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The Red Bulletin AT 05/22

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Jesse Marsch sagt: „Neugier, Chaos und Verletzlichkeit sind Stärken.“

THE POWER OF ALOHA Wie Carissa Moore die beste Surferin der Welt wurde

M I C H A E L O ST R OWS K I / B E YO N C É / C H A N N I N G TAT U M / F E R D I N A N D H A B S B U R G / DAV I D M O R A L ES


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E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

EINATMEN. AUSATMEN.

STEFEN LIPPMAN (COVER), LITTLE SHAO, MARK BENNINGTON, PHILIPP HORAK

DAS ENDE DER SCHWERE

Underground-BBoy, gelangweilter Business Analyst und nun kreativer Fotograf: Little Shao hält die Leichtigkeit des Seins in seiner ­Fotoserie für einen Augenblick fest. Ab Seite 20

Ein tiefblaues Sinnbild: Meeresrauschen. Sanfter ­Wellengang. Plötzlich schwappt dich eine Welle weg, und du verlierst die Nerven. Wie wir in jeder Situation Zweifel wegspülen, erzählt Carissa Moore, die beste Surferin der Welt, in der Coverstory. „In meinem Fall ging es darum, das Glück wiederzufinden. Und mir Zeit für Ruhe und ein gutes Leben freizuschaufeln.“ Denn so werde man auch ein guter Mensch. Ferdinand Habsburg, Sieger der 24 Stunden von Le Mans in der LMP2-Klasse und Urenkel Kaiser Karls I., sinniert ab Seite 60 ebenfalls: „Meine Familie kennt sich im Sport null aus. Wie baust du da eine Karriere auf?“ Kein Thema für Hollywood-­ Star Channing Tatum. Er ist für seinen neuen Film „Dog“ auf den Hund gekommen und hält auf Seite 32 fest: „Hunde haben kein Ego, sie sind völlig reine Wesen, die sich ganz auf etwas einlassen. Wären wir wie ­Hunde, würden wir in einer besseren Welt leben.“ Mit oder ohne Vierbeiner, mit oder ohne Meeres­ rauschen: bitte entspannen, entdecken, eintauchen.

COVERSTORY

Unsere prämierte New Yorker Autorin Christine Yu, Yoga-Lehrerin und Hobby-Surferin, sprach mit der Königin der Wellen, Carissa Moore aus Hawaii. Ab Seite 38

15.000

Liter Wasser fasst das Löschfahrzeug der Firefighters am Flug­ hafen in Los Angeles. Die Eliteeinheit geht für unsere Sicherheit durchs Feuer, ab S. 48.

Keep on keeping on mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin!

OSTROWSKIS OFFENBARUNG

Michael Ostrowski inspiriert uns, einen langen Atem zu haben. Er ließ die Hosen runter: Sein ­aktueller Film „Der Onkel“ wurde dreimal abgelehnt – ab Seite 34.

THE RED BULLETIN

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I N H A LT The Red Bulletin im Mai 2022

38 SURFING PIPELINE Wie die beste Surferin der Welt an ihrem Glück und Erfolg arbeitet

COVERSTORY

FEUER? MARSCH!

38 A B INS GLÜCK

Die fünffache Surf-Welt­ meisterin Carissa Moore besiegt ihre Selbstzweifel mit „Aloha“.

48 H EISSE TRUPPE

Ein Besuch bei der wohl besten Feuerwehreinheit der Welt, der ARFF am Flughafen von Los Angeles.

ROYAL RACING

60 BENZIN IM BLUT 20 FLUGTAG

Fotograf Little Shao scheint mit seiner Kamera die Schwerkraft aufzuheben.

FILM 1

32 EINE BESSERE WELT

Für seinen jüngsten Erfolg ist Hollywood-Star Channing Tatum auf den Hund gekommen.

34 VÖLLIG UNKORREKT

Michael Ostrowski legt eine Krimi-Komödie vor, an der er fast gescheitert wäre.

BASKETBALL

36 D IE VERWANDLUNG

Poetin Asma Elbadawi ver­ ändert mit ihrem Zugang den Sport und die Dichtkunst.

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77 REISEN. Eine wilde Kajak-Fahrt durch das slowenische Soča-Tal

60 DRIVE MY CAR Der Urenkel des letzten Kaisers über Talent, Tattoos und Tools zum Sieg

82 TRAILRUNNING. Auf schmalen Pfaden durch die Natur

FILM 2

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

84 LESESTOFF. John Gwynne ist der Meister des Fantasy-Genres. 86 B IOHACKING. Nervös? Dann bitte an diesen Körperstellen klopfen 87 PLAYLIST. DJ David Morales und die Platten seiner Jugend 92 B OULEVARD DER HELDEN. Das tragische Leben des brasilia­ nischen Fußballers Garrincha

16 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 18 MEIN ERSTES MAL

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

48 FIGHTING FIRES Ein starkes Team, das für 88 Millionen Passagiere durchs Feuer geht

THE RED BULLETIN

JEREMIAH KLEIN/RED BULL CONTENT POOL, KONSTANTIN REYER, JIM KRANTZ, LITTLE SHAO

Mit Rennfahrer Ferdinand Habsburg in der Waschstraße.

PORTFOLIO


20 ONE-SHOT-WONDER Der einstige BBoy Little Shao macht ­einmalige One-Takes von Tänzern und ihren besten Moves.

THE RED BULLETIN

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HALEIWA, O‘AHU, HAWAII

Glück im Unglück Zugegeben, es schaut ziemlich dramatisch aus, wenn Surfer Koa Rothman eine der gröberen Wellen vor der Küste seiner Heimat reitet. Aber das wahre Drama spielte sich nach dieser Aufnahme ab: Fotograf Ryan Moss verunglückte mit dem Jet-Ski, dabei wurde der Kalifornier ernsthaft verletzt, seine Ausrüstung großteils zerstört. Trotzdem gelang es ihm später mit ­Hilfe eines Freundes, ein paar Bilder von der Memory Card zu retten. Was ihm voriges Jahr einen ­Semifinalplatz beim Fotowettbewerb Red Bull ­Illume einbrachte. „Das hat den Schmerz nach Verletzung und OP gelindert“, sagt Moss. ryancmoss.com


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RYAN MOSS/RED BULL ILLUME

DAVYDD CHONG


IBIZA, SPANIEN

Sprung ins Licht

DEAN TREML/RED BULL ILLUME, TRISTAN SHU/RED BULL ILLUME

DAVYDD CHONG

An der wilden Westküste der Partyinsel Ibiza gibt es einen zauberhaften Ort: die Ullal de na Coloms, zu Deutsch ­Höhle des Lichts. Sie heißt deshalb so, weil um die Mittagszeit die Sonne durch eine Öffnung an der Decke fällt und ihr Inneres magisch erleuchtet. Für Cliff Diver wie die Spanierin Celia Fernández eine Versuchung, der man unmöglich widerstehen kann. Instagram: @deantreml


HAUTES-ALPES, FRANKREICH

Wunderkerzen Die Landung eines Gleitschirmfliegers mag ja an sich aufregend sein, aber für ein wirklich ­außergewöhnliches Foto braucht es noch eine zündende Idee. Der französische Paragleiter Jean-Baptiste Chandelier machte seinem Namen alle Ehre: Er bestückte seine Schuhe mit Feuersteinen. Und schon hatte Fotograf ­Tristan „Shu“ Lebeschu ein Motiv, bei dem die Funken nur so sprühten. tristanshu.com

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PAGE, ARIZONA, USA

DAVYDD CHONG

Rock  ’n’  Roll! NOAH WETZEL/REDBULL ILLUME

Die beiden Mountainbiker Blake Sommer und Jack Graham hatten vier heiße Tage im Grenzgebiet zwischen Arizona und Utah hinter sich, da schickte sich eine gnadenlose Sonne an, in aller Pracht unterzugehen. Also schulterte Blake noch einmal sein Bike und stapfte tapfer 240 Höhenmeter auf den Berg, um Fotograf Noah Wetzel diesen magischen Moment zu schenken. Das soll aber nicht heißen, dass er nicht auch seinen Spaß hatte: „Er schrie vor Vergnügen, und Jack feuerte ihn vom Rand noch zusätzlich an“, erinnert sich Wetzel an die beeindruckende Geräuschkulisse. noahdavidwetzel.com

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Z AH L EN, BI T T E!

BEYONCÉ

Eine Stimme für die Welt Beyoncé Knowles-Carter, 40, ist geschlechterübergreifend einer der erfolgreichsten Popstars der Welt. Hier ein paar glamouröse Details zu ihrer Karriere: wie alt sie bei ihrem ersten TV-Auftritt war, wie viele Hilfsorganisationen sie unterstützt und zu welchem Anlass sie Privatjets verschenkt.

sang sie bei Barack Obamas zweiter Angelobung als ­Präsident die US-Hymne.

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ist ihre Glückszahl. Sie und Ehemann Jay-Z ­haben ­jeweils an einem 4. Geburtstag, ­beide tragen ein „IV“-Tattoo am Ringfinger.

Millionen Euro kostete der Privatjet, den sie ihrem Ehemann Jay-Z 2011 zum ­Vatertag schenkte.

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Grammys gewann ­Beyoncé – mehr als jeder andere Einzelinterpret, ob Mann oder Frau.

Alben (also alle) stiegen in den US-Charts auf Platz 1 ein – was vorher keinem Solokünstler gelungen ist.

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verschiedene Sprachen ­ ieten auf Wikipedia einen b Eintrag über die Sängerin.

Jahre alt war Beyoncé bei ­ihrem ersten TV-Auftritt mit der Band Girls Tyme in der Talentshow „Star Search“.

440

Millionen Dollar schwer ist Beyoncé laut Businessmagazin „Forbes“.

1

458.000

ihrer Wortschöpfungen („bootylicious“, ein Adjektiv für „mit einem sexy Hinterteil ausgestattet“) ­schaffte die Aufnahme ins Oxford English Dictionary.

Fans weltweit sahen ihren Auftritt beim Coachella-­ Festival 2018 live auf YouTube – Festival-Rekord!

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HANNES KROPIK

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CLAUDIA MEITERT

Hilfsorganisationen ­unterstützt Beyoncé mit Millionenbeträgen, dazu betreibt sie ihre eigene Charity „BeyGOOD“.

2013

GETTY IMAGES (2)

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2

Tage alt war Tochter Blue Ivy, als ihr Daddy – Rapper Jay-Z – ihre Stimme für den Song „Glory“ aufnahm.


F U ND ST Ü CK

SABRINA LUTTENBERGER

Mit dem Box-Epos „Rocky“ gelang Sylvester Stallone 1976 der Durchbruch in Hollywood. Sieben weitere Teile sollten folgen.

SYLVESTER STALLONE

Schlag nach bei Rocky

JULIEN‘S AUCTIONS/EMILY MCGAHEE

Die Original-Boxhandschuhe aus dem Film „Rocky Balboa“, 2006 30 Jahre nach dem Hollywood-Klassiker „Rocky“ zog Sylvester Stallone 2006 für das Sequel „Rocky Balboa“ ein letztes Mal die Boxhandschuhe an, bevor er sie in „Creed“ (2015) an seinen Schüler weitergab. Mit seinen immerhin 60 Jahren zeigte Stallone beim Dreh noch vollen ­Körpereinsatz. Die Folgen: ein gebrochener Fuß und eine kurze Ohnmacht nach einem Schlag. Die Handschuhe vom Dreh brachten vor kurzem auf einer Versteigerung 16.000 US-Dollar.

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THE RED BULLETIN


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DAS F IK T IV E PH ILO S O PHEN -IN T ERV IE W

KAISER MARC AUREL SAGT:

„Nimm dich nicht so wichtig. Dann lebst du deutlich besser.“

Okay, dass Sie Ihren eigenen Stil gefunden haben, wird niemand bestreiten. Aber meinen Sie, dass wir gut beraten wären, uns diesbezüglich Sie zum Vorbild zu nehmen? Ja, ich denke, es liegt in der Natur des Menschen, etwas Besonderes sein zu wollen – nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich. Und dieses Bedürfnis drückt sich eben im persön­ lichen Stil eines Menschen aus.

Echt jetzt? Wenn jemand Sie angreift oder verletzt – egal ob mit Worten oder Waffen –, deuten Sie das als Wink des Schicksals? Und regen sich nicht weiter darüber auf? So ist es. Jedenfalls versuche ich alles, was geschieht, zu begrüßen und anzu­ nehmen. Ich sage mir: Das alles dient „Wie viel Zeit habe nur dazu, dass ich etwas dazulernen ich schon damit kann. Mit dieser Haltung lebt es sich verplempert, viel entspannter. Wie viel Zeit habe ich schon damit verplempert, mich mich über Leute Nun gut, Marcus, wie Sie wünschen. über Leute aufzuregen, Umstände aufzuregen …“ Ärgern Sie sich eigentlich oft über zu beklagen, über Nichtigkeiten Ihre Kritiker? rum­zuheulen. Das Leben ist so kurz, Sie meinen meine Mitmenschen? Nein. Ich ärgere mein Freund, da sollten Sie Ihre Zeit lieber darauf mich nicht über sie. Wieso sollte ich? Jeder Mensch ­verwenden, Ihren Mitmenschen nützlich zu sein. tut das, von dem er glaubt, es sei das Richtige. Das gilt auch für meine Gegner und Rivalen. Ja, es gilt sogar Und wo bleiben Sie dabei? für die Feinde Roms, mit denen ich dauernd Krieg Was für eine lächerliche Frage! Als ob es hier um mich führen musste. Deshalb unterstelle ich niemandem ginge. Morgen bin ich eh tot. Und ich werde keinen böse Absichten – allenfalls Dummheit oder Ver­ Tag länger oder besser leben, wenn ich mich ab jetzt blendung. Aber das ist deren Sache, nicht meine. zum Mittelpunkt der Welt erkläre. Es lebt sich deut­ lich besser, wenn man sich nicht so wichtig nimmt. Das heißt, Sie lassen die Kritik an Ihrer Person ­einfach abperlen? MARCUS AURELIUS (121  –180) war die letzten neunzehn Jahre Nein, so ist es nicht. Ich höre mir sehr genau an, was seines Lebens Kaiser des Römischen Reichs. Wirklich glücklich war er damit nicht, denn als junger Mann hegte er den Wunsch, andere mir zu sagen haben. Und ich frage mich dabei als Philosoph eine Gelehrtenlaufbahn einzuschlagen. Seine sogleich, worum es ihnen eigentlich geht – was die Regentschaft war überschattet von zahlreichen Kriegen an der Leute wirklich antreibt. Auf diese Weise kann ich sie Nordgrenze des Reichs. Kurz vor seinem Tod verfasste er im verstehen. Manchmal erkenne ich im Hintergrund Feldlager seine berühmt gewordenen „Selbstbetrachtungen“. ­ihres Tuns oder ihrer Worte einen bedauerlichen CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer ­Irrtum. Oder ich sehe, dass sich jemand von seiner der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor Leidenschaft oder seinen Ängsten hat übermannen zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: „Kann ich? Darf lassen. Anstatt mich zu ärgern, empfinde ich in ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“, ­solchen Fällen allenfalls Mitleid. legenda Q, 2021.

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THE RED BULLETIN

BENE ROHLMANN

the red bulletin: Eure Majestät, Herr Imperator, Kaiser … marc aurel: Lassen Sie den Quatsch! Nennen Sie mich Marcus, und kom­ men Sie zur Sache.

Ha, aber das ist doch ebenfalls eine Art, sich gegen Kritik zu immunisieren: Der andere tut Ihnen leid, aber zu sagen hat er Ihnen nichts …? Wieder falsch. Denn auch wenn dieser konkrete Mensch mich womöglich nichts angeht, gehe ich doch davon aus, dass seine Worte und sein Handeln mir etwas zu sagen haben. Wir leben in einem Kosmos, in dem alles mit allem zusammenhängt und in dem nichts zufällig geschieht. Ob Sie es nun Gott, die Weltvernunft oder das Schicksal nennen – ich bin davon überzeugt, dass ich alles, was mir widerfährt, dazu nutzen kann, meiner Pflicht als Mensch und Kaiser besser zu genügen.

DR. CHRISTOPH QUARCH

Manch einer nimmt sich Kritik schrecklich zu Herzen und leidet dann wie ein Hund. Mit der richtigen Einstellung muss das nicht sein, meint der Philosoph und römische Kaiser Marc Aurel. Wie er es geschafft hat, trotz seiner vielen Gegner und Kritiker stets ein Muster an Gelassenheit zu bleiben, erklärt er im fiktiven Interview mit dem Philo­ sophen Christoph Quarch.


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M EIN ERST ES M A L

JOEY KELLY

„Ich wurde ausgelacht“

Die meisten kennen ihn als Musiker. Genauer: als MitAlso, Startschuss, alle sprangen ins Wasser. Ich gab glied der Kelly Family. Ab 1974 (Joey war damals zwei) Vollgas – im Schmetterlingsstil. Nach 70 Metern war tingelte die Straßenmusikerfamilie im Doppeldeckerich Letzter und bekam keine Luft mehr. Ich hielt mich bus quer durch Europa. Bis zum großen Durchbruch: an einer Boje fest und schwamm zurück zum Start. Das Album „Over the Hump“ Mein Freund filmte weiter, der (1994) verkaufte sich weltweit war nur am Lachen. ‚Was bist du fünf Millionen Mal und gilt als für eine Flasche!‘, rief er, ‚und eines der erfolgreichsten Alben dafür bin ich mitgekommen?‘ der deutschen Musikgeschichte. Ich schnauzte zurück: ‚Halt dein Heute steht der Name Joey Maul, und schalt die Kamera ab!‘ Kelly vor allem für AusdauerAber der Arsch drehte weiter. sport: Mehr als 50 Marathons, In diesem Moment spürte ich 31 Ultra-­Marathons, 13 Ironmaneinen Kick: Das kann es doch Bewerbe, zehn Wüsten-Läufe und echt nicht gewesen sein! Also viermal das Race Across America sprang ich wieder ins Wasser. hat er in den letzten 25 Jahren Diesmal probierte ich es mit unter anderem absolviert. Viele Brustschwimmen, das ging besseiner durchgeknallten Abenteuer ser. Danach aufs Fahrrad. Auch wurden von Fernsehteams beda eine katastrophale Leistung, gleitet: Sein „Wettlauf zum Südich war immer noch Letzter. 0:00 –37:40 pol“ lief auf ZDF, RTL folgte ihm Beim Laufen überholte ich dann Joey Kelly dabei, wie er die USA ohne Geld hundert Meter vor dem Ziel zwei Mein erstes Mal – der Podcast durchquerte. Ältere, die am Quatschen waren. Hier erzählt der 49-Jährige Drittletzter also, meine Zeit: von seinem ersten Triathlon 3:36 Stunden. Profis brauchen (1,5 Kilometer Schwimmen, halb so lang. Ich dachte: Wette „Ich gab Vollgas – im 40 Kilometer Radfahren, 10 Kilogewonnen, gut, aber so einen meter Laufen). Davon, wie sehr Schmetterlingsstil … Scheiß mache ich nie wieder. er sein erstes sportliches Abenund war Letzter.“ teuer hasste – und wenig später Drei Tage hielt dieser Vorsatz. Bis lieben lernte: mir klar wurde: Ich kann diese Musiker Joey Kelly amüsiert sich Blamage nicht auf mir sitzen lasüber seinen holprigen Start als Triathlet. „Am Anfang stand eine Wette mit sen. Die Niederlage spornte mich meiner Schwester Patricia. Sie an. Und noch wichtiger, für meiwollte bei einem Triathlon mitmachen. Und ich: Okay, nen Beruf war der Ausdauersport der optimale Ausdas schaff ich auch. ‚Niemals‘, meinte sie, ‚du hast gleich. Ich ging nach unseren Konzerten laufen und keine Ahnung, was da auf dich zukommt.‘ Unrecht Rad fahren. Je härter ich trainierte, desto mehr Spaß hatte sie nicht. Ich wusste nicht einmal, wie weit man hatte ich. Zwei Jahre später finishte ich acht Ironman-­ schwimmen muss oder ob da auch Reiten als Disziplin Triathlons innerhalb von zwölf Monaten. Ein Rekord, dazugehört. Aber ich dachte, ich bin ein cooler Typ, das hatte vor mir noch keiner geschafft.“ jung und berühmt, ich schaff das auch ohne Training. Und so ging ich 1996 beim Triathlon in Roth in der Nähe von Nürnberg an den Start. Ich brachte sogar ­jemanden mit, der mich filmen sollte. So sicher war ich mir, dass ich das Ding rocken – und vielleicht sogar gewinnen – würde. So bekloppt war ich! Patricia „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, war an dem Tag krank. Aber inzwischen waren auch in der H ­ eldinnen und Helden über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit andere Familienmitglieder in die Wette eingestiegen: Joey Kelly, in der er auch erzählt, wie man große Projekte bewältigbar 800 D-Mark standen auf dem Spiel, das war eine macht, gibt’s im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen Menge Geld damals! gängigen Plattformen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast

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THE RED BULLETIN

PICTUREDESK.COM

Vom Popstar zum Extremsportler: Heute läuft das Mitglied der legendären K ­ elly Family durch Wüsten und Regenwälder. Hier erzählt er von seinem ersten Triathlon. Von einer Niederlage, die ihm den Weg zeigte.


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P O RT FO L IO

Schwerkraft? Nein, danke! Der in Paris lebende Fotograf Little Shao sieht B-Boys und seine Kumpels aus der Welt des Tanzes als Super­helden. Weil sie physikalischen Gesetzen trotzen und auch in schwierigen Zeiten befreiende Leichtigkeit vermitteln. Hier zeigt der Ästhet seine Serie von fliegenden Tänzern. Text NINA KALTENBÖCK 20


Schlaflos in Philly

Philadelphia, Pennsylvania, USA, 2017

B-Boy Drud aus der Ukraine ­ atte sich beim Breakdanceh Event ­Silverback Open offenbar noch nicht genug verrenkt. „Um ein Uhr früh haben wir diese coole Brücke gefunden. Ich mag, wie dem langen und gelenkigen Drud das Licht direkt auf den Kopf fällt und er Schatten auf den B ­ oden wirft. Ganz ohne Blitz“, sagt Fotograf Little Shao.


P O RT FO L IO

„One-Shots only! Ich habe eine präzise Vision und will nichts wiederholen.“ Little Shao

Ganz ohne Sch***!

Mumbai, Indien, 2019

„Diese Szenerie gibt es auch nur einmal. Hätte ich den One-Click verkackt, wäre es wohl nur B-Boy Bart aus Brasilien in aller Herrgottsfrüh vor Mumbais Toren gewesen“, grinst Little Shao. Der Backflip im Zuge des Red Bull BC One World Final hat die Vögel zwar auf­ gescheucht, aber kein ­einziger hat sich auf ihn erleichtert. Sauber!

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„Es ist alles eine Frage der Balance und wo genau der Schwerpunkt liegt.“ Little Shao

Haargenau getroffen

Chicago, Illinois, USA, 2016 Model, Tänzerin und Ballett-Leichtgewicht Renee Lee regelt an einem kalten Montagmorgen im Oktober mit ihrer grazilen Pose den Verkehr. „Es brauchte nur einen Sprung“, erinnert sich Shao. „Weil ich selbst Tänzer bin, weiß ich, welche Lines gut aus­ sehen. Was Renee aber am meisten freute: Ihre Haare klebten nicht vollkommen zerzaust im Gesicht.“ Das war wohl nur ein Detail, warum es das Sujet ins Finale des Fotowett­bewerbs Red Bull Illume schaffte.

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50 Shades of Grey

Paris, Frankreich, 2020 La Défense ist ein modernes Hochhausviertel im Département Hauts-deSeine und gilt als Europas größte Bürostadt. Vor der bunten Wand turnt Akrobat Andrea Catozzi. Für Little Shao war’s eher grau in grau. Er erklärt: „Ich bin farbenblind. Wie ich die Welt sehe, ist meine Superpower.“

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Entspannter Teufelskerl Paris, Frankreich, 2017

Der Autor J. M. Smith schreibt: „Wenn du mit dem Teufel tanzt, dann hast du keine Ahnung, denn du denkst, du wirst den Teufel ändern, aber der Teufel ändert dich.“ Jean Michel Premier alias Diablo ist ein SoloFreestyler mit Freude am Risiko, der unseren Blick dafür verändert, was wir für möglich halten. „Er sprang von einem fünf Meter hohen Denkmal, und ich erwischte ihn aus einem flachen Winkel“, erzählt Shao.

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Ab durch die Hecke! Paris, Frankreich, 2018

Mit Francis Quessary alias 6fran, seinem Teamkollegen von der R.A.F Crew, spazierte Little Shao zeitig am Morgen durch den Parc de Sceaux. Das Licht war traumhaft, die Luft kalt, aber zart, die Atmosphäre filmreif. „Es war das letzte Foto am Weg nach Hause und ein magischer Moment“, schwärmt der Fotograf.

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„Breakdance hat mich zu einem Fotografen gemacht, der einzigartig arbeiten und niemals kopieren möchte.“ Little Shao

Der Luftläufer

Paris, Frankreich, 2019 Ablaye Diop arbeitet als Tänzer, Performer und Choreograf und ist dafür bekannt, besonders mit seinen Armen ausdrucksstark zu tanzen. Little Shao, immer noch ­beeindruckt: „Wir haben bei den Wohntürmen von Les Olympiades geshootet. Ich liebe diesen Ort! Ablaye wirkte, als könne er in der Luft laufen.“

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Ready for Take-off?

Paris, Frankreich, 2019 Lment, der Gewinner des Red Bull Dance Your Style Cuba, ist mit seinen Breaking-Skills das erste Mal in Paris angetreten. Mit Ehrfurcht und Höhen­ angst. Little Shao erinnert sich: „Der Eiffelturm war in meinem Rücken und hat Lment zumindest etwas davon abgelenkt, dass nur drei Schritte hinter ihm die Pariser Straßen lagen.“

DER FOTOGRAF

Little Shao bei einer seiner liebsten Beschäftigungen: „Ich fotografiere viel auf den Dächern von Paris!“

Wer Thinh Souvannarath heißt, braucht dringend einen Künstlernamen. Seine Homies aus der Breakdance-Szene verpassten B-Boy Thinh daher den Namen Little Shao. „Ich war der Kleinste der Crew, hatte einen rasierten Kopf und Moves wie ein Shaolin-Mönch drauf“, erzählt der heute 39-Jährige mit vietnamesischen Wurzeln. Mit der Hip-Hop-­Kultur kam Little Shao in den heruntergekommenen Vor­orten von Paris in Kontakt, wo er aufgewachsen ist.

„Meine Obsessionen sind die Fotografie, Breaking und nächte­langes Gamen.“ Little Shao

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Darauf folgten beruflich einige Jahre als Business Analyst in einer Bank. Dann beschloss er, Fotograf zu werden: „Ich möchte der Welt meine Visionen zeigen.“ Seither lautet sein Motto: Nur nicht jeden Tag dasselbe machen. Das verkörpern auch die Tänzer in seiner Fotoserie. „Jeder hat einen SignatureMove. Wie Spider-Man, der springt auch nicht kerzen­ gerade.“ Little Shao hat ebenfalls etwas Bemerkens­wertes: Er ist ­farbenblind. Was er jedoch nicht als Einschränkung begreift: „Meine Art, die Welt zu sehen, ist meine Superkraft!“ Instagram: @littleshao, aktuelle Aus­stellung: Rue de Rivoli beim Tour Saint-Jacques, Paris, noch bis 20. Mai THE RED BULLETIN

FLORA MÉTAYER

LITTLE SHAO


Film

hat Adonis’ Body und den Geist von Odysseus, wenn es ums Erreichen neuer Ufer geht. Doch für seinen jüngsten Erfolg musste der Filmstar erst mal auf den Hund kommen. Interview RÜDIGER STURM

Sein Oberkörper ist immer noch perfekt trainiert. Wer Channing Tatum vor sich sieht, hat keinerlei Problem, in ihm den Actionhelden früherer Tage zu erkennen. Doch der ModelBody ist dem 41-Jährigen nicht mehr so wichtig, er hat sich beruflich neu orientiert. Nach Auftritten bei Regisseuren wie Quentin Tarantino („The Hateful Eight“) oder den Coen-Brüdern („Hail, Caesar!“) will er jetzt selbst als Regisseur durchstarten. Hier erzählt er, was ihn an Hunden inspiriert. Und warum er sich nie mit Mittelmaß zufriedengibt. the red bulletin: In „Dog“ spielst du einen Soldaten, der mit einem Belgischen Schäferhund durch die Vereinigten Staaten reist. Hattest du schon Erfahrungen mit Hunden? channing tatum: Ja, ich hatte mehrere Jahre eine Mischlingshündin namens Lulu, die 2020 leider an Krebs gestorben ist. Danach adoptierte ich einen Schäferhund. Gibt es etwas, was du von Hunden gelernt hast? Zuhören – auf eine ganz andere Art. Hunde vermitteln dir ihre Gefühle etwa durch die Art, wie sie sich bewegen. Du fragst dich: „Warum ist sie heute nicht zur Tür gelaufen? Geht es ihr gut?“ Du stellst dich ganz ­instinktiv auf das Verhalten des Hundes ein, ohne das rational zu analysieren. Es ist einfach so, als würdest du mit einem stummen, sehr emotio­ nalen Wesen zusammenleben.

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Was hatte es für eine Wirkung, als du Lulu verloren hast? Du lernst loszulassen. Als Lulu schon todkrank war, ging ich mit ihr auf eine letzte Reise, die auch den Film inspiriert hat. Auf diesem Trip wurde mir klar, dass ich an ihrem Sterben nichts ändern konnte. Ich musste das akzeptieren und mich darauf einstellen. Wie hat das deine Einstellung zum Leben grundsätzlich geprägt? Ich bin jemand, der seinen Willen durchsetzen will. Wenn ich mit einer Mauer, einer verschlossenen Tür oder einem Nein konfrontiert bin, dann hole ich mir eine Axt. Damit durchbreche ich das Hindernis. Zumindest war diese Sturheit bei mir früher ziemlich ausgeprägt. Jetzt gehe ich sanfter an die Dinge heran. Wenn ich Widerstand spüre,­ dann mache ich nicht einfach weiter Druck, sondern nehme mir eine ­Minute und denke: „Ich muss das nicht erzwingen, wenn es jetzt nicht funktioniert.“ Aber mit deiner Willenskraft hast du dich doch in der Branche ziemlich gut behauptet. Ich habe deshalb nicht meinen Ehrgeiz verloren. Meine Pläne sind vielleicht sogar noch ambitionierter geworden. Das hat auch damit zu tun, dass ich eine achtjährige Tochter habe, für die ich Zeit haben will. Ich drehe keine Filme einfach nur so. Da müssen schon ernsthaftere Absichten dazukommen. Und ich gebe mich nicht mit Mittelmaß zufrieden. Ich will den nächsten Meilenstein.

Keine Angst vor Überraschungen? Ich habe einige harte Bewährungsproben im Leben durchgemacht, darauf kann ich verzichten. Aber du musst dich auf das Unbekannte einlassen. Das gilt auch für meine Figur im Film. Dieser Mann begibt sich auf eine Reise mit diesem Hund, er hat keine Ahnung, wo sie ihn hinführen wird, aber als er sie hinter sich gebracht hat, ist er menschlich um so vieles vorangekommen. Gibt es denn Eigenschaften von Hunden, die dich inspirieren? Hunde haben kein Ego, sie sind völlig reine Wesen, die sich ganz und gar auf etwas einlassen, ohne es zu hinterfragen. Sie können voll vertrauen. Das liebe ich an ihnen. Ich selbst bin jemand, der am Anfang Vertrauen in andere Menschen hat, aber dann schaltet sich mein Gehirn ein, und Zweifel kommen hoch. Aber wenn wir es schaffen würden, so wie Hunde zu sein, dann würden wir in einer besseren Welt leben. „Dog“, ab 20. Mai in Österreichs Kinos

THE RED BULLETIN

DANNY MOLOSHOK/AP/PICTUREDESK.COM

Channing Tatum

Welche Meilensteine gibt es denn bereits in deinem Leben? In meiner Jugend war ich kein guter­ Sportler, also habe ich so lange trainiert, bis ich einer war. Als ich merkte, dass mich die Schauspielerei allein nicht ausfüllt, habe ich mit einem Partner das Drehbuch zum Film „Magic Mike“ geschrieben. Auch, weil ich nicht davon abhängig sein wollte, dass man mir passende Rollen anbietet. Und indem ich die Regeln des Geschichtenerzählens lernte, wurde ich als Schauspieler besser. Der nächste Schritt war es, Regie zu führen – was ich bei „Dog“ gemacht habe. Ich bin mit dem Erreichten nie zufrieden, sondern sehe zu, dass ich etwas Neues lerne.


„Wenn wir mehr wie Hunde wären, lebten wir in einer besseren Welt.“ Channing Tatum, 41, resümiert, was er von vierbeinigen Freunden lernte.

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Film

Michael Ostrowski ist als anarchisches Gesamtkunstwerk zurück im Kino. Für seinen neuen Film „Der Onkel“ schrieb er das Buch, führte Regie und brilliert in einer schrägen Doppelrolle. Text ISABELLA GROSSSCHOPF

Foto PHILIPP HORAK

Ausgemacht war 12 Uhr. Zehn vor zwölf erreicht uns ein SMS: „Hello, komme um 12.13 Uhr. Bis glei.“ Wir hatten schon viele Verspätungen – so etwas kommt vor –, aber noch nie mit derart präziser Vorankündigung. Michael Ostrowski hatte sich aufs Navi verlassen. Am Ende wurde es dann doch 12.29 Uhr, aber egal. Ein fröhlich lachender Michael ­Ostrowski entschädigt für alles. Er füllt den Raum in der Sekunde mit Good Vibes. Und weil die Autorin dieser Zeilen das Steirische so sehr liebt, meint sie: „Jeder Steirer, der zu spät kommt, muss einmal ‚Kernöl‘ sagen.“ Ostrowski lacht. „Kernöü. Ich weiß, das ist eine komische ­Lautverschiebung. Aber wir in der Obersteiermark sagen das so.“ Genau wie „Bergdoktor“ Hans Sigl stammt Ostrowski aus Rottenmann. „Unsere Familien kennen sich sogar.“ Sein spezieller Dialekt war es auch, der ihn damals auf der Uni weitergebracht hat. „Ich habe Französisch und Englisch studiert. Und mein Stoasteirisch ist dem Englischen ja sehr nahe – also habe ich mein Stoasteirisch in Oxford perfektioniert.“ Das Lehramt wäre durchaus eine Option für ihn gewesen. So lässig, wie er sich hier beim Shooting für seinen neuen Kinofilm im T-Shirt mit Anke Engelkes Konterfei vorn drauf gibt, wäre es vielen Schülerinnen und Schülern

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zu wünschen, von Herrn Magister ­Ostrowski unterrichtet zu werden. Das schmeichelt ihm jetzt natürlich. „Kloar, gute Lehrer sind die Basis für eine gute Gesellschaft. Aber immer zu sagen, wie’s richtig geht, das habe ich damals für mich nicht als adäquat empfunden.“ Ostrowski liebt es, die Dinge grundsätzlich zu hinterfragen und zu diskutieren.

Politisch völlig unkorrekt

Diskutiert wurde auch im Vorfeld seines neuen Films zur Genüge: Ganze drei Mal wurde seine star­ besetzte Krimikomödie „Der Onkel“, bei der er mit Helmut Köpping für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet und auch die Hauptrolle spielt, vom heimischen Filmförderungsinstitut abgelehnt – ehe es dann doch geklappt hat. „Ich tippe jetzt mal auf folgende Gründe: Es san bei dem Film Männer, die’s geschrieben haben, Männer, die’s produziert haben. Das kommt schon mal nicht gut, kein Scherz. Und: Es ist ein politisch ­völlig unkorrekter Film.“ So mimt Ostrowski sowohl den reichen Familienvater, der im Koma liegt, als auch den Onkel, einen windigen Spieler. Dieser lehrt den Neffen das Schießen mit einer Pistole. Und bestärkt seine Nichte, heimlich auf Partys zu gehen. Beide Teenager werden von Ostrowskis Kindern gespielt. „Auch wieder so eine Sache, wo lange diskutiert wurde. Der Produzent hat zuerst extreme

Bedenken gehabt.“ Doch Elisea, 21, und Maris Ostrowski, 16, brillierten im E-Casting – coronabedingt war nichts anderes möglich. „Ich hab meine Kinder aus meinem Beruf immer herausgehalten. Und auch jetzt, als sie von sich aus Interesse zeigten, mussten sie sich erst einmal beweisen. Die großartige Casterin Eva Roth hat mir versichert, dass sie die Besten für diese Rollen wären.“ Vielleicht auch, weil sie das Drehbuch lange vorher schon kannten und dem Papa mit Rat und Tat zur Seite standen.

Schauspielschule? Na, danke!

Ostrowskis Wunschpartnerin, die deutsche Komödiantin Anke Engelke, konnte er neben Simon Schwarz und Gerhard Polt ebenfalls für seinen Film gewinnen. Genauso wie Lebenspartnerin Hilde Dalik und das gemeinsame Töchterchen ­Cosima, 2. (Zwischenfrage: Wie konnte die ­Dalik denn mit der Engelke und umgekehrt? „Super! Alles harmonisch und frei von Eitelkeiten.“) Bei der ­Finanzierung des Films halfen auch etliche Privatpersonen. Aber Aufgeben war, wie Ostrowski sagt, „bei diesem Projekt ohnehin nie eine ­Option für mich“. Selbst mit Nieder­ lagen geht Ostrowski seit jeher recht pragmatisch um. „Nur weil etwas, das mir künstlerisch und persönlich ein Anliegen ist, bei ein paar Redakteurinnen und Redakteuren nicht so gut ankommt, heißt das noch lange nicht, dass es schlecht ist.“ Den Besuch einer Schauspielschule hat Michael ­Ostrowski ­übrigens ausgelassen. „Net, weil i’s ­sowieso net geschafft hätt. Nein, i wär dort goa net hin’gangen.“ Aber es führen, wie man ja weiß, ­viele Wege nach Rom – wenn es denn so sein soll. Michael Ostrowskis Krimikomödie „Der Onkel“ läuft ab 3. Mai in den Kinos. Mit: Anke Engelke, Hilde Dalik, Simon Schwarz, Gerhard Polt. filminstitut.at

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„Anke Engelke war meine Wunschpartnerin. Und es hat geklappt!“ Michael Ostrowski, 49, bewies Gespür bei der Besetzung seines neuen Films.

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Basketball

verwandelte ihre Legasthenie in Poesie, ihre Angst in Mut und Basketball in einen noch viel bunteren Sport. ­Indem sie Grenzen im und auf dem Kopf überwand. Text RACHAEL SIGEE

Foto SADIA MIR

Wenn Asma Elbadawi in der Schule Tests zurückbekam, waren sie mit Anmerkungen in Rot übersät. „Ständig hat man mir gesagt, dass meine Rechtschreibung nicht passt, und mit der gestochenen Ausdrucksweise von Aufsätzen kam ich auch überhaupt nicht klar“, erinnert sich die heute Dreißigjährige. Dann entdeckte Elbadawi die Lyrik für sich. Der Legasthenikerin eröffnete sich eine ganz neue Welt an Ausdrucksmöglichkeiten. „Legasthenie ist eine von diesen ‚Schwächen‘, mit denen du komplett unkonventionell denken kannst“, erklärt sie. „Du stellst Zusammenhänge her, die andere nicht sehen.“ Vielleicht war es dieser andere Blick auf die Welt, der Elbadawi nicht nur Dichterin werden ließ, sondern auch Basketballspielerin und bildende Künstlerin. Derzeit ist sie Artist-in-Residence an der Jan van Eyck Academie in Maastricht in den Niederlanden, während ihr erster Gedichtband „Belongings“ ihrem zweifachen Erbe als britischer Sudanesin auf den Grund geht. Für ihren Aktivismus im Sport­ist Asma weithin bekannt: 2017 führte sie eine Kampagne zur Abschaffung des Hidschab-Verbots für Profi-Basketballerinnen auf dem Platz. Mit Erfolg. „Ich bin einfach ein Mädchen aus Yorkshire und habe für etwas gekämpft, was mir wichtig ist, und

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wir alle haben dabei zusammen­ gehalten“, freut sich Elbadawi, die im Sudan geboren und in Bradford in Nordengland aufgewachsen ist. „Das hat mir die Kraft der Gemein­­ schaft gezeigt – und dass ich nie glauben darf, dass meine Stimme für irgendwas nicht stark genug ist.“ Die breite Streuung ihrer Inter­ essen und die Entschlossenheit, sie zu verfolgen, ist für Asma ein Grund zum Feiern. „Schon als Kind habe ich Sport, Kunst und Lyrik geliebt und musste mir anhören, dass das keine Zukunft habe. Aber ich konnte mir nie einen anderen Weg vor­ stellen.“ Wie es in ihrem Gedicht „Ban­shee“ so schön heißt: „Being anything but me would be a tragedy …“ Alles andere, als ich zu sein, wäre eine Tragödie. the red bulletin: Wie bringst du Basketball und Lyrik unter einen Hut? asma elbadawi: Das ist gar nicht so leicht. Meine Gedichte zwingen mich, verletzlich und durchlässig zu bleiben, aber im Sport muss ich die härteste Version meiner selbst sein. Kaum zu glauben, aber mir hat die Lyrik geholfen, eine bessere Basketballerin zu werden. Welche Fähigkeiten nimmst du aus diesen beiden Welten mit? Im Sport bin ich die Art Mensch, die immer perfekt sein will. Als ich als Poetin zum ersten Mal aufgetreten bin, habe ich auf der Bühne Fehler gemacht, und es hat niemanden gestört. Da habe ich erkannt, dass es okay ist, Fehler zu machen.

Was sagst du jenen, die finden, Sportlerinnen und Sportler sollten ihre Meinung nicht äußern? Meine erste rassistische Erfahrung im Sport hat sich angefühlt wie eine Strafe dafür, dass ich etwas gesagt hatte. Jahrelang war ich der Meinung, Sportlerinnen sollten einfach spielen und zu ihrer eigenen Sicherheit neutral bleiben. Dann habe ich erkannt, wie viel es bringt, eine Bühne zu haben. Wenn du eine Athletin bist und deshalb eine Bühne hast, gibt dir das die Verantwortung, für die einzutreten, die keine Stimme haben. Du solltest etwas sagen, wenn du siehst, dass etwas nicht in Ordnung ist. Inwiefern spielst du mit den ­Erwartungen anderer? Wir dürfen nie zulassen, dass andere definieren, wer wir sind und wer wir sein können. Es geht darum, uns gegenseitig zu befeuern, unser Potenzial zu erreichen – ganz ohne Grenzen im Kopf. Instagram: @asmaelbadawi

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SADIA MIR/REDEFINING CONCEPTS

Asma Elbadawi

Welche Hürden erleben Frauen mit Kopftuch im Sport? Frauen aus meiner Community kennen die üblichen Wege zu einer sportlichen Karriere überhaupt nicht. Das hat zum Teil damit zu tun, dass wir nicht sichtbar sind. Die Leute gehen davon aus, dass unsere Familien uns gar nicht erlauben, solche Berufe zu ergreifen. Meine Turnlehrer wären zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, mich zu ermuntern, mit einem Team an Netball-Bewerben (eine Art Basketball; Anm.) teil­ zunehmen, obwohl ich voll drauf ­abgefahren bin. Das zweite große Hindernis ist, dass Frauen nicht genauso viel bezahlt bekommen wie Männer, nicht einmal im Spitzensport. Ich kenne so viele Athletinnen, die Teilzeit als Lehrerinnen oder in der Bank arbeiten, nur damit sie weiter Profisport machen können.


„Ich bin ein Mädchen aus Yorkshire. Wir halten zusammen.” Asma Elbadawi, 30, definiert selbst, wer sie ist.

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Surfen

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Königin der Wellen Fünf WM-Titel, Gold bei Olympia: Die Hawaiianerin CARISSA MOORE, 29, ist die erfolgreichste Surferin der Welt. Ihr Geheimnis: Sie besiegt Selbstzweifel mit der Power von „Aloha“. Text CHRISTINE YU

Fotos STEVEN LIPPMAN

BACK TO THE ROOTS

Surf-Superstar Carissa Moore beim The Red Bulletin-Foto­ shooting an der Ostküste der Insel O‘ahu, Hawaii. Hier trägt sie einen „Haku Lei“, den ­traditionellen Kopfschmuck ihrer Heimat.


Ganz privat: Carissa Moore

Weltmeisterin im Surfen Surfte ihre erste Welle mit vier Jahren. Steht auch auf Boxen. Heiratete ihre Highschool-Liebe Luke. Litt an Essstörungen. Liebt ihre Hunde Maya und Tuffy.

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Surfen

V

„Ich fragte mich ständig: Wer bin ich, wenn ich nicht gewinne?“ 2021 gelang Carissa Moore das perfekte Jahr in ihrem Sport. Ihr größter Sieg hatte aber nichts mit Surfen zu tun: „Ich musste daran arbeiten, glücklich zu sein.“

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origes Jahr im September wurde der Weltcup der Surferinnen erstmals in einem neuen Modus ausgetragen: Der Titel sollte­ in einem einzigen, entscheidenden ­Finale vergeben werden – statt wie früher an jene Sportlerin, die im Verlauf einer Saison die meisten Punkte gesammelt hatte. Für die Zuschauer versprach das deutlich mehr Spannung: Die besten fünf Surferinnen der Saison trafen beim Finale­ der Rip Curl World Surf League (WSL) im kalifornischen San Clemente an einem einzigen Tag in einer Art Showdown im K.-o.-System aufeinander – zuerst Fünfte gegen Vierte, die Siegerin gegen die Dritte und so weiter – bis zum großen Finale, in dem es dann in einem „Best of three“Match um den Weltcupsieg ging. Für Carissa Moore, die Surf-Ikone aus Hawaii und Führende im Weltcup, war das theoretisch eine b ­ eneidenswerte Ausgangslage: Sie hatte das Ticket für das Finale bereits in der Tasche, musste nur gegen eine einzige Konkurrentin gewinnen. In der Praxis hieß das ­allerdings auch: Es blieb ihr den ganzen Tag nichts anderes als – Warten. Zermürbendes Warten auf den alles ­entscheidenden Moment. Und wenn sie in diesem Augenblick nicht ihre beste Leistung würde abrufen können, dann könnte sie sich ihren fünften Weltcup-­Titel aufzeichnen – ein Risiko, das in e­ inem Showdown wohl nicht zu ver­meiden ist. Tapfer überstand sie die Wartezeit: mit Aufwärmen, Chillen und Musik über ihre roten Beats-Kopfhörer. Am Nach­ mittag erfuhr sie dann endlich, mit wem sie es im Finale zu tun bekommen würde: mit der in Brasilien geborenen, in Hawaii aufgewachsenen Tatiana Weston-Webb. 41


Surfen

In der ersten Runde schien es zu laufen wie immer. Gleich nach dem Startschuss erwischte Carissa Moore eine Welle und kassierte von der Jury Punkt um Punkt. Typisch. Es sah ganz nach einem glatten K. o. nach Runde zwei aus. Doch dann passierte das Unerwartete: Die Königin der Wellen kam, für sie ­völlig ungewohnt, aus dem Tritt. Davon wieder profitierte ihre Gegnerin: Tatiana WestonWebb wurde mit jedem Ritt besser und selbstbewusster. Nicht einmal 30 Sekunden vor dem Ende lagen die beiden Finalistinnen schließlich Kopf an Kopf, wetteiferten um eine Welle. Weston-Webb war um einen Hauch schneller und fuhr einen weiteren Punkt ein. Ein Rückstand, den Moore in den

Beim WM-Finale passiert das Unerwartete: Die Königin der Wellen verliert die Nerven. letzten neun Sekunden hektisch wett­ zumachen versuchte, jedoch: keine Welle weit und breit. Schlusspfiff. Und die ­bittere Erkenntnis, dass ihr, der Titel­ verteidigerin, die Nerven durchgegangen waren. „Ich wollte so schnell wie möglich gewinnen“, erinnert sich Carissa Moore im Facetime-Interview mit The Red Bulletin. „Ich wollte, dass es so schnell wie möglich vorbei ist.“

Blieben 35 Minuten bis zu Runde zwei. 35 Minuten für Schadensbegrenzung. Wichtigste Aufgabe: ihre Emotionen ­unter Kontrolle zu zwingen. Aber die ­Gedanken rasten: Jetzt musste sie die nächsten zwei Runden unbedingt ge­ winnen. Konnte sie das? Was, wenn sie scheiterte? „Das ist alles, wofür ich ge­ arbeitet habe“, sagte sie sich, „und jetzt bin ich hinten.“ Und plötzlich war da wieder die lästige Stimme in ihrem Kopf. Eine Stimme, die Carissa Moore nur zu gut von früher kannte. So gut, dass sie ihr sogar einen ­Namen gegeben hat: „Old Riss“ (also die „alte ­CaRISSa“, nach den mittleren Buchstaben ihres Vor­namens).

Szenen eines Rekord-Jahres. Bild ganz oben: Carissa Moore mit dem Siegerpokal ­ihrer fünften Surf-Weltmeisterschaft im September 2021 in San Clemente, Kali­ fornien. Darunter: Im Juli 2021 feiert Moore ihren Olympia-Premieren-Sieg in Japan.

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In den letzten Jahren hatte sie hart daran gearbeitet, Old Riss zum Schweigen zu bringen. Mühsam lernte sie, deren ­Gegenwart anzuerkennen und sich dennoch mit grundsätzlichem Wohlwollen zu begegnen. Jetzt aber war Old Riss wieder da, forsch wie eh und je. „Es war klar“, sagt Moore, „entweder ich gebe mich weiter der Abwärtsspirale des Selbstzweifels hin – dann kann ich es gleich bleiben­lassen. Oder ich beiße mich durch, kämpfe und gebe mein Bestes.“ Sie telefonierte mit ihrem Mentalcoach, dann holte sie sich Kraft von ­ihrem Vater und Trainer Chris und von ihrem Ehemann Luke Untermann. Der schaute sie mit Tränen in den ­Augen an und sagte: „Schatz, wenn eine das schafft, dann du!“ Das genügte, um mit freiem Kopf in die nächste Runde zu gehen. Was sie am Surfen so liebt, sind sowieso nicht die ­Titel oder Trophäen, die es zu gewinnen gibt; sondern dass sie sich damit aus­ drücken kann. Sie war ohnehin schon der Champion – egal was jetzt noch ­passieren würde. Und dann gewann Carissa Moore die nächsten beiden Runden so souverän, dass Old Riss die Luft wegblieb. Damit THE RED BULLETIN

GETTY IMAGES(2), RYAN MILLER/RED BULL CONTENT POOL

Wie bringst du die negative Stimme im Kopf zum Schweigen?


Surf pic KRAFT UND ELEGANZ ALS MARKENZEICHEN Carissa Moore in der Welle beim Mexico Open in Huatulco im August 2021


SURF-QUEEN MIT PUNCHING-POWER Carissa Moore beim Sandsack-Training in ihrem Open-Air-Gym, zu Hause im Garten auf der Insel Honolulu

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Moore zieht ihre Linien mit der Präzision einer Chirurgin. Ihre Tricks haben das Damen-Surfen revolutioniert. THE RED BULLETIN


Surfen

war der zweite Weltcupsieg in Folge in trockenen Tüchern, der fünfte insgesamt. Überhaupt war das Jahr 2021 der Hammer: Bei keinem Event der Meisterschaft war sie schlechter klassiert als Dritte, das Gelbe Trikot der Führenden musste sie keinen einzigen Tag ausziehen. Darüber hinaus gelang ihr beim Rip Curl Newcastle Cup in Australien mit einer 360-Grad-Drehung in der Luft eine der spektakulärsten Figuren, die je gezeigt wurden. Und dann gewann sie noch in Tokio die Goldmedaille beim allerersten ­olympischen Surf-Bewerb. „Das war vermutlich das erfolgreichste Jahr, das in diesem Sport jemals jemand hatte“, sagt Jessi Miley-Dyer, Wettbewerbsleiterin der WSL und früher selbst Profisurferin.

Ein Teenager im Rampenlicht

Oberflächlich betrachtet war das ja zu erwarten: Carissa Moore, 1992 geboren in Hawaiis Hauptstadt Honolulu, galt schon immer als Wunderkind. Mit fünf stand sie das erste Mal, angeleitet von ­ihrem Vater, am Waikiki Beach auf einem Surfboard. Schon bald sorgten Videos der Kleinen für Aufsehen in der Szene. Jessi Miley-Dyer, damals noch selbst ­aktiv, erinnert sich noch gut an das AhaErlebnis, als sie das unfassbare Mädchen sah, das Aerials (Tricks in der Luft), Fin Throws (bei denen das Surfbrett

fast senkrecht aus dem Wasser in die Luft ragt) und rasante Carving-Schwünge über hohe Wellen zeigte, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. „Wer ist das, bitte?, haben wir uns alle gefragt“, erzählt Miley-Dyer. Mit zwölf begann Moore, an Wett­ bewerben teilzunehmen. Die Folge ­waren elf Titel der National Scholastic Surfing Association (NSSA). 2010 stieg sie in die Profi-Liga auf; ein Jahr später wurde sie, noch Teenager, zum ersten Mal Weltcupsiegerin. Von Anfang an war sie das Maß aller Dinge: Moore reitet die Wellen mit ­einem makellosen Flow, gewürzt mit rhythmisch-kraftvollen Bewegungen an der Wellenkante, blitzschnellen Manövern in die „Pocket“, das Energiezentrum der Welle; um dann mit der Präzision ­eines Chirurgen eine saubere Linie über das „Face“, den ungebrochenen Teil der Welle zu ziehen. Und ihre radikalen Tricks haben das Damensurfen revolu­ tioniert: „Davor hat das einfach keine ­gemacht“, sagt Jessi Miley-Dyer. Aber es gibt erstaunlicherweise auch eine Kehrseite der Medaille, die zu leicht übersieht, wer nur flüchtig hinschaut. Zum Beispiel, dass Carissa Moore die ganze Pubertät über im grellen Licht der öffentlichen Beobachtung verbrachte. So bekam alle Welt mit, dass sie an Ess-

Tierische Freunde in glücklichen und schweren Zeiten: Carissa Moore in ihrem Wohnzimmer mit den Familienhunden Maya (li.) und Tuffy THE RED BULLETIN

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Surfen

störungen litt, und machte sich über ihre Figur lustig. Auf die Art bekam sie das Ge­ fühl, trotz ihrer Erfolge nicht gut genug zu sein. Überhaupt war die Identitäts­ findung eine echte Herausforderung. „Ich habe mir so viel Druck auferlegt, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen“, sagt sie heute. „Ständig habe ich mich gefragt: Wenn ich keine Wettbewerbe ­gewinne: Wer bin ich dann?“ Nach ihrem dritten Weltcup-Gesamt­ sieg im Jahr 2015 schlitterte Carissa Moore in ein Burnout. Damals musste

sie lernen, dass sich ihr Wert nicht nur über ihren Lebenslauf definiert. „Manch­ mal“, bilanziert sie heute, „muss man einfach noch einmal von vorn anfangen. In meinem Fall ging es darum, Liebe und Glück wiederzufinden. Und mir Zeit für Ruhe und ein gutes Leben freizuschaufeln.“ Check! 2017 heiratete sie ihre High­ school-Liebe Luke Untermann. Sie fand Zeit für Freunde und Familie, für Wan­ derungen in den Wäldern rund um ihr Haus in den Hügeln von Honolulu, fürs

Basteln und das Skateboardfahren mit ihren beiden Hunden Maya und Tuffy. 2018 gründete Carissa Moore „Aloha“, eine gemeinnützige Organisation, die das Ziel verfolgt, jungen Mädchen dabei zu helfen, sich zu starken, selbstbewuss­ ten und empathischen Menschen zu ent­ wickeln. „Aloha“ wie der hawaiianische Gruß, der unter anderem Liebe, Mit­ gefühl, Sympathie bedeuten kann und generell für die behauptete Gut­ mütigkeit steht, die Hawaiianern zu­ geschrieben wird. Wenn man Leute, die sie kennen, ­bittet, Carissa Moore in einem Satz zu beschreiben, dann fällt auch überdurch­ schnittlich oft dieser: „Sie ist ein guter Mensch.“ Moore hatte immer schon ein Händchen für überaus menschliche Überraschungen. Nach ihrem ersten Sieg auf der Profi-Tour 2010 in Neuseeland spendete sie das Preisgeld einem lokalen Surf-Verein. Und vor kurzem hielt sie als Dank dafür, dass das US-Surf-Team als Vorbereitung auf die Spiele in Tokio in Japan trainieren durfte, eine komplette Rede in der Landessprache.

Moores neue Mission: Mentorin für junge Frauen in den Wellen sein

Batterien aufladen auf Hawaiianisch: Ihre „grüne Kathedrale“ nennt Moore die Wälder rund um ihr Haus im Palolo Valley auf der Insel Honolulu.

„Ich möchte, dass man sich an mein Surfen erinnert, weil es positive Gefühle ausgelöst hat.“ 46

Sie ist jetzt 29. Viel mehr als sie kann man im Surfsport wohl nicht erreichen. Sie hat eine neue Generation von jungen Surferinnen inspiriert, die sich schon ­anschicken, den Sport noch einmal auf ein höheres Niveau zu heben. „Was die machen“, sagt Moore und lacht, „schaffe ich im Leben nicht mehr, und das ist in Ordnung.“ Nachsatz: „Aber es wäre schön, wenn ich noch ein bisschen mit ihnen mithalten könnte.“ Nach den Erfolgen 2021 fühlt sich ­Carissa erstmals in ihrem Leben frei. „Mir kommt vor“, sagt sie, „dass ich erst jetzt allmählich im Takt mit meinem persön­lichen und beruflichen Ich bin.“ Welche Ziele hat eine wie sie noch? Sie will zum Beispiel noch ihre Technik beim Backside Barrel Ride, dem schwie­ rigsten Trick von allen, verbessern. Und auch beim Surfen über die Riesenwellen am Strand von Teahupo‘o gebe es noch Luft nach oben. Ihre Wellenritte dort sol­ len noch flüssiger und radikaler werden. Doch am Ende, sagt sie, gehe es nur um eines: „Ich möchte, dass man sich später an mein Surfen erinnert, weil es positive Gefühle ausgelöst hat.“ Carissa auf Instagram: @rissmoore10 THE RED BULLETIN


DIE DURCHS FEUER GEHEN Firefighter sind harte Knaben, die weder Flammen noch ­Explosionen fürchten. Wer diesen Job macht, der liebt das Risiko, überall – doch ­nirgendwo ist er so gefährlich wie in Los Angeles, am viert­ größten Airport der Welt. Wir haben der viel­leicht ­besten Feuerwehr­einheit der Welt beim Training zu­ gesehen. Und eines können wir mit S ­ icherheit sagen: ­Diese Jungs wissen wirklich, was sie tun, wenn’s brennt. Text SCOTT JOHNSON Fotos JIM KRANTZ

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ARFF heißt die Eliteeinheit der Feuerwehr am Flughafen L. A. International. Das steht für „Aircraft Rescue and Firefighting“ – und dass der Job tatsächlich ein Kampf ist, wird bei jedem Training deutlich.


Feuer? Marsch!


Feuer? Marsch!

E

r sah die Boeing 767, als der Morgen dämmerte. Vielleicht hundert Meter tief, direkt über dem Los Angeles International Airport (LAX). So nahe, dass Michael Flores am Vordersitz seines Feuerwehr-Trucks fast jedes Detail erkennen konnte. Vor ein paar Minuten hatte ihr Kapitän einen Notruf an die Flugverkehrskontrolle am LAX abgegeben: linkes Fahrwerk defekt, Not­ landung unvermeidbar. Der Tiefflug war eine taktische Entscheidung. Die Einsatzkräfte sollten vom Boden aus den Schaden begutachten, den der Pilot im Cockpit nicht sehen konnte. Da war nur ein Haken: Flores sah nichts. Grund: Das Fahrwerk war nicht ausgefahren. „Gar nicht gut“, sagte der Feuerwehrmann rechts von Flores. Die Boeing 767 der FedEx-Frachtflotte b ­ efand sich ­eigentlich auf dem Weg nach Newark, New Jersey. Mit der gesamten Fracht an Bord wog sie mehr als 180 Tonnen. Wenn jetzt etwas schiefging, könnte diese Maschine am viertgrößten Flughafen der Welt ein Inferno auslösen. Flores, 51, war erst kurz davor nach dreißig Dienst­ jahren beim LAFD, dem Los Angeles Fire Department, zur ARFF gestoßen, der Eliteeinheit Aircraft Rescue and Firefighting am LAX. In Gedanken spielte er jetzt einen Fall von vor ein paar Jahren durch: Damals musste ein JetBlue-Flug von Burbank nach New York am LAX notlanden. Beim Aufsetzen auf die Landebahn stand das vordere Fahrwerk quer, und bis das Flugzeug zum Stillstand kam, waren die Vorderräder verbrannt und das Fahrwerk kaum mehr als ein schwelender Metallstumpf. Trotzdem hatte es keine Verletzten gegeben. Und heute? Als die 767 auf der 3940 Meter langen Landebahn 25R aufsetzte, schlug das linke Triebwerk auf der Landebahn auf, und sofort zogen Funken eine leuchtende Spur durch die Dunkelheit. Das Startsignal für Flores und den Rest des ARFF-Teams der Station 80: Sechs riesige Feuerwehrautos – eine Million Euro teure grüne Monster namens Panther, von der österreichischen Firma Rosen­bauer speziell für den LAX adaptiert, rasten jetzt auf die Startbahn. Vor Ort teilten sich die Feuerwehrleute in mehrere Teams auf: Eines holte den unverletzten Piloten mit einer Rettungstreppe aus dem Cockpit. Ein anderes Team kümmerte sich um den Co-Piloten, der sich in Panik an einem selbst zu­sam­men­geknoteten Seil aus dem Cockpitfenster abseilen ­wollte. Dabei stürzte er ab und verletzte sich beim Aufprall auf der Betonpiste am Bein. Immerhin ein vergleichsweise glimpflicher Ausgang des befürchteten Albtraumszenarios mit hunderten Toten und Schäden in Milliardenhöhe. Flores und seine Leute bereiten sich dennoch Tag für Tag auf die ultimative 50

­ atastrophe vor. Während die anderen FeuerwehreinheiK ten der Umgebung – davon zwei in unmittelbarer Nähe des LAX – für medizinische Notfälle und Brände innerhalb der acht Flughafen-Terminals zuständig sind, ist die Station 80 nur auf eine Art von Einsätzen spezialisiert: den Schutz der rund 700.000 Flugzeuge, die jedes Jahr den LAX passieren. Ausgelaufener Treibstoff, Rauch im Cockpit, ein seltsamer Geruch: Diese Warnzeichen können ­binnen Sekunden zu lebensbedrohlichen Feuersbrünsten führen. Denn jedes der im Schnitt 1900 Flugzeuge, die pro Tag am LAX starten oder landen, fasst zigtausende Liter hochentzündlichen Kerosins, ein vollgetankter zweistöckiger Airbus 380 sogar über 300.000 – und hat direkt daneben ein paar hundert Passagiere sitzen. Deshalb patrouilliert die Elite-Crew rund um die Uhr durch die labyrinthartigen Korridore der Start- und Landebahnen, stets bereit zum sofortigen Eingreifen. „Am LAX musst du immer zu hundert Prozent fo­ kussiert sein“, sagt Leonard Sedillos, ein sanftmütiger Kumpel­typ in der rauen Schale eines abgebrühten Feuerwehr-Profis, „denn deine ganze Karriere kann an einem einzigen Einsatz gemessen werden.“ Sedillos ist einer von mehreren Feuerwehrhauptleuten in der Station 80 und wacht mit der Selbstlosigkeit einer Glucke über seine Jungs. Auch wenn Zwischenfälle selten vorkommen, sind er und sein ARFF-Team dank der Kombination aus perfekt abgestimmtem Teamwork, hochmoderner Ausrüstung und jahrelanger Erfahrung für jeden vorstellbaren Unfall gerüstet – bis hin zur gigantischen Massenkatastrophe, die eine Stadt oder ein Land für Generationen prägen könnte. Präventionsarbeit und Katastrophentraining ­finden weitgehend im Verborgenen statt. Sie sind der ­Garant dafür, dass der Ernstfall niemals eintritt und jedes Jahr Millionen Passagiere sicher an ihr Ziel kommen.

Trainings so hart wie ein Einsatz

Die Feuerwehreinheit des LAX hat eine lange Geschichte – und sie war von Anfang an ein Experimentierfeld für kühne Zukunftsideen. So setzten die ersten ARFF-Ein­ heiten schon 1937 Hochdrucknebel zur Brandbekämpfung ein, zu jener Zeit ein revolutionäres Konzept. Damals wie heute: Die Eliteeinheit ARFF repräsentiert so etwas wie die Champions League der Branche. Nur wer jahre- oder jahrzehntelange Erfahrung aus Stadt- und U‑Bahn-Feuerwehreinheiten mitbringt, darf am 3000 Hek­ tar großen Mikrokosmos LAX in der Top-Liga mitspielen. „Wenn du als erfahrener Feuerwehrmann neu zu uns

Alles, was hier passiert, hat Auswirkungen auf die Flugwelt. Ein Zwischenfall am LAX löst Chaos aus. Auch bei uns. THE RED BULLETIN


Eric Johnson in einer ­ ause bei der EinsatzP übung in San Bernardino: Zwischen den Taktik-Trainings mit unerträglicher Hitze bleibt kaum Zeit zum Durchatmen.

Der Rosenbauer Panther kommt aus Österreich und ist so etwas wie der Ferrari unter den Feuerwehrautos. Er kostet eine knappe Million Euro und e­ rreicht 140 km/h.


Wer den Panther steuert, hat das Sagen – und ­vollen Überblick über alle technischen Details des Einsatzes.


Feuer? Marsch!

Auf Knopfdruck schießen aus dem Panther 15.000 Liter Wasser auf ein bren­nendes Flugzeug. Das kann reichen. Muss es aber nicht.

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Beim Training hier brennt eine leere Flugzeughülle, und das Team löscht den Brand mit Wasser. Bei einem echten Einsatz würden sie mit einem chemischen Brandbekämpfungsmittel, dem sogenannten „forever foam“, arbeiten, das den Sauerstoff bindet.


Feuer? Marsch!

48 Stunden dauert eine Schicht in der ARFF, bei ärgster Hitze und schlimmstem Stress. Trotzdem hat das Team keinerlei Nachwuchs­probleme.

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Feuer? Marsch!

Pflicht, Ehre, Gemein­ schaft sind die Werte, die die Firefighter zu­sam­men­ halten. Sagen sie. stößt, lernst du deinen Job nochmals von der Pike auf“, sagt Flores, der davor zwanzig Jahre lang bei der Stadtfeuerwehr von Los Angeles – durchaus wörtlich – durchs Feuer gegangen war. Der LAX, der pro Jahr 88 Millionen Passagiere abfertigt, ist so etwas wie eine Insel innerhalb von Los Angeles, eine Stadt in der Stadt. Spezielle Markierungen unterscheiden erlaubte von verbotenen Wegen, auch das Fahrverhalten der Spezialfahrzeuge muss berücksichtigt werden: Erst am Vortag war ein Feuerwehrmann mit seinem Panther fast vom Rollfeld gerutscht, weil das untersteuernde Monstrum aus der Kurve schob. Merke: Ein Panther-­Truck kann zwar auf 140 km/h beschleunigen, allzu beherzt gelenkt aber auch schon mit 25 km/h umkippen. Noch ein bisschen mehr Stress gefällig? Kann ein kleiner Zwischenfall am LAX nicht im Handumdrehen unter Kontrolle gebracht werden, gerät die gesamte Flugsituation in den USA und zum Teil auch weltweit aus dem Gleichgewicht. Aber nicht für Stunden. Für Tage.

Eine Ruheoase innerhalb der roten Hölle

Dass die Feuerwehrleute trotz ihres Heldenstatus relativ unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen können, hat einen praktischen Grund: Der beste Aussichtsplatz für Plane­ spotters befindet sich nicht am Flughafen, sondern etwas außerhalb am Imperial Highway. Hier finden sich jeden Tag – und noch mehr jede Nacht – hunderte Flugzeugfans ein, um die Show zu beobachten. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum die Feuer­ wehr-Profis „ihren“ Flughafen als Ruheoase innerhalb ­einer verrückten Welt empfinden. Warum sie den LAX (wohl auch wegen der Farbe ihrer Rosenbauer-Panther) „grüne Welt“ nennen. Er ist für sie das wohlgeordnete, friedliche Gegenstück zur chaotischen „roten Welt“ außerhalb der Flughafenzäune, zum Moloch L. A. mit seinen Obdachlosenlagern, Autounfällen und Verbrecher-Ver­ folgungsjagden. „Die rote Welt ist die Hölle“, sagt Flores’ Kollege Billy Barnes, Flugzeug-Nerd von Geburt an und Feuerwehrmann seit 21 Jahren. „Alle meine Kumpels ­wären lieber hier am LAX als draußen“, sagt er. Sein erster Stützpunkt war die Station 94 im sogenannten „Jungle“. Mitte 2021 landete Barnes auf Station 80, wo er am liebsten den Rest seines Berufslebens verbringen würde. Der Afroamerikaner, der mindestens zehn Jahre jünger aussieht, als sein Personalausweis behauptet, ist Amateur­ filmer und wandelndes Archiv der Einheit. In seiner Freizeit baut er Flugzeugmodelle für Sicherheits-Tutorials, rahmt Schwarz-Weiß-Fotos historischer Einsätze oder

Die ARFF ist so etwas wie der Cham­ pions-League-Sieger der Branche. Aber ein netter: Auf ihrem Trainings­ gelände bilden sie auch die Feuerwehr­­ einheiten anderer Flughäfen aus.

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1900 Flugzeuge pro Tag, 700.000 Flugzeuge im Jahr, insgesamt 88 Millionen Passagiere: Der LAX ist eine Stadt in der Stadt. Leute wie Firefighter Oscar Scott haben sie täglich im Blick.

­ ewahrt die schlimmsten Flugzeugunfälle der Geschichte b vor dem Vergessenwerden. Etwa mithilfe seiner Fotosammlung in der Ecke des Besprechungssaals, in dem er dreißig Jahre alte Zeitungsausschnitte aufgehängt hat: „Pilot tot, viele vermisst nach Feuer-Inferno in L. A.!“

Kein Fehler passiert zweimal

Über Traumata wie dieses reden die harten Jungs nicht gerne. Aber das heißt nicht, dass alle Einsätze spurlos an ihnen vorübergegangen sind. Barnes bekam zum Beispiel nie den Absturz einer Asiana-Airlines-Maschine am 6. Juli 2013 am San Francisco International Airport aus dem Kopf. Das Heck der Maschine war gegen eine Mauer geprallt und das Flugzeug in zwei Teile zerbrochen, drei Tote und 187 Verletzte waren zu beklagen. Aber das war damals noch nicht das Schlimmste: Den Feuerwehrleuten, die seinerzeit Dienst hatten, war ein folgenschwerer Fehler unterlaufen – sie hatten in der Hektik ein Opfer übersehen, das auf die Rollbahn geschleudert worden war, und überrollten es mit ihrem Feuerwehr-Truck. Bei der Autopsie wurde s­ päter fest­gestellt, dass die Person zu dem Zeitpunkt noch gelebt hatte. „Manchmal hört man von Kollegen, die in Depression verfallen oder sich das Leben nehmen, weil sie eine falsche Entscheidung getroffen haben“, sagt Barnes. „Dabei kann jedem einmal ein Fehler passieren. Aber kein Fehler passiert uns zweimal – wir lernen aus unseren Lektionen.“ Die Garantie dafür ist permanentes Training. An einem heißen, wolkenlosen Tag machen sich mehrere Mitglieder THE RED BULLETIN

Das Firefighter-Glossar

Fakten zum Einsatzteam des Flughafens in Los Angeles LAX: Los Angeles International Airport mit 3000 Hektar Fläche LAFD: Los Angeles Fire Department ARFF: Eliteeinheit Aircraft Rescue & Fire Fighting Working Group Panther: Großflughafenlöschfahrzeug, das 15.000 Liter Wasser und Löschschaum fasst Forever foam: chemisches Brandbekämpfungsmittel 1900 Flugzeuge starten/landen pro Tag am LAX Station 80: zuständig für den Schutz von ca. 700.000 Flugzeugen

der ARFF-Station 80 auf den Weg zum Flughafen von San Bernardino, hundert Kilometer östlich der Feuerwache. Hier trainieren oft Feuerwehr-Teams aus der ganzen Welt, etwa aus Nigeria, Kanada und Deutschland. Ein Dunstschleier verdeckt die nahe gelegenen San Bernardino Mountains. Am Programm steht heute ein so­genannter „live fire burn“. Auf einer riesigen Betonfläche in der Nähe von zwei riesigen Lagerhäusern stehen mehrere Reihen ausgemusterter Flugzeuge, bereit für die Schlachtbank. Der Schauplatz für die heutige Schulung: zwei leere Flugzeughüllen. Das größere Wrack liegt in einer kreisförmigen, mit Steinen gefüllten Grube von 16 Meter Durchmesser, gemeinsam mit 78 Gasleitungen, die unterirdisch mit einem mehr als 100.000 Liter fassenden Flüssigpropantank 57


Sie trainieren, als ob ihr Leben davon abhängen würde, und das tut es ja auch. Wenn’s brennt, dann muss alles so effizient und automatisiert sein wie bei einer Maschine.

Es ist ein Stressjob, aber ­keiner für junge Küken: ARFFFirefighter wie Eric Johnson (li.) und Paul Reyes hatten schon erfolgreich für andere Feuerwehren gearbeitet, ­bevor sie in die Flughafen-Truppe aufgenommen wurden.


Feuer? Marsch!

Wissen ist Speed. Und Sekunden können im Ernstfall den Unter­ schied ausmachen. Das ist das Wichtigste, was man am Airport wissen muss. v­ erbunden sind. Auf Kommando der diensthabenden Test-­Ingenieure geht die Grube in Flammen auf. Sofort lodert rund um das Flugzeug eine sechs Meter hohe Flammenwand auf und frisst sich durch den Flugzeug­ torso. Jetzt muss sich ein Sechs-Mann-Trupp von Feuerwehrleuten in die überdimensionale Feuerhölle wagen, geschützt durch feuerfeste Anzüge und ausgestattet mit Atemschutzgeräten. Das Team schließt einen Schlauch an den Rosenbauer-Panther, rückt weiter Richtung Brandherd vor und löscht die Flammen. Heute kommt dabei nur Wasser zum Einsatz, aber im Falle eines realen Brandeinsatzs wären Polyfluoro­alkyl-­ Substanzen (PFAS) die bessere Wahl. Der sogenannte ­„forever foam“, ein chemisches Brandbekämpfungs­mittel, bindet den Sauerstoff, das Lebenselixier der Flammen. In seltenen Fällen wird auch eine teure und hochgiftige Verbindung namens Halotron eingesetzt. Ihr Vorteil: Wird sie bei einem Cockpit-Brand eingesetzt, kommen empfindliche elek­trische Geräte nicht zu Schaden. Jeder der sechs grünen Lastwagen der Station 80 führt fast 15.000 Liter Wasser und weitere 4000 Liter PFAS mit. Wie der Stachel eines Skorpions lauert auf dem Geschützturm auf dem Dach der Trucks eine zwei Meter ­lange ­ausfahrbare Kanone, die ein Loch durch Metall schlagen kann – etwa um die Hülle eines Flugzeugs zu öffnen. Durch den Hohlraum können die Feuerwehrleute dann Wasser oder Schaum ins Innere pumpen. Wissen ist Speed. Und Sekunden können, wie Gonzalez seinen jüngeren Kollegen eintrichtert, in ­einem E ­ insatz den Unterschied zwischen Leben und Tod aus­machen. Als Faustregel gelten dabei 90 Sekunden: So lange haben die Einsatzkräfte im Schnitt Zeit, bevor ein Brand im Flugzeug den gesamten vorhandenen Sauerstoff zum ­Atmen verbraucht hat. Gelingt die Rettung nicht schnell genug, könnten Menschen sterben – als Erstes die Alten, die G ­ ebrechlichen, die Menschen mit einem Handicap. Und manchmal auch Feuerwehrleute. Sogar ein Training kann zum Ernstfall werden; so erlitt vor ein paar Jahren ein Feuerwehrmann während einer Ausbildungseinheit in San Bernardino ­einen Herzinfarkt. Zum Glück konnten ihm seine Kollegen das Leben retten.

Eiserne Entschlossenheit brennt nicht

Als einer der Verantwortlichen ist heute auch Hauptmann Leonard Sedillos am Trainingseinsatz in San Bernardino beteiligt. Aufgewachsen in einer Familie von Feuerwehrleuten, wusste Sedillos schon als Kind, dass er in die ­Fußstapfen seines Vaters treten wollte. Zu dessen Zeit mussten die Feuerwehrleute der Gefahr noch mit verTHE RED BULLETIN

gleichsweise primitiver Ausrüstung ins Auge blicken. Nicht selten traf man damals Kollegen, deren Ohren ­infolge übermäßiger Hitzeeinwirkung halb verbrannt ­waren. Atemschutzgeräte und feuerfeste Anzüge gab es nicht, und an den Beinen trug man normale Stiefel – ­keine stahlkappenbewehrten Sicherheitsstiefel wie heute. Nur das Berufsethos ist dasselbe geblieben: Pflicht, Ehre, Gemeinschaft. Sedillos verbrachte seine Kindheit in der Station seines Vaters, wo die Kollegen zur Familie gehörten und Tragödien und Triumphe gemeinsam durchlebt wurden. Heute verbringt Sedillos seine Nachtschichten sowohl in der „roten“ als auch in der „grünen“ Welt. Die Überstunden helfen ihm, seine Zwillingsmädchen durchs ­College zu bringen.

Starke Bande retten über den Ernstfall

Zwei Wochen später treffen wir die Crew wieder am LAX. Die Stimmung ist entspannt, trotzdem sind alle einsatzbereit. Es sind andere Zeiten, doch eine Familie ist Sedillos’ Team noch immer. Jedes Mitglied arbeitet in Schichten von 48 Stunden, verbringt also ein Drittel seines Lebens zusammen mit den anderen auf der Wache. Beim Kochdienst wechselt man sich ab – heute gibt es Pulled-PorkSandwiches, frisches Obst und Schokoladekuchen. „Das mag hier recht gemütlich aussehen“, sagt Sedillos, „aber wir sind jede Sekunde bereit für den Ernstfall, auch für eine Megakatastrophe.“ Denn jeder hier – Michael Flores, der gerade über Football redet, Billy Barnes, der lachend einen seiner ­legendären Witze reißt – hat schon Leben gerettet, Bewusstlose wiederbelebt, Schwerverletzte und Tote aus brennenden Wracks geschnitten. „Ich wollte was erleben – und das habe ich hier bis zum Überfluss“, sagt Barnes, „aber ich bleibe hier bis zu meinem letzten Arbeitstag.“ Draußen starten und landen die Flugzeuge, das Dröhnen der Düsentriebwerke verebbt zu einem angenehmen Hintergrundgeräusch. Flores beißt in sein Sandwich. „Wer hier bei uns anruft, hat normalerweise ein wirklich ernstes Problem. Und bei dem können wir ihm helfen, weil wir die Ausrüstung und Erfahrung dafür h ­ aben. Eigentlich ist das ein gutes Gefühl.“ Tony Guzman, das dienstälteste Mitglied des ARFFTeams, gibt seinen jungen Kollegen trotzdem gerne eine Warnung mit auf den Weg: dass die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das erhofft. Immer wieder ertappt er sich dabei, an Feuerkatastrophen vergangener Tage ­zurückzudenken. „Vergesst nie, dass jede Sekunde zählt. Und dass Menschenleben davon abhängen, dass ihr euren Job perfekt macht“, sagt er. Es ist diese Überzeugung, die alle diese Feuerwehrleute hier im Raum teilen. Fast eine Art Be­ sessenheit, die den LAX auch morgen wieder ein Stück ­sicherer machen wird.

QR-Code scannen und die Elite Squad in den „Stories in Motion“ auf theredbulletin.com ­hautnah bei einem feurigen Training erleben!

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Royal Racing


HIER LÄCHELT EIN WELTMEISTER

Ferdinand Habsburg in der Waschstraße, aktuell schnellster Österreicher im Sportwagen

Audienz in der Waschstraße Wir fahren auf eine All-inclusive-Wäsche mit FERDINAND HABSBURG, 24, dem Urenkel des letzten Kaisers von Österreich, Sieger der 24 Stunden von Le Mans, Langstrecken-Weltmeister und überhaupt einer ziemlich lässigen Socke. Text WERNER JESSNER

Fotos KONSTANTIN REYER

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Royal Racing

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as Lächeln seiner Hoheit, des Kaiser­ lichen Prinzen und Erzherzogs von Öster­ reich, Königlichen Prinzen von Ungarn, Böhmen und Kroatien, ist ein grund­ ehrlich herzliches an diesem frostigen Morgen unweit von Schloss Schönbrunn an einem Ort, der dem neuzeitlichen Pen­ dant einer Pferdeschwemme entspricht, im Volksmund: Autowaschstraße. Selbst ein herrschaftliches Gefährt bedarf ab und an der Pflege. Und so kombinieren wir das Profane mit dem Royalen: einer Audienz bei Ferdinand Zvonimir Maria Balthus Keith Michael Otto Antal Bahnam Leonhard Habsburg-Lothringen für die Länge eines dem Anlass entsprechend aufwendigen Premium-Waschgangs mit Heißwachs, Politur, Felgen- und Unter­ bodenspezial inklusive. In einem Tornado wirbelnder Wasch­ bürsten, zischender Aktivschaumdüsen und brüllender Ventilatoren, heimelig ge­ schützt in der Intimität einer elektrischen

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„Talent? Ich hatte vielleicht das Talent, zu bemerken, was mir gefällt.“ Mittelklasse-Kutsche, lernen wir einen offenen jungen Mann kennen, der eines ganz sicher nicht ist: jemand, der bloß aus Langeweile elterliches Geld in eine halbernste Rennsport-Karriere versickern lässt. Sondern einer, der sich Ziele steckt und diese mit Nachdruck verfolgt. Auch und gerade, weil ihm sein Name zwar ­einerseits viele Türen öffnet, andererseits den Druck noch erhöht. Dass man Ferdinand Habsburg, 24, sportlich ernst nehmen muss, ist spätes­ tens seit dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans 2021 unbestritten. Bei diesem legendären Rennen holte er sich mit sei­ nem Team den LMP2-Klassensieg in der

allerletzten Runde. Zur besseren Ein­ ordenbarkeit dieser Leistung: LMP2 ist die zweithöchste Auto-Kategorie bei Langstreckenrennen. Sie ist wirklich hart umkämpft, und der langhaarige Beau, der hier inmitten der wirbelnden Choreo­ grafie der Waschbürsten fotogen vom Fahrersitz grinst, ist nichts Geringeres als ein – sorry – waschechter Weltmeister. the red bulletin: Bist du ein Motorsport-Talent? ferdinand habsburg: Hätte ich nicht so gesagt. Ich interpretiere Talent so, dass jemand aus dem Stand gut ist, und das war bei mir nicht der Fall. Ich war obsessed und hatte vielleicht das Talent, zu bemerken, was mir gefällt. Auf diesem Gebiet habe ich voll investiert und war fünf Tage pro Woche auf der Kartbahn. Irgendwann habe ich dann die „talen­ tierten“ Kids überholt. Vielleicht war mein zweites Talent, schnell zu lernen.

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DER KAISER-URENKEL IM BÜRSTEN-WALD

„Es geht viel ums Gewinnen bei mir. Aber nicht immer. Und nicht immer nur.“


Wie im guten alten Eishockey-Spruch: „Hard work beats talent if talent doesn’t work hard“? (Harte Arbeit schlägt Talent, wenn das Talent nicht hart arbeitet.) Es gibt auch Talente, die hart arbeiten. Max Verstappen fällt einem da ein. Das ist der Idealfall. Es fällt auf, dass du dich von Anfang an mit hochkarätigen Mentoren, etwa Alex Wurz, umgeben hast. Warum? Alex war enorm hilfreich. Meine Familie kennt sich im Sport null aus, im Motorsport erst recht nicht. Wie baut man da eine Karriere auf? Wie lange bleibe ich im Kartsport, wann wechsle ich in ein 64

„Meine Familie kennt sich im Sport null aus. Wie baust du da eine Karriere auf?“

Formel-Auto? Alex hat mich mit Lechner Racing bekannt gemacht, die haben mich erstmals in ein Formel-4-Auto gepackt. Der Start meiner Karriere im Rennauto. Wie genau kam es zum Kontakt? Das war auf der Kartbahn, wo auch er mit seinen Söhnen unterwegs war. Mein Trainer Michi Fiedler war einst ein Gegner von Alex, und so sind wir ins Reden gekommen. Mit deinem familiären Background: In welchen Sparten hättest du leichter Erfolg haben können? Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre: Politik. Hat mich aber null interTHE RED BULLETIN


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essiert. Wenn es nach meiner Mutter ge­ gangen wäre: Kunst. Aber auch das war nicht meine Stärke. Ihnen war bald klar, dass ich so schnell weder Bundeskanzler­ noch Künstler werde, also haben sie mich machen lassen, wofür ich brannte, was mich wirklich faszinierte. Ich finde,­ sie haben alles richtig gemacht. Sie haben mich immer unterstützt bei dem, wofür ich brannte. Zuerst mit Liebe und Zu­ neigung, später auch finanziell. Wie funktionierst du in einem Team? Brauchst du Streicheleinheiten, um schnell zu sein? Was ich brauche, ist Spaß. Den Menschen in meinem Umfeld sollte bewusst sein, dass wir nur im Kreis fahren. Wenn man Rennfahren zu ernst nimmt, nervt mich das. Klar: Wir nehmen unsere Arbeit zu 100 Prozent ernst und geben auf der Rennstrecke 100 Prozent. Aber die Welt hängt nicht von unserem Tun ab.

(WIRKUNGSBE)REICH, IN DEM DIE SONNE NIE UNTERGEHT

Nächster Termin nach der Waschstraße am Hietzinger Kai 99 in Wien: die 24 Stunden von Daytona in Florida, USA

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Das denkst du dir beim legendärsten­ Langstreckenrennen der Welt in Le Mans, wenn es in der letzten Runde um den Sieg geht? Ich nehme das Rennfahren total ernst! Aber es gibt auch andere Themen, und die sind vielleicht wichtiger. Nein, ganz sicher sogar. Ich tu mir mit Menschen schwer, die 100 Prozent ihrer Zeit ins Rennfahren investieren, bei denen es links und rechts nichts anderes gibt. Wenn dein einziger Lebenszweck das Gewinnen ist, finde ich das schwierig. Du wirst nicht immer gewinnen. Okay: Es geht viel ums Gewinnen bei mir. Aber nicht immer. Und nicht immer nur. Beschreibe die letzte Runde in Le Mans. Zuvor hattet ihr viel Pech ­gehabt, danach viel Glück … So viel Pech hatten wir gar nicht. Wir haben 17 Stunden lang geführt, danach kam halt das Problem mit den kaputten­ Wagenhebern, die uns die Führung ge­ kostet haben. Also lautete unser Ziel, auf das Podium zu kommen. Ich war

„Lieber wäre ich bei den Mechanikern in der Box gewesen und hätte mit ihnen ein Bier getrunken.“ zu diesem Zeitpunkt zufrieden mit mir und unserer Leistung. Ich bin gut gefahren, habe die Führung ausgebaut und in dem Bewusstsein an meinen Partner über­geben, dass wir an diesem Tag die Besten waren. Dass uns in der letzten Runde durch das Problem des Führenden­der Sieg geschenkt wurde, war überraschend. Aber das nimmt man natürlich gern an. Was ging auf diesem ikonischen ­Podest, wo schon so viele große Rennfahrer gestanden waren, in dir vor? Ein 24-Stunden-Rennen ist mehr Team­ sport als alles andere, weil Mechaniker und Ingenieure so derart wichtig sind. Da oben wollte ich mich freuen, aber tief in mir wäre ich lieber bei den Mecha­ nikern gewesen und hätte mit ihnen in der Box ein Bier getrunken – oder aber sie alle mit aufs Podium genommen. Klar bin ich rumgehüpft, als ich oben war. Und als ich meine Mutter unter den Zuschauern entdeckt habe, war das schon ein spezieller Moment. War das der Moment, in dem deiner Familie klar wurde: Der Ferdinand geht einen seltsamen Weg, aber es ist sein Weg – ein guter, richtiger Weg? Das war ihnen schon länger klar, weil sie gesehen haben, wie viel ich in diesen Erfolg investiert habe. Ich denke, sie sind stolz auf meinen Weg. Der Erfolg ist da bloß die Bestätigung. Hatten deine Eltern je Angst, dass du dir im Rennauto ernsthaft wehtun könntest? Nein. Höchstens nach Unfällen, bei denen ich mich verletzt hatte. Danach haben sie vielleicht eine Woche oder so gestresst. 65


Royal Racing

Was steckte eigentlich hinter deinem von Künstlern bemalten Art-Car aus der Formel Renault, das heute in der kaiserlichen Wagenburg steht? Damals hatte ich noch keine Sponsoren, und das Budget kam von meiner Mutter.­ Ich wollte jedoch nicht mit einem un­ lackierten Auto rumfahren. Da meine Mutter sehr kunstaffin ist, habe ich sie gefragt, wer mein Auto gestalten könnte. So kam es zur Zusammenarbeit mit dem Schweizer Künstlerpaar Lang/Baumann. In der Anfangszeit hast du mit deiner Herkunft kokettiert und bist unter der Flagge von „Double Eagle Racing“ ­gestartet … Ich war fünfzehn Jahre alt. Da versucht man, sich selbst zu finden und zu ver­ stehen, was einem wichtig ist. Was ist Familie? Was bedeutet sie, welchen Ein­ fluss hat sie auf mein Leben? Das konnte ich durch Kreativität herausfinden. Double Eagle Racing war ein Produkt dessen. Man hätte das viel schlimmer machen können, finde ich! Für mich war das stim­ mig. Es zeigt, dass ich aus einer großen Familie komme, der ich mich nahe fühle – und trotzdem bin ich Rennfahrer. Fühlst du dich durch deine Herkunft privilegiert? Selbstverständlich. Nicht jeder hat die finanziellen Mittel, um eine RennfahrerKarriere zu starten. Ich habe viele Geschenke mit auf meinen Lebensweg bekommen. Für die bin ich sehr dankbar, und ich versuche, möglichst respektvoll damit umzugehen und das Maximum daraus zu machen. Kannst du selbst an einem Auto schrauben? Mich als Mechaniker einzustellen wäre vielleicht ein Fehler (lacht). Ich habe vier Jahre lang in England gelebt, um meinem damaligen Rennteam Carlin näher zu sein. Da habe ich mir durchaus solides technisches Wissen angeeignet, um Rennautos zu verstehen und schnel­

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„An RennSonntagen stehe ich extra früher auf und besuche die Morgenmesse.“ ler zu machen. Und mir ist wichtig, die harte Arbeit der Mechaniker nicht nur zu schätzen, sondern auch zu wissen, was sie genau tun. Hattest du Rennfahrer-Vorbilder? Als Kind hatte ich einen SchumacherOverall. Aber Mika Häkkinen fand ich richtig cool. Tolle Persönlichkeit. Mit siebzehn habe ich ihn persönlich ge­ troffen, und der Kindheitseindruck hat sich total bestätigt. Zu wem siehst du im aktuellen Fahrerfeld von Le Mans auf? André Lotterer ist ein großer Name auf der Langstrecke. Und für mich ist Richard Lietz einer der Allerbesten, seit einem Jahrzehnt die Benchmark im Porsche. Sein Können wird völlig unterschätzt, finde ich. Der liefert seit Jahren einen Bombenjob ab und fliegt noch immer unter dem Radar. Aber in Le Mans ist er eine Legende – völlig zu Recht. Ein Zitat deines Urururgroßonkels Franz Joseph nach dessen erster Auto­ fahrt, wohl 1908: „G’stunken hat’s, und g’sehen hat man nix.“ Wenn du ihn, mehr als hundert Jahre danach, treffen könntest: Wie würdest du ihm Autofahren beschreiben? Vielleicht würde ich ihm das Glück einer Welt schildern, die so frei ist, dass man eine Karriere als Rennfahrer haben kann. Und wenn er darauf beharren würde, dass das Pferd doch noch immer das Fortbewegungsmittel der Wahl sei? Ich finde es beeindruckend, wie man mit nur einem PS so viel beeinflussen konnte. Das würde ich ihm sagen. Ein so großes Reich von einem Pferd aus zu führen – dazu braucht es schon was. Ich würde mit ihm wahrscheinlich nicht übers

­ utofahren reden, sondern ihn eher A fragen, wie er so einen starken Glauben bekommen hat. Auch du bist deklariert religiös. Am Sonntag hast du die Wahl: ­Kirche oder Cockpit. Wie löst du das? Gar kein Problem. Ich mache immer beides. Echt jetzt? Klar. Man findet immer eine Morgen­ messe um sieben Uhr oder so. Du stehst eine Stunde früher auf, um in die Kirche zu gehen? Eine Stunde Schlaf bringt mir weniger, als das zu tun, was mir wichtig ist. Wenn du eine Stunde früher aufstehen müsstest, um, sagen wir, ein glutenfreies Früh­ stück zu bekommen, weil es dir guttut, dann würdest du das selbstverständlich machen. So sehe ich das. Die Messe ist mein Frühstück für die Seele. Meistens bin ich der einzige Motorsportler in der Morgenmesse. Mittlerweile weiß ich auf jeder Rennstrecke, wo das nächste Gotteshaus mit Morgenmesse ist. Bloß bei 24-Stunden-Rennen verschiebe ich das auf den Montag. Hast du ein Tattoo? Nein. Wahrscheinlich würdest du dir ein Kreuz tätowieren lassen, oder? Nein! (Langes Lachen.) Wenn ich mir ­etwas stechen lassen würde … nein, ­lassen wir das! Zu privat. Einer deiner zehn Vornamen ist Keith. Wurdest du eigentlich nach Keith Richards oder Keith Haring benannt? Müsste ich meine Mutter fragen. Hoffe doch Richards! Dein Manager Jamie Campbell-Walter war nicht nur selbst Rennfahrer, ­sondern ist auch mit dir verwandt. Wie genau? Er ist der Cousin meiner Mutter. Wir kannten uns von Familientreffen in Schottland, so mit Schottenrock und

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GUTE FIGUR

macht Ferdinand in jedem Auto. Sportlich hat er in der Sport­wagen-WM auf der Langstrecke seine Heimat gefunden.

allem Drum und Dran. Er war NissanWerksfahrer und hat mich bei meinem letzten Rennen mit Lechner Racing be­ sucht. Er stand am Ende seiner aktiven Karriere und bot an, mir unter die Arme zu greifen. Ohne seine Hilfe wäre ich wahrscheinlich ein paar Jahre auf Amateur-Level weitergefahren, hätte den Schritt zum Profi aber nicht geschafft. Dazu braucht man jemanden, der das Business versteht und die Tools für den nächsten Schritt kennt: Wie wirst du nicht verarscht oder übers Ohr gehauen? Mit achtzehn hätte ich mir nie zugetraut, einen Formel-3-Vertrag zu verhandeln. Oder einen Sponsoring-Deal mit VW für

„Manchmal brauche ich eine Umarmung. Manchmal einen Arschtritt.“

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Motoren. Das hat Jamie für mich erledigt und mich durch das Haifischbecken geleitet. Er hat meine Hand genommen und war entscheidend für meinen Erfolg. Wie ist euer Verhältnis? (Ganz lange Pause.) Da ist von allem ­etwas dabei. Manchmal braucht man eine Umarmung oder jemanden, mit dem man lachen kann. Manchmal einen, der dich in den Arsch tritt. Manchmal jemanden, der dich vom Boden aufhebt und an die Truck-Wand drückt. Alles passiert, mehrfach. Meine Eltern sind beruflich sehr eingespannt und hatten nicht die Zeit, um Motorsport kennenund verstehen zu lernen. Sie haben verstanden, wie man einen jungen Burschen lebenstüchtig erzieht. Den Sportler Ferdinand hat Jamie geformt. Konntest du ihm von Anfang an ver­ trauen? Es laufen ja auch genügend windige Manager auf den Renn­ strecken der Welt rum. Hilfreich war, dass meine Mutter ihm zu 100 Prozent vertraut. Plus: Ich konnte ihn nicht loswerden, da er Teil der Familie ist. Daher war er immer komplett ehrlich und hat nie geschummelt. Er hat mir alles ins Gesicht gesagt, denn ich konnte ihn ohnehin nicht rausschmeißen. Er kann nur freiwillig gehen, wenn er will.

Was zeichnet einen guten Lang­ streckenpiloten aus? Konstanz. Dass deine Rundenzeiten im Schnitt gut sind, ungeachtet dessen, was sich auf der Strecke tut. Diesbezüglich ist die LMP2-Klasse nicht einfach, denn unsere Autos sind schneller als die der kleineren Kategorien, aber langsamer als die der LMP1-Kategorie. Wir müssen also überholen und werden überholt. Sich flüssig im Verkehr zu bewegen ist eine wichtige Kompetenz bei uns. Wie sieht dein Kalender für 2022 aus? Ähnliches Programm wie 2021, anderes Team. Etwa acht Langstreckenrennen in der LMP2-Kategorie, darunter die 24‑Stunden-Klassiker in Daytona und Le Mans. Erfahrungsgemäß kommt der eine oder andere Gast-Start bei anderen Serien dazu, plus der Einsatz als F1Experte im Fernsehen. Wo siehst du dich in fünf Jahren? In einer Waschstraße natürlich. ­(Schallendes Lachen.) Ferdinand auf Instagram: @fhabsburg62

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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

KONSTANTIN REYER

IM SCHLEUDERGANG

Eine wilde Kajak-Fahrt durch das Soča-Tal in Slowenien mit Wildwasser-Profi Adrian Mattern

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GUIDE Reisen

„An manchen Stellen sieht es hier aus wie im Urwald von Ecuador.“ Kajak-Ass Adrian Mattern, 26, erzählt über die Schönheit der Natur im slowenischen Soča-Tal.

D

as Beste kommt zum Schluss: Kurz vor dem Ende geht es in die „Große Schlucht“. Das ist meine Lieblingsstelle auf der Soča. Der Fluss wird dann für knapp zwei Kilometer schneller, von beiden Seiten rücken die Felswände näher und näher, und immer wieder gibt es bis zu drei Meter hohe Was­ serfälle, die du hinabstürzt. Zum Durch­ atmen bleibt keine Zeit, denn das nächste Hindernis wartet schon: fünf bis sechs Meter hohe Steine, die aus dem Wasser ragen. Großartig! Die sind perfekt, um meinen „Cobra Flip“ zu üben – einen Trick, bei dem ich das Kajak in der Luft einmal ganz um die eigene Achse drehe. So was macht man eigentlich bei größeren Wasserfällen, es geht aber eben auch an solchen Brocken, die ich dafür als Sprungschanze benutze.

Wasser marsch: Adrian Mattern auf der 4,4 Kilometer langen „Abseilstrecke“

Kreativ im Kajak Ich gehe Hindernisse gerne kreativ an. Deshalb benutze ich für solche Aktionen wie den Cobra Flip einen „River Runner“, das ist ein etwas kürzeres Kajak. Es ist zwar nicht so ­stabil, dafür bin ich wendi­ ger. Ich will a ­ nders Kajak fahren als die anderen. Deshalb schaue ich mir auch an­ dere Sport­arten wie Freestyle-Skifahren und Skateboarden als Inspirationsquelle an: Interessant ist für mich, wie die Pro­ bleme lösen. Nur weil man bisher auf eine bestimmte Art Kajak gefahren ist, muss das ja nicht immer so sein. 78

Adrian Mattern ist unser Guide auf einem der schönsten Flüsse Europas – der Soča. THE RED BULLETIN


Jesenice Kobarid

So

ča

GORIŠKA

Laibach

Slowenien

Anreise

Vršič-Pass, einen 1611 Meter hohen Gebirgsübergang, von dem aus man einen atem­beraubenden Blick auf die Julischen Alpen hat. ­Danach führen 50 Haar­ nadelkurven schließlich ins Soča-Tal.

Mit dem Auto: Von Villach erreicht man nach nicht einmal einer halben Stunde Fahrt die slowenische Grenze am Wurzenpass. Achtung, Vignette nicht vergessen (1 Woche: € 15). Von dort geht es weiter über den

Mit der Bahn: Die Fahrt von Villach zum nächst­ gelegenen Bahnhof Most na Soči dauert 3 Stunden (Ticket: € 15,70). Von dort geht es mit dem Bus nach Bovec – oder 20 Kilometer mit dem Taxi bis Kobarid.

Für Flieger und Camper Keine Lust auf Kajak? Oder keinen Schlafplatz? Kein Problem. PARAGLIDING Im Soča-Tal herrscht unter anderem aufgrund seiner Nähe zum Meer eine besondere Thermik. Dadurch kann man hier sehr lange Gleit­ schirmflüge machen. Ein überaus beliebter Startplatz dafür ist zum Beispiel der Berg Stol (1400 m) bei Kobarid. Infos: soca-valley.com

KONSTANTIN REYER, ALEŠ FEVŽER/WWW.SLOVENIA.INFO PROTOKOLL: MAXIMILAN REICH

Hier fahren Anfänger & Profis Die Soča entspringt einer Karstquelle oben in den Julischen Alpen im slowenischen Nationalpark Triglav und fließt bis in die Adria – wobei der Fluss aber nur zwischen den Ortschaften Trenta und ­Tolmin für Wassersportler interessant ist, weil er danach zu flach wird. Dieser Teil ist in zwölf Streckenabschnitte unterteilt. Da sind a ­ lle Schwierigkeitsstufen von 1 (leicht) bis 5 (sehr anspruchsvoll) dabei. Anfängern empfehle ich die fünf Kilometer lange „Hausfrauenstrecke“ (Stufe 1) mit Einstieg an der Brücke von Čezsoča. Das Wasser ist hier sehr fair – das heißt, es versperren keine Steine den Weg, und der Fluss ist ruhig und relativ tief. Wenn THE RED BULLETIN

Das Tal eignet sich auch gut zum Paragliden (o.). Unten: Adrian ruht sich nach der Kajak-Session im Ford Transit Custom Nugget aus.

CAMPING In Kobarid betreibt Jakob Koren das Camp Koren, eine beliebte Anlaufstelle für Kajak-Fahrer. Hier stört es niemanden, wenn man seine Sachen zum Trocknen zwischen den Bäumen aufhängt. Außerdem befindet sich das Camp direkt am Ende der „Abseilstrecke“. Wer am Abend noch schnell eine Runde fahren möchte, braucht bloß eine Mitfahrgelegenheit zum Strecken­ anfang – und kann am Ende direkt beim Camp aus dem Kajak aus­ steigen. Es gibt WLAN und eine CrossFit Box, die so gut ausgestattet ist, dass hier sogar manch slowenischer Profi-Skifahrer trainiert. campingplatz-koren.de

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GUIDE Reisen

Size matters: Adrian Mattern benutzt das kurze Kajak-Modell „River Runner“, um wendiger zu sein.

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Schwierigkeiten im Wildwasser heranzutasten. Wer so was sucht, steigt einfach erst bei der „Blauen Lagune“ ein.

„Die Soča hat prak­ tisch das ganze Jahr über genug Wasser zum Kajakfahren.“ Adrian Mattern, 26, Kajak-Profi

Manchmal ist es auch schön, sich einfach treiben zu lassen und die Landschaft zu genießen. Allein die Farbe des Wassers ist spektakulär. Grünalgen und Kalkpartikel verleihen ihm einen grün-bläulichen Schimmer. Ringsherum thronen die Gipfel der Julischen Alpen. Das weiße Karst­ gestein in der Region kann den Regen besonders gut speichern und übers Jahr verteilt lange abgeben. Das hat zwei Vorteile: Zum einen hat die Soča praktisch das ganze Jahr über genug Wasser zum Kajakfahren. Und die Vegetation ist dadurch extrem grün. Manchmal sieht es aus wie im Urwald. Das erinnert mich dann sogar ein bisschen an Ecuador, wo ich 2016 einen Kajak-Trip gemacht habe. Mehr über Adrian Mattern: Instagram: @adrianmatternkayak THE RED BULLETIN

PROTOKOLL: MAXIMILAN REICH

Südamerika in Europa

KONSTANTIN REYER

man einmal umkippt, haut man sich nicht gleich den Kopf am Grund an. Hier kann man super Kehrwasser fahren üben – also wie man aus der Strömung herauskommt und an Land anlegt. Fortgeschrittene haben auf der ­„Slalom-Strecke“ (Stufe 4) bei Trnovo ihren Spaß. Die heißt so, weil hier auch das slowenische Kajak-Team trainiert. Hier schauen schon mehr Steine aus dem Wasser, und immer wieder be­ gegnet einem eine Stufe. Dafür ist die Strecke mit 700 Metern aber auch nicht so lang. Wer dabei schon an seine Grenzen stößt, steigt am Ende lieber aus. Denn nach der Slalom-Strecke kommt die Große Schlucht, die herausforderndste Passage auf der Soča. Direkt im Anschluss folgt die „Abseilstrecke“ (Stufe 3–4) – ein Geschenk für Profis, die aus der Großen Schlucht kommen. Der Fluss wird hier wieder ­etwas breiter und die Stufen kleiner. Ein schöner Abschnitt zum Cooldown – oder um sich langsam an größere


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GUIDE Trailrunning

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THE RED BULLETIN


Trailrunning-Termine 2022 Auf schmalen Pfaden durch die Natur, den Fokus auf den nächsten Schritt. Die Herausforderung wartet. 6

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Am Trail musst du nicht schnell sein, du musst nur da sein.

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5. bis 7. Mai INNSBRUCK ALPINE TRAILRUN FESTIVAL Vergiss Vorsätze, schaffe Routinen. Etwa 45 Prozent der Tätigkeiten, die wir täglich ausführen, sind Gewohnheiten. Wer oft und gerne im Gelände läuft, ist hier richtig: Zum siebten Mal läutet das Innsbruck Alpine Trailrun Festival die Laufsaison ein – mit Streckenlängen zwischen 7 und 110 Kilometern sowie bis zu 4.800 Höhenmetern. Mehr dazu auf innsbruckalpine.at

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THE RED BULLETIN

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23.– 25. September WOMEN’S TRAIL zellamsee-kaprun.com/de/ events/womens-trail 21.– 23. Oktober SALZBURGER ­TRAILRUNNING FESTIVAL trailrunning-festival.at 83


GUIDE Lesestoff

MYTHISCHE FANTASY

Der schreckliche John Mit seiner Wikinger-Saga liefert der britische Erfolgsautor John Gwynne den Beweis dafür, dass es nicht nur blutige Anfänger, sondern auch blutige Meister gibt.

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ls Ende 2020 ruchbar wurde, dass John Gwynne an ­einer mythischen Wikinger-Saga arbeitet, da schnalzten Connaisseurs genüsslich mit der Zunge. Denn wiewohl Gwynne hierzulande noch immer als Geheimtipp gehandelt wird, hat der 1968 geborene britische Autor schon mehrfach bewiesen, dass er ganz genau weiß, wo der Hammer hängt – eine ­Eigenschaft, die im finsteren Norden des Frühmittelalters

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ausgesprochen zweckdienlich ist. Bereits sein erster Fantasy-Zyklus „Die Getreuen und die Gefallenen“ ließ kaum Zweifel daran, dass Gwynne sich mit Leib und Seele der belletristischen Stahlver­ arbeitung verschrieben hat. Unter den bezeichnenden Einzeltiteln „Macht“ (2012), „Bosheit“ (2014), „Jähzorn“ (2015) und „Ungnade“ (2016) servierte er auf insgesamt rund 3500 Seiten eine üppige, mit allerlei martialischen Fabelwesen garnierte Schlacht-

platte, die nicht nur mächtig Spaß macht, sondern auch ­einen – in diesem Genre – überraschend hohen literari­ schen Nährwert bietet. Für einen ausgewiesenen Meister des Gemetzels hat Gwynne ein erstaunlich feines Gespür für das Grobe. Vor allem bei der Entwicklung seiner gut ausbalancierten Charak­tere zeigt sich, dass er mit der Feile ebenso gut umzugehen weiß wie mit dem Hobel. Das sahen die Juroren des renommierten David Gemmell THE RED BULLETIN

VINZ SCHWARZBAUER

Text JAKOB HÜBNER


„Nordnacht“, Kapitel 1, erster Absatz: „Der Tod ist ein Teil des Lebens“, flüsterte Orka ihrem Sohn ins Ohr. Obwohl Breca mit dem Eschenspeer in seiner kleinen verkrampften Faust weit ausholte und auf das Rentier vor ­ihnen zielte, sah sie das Zögern in seinen Augen, bemerkte es an seinem verbissenen Kiefer. Er ist zu weich für diese Welt des Schmerzes, dachte Orka.

Awards offenbar ähnlich und zeichneten Gwynne 2012 für das beste Fantasy-Debüt des Jahres aus. Spätestens nach dem Erscheinen seiner zweiten R ­ omanserie, der Trilogie „Blut und Knochen“, die er 2020 abschloss, machte in der Fantasy-Community auch international eine Erkenntnis die Runde: Wenn John ­Gwynne seine Esse anheizt, ist epische Weißglut angesagt. Beste Voraussetzungen, um sich literarisch in e ­ iner Kultur auszutoben, in der das Spalten eines Schädels bekanntlich nur deshalb mora­ lische Bedenken aufwirft, weil man den Schädel danach nicht mehr als Trinkgefäß ­verwenden kann. Wohlan! „Nordnacht“, der erste Teil von Gwynnes heroischer ­Wikinger-Saga „Die Blut­ geschworenen“, erschien auf Deutsch Ende 2021. Der zweite Band ist für Herbst 2022 angekündigt, Teil 3 soll Mitte 2023 folgen. Und ja, die eingangs erwähnten Zungenschnalzer wurden definitiv nicht enttäuscht. Diese Story kommt mit einer Wucht daher, die einem den Hintern so tief in den Lesesessel drückt, dass man dessen Konturen auch noch am nächsten Tag erkennen kann. Formal vertraut Gwynne auf sein erprobtes Rezept und entwirft die Geschichte aus den Perspektiven verschiedener Protagonisten, die zunächst einmal nichts miteinander zu tun ­haben. Diesfalls sind es drei Erzählstränge, die sich erst im Verlauf der Handlung zu THE RED BULLETIN

­ inem Zopfmuster finden: e ­Orka, eine Art nördliche Amazone, deren latenter Hang zum Blutdurst sich durch die Entführung ihres Sohnes zu einer wahren Elegie der Mordlust steigert. Varg, ein entflohener Sklave mit flinken Fäusten, der nicht einmal ahnt, was tatsächlich in ihm steckt. Und Elvar, eine junge Frau aus ­einem Herrscherhaus, die sich trotzig einer Horde verwegener Kopfgeldjäger anschließt. Neu hingegen ist das Setting: Dadurch, dass Gwynne die High-Fantasy-Elemente, die er bisher freihändig aus der Luft gezaubert hat, diesmal im Narrativ der nordischen Mythologie erdet, bekommt das Ganze einen Spin, dem man mit etwas Großmut auch intellektuell etwas abgewinnen kann – was freilich nichts daran ändert, dass „Die Blutgeschworenen“ vor allem ein brachiales Action-Spektakel ist, in dem die Wurfäxte tief fliegen und Hiebwaffen wie der Scramasax sehr oft an die frische Luft kommen …

JOHN GWYNNE „Nordnacht“ – Die Saga der Blutgeschworenen 1 Deutsch von Wolfgang Thon (Blanvalet)

BUCHTIPPS

Kalt erwischt Wikinger-Überfall auf die Bestsellerlisten: vier heiße Eisen aus der Schmiede der historischen Spannungsliteratur.

BERNARD CORNWELL Mit einer Gesamtauflage von über 30 Millionen Exemplaren ist der britische Bestseller­ autor Bernard Cornwell, 78, eine absolute Instanz des historischen Abenteuerromans. Warum das so ist, kann man u. a. in seiner großartigen „Uhtred-Saga“ nachlesen, die auch die Basis für die NetflixSerie „The Last Kingdom“ ­liefert. Spannender lässt sich Geschichtsunterricht nicht gestalten. „Das letzte Königreich“ (rororo)

BJØRN ANDREAS BULL-HANSEN Er sieht aus wie ein Wikinger, er lebt wie ein Wikinger und er schreibt wie ein Wikinger. Nebenbei ist Bjørn Andreas Bull-Hansen, 49, mehr­ facher norwegischer Meister im Kraftdreikampf sowie ­Survival-Blogger. Dementsprechend ist seine „Viking“Saga (Best­seller!) nicht nur extrem s­ pannend, sondern auch ­extrem authentisch. „Viking – Eine ­Joms­wikinger-Saga“ (Penguin)

GILES KRISTIAN Halb Norweger, halb Brite. ­Giles Kristian, 47, wurde der Kampf der Wikinger quasi in die Wiege gelegt. Seine „Raven“-Trilogie schlug bei Genre-Fans kratermäßig ein. Stilistisch mag da noch Luft nach oben sein, die erzähle­ rische Stoßrichtung passt aber. Und alle, die bei Kristian Blut lecken, kriegen mit ­dessen ebenso erfolgreicher „Sigurd“-Serie einen art­ gerechten Nachschlag. „Raven – Blutauge“ (Heyne)

LEO CAREW Obwohl sein von der Kritik gefeierter „Under the Northern Sky“-Zyklus im Reich der historischen Fantasy angesiedelt ist, erweckt der 1991 geborene britische Newcomer darin eine faszinierend realistische Kultur zum Leben. Liegt wohl daran, dass Leo Carew ­studierter Anthropologe ist. ­Bisher erschienen sind „Wolfsthron“ und „Der dunkle König“, Teil 3 ist gerade in Arbeit. „Wolfsthron“ (Goldmann)

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GUIDE Biohacking SCHNELLER BERUHIGEN

Die Energie der Fingerspitzen Profi-Biohacker Andreas Breitfeld verrät uns jeden Monat einen Trick, der dein Leben verbessert. Dieses Mal: wie du Nervosität wegklopfst.

Nervös? Mit zwei Fingern auf die rot markierten Stellen (wie hier die Handaußenseite) klopfen – das beruhigt. Amygdala

Meridian

Nebennieren

Nachrichtennetz im Körper

ANDREAS BREITFELD, 49, ist Deutschlands bekanntester Bio­hacker. Er forscht in seinem speziellen Lab in München. BIOHACKING umfasst, ver­einfacht gesagt, alles, was Menschen eigenverantwortlich tun können, um Gesundheit, Lebensqualität und Langlebigkeit zu verbessern.

Wieso mache ich das?

Unser Körper ist von Energiebahnen überzogen, die man Meridiane nennt. Sie landen allesamt am gleichen Ort, der Amygdala, also in jenem Teil unseres 86

DIE BIOHACKING-PRAXIS Der Performance-Lifestyle-Podcast für alle, die mehr über Biohacking (und sich selbst) erfahren wollen. QR-Code scannen und reinhören. THE RED BULLETIN

ANDREAS BREITFELD

­ ehirns, in dem die Emotionen verwaltet G werden. Je nachdem, an welcher Stelle des Körpers ich durch sanftes Klopfen den Fluss der Meridiane anrege, kann ich diese Emotionen auf magische Weise beeinflussen. Durch das rhythmische Klopfen auf die Energiebahnen wird das limbische System (zu dem die Amygdala zählt) abgelenkt, in der Folge weiten sich die Gefäße, Herzfrequenz und Blutdruck sinken. Außerdem wird die Produktion des Stresshormons Cortisol reduziert. Bereits nach wenigen Minuten ist der ­Effekt mess- und vor allem spürbar.

PRIVAT

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ugegeben, auch in meinem Leben gibt es immer wieder Situationen, in denen das Reptilienhirn das Steuer übernimmt. Ruhiges Reflektieren, nüchternes Analysieren? Fehlanzeige. Nervosität, Stress, Panik, Kampf-oderFlucht-Modus. Wenn konzentriertes ­Atmen (noch) keine beruhigende Wirkung zeigt, setze ich auf die wundersame Heilkraft des Klopfens, auch „Tapping“ genannt. Das sieht von außen einigermaßen, hm, seltsam aus: Ich sitze da und klopfe mit Zeige- und Mittelfinger minutenlang auf ein und dieselbe Körperstelle.

SASCHA BIERL

Die Amygdala ist der Hauptbahnhof aller zwölf Meridiane (Energiebahnen) im Körper. Sie ist unter anderem für die Steuerung der Emotionen ­zuständig. Durch rhythmisches Klopfen auf spezielle Körperstellen erhält die Amygdala ­beruhigende ­Signale. Und weist dann ihrerseits die Nebennieren an, die Produktion des Stresshormons Cortisol zu stoppen.


GUIDE Playlist DAVID MORALES

„Musik hat mein Leben gerettet“ Der US-DJ und -Produzent hat Anfang des Jahres ein neues Album vorgelegt. Hier verrät er uns vier Platten, die er seit seiner Jugend liebt.

WILL LAVIN

Vor tausenden Fans auflegen, fette ­Privatjets und Millionen Euro Gage: Das Phänomen der Superstar-DJs tauchte in den 1990ern auf. Einer der bekanntesten ist der gelernte Koch David Morales, der als Produzent für seine dynamischen House-Tracks bekannt wurde und es 1998 als „Remixer of the Year“ bis zu einem Grammy schaffte. Er hat unter anderem Alben für Michael Jackson, Madonna und Jamiroquai ­produziert und remixt. Der 59-jährige gebürtige New Yorker mit puerto-­ ricanischen Wurzeln meldet sich nun nach über einem Jahrzehnt zurück: mit dem Album „Life Is a Song“, einer Ode an die Musik und den Einfluss, die sie auf sein Leben hatte. „Musik ist ein wirklich wichtiger Teil meines Lebens“, sagt Morales ohne Umschweife, „sie hat mir das Leben gerettet.“ An vier Tracks, die seine Jugendzeit geprägt haben, erinnert er sich hier.

QR-Code scannen und David Morales’ Lieblingsscheiben seiner Jugend lauschen. djdavidmorales.com

THE JACKSON 5

THE O’JAYS

DOUBLE EXPOSURE

THE JIMMY CASTOR BUNCH

ABC (1970)

PUT YOUR HANDS TOGETHER (1973)

TEN PERCENT (1976)

IT’S JUST BEGUN (1972)

„In der Gegend, wo ich aufwuchs, gab es diese Straßenpartys, wo DJs im Park auflegten. Ich war etwa 13 Jahre alt, als ich diesen Typ beobachtete, wie er seine Anlage aufbaute. Es war das erste Mal, dass ich zwei Decks und ein Mischpult sah, und er spielte diese Platte. Ich war hin und weg von dem Break. Es war die erste 12-ZollPlatte, die von Salsoul Records ver­ öffentlicht wurde, und als ich sie mir kaufte, spielte ich sie zu Tode.“

„Dieses Album war wie eine Reife­ prüfung für mich. Es erinnert mich an meine Teenagerzeit, als ich auf Graffiti und Breakdancing abfuhr. Ich war der beste Tänzer in meiner Truppe und nannte mich Flaco Larock. Der Name war mit Leuchtbuchstaben vorn auf meinem T-Shirt aufgedruckt. Bei DJ-Battles lief ‚It’s Just Begun‘ als einer der Songs oft im Club, weil der Break und das Intro so abgefahren sind.“

„Als Kind konnte man diesem Song nicht entkommen. Er lief auf allen Pop-Radiosendern. Als ich in der Grundschule war, in der ersten oder zweiten Klasse, mussten wir einen berühmten Song vortragen. Manche Kinder wählten den Opener der ­TV-Serie ‚The Partridge Family‘, ich dagegen entschied mich für The ­Jackson 5 und sang ‚ABC‘. Das war einer der ersten Songs, die mein Leben ­entscheidend geprägt haben.“ THE RED BULLETIN

„Obwohl ich für Musik kein Geld hatte, als ich aufwuchs, stöberte ich oft im Plattenladen. Als ich dann etwas Geld hatte, war das die erste 45er, die ich kaufte. Ich weiß noch, wie ich sie nach Hause brachte. Wir hatten eine miese Stereo­anlage. Ich hielt die Lautsprecher beim Fenster raus und spielte die Single sicher an die 100 Mal. Meine Mutter wollte sie mir schon kaputt machen.“

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RUN & FITNESS

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GARRINCHA

DIE FREUDE DES VOLKES Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 24: Glück und tragisches Ende des brasilianischen Kickers Garrincha.

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MICHAEL KÖHLMEIER BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT PICTUREDESK.COM (2), GETTY IMAGES (2)

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er sich für die Ästhetik des deshalb so gut, dribble deshalb alle seine ­Fußballs begeistern kann, der Gegner aus, weil er zwei linke Beine habe. sollte auf YouTube eingeben: Außerdem sei das eine Bein um sechs Zenti­ Garrincha Best Skills & Dribbles meter kürzer als das andere. Er erzählte das Ever. Das sind alte Schwarzmit einer solchen Begeisterung, dass mir Weiß-Aufnahmen aus den Jahren 1958 bis der Zustand von Garrinchas Beinen nicht 1962. Vielleicht ist es ja wahr, was meine als eine Behinderung erschien, sondern als Söhne sagen, dass auch der glorreichste­ ein Vorteil, ja sogar als ein Trick. Ich dachte, MICHAEL KÖHLMEIER Fußball der glorreichsten brasilianischen Der Vorarlberger das hat dieser überragende Sportler sich Bestsellerautor gilt Mannschaften aus jener Zeit im Vergleich antrainiert. Aber wie? Oder die Natur hatte als bester Erzähler zu heute ein bisschen aussieht wie ein ihn schlichtweg bevorzugt, wie sie es bei deutscher Zunge. Match in einer Regionalliga; aber das beGenies eben tut. Zuletzt erschienen: trifft nur die Geschwindigkeit des gesamten Ich diskutierte die Sache mit meinem der Roman „Matou“, Spiels und nicht die Virtuosität der einzelFreund. Der meinte, zwei linke Beine, das 960 Seiten, nen Spieler. Hanser Verlag. könne nur bedeuten, dass beim linken Bein Pelé bleibt in seiner athletischen Eleganz der große Zeh wie bei jedem Menschen unerreicht, Nílton Santos bewies in seiner besten Zeit innen, beim rechten Bein aber außen sei. Wenn Gareine spielerische Intelligenz, wie wir sie später nur rincha sich Schuhe kaufe, müssten es immer zwei Paar noch bei Franz Beckenbauer oder Zinédine Zidane ersein, damit er zwei linke bekomme. Das würde bestäti­ leben durften, Edvaldo Izídio Neto, genannt Vavá, war gen, was mein Onkel mir noch erzählt hatte, nämlich als Torjäger unaufhaltsam und in seiner Art zu spielen dass Garrincha ein O-Bein und ein X-Bein habe. Wir ohne Schnörkel und Tanz ein Asket, sozusagen der versuchten diese Stellung der Beine nachzuahmen, ­Samuel Beckett des Fußballs. Lobgesänge ließen sich ­natürlich in der Hoffnung, uns dadurch dem Genie anauch auf Valdir Pereira, genannt Didi, anstimmen oder zunähern. Die Folge war, dass wir auf dem Platz herauf Amarildo, Zagallo und Zito. Sie und ihre Spielerumhumpelten und unser Trainer drohte, er werde uns kollegen waren die Helden der Weltmeisterschaften aus der Mannschaft werfen, wenn wir weiter so einen von 1958 in Schweden und 1962 in Chile. Für mich Blödsinn aufführten. der größte Held aber ist und bleibt: Manuel Francisco dos Santos, genannt Garrincha. arrincha – so wird ein Vögelchen aus dem brasiliMein Onkel Hans, die Verkörperung eines Sportleranischen Urwald genannt, unscheinbar, aber sehr lebens, in seiner Jugend selbst aktiv als Leichtathlet, behände. Garrincha war der Liebling der brasilia­ später Trainer und Sportfunktionär, der sie alle per­ nischen Mannschaft, der Liebling des Publikums auf sön­lich kannte, die Größen des deutschen Fußballs der Tribüne, die „Freude des Volkes“ – Alegria do Povo. seiner Zeit, als da waren: Fritz Walter, Uwe Seeler, Aki Er wurde 1933 geboren. Wie die meisten Spieler der Schmidt, Fritz Herkenrath – mein Onkel Hans erzählte Nationalmannschaft stammte er aus der Unterschicht, mir, da war ich neun Jahre alt, dieser Garrincha spiele und das hieß zu der damaligen Zeit: In einer großen


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BO U L EVA R D DE R HE L D E N

Familie war das Durchkommen aller Kinder nicht ge­ sichert. Es kam vor, dass arme Eltern eines oder zwei ihrer Kinder aussetzten, nicht nur Säuglinge, auch Kleinkinder, die bereits gehen und sprechen konnten. Diese Kinder waren oft gebrechlich oder geistig zurück­ geblieben, ihre Eltern konnten sie nicht ernähren­und glaubten nicht, dass sie eines Tages zur Ernährung der Familie würden beitragen können. Manuel – „Mané“ – war so ein Kind. Sein Rück­ grat war verkrümmt. In der Favela lebte ein Mann, der war kein Arzt, wurde aber als Heiler anerkannt, als Heiliger gepriesen; der sagte, aus dem Kind könne nichts Gescheites werden, ein Krüppel, ein Bettler. Er riet der Familie, es in einer Kirche auszusetzen, dann sei wenigstens gewährleistet, dass es sich satt essen könne und vielleicht als Knecht in einem Kloster ein ruhiges Leben in Aussicht habe. Dieses Schicksal blieb dem kleinen Manuel erspart. Er war flink wie das Vögelchen und genauso fröh­ lich, sein schönster Charakterzug aber war seine Frei­ gebigkeit. Er besaß nichts, aber wenn ihm jemand eine Nuss schenkte, klopfte er sie mit einem Stein ausein­ ander und gab eine Hälfte seinem Freund.

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olche Geschichten wurden später, als er reich und ein internationaler Star war, erzählt. Und er war kollegial. Im Unterschied zu manch anderem­ Fußballstar erwies er sich auf dem Feld immer als Teil der Mannschaft. Auch wenn er in einem fulminanten Sololauf bis nahe zum gegnerischen Tor gekommen war, wenn er einen anderen sah, der günstiger stand, gab er ab und überließ es ihm, den Ball ins Tor zu schießen. Dass Pelé nach der Weltmeisterschaft 1958 der hellste Stern am brasilianischen Himmel war, er­ füllte Garrincha nicht mit Neid. Jeder war der Beste – Vavá, Didi, Zagallo, Zito, Dino Sani, Moacir, Mauro Ramos, eben auch Pelé und Garrincha. Aber über Gar­ rincha hieß es, er spreche mit dem Ball und der Ball spreche mit ihm und der Ball habe ihm einmal anver­ traut, er werde am liebsten von ihm getreten, er sei sein bester Freund, er habe ihm Treue geschworen und ihm versichert, dass er immer alles tun werde, was er von ihm verlange. Auf dem Platz konnte jeder sehen, dass dies die reine Wahrheit war und nichts als die Wahrheit. Wenn Garrincha ein hoher Pass zugespielt wurde, dann sprang der Ball nicht wie bei allen anderen vom Boden auf,

Über Garrincha hieß es, er spreche mit dem Ball und der Ball spreche mit ihm. Er sei sein bester Freund.

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sodass der Spieler ihm nachlaufen und mit dem Geg­ ner um ihn raufen musste. Nein, im selben Moment, wenn der Ball vor Garrincha den Rasen berührte, stoppte er ihn mit dem rechten oder linken Fuß – er war mit beiden gleich stark –, und im selben Augen­ blick rannte er auch schon los und fädelte und hakte und dribbelte sich und seinen besten Freund durch die Phalanx der gegnerischen Abwehr, vollführte Pirouet­ ten und schoss den Ball womöglich aus einem unmög­ lichen Winkel und platzierte ihn im Kreuzeck ins Tor. Das war Zauberei, das musste Zauberei sein! Die Kin­ der lernten in der Schule Lesen und Schreiben mit sol­ chen Heldengeschichten. Sie wurden in den Zeitungen abgedruckt und den Lehrern als Lernmaterial empfoh­ len. Das Lernziel war, den Kindern Mut für ihr Leben zu geben: Schaut her, einer von ganz unten, einer, der auf allen Gebieten benachteiligt war, wurde der Größ­ te – auch ihr könnt es schaffen! Bei der Fußballweltmeisterschaft 1962 in Chile war Garrincha Torschützenkönig. Es war der Höhepunkt in seiner Karriere, in seinem Leben. Nach dem Endspiel in Santiago de Chile wurde ein großes Fest gegeben. Louis Armstrong trat auf – und mit ihm Elza Soares, die berühmteste Samba-Sängerin des Landes, ein Star wie Garrincha, schöner als jede Hollywood-Diva. Noch bevor sie sich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, wurde in den Gazetten spekuliert, wie es sein würde, wenn sich die beiden ­ineinander verliebten. Seufzer wurden zum Himmel geschickt, dass es so sein möge. Ein Traumpaar wurde in die Herzen der Brasilianer fantasiert, und als end­ lich die erste Zeitung verkündete, man habe die beiden tatsächlich miteinander sprechen, die zweite Zeitung behauptete, man habe sie sich umarmen, die dritte, man habe sie sich küssen gesehen, da waren für den Jubel selbst die größten Lettern zu klein; eine der ­Zeitungen soll auf ihrer Titelseite nur ein Wort ab­ gedruckt haben: „Sim!“ – Ja!

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ie Ehe war nicht glücklich. Weil die Eheleute­ nicht glücklich waren. Und die Ursache des ­Unglücks hatte einen Namen: Alkohol. Es hieß, bereits im Alter von zehn Jahren habe Manuel ange­ fangen zu trinken – angeblich, um seine Schmerzen zu lindern. Bei einem Autounfall im Jahr 1969 starb seine Schwiegermutter, Garrincha saß am Steuer und war betrunken. Elza war verzweifelt, sie gab ihm die Schuld. Die beiden stritten sich bald nur noch. Außer­ dem betrog er sie. Es gibt Menschen, die haben nach­ gerechnet: Manuel soll dreizehn oder fünfzehn Kinder mit fünf oder sechs Frauen gehabt haben. 1977 ließ sich Elza scheiden. Ja, Garrincha war freigebig. Wenn er einmal reich gewesen war, dann war er bald wieder arm. Der brasi­ lianische Staat zahlte ihm eine kleine Leibrente, um sich für die glücklichen Stunden zu bedanken, die er seinen Bürgern einst bereitet hatte. Man sah ihn in den

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Dieser Mann hat der Welt bewiesen, dass Fußball eine Kunst ist. Eine schöne Kunst, schön wie Musik. Armenvierteln von Rio de Janeiro, manchmal spielte er mit den Buben Fußball. Der Ball war nicht aus Leder, das war eine mit Schnur zusammengebundene Kugel aus alten Kleidern. Die Buben wussten, wer er war. Sie zeigten aber nicht mit dem Finger auf ihn. Sie setzten sich zu ihm in den Schatten und gaben ihm ein Bier aus. Mit neunundvierzig Jahren, am 20. Jänner 1983, starb Manuel Francisco dos Santos, genannt Garrincha. Todesursache: Leberzirrhose. Tausende kamen zu ­seinem Begräbnis. Auf seinem Grabstein steht ein­ graviert: Aqui descansa em paz aquele que foi a alegria

do povo – Mané Garrincha. Hier ruht in Frieden, der die Freude des Volkes war – Mané Garrincha. Elza Soares starb in diesem Jahr, wie Garrincha am 20. Jänner, im Alter von einundneunzig Jahren. Sie war die glänzendste Interpretin des Samba, in ­Brasilien ist sie eine Ikone. Übrigens: Mein Onkel Hans hat ein Bild von Gar­ rincha aus der Zeitung ausgeschnitten, er hat es in einen schwarzen Rahmen gegeben und in seinem Wohnzimmer an die Wand gehängt. „Dieser Mann“, sagte er, „hat der Welt bewiesen, dass Fußball eine Kunst ist. Eine schöne Kunst, schön wie Musik.“

Michael Köhlmeiers Geschichten gibt es auch zum Anhören im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify, auf redbulletin.com/podcast oder einfach den QR-Code scannen.

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IMPRESSUM

THE RED BULLETIN WELTWEIT

Aktuell erscheint The Red Bulletin in sechs Ländern. Das ­Cover unserer Schweizer Ausgabe zeigt Ajla Del Ponte. Die 25-Jährige wurde mit Hilfe eines Mentaltrainers zur schnellsten Frau Europas. Mehr Geschichten abseits des Alltäglichen findest du auf: ­redbulletin.com

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Gesamtleitung Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.) Chefredaktion Andreas Rottenschlager, Andreas Wollinger (Stv.) Creative Direction Erik Turek, Kasimir Reimann (Stv.) Art Direction Marion Bernert-Thomann, Miles English, Tara Thompson Grafik Martina de Carvalho-Hutter, Kevin Faustmann-Goll, Cornelia Gleichweit Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Tahira Mirza, Rudi Übelhör Digitalredaktion Christian Eberle-Abasolo (Ltg.), Marie-Maxime Dricot, Melissa Gordon, Lisa Hechenberger, Elena Rodríguez Angelina Head of Audio Florian Obkircher Chefin vom Dienst Marion Lukas-Wildmann Managing Editor Ulrich Corazza Publishing Management Ivona Glibusic, Bernhard Schmied, Melissa Stutz Managing Director Stefan Ebner Head of Media Sales & Partnerships Lukas Scharmbacher Head of Co-Publishing Susanne Degn-Pfleger Projektmanagement Co-Publishing, B2B-Marketing & Communication Katrin Sigl (Ltg.), Katrin Dollenz, Thomas Hammerschmied, Teresa Kronreif (B2B), Eva Pech, Valentina Pierer, Stefan Portenkirchner (Communication), ­Jennifer Silberschneider, Sophia Wahl Creative Services Verena Schörkhuber-Zöhrer (Ltg.), Sara Wonka, Tanja Zimmermann, Julia Bianca Zmek, Edith Zöchling-Marchart Commercial Management Co-Publishing Alexandra Ita Editorial Co-Publishing Raffael Fritz (Ltg.), Gundi Bittermann, Michael Hufnagl, Irene Olorode, Mariella Reithoffer, Wolfgang Wieser Executive Creative Director Markus Kietreiber Senior Manager Creative Elisabeth Kopanz Art Direction Commercial & Co-Publishing Peter Knehtl (Ltg.), Luana Baumann-Fonseca, Silvia Druml, Erwin Edtmayer, Simone Fischer, Andreea Gschwandtner, Lisa Jeschko, Araksya Manukjan, Carina Schaittenberger, Julia Schinzel, Florian Solly, Dominik Uhl, Sophie Weidinger, Stephan Zenz Head of Direct to Consumer Business Peter Schiffer Direct to Consumer Business Marija Althajm, Victoria Schwärzler, Yoldaş Yarar (Abo) Retail & Special Projects Manager Klaus Pleninger Anzeigenservice Manuela Brandstätter, Monika Spitaler Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Martin Brandhofer, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailović, Sandra Maiko Krutz, Josef Mühlbacher Finanzen Mariia Gerutska (Ltg.), Simone Kratochwill MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler IT Service Desk Maximilian Auerbach Operations Alice Gafitanu, Melanie Grasserbauer, Alexander Peham, Thomas Platzer Projekt Management Dominik Debriacher, Gabriela-Teresa Humer Assistant to General Management Sandra Artacker Herausgeber & Geschäftsführer Red Bull Media House Publishing Andreas Kornhofer Verlagsanschrift Am Grünen Prater 3, A-1020 Wien Telefon +43 1 90221-0 Fax +43 1 90221-28809 Web redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-LepperdingerStraße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dkfm. Dietrich Mateschitz, Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber

THE RED BULLETIN Österreich, ISSN 1995-8838 Länderredaktion Nina Kaltenböck Lektorat Hans Fleißner (Ltg.), Petra Hannert, Monika Hasleder, Billy Kirnbauer-Walek, Belinda Mautner, Klaus Peham, Vera Pink Publishing Management Bernhard Schmied Media Sales & Partnerships Thomas Hutterer (Markenlead), Michael Baidinger, Franz Fellner, Ines Gruber, ­Wolfgang Kröll, Gabriele Matijevic-Beisteiner, Alfred Vrej Minassian, Nicole Okasek-Lang, Britta Pucher, Jennifer Sabejew, Johannes Wahrmann-Schär, Ellen Wittmann-Sochor, Ute Wolker, Christian Wörndle, Sabine Zölß Sales Operations & Development Anna Schönauer (Ltg.), David Mühlbacher Abo Abopreis: 25,90 EUR, 12 Ausgaben/ Jahr, getredbulletin.com, abo@redbulletin.at Druck Quad/Graphics Europe Sp. z o. o., Pułtuska 120, 07-200 Wyszków, Polen Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz Informationen zum Medien­inhaber sind ständig und unmittelbar unter folgender Web-Adresse auffindbar: redbull.com/im/de_AT Redaktionsadresse Am Grünen Prater 3, A-1020 Wien Telefon +43 1 90221-0 Fax +43 1 90221-28809 Kontakt redaktion@at.redbulletin.com

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A NZ EIGE

must-haves

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NICOLAS MAHLER

N IC OL AS M A HL ERS SPI T ZF ED ERL ICH ES CHA R A K T ER -K A BINE T T

Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 10. Mai 2022.

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DER WEG ZUM GLÜCK

Optimismus lernen mit Philipp Kuttin

Ö3-Star Gabi Hiller bringt dich mit guter Laune an den Start des Wings for Life World Run

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Bitte lächeln!


Wings Wingsfor forLife Life World WorldRun Run2022. 2022. Audi Audi istist auch auch dieses dieses Jahr Jahr wieder wieder Official Official CarCar Partner Partner desdes Wings Wings forfor Life Life World World Runs. Runs. AmAm 08.08. Mai Mai 2022 2022 startet startet derder rein rein elektrische elektrische Audi Audi Q4Q4 e-tron e-tron alsals Catcher Catcher CarCar 3030 Minuten Minuten nach nach dem dem Start Start insins Rennen Rennen und und fungiert fungiert alsals bewegliche bewegliche Ziellinie Ziellinie fürfür alle alle Teilnehmenden Teilnehmenden desdes Runs. Runs. Future Future is is anan attitude attitude Mehr Mehr erfahren erfahren auf auf audi.at audi.at Stromverbrauch Stromverbrauch kombiniert kombiniert in kWh/100 in kWh/100 km:km: 17,017,0 – 21,3 – 21,3 (WLTP); (WLTP); CO₂-Emissionen CO₂-Emissionen kombiniert kombiniert in g/km: in g/km: 0. Angaben 0. Angaben zu den zu den Kraftstoff-/StromverKraftstoff-/Stromverbräuchen bräuchen undund CO₂-Emissionen CO₂-Emissionen bei bei Spannbreiten Spannbreiten in Abhängigkeit in Abhängigkeit vonvon der der gewählten gewählten Ausstattung Ausstattung desdes Fahrzeugs. Fahrzeugs. Stand Stand 01/2022. 01/2022. Symbolfoto. Symbolfoto.


INHALT

GEMEINSAM FÜR EIN GROSSES ZIEL Es ist wieder so weit! Die Welt läuft für jene, die es selbst nicht können: Am 8. Mai 2022 fällt der Startschuss für die neunte Auflage des Wings for Life World Run, der 2021 als größter Lauf der Welt Geschichte schrieb. Das Prinzip ist ­einfach: Startschuss, alle laufen los. 30 Minuten später nimmt das Catcher Car die Verfolgung auf. Es wird schneller und schneller – bis es dich einholt. Erster ist, wer als Letzter noch läuft. Obwohl, ganz stimmt das nicht: ­Gewonnen hast du eigentlich schon, sobald du antrittst. Denn egal ob Anfänger, Rollstuhlfahrer oder Marathon­profi, beim Wings for Life World Run laufen alle für ein gemeinsames großes Ziel: ­Querschnittslähmung heilbar zu machen. 100 Prozent der Startgelder gehen an Rückenmarks­­ forschungsprojekte, die genau daran arbeiten. Und das Beste: Mit der App bist du unabhängig und ­dennoch Teil einer globalen Bewegung, egal wo du läufst – am Waldweg hinterm Haus oder auf der Landstraße.

FIT MIT FUN

6 DIE FRONTFRAU

Frohnatur Gabi Hiller über ihre Begeisterung für den Wings for Life World Run.

MAGIC MOMENTS

14 WEIL ALLE ZÄHLEN

Anfänger, Rollstuhlfahrer und Marathonprofis, ver­ eint für die gute Sache.

APP-RUN

15 APP, APP, HURRA

Allein unterwegs, doch mit der Welt verbunden.

16 5-MINUTEN-COACH

16 SEI DABEI!

Andreas Goldberger coacht dich für den Renntag.

Viel Freude mit unserem Special zum Wings for Life World Run 2022, Die Redaktion

18 DIE STIFTUNG

18 DREAM-TEAM

Philipp Kuttin und Anita Gerhardter über das Ziel der Wings for Life Stiftung.

6 MACH MIT! Ö3-Moderatorin und Wings for Life World Run Botschafterin Gabi Hiller nimmt dich mit auf ihre Top-Rennstrecken. 4

FUNDSTÜCK

24 TRÖÖÖÖÖÖÖÖT!

Eine Hupe, die Geschichte schrieb.

THE RED BULLETIN

KONSTANTIN REYER, SHUTTERSTOCK (COVER), MARIA KNOLL FOR WINGS FOR LIFE WORLD RUN, PHILIPP HORAK

WILLKOMMEN


Fit mit Fun

FRÖHLICHE FRONTFRAU

Ö3-Star GABI HILLER ist Botschafterin des Wings for Life World Run. Ihre Mission: so viele Österreicher wie möglich auf die Laufstrecke zu bringen. Mit einer Extraportion guter Laune und für den guten Zweck. Text SASKIA JUNGNIKL-GOSSY

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Fotos KONSTANTIN REYER

THE RED BULLETIN


Bitte lächeln! Gabi Hiller vor dem Trainingslauf. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend.


Fit mit Fun

„N

ett sein!“, sagt Gabi Hiller auf die Frage, was denn ihre Botschaft sei, und lacht ihr strahlendes, lautes, ansteckendes ­Lachen. Kurze Pause. „So banal das klingt. Wenn ich etwas dazu beitragen kann, dass jemand gut gelaunt in den Tag geht und sich besser fühlt, freu ich mich, das zu tun. Mehr aufeinander achten, auf­ einander zugehen, nett zueinander sein. Wenn es etwas gibt, das meine OverallBotschaft sein soll, dann ist es das.“ Gabi Hiller ist eine der bekanntes­ ten Moderatorinnen des Landes. Ihre Sendung „Willkommen in der Hillerei“ läuft von Montag bis Donnerstag am Nachmittag im Hitradio Ö3, und so, wie sie sich im Radio präsentiert, ist sie dann auch tatsächlich: eine echte Frohnatur. Laut, präsent, freundlich und aufmerk­ sam. Das habe sie aus ihrer Kindheit und Jugend mitgenommen, sagt sie, die sei nämlich schon sehr kitschig schön gewesen.

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Hiller ist mit einer Schwester und zwei Brüdern in einem 200-Seelen-Dorf im Waldviertel aufgewachsen, in einem 600 Jahre alten Schloss, inmitten von Natur. Ein sehr idyllisches Familien­ leben sei das gewesen, erinnert sich die 36-Jährige: „Bis heute habe ich so eine heitere Gelassenheit gegenüber dem ­Leben, die kommt bestimmt daher.“ Familie ist ihr wichtig geblieben, noch bis vor einigen Jahren teilte sie sich eine Wohnung mit einem ihrer Brüder. „Bei uns war immer Open House, wir sind eine Großfamilie, in der sich alle immer gut verstanden haben.“ Dass sie mittlerweile für viele als Star gilt, prallt bei Eltern und Geschwistern völlig ab. „Natürlich ist es lustig, wenn mich beim Spazierengehen im Dorf jetzt manche anders anschauen, weil ich bekannter bin. Ich bin halt trotzdem ­die­selbe“, sagt sie.

Sprossenwand und Trampolin

Geblieben ist ihr aus der Kindheit auch die Freude am Sport. Schon als sie Kin­ der waren, richtete ihr Vater zu Hause einen kleinen Turnsaal ein, mit Sprossen­ wand, Ringen und Trampolin, und da kamen auch immer gerne alle Kinder aus der Nachbarschaft. Seither ist Sport ein fixer Teil ihres Lebens, ein täglicher Ausgleich sowohl für ihre mentale als auch ihre physische Gesundheit, mit dem sie sich auch über schwere Zeiten und Tiefs hilft. Folge­ richtig ist die passionierte Läuferin beim Wings for Life World Run auch Kapitänin des Ö3-Teams.

„Meine Message? Lasst uns mehr aufeinander achten.“ THE RED BULLETIN


„Meine Kindheit war ganz schön kitschig.“ Gabi Hiller schwärmt von ihrer Großfamilie und ihrer Jugend im Waldviertel.

Top-10-Songs zum Laufen Gabis Playlist für deinen Extra-Boost Happiness 01 Pump It Black Eyed Peas 02 Do It To It Acraze, Cherish 03 Shut Up and Dance Walk the Moon 04 Hey Ya! OutKast 05 All You Ever Wanted Rag ’n’ Bone Man 06 Alright Supergrass 07 Don’t Stop Me Now Queen 08 Freedom Pharrell Williams 09 Jerusalema Master KG feat. Nomcebo Zikode 10 Always Have, Always Will Ace of Base

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Fit mit Fun

FOTOTEXTTITEL

Ut volupiet omnis velit, si volum veles evellor asperspedi dis distemp ersperi dene pereria poreptu fuga.

Konstanz statt Hardcore. Gabi Hiller trainiert viermal pro Woche. Ihre Motivation: das „supergute Gefühl nach dem Workout“.

„Ich will weder meinen Körper noch meinen Geist verärgern.“ Das Laufen, die Zeit für sich selbst, das sei eine Freiheit, die sie sich nehme, erzählt sie. „Man macht jeden Tag so viele Dinge für andere und so wenige für sich selbst.“ Und der positive Effekt würde sich auch so schnell einstellen: Selbst wenn man nach einem schlechten Tag nur spazieren geht, fühle man sich besser. Hillers wichtigster Tipp für Neo-Läufer und alle, die damit anfangen wollen: die Konstanz. „Natürlich ist da manchmal vorher eine Überwindung nötig, aber es zahlt sich immer aus. Ausschlaggebend ist, dass ich es regelmäßig mache. Ich will weder meinen Körper noch meinen Geist verärgern. Die zwei kennen nämlich das supergute Gefühl, 10

das man nach dem Sport hat. Deshalb versuche ich bewusst viermal in der ­Woche etwas zu tun. Das muss nicht ­immer ein Hardcore-Training sein. Aber die Konstanz ist wichtig.“

Viel Glück und viel harte Arbeit

So bestimmt sie beim Sport ist, so unbestimmt verlief ihre Karriere. Nach der Matura hat sie den Bachelor in Betriebswirtschaft an der WU Wien gemacht, jobbte fünf Jahre in einer Bar, absolvierte eine Grundausbildung als Snowboardlehrerin, machte den Master in Qualitätsjournalismus an der Donau-Uni Krems und arbeitete in einem Unternehmen im Bereich Import/Export. Weil dort im Sommer nicht viel los war, wollte sie sich drei Monate frei­ nehmen, aber nachdem ihr Bruder sie wegen des Nichtstuns aufgezogen hatte, heuerte sie als Praktikantin bei Ö3 an.

Wien Wiener Neustadt

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1 Zell am See

Meine schönsten Laufstrecken Hier powert sich Gabi Hiller so richtig aus. 1. Seepromenade Zell am See Moderate 12 Kilometer Strecke entlang eines Sees mit atem­ beraubenden Aussichtspunkten. 2. Akademiepark Wiener Neustadt Das weitläufige Areal mit einer Fläche von 186 Hektar bietet Abwechslung für jeden Geschmack. 3. Prater Wien Ein Klassiker unter den Laufstrecken – in grüner Umgebung und ganz ohne Autolärm.

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Fit mit Fun

„MEIN ERSTES MAL“: DIE RED BULLETINPODCAST-SERIE, in der H ­ eldinnen und Helden über die Anfänge ihrer Karrieren sprechen. Unsere Wings for Life World Run-Spezialfolgen mit: Thomas Morgenstern, Anita Gerhardter, Florian Neuschwander (ab 13. 4.), Gabi Hiller (27. 4.). Überall, wo es Podcasts gibt, und auf redbulletin.com/podcast

Hörerservice für die gute Laune Fünf Podcasts zum Runter­ kommen und zum Sich-Zeitfür-sich-selbst-Nehmen. Empfohlen von Gabi Hiller. 1. Hawi D’ Ehre Hillers eigener Podcast gemeinsam mit Philipp Hansa und Paul Pizzera ist ein Fixstarter. 2. Frauenfragen Mari Lang stellt Männern typische Frauenfragen. 3. Schokolade für die Seele Biyon Kattilathu und das Glück 4. Wer nichts weiß, muss alles essen Über Nachhaltigkeit und die Qualität von Lebensmitteln 5. „Frühstück bei mir“-Podcast Wer Claudia Stöckl im Radio versäumt, kann sie hier nachhören.

Das Beste, wenn man in der Öffentlichkeit steht? „Dass man es für Gutes einsetzen kann“, sagt die Ö3-Frontfrau.

Vom Hörerservice arbeitete sie sich zur Reporterin an der Seite von Andi Knoll und Robert Kratky hoch, schließlich konzipierte sie gemeinsam mit Philipp Hansa die Show „Frag das ganze Land“, mit der die beiden beim Senderchef vorstellig wurden. Mit Erfolg. Das Format erhielt einen dreistündigen Fixplatz an jedem Samstagnachmittag, der Rest ist Geschichte. 2019 startete schließlich ihre Sendung „Willkommen in der Hillerei“. Es sei eine Mischung aus Glück, harter Arbeit und dem Verfolgen von Leidenschaften, die sie dort hingebracht hätte, wo sie heute ist.

Laufen für jene, die nicht können

Styling SAMMY ZAYED/Tatendrang.org Make-up INA MAURER

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Um selbst ein bisschen abzuschalten, hört Hiller sehr gerne Podcasts, und das nicht nur hobbymäßig: Seit März 2020 erscheint jede Woche der erfolg­reiche Podcast „Hawi D’ Ehre“ gemeinsam mit Philipp Hansa und Paul Pizzera. Am wichtigsten in ihrer Ö3-Radio­sendung ist Hiller der Austausch und der Dialog mit

den Zuhörerinnen und Zuhörern. Und die „mentale Minute“ jeden Montag: eine Minute lang Zeit, um das Thema mentale Gesundheit zu enttabui­sieren. „Das Beste daran, wenn man in der Öffentlichkeit steht, ist, dass man es für etwas Gutes einsetzen kann“, sagt die 36-Jährige. Ein Beispiel dafür sieht sie in ihrer Rolle als Botschafterin für den Wings for Life World Run. „Mein Ziel vom letzten Jahr, dass das Ö3-Team das größte Team Österreichs beim World Run ist, haben wir erreicht. Für heuer habe ich mir vorgenommen, das größte Team der Welt zu werden“, sagt Hiller und lacht. „Und wer, wenn nicht die Ö3-Community könnte das schaffen?“ Weltweit verständigen sich Menschen beim World Run auf diese eine Sache: Laufen, für jene, die nicht laufen können. Beim Wings for Life World Run 2021 nahmen insgesamt 184.236 Menschen teil, darunter 837 Rollstuhlfahrer. Über vier Millionen Euro wurden gespendet und konnten so direkt in Studien zur Rücken­marksforschung gehen. „Das Tolle ist ja auch: Einfacher geht’s gar nicht. Es ist egal, welchen Schnitt man läuft, jeder kann mitmachen“, sagt Hiller. „Das Event ist nur positiv. Die ganze Idee ist ja ge­nial.“ Pause. „Schade, dass mir das nicht ein­ gefallen ist“, sagt sie und grinst.

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COMFORT

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Magic Moments

APP, APP, HURRA!

Hier sind alle Sieger Mit der Wings for Life World Run App kannst du nicht nur von jedem Ort der Welt aus starten. Sie verbindet dich auch mit allen anderen Teilnehmern während des Events. Unser Foto-Beweis aus dem Vorjahr: Gute Laune ist inklusive. Gemeinsam für ein großes Ziel: Egal ob Profi-Runner, Promis wie DJ Ötzi (oben rechts), Rollstuhlfahrer oder Lauf­ anfänger – hier gewinnen alle. Wieso? Weil sie für jene laufen, die es nicht können. Jeder Cent deiner Teilnahmegebühr geht direkt in die Forschung, die dazu beiträgt, dass Querschnittslähmung eines Tages heilbar ist.

WINGS FOR LIFE WORLD RUN

Du willst dabei sein, kannst aber nicht selbst laufen? Kein Problem. ServusTV ­überträgt den Wings for Life World Run am 8. Mai live ab 11.30 Uhr.

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App-Run

SO GEHT’S

App-solut fantastisch! Was den Wings for Life World Run so besonders macht? Die Teilnehmer starten am 8. Mai weltweit um 13 Uhr österreichischer Zeit und das von überall, wo sie wollen. Die App macht’s möglich! Sie ist während des Laufs dein bester Freund, motiviert dich und verbindet dich mit der ganzen Welt.

WINGS FOR LIFE WORLD RUN, PHILIPP CARL RIEDL/WINGS FOR LIFE WORLD RUN

Mit dem Goal Calculator kannst du dir dein individuel­ les Laufziel für den Renntag setzen. Wähle dein Strecken­ ziel und erfahre hier, wie viel Zeit du hast und welche Pace du laufen musst, um es am 8. Mai zu erreichen. Mit der praktischen Check­ liste kannst du außerdem ­sichergehen, dass du optimal für den großen Renntag vorbereitet bist.

Download

Community

Die Wings for Life World Run App ist für iOS im App Store und für Android-Geräte auf Google Play erhältlich.

Beim Wings for Life World Run kann jeder mitmachen, egal ob Lauf­neuling, Profi­ läufer oder Rollstuhlfahrer. Das Motto: Jeder ist ein Gewinner.

Nach dem Download kannst du dich entweder per ­Facebook-Profil oder mit E‑Mail registrieren und für den App Run anmelden.

Vorbereitung Das Laufformat beim Wings for Life World Run ist einzig­ artig: Die Ziellinie verfolgt dich als virtuelles Catcher Car, das 30 Minuten nach dem Start die Verfolgung aufnimmt. Dein Lauf ist zu Ende, sobald es dich überholt. Wichtig: Mach mit der App einen Test! Starte einen Preparation Run und lass dich bereits im Training jagen, um zu sehen, wie lange du dem Catcher Car davonlaufen kannst.

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Checkliste

Tritt einem Team bei oder lade Freunde, Familie und Kollegen ein und gründe dein eigenes Team. Gemein­ sam macht es noch mehr Spaß! Und jeder Teilnehmer zählt, denn alle Startgelder fließen zu 100 % direkt in die Rückenmarksforschung!

AudioExperience Am Lauftag erwartet dich ein besonderes Hörerlebnis: ­Motivator Tom Walek feuert dich an und feiert deine Etap­ penziele mit dir, während dir Catcher-­Car-Sprecher Gregor Bloéb Beine macht. So echt hat sich ein virtuelles Lauf­ event noch nie angefühlt! Freue dich auf ein Warm-up, Updates und Infos zum Run: QR-Code scannen und gleich einmal reinhören!

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5-M IN U TE N-C OAC H

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Lauf dich glücklich

TIPPS VOM P R O FI

Mit guter Stimmung in den Wings for Life World Run: wie unser Gold-Adler Andreas Goldberger sogar Downs als Motivations-Booster nutzt.

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Mental fokussieren Das ganze Szenario vorher visua­li­ sieren: wie man die Startnummer holt, wie man läuft, die Strecke, wie man sein Ziel erreicht, die Freude und Euphorie danach. Gerade beim Wings for Life World Run sollte man stark dar­auf setzen, warum man das macht: Man läuft für die, die es nicht können. Es ist ein Privileg, dass wir laufen können, und deshalb hauen wir alles rein, was wir haben. Un­bedingt auf das eigene Körpergefühl hören: Nicht jeder Tag ist gleich. Nicht immer auf die Uhr schauen: Bei Gegenwind läuft man langsamer, das holt man ein, wenn man Rückenwind hat. Ein Mensch ist keine Maschine. Wichtig: im Training abwechselnd ­lockere und intensive Testläufe machen. Ich zeige mir selbst und verinnerliche, was ich alles schaffen kann.

Keine falsche Scham

Essen, was man kennt

Es ist so: Habe ich meine Hausaufgaben erledigt, schaffe ich die Prüfung. Die Vorbereitung muss passen. Das beginnt beim richtigen Gewand. Viele glauben, der Wettkampftag ist so besonders, da kaufen sie extra Schuhe und Kleidung dafür – aber man muss vorher alles probieren. Ich klebe mir vor einem Lauf Druckstellen an den Füßen und die Brustwarzen ab, ziehe ungewa­ schene Socken an, ich benutze Baby­ puder bei den Zehen und unter den Achseln gegen das Schwitzen. Also nur keine falsche Scham! Wenn ich gern Musik höre, muss die Playlist passen und das Handy genug Akku haben. Beim Wings for Life World Run sollte ich vorher schon einmal die App aus­ probiert haben. Und ganz wichtig: Normalerweise gilt, je schneller ich laufe, desto schneller bin ich im Ziel. Der Wings for Life World Run ist aber erst zu Ende, wenn das Catcher Car mich eingeholt hat: Je schneller ich laufe, desto länger dauert das Rennen. Das sollte man im Training zumindest einmal ausprobiert haben.

Bei der Ernährung darauf vertrauen, was der Körper kennt und gut verträgt. Am besten schon ein paar Tage vorher darauf achten. Ich mache gern drei 03:07 Tage vorher eine ausgedehnte Trai­ ningseinheit, um den Speicher zu ­leeren – und fülle ihn in den Tagen ­darauf so auf, dass er am Wettkampf­ tag voll ist. Viele Kohlenhydrate essen – wie Nudeln, Reis, Kartoffeln –, mage­ res Fleisch (wer will!) und Gemüse, wenig Rohkost. Vier Stunden vor dem Manchmal nehme ich mir vor, es beim Lauf noch normal essen, und auch da Laufen langsamer anzugehen, aber gilt: Es tut gut, was man gewöhnt ist. kaum geht es los, gibt’s nur Vollgas. Wenn jemand wie ich gerne Kaffee Wieso? Weil es Spaß macht. Das ist trinkt und ihn gut verträgt, dann kann wichtig. Die Gemeinschaft hilft sehr. er das auch ruhig am Wettkampftag so Als Spitzensportler lebt man in seiner machen. Das Schlimmste ist, extra am eigenen Welt, dabei ist es viel feiner, Wettkampftag nur „gesund“ zu essen, in einer Gruppe zu trainieren. Selbst etwa ein Müsli, auch wenn man sonst wenn man schlecht drauf ist, reißen nie Müsli isst. Dann weiß man nicht, einen die Kollegen mit, da rennt wie der Körper drauf reagiert. meistens der Schmäh, und nach fünf Minuten ist man schon motivierter. Die ersten Minuten sind manchmal zach, aber unter Gleichgesinnten ist es ­selten, dass es einem nachher nicht besser geht. Das schätze ich auch an

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THE RED BULLETIN

MARIA KNOLL FOR WINGS FOR LIFE WORLD RUN SASKIA JUNGNICKL-GOSSY

Mit Spaß an die Sache


03:42 Destination Red Bull, wo man mit mir als Mentor beim Wings for Life Flag­ ship Run in Wien teilnehmen kann. Wir treffen uns bei der Laufvorbereitung, gehen gemeinsam abendessen und analysieren anschließend den Lauf. Ich mag das sehr, da lernt man einan­ der kennen, macht die Vorbereitung gemeinsam, und nach dem Lauf gibt es ein Erfrischungsgetränk – oder zwei.

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Raus aus dem Tief

Die Begeisterung für den Sport ist dem dreifachen Skisprung-Gesamtweltcupsieger auch nach Ende der Karriere geblieben. Andreas Goldberger, geboren 1972, ist Botschafter für Wings for Life und sucht etwa beim „Goldi Talente Cup“ ­unentdeckte Skisprungtalente.

„Man kann gegen das Tief Erinnerungen abrufen, auf eine emotionale Ebene gehen und darüber positive Gefühle erzeugen.“ Andreas Goldberger

Es hilft enorm, sich Fotos und Videos vom letzten Lauf anzuschauen und sich an Erfolge zu erinnern, um dar­ über positive Gefühle in sich zu er­ zeugen. Über Erinnerungen geht man auf eine emotionale Ebene, und damit kommen das Glücksgefühl, der Spaß, die Freude an der Sache. Man kennt das von Kindern: Die sehen einen Cow­ boyfilm im Fernsehen, laufen raus und spielen es nach. Eine große Hilfe ist ein Trainingspartner, der einen mitzieht. Ganz allein aus einem Trainingstief zu kommen ist viel schwerer. Wichtig ist, sich auf das Ziel zu fokussieren. Ich habe immer visualisiert, wie ich mein Ziel erreiche und auf dem Stockerl ganz oben stehe, weil für das große Ziel motiviert man einiges. Das gilt auch bei Schlechtwetter: Am Wett­ kampftag wird es vielleicht regnen oder schneien, und nur weil ich keine Lust habe, werden sie den Lauf nicht absagen. Man stellt sich vor, wie man seinen Körper an andere Bedingungen gewöhnt und sich selbst überwindet – und was man dadurch gewinnt.

05:00 THE RED BULLETIN

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Die Stiftung

„ Man muss die offenen Türen sehen wollen“ Kann man Optimismus lernen? Wie fühlen Rollifahrer eigentlich, und warum hilft es in Krisensituationen, wie ein Sportler zu denken? Wir fragen nach bei Wings for Life-Chefin ANITA GERHARDTER und PHILIPP KUTTIN, seit Sommer 2020 im Rollstuhl. Text WERNER JESSNER

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Fotos PHILIPP HORAK

THE RED BULLETIN


HOFFNUNGSFROH Anita Gerhardter und Philipp Kuttin möchten den Rollstuhl bald ins Museum stellen können.


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in sonniger Morgen in der Salzburger­ Fürstenallee. Im Büro von Wings for Life treffen wir Anita Gerhardter, die der Stiftung für Rückenmarks­ forschung seit Anbeginn vorsteht. Die Stimmung ist amikal und herz­ lich, was vielleicht auch daran liegt, dass hier hauptsächlich Frauen arbeiten. Wir warten auf Philipp Kuttin, den Sohn des ehemaligen Skispringers Heinz, der beim Schlaf­ wandeln abgestürzt ist. Ein VW mit Kärntner Kennzeichen parkt sich ein. Der Lenker packt den Rollstuhl aus und düst in den Raum. Großes Hallo, Lachen, Witze. So hätten sich das vielleicht nicht alle vorgestellt. the red bulletin: „Stiftung für Rückenmarksforschung“ klingt so gravitätisch, so ernst. Und doch ist die Stimmung im Headquarter von Wings for Life optimistisch und leicht. Wie kommt das? Anita Gerhardter: Haben wir mit frisch Verletzten zu tun, sind wir in dem Moment natürlich sehr betroffen und traurig. Aber wir verbreiten hier Hoffnung – weil wir aktiv etwas un­ ternehmen, um Verletzungen heilbar zu machen. Es ist schön, zu wissen, wofür man arbeitet. Wir arbeiten, um eine Vision zu realisieren. Das ist ungemein befriedigend. Philipp Kuttin: Wenn ich in die Fürstenallee komme, ist es jedes Mal spannend, zu erfahren, wie weit die Wissenschaft mit ihren Erfolgen ge­ kommen ist. Es hilft mir, anatomisch zu verstehen, was sich bei einem Querschnitt im Körper tut. Hier gibt es auch unter gehenden Menschen solche, die sich komplett in Gelähmte hineinversetzen können. Da redet es sich leichter. Sie stellen weit spezi­ fischere Fragen. 20

PHILIPP KUTTIN,

Jahrgang 1998, war in seiner Jugend als Nordischer Kombi­ nierer erfolgreich, später ­arbeitete der Kärntner im ­Österreichischen Skiverband. Er stürzte während seiner Zeit beim Bundesheer im August 2020 beim Schlafwandeln acht Meter vom Balkon in die Tiefe und ist seither quer­schnitts­ gelähmt.

Wie lief der Erstkontakt zu Wings for Life? Gerhardter: Philipps Vater Heinz kannte ich aus Funk und Fernsehen, plötzlich rief er mich an und sagte, dass sein Sohn beim Schlafwandeln abgestürzt sei. Das sind die sehr schwe­ren Momente, diese ganz gro­ ße Verzweiflung der Angehörigen. Das wird nie einfacher. Ich erinnere mich noch haargenau, wie ich einst den Anruf wegen Hannes Kinigad­ ners Verletzung bekommen habe. Da zieht es dir den Boden unter den Füßen weg. In jedem einzelnen Fall. Immer noch.

Wie verläuft das Erstgespräch? Gerhardter: Emotional. Man möchte den Betroffenen so viel mehr helfen können, als wir es derzeit können. Aber es ist eine Schwung­ masse in Bewegung geraten. Quer­ schnittslähmung heilbar zu machen ist ein Mosaik, und viele Teile liegen bereits auf dem Tisch. Anderswo gibt es noch weiße Flecken. In den kommenden Jahren werden wir ­große Entwicklungsschritte sehen. Philipp, wie waren deine Tage nach dem Unfall? Kuttin: Ich lag 16 Tage auf der ­Intensivstation, weil Probleme mit der Lunge aufgetreten sind. Daher musste ich für einen Monat in eine Fachklinik nach Murnau, bevor ich mit der Reha beginnen konnte. Bis ich wieder zu Hause war, hat es rund viereinhalb Monate gedauert. Wann hast du zum ersten Mal im Rollstuhl gelacht? THE RED BULLETIN


Die Stiftung

Kuttin: Schon beim Rollitraining in der Klinik in Murnau. Ich habe Spompanadln gemacht, und es hat mich rausgehaut. Da konnte ich nicht anders, als zu lachen. Gehenden Menschen zieht es ­innerlich alles zusammen, wenn ein Gehbehinderter zu Boden fällt. Du lachst? Kuttin: Wenn ein Kind fällt, plärrt es. Kaum tröstet man es, lacht es wieder. Vielleicht bin ich wieder

„ Selbständige Mobilität ist unglaublich wichtig, gerade emotional. Das Gefühl, jederzeit raus­ zu­können.“ Philipp Kuttin

ANITA GERHARDTER

ist CEO von Wings for Life. Seit Gründung im Jahr 2004 ist die passionierte Sportlerin Herz, Hirn und Seele der Stiftung. Ihr deklariertes Ziel: „Mit Philipp und Wolfi auf ein Stehseiterl zu gehen“, am liebsten beim Skifliegen am Kulm. THE RED BULLETIN

mehr Kind, seit ich im Rolli sitze. Beim Skispringen hat die Geschwin­ digkeit wehgetan: der Aufprall auf den harten Schnee. Und trotzdem musst du aufstehen und wieder rauf – genau wie du wieder in den Rolli reinmusst, wenn es dich rausprackt. Anita, siehst du mentale Unter­ schiede zwischen verletzten Sportlern und Nichtsportlern? Gerhardter: Große. Sportler nehmen ihre neue Situation als Her­ ausforderung an. Mobilität, Wendig­ keit, Kraft: Sie suchen den Erfolg. Willenskraft und Zielsetzung sind bei Sportlern stark ausgeprägt. Dazu kommt ein Realitätssinn: Ich hole das Maximum aus meinen Möglich­ keiten heraus – ganz egal, wie groß oder klein die Hindernisse auf dem Weg sind. Wenn man diese Eigen­ schaften aktivieren kann, ist schon viel gewonnen. Wie zum Beispiel? Gerhardter: Ich denke da an ­Wolfi Illek, einen Tetraplegiker, der bei uns in der Stiftung arbeitet. Wir haben ein Fahrtechniktraining als Teambuilding-Event gemacht. Ich halte mich durchaus für eine gute und schnelle Autofahrerin, aber Wolfi hat uns alle in seinem umge­ bauten VW-Bus so was von versägt! Beeindruckender finde ich aller­ dings, wenn er allein mit dem Bus von Waidhofen an der Ybbs nach Salzburg fährt. Fällt ihm das Handy zu Boden und hat er eine Panne, ist er hilflos. Aber er zieht das durch. Kuttin: Selbständige Mobilität ist unglaublich wichtig, gerade emotional – das Gefühl, jederzeit rauszukönnen. Ich studiere in Wien und pendle selbst mit dem Auto. Ich wohne in einem barrierefreien Studentenheim und fahre die zwei­ einhalb Kilometer zur FH mit dem Rolli. Ich schaue immer auf die Uhr, wie lange ich gebraucht habe. Das ist mein Training für den Wings for Life World Run. Wo wärst du heute, wenn der ­Unfall nicht passiert wäre? Kuttin: Ich würde meine Medaille bei den Olympischen Spielen feiern! Nein, im Ernst: Es war schon davor geplant, dass ich Sportgerätetechnik studieren würde. Toni Giger hatte 21


mir das einst empfohlen. Das ziehe­ ich durch mit dem Ziel wieder selbst mein Geld zu verdienen. Noch bevor ich das Studium begonnen hatte, kamen erste Jobangebote. Ich habe zum Beispiel einen Golf-Rollstuhl ausprobiert und gleich Verbesserungspotenzial erkannt. Wo eine Tür zugeht, öffnen sich drei andere? Kuttin: Kommt darauf an, nach welchen Türen man Ausschau hält. Gerhardter: Man muss sie sehen wollen. Ein Mensch, der für mich pure Lebensfreude ausstrahlt, ist Julia Macchietto, die seit einem Verkehrsunfall im Alter von 19 Jahren gelähmt ist. Mitte 30 ist sie Mutter geworden. Eine Schwangerschaft ist schon für Gehende anstrengend, aber wie sie das hingekriegt hat und was für eine entspannte Mama sie heute ist – unglaublich! Was lernen wir daraus? Gerhardter: Deine Grundeinstellung dem Leben gegenüber ist für das persönliche Glück oder Unglück entscheidender als äußere Faktoren. Philipp, wie warst du vor dem Unfall? Kuttin: Zwischenmenschliche Kommunikation war nicht einfach für mich. Ich war eher der Außen­seiter im Team, aber auch Teamplayer. Als ich die Ski für alle Kombinierer gewachst habe und wir plötzlich die Schnellsten in der Anlaufspur waren, hat mir das getaugt – weil es ihnen getaugt hat. Fühlst du dich im Rollstuhl als ­Außenseiter? Kuttin: Nicht wirklich. Manche wissen nicht, wie sie schauen sollen, aber ich sag dann immer, ich bin auf den Rücken gefallen, nicht auf den Kopf. Ich bin innerlich noch immer der, der ich zuvor war.

„ Ich bin auf den Rücken gefallen, nicht auf den Kopf.“ Philipp Kuttin 22

Mit ein bisschen Hilfe von Anita: Ihr Ziel ist es, in Zukunft keine Rollstühle schieben zu müssen. Daher schiebt sie mit voller Kraft wissenschaftliche Projekte an (siehe Kasten rechts).

Körperlich weißt du jetzt, wo ­deine Limits sind … Kuttin: Nein! Bei jeder Physio­ therapie geht was weiter. Seit neuestem kann ich meine Pobacken ein wenig anspannen und dadurch Rückenstabilität aufbauen. Ich probiere ständig Übungen aus und versuche, Funktionen in meinem Körper wiederzuentdecken. Ich spüre mich nicht besser oder schlechter als zuvor – bloß anders. Ein Beispiel: Bei mir ist ein leichtes Druckgefühl im Bauchraum zurückgekommen. Wenn ich Hunger kriege, ist da ein

Leeregefühl. Wenn die Blase voll wird, verspüre ich einen Druck im Bauch. Es ist für Nicht-Betroffene schwierig zu beschreiben: Irgendwie spürt man es und spürt es doch nicht. Oft versucht man dieses dif­ fuse Gefühl zu assoziieren. Gerhardter: Nach Stand der ­Wissenschaft gibt es in den ersten beiden Jahren nach der Verletzung­ ein Fenster, in dem man viele Funktionen zurückgewinnen kann. Philipp unternimmt alles, um diese Entwicklung zu triggern. Das ist vorbildlich. THE RED BULLETIN


Die Stiftung

„ Die Einstellung ist für dein Glück entscheidender als äußere Faktoren.“ Anita Gerhardter

Welche Sportarten betreibst du? Kuttin: Golf, Handbike, Monoski und Langlauf. Das sollte mir auch in meinem späteren Job helfen. Ich kann nur Sportgeräte verbessern, die ich selbst kenne. Rollstuhl-Basketball und Sledge-Hockey möchte ich als Nächstes ausprobieren. Dann gibt es jemanden, der einen Surf-Rollstuhl gebaut hat. Interessiert mich auch. In fünf Jahren möchte ich Sport­ geräte für Gelähmte entwickeln, bauen, testen und verbessern. Das ist mein berufliches Ziel.

ROMAN BURRI, SAMO VIDIC/WINGS FOR LIFE

Gab es Erlebnisse seit der Verletzung, auf die du froh bist? So im Sinne von „Schön, dass ich das erlebt habe“? Kuttin: Die Rolligruppen in der Reha waren toll. Vom Wissen der „Alten“ in der Gruppe haben wir Frischverletzten extrem profitiert. Ein Highlight war, dass das öster­ reichische Biathlon-Team zu Saison­ beginn, als ich auf Reha war, ein zweieinhalb Minuten langes Video geschickt hat. Da hatte ich Tränen in den Augen. Die Jungs sind in Kontiolahti, ihre Saison geht los, aber sie denken an mich. „Du schaffst es leicht“, haben sie gesagt. Schaffst du es leicht? Kuttin: Wie auch zuvor gibt es Tage, die einfacher sind, und andere sind nicht so leicht. Wie holst du dich an den nicht so leichten Tagen wieder rauf? Kuttin: Manchmal gehe ich in die Online-Welt und zocke mit Freunden, an anderen Tagen hilft Sport. Im Prinzip hat sich da seit der Ver­ letzung gar nichts geändert.

WINGS FOR LIFE

Wohin geht mein Geld? Korrekt: zu 100 Prozent in die Forschung, etwa in diese vier Projekte, die dazu beitragen sollen, Rückenmarksverletzungen heilbar zu machen.

Grundlagen schaffen: Stammzellen Forscher: Christian Schachtrup Projekt: Fibrinogen

Überleben und Ausdifferenzierung transplantierter Stammzellen ist stark von der Zellumgebung abhängig, die nach einer Querschnittsverletzung dramatisch verändert ist. Um die ­Heilung nach einer Querschnitts­ verletzung zu fördern, wird in dem Grundlagenprojekt an der Universität Freiburg im Breisgau die Rolle von ­Fibrinogen auf die transplantierten Stammzellen untersucht. Fibrinogen ist ein Proteinkomplex, der aus der Blutgerinnung bekannt ist.

Stephen Strittmatter (re.) forscht mit Jan Schwab an der Yale University.

Nervenzellen verbinden

Forscher: Stephen Strittmatter Projekt: RESET An mehreren Querschnittszentren in den USA wird bei chronisch komplett Querschnittsgelähmten ein Wirkstoff direkt ins Rückenmark gespritzt, der geschädigte Nerven zum Wieder­ auswachsen und zur Neuvernetzung bringen soll. Strittmatters Testsub­ stanz funktioniert als Köder, um ver­ schiedene Proteine im Körper abzu­ fangen, die Erholungsprozesse des Rückenmarksgewebes verhindern. Die Auswertung der Daten wird für Herbst 2022 erwartet.

Grégoire Courtine beim Test mit einem Studienteilnehmer

Rehabilitation und Stimulation

Forscher: Grégoire Courtine Projekt: STIMO Neurowissenschaftler an der École polytechnique fédérale de Lausanne haben ein Rehabilitationsprogramm, gepaart mit epiduraler elek­trischer Stimulation, entwickelt. 2018 wurde von einer deutlichen Verbesserung der Geh- und Stehfunktion bei inkomplett querschnittsgelähmten Patienten be­ richtet. Derzeit entwickelt das Studien­ team das Stimulationsverfahren wei­ ter und konnte im Februar 2022 bei weiteren Studienteilnehmern auch nach einer kompletten Querschnitts­ lähmung Erfolge veröffentlichen. Eine Auswertung der Studie mit Langzeit­ ergebnissen steht allerdings noch aus.

Neue Nerven durch Enzymtherapie Forscher: Elizabeth Bradbury und Joost Verhaagen Projekt: Chondroitinase

Chondroitinase ist Teil einer viel­ versprechenden Enzymtherapie, die prinzipiell ein Neuauswachsen und eine Neuverschaltung von Nerven­ zellen im Rückenmark ermöglicht. Trotz positiver Effekte gibt es noch ­etliche Hürden, um diesen Ansatz als sichere und effektive Therapie in die klinische Anwendung zu bringen.

Mehr Info: wingsforlife.com THE RED BULLETIN

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F U ND ST Ü CK

MAXIMILIAN REICH

Mit dieser Hupe gab Wings for LifeGeschäfts­führerin Anita Gerhardter im Jahr 2014 das Startsignal für den allerersten Wings for Life World Run.

AUF DIE PLÄTZE, FERTIG …

Tröööööööööööt!

WINGS FOR LIFE WORLD RUN, KLAUS PICHLER

Eine kleine Hupe für einen großen Augenblick der weltweiten Lauf-Community. Mit dieser Tröte gab Wings for Life-Geschäftsführerin Anita Gerhardter das Startsignal für den allerersten Wings for Life World Run im Jahr 2014. Persönlich anwesend, tat sie das für rund 5000 Teilnehmer in St. Pölten – und per Live-Übertragung gleichzeitig für insgesamt 53.721 Läufer und Läuferinnen an 40 Orten auf der ganzen Welt. Heute hat die Hupe ausgedient. Für die meisten Teilnehmer fällt der Startschuss virtuell in der Wings for Life World Run App und eröffnet damit die Freiheit, von jedem Ort aus zu starten, zu dem unser Läuferherz uns trägt.

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