginnen konnte. Bis ich wieder zu Hause war, hat es rund viereinhalb Monate gedauert. THE RED BULLETIN


Wings for Life

Wann hast du zum ersten Mal im Rollstuhl gelacht? Kuttin: Schon beim Rollitraining in der Klinik in Murnau. Ich habe Faxen gemacht, und es hat mich rausgehauen. Da konnte ich nicht anders, als zu lachen. Gehenden Menschen zieht es ­innerlich alles zusammen, wenn ein Gehbehinderter zu Boden fällt. Du lachst?

« Selbständige Mobilität ist unglaublich wichtig, gerade emotional. Das Gefühl, jederzeit raus­ zu­können.» Philipp Kuttin

ANITA GERHARDTER

ist CEO von Wings for Life. Seit Gründung im Jahr 2004 ist die passionierte Sportlerin Herz, Hirn und Seele der Stiftung. Ihr deklariertes Ziel: «Mit Philipp und Wolfi auf ein Bier zu gehen», am liebsten beim Skifliegen am Kulm. THE RED BULLETIN

Kuttin: Wenn ein Kind fällt, weint es. Kaum tröstet man es, lacht es wieder. Vielleicht bin ich wieder mehr Kind, seit ich im Rolli sitze. Beim Skispringen hat die Geschwin­ digkeit wehgetan: der Aufprall auf den harten Schnee. Und trotzdem musst du aufstehen und wieder rauf – genau wie du wieder in den Rolli reinmusst, wenn es dich raushaut. Anita, siehst du mentale Unter­ schiede zwischen verletzten Sportlern und Nichtsportlern? Gerhardter: Grosse. Sportler nehmen ihre neue Situation als Her­ ausforderung an. Mobilität, Wendig­ keit, Kraft: Sie suchen den Erfolg. Willenskraft und Zielsetzung sind bei Sportlern stark ausgeprägt. Dazu kommt ein Realitätssinn: Ich hole das Maximum aus meinen Möglich­ keiten heraus – ganz egal, wie gross oder klein die Hindernisse auf dem Weg sind. Wenn man diese Eigen­ schaften aktivieren kann, ist schon viel gewonnen. Wie zum Beispiel? Gerhardter: Ich denke da an ­Wolfi Illek, einen Tetraplegiker, der bei uns in der Stiftung arbeitet. Wir haben ein Fahrtechniktraining als Teambuilding-Event gemacht. Ich halte mich durchaus für eine gute und schnelle Autofahrerin, aber Wolfi hat uns alle in seinem umge­ bauten VW-Bus so was von versägt! Beeindruckender finde ich aller­ dings, wenn er allein mit dem Bus von Waidhofen an der Ybbs nach Salzburg fährt. Fällt ihm das Handy zu Boden und hat er eine Panne, ist er hilflos. Aber er zieht das durch. Kuttin: Selbständige Mobilität ist unglaublich wichtig, gerade emotional – das Gefühl, jederzeit rauszukönnen. Ich studiere in Wien und pendle selbst mit dem Auto. Ich wohne in einem barrierefreien Studentenheim und fahre die zwei­ einhalb Kilometer zur FH mit dem Rolli. Ich schaue immer auf die Uhr, wie lange ich gebraucht habe. Das ist mein Training für den Wings for Life World Run. Wo wärst du heute, wenn der ­Unfall nicht passiert wäre? Kuttin: Ich würde meine Medaille bei den Olympischen Spielen feiern! 75


Nein, im Ernst: Es war schon davor geplant, dass ich Sportgerätetechnik studieren würde. Das ziehe­ich durch mit dem Ziel, wieder selbst mein Geld zu verdienen. Noch bevor ich das Studium begonnen hatte, kamen erste Jobangebote. Ich habe zum Beispiel einen Golf-Rollstuhl ausprobiert und gleich Verbesserungspotenzial erkannt. Wo eine Tür zugeht, öffnen sich drei andere? Kuttin: Kommt darauf an, nach welchen Türen man Ausschau hält. Gerhardter: Man muss sie sehen wollen. Ein Mensch, der für mich pure Lebensfreude ausstrahlt, ist Julia Macchietto, die seit einem Verkehrsunfall im Alter von 19 Jahren gelähmt ist. Mitte 30 ist sie Mutter geworden. Eine Schwangerschaft ist schon für Gehende anstrengend, aber wie sie das hingekriegt hat und was für eine entspannte Mama sie heute ist – unglaublich! Was lernen wir daraus? Gerhardter: Deine Grundeinstellung dem Leben gegenüber ist für das persönliche Glück oder Unglück entscheidender als äussere Faktoren. Philipp, wie warst du vor dem Unfall? Kuttin: Zwischenmenschliche Kommunikation war nicht einfach für mich. Ich war eher der Aussen­seiter im Team, aber auch Teamplayer. Als ich die Ski für alle Kombinierer gewachst habe und wir plötzlich die Schnellsten in der Anlaufspur waren, hat mir das getaugt – weil es ihnen getaugt hat. Fühlst du dich im Rollstuhl als ­Aussenseiter? Kuttin: Nicht wirklich. Manche wissen nicht, wie sie schauen sollen, aber ich sag dann immer, ich bin auf den Rücken gefallen, nicht auf den

« Ich bin auf den Rücken gefallen, nicht auf den Kopf.» Philipp Kuttin 76

Mit ein bisschen Hilfe von Anita: Ihr Ziel ist es, in Zukunft keine Rollstühle schieben zu müssen. Daher schiebt sie mit voller Kraft wissenschaftliche Projekte an (siehe Kasten rechts).

Kopf. Ich bin innerlich noch immer der, der ich zuvor war. Körperlich weisst du jetzt, wo ­deine Limits sind … Kuttin: Nein! Bei jeder Physio­ therapie geht was weiter. Seit neuestem kann ich meine Pobacken ein wenig anspannen und dadurch Rückenstabilität aufbauen. Ich probiere ständig Übungen aus und versuche, Funktionen in meinem Körper wiederzuentdecken. Ich spüre mich nicht besser oder schlechter als zuvor – bloss anders. Ein Beispiel: Bei

mir ist ein leichtes Druckgefühl im Bauchraum zurückgekehrt. Wenn ich Hunger kriege, ist da ein Leeregefühl. Wenn die Blase voll wird, verspüre ich einen Druck im Bauch. Gerhardter: Nach Stand der ­Wissenschaft gibt es in den ersten beiden Jahren nach der Verletzung­ ein Fenster, in dem man viele Funktionen zurückgewinnen kann. Philipp unternimmt alles, um diese Entwicklung zu triggern. Das ist vorbildlich. Welche Sportarten betreibst du? THE RED BULLETIN


Wings for Life

« Die Einstellung ist für dein Glück entscheidender als äussere Faktoren.» Anita Gerhardter

Kuttin: Golf, Handbike, Monoski und Langlauf. Das sollte mir auch in meinem späteren Job helfen. Ich kann nur Sportgeräte verbessern, die ich selbst kenne. Rollstuhl-Basketball und Sledge-Hockey möchte ich als Nächstes ausprobieren. Dann gibt es jemanden, der einen Surf-Rollstuhl gebaut hat. In fünf Jahren möchte ich Sport­geräte für Gelähmte entwickeln, bauen, testen und verbessern. Gab es Erlebnisse seit der Verletzung, auf die du froh bist? So im Sinne von «Schön, dass ich das erlebt habe»? Kuttin: Die Rolligruppen in der Reha waren toll. Vom Wissen der «Alten» in der Gruppe haben wir Frischverletzten extrem profitiert. Ein Highlight war, dass das öster­ reichische Biathlon-Team zu Saison­ beginn, als ich auf Reha war, ein zweieinhalb Minuten langes Video geschickt hat. Da hatte ich Tränen in den Augen. Die Jungs sind in Kontiolahti, ihre Saison geht los, aber sie denken an mich. «Du schaffst es leicht», haben sie gesagt.

ROMAN BURRI, SAMO VIDIC/WINGS FOR LIFE

Schaffst du es leicht? Kuttin: Wie auch zuvor gibt es Tage, die einfacher sind, und andere sind nicht so leicht. Wie holst du dich an den nicht so leichten Tagen wieder rauf? Kuttin: Manchmal gehe ich in die Online-Welt und zocke mit Freunden, an anderen Tagen hilft Sport. Im Prinzip hat sich da seit der Ver­ letzung gar nichts geändert. Mehr Info: wingsforlife.com Am 8. Mai werden am Wings For Life World Run Menschen weltweit wieder für den guten Zweck laufen. Willst du mitlaufen und die Stiftung unter­ stützen? Dann scanne den QR-Code für alle Infos und für die Anmeldung oder besuche wingsforlifeworldrun.com THE RED BULLETIN

DIE STIFTUNG

Wohin geht mein Geld? Korrekt: zu 100 Prozent in die Forschung, etwa in diese vier Projekte, die dazu beitragen sollen, Rückenmarksverletzungen heilbar zu machen.

Grundlagen schaffen: Stammzellen

Forscher: Christian Schachtrup Projekt: Fibrinogen

Überleben und Ausdifferenzierung transplantierter Stammzellen ist stark von der Zellumgebung abhängig, die nach einer Querschnittsverletzung dramatisch verändert ist. Um die ­Heilung nach einer Querschnitts­ verletzung zu fördern, wird in dem Grundlagenprojekt an der Universität Freiburg im Breisgau die Rolle von ­Fibrinogen auf die transplantierten Stammzellen untersucht. Fibrinogen ist ein Proteinkomplex, der aus der Blutgerinnung bekannt ist.

Stephen Strittmatter (re.) forscht mit Jan Schwab an der Yale University.

Nervenzellen verbinden

Forscher: Stephen Strittmatter Projekt: RESET An mehreren Querschnittszentren in den USA wird bei chronisch komplett Querschnittsgelähmten ein Wirkstoff direkt ins Rückenmark gespritzt, der geschädigte Nerven zum Wieder­ auswachsen und zur Neuvernetzung bringen soll. Strittmatters Testsub­ stanz funktioniert als Köder, um ver­ schiedene Proteine im Körper abzu­ fangen, die Erholungsprozesse des Rückenmarksgewebes verhindern. Die Auswertung der Daten wird für Herbst 2022 erwartet.

Grégoire Courtine beim Test mit einem Studienteilnehmer

Rehabilitation und Stimulation

Forscher: Grégoire Courtine Projekt: STIMO Neurowissenschaftler an der École polytechnique fédérale de Lausanne haben ein Rehabilitationsprogramm, gepaart mit epiduraler elek­trischer Stimulation, entwickelt. 2018 wurde von einer deutlichen Verbesserung der Geh- und Stehfunktion bei inkomplett querschnittsgelähmten Patienten be­ richtet. Derzeit entwickelt das Studien­ team das Stimulationsverfahren wei­ ter und konnte im Februar 2022 bei weiteren Studienteilnehmern auch nach einer kompletten Querschnitts­ lähmung Erfolge veröffentlichen. Eine Auswertung der Studie mit Langzeit­ ergebnissen steht allerdings noch aus.

Neue Nerven durch Enzymtherapie Forscher: Elizabeth Bradbury und Joost Verhaagen Projekt: Chondroitinase

Chondroitinase ist Teil einer viel­ versprechenden Enzymtherapie, die prinzipiell ein Neuauswachsen und eine Neuverschaltung von Nerven­ zellen im Rückenmark ermöglicht. Trotz positiver Effekte gibt es noch ­etliche Hürden, um diesen Ansatz als sichere und effektive Therapie in die klinische Anwendung zu bringen.

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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen REISE MIT STRANDBLICK

THIAGO DIZ

Zuschauen oder s­ elber fahren: die ­Kitesurf-Rallye von Sertões, Brasilien

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GUIDE Reisen

«Das Rennen von Sertões ist das erste seiner Art: Es dauert sechs Tage, geht über 500 Kilo­ meter – und das alles im Südatlantik.» Unsere Autorin, Profi-Kitesurferin Marcela Witt, erzählt uns hier, wie sie den Wettbewerb erlebt hat:

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Pedro Macedo Soares de Araujo fliegt über die Ziel­linie. Oben: Start der Rallye in São Miguel do Gostoso, Nordostbrasilien

TOM WARD

ch strenge mich ordentlich an an diesem dritten Tag des Rennens von Sertões an Brasiliens Nordostküste. Mein Brett liegt schwer im Wasser, meine Füsse tun weh und bluten, und der Wind ändert ständig seine Richtung, sodass mein Drachen immer wieder absinkt. ­Gerade habe ich eine Boje verpasst. Bei dieser ersten Kitesurf-Langstrecken­ rallye der Welt sind Bojen entscheidende Kontrollpunkte. Für jede, die du nicht korrekt passierst, kassierst du 30 Strafminuten. Aber was noch schlimmer ist: Wer zu langsam ist, fällt zurück. Das Rennen von Sertões ist das erste seiner Art: Es dauert sechs Tage und ­findet im Südatlantik statt. Es geht von São Miguel do Gostoso in Rio Grande do Norta bis hinauf nach Preá in Ceará. Bei dem Ausdauerwettbewerb verbringen die Teil­nehmer jeden Tag mehrere Stunden auf dem Wasser, begleitet von ihren Hilfs­ teams, die sie in Autos am Land begleiten.

THIAGO DIZ, GABRIEL HEUSI

I

THE RED BULLETIN


Bevor das Rennen losgeht, bereitet unsere Autorin, die brasilianisch Kite­ surferin Marcela Witt, ihre Ausrüstung vor.

Meine Familie in Rio de Janeiro ging immer schon kitesurfen, seit ich klein war. Anders als beim normalen Surfen muss man hier nicht auf Wellen warten. Die Kraft kommt vom Wind, der einen grossen, handgesteuerten Lenkdrachen antreibt. Und das ziemlich flott: Ende der Nullerjahre wurde der Temporekord im Kitesurfen regelmässig gebrochen. 2010 schaffte der Amerikaner Rob Douglas 55,65 Knoten (oder 103 km/h) und hielt diesen Rekord immerhin zwei Jahre. Zur Jahrtausendwende hob dieser Sport so richtig ab. Ich war vierzehn, als ich 2005 an meinem ersten Wettbewerb teilnahm, mit zwanzig folgte dann mein erstes Antreten auf der Langstrecke, in Brasilien Downwinder genannt. Selbst für Leute mit meiner Erfahrung ist Sertões ein schwer vorherzusagendes Rennen. Die Küstenbedingungen in Brasilien ändern sich oft: Manchmal hat man Land- oder Seewind, der einem hilft, THE RED BULLETIN

schnell zu fahren, manchmal Seiten­ winde, die einen bremsen. Es ist wirklich ein ziemlich ermüdender Sport. Ähnlich wie beim Laufen kann man es sich bequem machen, mal zwei Stunden raus­ gehen und ein gemütliches Tempo fahren, aber der Wettbewerb ist alles andere als bequem – mehr ein gnadenloser Sprint. Man ist echt schnell unterwegs – mit etwa 30 km/h –, und das über mehrere Tage am Stück. Sich einen Tag lang pushen – das geht ja noch. Aber Tag für Tag – das kann anstrengend sein. Oft sieht man die Konkurrenz gar nicht und muss raten, ob man vorn oder hinten liegt. Ursprünglich wollte ich hier vor allem Spass haben. Schon recht früh am ersten Tag bin ich mit 20 Minuten Abstand an der Führenden dran. Mir wird bewusst, dass ich einfach nur auf ein Twintip (Anm.: ein Board, das in beide Richtungen fahren kann und daher nicht gewendet werden muss) wechseln müsste und Sieges­

Wie im Flug

ZIEL Preá

Die Strecke des Sertões Kitesurf

Icaraizinho

Porto do Pecém Beberibe Icapuí Guamaré START São Miguel do Gostoso

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GUIDE Reisen

Bett und Brett Wohnen und Spielen während des nächstens Rennens im Oktober 2022. Die Reise-Tipps: Kauli Seadi Kite Center «Hier beginnt der Wettbewerb», erklärt Witt. «Kauli war mal Weltmeister im Windsurfen, heute betreibt er diese tolle Surfschule.» Ilha dos Poldros Hotel, Maranhão «Einer meiner Lieblingsorte, westlich von Preá. Um im Meer zu kiten, muss man fortgeschritten sein, hier am Paranaíba-Fluss kann es jeder.» Vila Guará Hotel, Atins Beach, Maranhão «Traumhafte Strandbungalows und eine fantastische Kitesurfschule.» Vila Kalango Hotel, Jericoacoara, Ceará «Der Jericoacoara-Nationalpark ist ein Paradies – für Surfer, aber auch einfach zum Entspannen.» Rancho do Peixe, Preá, Ceará «Hier endet das Rennen. Am Strand gibt es wunderschöne Bungalows, Essen und Wein sind köstlich.» sertoeskitesurf.com.br

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anstalter haben nicht damit gerechnet, dass wir so schnell sind. Oft kommen die Teilnehmer weit vor den Autos ins Ziel und müssen hungrig in der Sonne auf die Ankunft des Teams warten. Am vierten Tag ist der Wind sehr schwach, was grosse Lücken im Starter­ feld aufreisst. Zu Beginn lagen noch 15 bis 30 Minuten zwischen den Teilnehmerin­ nen und Teilnehmern, heute sind es drei, vier Stunden. Viele geben auf. Am letzten

«Ausserhalb der Komfortzone passiert meist etwas Gutes.» Marcela Witt, Siegerin des Sertões Kitesurf 2021

Tag liege ich über zwei Stunden vor der nächsten Surferin. Aber die ist gut, und ich weiss, dass noch alles möglich ist. Nach 17 Stunden, 6 Minuten und 34 Se­ kunden bin ich im Ziel. Erst als ich bei der Siegerehrung auf das Podest steige, bin ich sicher, dass ich gewonnen habe. Wenn wir unsere Komfortzone ver­ lassen, passiert meist etwas Gutes, da­ von bin ich überzeugt. Wettbewerbe sind wie das Leben: Es ist egal, wenn du heute vorn liegst, wenn du nicht auf den nächs­ ten Wettbewerb vorbereitet bist. Du darfst ein Rennen langsam angehen, aber unter keinen Umständen anhalten. Autorin Marcela Witt, professionelle Kitesurferin aus Brasilien, war die erste Frau, die in der Antarktis und am berüchtigten portugiesischen Nazaré gesurft ist. Instagram: @marcelawitt THE RED BULLETIN

TOM WARD

chancen hätte. Am zweiten Tag mache ich das und schalte meinen Ehrgeiz dazu. Aber dann: diese Boje am dritten Tag! Sie liegt in einer Bucht am Ende des längsten Abschnitts – nach mehr als 100 Surf-Kilo­ metern. Ich komme weniger als eine Minu­ te zu spät an, aber die Rennleitung sieht das mit GPS ganz genau. Daraufhin bin ich stinksauer und gebe wütend Vollgas. Am Ende des Tages liege ich ganze drei Stunden vorn, da spielen die 30 Straf­ minuten auch keine Rolle mehr. Die Erholung an den Abenden erweist sich als richtig schwierig. Anfangs wollte ich beim Surfen eine Esspause einlegen, aber sobald mich der Ehrgeiz gepackt hatte, musste ich die natürlich auslassen. Nachts schlafen wir in Zelten an abge­ legenen Orten, aber ich glaube, die Ver­

Strand in Rancho do Peixe: kitesurfen und relaxen

THIAGO DIZ

In sechs Tagen 500 Kilometer kitesurfen. Ganz oben: Aufstellung der Bewerber in der «Elite»-­ Kategorie vor dem Start. Darunter: Kitesurfer Bruno Melo Côrtes überglücklich im Ziel


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GUIDE Lesestoff

SPRACHKUNST

Besoffen vom Leben Der französische Kultautor Philippe Djian ist ein Magier des Trivialen, seine Romane verwandeln den Alltag in Poesie. Alles eine Frage des Stils.

D

ie Symptome sind vielfältig: Bei manchen kann man beobachten, wie sich ihr Gang verändert; dass sie plötzlich verspielter, tänzerischer daherkommen. Andere­ fangen an, fremden Menschen aus heiterem Himmel direkt in die Augen zu schauen. Und wieder andere blinzeln in einen wunderschönen Sonnenuntergang und sagen nicht: «Oh, was für ein wunderschöner Sonnenuntergang»,

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sondern reissen eine Dose Bier auf und schweigen. Alles typische Anzeichen für den Konsum eines Romans von Philippe Djian. Alles in allem: eine wilde Entschlossenheit, das Leben zu spüren. Oft auch ­eine fast vergessene Sehnsucht. Wer damit nichts anfangen kann oder will, tut gut daran, Djian auch weiterhin für eine Senfsorte zu halten. Denn der 1949 in Paris geborene Autor ist ein Magier des Trivialen. Ein Alchemist,

der den Alltag in Poesie verwandelt. Und ein literarischer Flaneur, der genau weiss, dass die Schönheit des Flanierens darin liegt, kein Ziel zu haben. Das zeigt sich auch in der Auswahl der Figuren und Genres, die Philippe Djian in seinen bisher über dreissig, meist recht kompakt gehaltenen Romanen und Erzählungen verarbeitet hat – da ist vom Künstler bis zum Kriminellen, von der saftigen Amour fou bis zur brackigen Midlife-­ THE RED BULLETIN

VINZ SCHWARZBAUER

Text JAKOB HÜBNER


«Die Ruchlosen», erster Absatz: Aber er wollte, dass sie ihre Hände wegnahm, dass sie auf­ hörte, ihn anzufassen, dass sie beiseiteging, verschwand, er versuchte, ihr zu sagen, dass sie abhauen, nach Hause gehen sollte, aber sein Mund war voll Blut, und sie weigerte sich, ihn loszulassen. Nimm mein Taschentuch, sagte sie.

Crisis alles drin, was das ­Leben zum Brodeln bringt. Los ging’s im Jahr 1984. «Erogene Zone» war zwar nicht Djians erster Roman, aber jener, mit dem der Franzose zu seinem einzigartigen Stil fand. Nur ein Jahr später erschien «Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen», das Mittelund Kernstück der sogenannten «Zorg-Trilogie» (benannt nach dem Protagonisten der Reihe), die Djian 1986 mit «Verraten und verkauft» virtuos abschloss. Im selben Jahr kam auch die legendäre Verfilmung von «Betty Blue» in die Kinos, die (dem in diesem Jänner verstorbenen) Regisseur Jean-Jacques Beineix ­eine Oscar-Nominierung, der Zahnlücke von Béatrice Dalle animalischen Sexappeal und Philippe Djian den Titel Kultautor bescherte. Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll in Buchform. Pulsierend, schnell, rhythmisch. Gespickt mit knisternden, nackten ­Dialogen, ohne Anführungszeichen, ohne Vorwarnung. Das französische Feuilleton schnappte nach Luft, Djian legte nach: «Rückgrat», «Pas de deux», «Matador», «Heisser Herbst», «Schwarze Tage, weisse Nächte». Unverschnittener Lesestoff, besoffen vom Leben. Literatur-Rebell Phil­ ippe Djian avancierte zu einem der meistgelesenen Autoren seiner Generation. Und das, obwohl er uns – vermutlich nicht ganz ohne Koketterie – wissen liess, dass ihm der Überbau seiner Geschichten ziemlich schnurz THE RED BULLETIN

ist: «Mir geht es nur um Stil und Sprache, weil ich keine Message habe, die ich weitergeben will.» Tatsächlich ist ­jeder einzelne Roman aus ­dieser Schaffensphase ein kleines Meisterwerk ohne ­Ablaufdatum. Aber auch Rebellen werden älter. Mitte der 2000erJahre wurde es zunehmend ruhiger um Philippe Djian. Der geballten Faust, mit der er das Leben so zärtlich streichelte, fehlte plötzlich der letzte Punch. Mit «Marlène» (2017) und «Morgengrauen» (2018) fand Djian jedoch zurück in die Spur, und spätestens mit dem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman «Die Ruch­ losen» (2021) ist auch diese magische Unmittelbarkeit wieder da. Da haut Djian wieder Sätze und Dialoge raus, deren simple Intensität so schön ist, dass man dazu tanzen möchte. Inhaltlich ist «Die Ruchlosen» eine Art ThrillerFragment, stilistisch ist es ein «echter Djian». Und etwas Besseres kann man über ein Buch eigentlich kaum sagen.

PHILIPPE DJIAN «Die Ruchlosen» Deutsch von Norma Cassau (Diogenes)

BUCHTIPPS

Agents Provocateurs Vier französische Literaturgrössen, die weder Tabu noch Pardon kennen.

MICHEL HOUELLEBECQ Obwohl hierzulande kaum jemand seinen Namen unfall­ frei aussprechen kann, gilt er als der Skandalautor schlechthin. Übersehen wird bei all der intellektuellen Auf­ regung oft, dass Houellebecq es nicht nur meisterhaft ver­ steht, die Schmerzgrenzen unserer Gesellschaft mit der Empfindsamkeit eines Seismographen auszuloten, sondern auch sprachlich zu den Allergrössten zählt. «Vernichten» (Dumont)

VIRGINIE DESPENTES In den 1990er-Jahren sorgte Despentes mit extrem harten und explizit nicht jugend­ freien Romanen wie «Baisemoi» oder «Die Unberührte» für heftige Kontroversen. Ganz anders sah die Sache aus, als 2015 Teil 1 ihrer «Vernon Subutex»-Trilogie erschien – ein furios gezeich­ netes Sittenbild unserer Zeit, für das Despentes als «weib­ licher Balzac des 21. Jahr­ hunderts» gefeiert wurde. «Das Leben des Vernon Subutex» (KiWi)

EMMA BECKER Für ihren dritten Roman hat die französische Autorin Emma Becker, 33, zwei Jahre lang «Feldforschung» be­ trieben – als Prostituierte in einem Berliner Bordell. Die daraus entstandene Auto­ fiktion, auf Deutsch 2020 erschienen, ist naturgemäss ebenso delikat wie ernüch­ ternd, schamlos und dras­ tisch – das Erstaunlichste dar­ an ist aber, dass sie mitunter auch sagenhaft komisch ist. «La Maison» (Rowohlt)

FRÉDÉRIC BEIGBEDER «39,90», die böse Insider-Ab­ rechnung mit der Dekadenz und dem Zynismus der Werbe­ branche, machte Beigbeder berühmt. Zwanzig Jahre spä­ ter peitscht er sein «negati­ ves Double» Octave Parango durch eine scharfsichtige, beissende Satire, die das grassierende Diktat des La­ chens genüsslich ausweidet. Wie kann eine derart traurige Gesellschaftsanalyse nur so unglaublich lustig sein? «Der Mann, der vor Lachen weinte» (Piper)

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GUIDE Biohacking BESSER SCHLAFEN

Von Socken und Hormonen Profi-Biohacker Andreas Breitfeld verrät uns jeden Monat einen Trick, der dein Leben verbessert. Dieses Mal: wieso du mit Socken besser schläfst.

Kalte Füsse schaden dem Schlaf Je weniger Blut in die Extremitäten fliesst, desto mehr bleibt im Rumpf – und hält ihn zu warm. Je wärmer (= je besser durchblutet) die Extremitäten sind, desto besser für unseren Schlaf.

Melatonin Zirbeldrüse

Melatonin macht uns müde

Das liegt an unserer Körpertemperatur, insbesondere der im Rumpf. Sinkt diese Temperatur ab, im Idealfall um 0,2 bis 0,5 Grad, fördert das den Schlaf. Dazu können wir uns hochtechnologischer Hilfsmittel bedienen (es gibt ziemlich kostspielige Gadgets, die die Temperatur unter der Bettdecke senken) oder sehr 86

ANDREAS BREITFELD, 49, ist Deutschlands bekanntester Bio­hacker. Er forscht in seinem speziellen Lab in München. BIOHACKING umfasst, ver­einfacht gesagt, alles, was Menschen eigenverantwortlich tun können, um Gesundheit, Lebensqualität und Langlebigkeit zu verbessern.

DIE BIOHACKING-PRAXIS Der Performance-Lifestyle-Podast für alle, die mehr über Biohacking (und sich selbst) erfahren wollen. QR-Code scannen und reinhören. THE RED BULLETIN

ANDREAS BREITFELD

Wieso denn das?

einfacher – wie eben Socken. Denn wenn wir die Extremitäten erwärmen, dehnen sich dort die Blutgefässe aus, was die lokale Durchblutung fördert und das warme Blut sozusagen aus dem Rumpf «ab­zieht». Die Folge: Die Körperkern­ tempe­ratur sinkt. Und, richtig mitgedacht, die positive Wirkung lässt sich durch das zusätzliche Tragen von Handschuhen oder Pulswärmern verstärken. Aber ganz ehrlich: Ich selbst lass das mit den Hand­ schuhen sein – alles hat seine Grenzen.

PRIVAT

S

ocken im Bett haben nicht ge­rade den allerbesten Ruf, aus der Per­ spektive arterhaltender Paarungs­ rituale wohl auch zu Recht. Aus der Per­ spektive der Schlaf­qualität allerdings definitiv zu Unrecht. Denn Socken anzu­ ziehen lässt uns leichter einschlafen und tiefer durchschlafen.

SASCHA BIERL

In der Zirbeldrüse wird das Schlafhormon Melatonin ­gebildet, das für unseren Schlaf und seine Qualität entscheidend ist. Eine der nachgewiesenen ­Wirkungen von Melatonin ist das Ab­senken der Körper­ kerntemperatur. Und das ­er­leichtert das Ein­schlafen und das Durchschlafen.


GUIDE Playlist DAVID MORALES

«Musik hat mein Leben gerettet» Der US-DJ und -Produzent hat Anfang des Jahres ein neues Album vorgelegt. Hier verrät er uns vier Platten, die er seit seiner Jugend liebt.

WILL LAVIN

Vor tausenden Fans auflegen, fette ­Privatjets und Millionen Euro Gage: Das Phänomen der Superstar-DJs tauchte in den 1990ern auf. Einer der bekanntesten ist der gelernte Koch David Morales, der als Produzent für seine dynamischen House-Tracks bekannt wurde und es 1998 als «Remixer of the Year» bis zu einem Grammy schaffte. Er hat unter anderem Alben für Michael Jackson, Madonna und Jamiroquai ­produziert und remixt. Der 59-jährige gebürtige New Yorker mit puerto-­ ricanischen Wurzeln meldet sich nun nach über einem Jahrzehnt zurück: mit dem Album «Life Is a Song», einer Ode an die Musik und den Einfluss, die sie auf sein Leben hatte. «Musik ist ein wirklich wichtiger Teil meines Lebens», sagt Morales ohne Umschweife, «sie hat mir das Leben gerettet.» An vier Tracks, die seine Jugendzeit geprägt haben, erinnert er sich hier.

QR-Code scannen und David Morales’ Lieblingsscheiben seiner Jugend lauschen. djdavidmorales.com

THE JACKSON 5

THE O’JAYS

DOUBLE EXPOSURE

THE JIMMY CASTOR BUNCH

ABC (1970)

PUT YOUR HANDS TOGETHER (1973)

TEN PERCENT (1976)

IT’S JUST BEGUN (1972)

«In der Gegend, wo ich aufwuchs, gab es diese Strassenpartys, wo DJs im Park auflegten. Ich war etwa 13 Jahre alt, als ich diesen Typ beobachtete, wie er seine Anlage aufbaute. Es war das erste Mal, dass ich zwei Decks und ein Mischpult sah, und er spielte diese Platte. Ich war hin und weg von dem Break. Es war die erste 12-ZollPlatte, die von Salsoul Records ver­ öffentlicht wurde, und als ich sie mir kaufte, spielte ich sie zu Tode.»

«Dieses Album war wie eine Reife­ prüfung für mich. Es erinnert mich an meine Teenagerzeit, als ich auf Graffiti und Breakdancing abfuhr. Ich war der beste Tänzer in meiner Truppe und nannte mich Flaco Larock. Der Name war mit Leuchtbuchstaben vorne auf meinem T-Shirt aufgedruckt. Bei DJ-Battles lief ‹It’s Just Begun› als einer der Songs oft im Club, weil der Break und das Intro so abgefahren sind.»

«Als Kind konnte man diesem Song nicht entkommen. Er lief auf allen Pop-Radiosendern. Als ich in der Grundschule war, in der ersten oder zweiten Klasse, mussten wir einen berühmten Song vortragen. Manche Kinder wählten den Opener der ­TV-Serie ‹The Partridge Family›, ich dagegen entschied mich für The ­Jackson 5 und sang ‹ABC›. Das war einer der ersten Songs, die mein Leben ­entscheidend geprägt haben.» THE RED BULLETIN

«Obwohl ich für Musik kein Geld hatte, als ich aufwuchs, stöberte ich oft im Plattenladen. Als ich dann etwas Geld hatte, war das die erste 45er, die ich kaufte. Ich weiss noch, wie ich sie nach Hause brachte. Wir hatten eine miese Stereo­anlage. Ich hielt die Lautsprecher beim Fenster raus und spielte die Single sicher an die 100 Mal. Meine Mutter wollte sie mir schon kaputt machen.»

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GUIDE Tipps & Trends BLICK IN DIE ZUKUNFT ANDY WOLF OMEGA Es war einmal ein Zeitreisender, der in einer Sci-Fi-Serie Hunderte von Folgen über die Bildschirme trampte. Das Brillenunter­nehmen Andy Wolf aus Österreich hat sich von Dr. Who für seine neue Kollektion inspirieren lassen – zu zeitlosen Modellen s­ o­zusagen. andy-wolf.com

SEITENBLICKE Ein «Blinder» am äusseren Brillenrand schützt vor l­ ästigem Lichteinfall.

Richtig gutes Zeug Eine verrückte Blumen-Geschichte, eine Brille für Zeitreisende und ein Laufschuh wie aus dem Himmel. SOMMERFRISCHE LEVI’S SANDALEN Es gibt von Levi’s nicht nur Jeans, sondern auch Sneaker, die von der legendären 501er inspiriert sind. Ganz besonders haben es uns aber diese Sandalen ­angetan – so bunt, so frech, so Wann-wird’s-dennendlich-wieder-Sommer? levi.com

EINE IRRE STORY «THE PETUNIA CARNAGE» Eine orangefarbene Petunie hat die Natur nicht vorgesehen. Als der finnische Wissenschaftler Teemu ­Teeri doch eine entdeckt, nimmt eine Geschichte Fahrt auf, die in die grosse «Petunien-Krise» mündet. Nicht lachen – dahinter steckt eine irre Story, die der Wiener Fotograf Klaus Pichler, Jahrgang 1977, dokumentiert hat. Sie werden staunen, versprochen! klauspichler.net

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LAUFEN AUF WOLKEN ON CLOUDMONSTER Frisch aus dem Schweizer On-Labor kommt die bisher schrägste Kreation unter den Laufschuhen: der Cloudmonster. Der Name verrät es bereits: Die grossen Cloud-Elemente in der Sohle garantieren eine superweiche Landung und maximalen Abstoss, und das ab einem Leichtgewicht von gerade 230 Gramm. on-running.com

LEUCHTKRAFT THE NORTH FACE PHLEGO 2L DRYVENT JACKET Wer diese Jacke trägt, muss keine Angst haben, v­ erloren zu gehen. Oder nicht gesehen zu werden. Krimskrams verschwindet in einer ihrer fünf Taschen, und eine feste Kapuze schützt bei Schlechtwetter. thenorthface.de

FUSSFREI Ein Farbspektakel für die Füsse. Oder anders gesagt: So geht bunt.

SCHÖNE SCHWESTER TAG HEUER AQUARACER ­PROFESSIONAL 200 «Sie ist die Begleiterin eines spannenden, unvergesslichen Lebens ­voller Abenteuer, Höchstleistungen und überwundener Grenzen», sagt TAG-Heuer-CEO Frédéric Arnault. Vor allem aber ist die kleine Schwester des 300er-Modells eine echte Schönheit. tagheuer.com

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GUIDE Wing for Life World Run

App-solut fantastisch! Was den Wings for Life World Run so besonders macht? Die Teilnehmer starten am 8. Mai weltweit um 13 Uhr Schweizer Zeit – und das von überall, wo sie wollen. Die App macht’s möglich! Sie ist während des Laufs dein bester Freund, motiviert dich und verbindet dich mit der ganzen Welt.

Mit der praktischen Checkliste kannst du ausserdem sichergehen, dass du optimal für den grossen Renntag ­vorbereitet bist.

Community

Die Wings for Life World Run App ist für iOS im App Store und für Android-Geräte auf Google Play erhältlich.

Beim Wings for Life World Run kann jeder mitmachen, egal ob Lauf­neuling, Profiläufer oder Rollstuhlfahrer. Das Motto lautet: Alle sind Gewinner.

Vorbereitung Das Laufformat beim Wings for Life World Run ist einzigartig: Die Ziellinie verfolgt dich als virtuelles Catcher Car, das 30 Minuten nach dem Start die Verfolgung aufnimmt. Dein Lauf ist zu Ende, sobald es dich überholt. Wichtig: Mach mit der App einen Test! Starte einen Preparation Run und lass dich bereits im Training jagen, um zu sehen, wie lange du dem Catcher Car davonlaufen kannst.

Mit dem Goal Calculator kannst du dir dein individuelles Laufziel für den Renntag setzen. Wähle dein Streckenziel und erfahre, wie viel Zeit du hast und welche Pace du laufen musst, um es am 8. Mai zu erreichen.

Download

Nach dem Download kannst du dich entweder per ­Facebook-Profil oder mit E‑Mail registrieren. Für alle Infos und die direkte Anmeldung zum App Run QR-Code scannen.

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Checkliste

Tritt einem Team bei oder lade Freunde, Familie und Kollegen ein und gründe dein eigenes Team. Gemeinsam macht es noch mehr Spass! Und jede Teilnahme zählt, denn alle Startgelder fliessen zu 100 % in die Rückenmarksforschung.

AudioExperience Am Lauftag erwartet dich ein besonderes Hörerlebnis: ­Motivator Christian Graf ­feuert dich an, während dir Catcher-­Car-Sprecher Marco Büchel – exakt, der frühere Skirennläufer (im Bild) – ­Beine macht. So echt hat sich ein virtuelles Lauf­event noch nie angefühlt! Laufe, wo immer du bist. Ganz unkompliziert mit der App. Alle Infos zum Run: wingsforlifeworldrun.com

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KUMMER PHOTOGRAPHY

SO GEHT’S


GUIDE Kalender

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bis 8. Mai MAN’S WORLD

21 ARMON RUETZ/RED BULL CONTENT POOL, MAN’S WORLD, IGNAZ KOENIG/RED BULL CONTENT POOL (2), ALAN MAAG/CYCLEWEEK

bis 24. April LAUSANNER CLUBS UND BARS FEIERN UNTER EINEM DACH Endlich wieder gemeinsam tanzen! Von 21. bis 24. April vereint Red Bull Lausanne Unlocked die besten Clubs und Bars der Stadt unter einem Dach. Das 5-Sterne-Hotel Lausanne Palace verwandelt sich in eine exklusive Partylocation mit mehr als tausend Besucherinnen und Besuchern pro Abend. Ausgezeichnete Barkeeper, DJs, kulinarische Highlights und Acts aus Tanz und Kultur. Alle Infos unter: redbull.com/unlocked

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Entdecken, staunen, geniessen: Nach einjährigem Unterbruch findet die Man’s World Zürich bereits zum 6. Mal statt. Die Messe für Liebhaber guter Dinge präsentiert sich neu in der Halle 550 in Zürich-Oerlikon. Mit dabei sind wieder über 100 ausgewählte, vorwiegend regionale Hersteller und Produkte und viele Attraktionen. mansworld.com

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April EINTAUCHEN IN DIE WELT DER MOTOREN

bis 15. Mai VELOKULTUR, HOCH KONZENTRIERT

Die Dauerausstellung Red Bull World of Racing geht in die nächste Runde: Ab 7. April kann man im Verkehrshaus der Schweiz neue handverlesene Boliden mit einzigartiger Geschichte bestaunen – darunter die Originalautos von Sebastian Vettel und Max Verstappen. Dazu kann man sein Können im Racing-Simulator oder bei der Pit-Stop-Challenge testen. redbull.com/worldofracing

In der Stadt Zürich wird die Cycle Week zum nationalen Velo­ festival: Zum Auftakt der Velosaison stellt die Cycle Week von 12. bis 15. Mai alle Facetten des Velofahrens ins Rampenlicht: die neuesten Bikes testen, Bike-Shows bestaunen, an Workshops diskutieren und Unplugged-Musik sowie ausgiebiges Food & Drink-Angebot geniessen. Alle Infos unter cycleweek.ch

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B O U L E VARD DER HEL DEN

SEQUOYAH

DER DIE WELT ERFAND

Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die aussergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 9: Der Mann, der den Cherokee-Indianern eine neue Schrift schenkte.

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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT MICHAEL KÖHLMEIER

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IMAGO, GETTY IMAGES, PICTUREDESK.COM

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itte der Neunzigerjahre war ich der späteren USA friedlich mit den weissen in North Dakota. Dort lernte ich Siedlern zusammengelebt, sie hatten mitein­ ander Handel getrieben, und es war nicht un­ Lenny Gleeson kennen, Professor gewöhnlich, dass ein Weisser eine Indianerin an der Dickinson State University, sein Forschungsgebiet war das heiratete – umgekehrt allerdings schon. Leben und die Kultur der Ureinwohner Nord­ Die lokalen kriegerischen Auseinander­ amerikas. Er erzählte mir von Sequoyah. setzungen fanden, wenn überhaupt, dann «Dieser Mann», sagte er, «war eines der gröss­ zwischen den verschiedenen Stämmen statt MICHAEL KÖHLMEIER ten Genies in der Geschichte der Mensch­ Der Vorarlberger und nur selten zwischen Weissen und India­ Bestsellerautor gilt heit.» Derselben Meinung sei übrigens auch nern. Sequoyah war kein Krieger. In seiner als bester Erzähler sein Kollege John Searle, der bekannte Philo­ Jugend wäre er gern einer gewesen, so er­ deutscher Zunge. soph und Sprachwissenschaftler. zählte er am Ende seines Lebens in einem Zuletzt erschienen: Den Namen Sequoyah kannte ich, es war langen Interview und lächelte dabei, wie sein der Roman «Matou», der Name des Mammutbaumes, der an den Biograf schreibt, und zwar auf diese ironisch 960 Seiten, Hanser Verlag. westlichen Hängen der Sierra Nevada in hintergründige Weise, die jeden bezauberte, ­Kalifornien wuchs, des grössten Baumes der der mit ihm zusammentraf. Welt. Ich wusste allerdings nicht, wer der equoyah war zierlich gebaut, hatte nicht viel Körper­ Namensgeber gewesen war. Der Mann Sequoyah war kraft und verletzte sich zudem früh am Bein, was ein Cherokee. Die verschiedenen Stämme dieses Volkes zur Folge hatte, dass er sein Leben lang hinkte. Für siedelten in Tennessee, North Carolina, Virginia bis das Kriegshandwerk war er nicht geschaffen. Bei einem ­hinunter nach Alabama. Sie selbst nannten sich AniÜberfall auf einen Treck von weissen Pionieren war er Yun-wiya, das wirkliche Volk – was heissen sollte: das allerdings dabei. Die Siedler flohen auf ihren Pferden, begnadete oder das beschenkte Volk, das von den guten liessen alles zurück, nur einen von ihnen nahmen die Geistern geliebte und bevorzugte Volk. Die meisten Indianer gefangen. Es war ein junger Mann, zart und a­nderen Stämme, so erzählte mir Professor Gleeson, schwächlich wie Sequoyah. hätten die Vorrangstellung dieses Stammes der Chero­ kee anerkannt. Die Ani-Yun-wiya hätten die klügsten Die Pioniere hatten eine Stadt gründen wollen, eine Köpfe hervorgebracht, Strategen des Krieges, aber auch richtige Stadt: mit allem, was eine Stadt ausmachte, einer Kirche, einem Saloon – und einer Zeitung. Der Agronomen, und der Klügste der Klügsten sei eben junge Mann war Drucker von Beruf, er besass eine ­Sequoyah gewesen. Druckerpresse, die hatte er auf einen der Wagen geladen. Sein genaues Geburtsdatum kannte er selbst nicht, An diesem Gerümpel waren die Stammesgenossen nicht als Geburtsjahr gab er 1763, 1764 oder 1765 an. Seine interessiert, sie überliessen­den Drucker und d ­ essen Mutter war Indianerin, sein Vater ein schottischer Händ­ ler mit Namen Nathaniel Guess, weshalb er bis heute, ­Sachen dem Kleinsten und Schwächsten von ihnen – ­ Sequoyah. Sollten sich diese beiden doch etwas aus­ vorwiegend in England, George Guess genannt wird. machen. Seit dem 16. Jahrhundert hatten die Cherokee im Süden


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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

Sequoyah war bei seiner Mutter aufgewachsen, s­ einen Vater hatte er nie kennengelernt, der war schon bald auf und davon, von europäischer Zivilisation hatte der Sohn nichts mitbekommen. Von dem «sprechenden Papier» aber hatte er schon gehört. Er wusste, die Weissen hielten manchmal einen oder mehrere Bögen in Händen, starrten darauf, und manchmal sprachen sie nach, was ihnen die winzigen schwarzen Zeichen auf dem Papier anscheinend vorsagten. Das hatte Sequoyah schon selbst beobachtet. Nun sah er erstmals dieses Wunder­ ding, das die Papierbögen zum Sprechen brachte. Er, der die Sprache der Weissen einigermassen verstand und auch sprechen konnte, wollte sich bei dem Drucker über diese seltsame Sache kundig machen, aber mehr als zwei, drei Lektionen kamen nicht zustande, denn dem Gefangenen gelang es bald zu fliehen.

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equoyah war nun mit der Druckerpresse und dem Papier und den Lettern aus Blei allein und in seinen Studien auf sich gestellt. Die Dinge faszinierten ihn, vor allem interessierte er sich für die Zeichen auf den einzelnen kleinen Teilchen aus Blei. Er erkannte, dass sie die Vorlage waren für die Zeichen auf dem ­Papier. Sein grösster Schatz war ein einzelnes Zeitungs­ exemplar, das der Drucker mitgebracht hatte. Sequoyah war ein Mann von ausgeprägtem Ehrgeiz und steinerner Geduld. Er stellte sich die Aufgabe, die zusammen­ gesetzten Zeichen, die Wörter, in der Zeitung miteinan­ der zu vergleichen, um so das Rätsel des «sprechenden Papiers» zu lösen. Er wollte einen Sinn finden, eine Logik hinter diesen Symbolen. Die anderen Männer ­seines Stammes sahen das nicht gern. Sie meinten, die Buchstaben seien die Fussspuren der bösen Geister, die von den Siedlern eingeschleppt wurden. Sie stritten sich mit Sequoyah, er konnte sich nicht gegen sie wehren, sie entrissen ihm die Zeitung und verbrannten sie. Manche Stämme der Ureinwohner Nordamerikas hatten durchaus eine eigene Schrift, über die sie kom­ munizierten. Aber es war eine Bilderschrift. Dass ihre Zeichen die Fussspuren der guten Geister waren, sah man daran, dass sie zeigten, was ist – ein Adler konnte als solcher erkannt werden, ebenso ein Baum, eine Wolke, ein Fluss, eine Frau, ein Pferd, ein Büffel. Noch Sitting Bull, fünfzig Jahre später, erzählte sein Leben in kleinen, aufeinanderfolgenden Bildern. Das Problem bei dieser Art der Aufzeichnung war, dass sich Dinge, die man nicht sehen konnte, nur in umständ­ licher Umschreibung, besser: Umbilderung, darstellen liessen. Manche Phänomene liessen sich gar nicht dar­ stellen, Gefühle zum Beispiel. Professor Gleeson war im Besitz eines, wie er sagte, «unschätzbar wertvollen

Die Männer des Stammes hielten Buchstaben für die Fussspuren böser Geister.

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Buches», nämlich einer Erstausgabe von «Lectures on American Literature» von Samuel Lorenzo Knapp, das war jener Rechtsanwalt und Schriftsteller, der 1829 das Interview mit Sequoyah geführt hatte, das später die Grundlage für sein Buch bildete. In diesem Gespräch ­berichtete Sequoyah ausführlich, wie er die CherokeeSchrift erfunden hatte.

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ur wenige Worte hatte ihm der junge Drucker zu lesen beigebracht, bevor er floh. Das Wort «­ buffalo» (Büffel) zum Beispiel und das Wort «man» (Mann). Sequoyah studierte die Worte, studierte die Zeichen, malte sie ab, tauschte sie aus. Er suchte nach einer Be­ ziehung zwischen dem, was das Wort meinte, und dem, wonach es aussah. Es schien ihm unwahrscheinlich, dass der Kreis des kleinen «a» in «man» einen Schild symbolisierte und der Strich an seiner rechten Seite einen Arm, der den Schild hielt, «man» also einen be­ waffneten Mann bezeichnete. Ebenso wenig glaubte er, dass die beiden «f» in der Mitte von «buffalo» auf die zwei Hörner des Bisons hin­ weisen sollten. Die zu Wörtern zusammengesetzten Schriftzeichen hatten weder Ähnlichkeit mit einem Büffel noch mit einem Mann. Ihm fiel auf, dass der fünfte Buch­ stabe des Tier-Wortes der gleiche war wie der zweite des Mann-Wortes. Er schloss daraus, dass die Zeichen, im Unterschied zur Bildsprache der Indianer, abstrakt waren, also keine sichtbare Entsprechung in der Wirklich­ keit hatten und somit in allen möglichen Zusammen­ hängen verwendet werden konnten. Er fand weiters heraus, dass die Cherokee-Sprache sich auf fünfundachtzig Silben einschränken liess. Nun nahm er aus dem erbeuteten Setzkasten Lettern und wies sie den jeweiligen Silben zu. Er wusste nicht, wie die Lettern in den Setzkasten eingesetzt wurden, dass zum Beispiel das kleine «n» auf zwei Beinchen stand und die Beinchen nicht etwa in die Höhe streckte oder nach rechts oder links. Die einzelnen Buchstaben liessen sich, je nachdem wie er sie drehte, als Symbole ver­ schiedener Silben verwenden, das war praktisch. So baute er sein Silbenalphabet zusammen. Es habe gar nicht lange gedauert, erzählte Sequoyah seinem Gesprächspartner Mister Knapp, bis er jeden ­beliebigen Satz in der Sprache der Cherokee schreiben, setzen und drucken konnte. Mit seinem feinen Lächeln fügte er hinzu, nebenbei sozusagen habe er die Gram­ matik der Cherokee-Sprache analysiert und in der neuen Schrift niedergeschrieben.

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uerst hatten die Männer seines Stammes Sequoyah ausgelacht oder ihn sogar attackiert. Sie bezichtigten ihn böser Künste oder schlicht der Lüge. Sequoyah bat darum, ihm zwei Mädchen und zwei Buben im Alter von zehn Jahren für einen Monat zum Unterricht zu überlassen, mehr Zeit benötige er nicht. Die Bitte wurde gewährt. Nach dieser Frist berief er eine grosse Ver­ sammlung ein. Die Mädchen und die Buben wurden ­separiert, sodass sie weder sehen noch hören konnten, was besprochen wurde. Sequoyah stellte eine grosse

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Mit Hilfe eines Setz­ kastens und einer alten Zeitung baute Sequoyah sein neues Alphabet. Tafel auf, dann bat er vier seiner erbittertsten Gegner zu sich. Sie sollten ihm jeder eine kleine Geschichte er­ zählen. Sequoyah schrieb auf der Tafel mit. Nun rief er das erste Mädchen zu sich. Sie konnte – zwar langsam, aber fehlerfrei – von der Tafel ablesen, was der Mann ­erzählt hatte. So ging es mit dem zweiten, dritten und vierten seiner Gegner, alle Geschichten konnten die Kin­ der von der Tafel ablesen. Das überzeugte die Stammes­ ältesten. Jedes Mitglied ab zehn Jahren wurde fortan verpflichtet, lesen und schreiben zu lernen. Im Jahr 1825 beschloss der Stamm, eine eigene, ­moderne Druckerpresse anzuschaffen, zwei Jahre später bereits erschien die erste Zeitung in der Schrift, die ­Sequoyah erfunden hatte – der «Cherokee Phoenix».

Insgesamt erschienen 409 Ausgaben. Andere Stämme entwickelten bald nach Sequoyahs Vorbild ihre eigene Schrift oder übernahmen die Zeichen der CherokeeSchrift. Sequoyah betrieb sein ganzes Leben sprach­ wissenschaftliche Studien, unter anderem in Mexiko. 1843 starb er. Professor Gleeson konnte sich gar nicht beruhigen, so sehr begeisterte er sich für diesen Mann. «Ich», rief er aus, «ich stelle Sequoyah auf die gleiche Stufe mit Leo­ nardo da Vinci und Thomas Alva Edison! In einem ein­ zigen Leben hat er zustande gebracht, wofür die Mensch­ heit Tausende Jahre brauchte. Wer die Schrift erfindet, erfindet die Welt. Dass der grösste Baum dieser Welt nach ihm benannt wurde, das ist mehr als recht und billig.»

Michael Köhlmeiers Geschichten gibt es auch zum Anhören im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify, auf redbulletin.com/podcast oder einfach den QR-Code scannen.

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Besser leben.


IMPRESSUM

THE RED BULLETIN WELTWEIT

Aktuell erscheint The Red Bulletin in sechs Ländern. Das Cover unserer französischen Ausgabe zeigt Formel-1-Weltmeister Max Verstappen. Die Geschichte gibt’s bei uns ab Seite 52. Mehr Geschichten abseits des Alltäglichen findest du auf: ­redbulletin.com

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Gesamtleitung Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.) Chefredaktion Andreas Rottenschlager, Andreas Wollinger (Stv.) Creative Direction Erik Turek, Kasimir Reimann (Stv.) Art Direction Marion Bernert-Thomann, Miles English, Tara Thompson Grafik Martina de Carvalho-Hutter, Kevin Faustmann-Goll, Cornelia Gleichweit Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Tahira Mirza, Rudi Übelhör Digitalredaktion Christian Eberle-Abasolo (Ltg.), Marie-Maxime Dricot, Melissa Gordon, Lisa Hechenberger, Elena Rodríguez Angelina Head of Audio Florian Obkircher Chefin vom Dienst Marion Lukas-Wildmann Managing Editor Ulrich Corazza Publishing Management Ivona Glibusic, Bernhard Schmied, Melissa Stutz Managing Director Stefan Ebner Head of Media Sales & Partnerships Lukas Scharmbacher Head of Co-Publishing Susanne Degn-Pfleger Projektmanagement Co-Publishing, B2B-Marketing & Communication Katrin Sigl (Ltg.), Katrin Dollenz, Thomas Hammerschmied, Teresa Kronreif (B2B), Eva Pech, Valentina Pierer, Stefan Portenkirchner (Communication), ­Jennifer Silberschneider, Sophia Wahl Creative Services Verena Schörkhuber-Zöhrer (Ltg.), Sara Wonka, Tanja Zimmermann, Julia Bianca Zmek, Edith Zöchling-Marchart Commercial Management Co-Publishing Alexandra Ita Editorial Co-Publishing Raffael Fritz (Ltg.), Gundi Bittermann, Michael Hufnagl, Irene Olorode, Mariella Reithoffer, Wolfgang Wieser Executive Creative Director Markus Kietreiber Senior Manager Creative Elisabeth Kopanz Art Direction Commercial & Co-Publishing Peter Knehtl (Ltg.), Luana Baumann-Fonseca, Silvia Druml, Erwin Edtmayer, Simone Fischer, Andreea Gschwandtner, Lisa Jeschko, Araksya Manukjan, Carina Schaittenberger, Julia Schinzel, Florian Solly, Dominik Uhl, Sophie Weidinger, Stephan Zenz Head of Direct to Consumer Business Peter Schiffer Direct to Consumer Business Marija Althajm, Victoria Schwärzler, Yoldaş Yarar (Abo) Retail & Special Projects Manager Klaus Pleninger Anzeigenservice Manuela Brandstätter, Monika Spitaler Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Martin Brandhofer, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailović, Sandra Maiko Krutz, Josef Mühlbacher Finanzen Mariia Gerutska (Ltg.), Simone Kratochwill MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler IT Service Desk Maximilian Auerbach Operations Alice Gafitanu, Melanie Grasserbauer, Alexander Peham, Thomas Platzer Projekt Management Dominik Debriacher, Gabriela-Teresa Humer Assistant to General Management Sandra Artacker Herausgeber & Geschäftsführer Red Bull Media House Publishing Andreas Kornhofer Verlagsanschrift Am Grünen Prater 3, A-1020 Wien Telefon +43 1 90221-0 Fax +43 1 90221-28809 Web redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-LepperdingerStraße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dkfm. Dietrich Mateschitz, Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber

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Jetz t Mitglied werden: paraplegie.ch

ICH SITZE U N S C H U L D I G. GABRIELA

Es kann jeden treffen. Die Unachtsamkeit eines anderen kann dein Leben entscheidend verändern. Wir helfen Querschnittgelähmten zurück ins Leben. Im Ernstfall auch dir.


NICOLAS MAHLER

N IC OL AS M A HL ERS SPI T ZF ED ERL ICHES CHA R A K T ER-K A BINE T T

Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 8. Mai 2022.

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Herzlichen Glückwunsch Marco zu deiner ersten grossen Kristallkugel und aussergewöhnlichen Saison !


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