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ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN
WAS DENKT ER SICH DABEI?
Ein Besuch im Kopf von
ALEX HONNOLD, dem größten Free-Solo-Kletterer der Welt
PLUS KARIM ADEYEMI PA R OV S T E L A R BAT M A N HERMANN MAIER D O N A L D G LOV E R
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E DI TO R I A L
WILLKOMMEN
KRAFT TANKEN
Hier sehen wir Pionier Jake Burton Carpenter Ende der 1970er auf einer Frühversion des Snowboards. Es wurde noch mit einer Leine gelenkt. Die Story seines Lebens: ab Seite 68.
GESTATTEN, DONALD DUCK
Wer die Ente kennt, kennt Entenhausen – aber kennen Sie auch die Frau, die es er funden hat? Die Antwort: ab Seite 92.
6
Hollywood-Helden waren vor Robert Pattinson Batman. Wer und mehr flatterhafte Fakten auf S. 14.
Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion
JAAAAAAAAA!
Salzburgs Stürmer Karim Adeyemi jubelt über den erstmaligen Einzug in die K.-o.Runde der Champions League. Was ihn so besonders macht: ab S. 64.
4
THE RED BULLETIN
JIMMY CHIN (COVER), COURTESY OF BURTON, PICTUREDESK.COM, 2021 FC RED BULL SALZBURG
EIN LEBEN FÜR DAS BOARD
Keine Ahnung, wie es uns gerade geht, wenn Sie die ses Heft in Händen halten. Als Optimisten hoffen wir das Beste und laden Sie ein, dieses Heft als Kraftpaket zu betrachten. Wer zum Blättern neigt, legt am besten auf Seite 22 einen Zwi schenstopp ein. Dort eröffnet Sänger Post Malone ein Feuerwerk des Musik fotografen Roger Ho: eine Einladung, das Leben zu feiern, ein Wunsch, der hoffentlich Wirklichkeit wird. Zwischen stopp Nummer zwei: ein Hausbesuch bei US-Kletterer Alex Honnold, der gelernt hat, ohne Angst und Sicherung tausend Meter hohe Felswände zu bezwingen. Wie er das macht? Erzählt er ab Seite 40. Zwischenstopp Nummer drei machen wir an der Südküste Frankreichs, in Nizza (ab Seite 56): Dort hat uns Marina Correia erklärt, wie man lernt, Vorurteile zu i gnorieren – sie rollt sogar einfach darüber hinweg.
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I N H A LT
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The Red Bulletin im März 2022
COVERSTORY
40 ALEX ALLEIN AM BERG
Zu Besuch bei Alex Honnold, dem größten Free-SoloKletterer der Welt. Plus: ein Blick in sein Gehirn.
5-MINUTEN-COACH
62 ACHTUNG, AUFPASSEN! Experte Volker Busch erklärt, wie du in Job und Alltag fokussiert bleibst.
UNSER MANN IN PARIS Designer Christoph Rumpf vereint Haute Couture und Flohmarkt.
FUSSBALL
PORTFOLIO
64 DER ADEYEMI-CODE
22 L IVE IS LIFE
Die großartigen Konzertbilder des US-Fotografen Roger Ho.
MUSIK
34 MEINE KLANGWELT
Sängerin OSKA fand ihren ganz persönlichen Sound als Straßenmusikerin in Wien.
Charmant, spitzbübisch, brandgefährlich – Karim Adeyemi im Insider-Porträt.
SNOWBOARDEN
68 REVOLUTION IM SCHNEE Wie Jake Burton Carpenter das Brett-Abenteuer zum Weltsport machte.
SKIFAHREN
Monoski-Held Markus Gfatterhofer will auch als Rollstuhlfahrer nach ganz oben.
EXTREMSPORT
38 WIE IM FLUG
Österreichs erste WingsuitLehrerin Lisa Buchner weiß, was Freiheit bedeutet.
48 M ANN DER GEGENSÄTZE Bei ihm trifft Flohmarkt auf Zukunft. Und die leuchtet hell für Designer Christoph Rumpf.
LONGBOARD DANCE
56 DAS ROLL-MODEL
Wie die schüchterne Migrantin Marina Correia Weltmeisterin und Vorbild wurde.
6
79 REISEN. Sportklettern auf der griechischen Insel Kalymnos 84 GAMING. Digitale Fashion-Trends und trendige Laptop-Behälter
34 EINE REISE DURCH WIEN Sängerin OSKA fand ihren Sound als Straßenmusikerin.
86 L ESESTOFF. „88 Namen“ von Literatur-Chamäleon Matt Ruff
MODE
8 GALLERY 14 ZAHLEN, BITTE! 16 FUNDSTÜCK
GUIDE
Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen
88 FILM. „The Alpinist“: auf den Spuren von Marc-André Leclerc 89 P LAYLIST. Zum Vierziger: vier Favoriten der Pop-Pioniere Yello 90 TIPPS & TRENDS. Mit besten Empfehlungen der Redaktion 92 B OULEVARD DER HELDEN. Die Frau, die Donald Duck zu literarischer Qualität verhalf
18 MEIN ERSTES MAL 20 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW
96 IMPRESSUM 98 CARTOON
22 FRONTFRAU VOR CHICAGO Lebensfreude pur: Latino-Star Li Saumet ist live ein Knaller.
THE RED BULLETIN
CHRIS SAUNDERS, HANNA FASCHING, ROGER HO, LITTLE SHAO
36 DER EWIGE OPTIMIST
56 LUFTSPRUNG IN NIZZA Longboard-Queen Marina Correia rollt Vorurteile nieder.
THE RED BULLETIN
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DUBAI, VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
Wheelie unter Haien Der britische Motocrosser Sam Sunderland fühlt sich in der Wüste zu Hause: 2017 hat er die Rallye Dakar gewonnen, längst ist ihm Dubai zur Wahlheimat geworden. Ehrensache, dass er jetzt ein bisschen Werbung für sein Bike und Dubai machte. So erklomm er mit dem Motorrad den Burj Khalifa, das mit 828 Meter höchste Gebäude der Welt, besuchte aber auch andere Wahrzeichen – wie etwa dieses in einem Einkaufszentrum gelegene Aquarium. QR-Code scannen und Sunderlands Fahrt an die Spitze des Wolkenkratzers Burj Khalifa auf der Website von Red Bull anschauen.
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NAIM CHIDIAC
DAVYDD CHONG
RIGA, LETTLAND
Wachtraum Aus der Abteilung „Wenn Skateboarder sich was wünschen dürfen“. Der Lette Arturs Bogdanovics skatet über eine völlig leergefegte Prachtstraße in den Sonnenaufgang. Ein Traum auch für seinen Landsmann, den Fotografen Volodya Voronin, der die Szene vom Dach eines Hauses festhielt. volodyavoronin.com
UTAH, USA
Der Rest vom Fest
VOLODYA VORONIN/RED BULL ILLUME, BOB PLUMB/RED BULL ILLUME
DAVYDD CHONG
Nein, auf so einem traurigen Fleckchen Schnee ist sinn volles Snowboarden natürlich nicht möglich, nicht ein mal für einen Könner wie Griffin Siebert. Was soll das dann? Fotograf Bob Plumb wollte mit der ungewöhn lichen Inszenierung subtil auf das Problem des Klima wandels hinweisen. Das ist ihm zweifellos gelungen. bobplumbphotography.com
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DISENTIS, SCHWEIZ
Klar, so viele Paragleiter auf einem Fleck sind eine nicht ganz ungefährliche Herausforderung für die Piloten. Aber wir können davon ausgehen, dass in diesem Fall kein großes Risiko bestand, handelte es sich doch um den Start des WeltcupSuperfinales 2021, bei dem die Piloten elf Tage lang um den Sieg kämpften. Für den Schweizer Fotografen Andreas Busslinger war die Ausnahme situation am Himmel jedenfalls ein echter Glücksfall: Seine Aufnahme schaffte es ins Semifinale von Red Bull Illume, dem größten Abenteuerund Action-Fotowettbewerb der Welt. andreasbusslinger.ch
ANDREAS BUSSLINGER/RED BULL ILLUME DAVYDD CHONG
Da muss wo ein Nest sein
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Z AHL EN, BI T T E!
BATMAN
Fledermaus Superstar Im März schlüpft Robert Pattinson in „The Batman“ im Kino erstmals in die Rolle des Superhelden. Was der Kult-Flattermann verdient, wie schnell er fährt und wie oft sein Butler entführt wurde.
drehte Andy Warhol den Film „Batman Dracula“ – ohne Erlaubnis von DC Comics. Der Film gilt als verschollen.
Folgen lang schlüpfte Adam West zwischen 1966 und 1968 in der TV-Serie „Batman“ ins Fledermauskostüm.
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6
Oscar als bester Nebendarsteller gewann Heath Ledger 2009 posthum für seine Rolle als Joker in „The Dark Knight“.
10.000.000
km/h schnell war das fiktive Batmobil, das Michael Keaton 1989 im Kino pilotierte.
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Einwohner hat Batmans fiktive Heimatstadt Gotham City.
9.200.000.000
Dollar besitzt Bruce Wayne laut Schätzung des US-Magazins „Forbes“ – Rang 6 auf einer Liste fiktionaler Charaktere.
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Mitarbeiter eines kanadischen Energiekonzerns verkleideten sich 2014 für eine Benefiz aktion als Batman.
THE RED BULLETIN
HANNES KROPIK
Hollywoodstars waren vor Robert Pattinson als B atman zu sehen: Adam West, Michael Keaton, Val Kilmer, George Clooney, Christian Bale und Ben Affleck.
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Objekte umfasst die BatmanSammlung von US-Superfan Brad Ladner – das bescherte ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.
Mal wurde Batmans Butler Alfred Pennyworth in den Comics entführt.
1964
120
8226
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CLAUDIA MEITERT
Filme („The Dark Knight“, 2008 „The Dark Knight Rises“, 2012, „Joker“, 2019) spielten jeweils mehr als eine Milliarde Dollar ein.
Dollar bezahlte ein Sammler 2010 für eine Originalausgabe von „Detective Comics #27“, in dem Batman 1939 erstmals auftauchte.
GETTY IMAGES (4)
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RED BULL MIT DEM GESCHMACK VON KAKTUSFRUCHT.
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F U ND ST Ü CK
HERMANN MAIER
Der Helminator Der Kopfschutz, mit dem der Salzburger bei den Olympischen Spielen in Nagano 1998 zum „Herminator“ wurde.
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MARKUS GUSCHELBAUER/HDGÖ, PICTUREDESK.COM (2)
Hermann Maier, 49, Doppel-Olympia sieger, dreimaliger Weltmeister, viermal Sieger der WeltcupGesamtwertung
Die Geschichte begann an einem Freitag, dem 13., mit einem kapitalen Stern: Hermann Maier flog bei der Olympia-Abfahrt ab, gefühlt 10 Meter hoch und 100 Meter weit, durchschlug zwei Fang zäune und blieb im Tiefschnee liegen. Der Mann, der aus dem Nichts zum Seriensieger aufgestiegen war: ausgeschieden und bestimmt schwer verletzt. Doch die Pointe war: Drei Tage später holte Maier trotz eines geschwollenen Knies die Goldmedaille im Super-G. Und dann noch eine im Riesen slalom. Der Helm ist heute im Haus der Geschichte in Wien ausgestellt. Auf dem Heldenplatz, wo sonst? Ikonisch: Maiers Sturz in Nagano
THE RED BULLETIN
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M EIN ERST ES M A L
PAROV STELAR
„Ich musste der Lokführer meines Lebens werden“
In seiner Heimat Österreich ist Marcus Füreder erfolg ‚Wo ist die Klinik? An der holländischen Grenze? Per reich. Sehr erfolgreich sogar. Als Parov Stelar hat er fekt, dann könnten wir dir nächste Woche in Holland zehn Amadeus Awards gewonnen und spielt in den ein paar Gigs aufstellen.‘ Das war ein Aha-Erlebnis. größten Clubs des Landes. Noch erfolgreicher ist er Mir wurde bewusst, dass ich die Selbstbestimmung aber im Ausland: Der Erfinder des verloren hatte. Und ich wusste, Genres Electroswing spielt in ich muss wieder der Lokführer Frankreich Konzerte vor über sein. Nicht der Passagier in der 100.000 Fans, in den ameri VIP-Klasse, der sagt: ‚Bitte noch kanischen iTunes-Charts waren ein Glaserl Champagner.‘ Ich seine Hits auf Nummer 1, seine dachte, ich hätte die Zügel in der Videos auf YouTube haben über Hand, aber das war nicht so. Mu sikmachen oder Kreativsein war 500 Millionen Views. zu der Zeit unmöglich. Da ging Ihm ist das aber nicht genug. nur Dienst nach Vorschrift. Das Neben dem Musikmachen be treibt er eine Plattenfirma und wäre aber ohnehin falsch gewe sen. Denn wenn du einfach wei einen Verlag, er produziert an termachst, kann das böse enden. dere Künstler und entwirft seine Viele Leute, die ein schweres Albumcovers. Ende April er scheint sein neues Album Burn-out haben, kehren nicht „Moonlight Love Affair“. Dieser mehr in ihren Beruf zurück. 0:00 –39:20 Tatendrang macht ihn zu einem Parov Stelar der vielschichtigsten Künstler Wie ich wieder zum Lokführer Mein erstes Mal – der Podcast des Landes. Um 2010 herum wurde? Ich war viel im Wald. wäre ihm diese Eigenschaft al Ich wuchs im Mühlviertel auf lerdings beinah zum Verhängnis und hatte dadurch von Kindheit geworden. Hier spricht der heute an eine starke Naturverbunden „Ich dachte, ich hätte heit, die mir immer viel Trost ge 46-Jährige von seiner ersten schweren Krise – und erklärt, die Zügel in der Hand. spendet hat. Und durch Sport! wie er sie überwunden hat. ein Burn-out ja im End Aber das war nicht so.“ Weil effekt ein Gedankenkarussell ist. „Vor zehn, zwölf Jahren hat es Du kommst nicht mehr heraus, Multitalent Parov Stelar über das Aha-Erlebnis in seinem Burn-out mich richtig erwischt. Komplet du hast keinen Zugriff mehr auf tes Burn-out. Dabei lief es zu der andere Bereiche deines Lebens. Zeit richtig gut. Der Zug hatte Fahrt aufgenommen, Und Sport ist ein Ventil, mit dem du kurzfristig Parov Stelar war international gefragt. Das Problem abschalten kannst. Und genau darum geht es: den war, ich war totaler Autodidakt, ich hatte mich ins Pause-Knopf zu drücken. So lange, wie du es für Musikgeschäft geschmissen, ohne seine Mechanismen richtig hältst. Egal was die anderen sagen.“ zu verstehen. Wie führt man ein Label? Wie führt man einen Musikverlag? Wie setzt man ein Live-Programm „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, auf? Ich machte das alles selbst. Und übersah dabei, in der Heldinnen und Helden über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit Parov Stelar, in der er dass es Zeiten geben muss, in denen du deine Batteri auch erzählt, wie er mit den Absagen en auflädst. Irgendwann stand ich auf und bemerkte, von Plattenfirmen sein Klo tapezierte, ich war emotional f arbenblind. Es gab keine Farben gibt’s im Podcast-Kanal mehr. Ein dunkler Schatten lag über mir, der sich ein von The Red Bulletin – fach nicht verziehen wollte. Eine Therapeutin schickte auf allen g ängigen Platt mich dann in eine Burn-out-Klinik in Osnabrück, um formen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast Ruhe zu finden. Dann rief meine Konzertagentur an:
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THE RED BULLETIN
MARCUS FÜREDER
Er ist der erfolgreichste Elektromusiker Österreichs. Vor zehn Jahren war er knapp davor, alles zu verlieren. Hier erzählt Parov Stelar, wie er seine erste große Krise überstand.
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DAS F IK T IV E PHILO S O PHEN -IN T ERV IE W
ARISTOTELES SAGT:
„Kleinlich ist peinlich“ Trinkgeld? Fehlanzeige. Eine milde Gabe für den Obdachlosen? Selten. Aktuelle Umfragen zeigen: Die Geldbörse sitzt bei den meisten nicht mehr locker. Doch schon Aristoteles hatte was gegen Geiz und Knauserei. Stattdessen rühmte er Freigiebigkeit und Großzügigkeit. Was der alte Grieche darunter versteht, erklärt er im fiktiven Interview mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Ihre Begeisterung verschenken. Oder Ihre Aufmerk samkeit, Zuwendung, Arbeitskraft, Zeit. Beim Zeus, große Seelen finden immer etwas, woran sie andere teilhaben lassen können. Sie können gar nicht anders. Sie fließen gleichsam über. Aber läuft man dabei nicht Gefahr, sich selbst zu verlieren? Guter Punkt. Deshalb braucht es neben der Groß zügigkeit noch eine andere Tugend. Wenn Sie sich anderen gegenüber großzügig zeigen wollen, kommt es sehr darauf an, das richtige Maß zu fi nden: Nichts zu geben ist ebenso unpassend wie zu viel zu geben. Beides sind un angemessene und peinliche Verhal tensweisen, die andere beschämen könnten. Deshalb brauchen Sie ein feines Gespür dafür, was angemes sen ist und was nicht. Dieses Gespür nenne ich Freigiebigkeit: so geben, dass andere sich dabei frei fühlen. Freigiebigkeit ist die goldene Mitte zwischen Verschwendung auf der einen Seite und Geiz auf der anderen.
Auch wenn ich selbst eher knapp bei Kasse bin oder gar nichts habe, was ich geben könnte? Hallo! Die Größe Ihrer Seele bemisst sich doch nicht nach der Größe Ihres Geldbeutels! Großzügig können Sie auch sein, indem Sie andere Menschen an dem teilhaben lassen, was Ihnen Freude macht – indem Sie
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seiner wichtigsten Werke ist die „Nikomachische Ethik“, in der er sich mit der Frage befasst, wie sich ein gutes menschliches Leben beschreiben lässt.
CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: „Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“, legenda Q, 2021.
THE RED BULLETIN
DR. CHRISTOPH QUARCH
Das klingt theoretisch plausibel. Aber wie bringt man die Leute dazu, freigiebig und großzügig zwischen Heißt das, Sie empfehlen Groß zu sein? zügigkeit nicht, um anderen Gutes Moralische Appelle können Sie sich Verschwendung zu tun, sondern um in den Augen da getrost abschminken, die bringen und Geiz.“ anderer gut auszusehen? nichts. Man kann kleinliche Leute Falsche Perspektive, mein Freund. allenfalls bei ihrer Ehre packen und Die Frage, die mich interessiert, ist nicht: Wie tue ihnen signalisieren: „Sag mal, schämst du dich nicht? ich anderen etwas Gutes? Auch nicht: Was muss ich Was bist du bloß für ein kleiner Mensch!“ Zwar gebt tun, um von anderen wertgeschätzt zu werden? Nein, ihr nicht mehr viel auf Größe, aber manchmal ahne ich möchte wissen, was es heißt, ein gutes Leben zu ich doch selbst bei euch Modernlingen eine gewisse führen. Welche Qualitäten – ich nenne sie „Tugenden“ Sehnsucht danach, so wie mein berühmter Schüler – dafür nötig sind. Eine dieser Tugenden ist in meinen Alexander „ein Großer“ zu werden. Augen das, was wir Griechen „megalopsychía“ nen nen. Das bedeutet wörtlich so viel wie Seelengröße. Darunter verstehen wir die Haltung eines Menschen, ARISTOTELES (384 –322 v.Chr.) kam als junger Mann nach dessen Seele so groß ist, dass darin auch Platz für Athen, wo er in die Akademie seines Lehrers Platon aufgenomandere ist. Wenn Sie Seelengröße haben, dann sind men wurde und sich bald den Ruf eines Meisterschülers erwarb. Später wurde er als Privatlehrer des Prinzen Alexander (später Sie nicht kleinlich. Dann geben Sie, ohne danach zu „der Große“) an den mazedonischen Königshof berufen. Eines fragen, was die anderen von Ihnen denken.
BENE ROHLMANN
the red bulletin: Herr Aristoteles, wie war das bei Ihnen im alten Griechenland: Gab es damals schon so etwas wie Trinkgeld? aristoteles: Ich kann mich nicht genau erinnern, aber doch, ja, ich glaube schon. Jedenfalls gehörte es bei uns zum guten Ton, dass sich gut situierte Bürger gegenüber weniger Wohlhabenden großzügig und freigiebig verhalten. Wie Sie wissen, hatte ich die Ehre, den mazedonischen Prinzen Alex ander zu erziehen – der, den Sie als „den Großen“ bezeichnen. Diesem Burschen habe ich von Anfang an beigebracht, gegenüber Bediensteten niemals rumzuknausern. „Wenn du einmal ein großer Mensch sein willst“, sagte ich ihm, „dann ziemt es dir, „Freigiebigkeit ist großzügig zu sein.“ die goldene Mitte
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P O RT FO L IO
Live is Life
Ja, wir hoffen auf einen Sommer voll Musik. Wir wollen tanzen, singen, das Leben feiern. Als Vorgeschmack (und als Erinnerung) zeigen wir die großartigen Konzertbilder des US-Fotografen Roger Ho. Text WOLFGANG WIESER
Gratulation!
Post Malone, Houston, 2018
Ein Mann, so strahlend wie das Lichtermeer, aus dem der auftaucht: Der texanische Rapper und Sänger Post Malone, 26, beim Astroworld Festival in der texanischen Metropole: Das Bild entstand am Ende des Konzerts: „Deshalb versuche ich immer, bis zum Schluss zu bleiben – da wird’s meist magisch“, sagt Roger Ho. Wir kommentieren sein Bild mit einem Mallone-Hit von 2016: „Congratulations!“
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„Konzerte sind mein Leben. In manchen Augenblicken bekomme ich immer noch Gänsehaut.“ Roger Ho
Kopfgeburt
Diarrhea Planet, Austin, 2016
Es war einmal eine Band, die war bekannt dafür, dass sie sich gern über alle Grenzen hinweg setzte. Dazu gehört es auch, kopfüber Körper und Gitarre zu schwingen: „Diarrhae Planet waren für ihre irren Auftritte berühmt – und berüchtigt.“ 2018 trennte sich die Band.
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Ikono(foto)grafisch
Grace Jones, Los Angeles, 2016 Ach, wie herrlich ist es, sich Gedanken über das frühere Model zu machen und ihrem Tun die feinsten Interpretationen zu widmen. Hier trifft lässiger Tod auf lustvolles Leben. Ein Fest für Fotografen: „Jedes Foto, das ich von ihr gemacht habe, war ein gutes Foto.“ PS: Die ikonische Sängerin wird im Mai 74!
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„Es lohnt sich, bis zum Schluss am Drücker zu bleiben. Die besten Momente habe ich immer am Ende eines Konzerts erlebt.“ Roger Ho
Schlussakt
Childish Gambino, Austin, 2014
„Das ist mein wichtigstes Bild“, sagt Roger Ho, „wenn man meine Arbeit danach beurteilt, wie oft ein Foto gezeigt wurde.“ Es entstand beim ACL Festival, kurz bevor Childish Gambino (der Künstlername des rap penden Hollywoodstars Donald Glover), 38, die Bühne verließ.
So emotional!
Future Islands, Austin, 2015
Der Mann, der das Mikrokabel schwingt wie ein Lasso, ist Samuel T. Herring, 37, Sänger der US-Synthiepop-Band Future Islands: „Er gibt bei jedem Auftritt alles, es ist ein Vergnügen, ihn zu fotografieren.“
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Floh-Zirkus
Red Hot Chili Peppers, Austin, 2017 Wenn Flea, 59, legendärer Bassist der Red Hot Chili Peppers, die Bühne entert, geht’s rund. Der Mann ist mit enormer Sprungkraft gesegnet und stellt das auch gerne unter Beweis. Das Besondere an diesem Bild? „Ich liebe diese Aufnahme, weil das Licht genau in diesem Moment von Blau auf Rot wechselte.“
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„Natürlich musst du Glück haben – so wie bei diesem Bild. Da hat das Licht im richtigen Moment gewechselt.“ Roger Ho
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P O RT FO L IO
„Am Anfang brauchst du wirklich ein dickes Fell, um dich nicht unterkriegen zu lassen.“ Roger Ho
Streichelweich
Tyler, the Creator, Houston, 2017
Tyler, the Creator, 30, galt jahrelang als Unruhestifter. Neuseeland und Großbritannien belegten ihn sogar mit Einreiseverbot. Roger Ho zeigt hier eine andere, überraschende Seite des Grammy-Preisträgers: das Schaf im Wolfspelz – streichelweich, sanft und nachdenklich.
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DER FOTOGRAF
ROGER HO Er lebt mit seinem Hund Pepper, einem vier Jahren alten Pembroke Welsh Corgi, in Austin, Texas; schwärmt noch immer von Beyoncés Coachella-Auftritt 2018 und kriegt Gänsehaut, wenn er „Dance Yrself Clean“ von LCD Soundsystem hört („mein absoluter Lieblingssong“). Roger Ho, 37, hat 3D-Animation studiert, sich aber irgendwann müde und ausgebrannt gefühlt. Er schmeißt seinen alten Job hin, kauft sich eine Kamera und stellt rasch – und selbstbewusst – fest, dass er super in dem ist, was er tut: die magischen Momente bei Livekonzerten einzufangen. Auch wenn es Zeit brauchte, Übung und Beharrlichkeit: „Es war schwer, einen Fuß in die Tür zu bekommen, schließlich ist das einer der coolsten Jobs der Welt. Anfangs brauchst du wirklich ein dickes Fell, um dich nicht unterkriegen zu lassen.“ Doch längst hat sich das Blatt gewendet. Heute wird er von großen Festivals als Hausfotograf engagiert und ist glücklich darüber: „Konzerte sind mein Leben.“ Noch mehr Leben auf Instagram: @rohofoto
3, 2, 1 – go!
Bomba Estéreo, Chicago, 2018 Blume im Haar, leuchtendes Kleid, sprintstark: Die Frau, die hier durchstartet, ist Li Saumet, 43, Sängerin der kolumbianischen Band Bomba Estéreo: „ein immer frischer, fröhlicher Wirbelwind“.
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Flyin’ High
Hippie Sabotage, Austin, 2019 Ihr Remix des Hits „Habits (Stay High)“ der Sängerin Tove Lo liegt aktuell bei mehr als 900 Millionen Klicks auf YouTube. Kein Wunder, dass Hippie Sabotage Lust darauf haben, abzuheben. Hier springt Jeff Saurer, die eine Hälfte des DJ-Duos, in die Crowd.
„Ich fühlte mich ausgebrannt, schmiss meinen alten Job hin und kaufte mir eine Kamera. Das änderte mein Leben.“ Roger Ho
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Musik
OSKA wurde als Sängerin für zwei Amadeus Awards nominiert. Das Selbstvertrauen für ihre Karriere? Trainierte sie als Straßenmusikerin in Wien. Text SABRINA LUTTENBERGER
Foto HANNA FASCHING
OSKA brauchte Jahre, um ihre Stimme zu finden. Natürlich konnte sie singen, immer schon, und dank einem Jazzgesang-Studium in Wien wusste sie auch um die Bedeutung feiner Nuancen. Aber wirklich harte Arbeit war es, ihren eigenen Klang zu finden, mit all den Zwischen tönen, die sie in sich spürte. Mit ihrem Debütalbum, das Ende Februar auf dem kanadischen Label Nettwerk erscheint, hat die 25-jährige Waldviertlerin, die eigentlich Maria Burger heißt, ihren Platz in der Welt fürs Erste bestimmt. Auch wenn das gar nicht einfach war: „Ich hab mich schon gefragt, ob ich so etwas Persönliches wie meine Musik wirklich mit anderen Leuten teilen will“, sagt sie. „Andererseits: Wenn man lange allein im Zimmer sitzt und etwas für sich macht, sucht man irgendwann den Austausch – und natürlich ist es auch spannend, zu sehen, was andere Leute daraus machen.“
Was also machen wir daraus?
Wir tauchen ein in die Welt einer jungen Frau und kommen ihr in ihren Liedern sehr nahe. Wir erfahren von gescheiterten Beziehungen und ihrer Sehnsucht nach einer heilen Welt. In OSKAs vor zwei Jahren veröffentlichter Single „Distant Universe“ heißt es: „I wish we were still okay, you’d come ’round and hear me play and then we’d talk the night away.“
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Musik war für OSKA schon immer wichtig – sie musizierte mit ihren Eltern und ihren vier Geschwistern. Von ihrem Bruder Oskar borgte sie sich ihren Künstlernamen. Songs schreibt OSKA, seit sie zwölf ist. Damals trennten sich ihre Eltern – mit dem Griff zur Gitarre bekam sie ihre Trauer in den Griff.
Vom Stammbuch ins Radio
Außerdem fühlte es sich schon immer gut und richtig an, Musik zu machen. Bereits als Kind kritzelte sie in die Freundschaftsbücher ihrer Freundinnen den immer gleichen Berufswunsch: Sängerin. „Daran hab ich mich gar nicht mehr erinnern können, das haben mir vor einiger Zeit Schulkollegen von damals erzählt“, sagt OSKA und lacht. „Der Wunsch war wohl schon immer in mir drinnen.“ Und den verfolgt sie mit erstaunlicher Hartnäckigkeit: Während sich ihre Studienkolleginnen als Kellnerin nen durchschlagen, verdient OSKA, die mit achtzehn für ihr Studium nach Wien übersiedelte, ihr Geld lieber als Straßenmusikerin. Mehrmals pro Woche macht sie die Stadt zu ihrer Bühne: am Stephansplatz, vor der Karlskirche, in der Burggasse und vor der Stadthalle. Bis sie sich dazu bereit fühlt, einen ihrer Songs zu veröffentlichen, dauert es. Selbst als das Datum schon feststeht, zweifelt OSKA. Doch dann geht alles ganz schnell. Zeit zum Nachdenken bleibt kaum. Noch am selben Tag ist „Distant Universe“ auf FM4 zu hören, und
OSKA wird zum Soundpark Act des Monats gekürt. Kurz darauf gewinnt sie einen Award beim Waves Festival in Wien, und 2021 wird sie für zwei Amadeus Austrian Music Awards, die höchste Musikauszeichnung des Landes, nominiert. Das kann sie bis heute noch nicht richtig glauben. Wenn man ihren überraschten Gesichtsausdruck sieht, während sie die Geschichte erzählt, glaubt man ihr das sofort.
Das Gesetz der Straße
Noch einmal muss sie ihre Stimme finden: „Das Produzieren war eine völlig neue Welt für mich. Ich hatte keine Erfahrung und keine Ahnung, wie das geht. Ich musste die Sprache des Studios erst lernen. Je länger der Prozess gedauert hat, desto mehr habe ich aber gemerkt, dass ich dort hinkomme, wo ich hinwill.“ Bei all ihrem Selbstbewusstsein ist ihr bis heute nicht wirklich klar, warum sie seinerzeit für die Musik auf die Straße ging: „Das war so ein innerer Drang. Ich musste das einfach machen.“ Als Gast in ihrem Kosmos vermuten wir, dass ihr die Reaktionen anderer Menschen auf ihre Musik vielleicht doch wichtiger waren, als ihr das bewusst war. Schließlich sagt sie: „Die Straße hat mich selbstbewusst gemacht: Ich hab gelernt, dass es okay ist, wenn jemand weitergeht. Gleichzeitig hab ich so viele schöne Momente mit Menschen gehabt, die stehen geblieben sind, um zu tanzen, mit einander zu lachen oder um einfach nur zuzuhören.“ OSKAs Debütalbum heißt „My World, My Love, Paris“. Instagram: @goodoldoska
THE RED BULLETIN
„Du teilst das Persönlichste von dir mit allen anderen.“ Sängerin OSKA, 25, schaffte es mit ihrer Offenheit von der Straße ins Radio.
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Skifahren
Markus Gfatterhofer jagt als Monoski-Profi Paralympics-Medaillen. Der Salzburger hat aber noch höhere Ziele: Er will an Orte, an denen noch nie ein Rollstuhlfahrer war. Interview KARIN CERNY
Foto PHILIPP HORAK
Markus Gfatterhofer hatte immer schon ein Faible für Geschwindigkeit. Doch sein Traum von einem Leben als Motocross-Profi wurde von seinem Bike zerstört. 2007 stürzte er bei einem Rennen so unglücklich, dass das Motorrad auf seinem Rücken landete und den siebenten und achten Brustwirbel zertrümmerte. Seither ist der heute Dreißigjährige querschnittsgelähmt. Als Monoski-Fahrer (der Ski wird dabei aus einer Carbon-Sitzschale gesteuert; Anm.) startete er eine beeindruckende neue Karriere. Zuletzt holte er Staatsmeistertitel im Slalom und Riesenslalom. Er wohnt mit seiner Lebensgefährtin in St. Martin am Tennengebirge in Salzburg. the red bulletin: Markus, Stubenhocker warst du schon als Teenager keiner, oder? markus gfatterhofer: Nein, ich hatte immer einen wahnsinnigen Bewegungsdrang. Sobald ich aus der Schule kam, war ich den ganzen Tag lang unterwegs – Ski laufen, biken oder Motocross fahren.
Wie hast du es nach deinem Unfall 2007 zurück ins Leben geschafft? Ich war fast ein Jahr lang im Krankenhaus und habe ziemlich kämpfen müssen mit mir selbst. Mein Vater hat mir Kraft gegeben. Er kam zu mir ans Krankenbett und meinte: „Heinz Kinigadner (Motocross-Weltmeister 1984 und ’85; Anm.) setzt sich mit der ‚Wings for Life‘-Stiftung dafür ein, dass in der Rückenmarksforschung etwas weitergeht.“ Das war eine riesige Motivation. Und wie bist du Monoski-Profi geworden? Ich habe im Winter aus dem Fenster geschaut und war neidisch auf die Skifahrer. Im Rollstuhl ist der Winter generell hart, weil man nichts machen kann außer auf matschigen Straßen herumkurven. Monoski war eine totale Herausforderung, ich lenke nur aus dem Kopf und mit den Schultern. Das Skifahren hat mir wieder neue Energie gegeben. Was genau hat dich fasziniert? Monoski-Fahrer sind harte Burschen, ihre Selbständigkeit hat mir im poniert. Mein Physiotherapeut hat mir beim ersten Trockentraining im Turnsaal den Rollstuhl zehn Meter weit weggeschossen. Und gesagt: „So, jetzt holst du ihn wieder.“
Komfortzone herauskommt. Und wenn der Wille wieder da ist, kann man fast alles allein machen. Du bist gerade dreißig geworden, es ist dein letztes Jahr als Profi sportler, du willst Medaillen bei den Paralympics. Was machst du, um dich mental vorzubereiten? Man muss von sich selbst überzeugt sein – das ist die größte Herausforderung, an der die meisten zerbrechen. Ich habe lernen müssen, den Stress nicht zu sehr an mich heranzulassen. Ich sehe den Sport als Beruf, bei dem ich das Beste gebe. Aber wenn es nicht funktioniert, geht die Welt auch nicht unter. Hast du Pläne für die Zeit nach deiner Sportkarriere? Ich entwickle gerade ein Handbike, mit dem man in fast jedem Gelände fahren kann. Ich will an Orte kommen, an denen noch nie ein Rollstuhlfahrer war. Der 1728 Meter hohe Gerzkopf ist mein großes Ziel – ein Hochplateau, auf dem ich als Kind oft war. Seit meinem Unfall bin ich dort nicht mehr hinauf gekommen. Siehst du dich als Vorbild? Definitiv. Ich würde Menschen im Rollstuhl gern mitgeben, dass sie sich keine Grenzen vorgeben lassen sollen. Sie können dank moderner Technik coole Sachen machen. Wichtig ist, seinen Körper nicht ver kümmern zu lassen. In der Rücken marksforschung ist den letzten zehn Jahren so viel weitergegangen, dass es nicht mehr lang dauern wird, bis Heilung möglich ist. Die Paralympics stehen von 4. bis 13. März in Peking auf dem Programm. Mehr über Markus: mgfatterhofer.at
Dir war also wichtig, dass du nicht geschont wirst? Genau! Wenn man im Rollstuhl sitzt, ist es zentral, dass man aus der 36
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„Mein Therapeut hat den Rollstuhl weggeschossen. Und gesagt: ‚Jetzt holst du ihn wieder.‘“ Monoski-Fahrer Markus Gfatterhofer, 30, über eine Übung, die seinen Willen stärkte
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Extremsport
Lisa Buchner ist Österreichs erste Wingsuit-Lehrerin. Und rast mit 200 km/h Richtung Erde. Nun will sie erreichen, dass noch mehr Frauen dieses Abenteuer wagen. Text LARA RITTER
Foto PHILIPP HORAK
Wir treffen Lisa Buchner an ihrem Stützpunkt am Flugplatz Wiener Neustadt. Hier steht das Flugzeug, aus dem sie zwischen April und Oktober an jedem Wochenende in ihrem Wingsuit in die Tiefe springt. Buchner, Marketingmanagerin im Hauptberuf, ist die einzige Frau unter zwölf österreichischen Coaches, die der Wingsuit-Hersteller Phoenix-Fly zum Unterrichten lizenziert hat. Ausbildung und Prüfung dafür machte sie vor drei Jahren in Belgien, heute gibt sie Furchtlosen für 85 Euro pro Kurseinheit Unterricht (inklusive Sprung). Lisa Buchner entdeckte als 22-Jährige das Fallschirmspringen für sich, zwei Jahre später probierte sie das erste Mal einen Wingsuit an. Seither zieht sie das Ding nur sehr ungern aus. Der Spezialanzug hat Stoffflächen zwischen Armen und Beinen, die sich im freien Fall aufblasen und so den freien Fall verlängern, was vermutlich die unmittelbarste Art des Fliegens ist. THE RED BULLETIN: Die meisten Menschen kennen Wingsuit- Fliegen nur von YouTube, wo halsbrecherische Flüge entlang von Felswänden g ezeigt werden. Wie verrückt muss man für so etwas sein? lisa buchner: Das ist schon ein ziemliches Risiko. Ob es einem das
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wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich springe jedenfalls nicht in den Bergen, sondern nur aus Flugzeugen. Das ist längst nicht so gefährlich, denn da kann ich nirgends dagegenprallen. Wingsuiting ist aber dennoch gefährlicher als klassisches Fallschirmspringen. Wie gehst du als Lehrerin damit um? Man muss mindestens 200 Fallschirmsprünge absolviert haben, um bei mir Unterricht nehmen zu können, ich habe aber auch schon Leute mit 400 Sprüngen abgelehnt. Die meisten kenne ich bereits vom Flugplatz und kann deshalb ihre Fähigkeiten recht gut einschätzen. Was sind das für Leute, die diesen Sport lernen wollen? Ganz unterschiedliche, aber hauptsächlich Männer. Deshalb möchte ich Frauen dazu ermutigen, sich Wingsuiting zuzutrauen. Viele haben genug Erfahrung, denken aber, sie können das nicht. Es hat mich daher wahnsinnig gefreut, als ich vor zwei Jahren meine erste Schülerin hatte. Sie war komplett aus dem Häuschen, als sie gelandet ist. Dieses Gefühl ist das Schönste, was man anderen geben kann. Wie fühlt sich Fliegen für dich an? Wenn ich fliege, bin ich frei. Alles, was mich sonst beschäftigt, verschwindet, es zählt nur der Moment. Deswegen ist das Fliegen so ent spannend, gleichzeitig muss man aber immer konzentriert bleiben.
Welche Werte gibst du beim Coaching weiter? Ich halte vor allem zu Geduld an – zum Beispiel dazu, öfter in einem kleinen Suit zu üben, bevor man auf einen größeren umsteigt. Anfänger fangen mit dem kleinen an – der ist wegen der kleineren Flügelfläche am langsamsten. Je größer die Flügelfläche, desto schneller fliegt man und desto sensibler reagiert der Anzug auf Bewegungen, was die Gefahr erhöht, die Kontrolle zu verlieren. Was hilft in so einem Fall? Zuerst drückt man den Rücken durch und nimmt dabei die Form eines Bogens an. Normalerweise reicht das, um den Suit zu stabili sieren. Wenn nicht, rollt man sich zu einer Kugel zusammen, damit der Anzug nicht mehr mit Luft an geströmt wird. Sollte auch das nichts nützen, zieht man den Fallschirm. Trotzdem muss es ein Nerven kitzel sein, wenn einer deiner Schüler das erste Mal springt … Das ist wie das Öffnen eines Überraschungspakets. Ich springe immer hinterher und versuche, so nah wie möglich an Schülerin oder Schüler dranzubleiben. Kommunizieren können wir nicht, ich bin nur stille Beobachterin und filme den Sprung. Das Video zeige ich meinen Schülern bei der anschließenden Besprechung. Welche Fähigkeiten muss man haben, um Wingsuiting zu lernen? Wichtig ist Vertrauen in sich, in den Körper und den Geist. Außerdem muss man den Willen dazu mitbringen. Wingsuit-Fliegen ist im Trend, daher fangen auch viele Leute damit an. Aber nur Menschen, die das unbedingt wollen, bleiben auch dabei. Instagram: chickenwings_at
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„Wenn ich fliege, bin ich frei. Dann zählt nur der Moment.“ Wingsuit-Coach Lisa Buchner, 32, hier am Flugfeld des Paraclubs in Wiener Neustadt
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Klettern
ALLES IM GRIFF
Alex Honnold an einem Überhang im kalifornischen Yosemite Nationalpark: Selbst kleine Fehler sind in seiner Welt verboten.
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Jenseits der Angst Der Amerikaner ALEX HONNOLD, 36, klettert ohne jede Sicherung auf tausend Meter hohe Felsen. Wie macht er das? Und was denkt er sich dabei? Hausbesuch bei einem Außerirdischen. Text HEATHER BALOGH-ROCHFORT
Fotos JIMMY CHIN
Klettern
E
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Früh übt sich: Kletterstar Honnold 2003 im Alter von 17 Jahren mit seiner Cousine im Garten seines Onkels in Kalifornien
Leistungen im Klettern vollbringt, der große und kleine Felsen durchstieg, mit und ohne Seil. Der 2017 als erster Mensch die tausend Meter hohe, beinahe senkrechte Steilwand El Capitan im Yosemite-Nationalpark ohne Sicherung durchstieg. Der oscarprämierte Dokumentarfilm über dieses Husarenstück machte ihn zum globalen Kletterweltstar. Aber jetzt beginnt ein ganz neues Kapitel seines Lebens. Ehe. Kinder. Klettern. Free Solo. Wie geht sich das alles aus?
Familie
„Ich glaube, ich war auf jedes meiner Kletterabenteuer besser vorbereitet als auf mein Kind“, sagt Honnold und lacht. „Vor einem Kletterprojekt lese ich tonnen weise Bücher, lerne, trainiere. Bücher über Kindererziehung habe ich noch kein einziges gelesen. Wir werden rausfinden, wie es geht, während wir es tun.“ An ihrem ersten Hochzeitstag gaben Honnold und seine Frau Sanni McCand less-Honnold auf Instagram bekannt, dass sie im Februar 2022 eine Tochter erwarten. Kletterfans aus der ganzen Welt gratulierten den beiden unter
ihrem Posting, aber unter die Gratulationen mischten sich auch Zwischentöne. Fragen, Zweifel, was denn all das für den Kletterer Alex Honnold und seine einzigartige Karriere bedeuten würde. Honnold ist für viele der wichtigste Kletterer auf diesem Planeten, er ist das Gesicht eines Sports, der selbst in seinen entspanntesten Momenten kaum mehr als ein paar Millimeter Sicherheits abstand zum Tod gewinnt. Wie passt so ein Sport zur Rolle eines Familienvaters? Für einige seiner Fans gar nicht. Für Honnold selbst sehr wohl. Er hatte i mmer geplant, eine Familie zu gründen – un abhängig davon, was das für sein Klettern bedeuten würde.
„Ich war auf meine Kletter abenteuer besser vorbereitet als auf mein Kind.“ THE RED BULLETIN
COURTESY OF ALEX HONNOLD
in ganz normales Wochenende im Hause Honnold. „Ist das dein Rucksack oder der von Jimmy?“, fragt Alex Honnold im Vorbeihuschen. Ich bin mir kurz nicht sicher, wie ich darauf antworten soll. Jonathan Griffith, Honnolds Freund und Kameramann von Dokumentationen wie „Der Alpinist“ und dem brandneuen „Alex Honnold: The Soloist VR“, kommt mir zu Hilfe: „Jimmy Chin treibt sich irgendwo hier auf dem Grundstück her um.“ (Chin ist Kletterer, Fotograf und Oscar-Gewinner; er war Regisseur des Honnold-Epos „Free Solo“; Anm.) Es ist ein milder Samstagvormittag im November, ich sitze gemütlich am Esstisch in Honnolds Haus in der Nähe von Las Vegas. Durch die Fensterfront bietet sich mir ein unglaublicher Ausblick auf leuchtendrote Sandsteinfelsen. Trotzdem interessiere ich mich mehr für das, was im Raum passiert. Es ist spannend, Honnold bei etwas so Banalem wie Aufräumen zu beobachten: Wenn er in seinem Wohnzimmer mit ein paar Handgriffen für Ordnung sorgt, macht er das mit der gleichen Präzision, mit der er auch tausend Meter hohe Felswände ohne Seilsicherung erklimmt. Hier sieht man, was Honnold ausmacht: Er ist keiner, der herumredet. Er macht die Dinge einfach. Honnold verräumt Chins Rucksack in der Küche, da stellt sich ihm das nächste Hindernis in den Weg: eine Babyspielmatte. Einen Augenblick hält er verdutzt inne, als würde er sich fragen, was erd farbene Babysachen in seinem Wohnzimmer zu suchen haben. Dann zuckt er mit den Schultern und verstaut das Ding im Schrank. Auf dem Weg zurück in die Küche hält er kurze inne, um einen ungefähr fünf Zentimeter dicken Stapel Fanpost durchzusehen. Die ganze Szenerie ist ein Muster beispiel für jene Effizienz, die Alex Honnold auszeichnet, jenen Mann, der seit 25 Jahren die unglaublichsten
ER HAT GUT LACHEN
Alex Honnold steht 2022 vor einem neuen Lebensabschnitt. Er wird erstmals Vater, und seine erste Virtual-RealityKletter-Doku erscheint.
ER WEISS, WAS ER TUT
Honnold im Juni 2017 bei seiner Free-SoloBesteigung von El Capitan im YosemiteNationalpark. Wenn er ohne Sicherung klettert, kann er jeden Griff auswendig.
Klettern
MEDICAL UNIVERSITY OF SOUTH CAROLINA
„Ich bin quasi auf alles vorbereitet“, sagt er, nachdem er sich auf eines der zwei runden Sofas in seinem Wohn zimmer gesetzt hat. „Könnte sein, dass die Vaterschaft das Klettern für mich ver ändert. Könnte sein, dass sie es nicht tut. Ich gehe ja schon jetzt keine unnötigen Risiken ein.“ Wie auf Stichwort unterbricht ein zaghaftes Klopfen die Unterhaltung. Honnold hebt seinen Blick zum Fenster hinter mir. Dort hält eine freundliche junge Frau ein glücklich brabbelndes Baby im Arm, das Spuckebläschen gluckst und mit den Beinchen strampelt. Als sie die Kameras im Raum sieht, duckt sich die Frau hinaus, Honnold entschul digt sich. „Tut mir leid, das ist meine Schwägerin. Sie wohnt mit ihrem drei Monate alten Baby im anderen Haus auf dem Grundstück“, sagt er. „Das ist mein Übungsbaby.“ Honnold fühlt sich mit dem Konzept von Familie und vor allem mit Kindern wohl. Was eigentlich keine Überraschung ist, wenn man seine eigene Kindheit bedenkt. Er wurde 1985 in Sacramento geboren, als jüngeres von zwei Kindern von Charles Honnold und Dierdre Wolow nick, typische Mittelschicht, beide Eltern waren Sprachlehrer an einer Volks hochschule in der Nähe; der Vater unter richtete Englisch als Zweitsprache, die Mutter Französisch. Die Familie war nicht perfekt, aber funktionierte. Seine
2016 scannte eine Forscherin Honnolds Gehirn. Ergebnis: Sein Angstzentrum blieb „cool“. Eltern ließen sich scheiden, als Alex im ersten Studienjahr war. Wenig später starb der Vater an einem Herzinfarkt. Aber Honnold erinnert sich daran, wie stark er den familiären Halt als Kind spürte, und er wollte schon immer selbst eine Familie gründen. Alex zeigte schon früh, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Als kleiner Junge vertiefte er sich stundenlang in Problem lösungsspiele wie Lego; im Kindergarten alter begann er mit dem Klettern. Als Zehnjähriger hatte er sich voll und ganz dem Sport verschrieben, auch wenn er damals nicht der Beste darin war. „Ich habe es geliebt“, erinnert er sich. „Ein fach draußen zu sein, das war immer schon ein wichtiger Teil meines Lebens.“ Während er das sagt, deutet er aus dem Fenster auf die roten Felsen in der Ferne. „Bist du da schon einmal geklet tert?“, fragt er und legt den Kopf schief. Ich gebe zu, dass mich Klettern nie wirk lich interessiert hat. „Da verpasst du wirklich was“, sagt er mit einem breiten Grinsen. „Definitiv.“
So sieht Furchtlosigkeit aus: Die Hirn-Scans oben zeigen die Aktivitäten in der Amygdala, dem menschlichen Angstzentrum, beim Betrachten von furchterregenden Bildern. Während das Gehirn von Alex Honnold (li.) fast unbeeindruckt bleibt, brennt die Amygdala der Kontrollperson, ebenfalls ein Kletterer, bereits lichterloh. THE RED BULLETIN
Angst
Es kommt nicht oft vor, dass ein Zeitwort nach einer Person benannt wird, aber Honnold ist genau das passiert. 2008 kletterte er allein eine 22 Seillängen lange Route über die Nordwestwand des Half Dome im Yosemite-Nationalpark. Ein ikonisches Foto davon verbreitete sich im Internet: Honnold steht, roter Kapuzenpulli, schwarze Kletterhose, auf einem winzigen Felsvorsprung, Rücken und Fersen fest gegen die Wand gepresst; seine Zehen ragen fast über den Rand. Unter ihm klaffen 500 Meter Nichts. So entstand das Verb „honnolding“, das so viel heißt wie mit dem Rücken zur Wand zu stehen, an einer unsicheren Stelle, und dem Abgrund und der Angst ins Gesicht zu schauen. Über die Jahre ist Honnolds Angst – oder viel mehr das offensichtliche Fehlen derselben – zu einem echten Thema ge worden. Die wenigsten von uns können sich vorstellen, Leistungen wie er zu vollbringen, ohne von lähmender Angst ergriffen zu werden. Als die Normal sterblichen, die wir sind, gibt es für uns also nur eine mögliche Erklärung: Honnold muss furchtlos sein, vielleicht genetisch bedingt? Vielleicht durch eine seltene Fehlbildung im Gehirn? Dieses Narrativ setzte sich so sehr durch, dass er sein Gehirn 2016 von der Neurowissen schaftlerin Jane Joseph untersuchen ließ. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Amygdala, dem Angstzentrum im Ge hirn. Das Ergebnis war aufschlussreich, aber nicht überraschend: Es ist nahezu unmöglich, Honnolds Amygdala zu stimu lieren. Egal was Joseph ihm während der Untersuchung zeigte: Honnolds Angst zentrum blieb unbeeindruckt. So weit die wissenschaftlichen Daten. Alles andere ist reine Spekulation. Die Tatsache, dass es Alex Honnold F reude bereitet, senkrechte 1000-Meter-Anstiege im Alleingang und ungesichert zu klet tern, lässt darauf schließen, dass seine Amygdala „cooler“ sein könnte als die der meisten anderen. Fast die ganze Welt hat 2018 den Film „Free Solo“ gesehen, in dem Honnold die Erstbegehung der Freerider-Route an El Capitan im Allein 45
GANZ OBEN
Alex Honnold 2017 am Ziel seiner Träume – am höchsten Punkt der legendären Felswand El Capitan
Ausgerechnet in den Alpen geriet der Kletter-Titan an seine Grenzen. Angst spüren, Vater werden, Alpen bezwingen: Alex Honnold über seine bisher größten Herausforderungen – einfach den QR-Code scannen.
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gang schaffte. Die meisten Leute würden so etwas nie in Betracht ziehen, selbst wenn sie über Honnolds Kletterfähig keiten verfügten. Honnold selbst streitet beharrlich ab, dass er furchtlos ist; er weiß, sagt er, sehr wohl, was es heißt, Angst zu haben. Er meint, dass er sich die Angst bis zu einem gewissen Grad abtrainiert hat. Be deutet das, dass er auch seine Amygdala trainiert hat? Schwer zu sagen – es gibt keine Vergleichsdaten aus der Zeit, bevor er mit dem Free Solo begonnen hat. „Ich habe definitiv Angst wie andere auch. Und ich habe immer noch Angst vor dem Tod“, sagt er. „Ich bin nur mit der Zeit unempfindlicher geworden und kann gut damit umgehen.“
Unter „kann gut damit umgehen“ ver steht er wohl das, was er am besten kann: Ruhe bewahren, Selbstvertrauen ausstrahlen, Professionalität und vor allem Logik anwenden. Wir alle lesen von seinen waghalsigen Alleingängen, aber was wir nicht sehen, sind die Hunderte von Stunden, die er damit verbringt, die Routen in der Vorbereitung mit Seil zu klettern, wieder und wieder. Wenn er sich dazu entschließt, die Sicherung aufzugeben und ohne Seil zu klettern, hat Honnold bereits vollstes Vertrauen in seine Fähigkeit gefunden, die jeweilige Route zu klettern. Völlig ohne Zweifel. Bei den Dreharbeiten von „Alex Hon nold: The Soloist VR“ im vergangenen Sommer lernte Honnold die andere Seite THE RED BULLETIN
Klettern
Die neue Aufgabe: Kann man Familie und Free Solo kombinieren? vorangehende Hojac musste umdrehen, um den Kletterweltstar zu retten. „Nico ließ seinen Rucksack fallen und rannte den Kamm hinunter. Er gab mir seinen Pickel, stapfte dann gemütlich über die Platte zurück. Währenddessen klammerte ich mich mit jeder Hand an einem Pickel fest und kämpfte mich mühsam Meter um Meter vorwärts.“
RENAN OZTURK/JONATHAN GRIFFITH PRODUCTIONS
Zukunft
der Angstgrenze kennen, als er mit der Filmcrew und einer Gruppe anderer Klet terer in den französischen Alpen drehte. Er ist Felskletterer, kein Bergsteiger. „Bergsteigen ist für mich Landschafts tourismus“, sagt er. „Manche Leute machen Kreuzfahrten, um das Meer zu sehen. Ich ‚mache‘ hin und wieder Alpi nismus, um schöne Berge zu sehen.“ Aber da stand er nun, mit Eispickel, Steigeisen und schweren Bergschuhen. Honnold bahnte sich seinen Weg über den Gebirgskamm und versuchte, mit dem Schweizer Bergsteiger Nicolas Hojac mitzuhalten. Er war nicht perfekt aus gerüstet, was sowohl sein Equipment betraf wie auch sein Nervenkostüm. „Ich war echt nicht gut drauf“, gesteht er. Der THE RED BULLETIN
Wenn es ein wiederkehrendes Thema in Alex Honnolds Leben gibt, dann ist es analytisches Denken. Das Entschlüsseln einer Lego-Konstruktion. Die Bewertung von Kletterrouten. Das Berechnen des Risikos einer Entscheidung. Wie analysiert er die Frage, welche Zukunft sich ergibt, wenn man seinen gefährlichen Beruf als weltbester FreeSolo-Kletterer mit der Liebe zu seiner Familie kombiniert? Nach stundenlangen Gesprächen ver stehe ich, dass selbst er nicht weiß, wo er in einem Jahr stehen wird. Aber er ist darauf vorbereitet, dass sich die Dinge ändern werden. „Ich muss nicht mehr ständig reisen und klettern. Ich habe viele Dinge, die ich tun wollte, schon getan“, sagt er. „Jetzt habe ich eine Frau und bald auch ein Kind. Diese Dinge verdienen ein biss chen mehr Zeit.“ Während ich meine Sachen wieder in meinen Rucksack packe, ruft Honnold Jon Griffith und mich zu sich ins Wohn zimmer, um ihm zu helfen. Wir haben im Laufe des Vormittags einige Möbel umgestellt. Er will sichergehen, dass sie zurück an ihren richtigen Platz kommen. „Kannst du mir helfen, die Couch zu bewegen?“, fragt Honnold. „Es muss genau so aussehen wie heute Morgen, sonst bringt Sanni mich um.“ Fast scheint ein wenig Angst in seiner Stimme mitzuschwingen, aber das bilde ich mir sicher nur ein. Instagram: @alexhonnold
VR-Brille auf und klettern wie Alex Der Film „The Soloist VR“ zeigt Honnold in der Wand dank Virtual Reality hautnah. Alex Honnold hat schon eine Menge Dokus übers Klettern gedreht, aber nun hat er das Thema aus einem ganz neuen Blickwinkel in Angriff genommen. Der neue Film „Alex Honnold: The Soloist VR“ war eine Idee des Alpinfilmers Jonathan Griffith. Er taucht ein in Honnolds Welt des Freikletterns – spektakulär aufgenommen mit einer VirtualReality-Kamera. Ein Team von sechs Kletterern (darunter auch der Schweizer Red BullAthlet Nicolas Hojac) begleitete Alex Honnold auf Routen in Europa und den USA. Die Arbeit mit Virtual Reality war eine ganz neue Erfahrung für Honnold. „Ich habe noch nie zuvor mit VR gedreht. Dieses Projekt war genau das Richtige für mich, denn es ist eine tolle Möglichkeit, Klettern auf eine völlig neue Art zu zeigen.“ Gedreht wurde in den italienischen Dolomiten, den französischen Alpen und in Kalifornien. Der Zuschauer kann sich entweder auf Honnold konzentrieren oder sich drehen, um etwa einen vorbeifliegenden Vogel zu beobachten oder die Felswand hinunterzuschauen, wo ein Kieselstein hunderte Meter fällt.
Alpinfilmer Griffith mit VR-Kamera „Alex Honnold: The Soloist VR“ kann ab 3. März mit einem Oculus-Headset via Oculus VR Network erlebt werden. „Making The Soloist VR“ zeigt das Abenteuer der Kletterer Nicolas Hojac und Alex Honnold: redbull.com
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Mode
„ Mode. Muss. Nicht. Cool. Sein.“ Christoph Rumpfs Wand der Inspirationen
Mode-Export: der Steirer Christoph Rumpf in seiner Wohnung im Pariser Stadtviertel Bastille
Der österreichische Designer CHRISTOPH RUMPF, 28, gilt als aufsteigender Star der internationalen Modeszene. Bei ihm trifft Flohmarkt auf Zukunft sowie Nachhaltigkeit auf Fantasie. Wir haben den Mann der Gegensätze in Paris besucht. Text KARIN CERNY THE RED BULLETIN
Fotos CHRIS SAUNDERS 49
Mode
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könnte aus einem französischen Film der 1960er-Jahre stammen. Wuscheliges Haar, verträumter Blick – der junge Alain Delon sah auch nicht viel anders aus. Wenn der gebürtige Steirer Christoph Rumpf, 28, durch Paris flaniert, die Stadt, die er zu seiner neuen Heimat erkoren hat, würde kaum jemand denken, dass er ein aufstrebender Modemacher ist, der für seine opulenten E ntwürfe gefeiert wird. Nichts ist laut an ihm, sein Alltagslook wirkt dezent. Die schwarze Vintage-Lederjacke kommt vom Flohmarkt, ebenso wie die klobigen Schuhe. Trägt er auch seine eigene Mode? „Ja, aber nur Entwürfe, die nicht perfekt geworden sind“, sagt er und lacht. „Teile, die mir gut gefallen, sind oft nicht meine Größe. Die sind für Models, die 15 Zentimeter größer sind als ich. Aber irgendwie passt es ja auch, dass ich die Stücke auftrage, die sich nicht verkaufen lassen – wie die Hose, die ich gerade anhabe. Das ist genau mein Konzept: Ich bin eben ein Restlverwerter.“ Seine Kollektionen entstehen in seiner Wohnung im Pariser Stadtviertel Bastille, Rumpf nutzt ein kleines Zimmer mit altem Holzboden als Atelier. Eine Nähmaschine steht bereit, Stoffe türmen sich. Gemeinsam mit seinem Partner, der ebenfalls Mode studiert hat, und einem Praktikanten feilt er hier an neuen Entwürfen. Rumpf zeigt vor, wie er das macht: Ein paar Striche mit dem Filzstift – und schon entsteht eine Silhouette. Man merkt sogar bei den flüchtigen Skizzen, wie wichtig es ihm ist, wie die Stoffe fallen. Beim Schneidern legt er dann selbst Hand an. 50
„Irgendwie passt es, dass ich die Stücke auftrage, die sich nicht verkaufen lassen. Ich bin eben ein Restlverwerter.“ Christoph Rumpf skizziert in seiner Pariser Wohnung neue Modelle.
„Ich fände es schwierig, nur über Kleidung zu reden. Ich will Geschichten erzählen.“ Der Designer aus der Steiermark probiert an einer Puppe die Wirkung neuer Stoffe. Seinen Entwürfen nähert er sich in der Art eines Bildhauers.
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Mode
Christoph Rumpf spricht wie jemand, der viel Zeit hat. Wo andere klingen, als ob sie gerade einen 100-Meter-Sprint hinter sich hätten, hört er sich an wie nach einem langen, meditativen Spaziergang im Wald – langsam und gedehnt. „Mode. Muss. Nicht. Cool. Sein“, sagt er zum Beispiel. Und macht dann eine lange Pause. Er spürt unsere Überraschung. Er weiß, für einen jungen Designer ist das eine überraschende Ansage. „Ich mochte immer schon Außenseiter – Menschen, die nicht dazugehören wollen“, sagt er. „Diejenigen, die glauben, cool zu sein, kaufen ja ohnehin nur Sachen, die schon cool sind. Das ist langweilig und nicht sonderlich kreativ.“
„Ich mochte immer schon Außenseiter – Menschen, die nicht dazugehören wollen.“ unsere Gesellschaft erzählen“, erklärt Rumpf seinen Zugang. „Ich liebe Mode, aber ich fände es schwierig, den Rest meines Lebens nur über hübsche Kleidung reden zu müssen.“ Dabei hat dieses Leben auf der großen Bühne gerade erst begonnen. „Merken Sie sich seinen Namen“, befahl die Pariser „Vogue“, die von seiner „ausladenden Ästhetik“ begeistert war. Seine Entwürfe seien „expressiv, historisch und futuristisch zugleich“. Auch „Harper’s Bazaar“ war begeistert, Rumpfs Mode wirke „wie aus einem Traum erschaffen“ und sei trotzdem „geerdet“.
ETIENNE TORDOIR/CATWALKPICTURES.COM
Mäntel wie Rüstungen, aber aus alten Teppichen geschneidert
Wenn Rumpf über Außenseiter spricht, dann spricht er über sich selbst. Er hat ein Talent zum Staunen. Er betrachtet Hemdkrägen, als hätte er noch nie zuvor einen gesehen. Nichts ist selbstverständlich, alles ein Abenteuer. Viele etablierte Labels drucken fette Logos auf locker sitzende Hoodies und T-Shirts, über Schnitte machen sie sich keine Gedanken. Rumpf hingegen geht wie ein Bildhauer an seine Mode heran. Er macht Skulpturen aus Stoff, die schwer und leicht zugleich aussehen. Bei ihm findet zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört. Seine erste Männerkollektion, das war 2019, überraschte mit spitzen, langen Krägen, mit Blumenmustern auf Mänteln, die wie Rüstungen aussahen, aber aus alten Teppichen geschneidert waren. An den Ohren der Models, die wie verträumte Krieger wirkten, baumelten Splitter von kaputten Kronleuchtern. Die Teppiche besorgte er auf Flohmärkten, die Stoffe waren Restposten aus Lagerbeständen. So etwas hatte die Modewelt noch nicht gesehen: Aus Abfällen und recycelten Materialien zauberte Rumpf etwas Wertvolles. Seine Kollektion bestand aber nicht nur aus schöner Kleidung, sie erzählte auch eine Geschichte: Ein Prinz wächst ohne menschlichen Kontakt im Dschungel auf. Später fällt es ihm schwer, sich in die Gesellschaft einzufügen. „Es sind Geschichten, die wichtig sind, die viel über THE RED BULLETIN
Der junge Steirer wird als Ausnahmetalent gehandelt
VERTRÄUMTE KRIEGER
Christoph Rumpfs Markenzeichen in seinen ersten Kollektionen: Jacken aus alten Teppichen. An den Ohren der Models baumelten Splitter von kaputten Kronleuchtern.
Es passiert nicht alle Tage, dass ein Designer aus Österreich international für Aufsehen sorgt. Fashion-Fans erinnern sich an Helmut Lang, der mit seinem Minimalismus die 1990er-Jahre prägte. Aber sonst? Österreich ist auf der internationalen Mode-Landkarte ein weitgehend weißer Fleck, sieht man von Ausnahmen wie Flora Miranda mit ihren futuristischen Entwürfen ab, von Kenneth Ize, der leuchtende Stoffe aus Nigeria mit westlichen Schnitten fusioniert, oder von Petar Petrov, der tragbare hochwertige Mode macht, die auch einen Filmstar wie Anne Hathaway begeistert. Rumpf steht am Anfang seiner Karriere, wird aber bereits als Ausnahmetalent gehandelt. Aber wie ist der junge Steirer überhaupt so weit gekommen? Mode wurde Christoph Rumpf nicht in die Wiege gelegt: Sein Vater ist Versicherungs makler, seine Mutter ist Angestellte in einem Kaufhaus in der Steiermark: Mit siebzehn zieht er nach Graz, später nach Wien. Er beginnt, Architektur zu studieren, merkt aber bald, dass ihm das Studium nicht liegt – zu viel Statik 53
SO GEHT SMARTES STYLING
Christoph Rumpf trägt eine Vintage-Lederjacke und Schuhe vom Flohmarkt, der Rolli kommt aus einem Wiener Second hand-Shop. Die Hose hat er selbst entworfen.
Mode
Mode braucht Wahnsinn und Mathematik. Bis er sich erinnert, dass Mode seine Leidenschaft ist, seit er vierzehn ist. Beim zweiten Anlauf wird er an der Universität für angewandte Kunst aufgenommen und studiert unter dem britischen Designer Hussein Chalayan, 51, der dort ab 2014 fünf Jahre lang unterrichtete und seinen Studenten die Lust am Experimentieren vermittelte. Im Rahmen der Angewandten erhält Rumpf das Fred-Adlmüller-Stipendium. Und dann geht alles sehr, sehr schnell. Seine Abschlusskollektion und die Geschichte vom jungen Prinzen begeistert nicht nur in Österreich, sondern er wird auch zum renommierten „Festival inter national de mode, de photographie et d’accessoires de mode à Hyères“ in Südfrankreich eingeladen. An sich schon ein Ritterschlag. Es sollte aber noch besser kommen: Der junge Designer gewinnt mit seiner Debütkollektion tatsächlich den „Grand Prix du jury“. Das ist das wichtigste Sprungbrett für Nachwuchstalente: Wer den Grand Prix gewinnt, dessen Namen kennt die gesamte Branche.
Rumpf vereint Gegensätze lustvoll und spielerisch
Nachhaltigkeit und Glamour, Flohmarktware und High Fashion: Für andere mag das ein Widerspruch sein, Rumpf aber vereint Gegensätze lustvoll und spiele risch. „Alte Stoffe haben eine höhere Qualität, früher wurde einfach besser produziert“, sagt er. Aus seinem Mund klingt das keine Spur altmodisch oder gar nostalgisch. Im Gegenteil: Rumpf ist am Puls der Zeit, auch was einen umweltschonenden Umgang mit Ressourcen betrifft. Selten strahlte ökologische Mode, die auf Recycling setzt, mehr Luxus aus. „Mode muss wieder wertvoller werden“, sagt er, „sie braucht Gefühle.“ Er trifft damit einen Nerv: Nach den Jahren der Pandemie, die durch JogginghosenStil im Homeoffice geprägt waren, steht Christoph Rumpf für die Rückkehr des Glamours in der Mode.
Wie schafft man es, ein Label auf solide Basis zu stellen? Christoph Rumpf beschreibt die drei Säulen seiner Karriere. Säule 1 Du hast keine Chance, also nutze sie „Durch den Modepreis, den ich in Hyères gewonnen habe, bekam ich viel Aufmerksamkeit. Ich dachte mir: Wenn ich ein eigenes Label starten will – dann jetzt. Ich bin im Februar nach Paris gezogen, mitten in der Pandemie. Im zentralen Stadtviertel Bastille habe ich eine W ohnung gefunden. Ein Zimmer ist mein Atelier. Ich mag Mode, die mit Liebe zum Detail gemacht ist. Wo Knöpfe und Nähte einfach schön sind.“
Säule 2 Hab den Mut, alles anders zu machen „Mein Ansatz ist: Wie kann ich eine Kollektion so schön ent werfen, dass sogar Leute, die diese Ästhetik momentan nicht verstehen, sie unbedingt kaufen wollen? Meine Helden sind Designer, die Mode gemacht haben, die komplett wahnsinnig war. Bei John Galliano, Alex ander McQueen und Thierry Mugler ging es um Konstruktion und teure, schöne Stoffe.“
Säule 3 Versteif dich nicht auf ein Konzept „Ich wollte meine neue Kollek tion tragbarer machen, deshalb habe ich mit Prints gearbeitet. Ich hatte keine Lust, wie bisher eine Geschichte zu erzählen. Ein Märchen hätte nicht in diese Zeit gepasst. Also habe ich mein Konzept geändert.“
„Früher wurde besser produziert. Mode muss wieder wertvoller werden. Sie braucht Gefühle.“ THE RED BULLETIN
AUF ZU NEUEN UFERN!
Ein Beispiel aus Rumpfs neuer Kollektion. Die Spitze stammt von einem Flohmarkt bei Paris.
US-Schauspieler und Fashion-Ikone Billy Porter, der für seine berührende Darstellung eines HIV-positiven Homo sexuellen in den 1980er-Jahren in der TV-Serie „Pose“ mit einem Emmy aus gezeichnet wurde, begrüßte das neue Jahr stilbewusst in einem Anzug von Christoph Rumpf. „Opulence. You own everything“, schrieb Porter eupho risch auf Instagram. Er bekam rund 30.000 Likes dafür. Postings wie diese sind in der Mode branche Gold wert. Sogar Ty Hunter, einer der einflussreichsten US-CelebrityStylisten – er stattet etwa R&B-Diva Beyoncé aus –, trug bei den Grammy Awards 2020 einen ausladenden Mantel von Rumpf. In der Kleidung von Rumpf fühlt man sich wie ein Star, sie ist bigger than life, verträumt und innovativ, theatralisch und doch tragbar. Sie blickt zurück, um nach vorn zu schauen. Rumpf ist ein Restlverwerter, der Schönheit findet, wo andere gar nicht danach suchen. Christophs Looks genießen: christophrumpf.com
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Longboard Dance
DAS ROLLMODEL
Vor neun Jahren war MARINA CORREIA, 23, eine schüchterne Migrantin in Nizza: mit dunkler Hautfarbe und brüchigem Französisch. Dann entdeckte sie das Longboard. Heute ist sie Weltmeisterin im Longboard Dance. Und rollt über Vorurteile einfach drüber. Text MARIE-MAXIME DRICOT
Fotos LITTLE SHAO
ROLLBAHN NIZZA
Marina auf ihrem liebsten Spielplatz an den Stränden von Nizza – hier zwischen der Promenade des Anglais und dem Hafen, am so genannten Hashtag-Platz
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Longboard Dance
M
arina Correia war siebzehn, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Longboard sah. Sie weiß noch genau, was sie dachte: „Das ist ja superlang, viel länger als ein Skateboard. Wofür ist das denn gut?“ Die Länge diene einfach dem schnelleren und stabileren Fahren, sagte man ihr. Sie erinnert sich auch noch, dass sie dachte, das ist ja nicht normal, dass man mit so einem Ding einfach nur herumfährt. Seither hat sie die Faszination für das Sportgerät nicht mehr verlassen. In ihrer südfranzösischen Heimatstadt Nizza be gann sie zu üben, an der berühmten Pro menade des Anglais, entlang der Opéra Plage, des ältesten Strands der Stadt. Jeden Tag, das ganze Jahr über seit 2015, stundenlang, und die Polizisten waren so freundlich, ein Auge zuzudrücken. Heute, sechs Jahre später, ist Marina Weltmeisterin. Sie hat den Titel 2020 in der Disziplin „Freestyle Longboard Dancing“ gewonnen, als erste schwarze Frau überhaupt. Der Wettbewerb wurde in diesem Jahr online abgehalten, gegen tausende Konkurrentinnen, die sich zu nächst via Instagram bewarben. Die von einer Jury ausgewählten Finalteilneh merinnen mussten dann noch ein Video nachliefern: mit einer „Line“, einer Kür ihrer Kunst mit einer Abfolge von Figuren, Tanzschritten und Tricks über eine Mi nute. Dreimal fragte die Jury bei Correia nach: ob sie nicht vielleicht die Video geschwindigkeit verändert habe? „Ich musste ihnen erklären, dass ich einfach nur sehr schnell gefahren bin“, erzählt die Weltmeisterin heute lachend. 58
THE RED BULLETIN
„Ich habe mein Board immer als ein menschliches Wesen gesehen.“ Weltmeisterin Marina Correia über das Naheverhältnis zu ihrem Sportgerät
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Achtung, Suchtgefahr!
Beim Freestyle Longboard Dancing geht es um spielerische Tanzschritte auf dem Board, möglichst elegante und flüssige Fortbewegung; mit ein paar Tricks – Wheelies, Big Spins, Hippie Jumps etc. – zwischendurch, aber nicht zu vielen. Longboard Dancing entwickelte sich ur sprünglich aus dem Surfsport und hat durchaus das Zeug dazu, Menschen, die darauf reinkippen, süchtig zu machen. Für Marina Correia war es das perfekte Werkzeug, um sich daran aufzurichten. Mit vierzehn war sie mit Mutter und Schwester von den Kapverdischen Inseln gekommen. Die liegen bekanntlich im 60
Atlantik, 570 Kilometer vor Westafrika. Damals hatte sie nicht unbedingt er mutigende Voraussetzungen: „Ich war aufgrund der kulturellen Unterschiede und der Sprache ein bisschen verloren“, sagt sie heute. Was eine sehr höfliche Umschreibung der wahren Verhältnisse ist. Denn das Mädchen mit brasiliani
„Ich hatte null Selbstvertrauen. Dann rollte ich los.“
schen und kapverdischen Wurzeln hatte eine andere Hautfarbe als die Mehrheit, sie trug einen Afro und sprach nur wenig Französisch mit einem schrecklichen Akzent. Darüber hinaus machte ihr, der Inselbewohnerin, der Trubel des Stadt lebens von Nizza zu schaffen. „Als ich hier ankam“, erzählt sie, „hatte ich null Selbstbewusstsein. Ich konnte spüren, wie man mich ansah, wegen meiner Hautfarbe und meiner Haare.“ Anfangs verhielt sie sich in der Schule sehr schweigsam, aus Angst, ausgelacht zu werden – eine Erfahrung, die sie im Grunde bis heute prägt. Kontakt zu ande ren suchte sie im Sport. Zuerst mit Fuß THE RED BULLETIN
Longboard Dance
ball (wo man sie wegen ihrer dürftigen Französischkenntnisse ablehnte), in der Folge beim Taekwondo. Dann erst kam das Brett, das ihr nun die Welt bedeutet. „Es war“, erinnert sie sich, „das erste Ding, das mich zum Lächeln brachte, das mir Freude schenkte. Damit fühle ich mich frei.“ Und sie fügt hinzu: „Alles, was ich will, ist, weiter zu lernen und noch besser zu werden.“ Und offensichtlich kam zu diesem Wil len auch noch Talent, denn nur ein Jahr nachdem Marina zum ersten Mal auf einem Longboard gestanden war, bekam sie bereits einen Sponsorvertrag von der kalifornischen Marke Sector 9, einem der bekanntesten Hersteller der Szene. Hatte sie es doch geschafft, einen ganz eigenen Fahrstil zu entwickeln. Sie selbst be zeichnet ihn mit einer Mischung aus ge sundem Selbstbewusstsein und Stolz als „einzigartig“: unisex, wild, schnell und elegant. „Ich brauche von niemandem Bestätigung und versuche auch nicht, irgendjemanden zu beeindrucken“, be schreibt sie ihren persönlichen Zugang zum Sport. „Ich skate für mich selbst. Mein Stil ist wild, ich mag das Risiko. Es ist mir egal, ob ich mir blaue Flecken oder einen gebrochenen Finger hole, so lange ich Spaß habe. Für mich liegt die Freude in der Herausforderung.“
Geteiltes Glück verdoppelt sich
HOCH HINAUS
Marina Correia zeigt uns einen Hippie Jump. „Es ist mir egal, ob ich mir blaue Flecken hole, solange ich Spaß habe“, sagt sie.
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Mit dem schüchternen Mädchen, das sie vor neun Jahren war, hat die humorvolle und selbstbewusste junge Frau von heute so gut wie nichts mehr gemeinsam. Jetzt will sie das Glück, das ihr zuteilwurde, an andere weitergeben. Seit einiger Zeit gibt die Sprachstudentin (Englisch, Portu giesisch, Spanisch) an der Promenade des Anglais Unterricht im Longboard Dancing, ihre Schüler sind zwischen ganz jung und spät berufen. Eines eint alle, sagt Marina Correia: „Sobald sie ein wenig Vertrauen in das Board und ihre Fähigkeiten haben, läuft alles wie ge schmiert, das ist faszinierend.“ Extra er wähnt sie Louise, eine Achtjährige voller Tatendrang. „Wenn die so weitermacht“, sagt die Weltmeisterin, „ist sie in ein paar Jahren besser als ich.“ Demnächst will sie einmal auf die Kapverdischen Inseln fahren, ihre ehe malige Heimat, und den Menschen dort
„Ich skate für mich selbst. Mein Stil ist wild, ich mag das Risiko“ ihren Lieblingssport näherbringen. Sie möchte ein Vorbild für junge Menschen sein, ein Role-, pardon, Roll-Model für junge, vielleicht farbige Menschen, die erst nach ihrem Weg im Leben suchen. Ein Vorbild, das sie selbst niemals hatte. Aus diesem Grund hat sie 2017 auch eine Art „girls skate out“-Initiative ins Leben gerufen, weil sie der Ansicht ist, dass Frauen in der Szene noch immer unterrepräsentiert sind. Und auch des halb, weil ihr das bisher vorherrschende Frauenbild in der Skaterszene gegen den Strich geht. „Viel zu lang war es von sexualisierten weißen Schönheiten ge prägt“, sagt sie. „Das will ich ändern.“ Marina Correia hat gelernt, zu sich zu stehen – egal was andere denken. Das ist, was sie betrifft, bestimmt keine leichte Übung. Sie ist, wie sie selbst sagt: schwarz, lesbisch, stark und verletzlich zugleich. Und sie ist gehört zu den besten Longboard Dancer der Welt. Nach dem WM-Titel 2020 wurde sie 2021 VizeWeltmeisterin, hinter Landsfrau Antonine Champetier. Zu ihrem Longboard hat sie inzwi schen eine ganz eigene Beziehung: „Ich habe mein Board immer als ein mensch liches Wesen gesehen“, erklärt sie. „Das klingt vielleicht verrückt, aber ich hänge eben sehr daran.“ Und so kriegt Probleme, wer immer sich ihm unangemessen nähert. „Das ist nicht einfach nur ein Gegenstand, es ist ein Teil von mir. Wenn du das unerlaubt angreifst, ist es, als würdest du meine Intimzone verletzen. Wenn du mein Board berührst, bist du tot!“ Und irgendwie klingt das nicht nach einer leeren Drohung. QR-Code scannen und Weltmeisterin Marina Correia in unserem exklusiven Video beim LongboardDancing zuschauen.
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5-M IN U TE N-C OACH
00:00 SO BLEIBST FO K U S S D U IERT
Pass jetzt gut auf!
Prof. Dr. VOLKER BUSCH erforscht seit 20 Jahren unser Gehirn. Hier verrät der Neurowissenschaftler, wie wir trotz Handy- und Mail-Dauerfeuer konzentriert bleiben – indem wir kurz die Augen schließen oder „Harry Potter“ lesen.
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Schach spielen
Die „tiefe Stunde“ nutzen
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10 Minuten schlafen Einer der stärksten KonzentrationsBooster ist erholsamer Schlaf. Am besten zwischen 6 ½ und 8 ½ Stunden pro Nacht, in einem dunklen Zimmer bei kühler Temperatur. Guter Schlaf restauriert unser Gehirn. Insbesondere die vorderen Abschnitte, wo Aufmerk samkeitssteuerung, Disziplin und Willenskraft zu Hause sind. Sie er schöpfen nach einem anstrengenden Tag recht schnell. Deshalb naschen wir am Abend mehr Süßigkeiten und geben leichtfertiger Geld aus. An spruchsvolle Aufgaben sollte man daher lieber am Vormittag erledigen. Nach dem Mittag kommt das Tief. Mein Tipp in dem Fall: ein 10-Minu ten-Power-Nap, damit sich das Ge hirn etwas regenerieren kann. Bloß dösen hilft auch schon. Danach ist man auf jeden Fall konzentrierter.
Nicht jeder von uns kann sich eine Stunde hinsetzen und konzentriert arbeiten. Die gute Nachricht ist: Kon zentrationsfähigkeit lässt sich trainie ren – etwa indem man ein Buch liest. Lesen ist die konzentrierteste Form 03:07 des Denkens. Ob „Harry Potter“ oder eine Biografie, ist ganz egal. Haupt sache, das Buch macht Freude und man schaut nebenher nicht ständig aufs Handy. Unser Gehirn muss im Inhalt versinken. Schlagzeilen sind zu kurz. Ich empfehle 30 bis 45 Minuten. Was die meisten Menschen als „Multi Es dauert eine Weile, bis unser Gehirn einen Tunnelblick einnimmt tasking“ bezeichnen, ist eigentlich ein und die Konzentration sich aufbaut. „Task-Switching“ im Gehirn zwischen Trainiere das am besten jeden Tag. verschiedenen Aufgaben. Je unter Mir ist klar, dass das nicht immer mög schiedlicher die Aufgaben sind, desto lich ist. Aber letztlich macht es die größer ist dabei der Konzentrations verlust. Denn das Gehirn muss sich Regelmäßigkeit. Einmal pro Woche jedes Mal neu konfigurieren. Deshalb wäre zu wenig. Wer nicht gerne liest, ist es sinnvoll, ähnliche Aufgaben zu kann stattdessen ein Gesellschaftsspiel bündeln. Zum Beispiel alle E-Mails spielen. Kein „Mensch ärgere Dich um 17 Uhr auf einmal zu beantworten, nicht“. Da braucht man bloß Glück. statt die Arbeit permanent zu unter Besser: Schach. Denn hier bestimmt brechen, wenn eine neue Nachricht die Konzentration, wer gewinnt.
Besonders anspruchsvolle Aufgaben erledige ich in meiner „tiefen Stunde“. Das ist eine Stunde am Tag – meistens um elf Uhr vormittags –, die bei mir fest im Terminkalender eingetragen ist. In dieser Zeit sehe ich etwa Doktor arbeiten durch oder bereite einen Vor trag vor. Das wissen auch alle in mei ner Umgebung und lassen mich in dieser Zeit in Ruhe. Dafür ziehe ich mich in mein Arbeitszimmer zurück, hänge ein Stoppschild an die Türklinke und schalte mein Handy aus. Für Aufgaben, die ein hohes Maß an Konzentration erfordern, empfehle ich jedem eine solche „Bastion der Ruhe“. Das kann ein beliebiger Ort sein. Wichtig ist nur, dass einen dort nichts, absolut gar nichts ablenkt. An diesem Ort sollte kein Fernseher stehen und am besten nicht einmal Musik laufen. Denn im Kampf um un sere Aufmerksamkeit gewinnen immer die Dinge, die uns Freude bereiten.
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THE RED BULLETIN
OLIVER BETKE
MAXIMILIAN REICH
Das Gehirn neu ausrichten
03:08 im Postfach landet. Dadurch muss das Gehirn nur noch innerhalb der gleichen „Aufgabenstapel“ umschalten, und man hat weniger Leistungsverlust. Leider muss man am Schreibtisch mitunter schnell zwischen Aufgaben wechseln. Um den Leistungseinbruch dabei zu reduzieren, empfehle ich, zwischen zwei Aufgaben die Augen 30 bis 60 Sekunden zu schließen, damit das Gehirn den Fokus neu ausrichten kann – und erst dann mit der neuen Aufgabe zu beginnen. Das erspart viele Fehler – und letztlich Zeit.
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Eine halbe Banane essen
In „Kopf frei!“, seinem neuen Buch (Droemer Knaur, 18 Euro), erklärt Neurowissenschaftler und Bestsellerautor Prof. Dr. Volker Busch, wie wir unsere Konzentration, Kreativität und Aufmerksamkeit steigern können.
THE RED BULLETIN
„Im Ruheraum sollte keine Musik laufen. Denn im Kampf um unsere Aufmerksamkeit gewinnen immer Dinge, die uns Spaß machen.“ Prof. Dr. Volker Busch, 49, Facharzt für Neurologie an der Universitätsklinik Regensburg
Nach der Mittagspause schüttet unser Körper Insulin aus, das den über die Nahrung aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Zellen transportiert. Die Folge: Der Blutzuckerspiegel fällt, wir werden müde – und damit sinkt auch unsere Konzentrationsfähigkeit. Gerade die vorderen Hirnzentren brauchen aber eine gleichbleibende Kohlenhydratversorgung. Daher ist etwas Zucker konzentrationsfördernd. Studien haben gezeigt, dass zum Beispiel schon eine halbe Banane hilft, das Nachmittagstief zu überwinden und die Konzentration wieder zu erhöhen.
05:00 Mehr Experten-Tipps für den Alltag unter: redbull.com/nachmittagshoch
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Fußball
Charmant, spitzbübisch, brand gefährlich: KARIM ADEYEMI, 20, gilt als eines der größten StürmerTalente Europas. Hier erzählen zwei Wegbegleiter, was den deutschen Red Bull SalzburgKicker stark macht. Und warum er sogar seinen Schuldirektor überraschte. Text HANNES KROPIK
Illustration TIM MARRS
Karim Adeyemi blickt auf sein erfolgreichstes Jahr als Fußballprofi zurück: 2021 debütierte er sowohl in der UEFA Champions League wie in der deutschen Nationalmannschaft. Mit Deutschlands U21-Team wurde er Europameister. Und auch 2022 startet mit einem Highlight: Am 16. Februar trifft Adeyemi mit dem FC Red Bull Salzburg im ChampionsLeague-Achtelfinale auf den FC Bayern. Aber wer ist der pfeilschnelle Jungstar, über den ganz Fußball-Europa spricht? Salzburgs Sportdirektor Christoph Freund und Mentor Manfred Schwabl, Präsident der Spielvereinigung Unterhaching, erklären uns, warum dem Mittelstürmer in Zukunft alle Tore offen stehen. 64
THE RED BULLETIN: Herr Freund, warum ist Karim Adeyemi in ganz Europa so begehrt? christoph freund: Karim hat sei nen Instinkt und sein spitzbübisches Wesen nie verloren. Als Fußballer hat er spezielle Waffen, zum Beispiel seine Schnelligkeit. Seine Bewegungen sind unkonventionell; er ist für seine Gegner kaum greifbar. Als Mensch ist er authen tisch und verstellt sich nicht. Karim ist ein Lausbub, der genau weiß, was es heißt, Profifußballer zu sein. Wie zeigt sich das Spitzbübische in der Kabine beziehungsweise abseits des Platzes? Wenn es in der Kabine lustig zugeht, steckt Karim immer mittendrin. Seine freche – aber nicht zu freche – Art kommt auch bei den älteren Profis und sogar bei den international so erfahrenen Spielern des deutschen Nationalteams gut an. Diese Mischung aus „Ich scheiß mir nix“ und „Ich geb Gas“, die macht es letztlich aus. Einen wichtigen Anteil an Adeyemis Auf stieg hat Christiana Schwabl, die Mutter von Manfred „Manni“ Schwabl. Der frühere Mittelfeldspieler des FC Bayern München ist seit 2012 Präsident der Spielvereinigung Unterhaching und erinnert sich noch ganz genau, wie er auf den Rohdiamanten aufmerksam wurde. „Meine Mama hat ihn von weitem spielen gesehen
DIE INSIDER
Christoph Freund, 44
Der Sportdirektor des österreichischen Fußballmeisters holte Adeyemi 2018 zum FC Red Bull Salzburg.
Manfred Schwabl, 55
Der Präsident der Spielvereinigung Unterhaching gilt als Karim Adeyemis Mentor.
MARKUS BERGER/FC RED BULL SALZBURG, RED BULL SALZBURG VIA GETTY IMAGES (3), PICTUREDESK.COM (2) TIM MARRS/CENTRALILLUSTRATION.COM
Der AdeyemiCode
EIN MANN MIT VIELEN FACETTEN
Karim Adeyemi ist ein unkonventioneller Fußballer. Für seine Gegner ist er kaum greifbar, weil er es schafft, immer wieder zu überraschen. Freunde, Mitspieler und Trainer schätzen ihn als gut gelaunten Spitzbuben.
und nach wenigen Minuten gesagt: ‚Wer ist das? Auf den musst aufpassen!‘ Karim war damals erst kurze Zeit bei uns, hatte aber schon als Zehnjähriger geniale Momente auf dem Platz.“ Manni Schwabl hat sich an den mütterlichen Rat gehalten. Leicht gequälter Nachsatz: „Dafür kann ich mir von ihr heute praktisch jeden Tag an hören, dass sie es ja gleich gewusst hat …“
Karims Vertrag läuft bis Sommer 2024, sein aktueller Marktwert wird auf 35 Millionen Euro geschätzt, Tendenz: steigend. Wie geht er selbst mit diesen Summen um? Karim hat ein richtig gutes familiäres Umfeld, das ihn immer wieder am Boden hält. Ich schätze sehr an ihm, dass er sich durch den Erfolg als Typ nicht verändert hat. Das ist sicher nicht leicht, wenn in den Medien spekuliert wird, ob Liverpool, Bayern oder Dortmund den Zuschlag erhält. Es sind riesengroße Summen im Gespräch, aber er lässt sich davon nicht beeindrucken. Das ist, glaube ich, seiner Erziehung geschuldet. Wenn es der straffe Zeitplan zwischen Bundesliga, Cup, Champions League und Nationalteam zulässt, fährt Karim Adeyemi heim nach Unterhaching. Papa 66
KABINEN-PARTY
Adeyemi und Teamkollege Rasmus Kristensen feiern Salzburgs Aufstieg ins Achtelfinale der UEFA Champions League nach dem 1:0-Heimsieg gegen Sevilla vergangenen Dezember.
„Frech, jagt den Ball, ist für den Verteidiger schwer zu fassen.“ Salzburg-Sportdirektor Christoph Freund zitiert aus dem Scouting-Report über den 16-jährigen Karim Adeyemi.
Abbey, früher in Nigeria selbst als Fuß baller aktiv (Schwabl: „Er sagt, er war noch schneller als der Karim“), arbeitet als Scout für die SpVgg Unterhaching, Mama Alexandra kümmert sich beim Viertligisten (Regionalliga Bayern) um die administrative Koordination zwischen Ärzten, Physiotherapeuten und Kranken kassen: „Wir haben für die Adeyemis schon vor Jahren eine Doppelhaushälfte angemietet“, erinnert sich Manni Schwabl, „damit sie nicht zu jedem Training aus der Münchner Innenstadt herfahren müssen.“ In diesem Haus, in dem Karim immer noch sein Zimmer hat, gibt es drei weitere Räu me, in denen andere Top-Talente wohnen: „Burschen, die von weiter weg kommen – momentan einer aus der Oberpfalz und einer aus Südafrika. Die Adeyemis sind ihre Gastfamilie, Karims Mama ist quasi die Mutter der Nation in Unterhaching.“ An Selbstvertrauen hat es Karim Adeyemi nie gemangelt. Ist er als deut scher Teamspieler, der auch in der Champions League regelmäßig trifft, noch selbstbewusster geworden? christoph freund: Sein Selbstvertrauen ist nicht größer, aber gefestigter geworden. Er bestätigt sich selbst immer wieder, dass er auf höchstem Level THE RED BULLETIN
2021 FC RED BULL SALZBURG
Der FC Red Bull Salzburg hat Adeyemi 2018 um kolportierte drei Millionen Euro von der Spielvereinigung Unter haching gekauft. Was stand denn im Scouting-Report über den jungen Karim Adeyemi? (Christoph Freund sucht am Laptop den Bericht über den damals 16-jährigen Junioren-Stürmer.) Wir hatten ihn schon länger beobachtet, Unterhaching ist von Salzburg ja nicht so weit weg. Wir kannten seine Vorgeschichte: zum Beispiel, dass er als blutjunger Spieler bei Bayern München disziplinäre Probleme hatte. Aber er hat sich inzwischen zum absoluten Vorzeigeprofi entwickelt. So, da haben wir den Report: „Frech, jagt den Ball, ist für den Verteidiger schwer zu fassen“, steht da unter anderem. Seine größte Waffe war schon damals sein Tempo. Er ist ein Instinktfußballer. Er macht Dinge nicht einfach nur aus einer Intuition heraus, sondern – und das ist das Wichtigste dabei – er macht diese Dinge aus der Intuition heraus richtig.
Fußball
spielen kann. Vor seinem Debüt in der Nationalmannschaft war er nervös. Er hat sich gefragt, ob er an einen Thomas Müller, einen Joshua Kimmich heran reichen würde, die er zuvor nur aus dem Fernsehen gekannt hat. Aber er hat sich auch dort sehr schnell eingefügt. Bei ihm sind Selbstvertrauen und Respekt vor der Aufgabe, den Fans und den Mitspielern sehr gut ausbalanciert. Wie geht es Ihnen als Sportdirektor und als Fußballfan, wenn Sie Karim bei einem Spiel zaubern sehen? Wenn du die Jungs schon länger kennst und eine Beziehung zu ihnen und ihrem Umfeld aufgebaut hast und wenn du dann siehst, wie die auf einer so großen Bühne funktionieren, dann geht dir das Herz auf vor Freude. Und darum macht es momentan in der ganzen Mannschaft, im ganzen Verein so großen Spaß. Nicht nur mit dem Karim; aber er ist momentan unser spektakulärster Spieler. Karim Adeyemi weiß genau, woher er kommt. Das Trikot, in dem er im September sein Nationalteamdebüt gegen Armenien mit einem Tor krönte, hat er seinem Förderer Manni Schwabl geschenkt: „Seine Entwicklung motiviert unsere jungen Spieler sehr. Wenn sie zu mir ins Büro kommen, sehen sie an der Wand Karims Teamtrikot und wissen, welche Karrierewege von Unterhaching aus möglich sind.“ Entscheidend für Karims Persönlichkeitsentwicklung war nicht zuletzt Manni Schwabls Strenge in Sachen schulischer Disziplin: „Mit dreizehn, vierzehn hatte Karim nur Fußball im Kopf. Nachdem er zum dritten Mal bei mir gesessen ist, weil es Beschwerden seiner Lehrer und Rektoren gab, habe ich ein Trainingsverbot verhängt. Er hat zum Beispiel zum Mathe-Test kein Geodreieck mitgehabt, die Schule hat ihn einfach nicht interessiert. Seine Trainer wollten ihn trotzdem am Wochenende einsetzen, weil er ja Tore geschossen hat. Ich habe gesagt: ‚Jungs, wenn er nicht trainiert, darf er auch nicht spielen.‘“ Wichtig, so Schwabl, war die Unterstützung durch Karims Eltern: „Sie haben meine Entscheidung bedingungslos mitgetragen. Nach ein paar Wochen hat der Rektor wieder angerufen: ‚Was ist denn mit dem Karim los? Auf einmal passt er auf, lernt mit, kümmert sich um seine Mitschüler …‘“ THE RED BULLETIN
„Er ist, wie man in Bayern sagt, ein Bazi.“ Mentor Manni Schwabl über Adeyemis Qualitäten als Charmeur
Sein Tempo haben wir schon angesprochen. Was macht ihn so schnell? christoph freund: Karim war von Kindesbeinen an ein unkonventionelles Bewegungstalent. Bei ihm funktionieren alle Bewegungsabläufe extrem schnell, weil er auch mental sehr flink ist. Auffällig ist, wie oft Karim im gegnerischen Strafraum gefoult wird. Allein im ersten Champions-League-Spiel in Sevilla gab es drei Elfmeter nach Fouls an ihm … Er ist eben enorm zielstrebig. Es schafft es immer wieder, seinen Körper irgend wie in die richtige Position zu bringen. Zum Beispiel bekommt er einen Fuß gerade noch so weit nach vorn, dass ihn der Verteidiger foulen muss. Er kann solche Situationen – nicht zuletzt dank seiner Schnelligkeit – erzwingen. Karim ist erst zwanzig geworden – seine fußballerische Entwicklung ist wohl noch nicht ganz abgeschlossen? Er ist ein Typ, der immer wieder klare Ansagen braucht und gefordert werden will. Und damit passt er perfekt zu un serem Trainer Matthias Jaissle. Denn natürlich ist er der coole Karim Adeyemi, dem momentan alles aufgeht – aber gerade in so einer Situation brauchst du immer wieder einen Tritt in den Aller wertesten. Und damit geht er auch rich tig gut um. Er weiß, dass bei ihm immer noch Luft nach oben zu dem Level ist, das er erreichen kann. Karims familiäre Wurzeln – die Mutter Rumänin, der Vater Nigerianer – sind für München durchaus ungewöhnlich. „Seine Hautfarbe und seine Herkunft waren bei den anderen Kindern immer irgendwie ein Thema. Ich glaube schon, dass ihn das manchmal belastet hat. Wenn dann einmal ein Wutausbruch kommt, dann ist das doch nur menschlich“, sagt Manni
Schwabl. Umso mehr beeindruckt ihn Karims freundliche, spitzbübische Ausstrahlung: „Er ist, wie man in Bayern sagt, ein Bazi. Er hat es faustdick hinter den Ohren, ist aber ein Typ mit so viel Charme, dass man ihn einfach mögen muss.“ Vergangene Saison hat er für den FC Red Bull Salzburg in 29 Meisterschaftsspielen sieben Tore erzielt und neun Assists geleistet. In der aktuellen Saison waren es bis Redaktionsschluss in 17 Spielen 14 Tore, aber nur zwei Torvorlagen – ist er am Ende egoisti scher geworden? christoph freund: Karim ist einfach ein frecher Spieler. Er hat diesen ge sunden Egoismus, den du als Stürmer brauchst. Aber er weiß, dass Fußball ein Teamsport ist. Er ist ein absoluter Teamplayer, sonst hätte er nicht diese hohe Akzeptanz in der Mannschaft. Aber natürlich steht er auf dem Platz, um Tore zu schießen. Das ist doch das Coolste für einen Stürmer: Tore schießen! Er wirkt, was das Toreschießen angeht, unersättlich. Seinen Hunger, Tore zu schießen, kannst du in jedem Training spüren. Du merkst aber auch, dass er und seine Kollegen sehr viel Spaß haben. Mit ihrer Energie schaukeln sie sich hoch. Sie geben nie auf und sind nie zufrieden. Was diese junge Mannschaft so auszeichnet: Sie hüpfen nicht so hoch, wie sie müssen, sie hüpfen so hoch, wie sie können. Was die Fans natürlich am meisten interessiert: Wie lange bleibt Karim Adeyemi in Salzburg? Das klare Ziel, das wir mit seinem Umfeld abgesprochen haben, ist, dass er die ge samte Saison bei uns fertig spielt. Es ist seine erste Saison als absoluter Stamm spieler und Leistungsträger; für seine Entwicklung ist diese neue Rolle sehr wichtig. Wir wissen, dass es im Sommer sicher nicht leicht sein wird, ihn in Salz burg zu halten. Aber vielleicht ist es auch gesund, wenn er den nächsten großen Schritt macht. Wenn er mit so viel Spaß weiterspielt, stehen ihm alle Tore offen. Salzburg vs. Bayern ist live bei ServusTV zu sehen — am Mittwoch, 16. Februar, 21 Uhr; Karim auf Instagram: @karim_adeyemi
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Snowboarden
Ein Mann, ein Board JAKE BURTON CARPENTER machte Snowboarden zum Weltsport, schockte die SkiIndustrie und schmiss gern Hauspartys für tausend Gäste. Nun feiert die Doku „Dear Rider“ das Leben der im November 2019 verstorbenen Legende. Hier erzählen Wegbegleiter, warum uns Jake bis heute inspiriert.
JAMES CASSIMUS
Text BILL DONAHUE
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Am Anfang war das Board: Sportpionier Jake Burton 1979 auf einem Burton Backhill – jenem SnowboardModell, das seine Firma im selben Jahr vorstellte.
Snowboarden
„Jake wusste, dass Menschen spielen wollen. Auch wenn sie erwachsen sind.“ Donna Carpenter, Jake Burtons Frau
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Die frühen Jahre: 1954–1970 Jake Burton Carpenter wuchs als jüngstes von vier Kindern in einer Familie der oberen Mittelschicht auf Long Island auf. Timi Carpenter (Sohn): „Mein Vater hatte sein Leben lang etwas Spitzbübisches an sich. Er wollte immer eine gute Zeit haben.“ Donna Carpenter (Ehefrau): „Jake liebte es, sich als Frau zu verkleiden. Jeder Anlass war ihm recht – ob Halloween oder eine Kostümparty. Als er klein war, verbrachten seine Schwestern Stunden damit, ihn zu verkleiden, zu schminken, ihm Perücken und Kleider anzuziehen. Auf dem Internat in Massachusetts hatten die Schüler ein großes Geheimnis: einen Schlüsselbund, mit dem man jedes Schloss der Schule öffnen konnte, selbst den Waffenschrank des Direktors. Innerhalb eines Jahres wurde Jake zum Hüter dieser Schlüssel. Das war eine enorme Ehre – doch nur, bis ein Haus meister die Schlüssel in Jakes Tasche fand. Und die Schule seine Eltern anrief und sie aufforderte, ihren Sohn heimzuholen.“ Timi Carpenter: „Es muss eine sehr ruhige Autofahrt gewesen sein. Jake war verzweifelt und wütend auf die Welt. Er erzählte mir später, dass er in diesem Moment beschloss, in Zukunft immer sein Bestes zu geben – egal was er im Leben einmal machen würde.“
Timi Carpenter, 25
Jakes jüngster Sohn und Creative Director von Mine77, einer Burton-Marke (oben rechts im Bild, 2015 mit seinem Vater) „Als mein Vater zwölf war, starb sein Bruder George in Vietnam. George war ein anständiger Kerl, Co- Captain des Footballteams und Jahrgangssprecher an seiner Schule. Er ging nach Yale und dann zur Marine. Er war das Vor zeigekind der Familie. Sein Tod brachte die Familien dynamik komplett durch einander. Jake fühlte sich plötzlich sehr allein und geriet in Schwierigkeiten.“ THE RED BULLETIN
COURTESY OF BURTON AND DONNA CARPENTER, MARK GALLUP
ake Burton war der Vater des Snow boardens, der Kopf hinter einer Welt marke und der Mann, der die Skipisten für Boarder eroberte. Vierzig Jahre lang stand er an der Spitze von Burton Snow boards und schuf in dieser Ära eine neue Art der Freizeit kultur: rau, aber herzlich; respektvoll, aber furchtlos. Sie prägt bis heute das kom plette Spektrum des Sports. Ende 2019 starb Jake Burton an Krebs. Rund zwei Jahre nach seinem Tod ver öffentlichen HBO Max und das Red Bull Media House nun die Doku „Dear Rider“, die sich Burtons Rolle als Sport pionier widmet. Wir haben mit den Schlüsselfiguren aus dem Film gesprochen und sie gebeten, uns Jakes Lebens geschichte in ihren eigenen Worten zu erzählen.
Jake Burton bei einem Foto shooting im Jahr 2001. „Mein Vater hatte eine starke Ausstrahlung“, sagt sein Sohn Timi. „Alle s uchten seine Nähe, weil er authentisch war.“
Oben: Jake lässt es in den Achtzigern in den USA krachen. Unten: eine Nacht-Session 2001 in Whistler, Kanada. „Selbst als Mittfünfziger gab er noch ordentlich Gas“, sagt Sohn Timi.
Snowboarden
„Die Skigebiete wollten damals keine Snowboarder. Jakes Freunde fragten ihn: Was tust du da mit deinem Leben?“ Donna Carpenter, Jake Burtons Frau
Donna Carpenter, 58
Jakes Witwe und Eigentümerin von Burton Snowboards (oben links, das Foto stammt aus den Achtzigern)
COURTESY OF BURTON AND DONNA CARPENTER, MARK HEINGARTNER, MARK GALLUP
„Es dauerte lange, bis Jake mit mir über den Tod seines Bruders reden konnte. Oder über den seiner Mutter. Sie starb, als er siebzehn war. Beide Erfahrungen waren sehr schmerzhaft für Jake, aber sie prägten ihn auch. Sie zeigten ihm, wie wichtig es ist, ganz im Moment zu leben und das Leben zu genießen.“
Mark Heingartner, 58 Zweimaliger Snowboard- Weltmeister und einer der ersten Burton-Mitarbeiter
„Jake kaufte sich zu Beginn ein Snurfer-Board (Vorläufer der heutigen Snowboards, noch ohne Bindung, Anm.) und probierte es auf Golfplätzen aus.“ THE RED BULLETIN
Burtons Anfänge: 1970–1982 1970 flog Jake Burton wieder einmal von der Schule. Er schien seine Lektion gelernt zu haben: Im nächsten Internat in Connecticut wurde er Jahrgangsbester, im College auf der New York University Kapitän des Schwimmteams. Nach dem Uni-Abschluss bekam er einen Job bei einer Investmentbank. Das wurde ihm bald langweilig. 1977 erinnerte er sich an das „Snurfen“ (auf Brettern ohne Bindung im Schnee fahren, Anm.) – und hatte eine Idee, seinen „Schnell-reichwerden-Plan“. Erster Schritt: der Umzug in ein Farmhaus in Vermont. Dort gründete er Burton Snowboards. Mark Heingartner (einer der ersten Burton-Mitarbeiter): „Ich fing an, für Jake zu arbeiten, als ich noch an der Highschool war. Es gab nur mich und drei andere Kids – Jake war wie ein großer Bruder. Sein Ess zimmer in der Farm war der Ausstellungs raum, im Keller war der Versand, und die Scheune war seine Werkstatt. Jedes Brett wurde von Hand zugeschnitten. Jake war sehr stolz auf jedes einzelne Board.“ Donna Carpenter: „Er arbeitete 14 Stun den am Tag und lebte von Zigaretten und schwarzem Kaffee – das Einzige, was ihn interessierte, waren Snowboards. Dabei hatte er am Anfang überhaupt kein Talent als Handwerker. Er war im Werkunterricht durchgefallen und konnte nicht einmal eine Glühbirne wechseln. Das erste Mal traf ich
Jake zu Silvester 1982. Er saß in einer Bar in Londonderry, Vermont, und trank Jack Daniel’s mit Milch. ‚Für einen Magen vor dem Geschwür‘, sagte er nur. Er erzählte mir, dass sein Name Jake sei und er Snow boards herstelle. Ich dachte mir: ‚Das wird nie was.‘ Aber ich fing an, am Wochenende aus New York anzureisen und ihm zu helfen. Er tauchte laminierte Holzstücke in Poly urethan und hängte sie zum Trocknen auf. Das war alles giftig. Wir trugen Atem schutzmasken, die per Schlauch mit einem Loch an der Wand verbunden waren. Manchmal blies jemand Marihuana durch diesen Schlauch, damit ich high wurde. Jake fand das extrem lustig.“ Mark Heingartner: „Er hatte eine Art, aus allem einen Spaß zu machen. Wenn es schneite, gab er uns ein paar Stunden zum Boarden frei.“ Donna Carpenter: „Aber er war einsam dort oben in Vermont. Er riss sich den Arsch auf, um herauszufinden, wie seine Firma überleben könnte. Seine Freunde aus New York sahen ihn an und fragten: ‚Was machst du mit deinem Leben?‘ Und die Skigebiete wollten keine Snowboarder auf ihren Pisten. Sie sagten Jake: ‚Unsere Versicherung deckt das nicht.‘ Als wir 1982 zum ersten Mal auf der Messe Ski Indus tries of America zu Gast waren, schickten sie allen Ernstes Gewerkschafter, um uns von dort wegzubekommen. ‚Ihr gehört nicht in unsere Branche‘, sagten sie. Aber irgendwie blieben wir doch.“ 73
Snowboarden
Wachstum und der Sound des Punk: 1982–1996 Die ersten amerikanischen SnowboardMeisterschaften fanden 1982 statt, im kleinen Skigebiet Suicide Six in Vermont. Einige Snurfer aus Michigan kamen in den Osten, fuhren die Rennen und schliefen auf Jakes Fußboden. 1985 zog die Veranstaltung nach Stratton Mountain, ein größeres Skigebiet. Jake war Gastgeber und Moderator – und das Rennen wurde ganz offiziell zu den U. S. Open Snowboard Championships. Donna Carpenter: „Bei den U. S. Open traten schon früh Frauen an, und ich weiß noch, wie ich Jake fragte: ‚Hey, welches Preisgeld geben wir Frauen?‘ Er sagte: ‚Warum sollten wir ihnen nicht dasselbe zahlen wie den Männern?‘“
Burton-Messestand in den 1980ern: Snowboards mussten sich ihren Platz erkämpfen.
Mark Heingartner: „Jakes Ziel war es, den Sport zu fördern. Ein paar andere BurtonFahrer und ich fingen an, in Skigebiete zu fahren. Wir wollten der Pistenwache und der Bergverwaltung beweisen, dass Snowboarden sicher ist, dass wir genauso schnell Kurven fahren und problemlos anhalten können wie Skifahrer. Dass Snowboarden mit dem Skifahren vereinbar ist.“
Mike Cox (Burton Brand Ambassador): „Auf den Wintersportmessen in den 1990er- Jahren stellte eines der teilnehmenden Snowboard-Unternehmen nicht an einem herkömmlichen Stand aus, sondern in einem Schulbus, in dem Stripperinnen und Showgirls saßen. Außerdem gab es Porno stars, die Poster signierten. Die Ski-Seite der Messe war langweilig, aber bei uns auf der Snowboard-Seite ging die Post ab. Jeden Abend ab 17 Uhr wurde Bier aus geschenkt, Punkbands spielten live, und es war so laut, dass man keine Meetings mehr abhalten konnte. Jake und ich be obachteten den Burton-Stand einmal aus ein paar Meter Entfernung – es war wie ein Bienenstock, ein ständiges Kommen und Gehen. Wir schauten uns an, nickten und dachten beide das Gleiche: ‚Heilige Scheiße! Jetzt läuft die Sache!‘“ 74
Mike Cox, 56
Global Brand Ambassador bei Burton „Er war ein echter Scherzkeks. Einmal waren wir auf dem Mount Mansfield in Vermont wandern und trafen ein junges Paar. Jake fragte, ob wir ein Foto von ihnen machen sollten. Dann gab er mir die Kame ra, stellte sich hinter das Paar und ließ die Hosen runter. Sie hatten keine Ahnung.“
Kelly Clark, 38
Olympiasiegerin in der Halfpipe „Burton hat mehr für das Standing von Frauen im Snowboarden getan als jedes andere Unternehmen. Sie behandelten uns genauso wie die Jungs und räumten uns von Anfang an einen Platz ein.“
Mark McMorris, 27 Neunfacher X-GamesGoldmedaillengewinner
„Wir waren Kumpels und inspirier ten uns gegenseitig. Als ich 2017 in Whistler gegen einen Baum geprallt war und im Krankenhaus lag, flog er zu mir – Jake, der Grün der der größten Snowboardmarke der Welt. Ich glaube nicht, dass das bei irgendeinem anderen Unter nehmen dieser Größenordnung passiert wäre. Jake und ich schau ten uns überall auf der ganzen Welt Klamotten und unterschiedliche Produkte an und holten uns Ideen. Niemand interessierte sich mehr für Snowboard-Equipment als die ser Typ. Er war besessen von den winzigsten Details. Er konnte an derthalb Stunden über einen Ruck sackriemen reden, in dem er sich verhakt hatte – was auch immer. Er fragte mich immer, was gerade cool war und was bald cool sein würde. Eine Zeitlang hörte er HipHop, nur weil wir Jungen Hip-Hop hörten.“ THE RED BULLETIN
COURTESY OF BURTON AND DONNA CARPENTER, GARY LAND, HUBERT SCHRIEBL
Donna Carpenter: „Wir stellten einen Mann ein, der mit den Versicherungen alle rechtlichen Fragen klären sollte, die Ski gebiete betreffen könnten. Aber unsere Kunden waren all diese 15- und 16-jährigen Kids, die die Regeln der Skigebiete gar nicht kannten und sich auch nicht dafür interessierten. Eine Zeitlang versuchten wir, diese Pisten-Etikette unseren Kunden zu kommunizieren. Aber vergiss es …“
„Auf unseren Wintersportmessen spielten Punkbands. Es war so laut, dass niemand Meetings abhalten konnte.“ Mike Cox, Burton Brand Ambassador
Chairman of the Board: Jake Burton, hier im Jahr 2016, gründete seine Firma 1977. Heute ist Burton eine der weltweit führenden Snowboardmarken.
Die frühen Tage: das Burton-Snowboard-Team bei den US-Meisterschaften 1985 in Stratton Mountain, Vermont
In der Werkstatt: Herstellung eines Burton-Boards in den 1980ern
„Wenn ihr Jakes Vermächtnis ehren wollt: Geht raus snowboarden. Bleibt eine Gemeinschaft. Haltet zusammen.“ Ein Heliboarder auf einem Burton-Brett in Kanada, im Jahr 2001
Donna Carpenter, Jake Burtons Frau
Snowboarden
Weltherrschaft: 1996–2011
COURTESY OF BURTON, MARK GALLUP. HUBERT SCHRIEBL
1996 waren Jake und Donna Eltern von drei kleinen Söhnen und Eigentümer eines Multimillionen-Dollar-Unternehmens, das pro Jahr um 25 bis 30 Prozent wuchs. 1998 gab es erstmals Snowboard- Rennen bei den Olympischen Winter spielen in Nagano. Vier Jahre später holten zwei Burton-Fahrer Gold bei den Spielen in Park City. Und 2006 war der legendäre Snowboarder und BurtonFahrer Shaun White auf dem Cover des „Rolling Stone“ – ohne Shirt, aber mit seiner Goldmedaille aus Turin um den Hals und der US-Flagge um die Schultern. Mike Cox: „Jake und Donna schmissen jedes Jahr eine Party bei sich daheim, den ‚Fall Bash‘. Es fing mit 25 Gästen an, irgendwann waren es 1200. Das ganze Haus war offen, die Gäste durften überallhin.“ Kelly Clark (Halfpipe-Olympiasiegerin): „Jake wusste, wie man eine gute Zeit hat. Einmal pumpte er bei sich daheim ein Riesenfeuerwerk in den Himmel, an einem ganz normalen Dienstag.“ Donna Carpenter: „Jake wusste, dass Menschen spielen wollen, auch wenn sie erwachsen sind. Solange unsere Kinder klein waren, hatten wir einen Basketballkorb mitten im Wohnzimmer. Jake und die Jungs spielten gegeneinander, der Verlierer musste den Müll rausbringen.“ Timi Carpenter: „Es war nur ein kleiner Ball, aber ein richtiger Korb auf drei Meter Höhe. Wir haben so viel kaputtgemacht – so viele Bilderrahmen und Lampen. Bei den Spielen ging es richtig zur Sache. Einmal kassierte Jake beim Fall Bash ein hartes Foul von einem Kumpel, das zwei Veilchen zur Folge hatte. Am nächsten Tag hatte er ein Fernsehinterview – er setzte eine riesengroße Sonnenbrille auf, damit keiner die blauen Flecken sehen würde. Jake war auch mein Fußballtrainer. Eines Tages, es regnete in Strömen, beschloss er, uns zu zeigen, wie man auf Gras rutscht. Er rannte los, warf sich auf den Boden, ruinierte seine komplette Kleidung und sagte nur: ‚So macht man das.‘ War der Schnee gut, ließ Vater uns die Schule schwänzen, damit wir snowboarden gehen konnten. Selbst mit fünfzig gab er auf dem Board noch Gas. Ich erinnere mich an seinen letzten Sprung über eine Box. Vater wurde im letzten Moment nervös und versuchte abzudrehen. Er stürzte und knallte mit dem Rücken auf die Box. Er rappelte sich auf und sagte: ‚Das war’s. Ab sofort nur mehr Backcountry.‘“ THE RED BULLETIN
Burton war 2014 ständig auf Achse. „Ich drehe meine Ehrenrunde“, sagte er.
Der lange Kampf: 2011–2019 2011 schickte Jake seinen 800 Mitarbeitern ein Memo: „Die schlechte Nachricht ist, dass ich Krebs habe. Die gute Nachricht ist, dass er so heilbar ist, wie es nur geht.“ Er unterzog sich einer Chemo therapie gegen ein Seminom, eine Form von Hodenkrebs, und wurde wieder fit. Doch vier Jahre später wurde bei ihm das Miller-Fisher-Syndrom diagnostiziert, eine seltene Krankheit, die das Nervensystem vorübergehend lähmt. Donna Carpenter: „Der Arzt sagte ihm: ‚Wenn es das ist, was wir vermuten, könnte es sein, dass Sie morgen Ihre Augen nicht mehr öffnen können, übermorgen nicht mehr schlucken können und am Tag danach nicht mehr atmen können.‘“ Timi Carpenter: „Er war der aktivste Mensch, den ich je getroffen habe. Und plötzlich lag er in einem Krankenhausbett, eingesperrt in seinem eigenen Körper.“ Donna Carpenter: „Ab der dritten Woche war er verzweifelt. Sein Puls stieg von 52 auf 160, er konnte nichts mehr sehen. Aber er konnte auf einen Zettel Nachrichten schreiben. Eines Abends schrieb er: ‚Ich will mich umbringen.‘ Am nächsten Morgen zeigte er mir einen neuen Zettel: ‚Mir ist klar, dass ich keine Kontrolle über diese Sache habe. Ich ergebe mich.‘ Doch als die Krankenschwestern ihn nach draußen gebracht hatten, mit Blick auf die Berge, schrieb er: ‚Ich will jetzt leben.‘“ Timi Carpenter: „Kaum war er wieder auf den Beinen, war er dauernd unterwegs. Nicht aufzuhalten. Wir fuhren zu Snowboard-Events in Europa und hingen die ganze Nacht mit den Fahrern ab. Zu meinem
21. Geburtstag nahm er mich mit zum Burning Man Festival. Er tanzte und unterhielt sich mit den Leuten. Ich redete mit einem Mädchen, sie meinte: ‚Wow, der Kerl ist cool.‘ Ich sagte: ‚Ja, das ist mein Dad.‘“ Mike Cox: „Ich machte mir Sorgen um Jake. Ich sagte ihm: ‚Hey Mann, du warst eine lange Zeit weg. Du musst langsam wieder in dein Leben finden und besser auf dich aufpassen.‘ Aber er wollte nichts davon hören. Er sagte: ‚Ich fahre gerade meine Ehrenrunde.‘ Dann rief er mich eines Tages an, und da war etwas in seiner Stimme. Ich erkannte es sofort. ‚Der Krebs ist wieder da‘, sagte er, ‚aber ich tue alles, was ich kann, um ihn zu bekämpfen. Ich habe ihn schon einmal besiegt, und ich werde es noch einmal schaffen.‘ Aber er klang total platt und niedergeschlagen.“ Donna Carpenter: „Ich glaube, wenn das Miller-Fisher-Syndrom nicht gewesen wäre, hätte er ein zweites Mal gegen den Krebs gekämpft. Aber ich glaube, er wusste, dass er alles getan hatte, was er konnte. Er hatte gesehen, was die Chemotherapie mit ihm macht. Er wollte nicht verkümmern und auf diese Weise sterben. Und seinen Sinn für Humor hatte er auch nicht mehr – da wusste ich, dass es zu Ende geht.“
Das Vermächtnis Jake Burton starb am 20. 11. 2019. Mike Cox: „Direkt nach Jakes Tod rief mich ein alter Vertreter von Burton an und sagte: ‚Jake hat viel mehr getan, als uns zum Snowboarden zu bringen. Er hat uns mit seinem Lebensstil inspiriert, hat uns begeistert. Wir haben uns das angesehen und gesagt: Genau so will ich auch leben.‘“ Donna Carpenter: „Wenn die Menschen Jakes Vermächtnis ehren wollen, sollen sie rausgehen und snowboarden. Das ist der beste Weg, um den Moment zu genießen und mit der Natur eins zu werden. Bleibt eine Gemeinschaft. Haltet zusammen!“ Kelly Clark: „Für Jake war Snowboarden immer das Wichtigste, er hat den Fahrern zugehört. Ich denke, er wäre stolz, wenn wir in seinem Sinne weitermachten.“ Mark McMorris (X-Games-Sieger): „Wir müssen unbedingt wir selbst bleiben. Trefft euch mit euren Freunden in den Bergen, habt zusammen Spaß, verschiebt die Grenzen. Und seid vor allem keine Skifahrer – bleibt rebellisch. Seitwärts auf dem Board zu stehen ist das Tollste überhaupt.“ Mehr über Jake Burton Carpenter gibt es in der HBO-Doku „Dear Rider“, ab sofort auf HBO Max.
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ANZ EIGE
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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen JETZT GEHT’S NACH OBEN!
GLORIA RAMIREZ PHOTOGRAPHY @GLORIAPATTYPHOTO AND MATT RAY
MATT RAY
Sportklettern auf Kalymnos in der griechischen Ägäis
Schwindelfrei: ReiseAutor Matt Ray auf der Kletterroute Axium (6c+) auf Kalymnos
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Im Abendlicht: Das Dorf Masouri ist das Herz der Kletter szene auf Kalymnos.
„Wir klettern einen Felsen namens ,Ghost Kitchen‘. 30 Meter hoch. Ich vergesse fast zu atmen.“ Matt Ray, Sportkletterer und Reiseautor
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eine kreideweiße Hand tastet über orangefarbenen Kalkstein und greift einen Vorsprung. Die Milchsäure brennt in meinem Unterarm. Unter mir klaffen 30 Meter Tiefe. Körperspannung!, ermahne ich mich. Ich spanne meine Rumpfmuskulatur so stark an, dass ich fast vergesse zu atmen. Wir klettern die Axium-Route auf einem Felsen mit dem gespenstischen Namen Ghost Kitchen, klassifiziert als 6c+, das bedeutet mittlere bis hohe Schwierigkeit. Ghost Kitchen ist einer von vielen ideal zum Klettern geeigneten Kalkfelsen auf der griechischen Insel Kalymnos. Ich atme scharf ein und kralle meine Finger in eine Vertiefung im Felsen. Nun sollte ich eigentlich meinen rechten Fuß gegen einen winzigen schrägen Vorsprung stemmen und mich nach oben schwingen. Aber mein Körper verkrampft sich. Meine Arme werden taub. Meine Finger können mich nicht länger halten. „Ich falle!“, höre ich mich schreien. Mein Körper stürzt einen Augenblick lang ins Leere. Dann spannt sich das an meinem Gurt befestigte Seil, fängt sich im Karabiner am Felsen. Ein Ruck, und ich baumle hilflos in der Luft, der Wind lässt mich sanft hin und her schwingen. Dabei bietet sich mir eine unglaubliche Aussicht: Es sieht aus wie ein orangefarbenes Dach über einer Schüssel aus Stein, geformt von einem Titanen aus der antiken Mythologie. Dazu felsige Wiesen voll mit wildem Thymian. Tief unter mir glitzert das azurblaue Wasser des Ägäischen Meeres. Schöner können Abstürze nicht enden. 80
Insel der 3400 Klettersteige Kalymnos ist ein relativ neuer Treffpunkt der Kletterszene. Erst in den 1990er- Jahren entdeckten Sportkletterer diesen Teil der Inselgruppe mit ihrer unglaublichen Vielfalt an Kalksteinformationen. Im aktuellen Kletterführer von 2019 sind 3400 Sportklettersteige gelistet – in der Ausgabe von 2015 waren es noch 2700. Ständig kommen weitere hinzu. Für mich ist Kalymnos eine Chance, meine eigenen Fähigkeiten auf die Probe zu stellen. Dank der in der Wand fixierten Haken aus Edelstahl, in die man das Seil einhängt, ist Sportklettern die sicherste aller Kletterarten. Kalymnos bietet Routen der Schwierigkeitsstufen 4 bis 9. Für mich, als erfahreneren Sportkletterer, stellt die Ghost Kitchen mit der Stufe 6c+ eine schöne Herausforderung dar, nachdem ich in den vergangenen beiden Jahren nur in Hallen klettern konnte. Die 8er- und 9er-Routen auf der Insel hingegen sind so anspruchsvoll, dass die
Ideal für den Badestopp nach der Klettertour: der Masouri-Strand auf Kalymnos
THE RED BULLETIN
GUIDE Reisen
Anreise Hinkommen: mit dem Flugzeug auf die Nach barinsel Kos, dann weiter zum Hafen von Mastichari (mit dem Bus oder Taxi vom Flug hafen), von dort mit der Fähre nach Kalymnos (Fahrtzeit: 30 bis 45 Minuten). Übernachten: Vom MasouriBlu Boutique otel bis hin zu größeren Unterkünften wie H dem Elena Village Hotel und zahlreichen Berg steiger-Appartements – Unterkünfte gibt es sowohl im Dorf Masouri als auch in anderen Orten in der Nähe der Felsen. greece-moments.com/kalymnos-highlights
Griechenland
Athen
Unser Autor auf der 7b-Route Omiros im Sektor Odyssey: Im aktuellen Kalymnos-Kletterführer sind Felsen für alle Könnensstufen gelistet.
Masouri KALYMNOS Pothia
internationale Kletterelite sie für ihr Training benutzt.
Mastichari KOS
MATT RAY (2), GLORIA RAMIREZ , GETTY PREMIUM
MATT RAY
Tipps vom Weltcupsieger
THE RED BULLETIN
Der Italiener Stefano Ghisolfi, aktueller IFSC-Weltcupsieger im Vorstiegsklettern (auch: Lead; Klettern mit Seilsicherung; Anm.), gilt als einer der weltbesten Klet terer. Ghisolfi klettert auf Kalymnos den Sektor Odyssey, einen etwas abgelege neren Felsen, der von Anfängerrouten bis zum 8b-Aufstieg alles bietet. Bevor der 28-Jährige richtig anfängt, klettert er noch eine Runde mit mir. Er gibt mir Tipps, wie ich die Angst vor Stürzen überwinden kann. „Ich setze mir immer Zwischen ziele“, erklärt er. „Sie helfen mir, mich zu fokussieren, und brechen große Herausforderungen auf kleinere, erreichbare herunter. Sobald du dich auf ein Ziel konzentrierst, vergisst du deine Angst und gibst deiner Motivation einen Schub.“ Am Sektor Odyssey gibt mir Klettertrainer Loukas Dourdourekas (er ist
Gut zu wissen Fünf Insider-Tipps für Kalymnos 1. FORTBEWEGUNG Miete dir ein Moped. Alle Kletterfelsen sind damit und kurzen Fußwegen zu erreichen. 2. AUSRÜSTUNG In Masouri gibt es mehrere Fachgeschäfte für Kletterausrüstung. 3. GUIDE Der Kletterführer „Kalymnos Clim bing Guidebook“ (2019) enthält die meisten Klettergebiete der Insel und einen kostenlosen Topo-Download von der Vertical-Life-App. 4. BLEIBE Sollten die Quartiere in Masouri ausgebucht sein, gibt es viele andere Möglich keiten ganz in der Nähe der Felsen, etwa in den Ortschaften Arginonta und Panormos. 5. KLEIDUNG Du solltest eine Fleece-Jacke oder etwas Ähnliches dabeihaben. Im Frühjahr und Herbst können die Temperaturen abends und am frühen Morgen empfindlich kühl sein.
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GUIDE Reisen
Entdeckung der Langsamkeit Ich suche also nach Möglichkeiten, die ich davor gar nicht in Erwägung gezogen hätte. Und tatsächlich, es klappt: Mit einer einzigen Zehe stehe ich auf einem winzigen Felsvorsprung und kann mein ganzes Körpergewicht tragen. Nachdem ich versucht habe, eine 30 Meter lange Strecke ohne Pause zu klettern, weist mich Dourdourekas auf einen weiteren klassischen Fehler hin: „Du musst dich auf großen Felsvorsprüngen kurz aus ruhen, deine Arme ausschütteln – du musst langsamer werden.“ 82
„Mit einer einzigen Zehe kann ich mein ganzes Gewicht tragen.“ Autor Matt Ray lernte neue Klettertricks.
Von erfahreneren Kletterern zu lernen ist eine uralte Tradition des Sports. Bei meinem nächsten Versuch auf Axium erinnere ich mich wieder daran, was Loukas sagte. Diesmal suche ich nach einer Stelle, an der ich eine Pause einlegen kann. Auf 35 Meter Höhe drehe ich mich seitlich zur Wand, halte meine Arme so gerade wie möglich und schüttle sie aus. Als ich wieder an der Schlüsselstelle ankomme, an der ich das letzte Mal gescheitert bin, habe ich nun genug Kraft und Ausdauer. Einen Triumphschrei ausstoßend, erreiche ich den Gipfel. Mein Körper wird von Endorphinen überflutet. Ich drehe mich um und sehe das Meer tief unter mir verführerisch glitzern. Von oben betrachtet ist es noch viel schöner. Matt Ray ist ein auf Action-Sportarten spezialisierter Autor und Fotograf. Er ist schon überall geklettert: Von den Sandsteinfelsen des Peak District in England bis zu den Wüstenwänden im jordanischen Wadi Rum. adventurefella.com THE RED BULLETIN
GLORIA RAMIREZ
der erste Grieche, der eine 8c+-Route geschafft hat) Ratschläge. Er erklärt, wie sich das, was man in einer Kletterhalle gelernt hat, auf einen natürlichen Felsen übertragen lässt. „Indoor sind die meisten Tritte ziemlich ähnlich und relativ groß“, erklärt Dourdourekas. „Draußen ist die Herausforderung eine ganz andere. Vor allem musst du lernen, kleineren Tritten zu vertrauen.“
MATT RAY
Weltklasse-Kletterer Stefano Ghisolfi in der Atena Wall (6b+). Sein Tipp: „Ich setze mir Zwischenziele.“
GUIDE Gaming
GAMING & STYLE
Digitale Models Fashion-Expertin Jazzy Cho über die Mode-Trends im Mega-Game „Die Sims 4“.
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Spielfiguren aus dem Gaming-Hit „Die Sims 4“: koreanische „Airport-Mode“ in digitaler Form
„Die K-Fashion ist geprägt von Stickereien, kräftigen Farben und fließenden Stoffen, die beim Hanbok, der traditionel len koreanischen Kleidung, üblich sind“, sagt Cho. Heute erlebt Hanbok eine Neuinter pretation im modernen StreetStyle. „Lockere Baji-Hosen
(traditionell für Männer; Anm.) werden von Frauen in maß geschneiderter Form ge tragen, und das bodenlange Chima-Hemd gibt es in einem kürzeren, leichteren Stil, aber immer noch mit Volumen. Früher galt: Je mehr, desto angesehener war man.“ Das Incheon Arrivals Kit zelebriert dies mit einer modernen Ver sion des „Durumagi“, eines Herrenmantels. Die für Han bok t ypische Liebe zum Detail erstreckt sich auf alle Aspekte des Lebens: „Es gibt Restau rants, die bieten Schürzen für ihre Gäste!“
Fast Fashion
„Die Mode in Korea entwickelt sich permanent.“ Fashion-Guru Jazzy Cho
„Die Stile entwickeln sich permanent“, so Jazzy Cho. „Gerade ist es total angesagt, seine eigene Farbe zu haben. Es gibt Läden, die schauen sich deinen Hautton an und suchen dann die passenden Farbnuancen dazu. Diese Mode hat also einen Wieder erkennungswert, ist aber nie homogen.“
Mehr Romantik, bitte! Der Airport-Style mit seiner kosmopolitischen Sichtweise passt perfekt zu Chos Hinter grund. „Ich sehe mich als Koreanerin, betrachte diese Kultur aber durch die ameri kanische Brille“, sagt sie. Und ergänzt: „Was mir als US-Bürgerin beispielsweise aufgefallen ist: Die koreani sche Kultur ist – vom K-Pop bis hin zur Küche – äußerst romantisch. Die Liebe und die Glücksgefühle rund um eine funktionierende romantische Beziehung werden unglaub lich gefeiert. Viele Marken verkaufen Mode im Paket für Paare, sodass sie perfekt zusammenpasst. Wir spielen darauf auch in unserem Incheon A rrivals Kit an: Einige Kleidungsstücke ergänzen einander.“ Das „Incheon Arrivals Kit“ für „Sims 4“ ist jetzt auf PlayStation, Xbox, PC und macOS verfügbar; ea.com. Mehr zu Jazzy Cho auf youtube.com/jazzycho und TikTok: @thejazzycho THE RED BULLETIN
ALEXANDRA ZAGALSKY
Lockere Klassik
ELECTRONIC ARTS
Flughäfen sind nicht gerade für ihre Modeszene bekannt. Eine Ausnahme ist der Incheon International Airport in Südkorea. Der futuristische Umschlagplatz mit Casino und Golfplatz entspricht dem Ruf eines Landes mit voll vernetzten Smart Citys und einer weltbekannten Pop kultur. Von der K-Fashion, also der koreanischen Mode, ganz zu schweigen. Kein Wunder also, dass dieser Flughafen seine eigene Modelinie hervor gebracht hat: die „Gonghang Fashion“, deutsch: FlughafenMode. E ntstanden ist sie aus den Schnappschüssen der Paparazzi, die aus Übersee ankommende topgestylte Prominente ablichteten. „Die Südkoreaner sind stolz auf ihren Incheon Airport, weil hier die Touristen einen ersten Eindruck vom Land gewinnen“, erklärt Jazzy Cho, US-Mode-Influencerin mit koreanischen Wurzeln. Ihre Mission: der Welt die Kultur ihres Ursprungslands zu ver mitteln. Deshalb kuratiert Cho das „Incheon Arrivals Kit“, eine Zusammenstellung von Gonghang-Outfits für das Social-Simulation-Spiel „Die Sims 4“. Hier erklärt sie, was es mit K-Fashion auf sich hat.
GUIDE Gaming Gear
GADGET
TrendBehälter Stilvoller ist ein PC noch nie aufgetreten als in dieser Design-Hülle aus Schweden. Die schwedische Designfirma Teenage Engineering ist für ihre minimalistischen Gadgets bekannt: Taschensynthesizer oder Drumcomputer zum Beispiel. Außerdem kennt man ihre Mitarbeiter als ComputerNerds. Als etwa für die PCs in der Werkstatt keine anständige Hülle aufzutreiben war, baute sich das Team einfach selbst eine. Die „Computer-1“ misst 32 × 19 × 17 cm und hat einen Tragegriff. Das in auffälligem Orange lackierte Teil ist flach verpackt und kommt mit Bau anleitung und Nerd-Weisheiten wie „Think twice, bend o nce“, also: „zweimal nachdenken, einmal umbiegen“! Der Preis: ca. 195 Euro. teenage.engineering
TEENAGE ENGINEERING
LEUCHTENDES VORBILD Der ideale Transportbehälter für einen Mini-ITX-PC, der im Preis natürlich nicht inbegriffen ist. Damit zieht man bei GamingEvents garantiert alle Blicke auf sich.
THE RED BULLETIN
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GUIDE Lesestoff
Kugelblitz auf Acid US-Autor Matt Ruff hat in den 33 Jahren seiner Karriere nur sieben Romane geschrieben. Keiner ist wie der andere, bis auf eins: Sie sind alle irre gut. Text JAKOB HÜBNER
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att Ruff eilt ein gewisser Ruf voraus: Ausnahmetalent, Wenigschreiber, Kultautor. Was die Wahl seiner Themen, Zugänge und Stilmittel betrifft, ist der 1965 in New York geborene US-Amerikaner in etwa so berechenbar wie ein Kugelblitz auf Acid. Am Beginn dieser verwegenen Werkschau steht „Fool on the Hill“ aus dem Jahr 1988. Offenbar konnte sich Ruff, damals gerade einmal 23 Jahre alt, nicht recht entscheiden, ob er ein Zaubermärchen,
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ine Campus-Komödie, eine e Liebesgeschichte, eine Tier fabel oder einen Horror- Slasher schreiben sollte. Also tat er alles auf einmal – und verfasste damit einen der besten Debütromane, die je ver öffentlicht wurden. Die Kritiker kamen aus dem Jauchzen kaum noch heraus, und alle fieberten erwartungsvoll dem zweiten Werk dieses jungen Supertalents entgegen. Ruff ließ sie zehn Jahre lang fiebern, ehe er 1998 mit „G.A.S.“ eine wahnwitzige Sci-Fi-Operette nachreichte,
die sich wie eine Verbeugung vor Douglas Adams (z. B. „Per Anhalter durch die Galaxis“) liest und allerbeste Voraus setzungen bietet, sich nachhaltig das Hirn zu verrenken. Diesem skurrilen KamikazeKlamauk ließ Ruff dann fünf Jahre später sein bisher feinfühligstes Buch folgen. „Ich und die a nderen“ (2003) ist eine als Thriller getarnte Seelenromanze, in deren Mittelpunkt Penny und Andrew stehen – zwei Menschen, die selbst allerdings keinen Mittelpunkt haben, da sie beide an multi pler Persönlichkeitsstörung leiden. Ein wundervoller Roman, der sich via Zwerchfell tief ins Herz schleicht. Der nächste Halt auf dieser literarischen Achterbahnfahrt heißt „Bad Monkeys“ und stammt aus dem Jahr 2007: THE RED BULLETIN
VINZ SCHWARZBAUER
GENRE-QUERSCHLÄGER
„88 Namen“, Kapitel 1, Erste Vorbemerkung
BUCHTIPPS
SHERPA – wird bezahlt, um Spieler durch ein Massive Multiplayer Online Role-Playing Game (MMORPG) zu führen. Sherpas stellen ihren Kunden Charaktere, Ausrüstung und fähige Teamkameraden zur Verfügung und ermöglichen es ihnen, Spielinhalte für erfahrene Spieler zu erleben, ohne Hunderte von Stunden investieren zu müssen. Sherpas sind oft Freiberufler und haben mit den Unternehmen, die das jeweilige Spiel veröffentlicht haben, nichts zu tun.
In einer Verhörzelle im ge schlossenen Trakt einer Voll zugsanstalt in Las Vegas tischt die des Mordes an geklagte Jane Charlotte dem ihr zugeteilten Psycho-Weiß kittel eine sagenhafte Lebens geschichte auf, die nicht nur komplett irre, sondern auch irre komplett ist. Ruff insze niert dieses subtile Duell als paranoides Kammerspiel, in dem sich Wahn und Wirklich keit gefährlich nahe kommen. Noch einen Gang höher im Zwischengetriebe der Rea lität schaltet Ruff 2012 mit „Mirage“. Das Setting: Am 9. 11. 2001 krachen zwei Flug zeuge in die Türme des Welt handelszentrums von Bagdad, ein drittes in das saudi-arabi sche Verteidigungsministeri um in R iad. Das Erstaunlichste an dieser radikalen Alternativ weltgeschichte (à la Philip K. Dick) ist, dass Ruff den Zerr spiegel eines christlichen Fundamentalismus durchaus humorvoll aufzieht, ohne einen Tropfen Zynismus aus zuschütten. Wer nun glaubt, damit wäre des Wahnsinns fetteste Beute dieser Liste bereits eingefah ren, der irrt: Denn 2016 er scheint „Lovecraft Country“. Wie man auf die abstruse Idee kommt, die Schrecken der US‑Rassendiskriminierung der Fünfzigerjahre zusammen mit gruseligen Versatzstücken aus den Horrorgeschichten H. P. Lovecrafts in einen schun digen Pulp-Episodenroman zu packen, weiß wohl nur einer. THE RED BULLETIN
Dass man diese Idee grandios umsetzen kann, wissen (auch dank der gleichnamigen TVSerie) mittlerweile sehr viele. Womit wir beim vorerst letz ten Streich Matthew Theron Ruffs wären: „88 Namen“. Wie der begibt er sich auf neues Terrain, diesfalls in die virtuelle Welt der Massive Multiplayer Online Role-Playing Games, in der es der professionelle Sherpa John Chu mit e inem undurchsichtigen Kunden zu tun bekommt, hinter dessen Game-Charakter sich mögli cherweise der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un ver steckt. Was jedoch angesichts der Rachegelüste seiner mas siv überhitzten Exfreundin Darla nur Johns zweitgrößtes Problem ist … „Pure geek gold“ urteilte das renommierte New Yorker Branchenblatt „Publishers Weekly“. Fazit: Ein Buchregal, in dem kein einziger Roman von Matt Ruff steht, den kann man literarisch nicht wirklich ernst nehmen.
MATT RUFF „88 Namen“ Deutsch von Alexandra Jordan (Fischer Tor)
Sie wollen nur spielen Cyber-Schreiber: wie man in virtuelle Welten abtauchen kann, ohne den Computer hochzufahren.
DANIEL SUAREZ Exakt in der Sekunde, in der das Computerspielgenie Matthew Sobol stirbt, erwacht sein digitales Vermächtnis zum Leben: ein viraler Trojaner, der mit der menschlichen Zivilisation – im wahrsten Sinne des Wortes – abrechnet. Warnung: Bevor man diesen Hightech-Thriller oder den Nachfolger „Darknet“ aufschlägt, sollte man sich mit Proviant für mindestens zwei Tage eindecken. „Daemon“ (rororo)
ERNEST CLINE Mit dem Weltbestseller „Ready Player One“ (verfilmt von Steven Spielberg) gelang Ernest Cline das virtuose Kunststück, eine rund 540 Seiten starke Reminiszenz an die Achtzigerjahre in ein hochkomplexes GameSetting aus dem Jahr 2045 zu katapultieren. Leider konnte die Fortsetzung „Ready Player Two“ mit dieser rasanten krachbunten „Easter egg rallye“ nicht ganz mithalten. „Ready Player One“ (Fischer Tor)
TAD WILLIAMS Ein Genre-Meilenstein aus der digitalen Steinzeit: „Stadt der goldenen Schatten“, Teil 1 der legendären „Otherland“Tetralogie des US-Autors Tad Williams. Das Werk erschien bereits 1996 und gilt als eine Art literarischer Quelltext für die Erforschung virtueller Parallelwelten. Eine gewisse Liebe zum Detail sollte man angesichts der insgesamt fast 4.000 Seiten allerdings mitbringen. „Otherland“ (Klett-Cotta)
CORY DOCTOROW Aktivist, Blogger, Autor – der kanadische Internetguru Cory Doctorow hat sich den Ver heißungen der Digitalisierung bereits an mehreren Fronten gestellt. Herausragend sind seine „Little Brother“-Romane, in denen er in allerbester Orwell-Manier den Kampf gegen den totalen Über wachungsstaat aufnimmt. Das Vorwort der 2021er- Neuauflage stammt übrigens von Edward Snowden. „Little Brother: Aufstand“ (Heyne)
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GUIDE Film
Marc-André Leclerc hat viele neue Routen im Alleingang be stiegen. Ganz links: am Torre Egger in Patagonien; links: unterwegs in den „North Walls“ von „The Chief“ bei Squamish in British Columbia, Kanada
„THE ALPINIST“
Der Kanadier Marc-André Leclerc war ein Kletterer, dem selbst die größten Berghelden huldigten. Ein faszinierender Film erzählt seine Geschichte.
Dort, wo niemand vor ihm gewesen war, dorthin wollte der kanadische Bergsteiger. Deshalb wagte er sich an Routen, vor denen selbst versierte Kletterer zurückscheuten oder sie – im Extremfall – nicht einmal als mögliche Routen in Erwägung zogen. Marc-André Leclerc hat diese außergewöhnlichen Touren gesucht – und er hat sie bewältigt, meist im Alleingang. Ohne große Aufregung zu schüren, nur, weil er es wollte. Seine Mutter Michelle Kuipers: „Er hat kein Interesse daran gehabt, berühmt zu werden.“ Selbst nach ersten spektakulären Touren zog er kaum Aufmerksamkeit auf sich. Er galt als geheimnis 88
umwitterter Außenseiter der Szene. Manche meinen, MarcAndré sei wie einer gewesen, der aus der Zeit gefallen sei. Wie ein Mann der 1970er- oder 1980er-Jahre, als die neue Dreifaltigkeit aus Handy, Internet und Social Media noch nicht einmal Vision war. Selbst für Regisseur Peter Mortimer war der Solo-Bergsteiger kaum fassbar: „Er hatte kein Telefon, kein Auto und musste erst von der Idee eines Films überzeugt werden.“
Angst ausschalten
Leclerc kletterte die schwierigsten Routen, an die man sich nur wagen konnte.
Tatsächlich war Marc-André alles andere als ein Adrenalinjunkie. Er wusste um die Gefährlichkeit der Berge und beendete Touren, wenn ihm das Risiko zu hoch erschien. Er beschäftigte sich intensiv mit der notwendigen Aus rüstung. Als Fünfzehnjähriger schraubte er Haken in die Balken seines im Keller ge legenen Schlafzimmers und bastelte stundenlang an sei-
nem Werkzeug, das er für schwierige Touren im Eis verwendete. Und obwohl er um sein Talent wusste, übte er tausende Stunden. Weil er wusste, dass Adrenalin der Feind guten Kletterns ist, weil es Angst auslöst und dich dumme Dinge tun lässt. Und er lernte, die Angst auszuschalten – als würde man einen Lichtschalter umlegen –, um ganz im Moment aufzugehen.
Begeisterte Kritiken „The Alpinist“ wird von der Kritik begeistert aufgenommen: „Mitreißend, angst erregend und hypnotisierend“, schreibt etwa „Variety“. Vergessen dürfen wir dabei nicht, dass Marc-André Leclerc nicht mehr unter uns weilt. Er verunglückte 2018, erst 25-jährig, bei einer Tour in Alaska. Bis heute wurde der stille Revoluzzer nicht gefunden. Der Film läuft am 17. Februar in den österreichischen Kinos an. polyfilm.at/film/der-alpinist/ THE RED BULLETIN
AUSTIN SIADAK, RICK WEATHER, SCOTT SERFAS
Stiller Revoluzzer
GUIDE Playlist YELLO
„Da musst du einfach chillen“ Zum 40. Jubiläum des Schweizer Elektropop-Duos präsentiert Gründer Boris Blank vier Songs, ohne die er nicht kann.
BENJAMIN STAFFE
MARCEL ANDERS
Boris Blank ist der Typ im Hintergrund – der seinem Partner, dem wortgewandten Dieter Meier, gern das mediale Rampenlicht überlässt, dessen Kreativität aber essenziell für Yello ist. Der heute 70-jährige Zürcher lieferte für Meiers tiefen Bariton das musikalische Fundament – das abenteuerliche Puzzle aus wilden Samples, Loops und allerhand elektronischen Spielereien, das inzwischen 14 Alben gefüllt und Yello zum erfolgreichsten Schweizer Musikexport gemacht hat. Gerade feierte das Duo sein 40. Jubiläum mit dem Bildband „Oh Yeah – Yello 40“, der rare Fotos, Posters und Souvenirs der Bandgeschichte versammelt. Für The Red Bulletin wählt Blank vier Songs aus, die ihn von damals bis heute geprägt und inspiriert haben.
„Oh Yeah“: Boris Blank (re.) und Yello-Partner Dieter Meier. yello.com
THE STOOGES
HERBIE HANCOCK
THE NORMAL
BIGA*RANX & LIL SLOW
DOWN ON THE STREET (1970)
RAIN DANCE (1973)
WARM LEATHERETTE (1978)
OVA (2020)
„Als ich in den Siebzigern in die Musik eingetaucht bin, standen für mich Cream, Frank Zappa und vor allem The Stooges im Vordergrund. Das Stück ‚Down On The Street‘ von Letzteren war Aufbruchsstimmung, Anarchie – und der Grund, warum ich in den Achtzigern nicht total auf Punk abgefahren bin. Denn ihr Punk war schon da, bevor Punk da war – es war quasi Proto-Punk.“
„Auf dem Album ‚Sextant‘ von Herbie Hancock findet sich das Stück ‚Rain Dance‘, das meine Ohren für elektronische Musik geöffnet hat. Da spielen sich Szenen ab wie von einem anderen Planeten: Herbie hat die Mischung aus Jazz und synthetischen Klängen so perfekt inszeniert, dass sie bis heute zeitlos ist. Deshalb habe ich mir einen ARP-Odyssey-Synthesizer gekauft. Seitdem mache ich Musik.“
„Ein weiteres Stück, das mich absolut fasziniert hat und einer der Auslöser dafür war, selbst Musik zu machen: The-Normal-Mastermind Daniel Miller war der elektronischen Musik – für mein Empfinden – seinerzeit ungefähr 30 Jahre voraus. Wenn ich die Nummer heute höre, erinnert mich das total an die Zeit Ende der Siebzigerjahre. Gleichzeitig ist es aber immer noch sehr modern.“
„Es gibt auch heute noch Musik, die mich inspiriert, so wie dieser Song. Ein Stück, das mir unter die Haut geht. Eine moderne Interpretation von Reggae, von Soul, von Stimme, von Euphorie, von Melancholie, Energie und Lebendigkeit. Und es hat etwas Echtes, was heute schon eine Seltenheit ist. Ich würde sagen: Da musst du einfach chillen, ein Hinhörer erster Klasse.“
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SCHUHE AUFBLASEN A.BOVE VON ABS Hin und wieder wünschen wir uns, bestimmte Sätze hinschrei ben zu dürfen. Zum Beispiel: „Du kannst mir den Schuh auf blasen!“ Nun ist es endlich so weit. Und es ist auch noch wahr! Von ABS gibt es jetzt Schneeschuhe, die per Mini-Pumpe zu einem Schlauchboot für die Füße werden. abs-airbag.com
ICH SEH, ICH SEH WOLFGANG TILLMANS IM MUMOK Die Frage „Was sehe ich?“ ist nur scheinbar eine simple. Wie vielseitig sie zu beantworten ist, zeigt Fotograf Wolfgang Till mans seit den 1990er-Jahren. Wobei: Der Mann filmt, musi ziert und installiert mittlerweile auch – zu sehen bis 24. April im Wiener Mumok. mumok.at
„ WAIT A MINUTE, THIS LOVE STARTED OUT SO TENDER, SO SWEET, BUT NOW SHE GOT ME SMOKIN’ OUT THE WINDOW.“ Bruno Mars und Anderson .Paak, zusammen Silk Sonic, trauern in ihrem neuen Song ihrer Liebe nach, weshalb sie jetzt beim Fenster hinaus rauchen müssen. Q R-Code zum Video scannen: Wie die beiden ihre Z igaretten halten, entlarvt sie als Nichtraucher.
Richtig gutes Zeug Ein Lob der Zeitlosigkeit: Wir preisen Avril Lavigne, eine „Matrix“-Uhr und Schuhe, die wie Mini-Boote aussehen.
AB IN DIE MATRIX! HAMILTON PSR MTX Nach Jahrzehnten des Wartens durften wir uns dieser Tage an Teil 4 der „Matrix“-Saga er freuen. Dem ewigen Rätsel um Wirklichkeit oder Illusion ver danken wir eine Uhr, die Motive von „Matrix“ aufnimmt: etwa das leuchtende Grün der Digital anzeige. Oder das Regenmuster aus dem Film auf dem Gehäuse boden. hamiltonwatch.com
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GUIDE Tipps & Trends BLAULICHT-ALARM! RED BULL SPECT ELF RX Wer ein echter Gamer ist, widmet sich seinen Lieblingsspielen mit der gebotenen Hingabe. Was aber, wenn der Durchblick schwindet, weil der hohe Blaulichtanteil der Schirme ermüdet? Aufhören? Nein, Brille mit Blaulichtfilter aufsetzen – nicht umsonst tragen die gelben Gläser die Bezeichnung „Warrior“. Bei United Optics. unitedoptics.at
FÜR IMMER JUNG Frische 116 Jahre: Henkelkorb aus Silber von Josef Hoffmann
BISSFEST COURTESY OF GALERIE BUCHHOLZ/MAUREEN PALEY/LONDON/DAVID ZWIRNER/NY
„BITE ME“ VON AVRIL LAVIGNE Dass die kanadische Sängerin Avril Lavigne knapp 20 Jahre nach ihrem Welthit „Sk8er Boi“ auf ihrem neuen Album „Bite Me“ so klingt wie 2002, über rascht uns nicht wirklich (aber es gefällt uns!). Was aber ab solut erstaunlich ist: Sie sieht praktisch genauso aus wie damals. Wer’s überprüfen will: Am 17. März tritt sie in der Wiener Stadthalle auf. avrillavigne.com
LASST BLUMEN SPRECHEN KLEID VON ETRO Wenn das Blumenkind zur Dame gereift ist, schlüpft sie in ein Kleid wie dieses. Es stammt aus der Sommerkollektion von Etro und kündet von „Freiheit, Achtsamkeit und kleinen Fluchten“. Creative Director Veronica Etro empfiehlt den Trägerinnen: „Let the sunshine in!“ Und wir kugeln inzwischen friedlich über bunte Wiesen. etro.com
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ZEITLOSE SCHÖNHEIT HENKELKORB VON JOSEF HOFFMANN Ein Henkelkorb aus Silber – wunderschön, sehr modern, denkt man. Irrtum: Er ist 116 Jahre alt und wurde von dem Architekten Josef Hoff mann (1870–1956) entworfen. Der Korb ist Teil von Hoffmanns Würdigung „Fortschritt durch Schönheit“. Zu sehen bis 16. Juni im Wiener MAK. mak.at
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B O U L E VARD DER HEL DEN
ERIKA FUCHS
„DEM INGENIÖR IST NICHTS ZU SCHWÖR“
Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 22: Die Frau, die Donald Duck zu literarischer Qualität verhalf.
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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT MICHAEL KÖHLMEIER
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IMAGO, GETTY IMAGES, PICTUREDESK.COM
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er Panzerknacker 176-7/6 emeiner Erzählung von Charles Dickens pört sich, weil niemand da ist, nachgestalteten Figur Scrooge McDuck der zur Verteidigung seines Begibt sie in der Übersetzung den Namen rufsstandes die Stimme erhebt: Dagobert Duck; Gyro Gearloose, den „Wozu sind wir Mitglieder genialen Erfinder – den Ingeniör, dem im Interessenverband der Ein- und Aus nichts zu schwör ist –, tauft sie um in brecher?“ Sein Kollege 176-6/7 ant Daniel Düsentrieb, eine der genialsten wortet, ebenfalls empört: „Ja, und dem Wortschöpfungen aus ihrer Werkstatt. MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger Ringverein der Fälscher, Forstfrevler und Und aus dem vom Zeichner Carl Barks Bestsellerautor gilt Fassadenkletterer gehören wir auch an.“ Duckburg genannten Städtchen wird als bester Erzähler Im englischen Original heißen die das weit über unsere Sprache hinaus bedeutscher Zunge. rühmte Entenhausen. Die umliegenden Burschen mit den ewigen schwarzen Zuletzt erschienen: Ortschaften übrigens haben so wunderTarnbrillen „Beagle Boys“. Beagle ist der der Roman „Matou“, bar sprechende Namen wie Kummersdorf Name einer Hunderasse, Jagdhunde. 960 Seiten, Hanser Verlag. oder Quakenbrück an der Schnatter. Frau Dr. Erika Fuchs, die Übersetzerin der Donald-Duck-Geschichten, hat die ber nicht nur mit den Namen verfuhr Frau Namen der Einwohner einer von bunten Tieren Fuchs frei und nach ihrem Geschmack, auch bevölkerten Stadt ins Deutsche übertragen, und dies die Dialoge der Sprechblasen gestaltete sie um mit sehr freier Hand. Dass Walt Disney dazu die oder erfand sie frischweg neu. In einem Interview, Erlaubnis gab, ist erstaunlich, wo er doch sonst in da war sie schon weit über achtzig, konfrontierte sie Urheberrechtssachen unerbittlich streng sein konnte. der Journalist mit seinem – und nicht nur seinem – Der Großmeister der amerikanischen Comics und Urteil, sie habe aus den relativ schwachen T exten des Zeichentrickfilme hat wohl sehr bald begriffen, dass amerikanischen Originals in ihren Übersetzungen er mit der Literaturwissenschaftlerin, Kunsthistorikerin und Archäologin ein außerordentliches Talent große moderne Literatur gemacht. Tatsächlich blitzt gewonnen hatte, das man nützen, aber nicht ein der Witz, den wir als so typisch für diese Geschichten engen konnte. Sie durfte in ihren Übersetzungen der bezeichnen, nur in den deutschen Ausgaben auf. Bildergeschichten, die zum größten Teil von dem Frau Fuchs wehrte sich charmant gegen diese Einschätzung – auch um ihren Freund Carl Barks in anderen außerordentlichen Talent, dem Zeichner Schutz zu nehmen. Witz sei nicht übersetzbar, sagte Carl Barks, stammten, schalten und walten, wie es sie. „Die Amerikaner lachen über andere Dinge ihr beliebte. Aus Donalds Neffen Huey, Dewey und als wir.“ Außerdem fänden sich Anspielungen auf Louie machte sie Tick, Trick und Track; der geizigen,
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B OU L EVAR D DE R HE L D E N
literarische und andere Traditionen in der ameri kanischen Kultur viel seltener als bei uns. Also sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als zu den vor gegebenen Geschichten und Figuren neue Dialoge zu schreiben. Und neue Worte zu erfinden, müsste man hinzu fügen. Sie erfand Wörter, die Geräusche sprachlich wiedergeben sollten – zum Beispiel sehen wir, wenn Donald in die Steckdose greift, quer über das Bild ein grafisch schmerzhaft gezacktes Spratzel-Spratzel! Darüber hinaus gilt Erika Fuchs als Begründerin einer in der deutschen Sprache neuen Verbform: des nach ihr benannten „Erikativs“. Diese sprach liche Form ist inzwischen längst in den allgemeinen Sprachschatz übergegangen – ächz, grübel, würg, schluck, knirsch …
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propos Anspielungen: Ich weiß nicht, wie viele Dissertationen und andere wissenschaftliche Arbeiten geschrieben wurden, in denen den unzähligen historischen und literarischen Anspie lungen in den Übersetzungen von Erika Fuchs nach geforscht wird. Der Ingeniör-Spruch zum Beispiel ist eine satirische Nadel auf das seinerzeit berühmte „Ingenieurlied“ von Heinrich Seidel: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwere – / Er lacht und spricht: / ‚Wenn dieses nicht, so geht doch das!‘ / Er überbrückt die Flüsse und die Meere, / Die Berge unverfroren zu durchbohren ist ihm Spaß …“ Oder wenn Tick, Trick und Track, die ebenso drolligen wie besser wisserischen Drillinge, schwören, dass sie sich bei aller Unbill beistehen wollen, dann lesen wir: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr.“ Das ist dem grimmi gen Rütlischwur aus Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ nachgeredet; statt „trennen“, wie es bei Schiller heißt, sagen sie „waschen“ – da sieht der humorfreie Schiller ziemlich baff aus. Oder wenn Daniel Düsen trieb, dem wieder einmal eine seiner Erfindungen nicht gehorcht, resigniert feststellt, er wolle stets das Gute, schaffe aber meistens nur Böses, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als an Mephisto in Goethes „Faust“ zu denken, dem es genau umgekehrt geht; aber auch an Albert Einstein denken wir, der mitten im Krieg den damaligen amerikanischen Präsidenten Roosevelt bat, so schnell wie möglich die Atom bombe zu bauen, um Hitler zuvorzukommen, und der nach dem Krieg zu einem vehementen Warner vor der atomaren Aufrüstung wurde.
Erika Fuchs hat der deutschen Sprache den Erikativ geschenkt: ächz, grübel, würg, schluck! 94
Der Literaturkritiker Denis Scheck schreibt: „Die Comic-Texte der Erika Fuchs haben die deutsche Sprache bereichert wie keine zweite literarische Übersetzung seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Sie selbst gibt sich bescheiden: „Ach, ich habe nur versucht, die Personen sprachlich zu unterscheiden als Ver treter von einer bestimmten Klasse und Generation. Und so redet eben Onkel Dagobert sehr korrekt, mit Konjunktiv und mit dem echten Genitiv, mit sehr vielen Sprichwörtern, sehr autoritär auch. Donald, der ja keinen Erfolg im Leben hat, der wetzt das aus, indem er oft blumig spricht und manchmal fast poetisch wird. Das habe ich mir so allmählich aus gedacht, dass man dadurch die Sache bereichern könnte. Das ist ja im Amerikanischen eigentlich nicht so möglich, weil da jeder im selben Stil spricht, die Unterschiede sind nicht so groß wie bei uns.“ Erika Fuchs, die Spracherneuerin – damit reiht sie sich ein neben die großen Übersetzer, die den Horizont der deutschen Sprache manchmal weiter spannten als ihre originären Dichterkollegen: Luther mit seiner Bibelübersetzung, Heinrich Voß mit dem Homer und Schlegel/Tieck mit Shakespeare.
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n den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden Comics in Deutschland noch als Schund bezeichnet, und die meisten Hefte, die im Um lauf waren, wurden diesem Urteil durchaus gerecht. Die ersten Übersetzungen von Hergés genialen Bild romanen „Les aventures de Tintin“ kamen etwa zur gleichen Zeit heraus – als „Tim und Struppi“. Sie stießen ebenso auf Unverständnis wie die DonaldGeschichten. Man warf alles, was bunt g ezeichnet und mit Sprechblasen versehen war, in einen Topf. An manchen Schulen sollen Lehrer sogar Heft verbrennungen im Schulhof organisiert haben. Die Kinder, so hieß es in mitunter hysterischen Aufrufen, würden durch die Lektüre verdorben, ihre Seele lebenslang geschädigt. Um das Image der bunten Hefte aufzupolieren, suchte der Disney-Konzern nach einem angesehenen Übersetzer, promoviert sollte er sein, am besten ein Professor. Die männ lichen Honoratioren winkten allerdings alle ab. Da trat man eben an Frau Dr. Fuchs heran, und sie war bereit, sich der damals wenig geachteten Aufgabe anzunehmen. Zu den Nasenrümpfern soll sie ge sagt haben, sie zahle für jeden falschen Konjunktiv, der ihr in ihren Übersetzungen nachgewiesen werde. Sie musste nicht zahlen. Im Jahr 2001 erhielt sie den Sonderpreis zum Heimito von Doderer-Literaturpreis. Dass Comics endlich auch in Deutschland als die „9. Kunst“ anerkannt wurden, ist nicht nur, aber vor allem das Verdienst von Erika Fuchs. Donald Duck, der kleine Erpel im Matrosenanzug, der nur ein Thema in seinem Leben kennt, nämlich das Geld, respektive den Mangel desselben, wurde im deutsch sprachigen Raum zu einem der großen, unvergleich lichen literarischen Charaktere des 20. Jahrhunderts. Diesen jähzornigen, aber auch überschwänglich
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Donald Duck wurde zu einem der großen literarischen Charaktere des 20. Jahrhunderts. ptimistischen, dann wieder tieftraurig räsonierenden o Charakter – „ich bin ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ –, der uns in Tier gestalt Menschliches, Allzumenschliches vorführt, wir verdanken ihn dieser Frau.
Szene, in der Ing. Düsentrieb Butter macht, indem er, das Butterfass mit der Milch am Rücken, auf Sprungstelzen durch Entenhausen hüpft. Erika Fuchs war ein bescheidener Mensch, eine Frau mit einem abgrundtiefen Witz, wie er in der deutschen Literatur gerade noch bei Georg Christoph Lichtenberg zu finden ist. Ihr letzter Wunsch war, neben ihrem Mann, den sie um einundzwanzig Jahre überlebt hatte, beigesetzt zu werden. In einen einfachen Stein sind ihre beiden Namen gemeißelt, nur ihre Namen. Die Kommentare geben wir ab. Wer diese Erika Fuchs war und was sie geleistet hat, das weiß jeder.
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rika Fuchs wurde neunundneunzig Jahre alt, am 22. April 2005 ist sie in München gestorben. Verheiratet war sie mit einem Techniker und Erfinder – gefinkelte „Donaldisten“ glauben heraus gefunden zu haben, dass Frau Fuchs in ihren Briefen und Telefonaten dem Zeichner Carl Barks allerlei Ezzes zu der Figur des Daniel Düsentrieb gegeben hat, die sie wiederum von ihrem Mann Günter Fuchs zugesteckt bekam – zum Beispiel die köstliche
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