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The Red Bulletin AT 05/21

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ÖSTERREICH MAI 2021 € 3,50

EXTRA

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

WINGS FOR LIFE WORLD RUN 25 SEITEN FAKTEN ZUM LAUF-EVENT DES JAHRES

# SOUL SISTERSIN A

TANZ DICH FREI Wie die junge Österreicherin beim Breakdance Seele, Sinn und Selbstbewusstsein fand


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JAHRE GARANTIE*

DER N EUE C UPR A F O R M E N TO R . FAHRE WAS DU FÜHLST. WANDELBAR VON 150 BIS 310 PS. ALS BENZIN, DIESEL ODER e-HYBRID. Verbrauch: 1,2–9,0 l/100 km. CO2-Emission: 27–204 g/km. Stand 03/2021. Symbolfoto. * CUPRA Garantie von 5 Jahren bzw. 100.000 km Laufleistung, je nachdem, was früher eintritt.


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E DI TO R I A L

WILLKOMMEN

EIN MANN, EIN BILD

Wozu Instagram nutzen? Und was ist ein „Nutzer“ wirklich? – Der griechi­ sche Philosoph beant­ wortet knifflige Fragen auf Seite 18.

„ Das Fliegen hat etwas Befreiendes“ Bergführer Calum Muskett nimmt uns mit auf einen Para­ gliding-Flug vom Mont Blanc ab Seite 85.

Viel Spaß mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

WIE SINA SICH SELBST ENTDECKTE

Österreichs beste Break­ dancerin über die lange Reise zu ihren Wurzeln zwischen ­Marokko und Tirol. Ab Seite 56 4

BENE ROHLMANN

Die Fußball-Profis ­Patson Daka (li.) und Enock Mwepu kamen aus Sambia zum FC Red Bull Salzburg, um Fan-Herzen und Titel zu gewinnen. Ihre wich­ tigste Karriere-Zutat: eine enge Freundschaft. Ab Seite 72

SOKRATES ÜBER SOCIAL MEDIA

CHRISTIAN ANWANDER (COVER), KONSTANTIN REYER

SALZBURGS POWER-DUO

Natürlich können Sie diese Zeilen in Ruhe fertig lesen, Sie können aber auch sofort auf Seite 50 blättern (aber kommen Sie bitte wieder). Dort sehen Sie ein Bild, das Fotograf Philipp Horak von Tarek Rasouli gemacht hat. Dieser Tarek Rasouli ist der wichtigste Bike-­ Manager Europas. Und er sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl. Warum also gleich auf Seite 50 blättern? Weil Sie einen Mann mit offenem Blick und freundlichem Lächeln sehen und nicht einen Augenblick daran zweifeln werden, dass er es versteht, sein Leben gut zu leben. Und dass er mit seinem Rollstuhl einen Wheelie macht, ist, als würde er Ihnen verschmitzt-verschwörerisch zuzwinkern. Großer Mann, große Geschichte! PS: Wenn Sie das Heft wenden, erfahren Sie alles zum Wings for Life World Run am 9. Mai. Und wie Ö3-Star Tom Walek Sie am Renntag anfeuern wird!

THE RED BULLETIN


Moderne Neuinterpretation der 1965 Diver’s

6R Automatikkaliber

70h Gangreserve

UVP € 1.350,–


I N H A LT The Red Bulletin im Mai 2021

36 COVERSTORY

56 TANZ DICH FREI

Wie die 26-jährige Tirolerin Sina beim Breakdance Seele, Sinn und Selbstbewusstsein fand – die Geschichte einer faszinierenden Reise.

MOUNTAINBIKE

50 MIT RAD UND TAT

Tarek Rasouli ist Dreh- und Angelpunkt der MTB-Szene – seit er im Rollstuhl sitzt.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

66 MONUMENTAL ANDERS

KI wird die Menschheit verändern. Forscher Richard Socher erzählt uns, wie und warum.

PORTFOLIO

20 DIE MAGIE DES VERBOTENEN

Skateboard-Fotograf Jake Darwen erzählt die ­Geschichten zu den prägenden Bildern seiner Karriere.

FUSSBALL

72 DYNAMISCHES DUO

Die Salzburg-Stars Patson Daka und Enock Mwepu über den Wert von Freundschaft.

MUSIK

36 SONGS IN HIMBEERROT Wenn Lea Lu singt, wird ihre Welt ganz bunt – denn jeder Klang ist für sie eine Farbe.

ULTRARUNNING

40 DER FITTESTE ALLER FEUERWEHRMÄNNER

Andreas Michalitz hält den Weltrekord im 100-km-Lauf – in 26 Kilo schwerer Montur.

SKYDIVING

42 KOMET MIT HELM

Foto-Stunt am Nachthimmel: Wie aus einer verrückten Idee ein Sprung für die Geschichtsbücher wurde.

8 GALLERY 14 FUNDSTÜCK

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FARBENPRÄCHTIG  Die Sängerin Lea Lu kann Töne sehen. Das Ergebnis: bunte Lieder.

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

16 SCHICKSALSTRÄCHTIG  Vier Songs, die das Leben des Musikers Parov Stelar beeinflussten.

85 TRAVEL. Paragleiten am Mont Blanc mit Bergführer Calum Muskett – absolut erhebend. 90 G AMING. Jacob Mourujärvi erklärt, wie man eSport-Profi wird. 92 L ESESTOFF. Es geht noch böser – Märchen, neu erzählt. 94 R ICHTIG GUTES ZEUG. Handverlesene Liebhaberstücke, Tipps und Termine. 98 BOULEVARD DER HELDEN. US-Astronaut John Glenns All-Flug.

16 PLAYLIST 18 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW

109 IMPRESSUM 110 CARTOON

72 EINTRÄCHTIG  Die Karriere der FC Red Bull Salzburg-Kicker Daka (li.) und Mwepu.

THE RED BULLETIN

CLAUDIO STRÜBY, JAN KOHLRUSCH, KONSTANTIN REYER, JAKE DARWEN


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ROCK ’N’ ROLL! Die rasanten SkateboardFotos des Neuseeländers Jake Darwen

THE RED BULLETIN

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ALDEYJARFOSS, ISLAND

Ein Fall für Mr. Garcia Der Pilot des roten Hubschraubers. Der kühne Mann im blauen Wildwasserkajak. Der Fotograf auf dem Felsen gegenüber. Auf diesem Bild, aufgenommen im spekta­ kulären isländischen Hochland, zeigen drei ­Profis, was sie können: Der amerikanische ­Extrem-Kajakfahrer Evan Garcia stürzt sich, ­gefilmt aus dem Helikopter, den 20 Meter ­hohen Aldeyjarfoss-Wasserfall ­hinunter, der tschechische Lichtbildner Jan Kasl macht das Beste draus. Abenteuer im Bild: jankaslphoto.com


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JAN KASL


NEOM, SAUDI-ARABIEN

Voll am Sand

ERIC VARGIOLU/DPPI/RED BULL CONTENT POOL

DAVYDD CHONG

Wenn man nur lang genug von oben auf diese Wüstenzunge am Golf von Akaba schaut, dann taucht bald einmal ein schlafender Drache auf. Hier sehen wir den Truck der Russen Anton Shibalov, Dmitrii Nikitin und Ivan Tatarinov, der am Drachenmaul furchtlos Staub aufwirbelt. Die Besatzung hatte allerdings keine Zeit für Fabelwesen, denn bei ihrer Teilnahme an der Rallye Dakar – die nun zum zweiten Mal in Saudi-Arabien stattfand – galt: voll aufs Pedal! Der Franzose Éric Vargiolu hatte jedenfalls den Finger zur richtigen Zeit am Auslöser. Instagram: @eric_vargiolu

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DAVYDD CHONG ESBEN ZØLLNER OLESEN/RED BULL CONTENT POOL

SILKEBORG, DÄNEMARK

Ab durch den Wald

Natürlich kostet es ein wenig Überwindung, speziell an einem Wintermorgen, aber so eine Wakeboard-Spritztour stärkt die Abwehrkräfte, die wir jetzt dringend brauchen. In Dänemark wissen sie das genau. Im Video „We, The Danes“ wird gesunde Härte als Lebenselixier gefeiert. Unter den Protagonisten: Board-Profi Robin Leroy Leonard, hier bei einer erfrischenden Session auf einem See bei Silkeborg in Zentraldänemark, fotografiert vom Kopenhagener Esben Zøllner Olesen. Das ganze Video gibt’s auf redbull.com. Noch mehr Action: esbenzollnerolesen.com   13


F U ND ST Ü CK

Die Beatles am Cover von „Abbey Road“. Der Zebra­ streifen steht seit 2010 unter Denkmalschutz.

THE BEATLES

Rock ’n’ Rolle

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GETTY IMAGES, ALAMY

Original Klopapierrolle von der Toilette der Londoner Abbey Road Studios, 1969 Zwischen Februar und August 1969 nahm die berühmteste Pop-Band der Welt ihr letztes gemeinsames Album auf. Es hieß genauso wie die Studios: „Abbey Road“. Auch unser Fundstück spielte eine Rolle: „Die meisten Dinge liefen damals sehr flauschig ab“, heißt es dazu in einem Brief von einem EMI General Manager, „nicht jedoch dieses Klopapier, das den Beatles zu hart und zu glatt war. Außerdem fanden sie es erbärmlich, dass jedes Blatt von EMI gestempelt war. Die Rolle wurde sofort ausgetauscht.“


MEINE FANS FORDERN DEN ERFOLG! Das Leben wurde anders, aber das Wichtigste wird immer bleiben. www.laola1.at


PL AY L IST

PAROV STELAR

Mein Sohn, 8, ist mein wichtigster Kritiker Electroswing-Pionier Parov Stelar verrät, welche Lieder sein Leben prägten – wie etwa jenes, das seinem Sohn Max einen schulfreien Tag bescherte. In seinem Studio auf Mallorca produ­ ziert Marcus Füreder, 46, geläufiger als Parov Stelar, gerade ein Album für sein Alter Ego Stelartronic: „Stelartronic – The Observer“ soll „elektronischer, experimenteller, poppiger“ grooven. Daneben bereitet der Allroundkünstler eine Ausstellung seiner Gemälde in Palma vor; im Clip zum neuen Stelar­ tronic-Remix von „Brass Devil“ bringt sich der multitalentierte Oberöster­ reicher als Grafiker und erstmals auch als Darsteller ein. Und mit seiner „Voo­ doo Sonic Documentary“ gibt er auf 160 Streaming-Plattformen (darunter Amazon und Apple TV) einen Einblick in sein Leben. Uns verrät der DJ, Produzent und Remixer, welche Lieder ihn bewegen.

Macklemore & Ryan Lewis

Carla Morrison

Parov Stelar

Within You (2011)

Can’t Hold Us (2011)

Azúcar morena (2015)

Brass Devil (2020)

„Diese Nummer habe ich vor zehn Jahren im heftigen Liebes­ kummer auf und ab gehört. ­Solche Zeiten fräsen sich in dein Hirn und dein Herz. Das Komische ist: Eigentlich er­ innert sich ja niemand gern an solche Situationen. Aber Musik kann so viel! Wenn ich ‚Within You‘ heute höre, denke ich mir: Das war damals echt scheiße. Was bin ich froh, dass es mir wieder so gut geht!“

„Ich beschäftige mich als Produzent intensiv mit SoundÄsthetik und muss mich davor hüten, Musik zu sehr zu ana­ lysieren. Als ich diesen Song zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: Ist das ihr Ernst? Das ­Tempo, in der Macklemore rappt, ist unwirklich – Respekt! Ich bin nicht der größte Hip-HopFan, aber diese Nummer hat so einen Drive, dass ich aufstehen und tanzen muss.“

„Azúcar morena, das heißt ,brauner Zucker‘. Dieses bitter­ süße Lied der Mexikanerin Carla Morrison ist relativ neu, aber zeitlos schön. Ich tue mir schwer, über Musik zu r­ eden und etwas zu beschreiben, das man nicht in Worte fassen kann. Vor allem bei Songs, die dieses gewisse Etwas haben und ­damit etwas in dir berühren. Dieses Lied schlägt einfach ­verborgene Saiten in mir an.“

„Eine Nummer aus meinem ­eigenen Repertoire, die ich nie vergessen ­werde. Mein Sohn Max, er wird bald neun, ist mein wichtigster Indikator; Kinder sind gnadenlos ehrlich. Als ich ihm ‚Brass Devil‘ zum ersten Mal vorgespielt habe, hat er sofort zu hüpfen begonnen. Wir haben im Studio vier Stunden Party ge­ macht und waren danach beide erledigt. Max hat am nächsten Tag schulfrei bekommen.“

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JAN KOHLRUSCH

GusGus

FLORIAN OBKIRCHER

Multitalent Marcus Füreder alias Parov Stelar


C E L E B R AT I N G 100 Y EAR S Moto Guzzi feiert ein Jahrhundert Motorradgeschichte. Für immer seinen Werten treu, zeitlos und doch immer in Mode, eine authentische Leidenschaft für Motorräder. Als Guzzista geht es nicht um die Wahl des Motorrades, sondern darum wer du bist. Entdecke die neue Centennial limited Edition Modelle bei deinem Händler.

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DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W

SOKRATES FRAGT

„Erkennst du dich selbst, oder postest du noch?“ Social Media ist für ihn nichts anderes als der antike Markt von Athen: eine Gelegenheit, bei der man die Weltbilder seiner Zeitgenossen zum Einsturz bringt. Wie das funktioniert, erklärt der große Denker ­Sokrates in unserem fiktiven Interview mit dem ­deutschen Philosophen Christoph Quarch.

Heißt das, wir machen uns in den sozialen Medien alle etwas vor? Vielleicht nicht alle, aber viele. Es ist wirklich wie früher auf dem Markt von Athen. Die Leute wollen sämt­ „Den Leuten ist lich Aufmerksamkeit. Sie wollen bewundert und wertgeschätzt jedes Mittel recht, werden. Aus diesem Grund ist um attraktiv zu ­ihnen jedes Mittel recht, um gut und attraktiv zu scheinen – und scheinen, und sie sie vergessen darüber, gut und vergessen darüber, ­attraktiv zu sein. Das ist schade.

Ja, schon. Und was ist aus Ihrer Sicht ein Nutzer? Lassen Sie uns mal so tun, als wäre hier ein Nutzer, den wir fragen könnten: „Hey Nutzer, wer bist du?“ – „Was ist das für eine komische Frage, schau dir mal mein Profil an, dann weißt du’s.“ – „Okay, da finde ich ein Foto und ein paar Infos über dich. Aber das war doch wohl noch nicht alles.“ – „Na klar, ich kann doch nicht mein ganzes Leben in mein Profil quet­ schen.“ – „Das will ich hoffen, aber dann bist du doch offenbar etwas anderes als dein Profil. Oder sagen wir so: Dein Profil ist ein Bild von dir – aber du bist nicht mit diesem Bild identisch …“ Merken Sie, worauf ich hinauswill?

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zu sein.“

Haben Sie deshalb keinen ­Facebook-Account? Och, ich würd mir schon noch einen anlegen, denn für Social Media gilt am Ende das Gleiche wie für den Markt in Athen: Du kannst darin als Fake-Avatar ­herumlaufen und dich mit deinem Profil verwechseln, du kannst Social Media aber auch für Dialoge nutzen, in denen du anfängst, dich selbst zu erkennen und deine albernen Selbstinszenierungen als das zu durch­ schauen, was sie sind: fruchtlose Schattenspiele, die dich davon abhalten, wirklich du selbst zu sein. SOKRATES (ca. 470–399 v. Chr.) ist die Galionsfigur der euro­ päischen Philosophie. Zu Lebzeiten war der griechische Denker berühmt dafür, unreflektierte Selbst- und Weltbilder infrage zu stellen. Damit zog er den Zorn vieler Mitbürger auf sich, die ihn in einem fragwürdigen Prozess zum Tode verurteilten. CHRISTOPH QUARCH, 56, ist deutscher Philosoph, Theologe, Unternehmens-Coach und Autor zahlreicher philosophischer Bücher. Zuletzt erschienen: „Platon und die Folgen“, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart.

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BENE ROHLMANN

Wie meinen Sie das? Man nennt diese Leute Nutzer. attraktiv Ja, das weiß ich. Aber was ist das – ein Nutzer? Sehen Sie: Bei uns im alten Griechenland kannte jeder die Tempel­ inschrift in Delphi. Sie lautete: „Erkenne dich selbst!“ Deshalb frage ich jeden Nutzer, ob er sagen kann, was es heißt, ein Nutzer zu sein. Verstehen Sie, was ich meine?

DR. CHRISTOPH QUARCH

the red bulletin: In den sozialen Medien können Menschen sich ­zeigen und einander begegnen – selbst wenn sie physisch an verschiedenen Orten sind. Ist das nicht ein großartiges Instrument, um miteinander ins Gespräch zu kommen? sokrates: Ha, da haben Sie mir ­einen schönen Köder hingeworfen, mein Freund. Denn Sie wissen ja genau, dass ich ein riesengroßer Fan von Gesprächen bin. Und warum nicht auch mal chatten oder twittern? Mir ist nur eines nicht ganz klar dabei: Wer sind eigentlich die­ jenigen, die auf Social Media ­kommunizieren?

Sie wollen sagen, dass man im Netz eigentlich nur mit einem Bild von sich unterwegs ist, aber nicht als die Person, die man eigentlich ist? Genau das meine ich. Und jetzt kommt’s: Ein Bild kann wahr oder falsch sein. Es kann das, was es abbildet, getreu wiedergeben, es kann aber auch ein Zerrbild sein. Meistens ist Letzteres der Fall: Das Bild, mit dem Sie in sozialen Medien unterwegs sind, gibt dann gar nicht zu erkennen, wer Sie tatsächlich sind, sondern nur, wer Sie gern sein wollen. Es ist fast immer ein Wunschbild, das Sie von sich haben. Und das ist ziemlich oft ein verdammter Fake.


#THECRAFTOFSAFT shot @rauchjuicebar Neubaugasse, Wien

R E M IM EI N EN K C U L SC H . S U A VOR

Direkt gepresste Säfte mit dem Plus an Vitaminen.


P O RT FO L IO

„ Wir hatten nicht viel Zeit. Die Securitys waren uns auf den Fersen.“ Skateboard-Fotograf Jake Darwen über die Magie des Augenblicks am Rande des Verbotenen. Text ANDREAS WOLLINGER

Volles Rohr

Anthony Schultz, Seoul, Südkorea, 2016

„Vor dem größten Einkaufszentrum Seouls steht diese perfekte Full Pipe. Das Problem sind nur die vielen Wachleute. Ein paar von den Jungs lenkten sie ab, Anthony hatte Zeit für genau zwei Versuche, dann haben sie uns des Areals verwiesen.“

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Unter dem Regenbogen

Casey Ainsworth, Adelaide, Australien, 2015 „Casey entdeckte diese wirklich steile Bank (eine Schräge, die Tricks zulässt; Anm.) untertags, wir gingen abends hin, um ungestört zu sein. Da stellten wir fest, dass das Stadion ­beleuchtet war, was die Sache gleich noch viel schöner machte.“

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Nicht mal Fliegen ist schöner

Marius Syvänen, Tugun, Australien, 2018 „Fast zu schön, um wahr zu sein, aber diese Bowl ist nur ein paar hundert Meter von der Landebahn des Flughafens von Gold Coast entfernt. Marius und ich stoppten, dass die Flugzeuge zirka alle 20 Minuten ankamen. Schwebte also ein Flieger ­herein, legte Marius los. Es dauerte lang, bis wir es präzise hinbekamen, aber das war es allemal wert.“

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Sprünge im Schulhof

Jake Hayes & Jordan Trahan, Los Angeles, USA, 2019 „Klassische Schulhof-Session, mitten im Hoch­ sommer. Meine Blitzgeräte explodierten fast in der Hitze, aber die Jungs behielten einen kühlen Kopf und schafften es, ihre Kickflips über den Tisch perfekt zu synchronisieren.“

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Big City, Bright Lights

Marquise Henry, Los Angeles, USA, 2020 „Ich war schon immer ein großer Fan davon, mein Motiv von hinten zu beleuchten, wann immer ich die Gelegenheit dazu habe. Die Art und Weise, wie die Schatten dann mit dem Boden verschmelzen, und das Glühen hinter der Person: Ich liebe es!“

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Kunst und Können

Louie Dodd, Melbourne, Australien, 2016 „Louie skatet immer an Stellen, die so toll sind, dass man sich wünscht, ihn dabei fotografieren zu können. Glücklicherweise ging mein Wunsch in Erfüllung: Diese abstrakte Skulptur steht im Herzen von Melbourne.“

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Springen im Brunnen Dean Palmer, Peking, China, 2014

„Ich wollte immer schon jemanden in einem Springbrunnen fotografieren, aber meistens wollen die Leute nicht nass ­werden. Als ich mit Dean in Peking war, fragte ich ihn, ob er Lust habe. Nach fünf Minuten war er tropfnass. Er ist dann ins Hotel zurück, holte sich neue Klamotten, und weiter ging’s.“

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Sicherheit ist relativ

Franky Villani, Los Angeles, USA, 2020 „Nach dem Ausbruch von Corona hatte ich einen Monat lang kein Foto geschossen. Dann erkannten wir, dass geschlossene Schulen sichere Orte waren – keine Menschen weit und breit. Franky wählte prompt den am wenigsten sicheren Trick: den 50-50 Grind Hippie Jump – über das Geländer durch das Loch im Zaun.“

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Eine Frage des Gleichgewichts

Gabriel Summers, Melbourne, Australien, 2015 „Bis heute weiß keiner, wer das gebaut oder wozu es ge­ dient hat – eine wilde Konstruktion mit herausstehenden Nägeln und Sperrholzstücken, die sich gegenseitig über­ lappen. Gabriel musste wie ein Turner balancieren, um sein Brett in die richtige Position zu bringen, und dann einfach das Beste hoffen. Zum Glück ist nichts passiert.“

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Blitzaktion im Bahnhof

Ronnie Kessner, New York, USA, 2019 „Wir waren in diesem Bahnhof was essen. Beim Rausgehen fiel mir auf, dass man von oben ganz nach unten sehen konnte, was sofort eine Fotoidee zündete. Ich verständigte mich mit

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Ronnie via Handy, ein Assistent blitzte ihn zusätzlich von oben, was den Schatten erzeugte. Viel Zeit hatten wir nicht, die Securitys waren uns schon auf den Fersen.“

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Verbotene Leidenschaften

Kayle Lawson, Melbourne, Australien, 2016 „Diese Stelle war jahrelang gesperrt. Doch dann haben Hiesige die Sperren entfernt, und man konnte genau zwei Wochen skaten. Im Bild: mein bester Freund Kayle bei einem Switch Backside Lipslide.“

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P O RT FO L IO

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Mit 16 zog sich Jake Darwen eine Knieverletzung zu – nicht lustig, wenn man davon träumt, Skateboardprofi zu ­werden. Doch der S ­ onnyboy aus Auckland, Neuseeland, nützte das halbe Jahr Krankenstand kreativ: Er legte sich eine Kamera zu, um Teil der Szene zu bleiben, wenn er schon nicht selber fahren konnte. Schnell wurde die Fotografie zu seiner neuen Leidenschaft, wobei er den gleichen Zugang wählte wie beim Skateboarden: „Du kannst nicht aufhören, dich zu verbessern, das macht süchtig“, sagt er. Nach fünf Jahren in Australien übersiedelte er schließlich nach Los Angeles und zählt heute, mit 28, zu einem der gefragtesten Skateboard-Fotografen der Welt. Vor allem weil er es versteht, die flüchtigen Tricks der Boarder und ihre Umgebung mit wachem Blick und perfektem Timing zu Gesamtkunstwerken zu erhöhen. „Ich glaube“, sagt er, „dass man ein Foto auf die Art dazu bringt, eine Geschichte zu erzählen.“ Bilder aus Jakes Leben: Instagram: @jakedarwen

Tag der Fahne

Jake Hayes, Chongqing, China, 2014 „Diese Flaggen fielen mir auf, als wir von einem Spot zum nächsten unterwegs waren. Ich kletterte auf einen Baum, um den Blickwinkel richtig ­hinzukriegen, und Jake machte ein paar Kickflips. Zum Glück waren ­nirgends Securitys.“

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Musik

„Meine Songs sind dunkelgrün und himbeerrot“ Wenn Lea Lu singt, wird ihre Welt ganz bunt – denn jeder Klang ist für sie Farbe. Die Sängerin sieht Töne. Und das gibt ihrer Musik einen einzigartigen Anstrich. Interview SABRINA LUTTENBERGER  Foto CLAUDIO STRÜBY

Wenn Lea Lu auf die dunkle Seite ­ihrer Seele wechselt – dorthin, wo es ein wenig düsterer zugeht –, dann sieht sie nicht schwarz, nein, sie hört dunkelgrün. Für die Sängerin, 36, steht Dunkelgrün für F-Dur – und zwar immer. Denn Lea Lu ist Synästhetikerin. Das heißt: Jeder Ton, jeder Akkord lässt vor ihrem inneren Auge eine bestimmte Farbe erklingen. Nur einer von 20.000 Menschen, schätzen Experten wie der Neuropsychologe Lutz Jäncke von der Uni Zürich, besitzt diese Gabe. Der rus­si­ sche Maler Wassily Kandinsky soll sie gehabt haben, die New Yorker Sängerin Lady Gaga und der Frontmann der britischen Popband Coldplay, Chris ­Martin, sehen Töne wie Lea Lu. Neue Studien gehen davon aus, dass fast jeder Zwanzigste Töne sieht, viele, ohne sich dessen bewusst zu sein. Lange ahnte auch Lea Lu nichts von ihrer Gabe, erst eine Doku über Synästhesie öffnete ihr die Augen. Dabei hatte die Schweizerin sich schon als Sechsjährige mit ihrer speziellen Fähigkeit durch den Geigenunterricht geschummelt: Statt der Noten merkte sie sich die Farbfolge, die sie sah, wenn ihr die Lehrerin ein Stück vorspielte.

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Ob die Farbe vor ihrem inneren Auge ihren Liedern einen besonderen Klang verleiht? Wir meinen ja – ihrer ersten Single „I Call You“ gibt sie ­einen einzigartigen Anstrich, ihr dieses Jahr erscheinendes Album verspricht eine bunte Welt. Ein Happy End, mit einem dunkelgrünen Start in New York. the red bulletin: Wenn du mit Leuten Musik machst, kann es passieren, dass die anderen etwas richtig gut finden, wo für dich die Klang-Farb-Kombination nicht funktioniert? lea lu: Ja, das kommt wirklich vor. Wenn die Komposition toll ist, die Farben aber langweilig sind, beeinflusst das bereits meine Wahrnehmung des Songs. Oder zum Beispiel F-Dur – das ist für mich immer dunkelgrün, ein bisschen düster. Es kann schon sein, dass ich dafür eher melancholischere Themen wähle. Auf der anderen Seite würde ich ­niemals einen traurigen Song in A‑Dur schreiben. A-Dur ist himbeerrot, eine fröhliche Farbe! Wie kann man sich das vorstellen, dass du Musik nicht nur hörst, sondern auch siehst? Es ist wie eine Farbebene, die immer da ist, also auch jetzt, wenn wir sprechen. Es gibt dieses Empfinden, das mehr im Inneren des Körpers

stattfindet. Ich habe das nicht nur bei Tönen, sondern auch wenn ich lese und Buchstaben sehe. Da sind dann aber nicht die Buchstaben farbig, sondern ich sehe die Farben. Bei der Musik ist das eben auch so: Es tauchen Farbnebel vor meinem inneren Auge auf. Jeder Akkord und jeder Ton hat in meinem Kopf eine bestimmte Farbe. Und das ist immer dieselbe. Beeinflusst dich diese Fähigkeit auch in anderen Bereichen? Mir hilft es dabei, mir Dinge zu merken. Also, ich hab schon als ­kleines Kind Geige gespielt, konnte aber keine Noten lesen. Die Geigen­lehrerin wusste das aber nicht und hat mir das Notenblatt hingestellt. Ich hab sie dann gefragt: „Können Sie das bitte vorspielen?“ Ich habe mir die Tonfolge farblich gemerkt und so getan, als ob ich die Noten lesen würde. Sie hat das sechs Jahre lang nicht gemerkt! (Lacht.) Normalerweise würden wir jetzt über deinen New-York-Aufenthalt sprechen. Doch 2020 kam alles anders. Ja, ich wäre von März bis September mit einem Auslandsstipendium der Stadt Zürich in New York gewesen. Der Traum jedes Künstlers! Ich bin am 9. März angereist und war am 17. März notgedrungen wieder zurück in der Schweiz. Das war ein Schock, wie die Pandemie sich so plötzlich entfacht hat. Wie hast du die Zeit erlebt? Zuerst hatte ich natürlich Angst – um meine Familie, meine Freunde, meine Gesundheit. Ich war wie in einer Schockstarre, bis ich erkannt habe, ich muss da wieder raus. Das habe ich geschafft, indem ich mir möglichst viele wissenschaftliche ­Informationen zu Covid-19 beschafft habe. Ich hab viel gelesen und mich mit Freunden aus Taiwan ausgetauscht, die bereits früh Erkenntnisse

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„Ich musste raus aus der Schockstarre.“ Lea Lu, 36, kämpfte sich nach einem harten Jahr 2020 wieder zurück.

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Musik

Zum weltweiten Ausnahme­ zustand kam also auch noch ein persönlicher? Ja. Die Kulturbranche wurde von der Situation hart getroffen. Zum Glück gab es nach einigen Monaten Unter­ stützungsbeiträge von verschiedenen Institutionen. Um die erste Zeit zu überbrücken, habe ich mir Geld von Freunden geliehen. Sobald das Finanzielle vorerst geklärt war, hat sofort wieder das Kreieren begonnen. Das Leben kam wieder in Bewegung.­ Ich wollte schon sehr lange an ­meinem neuen Album arbeiten, ­deshalb bin ich ja auch nach New York gegangen. Stattdessen hast du es bei dir daheim in Zürich aufgenommen. Wie war die Arbeit daran? Als ich die Songs geschrieben hatte, habe ich einfach angefangen, die Musik mit meinem Schlagzeuger, mit dem ich mir den Proberaum teile, aufzunehmen – mit den Möglich­ keiten, die wir zur Verfügung hatten. Und ich habe mir Bass-Spielen bei­ gebracht. Weil ich … na ja, keinen

„I love the songs! I love your voice!“ Der kanadische Musiker Mocky war sofort bereit, Bass für Lea Lu zu spielen.

Bassisten in der Nähe hatte. (Lacht.) Es ging eigentlich ganz okay, aber dann ist mir plötzlich wieder Mocky in den Sinn gekommen. Ein kanadi­ scher Musiker, der schon mit Jamie Lidell (britischer Sänger; Anm.) und Leslie Feist (kanadische Sängerin; Anm.) gearbeitet hatte. Den wollte ich eigentlich in New York treffen. Ich hab mir gedacht, die Chance ist klein, aber ich frag einfach mal per Mail bei ihm an. Er hat zurück­ geschrieben und war begeistert: „I love the songs! I love your voice! I would love to play on your album!“ Er hat dann in Los Angeles die BassLinien eingespielt und uns geschickt. Das war so krass: Es hat sofort so geklungen, als ob wir schon lange eine Band wären! Ohne dass wir uns einmal getroffen haben. Wenn man sich das Album anhört, wird man etwas von der Stimmung des vergangenen Jahres spüren?

Ich glaube, man wird darin deutlich das Bedürfnis nach Austausch spüren. Das, was ich mir in dieser Zeit am meisten gewünscht habe: wieder mit anderen Musikern spielen zu können. Für mich ist das Album auch eine Weiterführung meiner EP „Rabbit“. Die war eine Soloproduk­ tion, ein sehr einsames Stück Musik. Der nächste Schritt wäre gewesen, wieder in die Welt hinauszugehen. Dann kam Corona, und die Welt ging zu. Aber das Bedürfnis ist geblieben. Wie bist du damit umgegangen? Ich habe es so gelöst, wie es eben ging: zum Beispiel mit Mocky online. Als der Lockdown in der Schweiz zu Ende war, so Anfang Mai, konnte man sich auch wieder treffen und zusammen musizieren. Da haben wir das Proberaumstudio in ein Auto gepackt und in einer Alphütte wieder aufgebaut, und ich hab meine Lieblingsjazzmusiker aus der Schweiz eingeladen. Also, ich hab einfach nur angerufen, und sie sind alle gekommen. Das war ein wunderschönes Erlebnis. Deshalb heißt das Album auch „I Call You“. Dabei wolltest du als Kind auf keinen Fall Musikerin werden. Du hast angeblich gesagt, das sei dir viel zu anstrengend. Das stimmt. Ich hab schon sehr früh Songs geschrieben. Das war das N ­ atürlichste für mich. Ich sag ­immer, das war meine erste Sprache, meine Muttersprache. Die Welt, in der ich mich ausdrücken konnte. Musikerin zu werden war aber nie ein Berufswunsch oder Traum. Nicht, weil es anstrengend ist – mir war wohl schon immer bewusst, dass es einfach schwierig ist, Musi­ kerin zu werden und davon zu leben. Deshalb habe ich auch mit ­einem Psychologiestudium begon­ nen. Da hatte ich in den Vorlesungen aber immer eine Jazz-Notensamm­ lung mit. Eine Mitstudentin hat mich irgendwann einmal gestupst und meinte: „Ey, du bist wirklich im falschen Studium.“ (Lacht.) Danach habe ich Jazz studiert. Und kannst du jetzt Noten lesen? Ja, das hat auch noch funktioniert.

Als Anheizer für Coldplay: Lea Lu 2016 mit ihrer Band im Stadion in Zürich – 48.000 Zuschauer sahen ihren Auftritt.

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Wie Lea Lus Leben Farbe gewinnt: lealu.ch THE RED BULLETIN

LUKAS MAEDER

zum Virus hatten. Als die Angst weg war, war das Organisieren wichtig. Okay, was mache ich jetzt? Wie zum Teufel zahle ich meine Miete? Es ist Lockdown. Ich hab keine Konzerte, ich kann keinen Gesangsunterricht geben.


FLÜÜÜGEL FÜR DEN SOMMER. MIT DEM GESCHMACK VON KAKTUSFRUCHT.

BELEBT GEIST UND KÖRPER®.


Ultrarunning

Der fitteste Feuerwehrmann Österreichs Andreas Michalitz, 52, Hauptbrandmeister aus Wiener Neustadt, hält den Weltrekord im 100-Kilometer-Lauf – und zwar in voller Montur. Das heißt: Er muss 26 Kilo mitschleppen. Und das ist nicht seine einzige Bestleistung. Interview WOLFGANG WIESER  Foto PHILIPP HORAK

Seine Vorbereitung für die Welt­ rekorde absolvierte Hauptbrand­ meister Andreas Michalitz in der Nacht: Warum? „Weil es seltsam aussieht, wenn du mit einem Feuer­ wehrhelm auf dem Kopf läufst.“ ­Tatsächlich näherte sich Profi-Feuer­ wehrmann aus Wiener Neustadt ­seiner schweißtreibenden Rekord­ jagd Stück für Stück: Einmal trug er den Helm, dann seine schweren ­Einsatzstiefel („Die sind fürs Laufen völlig ungeeignet“). Bis er schließlich in die komplette, 26 Kilo schwere Montur schlüpfte. Das monatelange Training hat sich gelohnt. Heute hält er vier Weltrekorde: im 100-Kilo­ meter-Lauf (im Einzel und im Team mit drei deutschen Kollegen), für zwölf Stunden am Laufband und im Treppen­steigen – alles in voller Feuerwehr-Montur. the red bulletin: Du hältst den Weltrekord im Treppensteigen in voller Montur, konkret hast du 82.301 Stufen in 24 Stunden ­geschafft. Frage eins: Was heißt in ­voller Montur genau? Frage zwei: Ganz ehrlich, ist das nicht ein bisschen verrückt? Andreas Michalitz: Die zweite Frage kann ich kurz beantworten:

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Ja. Zur ersten Frage: Helm, Jacke, Handschuhe, Hose, Stiefel, Atem­ schutzgerät, Beil, eine Maske – alles in allem 26 Kilo schwer. Wie bist du überhaupt auf diese verrückte Idee gekommen? Den Treppenrekord hat vor mir Joey Kelly von der Kelly Family gehalten – allerdings ohne Montur. Ich wollte nur beweisen, wie fit du als Feuer­ wehrmann sein musst. Dieser Weltrekord ist nicht dein einziger, du hältst vier, einer davon ist der Weltrekord im 100-Kilo­ meter-Lauf in Feuerwehr-Schutz­ ausrüstung mit Atemschutz. Du hast dafür 15 Stunden, 11 Minuten und 10 Sekunden gebraucht. Was treibt dich zu solchen Leistungen? Das ist schwer zu sagen. Ich ver­mute, es ist die Motivation, etwas Beson­ deres zu schaffen, was sonst kaum jemand schafft. In Österreich bin ich mit diesen Extremeinsätzen eher ein Einzelkämpfer, in Deutschland sind viel mehr Feuerwehrkollegen dabei. Deine Vorbereitung? Ich laufe seit rund 20 Jahren täglich. Zwei-, dreimal in der Woche habe ich speziell für die Weltrekorde ­trainiert. Auf unterschiedlichen Strecken. Meistens in der Nacht, weil es seltsam aussieht, wenn du

mit einem Feuerwehrhelm auf dem Kopf läufst. Das größte Problem ­waren die Schuhe: Die schweren Stiefel sind fürs Laufen eigentlich völlig u ­ ngeeignet. Aber wenn du ­lange ­genug übst, haut auch das hin. Was haben die F ­ euerwehrkollegen dazu gesagt? Und deine Frau, ­deine Kinder? Die waren Feuer und Flamme und haben mich unterstützt. Meine Frau Susanne, 54, und mein Sohn Alexander, 34, betreuen mich heute noch bei Extremläufen. Am Anfang deiner Laufbegeisterung stand ein Buch von Extremsportler Christian Schiester. In „Lauf ins Leben“ beschreibt er, wie er vom Kettenraucher zum TopSportler wurde. Es hat mich faszi­ niert, dass ein Antisportler all das schaffen kann. Bevor Christian mit dem Laufen begann, hatte er jeden Tag sechs Bier getrunken und 40 Zigaretten geraucht. Wie hat dein Sünden­ register ausgesehen? Gegessen habe ich gerne, aber kaum Alkohol getrunken. Sportlich habe ich – außer ein bisschen Ski zu fah­ ren – schlicht nichts gemacht. Sind diese Rekorde mehr als bloß ein Gag? Natürlich, sie sind so etwas wie eine Bestätigung meiner körperlichen, aber auch meiner mentalen Fitness. Wenn ich bei einem Einsatz auf der Autobahn auf 50 Grad heißem Asphalt stehe und im Schutzanzug arbeiten muss, ist es wichtig, nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit zu sein. Wohin Andreas Michalitz gerade läuft: ultrarunning-michalitz.at

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„In dieser Montur lief ich 100 Kilometer am Stück.“ Hauptbrandmeister Michalitz, 52, in seiner Sportbekleidung: „Ich will etwas schaffen, was sonst kaum jemand schafft.“

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Skydiving

KOMET

MIT HELM

Die Skydiver der Red Bull Air Force als menschliche Flugobjekte am Nachthimmel: Bei uns erzählt US-Fotograf Dustin Snipes, wie aus seiner verrückten Foto-Idee ein Stunt für die Geschichtsbücher wurde. Text NORA O’DONNELL Fotos DUSTIN SNIPES

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RED BULL AIR FORCE

Lebende Fackel Ein Skydiver der Red Bull Air Force im Nachthimmel über Marfa, Texas. Die US-Kleinstadt ist für ihre mysteriösen Licht­ phänomene berühmt, die „Marfa Lights“. Um diese für ein Foto­ projekt nachzustellen, zündeten die Athleten kurz nach dem Absprung pyrotech­nische Raketen an ihren Fußgelenken.


Skydiving

HimmelsKunstwerk Dieses Bild besteht aus 48 Fotos: Sechs Kameras und je acht Lang­ zeit­belichtungen waren nötig, ­damit der gesamte Flug der vier Skydiver zu sehen ist – vom Absprung über den Formations­ flug bis zu ihrem Verschwinden ­hinter den Bergen. „Ein abstraktes Gemälde auf einem schier end­ losen Nachthimmel“, schwärmt Fotograf Dustin Snipes.

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Skydiving

„Wir machen diesen Sprung nicht, weil er leicht, sondern weil er schwierig ist.“ Fotograf Dustin Snipes

W

ie so viele wilde Abenteuer beginnt auch diese Geschichte mit einer verrückten Idee – sie stammte von USFotograf Dustin Snipes. „Je verrückter, desto besser“, sagt er trocken. „In der Regel bedeutet das nämlich, dass es noch niemand vorher versucht hat.“ Die Hochebene von WestTexas hat etwas ganz Besonderes zu bieten: einen Nachthimmel von außerirdischer Schönheit. Die Seehöhe und die Abwesenheit von Lichtverschmutzung lassen Millionen von Sternen funkeln wie Juwelen. Und über allem schwebt der mystische Schleier der Milchstraße. Doch damit nicht genug: Nahe der Kleinstadt Marfa werden immer wieder mysteriöse Lichterscheinungen ­beobachtet – pulsierende ­Kugeln in allen möglichen Farben, mittlerweile weltweit 46

bekannt unter dem Schlagwort „Marfa Lights“. Para­ normale Phänomene? Atmosphärische Spiegelungen von Scheinwerfern oder Lager­ feuern? UFOs? Wer weiß. Für Fotokünstler Dustin Snipes jedenfalls eine würdige Kulisse, um einen Nachtflug der Red Bull Air Force ge­ bührend zu inszenieren: Was wäre, so der Grundgedanke der Aktion, wenn diese Weltklasse-Athleten selbst zu ­Marfa Lights würden? Snipes, in Los Angeles daheim, verbrachte Monate mit der Planung des Husarenstücks: Es galt, hunderte von Variablen mit einem Team von Experten einigermaßen berechenbar zu machen. „Es gab mehr Unwägbarkeiten als bei jedem anderen Shooting, das ich je gemacht habe“, sagt er. Snipes und das Team der Red Bull Air Force schlugen ihr Basislager auf der historischen Cibolo Creek Ranch auf. Zu ihr gehören mehr als

Ein Mann sieht Rot Kurz nach Sonnenuntergang bringt Dustin Snipes seine ­Ausrüstung in Stellung. Das rote Licht ist ein entscheidendes Werkzeug für die Nachtfotografie – weil es die Augen des ­Fotografen im Dunkeln weniger blendet als normales Licht. THE RED BULLETIN

DAN WIX, RED BULL AIR FORCE

Fotograf Snipes (li., mit seinem Team) kam im September 2020 zum ersten Mal nach Marfa, Texas, um sich nach Locations für das Nacht-Skydiving-Shooting umzusehen. „Die Planung dauerte Monate“, sagt er, „weil es jede Menge Variablen gab.“


Aufstieg und Fall Bild oben: Das Red Bull Air Force-Team im Flugzeug vor dem Absprung. Um sich auf einem mondlosen Himmel sichtbar zu machen, ­wickelten sich die Athleten in Ketten von LED-Lichtern; dazu ver­ wendeten sie Pyro­technik, die das Tempo und die Energie während des freien Falls rüber­ bringen sollte. Das ließ sie am Ende wie mensch­liche Kometen wirken.


„Es gab mehr Unwägbarkeiten als bei jedem anderen Shooting, das ich je gemacht habe.“ Fotograf Dustin Snipes Fotograf Snipes bat die Athleten, während der drei Sprünge mit dem Einsatz von LED-Lichtern und Pyrotechnik zu experimentieren. „Das LED liefert schnörkellose Linien“, sagt er. „Aber die Pyro fügt so viel Zufälligkeit hinzu und verleiht dem Ganzen einen wunderbar geheimnisvollen Look.“


Skydiving

Touchdown

RED BULL AIR FORCE

Bloß zwei winzige Lichter boten den Springern Orientierung auf dem Weg zur Landung. „Rundherum waren nur Berge … und absolute Finsternis“, sagt Team-Captain Jon DeVore. „Das Abenteuer wäre wohl ziemlich böse ausgegangen, hätten wir es nicht zum rich­ tigen Landeplatz geschafft.“

Schweres Geschütz Um die ganze Schönheit des Nachthimmels über Marfa und den Flug der Bullen auf ein Bild zu bekommen, bastelte sich Fotograf Snipes ein Gestell für seine Canon-EOS-Kameras. Jede von ihnen machte acht Langzeitbelichtungen über die drei Minuten, die die Springer in der Luft waren. Die Konstruktion musste leicht für den Transport sein und stabil genug, um den Kameras Halt zu bieten. Snipes brauchte fünf Tage, um das Ding zu bauen. THE RED BULLETIN

120 Quadratkilometer Land – mehr als genug Platz für störungs­ freie Aufnahmen. Doch all die penible Vor­ bereitung half Snipes nicht bei der größten Herausforderung: beleuchtete Körper, die aus 3000 Metern drei Minuten lang in die Dunkelheit fallen, ordent­ lich aufs Bild zu kriegen. Er verwendete ein Set-up aus neun Kameras, die auf ein selbst gebasteltes Gestell montiert wa­ ren, um ein 180-Grad-Panorama hinzubekommen. „Immer, wenn ich so etwas mache“, sagt Snipes, „muss ich an das denken, was Präsident John F. Kennedy seinerzeit über die Mondmissionen sagte: ‚Wir machen das nicht, weil es leicht, sondern weil es schwierig ist.‘ Du willst schließlich nicht den ganzen Tag mit langweiligen ­Spaziergängen verbringen.“ Das ganze Video der Marfa-LightsSprünge: redbull.com

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WHEELIE

Was für Tarek Rasouli auf dem Bike noch Spaß war, ist im Rolli im Alltag ­Notwendigkeit (was jetzt nicht heißt, dass er daran keinen Spaß hätte).

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Mountainbike

DAS IST EUROPAS WICHTIGSTER BIKE-MANAGER Vor seinem Unfall war TAREK RASOULI, 46, ein exzellenter Mountainbike-Freerider. Doch erst seit er im Rollstuhl sitzt, wurde er zum Dreh- und Angelpunkt der Szene und veränderte eine komplette Branche zum Besseren. Text WERNER JESSNER Fotos PHILIPP HORAK

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Mountainbike

ine Liste von exakt zehn Personen, die dich beruflich geprägt haben und die du gern zum Abendessen einladen würdest: Wer Tarek Rasouli, 46, diese Frage stellt, beschäftigt ihn über Tage. Zehn Namen, keiner mehr. Legenden der Frühzeit, ­Superstars von heute, visionäre BikeparkEntwickler, prägende Event-Erfinder, ­legendäre Filmer, renommierte Sport­ ärztinnen, ­hingebungsvolle Trainer: Es ist das Who’s who der Szene. Wirklich nur zehn N ­ amen? Tarek streicht und ergänzt, doch die Liste bleibt viel zu lang.

Der Neuanfang: Optimismus als Rettung

Der Start: Ein Sonnyboy erobert die Bike-Welt Wer wissen will, warum dieser Mann so gut vernetzt ist, muss mitkommen auf eine kleine Zeitreise um die Jahrtausendwende. Wer damals Mountainbike-Fan war, hatte sehr wahrscheinlich ein Poster oder ein Magazin mit Tarek zu Hause. Der Münchner war der einzige Europäer ­unter den legendären „Fro-Ridern“, dem ersten Profi-Freeride-Team des KultHerstellers Rocky Mountain. Diese rare Pflanze hatte seine Wurzeln in einer BMX-Karriere und einer als Fotomodell. Tarek zierte in seiner Karriere eine zweistellige Zahl an Covern internationaler Bike-Magazine. Er sah gut aus und konnte verdammt gut fahren – eine seltene Kombination, vor allem in Europa. So startete er nach dem Abi eine Karriere, die er selbst managte. „Ich war meine eigene globale One-Man-Show: Manager, Presse­ sprecher, Trainer und mehr. Ich war überarbeitet, aber oft untertrainiert. Manchmal war mein Training das Fotoshooting selbst!“ Aber es funktionierte. Sein Geld verdiente er auch mit Shows und BMXRennen. Und dann das: „1999 wurde ich auf meiner Heimbahn nur Vizemeister. 52

mit dem Lift im Bike-Resort Sun Peaks rauffahren durften, um die Stelle anzu­ schau­en, auf der sie drehen wollten, sagte ­Tarek: „What a beautiful view from a wheel­chair.“ Er hatte eigentlich „chairlift“ gemeint, also Sessellift – und doch war der Satz beinahe prophetisch. Was die wenigsten wissen: Tareks Halbbruder, der im österreichischen Kärnten lebt, sitzt seit einem Kletter-Unfall im Rollstuhl. Kurz dachte er an ihn. Zwei Stunden nach diesem Satz schlug der Blitz bei ­Tarek ein. Der Landehügel war unter­ dimensioniert, er zu hoch gesprungen. In mehreren M ­ etern Höhe warf er das Bike weg. Bei der L ­ andung auf den Beinen gab der oberste Lendenwirbel auf. Sofort waren bestialische Schmerzen da. Taubheit. Und die Vermutung, dass die BikeKarriere unwiderruflich zu Ende war.

PIONIER DER LÜFTE

Tarek sprang den später ikonisch gewordenen Stunt „Mushroom Drop“ in Moab, Utah, als Erster.

wenn es hinter den Kulissen nicht immer so glitzerte – aber wen kümmerte das schon: „Nach meinem ersten Auftritt in ‚Kranked‘ musste ich reihenweise Autogramme geben – etwas, was mir all die Cover und die sportlichen Erfolge im BMX nie gebracht hatten.“

Der Einschlag: ein Sturz, der plötzlich alles veränderte Für „Kranked 5“ sollte im Spätsommer 2002 im kanadischen British Columbia gedreht werden, jenem Geburtsort des Freeriding. Ein neuer Berg, große Verwirrung bezüglich der Drehgenehmigungen, alles sehr konfus. Als die Rider endlich

Wenn Tarek Rasouli von jener Zeit spricht, in der er den Grundstein zu ­allem Weiteren legte, beginnt er noch im ­Krankenhaus in Kanada. Der freundliche 150-Kilo-Pfleger mit der Piepsstimme. Dann das Dreibettzimmer in der Reha in Murnau, wo sich der eine Nachbar gar nicht und der andere nur einen Arm bewegen konnte, was diesem immerhin das Kettenrauchen ermöglichte. Tarek lag fröhlich dazwischen: „Ich habe einen Luxus-­Querschnitt! Volle Beweglichkeit der Arme und Hände, sogar der Bauchmuskeln. Was soll ich da jammern?“ Eine Eigenschaft, die Trial-Legende Danny MacAskill an Rasouli bewundert: „Ich habe Tarek noch nie – niemals – über seinen Zustand klagen gehört.“ In seinem Inneren sieht es bisweilen freilich anders aus: „Natürlich habe ich Schmerzen. ­Jeden Tag. Aber andere sind viel schlechter dran.“ Man würde seine Schmerzen nicht ahnen, genau wie man vergisst, dass der charismatische Mann mit den vielen Ideen im Rollstuhl sitzt, wenn man länger mit ihm zu tun hat. Seine ­Zuversicht und sein Anpackergeist sind es auch, die ihn schnell in Kontakt mit Gleichgesinnten bringen – etwa mit den Machern der Wings for Life Stiftung, die sich für die Heilung von Querschnitts­ lähmung einsetzt (s. Kasten S. 55). Als Stiftungs-Botschafter spricht Tarek seit über 15 Jahren anderen Betroffenen Mut zu, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. THE RED BULLETIN

SCOTT MARKEWITZ

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Im Ziel hab ich geweint, weil ich so enttäuscht war.“ Tarek war da immerhin schon 24 Jahre alt. Er stellte das BMX in die Ecke, konzentrierte sich voll aufs Mountainbike – aber nicht auf Rennen, sondern auf Videoproduktionen. Mit immer actionreicheren Clips wuchs er in die Freeride-Szene rein, die sich ausgehend vom kanadischen British Columbia gerade etablierte. Das Medium jener Tage war die VHS-Kassette, die KultReihe hieß „Kranked“. Dort fuhren die Götter. Dank seiner Professionalität, aber auch seinem Style arbeitete sich Tarek bis zu den Fro-Ridern nach oben. Seine Sponsoren inszenierten ihn als Sonnyboy mit Models, Party und Glamour, selbst


DAS NETZWERK DES TAREK RASOULI Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Der Bike-Manager (in der Mitte) kennt auf zwei Rädern die Götter und die Welt – und bringt sie zusammen.

DER KULT-FILMER DEREK WESTERLUND Von „New World Disorder“ bis „Where the Trail Ends“: Er setzt die Athleten in Szene.

BORIS BEYER/RED BULL CONTENT POOL(2), BRYAN RALPH, PHILIP PLATZER/RED BULL CONTENT POOL, COLIN MEAGHER, YORRIX CARROUX, JONNIE BOER, DAVE MACKISON/RED BULL CONTENT POOL, KLAUS BAUER

DER LOCAL HERO ERIK FEDKO

DER YOUTUBE-­ SUPERSTAR FABIO WIBMER

Tarek hat den besten deutschen Freerider einst bei einem kleinen Event entdeckt.

Der gebürtige Osttiroler hat die Ideen, Tarek und Co tragen sie in die Welt.

DER EVENT-GURU TODD BARBER

DIE BESTE SCHWESTER NATHALIE TANOS

Erfinder des legendären Red Bull Rampage und weiterer Bike-Spektakel

Stellvertretende Geschäftsführerin bei Rasoulution und Tareks rechte Hand

DIE ÄRZTIN DR. CHRISTINE BACHMANN Behandelt Tareks Biker und weitere Top-Athleten.

DER TRAINER LORENZ WESTNER Kümmert sich um begnadete Körper auch in schwierigen Lagen.

DIE TRIAL-IKONE DANNY MacASKILL Der Mann, der uns immer wieder staunen lässt, ist mittlerweile mehr Freund als Klient von Tarek.

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DER FREERIDE-­ ÜBERFLIEGER EMIL JOHANSSON DER BIKEPARK-VISIONÄR KORNEL GRUNDNER Setzte Leogang in Salzburg auf die Bike-Landkarte – auch dank Tareks Events.

Der Freerider mit dem vielleicht größten sportlichen Potenzial weltweit vertraut auf Tareks Netzwerk.

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WIEDER AUF DEN BEINEN

Es ist ein persönlicher Durchbruch: Seit kurzem kann Tarek wieder eigene Schritte machen – mit Hightech-Unterstützung des Exoskeletts EksoNR von Ekso Bionics und immer in Begleitung einer Physiotherapeutin. So will er am 9. Mai sogar beim Wings for Life World Run wieder als Läufer starten.

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Mountainbike

Die Revolution: Ein Kolumnist erfindet etwas andere Bike-Events Nach der intensiven Reha-Phase machte Tarek da weiter, wo er vor dem Unfall aufgehört hatte: Er jammerte nicht, sondern managte sich selber, genau wie er es immer getan hatte. Nutzte seine Kontakte. Er schaute beim Magazin „Bike“ rein und kam mit dem Auftrag für eine ständige Szene-Kolumne raus. Schließlich die Anfrage, ob er sich zutrauen würde, ein Event zu organisieren. Hatte er zwar noch nie gemacht, aber er hegte schon lange den Traum, auch Menschen jenseits der Szene für Bike-Events zu begeistern. Und so wählte er die Location nicht versteckt in den Bergen, sondern bei Konstanz am Bodensee und setzte auf Good Vibes und Partystimmung. Aus „Ride to the Lake“ sollte später der Red Bull District Ride entstehen, ein BikeSpektakel vor zehntausenden Zuschauern, zuletzt etwa in der Nürnberger Altstadt. Ermutigt vom Erfolg in Konstanz, gründete Tarek mit einer Freundin eine Event-Agentur: Rasoulution. Die Begeisterung und der Optimismus, mit denen Tarek an die Sache heranging, erweckten Dinge zum Leben, die sonst nie und nimmer funktioniert hätten. Das Feuer, das damals aufflackerte, brennt heute unverändert hell: Wenn er vorab den streng geheimen Pilot des jüngsten Danny-MacAskill-Videos „The Slabs“ durchschickt, freut er sich wie ein Kind, weil einem seiner Athleten wieder einmal etwas Unfassbares gelungen ist und er seinen Teil dazu beitragen konnte.

back auf dem Bike geben: „Ohne das persönliche Engagement von Tarek weiß ich nicht, wie es ausgegangen wäre. Dafür bin ich ihm total dankbar!“ In Summe hat Rasoulution elf Athleten unter Vertrag. Wie sucht ihr die aus? „Spezielles Talent. Und ganz wichtig ist ihr Charakter. Ihre Offenheit, Umgänglichkeit und Bodenständigkeit.“ Die letzte Entscheidung trifft Tarek. Ein junger ­Local Boy wie Erik Fedko kann es genauso schaffen wie jüngst ein bis dato völlig unbekannter Japaner namens Tomomi Nishikubo, den Tarek auf Videos entdeckte. Oder man nimmt den klassischen Weg wie Fabio Wibmer, der als Sechzehn­ jähriger bei einem von Tarek und Danny

Am 9. Mai: Mit Tarek für die gute Sache laufen Wings for Life World Run Weltweit starten zeitgleich alle Teilnehmer zum Wings for Life World Run. Jeder läuft einzeln, eine App feuert dich an und signalisiert, wenn dich das virtuelle Catcher Car eingeholt hat. Die Einnahmen fließen zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung. Übrigens, über die App kannst du auch Tareks Rasoulution-Laufteam beitreten. Sei dabei: wingsforlifeworldrun.com

PHILIP PLATZER FOR WINGS FOR LIFE WORLD RUN

Die Familie: Eine Heimat für globale Zweirad-Stars entsteht Rasoulution bietet nämlich auch Athleten-­ Management, also genau das, was Tarek einst für sich selbst gemacht hat, bloß viel, viel professioneller. Es sind nicht die Schlechtesten, die auf Rasoulution vertrauen: YouTube-Megastar Fabio Wimber zum Beispiel. Das deutsche Supertalent Erik Fedko. Danny MacAskill, längst mehr Kumpel als Kunde. Wer bei Rasoulution ist, gehört zur Familie. Als den schwedischen Jungstar Emil Johansson monatelang mysteriöse Rückenprobleme quälten, ließ Tarek ihn nach München einfliegen, wo Spezialisten ein Problem mit einem Wirbel diagnostizierten, außerdem ein Autoimmun-Problem. Nach zehn Monaten konnte Emil sein ComeTHE RED BULLETIN

Zusammen stark für die Forschung Wie die Wings for Life Stiftung Querschnittslähmung heilen will. Robotergestützte Reha, Proteine, die Nervenwachstum fördern, künstliche Intelligenz, die maß­geschneiderte Therapien berechnet: Weltweit fördert die von Bot­schaf­tern wie Tarek Rasouli unterstützte Wings for Life Stiftung wegweisende Forschungsprojekte zur Heilung von Querschnittslähmung – und ermöglicht damit schon heute vielen Betroffenen ein besseres Leben. Mehr Infos: wingsforlife.com

MacAskill organisierten Camp auffällt, behutsam reift, mit „Fabiolous Escape“ den YouTube-Hit des Jahres l­ andet – und dann zum globalen Star wird: Der Clip „Wibmer’s Law“ zählte zu Redaktionsschluss über 160 Millionen Views.

Das Ergebnis: ein neues Level für das Fahrrad-Universum Das alles liest sich wie ein Märchen. Fest steht: Die Freeride-Szene wäre nicht so professionell und präsentabel, würde nicht Tarek mit seiner Crew die Standards hochschrauben. Vorbei sind die Zeiten, in denen Poster von Mountainbikern nur in den Zimmern der Freaks hingen. Typen wie MacAskill oder Wibmer kennt heute jedes Kind. Auch dass Events um so viel sicherer geworden sind, bei gleichzeitig immer ärgeren Stunts, ist ein Verdienst von – nicht nur, aber auch – Tarek Rasouli. Wenn er vom Rollstuhl aus ­befindet, dass eine Landung breiter gemacht werden soll, wer würde da widersprechen? Oder dass es eine Kamera­ position gibt, die die Action der Kids besser einfängt? Oder tausend Details, die nur jemand kennt, der dem Sport seit fast drei Jahrzehnten so viel gegeben hat? „Und warum gibt es im Großraum München nur drei Pumptracks, aber hunderte Fußballplätze?“, fragt Tarek provokant, und man ahnt, womit er sich die nächsten Jahre beschäftigen wird. Das einzig unlösbare Problem bleibt jenes mit den zehn wichtigsten Menschen seiner Karriere. Typen mit einem der­ maßen fest gewobenen Beziehungsnetz kann man kaum in ein so enges Korsett zwängen – sie brauchen Events, um dort alle zu treffen. Wie passend, dass Tarek Rasouli diese Events veranstaltet. Dieser Mann ist goldrichtig da, wo er ist. Hast du dir jemals überlegt, wo du heute ohne den Unfall wärst? „Vermutlich wäre ich viel zu lang bloß Rider ­geblieben und hätte einiges versäumt.“ Wenn er da so sitzt, beim Red Bull ­Rampage in Utah, dem Red Bull District Ride in Nürnberg oder einem kleinen Event irgendwo, wenn die Jungs draußen sind und fahren, wenn alles läuft, dann fällt ihm manchmal der Satz ein, den er einst zwei Stunden vor dem großen Crash gesagt hat: „What a beautiful view from a wheelchair.“ Mehr über Tareks Welt: rasoulution.com

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EINE FRAU STEHT KOPF

Auch aus diesem Blickwinkel bewahrt Sina die Übersicht.


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DIE WUNDERSAME VERWANDLUNG DER SINAMARIA NEUGEBAUER IN

#SOULSISTERSINA B-Girl SINA, 26, Vater Tiroler, Mutter Marokkanerin, fühlt sich zunächst „halb-halb“. Heute hat sie begriffen, dass das kein Makel, sondern eine perfekte Mischung ist. Dazwischen übt sie in Casablanca Salti, lernt, einer Legende zu vertrauen und Reisen ohne Ziel zu akzeptieren. Text WOLFGANG WIESER Fotos CHRISTIAN ANWANDER

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Breakdance


„Du musst die Atmosphäre lesen, du darfst dich aber nicht von ihr irritieren lassen.“

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„Das ist meine Zeit, um zu zeigen, was ich kann. Das ist meine Zeit, um zu glänzen.“


Breakdance

SELBSTBEWUSST

Offener Blick, klassische Pose. Sina hat gelernt, sich zu behaupten.

S

ina weiß, was sie will, wenn sie in den Kreis springt. Sie will in 45, höchstens 60 Sekunden etwas Einzigartiges er­ schaffen. „Das ist meine Zeit, um zu glän­ zen“, sagt sie. Der Kreis ist ihre Bühne. Eine Bühne, wie es sie kein zweites Mal gibt. Immer einzigartig, jedes Mal neu. Geformt von Menschen, die gleicher­ maßen Freunde und Kritiker, Quelle der Inspiration und Konkurrenten sind. B­‑Boys. B‑Girls. Wie Sina, 26. Das B steht für Break, es ist ihre Art zu tanzen, in der Szene Breaking genannt, der allgemein geläufige Begriff heißt „Breakdance“. Sina war die erste Österreicherin im ­Finale des weltweit größten und wichtigsten BreakingBewerbs, des Red Bull BC One. Bevor Sinas Zeit zu glänzen gekommen ist, gilt es, den Kreis zu erobern. „Du musst die Atmosphäre lesen“, sagt Sina, „du darfst dich aber nicht von ihr irritieren lassen.“ Das heißt auch, kaum erkennbare Gesten der B‑Girls und B-Boys, die es wie sie ins Zentrum zieht, rich­ tig zu interpretieren. Und sie, wenn’s sein muss – weil nichts und niemand jetzt ihrem Auftritt im Wege stehen soll –, davon abzuhalten, vor ihr hineinzuspringen. Oft reicht ein angedeuteter Schritt, um den Raum zu sichern, manchmal braucht es eine leichte Schulter­ drehung, um den Weg in Zentrum zu blocken. Dafür sind Präsenz und Präzision notwendig. Und das Gespür für die Situation: „Ich gehe oft direkt runter auf den Boden. Dann habe ich den meisten Platz für mich“, sagt Sina. Das hat viel mit Stärke und Selbstbewusstsein zu tun – und mit Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Denn Moves – Bewegungen anderer Breaker – zu übernehmen ist verpönt. Wer das macht, ist schnell als übler Nach­ ahmer oder als „Biter“, wie es im B-Jargon heißt, ab­ gestempelt: „Du darfst dich von Moves inspirieren lassen, darauf antworten, reagieren, sie weiterentwickeln, aber du darfst sie niemals kopieren“, sagt Sina. Wenn Sina ihre Welt erklärt, tut sie das oft mit einem kaum merkbaren Zögern, so, als würde sie noch einmal nachdenken über das, was sie gerade zu sagen beabsich­ tigt. Abseits ihrer Bühne ist sie „eher zurückhaltend“, wie sie meint. Beobachterin statt Akteurin. Hat sie jedoch den Kreis erobert, verändert sich alles, dann wird sie zum Mittelpunkt ihrer Welt. „Das ist meine Zeit, um zu zeigen, was ich kann. Diese Zeit genieße ich“, sagt sie, oder eben: „Das ist meine Zeit, um zu glänzen.“ Dies ist die Geschichte ihrer Reise ans Licht, die Ge­ schichte der wundersamen Wandlung der Innsbruckerin Sinamaria Neugebauer zur SoulSisterSina. Sie beginnt in einem Palast.

THE RED BULLETIN

DAS ZAUBERHAFTE LEBEN IN EINEM PALAST IN TAROUDANT

Das Palais Salam liegt an der Avenue Moulay Ismail ­mitten in Taroudant. Etwa 80.000 Menschen leben in dieser Stadt im Süden Marokkos. Sie befindet sich an der Straße nach Ouarzazate, dem vier Autostunden ­entfernten Tor zur Sahara. Manche nennen Taroudant Marrakeschs kleine Schwester, andere dessen Großmutter. Denn mit ihrer sechs Kilometer langen Stadtmauer aus rotbraunem Lehm ähnelt sie Marokkos Millionen-Metropole. Der ­Palast, im 18. Jahrhundert errichtet, war lange Zeit ­Regierungssitz des Sultans. All das interessiert Sina, die hinter den Mauern des Palais Salam aufwächst, nicht. Sie spielt mit den Kätz­ chen, die wie aus dem Nichts auftauchen und wieder verschwinden, planscht im Pool; und wenn sie Lust hat, bestellt sie sich Eis mit Erdbeeren. Regen ist selten, und selbst in den Wintermonaten sinkt die Temperatur kaum unter zehn Grad. Sie führt ein sonniges Leben, unbeschwert wie eine kleine, glückliche Prinzessin. „Ich bin sehr dankbar für meine Kindheit, ich habe mich sehr frei gefühlt“, sagt Sina. In der Realität ist der Palast ein Hotel. Und Sina bewohnt mit ihren Eltern eines der Appartements. Mama Keltouma ist Berberin, Papa Arthur Tiroler. Den Sommer verbringt die dreiköpfige Familie in Öster­ reich, den Winter in Marokko. Hier wie dort organisiert der Vater Touren, die Mutter plant, zeichnet und steht ihm mit Tipps zur Seite. Mit fünf Jahren begleitet Sina ihren Vater erstmals in die Wüste: „Wir haben im Auto geschlafen, das war aufregend.“ Die kindliche Leichtigkeit verschwindet mit Schul­ beginn. „Meine Eltern hatten die Idee, dass ich eine ­bessere Zukunft habe, wenn wir ganz in Österreich ­leben.“ Die Familie übersiedelt nach Innsbruck: „Mit sechs Jahren habe ich das erste Mal Schnee gesehen.“   61


Breakdance Breakdance

SINA & DIE B-BOYS

Ihre Bewegungen fließen: Sina beim Red BulletinFotoshooting in Wien mit Arno (links) und Imad.

„Du darfst dich von Moves inspirieren lassen, darauf antworten, Die Tage im Palast verblassen. Ob sie Heimweh nach dem Königreich am Meer hatte? Sina zögert, dann sagt sie: „In Marokko ist alles ein bisschen lebendiger.“ Die Schulzeit ist nichts, was besondere Erinnerungen in Sina weckt. Sie lässt sich mit einem Satz erledigen: „Ich hab mich aufgehalten gefühlt.“ Nach der Matura ist sie nicht mehr zu stoppen. Sie arbeitet bei der Streetwear-Kette Snipes und verdient dort genug Geld, um mit einer Freundin für drei Monate nach Casablanca zu übersiedeln.

VERSTÄNDIGUNGSPROBLEME IM LAND DER KINDHEIT

Casablanca ist wie Taroudant eine Stadt in Marokko. Aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Die Hafenstadt am Atlantik hat knapp dreieinhalb Millionen Einwohner, rund 40-mal so viele wie Taroudant. Das marokkanische Arabisch, das hier gesprochen wird, hat mit Sinas Dialekt aus Taroudant wenig zu tun. Plötzlich hat sie im Land ihrer Kindheit Verständigungsprobleme. 62

Und nachts ­allein rauszugehen ist nicht die klügste Entscheidung, die eine junge Frau treffen kann. Wer sich also fragt, was eine Zwanzigjährige dazu treibt, in eine Stadt aufzubrechen, die erst einmal nur groß ist, stellt die richtige Frage. Sinas Antwort: „Ich wusste, die Leute hier trainieren anständig, von denen kann ich etwas lernen, und ich wollte auch zurück zu meinen Wurzeln.“ Die Leute, von denen Sina spricht, sind B-Boys und B-Girls rund um den bekannten marokkanischen Breaker The Wolfer. Sie hat die Crew ein Jahr zuvor, 2013, kennengelernt: beim Red Bull BC One in Agadir, von dem sie bei einem Besuch in ihrer alten Heimat Taroudant erfahren hatte. Sina bittet ihre Mutter, sie in die 83 Kilometer entfernte Stadt zu fahren – ohne zu wissen, ob sie überhaupt mitmachen kann. Sie tanzt auf der Promenade am Strand, schafft die Pre-Selection, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt wenig Breaking-Erfahrung hat. Die Battles lässt sie aber aus: „Meine Mutter wollte nach Hause, es hat mir nicht leidgetan, es war ein schöner Tag.“ THE RED BULLETIN


sie weiterentwickeln, aber du darfst sie niemals kopieren.“ Doch sie ahnt, dass diese Art zu tanzen ein Weg in ein neues Leben sein kann: „Was mir am meisten g ­ etaugt hat, war das Selbstbewusstsein, das die alle h ­ atten. Die Kids. Die Anfänger. Die haben sich sofort ­getraut. Jeder will zeigen, was er kann.“ Sina will das auch. Und deshalb muss es Casablanca sein. Denn The Wolfer und seine Truppe sind dort daheim. „Ich wusste, dass ich tanzen will, und ich wollte nach Marokko, weil mich die Jungs schon in Agadir inspiriert haben, sie waren international bereits sehr bekannt, und ich habe mir gesagt, wenn du besser werden willst, dann musst du mit Leuten trainieren, die besser sind als du – man sagt doch immer, man soll sich mit den Leuten umgeben, die das erreicht haben, was man selber anstrebt.“ Sie tanzen auf der Straße, abends nach acht, wenn die Geschäfte geschlossen haben. Es gilt ein simples Prinzip: Nur wer wagt, gewinnt. „Man muss sich durchsetzen können, das geht bei uns unter, wir sind zu nett, zu schüchtern, wir halten uns zurück“, THE RED BULLETIN

sagt Sina, wenn sie sich daran erinnert. Sie sagt wir und meint ich. Sina verlässt ihre Komfortzone, geht Risiken ein: „Ich habe zum ersten Mal akrobatische Sachen gemacht, das hätte ich mich vorher nie getraut.“ Sie übt Salti am Strand – und verletzt sich dabei am Arm. Ellbogenluxation, sie muss zurück nach Österreich. Der Ausflug in ihre neue Welt endet einen Monat früher als geplant. Aber es nicht das Ende ihrer Reise.

„NUR WENN DU GUT BIST, FÄLLST DU AUF.“

In den nächsten Monaten ist sie viel unterwegs – reist nach Deutschland, Holland, Spanien. Vor allem aber geht es nach Schweden – und zwar für ein Jahr. Sie will es wissen. Will ihre Breaking-Skills perfektionieren. Dort unterrichtet Fredrick Herranen – als „Freeze“ Mitglied der skandinavischen „Ghost Crew“ – eine ­Breaking-Legende seit den 1980er-Jahren. Ein Wissender. „Ich habe viel mit ihm geredet. Über meine Zweifel,   63


Breakdance

REVERENZ

Der Hut ist ein Verweis an die Anfänge von Breaking in den späten 1970er-, f­ rühen 1980erJahren.

Und sie schafft es als erste Österreicherin ins Finale des Red Bull BC One. Sie hat gelernt, was es heißt, die eigene Perspektive zu finden, wie Freeze es ihr in Schweden geraten hat. Sie ist gut in dem, was sie macht. Und sie fällt damit auf. Und was, Sina, kommt als Nächstes? „Keine Ahnung, ich versteife mich nicht mehr auf ein Ziel. Ich weiß nur, dass die Reise noch nicht zu Ende ist.“

WIE DU DEINEN EIGENEN KREIS ERSCHAFFST

dass ich nie das werde geben können …“ Dieser Satz hat kein richtiges Ende, weil ihr wieder einfällt, was Freeze ihr vor Jahren beim Mittagessen gesagt hat und wie wichtig ihr das war: „Kannst du dich noch daran ­er­innern, was der und der am Vormittag gemacht hat? Kannst du nicht, nein, natürlich nicht, niemand erinnert sich daran. Wenn du nicht gut warst, denken die anderen nicht darüber nach. Das heißt aber auch, dass du nicht darunter leiden musst. Nur wenn du gut bist, fällst du auf. Du musst deine Perspektive wechseln.“ Das sind Sätze, die ihr zu denken geben. Aber es sind nicht nur Freeze’ Weisheiten, auch ihr Körper sendet ­Signale: „Ich habe in der Zeit in Schweden mit etwas Ähnlichem wie einem Hexenschuss gekämpft. Ich hatte ständig eine Blockade im Nacken, in der linken Schulter, im linken Ellbogen. Woher das gekommen ist, konnte niemand sagen.“ Sina beschließt, ihre Heilung selbst in die Hand zu nehmen: „Ich habe das wieder in den Griff gekriegt.“ Sie lernt loszulassen. Denkt viel nach. Heute sagt sie: „Das Tanzen habe ich gebraucht, um selbstbewusster zu werden, um meine Wurzeln zu finden. Früher war ich disconnected. Heute gehört Marokko genauso zu meinem Leben wie Österreich. Ich fühle mich nicht mehr halb-halb.“ Und wie zum Beweis ihrer neuen Kraft sagt sie: „Ich bin eine schöne Mischung.“ Plötzlich geht alles leichter: 2016 heiratet sie The Wolfer (sie nennt ihn natürlich bei seinem Vornamen, Mustafa) in Österreich, ein Jahr darauf wird noch einmal in Marokko gefeiert. Ihre Modemarke „From The Soul“ nimmt Fahrt auf. Der Name ist funky, vor allem aber ehrlich: „Er ist perfekt“, sagt Sina, „weil jeder nur für sich selbst sagen kann, was seine Seele berührt.“ 64

Beim Shooting für The Red Bulletin trägt Sina Weiß. „Ein Kompromiss“, sagt sie. Die anfangs geplanten ­bunten Outfits funktionieren nicht. Also setzt Sina erst die strahlend weiße Plüschvariante eines Kangol-Hutes auf. Als Reverenz an die Breaking-Anfänge in den späten 1970er-, frühen 1980er-Jahren. Dann schlüpft sie in ein passendes weißes VintagePolo. Sie hat es abgeschnitten, mit Ösen und einem ­dünnen Band versehen, das vorn in einer Masche zusammenläuft und es so in ein bauchfreies „From The Soul“-Teil verwandelt. Dazu trägt sie eine weiße Hose und weiße Sneakers. Sieht nach allem aus, nur nicht nach einem Kompromiss. Und wer beobachtet, wie sie sich bewegt, versteht den Satz, den sie in einem der Gespräche gesagt hat: „Für Breaking brauchst du den Körper eines Athleten und den Ausdruck eines Künstlers.“ Noch viel besser als dieser Satz ist eine Anmerkung, die sie nebenbei macht, die aber ihre Anstrengungen, ihre Kämpfe, ihre Wandlung widerspiegelt. „Weißt du, irgendwann merkst du, dass du keine Lust mehr hast, etwas zu beweisen. Du erkennst, dass die Stimmung in dem Kreis, in den du gerade noch unbedingt hineinwolltest, nicht deine Stimmung ist. In solchen Momenten mache ich einen Schritt zur Seite.“ Früher hätte dieser Schritt zur Seite ihren Rückzug eingeleitet, heute ist er der Beginn einer Offensive. Sina erschafft ihren eigenen Kreis. Mit B-Girls und B-Boys, die ihr folgen. Dafür ist sie längst stark genug. Wer Sina begleiten will: @soulsistersina Wer sie erleben möchte: Sina wird beim Red Bull BC One Cypher Austria am 22. Mai in Wien dabei sein. redbull.com/cypheraustria

THE RED BULLETIN


Breakdance

„Ich versteife mich nicht auf ein Ziel. Ich weiß nur, dass die Reise nicht zu Ende ist.“


Künstliche Intelligenz

„ P UTZEN IST KOMPLIZIERTER ALS SCHACH SPIELEN“ Der deutsche Spitzenforscher RICHARD SOCHER, 37, gilt als Star der künstlichen Intelligenz. Hier erzählt er, wie smarte Maschinen unseren Alltag verändern werden und welche menschlichen Talente in Zukunft gefragt sind. Interview JÜRGEN SCHMIEDER  Fotos JEREMY JACKSON

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DER MASCHINENVERSTEHER

Richard Socher, bis 2020 Chef-Forscher des USSoftware-Unternehmens Salesforce und weltweit viel­zitierter KI-Experte


Künstliche Intelligenz

S

eien wir doch ehrlich: Die Menschheit hat keine Chance! Maschinen besiegen uns bereits in Brettspielen wie Schach, sie können sicherer Auto fahren als wir, um Längen schneller rechnen und stellen Zusammenhänge her, von denen wir nicht einmal wussten, dass sie existieren. Es kann nicht mehr lange dauern, dann überwacht Big Brother unser Leben, ein Computer bestimmt über unseren Alltag. Gesichtserkennung und Sprach­ assistenten sind nur die Vorstufen zur Machtübernahme der Maschinen. So oder so ähnlich klingen die üblichen Reflexe auf technischen Fortschritt – ­besonders beim Thema künstliche Intel­ ligenz (KI) zeichnen wir gern Horror­ szenarien. Nur: Ist es wirklich so schlimm, oder gibt es auch Per­spektiven, die uns ­erlauben, einer Zukunft mit KI positiver ent­gegenzublicken? Richard Socher, bis 2020 ForschungsChef für künstliche Intelligenz beim USSoftware-Unternehmen Salesforce, wählt den optimistischen Ansatz. Der gebürtige Dresdner hat an der US-Elite-Uni Stan­ ford promoviert – und dabei übrigens im sagenumwobenen Büro 221 gearbeitet, in dem einst auch die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin forschten. Im Jahr 2014 gründete er das Sprach­ erkennungs-Start-up „Metamind“ und verkaufte es zwei Jahre später an Sales­ force. Heute wendet Socher als CEO des Start-up-Unternehmens „SuSea“ KI in der Praxis an. Zeit für einen Reality Check mit einem, der das Thema in allen Details kennt.

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the red bulletin: Herr Socher, Sie haben den schönen Satz gesagt: „Künstliche Intelligenz zeigt uns, wer wir wirklich sind.“ Also: Wer sind wir? richard socher: Grundsätzlich müssen wir uns fragen: Was macht den Menschen aus? Ein Punkt, durch den wir uns gern von anderen Arten abgrenzen, ist Intelligenz: Das klingt sehr spezifisch, aber da schließen sich viele Fragen an, was das überhaupt ist. Da verhilft uns die künstliche Intelligenz zu interessanten Erkenntnissen. Welchen zum Beispiel? Wir stellen plötzlich fest, dass Auf­gaben, die wir für simpel halten, sehr kompli­ ziert sein können und dass vermeintlich komplizierte Tätigkeiten relativ einfach sind. Nehmen wir Schachspielen: Das ist für Computer eher leicht zu lernen. Der Job von Putzpersonal dagegen ist unglaublich schwierig zu automatisieren. Da steckt viel abstraktes und konkretes Wissen drin, das miteinander verknüpft werden muss: Wie schafft man so Ord­ nung, dass es Sinn ergibt? Was kann eine Maschine heute schon besser als wir Menschen? Aufgaben, die sich wiederholen, zum Beispiel die Analyse von Bildern in der Radiologie. Und die Auswertung sehr großer Datensätze. Es gibt bei Salesforce ein sogenanntes Lead & Opportunity Scoring: Das hilft Vertrieblern, die eine lange Liste von Kunden haben. Wen sollen sie als Erstes anrufen? Wenn eine künstliche Intelligenz die Nachrichten aus der Branche verfolgt – ob es zum Bei­ spiel einen neuen Abteilungsleiter gibt –, bereits gesendete E-Mails überprüft und externe Daten einbezieht, dann kann sie voraussagen: Das sind heute die zehn Leute, die am meisten daran interessiert sind, das Produkt zu kaufen. Diese In­ formation führt dazu, dass die Verkäufer um 30 Prozent effizienter sind. Das verletzt aber womöglich den Stolz des Verkäufers. Klar, es ist wichtig, ihm schlüssig zu erklären, warum er diese Leute anrufen sollte, nur dann vertraut er der Analyse.

Meilensteine in künstlicher Intelligenz haben oft mit Spielen zu tun: Schach, Pokern, das Strategie-Brettspiel Go. Wäre es nicht inter­essanter, mehr Aufmerksamkeit auf ihre Anwendungen im Alltag zu richten? Das ist genau mein Ansatz. Klar war das ein Riesending, als der Computer in Go gewonnen hat, und es hat auch die Art und Weise beeinflusst, wie die Leute spielen. Außerhalb der Spielewelt hat sich durch diese Applikation allerdings eher wenig verändert. Algorithmen in Spielen sind selten hilfreich in der echten Welt, wo nicht alles so schön angeordnet ist wie auf einem Spielbrett. Es gibt sehr viele Unsicher­heiten, der Zufall spielt eine genauso gewaltige Rolle wie das ­Berechnen von Wahrscheinlichkeiten. Und kaum gewinnt eine Maschine gegen den Menschen, heißt es: „Jetzt THE RED BULLETIN


CODES FÜR ÜBERMORGEN

Richard Socher, hier in seinem ehemaligen Büro der Firma Salesforce in San Francisco, erforscht unter anderem, wie uns Sprachassistenten das Arbeitsleben erleichtern können.

und er wird uns als Spezies gewaltig ver­ändern. Vor 250 Jahren haben 90 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet, für die körperliche Arbeit war es wichtig, fit zu sein. Mittlerweile ist es relativ egal, wie groß der Bizeps ist. Andere Qualitäten sind wichtiger. So eine monumentale Verschiebung steht uns durch künstliche Intelligenz bevor. Langfristig bin ich also optimistisch, kurzfristig mache auch ich mir ein paar Sorgen. Worüber? Nehmen wir zum Beispiel Lkw-Fahrer: Sie haben einen knallharten Job. Sie müssen konzentriert sein, auch wenn es manchmal stundenlang geradeaus geht. Sie sind oft Tage oder Wochen von der Familie getrennt, müssen verschiedene Zeitzonen durchfahren. Es ist kein bequemes Leben, und man könnte sagen: Gut, dass wir daran arbeiten, dass eine Maschine das übernimmt. Wenn man aber Lkw-Fahrer fragt, dann sagen die: „Ich liebe meinen Beruf, ich bin gerne ­allein, ich will nie was anderes machen.“ Verständlich. Wenn man die Leute in 150 Jahren ­fragen wird, ob sie den ganzen Tag ­allein in einem Lkw sitzen wollen, wird die Antwort wahrscheinlich die gleiche sein, wie wenn man heute fragt, ob sie den ganzen Tag in der prallen Sonne auf einem Feld schuften wollen, bis sie Schwielen an den Händen haben. Sie werden sagen: „Nein, das ist völlig absurd, das macht doch eine Maschine!“

„Vieles ist kulturell bedingt: In Japan etwa finden es alle super, dass mehr Sachen für sie automatisiert sind – da wird der Roboter als Helfer gesehen und nicht als Terminator oder Jobkiller.“ werden wir überflüssig.“ Oder: „Der Terminator wird kommen.“ Das ist auch kulturell bedingt. In Japan etwa finden es alle super, dass mehr Sachen für sie automatisiert sind – da wird der Roboter als Helfer gesehen und nicht als Terminator oder Jobkiller. Niemand kann jeden Tag 10.000 mögliche Kunden überprüfen, so wie niemand jeden Tag THE RED BULLETIN

das komplette Internet manuell durchforsten kann – das kann der Algorithmus von Google deutlich besser. Wozu wird das letztlich führen? Man kann historische Fortschritte als ­Effizienzsprünge sehen: Dampfmaschine, Elektrizität, Internet. Künstliche Intelligenz ist der nächste Effizienzsprung,

Dennoch haben Lkw-Fahrer Angst, ihren Job zu verlieren. Was sagt man denen? Noch ist es nicht so weit, es ist also noch Zeit, und es ist die Aufgabe der Politik und der Wirtschaft, die Leute darauf vorzubereiten und ihnen zu erklären, dass es für sie andere Aufgaben geben wird. Vielleicht ist die Fragestellung, ob Maschinen Jobkiller sind, die falsche Herangehensweise. Was wäre eine bessere? Das Ziel in der Medizin zum Beispiel ist doch, gesunde Menschen zu haben – und nicht, mehr Arbeitsplätze zu schaffen. In der Radiologie beispielsweise ist die künstliche Intelligenz effizient und kostengünstig. Es gibt zu wenige Radiologen, und die menschliche Intelligenz ist nun wahrlich nicht darauf ausgerichtet, tag­täglich und andauernd auf Schwarzweißbilder zu starren. In diesem Bereich kann KI einen positiven Beitrag leisten.   69


Künstliche Intelligenz Das macht die aktuelle Angst vieler Menschen vor dem Jobverlust aber nicht kleiner. Das stimmt, und deshalb muss die Politik die Menschen mitnehmen. Sozialsysteme müssen das unterstützen. Es muss aber vor allem gezeigt werden, dass es Eigen­ schaften gibt, die in Zukunft noch stärker gefragt sein werden: Kreativität, Empa­ thie, Probleme zu erkennen, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Die Maschine stellt die Diagnose, der Arzt übermittelt sie dem Patienten? So ungefähr. Aber der Arzt kann ja noch viel mehr: Vielleicht wird der Arzt die Analysen mehrerer Maschinen kombi­ nieren, womöglich entdeckt er dabei eine neue Krankheit, ein neues Virus. Diese Kombination von abstraktem und konkretem Wissen ist schwer zu auto­ matisieren. Wir dürfen nicht vergessen: Eine Maschine ist immer nur so gut wie die Daten, die man ihr gibt. Dadurch entsteht manchmal ein „Bias“ – wenn der Algorithmus etwa Stereo­ type und Vorurteile bedient. Ist das nicht gefährlicher als alles andere? Das ist meiner Meinung nach die größte Gefahr. Künstliche Intelligenz wird nie rassistisch oder sexistisch programmiert. Sie arbeitet mit den Daten, die sie be­ kommt. Fragt zum Beispiel eine Bank den Rechner: „Wer soll einen Kredit bekommen und wer nicht?“, und die Daten der Bank sehen so aus, dass in der Vergangenheit weniger Frauen einen Kredit zur Firmengründung beantragt haben, dann ist es möglich, dass künst­ liche Intelligenz den Kreditantrag einer Frau eher negativ bewertet. Da hält uns die künstliche Intelligenz einen Spiegel vor: „Schaut mal, so habt ihr das in der Vergangenheit gemacht.“ Man kann da aber auch gegensteuern. Einen Algorithmus kann man ein­ facher ändern als die Einstellung von 10.000 Vorgesetzten, die immer nur Männer gefördert haben. Richtig, und man muss sich bewusst machen: Künstliche Intelligenz ist eine sogenannte „Omni-Use Technology“. Das müssen Sie erklären. Man kann sie für alles verwenden. Man kann mit einem Hammer ein Haus bauen – oder ihn als Waffe benutzen. Mit einem Auto kann man Menschen transportieren – oder sie überfahren. Im Internet kann man wertvolle Informationen schnell ­teilen – oder illegale Geschäfte ­machen. 70

MIT DIESEN FÄHIGKEITEN KANNST DU 2021 PUNKTEN

Welche Kompetenzen suchen Unternehmen heute? Um diese Frage zu beantworten, analysierte LinkedIn Millionen Daten seines Karriere-Netzwerks. Hier sind die Antworten.

SOFT SKILLS

HARD SKILLS

1. KREATIVITÄT

1. BLOCKCHAIN

Wer sich abheben will, braucht einzigartige Ideen – und diese setzen Einfallsreichtum voraus. Auf keine menschliche Fähigkeit sind Betriebe heute stärker angewiesen.

2. ÜBERZEUGUNGSKRAFT Gute Ideen sind wichtig, bringen dein Unternehmen aber nur dann weiter, wenn du sie auch erklären kannst – erst den Vorgesetzten, dann womöglich den Kunden.

3. TEAMFÄHIGKEIT IT-Experten mit HR-Profis, ­Con­troller mit PR-Experten: Mehr denn je setzen Betriebe heute auf fachübergreifende Teams – dafür musst du kooperieren können.

4. ANPASSUNGS­FÄHIGKEIT Noch nie hat sich die Arbeitswelt so rasant verändert wie heute. Deswegen sind Unternehmen auf Leute angewiesen, die Veränderung als Bereicherung sehen.

5. EMOTIONALE INTELLIGENZ Wer nachhaltig erfolgreich sein will, muss langfristige Beziehungen pflegen – etwa mit Geschäftspartnern. Keine Maschine kann hierbei den Menschen ersetzen.

Entwickelt für Kryptowährungen, kommt die Technologie längst auch bei Versicherungen oder im Gesundheitswesen zum Einsatz. Nur Fachkräfte gibt es zu wenig.

2. CLOUD COMPUTING Immer mehr Unternehmen nutzen Cloud-Lösungen für ihre digitale Infrastruktur. Gefragt sind deswegen Spezialisten für Systeme wie Microsoft Azure.

3. ANALYTISCHES DENKEN Tech-Wissen ist wichtig, klar. Aber genauso kommt es für Unternehmen darauf an, etwa aus riesigen Datenmengen die richtigen Schlüsse zu ziehen.

4. KÜNSTLICHE INTELLIGENZ Sie ersetzt viele Jobs, begleitet und weiterentwickelt muss KI aber von Menschen werden. Hierzulande steigen viele Firmen erst jetzt ein und suchen Personal.

5. UX- DESIGN Damit Nutzer etwas kaufen, müssen sie sich auf Websites leicht zurechtfinden. Deswegen sind und bleiben Unternehmen auf eine gute User Experience (UX) angewiesen.

THE RED BULLETIN


Künstliche Intelligenz kann in fast allen Bereichen eingesetzt werden, für positive und negative Zwecke. Gesichtserkennung kann zum Beispiel dabei helfen, Krimi­ nelle zu verfolgen. Sie kann aber auch für andere, finstere Zwecke eingesetzt werden. Man sollte Technologie nicht verteufeln, die Politik muss hier re­gu­ lierend eingreifen. Ist es nicht so, dass der Mensch im Lauf der letzten industriellen Revolutionen zur, nun ja, Maschine geworden ist? Er steht am Fließband, schraubt an Autos, ordnet Papierstapel. Könnte es sein, dass der Mensch mithilfe von KI wieder menschlicher wird? Unbedingt! Und ich glaube, dass künst­ liche Intelligenz zu mehr Kommunikation zwischen Menschen führen wird. Immer weniger Leute werden künftig allein langweilige, sich ständig wiederholende Tätigkeiten ausüben. Berufe im zwischen­ menschlichen Bereich bekommen mehr Wertschätzung: Der Altenpfleger, der Ge­ schichte studiert hat, ist vielleicht ­besser

„Ich glaube, dass künstliche Intelligenz zu mehr Kommunikation zwischen Menschen führen wird. Immer weniger Leute werden allein langweilige, sich ständig wieder­ holende Tätigkeiten ausüben.“ in seinem Job, weil er sich besser in ältere Menschen hineinversetzen kann. Er muss dann aber auch besser bezahlt werden. Was würden Sie einem Schüler von heute raten? Was wird er zukünftig können müssen? Zuerst: Informatik, weil man künst­liche Intelligenz nicht verstehen kann, wenn man vom Programmieren keine Ahnung hat. Mathematik auch. Aber auch: Ethik, Kunst, Geografie.

Also jene Fächer, vor denen Eltern ihre Kinder eher warnen – aus Angst, sie könnten keinen Job b ­ ekommen. Das wird sich verändern. Zum Beispiel kann Rechtschreibung, so wichtig sie ist, von künstlicher Intelligenz jetzt schon verbessert werden. Es ist aber eine ganz andere Sache, eine fesselnde Geschichte mit kreativen Ideen und fundierter Fach­ kenntnis zu schreiben. Das wichtigste Skill Set für die Kinder der Zukunft ist deshalb eine gute Mischung aus Geistes­ wissenschaften und Informatik.

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Fußball

Freunde fürs Leben

Sie kamen aus Sambia und eroberten die Herzen tausender Fußballfans in Österreich. Die Red Bull Salzburg-Stars PATSON DAKA und ENOCK MWEPU über den unschätzbaren Wert von Freundschaft und ein Geschenk, für das es sich zu kämpfen lohnt. Text HANNES KROPIK  Fotos KONSTANTIN REYER

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A

lle hatten Patson Daka vor „dem Computer“ gewarnt. Manche raunten sogar, dass dieser Computer so gefährlich sei, dass er unbedingt zerstört werden müsse. ­Patson war dreizehn und ­verstand nicht, warum er sich „vor einem Computer in Acht nehmen“ sollte. Er war hier, um Fußball zu spielen. Deshalb war Patson nach Lusaka gekommen, in die Hauptstadt von Sambia. Gemeinsam mit tausenden anderen Burschen hatte sich Patson beim „Airtel THE RED BULLETIN


Chambishi. Vater Robby arbeitete für eine der vielen Kupferminen-Gesell­ schaften. Heute betreiben seine Eltern eine Landwirtschaft. Patsons Vater Nathtali war selbst Fuß­ ballprofi bei den Nitrogen Stars in seiner Heimatstadt Kafue gewesen. Leider starb er früh. Bereits im Alter von 14 Jahren musste Patson Verantwortung für seine Familie tragen. Diese Haltung übernahm er auch gegenüber seiner Gemeinde. ­Patson unterstützte die Menschen in sei­ ner Umgebung, so gut er konnte. Schon damals. Denn: „Wenn du darauf wartest, bis du viel Geld hast, um denen zu helfen, die weniger haben als du, wirst du nie reich genug sein“, sagt er. „Aber wenn du immer ein bisschen von deinem wenigen gibst, dann ist es immer genug.“

Patson Daka, 22 (li.), und Enock Mwepu, 23, in der Red Bull Arena in Salzburg. Zu Hause in Sambia sind die beiden so populär, dass sie ein Verkehrs­ chaos auslösen, wenn sie auf der Straße gehen.

Rising Stars Cup 2012“ angemeldet. Bei diesem Bewerb werden die größten Fußball-Talente der zehn Provinzen des Landes gesucht. Wer sich bei diesem Cup durchsetzt, wer Können und Glück ver­ eint, für den wird ein Bubentraum Wirk­ lichkeit: ein Platz in Sambias NachwuchsNationalteam. Von den tausenden Bewerbern blieben nach den ersten Matches gerade einmal 200 Burschen übrig. Zuletzt waren es nur noch achtzehn. Und Patson Daka war ihr Kapitän. Der Präsident von Sambia, Edgar Chagwa Lungu, gratulierte dem jungen Afrikaner via Facebook. THE RED BULLETIN

Bei diesem Siegeszug hatte Patson auch einen gewissen Enock Mwepu kennen­gelernt. Der damals Vierzehn­ jährige drosch seine Pässe mit der Präzi­ sion einer Maschine über den Rasen und wurde deshalb „der Computer“ gerufen. Jetzt war Patson klar, wovor bzw. vor wem ihn die Leute gewarnt hatten. ­„Zerstören“ wollte Patson Enock nicht. Ganz im G ­ egenteil. Enock und Patson wurden Freunde fürs Leben. Die beiden Fußballer kommen aus ähnlichen Verhältnissen. Enock kam in Lusaka zur Welt, dann übersiedelten seine Eltern mit ihm in die Bergbaustadt

„Ich hatte furchtbar Heimweh.“ Doch dann kam Enock.

2017 übersiedelte Patson Daka von Afrika nach Österreich und lief als Neuzugang von Red Bull Salzburg zunächst beim Partnerklub FC Liefering in der 2. Liga auf. Damals war er gerade 19 Jahre alt, fand sich in einem völlig neuen Kultur­ kreis wieder und sehnte sich nach seiner Heimat. „Es ist schwierig, wenn du zum ersten Mal für längere Zeit allein in einem fremden Land lebst“, sagt er. „Ich hatte schreckliches Heimweh.“ Ein halbes Jahr später kam sein Buddy Enock nach. „Das war eine richtige Be­ freiung für mich“, sagt Patson. „Mit Enock verschwand das Heimweh. In den ersten Monaten in Salzburg teilten wir uns in der Red Bull Fußball Akademie in Liefe­ ring ein Zimmer“, erzählt Patson Daka. „Wir verbrachten jede freie Minute mit­ einander. Wir sprachen über alles, was uns bewegte.“ Was genau bewegte die beiden? „Für mich gab es nur drei Themen: Fußball, Schule und Kirche“, sagt Patson Daka. Enock Mwepu hält es genauso. Und er   73


Fußball

sagt: „Wir haben sehr schnell kapiert, dass wir am Feld wirklich gut harmo­ nieren. Je besser wir uns kennenlernten, desto mehr kämpften wir auf dem Feld füreinander, und desto leichter fiel es uns, erfolgreich zu sein.“ Ihre Ergebnisse bestätigen diese Aussage. Bereits im selben Jahr gewannen die beiden mit der sambischen U20Mannschaft den Afrika-Cup. Vor 60.000 Zuschauern erzielt Patson im Finale das 1:0 (Endstand 2:0). Im gesamten Bewerb schoss der junge Fußballer vier Tore. Er wurde zum Spieler des Turniers gewählt und als Wunderkind gefeiert. Im Salzburg-Dress gingen die Erfolge weiter: 2017 gewann Daka die UEFA Youth League, die Champions League für U19-Teams, Finaltor inklusive. 2019 und

Sambischer Fußball in Zahlen

2020 wurde er mit Red Bull Salzburg ÖFB-Cup-Sieger, 2018, 2019 und 2020 österreichischer Meister. Bester Salz­ burger Torschütze der letzten Saison: Patson Daka, 24 Treffer.

Nur Patson stand im Rampenlicht. Neidisch? Nein, sagt Enock.

Doch wo bleibt Enock? Nur Patson stand im Rampenlicht. Belastete das die Freundschaft der beiden? „Nein“, sagt Enock Mwepu. „Für mich war es immer eine große Inspiration, zu sehen, wie gut Patson sich entwickelt. Es hat mich motiviert, noch härter zu trainieren, noch härter zu arbeiten, um das zu erreichen, was ihm schon gelungen ist. Er war immer der Anführer in unserer Mannschaft, und ich wollte so sein wie er.“

Und was sagt Patson? Der ist dankbar, dass Enock ihn unterstützt. „Ich hatte Riesenglück, dass ich einen ‚Computer‘ hinter mir hatte“, sagt er. „Ich musste seine genialen Pässe nur noch in Tore verwandeln. Enock hat mein Leben enorm vereinfacht.“ Die Durchschlagskraft der beiden jungen Fußballer bestätigt auch Christoph Freund (siehe Interview auf S. 76), Sportdirektor beim FC Red Bull Salzburg: „Enock und Patson bringen alle Qualitäten mit für den internationalen Top-Fußball. Sie sind sehr klar im Kopf und ehrgeizig. Ich bin überzeugt, dass sie noch für e­ iniges Aufsehen sorgen werden.“ In Sambia sind Enock und Patson bereits Superstars. Wenn die beiden auf ­Heimaturlaub sind, können sie nicht ein-

AFRIKA

67 Plätze

hinter Österreich (23) liegt Sambia (90) aktuell in der FIFA-Weltrangliste.

18 Teams

spielen in der zweiten sambischen Fußballliga, u. a. Kafue Celtic FC, der frühere Klub von Daka und Mwepu.

30 Personen

2012

feierte das sambische Nationalteam mit dem ersten und bislang einzigen Gewinn der Afrikameisterschaft seinen größten Erfolg.

1 Tor

schoss Patson Daka bisher in der Champions League. Sein 1:0 in Genk 2019 (Endstand 4:1 für Salzburg) machte Sambia zur 103. Nation auf der Liste von Ländern mit Champions-League-Torschützen. 74

Patson Daka (Bild oben) jubelt nach seinem 1:0 gegen Senegal. Sambia gewann 2017 das Spiel 2:0 und holte mit seiner U20 den Afrika-Cup. Enock Mwepu und Patson Daka im Dress des sambischen Nationalteams, bereits 2015 (aus diesem Jahr stammt das Bild) waren die beiden beste Freunde.

THE RED BULLETIN

PRIVAT, GETTY PREMIUM

(darunter 18 Nationalspieler Sambias) kamen beim Flugzeugunglück am 27. April 1993 auf dem Weg zum WM-Qualifikationsspiel gegen Senegal ums Leben – der dunkelste Tag im sambischen Fußball.


„ Wir verbrachten jede freie Minute miteinander und sprachen über alles, was uns bewegte.“ Patson Daka über seine Freude, als Enock Mwepu in Salzburg eintraf

Patson Daka (links) und Enock Mwepu nach ihrem Triumph beim COSAFA-U20-Cup im Dezember 2017 am Flughafen der sambischen Hauptstadt Lusaka

Ein Bild aus 2015, Patson post in Südafrika, das er mit dem sambischen Team für ein Turnier besucht.

Patson Daka mit seiner Mutter in Lusaka, ein Bild aus dem Jahr 2015

Enock Mwepu mit Fans bei einem Jugendcamp in Chingola, Sambia. Wann er das Selfie geschossen hat? Kam öfter vor, die Erinnerung ist verflogen.

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Fußball

„Unser Talent ist ein Geschenk, das wir weitergeben müssen.“

Für einen kurzen Moment wird Patson nachdenklich. „Wir haben in Sambia ­unter den Jugendlichen ein Problem mit Alkohol und anderen Drogen“, sagt er. „Fußball ist eine fantastische Möglich­ keit, wie du dich aus all diesen Schwierig­ keiten heraushältst.“ Enock vollendet den Gedanken: „Du gerätst erst gar nicht in diesen Teufelskreislauf, wenn du den ganzen Tag Fußball spielst und am Abend todmüde ins Bett fällst.“ Mit ihrem Vorbild, ihren Erfolgen ­wollen Enock und Patson etwas zurück­ geben. Beide sind sehr gläubig. Ihr sport­ liches Talent bezeichnen sie als „Geschenk Gottes“. Und dieses, sagen Patson und Enock unisono, wollen sie mit großer Ernsthaftigkeit in den Dienst der All­ gemeinheit stellen. Stichwort Ernsthaftigkeit. Geschenk ist Geschenk. Doch der Erfolg kommt mit der täglichen Bemühung, erklären die beiden. „Wir wollen beide noch bes­ sere Fußballer werden“, sagt Enock und verrät ihren Traum: „Eines Tages stehen wir einander in einem ChampionsLeague-Finale als Gegner gegenüber.“ Patson nickt, denkt nach und sagt dann: „Und selbst danach werden wir noch Freunde sein.“ Noch mehr Salzburg-Hintergründe: redbullsalzburg.at

76

Warum die Salzburger Patson Daka und Enock Mwepu nach Österreich holten. Und warum der Verein deshalb jetzt gleich drei Teenager aus Mali verpflichtete. Interview mit Sportdirektor Chris­ toph Freund. Was sah der FC Red Bull Salzburg in Patson Daka und Enock Mwepu, ehe die beiden 2017 nach Österreich geholt wurden? Patson Daka war wegen seines Speeds und seiner Power im Angriff ein ­extrem auffälliger Spieler. Wir wussten, er würde sehr gut zu unserem Spielstil passen. Enock Mwepu fiel uns auf, als wir uns mehrere Spiele von Patson angesehen hatten. Wir erkannten, dass er nicht nur extrem viel läuft, sondern auch über sehr große Spielintelligenz verfügt. Enock war schon damals ein Führungs­ spieler. Beide bringen einen r­ ichtig guten Charakter­und eine sehr gute ­Men­talität mit. Patson und Enock ­kannten sich bereits in Sambia sehr gut. Hat ihnen diese Freundschaft geholfen, sich in Österreich schneller einzuleben? Sie sind zum ersten Mal in ein fremdes Land über­ siedelt – mit neuer Spra­ che, neuer Kultur, neuem Wetter. Dass sie sich privat so gut verstehen, war

FC Red Bull SalzburgSportdirektor Christoph Freund

sicher ein großer Vorteil. Mit ihrer positiven Art waren sie für den Klub vom ersten Tag an gewinn­ bringende Charaktere. Hat Freundschaft im Sport – speziell im modernen Fußball – noch einen Platz? Unbedingt! Vor allem solche Freundschaften wie zwischen Patson und Enock, die so wichtige Lebensphasen mitein­ ander erleben. Bei den beiden wurde durch den

Der FC Red Bull Salzburg hat im Winter wieder drei 18-jährige Spieler gemeinsam verpflichtet, diesmal aus Mali, nämlich Mamady Diambou, Nene Dorgeles und Daouda Guindo. Steckt eine Philosophie da­ hinter, nicht nur ein Talent zu holen, sondern gleich zwei oder drei? Es ist nicht direkt Absicht, aber wir schließen die Möglichkeit nicht aus. Wir haben festgestellt, dass es kein Nachteil ist, wenn wir mehrere Spieler aus dem gleichen Jahrgang holen und sich diese Jungs in der Ein­ gewöhnungsphase gegen­ seitig behilflich sind.

Unzertrennlich, schon seit sie Teenager waren: Enock Mwepu (li.) und Patson Daka THE RED BULLETIN

PICTUREDESK

mal das Haus verlassen, ohne ein Ver­ kehrschaos auszulösen. Staatspräsident Edgar Chagwa Lungu gilt nach wie vor als großer Fan des Duos. Als zum Beispiel bekannt wurde, dass Patsons und Enocks Verträge mit Red Bull Salzburg verlängert wurden, verkündete der Staatschef diese gute Nachricht auf der Stelle via Twitter. Als Patson Daka von den Fans zum „Spieler der Meisterrunde“ in Österreich gekürt wurde, gratulierte Edgar Chagwa Lungu höchstpersönlich auf Facebook: „You make Zambia proud!“ – Du machst Sam­ bia stolz! Das ist Balsam für die Seele. Und min­ destens genauso wichtig und heilsam für Sambia. „Junge Fußballer sehen, was wir zu leisten imstande sind“, sagt Enock Mwepu über ihre Rolle als Vorbilder. „Sie setzen alles daran, ebenfalls den nächs­ ten Schritt zu gehen.“

„ Freundschaft im Sport? Unbedingt!“

Wechsel nach Salzburg ihre Freundschaft fürs Leben sogar noch vertieft. Ich bin überzeugt, dass sie halten wird – egal wo sie ihre weitere Karriere hinführen wird.


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GUIDE

JAKE HOLLAND

CALUM MUSKETT

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

PARAGLEITEN AM MONT BLANC – mit Bergführer Calum Muskett

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GUIDE Reisen

„In der kühlen Morgen-­ luft stürze ich mich hinab Richtung Italien und freue mich auf einen stärkenden Cappuccino im Café neben dem Landeplatz.“ Calum Muskett, Bergführer und Paragleiter, erzählt vom Abenteuer „Para-Alpinismus“.

U

nter meinen Füßen knirscht der Schnee, als ich die ­letzten Schritte auf dem schmalen Grat mache, der zum höchsten Gipfel der Alpen führt: zum Mont Blanc, 4809 Meter über dem Meer. Eine Wolke bedeckt die französische Seite des Berges, eine eisige Brise bringt meine Augenlider zum Gefrieren. Es ist der 1. September 2019, sieben Uhr früh, und das Gleitschirmverbot in der Region wurde gerade aufgehoben. Mir wird ein bisschen übel, als ich meine Tasche auspacke – die Anstrengung des Aufstiegs hat mir körperlich zugesetzt. Ich bin von Les Houches aus aufgestiegen und seit ein Uhr früh unterwegs – das sind 3800 Höhenmeter in sechs Stunden. Das Tal von Chamonix liegt tief unter mir. Von meinem Standpunkt aus wäre der Weg den Mont Blanc hinunter normaler­ weise lang, beschwerlich und riskant, er würde über Gletscher und Felswände führen, aber ich werde den Abstieg nicht zu Fuß vornehmen. Ich werde fliegen. Seit 2006 besteige ich Berge. Damals absolvierte ich eine Ausbildung auf den Klippen meiner Heimat Nordwales. Heute, als professioneller Kletterer und Bergführer, folge ich den Jahreszeiten und teile meine Zeit zwischen den Bergen von Snowdonia in Wales und den franzö­ sischen Alpen auf. Vor zwei Jahren habe ich Paragleiten gelernt, was mir neue Horizonte eröffnet hat. Eine Besteigung des Mont Blanc dauert normalerweise drei Tage und umfasst zwei Seilbahnen und eine Zug­ fahrt. Wenn ich heute sehr früh auf den Berg klettere, kann ich zum Gabel­ frühstück wieder zurück sein. Das Fliegen hat etwas Befreiendes – wie nach dem Start, bei dem alles einfach 86

Aufstieg über den Pilier Rouge du Brouillard

stimmen muss, der Druck entweicht, die Füße baumeln surreal über dem Abgrund, man trickst die Evolution aus und gesellt sich segelnd zu den Vögeln. Nach zehn Minuten, in denen ich die frostbedeckten Seile entwirrt und den Fallschirm ausgelegt habe, bin ich dahin, stürze mich in der kühlen Morgenluft vom Gipfel hinab, gleite Richtung Italien und freue mich – heilfroh, nicht mehr weiterwandern zu müssen – auf einen stärkenden Cappuccino im Café neben dem Landeplatz. Der Flug dauert un­ gefähr 40 Minuten. Zu Fuß würde eine geführte Gruppe, je nach Können, ein bis zwei Tage brauchen. Para-Alpinismus, wie man in Frank­ reich sagt, wird zu einer immer belieb­ THE RED BULLETIN


Wohin soll’s gehen? Ort: Chamonix-Tal

Frankreich Italien

Nächster Flughafen: Genf, Schweiz Transport: sechs Seilbahn­ anlagen Startplätze: Im Mont-Blanc-­ Massiv gibt es mehrere, Calum flog einmal vom Gipfel des Mont Blanc, einmal vom Glacier du Brouillard in knapp 4000 Meter Höhe.

JAKE HOLLAND

CALUM MUSKETT

Schmaler Grat: Calum Muskett auf dem Weg zur Biwakstation Pic Eccles

Talfahrt: Der Gletscher ist für den Start ideal, aber der Untergrund etwas glatt. THE RED BULLETIN

Saisonale Information: Im Juli und August ist Paragleiten im MontBlanc-Massiv ver­ boten. Grund dafür sind Unfälle in den ver­ gangenen Jahren und die steigende Zahl der Helikopterflüge.

teren Freizeitbeschäftigung. Wie der Name schon verrät, handelt es sich dabei um eine Kombination aus Paragleiten und Alpinismus, und die europäischen Alpen mit ihren überschaubaren Flug­ beschränkungen und der hervorragenden Infrastruktur eignen sich für so ein Vor­ haben besonders gut. Das Konzept ist nicht neu: Pioniere wie der Franzose Jean-Marc Boivin starteten schon vor rund vierzig Jahren von einigen der höchsten Gipfel der Welt. Diese Früh­ zeit des Sports gipfelte in Boivins Flug vom Mount Everest 1988. Seither hat sich die Technologie des Paragleitens eher zu den Cross-Country-Flügen hin verlagert, wo die Leistung der Trag­ flächen vor allem darauf ausgerichtet ist, Gleitzahl und Auftrieb zu verbessern. Der aktuelle Weltrekord gelang brasilia­ nischen Piloten 2016: Sie legten eine Strecke von 564 Kilometern zurück. Die Pioniere des Para-Alpinismus schulterten noch riesige Rucksäcke, die mehr als zwölf Kilo wogen (und darin ist die erforderliche Bergsteigerausrüstung noch nicht eingerechnet), wodurch sich die Kletter/Flug-Missionen eher mühsam und unpraktisch gestalteten. Das änderte sich erst vor kurzem mit neuen Schirmtypen. Die neuen Trag­ flächen wiegen jetzt nur noch ein Kilo, lassen sich in einen mittelgroßen Beutel stopfen und haben ein ultraleichtes Sitz­ geschirr. Dieser Technologiesprung hat dem Sport deutlichen Auftrieb gegeben. September 2020. Zusammen mit mei­ nen Freunden Paul und Jake bin ich wie­ der auf dem Mont Blanc. Wir versuchen einen Aufstieg über den schwierigsten   87


GUIDE Reisen

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„Lauer Wind hebt den Schirm – und mich sanft von den Füßen.“ Calum Muskett, Bergführer und Paragleiter

schlagenen Schneevorsprung 30 Meter neben mir. Es ist Pauls erster Flug unter Jakes Kommando auf einem ultraleichten Tandemparagleiter. Was für ein Ort für eine Premiere! Mit Steigeisen, um mir Halt auf dem glatten Untergrund zu verschaffen, mache ich meinen Anlauf. Der leichte Stoff erhebt sich schnell und einfach über meinen Kopf, und sobald die Vorder­ kante die Sonne zu berühren scheint, bläst lauwarmer Wind aus dem Tal den Schirm auf und hebt mich sanft von den Füßen. Ich schaue zurück und sehe, wie Jake und Paul vor Freude jauchzend starten und es sich unter ihren Trag­ flächen bequem machen. Bergführer Calum Muskett buchen unter: ­muskettmountaineering.co.uk (für Touren im Raum Chamonix). Ein fünftägiger ParagleitKurs kostet zwischen 500 und 900 Euro, die Ausrüstung rund 3000 Euro. THE RED BULLETIN

JAKE HOLLAND

Felsen des Berges, den Pilier Rouge du Brouillard, einen imposanten Granit­ monolithen auf 4000 Metern, und das über eine erst im Juli erstmals bezwun­ gene Route, die als „Incroyable“ (zu Deutsch: unglaublich) bekannt ist. Die Sonne scheint, es ist heiß. Unter schmelzendem Schnee auf den Hängen über und unter uns taucht eine schwindel­ erregende rote Felswand auf, die wir mit unseren Fingerspitzen hinaufklettern. Am Ende eines erfolgreichen Kletter­ tages schaffen wir es bis zur winzigen Blechschutzhütte auf dem Pic Eccles und zu einem geeigneten Startplatz an einem hängenden Abschnitt des Gletschers nahe der Hütte. Die Position ist furchterregend. An sich ist der immer steiler werdende Schnee­ hang perfekt für einen Absprung – oder besser: Er wäre perfekt, wenn nicht der ganze Hang immer noch gefroren wäre. Paul und Jake stehen auf einem ausge­

CALUM MUSKETT

Segeln wie die Vögel: Calum Muskett fliegt über die Gletscherspalten des Glacier du Brouillard (oben) und nähert sich dem Landeplatz im italienischen Val Veny (unten).


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DIE ERFOLGSSTORY

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BIS HEUTE GILT DIE GS ALS DAS ERFOLG­ REICHSTE DEUTSCHE MOTORRAD – und wir wissen, warum. Wer einmal auf eine GS gestiegen ist, merkt schnell: GS-Fahren ist ein Lebensgefühl. Dieses denkwürdige Jubiläum feiert BMW ­Motorrad mit sieben Sondermodellen: Die „Editions 40 Years GS“ sind jede für sich eine Hommage an den „Spirit of GS“.

JAHRE ABENTEUER 4 JAHRZEHNTE

GS

BMW GROUP ARCHIV, BMW WERKFOTO (2), MICHAEL MÖSCH, ROBERT KRÖSCHEL

Jede Erfolgsstory hat einen Anfang. Für die GS beginnt alles im Jahr 1980, als BMW Motorrad mit der R 80 G/S die weltweit erste große Reiseenduro präsentiert – ein Meilenstein auf dem Weg zu Ruhm und Erfolg. 1978 – 1980 Wir schreiben das Jahr 1978, als ein hauseigenes Entwicklerteam ohne offiziellen Auftrag einen Prototyp baut und für Furore sorgt – etwa mit zwei Goldmedaillen bei der „Six Days“-Weltmeisterschaft. Nur zwei Jahre später folgt die Geburtsstunde der ersten Serien­ variante des Siegermotorrads: der R 80 G/S. 1980 – 1987 Mit der R 80 G/S ist die perfekte Synthese aus Gelände und Straße gelungen – G/S eben. Sie begründete das Segment der großvolumigen Reiseenduros, das sie bis heute beherrscht. Highlight damals ist die weltweit zum ersten Mal an einem Motorrad verbaute Einarmschwinge für die Hinterradführung.

1987 – 1996 „Mehr Hubraum, mehr Fahrspaß“ lautet das Credo des Spitzenmodells R 100 GS – sie wird die leistungsstärkste und schnellste Enduro auf dem Markt. Bekannt wird sie in ihrer markanten, schwarz-gelben Lackierung, die ihr den Spitznamen „Bumblebee“ einbringt.

2000 – 2008 Einen weiteren Meilenstein in der BMW GS-Geschichte markieren die Einzylinder-Enduros F 650 GS und die F 650 GS Dakar – sie gewinnt 1999 und 2000 die prestigeträchtige Rallye Dakar! Anfang 2008 lösen die zweizylindrigen Modelle F 650 GS und F 800 GS die erfolgreiche Single-GS ab.

1994 – 2003 1994 erscheint mit der R 1100 GS die erste GS mit Vierventil-Boxermotor. Sie besticht mit leichtem Handling im Gelände und besten ­Eigenschaften für lange Touren. ­Zudem wartet sie als erste Enduro überhaupt mit ABS auf. Danach ­setzen die R 1150 GS bzw. die R 1150 GS Adventure die Erfolge fort.

2004 – 2017 2004 wird die R 1200 GS neu aufgelegt: Sie bekommt mehr Hubraum, Leistung und Dreh­ moment – bei 30 Kilogramm weniger Gewicht. Fast zehn Jahre später bricht eine neue Ära an: die R 1200 GS wird mit einem wassergekühlten Boxermotor ausgestattet – eine Weltneuheit.

bmw-motorrad.at


GUIDE Gaming

TIPPS

Spielend Karriere machen Jacob Mourujärvi ist ein Weltklasse-Spieler des EgoShooters „Valorant“. Hier verrät der Schwede, wie er es zum Profi geschafft hat.

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Scharfschützen: die Charaktere Phoenix (li.) und Jett aus dem Game „Valorant“

Als Mourujärvi mit achtzehn den üblichen Bildungsweg hinter sich ließ, spielte er 15 Stunden täglich „CS:GO“. „Acht Uhr morgens schlafen gehen, fünf Uhr nachmittags aufstehen und weiterspielen“, erinnert er sich. „Aber sobald mir bewusst wurde, dass ich damit Karriere machen kann, änderte ich meine Routine und fing an, wie ein Profi zu denken. Ich hörte auch mit dem Lästern auf, wie es in der Szene üblich ist. Jetzt bin ich ein lieber Kerl.“

Neues riskieren

2015 betrat Pyth Neuland und half beim Aufbau des neuen kanadischen „CS:GO“-Teams Luminosity Gaming. „Durch diese Erfahrung bin ich jetzt teamfähiger, offener und ­ehrlicher.“ Dieser erfolgreiche Schachzug inspirierte ihn gleich für den nächsten: Mourujärvi hörte mit „CS:GO“ auf,

Stärken ausspielen

Pyth ist ein Meister des „Clutch Play“– der Fähigkeit, ein Spiel in den letzten ­Sekunden umzudrehen. Schon 2014 bezwang Pyth im Alleingang seine Gegner in einem „CS:GO“-Match. „Beweise dich, und man wird dich w ­ ahrnehmen“, sagt er. „Aber Abkürzungen gibt’s keine. Man muss sich Schritt für Schritt hocharbeiten.“

„Ich bin jetzt teamfähiger, offener und ehrlicher.“ Jacob Mourujärvi, genannt „Pyth“, 27

vor allem auch deshalb, weil er auf Twitter während des Spiels Morddrohungen erhalten hatte. „‚Valorant‘ hat eine sehr unterstützende Fanbase“, erzählt Pyth. Angenehme Arbeits­kollegen seien schließlich überall entscheidend. „Bei G2 sind wir Freunde. Beim Spielen und auch danach.“

Niemals aufhören

Mit 27 gehört Mourujärvi zu den eSport-Veteranen. Was nach dem Karriereende nun kommt? „Ich will weiter im ­eSport arbeiten, vielleicht ja als Trainer. Viele Spieler üben ­jeden Tag ihre Treffsicherheit, verstehen aber nicht viel von Teamwork und Strategie. Dabei ist es wie im Fußball: Die Spieler im Team sollten ein­ ander nicht zu sehr gleichen und eine Einheit bilden.“ „Valorant“ auf Microsoft Windows: playvalorant.com Die aktuellen Matches beim Red Bull Campus Clutch findest du auf redbull.com. Folge Pyth auf: twitch.tv/pyth THE RED BULLETIN

JOE ELLISON

15 Stunden Gaming

YUNG ELDR

Red Bull Campus Clutch ist ein weltweites eSport-Turnier für Spieler im Studierenden­ alter. Gespielt wird „Valorant“, ein taktisches Ego-ShooterGame. Schon bevor das Spiel vergangenes Jahr veröffentlicht wurde, brach es einen Rekord: Mit 34 Millionen Stunden an einem Tag ist nie zuvor ein Spiel länger verfolgt worden – und zwar von Zuschauern, die sich die Streams ausgewählter Spieler ansahen. Im Weltfinale von Red Bull Campus Clutch kämpfen die Siegerteams aus jedem Land im Juli um 20.000 Euro Preisgeld und ein Gaming-Center für ihren Uni-Campus. Von Jacob „Pyth“ Mourujärvi könnten die CampusClutcher einiges lernen. Der 27-jährige Schwede gehört zur Elite-eSport-Mannschaft G2 und ist einer der besten „Valorant“-Spieler der Welt. Vor neun Jahren wollte er noch IT-Experte werden. „Ich hatte keinerlei Vorstellung von meiner Karriere, außer dass ich gerne mit Computern arbeitete.“ Damals spielte er das gerade neu erschienene „Counter-Strike: Global Offensive“ („CS:GO“), als Mitspieler ihn einluden, einem Team beizutreten. „Mittlerweile arbeite ich jeden Tag mit Computern.“ Und zwar als Profispieler …


A NZ E I GE

must-haves

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KLASSIKER, NEU ERZÄHLT

Märchenhaft böse „Alice im Wunderland“ und andere Geschichten auf die harte Tour: US-Bestsellerautorin Christina Henry interpretiert weltberühmte Kinderbuch-Klassiker für Erwachsene neu. Text JAKOB HÜBNER

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ewis Carroll war nicht nur Schriftsteller, Fotograf und Theologe – er war auch studierter Mathematiker. Und als solcher mit den Grundsätzen der Logik bestens vertraut. Der Brite wusste also ganz genau, wo er den surrealen Hebel ansetzen musste, als er 1865 sein weltberühmtes NonsensMärchen „Alice im Wunderland“ zu Papier brachte. Das schmale Büchlein entfaltete breite Wirkung. Die Abenteuer der kleinen Alice, die via Kaninchenbau in ein absurdes Fantasiereich plumpst, sind

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ein verlässlicher Kandidat in sämtlichen Ranglisten mit der Überschrift „Klassiker der Weltliteratur“. Außerdem schaute Alice in den vergangenen 150 Jahren einer Reihe von namhaften Künstlern – von Salvador Dalí bis John Lennon – konspirativ über die Schulter. Und ganz nebenbei wurde die Geschichte und ihre Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“ bis heute rund 50 Mal verfilmt. Nicht schlecht für ein Kinderbuch. Noch tiefer aus dieser sprudelnden Inspirations-

quelle schöpft die US-amerikanische Autorin Christina Henry. Anstatt lediglich ein paar Rosinen aus dem Wunderland zu picken, schnappt sie sich gleich den ganzen ­Kuchen. Ihre dunklen „Chroniken von Alice“ sind so etwas wie eine literarische Cover­ version des Märchens für Erwachsene. Der Ordnung halber muss man an dieser Stelle ­sagen, dass sie nicht die Erste ist, die eine Neu­interpretation dieses Kinderklassikers wagt (siehe Tipps rechts), allerdings ist sie die bisher Erfolgreichste – und die bei weitem Böseste. Henry verankert ihre „Alice“-Adaption in zwei Be­ reichen. Erstens: Alle tragenden Figuren stammen aus dem Original. Zweitens: Das Absurde kommt auch bei ihr mit der entwaffnenden Selbstverständlichkeit eines THE RED BULLETIN

VINZ SCHWARZBAUER

GUIDE Lesestoff


Erster Absatz aus „Finsternis im Wunderland“

Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, sich bis ganz nach oben streckte, die Wange an die Wand legte und den Kopf nach links drehte, konnte sie durch die Gitterstäbe gerade so den Rand des Monds sehen. Eine Scheibe Käse, eine Scheibe Kuchen, eine Tasse Tee, um der Höflichkeit Genüge zu tun. Einmal hatte ihr jemand eine Tasse Tee angeboten, jemand mit blaugrünen Augen und langen Ohren. Komisch, dass sie sich nicht an sein Gesicht erinnern konnte. Dieser Teil ihrer Erinnerung war nebelig, wie in Rauch gehüllt, abgesehen von den Augen und den Ohren. Und die Ohren waren lang und pelzig gewesen.

Traums daher – diesfalls jedoch mit der eines Albtraums. Alice, missbraucht und von ihrer Familie verstoßen, sitzt seit rund zehn Jahren in der gut gepolsterten Zelle einer düsteren Irrenanstalt, deren therapeutische Fähigkeiten sich auf zwei Dinge reduzieren: sedieren und wegsperren. Abgesehen von den sadistischen Pflegern hat sie – durch ein von einer Maus gegrabenes Loch – nur zu einem Menschen sozialen Kontakt: ihrem Zellennachbarn Hatcher. Der ist ein Axtmörder mit einer bipolaren Störung – sonst aber ein liebenswerter Mensch und ein virtuoser Kämpfer. Als in der Anstalt Feuer ausbricht, können Alice und Hatcher gemeinsam fliehen. Beide sinnen auf blutige Rache. Auf ihrer Liste: der Grinser, die Raupe, das Walross, das Kaninchen, der Jabberwock und die weiße Königin. Während Hatcher den Weg mit recht rustikalen Methoden freihackt, dämmert Alice ­allmählich, dass ihr Wahnsinn einen gewissen Zauber in sich birgt … Obwohl man die 1974 geborene Christina Henry nicht als Newcomerin bezeichnen kann – ihre „Black Wings“-Serie sammelt bereits seit Jahren eifrig Sternchen –, kam der Hype um Alice doch ein wenig überraschend. Der erste Band „Finsternis im Wunderland“ enterte vom Stand weg die internationalen Bestsellerlisten und wurde in „Amazon’s Best THE RED BULLETIN

Books of the Year“ gewählt. Begleitet wurde der kommerzielle Erfolg von wohlwollenden Worten aus Feuilletons, die derartige „U-Literatur“ normalerweise bestenfalls vom Wegsehen kennen. Was vermutlich nicht nur an der berühmten Vorlage, sondern auch an Henrys zutiefst eigenwilligem, kindlich-brutalem Erzählstil liegt, dessen Ambivalenz eine ganz seltsame Stimmung erzeugt. Streckenweise fühlt man sich, als lausche man dem düsteren Betthupferl am Lagerfeuer eines Jungscharcamps, aber dann haut Henry auch immer wieder Sätze raus, die man sich am liebsten einrahmen und an die Wand hängen würde. Und da kommt noch mehr: Die dunklen Chroniken von „Peter Pan“ sind für 21. Juni angekündigt, und auch jene von „Meerjungfrau“ und „Rotkäppchen“ sind bereits in der Übersetzung. Mit dem Spruch „Erzähl mir keine Märchen!“ braucht man Christina Henry also nicht zu kommen …

CHRISTINA HENRY „Finsternis im Wunderland. Die Chroniken von Alice“ Deutsch von Sigrun Zühlke Penhaligon, 352 Seiten

LESETIPPS

Es war einmal … Noch mehr Märchen für Erwachsene

FRANK BEDDOR Frank Beddor, der mit dem US-Ski-Team zweimal die Freestyle-Weltmeisterschaft holte, stürzt sich in seiner ­Interpretation von „Alice im Wunderland“ ohne Rück­ sicht auf Verluste in einen ­Fantasy-Thriller voller Action, in dem aber auch der Humor nicht zu kurz kommt. Im V ­ orwort verspricht der ­Autor eine Geschichte „voll Blut­vergießen, Mord, ­Rache und Krieg“. Und er hält Wort. „Das Spiegellabyrinth“ (dtv)

WALTER MOERS Walter Moers (bzw. sein Alter Ego Hildegunst von Mythen­ metz) ist vermutlich der ­genialste Märchenonkel der ­Gegenwartsliteratur. In „Ensel und Krete“ versetzt er das ­berühmte Geschwisterpaar der Brüder Grimm in sein ­legendäres Zauberreich ­Zamonien, in dem sich – ­vom  gemeingefährlichen Laubwolf bis zum doppel­ köpfigen ­Wollhühnchen – ­allerhand ­absonderliche ­Geschöpfe tummeln. „Ensel und Krete“ (Penguin Verlag)

NICOLE BÖHM Für ihre Jugendbuchserie „Die Chroniken der Seelen­ wächter“ wurde Nicole Böhm ­bereits zweimal mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Das gelang ihr auch mit dem – deutlich ­düsterer angelegten – Roman „Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“, der gemeinsam mit „Spieglein, Spieglein an der Wand“ eine märchenhafte ­Dilogie bildet, in der ­neben Spannung auch die Romantik knistert. „Das Vermächtnis der Grimms“ (Drachenmond Verlag)

NELSON MANDELA In dieser 2004 erschienenen, prächtig illustrierten Antho­ logie versammelt der Frei­ heitskämpfer, Friedens­ nobelpreisträger und erste schwarze Präsident Süd­ afrikas die schönsten Mär­ chen seines Kontinents. Das Buch ist eine wahre Schatztruhe voll poetischer Juwele, die vor Witz und ­Weisheit nur so funkeln und deren exotischer Zauber Kin­ der ebenso in seinen Bann zieht wie Erwachsene. „Meine afrikanischen Lieblingsmärchen“ (dtv)

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LENNY KRAVITZ, LAVENDEL UND WEIHRAUCH ROCK-LEGENDE WIRBT FÜR PARFUM, SEINE TOCHTER FÜR YSL-LIPPENSTIFT Wie Lenny Kravitz (li.) riecht, wissen wir jetzt: nach „lichtdurchflutetem Lavendel, schwarzem Zedernholz und mystischem Weihrauch“ – kurz nach „Y Le Parfum“ von Yves Saint Laurent (YSL), wofür er gerade wirbt; Töchterchen Zoë (re.) rümpft ­darob nicht das Näschen, sie macht das Gleiche mit YSL-Lippenrot. loreal.com

Richtig gutes Zeug COURTESY OF FERRAGAMO, DAVID SIMS/YVES SAINT LAURENT BEAUTY ÖSTERREICH, GARMIN, COUCH CONSOLE, VÖSLAUER

Handverlesene Liebhaberstücke, Tipps & Termine. Von der Redaktion empfohlen.  Text WOLFGANG WIESER

SCHUH-KUNST DAS VIRTUELLE MUSEUM VON SALVATORE FERRAGAMO Diese lässigen Schuhe von Ferragamo stehen symbolisch für das virtuelle Museum des italienischen Modevisionärs. K ­ lare Empfehlung: Schau dir das an! Wer Mode und Geschichte liebt, klickt sich mit wachsendem Entzücken durch. ferragamo.com/museo

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GUIDE Trends HALTE DEINEN FLOW! GARMIN ENDURO Diese Uhr weiß praktisch ­alles über ihren Träger. Die Eigenschaft, die uns am besten gefällt? Sie misst deinen Flow – also wie flüssig du mit dem Mountainbike die Trails ­bewältigst. Je niedriger der Wert, desto besser. PS: Und wann du besser Pause machst, sagt sie dir auch. garmin.com

LEBEN IM GLEICHGEWICHT THE COUCH CONSOLE Manch einer mag sagen, das Leben auf der Couch sei nicht das Wahre. Antworte: Aber dafür ich bin ausbalanciert. Dank dieser Console – sie enthält ­alles, was du für einen entspannten Tag brauchst. Ein Hit auf Kickstarter, eh klar. Lieferung ab Mai. couchconsole.com

MEHR KOMFORT Ein neues atmungs­ aktives Nylonarmband sorgt für einen ­perfekten Sitz.

GUTES GEWISSEN Wer diese Tasche trägt, trägt 100 Prozent ­recycelte PET-Flaschen.

FRISCH WIE DER FRÜHLING TASCHE VOM DESIGNER Wer diese Einkaufstasche sieht, denkt: Frühling, Gott sei Dank! Für die ­Wasser-Spezialisten von ­Vöslauer entworfen hat sie ein österreichischer ­Designer mit Armani-­ Vergangenheit: Arthur ­Arbesser, bekannt für ­seine Vorliebe zu klaren Mustern. voeslauer-designshop.com

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GUIDE Trends

WIEN IM HÖHENFLUG ARGUS BIKE FESTIVAL

DIESES BUCH PACKT ALLE EIN „THE PACKAGE DESIGN BOOK 6“: AUSGEZEICHNETE VERPACKUNG In den 1980er-Jahren empfahl die Glamour-Band „ABC“, nie ein Buch wegen des Covers zu kaufen. Das war schon damals pure Ironie. Wie wichtig – und wie kunstvoll – Verpackung heute sein kann, zeigt dieser Band, der über 500 Arbeiten der Gewinner des Pentawards der Jahre 2019 und 2020 versammelt. taschen.com

Endlich ein Rucksack, der nicht auf den Berg will!

RUCKSACK FINDET STADT SAMSONITE SECURIPAK Endlich ein Rucksack, der nicht so tut, als wollte er auf einen Gipfel geschleppt werden. Nein, er ist eindeutig für den Stadtbewohner des 21. Jahrhunderts gedacht. Das Material heißt Recyclex (ja, es sind PET-Flaschen), ist reiß- und schnittfest, und selbstverständlich gibt es eine Lademöglichkeit. samsonite.com

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MODERN ART Ein Werk aus dem Jahr 1966 ziert jetzt eine Uhr. Kunst aus dem Handgelenk sozusagen.

S.ZIVADINOVIC, TASCHEN, SWATCH, SAMSONITE, BRIAN SPECTOR, NICOLAS HOLTZMEYER/RED BULL CONTENT POOL

Höher, weiter und – entspannter. Das Argus Bike Festival in Wien musste pandemiebedingt ver­ schoben werden – und zwar auf den 29. und 30. Mai. Aber dann gibt’s Dirt-Battle, Highjump-Contest und ­eine große Rad-Parade. bikefestival.at

FÜR IMMER JUNG SWATCH IM MOMA-DESIGN Tadanori Yokoo, Jahrgang 1936, zeigt, dass Kunst nie wirklich alt wird: Sein Werk mit dem schönen Titel „The City and Design, The Wonders of Life on Earth, Isamu Kurita“ aus dem Jahr 1966 schmückt – 55 Jahre später fein zitiert – eine Swatch aus der MoMA-Kollektion. swatch.com

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WIR SPIELEN GLEICHBERECHTIGUNG

HINAUF RENNEN, HINUNTER FLIEGEN

ENDLICH! KÖNIG UND KÖNIGIN SIND GLEICH VIEL WERT

RED BULL X-ALPS: 33 TOP-ATHLETEN, 1238 KILOMETER

In einem neuen Kartenspiel – gibt’s vorläufig nur auf Englisch – sind Queen und King (= Queeng) endlich gleich viel wert, die ­ehemalige Dame heißt jetzt Duke. Und selbstverständlich sind auch alle Hautfarben vertreten. Worauf wir jetzt noch warten? Auf die Revolution der Zweier: ¡Venceremos! queengcards.com

1238 Kilometer müssen jene 33 Athleten aus 17 Nationen zurück­ legen, die bei der zehnten Auflage von Red Bull X-Alps dabei sind. Doch dieses Faktum allein erzählt noch nichts über die Strapazen, die die Teilnehmer erwarten – die Strecke über die Alpen darf nur zu Fuß oder per Gleitschirm zurückgelegt werden. redbullxalps.com

Vollendet in Design & Technik. Der Kia XCeed.

Mit seinem mutigen Design, dem sportlichen Crossover-Coupé-Styling und dem robusten und gleichzeitig unverwechselbaren chromgefassten Kühlergrill verdreht der neue XCeed garantiert jedem den Kopf. Designt für alle, die nicht nur ganz neue Wege gehen, sondern bei jeder Fahrt puren Nervenkitzel erleben wollen. Aber davon hast du sicher schon gehört, oder?

CO2-Emission: 161-130 g/km, Gesamtverbrauch: 5,0-7,1 l/100km Symbolfoto. Satz- und Druckfehler, Irrtümer und Änderungen vorbehalten. *) 7 Jahre/150.000km Werksgarantie.


B O U L E VARD DER HEL DEN

JOHN GLENN

VOM GRÖSSTEN SCHMERZ Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 12: Womit der erste US-Astronaut, der die Erde umkreiste, zu kämpfen hatte.

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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT MICHAEL KÖHLMEIER

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itte der Neunzigerjahre des die jemals ein Mensch durchlebt hat. vorigen Jahrhunderts fuhr ich Das war am 20. Februar 1962 gewesen. mit Bob Didonato durch die Nein, der erste Mensch im All war US-Staaten Pennsylvania, Ohio, er nicht. Viele Amerikaner wollten das Kentucky und West Virginia. Bob zwar glauben. Und viele wollten damals war Professor an der Miami University in glauben, seine Mission diene in erster Linie Oxford, Ohio, er unter­richtete deutsche der Wissenschaft. So war es aber nicht. Literatur und deutsche Sprache, die StuJohn Glenn war eine politische TrumpfMICHAEL KÖHLMEIER denten liebten ihn wegen seiner unkonDer Vorarlberger karte im Wettstreit mit der S ­ owjetunion. Bestseller-Autor gilt ventionellen Einfälle. Er sagte, er wolle mir Ein Jahr zuvor nämlich, am 12. April 1961, als bester Erzähler Dinge zeigen, die in keinem Fremdenführer hatte der russische Astronaut Juri Alexejedeutscher Zunge. witsch Gagarin die Erde als tatsächlich ersaufgeführt seien, die aber für das SelbstZuletzt erschienen: verständnis und das Selbstbewusstsein ter Mensch, jedoch nur einmal, umrundet, „Die Märchen“, der Amerikaner große Bedeutung hätten sein Flug dauerte 108 Minuten. Damit hat816 Seiten, Carl Hanser Verlag. te der verteufelte Kommunismus das glor– „eine sub­kutane Bedeutung“, so drückte er sich aus. Was er darunter verstand, reiche Amerika, das Land der unbegrenzten demonstrierte er mir in New Concord, einem Dorf im Möglichkeiten, das sich allen Nationen überlegen Muskingum County in Ohio, das sich durch nichts von fühlte, in die Schranken verwiesen. Die Kränkung war den umliegenden Dörfern unterschied, eingerahmt so bitter, dass manche amerikanische Zeitungen und von Tankstellen und Fast-Food-Lokalen. Die AusfahrtsRundfunkanstalten gar nicht darüber berichteten. straße im Norden führte an einem schmalen Fluss entNun also die Revanche. lang – dem Fox Creek, wie mich Bob unterrichtete. m 9 Uhr 47, Ostküstenzeit, startete die Atlas-RaIrgendwann hielt er an. Wir gingen auf einem Seitenweg in ein lichtes Wäldchen, nach einer Meile blieb kete, an deren Spitze der vierzigjährige Astro­naut er stehen und sagte: John Herschel Glenn saß. Er selbst hatte sich „Hier ist es.“ gewünscht, dass seine Mission „Friendship“ ­genannt „Was?“, fragte ich. würde. Die Schüler durften an diesem Tag zu Hause „Genau hier“, flüsterte er. bleiben, die meisten Betriebe unterbrachen die Arbeit „Bob“, sagte ich, „was ist hier? Und warum fl ­ üsterst für eine oder zwei Stunden, Präsident Kennedy saß du?“ wie Millionen andere Amerikaner vor dem Fernseher und sah sich mit klopfendem Herzen an, wie die „Hier hat er gelegen“, flüsterte er weiter. ­gigantische Rauchwolke über der Cape Canaveral Air „Wer, verdammt noch mal!“ Force Station in Florida in den Himmel quoll und aus „John Glenn.“ ihr der haardünne Kondensstreifen der Rakete höher John Glenn – der große John Glenn – war der erste und immer höher schoss. Der Sprecher im Fernsehen Mensch, der die Erde gesehen hat, wie ich den Globus sehe, der auf meinem Schreibtisch steht: als eine verkündete: „Oberstleutnant Glenn ist soeben mit vorwiegend blaue Kugel. Er war der erste Mensch, ­seiner Rakete in die Erdumlaufbahn gestartet. Bitte der unsere Erde in einer Umlaufbahn umkreist hat. beten Sie für ihn.“ Dreimal. Er allein. Die längsten und zugleich kürzes­ Gegen fünfhundert Konkurrenten hatte Glenn ten vier Stunden, 55 Minuten und 23 Sekunden, sich durchgesetzt, und er hatte nicht die besten


­ oraussetzungen. Sein größter Nachteil gegenüber V den anderen Anwärtern war sein Alter. Ein Vierzigjähriger sei körperlich nicht mehr auf der Höhe, ein solches Unternehmen aber verlange das Äußerste. So hieß es. Glenn konnte mithalten. Er bestand in den Dunkelräumen bei stundenlanger Schwärze und absoluter Stille; er hielt in der Hitzekammer aus, gegen die eine Sauna eine kühle Veranda sei, wie einer der Kandidaten witzelte; auch minutenlanges Ausharren im Eiswasser konnte ihm nichts anhaben, und die Zentrifuge und die Rüttelmaschine verließ er breitbeinig

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zwar, aber ohne zu wanken und ohne dass er sich – wie die meisten seiner Kollegen – übergeben musste. Mental, so hieß es, war John Glenn allen überlegen. Und darauf komme es an. Man könne unten auf dem Boden trainieren und simulieren, so viel man wolle, niemand sehe voraus, was einen dort oben alles erwarte. Und dann seien nicht allein Muskeln und Sehnen gefragt, sondern Intelligenz, Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung. Über diese Fähigkeiten verfügte Oberstleutnant John Herschel Glenn. Am Ende der Mission musste er diese Fähigkeiten beweisen.

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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

Ich greife vor: Bevor er die Umlaufbahn um die Erde verließ, um in die Erdatmosphäre einzutauchen, schlug ein System Alarm. Der Keramikschild, der die Kapsel vor dem Verglühen bewahren sollte, schien sich zu lösen. Wenn das geschähe, wäre der Astronaut nicht mehr zu retten. Glenn behielt die Nerven, von der Bodenstation aus konnte der Schaden behoben werden, allerdings musste er die Landung händisch steuern – Intelligenz, Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung. Zu diesen Begriffen würde in Zukunft eine ganze Generation den Namen John Glenn assoziieren. Angst und Panik konnten ihm nichts anhaben. Diese Gefühle ließ er nicht zu, er besiegte sie, triumphierte über sie. Mit einem anderen Gefühl aber hatte er nicht gerechnet, und kein Techniker unten auf der Erde, kein Psychologe, der Priester nicht, nicht einmal Anna Margaret, Johns Ehefrau, die ihm schon im Alter von fünf Jahren das Ja-Wort fürs Leben gegeben hatte, nicht einmal sie hatte damit gerechnet: Heimweh.

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urch das winzige Fenster der Raumkapsel blickte er hinunter auf die Erde, er konnte ihre Rundung sehen, er geriet in heilige Verzückung, als sich unter ihm der blaue Pazifik dehnte, er sah Hawaii, sah die Perlenkette Japan, sah die goldenen Weiten der asia­tischen Wüsten, sah die Gipfel des Himalaya, sah Europa, klarer als auf jeder Landkarte. Und dann sah er die Küste von Amerika. Er war allein, er traute sich nicht, laut mit sich selbst zu sprechen, weil er dachte, die Bodenstation höre zu. Er wollte singen. Ihm fiel ein, wie er als Kind in dem Wald am Fox Creek gespielt hatte, er war aufgewachsen in New Concord. Wie glücklich war er gewesen, er, ganz mit sich allein. Wenn er im Sommer unten beim Bach die Libellen beobachtet hatte, manche ganz nahe. Wenn er über die schillernden Farben ihrer Flügel gestaunt hatte, die sich in den Spiegelungen des Wassers änderten. Wenn er das feuchte Moos gerochen hatte, kein Parfum konnte damit konkurrieren. Sogar an die Moskitostiche erinnerte er sich gern, zu Hause rieb seine Mutter die betreffenden Stellen mit Zitronensaft ein. Da habe er begriffen – erst viele Jahre nach diesem großen Menschheitsabenteuer erzählte er einer Journalistin davon –, da habe er begriffen, dass Alleinsein das Schönste auf der Welt sei, allein mit sich und seinen Gedanken, seinen Träumen, seinen Gedankenspielen weit voraus in eine Zukunft, seine Zukunft. „Aber doch nur“, sagte er der Reporterin ins ­Mikrofon, „wenn du auf den Wegen gehst, auf denen du schon oft gegangen bist, auf denen Menschen gegangen sind, die du liebst oder hasst, die dir ­Gutes oder Böses wollen. Wenn du die Wegbiegung dort vorne kennst, wenn du die riesige Fichte dort drüben kennst, wenn du die Steine kennst, auf die du dich setzen und mit den nackten Füßen im Bach plantschen kannst.“ Einsamkeit sei dagegen etwas anderes. Er habe geglaubt, sein Herz breche entzwei: Wenn ich nie wieder, nie wieder … Die Einsamkeit, das wisse er nun, sei das Entsetzlichste.

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Mit einem Gefühl hatte der Astronaut John Glenn nicht gerechnet: Heimweh. Er war glücklich gelandet, war als Held gefeiert worden. Im Triumphzug fuhr er durch New York, hunderttausend Menschen jubelten ihm zu. Präsident Kennedy bat ihn um seine Freundschaft und warb mit ihm für seine Politik. Er tourte durch das Land, hielt Vorträge, wurde zu Fernsehshows eingeladen – er hatte Amerika den Stolz zurückgegeben. Er war ein Star. Als er an Bord des Schiffes, das ihn und seine Kapsel aus dem Meer geborgen hatte, aus dem Raumanzug stieg, hatte ihn der Kapitän gefragt: „Sir, was gedenken Sie als Erstes zu tun?“ Glenn antwortete: „Ich möchte nach Hause.“ Zu Hause fragte ihn Anna Margaret: „John, was willst du als Erstes tun?“ Er antwortete: „Ich möchte nach Hause.“ Sie wusste, was er meinte, sie fragte: „Soll ich dich begleiten?“ Nein, sagte er, er wolle allein sein. Und sie wusste wieder, was er meinte. Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr nach New Concord, das war nicht weit. Er spazierte am Fox Creek entlang bis zu dem Wäldchen. Und dort legte er sich bäuchlings mitten auf den Weg. Breitete die Arme aus, als wolle er den Globus, die Welt, die ganze Welt, nämlich unsere Erde, umarmen und küssen.

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o hat man ihn gefunden“, erzählte mein Freund Bob Didonato. „Ach, du wirst es nicht glauben“, sagte er, „ein junger schwarzer Musiker fand ihn. Er meinte, er sei tot. So wie er dalag. Ohne R ­ egung. Die Lippen auf den Lehmboden gepresst. Der Musikant – glaub mir, es ist die Wahrheit –, er muss wohl ein frommer Mann gewesen sein, er kniete sich nieder und betete, betete für die Seele dieses Mannes, der da, ganz allein, ohne jeden Beistand, einsam, mitten auf dem Weg nahe dem Fox Creek gestorben war. Aber er war nicht gestorben. Er ist aufgestanden – auferstanden, sozusagen.“ „Und das ist hier geschehen?“, fragte ich. „An dieser Stelle, genau hier?“ „Genau hier“, sagte Bob. „Woher weißt du das?“ „Jeder weiß es, jeder hier in New Concord, jeder in Muskingum County. Frag, wen du willst.“ „Das werde ich“, sagte ich. Und ich tat es. Ich fragte in einem Coffeeshop, ich fragte eine Frau auf der Straße, ich klopfte an Türen und fragte, ich fragte Kinder auf dem Spielplatz. Alle bestätigten, was Professor Bob Didonato mir erzählt hatte.

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IMPRESSUM

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Aktuell ­erscheint The Red Bulletin in sechs Ländern. Die „Adventure Issue“ unserer US-Ausgabe feiert diesen Monat Abenteuer auf Amerikas Gipfeln und in der faszinierenden Unterwasserwelt Mexikos. Mehr Geschichten abseits des Alltäglichen findest du auf: ­redbulletin.com

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Gesamtleitung Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.) Chefredaktion Andreas Rottenschlager, Andreas Wollinger (Stv.) Creative Direction Erik Turek, Kasimir Reimann (Stv.) Art Direction Marion Bernert-Thomann, Miles English, Tara Thompson Grafik Martina de Carvalho-Hutter, Cornelia Gleichweit, Kevin Goll Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Tahira Mirza, Rudi Übelhör Digitalredaktion Christian Eberle-Abasolo (Ltg.), Lisa Hechenberger, Elena Rodriguez Angelina, Benjamin Sullivan Head of Audio Florian Obkircher Special Projects Arkadiusz Piatek Managing Editors Ulrich Corazza, Marion Lukas-Wildmann Publishing Management Ivona Glibusic, Bernhard Schmied, Anna Wilczek Managing Director Stefan Ebner Head of Media Sales & Partnerships Lukas Scharmbacher Head of Co-Publishing Susanne Degn-Pfleger Projektmanagement Co-Publishing, B2B-Marketing & Communication Katrin Sigl (Ltg.), Mathias Blaha, Katrin Dollenz, Thomas Hammerschmied, Teresa Kronreif (B2B), Eva Pech, Valentina Pierer, Stefan Portenkirchner (Communication) Creative Services Verena Schörkhuber-Zöhrer (Ltg.), Sara Wonka, Julia Bianca Zmek, Edith Zöchling-Marchart Commercial Management Co-Publishing Alexandra Ita Editorial Co-Publishing Raffael Fritz (Ltg.), Gundi Bittermann, Mariella Reithoffer, Wolfgang Wieser Executive Creative Director Markus Kietreiber Projekt Management Creative Elisabeth Kopanz Art Direction Commercial & Co-Publishing Peter Knehtl (Ltg.), Erwin Edtmayer, Simone Fischer, Martina Maier, Andreea Parvu, Alexandra Schendl, Julia Schinzel, Florian Solly, Dominik Uhl, Sophie Weidinger, Stephan Zenz Abo & Vertrieb Peter Schiffer (Ltg.), Marija Althajm, Nicole Glaser, Victoria Schwärzler, Yoldaş Yarar Anzeigenservice Manuela Brandstätter, Monika Spitaler Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Friedrich Indich, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailović, Sandra Maiko Krutz, Josef Mühlbacher Finanzen Mariia Gerutska (Ltg.), Klaus Pleninger MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler Operations Melanie Grasserbauer, Alexander Peham, Yvonne Tremmel Projekt Management Gabriela-Teresa Humer Assistant to General Management Sandra Artacker Herausgeber & Geschäftsführer Andreas Kornhofer Verlagsanschrift Heinrich-Collin-Straße 1, A-1140 Wien Telefon +43 1 90221-0 Fax +43 1 90221-28809 Web redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dkfm. Dietrich Mateschitz, Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber

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NICOLAS MAHLER

N IC OL AS M A HL ERS SPI T ZF ED ERL ICHES CHA R A K T ER-K A BINE T T

Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 11. Mai 2021.

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