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The Red Bulletin AT 03/21

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ÖSTERREICH MÄRZ 2021 € 3,50

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

DIANE KRUGER

ÜBER ABENTEUER, KUNST UND MAMAS COUCH

RB Leipzigs Kapitän über Liebe, Ehrgeiz und radikale Ehrlichkeit

ABTAUCHEN MIT EISSCHWIMMER JOSEF KÖBERL

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E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

WENN KÄLTE COOL IST DIE „QUEEN“ ALS VORBILD

NORMAN KONRAD (COVER), GETTY IMAGES, PHILIPP HORAK, NICK CAVE/JACK SHAINMAN GALLERY

Was hört US-Rap-Star Common privat? Zum Beispiel „U.N.I.T.Y“ von Queen Latifah (o.). Seine Playlist: Seite 16

40 ZENTIMETER

lang war der Nagel, der Nadine Wallners linken Fuß nach einem Unfall zusammenhielt. Heute ist die Freeride-Welt­ meisterin als Kletterin erfolgreich. Ab Seite 70

Wer über Josef Köberl eine Geschichte ­schreiben will, muss sich einer Heraus­ forderung stellen. Denn der Eisschwimmer besteht darauf, dass die Reporter selbst ins sehr, sehr kalte Wasser steigen. Glück­ licherweise verfügen wir mit Philipp Horak und Karin Cerny über einen Fotografen und eine Autorin, die davor nicht zurück­ schrecken: Beide trainieren seit Monaten mit dem Mann, der die Kälte liebt. Wie’s im etwa null Grad kalten Gletscherwasser war? „Am schwierigsten war es danach, mit tauben Füßen aus dem Wasser die L ­ eiter hochzuklettern“, sagt Cerny. Die Geschichte gibt’s ab Seite 60. Ähnlich cool wie Eisschwimmer ­Köberl muss unser Coverheld Marcel Sabitzer in den entscheidenden Momenten auf dem Spielfeld agieren. Der österreichische RB Leipzig-Kapitän über Ehrgeiz und Ehrlichkeit – und warum er sein letztes Chips-­ Packerl vor fünf Jahren aufgemacht hat: ab Seite 40.

JOSEF, DER PAPPKAMERAD

Als Kartonfigur wirbt Eisschwimmer Josef Köberl für den Hinter­ tuxer Gletscher. Den echten Rekord-Eismann treffen wir ab Seite 60.

Viel Spaß mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

FARBE BEKENNEN!

Die bunten „Soundsuits“ des US-Künstlers Nick Cave (nicht der ­Singer-Songwriter!) helfen, Vor­ urteile zu überwinden. Ab Seite 52 THE RED BULLETIN

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I N H A LT The Red Bulletin im März 2021

KUNST

52 BUNT IST DIE HOFFNUNG Mit farbenfrohen Soundsuits ist US-Künstler Nick Cave zum Weltstar geworden.

COVERSTORY

40 DER WILLE ZUM SIEG

Wie Österreichs FußballExport Marcel Sabitzer RB Leipzig prägt – und dabei als Mensch wächst.

ABENTEUER

60 JOSEFS ZITTERPARTIE

20 KEEP ON TRUCKIN’  „Mint 400“, das legendärste Offroad-Rennen der Welt bei Las Vegas

Ein Ausflug ins null Grad kalte Wasser mit Rekord-­ Eisschwimmer Josef Köberl.

KLETTERN

70 D IE ZUKUNFT IM GRIFF 20 E NDLICH GAS GEBEN!

Beim legendären OffroadRennen Mint 400 in der Wüste bei Las Vegas.

FILM

32 D IE GLOBETROTTERIN ­

Drei Sprachen, drei Leben: Warum Diane Kruger das Sofa ihrer Eltern nie vergisst.

WINGS FOR LIFE

36 UNENDLICH DANKBAR

Nach einem Unfall saß Freeski-­ Profi Mike Shaw im Rollstuhl – mittlerweile läuft er wieder.

Freeride-Weltmeisterin Nadine Wallner erfindet sich als Kletterin neu.

BOULEVARD DER HELDEN

78 EIFFELTURM FOR SALE

Michael Köhlmeier über einen Hochstapler, der mit Menschenkenntnis überzeugte.

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

88 FITNESS. Astronauten-Training macht auch Erdlinge fit.

Mit dem 25 Jahre alten Album „1995“ sind Kruder & Dorfmeister erfolgreich wie nie.

90 U HR. Vom America’s Cup aufs Handgelenk: Panerais Prunkstück

INNOVATION

50 ZIEH DIE HEIZUNG AN

AlphaTauri hat eine Jacke entwickelt, deren Innenleben auf Knopfdruck wärmt.

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK

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EISIGE ERFAHRUNG Jede Niederlage ein Sieg: das Geheimnis von Iceman Josef Köberl

83 TRAVEL. Heliskiing am Nassfeld, Dolce Vita inklusive

MUSIK

38 SCHATZ GEHOBEN

60 GAVIN BOND, PHILIPP HORAK, MAX PAROVSKY, GIAN PAUL LOZZA

MOTOR

91 GAMING. „Hitman 3“: worauf es bei Schleichspielen ankommt. 92 L ESESTOFF. „Niceville“: ein meisterhafter Genre-Mix 94 KALENDER. Die interessantesten Events und TV-Highlights

16 PLAYLIST 18 CLUB DER TOTEN DENKER

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

38 RÜCKKEHR DER PIONIERE  Mit einem „alten“ Album erfolgreich: Kruder & Dorfmeister

THE RED BULLETIN


70 BERGAUF, BERGAB Nadine Wallner, früher Freeride-Champion, ist in wenigen Jahren zur Top-Kletterin gereift.

THE RED BULLETIN

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BELO HORIZONTE, BRASILIEN

Pedros Traum

MARCELO MARAGNI/RED BULL CONTENT POOL

Die lässige Kurve und der spielerische Umgang mit Stahlbeton waren die Markenzeichen des brasilianischen Star‑Architekten Oscar Niemeyer (1907–2012). Kein Wunder, dass seine Bauten die Be­geisterung von Skatern wie Pedro Barros wecken – die stehen für ihre Abenteuer auf genau solche ­Sachen. Als der 25-jährige Brasilianer die Erlaubnis bekam, mit seinem Board Niemeyers Cidade Administrativa de ­Minas Gerais zu erobern, erfüllte sich ein lang gehegter Traum. Mehr Skate-Action: redbull.com/skate

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TURDA, RUMÄNIEN

Rekord in der Tiefe 112 Meter tief in einem Gebirgsstock in Siebenbürgen liegt das ehemalige Salzbergwerk Turda, das inzwischen eine ­beliebte Touristenattraktion ist. Rhiannan I≠land, australisches Red Bull Cliff DivingAss, war freilich nicht als Touristin hier. Die 29-Jährige wollte vorigen Oktober den weltweit ersten Sprung in einen unter­ irdischen Salzsee wagen. Das Kni≠lige an dieser Aufgabe: „Das Wasser ist um 17 Prozent dichter als Meerwasser, somit erlebst du das Eintauchen ganz anders“, sagt sie, „dafür kommst du danach blitzschnell wieder an die Oberfläche.“ Rhiannans Sprünge auf Instagram: @rhiannan_iffland


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JOERG MITTER/RED BULL CONTENT POOL


ENGELBERG, SCHWEIZ

Ganz in Weiß

Der perfekte Tiefschneehang ist nicht einfach zu finden. Windgeschützt soll er liegen, der Schnee muss unberührt sein und die optimale Konsistenz haben. US-Freeskier Connery Lundin (re.) und der schwedische Fotograf Oskar Enander kennen so ein begnadetes Plätzchen in der Nähe von Engelberg im Schweizer Kanton Obwalden. Es hat nur einen Nachteil: Die Piste erreicht man erst nach stundenlangem, ziemlich müh­ samem ­Anmarsch. Hat das die beiden abgeschreckt? Das Bild gibt die Antwort. Oskars Foto-Reisen: oskarenander.com


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OSKAR ENANDER


Z AHL EN, BI T T E!

MISSION MARS

Hallo, Raumfahrer! Vorigen Sommer schickten die USA und China Sonden zum Mars, jetzt sollen sie auf dem Roten Planeten landen. Ihre Mission: unseren ersten Besuch vorbereiten. Hier sind zwölf Zahlen für Mars-Reisende – vom Space-Roboter bis zum panischen Mond.

1877

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entdeckte der italienische ­ stronom Giovanni Schiaparelli A die „Marskanäle“, die die Fantasie seiner Zeitgenossen beflügelten: Der englische Schriftsteller H. G. Wells erdachte in „Krieg der Welten“ (1898) ­erstmals Marsianer.

Roboter befinden sich derzeit auf dem Mars.

21,4

2

Prozent aller David-BowieFans halten „Life on Mars“ für dessen besten Song. Er hatte ihn ursprünglich als ­Parodie auf Frank Sinatras „My Way“ geschrieben.

Monde hat der Mars: Ihr Entdecker, Asaph Hall, nannte sie Phobos (Angst) und Deimos (Schrecken).

-140

21.287,40

Grad Celsius kann die Temperatur an den Mars-Polkappen heute betragen. Vor 3,5 Milliarden ­Jahren war das dortige Klima ­lebensfreundlicher.

128 –333 Tage dauert eine unbemannte Reise zum Mars. Die erste NASASonde (1964) war 228 Tage ­unterwegs und schoss 22 Fotos von der Mars-Oberfläche.

12

24

Minuten länger als 24 Stunden ­dauert ein Mars-Tag. Ein Jahr ist fast doppelt so lang: 687 Erdentage.

Meter hoch ist Olympus Mons, der höchste Mars-Berg. Er ist die höchste Erhebung im gesamten Sonnensystem.

10.932.295

Namen sind auf einem Mikrochip gespeichert, der an Bord der NASA-Sonde gerade zum Mars fliegt. Er ist Teil der Kampagne „Send Your Name to Mars“.

-75

Grad Celsius beträgt die Wasser­temperatur eines unter­irdischen Mars-Sees. Flüssig ist das Wasser nur ­ egen des hohen Salzgehalts. w

THE RED BULLETIN

CLAUDIA MEITERT

will SpaceX-Gründer Elon Musk das erste bemannte Raumschiff zum Mars schicken.

Prozent weniger Schwerkraft herrscht am Mars, man kann dort fast dreimal so hoch hüpfen.

GETTY IMAGES (7)

2027

62,5


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F U ND ST Ü CK

Eines der berühmtesten Fotos der Rap-Kultur: The Notorious B.I.G. als „König von New York“, aufgenommen für das Cover des „Rap Pages“Magazins.

THE NOTORIOUS B. I . G.

Die Krone des Hip-Hop

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THE RED BULLETIN

COURTESY OF SOTHEBY’S

Die Plastik-Requisite, die der US-Rap-Star bei seinem letzten Fotoshooting trug, 1997. Sein Debütalbum hieß „Ready to Die“ (1994), der Nachfolger „Life After Death“ (1997), und das war mehr als nur eine Attitüde: Die Hip-Hop-Szene der Neunziger war tatsächlich lebensgefährlich: Am 9. März 1997 wurde der damals erst 24-jährige Christopher Wallace alias The Notorious B.I.G. in L. A. erschossen. Drei Tage zuvor inszenierte er sich für das Cover eines Rap-Magazins als „König von New York“ und signierte danach die Krone: Die Reliquie wurde im Herbst 2020 für fast 600.000 Dollar versteigert.


ALPHATAURI.COM

© Jean Nouvel, Gilbert Lézénès, Pierre Soria et Architecture-Studio / Adagp, Paris, 2021


PL AY L IST

COMMON

„Ich glaube ans Glück“ Der US-Rapper, Schauspieler und Oscarpreisträger, 48, stellt vier Songs vor, die unsere Welt zum Guten verändern können. Soziale Verantwortung und eine optimistische Lebens­ einstellung sind die Marken­ zeichen von Lonnie Rashid Lynn Jr., bekannt unter seinem Künstlernamen „Common“. Der Rapper, Schauspieler und Autor hat zwei Bestseller über ein positives Selbstwert­gefühl geschrieben und als Kinostar im Bürgerrechtsdrama „Selma“ (2014) geglänzt. Für dieses hat er auch noch den oscar­prämierten Song „Glory“ mitkomponiert. Der Musiker veröffentlichte bisher 13 Alben. Mit seinem aktuellen Werk „A Beautiful Revolution Pt. 1“ will Common Menschen Mut machen, die Ungerechtigkeiten erleiden müssen. Hier verrät uns der Star seine vier Tracks für eine bessere Welt.

Queen Latifah

Mos Def (heute Yasiin Bey)

Gil Scott-Heron

Imagine (1971)

U.N.I.T.Y. (1993)

Umi Says (1999)

„Dieses Lied hat mich immer beeindruckt, weil ich ein Träu­ mer bin und tatsächlich an eine bessere Welt glaube. An eine Welt voller Liebe, Mitgefühl und Glück. Außerdem glaube ich an die Macht der Vorstellungs­ kraft. Und Johns inspirierende Worte geben mir das Gefühl, für Veränderungen eintreten zu können – für mich einer der Keime der Revolution.“

„Queen Latifah gibt Frauen Kraft. Sie sagt ihnen, dass sie Königinnen sind und Respekt einfordern sollen. Eine Revolu­ tion ohne Frauen an der Macht, ohne Frauen in Führungsrollen, denen wir Respekt zollen, das ist keine Revolution. Es wird höchste Zeit, dass wir das Un­ gleichgewicht, das zwischen Männern und Frauen herrscht, beseitigen.“

„Mos hat mir dieses Lied schon vorgespielt, bevor es heraus­ kam. Ich habe damals zu ihm gesagt: ,Das ist einer der bes­ ten Songs, die ich je gehört habe. So voller Seele. Ein Song, der dir Kraft gibt.‘ Wenn ich an dieses Lied denke, empfinde ich es als einen Akt der Revolu­ tion. Besonders inspirierend finde ich die Textzeile ,Shine your light on the world‘.“

The Revolution Will Not Be ­Televised (1971)

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„Ich war sehr jung, als ich die­ ses Lied zum ersten Mal hörte. Es war eine unglaubliche Er­ fahrung, weil ich nie zuvor ein ­gesprochenes Wort in einem Song gehört hatte. Als ich älter wurde, achtete ich ganz genau darauf, was Gil Scott-Heron sagte. Er repräsentiert für mich alles, was Revolution aus­ macht: Mut, Klugheit, Kraft.“ THE RED BULLETIN

MARK LEIBOWITZ

John Lennon

FLORIAN OBKIRCHER

Zum Mitdenken: thinkcommon.com


100% FLÜÜÜGEL. 0% ZUCKER.


D ER CLU B DER TOT EN DEN K ER

GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ

Wie behalte ich meine Zuversicht in harten Zeiten? Die größten Denker aller Zeiten beantworten Fragen unserer Gegenwart, übermittelt durch den Philosophen Christoph Quarch. Diesmal: das barocke Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz zu der Frage, ob am Ende wirklich alles gut wird. Nicht ohne Sorge habe ich vernommen, dass auf ­Erden wieder einmal eine Krise wütet, dass es viele Menschen gibt, die Mut und Zuversicht verlieren. Ja, das scheint der Menschen Los zu sein – ich sage das aus leidvoller Erfahrung: Als ich geboren wurde, tobte noch der Dreißigjährige Krieg. Es gab reichlich Grund zum Pessimismus. Auch der Umstand, dass die meisten meiner diplo­ matischen Missionen scheiterten und meine Arbeiten zu Lebzeiten nicht die Beachtung fanden, die man ­ihnen später schenkte, hätte mich zu einem Griesgram oder Misanthropen werden lassen können. Aber das ist nicht geschehen. ­Etwas half mir, trotz aller Widrig­ keiten meinen Optimismus zu be­ wahren: die Vernunft, das Denken. Ich will hier nicht mit Einzel­ heiten langweilen, sondern mich aufs Wesent­liche konzentrieren. Denn so kom­pliziert ist die Sache gar nicht. Man muss nur den Hebel des Denkens richtig an­ setzen. Zum Beispiel bei der Frage: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Was für eine unsinnige Frage, werden sich jetzt manche denken. Aber eben weil wir denken, ist sie so wichtig. Und unausweichlich. Denn wir können gar nicht anders denken als so, dass es für alles, was uns in der Welt begegnet, eine Ursache gibt. Deshalb muss es auch für die Welt im Ganzen eine Ursache geben – womit die Frage nach dem Grund der Welt nicht unbegründet ist. Können Sie mir folgen? Mein Antwortvorschlag: Es gibt tatsächlich einen Grund dafür, warum die Welt so ist, wie sie ist. Die Religionen nennen ihn Gott – und um es mir mit den Pfaffen nicht zu verderben, habe ich ihr Spiel ­mitgespielt und ihn auch so genannt. Aber ich meinte dabei etwas völlig anderes als die Priester und Pasto­ ren. Ich meinte damit etwas, was Sie heute vielleicht

eine Superintelligenz nennen würden oder einen Super­algorithmus. Überlegen Sie doch einmal: Das Universum, in dem zu leben wir die Ehre haben, ist nur eine einzige Mög­ lichkeit unter unendlich vielen anderen Universen, die auch möglich gewesen wären. Dass das Universum ausgerechnet so geworden ist, wie es geworden ist, kann man sich nur so erklären, dass die uns bekannte Welt die beste aller möglichen Welten sein muss. Sie können mir glauben, dass ich reichlich Prügel für diese Überlegung bezogen habe. „Was?“, ereiferte sich später Herr Voltaire. „Eine Welt, in der ein Erdbeben in Sekunden eine ganze Stadt wie Lissabon zerstört und hunderttausende Menschen­ leben auslöscht, soll die beste aller Welten sein?“ Vermutlich denken Sie Ähnliches und erinnern mich an Genozide, Tsunamis oder an ein Virus. Das alles kann ich nachvollziehen. Aber beim Den­ ken sollte man im wahrsten Sinne des Wortes gründ­ lich sein. Diese Welt, in der wir leben: Sie ist absolut berechenbar und logisch. Selbst was uns heute unlogisch erscheint, werden künftige Algorithmen als rational enthüllen. Unsere Welt ist eine Gleichung, die immer aufgeht: eine prästabilierte Harmonie, wie ich das nannte. Eine große Ordnung, die wir zwar nicht vollständig durchschauen können, von der wir jedoch genügend ahnen, um zu sagen, dass die Welt in Ordnung ist. Deshalb habe ich niemals die Hoffnung aufgegeben. Auch wenn es im Einzelnen oft nicht gut läuft: Die Zahl der Möglichkeiten, was alles noch schlechter hätte ausgehen können, ist unendlich. „Shit happens“, wie mein Rivale Isaac Newton sagte, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit lautet: Es wird alles gut.

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wurde schon in jungen Jahren als Wunderkind gehandelt. ­Lesen, Schreiben und Latein soll er sich selbst beigebracht ­haben, mit 15 begann er zu studieren, mit 21 war er Doktor der Rechtswissenschaften. Eine steile Karriere als Diplomat folgte. Seine wichtigsten Werke hat er angeblich in wackelnden Post­ kutschen verfasst, mal auf Lateinisch, mal auf Französisch, selten auf Deutsch. Nebenher schrieb er eine Enzyklopädie, baute eine Rechenmaschine und erfand die Infinitesimal­ rechnung. Seine Leidenschaft galt der Philosophie, die für ihn dafür diente, zu zeigen, dass die Welt, in der wir leben, gut ist.

THE RED BULLETIN

DR. CHRISTOPH QUARCH

GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ (1646–1716)

BENE ROHLMANN

„ Diese Welt, in der wir leben: Sie ist absolut berechenbar und logisch.“


GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ

„Die Welt ist eine große Ordnung, die wir zwar nicht vollständig durchschauen können, von der wir jedoch genügend ahnen, um zu sagen, dass sie in Ordnung ist.“ THE RED BULLETIN

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Keep on Truckin’

Das MINT 400 in der ­kalifornischen Mojave-­ Wüste hat seit seiner Premiere 1968 schon viele Krisen überstanden. Aber es ist so wild und amerikanisch geblieben wie eh und je. Der britische Fotograf Gavin Bond hat das legendäre OffroadRennen voriges Jahr begleitet und erklärt uns seine Faszination, bevor es Anfang März wieder losgeht. Text TOM GUISE Fotos GAVIN BOND


WÜSTES GASGEBEN

Bryce Menzies aus Arizona, zweifacher Gewinner des Mint 400, lässt es krachen, sein ­Truck verträgt Sprünge von bis zu 45 Metern. Die Renndistanz – daher der Name – beträgt vier Runden zu je 100 Meilen.

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„Ich habe mich in das Mint 400 verliebt. Und so war bald klar, dass ich zurückkommen musste, um es zu fotografieren.“ Fotograf Gavin Bond über sein Verhältnis zum Mint 400


JUGEND, FORSCH

Pilot Seth Quintero aus Alabama wartet neben seinem UTV Pro N/A (Utility Terrain Vehicle, non-aspirated, soll heißen: ohne Turbo). 2019, mit 16, ging er als jüngster Mint-400-Sieger in die Geschichte ein.

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RUHE VOR DEM STURM

Die Trucks in der Startaufstellung. „Die Teilnehmer wohnen im Buffalo Bill’s Resort & Casino“, erzählt Bond. „Es kostet 18 Dollar die Nacht – normal ein Hotel für Leute, die es nicht einmal bis nach Las Vegas schaffen.“

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„Du kannst vermutlich nichts Amerikanischeres erleben als das Mint 400.“ Fotograf Gavin Bond über das wahre Wesen der Veranstaltung THE RED BULLETIN


PEDAL TO THE METAL

„Das ist der Start des Rennens“, sagt Bond. „Hinter dem orangen Auto befand sich die Bühne, wo in der Nacht zuvor die Eagles of Death Metal aufspielten.“

BOXENGASSE BEREIT

„Ich bekam die Info, dass Bryce Menzies zum Tanken reinkommt, also rannte ich zur Box und machte das Foto von der Crew mit den Tankschläuchen. Aber das Auto hielt dann doch nicht an.“


VORSPIEL MIT BIKES

Am Tag vor dem Rennen sind die Motorräder dran. „Zuerst fuhren sie im normalen Feld mit, was natürlich Wahnsinn war“, sagt Ver­anstalter Matt Martelli. „1976 war das vorbei – aus Versicherungsgründen.“


„Es ist definitiv eine Familienangelegenheit: Ein Typ fährt einen Laster, sein Sohn einen anderen, und die Tochter fährt auf dem Motorrad mit.“ Fotograf Gavin Bond über den familiären Charakter des Rennens

Bunt und schnell: Die Race Trucks der Mint 400 (rechts) brettern mit mehr als 100 km/h durch die Wüste.

THE RED BULLETIN

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„Es gibt keine Streckenbegrenzung in der Wüste, nur Flaggen. Plötzlich rast ein Auto auf dich zu, und es sieht nicht so aus, als wäre es unter Kontrolle. Dann musst du dich schnell in Sicherheit bringen. Es ist definitiv gefährlich.“ Fotograf Gavin Bond über die Tücken seiner Arbeit

RISKANTE NÄHE

Joseph Jepson vom D ­ iamond J Racing Team in seinem Buggy bei der Arbeit. „Ich foto­grafierte mit Teleobjektiv“, erinnert sich Bond. „So war ich vermutlich näher dran, als ich sollte.“

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FLOTTE STAUBWOLKE

Die Klasse der Buggys fährt mit identischen Autos,­ daher ist das Rennen sehr eng. Da ist natürlich besonderer Einsatz gefragt.

BUNTER ABEND

„Der Typ unter dem Auto ­versucht, etwas zu reparieren. Die interessanten Farben auf meinem Foto kommen von der Bühne, auf der die ­Preis­verleihung stattfindet.“


SO SEHEN SIEGER AUS

„Schrauben gehört dazu. Manche Autos kommen mit weghängenden Teilen zurück.“

Ex-Gewinner Travis Chase (rechts) und sein Copilot Jacob Lauxen zeigen ihre ­FinisherMedaillen. Hier wird der olympische Gedanke gelebt: Jeder, der es bis ins Ziel schafft, ist ein Gewinner.

Fotograf Gavin Bond über den beherzten Einsatz der Teilnehmer

D

as Mint 400 begann 1968 als ein PR-Stunt für die Hirschjagd des Hotels und Casinos The Mint in Las Vegas. Aber das wilde 644-Kilometer-­Rennen durch die MojaveWüste, mit Start und Ziel nicht weit vom ­Glitzern der Glücksspiel-Metropole, ­verwandelte sich sehr bald in etwas viel Größeres: The Great American Offroad Race. „Das erste Mal war ich 2018 da“, erzählt der ­britische Fotograf Gavin Bond. „Es war das 50-JahrJubiläum, aber ich wusste praktisch nichts über das Rennen. Mein Produzent in L. A. – ein Engländer ­namens Skinny – ist ein Freizeit-Benzinbruder. Er hat sich mit seinem Racing-Truck angemeldet, und ich bin mitgekommen. Ich habe mich in das Rennen verliebt, und so war bald klar, dass ich zurück­ kommen und das Mint 400 fotografieren musste.“ Genau das passierte Anfang März 2020. Bond konnte nicht ahnen, wie sehr sich die Welt danach verändern würde; zwölf Tage später sperrte alles zu. Heute, ein Jahr später, ist unser Alltag in vielerlei Hinsicht anders als zuvor. Aber das Mint 400 ist ­wider Erwarten zurück. Es ist nicht das erste Mal,

THE RED BULLETIN

dass es gefährdet gewesen wäre: Zwei Jahrzehnte fand es überhaupt nicht statt. Als Jack Binion 1988 das Mint Hotel kaufte, stellte er das Rennen ein, weil er einen Imageschaden befürchtete. Erst 2008 erwarben die Brüder Matt und Joshua Martelli, ­bekannt geworden mit der Produktion der viralen Motorsport-­Videos „Ken Block’s Gymkhana“, die Rechte am Mint 400, auch wenn der Namensgeber, das Hotel und Casino, längst nicht mehr existierte. Doch das Rennen hat das alles überlebt. Es hat die Zeit der Hollywood-Machos von Steve McQueen bis James Garner und die Geburtsstunde des GonzoJournalismus erlebt: Eine Reportage über die Ver­ anstaltung für „Sports Illustrated“ inspirierte Hunter S. Thompson zu seiner literarischen Ode an den Verlust des amerikanischen Traums: „Fear and Loathing in Las Vegas“. „Du kannst vermutlich nichts Amerika­ nischeres erleben“, meint Fotograf Bond. Er war ausgezogen, ein Sport-Event zu dokumentieren, und fand, ebenso wie Autor Thompson, etwas viel Faszinierenderes: die amerikanische Seele. Das nächste Mint 400 findet von 3. bis 7. März 2021 in Las Vegas statt, Zeitplan und Race-Infos: themint400.com

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Diane Kruger

„Die Wurzeln bleiben für immer“ Geboren in Deutschland, groß geworden in Frankreich, lebt jetzt in den USA: Schauspielerin Diane Kruger, 44, ist in drei Kulturen daheim. Hier erzählt die Kosmopolitin, warum Reisen unser Leben bereichern – und was sie am Sofa ihres Elternhauses schätzt. Interview RÜDIGER STURM  Foto JASON KIM/TRUNK ARCHIVE

Diane Kruger feierte Kino-Erfolge in drei Sprachen – in Deutsch, Französisch und Englisch. Für ihre Rolle der Agentin Bridget von Hammersmark in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ wurde sie gefeiert, für den deutschen Film „Aus dem Nichts“ in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Die 44-Jährige ist in drei Kulturen zu Hause: Kruger verließ Deutschland schon als Jugendliche. Ihre Ausbildung und Karriere begann in Frankreich, wo sie auch Filme in französischer Sprache drehte, heute lebt sie in den USA. Aktuell ist sie pandemiebedingt jedoch vornehmlich digital unterwegs. Nach dem Interview musste sie zur Besichtigung einer möglichen Vorschule für ihre Tochter – per ­Virtual Tour am Rechner.

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the red bulletin: Sie sind inter­ national derzeit die erfolgreichste deutsche Schauspielerin, haben Ihre Karriere in Frankreich begon­ nen und leben heute in den USA. Was war eigentlich Ihr ursprüng­ liches Ziel im Leben? diane kruger: Ich habe ganz früh gespürt, dass ich die Welt sehen will. Ich war an der Schule gut in Geschichte und Sprachen, und ich wollte immer reisen. Aber meine Familie konnte sich das nicht leisten. Also träumte ich von einem Job, der mich um den Globus führt. Zuerst habe ich Ballett gemacht und dann gemodelt – das hat mir die Erfüllung meines Wunsches ermöglicht. Haben Sie eine Ahnung, woher dieses Fernweh kam? Meine Mutter hatte dieses Fernweh auch, sie liebte Frankreich. Es ist vermutlich kein Zufall, dass ich in Paris gezeugt worden bin. Und weil ich vom Land komme, habe ich ­immer große Städte geliebt. ­Außerdem passte ich in das Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, nicht so richtig hinein. An meiner Schule gab es kaum Mädchen. Alles drehte sich um Sport, Mathematik und Physik. Ich habe es gehasst. Meine Inter­essen waren Kunst und

fremde Kulturen. Das war dort nicht angesagt, deshalb war ich ziemlich unbeliebt. Zumindest konnte ich in Schul­aufführungen die Haupt­ rolle übernehmen. Doch Sie wussten damals noch nicht, dass Sie Schauspielerin werden wollten? Nein. Als ich im Finale eines Modelwettbewerbs gelandet war, kam ich nach Paris. Dort entdeckte ich das Kino für mich und wusste: Das ist es, was ich machen will. Die Schau­ spielerei war der erste Job, den ich mir bewusst ausgesucht habe. Was für Erinnerungen haben Sie an diese Anfangszeit? Es war aufregend und auch sehr ­romantisch. Natürlich war nicht alles einfach, besonders in finanzieller Hinsicht. Ich hatte in den ersten sechs Monaten kaum Geld, habe mich von Baguette und Käse ernährt. Und ich bin oft schwarzgefahren. Dann aber habe ich angefangen, als Model richtig Geld zu verdienen. Sie können jungen Menschen also empfehlen, ins Ausland zu gehen? Uneingeschränkt! Reisen allein bringt schon viel, und erst recht, in fremden Ländern zu wohnen. Ich versuche das auch meiner Tochter zu vermitteln – sie ist jedoch erst zwei Jahre alt. Je offener man gegen­ über anderen Kulturen ist, desto mehr kann man seine eigene Kultur und seine eigenen Werte schätzen. Ich habe unheimlich gern in Paris gelebt. Ich hoffe, dass wir da noch einmal wohnen werden. Sie sprechen drei Sprachen ­fließend. Wie haben Sie das ­geschafft? Englisch habe ich in der Schule ­gelernt. Ich mochte das immer. Dann wurde ich an der Royal Ballet

THE RED BULLETIN


„Ich träumte von einem Job, der mich um den Globus führt.“ Diane Kruger über ihre Sehnsucht nach der Ferne

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Diane Kruger

Was speziell schätzen Sie an Frankreich? Ich liebe die Kultur, die Art, wie die Leute ihr Leben zelebrieren, wie sie das Kino feiern. Eigentlich mag ich alles – die Einstellung des Laisserfaire, die Gepflogenheit, spätabends zu essen, die Mode. Frankreich ist das Land, in dem ich gerne alt wer­ den würde. Wie ist es mit den USA, wo Sie ­aktuell leben? Amerika ist ein Land der Extreme, was sehr aufregend sein kann. Man nehme nur eine Stadt wie New York, die buchstäblich nicht schläft und wo man alles haben kann, egal zu welcher Tageszeit. Allerdings liegt mir die euro­päische Art mehr. Außer­ dem war die politische Situation in den USA in den vergangenen Jahren ex­trem angespannt, und die ameri­ kanische Lebensart ist sehr anstren­ gend. Man ist zum Beispiel ständig auf das Auto angewiesen. Wie sehr brauchen Sie materielle Dinge, um sich wohlzufühlen? Einerseits habe ich das Gefühl, dass ich nicht sehr materialistisch bin. Auf der anderen Seite lebe ich gern in einem schönen Apartment oder

„In Paris entdeckte ich das Kino und wusste: Das ist es.“

Von Blockbuster bis Autorenkino: Diane Krugers internationale Rollen einem schönen Haus – was nicht heißt, dass ich ein Waschbecken aus Gold brauche. Wenn ich in den Urlaub fahre, dann ist mir weniger Komfort sogar lieber, denn dadurch kann ich mein privilegiertes Leben daheim mehr schätzen. Glauben Sie, dass Ihnen diese Privilegien sonst zu Kopf steigen würden? Nein, denn ich bin ja nicht mit dem Silberlöffel im Mund geboren worden. Alles, was ich habe, habe ich mir hart erarbeitet. Trotzdem brauche ich es, mich ab und zu auf die Basics zu besinnen. Dieses Gefühl kriege ich auch, wenn ich nach Hause zu meiner Mutter komme. Dann schlafe ich auf dem Ausziehsofa. Ist es in Ihrem Beruf ein Vorteil, in mehreren Kulturen zu Hause zu sein? Es ist sowohl Vorteil wie Nachteil. Wenn die Leute in Deutschland oder Frankreich glauben, ich sei nur in Amerika, bekomme ich bestimmte Angebote gar nicht. Andererseits ist es eine unheimliche Chance, in drei Sprachen drehen zu können, das hat mir viele Türen geöffnet. Und gibt es eine Nationalität, mit der Sie sich am meisten ­identifizieren? Ich finde mich schon sehr deutsch, angefangen bei meiner Liebe zur Pünktlichkeit. Zwar bin ich seit über 30 Jahren weg, aber die Wurzeln bleiben doch. Als ich vor ein paar Jahren den Film „Aus dem Nichts“ in Hamburg drehte, fühlte ich mich sofort wieder mit meiner Heimat verbunden. Ich spreche mit meiner Tochter auch nur deutsch, das heißt, ich habe in den vergangenen zwei Jahren mehr Deutsch gesprochen als in den 28 Jahren zuvor, das finde ich positiv. Je älter ich werde, desto wichtiger ist es mir, diese Wurzeln zu respektieren und zu pflegen. Kino für die Ohren – aktuell leiht Diane ­Kruger dem Hörbuch „The End of My Heart“ ihre Stimme: audible.com

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Troja

USA, 2004 Durchbruch in Hollywood: In der recht freien Ver­ filmung der „Ilias“ spielt Diane Kruger Helena von Sparta, die vom trojanischen Königs­ sohn Paris (Orlando Bloom) nicht ganz gegen ihren Willen entführt wird. Der empörte Ehemann rüstet mit den anderen Griechen zum Krieg gegen Troja.

Inglourious Basterds USA, 2009

Quentin Tarantinos historisch bewusst unkorrekte Ge­ schichte einer US‑Eliteeinheit, befehligt von Brad Pitt, die im be­ setzten Frankreich gegen die ­Nazis kämpft. Unter­ stützt werden die GIs auch von Diane Kruger als deutscher Agentin Bridget von Hammersmark.

Leb wohl, meine Königin!

Frankreich, 2012 Extravagantes Kostümdrama: Diane ­Kruger als Marie Antoinette, die am Hof von Versailles im ­Luxus schwelgt. Als 1789 die Revolution ausbricht, setzt sie ihren Charme ein, um eine kleine Bediens­ tete zu einer gefährlichen Mission zu überreden.

Aus dem Nichts

Deutschland, 2017 Unter Fatih Akins Regie ist Diane Kruger erstmals in einer deutschen Produktion zu sehen. Sie spielt eine Frau, die ihre ­Familie bei einem rechts­ radikalen Terroranschlag verliert. Für ihre Rolle gewann K ­ ruger in Cannes die Goldene Palme.

Die Agentin

Deutschland, Frankreich, Israel, 2019 Spionagethriller um eine Mit­ arbeiterin des ­israelischen Geheimdiensts, die sich persönlich verstrickt – und in der Folge des Verrats verdäch­ tigt wird. Kruger beeindruckt mit minimalistischpräzisem Spiel und unter­kühlter Aura. THE RED BULLETIN

DDP (2), DDP/INTERTOPICS, MAURITIUS IMAGES, LUNA FILMVERLEIH/KOLJA BRANDT

School in London aufgenommen, meine Lehrerin war Engländerin, und ich hatte natürlich den Wunsch, sie zu verstehen. Französisch habe ich erst so richtig im Alltag in Frank­ reich g ­ elernt. Muss man ja auch, wenn man mit Franzosen kommu­ nizieren will. Ich schreibe es nicht sehr gut, aber ich würde sagen, dass ich zu 90 Prozent wie eine Französin spreche.

Schauspielend um die Welt


Mike Shaw

„Meine Rettung war Dankbarkeit“ Der frühere Freeski-Profi Mike Shaw, 33, saß im Rollstuhl und schaffte dann einen Zehn-Kilometer-Lauf. Jetzt will er mit tausend Mitstreitern Kanada durchqueren. Text FLORIAN OBKIRCHER  Foto ROYCE SIHLIS

Ein Jahr, vier Monate, siebzehn Tage: Diese Zeitspanne lag zwischen dem Tag, an dem Mike Shaw erfuhr, dass er nie wieder würde gehen können, und seiner Teilnahme an einem Lauf-Event. Im Dezember 2013 stürzte der Freestyle-Ski-Trainer so schwer, dass er danach vom Hals ­abwärts gelähmt war. Doch diese niederschmetternde Diagnose (unvollständige Tetraplegie) konnte dem Kanadier nichts anhaben: ­Sofort nach der OP begann er ein ­intensives Training. Drei Monate später verließ er das Spital. Nach weiteren sechzehn Monaten nahm er am Wings for Life World Run teil. Noch unglaublicher: Er schaffte es, zehn Kilometer zu laufen, bevor ihn das Catcher Car einholte. Die globale Veranstaltung hat einen fixen Platz in seinem Herzen, weil sämtliche Startgelder in die Rückenmarks­ forschung fließen. „Es gibt noch ­keine Heilung“, sagt der 33-Jährige. „Ich hatte Glück, aber die Verletzung ist noch immer Teil meines Lebens. Ich kann meine Arme und Beine noch immer nicht voll spüren – ich verliere ungefähr 50-mal pro Tag mein Gleichgewicht.“ Im Interview spricht er über die Kraft der Gemeinschaft und ­warum Dankbarkeit eine wirksame Waffe gegen Trübsal ist.

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the red bulletin: Nach der OP sagte der Arzt, dass du nie wieder wirst gehen können. Was hat dich veranlasst, diese professionelle Meinung nicht zu akzeptieren? mike shaw: Ich bin ein echter Optimist. Wenn Dinge im Moment nicht funktionieren, dann heißt das bloß, dass sie noch nicht fertig sind. Freeskiing hat mich gelehrt, wieder aufzustehen. Um Fortschritte zu erzielen, musst du zuerst hinfallen. Du musst dann aufstehen, den Hang wieder hinaufgehen und den Sprung noch einmal probieren. Das ist eine Einstellung, die ich im Lauf der Zeit verinnerlicht habe. In deinem Buch „Never Part of the Plan“ schreibst du, Dankbarkeit habe dich durch die härtesten Zeiten gebracht. Kannst du das genauer erklären? Ein paar Wochen nach dem Unfall fiel ich in ein schwarzes Loch. Ich bekam arge Krämpfe, hatte häufig schlimme Schmerzen. Es gab Zeiten, in denen ich schon aufgeben wollte. Doch dann lernte ich, die Dankbarkeit als Werkzeug einzusetzen. Das war irre. Dankbar zu sein mag in düsteren Zeiten nicht das Erste sein, was einem einfällt. Aber gerade da ist es am wirksamsten. Im Krankenhaus musste ich nicht weit schauen, um jemanden zu sehen, der noch schlimmer dran war als ich. Es geht schlicht und einfach darum, die eigene Perspektive zu verändern. Vertraue darauf, dass, wenn eine

Tür sich schließt, vier andere sich öffnen. Und zwar auf eine Terrasse mit Meerblick! 2017 hast du #TeamCoast2Coast gestartet, eine Wings for Life World Run-Community mit großen Ambitionen. Wie kam das? Ich habe meinem Freund Jim Mullan, der genau wie ich querschnitts­ gelähmt ist und in Halifax lebt, vom Wings for Life World Run erzählt. Da sagte er: „Wie cool wäre es, wenn wir genug Leute zusammen­bekämen, um gemeinsam virtuell von Vancouver nach Halifax zu laufen, von Küste zu Küste, 5500 Kilometer quer durch Kanada?“ Das war nur einen Monat vor der Ver­anstaltung, aber wir sind online gegangen und schafften es, hundert Leute für #TeamCoast2Coast zu rekrutieren. 2019 hatten wir schon über 900 Teilnehmer, die per App überall im Land für uns liefen. Am Ende waren wir nur hundert Kilometer von unserem Ziel entfernt. Heuer wollen wir tausend Läufer gewinnen und das Ziel mit ihnen zertrümmern. Willst du die Leute ermutigen, dem Beispiel von #TeamCoast2Coast zu folgen? Na sicher! Ein Team zu bilden und sich ein gemeinsames Ziel zu setzen ist extrem motivierend. Aber das machen die Leute ohnehin schon. Teil dieser weltweiten Gemeinschaft zu sein gibt viel Kraft.

Wings for Life World Run Was? Ein Rennen, bei dem tausende Teilnehmer auf der ganzen Welt zur gleichen Zeit starten. Du läufst so lange, bis das (virtuelle) Catcher Car dich überholt. Wann? Am 9. Mai 2021. Du kannst entweder via App mitlaufen oder an einem organisierten App Run teilnehmen. ­Sofern es die Lage erlaubt, kannst du auch an einem der zwölf globalen Flagship-Runs teilnehmen. Anmelden und dein eigenes Team starten: wingsforlifeworldrun.com

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„Es geht darum, die Perspektive zu verändern.“ Mike Shaw über das Geheimnis seiner unglaublichen Fortschritte

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Kruder & Dorfmeister

„Nein sagen ist die Lösung für alles“ Das Wiener Elektronik-Duo Kruder & Dorfmeister definierte in den Neunzigern Coolness neu – mit ihrem eigenen Album ließen sie sich bis heute Zeit. Text STEFAN NIEDERWIESER  Foto MAX PAROVSKY

Peter Kruder und Richard Dorfmeis­ ter, heute in ihren Fünfzigern, waren vor 25 Jahren heiß begehrt. Stars wie Madonna und David Bowie bemüh­ ten sich um ihre relaxten Remixes. Mit einer Com­pilation dieser Werke, den „K&D Sessions“, schuf das Duo einen Meilenstein elektro­nischer Musik. Ein Album mit Eigenkompo­ sitionen, an dem die beiden damals ebenfalls arbeiteten, blieb liegen. Nun, ein Vierteljahrhundert später, ist das Werk endlich fertig. Mit dem Album „1995“ – benannt nach dem Jahr, in dem alles begann – kommen die Gefühle dieser Zeit wieder hoch. Kruder & Dorfmeister schafften da­ mit überraschend die besten Charts­ platzierungen ihrer Karriere. the red bulletin: Wie seid ihr damals mit Stress umgegangen? peter kruder: Wenn du 300 Tage im Jahr unterwegs bist, macht dich das fertig. Ich habe mir eine Auszeit genommen. Unser Manager meinte: „Relax und ruf an, wenn du wieder kannst.“ richard dorfmeister: Die Aktion fand ich super. Du kannst nämlich schnell in ein schwarzes Loch abrau­ schen, wenn du versuchst, dich mit Drogen oder Alkohol auf­zufangen.

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Dabei wäre es das Beste, für eine gewisse Zeit zu allem nein zu sagen. Das große Neinsagen ist die Lösung für alles. kruder: Nein war unser wichtigstes Wort. Ständig kamen Angebote, alle großen Plattenfirmen wollten, dass wir bei ihnen unterschreiben. Was hat euch geerdet? kruder: In Wien gab es keinen Druck. Wir haben alles selbst ge­ macht. Unten bei mir gab es eine Autowerkstatt und die legendäre Frau Christoph. Ich küsse sie! Sie hat immer gesagt: „Herr Peter, es sind schon wieder 200 Packerl für Sie da, bitte kommen S’, das Büro geht über.“ dorfmeister: Wien war unser ­Ruhepunkt, eine echte Homebase. Wir hatten viele persönliche Kon­ takte. Mit denen hast du einfach geredet. Viele waren Freunde. Ihr habt Madonna und Depeche Mode remixt. David Bowie und Sade aber abgelehnt. Warum? kruder: Den Song von David Bowie, „I’m Afraid of Americans“, fanden wir schrecklich. Und für Sade hätten wir gerne ein paar Jahre früher einen Remix gemacht. dorfmeister: Es war nicht, was wir uns erwarteten. Und nur wegen des großen Namens wollten wir es nicht machen.

Hand aufs Herz: Was würdet ihr heute anders machen? dorfmeister: Wir hätten früher ein Team aufbauen müssen. Du kannst nicht alles allein machen. kruder: Wir haben für andere Künstler auf unserem Label inves­ tiert. Wir haben ihnen unseren Standard geboten und unglaubliche Summen investiert, ein paar Eigen­ tumswohnungen. dorfmeister: Plötzlich sind Leu­ te gekommen, die ein Teil davon sein wollten. Bei den Beatles und Apple Music war es genauso. Wir ­wollten alles selbst machen. Aber du brauchst einen Plan. Jemanden, der dich gut berät … Aber vielleicht hat es auch so sein müssen. Ihr habt lange andere Projekte verfolgt. Was hat euch wieder ­zusammengebracht? kruder: Wir haben eine Auszeich­ nung der Stadt Wien bekommen. Da meinte meine großartige Frau, wir können unmöglich keine Party machen. dorfmeister: Ich habe 2017 ein altes Foto gepostet und dazu­ geschrieben: „Party in der Prater­ sauna“. Das war ein Knaller! kruder: Der Club war randvoll. Vor der Tür haben noch einmal ­tausend Leute gewartet. Gibt es bald mehr Musik von euch? kruder: Das Arge ist, sehr viele unserer Tracks gibt es in einigen komplett anderen Versionen. dorfmeister: Das Gesamtpaket ist sehr wichtig. Es gehören viele Komponenten dazu, damit deine ­Arbeit zu etwas Besonderem wird. kruder: Diese Platte stimmt jetzt. Der Moment ist perfekt dafür. „1995“ von Kruder & Dorfmeister ist auf G-Stone Recordings erschienen. Wie die beiden die Welt auseinander­ nehmen und neu zusammensetzen: kruderdorfmeister.com

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„Wir haben David Bowie abgelehnt, der Song war schrecklich.“ Peter Kruder (links) und Richard Dorfmeister

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Der will nur siegen Liebe, Ehrgeiz, radikale Ehrlichkeit: Wie Fußballer MARCEL SABITZER, 26, die Erfolgsgeschichte von RB Leipzig prägt – und dabei als Mensch wächst. Text ALEX NEUMANN-DELBARRE Fotos NORMAN KONRAD


MULTITASKING

Als Kapitän treibt Marcel Sabitzer RB Leipzig zu Spitzenleistungen, seit 2019 ist er Vater einer kleinen Tochter.

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ls im Flutlicht der Leipziger Red Bull Arena die wohl spannendsten zehn Minuten der gesamten Gruppenphase der Champions League anbrechen, greift Marcel Sabitzer in die mentale Trickkiste. Gerade hat sein Team gegen Manchester United das zweite Tor innerhalb von drei Minuten kassiert. RB Leipzigs 3:0-Führung ist zum 3:2 geschmolzen. Noch ein Gegentor – und sie sind raus aus der Königsklasse, ausgeschieden auf eine Weise, die das Zeug hätte, einen Knacks in der Mannschaft zu hinterlassen. Acht Minuten müssen sie noch überstehen. Acht Minuten plus Nachspielzeit.

FRÜH AUF KURS

2007 spielt Marcel Sabitzer, damals 13, im Trikot der Sporthauptschule Weiz (links) gegen ein Wiener Gymnasium im Finale der österreichischen ­Schüler-Meisterschaft. Ergebnis: 3:1. Zweifacher Torschütze: Sabitzer.

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„Clever bleiben, ruhig bleiben“, beruhigt Kapitän Sabitzer sein Team. „Das hier ist jetzt Nervensache.“ Und damit er sie selbst behält, stellt er einen einfachen, aber effektiven Gedankengang an: „Ich habe mich in den Gegner hineinversetzt“, erinnert er sich. „Du musst unbedingt ein Tor schießen, und es sind nur noch wenige Minuten zu spielen: Das ist enorm schwer, wenn der Gegner, also in diesem Fall wir, kompakt und clever spielt.“ Für United ist es an diesem Abend zu schwer. Nach 94 Minuten pfeift der Schiedsrichter ab. RB Leipzig hat das Achtelfinale der Champions League erreicht – und Marcel Sabitzer, der an allen drei Leipziger Toren beteiligt war, der im Mittelfeld dirigiert, motiviert und bei Bedarf ausgeteilt hat, der in den letzten Minuten ruhig vorangegangen ist, dieser Marcel Sabitzer hat einmal mehr bewiesen, wie wichtig nicht nur seine fußballerische Klasse, sondern auch seine mentale Stärke für sein Team ist. In seinem sechsten Jahr bei RB Leipzig ist Marcel Sabitzer, 26, zu einer maßgeblichen Führungsfigur in einer Mannschaft geworden, die mit dem Einzug ins Champions-League-Halbfinale im Sommer 2020 in Europas Fußball-Oberhaus ankam – und nun mit der erneuten Qualifikation fürs Achtelfinale 2021 gegen Liverpool gezeigt hat, dass sie dort dauerhaft ein­ziehen möchte. Für RB Leipzig ist es der nächste ­Höhepunkt einer einzigartigen Erfolgsstory: 2009 erst startete der Verein in der fünftklassigen Ober­ liga, im Jahr 2016 gelang bereits der Aufstieg in die 1. Bundes­liga, 2019 erreichte das Team das Finale des DFB-Pokals. Für Sabitzer selbst ist es der vor­ läufige Zwischenstand einer Entwicklung, die sein Trainer Julian Nagelsmann „herausragend“ nennt und die – da sind sich viele Experten einig – noch lange nicht ihren Zenit erreicht hat.

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GEPA PICTURES

„Clever bleiben, ruhig bleiben“, beruhigt Sabitzer sein Team. „Das hier ist jetzt eine Nervensache.“


KEIN STRESS

Seit Marcel Sabitzer Vater geworden ist, strahlt er noch mehr Gelassenheit aus.


IMMER BEREIT

Alle drei Tage ein 90-Minuten-Spiel macht Marcel Sabitzer nichts aus.


Es gibt Fußballerkarrieren, die explodieren plötz­ lich. Es gibt andere, die verlaufen wellenförmig. Müsste man den Karriereverlauf von Marcel Sabitzer in einem Diagramm darstellen, wäre dort eine fast kontinuierlich nach rechts oben hin ansteigende ­Linie zu sehen. Unklar ist, wo sie ihren Endpunkt ­erreicht. Klar ist ­hin­gegen, worauf dieser Verlauf ­basiert: auf einer ­Mischung aus Eigenschaften, die Erfolg zwar nicht garantieren, aber wahrscheinlich machen. Und das nicht nur in der Welt des Fußballs.

„Besser wirst du nur durch ehrliche Kritik.“ Ein Satz fällt fast immer, wenn man mit Menschen über Marcel Sabitzer spricht, die ihn gut kennen: Er ist unglaublich ehrgeizig. Das sieht auch Sabitzer selbst so. Er formuliert es nur anders, positiver. „Ich bin schon immer ein Gewinnertyp gewesen.“ Sabitzer, schon als Kind Sabi genannt, wächst in Oberösterreich auf. Als Sohn eines prominenten ­Vaters: Herfried Sabitzer, ebenfalls Sabi genannt, Stürmerstar und sechsfacher österreichischer Natio­ nalspieler. Das hat Vorteile und Nachteile. Er erbt das väterliche Talent und lernt schon früh die Welt des Profisports kennen. Aber er muss auch mit jedem Klubwechsel seines Vaters umziehen – und mit der hohen Erwartungshaltung an Sabi junior umgehen, sobald er einen Fußballplatz betritt. Mit sieben landet er in der Jugendakademie des GAK in Graz, spielt bald im nächsthöheren Jahrgang mit, ist auch dort Kapitän. „Er war körperlich nicht der Größte und Robusteste, aber er war technisch sehr stark, hatte bereits damals einen überragenden Schuss und hat sich immer mit Selbstvertrauen und vollem Einsatz reingehaut“, sagt Reinhard Holz­ schuster, einer seiner Jugendtrainer beim GAK. Nur eines kann Sabi schon damals nicht gut: verlieren. „Sogar Niederlagen im Training haben ihm fast kör­ perliche Schmerzen bereitet“, sagt Holzschuster. Wohin ihn sein Weg einmal führen soll, ist Sabi schon früh klar. Er hoffe, dass er in ein paar Jahren in der österreichischen Bundesliga spiele, erklärt der Knirps mit 13 Jahren selbstbewusst einem Fernseh­ reporter nach dem Gewinn der österreichischen Schülermeisterschaft, „und dass ich auch noch ins Ausland komme“.

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Dass ihm das über die Stationen Admira Wacker (wo er mit 16 sein Profidebüt gibt), Rapid Wien (wo er zum Leistungsträger wird) und RB Salzburg (wo er 2015 das Double aus Meisterschaft und Cup feiert) gelingt, hat damit zu tun, dass er eines früh erkennt: „Ich musste lernen, Ratschläge von anderen anzu­ nehmen, auch wenn das unangenehm ist. Mit 16, 17 dachte ich eine Zeitlang, dass ich schon alles erreicht habe und alles richtig mache. Dabei hatte ich noch gar nichts erreicht. Besser wirst du nur durch kon­ struktive Kritik, die du auch annimmst.“

„Die letzte Chips-Tüte habe ich vor fünf Jahren aufgemacht.“ Als Sabitzer 2015 nach Leipzig kommt, will er dort anfangs gar nicht sein. Gerade hat er mit Salzburg die höchste Spielklasse in Österreich dominiert. Nun soll er mit RB Leipzig, wo er unter Vertrag steht – er war nach Salzburg nur verliehen – gegen Teams wie Fürth und Sandhausen antreten. „So gut, wie ich dachte, bin ich wohl doch nicht, sonst würde ich nicht in der zweiten deutschen Bundesliga spielen“, sagt er und wirkt nicht gerade glücklich. Ein knappes Jahr später aber liegt er mit seinen Mannschafts­ kollegen lachend im Whirlpool, feiert den Aufstieg in Liga eins und ahnt vielleicht schon, was er heute immer wieder sagt: „Im Rückblick war der Wechsel nach Leipzig die richtige Entscheidung.“ Was gleich auffällt: Sabitzer spielt bei RB Leipzig immer. Zweite Liga, erste Liga, Champions League: Das Team erklimmt Stufe um Stufe, immer mit ­Sabitzer, immer auch dank Sabitzer. Mit Spielver­ ständnis und Zweikampfstärke raubt er seinen Geg­ nern die Nerven; mit Dynamik und feinem Passspiel eröffnet er seinen Mitspielern Räume. Und seine Schusstechnik? Ist seit Jugendtagen nicht schlechter geworden. In Leipzig wird er zu einem der Anführer, in Österreich zum Fußballer des Jahres 2017 – vor Dauersieger und Kumpel David Alaba. Anderthalb Jahre später, im Sommer 2019, sitzt Sabitzer im Trainingslager in Tirol mit Julian Nagels­ mann zusammen und führt das erste Vieraugen­ gespräch mit seinem neuen Trainer. Etwa 20 Minu­ ten dauert es. Danach weiß Sabitzer: Die Chemie stimmt, und der Coach baut auf ihn. Nagelsmann setzt ihn zunächst wie gewohnt in der Offensive ein, macht ihn Anfang 2020 aber zum defensiven Mittel­ feldspieler. Und schließlich zu seinem Kapitän. Vor allem von Sabitzers Gier, seiner taktischen Intelligenz und seiner Konstanz ist Nagelsmann ­angetan. „Er bietet ein einheitliches Niveau mit Aus­ schlägen nach oben“, sagt der Trainer. „Er hat eine Grundbedeutung, weil er immer eine gute Leistung bringt und total stabil ist.“

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„Ich kann jedem im Team die Wahrheit ins Gesicht sagen.“


IMMER BESSER

Erstaunlich konstant steigert Sabitzer seine Leistung von Saison zu Saison.

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AUGEN FÜR ALLE Als Kapitän lernte Sabitzer, dass jeder Spieler andere Bedürfnisse hat.


Wie Sabitzer das macht? Mit Disziplin und Arbeit. „Mein Körper ist mein Kapital“, sagt er, entsprechend kümmert er sich um ihn. Er schläft gut (wenn möglich ist er um 22 Uhr im Bett), isst gut (die letzte Tüte Chips hat er „vor fünf Jahren auf­gemacht“), ­regeneriert gut. „Mir macht es nichts aus, alle drei Tage 90 Minuten zu spielen“, sagt er, „solange ich meinen Rhythmus habe.“ Was ihm auch nichts ausmacht: der Druck in wichtigen Partien. Wenn es stimmt, dass sich große Spieler dadurch auszeichnen, dass sie in großen Spielen Großes leisten, dann ist Marcel Sabitzer auf einem vielversprechenden Weg. Tor bei RB Leipzigs Zweitliga-Debüt, Tor bei RB Leipzigs Erstliga-Debüt, Traum-Tor im wichtigen Champions-League-Spiel gegen Zenit St. Petersburg, zwei Tore im Königs­ klassen-Achtelfinale 2020 gegen Tottenham, Vorlage zum Siegtor im Viertelfinale gegen Atlético Madrid. „Immer wenn es drauf ankommt, ist Sabi da“, sagt sein Freund und Mittelfeldkollege Konrad ­Laimer, „und er hilft der Mannschaft extrem, an ihr Maximum zu kommen.“ Ein Starkmacher, mal mit der richtigen Aktion, mal mit dem richtigen Ton.

MAKE-UP: CHRISTA RAQUÉ

„Ich bin oft ruhig und beobachte sehr viel.“ Wer Marcel Sabitzer interviewt, erlebt jemanden, der gedankenschnell, klar, mitunter auch angriffslustig agiert. „Beflügelt mich das Kapitänsamt? Das ist so eine Parade-Journalistenfrage … Darauf habe ich keine Antwort.“ Sabitzer wirkt nicht wie der Typ, mit dem man drei Stunden im Café sitzt und ziellos plaudert. Eher wie einer, der für 15 Minuten vorbeikommt, aber dann ist alles Wesentliche geklärt. Man spürt im Gespräch mit ihm die Geradlinigkeit, von der auch sein Spiel und sein Führungsstil geprägt sind. Als Fußballer hat er alles im Werkzeugkasten, holt aber nur raus, was er gerade wirklich braucht. Macht er einen Hackentrick, dann nicht, weil er Applaus bringt, sondern weil er in der Spielsituation sinnvoll ist. Ähnlich tritt er als Kapitän auf: „Ich bin nicht der Dauerlautsprecher“, sagt er. „Ich bin oft ruhig, ­bleibe im Hintergrund und beobachte sehr viel. Aber wenn einer gepusht oder beruhigt werden muss, dann greife ich ein.“

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Als 2018 einige Spieler Ärger mit dem Trainer ­bekommen, weil sie vor einer Partie zu sehr auf ihr Handy und zu wenig auf das Spiel fokussiert zu sein scheinen, geht Sabitzer die Sache mit ein paar Kollegen auch teamintern an: Es kommt zu einer Aussprache, danach ist die Luft wieder rein. „Ich kann jedem die Wahrheit ins Gesicht sagen und wünsche mir, dass man das auch mit mir so macht“, sagt S­abitzer. „Ehrlichkeit steht für mich ganz oben.“ Allerdings ist er heute diplomatischer als früher. „Anfangs konnte ich es nicht akzeptieren, wenn ich das Gefühl hatte, dass ein Mitspieler sich nicht genauso reinhängt wie ich. Da habe ich mich oft auch verbal aufgeregt und bin mit Mitspielern aneinandergeraten. Ich dachte: Hm, ich gehe um zehn Uhr ins Bett und der um zwei Uhr nachts, nimmt der seinen Job nicht ernst? Heute weiß ich: Hinter jedem Fußballer steckt ein Individuum, und jeder braucht etwas anderes, um seine beste Leistung zu bringen.“

„Meine Tochter gibt mir neue Perspektiven auf mein Leben.“ Für Sabitzer enorm wichtig: seine Familie. Seit 2017 ist er mit Partnerin Katja Kühne liiert und mittlerweile verlobt, im April 2019 wurde er Vater. „Ich glaube, dass sein privates Umfeld ein wesentlicher Grund dafür ist, dass er in der jüngeren Vergangenheit noch mal einen Schritt nach vorn gemacht hat“, sagt Österreichs U-21-Trainer Werner Gregoritsch, der die Familie Sabitzer seit vielen Jahren gut kennt. Das sieht der Mittelfeldstar auch selbst so. Die Geburt seiner Tochter habe ihn zufriedener und gelassener gemacht. „Durch ein Kind bekommst du ­andere Perspektiven aufs Leben und auf bestimmte Situationen“, sagt er. „Ich bin einfach glücklich, so ein schönes Familienleben führen zu können. Und ich habe gelernt, mit stressigen Momenten besser umzugehen: Du willst deinem Kind Ruhe vermitteln? Das geht nur, wenn du selbst Ruhe ausstrahlst, statt ebenfalls laut zu werden.“ Droht bei so viel häuslicher Harmonie die Gier auf dem Platz nachzulassen? Bei Marcel Sabitzer ist das auszuschließen. „Wenn ich eines Tages mit dem Fußball aufhöre, dann möchte ich auf eine richtig geile Karriere zurückblicken und tolle Vereine und große Erfolge in meiner Vita stehen haben“, sagt er. Das sei sein Anspruch, und das traue er sich auch zu. „Ob das klappt, liegt teilweise in meiner Hand und teilweise auch nicht. Ich fokussiere mich auf das, was ich beeinflussen kann: meine Leistung.“ Am 16. Februar und am 10. März trifft RB Leipzig im Champions-League-Achtelfinale auf den FC Liverpool. Infos: dierotenbullen.com

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INNOVATOR

IDEEN FÜR EINE B ES S E R ZUKUNFTE

Mode

Innere Wärme Die klugen Kleider kommen: Die Heatable Capsule Collection von AlphaTauri heizt uns ganz schön ein.

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Aufgeplustert war gestern: Diese Jacken wärmen ohne dickes Futter.

o bleibt eigentlich die Smart Fashion? Noch sind kluge Kleider mehr Versprechen als Wirklichkeit – von wenigen innovativen Ausnahmen abgesehen. Zum Beispiel von AlphaTauri: In diesem Winter startete die Mode­ marke die „Heatable Capsule Collection“. Entwickelt mit der Deutschen Telekom und Schöller Textil können die Jacken und Westen das Klima im Inneren selbständig regulieren. Die Temperatur­ lässt sich entweder per App auf dem Smartphone oder

mittels in den Stoff der ­K leidung eingearbeiteter ­ Tasten regeln – und die Garde­robe übernimmt prompt. Ein Sensor misst die aktuelle Temperatur, beheiz­ bare Elemente wärmen bei Bedarf in den Taschen und am unteren Rücken nach. Teil der cleveren Lösung sind unter anderem ein wärme­ leitendes Futter und eine integrierte Powerbank, die ganz nebenbei auch das Handy aufladen kann – ideal etwa für lange unbeschwerte Tage in der freien Natur. alphatauri.com

Temperatur im Griff: Die Telekom ent­ wickelte die App zur Steuerung der Wärmeintensität.

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IN ALLER KÜRZE FÜR ALLE SINNE Mit Gürtel oder Lichtspielen: Diese Gründer schaffen neue Gamingund Musik-Erlebnisse.

ALPHA TAURI, FILIPE CONDE, PLAYTRONICA, FEELBELT, 8SENSE

DAVID MAYER, LOU BOYD

MEHR BAUCHGEFÜHL Musik hören wir mit den Ohren, klar. Was aber, wenn wir sie fühlen könnten? Mit seinem auch beim Gaming einsetzbaren Hightech-Gürtel will Gründer Benjamin Heese das demnächst ermöglichen – good Vibrations oder so. feelbelt.com

BESSER SITZEN Aufrechtes Sitzen ist ein­ facher gesagt als getan. Deswegen hat Christoph Tischner, 28, mit Geschäftspartner Ralf Seeland ein Gadget entwickelt, das sich am Kragen befestigen lässt und uns bei krummer Haltung per Vibration erinnert. 8sense.com

Mehr Inspiration für ­ ukunftsmacher gibt es Z im aktuellen INNOVATOR. Infos und Abo unter: ­redbulletininnovator.com

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Berührende Melodien

So klingt der Mensch Ein Gerät namens „Touch Me“ macht unseren Körper zum Instrument – der Name deutet schon an, dass die Musik hier eher Nebensache ist.

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as Ding, das jeden Menschen zum Klangkörper macht, erinnert an ein Mini-Skateboard. Tatsächlich ist es ein Midi-Controller, mit dem sich Körperteile in Instrumente verwandeln lassen: der Hals zum Beispiel in eine Flöte, der Arm in ein Klavier, der Bauch in eine Gitarre. Alles, was dazu nötig ist, sind eine Computer-Verbindung (ganz einfach per USB-Kabel) und ein zweiter Mensch. Musiker und Designer Sasha Pas, Entwickler von „Touch Me“, hatte bei der ­Erfindung nicht nur Musik im Sinn. Viel wichtiger war ihm die Bedeutung von Berührungen für das menschliche Wohlbefinden: „Wir haben in diesem Jahr eine Reihe von Interviews mit Psychologen, Therapeuten und Pädagogen gemacht, um noch mehr darüber zu erfahren. Heraus kam, dass wir Menschen sehr anpassungsfähig sind, aber ohne Berührungen nicht leben können.“ Und deshalb funktioniert „Touch Me“ auch am besten zu zweit. Beide halten je eines der zwei Enden des mit dem Computer verbundenen Geräts in einer Hand, die andere Hand spielt Melodien auf dem Körper des Partners (hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt). „Touch Me“ misst den Widerstand zwischen den Kontaktbereichen und sendet das Ergebnis

Musik aus dem Bauch, aber wirklich: „Touch Me“ macht aus dem Körper ein Instrument.

als Midi-Signal an den Computer. Mit der Intensität des Drucks können die Töne verändert werden. Zusätzliche Modifikationen sind am Computer möglich (zum Beispiel mit Apples „Garage Band“). „Touch Me“ eignet sich natürlich nicht nur für Hausmusik. Sasha Pas: „Als wir Fremde noch ohne Sorge berühren konnten, haben wir bis zu fünfzig Menschen verbunden, sie sozusagen als soziales ­Instrument gespielt.“ Nachsatz: „In der aktuellen Situation denken die Menschen – glaube ich – mehr denn je über Berührungen nach.“ „Touch Me“ wird voraussichtlich ab Mitte Februar ausgeliefert, der Preis wird bei rund 75 Euro liegen. playtronica.com

Ein Gerät, das Menschen verbindet: Die Töne entstehen durch Berührungen.

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Der Performancekünstler NICK CAVE, 62, aus Missouri ist mit seinen schrillen Ganzkörperkostümen, sogenannten Soundsuits, zum Weltstar geworden. Seine Arbeiten regen zum Nach­denken an, indem sie mit Vorurteilen spielen. Und verleihen schwergewichtigen Themen ungeahnte Leichtigkeit. Redaktion FLORIAN OBKIRCHER

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NICK CAVE/JACK SHAINMAN GALLERY

Bunt ist die Hoffnung


Pelzig bunter ­ ktivismus: Tanz A in den farbenfrohen „Soundsuits“ des Künstlers (nicht des Sängers) Nick Cave


Nick Cave, 62, schwarz und homosexuell. Sein Ziel: Alter, Hautfarbe und Geschlecht sollen nicht länger von Bedeutung sein.


„Ich zeige Bilder, die wir gerne ignorieren, aber nicht ignorieren können.“

JIM PRINZ/JACK SHAINMAN GALLERY, TRAVIS MAGEE

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s ist immer dasselbe mit Nick Cave. Kommt man mit seiner Kunst in Berührung, verwandelt man sich vom Er­ wachsenen in ein staunendes Kind. Seine unglaublichen Fantasie­ welten lassen keine andere Reaktion zu als weit aufgerissene Augen und herunter­ geklappte Kinnladen: Wir bekommen es mit kreischbunten Yetis zu tun oder mit Wesen, deren Körper aus tausenden Knöpfen bestehen und statt Gesichtern Abakusse haben. „Die meisten Leute sind erst einmal fasziniert von der Größe und der positiven Stimmung, die herrscht“, meint Cave. Er ist nicht nur Stoffbild­ hauer und Künstler, sondern hat auch eine Tanzausbildung und inszeniert ­seine Werke gern wie afrikanische Bantu-­ Rituale – mit Trommeln, Tanz und Lebens­freude. „Aber sobald sie genauer hin­sehen, wird ihnen klar: Oh Mist, das ist gar nicht so hübsch, wie es auf den ersten Blick scheint.“ Doch dann ist es meist schon zu spät: Gefangen in Nick Caves fein gesponnenem Gedankennetz kann sich der Betrachter dem Grauen, das hinter dem fröhlichen Überschwang lauert, nur noch schwer entziehen. Caves jüngste Ausstellung „Until“, die von September 2020 bis Jänner 2021 auf 2200 Quadratmetern im The Momentary Museum in Bentonville im US-Bundes­ staat Arkansas zu sehen war, ist da keine Ausnahme. Rund 16.000 Aluminium-Windspiele ließ der 62-Jährige an der Decke auf­ hängen. Ganz egal wohin der Blick fiel – überall Funkeln, Glitzern, Regenbogen­ farben. Eine surreal schöne, fast schon

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Im Galopp in das New Yorker Grand Central Terminal: In jedem Pferde-Soundanzug stecken zwei Menschen. Die Frage: Wie bewegen wir uns als Team in der Welt?

hypnotisierende Kulisse, hätte man nicht mittendrin ein paar weniger beschau­ liche und sehr realistische Dinge ent­ deckt: Windspiele in Form von Pistolen, Patronenkugeln und Tränen etwa. Es ist Caves faszinierende Art, sich mit Waffen­ gewalt, Ungleichbehandlung und Polizei­ brutalität auseinanderzusetzen. Schwer verdaulichen Themen eine Art Leichtig­keit zu verpassen, Schönes mit Häss­lichem zu verbinden – das ist der rote F ­ aden, der sich durch alle Arbeiten des Künstlers zieht. Cave nennt das ­„Verstecken & Enthüllen“ und sagt: „Ich schaffe positive Traumwelten und durchbreche sie mit Dingen, mit denen

wir – und insbesondere ich als schwarzer Mann in den USA – jeden Tag konfron­ tiert werden. Ich zeige Bilder, die wir gern ignorieren, aber die wir in Wahrheit nicht ignorieren können.“ Subtile Gesellschaftskritik, mit der Nick Cave, aufgewachsen mit sieben ­Brüdern und einer alleinerziehenden Mutter unter schwierigen finanziellen Bedingungen in Missouri, zu einem der angesehensten zeitgenössischen Künstler der Welt wurde. Caves Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie leichte Kost, weshalb er mit ­ihnen auch die Massen erreicht. Sie sind in den wichtigsten Museen und Galerien   55


„ Man darf nie vergessen: Da draußen ist auch noch eine Welt.“ Für seine Mission verlässt Nick Cave immer öfter Ateliers und Galerien, also die traditionellen Kunsträume.


der Welt ausgestellt. Seine Skulpturen werden für 150.000 US-Dollar aufwärts gehandelt, das Musik-Powerpaar Jay-Z und Beyoncé zählt zu den erklärten Sammlern, und Caves Galerist Jack Shainman meint: „Wenn die Leute ­beginnen, nach Autogrammen deines Künstlers zu fragen, dann weißt du: Das ist jetzt eine andere Liga.“

NICK CAVE/JACK SHAINMAN GALLERY

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ngefangen hat Caves Karriere ­allerdings in aller Stille – 1992, auf einer Parkbank in Chicago, ­jener Stadt, in der er jetzt wohnt. Die ­Polizisten, die den Afroamerikaner ­Rodney King bei einer Verkehrskontrolle fast zu Tode geprügelt hatten, waren ­gerade freigesprochen worden. Ein Aufschrei der Empörung hallte durch die USA – und Cave grübelte im Park der Frage nach: „Wie kann ich in einem Land existieren, das mich wegen meiner Hautfarbe als Bedrohung sieht?“ Das Gefühl, fehl am Platz zu sein, lenkt seine Aufmerksamkeit auf Zweige am

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Boden. Sie sind, überlegt er, abgetrennt vom Baum und doch ein Teil des Ganzen. Jeder hat eine eigene Form. Nick Cave sammelt die Zweige ein und bringt sie heim – ohne zu wissen, was genau er ­damit machen würde. Das Ergebnis ist schließlich sein erster „Soundsuit“. Eine tragbare GanzkörperInstallation, die schließlich zu seinem Markenzeichen wird. Mehr als fünf­ hundert solcher Fantasiekostüme hat Cave seither geschaffen. Die bereits eingangs erwähnten Yetis und die Knopf-Wesen gehören zu ihnen. Manche Entwürfe sind drei Meter hoch. Soundsuits heißen sie, weil sie auch ­Geräusche von sich geben – abhängig von den Materialien, aus denen sie ­hergestellt sind. Sie rascheln, knarzen, klappern. Und das Wichtigste: „Sobald du in ­einen Soundsuit schlüpfst, bist du von deiner Umwelt abgeschirmt.“ Hautfarbe, Geschlecht, Alter, sozialer Status – all das sei dann nicht länger relevant, erklärt

„Die Neugier zu erhalten, ist wichtig. Für mich geht es immer ums Träumen.“

Cave die Idee hinter den Anzügen. Er ­fertigt sie aus Fundstücken vom Flohmarkt, Bast, Drähten oder sogar menschlichem Haar. Die Soundsuits sind für ihn ein Statement gegen Diskriminierung. Betrachter können vorurteilsfrei auf die Menschen zugehen, die in den Kostümen stecken. Sie verhindern Schubladendenken. Und auch die Menschen in den Anzügen können sich frei und ungehemmt bewegen.   57


Neue Denkmäler braucht das Land: Nick Caves Lebensbaum ist ein Hybrid aus Pflanze und Mensch, mit Keramikvögeln in den Zweigen.

des Dialogs glaubt. Doch wie viele andere sah er im vergangenen Jahr seine positive Grundeinstellung massiv auf die Probe gestellt. Als im Frühjahr die Pandemie ausbrach, veröffentlichte er eine Video­ reihe namens „Cultural Stimulus“, in der überdimensionierte Smileys die Haupt-

Kinetic Spinner Forest: eine Installation, die bei der Cave-Schau in Arkansas zu sehen war. Bei genauer Betrachtung entpuppten sich die Windspiele als Pistolen und Tränen.

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rolle spielten – der Tod von George Floyd durch Polizeigewalt im Mai 2020 war dann nicht mehr so leicht wegzulächeln. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ­riefen Cave und sein Lebenspartner Bob Faust – er ist ebenfalls Künstler – das Projekt „Versöhnung“ („Amends“) ins Leben. Sie luden Nachbarn, Freunde und lokale Persönlichkeiten ein, die Schaufenster von Caves Galerie in Chicago mit „Briefen an die Welt“ zu tapezieren. In diesen ­Botschaften sollten die Teilnehmer zum Thema Rassismus und ihrer Rolle darin reflektieren. Cave ist davon überzeugt, dass eine gespaltene Gesellschaft nur mit Ehrlichkeit und der Bereitschaft zum Dialog wiedervereint werden kann. „Ich zwinge mich immer, strategisch zu denken. Mein Publikum und ich mögen aus unterschiedlichen Welten stammen, und wir mögen unterschiedliche politische Ansichten haben“, sagt er. „aber wir arbeiten zusammen, weil wir in meinen Projekten alle Partner werden.“

D

erzeit tüftelt Cave an einer Serie namens „A·mal·gams“ – Bronze­ statuen, die mitunter auch als „Soundsuits 2.0“ bezeichnet werden. Eine der Skulpturen zeigt eine sitzende Person – Oberkörper, Arme und Beine sind mit Blumen übersät. Anstelle eines Kopfs wächst ein Baum, in dessen Ästen Keramikvögel sitzen. „A·mal·gams“ ist Nick Caves Antwort auf eine brandaktuelle Debatte: Wer oder was soll in Zukunft auf den Podesten ­jener Denkmäler stehen, die noch vor kurzem an Menschen erinnerten, die von der Sklaverei profitiert haben – und die im Zuge der Black-Lives-MatterBewegung gestürzt wurden? Wie können wir diese Statuen, die an Zeiten voller Hass und Leid gemahnen, in Symbole der Hoffnung umwandeln? „Mein Vorschlag ist ein Lebensbaum“, sagt Cave. „In Bäumen finden Vögel aller Art zusammen und bauen ihre Nester.“ Für Cave sind die Bronzeskulpturen eine natürliche Weiterentwicklung seiner Arbeit. „Das meiste spielt sich doch sowieso im Kopf ab. Ich wünsche mir, dass der Betrachter der Statuen sich fragt: ‚Was fühle ich? Wie würde ich mich ­damit bewegen?‘ Sich seine Neugierde zu erhalten, ist wichtig. Für mich geht es immer ums Träumen. Und darum, sich vorzustellen, wie eine gute Zukunft aussehen könnte.“ THE RED BULLETIN

NICK CAVE/JACK SHAINMAN GALLERY, JIM PRINZ/JACK SHAINMAN GALLERY

C

ave mag mit seinen Arbeiten Risse in der Gesellschaft aufzeigen – sein Ziel ist es aber auch, sie zu kitten und die Menschen zusammenzubringen. 2013 ließ er zu diesem Zweck dreißig ­lebensgroße Pferdefiguren in Manhattans Bahnhof, dem Grand Central Terminal, galoppieren. „In den Pferde-Soundsuits steckten jeweils zwei Menschen“, erklärt Cave. „Sie mussten zusammenarbeiten, um die Figur zu bewegen. Darum geht’s auch im großen Ganzen: wie wir uns als Team in der Welt bewegen.“ 2018 produzierte Cave in einer ehemaligen Ausbildungshalle der US-Armee in New York eine Show, bei der die Be­ sucher eingeladen waren, mitzutanzen. „Wie können wir Angst und Frustration auf nonverbale Art loswerden? Das war die zentrale Frage“, sagt Cave. „Ich habe zu diesem Zweck ein Behördengebäude zu einem Tanzsaal gemacht.“ Im Jahr darauf organisierte er in Boston die erste „Parade der Freude“ – eine Prozession, die, angeführt von 75 lokalen Künstlern, die unterschiedlichen Communitys der Stadt näher zusammen­ bringen sollte. Für seine Mission verlässt Cave immer öfter die traditionellen Kunsträume. „Das Atelier ist eine Sache. Aber man darf nie vergessen: Da draußen ist auch noch eine Welt.“ Nick Cave ist ein Optimist, der an das Gute, an Veränderung und an die Kraft


„ Sobald du in einen Soundsuit schlüpfst, bist du von ­deiner  Umwelt abgeschirmt.“ Dieser Anzug ist aus Tausenden von ­Plastikknöpfen gefertigt, als ­­Gesichtsschutz dient ein Abakus vom Flohmarkt.


HARTER START

Eisschwimmer Josef Köberl auf dem zugefrorenen Augstsee am Loser in Altaussee: Gleich geht es ins Wasser.

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Hier hackt Josef sein Bad frei


Und hier taucht er gleich ab DER EINSTIEG Die kleinen Eisstücke sind scharf wie Messer. Sie müssen vorsichtig ­entfernt werden.

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Die Kälte lässt sich nicht besiegen, sagt Rekord-Eisschwimmer JOSEF KÖBERL, 44, bevor er bei einer Wassertemperatur von knapp unter null Grad abtaucht. Und trotzdem macht ihn jede neue Niederlage stärker. Text KARIN CERNY Fotos PHILIPP HORAK


EISMANN

Josef Köberl hält mehrere Kälterekorde. Im Zivilberuf arbeitet er im Bundes­ ministerium für Klimaschutz.


AUFWÄRMRUNDE

Josef Köberl hat das Saunazelt aus Russland importiert. Der Ofen steht auf Beinen, damit das Eis darunter nicht schmilzt.

A

lles spricht da­ gegen, sich jetzt auszuziehen und an etwas so Absurdes wie Schwimmen zu denken. Über uns: eine 30 Meter ­dicke Eisdecke. Vor uns: ein glasklarer Gletschersee, ­dessen Wasser eine Temperatur von ­minus 0,8 Grad aufweist. Normalerweise bestaunen hier, im Natur Eis Palast am Hintertuxer Gletscher, Touristen in ­warmen Winterjacken die magischen Eisformationen. Aber Josef Köberl steht schon in der Badehose da, bereit, sich den lebens­ feindlichen Elementen auszusetzen. „Seltsam, dass meine Ohren heiß sind“, sagt der Extremschwimmer. „Der Körper wehrt sich, er weiß, es wird hart.“ Wie hart, hat er gerade erst erlebt: Da ist er ohne Schwimmbrille untergetaucht. Danach konnte er eine Eisschicht vom Augapfel wischen – eine bizarre Kontakt­ linse aus Kristallen. Warum tut man sich so was über­ haupt an? „Weil ich es kann“, sagt Josef. Und weil er, wie er im Scherz meint, als Eiswürfel geboren wurde. Aufgewachsen auf einem Bauernhof im steirischen Salzkammergut, war er schon als Kind ständig im Grundlsee. Ein

THE RED BULLETIN

Gewässer, das auch im Sommer ziemlich frisch bleibt. In seiner Jugend ist er viel gelaufen, auch um den frühen Tod seines Vaters und seiner Schwester zu verarbei­ ten. 2011 erfuhr er vom 1. Hallstätter Schwimm-Marathon. Josef besorgte sich einen Neoprenanzug und trainierte drei Wochen lang. So losgelöst, frei und sorgenlos hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Als er ans Ufer kam, verkündete er: „Wenn das so einfach ist, dann durch­ quere ich den Ärmelkanal.“ Was für ein Vollidiot, dachten erfah­ rene Kollegen. Dieser lausige Schwim­ mer möchte den Mount Everest unter den Open-Water-Herausforderungen ­bezwingen? Am Ärmelkanal sind schon ganz andere gescheitert. Aber Köberl hatte erkannt, wozu er imstande war, und startete in ein Abenteuer, das sein Leben von Grund auf verändern sollte. Um in den rauen Gewässern des ­Ärmelkanals zu bestehen, rieten ihm

„Heiße Ohren: Der Körper wehrt sich, er weiß, es wird hart.“

­Experten, Kälteanpassung zu trainieren. Dabei passierte etwas sehr Seltsames: ­Jedes Mal, wenn in der Wiener U-Bahn die Station „Neue Donau“ angesagt wur­ de, wo Josef ausstieg, um eisschwimmen zu gehen, begann sein Puls zu rasen. ­Seine Kehle wurde schlagartig trocken. Manchmal wurde ihm leicht übel. „Der Körper machte sich bereit: Jetzt geht es ans Sterben“, analysiert er heute, zahlrei­ che Eisrekorde später, gelassen. Damals überforderte ihn diese Erfahrung, gleich­ zeitig war sie aber lehrreich. Wenn eine simple U-Bahn-Durchsage solche Angst auslösen kann, dann muss das doch auch umgekehrt funktionieren. Mit Schlag­ worten, die helfen, die innere Wärme zu aktivieren, um Unterkühlung und Schmerzen zu trotzen. Ein mentaler ­Anker, wenn es ans Eingemachte geht. „Wenn man es richtig macht, kann beim Eisschwimmen nichts passieren. Aber manchmal tut es unvorstellbar weh.“ Ähnlich wie Schauspieler, die auf Knopfdruck weinen können, holt sich ­Josef dann die stärksten Emotionen aus seinem Leben, um sich wie an einem ­inneren Lagerfeuer zu wärmen. Was immer hilft: die Erinnerung, als er zum ersten Mal seine Töchter nach der Geburt im Arm hielt. „Ein Wahnsinns­ gefühl, du wirst von Glück überwältigt.“ An der Neuen Donau wurde ihm auch klar: Es geht beim Eisschwimmen nicht   65


BADEZEIT Josef Köberl steigt über eine Leiter ins Wasser des Hintertuxer Gletschers.


„Die Kälteidiotie hat voll zugeschlagen. Ich wusste nicht, wo ich bin.“ darum, der härteste Hund der Sportwelt zu werden. „Du kannst die Kälte nicht be­ siegen“, sagt er. „Du musst den Schmerz annehmen. Jedes Mal aufs Neue.“ Man kann sich, wie Josef Köberl, entscheiden, die Kälte lieben zu lernen. Aber es bleibt eine herausfordernde Beziehung. Von dieser komplizierten Lovestory erzählen auch die Weihnachtsgrüße, die Josef Köberl 2020 auf Instagram postete. Wie ein Held steht er da auf einem zuge­ frorenen See, in dessen Eisdecke er zuvor mit einer Axt ein Loch zum Abtauchen gehackt hat. Der Text zu dem Bild lautete weise: „Nicht Härte, Wärme schmilzt das Eis“. Die Axt hatte er in der ­U-Bahn offen bei sich – er trug, mitten im Winter, kurze Hosen. Jeder andere wäre ver­ mutlich sofort verhaftet worden. Aber Josef strahlt diese bestechende innere Ruhe aus. Das Eisschwimmen hat ihn ­eines gelehrt: In der Gelassenheit liegt die Kraft. Eine Erfahrung, die er nun in den Alltag mitnimmt. Von den Strapazen seiner Rekorde erzählt er nicht so gern, er schwärmt lieber von der Schönheit des Ärmelkanals bei Nacht: „Wie Öl war das Wasser, so schwarz.“

Mit der Kreditkarte Quallen von der Haut geschabt

2015 gelang ihm die Durchquerung, in der Badehose hatte er eine alte Kredit­ karte, „um die Tentakel der Quallen runterzuschaben.“ In einem früheren Leben war Josef Köberl Luftfahrtexperte beim Bundes­ heer. Beim Fallschirmspringen war der erste Schritt aus dem Flieger immer ein Kick, erinnert er sich. Heute arbeitet er im Bundesministerium für Klimaschutz als Qualitätsmanager für Luftfahrt­ sicherheit und ist drauf und dran, sich als Kälteprofi selbständig zu machen. Das Eisschwimmen hat ihn entspann­ ter gemacht – aber auch fokussierter. „Man lernt sich und seinen Körper sehr THE RED BULLETIN

TESTLAUF

In diesem Eistunnel am Gletscher will Josef Köberl zwei neue Weltrekorde aufstellen.

genau kennen“, betont er. „Das schärft die Sinne.“ Einmal, erzählt er, sei der ­Nebel am Grundlsee so dicht gewesen, dass sich das Begleitboot trotz GPS ver­ fahren habe. Er hingegen blieb auf Kurs, obwohl er nichts sah. Die inneren Bilder, die er von dieser Landschaft abgespei­ chert hatte, brachten ihn sicher ans Ziel.

Bei der Eismeile sank Köberls Temperatur auf 27 Grad

Gleich in seiner ersten Saison als Eis­ schwimmer schaffte Josef Köberl am 1. März 2014 die Königsdisziplin: die ­Eismeile – 1609 Meter in Wasser unter fünf Grad, geschwommen im Grundlsee. Danach brachte ihn die Feuerwehr auf die Intensivstation des lokalen Kranken­ hauses. „Meine Körpertemperatur war auf 27 Grad gesunken. Die Kälteidiotie (ein Phänomen, das bei unter 32 Grad Kerntemperatur kurz vor dem Erfrieren auftritt, Anm.) hat voll zugeschlagen: Ich bin raus und wusste nicht, wo ich bin.“ Doch dann knackt Josef Köberl einen Eisrekord nach dem anderen. Vergan­

genen September verbrachte er 2 Stun­ den, 30 Minuten und 57 Sekunden in ­einer Box mit Eiswürfeln – Weltrekord. „Longest Duration Full Body Contact with Ice“ nennt sich diese Disziplin. Der Franzose Romain Vandendorpe überbot ihn im Dezember um ein wenig mehr als fünf Minuten. Josef nimmt es gelassen: „Es geht mir nie darum, jemand anderen zu übertrumpfen. Ich möchte wissen, ob ich es schaffe.“ Demnächst wird er in Las Vegas versuchen, den Rekord auf drei Stunden zu schrauben. Und er hat schon weitere Pläne: Im März will er fünf Kilometer im Grundlsee bei einer Wassertemperatur von unter fünf Grad zurücklegen. Und dann ist da noch der Natur Eis Palast in Tirol, wo er zwei Weltrekorde auf einmal aufstellen möchte: die kälteste und die höchste ­Eismeile (3214 m) in Süßwasser. Genau genommen legt er dabei sogar noch einen dritten Rekord drauf, den er gar nicht erwähnt. Er wird dann der erste Österreicher sein, der die „Ice Zero“ geschafft hat, das sind 1609 Meter in   67


„Die Belohnung nach der Qual? Ein unendliches Gefühl der Freiheit.“

Coole Fakten

Eismeile, Quallen-Angriffe, Weltrekord-Frieren

2014

schwimmt Josef Köberl als erster Österreicher die Eismeile, das bedeutet: mehr als 1,6 Kilometer bei weniger als 5 Grad.

2015

durchquert er den Ärmel­ kanal in 14:21 Stunden. Zur Kälte kommen Quallen. Er kratzt sie mit einer Kreditkarte von der Haut.

2020

holt er sich den Welt­ rekord im GanzkörperKontakt mit Eis: 2 Stunden, 30 Minuten und 57 Sekunden. Ein Franzose schafft es im Dezember noch länger.

e­ inem Gewässer mit einer Temperatur unter einem Grad. Bisher ist das nur 13 Menschen weltweit gelungen. Die Kombination aus Höhe (Sauerstoffmangel!) und Kälte ist fatal, das merken wir auch beim Training im ­Gletscher. Über eine Leiter steigt Josef hinunter ins Eiswasser. Die Kälte erwischt ihn mit voller Wucht. Man sieht, dass es sogar für den Eisschwimmer-­ Profi eine grenzwertige Erfahrung ist. „Der Schmerz in den Beinen ist zu groß“, 68

sagt er, als er nach zehn Minuten eine Pause machen muss. Der Schmerz: ein Pochen und Vibrieren, das auch Alpinisten von Erfrierungen kennen und das sich anfühlt, als würden sich Nägel unter die Haut schieben.

Das große Zittern: Köberl wird 20 Minuten durchgeschüttelt

Aber das ist erst der Anfang. Das kalte Blut der Extremitäten fließt zurück in den Rumpf. Der sogenannte Afterdrop setzt ein. Wie ein Alien sitzt die Kälte plötzlich tief in einem. Breitet sich er­ barmungslos in den Adern aus. Und dann beginnt das große Zittern. Der Körper wärmt sich aus eigener Kraft auf. Gut 20 Minuten lang schüttelt es ­Josef durch. Oft so stark, dass er am nächsten Tag einen Muskelkater in den Oberschenkeln hat. Anschließend nimmt er einen zweiten Anlauf, und es geht ihm deutlich besser. „Bevor ich den Weltrekord angehe, verbringe ich zehn Tage hier oben, damit sich der Körper daran gewöhnt“, erzählt Josef. „Und ich absolviere in Wien ein Höhentraining: Ich lasse mich im Institut für Klimakammertherapie (Hypoxia

­ edical Center) mittels einer Maske auf M 7000 Meter hochschrauben.“ So extrem Josef Köberl seinen Sport auch ausübt, ist er doch überzeugt: Eisschwimmen kann jeder, der keine HerzKreislauf-Probleme hat. Bei allen Rekordjagden ist ihm nie die soziale Ader abhandengekommen. Köberl ist ein Menschenfreund, das sieht man am besten beim sogenannten Sonntagstraining, das er als Präsident der öster­ reichischen Sektion der „International Ice Swimming Association“ ab Oktober an der Alten Donau in Wien abhält. Mit einer Engelsgeduld erklärt er ­Anfängern, wie man richtig atmet, plaudert mit Neugierigen, ohne einen Cent zu verlangen. Er vermittelt jedem das Gefühl, ein Champion zu sein. Dabei ist ihm wichtig: „Ich bin kein Guru. Wer es aus eigener Kraft schafft, der hat mehr davon. Die Kälte soll Teil deines Lebens werden.“ Die Belohnung? „Ein unendliches ­Gefühl der Freiheit. Du kannst zu jeder Zeit in jedes Gewässer gehen.“ 3500 Menschen hat Josef Köberl laut eigener Aussage schon zum Eisschwimmen gebracht. Nur bei einem Menschen scheitert er beharrlich: Seine Frau bleibt überzeugte Warmduscherin. Deshalb muss daheim beim Heizen ein Kompromiss gefunden werden, ­gesteht Josef lachend. Und beim Thermenurlaub vor zwei Jahren in Ungarn ist er eine halbe Stunde lang ins 13 Grad kalte Schockbecken geflüchtet. Kuschelig für einen Kälte-Junkie wie ihn. Nur der Saunawart ist ein bisschen nervös geworden. DIE EISMANN-HÖHLE SELBST BESUCHEN Roman Erler entdeckte 2007 den Eingang zu ­einem unterirdischen Höhlensystem, das unter der Skipiste am Hintertuxer Gletscher liegt. ­Heute h ­ üten die Österreichischen Bundesforste das Naturjuwel, das von Erler ganzjährig als ­Ausflugsziel betrieben wird. natureispalast.info THE RED BULLETIN


WUNDERWELT Iceman Josef Kรถberl unterwegs im Hรถhlensystem unter demโ ฏHintertuxer Gletscher.


Hand­arbeit Nach einem schweren Sturz hielt Freeride-Weltmeisterin NADINE WALLNER, 31, nur noch ein 40-Zentimeter-Nagel zusammen. Dann lernte sie beim Klettern, dass kluge Taktik besser ist als forscher Angriff. Text WOLFGANG WIESER Fotos GIAN PAUL LOZZA


SELBSTBEWUSST

„Ein Löwe ziert den linken Unterarm von Nadine Wallner. Was er bedeutet, bleibt ihr Geheimnis.“

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DURCHTRAINIERT Selbst im Studio zeigt sich, wie gut Nadine Wallner in Form ist.


ELEGANT

Bei Dreharbeiten für Servus TV zeigt Nadine, wie schön der Schnee staubt.

ANDREAS VIGL

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„ Ja“, sagt Nadine und lacht. Sie sitzt in einem Café in Innsbruck, frühstückt Spiegeleier und trägt ein Klettertop, in dem ihre Arme aussehen, als hätte sie ein Renaissance-Künstler aus Marmor gemeißelt: formvollendet und beein­ druckend. Wer ihr das sagt, erntet ein offenes und herzliches Lachen, das „Ja“ als finale Bestätigung gibt es als selbst­ bewusste Draufgabe. Die 31-jährige Skiund Bergführerin ist zweifache FreerideWeltmeisterin und hat als Kletterin im Blitztempo Höchstleistungen erbracht – trotz eines jahrelangen Leidenswegs.

THE RED BULLETIN

the red bulletin: Ich habe mich ­gefragt, wie deine Hände aussehen. Würdest du sie mir bitte zeigen? nadine wallner: Heute sind sie ­verschoratzt. Wie bitte? Ramponiert. Ich war alpin klettern. Sind sie dein wichtigstes Werkzeug? Beim Klettern nicht unbedingt. Natürlich greife ich zu, aber wichtiger sind die Füße, weil ich mit den Füßen den Druck von den Fingern nehme und mich so positioniere, dass ich weniger Kraft ­brauche. Das heißt, ein dicker Bizeps hilft nicht immer. Schadet aber auch nicht, nehme ich an. Wo steckt die eigentliche Kraft – in den Füßen, den Fingern oder doch ganz oben, im Kopf? Der Körper muss funktionieren, aber entscheidend ist der Kopf. Ich habe gelernt, dass Taktik und Überlegung beim Klettern wichtiger sind als beim Skifahren. Taktik ist beim Skifahren auch wichtig,

„Entscheidend ist der Kopf. Ein dicker Bizeps hilft nicht immer.“   73


aber man muss schneller entscheiden und im richtigen Moment bedingungs­ loses Commitment aufbringen.

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ass ihr Körper funktioniert, ist nicht selbstverständlich. Die Karriere der 31-Jährigen, aufgewachsen in Klösterle am Arlberg, ist gezeichnet von Verletzungen, die weniger starke Charak­ tere zur Verzweiflung getrieben hätten. Am Neujahrstag 2004 stürzt N ­ adine im Training so schwer, dass ihr die Milz ent­ fernt werden muss. Sie be­endet ihre ge­ rade in Schwung gekommene Rennfah­ rerkarriere, wird Skilehrerin, absolviert eine Ausbildung zur Skiführerin und fängt nach Jahren Pause als Freeriderin neu an. Und beweist erneut ihr Gespür für Schnee: 2013, zwei Jahre nachdem sie erstmals an einem B ­ ewerb teilgenom­ men hat, holt Nadine auf der Freeride World Tour als jüngste Athletin den Welt­ meistertitel, 2014 ­wiederholt sie ihren Triumph, trotzdem endet das Jahr mit

Tränen. Bei Dreh­arbeiten in Alaska, wo der Pulverschnee bis zu den Hüften reicht, stürzt Nadine, die Rettung dauert sechs Stunden. Diagnose: offener Bruch des linken Schien- und Wadenbeins, ihr wird ein 40-Zentimeter-Nagel eingesetzt. Waren deine Unfälle Folge dieser Alles-oder-nichts-Philosophie? Nein, ich hatte einfach zu wenig ­Erfahrung, deshalb habe ich einen Fehler gemacht, der mich viel gekostet hat.

„Ich habe einen Fehler gemacht, der mich viel gekostet hat.“

Es war ein langwieriger Prozess, wieder fit zu werden. Alles wieder okay? Ja, das Metall ist weg, nur wenn ich acht Stunden Steigeisen anhab, spür ich das. Aber nach acht Stunden mit Steigeisen tun jedem Menschen die Füße weh. Warum kletterst du überhaupt? Begonnen habe ich damit nach meiner Verletzung in Alaska – aus therapeu­ tischen Gründen.

KONZENTRIERT

PHILIP PLATZER/RED BULL CONTENT POOL

Nadine beim Klettern in der Zwerchwand in Bad Goisern

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KRÄFTIG

Die Jahre am Fels haben Nadine zu einem beeindruckenden Muskelpaket gemacht.


„Jeder Schritt hat meinen Blick für Lösungen geschärft.“

Du hast mit Barbara Zangerl, einer der besten Kletterinnen der Welt, trainiert. Wie hast du sie kennen­­gelernt? Ich hab ihre Schwester Claudia am Fels getroffen. Ah, man trifft sich also am Fels. Ja, so wie man sich mit Skiern auf dem Berg trifft. Gemeinsam haben wir uns dann zum Bouldern in der Halle getroffen. Und dann hat die Babsi gemeint, komm morgen um sieben Uhr früh zum Trainieren, und ich war da. Dann ist es sehr schnell gegangen. Ich hab gleich ein paar Schwierigkeitsgrade übersprungen. Wieso hat es so schnell geklappt? Keine Ahnung, ich war einfach motiviert. Ich habe jeden Tag mit der Babsi trainiert. Wir waren Feuer und Flamme, ich habe sie im Gegenzug dafür zum Skifahren mitgenommen.

I

n den Jahren darauf klettert Nadine immer schwierigere Routen. Sie ­könnten auch für einzelne Kapitel im Leben der Athletin stehen. Sie heißen „Paradigma“, „Grenzgänger“ oder „Euphorie“ und markieren eine Entwicklung, die selbst Kletterkollegen staunen lässt. So schnell derart komplexe Routen zu bewältigen zeugt von besonderem Talent und unbedingtem Willen. 2019 schafft Nadine als zweite Frau die „Prinzip Hoffnung“ an der Bürser Platte (im

Bezirk Bludenz, Vorarlberg; Anm.), sie gilt als eine der schwersten Trad-Routen Europas (wobei der Begriff bedeutet, dass die Route selbst abzusichern ist) – und dass sie Platte heißt, hat einen guten Grund: Wo genau Kletterer auf diesem glatten Stück Fels Halt finden, bleibt Normalsterblichen ein absolutes Rätsel. Nadine hat ihr Meisterstück als wertvollen Lernprozess beschrieben. Jeder Schritt habe ihre Kletterintelligenz ge­ fördert, ihr Bewegungsrepertoire erhöht und ihren Blick für Lösungen geschärft. Doch das Tempo, das Nadine geht, verlangt erneut Tribut. Sie verletzt sich am Mittelfinger der rechten Hand. Was ist passiert? Ich hatte zu viel Kraft, da haben die Sehnen nicht mitgemacht. Die brauchen länger, bis sie sich an die Belastung gewöhnt haben. Nach der „Prinzip Hoffnung“ haben die Probleme begonnen. Deshalb habe ich mich nach langem Hin und Her für eine Operation im Herbst 2019 entschieden. Danach habe ich pausiert, und erst im Frühjahr darauf bin ich wieder geklettert – und jetzt kommt die Pointe –, die Route heißt „Touch the Future“ … Die Milz, der Fuß, jetzt der Finger – hast du bei all diesen Verletzungen nie daran gedacht, aufzugeben? Nein, dafür ist das Skifahren zu gut, dafür ist das Klettern zu gut, dafür ist das Am-Berg-Sein zu gut. Als wir uns gestern abgeseilt haben, ist es bereits dunkel geworden. Im Winter mach ich das oft, dass ich bis zum Schluss am Berg bin, da will ich einfach nicht heimgehen, da finde ich es so gut da draußen, da tät ich am liebsten oben bleiben. Tust du das auch manchmal, oben ­bleiben? Ja. Hin und wieder schon. Zelt oder Hütte? Je nachdem, was sich anbietet.

ENTSPANNT

Nadine im Studio, das Seil hat sie jederzeit im Griff.

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Was ist schöner, rauf oder runter? Klettern oder Skifahren? Das kann man nicht sagen. Ich mag Skifahren, weil es so locker ist, weil es so leicht ist, weil es easy geht, fast von allein; beim Klettern muss man brutal viel Aufwand betreiben. Aber wenn es geht, ist es brutal gut. Wo’s rauf und runter geht: Nadine Wallner auf Instagram @nadinewallner THE RED BULLETIN


ZIELORIENTIERT

PHILIP PLATZER/RED BULL CONTENT POOL

Beim Klettern hat Nadine immer die nächste Bewegung vor Augen.

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B O U L E VARD DER HEL DEN

VICTOR LUSTIG

EIFFELTURM ZU VERKAUFEN! Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 10: Wie ein Hochstapler mit Menschenkenntnis alle Welt übertölpelte.

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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT MICHAEL KÖHLMEIER

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GETTY IMAGES (2)

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s gibt Helden, die wir, obwohl wir ist –, sein Geld verdiente er sich mit Billard uns eigentlich gegen sie empören und Kartenspiel. sollten, großartig finden, weil sie Er war auch schon in Amerika gewesen, uns zum Lachen bringen, weil wir wo er sich als Graf ausgegeben hatte und ihre Frechheit bewundern und weil beim Versuch, eine magische Gelddruck­ sie uns, auch wenn wir uns dafür ein biss­ maschine zu verkaufen, aufgeflogen und chen schämen, inspirieren. Weil sie uns Mut davongejagt worden war. Zurück in Paris, MICHAEL KÖHLMEIER machen, gegen den Plan zu rebellieren, der sah er sich den Eiffelturm genau an … wenn Der Vorarlberger gilt als für uns vorgesehen ist. So ein Held war der nicht bald etwas geschähe, könnte es sein, einer der besten Erzähler dass dieses Bauwerk in sich zusammen­ Hochstapler Victor Lustig. Bekannt ist er deutscher Zunge. stürzte. Also musste etwas geschehen! bis heute als der Mann, der den Eiffelturm Zuletzt erschienen: Victor Lustig besorgte sich Vordrucke verkaufte. Er war ein Gauner, aber auch ein „Die Märchen“, von amtlichen Schreiben der Stadtverwal­ Großmeister der Seelenkunde – und das in 816 Seiten, tung. Die bearbeitete er, ließ seinen Namen Carl Hanser Verlag der Zeit, als die Psychoanalyse gerade erst aufdrucken, gab sich als stellvertretender erfunden wurde. Seine Geschichte möchte Generaldirektor des Postministeriums aus. In einem ich erzählen. Schreiben an die sechs größten Schrotthändler der Das über 300 Meter hohe Wahrzeichen von Paris Stadt erklärte er, dass es nun endlich so weit sei, der wurde von Gustave Eiffel für die Weltausstellung 1889 Eiffelturm werde abgerissen, die Stadt suche einen erbaut. Zehn Jahre sollte der Turm aus Eisenfachwerk fachmännischen Betrieb, der die Sache durchführe. stehen bleiben, so war es vorgesehen, dann sollte er Er bat um ein Treffen im Hôtel de Crillon, einem abgerissen werden. Die Pariser mochten das Ding ehemaligen Adelspalais an der Place de la Concorde, nicht, zu modernistisch, zu sachlich – viele mögen es wo die Staatsbesuche untergebracht wurden, feins­ bis heute nicht. Bald jedoch versickerten die Abriss­ te A ­ dresse. Die Herren waren geschmeichelt. Ihr pläne in den Untiefen der Pariser Magistratsbürokratie, Gewerbe war nur wenig angesehen in der Stadt der und bald hatten sich die Bürger an den Anblick des hunderttausend Lichter, der romantischen Liebe und spitzen Eisengerüsts gewöhnt. Im Jahr 1925 stand der schönen Kleider, einen schlechteren Ruf als das der Eiffelturm immer noch, war aber in einem sehr Schrottgewerbe hatte nur noch die Müllabfuhr. schlechten Zustand. Niemand kümmerte sich um Außerdem: Eine solche Menge Eisen zu beseitigen, die Wartung. Er war verrostet, Nieten waren aus dem das brachte viel Geld, sehr viel Geld. Dafür lässt man ­Gestänge ­gebrochen, immer wieder fielen Teile ab, sich gern in ein nobles Hotel einladen. Rost wie Blätterteig. Niemand scherte sich darum. Da tauchte Victor Lustig in Paris auf. Er hatte einen u Beginn der Verhandlungen bat Victor Lustig die guten Blick – einen guten Blick auf verrostete Nieten, Anwesenden um höchste Diskretion, und das aus vor allem aber einen guten Blick in die Seelen der zwei Gründen: Erstens müsse mit Unruhen ge­ Menschen. Er war inzwischen fünfunddreißig Jahre rechnet werden, wenn der Turm nun endlich doch zum alt, war ambitioniert, hatte es aber noch zu nichts Vor­ zeigbarem gebracht. Er stammte aus Böhmen – wenn’s Abriss freigegeben werde, inzwischen gebe es nämlich wahr ist – oder aus Bukarest – wenn’s wahr ist –, er doch einige sentimentale Bürger, die das Ungetüm ins war bereits vor etlichen Jahren in Paris gewesen, hatte Herz geschlossen haben. Zweitens: Weil der Abriss Philosophie an der Sorbonne studiert – wenn’s wahr so ein großes Geschäft sei, müsse mit massivem Neid


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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

der Konkurrenz gerechnet werden, und im Rathaus kröchen einige Beamte mit nicht geringem Einfluss herum, die andere Unternehmen als die anwesenden bevorzugten. Deshalb, so referierte Victor Lustig wei­ ter, müsse alles sehr schnell gehen. Er müsse darauf bestehen, dass die Kostenvoranschläge innerhalb von achtundvierzig Stunden bei ihm eingehen. Als Adresse gab er dreist seine private Wohnung an, dort sei das Planungsbüro vorübergehend untergebracht, bis im Rathaus sein neues Büro eingerichtet werde, das, der neuen Aufgabe entsprechend, bedeutend größer sein würde als sein altes. Nach einer kurzen Diskussion begaben sich die Herren zur Schauplatzbesichtigung. Mit der Überzeugungskraft des genialen Hochstaplers markierte Victor Lustig den Kenner, wies auf Stellen im Eisengerüst hin, die er als höchst gefährlich be­ zeichnete, flocht amerikanische Floskeln ein – was Eisenkonstruktionen betraf, waren die Amerikaner führend – und vergaß auch nicht auf Seitenhiebe ­gegen seinen Vorgänger im Magistrat, der die Augen vor solcher Schlamperei verschlossen habe. „Aber was sage ich! Sie, meine Herren, kannten Monsieur Vachon ja besser als ich!“ Einen Monsieur Vachon gab es nicht und hatte es nie gegeben, jeden­ falls nicht in der zuständigen Magistratsabteilung. Die Herren Schrotthändler waren von Monsieur Lustig und seinem Auftreten sehr angetan, ja begeis­ tert, sie lachten über seine Witze und nahmen sie ­zugleich ernst, als wären es Argumente.

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nter den Herren war ein gewisser André Poisson, auf ihn hatte Victor Lustig während des Treffens im Hotel besonders geachtet, und ihn hatte er schließlich für seinen Plan ausgesucht. Er schien ihm der richtige Mann zu sein. Poisson war unsicher, war auch noch relativ neu in der Branche, schien aber sehr ehrgeizig zu sein. Dieser Mann fühlte sich weit unter seinem Wert geschlagen, das war Victor Lustig nach wenigen Worten und Widerworten klar, und ihm war auch klar: Dieser Mann hatte keine Skrupel, wenn es darum ging, sich endlich die Stellung in der feinen Pariser Gesellschaft zu erobern, die einem ­Geschäftsmann wie ihm zustehe. Ansehen aber konnte nur mit Geld errungen werden, Bescheidenheit und Leistung zählten in Paris nicht viel, Adel in Wahrheit gar nichts mehr.

Der aus 7.000 Tonnen Eisen bestehende Eiffelturm gehörte nun dem Schrotthändler.

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Also bat Victor Lustig Monsieur Poisson, den zu allem Entschlossenen und dennoch Schüchternen, zu einem „vertraulichen Gespräch“. Unerwarteterweise brachte dieser seine Frau mit. Madame Poisson war nicht nur klug, sie war auch sehr misstrauisch. Und sie hatte ein realistisches Bild von ihrem Gatten: Sie trau­ te ihm nicht zu, dass er ohne ihre Hilfe das Geschäft machte, das das Geschäft seines Lebens werden sollte. Sie wollte sich diesen „stellvertretenden Generaldirek­ tor des Postministeriums“ genau ansehen. Nun zeigte sich das hochstaplerische Genie des Victor Lustig, das Genie unter den Menschenkennern. Er änderte den Ton der Unterhaltung. Nicht mehr klar, laut und fachmännisch sprach er, sondern leise, kriecherisch, süß, lamentierend. Ob die Herrschaften sich ungefähr vorstellen könnten, was ein Beamter wie er verdiene, ein Mann mit so viel Verantwortung, außerdem habe er eine anspruchsvolle Frau zu Hause und eine leidende Schwiegermutter und so weiter. Ein bisschen etwas vom Leben wolle ein Mann wie er ja auch haben, nur ein bisschen und so weiter … Madame Poisson kam geradeheraus zur Sache: „Wie viel?“ Noch vor ihrem Mann begriff sie, dass der stell­ vertretende Generaldirektor korrupt war. Dass er Schmiergeld haben, dass er mitschneiden wollte. Und diese Tatsache wischte ihr Misstrauen beiseite. Dem Beamten ging es in erster Linie doch nicht um den ­Eiffelturm, der war ihm wie den meisten Parisern egal, es ging ihm um den Schnitt, den er bei seiner Verschrot­ tung einstrich. Der korrupte Beamte war ein Stan­ dard, auf den konnte man sich verlassen. Genau diese Reaktion hatte Victor Lustig berechnet. Er hatte den Charakter der Frau blitzschnell durchschaut und seine Strategie geändert und sie auf ihren Charakter zuge­ schnitten. Sie musste er gewinnen, und sie gewann er.

D

er Handel wurde abgeschlossen, der aus 7.000 Tonnen Eisen bestehende Eiffelturm ­gehörte von nun an dem Schrotthändler André Poisson. Die „Vermittlungsgebühr“ ließ sich Victor Lustig in bar und in Dollar ausbezahlen – 50.000. Und ward von da an nicht mehr gesehen. Als Monsieur Poisson mit seinen Arbeitern und seinen Werkzeugen vor dem Eiffelturm aufmarschierte, um das Ding zu demontieren, wurde er festgenommen und wegen ­Erregung öffentlichen Ärgernisses angezeigt. Der Betrüger war längst nach Wien abgedampft, er saß in den Kaffeehäusern und den Frühstücks­ räumen der internationalen Hotels und las die dort aufliegenden französischen Zeitungen: Ob von dem Fall berichtet wurde. Wie berichtet wurde. Ob die Kühnheit und Intelligenz des Schwindlers gelobt w ­ urden. Er fand nichts. Nicht einmal eine Rand­glosse. Nicht die kleinste Notiz. Absolut nichts. ­Warum? ­Monsieur Poisson schämte sich so sehr, dass er auf eine Anzeige verzichtete.

THE RED BULLETIN


V

ictor Lustig war enttäuscht. Jeder Künstler wünscht sich, dass sein Werk gewürdigt wird. In den Ohren des Hochstaplers klingt Empörung wie Applaus. Gibt es keinen Applaus, war die Vor­ stellung misslungen. Also: das Ganze noch einmal. Es gab ja noch andere Schrotthändler in Paris. Warum sollte es unter sechs weiteren nicht noch einen Poisson geben? Er änderte sein Äußeres, nicht einmal seine Schwester, hätte er eine gehabt, würde ihn erkannt ha­ ben. Er fuhr nach Paris, nannte sich nun Émile Legoût, fälschte abermals Briefpapier, diesmal der privaten Baugesellschaft „Société du chemin de fer électrique souterrain Nord-Sud de Paris“, die eine Konzession für den Bau einer Metro-Linie besaß. Wieder lud er sechs Firmen aus der Schrottbranche ins Hôtel de Crillon ein. Aber die Polizei wartete bereits vor dem Gebäude, der Hochmütige war diesmal zu hochmütig gewesen. Erwischt haben sie ihn wieder nicht. Victor Lustig entkam und floh über die Dächer von Paris in die Ver­ einigten Staaten von Amerika. Dort, so heißt es, habe er den berüchtigten Gangster Al Capone übers Ohr gehauen – wenn es wahr ist. Vielleicht saß er zwischen

Noch lange Zeit inspirierte Victor Lustig die Träumer und viele, die hoch hinaus wollten. seinen Geschäften irgendwo in New York oder Chicago in der Lobby eines Hotels und las in den französischen Zeitungen von dem Mann, der den Eiffelturm verkauft­ hatte und beinahe zweimal verkauft hätte. Bald war nämlich doch alles herausgekommen. Ganz Paris lachte, lachte über den Tölpel Poisson und freute sich mit dem talentierten Hochstapler. Und nicht nur Paris – alle Zeitungen waren voll davon, die deutschen, die italienischen, die spanischen, auch die amerikani­ schen. Lieder wurden über den Mann gesungen, sogar ein T ­ heaterstück wurde aufgeführt. Noch lange Zeit ­inspirierte Victor Lustig die Verwegenen und Frechen, die Träumer und viele, die hoch hinaus wollten.

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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

MARTIN LUGGER

AUF DEM GIPFEL DES DOLCE VITA

Heliskiing auf dem Nassfeld – unterwegs mit Skiführer Alex Huber   83


GUIDE Reisen

„Mitfahren kann jeder, der rote Pisten schafft – und wer sich nicht sicher ist, kommt vorher zum Training.“ Skiführer Alex Huber, 35, erzählt uns die Highlights seines Heliskiing-Trips.

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enn du auf unserem Hausberg, dem Rosskofel (2240 m), stehst, hast du an klaren Tagen eine traumhafte Aussicht: Du siehst bis nach Südtirol, kannst die Drei Zinnen bewundern, im Norden ragt der Großglockner auf, und selbst wenn du nur ein kleines Fernglas hast, kannst du im Süden das Meer erkennen. Die meisten unserer Touren starten auf dem Rosskofel, wir fliegen aber auch andere Gipfel an, die Creta di Rio Secco (2203 m) oder den Monte Zermula (2143 m) zum Beispiel. Bevor es losgeht, kontrolliert unser Guide die Ausrüstung – Pieps, Sonde und Schaufel sind Pflicht. Wenn alles passt, geht’s an den 84

Start. Der Guide fährt voraus, legt eine Spur. Ob du kurz schwingst oder weite Kurven fährst, entscheidest du. Mitfahren kann jeder, der rote Pisten schafft. Wenn du schon im freien Gelände gefahren bist, schadet das natürlich nicht. Falls du dich unsicher fühlst, kannst du dich in einem unserer Tiefschnee-Kurse so weit hintrainieren lassen, dass du am Ende der Woche in den Heli steigen kannst. Der Startplatz ist in Italien, gleich beim Restaurant „Da Livio“. Das Nassfeld mit seinen 110 Pistenkilometern ist ein grenzüberschreitendes Skigebiet, das heißt, du kannst von Kärnten einfach mit den Skiern zum Abflug kommen.

(Anmerkung: Aufgrund der aktuellen Situation vorher unbedingt über den aktuellen Stand bei der „Einreise“ nach Italien erkundigen!) Mit dem Hubschrauber landen wir direkt am Gipfel. Die Flüge dauern zwischen fünf und sieben Minuten. Und weil ich immer wieder gefragt werde: Nein, du musst nicht rausspringen. Wir haben unsere Landeplätze, dort steigst du ganz normal aus. Die Ausrüstung fliegt in einem Korb mit. Die Idee fürs Heliskiing ist mir in meiner Zeit als Freerider gekommen, da hatten wir schon Heli-Shuttles, aber privat hatte ich nie das Geld dafür. Und dann habe ich mir gedacht, das muss doch THE RED BULLETIN

DAVID VAN LANSEL, ALEX HUBER

Paradies abseits der Pisten: Alex unterwegs im tief verschneiten Gelände


Wien

Österreich

Abheben Alexander Huber, 35, lebt in Hermagor und betreibt auf dem Kärntner Nassfeld eine Skischule. Seit vier Jahren bietet der Skilehrer und Skiführer Heliskiing an. Der Hubschrauber startet in Italien, Treffpunkt ist das Restaurant „Da Livio“ gleich

Nassfeld

nach der Staatsgrenze am Passo di Pramollo. Weil das Skigebiet Nassfeld grenz­ überschreitend ist, kann das „Da Livio“ nicht nur mit dem Auto, sondern auch auf Skiern erreicht werden.

Startplatz: Der Heli landet unmittelbar vor einem Ristorante.

Entspannt über die Grenze carven

Der Hubschrauber im Anflug auf den Gipfel des Rosskofel. Bei schönem Wetter sieht man von hier bis hinunter zur Adria. THE RED BULLETIN

Das Skigebiet Nassfeld verbindet Kärnten und Italien. Es erstreckt sich über vier Hochtäler mit 30 Liften und 110 Pistenkilometern. Die Kärntner Lässigkeit, das italienische Lebens­ gefühl und die 850 Sonnenstunden pro Wintersaison fügen sich aufs Angenehmste zusammen. Dazu kom­ men ungewöhnlich üppige Schnee­ mengen (sieben bis acht Meter!), ­deshalb gilt die Gegend als hundert­ prozentig schneesicher. Infos: nassfeld.at

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GUIDE Reisen

Abfahrt vom Monte Zermula: 1000 Höhenmeter jungfräuliche Pisten, mindestens

Mit dem Heli abheben und auf unberührten Hängen abfahren: heliski-alpeadria.com

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Fünfmal Gipfel-Glück Vom Rosskofel bis zum Monte di Val Dolce: Best of Nassfeld

Creta di Rio Secco, 2203 m Versteckt sich hinter dem Ross­kofel, bietet aber schöne Abfahrten – einer unserer vielseitigsten Gipfel. Monte Zermula, 2143 m Steiler Start, anspruchsvolle Ab­ fahrten, ein wunderbarer Auslauf – absolutes Flow-Paradies für Fortgeschrittene.

„Klar, dass die meisten Gäste buchen, wenn es Pulverschnee gibt.“ Skiführer Alex Huber an der Creta di Rio Secco

Monte Pizzul, 1985 m Top-Gipfel für sportliche Abfahrten in alle Himmelsrichtungen. Ein Berg für Könner, mit langem Auslauf bis ­hinein in den Wald. Monte di Val Dolce, 1875 m Noch mehr abwechslungsreiche ­Tiefschnee-Abfahrten. Wird gerne als ­Bonus-Flug gebucht, um den ­Heliski-Tag zu verlängern. THE RED BULLETIN

WOLFGANG WIESER

Rosskofel, 2240 m Unser Hausberg, auf dem die meisten unserer Touren starten – von hier geht’s auch zurück ins Skigebiet.

MARTIN LUGGER, DAVID VAN LANSEL

auch daheim gehen. Mein Freund Christian Sölle und ich haben Testflüge gemacht und festgestellt, dass unsere Berge super dafür geeignet sind – einfach deshalb, weil man überall landen kann. Das Reizvolle am Heliskiing ist, dass du auf Gipfel kommst, die du anders nicht erreichen würdest, und dass du daher jungfräuliche Hänge befahren kannst. Die meisten Gäste buchen, wenn es Pulverschnee gibt, manche haben auch nur Lust auf einen HeliFlug. Heuer ist die Schneelage übrigens absolut perfekt, wir haben jetzt erst zwei Meter Schnee bekommen. Die längste Abfahrt gibt es am Monte Zermula, 1000 Höhenmeter gehen dort immer, heuer sicher noch mehr. Da gibt es eine bis zu 50 Grad steile Flanke, die ist ein absoluter Genuss für Freerider. Und dann läuft die Abfahrt im offenen Gelände aus, wo du richtig Gas geben kannst – schöner ist’s auch in Kanada nicht.


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GUIDE Fitness

TRAINING IM ALL-TAG

Immer an der Leine Er macht Astronauten fit für den Weltraum: Hier erklärt Professor Jörn Rittweger, wie Training in der Schwerelosigkeit funktioniert. Plus: Astro-Übungen für Erdlinge.

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Womit Astronauten ihren Körper in Schwung halten

Der menschliche Körper ist ja nicht für die Schwere­ losigkeit gemacht ... Richtig. Die Schwerkraft ist vermutlich der einzige starke Umgebungsreiz, der seit Anbeginn der Evolution wirkt: Alles andere hat sich seit damals verändert: die Luft­ temperatur, die Gaszusam­ mensetzung der Atmosphäre, die UV-Strahlung.

DER VIELSEITIGE Der Liebling aller heißt ARED (Advanced Resistive Exercise Device), weil er perfekt für den Muskel­aufbau ist: Kniebeugen, Bankdrücken, Kreuzheben – alles möglich! Sieht aus wie eine Gewichtsstange an zwei Säulen, der Widerstand wird mit Luftdruck erzeugt.

„Im Weltraum ist das Training extrem wichtig für die Psyche.“ Jörn Rittweger, Professor für Weltraumphysiologie

DAS LAUFBAND Ein Schulterkorsett hält Astro­ nauten beim Joggen auf dem Laufband. Wichtig ist perfekte Schockisolierung, um durch die beim Laufen erzeugten Schwingungen die Raumsta­ tion nicht zu beschädigen. DER SPRUNGSCHLITTEN Damit sollen Astronauten Sprünge auf der Erde simu­ lieren. Das Gerät trainiert Strecker- und Beugemuskeln im Rücken und in den Beinen. Der Schlitten wird derzeit vom DLR entwickelt, er soll erstmals in zwei Jahren zum Einsatz kommen. THE RED BULLETIN

TOM MACKINGER

Was passiert im All mit dem Körper eines Astronauten? Innerhalb weniger Tage ­scheiden Astronauten einen Liter Flüssigkeit als Urin aus, um Blut loszuwerden, das nun nicht mehr in den Beinen eingelagert ist. Am Anfang ­klagen viele auch über das „Space Adaption Syndrom“: Die Schwerelosigkeit setzt das Balancesystem im Ohr außer Kraft, alles gerät durchein­ander. Der Effekt: Ihnen ist ziemlich übel.

Wenn die Schwerkraft fehlt

FLORIAN OBKIRCHER

Vor Ihrem Job beim Deutschen Luftund Raumfahrtzentrum führten Sie Bettruhestudien durch. Was darf man sich darunter vorstellen? jörn rittweger: Das sind Langzeitversuche, bei denen Probanden über 60 Tage lang im Bett liegen und wir Maß­ nahmen gegen den körper­ lichen Abbau, wie Training, Ernährung, Elektrostimulation testen. So können wir vieles, was bei Astronauten im Welt­ raum passiert, auf der Erde simulieren. the red bulletin:

Festgezurrt am Laufband: die italienische Astronautin Samantha Cristoforetti 2015 an Bord der Internationalen Raumstation

ESA/NASA

Das Leben auf der ISS (Inter­ national Space Station) ist kein Ponyhof. Als Astronaut bist du zum Beispiel radio­ aktiver Strahlung ausgesetzt, die 300-mal höher als auf der Erde ist. Anfangs ist dir spei­ übel, du baust rapide Knochen und Muskeln ab. Um das zu verhindern, entwickelt Prof. Dr. Jörn Rittweger seit 2009 als Leiter der Abteilung „Mus­ kel- und Knochenstoffwech­ sel“ am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) Trainingsgeräte (u. a. für die ISS). Im Interview erklärt er, wie man ohne Schwerkraft Muskeln aufbaut und wie man im Weltraum schwitzt.


Vor dem Start Drei Übungen, die Astro-Fitness-Expertin Nora Petersen von der European Space ­Agency Astronauten zur Vorbereitung für eine Reise ins All verordnet.

Die Muskeln leiden ebenso unter der Schwerelosigkeit? Ja, der Muskelschwund setzt schnell ein. Muskeln können nur dann Kräfte entwickeln und sich stärken, wenn sie gegen einen Widerstand arbeiten. Durch die fehlende Schwerkraft im Raumschiff werden sie nicht auf den Boden gepresst, der Widerstand fehlt. Das physiologische System des Körpers funktioniert ohne Gravitation schlicht nicht. Würde es helfen, angehende Astronauten als Muskel­ pakete in den Weltraum zu schicken? Wenn ein Astronaut im Weltraum Muskeln, Knochen und Blutvolumen verliert, kommt er im All damit erst einmal gut zurecht. Problematisch wird es in Bezug auf die Muskelmasse und -kraft erst bei der Rückkehr auf die Erde. Aber da gibt’s ja ausreichend Ärzte. Knifflig würde es bei Missionen zum Mars, die ja durchaus zweieinhalb Jahre dauern können. Und auf dem Mars sieht es mit der ärzt­lichen Versorgung auch eher mau aus, soweit ich weiß. Das klingt, als wäre der Job eines Astronauten ziemlich ungesund. Ja, das wäre er – würden wir Wissenschaftler, Ärzte und Ingenieure die Gefahren nicht erkennen und beseitigen. Deshalb ist ein umfassendes Training im All wichtig. Einerseits, um die Astronauten gesund zu halten, andererseits, um sie möglichst gut auf die Rück­kehr zur Erde vorzubereiten. Wie häufig, lang und intensiv ist das Training im All? THE RED BULLETIN

Inklusive Vor- und Nach­ bereitung etwa zwei Stunden pro Tag. Und das meistens sechs Tage die Woche. Früher wurde die Fitnessroutine nicht immer eingehalten, und bei Zeitmangel wurde sie oft als Erstes über Bord geworfen. Doch in den letzten Jahren wird immer mehr ­darauf geachtet, weil das V ­ erständnis für ihre große Bedeutung zugenommen hat. Neben den Geräten, die auf der ISS verwendet werden: Wie wichtig ist die mentale Komponente des Trainings? Im Weltraum ist das Training extrem wichtig für die Psyche. Sich körperlich zu verausgaben erzeugt in der Muskulatur Botenstoffe wie Interleukin-6 oder das sogenannte BDNF. Ersteres brauchen wir für die Abstimmung des Energiehaushalts mit der Leber und dem Fettgewebe, Zweiteres auch für das Gehirn. Studien zeigen, dass sich Gehirnstrukturen, die für das Verhalten verantwortlich sind, bei Isolation und Bewegungsmangel ver­ändern. Indirekt kann das zu Antriebslosigkeit und zu Stress führen. Mit Sport kann ich Stress abbauen und habe in der Raumstation eine Gelegenheit, mich zurückzuziehen. Wie fühlt sich Sport in der Schwerelosigkeit an? Fast so wie auf der Erde. Allerdings muss in der Raumstation, egal bei welcher Übung, ein Schulterkorsett getragen werden. Sobald sich die Astronauten aber an die Geräte und die Bewegungs­abläufe gewöhnt haben, gibt es kaum mehr Unterschiede. Mehr über All-Sport: dlr.de

1. DIE ROLLENDE GURKE Ziel: Rumpfkraft und Körperkontrolle So geht’s: In Bauchlage Arme und Beine in Verlängerung der Körperachse strecken, sodass nur der Bauch Bodenkontakt hat. Kontrolliert um die eigene Längsachse drehen, ohne dass Füße oder Hände den ­Boden berühren. Arme und Beine permanent strecken. Gewicht und Wieder­holungszahl dem eigenen Fitnesslevel anpassen.

2. KNIEBEUGEN MIT GEWICHT Ziel: Ganzkörperkraft, vor allem Beine und Rumpf/Rücken So geht’s: Gewichtsstange auf die Schultern legen, Gewichte durch Kniebeugen nach unten führen. Rücken gerade und Halswirbelsäule neutral halten; Knie hinter den Zehenspitzen lassen, Körperspannung ­durchgehend aufrechterhalten. Gewicht und Wiederholungszahl dem eigenen Fitnesslevel anpassen.

3. VORGEBEUGTES RUDERN Ziel: Rücken- und Schulter­muskulatur stärken So geht’s: Wie beim Kreuzheben Hanteln oder Gewichtsstange mit ­geradem Rücken tief aufnehmen und bei stabiler, vorgebeugter ­Posi­tion unter die Brust führen. Beine bleiben in Position, und ­Ellbogen liegen eng am Körper. Gewicht und Wiederholungszahl dem e­ igenen ­Fitnesslevel anpassen.

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GUIDE Uhren

RECYCLING DE LUXE

Diese Uhr war eine Yacht Aus dem Rumpf und den Tragflächen eines America’s-Cup-Seglers hat Panerai 250 „Luna Rossa“-Modelle geschaffen. Aus den Kohlenstofffasern einer AC75Yacht hat Panerai in seinem Ideenlabor ein neues Material geschaffen: Es heißt Scafotech und wird für die Zifferblätter der limitierten „Luna Rossa“ verwendet. Benannt ist dieses Modell nach dem Team, das Panerai sponsert. Preis: 10.800 Euro; panerai.com

GUT GESCHÜTZT Das besondere ­Zifferblatt befindet sich in einem ­Titan-­Gehäuse mit 42 mm Durchmesser und 14,4 mm Höhe.

AMERICA’S CUP Beim America’s Cup treten die Teams zweier Yachtclubs gegeneinander an: Titelverteidiger trifft auf Herausforderer. Ersterer ist bei der 36. Auflage das Team von Neuseeland, der Herausforderer wird im Prada Cup (15. Jänner bis 22. Februar) ­ermittelt. Wer zuerst sieben Rennen gewonnen hat, ist Sieger des America’s Cup – ab 6. März. Segel setzen: americascup.com

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THE RED BULLETIN

WOLFGANG WIESER

SPEKTAKULÄRES DUELL


GUIDE Gaming

HITMAN 3

Heimlicher Angriff

GAMESPRESS

Der ehemalige Elitesoldat und Bodyguard Billy Billingham erklärt, worauf es bei Schleich­ spielen wie „Hitman 3“ ankommt. Stealth- oder Schleichspiele verlangen Selbstbeherrschung – meist in Situationen, in denen wir nur allzu gern zuschlagen würden. Meist geht es darum, sich ohne ­Aufsehen irgendwo durch­ zuschummeln, wie etwa im Samurai-Abenteuer „Ghost of Tsushima“ oder in „Marvel’s Spider-Man“ (beide Play­ Station). Am bekanntesten sind die Anschleichtaktiken aus der Reihe „Metal Gear“ und den „Hitman“-Spielen. Auch im neuen „Hitman 3“ müssen die Spieler entscheiden, ob sie sich lieber möglichst lang unentdeckt anpirschen oder sich mit Karacho auf ihre Opfer stürzen. Bonuspunkte gibt es für Variante eins, kann dieser Zugang doch auch im echten Leben Vorteile bringen. Mark „Billy“ Billingham hat sich als Soldat des britischen Special Air Service und bei Geheimoperationen in Afghanistan und im Irak verdient ge­macht. Er diente Hollywood-Promis wie Russell Crowe, Tom Cruise und Angelina Jolie als Bodyguard. Heute berät er die Macher der Special-ForcesReality-Show „SAS: Who Dares Wins“. Uns hat er ein paar Überlebenstechniken verraten, die für „Hitman 3“Spieler nützlich sind. THE RED BULLETIN

Szene aus „Hitman 3“: Agent 47, der Held des Spiels, blickt von ganz oben auf die Welt.

Zeit nehmen

„Nichts schlägt den Überraschungseffekt“, sagt Billingham. „Wenn Sie sich die Zeit nehmen, sich heimlich einer Sache anzunähern, behalten Sie die Kontrolle. Natürlich können auch Tempo und Aggression zielführend sein, das gilt es abzuwägen. Aber: Wenn es laut wird, verlieren Sie die Kontrolle. Dann ent­ stehen neue Hindernisse, die Sie meistern müssen.“

Ausrüstung checken

„Vergewissern Sie sich, dass alles funktioniert. Achten Sie darauf, dass Ihre Taschen keine Verschlüsse haben, die Lärm machen. Mit einem Nachtsichtgerät kriegen Sie einen grünen Schimmer im Gesicht, der muss abge­ dunkelt werden. Finden Sie heraus, auf welchem Boden Sie gehen werden, tragen Sie Schuhe mit weichen Sohlen, und schleppen Sie nichts Sperriges mit sich herum, das sich verfangen kann.“

Atmung kontrollieren

„Sich robbend fortzubewegen kann sehr anstrengend sein, also machen Sie das erst ganz kurz vor dem Ziel. Wenn es finster ist, wird Hören zur wichtigsten Sinneswahrnehmung. Bewegen Sie sich langsam, höchstens zehn Zentimeter auf einmal. Tasten Sie nach Zweigen, Stolperdrähten und allem, was Lärm machen könnte. Wenn eine Patrouille vorbeikommt, kontrollieren Sie Ihren Atem. Noch besser: Halten Sie die Luft kurz an.“

Mark „Billy“ Billingham war Soldat in Afghanistan und Leibwächter bei Tom Cruise. Heute berät er die Macher ­einer britischen Reality-Show. markbillybillingham.com

Richtig Gas geben

„Wir nennen unser System ‚ramping up‘, allmähliche Steigerung. Es beginnt mit dem Anschleichen, aber sobald man etwa durch eine Tür muss, wird es laut. Der Eintritt sollte explosiv sein. Die Per­ sonen im Raum werden eine Schrecksekunde brauchen, um überhaupt zu verstehen, was vor sich geht. Bis dahin sind Sie längst drinnen.“

Alarm einplanen

„Es kann kontraproduktiv sein, zu lang im Schleich­ modus zu bleiben. Klar, es gibt viele Operationen, die keiner sieht. Jedoch ist es praktisch unmöglich, sich an jemanden heranzuschleichen und ihn auszuknocken, ohne dass er irgendwann etwas bemerkt. Der Überraschungseffekt kann Sie sehr weit bringen, aber wenn der Alarm angeht, wird es wohl oder übel laut.“ „Hitman 3“ ist jetzt für PlayStation, Xbox, Nintendo Switch, Stadia und Windows erhältlich: hitman.com

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CROSSOVER-LITERATUR

Mischung impossible Mystery, Thriller, Horror oder Pulp? Der kanadische Autor Carsten Stroud vereint die unterschiedlichsten Genres zur meisterhaften Roman­trilogie: Willkommen in „Niceville“. Text JAKOB HÜBNER

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chweißtreibend wie ein Roman von Stephen King oder Lee Child, meisterhaft wie einer von Cormac McCarthy, mysteriös wie die TV-Serien „Twin Peaks“ und „Lost“, abgefahren wie ein Film von den CoenBrüdern und abgebrüht wie ­einer von Quentin Tarantino.“ Wer auch immer den Klappentext zu „Niceville“ verfasst hat, war offenbar in Gönnerlaune. Trotzdem muss man neidlos anerkennen, dass diese Referenzorgie die Sache erstaunlich treffsicher auf den

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Punkt bringt – tatsächlich hätte ich persönlich sogar noch eine Prise Elmore Leonard beigemengt. Man ahnt: Wir haben es hier mit einem Werk zu tun, das jegliche Bemühungen, es in eine Genre-Schublade zu stecken, bereits im Keim erstickt. Im Fachjargon nennt man das Hybrid- oder Crossover-Literatur. Etwas bodenständiger formuliert: Kraut und Rüben. In den meisten Fällen gehen derartige literarische Experimente in die Hose, die

wenigen Ausnahmen dieser Regel, jene, bei denen sich das ­stilistische Potpourri jedoch wie von Zauberhand zu einem stimmigen Gesamtbild verdichtet, funkeln umso heller. Die „Niceville“-Trilogie des kanadischen Autors Carsten Stroud zählt zweifelsohne zu diesen seltenen Juwelen. Als atmosphärische Grundierung zu seinem Mosaik dient dem 1946 in Hull, Quebec geborenen Stroud der klassische Südstaaten-­ Roman. Niceville ist eine Bilderbuchstadt irgendwo im schwülen Süden der USA, wo die Zeit stillzustehen scheint. Hier regieren die Hier­ archien der Gründerfamilien, altes Geld, Kriegsnostalgie, College-Football und große, schweigende Bäume. Dieser Kleinstadtidylle ini­ tiiert Stroud mit fein gesetzten THE RED BULLETIN

VINZ SCHWARZBAUER

GUIDE Lesestoff


Zitat aus „Niceville“, Kapitel: „Byron Deitz hat ein Problem“

„Byron Deitz sah genau so aus, wie ein Mann mit einem solchen Namen aussehen sollte: Er war ein massiv gebauter Kerl ohne Hals, aber mit rasiertem Schädel, einem harten, unfreund­ lichen Gesicht und kleinen, gemeinen schwarzen Augen. Im Film hätte er einen der glatzköpfigen Bösen mit schwar­ zem Ziegenbärtchen gespielt, der einen Stuhl aus Balsaholz auf den Kopf kriegt, wenn die hinreißende junge Frau im ­knappen Bikini versucht, ihn davon abzuhalten, den Helden mit dem langen blonden Haar zu vermöbeln.“

Nadelstichen ein schleichendes Gift, das etwas Uraltes, Gespenstisches und sehr, sehr Böses heraufbeschwört. Als Erstes verschwindet der zehnjährige Rainey Teague spurlos auf seinem Schulweg. Einfach so, von einem Moment auf den anderen. Nur wenig später sind auch andere Menschen plötzlich nicht mehr da. Und andere, die eigentlich längst weg sein sollten, weil sie im Grab liegen, sind plötzlich wieder da. Kurz: Die feine Fassade von Niceville gerät ernsthaft ins Bröckeln. Doch noch während sich dieses diffuse Mystery-Setting wie ein Nebel des Grauens über Niceville legt, knallt Stroud einen brachialen CopThriller mitten in die Handlung und stanzt großkalibrige Löcher in seine Story – und in ­einige der Protagonisten. Sobald auch dieser Handlungsstrang ordentlich auf Zug ­gebracht ist, eröffnet Stroud bereits die nächste erzähleri­ sche Front, diesmal in Form einer schwarzhumorigen Gangster-Burleske in aller­ bester Pulp-Manier. Ganz ­nebenbei streut er eine kleine Coming-of-Age-Story ein, deutet eine zarte Romanze an und schickt – freilich fein gestaffelt – einen Erpresser, ­einen Psychopathen und ­einen Profikiller ins Rennen. Von ganz entscheidender Bedeutung für das Gelingen dieses verwegenen Höllenritts quer durch sämtliche belletristischen Genres sind vor THE RED BULLETIN

allem die Figuren, die Stroud zu diesem Zweck in den Sattel hebt. Die wirken zunächst einmal alle – vom zerrissenen Ex-Special-Forces-Helden und der smarten Junganwältin über den korrupten KillerCop und den cholerischen Mafiaboss bis hin zu der blondierten Sexbombe und einem hochnervösen Chihuahua – so ­klischeehaft, als wäre man in eine Familienaufstellung der Trivialliteratur geplatzt. Aber wie gesagt: zunächst einmal. Stroud setzt diese Figuren nämlich lediglich als eine Art Wegweiser durch sein groß­ artiges liter­arisches Labyrinth ein, die – sobald man sie passiert hat – ein durchtriebenes psychologisches Relief und ein erstaunliches Eigenleben entwickeln. Insgesamt umfasst die „Niceville“-Trilogie rund 1600 Seiten. Und nur wenige davon haben keine Über­ raschung parat.

CARSTEN STROUD „DIE NICEVILLE-TRILOGIE“ („Niceville“, „Die Rückkehr“, „Der Aufbruch“) Deutsch von Dirk van Gunsteren, Robin Detje, Daniel Hauptmann. DuMont

LESETIPPS

Grauenhaft gut Ein literarisches Quartett aus dem Gruselkabinett

JOE HILL Bereits mit seinem Debütroman konnte der 1972 geborene US-Autor den Bram Stoker Award, den Locus Award und den International Thriller Award abräumen. Es folgten Horror-Heuler wie „Teufelszeug“ und ­„Christmasland“. Irgendwie scheint Joe Hill das Gruselgenre im Blut zu ­liegen. Vielleicht deshalb, weil sein richtiger Name Joseph Hillström King lautet und er der Sohn eines gewissen Stephen King ist. „Blind“ (Heyne)

MATT RUFF Zuletzt hat Ruff seinem Ruf als Kultautor mit dem Gaming-Roman „88 Namen“ wieder einmal alle Ehre gemacht. In „Lovecraft Country“, auf Deutsch 2018 erschienen, unterfüttert er den ganz realen Horror der amerikanischen Rassentrennung während der Jim-Crow-Ära mit fiktiven Versatzstücken aus der Knister-Kiste des legendären Genre-Großmeisters H. P. Lovecraft (1890–1937). Ein wahrhaft meisterhaft makaberer Mix. „Lovecraft Country“ (dtv)

DEAN KOONTZ Mit über 500 Millionen verkauften Büchern zählt Dean Koontz zu den erfolgreichsten ­Autoren der Welt. Dazu beigetragen hat auch ­seine fünfbändige ­„Frankenstein“-Reihe, in der Koontz, der mit dem stolzen Titel „World Horror Grand Master“ ­geadelt wurde, dem weltberühmten Monsterwerk von Mary Shelley aus dem Jahr 1818 eine art­ gerechte Frischzellenkur verpasst hat. „Frankenstein“ (Heyne)

CHUCK PALAHNIUK Wer einen Palahniuk („Fight Club“) aufschlägt, sollte sich bewusst sein, dass er es hier mit einem Autor der Neigungs­ gruppe „literarischer Wahnsinn“ zu tun hat. Allerdings mit einem der allerbesten in diesem ­Metier. In „Lullaby“ stimmt Palahniuk ein afrika­ nisches Wiegenlied an, das die unangenehme Nebenwirkung hat, ­jeden zu töten, der es hört. Gibt’s übrigens auch als Hörbuch … „Lullaby“ (Goldmann)

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GUIDE Kalender

13. bis 17. März SPRING BATTLE: FÜNF TAGE FÜR DEN BESTEN RUN Das grandiose Finale zum Saisonschluss: Beim Spring Battle in Flachauwinkl treffen die besten ­internationalen Snowboard- und Freeski-Profis aufeinander. Fünf Tage hat jeder Rider Zeit, um im „Absolut Park“ an seinen Tricks zu feilen. Wer am Ende ein ungeschnittenes Video seines Runs einreicht, wird von den Wertungsrichtern beurteilt. Jener Teilnehmer, der die beste Performance hingelegt hat, gewinnt das Spring Battle 2021. Alle Infos: absolutpark.com

6. bis 12. März FREERIDE-STARS IN FIEBERBRUNN: DAS WIRD STEIL! Wenn sich die besten Freerider der Welt vom 2119 Meter hohen Wildseeloder in Fieberbrunn in die Tiefe stürzen, kennt das Staunen keine Grenzen. In der Nordwand des Berges im Pillerseetal gilt es 620 Höhenmeter zu überwinden. Die Hangneigung beträgt bis zu 70 Grad – ein absolut faszinierendes Schauspiel. Fieberbrunn ist übrigens der einzige Stopp der Freeride World Tour in Österreich. freerideworldtour.com 94

Zwei Freunde brechen auf, um 50 US-Ski­ abfahrten zu bewältigen. Der Clou: Cody Townsend und Michelle Parker sind mit dem Rad unterwegs (rund 1660 Kilometer), die Ski haben sie auf den Gepäckträgern montiert. Was sie dabei erleben, zeigt „The Mountain Why“ – sehr amüsant. redbull.com

Bereits ­angelaufen SKATE-TRICKS IN AFRIKA „Skate Africa“ heißt eine Doku über die junge Szene in Kenia, die das Leben auf den Straßen und in den Funparks Nairobis beschreibt. Kenias Skater zeigen ihre Tricks und erklären, was das Skaten sie fürs Leben gelehrt hat – erfrischend und mit einer Riesen­ portion Optimismus. redbull.com THE RED BULLETIN

MARKUS ROHRBACHER, FTW/DOM DAHER, BJARNE SALEN/RED BULL CONTENT POOL, SAM MCGUIRE/RED BULL CONTENT POOL

Bereits ­angelaufen RADTOUR ZUM SKIVERGNÜGEN


HIER SPIELT DAS LEBEN.

Nº5 – Jänner 2021

Nº5 JÄNNER 2021

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Piotr Beczała – Ana Milva Gomes – Peter Turrini – Sibylle Berg – Juliette Khalil

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Lust auf Magie Ana Milva Gomes über das Geheimnis von „Cats“, warum Österreich eine schwarze Kaiserin haben sollte und warum uns Musical gerade jetzt so glücklich macht

+++ PIOTR BECZAŁA +++ ELFRIEDE JELINEK +++ NICK ROMEO REIMANN +++ SIBYLLE BERG +++ STEFANO BERNARDIN +++ +++ SARAH VIKTORIA FRICK +++ MARTIN VISCHER +++ JULIETTE KHALIL +++ ANDY HALLWAXX +++ PETER TURRINI +++

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IMPRESSUM

THE RED BULLETIN WELTWEIT

Aktuell ­erscheint The Red Bulletin in sechs Ländern. Das ­Cover unserer US-Ausgabe ziert NBA-Basket­baller Matisse Thybulle, 23, ­Verteidiger bei den Philadelphia 76ers. Er sagt: „Verteidiger zu sein ist nicht sexy, es ist harte ­A rbeit – aber mir hat das immer gefallen.“ Mehr Geschichten abseits des Alltäglichen findest du auf: ­redbulletin.com

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Gesamtleitung Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.) Chefredaktion Andreas Rottenschlager, Andreas Wollinger (Stv.) Creative Direction Erik Turek, Kasimir Reimann (Stv.) Art Direction Marion Bernert-Thomann, Miles English, Tara Thompson Grafik Martina de Carvalho-Hutter, Kevin Goll Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Tahira Mirza, Rudi Übelhör Digitalredaktion Christian Eberle-Abasolo (Ltg.), Elena Rodriguez Angelina, Benjamin Sullivan Special Projects Florian Obkircher, Arkadiusz Piatek Managing Editors Ulrich Corazza, Marion Lukas-Wildmann Publishing Management Ivona Glibusic, Bernhard Schmied, Anna Wilczek Managing Director Stefan Ebner Head of Media Sales & Partnerships Lukas Scharmbacher Head of Co-Publishing Susanne Degn-Pfleger Projektmanagement Co-Publishing, B2B-Marketing & Communication Katrin Sigl (Ltg.), Mathias Blaha, Katrin Dollenz, Thomas Hammerschmied, Teresa Kronreif (B2B), Eva Pech, Valentina Pierer, Stefan Portenkirchner (Communication) Creative Services Verena Schörkhuber-Zöhrer (Ltg.), Sara Wonka, Julia Bianca Zmek, Edith Zöchling-Marchart Commercial Management Co-Publishing Alexandra Ita Editorial Co-Publishing Raffael Fritz (Ltg.), Gundi Bittermann, Mariella Reithoffer, Wolfgang Wieser Executive Creative Director Markus Kietreiber Projekt Management Creative Elisabeth Kopanz Art Direction Co-Publishing Dominik Uhl (Ltg.), Stefanie Werth, Andreea Parvu Commercial Design Peter Knehtl (Ltg.), Simone Fischer, Martina Maier, Alexandra Schendl, Julia Schinzel, Florian Solly, Stephan Zenz Abo & Vertrieb Peter Schiffer (Ltg.), Marija Althajm, Nicole Glaser, Victoria Schwärzler, Yoldaş Yarar Anzeigenservice Manuela Brandstätter, Monika Spitaler Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Friedrich Indich, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailović, Sandra Maiko Krutz, Josef Mühlbacher Finanzen Mariia Gerutska (Ltg.), Klaus Pleninger MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler Operations Melanie Grasserbauer, Alexander Peham, Yvonne Tremmel Projekt Management Gabriela-Teresa Humer Herausgeber & Geschäftsführer Andreas Kornhofer Verlagsanschrift Heinrich-Collin-Straße 1, A-1140 Wien Telefon +43 1 90221-0 Fax +43 1 90221-28809 Web redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dkfm. Dietrich Mateschitz, Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber

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Allmountain-Ski im Praxistest

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Skitourengehen am Dachstein

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Snowboarden im Gasteinertal

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Winterwandern über Kitzbühel

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N IC OL AS M A HL ERS SPI T ZF ED ERL ICHES CHA R A K T ER-K A BINE T T

Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 9. März 2021.

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