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The Red Bulletin DE 01/22

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DEUTSCHLAND JAN. / FEBR. 2022 € 2,50

MADE WonderIN CHINA

Woman Freestyle-Ski-Profi, Model, Diplomatin: wie Eileen Gu die Sportwelt auf den Kopf stellt

EILEEN GU

Jesse Marsch sagt: „Neugier, Chaos und Verletzlichkeit sind Stärken.“

BILLIE EILISH / VINZENZ GEIGER / STEFFEN FREUND / ANDREAS WELLINGER / CARRIE-ANNE MOSS

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ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN


E D I TO R I A L

WILLKOMMEN

AUF DER PISTE

CHRISTIAN ANWANDER (COVER), MARKUS MORIANZ, CATWALKPICTURES

AUF DEM SNOWBOARD …

… steht Leon Vockens­ perger zurzeit fast in jeder freien Minute. Zum Glück legt er aber ab und zu einen Ruhetag ein. Da hat er dann Zeit für Gespräche wie ­dieses: auf Seite 50.

Wie waren Sie eigentlich so mit achtzehn, liebe Leserinnen und Leser? Freestyle-Skifahrerin Eileen Gu, 18, hat in diesem Alter bereits die X Games gewonnen, modelt für Victoria’s Secret, studiert an der Elite-Universität Stanford – und vereint ganz nebenbei auch noch die Fans der Supermächte China und USA. Die ganze beeindruckende Geschichte: ab Seite 38. Und noch eine tolle Frau: Carrie-Anne Moss, 54. Auf Seite 32 erzählt die Schauspielerin, die als Trinity in der „Matrix“-Kino­ trilogie berühmt wurde, warum sie Meditation der digitalen Welt vorzieht. Ruhig bleiben muss auch Dennis Zenz, 31. Der Co-Pilot will die Rallye Dakar gewinnen – zusammen mit dem erst 19 Jahren alten US-Fahrer Seth Quintero. Ab Seite 60 erklärt er uns, warum dabei gilt: Links lenkt, rechts denkt.

GUTE UNTERHALTUNG

Unsere Autorin Janina Lebisz­czak sprach mit der Deutschrapperin badmómzjay. Das Interview: auf Seite 34.

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Ringe von Cartier trug Billie Eilish bei der Met Gala 2021. Noch mehr Zahlen zum Pop-Superstar: auf Seite 12.

Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion

FLORA MIRANDAS MODE-VISIONEN

Designerin Flora Miranda (hier ­eines ihrer Models) hat eine klare Vorstellung von der Zukunft der Mode. Science-Fiction ist nichts dagegen: Seite 52.

THE RED BULLETIN

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I N H A LT The Red Bulletin im Januar / Februar 2022

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COVERSTORY

38 DIE BOTSCHAFTERIN

Freestyle-Skifahrerin Eileen Gu ist in den USA geboren und startet für China. Ihr Ziel: beide Welten zu vereinen.

FASHION

52 ZUKUNFT DER MODE

Eine 31-jährige Österreicherin als Mode-Visionärin: Flora Miranda verwandelt Fiktion in Realität.

STARKE FRAU  Die Leichtigkeit des Seins – Ski-Star Eileen Gu hebt als Luftakrobatin ab.

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RALLYE DAKAR

60 DER BEIFAHRER

PORTFOLIO

18 SIMPLY THE BEST­

Der Wettbewerb Red Bull Illume kürt die besten ActionFotos der Welt. Die Sieger.

Co-Pilot Dennis Zenz will die härteste Rallye der Welt gewinnen – mit dem erst 19-jährigen Seth Quintero.

32 D IE KULTFIGUR

Carrie-Anne Moss ist wieder Trinity – wir freuen uns auf Teil 4 der „Matrix“.

DEUTSCHRAP

34 GROSSE WORTE

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen 69 REISEN. Mit Rekordbergsteiger Nims Purja auf den Mont Blanc

Wie die Rapperin badmómzjay mit erst 19 Jahren die Deutschrap-­Szene erobert.

74 GAMING. Südkoreanische K-Fashion für die Sims und die Rückkehr eines Spiele-Klassikers

FUSSBALL

76 L ESESTOFF. Fünf Geschichten mit knallharten Helden – unsere Buchempfehlungen für die kalten Tage

36 EIN GUTER FREUND

Fußball-Legende Steffen Freund über harte Zweikämpfe und die Kunst der Kritik.

82 F ROHES FEST. Was unter den Christbaum passt – 14 Vorschläge

Vier Wintersport-Größen ­verraten, was sie sich für diese Saison vorgenommen haben.

92 BOULEVARD DER HELDEN. Ist der Literatur-Nobelpreisträger Michail Scholochow ein Betrüger?

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK

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78 T IPPS & TRENDS. Richtig gutes Zeug – mit besten Empfehlungen der Redaktion

WINTERSPORT

46 U NSERE TOPSTARS

STARKE MODE  Flora Miranda zeigt eine Modewelt, in der Science-Fiction Realität wird.

15 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 16 MEIN ERSTES MAL

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

STARKER MOTOR  Rallye-Dakar-Beifahrer Dennis Zenz und sein Kampf in der Wüste

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MATT POWER, NORMAN KONRAD, MARCIN KIN/RED BULL CONTENT POOL, JAN KASL/RED BULL ILLUME

FILM


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STARKE BILDER Die Sieger des Fotowettbewerbs Red Bull ­Illume – hier ein Geniestreich des Tschechen Jan Kasl

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ANTONIN GRENIER


CAPBRETON, FRANKREICH

Sie retten um die Wette Diese vier Damen sind Freiwillige der französischen Küstenwache, und der Grund ihrer Eile ist gottlob kein Notfall. Sie trainieren für einen Rettungsschwimmer-Wettkampf, der seit 2019 im Südwesten Frankreichs ausgetragen wird. Bei dem Mehrkampf (u. a. Sprint, Schwimmen und Paddleboard) geht es um alle Fähigkeiten, die nötig sind, um im Ernstfall Leben zu retten. Instagram: @antoningrenier


MIAMI, FLORIDA, USA

Breaking News Dürfen wir vorstellen? Das ist Logan Edra. Die Amerikanerin mit philippinischen Wurzeln ist erst achtzehn, hat aber ­unter ihrem Künstlernamen „Logistx“ ­bereits eine beeindruckende Karriere als B-Girl hinter sich. Das kommt daher, dass sie schon mit sieben mit dem Tanzen und mit zehn mit Breaking an­gefangen hat. Jetzt konzentriert sie sich ganz auf die Olympischen Spiele in Paris 2024. Da wird Breaking erstmals olympisch sein – und Logan eine ganz heiße ­Kandidatin auf eine Medaille. Instagram: @logistx_ugf

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HOUSTON, TEXAS, USA

YSA PEREZ, BRIAN LOWE

Volle Kraft voraus Wenn Weltklasse-Sprinter Elijah Hall eine Schwäche hat, dann ist es der Start. Darum übt er diese Phase auch entsprechend ausdauernd – wie hier auf dem Trainingsgelände der Universität Houston, Texas. „Diese Bewegungen müssen in Fleisch und Blut übergehen“, sagt der US-Athlet, „im Rennen muss das alles vollkommen automatisch funktionieren. Das Einzige, was mich aufhalten kann, bin ich selbst.“ Instagram: @_elihall


LONDON, ENGLAND

Flyin’ high

RICK GUEST

Morgan Lake, 24, gehört zu den besten Hochspringerinnen Großbritanniens, ihre Bestleistung liegt bei 1,97 Metern. Fotograf Rick Guest – seine Spezialität sind Bilder, die dynamische Bewegungen im exakt richtigen Moment einfangen – schwärmt von Lakes Körper als „per­ fektem Werkzeug zur Überwindung der Schwerkraft“. Bei diesem Sprung hat sie sich die Latte allerdings nicht besonders hoch gelegt – so locker, wie sie da drüberspringt. Der Fotograf: rg-e.com

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Z AHL EN, BI T T E!

BILLIE EILISH

Frau der Ringe Pop-Superstar Billie Eilish feiert im Dezember ihren 20. Geburtstag. In welcher Tonart sie James Bond auf Touren bringt, wie viele Cartier-Ringe sie bei der Met-Gala trug und was ihr erstes Auto kostete.

Mal verkaufte sich 2019 ihr Debütalbum „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“.

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53.000.000

Beats pro Minute tragen ihren James-Bond-Titelsong „No Time to Die“ in e-Moll voran.

Dollar verdiente Billie Eilish 2020 – Rang 43 als Jüngste im Forbes-Ranking der Top-100-Celebritys.

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25.000.000

Länder führten ihr aktuelles Album „Happier Than Ever“ auf Rang 1 der Charts.

Dollar kassierte Billie Eilish von Apple TV+ für die Doku „The World’s a Little Blurry“.

Dollar kostete ihr erstes Auto, ein matt­schwarzer Dodge Challenger – ein Geschenk ihrer Plattenfirma zum 17. Geburtstag.

Grammys in den vier Haupt­ kategorien Single, Song, Album und New Artist hat sie 2020 gewonnen. Vor ihr schaffte das noch keine Frau.

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49.736.031

ihrer vier Vornamen ergeben den Künstlernamen von Billie Eilish Pirate Baird O’Connell.

Hörer pro Monat machten sie 2020 zur meistgestreamten Künstlerin auf Spotify.

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HANNES KROPIK

29.000

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Ringe aus dem Hause Cartier trug Billie Eilish am Red Carpet der Met-Gala 2021.

1.200.000

CLAUDIA MEITERT

Jahre jung war die Sängerin, als sie ihre erste Single „Ocean Eyes“ im November 2015 bei SoundCloud hochlud – exakt ein Jahr vor dem o∞ziellen Release des Songs.

Menschen folgt Billie Eilish auf Instagram – ihr Profil hingegen hatten bei Redaktionsschluss 96,2 Millionen Fans abonniert.

GETTY IMAGES (2), ALAMY

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REACH YOUR SUMMIT

Smartwatch mit Connected-Funktionen wie Herzfrequenz-Messung, integriertes GPS, Aktivitätsanalyse, Schlafanalyse.Wiederaufladbare Batterie. Wasserdicht 100M/300FT ERHÄLTLICH BEI

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OFFIZIELLE UHR


F U ND ST Ü CK

Fabio Wibmer, 26, Bike-Artist, YouTube-King

Das 200-Millionen-Rad Das Bike, mit dem der Österreicher 2019 „Wibmer’s Law“ drehte. Jetzt durchbrach das Video auf YouTube eine magische Marke. Räder: abmontiert. Sattel: verschwunden. Pedale: perdu. Dieses Rad hat schon bessere Zeiten gesehen. Tatsächlich spielt es im Leben von Fabio Wibmer eine wichtige Rolle – hat er doch damit im September 2019 den YouTube-Hit „Wibmer’s Law“ gedreht. Das 8 Minuten und 23 Sekunden lange Video mit Schauplätzen in Wien und Salzburg, Linz und Innsbruck hat auf YouTube vor kurzem die 200-MillionenZuschauer-Marke geknackt. Fabio weiß das zu würdigen: Demnächst wird er das Ding als Trophäe daheim an die Wand hängen. Mit Bike-Hersteller Canyon entwickelt er gerade ein neues Trial-Gerät.

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PHIL PHAM, PHILIP PLATZER/RED BULL CONTENT POOL

FABIO WIBMER


DAS F IK T IVE PHILO S O PHEN- IN T ERV IE W

NIETZSCHE SAGT:

„Die Vernunft gehört in den Restmüll!“ Gesundheit ist für viele Menschen das höchste Gut. Aber ist sie wirklich das Wichtigste im Leben? Friedrich Nietzsche war immer krank – und hat sich gerade deshalb viele Gedanken über die Gesundheit gemacht. Was dabei herausgekommen ist, erklärt er in unserem fiktiven Interview mit dem Philosophen Christoph Quarch.

the red bulletin: Herr Nietzsche, wie geht es Ihnen? friedrich nietzsche: Danke, die Kopfschmerzen haben etwas nachgelassen. Obwohl ich mir nach wie vor den Kopf über Ihre Zeitgenossen zerbreche. Sehen Sie, es ist jetzt bald 150 Jahre her, dass ich über die Menschen der Moderne schrieb: „Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht. Aber man ehrt die Gesundheit.“ Daran hat sich nichts geändert.

Na ja, aber es können doch nicht alle so große Autoren werden wie Sie … Na und? Jeder kann in seinem Umfeld etwas Großes schaffen. Jeder kann seine verdammten Träume verwirklichen. Jeder kann tanzen, wenn er nur wollte. Aber ihr wollt nichts – außer ein bisschen Spaß haben und gesund sein! Und dann redet ihr euch auch noch ein, dass ihr vernünftig seid, wenn ihr alles diesen Zielen unterordnet. Ich aber sage euch: Genau diese „Vernunft“ könnt ihr getrost in eure Restmülltonnen schmeißen. Diese „Rationalität“ verhindert „Das ist es, worum nämlich, dass ihr wachst und große es im Leben geht: Menschen werdet. Menschen, die schöpferisch sein sich dem Leben stellen, die sich dem Schmerz stellen – die ob ihrer und etwas Eigenes Schwäche lachen und der Stimme hinterlassen.“ ihres Herzens folgen.

DR. CHRISTOPH QUARCH

BENE ROHLMANN

Mit diesen Worten aus „Also sprach Zarathustra“ haben Sie diejenigen verspottet, die Sie „die letzten Menschen“ nannten. Was finden Sie so problematisch daran, dass Menschen die Gesundheit ehren? Wir alle wollen gesund sein. Ich auch. Meine Güte, Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich unter meinen Kopfschmerzen leide. Ich bin quer durch Europa gereist, um Orte zu finden, an denen ich es irgendwie aushalten konnte. Aber das heißt nicht, dass ich alles meiner Gesundheit untergeordnet hätte. Ich wollte gesund sein, um meine Arbeit machen zu können: um etwas zu schaffen. Denn das, mein Freund, ist es, worum es im Leben geht: schöpferisch sein und etwas Eigenes hinterlassen. Aber Sie sagen doch selbst, dass man dafür gesund sein muss. Sage ich nicht. Ich war nie gesund und habe trotzdem Großes geschaffen. Wahrscheinlich wäre mir das nie gelungen, wenn ich nicht meine Krankheit in eine Energiequelle verwandelt hätte. Es ging mir immerzu besch… bescheiden – ja, gerade deshalb habe ich wie wahnsinnig gearbeitet; gerade deshalb habe ich mein Bestes geben können. Ich wusste, was ich wollte – und das war viel mehr, als mich um meine Gesundheit zu kümmern, mir etwas Schönes zu gönnen oder im Spa rumzuhängen. Unter uns, mein Freund: Dass ihr so

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viel um eure Gesundheit kreist und so viel Aufhebens um eure Wehwehchen macht, verrät mir, dass ihr klein geworden seid: Zwerge, die keine Idee mehr davon haben, wofür sie leben wollen. Ihr lasst euch treiben und macht, was alle machen.

Hm, und was müsste man Ihrer Ansicht nach tun, um – wie Sie es ausdrücken – ein großer Mensch zu werden? Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Besser kann ich es nicht sagen. Schluss mit der ewigen Nüchternheit und dem Schonwaschgang! Mut zum Rausch statt ängstlich herumdümpeln, wäre meine Devise. Was man dafür braucht? Ein leidenschaftliches Herz, sonst nichts. Und das wohnt sogar in deiner Brust, mein Freund. FRIEDRICH NIETZSCHE (1844  – 1900) gilt als einer der schärfsten Kritiker der technisch-rationalen Moderne. Mit seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ inspirierte er Generationen von Künstlern und Denkern, neue Wege zu gehen. Dabei war Nietzsche häufig krank, er litt an immer wiederkehrenden Migräneschüben. Dennoch – oder gerade deshalb – schrieb er viel über die leibliche und geistige Gesundheit des Menschen. CHRISTOPH QUARCH, 57, ist Philosoph, Gründer der Neuen ­Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: „Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“, legenda Q, 2021.

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M EIN ERST ES M A L

ANJA BLACHA

„Mein Reise-Guide sagte: Anja, du bist verrückt!“ Von 2015 bis 2017 stieg Anja Blacha – als bislang jüngste Deutsche – auf den höchsten Gipfel jedes Kontinents. ­Dabei hatte sie erst vier Jahre zuvor mit dem Bergsteigen an­gefangen. Uns erzählt die Abenteurerin von dem Peru-Trip, der ihre Wanderlust weckte. war so beeindruckend, dass ich mir damals schwor, die Timberlands nicht verstauben zu lassen. Vier Jahre später hatte ich dann die Seven Summits, den jeweils höchsten Berg jedes Kontinents, geschafft – als jüngste Deutsche überhaupt. Ob ich es bereue, nicht schon früher mit dem Bergsteigen be­ gonnen zu haben? Nein. Denn mein Beispiel zeigt: Unsere Vergangenheit muss nicht bestimmen, was wir in unserer Zukunft erreichen können.

Ich habe das Klettern spät ent­ deckt, und das war vielleicht sogar gut so. Ich lebe heute in der Schweiz, da gibt es Kletterer, die sind technisch unendlich „Meine ersten Bergschuhe waren ­versierter als ich, die kommen die eigentlich gar keine wirklichen 0:00 –48:53 Eiger-Nordwand in Rekordzeit Bergschuhe, das waren Multi­ Anja Blacha funktionsstiefel der Marke Tim­ hoch – und doch wagen sie sich Mein erstes Mal – der Podcast berland, von denen ich beim nicht an die großen Berge heran. Kaufen dachte: Damit kann ich Weil sie ständig vor Augen haben, durch die Altstadt schlendern, welche Skills ihnen vielleicht aber auch wandern gehen. Per­ noch fehlen, anstatt das große „Ich habe das Klettern Ziel anzugehen. Und so kann es fekt auch für die anstehende ­Peru-Reise mit meiner Schwester. spät entdeckt, und das sein, dass ich vielleicht auch Ich bin in Bielefeld aufge­ tecken geblieben wäre in diesem war vielleicht gut so.“ ­s‚Ich wachsen. Berge gibt es da nicht. muss noch lernen‘-Zyklus, Meine gesamte Jugend war von hätte ich früher oder in einem Rekord-Frau Anja Blacha hat ihre erste Bergtour erst mit 23 gemacht. Strandurlauben und Städtetrips bestimmten Umfeld begonnen. geprägt. In Peru hab ich dann Ich habe mit dem Bergsteigen zum ersten Mal einen Vulkan gesehen – mit 23. Auf aus Spaß angefangen, aus Neugier, etwas Neues für einem Berg war ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie, mich entdecken zu wollen. Es war einfach Teil meiner aber ich wollte unbedingt rauf. Das Problem: Allein Reiselust. Und genau diese Ungezwungenheit war konnte man da nicht hoch, und das Ticket für unsere mein großer Vorteil.“ Weiterreise am nächsten Tag war schon gebucht. ‚Ihr seid verrückt, wenn ihr da jetzt in einer Nacht und „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, in einem halben Tag raufwollt‘, sagten uns die Guides. in der Heldinnen über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit Anja Blacha, in der sie auch verrät, warGeklappt hat es am Ende doch: vom Meeresspiegel um Excel-­Tabellen für ihre Expeditionen rauf auf 5800 Höhenmeter. Oben war ich so fertig, dass wichtiger sind als Muskelberge, gibt’s im ich den Ausblick gar nicht richtig genießen konnte. Podcast-Kanal von The Red Aber ich war so angefixt vom Spaß, den wir beim Bulletin. Zu finden auf ­Aufstieg hatten, und vom Glück, das Ziel erreicht zu ­allen  gängigen Platt­formen haben. Noch im gleichen Urlaub nahmen wir uns auch wie Spotify und auf ­redbulletin.com/podcast noch den Machu Picchu vor. Dieses erste Mal Trekking

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ANJA BLACHA

Anja Blacha liebt die ganz großen Herausforderungen: Mit 27 war sie als jüngste deutsche Kletterin auf dem Mount Everest, bis heute ist sie die einzige Deutsche, die den K2 bezwungen hat. Voriges Jahr schaffte sie es als erste Frau auf Langlauf­ skiern von der Küste der Antarktis bis zum Südpol. 1400 Kilometer in 58 Tagen. Ihren 100-KiloSchlitten zog sie dabei selbst. Dabei ist ihr die Lust am ­Extremen nicht in die Wiege ge­ legt worden. Ihre erste Bergtour absolvierte sie 2013, nur vier Jahre bevor sie den höchsten Berg der Welt bestieg. Hier spricht die 31-Jährige unter anderem von diesem Erweckungsmoment.


Das Besondere an einem Abenteuer ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Weg dahin. Wir glauben fest an die Kraft von Träumen – und dass es sich lohnt, ihnen zu folgen. Dreamers. On. Mit Dominik Gührs, Corinna Schwiegershausen und Petra Klingler machen sich drei Topathleten auf den Weg, einen lang bestehenden Traum wahr werden zu lassen. Weitere spannende Träumer und ihre Geschichten finden Sie auf porsche.de/dreamerson

Taycan Cross Turismo Modelle: Stromverbrauch kombiniert in kWh/100 km: 29,4–28,1 (NEFZ); 26,4–22,4 (WLTP); CO₂-Emissionen kombiniert in g/km: 0 (NEFZ); 0 (WLTP); elektrische Reichweite in km: 388–456 (WLTP) · 438–541 (WLTP innerorts); Stand 11/2021


P O RT FO L IO

Simply the Best Red Bull Illume ist der weltweit größte Wettbewerb für Abenteuer- und Action­ sportfotografie. Vorhang auf für die diesjährigen Sieger! Text ANDREAS WOLLINGER

Rod Hill, 48

Plötzlich war das Licht perfekt Sieger in der Kategorie „Energy by Red Bull Photography“

Rod Hill hatte schon eingepackt. Doch dann entschied sich Kanute River Mutton spontan für eine letzte Fahrt über die Huka Falls des Waikato River, Neuseeland. Also: Kamera wieder raus. „Plötzlich war das Licht so, wie ich es noch nie gesehen hatte“, sagt Hill. Glück des Tüchtigen. Instagram: @rod_coffee

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P O RT FO L IO

Schöner fallen

Sieger in der Kategorie „Masterpiece by SanDisk Professional“

Will Saunders, 27

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Einerseits: die majestätische Ruhe der Wüstenlandschaft des Indian Creek im US-Bundesstaat Utah. Anderseits: die Dynamik eines Kletterers im freien Fall. Ergibt: grandiose Spannung. Richtig, normalerweise fallen Kletterer anders. Aber Fotograf Will Saunders bat Jake Talley um eine „kraftvolle Bewegung“ beim Sturz. Check! Und den Gesamtsieg sicherte er sich mit diesem Genieblitz auch. willsaundersphoto.com, Instagram: @willsaundersphoto THE RED BULLETIN


„Jedes Mal, wenn ich rausgehe, überwinde ich mich, etwas zu tun, was ich noch nie versucht habe.“ Will Saunders

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„Ich will, dass die Betrachter tief in Welten eintauchen, in denen sie noch nie zuvor waren.“ Carolin Unrath

Carolin Unrath, 25

Wo geht’s hier zur Welle? Siegerin in der Kategorie „Lifestyle by COOPH“

In München lässt es sich mit der U-Bahn zum Surfen fahren. Hier sehen wir Andi Müllner auf dem Weg zur berühmten Eisbachwelle, die sich im Englischen Garten aufbaut. Die Vorfreude ist in diesem Fall besonders groß: An dem Tag öffnete die Eisbachwelle das erste Mal nach dem Lockdown 2020. carolinunrath.com Instagram: @carounrath

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P O RT FO L IO

Thomas Monsorno, 36

Es ist nicht, wie es scheint Sieger in der Kategorie „Innovation by EyeEm“

Das ist der Schweizer ­Eiskletterer Dani Arnold. Er ist hier am Baikalsee in Sibirien unterwegs, dem tiefsten See der Erde. Allerdings nicht von unten nach oben, sondern in der Horizontalen. Eine Illusion vom Feinsten, erdacht vom Südtiroler Fotografen Thomas Monsorno. thomasmonsorno.com Instagram: @ thomas.monsorno

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„Mir macht es Spaß, Menschen in Momenten der Verletzlichkeit festzuhalten – in oder vor einer Wand.“ Victoria Kohner-Flanagan

Phönix aus dem Staub

Sieger in der Kategorie „RAW by Leica“

Bruno Long, 42

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Auf einer supersteilen Passage auf einem Trail in Fernie, British Columbia, Kanada: Mountainbiker Dylan Siggers taucht aus dem Staub auf wie Phönix aus der Asche. „Ich liebe es, mit Staub und Licht zu spielen“, sagt Fotograf Long, „weil es so ein zufalls­ gesteuerter Prozess ist.“  brunolong.com, Instagram: @eye_b_long

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Und jetzt: Hände hoch!

Siegerin in der Kategorie „Emerging by Black Diamond“

Victoria KohnerFlanagan, 23

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Diese beängstigend glatte, 39 Meter hohe Wand im kalifornischen Pine Creek Canyon heißt „Queen of Heartbreaks“ – Königin des Herzschmerzes. Zu Recht: Fotografin Victoria Kohner-Flanagan blieb schleierhaft, wo genau hier die nächsten Griffe sein sollten. Hier gönnt Kletterer Jack Nugent seinen Händen eine kleine Pause. victoriakohnerflanagan.com, Instagram: @vickyvicti

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„In einer Welt, die mit Bildern überflutet wird, musst du den Dingen einen persönlichen Touch geben. Dann werden sie interessant.“ Markus Berger

Markus Berger, 40

Im Bauch des Gletschers Sieger in der Kategorie „Playground by WhiteWall“

Tief im Berg, unter dem Hintertuxer Gletscher im Tiroler Zillertal, befindet sich ein märchenhafter Ort: der Natur Eis Palast. Dort kann man schwimmen, Kajak oder Schlauchboot fahren oder eisklettern. Und: wakeboarden, wie Dominik Hernler hier zeigt. Markus Berger hat das für die Nachwelt festgehalten. markusbergerphotography.com Instagram: @markus_berger_photography

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Die wahren Abenteuer sind im Kopf

Sieger in der Kategorie „Creative by Skylum“

Jan Kasl, 27

Sieht so aus, als hätte Skateboarder Fanda Šesták einen fabelhaften Spielplatz gefunden: eine spiralförmige Bahn. Ist aber eine optische Täuschung, die in der Welt der Fotografie „erzwungene Perspektive“ heißt. Der Trick ist, Dinge nahe der Kamera weiter weg erscheinen zu lassen. Und umgekehrt. Der Tscheche Jan Kasl hat das hier per­ fekt umgesetzt.  jankaslphoto.com, Instagram: @jankaslphoto

Männer im Mond

Sieger in der Kategorie „Best of Instagram by Lenovo“

Yhabril Moro, 42

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Was es für dieses Bild alles braucht: zwei Kicker, aufgebaut an der richtigen Stelle am Pico Malacara, Spanien; einen perfekt syn­ chronisierten Sprung der beiden Freeskier Jaime Rico und Javi Diaz; den Vollmond; natürlich klaren Himmel – und einen genialen Foto­ grafen wie Yhabril Moro.  yhabril.com, Instagram: @yhabril

DER WETTBEWERB

RED BULL ILLUME

Zwei Beobachtungen brachten den Ex-Red Bull-Athleten und Fotografen Ulrich Grill 2006 ins Grübeln. Erstens: Der technologische Fortschritt in der Lichtbildnerei ­er­öffnete Actionfotografen völlig neue Möglichkeiten. Zweitens: Es gab keinen Wettbewerb, der dieses junge Genre entsprechend zele­ brierte. Also erfand Ulrich schlicht einen solchen: Red Bull Illume. Heute ist der Contest mit Zehn­ tausenden Einsendungen der weltweit größte seiner Art. Die Sieger ­werden von einer 50-köpfigen Fachjury gekürt. Ein aufwendiger Prozess mit hohem Qualitätsanspruch. Daher findet der Wettbewerb ganz bewusst nur alle zwei Jahre statt. redbullillume.com

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E   GAL, WIE HART DEIN TAG AUCH WIRD.

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Film

bekämpft als Trinity die Matrix in schwarzem Latex. Privat verbannt die Schauspielerin Smartphones aus ihrem Alltag – und besiegt Algorithmen mit Meditation. Interview RÜDIGER STURM

1999 sorgte der Kinohit „Matrix“ für eine Revolution des Actionkinos. Carrie-Anne Moss zeigte Keanu Reeves damals, dass alle Menschen in einer gigantischen Computer­ simulation gefangen sind – der ­Matrix. 18 Jahre nach dem dritten Teil geht der Kampf gegen die Illusion in „The Matrix Resurrections“ weiter. Die heute 54-Jährige erläutert exklusiv für The Red Bulletin, wie sie der künstlichen Welt der M ­ atrix entkommt, mit welchen M ­ ethoden sie ihre Stunts übt und welche Rolle Meditation dabei spielt. THE RED BULLETIN: Frau Moss, hatten Sie jemals selbst das Gefühl, dass wir nicht in der realen Welt, sondern in der Matrix leben? carrie-anne moss: Das habe ich jeden Tag. Wow. Wann hat das angefangen? Zum ersten Mal brachte mich ein Lehrer in der 10. Klasse auf den Gedanken. Er fragte uns, ob es nicht sein könnte, dass wir alle in einem Traum leben. Damals dachte ich: „Wie bitte?!“ Ich kann mich nicht an viel aus meiner Schulzeit erinnern, aber diese Frage ist mir präsent geblieben. Sie hat eine Tür in meinem Geist aufgestoßen. Ich habe viele Jahre darüber nachgedacht, denn der Lehrer gab uns keine Antwort.

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Was ist denn Ihre Antwort? Dass jeder Mensch in seiner eigenen Realität lebt – abhängig von Algorithmen in sozialen Medien oder einfach nur von seinen persönlichen Interessen. Du kannst dich in einem Zimmer mit vier Personen aufhalten, und jede davon bewegt sich in einer komplett anderen Welt. In den „Matrix“-Filmen geht es darum, dass wir zur wahren Realität vordringen. Gelingt Ihnen das? Ich versuche auf jeden Fall, diese Matrix aufzulösen. Ein ganz wichtiges Werkzeug dabei ist für mich Meditation. Sie gibt mir die Möglichkeit, meinen Geist zu beruhigen. Egal ob ich das nun drei Minuten oder drei Stunden mache. Oder meinetwegen auch nur ein paar Atemzüge. Wenn ich meditiere, bin ich komplett bei mir – ohne den ganzen Lärm der Außenwelt. In der Meditation trete ich sozusagen in einen Raum voller Ruhe ein, darin erlebe ich so etwas wie echte Realität, und das beschert mir ein pures Glücksgefühl. Welche Techniken setzen Sie da genau ein? Ich habe lange Zeit Transzendentale Meditation gemacht, jetzt ist es eine Art Hybridform, die ich selbst ent­ wickelt habe und die ich auch anderen Leuten beibringe. Wichtig dabei ist, dass man das nicht wie eine lästi­ ge Pflicht empfindet. Ich persönlich freue mich auf jede Meditation.

Wir werden auch durch die Algorithmen der digitalen Welt manipuliert. Wie schütteln Sie die ab? Ich war nie von der digitalen Welt begeistert. Ich habe eher eine Aver­ sion entwickelt, weil sie sich nicht gut für mich anfühlt. Natürlich hänge ich wie alle anderen am Smartphone, aber ich sehe zu, dass ich mich, ­sooft es geht, ausstöpsle. Und ich habe diese Haltung auch m ­ einen Kindern zu vermitteln versucht. Sie gingen auf eine Waldorfschule, wir hatten keinen Fernseher. Irgendwann k ­ amen sie jedoch in ein Alter, in dem sie aufs Smartphone nicht verzichten wollten. Also habe ich ihnen gesagt: „Der Technik ist euer Wohlergehen egal, aber für mich seid ihr das Wichtigste überhaupt.“ Zu einem freien Geist gehört auch ein gesunder Körper. Was tun Sie für den Ihren – etwa um die Stunts in „Matrix“ zu meistern? Das war eine große Herausforderung. Ich war ja nicht mehr Anfang dreißig wie bei den ersten Filmen. Dazu gehört Training, gesundes ­Essen mit Nahrungsergänzungen, aber letztlich ist das auch eine mentale Frage. Für die schwierigsten Stunts half mir die Technik der ­Visualisierung. Das Training des Geistes ist das Wichtigste überhaupt. „Matrix Resurrections“ läuft ab 23. Dezember in den Kinos.

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JSQUARED PHOTOGRAPHY/CONTOUR BY GETTY IMAGES

Carrie-Anne Moss

Das heißt, im Grunde haben Sie die illusionäre Welt der Matrix schon hinter sich gelassen? Einerseits ja, andererseits ist der Weg aus der Matrix endlos. Sobald du denkst, du hast sie entwirrt und bist frei davon, denkst du dir: Moment, vielleicht bin ich einfach nur in der nächsten Matrix gelandet.


„Ich habe eine Aversion gegen die digitale Welt entwickelt.“ Sci-Fi-Ikone Carrie-Anne Moss, 54, schaltet gern ihr Handy ab.

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Deutschrap

badmómzjay mischt mit 19 Deutschlands Rap-Szene auf, trägt gern Goth-Outfit und steht offen zu ihrer Bisexualität. Wie sie als junge Frau Hass im Netz kontert? Erzählt sie hier. Interview JANINA LEBISZCZAK  Foto JESKO GORGAS

Es war doch alles nur ein Spaß! 2018 schrieb badmómzjay, die ­Jordan Napieray heisst, auf dem Handy ihren ersten Rap-Text und lud ihn zu einem Beat von Nicki Minaj auf Instagram hoch. Aus dem Spaß wurde Ernst und der Song ein Hit. Rapstars gratulierten, Plattenlabels meldeten sich. Da war sie gerade einmal 15 Jahre alt. Ihre erste EP landete 2020 auf Platz 12 der Charts. Bei den Hiphop.de Awards wurde die bei Berlin lebende Rapperin als „Beste New­comerin national“ ausgezeichnet, auf Spotify folgen ihr über zwei Millionen Menschen, und die Zeitschrift „Bunte“ verlieh ihr ein paar Tage vor unserem Gespräch den New Faces Award. Die Laune beim ­Interview ist entsprechend prächtig. THE RED BULLETIN: Erzähl mal, wie fühlt sich die Wolke an, auf der du gerade schwebst? badmómzjay: Man hat gar nicht die Zeit, um zu reflektieren. Natür­ lich bin ich sehr glücklich und stolz. Trotzdem würde ich mir einen Moment wünschen, um das Ganze einmal zu begreifen. Wie ist es, Rapstar zu sein? Ich kann tun, was ich liebe, ich bin umgeben von talentierten Leuten, die ähnlich ticken wie ich. Und ich würde lügen, wenn ich sage, dass mich das Geld nicht interessiert. Es macht mich unabhängig. Ich kann meine Familie unterstützen und muss nicht mehr mit Sorgen einschlafen wie

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früher. Was ich nicht mag, ist, dass mich manche nicht mehr mit Re­ spekt behandeln, nur weil ich in der Öffent­lichkeit stehe. Man kann nichts machen, ohne dass es beurteilt wird. Ich bin noch ein Kind – für mich ist das manchmal anstrengend. In einer männerdominierten ­Branche: Gibt es da einen weib­ lichen Zugang zum Rap? Ja, das Positive. Leute zu animieren, dass sie machen können, was sie wollen – egal wie sie aussehen, egal wen sie lieben. Dieses Empowern kommt in den Texten männlicher Rapper selten vor. Du bist ohne Vater aufgewachsen. Wie hat dich das geprägt? Sagen wir so: Ich lege mein prinzi­ pielles Misstrauen erst ab, wenn ich vom Gegenteil überzeugt werde. Reden kann man schnell viel, besonders in meiner Branche. Was hast du von deiner Mutter ­lernen können? Meine Mutter und ich sind ein Team. Dass man Männer zum Überleben braucht, den Gedanken gab es nie. Ich kenne nur starke Frauen, die alles selbst erledigen. Meine Mama hat mir auch beigebracht, immer zu sagen, was ich denke. In der Schule waren die meisten von diesem Verhalten eher abgeschreckt. Deshalb hatte ich nicht viele Freunde.

Früher hat mich das traurig gemacht. Später habe ich gelernt, dass ich lieber allein bin als mit Menschen, die es nicht gut meinen mit mir. Ich habe dadurch schnell verstanden, wie die Menschen ticken und die Welt funktioniert. Man muss stark sein. Wenn man so aufgewachsen ist, kratzt dich gar nichts mehr. Heute setzt du dich für andere ein. Du engagierst dich für die LGBTQ-Community und stehst zu deiner Bisexualität. Wie sind die Reaktionen? Hauptsächlich sehr positiv. Manchmal gibt es auch Kommentare wie „scheiß Lesbe“. Solche Leute ignoriere ich. Sobald man sich äußert, wird die Welle noch größer. Die ­haben ein Problem mit sich selbst. Ich kämpfe seit meinem 13. Lebensjahr darum, dass Sexualität frei ausgelebt werden kann, und gefühlt sind wir keinen Schritt weiter. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Mal trägst du knallrote Haare und gefühlt meterlange Fingernägel, mal sieht man dich komplett ohne Make-up. Was hat es mit deinem Style auf sich? Darüber denke ich nicht nach. Ich bin ein sehr wandelbarer Mensch, vom Girly zum Jogger-Style zu Goth und zurück. Ich zeige mich auch oft ungeschminkt. Ich mag so aussehen, wie ich mich gerade fühle. Welchen Rat hast du an die Nach­ wuchskünstlerinnen da draußen? Macht es wie ich: einfach anfangen! Klar ist es schwierig. Aber lasst euch von niemandem einreden, ihr würdet das nicht schaffen. Seit dem 26. November ist ihr Album erhältlich: „badmómz“. badmómzjay auf Instagram folgen: @badmomzjay

Du wurdest wegen deiner Art und dem finanziellen Hintergrund deiner Familie in der Schule ge­ mobbt. Wie hat dich das geformt? THE RED BULLETIN


„Ich mag so aussehen, wie ich mich gerade fühle.“ Rapperin badmómzjay, 19, steht zu ihrem Style.

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Fußball

war früher als aktiver Fußballer gefürchtet für seine defensive Härte. Als Kommentator auf ServusTV bevorzugt die Dortmund-Legende die Offensive. Hier erklärt er, was Sieger auszeichnet. Interview HANNES KROPIK

Als Fußballer war Steffen Freund ­defensiver Mittelfeldspieler. Da hatte er die Aufgabe, die Spielgestaltung des Gegners möglichst effektiv zu stören. 1996 wurde er mit Deutschland Europameister. Mit Borussia Dortmund gewann der nunmehr 51-Jährige zwei deutsche Meistertitel sowie 1997 die Champions League und den Weltpokal. Seine viereinhalb Jahre bei Tottenham Hotspur führten ihn in die Hall of Fame des Londoner Spitzenklubs. Heute ist Steffen Freund, der mit seiner Familie außerhalb von Berlin lebt, ein gefragter TV-Analytiker. Auf ServusTV bildet er – gemeinsam mit dem Norweger Jan Åge Fjørtoft – ein internationales ExpertenDuo, das den Zuschauern die UEFA Champions League näherbringt. THE RED BULLETIN: Was nimmt man für sein weiteres Leben mit, wenn auf der Visitenkarte „Champions-League-Sieger“ steht? steffen freund: Man spürt, dass die eigene Karriere weit oben angekommen ist. Dass ich nach dem EM-Titel auch die Champions League gewinnen konnte, hat mich sehr glücklich gemacht – aber ich war nie der Typ Mensch, der nach Erfolgen zufrieden wurde. Zufriedenheit kann hinderlich sein. Das Schwierige ist, errungene Erfolge durch nachfolgende Leistungen zu bestätigen.

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Die UEFA Champions League ist für jeden Fußballer das h ­ öchste Ziel auf Vereinsebene. Blöde ­Frage: Wie gewinnt man sie? Unser Finalgegner Juventus Turin war 1997 die beste Mannschaft der Welt. Ich erinnere mich, wie mein Kollege Jürgen Kohler vor dem Spiel trotzdem gesagt hat: „Kommt, wir holen uns den Pokal!“ Ich dachte: Was ist denn mit dem los? Aber er hatte natürlich recht: Du musst an dich selbst die höchsten Ansprüche stellen. Denn in einem Spiel kannst du jeden schlagen. Heute sind Sie gefragter TV-­ Experte. Inwiefern hilft Ihnen Ihre Vergangenheit als ehe­ maliger Weltklasse-Fußballer? „Weltklasse“ haben jetzt Sie gesagt! Aber klar, das ist ein kleiner Vorteil für mich: Ich habe es selbst wirklich erlebt und kann meine Emotionen wahrhaftig wiedergeben. Ich bin sehr dankbar, dass ich in 17 Jahren als Profi so viel erleben durfte. Trotzdem habe ich nicht vergessen, woher ich komme: aus dem Osten, der armen Seite Deutschlands. Als Aktiver galten Sie als ­unangenehmer Gegenspieler  … … aber ich war meist fair! Ich habe brenzlige Situationen sportlich zu lösen versucht. Meine Aufgabe war in der Regel, den gegnerischen Spielmacher auszuschalten, also ­Legenden wie Zinédine Zidane, Roberto Baggio oder Andreas Herzog. Ich habe es genossen, wenn ich dabei an meine Grenzen gehen musste.

Wie sind Sie als Aktiver mit Kritik umgegangen? Ich habe sie mir am Anfang zu Her­ zen genommen – manchmal vielleicht sogar zu sehr. Aber letztendlich war berechtigte Kritik immer ein Schlüssel zum Erfolg. Aus Kritik entsteht Ehrgeiz. Und Energie! Worum geht es im modernen ­Fußball – in einem Satz zu­ sammen­gefasst? Es geht um Flexibilität. Egal ob du als Mannschaft mehr in Ballbesitz bist oder nicht, egal ob in der Offensive oder in der Defensive: Du musst taktisch rasch reagieren können. Manche Entscheidungen musst du blitzschnell aus dem Bauch heraus treffen. Aber es müssen Entscheidungen sein, die du im Kopf schon längst vorbereitet hast. Sie haben mit Ihrem Kollegen Jan Åge Fjørtoft eine Wette laufen: Sie behaupten, Manchester City gewinnt die aktuelle UEFA Champions League. Warum? Ihre Ausgangssituation erinnert mich an unsere mit Borussia Dortmund: Wir waren – wie jetzt Manchester City – in den Jahren davor immer knapp dran am großen Erfolg. Du kommst dem Triumph immer näher – und wirst schlussendlich für deine Beharrlichkeit belohnt. Weitere Infos: servustv.com

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SERVUS TV/LEO NEUMAYR

Steffen Freund

Als TV-Experte nehmen Sie sich heute kein Blatt vor den Mund … … ich verliere aber nie den Respekt vor Spielern oder Trainern. Ich setze bei den Zuschauern kein Basiswissen voraus. Meine Aufgabe als Experte ist es, das Gesehene so zu erklären, dass man es als Laie nachvollziehen kann und es am Ende einen Mehrwert für alle gibt. Gleichzeitig will ich die Zuschauer aber nicht mit theoretischem Wissen zuschütten.


„Kritik ist ein Schlüssel zum Erfolg. Daraus entsteht Ehrgeiz.“ Steffen Freund, 51, über Ärger als mögliche Energiequelle

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Die Beste

MULTITALENT

Eileen Gu beim Red Bulletin-Fotoshooting in Saas-Fee: Im Freestyle-Skifahren zählt sie  in drei Disziplinen zur Weltspitze.

EILEEN GU, 18, ist der nächste Wintersport‑Weltstar: Freestyle‑Ski‑ Kanone, Stanford‑Studentin, gefragtes Model. Als in den USA geborene Chinesin will sie die Fans beider Supermächte vereinen.

Text EVELYN SPENCE Fotos CHRISTIAN ANWANDER


Freestyle-Ski

zweier Welten   39


Freestyle-Ski

ileen Gu ist 18 Jahre alt, dafür hat sie es ordentlich weit gebracht: Sie ist Freestyle-Olympiahoffnung für Peking, zweifache Goldmedaillen-Gewinnerin bei den X Games, gehört in allen drei Freestyle-Diszi­ plinen – Halfpipe, Slopestyle und Big Air – zur Weltklasse, sie ist Langstreckenläuferin, dazu gefragtes Model, Feministin und angehende Diplomatin. Es ist Ende Oktober, Gu hat einen Monat Halfpipe-Training in Saas-Fee in der Schweiz absolviert und ein Camp am Stubaier Gletscher in Österreich vor sich. Im Herbst erwarten sie Kurse in Mikro- und Makroökonomie. Die Zeit zwischen den Trainingseinheiten verbringt sie mit Vorträgen über Astrophysik und Fachbüchern über Quantenmechanik. „Als ich vorigen Winter das erste Mal bei den X Games war, wurden mir die anderen vor­gestellt als ‚… hat das und das gewonnen‘, als ‚… ist so und so oft Olympiasieger geworden‘ oder ‚… ist der erste Mensch, dem dieser und jener Trick gelungen ist‘. Bei mir hieß es immer nur: Das ist ­Eileen Gu, sie hat 1580 Punkte beim SAT-Test ­(einem standardisierten US-Schulleistungstest; das Durchschnittsergebnis liegt bei knapp über 1000 Punkten; Anm.) und wurde auf der Universität von Stanford aufgenommen.“ Man könnte Eileen Gu als Ausnahmeerscheinung abtun, als begnadetes Multitalent. Man täte ihr damit Unrecht. Denn was Gu wirklich zu etwas Be­sonderem macht, ist ihre enorme Leidenschaft fürs Lernen. Sie ist eine Musterschülerin des Lebens – im Sport genau­ so wie in der Wissenschaft. „Sie geht an jeden einzelnen Trick mit extremer Sorgfalt heran, visualisiert ihn wieder und wieder, in jedem Detail, und sie weiß 40

„Ich muss die Dinge gut machen, sonst würde ich ja meine Zeit verschwenden.“ THE RED BULLETIN

MATT POWER

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ihre Fähigkeiten unglaublich gut einzuschätzen“, sagt ihr Trainer Misra Noto. Kaya Turski, acht­fache X Games-Gewinnerin im Slopestyle, beschreibt Gus Art, Ski zu fahren, mit dem Attribut „kalkuliert“ – nicht, weil ihr die Leidenschaft fehlen würde, sondern weil sie so überlegt und so präzise vorgeht. Dasselbe gilt für das Training abseits der Piste. „Eileen versucht, jede einzelne Wiederholung einer Übung noch perfekter zu machen als die davor“, sagt Alex Bunt, Strength- & Conditioning-Coach bei Red Bull. „Die meisten von uns finden zum Beispiel Dehnübungen langweilig. Sie nicht. Sie möchte jede Dehnung besser machen als die davor.“ In Saas-Fee trainierte Gu eine neue Pipe-Sequenz mit drei neuen Tricks und einer neuen Kombination, sie war jeden Tag von 10 bis 15 Uhr auf dem Berg – konzentriert, effizient, keine Minute wurde verschwendet. Misra Noto, ein ehemaliger Profi und ­erfahrener Trainer, der früher das Schweizer Slopestyle-Team coachte, sagt: „Von allen Riderinnen, die ich kenne, arbeitet Eileen am härtesten.“ Dass Gu manchmal als ein wenig kompliziert gilt, hat einen einfachen Grund: Ihr Leben ist kompliziert. Manchmal besteht es aus zwei Leben (Profisportlerin und Studentin), manchmal aus vier (zusätzlich noch Läuferin und Model). Außerdem fühlt sie sich sowohl als Amerikanerin wie auch als Chinesin. Eileen Gu wurde in San Francisco geboren und stand auf den Hängen des Skigebiets Northstar am Lake Tahoe zum ersten Mal auf Skiern. Trotzdem entschied sie sich im Alter von 15 Jahren, bei der


AIR CHINA

Gu beim Training in der Halfpipe von Copper Mountain, Colorado. In Peking startet sie für China.

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„Fashion ist eine kreative Art, der Welt zu zeigen, wer du bist.“ Eileen Gu über die Vorzüge ihrer Zweitkarriere als Model


Freestyle-Ski

Olympiade 2022 für China anzutreten. Ihre Mutter Yan stammt aus ­Peking. Seit Gu zwei Jahre alt ist, verbringt sie jeden Sommer dort. Sie spricht akzentfrei Mandarin, ging in Peking zur Schule, hat dort Freunde und ein Haus. „Wenn ich in Amerika bin, bin ich Ame­rikanerin“, sagt sie ganz oft, sodass es wirkt wie ein Man­tra, „in China bin ich Chinesin.“ Als Gu zehn Jahre alt war, überredete sie den ­Betreiber eines Ski-Resorts in China dazu, den ersten Freestyle-Ski-Contest des Landes zu veranstalten. „Die Community war damals noch winzig, wir sind gemeinsam gewachsen“, sagt sie. Seit Gu bekannt gegeben hat, in Peking für China zu starten, sind mehr als zwei Jahre vergangen. Heute wird Gu in China auf der Straße erkannt. Aus dem kleinen Mädchen wurde die bekannteste Skifahrerin im ­bevölkerungsreichsten Land der Welt; sie wird als „Schneeprinzessin“ oder „Ski-Genie“ bezeichnet. „Eileen ist die perfekte Kombination aus Alter, Talent und Charisma“, sagt Szene-Insiderin Kaya Turski. „Sie hat das Zeug, die nächste Lindsey Vonn oder Chloe Kim zu werden.“ Genau hundert Tage vor der Eröffnungszeremonie veröffentlichte das Pekinger Organisationskomitee einen aufwendigen Kurzfilm: „A Date with Snow and Ice“. Darin trifft ein junger Mann (Megastar Jackson Yee, einer der beliebtesten Sänger Chinas) ein junges Mädchen (Gu). Die beiden besuchen ­gemeinsam die Pekinger Sportstätten; es ist eine ­Mischung aus Pop-Kultur und Sport. Am Ende des Films ist wieder Gu zu sehen: Eine Fackel in der Hand, läuft sie, begleitet von dramatischer Musik, in Zeitlupe die Chinesische Mauer entlang.

„Wenn ich in Amerika bin, bin ich Ameri­kanerin. In China bin ich Chinesin.“

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s ist schwer zu sagen, wann genau Gu den Durchbruch geschafft hat. Aber ein Wettkampf sticht heraus: Innerhalb von 36 Stunden gewann sie im Januar 2021 drei Me­ daillen bei den X Games, zwei in Gold und eine in Bronze. Sie war die erste Debütantin, die Medaillen in drei Wettbewerben gewann, und die erste chinesische Athletin der Geschichte mit einer Goldmedaille. Zu dem Zeitpunkt war sie keine Unbekannte mehr; sie hatte bereits 2020 in Calgary, Kanada, und auf der Seiser Alm in den Südtiroler Dolomiten Weltcup-Wettbewerbe gewonnen. Bei den Jugend-­ Winterspielen 2020 in Lausanne, Schweiz, gewann sie zweimal Gold und einmal Silber. Der Weg bis dahin verlief alles andere als gewöhnlich. Gus Mutter kam in ihren Zwanzigern als Migrantin in die USA, studierte Biochemie an der Rockefeller-Universität in New York und stand das erste Mal am Hunter Mountain im Osten der USA auf Skiern. Dann zog sie in die Bay Area, in die Gegend von San Francisco, und erwarb an der Stanford-Universität den Titel Master of Business Administration. Als Eileen drei Jahre alt war, meldete Yan sie bei ­einem Skikurs in Tahoe an. Mit acht Jahren wurde sie Teil des Freeskiing-Teams im Northstar California Ski Resort – als einziges Mädchen –, weil Yan fand, Skirennen seien zu gefährlich. Bald gewann Eileen

THE RED BULLETIN

COVERSTAR

Eileen Gu auf den Titel­seiten der Modemagazine „Vogue“, „In­Style“, und „Elle“ (alle China) sowie des „V Magazine“ (US)

Contests der USASA (United States of America Snowboard and Freeski Association), darunter einen nationalen Wettbewerb für Neunjährige. Egal wo sie hinging, ihre Mutter war immer an ihrer Seite. Kaya Turski begegnete Gu zum ersten Mal in Neuseeland, „als eine kleine Frau zu mir kam und sagte: ‚Das ist meine Tochter.‘ Das war Eileen, 1,20 Meter pure Energie“, erinnert sie sich. Daheim in San Francisco wohnte Gu mit ihrer mittlerweile 86-jährigen Großmutter, Guo Zhenseng – hier kommt sie manchmal immer noch vorbei. „Meine Großmutter ist leidenschaftlich, sie ist die ehrgeizigste Person, die ich kenne. Und das heißt viel, wenn ich es sage“, sagt sie. Sie war vier, als ihre Großmutter ihr beibrachte, dreistellige Zahlen miteinander zu multiplizieren. „Meine Mutter ist nicht so ehrgeizig wie meine Oma“, sagt sie. „Ihr war wichtig, mir viele Möglichkeiten zu eröffnen, meinem Leben ein breites Spek­ trum zu geben: Klavier, Ballett, Fußball, Basketball, Reiten, Bogenschießen, Klettern, Volleyball, Tennis. Ich machte alles.“ Aber: Druck, besonders erfolgreich zu sein, gab es nie. „Das war keine Eislauf­ mutti-­Situation“, sagt Gu. „Mein Ehrgeiz kommt eher aus meiner Unfähigkeit, zu versagen. Wenn ich etwas mache, dann mache ich das gut, dann muss ich das gut machen, sonst würde ich ja meine Zeit verschwenden. Das ist die Art meiner Großmutter, die Dinge zu sehen, und indirekt auch meine Art.“ Was Gus Durchbruch bei den X Games auf den ersten Blick besonders überraschend macht: 2020/21 war die erste Saison, in der sie nicht Vollzeit zur Schule ging. Bis zu ihrem Schulabschluss 2020 – sie war die erste Schülerin in der Geschichte ihrer Highschool, die in drei Jahren den Abschluss schaffte statt in vier – fuhr sie höchstens 65 Tage im Jahr Ski. Jedes Wochenende fuhr sie mit Yan nach Tahoe; während der vierstündigen Fahrt lernte sie im Auto für die Schule. Andere Talente in ihrem Alter brachten es auf 250 Skitage pro Jahr. Die Umstände zwangen sie zu einem beinharten Arbeitseinsatz auf und abseits der Piste. Gleichzeitig führte sie ein ganz normales Teenager-Leben. „Viele meiner Ski-Kolleginnen waren Außenseiter, durften nicht zum Abschlussball gehen und all das. Bei mir war das anders. Niemand wusste, dass ich Ski fahre, und es hat auch niemanden interessiert.“ Außerdem war Gu beim Geländelauf derart schnell, dass sie sich fast dafür statt für das Ski­fahren entschieden hätte – unter anderem weil sie als Läuferin an Colleges aufgenommen werden hätte können.   43


Freestyle-Ski

Aber als ein Ski-Contest in Österreich und ein Rennen für die nationalen Crosslauf-Meisterschaften zur gleichen Zeit stattfanden, kaufte sie ein Last-­ Minute-Ticket nach Europa. Auf die Frage, was Gu von anderen unterscheidet, hört man oft ähnliche Antworten. US-FreestyleSkifahrer Bobby Brown, der acht Medaillen bei den X Games gewann, sagt: „Ich kenne sie, seit sie zehn oder elf war und ihren lila Helm trug. Was sie auf den Rails aufführte, war schon damals verrückt.“ Für Trainer Noto ist am beeindruckendsten, wie hoch Gu bei ihren Tricks in der Pipe springt – bei den X Games waren es im Schnitt 3,35 Meter. Für Freestyle-Kollegin Turski ist es schlicht ihre Vielseitigkeit. Egal wen man fragt: Eileen Gu verfügt schon jetzt über eine gigantische Bandbreite an Fähigkeiten – und immer noch ist jede Menge Potenzial für Ver­ besserungen da. „Noch kann ich nicht sagen, dass sie die erfolgreichste Skifahrerin aller Zeiten wird“, sagt Noto, „aber sie hat alles, was man dazu braucht.“

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„Ich spreche fließend Englisch und Mandarin, somit kann ich beide Kulturen in mich aufnehmen.“ 44

ÜBERFLIEGER

zu wechseln. „Da ich fließend Englisch und Mandarin spreche, hatte ich von klein auf die Möglichkeit, ­Nuancen von beiden Kulturen in mich aufzunehmen“, sagt sie. „Ich kann nicht nur in beiden Sprachen sprechen, ich kann auch in beiden leben.“ Natürlich entspricht das auch dem, was man den „olympischen Geist“ nennt – speziell wenn es darum geht, eine Verbindung zwischen den beiden großen Weltrivalen China und USA zu schaffen. „Ich habe erkannt, welche Auswirkungen Sport auf die Diplomatie haben kann“, sagt sie. „Sport ist etwas Gemeinsames, unabhängig von Sprache, un­ abhängig von Kultur, unabhängig von politischer Zugehörigkeit.“ Vergangenen Sommer reiste Gu für eine Tour ­voller Sponsoring-Verpflichtungen nach China. Die Tournee begann pandemiebedingt mit Quarantäne: fünf Wochen allein in einem Hotelzimmer, mit nicht mehr als einem Laufband, einer Yogamatte und ein paar leichten Gewichten. Gu sah es als Chance, sich auf ihre Fitness und nur auf ihre Fitness zu konzen­ trieren, bei täglichen drei- bis vierstündigen Zoom-

Eine von Gus Stärken ist der Luftstand, den sie, hier in den USA, bei ihren Sprüngen erreicht – im Schnitt über drei Meter.

MATT POWER

hina hat, was den Skisport angeht, überaus ehr­geizige Pläne: Tausend neue Ski-Resorts sind bis zum Jahr 2030 geplant, fünfzig Millionen Skifahrer sollen China zum größten Ski-Markt der Welt machen. „Ich erinnere mich noch an die Anfänge. Ich kannte jede einzelne Person im Snowpark, weil es im ganzen Land gerade zehn oder zwanzig gab“, sagt Gu. „Jetzt ist ein Funpark der trendigste Ort, an dem man sich in China aufhalten kann.“ Das enorme Wachstum der Ski-Branche verläuft parallel zu Gus eigener Entwicklung. Sie ist ein Symbol für den chinesischen Ski-Boom. Dennoch fiel ihr die Entscheidung, für China anzutreten und nicht für die USA, sehr schwer. Also: Warum China? „In den USA bin ich mit all diesen Vorbildern aufgewachsen. So ein Vorbild wollte ich für jemand anderen sein“, sagt sie. Übersetzt: In China, sagt sie, könne sie ein nationales Bewusstsein für Freestyle schaffen und eine neue Generation von Mädchen inspirieren. „Wenn ich in Amerika bin, bin ich Amerikanerin“, wiederholt sie ihr Mantra, „wenn ich in China bin, bin ich Chinesin.“ Gu verfügt über die erstaunliche Fähigkeit, sich unterschiedlichen Umständen nahtlos anzupassen, die Stimmung im Raum intuitiv zu erfassen, selbstverständlich zwischen Sprachen

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MENTAL STARK

Gu beim EquipmentCheck. Die Achtzehnjährige steht oft unter Druck. Aber sie geht extrem souverän ­damit um.

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Meetings mit Trainer Alex Bunt, der sich darauf konzentrierte, an ihrer Explosivität und Sprungkraft zu arbeiten, an ihrer Beweglichkeit und Flexibilität sowie an ihrer Verletzungsresistenz. Sogar tausende Kilometer entfernt war er überwältigt von ihren ­motorischen und athletischen Fähigkeiten. „Ich könnte Eileen sagen, sie soll die Haltung ihrer linken kleinen Zehe korrigieren, und sie würde es gleich schaffen“, sagt er. „Sie ist ein Bewegungsgenie.“ Als Gus geheime größte Stärke sieht Bunt ihre Grundlagenausdauer. „Sie hat einen wirklich großen Tank. Das heißt vor allem, dass sie mit den Schmerzen und Belastungen eines hohen Trainingsvolumens umgehen kann, physisch, aber auch mental. Fünf Wochen allein im Hotelzimmer? Stell dir das vor. Das ist irre. Ein unglaublicher Charakter.“ Nach der Quarantäne reiste Gu alle paar Tage in unterschiedliche Städte. Skifahren, Schule, Klavier und Laufen im Tag unterbringen zu müssen – so wie früher – wirkt jetzt fast wie ein Kinderspiel. „Die vergangenen zwei Jahre waren vom normalen Leben eines Teenagers so weit weg, wie es überhaupt nur weg sein kann“, sagt sie.

„Beim Tagebuchschreiben finde ich heraus, wie mein Verstand funktioniert.“

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kifahren hat Gu bekannt gemacht, nun ist das Modeln dazugekommen, das sie von ­einer Nischen-Berühmtheit in einen Star verwandelt hat. Mit fünfzehn wurde sie von einer chinesischen Marke zur Paris Fashion Week eingeladen; seither war sie mehrfach in den chinesischen Editionen von „Elle“ und „Vogue“ zu sehen, wurde von Luxusmarken wie Tiffany und Louis Vuitton ­gebucht und nahm am Rebranding von Victoria’s ­Secret teil – gemeinsam mit Megan Rapinoe, Valen­ tina Sampaio und Priyanka Chopra Jonas. „Ich stehe für die Verbindung von zwei unterschiedlichen ethnischen Gruppen, für eine Verbindung von Sport und Kunst und für Körperbewusstsein“, sagt sie. Für Gu ist das Modeln sowohl eine Ergänzung zum Skifahren als auch eine Atempause davon. ­„Fashion ist eine kreative Art, der Welt zu zeigen, wer du bist“, sagt sie. „Es ist fast so wie beim Ski­ fahren. Erst wenn du deinen individuellen Style in deine Tricks einbringst, wird es was Besonderes.“ Es gibt nicht nur diese Parallele zwischen Mode und Wettkampf: Ein Fotoshooting erzeugt genauso viel Adrenalin wie ein Run in der Halfpipe – die Konzentration, das Im-Mittelpunkt-Stehen, das ­Streben nach Perfektion. All das klingt, als stünde Gu unter hohem Druck – und der Eindruck stimmt natürlich. Der Druck kommt von Sponsoren, von ihrem Land, von ihr selbst. Aber sie geht souverän damit um. Sie weiß, dass ihr niemand wegnehmen kann, was sie erreicht hat. Sie weiß aber auch, dass sie sehr genau be­ obachtet wird, vor allem in China, und dass sie im Februar noch viel mehr Menschen noch viel genauer beobachten werden. „Aber ich glaube nicht, dass das meine Art, Ski zu fahren, beeinflusst hat“, sagt sie. „Und wenn, dann hat es mich besser gemacht.“ Vielleicht ist es das, was Gu wirklich heraus­ stechen lässt: ihre mentalen Fähigkeiten. Wenn man sie fragt, wie sie das macht, erwähnt sie Mutter und Oma – und ihr Tagebuch. „Damit kann ich zurückblicken und sehen, wie ich gewachsen bin. Mit dem Tagebuch finde ich heraus, wie mein Verstand funktioniert.“ Eines Tages will sie ihre Aufzeichnungen veröffentlichen. Dann könnte man, erste Reihe fußfrei, miterleben, wie ein Star geboren wird. Doch die Geschichte ist noch lange nicht fertig erzählt, meint Kaya Turski. „Ich freue mich nicht nur darauf, zu sehen, was sie im Skisport macht, sondern auch, was sie für den Skisport macht. Wenn in China alles für sie läuft, dann zündet die Rakete.“   45


„Das Tempo meines Körpers zu akzeptieren ist enorm wichtig.“

Andreas Wellinger

Diese Worte sind Gold wert „Ich habe auf mein Herz gehört, und es funktioniert.“ 46

Leon Vockensperger

SNOWBOARD

THE RED BULLETIN

STEFAN HOBMAIER/RED BULL CONTENT POOL,HELGE ROESKE/RED BULL CONTENT POOL, LORENZ RICHARD/RED BULL CONTENT POOL, HANS HERBIG/RED BULL CONTENT POOL

SKISPRINGEN


Wintersport

„Angst um meinen Ruf? Nein! Ich habe nichts zu verlieren.“

Johanna Holzmann

SKI CROSS

Ein Angriff auf die Spitze, ein lang ersehntes Comeback, ein junger Hoffnungsträger und ein kompletter Neustart in einer anderen Disziplin: vier radikal ehrliche Athleten-Gespräche zum Start einer wilden Wintersport-Saison.

„Man will dem anderen zeigen, dass man stärker ist.“ THE RED BULLETIN

Vinzenz Geiger

N O R D I S C H E KO M B I N AT I O N

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Wintersport

„Seniorensport? Auf der Loipe geht’s Mann gegen Mann!“ In der vorigen Saison erreichte der Kombinierer den sensationellen zweiten Platz im Gesamtweltcup. Jetzt zählt er zu den Favoriten auf den Titel.

landete seit seinem ­Debüt im Weltcup 2015 ganze 32 Mal auf dem Podest (Einzel- und Team-Wettbewerbe). Die vorige Saison war seine erfolgreichste: Der Oberstdorfer überraschte mit einem ­sensationellen zweiten Platz im Gesamtweltcup hinter dem Norweger Jarl Magnus Riiber.

NORDISCHE KOMBINATION Der Begriff Kombination bezieht sich auf zwei Disziplinen: Skispringen und Langlaufen. Beim Springen erhalten die Athleten Punkte für ­jeden Meter. Diese ­werden in Zeitabstände umgerechnet, mit ­denen die Sportler ­anschließend in den 10-Kilometer-Langlauf starten.

THE RED BULLETIN: Von einer 100-MeterSchanze springen oder langlaufen, bis die Beine brennen. Was macht mehr Spaß? Vinzenz Geiger: Mir macht beides Spaß. Wenn es im Springen nicht läuft, kann das ziemlich frustrierend sein. Dafür musst du beim Langlaufen auch bei schlechtem ­Wetter raus (lacht). Was muss ein Athlet bei der Nordischen Kombination mitbringen, um so erfolgreich zu sein wie du? Man muss aus beiden Disziplinen, dem Skispringen und dem Langlaufen, das Beste herausholen. Dafür braucht man eine gute Ausdauer, Koordination und Spritzigkeit. Die meisten in deinem Alter halten Langlaufen eher für einen Seniorensport. ­Worin liegt der Reiz für dich? Als Kind habe ich es auch nicht gemocht (lacht). Aber eigentlich ist Langlaufen ­genial. Es ist eine der härtesten Sportarten, für die du Kraft, Technik und Ausdauer brauchst. Und ich mag die Mann-gegenMann-Situationen. Zehn Kilometer, auf denen es voll zur Sache geht. Da muss man schon ordentlich leiden und denkt sich: ­Wieso mach ich das?

Und? Wieso machst du das? Ich will meinen Konkurrenten schlagen. Man will dem anderen zeigen, dass man der Stärkere ist. Du bist letztes Jahr Zweiter im Weltcup geworden. Zählst du dich diese Saison zu den Favoriten? Klar – es wäre ja komisch, wenn man als Zweiter im Gesamtweltcup nicht zu den Favoriten gehörte. Spürst du Druck? Nein. Aber wenn man so eine gute Vorsaison hatte, will man das natürlich wiederholen. Ein Erfolgsrezept von dir ist deine ­Gelassenheit. Wie bleibst du so cool? Ich nehme nicht alles so ernst wie andere. Es ist ja nur ein Sport. Worüber kannst du dich aufregen? Wenn Schleicher auf der Autobahn die linke Spur blockieren (lacht).

Nordische Kombination, Teil 2: Vinzenz Geiger beim Langlaufen in Oberstdorf. Im Training laufen die Sportler zum Teil 50 Kilometer.

Nordische Kombination, Teil 1: Vinzenz Geiger beim Skisprung-Training in Oberstdorf 2020

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HANS HERBIG/RED BULL CONTENT POOL (2), DOMINIK BERCHTOLD/RED BULL CONTENT POOL

VINZENZ GEIGER, 24


„Meine Mama fand ­Ski Cross zuerst gar nicht cool“ Im Telemark hat die Allgäuerin alles gewonnen. Nun will sie in einer zweiten Disziplin voll angreifen: im Ski Cross.

JOHANNA HOLZMANN, 26 musste als Kind wegen Knieproblemen von Ski Alpin zu Telemark wechseln. Dort gewann sie 2018 den Gesamtweltcup und zwölf Mal Gold bei Junioren-Weltmeisterschaften. In dieser Saison wechselt sie w ­ ieder in eine andere Disziplin: zum Ski Cross.

HELGE ROESKE/RED BULL CONTENT POOL, RICHARD WALCH/RED BULL CONTENT POOL

SKI CROSS ist eine noch junge Wintersport-Disziplin. Der erste Weltcup fand erst 1998 statt. Dabei brettern vier Fahrer oder Fahrerinnen auf Ski gleichzeitig einen Kurs hinunter, der mit größeren und kleineren Kickern gespickt ist. Die ersten zwei, die im Ziel ankommen, qualifizieren sich für die nächste Runde.

Johanna Holzmann (Mitte) beim Mannschaftstraining am Pitztaler Gletscher in Österreich

THE RED BULLETIN: Du willst dich jetzt auf völlig neues Terrain begeben. Warum? Johanna Holzmann: Das erste Mal kam mir der Gedanke im vorigen Winter, als ich wegen der Corona-Situation viel Zeit hatte. Normalerweise betreibe ich dann Alpin-­Skifahren. Das war aber nicht möglich, weil die Lifte für Privatpersonen nicht offen waren. Deshalb habe ich mich den Ski-­Crossern angeschlossen. Das hat mir viel Spaß gemacht (lacht).

Beim Ski Cross ist der komplette Schuh fest in der Bindung, beim Telemark ist die Ferse hinten frei. Wie hast du dich auf die Umstellung vorbereitet? Im April habe ich mich mit den Trainern zusammengesetzt und einen Plan aus­ gearbeitet, wie das Ganze klappen könnte. Dann ging es los mit viel Krafttraining. Im Sommer bin ich dann auf den Gletscher und in die Skihalle, um mich an das neue Material zu gewöhnen.

Was reizt dich daran? Es ist eine neue Disziplin und eine neue Challenge. Da kann ich noch eine Menge lernen.

Worauf kommt es bei Ski Cross an? Auf Selbstvertrauen. Man darf nicht zurück­ ziehen, wenn man auf größere Sprünge zufährt – erst recht nicht, wenn rechts und links neben dir einer fährt.

Hast du keine Angst, zu verlieren und ­deinen Ruf zu ruinieren? Nein, überhaupt nicht. Ich komme als Newcomerin in diese Sportart und habe nichts zu verlieren. Ist der Umstieg von Telemark auf Ski Cross schwierig? Ich habe schon als Kind viele Wintersport­ arten ausgeübt, das ist auf jeden Fall ein Vorteil. Und was das Wettkampfformat angeht, profitiere ich von meinen Erfahrungen beim Telemark. Der größte Unterschied ist auf jeden Fall das Bindungssystem.

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Ski Cross gilt als eine der gefährlichsten Disziplinen. Wie hat dein Umfeld auf den Wechsel reagiert? Meine Mama fand’s zuerst nicht so cool. Aber als wir darüber gesprochen haben, war sie dann beruhigt. Ich hatte schon genug­Verletzungen. Die Gesundheit ist mein o ­ berstes Ziel. Und das Kniegelenk macht heute keine Probleme mehr? Nein. Mittlerweile sind beide Kniegelenke durch je eine Operation stabilisiert.   49


„Snowboarder können mehr Spaß haben als andere Athleten“ Vor neun Jahren sagten sie ihm, er sei zu schlecht. Heute ist der Bayer einer der besten Snow­boarder Deutschlands.

stand schon als Drei­ jähriger auf dem Snowboard. Im Januar 2021 ­erreichte er beim Slopestyle-Finale im Schweizer Laax den zweiten Rang. Es war bei den Herren der erste Podestplatz eines Deutschen in dieser ­Disziplin überhaupt.

SNOWBOARD FREESTYLE Diese Sportart kennt drei Disziplinen: Beim Big Air springen die Cracks über eine Rampe und zeigen ihre besten Tricks. Beim Slopestyle müssen sie einen Hinder­ nisparcours bewältigen, und in der Halfpipe-­ Kategorie fahren und springen sie möglichst trickreich durch eine nach oben offene Schneeröhre.

Ist es also wahr, dass Snowboarder die coolsten Sportler von allen sind? Nicht cooler, aber Kraft spielt bei uns nur eine Nebenrolle. Deshalb können wir es uns erlauben, ein bisschen mehr Spaß zu haben. Ich gehe sehr bewusst mit mir um, aber ich kann auch mal feiern bis in die Puppen. Wenn ein Leichtathlet Alkohol trinkt, dann ist er nicht mehr konkurrenzfähig.

Wie übst du deine Tricks? Früher habe ich mir einfach gedacht: Probieren wir es mal. Das war nicht das beste Risikomanagement. Heute baue ich meine Tricks nach und nach auf und versuche mich Umdrehung für Umdrehung hochzuarbeiten. Wenn der 1080 im Schlaf funktioniert, dann probiere ich den 1260 – und muss nur noch einen 180 dranhängen.

Wann hast du gemerkt, dass du das Zeug hast, mit den Besten mitzuhalten? Eigentlich erst jetzt. Selbst nach der vorigen Saison hatte ich noch den Gedanken: was, wenn das nur ein One-Hit-Wonder war? Deswegen war der erste Wettkampf in dieser Saison so wichtig für mich.

Welchen Trick würdest du gerne mal ­landen können? Einen Cap Triple 18. Das sind 1800 Grad, also eine fünffache Drehung. Der Trick ist bis jetzt erst ganz wenigen Sportlern geglückt. Dein Vater war früher selbst ein SpitzenSnowboarder. Hast du überhaupt je dar­ über nachgedacht, lieber Ski zu fahren? Nein, nie. Profi wollte ich zwar immer schon werden, aber dass ich es auch schaffe, war nicht immer klar. Als ich dreizehn war, hat mein Trainer mir gesagt, dass ich zu alt und zu schlecht sei. Erster Gedanke: alles fürn Arsch. Aber ich hatte ein gutes Umfeld, das mir Hoffnung gegeben hat. Ich habe außerdem gelernt: Oft wirken Ziele weiter weg, als sie eigentlich sind. Man muss nur einen Schritt nach dem anderen machen. Anfang 2021 gelang dir bei einem Weltcup­ bewerb der erste Podestplatz eines deutschen Slopestyle-Fahrers überhaupt. Wie feierst du solche Erfolge? Mit guten Leuten, viel tanzen und ab und zu ein paar Drinks. Ich trainiere hart, aber ich will mein Leben auch genießen. Deshalb bin ich Snowboarder geworden und nicht Leichtathlet.

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Worauf freust du dich in dieser Saison am meisten? Darauf, für den Weltcup nach Kanada und in die USA zu fliegen. Wann fängt der Winter für dich an? Wenn ich das erste Mal wieder richtigen Schnee unter den Füßen habe. Ende August gehe ich zum ersten Mal snowboarden. Und die Saison ist vorbei, wenn ich zum ersten Mal wieder surfen gehe.

Leon Vockensperger beim Posen auf der Rail in Saas-Fee in der Schweiz 2021 THE RED BULLETIN

LORENZ RICHARD/RED BULL CONTENT POOL

LEON VOCKENS­ PERGER, 22

THE RED BULLETIN: Du fährst Big Air und Slopestyle. Welche Disziplin ist dir lieber? Leon Vockensperger: Slopestyle, da ist jeder Parcours anders. Ich habe keinen Bock, jeden Tag vor demselben zu stehen. Ich bin froh, dass ich nicht darauf gehört habe, dass ich in anderen Disziplinen höhere Chancen auf Erfolg hätte. Ich habe stattdessen auf mein Herz gehört, und es funktioniert.


Wintersport Höhenflug: Andreas ­Wellinger bei der ­Qualifikation für die Vierschanzentournee in Garmisch 2020

ANDREAS WELLINGER, 26 gab mit 17 sein Debüt im Weltcup. 2016 bei der Skiflug-WM und 2017 bei der Nordischen Ski-WM gewann er jeweils Silber. Wegen schwerer Ver­ letzungen ab 2019 konnte er über ein Jahr keine Wettkämpfe bestreiten.

STEFAN HOBMAIER/RED BULL CONTENT POOL, GETTY IMAGES

SKISPRINGEN Nichts für Menschen mit Höhenangst: Auf ­einer fast 150 Meter ­hohen Schanze nehmen Skispringer mit etwa 90 km/h Anlauf, um nach dem Absprung bis zu 130 Meter weit zu segeln. Punktrichter vergeben eine Gesamtpunktzahl, die sich aus der erzielten Weite und Haltungsnoten ergibt.

„Ich trug die Mütze meines Sport-Idols beim Schlafen“ Nach langer Leidenszeit will sich der Skiflug-Vizeweltmeister von 2016 jetzt endlich wieder zurückmelden. THE RED BULLETIN: Wie kamst du zum Skispringen? Andreas Wellinger: Anfangs hab ich mich als Kombinierer versucht, war aber immer schon der bessere Skispringer. Also habe ich mich 2011 aufs Springen konzentriert. Mit 17 Jahren bin ich das erste Mal im Weltcup gesprungen. Wer waren deine Jugend-Idole? 2005 hat mir der Kombinierer Bernhard Gruber seine Mütze geschenkt, mit der habe ich als Kind lange Zeit geschlafen. In meiner Anfangszeit als Skispringer hat mich auch mein Teamkollege Severin Freund extrem inspiriert. Hinter dir liegen turbulente Jahre. Was war dein Tiefpunkt? Nach einer MRT im Jahr 2019, als der ­Doktor mit Blick auf das Bild sagte, dass neben dem gerissenen Kreuzband auch der Knorpel kaputt ist und der ein viel

THE RED BULLETIN

­ rößeres Problem sei. Ein Kreuzbandriss g dauert u ­ ngefähr sechs Monate, bis man ­wieder antreten kann – und der interessierte den Arzt nicht mal … Haben dich diese herben Rückschläge verändert? Ich musste 2020 anerkennen, dass ich noch nicht die Performance liefern kann, um ganz oben mitzumischen. Das Tempo des ­eigenen Körpers zu akzeptieren ist ein enorm wichtiger Schritt. Du hast dich mit einem fünften Platz beim Sommer-Grand-Prix in Hinzenbach an der Spitze zurückgemeldet. Genau dort, wo du dich 2019 so schwer verletzt hattest. Wie hat sich das angefühlt? Extrem gut! Jetzt gilt es, diese Leistung auf Eis zu bringen. Bei meinen ersten Trainingssprüngen in Hinzenbach im Juli saß ich oben am Balken und hatte die Bilder vom Sturz noch mal vor Augen. Aber nach ein paar Sprüngen waren die alten Daten überschrieben, und ich hatte das aus dem Kopf. Welche Ziele hast du für dieses Jahr? In der vorigen Saison waren auf meinem Konto null Weltcuppunkte. Das gilt es zu überbieten (lacht).   51


AVANTGARDE

Designerin Flora ­Miranda, 31, in ihrem Modell ­„Avatar“. Das Gitter dieser Kreation aus Merinowolle lässt sich auf Wunsch verändern.


Fashion Für ihre Kreationen schreibt die österreichische Designerin FLORA MIRANDA Computer-Codes, lässt Kleider aus Silikon wachsen und malt Kunst auf Netze. Hier erzählt die Visionärin, warum wir bald alle ScienceFiction auf der Haut tragen. Text WOLFGANG WIESER Fotos NORMAN KONRAD

ICH HABE DIE

ZUKUNFT DER MODE GESEHEN

ERINNERUNG

Auf diesem Bild trägt Flora das Kleid „Memory“ aus der Kollektion „Hyper­­real“. Es ist aus schwarzem Baum­woll­ satin geschneidert. Das mit Silikon be­strichene Netzmaterial ist schleier­ artig eingearbeitet.

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NETZWERK

Flora Miranda bemalt Netze mit Silikon­ farbe. „Diese Technik habe ich selbst ent­ wickelt“, sagt sie.


Fashion

Prolog

P

Flora Miranda macht einen Schritt zurück. Noch einen. Sie braucht Distanz, um sich näherzukommen. Sie be­ trachtet das feinmaschige Netz, das in ihrem Atelier hängt. Zweieinhalb Meter ist es hoch, eineinhalb breit. Jetzt neigt sie den Kopf leicht nach links, tritt wieder näher. Mit einer Spachtel streicht sie über die Fläche, trägt mit Farbe vermischtes Silikon auf. „Diese Technik habe ich selbst entwickelt“, sagt Flora. Flora Miranda ist Modedesignerin von Beruf, aber ­eigentlich ist sie Visionärin, zu Hause an der Schnitt­ stelle von Mode und Kunst. Sie ist 1990 in Salzburg in eine Künstlerfamilie geboren worden, lebt aber jetzt im ­belgischen Antwerpen. 2016 wurde sie bei den Austrian Fashion Awards von einer internationalen Jury mit dem „Outstandig Artist Award“ ausgezeichnet: „Sie ­erschafft“, befand die Jury, „eine gänzlich neue, vom Experiment mit Materialien, Produktionstechniken und Verfahren inspirierte Mode-Utopie.“ Ihr Zugang sei eine Art interdisziplinäre künstleri­ sche Grundlagenforschung für die Zukunft der Mode: „So bringt sie eine gänzlich neue Ästhetik mit über­ raschender visueller Wirkung hervor, die in der vom ­Zitat dominierten Modewelt eine originäre, eigen­ ständige Position einnimmt.“ Das Silikon tropft für einige Stunden. Alles fließt. Sackt ein paar Zentimeter nach unten, findet seinen Weg auf dem Netz, „ziemlich unkontrolliert“, sagt die Künstlerin. Jetzt spachtelt sie ihr Gesicht, ein Selbst­

porträt. Sie sieht ernst aus. Noch aber ist sie nicht fertig. „Den Mund musste ich dreimal malen. Weil alles fließt, war er anfangs zehn Zentimeter unterhalb der Stelle, an der er eigentlich sein sollte.“ Die Arbeit an dem Bild streamt Flora über Instagram. „Es ist ein Ausdruck dieser Zeit, in der man mit sich selbst konfrontiert ist wie niemals zuvor. Man sieht nur sich selbst, gleichzeitig ist es eine Erinnerung an die Außenwelt.“ Wochen später postet Flora ein Bild aus der arabi­ schen Ausgabe der Modezeitschrift „Harper’s Bazaar“. Ihr Selbstporträt ist dort Teil einer sonnenuntergangs­ orangen Fashion-Inszenierung, und Flora sieht darauf aus wie eine selbstbewusste Fee aus einem futuristi­ schen Märchen. Außerdem vereint das Bild alles, was der 31-jährigen Designerin für ihre Arbeit wichtig ist: Mode und Kunst, Vergangenheit und Zukunft, Kontinuität und Verände­ rung – vor allem Veränderung oder präziser: Transfor­ mation, Verwandlung. Wobei jeder dieser Begriffe die anderen braucht, weil sie alle Floras Welt ausmachen. Oder wie sie selbst sagt: „Meine Kleider sind die Samm­ lung meiner Gedanken.“ Hier erzählt sie selbst ihre Geschichte; erklärt, war­ um sie sich intensiv mit Programmieren beschäftigt, und teilt eine Mode-Vision, die dermaßen Science-­ Fiction zu sein scheint, dass man sie erst mit einem ­ungläubigen Lächeln vernimmt, bevor man sich fas­ ziniert in Floras Fantasien wiederfindet.

Kapitel 1: Jeder ist ein Alien

„Ich habe schon mit vier Jahren bei Ausstellungen ge­ holfen, Keilrahmen für Bilder zusammenzuhämmern. Später bin ich mit meinem Vater zu Künstlerresidenzen (Plätze für kreatives Arbeiten; Anm.) gereist. Wir haben dort gemeinsam viel Zeit verbracht. Aufgewachsen bin ich in Salzburg – in einer Familie, in der Kunst ganz wichtig ist. Ich bin sehr froh über diesen Reichtum, den ich da mitbekommen habe. Mein Vater (Wolfgang Seierl; Anm.) hat Gitarre und Malerei studiert und organisiert seit Jahren das Kom­ ponistInnenforum Mittersill – ein Festival, das dem Komponisten Anton Webern gewidmet ist. Als Kind habe ich dort Kabel getragen, als Jugendliche das Essen

„Meine Kleider sind die Sammlung meiner Gedanken.“ THE RED BULLETIN

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Fashion

PRESS RESET

„Ich stecke mein gesamtes Geld in meine Mode-Kreationen.“ serviert. Erst später bin ich draufgekommen, welch wichtige Künstler da oft anwesend waren. Wahrschein­ lich fällt es mir deshalb noch heute leicht, mit Menschen „aus der Kunst“ zu arbeiten. Zu der Zeit bin ich schon ins Musische Gymnasium gegangen. Da gab es Zwölf­ jährige, die am Mozarteum studiert haben. Ich habe ge­ malt, ich war ­begabt, und ich wurde gefördert. Jeder von uns Schülerinnen und Schülern war ein Charakter. Die Kreativität hat uns einander aber nicht näher­ gebracht. Man fühlt sich trotzdem wie ein Alien, wenn man nicht die Dinge tut, die Zwölfjährige normaler­ weise machen. Ich bin immer noch sehr kontrolliert, aber ich ver­ suche, das aufzubrechen. Man wird in diesem künst­ lerischen Bereich zum Individualisten geformt. Das ist etwas, wo ich gemerkt habe, dass es nicht in jeder Situa­ tion guttut. Um gemein­sam mit anderen Leuten zu ar­ beiten, ist es notwendig, sich einzugliedern. Beides ist wichtig für mich. Aber es ist eine Herausforderung, zu erkennen, dass man nicht immer der sein muss, der speziell ist. 56

So heißt die Debüt-Kollektion von Flora Miranda aus dem Jahr 2016 – hier der Hosenanzug „Delete Yourself“ und das Kleid „Spectral“, beides aus Silikon.

Heute besteht mein Alltag nur daraus, mit Menschen zu arbeiten, deswegen ist diese Fähigkeit für mich ganz entscheidend. Der Individualismus ist wichtig, um ein stilistisches Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln und sich so von anderen Designern weltweit abzuheben. Es ist andererseits aber schon auch wichtig, dass man das weiß, dass am Ende das Zusammensein am schönsten ist. Ich mag in meiner Art eigen sein. Aber ich bin sehr gerne mit Menschen zusammen.“ Flora Miranda geht zum Studium nach Antwerpen, ­Belgien. Die Königliche Akademie der schönen Künste gilt als Avantgarde-Hochburg. Deren bekannteste Absol­ venten sind die „Antwerp Six“, allesamt weltberühmte ­Modedesigner: Dries van Noten, Ann Demeulemeester, Walter van Beirendonck, Dirk Bikkembergs, Marina Yee und Dirk van Saene. Aber auch Martin Margiela, Haider Ackermann und Kris Van Assche haben hier studiert. Nach ihrem Abschluss arbeitet Flora für die nieder­ ländische Designerin Iris van Herpen, später gründet sie ihr eigenes Label. THE RED BULLETIN


KREATIVER KOPF

Flora Miranda mit Selbstporträt „Memories“: daheim zwischen Mode und Kunst

„ Ich bin immer noch sehr kontrolliert, aber ich versuche, das aufzubrechen.“


„Kunst regt dich an, dein Leben zu hinterfragen.“

HEISSER STOFF

Flora experimentiert gern mit Materialien (hier: ein Silikonkleid), was ihren Entwürfen anziehende Sinnlichkeit verleiht.

Kapitel 2: Ins Extrem gehen

„Für mich hat die Kunst eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. Ihre Aufgabe ist es, Freiräume zu schaffen, wo unsere Realität reflektiert wird. Wo man Zeit hat, zu schauen, zu denken und seine eigenen Ansichten zu entwickeln. Dafür darf der Künstler ins Extrem gehen, das Gewohnte reizen, damit er mir die Gelegenheit gibt, mein Leben zu hinterfragen. Ich möchte solch einen Raum in der Mode schaffen. Natürlich nicht immer. Mode kann auch sehr angewandt sein, also einfach nur die Haut schützen. Es kommt ­immer darauf an, wofür sie gedacht ist. Ich verfolge ­verschiedene Richtungen. Einerseits will ich eben Freiräume schaffen, und da denke ich schon, dass meine ­Kreationen der Kunst nahe sind. Andererseits habe ich auch Stücke, die einfach tragbar sind. Für spezielle Gelegenheiten schlüpfe ich auch in Couture-Stücke, nur meine skulpturalen Stücke trage ich eher nicht, ich bin ja keine Performance-Künstlerin. Ich trage übrigens sehr viel Kleidung, die mir gegeben 58

wurde. Wenn anderen Leuten ihre Kleidung nicht mehr passt, finde ich es gut, sie zu tragen. Mein Fokus liegt woanders. Ich stecke mein gesamtes Geld in meine Krea­ tionen. Mein Label habe ich gegründet, weil ich erkannt habe, dass kaum jemand für die Avantgarde der Mode steht. Deshalb habe ich auch in Antwerpen studiert, weil ich mit meinem künstlerischen Hintergrund die Kreativität in der Mode hochhalten wollte. Ich arbeite sehr eklektisch, ich habe nicht diese eine Arbeitsweise. Ausgangspunkt ist bei meinen Kreationen immer ein Thema, ein Konzept. Das hat immer mit dem digitalen Dasein des Menschen zu tun, gepaart mit ­Materialstudien. Ich habe ständig Ideen, um die herum sich Menschen, Bücher, Musik, visuelle Formen akkumulieren, bis sie so etwas wie eine Traube bilden – und auf einmal ist ein Thema bereit, umgesetzt zu werden.“ Das Ergebnis sind Kleider, die oft wie Skulpturen wirken. Kreationen, die aus langwieriger Denkarbeit entstehen, aus der Beschäftigung mit Mathematik und i­ hrer Übersetzung in Computer-Codes. Sie sind aber ­keineswegs ein ausschließlich intellektuelles Vergnügen, im Gegenteil: Viele ihrer Arbeiten bergen eine anziehende Sinnlichkeit. Flora Miranda zeigt sie seit 2018 bei den Haute-­ Couture-Schauen in Paris, manche haben den Weg in Museen gefunden, internationale Künstler-Stylisten (etwa von Lady Gaga, Miley Cyrus, Sita Abellan, M.I.A.) lieben ihre aufregenden Looks.

Kapitel 3: Wer programmieren kann, gewinnt Freiheit

„Ich bin insgesamt eher chaotisch, deshalb versuche ich, strukturiert zu arbeiten. Ich fange jeden Tag spätestens um neun Uhr an. Ich arbeite den Großteil meines Lebens. Erst während des Lockdowns habe ich herausgefunden, dass ich auch etwas anderes kann als arbeiten. Vorher gab es in meinem Hirn nicht die Möglichkeit, etwas ­anderes zu tun. Schon seit vielen Jahren frage ich mich, wo sich ­unsere Gesellschaft hinbewegt mit all dem Produzieren, Analysieren und dem Nutzen von Daten. Und ich finde, um kreativ damit umzugehen, muss man die Sprache, mit der diese Daten gemanagt werden, beherrschen. Ich fühle mich machtlos, wenn ich nicht programmieren kann. Indem man programmiert, gewinnt man THE RED BULLETIN


Fashion

MUSEUMSREIF

Flora im Modemuseum Hasselt, Belgien. Sie trägt ihre Kreation „Memory“ und hält das Kleid „Radiation“ im Arm. Im Hinter­ grund: Museumsstücke anderer Designer

MAKE-UP: LAURA NOBEN

„Mich fasziniert der Gedanke, dass etwas fluide ist, dass ich ein Kleidungsstück morphen kann.“ Freiheit. Ich bin deshalb auch an Datenvisualisierung interessiert, weil ich mir gerne vorstelle, dass der Körper aus Daten besteht. Es erweitert die Fantasie, das Im­ materielle ist etwas, was den Menschen auf viele A ­ rten fasziniert. Wir sehnen uns danach, die Last des Körpers hinter uns zu lassen. Der Gedanke ist nichts Neues, das hat nichts mit Spi­ ritualität zu tun, sondern mit Wissenschaft. Mich inter­ essiert, was man mit den Daten anfangen kann. Meine ‚IT Pieces‘ sind ein erster großer Schritt. Das hat nichts mit It-Girls zu tun, sondern steht für Information Technology. Es sind veränderbare Kleidungs­stücke, die auf persönliche Daten reagieren. Konkretes Beispiel: Ich könnte beispielsweise diesen Text analysieren und aus den Gefühlen, die darin vor­ kommen, aus Tausenden von Liedern eine Songzeile für ein T-Shirt destillieren. Meine Kreation ‚Avatar‘, die es als Pullover, als Kleid und als Abendkleid gibt, ist von den Avataren in ‚Second Life‘ (einer virtuellen Welt, in der echte Menschen als THE RED BULLETIN

künstliche Figuren auftreten; Anm.) inspiriert. In meinem Online-Shop lässt sich das Design, eine Gitterstruktur, verändern. Diese veränderte Gitterstruktur wiederum lässt den Körper anders aussehen – üppiger oder weniger kurvig, ganz nach Belieben. Ich habe eine ganz bestimmte Idee von der Zukunft der Mode. Meine Vision ist, dass sich datengetriebene Kleidungsstücke abhängig von Trägerin und Träger ­ändern und dass es auch am Betrachter liegt, was er zu ­sehen bekommt. Mich fasziniert, wenn etwas fluide ist – dass ich ein Kleidungsstück morphen, es also fließend verändern kann. Ich glaube, dass die digitale Welt uns diesen Wunsch erfüllen kann.“

Epilog

Frage: Wirst du das noch erleben? „Das kommt darauf an, wie hart ich arbeite.“ Mehr Flora Miranda in allen Lagen auf Instagram: @floramirandaofficial oder auf ihrer Webseite: floramiranda.com

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Rallye Dakar


„ Der Beifahrer hat immer das Sagen“

ARIEL WOJCIECHOWSKI/RED BULL CONTENT POOL

Der Deutsche Co-Pilot DENNIS ZENZ, 31, will die Rallye Dakar mit Seth Quintero, 19, gewinnen – dem jüngsten Fahrer im Feld. Ein Gespräch über die Psychologie im Auto, gemeinsames Weinen und Teamwork bei 180 km/h. Text WERNER JESSNER

ARBEITSPLATZ WÜSTE

Der Side-by-Side-Buggy von Seth Quintero und Co-Pilot Dennis Zenz in Marokko

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Rallye Dakar

N

ovember 2021, eine Lagerhalle in Dubai. Dieser Tage wird hier allerdings nicht gelagert, sondern geschraubt. Die Crew des Red Bull Offroad Junior Teams bereitet Side-by-Side-Rennwagen (eine Art Dünen-­ Buggy; Anm.) für die Piloten Cristina ­Gutiérrez und Seth Quintero vor, Letzterer ist der jüngste Etappensieger in der Geschichte der Rallye Dakar. 2002 in ­Kalifornien geboren, verbrachte der USBoy nahezu sein ganzes Leben auf vier Rädern in der Wüste. Im Alter von zehn Jahren fuhr er sein erstes Rennen, mit elf war er Junioren-Weltmeister. Mit sechzehn hatte er so gut wie alles gewonnen, was es im amerikanischen Offroad-Sport zu gewinnen gibt. Ab diesem Moment gab es nur noch eine Steigerung: die ­Dakar, die härteste Rallye der Welt, ausgetragen in Saudi-Arabien. Gleich bei seinem ersten Start im Januar 2021 gewann der Teenager zwei Etappen und verpasste den Gesamtsieg nur wegen eines Getriebeschadens. An der Seite von Seth sitzt einer, der dafür zuständig ist, den Jungstar behutsam zu lenken, einzubremsen oder anzutreiben: der Deutsche Dennis Zenz. Er hat 16 Jahre Erfahrung als Beifahrer. Die Stimmung während unseres Interviews ist blendend – was auch daran liegt, dass Wirbelwind Seth durch die Halle tobt und im Hintergrund allerhand Schabernack treibt. „So ist er“, sagt Dennis grinsend, bevor wir das Gespräch beginnen. 62

THE RED BULLETIN: Die meisten Motorsportler wollen hinters Lenkrad. Warum bist du Beifahrer geworden? dennis zenz: Ich habe mit acht Jahren begonnen, Kartrennen zu fahren. Ich komme aus keinem reichen Elternhaus. Meine Eltern haben getan, was ihnen möglich war, aber für eine Profi-Karriere hätte es nie gereicht. Ein Freund betrieb neben einem Formel- auch ein RallyeTeam. Er hat mich mit dreizehn auf den Beifahrersitz gesetzt, damit ich lernen konnte – um mit achtzehn dann nicht von null starten zu müssen, falls ich es selbst als Fahrer probieren wollte. Mit fünfzehn darf man in Deutschland ganz offiziell Rallye-Beifahrer sein. Das habe ich gemacht, und weil es von Anfang an gut geklappt hat, bin ich dabei geblieben. Ab wann konntest du vom BeifahrerSein leben? Ende 2015 habe ich mich selbständig gemacht. Zuvor habe ich meine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker abgeschlossen, um Kompetenz ins Auto mitzubringen. Meine Lehrer haben mich damals an­ gefleht, doch das Abi zu machen, aber ich wollte die Technik der Rennautos verstehen. Heute würde ich Abi und Studium durchziehen, aber ich war damals so beseelt vom Sport, dass nur die Lehre in Frage kam. Ich hatte immer einen Plan, von dem ich mich nie abbringen ließ.

Sieht man deine Karriere-Statistik an, fällt auf, dass du selten mit CrashPiloten unterwegs warst, eventuell mit Ausnahme der Saison 2017 in der deutschen Rallye-Meisterschaft. Zufall? In der Tat sehe ich den Job des Beifahrers­ auch als den eines Psychologen. Ich kann einem Fahrer aggressiv vorlesen und ihn anstacheln oder aber ihn beruhigen. Die Zwischentöne zu erspüren, das ist Erfahrungssache; und etwas, was gutes Teamwork ausmacht. Vermutlich ist es auch das, was mich die letzten fünfzehn, sechzehn Jahre hat weitestgehend unfallfrei überstehen lassen. Suchst du dir deine Fahrer danach aus, wie gut sie sich lenken lassen? Nein, in der Regel wird man zusammengesetzt und baut danach eine Beziehung zueinander auf. So war es auch mit Seth. Man verbringt viel Zeit gemeinsam und lernt einander kennen. So lernt man Stärken wie Schwächen kennen und weiß, wie man miteinander umgeht und wo man den Partner piksen muss.

„Unsere Rollen im Auto: Links lenkt, rechts denkt.“

Vorbereitung auf die Rallye Marokko: Pilot Seth Quintero (im Auto) und Co-Pilot Dennis Zenz THE RED BULLETIN


„Ein Beifahrer ist immer auch Psycho­ loge, der seinen Fahrer anstachelt oder bremst.“ Im Rallye-Auto hast du sogenannte Pace-Notes, in denen jede Kurve auf der Strecke präzise vermerkt ist. Diese Pace-Notes erstellst du selbst, indem du die Strecke mit deinem Fahrer vorher ­abfährst. Auf der Dakar bekommt du 15 Minuten vor dem Start eine grobe Orientierung. Da kann durchaus auch mal drinstehen: „20 Kilometer geradeaus“. Wie geradeaus „geradeaus“ dann wirklich ist, kannst du dir vor Ort mit dem Kompass überlegen. Hier hat mir Dirk Tricks und Kniffe beigebracht, wie man das in der Praxis umsetzt.

GUTER GUIDE

ARIEL WOJCIECHOWSKI/RED BULL CONTENT POOL, MARCIN KIN/RED BULLL CONTENT POOL

Dennis Zenz, Jahr­gang 1990, steht 2022 am Start seiner erst zweiten Rallye Dakar – und ge­hört doch schon zu den Favoriten.

Das heißt, du bist derjenige mit der Kontrolle im Auto? Der Beifahrer hat immer das Sagen. ­Idealerweise konzentriert sich der Fahrer nur aufs Fahren, um alles andere kümmere ich mich. Links lenkt, rechts denkt. Gilt das in jedem Fall? Du bist ja zum Beispiel auch mit der deutschen RallyeLegende Armin Schwarz gefahren, und dem muss man in diesem Sport ja wirklich nichts mehr erklären. Stimmt genau! Mit Armin habe ich seit 2016 zusammengearbeitet, da durfte ich viel lernen. In Stress-Situationen denke ich noch heute an ihn: wie er cool und auf das Wesentliche fokussiert bleibt. Aber auch er hat seine heißblütigen Momente. Sobald er den Helm aufhat, wird er zum Rennfahrer, für den es nur Vollgas gibt. THE RED BULLETIN

Gerade auf der Rallye Dakar hat Deutschland eine schöne Tradition erfolgreicher Beifahrer von Siegern, von Dirk von Zitzewitz über Timo ­Gottschalk bis zu dir. Gibt es da ein geheimes Netzwerk? Mein erster Kontakt war tatsächlich Dirk. Bis voriges Jahr hatte ich keine Berührungspunkte mit der Dakar oder dem Rallye-Raid-Sport (Offroad-Langstreckenrennen; Anm.) generell. Er hat mich als Mentor an der Hand genommen und mir erklärt, worauf es ankommt. Er wohnt hinter Hamburg, da haben wir ein Sideby-Side-Buggy geschnappt, und ich habe von ihm in der Praxis gelernt. Kannst du erklären, wie sich die Arbeit eines Beifahrers auf der Dakar von ­jener im Rallye-Auto unterscheidet?

Wie schaltet man um zwischen 180 km/h im Wald auf präzise Orientierung zwischen Geröllbrocken und in Dünenfeldern? Der Umstieg vom Rallye- ins Dakar-Auto ist leichter, weil die Geschwindigkeit geringer ist. In der anderen Richtung braucht es ein paar Kilometer, um sich an den Speed zu gewöhnen. Du bist 2021 deine erste Dakar gefahren. Wie viel Erfahrung mit Navigation im offenen Gelände hattest du? Null. Wie „null“? Die Rallye Dakar 2021 war mein zweiter Rallye Raid überhaupt. Und da wir in der Vorbereitung technische Probleme hatten, war mein tatsächlicher Erfahrungsschatz minimal. Ende September kam der Anruf mit der Anfrage, eine Woche später saß ich mit Seth im Auto und fuhr meinen ersten Rallye Raid in Andalusien. Danach kam schon die Dakar. Ich wusste nicht, wie Dünen aussehen, ich kannte die Organisation nicht, und ich musste erst lernen, wie die ganzen Instrumente funktionieren. Und trotzdem habt ihr dann zwei Etappen gewonnen.   63


Rallye Dakar

Moment mal: Gerade hast du gesagt, der Beifahrer ist der Chef im Auto. Und wenn der Chef keine Ahnung hat? Seth hatte ja auch keine Ahnung, darum ist das nicht aufgefallen (grinst). Wir sind gemeinsam gewachsen und haben uns gut reingearbeitet. Bis zu unserem Getriebeschaden lagen wir solide in den Top drei – der gerade erst 18 Jahre alt gewordene US-Boy und das Beifahrer-Greenhorn. Musstest du eigentlich schlucken, als sich herausgestellt hat, dass Seth Quintero dein Fahrer ist? Ein offensichtlich völlig durchgeknallter Teenager, und du neben ihm? Ich bin schon neben dem 13 Jahre alten Fabio Schwarz im R5-Rallye-Auto gefahren. Ich habe immer viel mit Jungen gearbeitet. Ich bin zwar mittlerweile 31 Jahre alt, fühle mich aber wie Anfang 20. Ich sehe den Altersunterschied nicht so dramatisch. Junge Leute lernen rasch und setzen es direkt um. Insofern musste ich nicht lang überlegen, als das Angebot mit Seth kam. Er ist schnell, wahnsinnig talentiert und die große Hoffnung in den Staaten. Insofern ist es eine Ehre, mit ihm arbeiten zu dürfen. Wie ist er außerhalb des Autos? Er albert ständig rum und kann keine Sekunde stillsitzen. Wie zur Bestätigung Jubel im Hintergrund: Seth hat es geschafft, eine volle Wasserflasche so auf einen Balken in der Halle zu werfen, dass sie oben stehen bleibt. Im Stil eines Football-Spielers, der einen Touchdown geschafft hat, lässt er sich von imaginären Massen feiern. Genau so ist er. Genau so. Ein verrückter Hund. Lässt sich nicht verbiegen. Ein ­super Typ durch und durch. Hast du keine Angst am Beifahrersitz? Nein, gar nicht. Bei Rallye Raids in der Wüste fühle ich mich sehr sicher. Bei normalen Rallyes fahren wir mit 180 km/h auf Asphalt oder Schotter ­zwischen Bäumen. Das halte ich für deutlich gefährlicher. 64

„In der Wüste fühle ich mich sicher. 180 km/h zwischen Bäumen sind deutlich gefährlicher.“

Der Mann mit dem Plan: Dennis ist schon sein halbes Leben lang Beifahrer.

Gerade bei der Dakar sind es aber doch oft Beifahrer, die sich verletzen – wie zum Beispiel Daniel Elena am ­heißen Sitz der Rallye-Legende ­Sébastien Loeb. Wir Beifahrer sind in der Wüste so mit unseren Instrumenten beschäftigt, dass wir viele Gefahrenmomente gar nicht erkennen und den Körper im Ernstfall nicht auf den Einschlag vorbereiten können. Das ist in der Tat ein Problem. Wir Beifahrer sind die potenziellen Schwachstellen. Aber jeder, der ins Auto steigt, weiß und akzeptiert das. Warum machst du das? Jeden Tag sterben mehr Menschen im Bett als im Auto. Und trotzdem legen wir uns jeden Tag wieder in die Kiste. Neben der reinen Navigation sollst du also auch noch Psychologe sein und den Fahrer kontrollieren. Das stelle ich mir anstrengend vor. Tatsächlich kontrollieren muss ich Seth selten. In der Praxis ist es eher so, dass ich nach vier, fünf Stunden im Auto bemerke, dass sich Routine einschleicht,

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Ich erinnere mich an den ersten Tag. Ich war so überfordert, dass ich Seth einfach gesagt habe, er soll den Spuren der vor uns Gestarteten folgen. Aber am Ende haben wir das gut gemeistert.

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SHAKEDOWN

In der Wüste Marokkos fahren Seth und Dennis die entschei­ den­den Material-Tests für die Rallye Dakar im Januar 2022.

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Rallye Dakar

und ich ihn auffordere, für die letzten 70, 80 Kilometer besonders achtzu­ geben. Konzentriert zu fahren, keinen Reifenschaden zu riskieren. Ich drücke quasi auf den Reset-Knopf und signa­ lisiere ihm, dass der Tag gerade neu begonnen hat. Dakar ist kein Rennen, es ist ein Abenteuer. Zuallererst geht es ums Durchkommen. Je weniger Probleme du unterwegs hast, desto weiter vorne wirst du sein. Bei Problemen: Wer wirft zuerst die Nerven weg? Wir hatten bei der letzten Dakar leider viele technische Probleme, die in diesem Jahr hoffentlich aussortiert sein sollten. Nach jeder schlechten Zeit kommt eine gute. Wir verlieren als Team, und wir ge­ winnen als Team. Nerven wegschmeißen bringt nix.

Wie waren 14 Stunden hinterm Lkw? Schweigsam. Trotzdem haben wir uns auf den nächsten Tag vorbereitet und unsere Ziele neu definiert. Der Druck des Gesamtsieges war weg. In dieser Nacht hatten wir zwei Stunden Schlaf. Wir starteten dann ganz hinten, mitten in den Staubfahnen der anderen. Es war eine wunderschöne Etappe mit Stein­ formationen wie Pilzen. Wir konnten das wirklich genießen. Am Tag darauf haben wir beschlossen, volle Attacke zu gehen. Es war die härteste Etappe der Rallye, und wir haben sie überlegen g ­ ewonnen.

„Wir haben die härteste Etappe überlegen gewon­nen. Das war psycho­ logisch wichtig.“ 66

Das war psychologisch wichtig: Wir können es, wir sind die Schnellsten, auch wenn wir in der Gesamtwertung nirgendwo liegen. Spürt man als Beifahrer, wenn der Fahrer im Flow ist? Du bist gemeinsam im Flow, als Team. Ja, das spürst du. Im Auto herrscht eine innere Ruhe. Jede Ansage von mir, jede Bewegung von Seth sitzt. Härter ist es, wenn du spürst, dass wenig zusammen­ passt. An diesen Tagen wenig Fehler zu machen ist oft entscheidender, als es an den guten Tagen fliegen zu lassen. Welche Sorte von Tag es wird, spüre ich schon auf den ersten Metern. Sagen wir, dir unterläuft ein Fehler, und ihr habt euch um fünf Kilometer verirrt … Dann musst du ruhig bleiben. Schauen, wo der Fehler passiert ist und wie wir wieder auf die richtige Route zurück­ kommen, ohne zu viel Zeit liegen zu lassen. Panik bringt da gar nix. Positiv bleiben, weitermachen.

Wie reagiert Seth da? Der bleibt ganz cool. Rallye Raid ist ein klassischer Teamsport. Mal macht der eine einen Fehler, mal der andere. Wir gewinnen und verlieren als Team. Vorwürfe wären kontraproduktiv. In der Rallye heißt es: Der Fahrer gewinnt, der Beifahrer verliert. Im Rallye Raid ist klar, dass vier Augen mehr sehen als zwei. Im Unterschied zu den Motorradfahrern, die bei der Dakar als Erste starten und sich in der unverspurten Wüste zurechtfinden müssen, ist euer Problem wohl eher die Vielzahl an Fährten. Wie unterscheidet man die guten von den weniger guten? Zu 80 Prozent stimmen die Spuren. Zu 20 Prozent musst du hart an der Navi­gation bleiben und dich auf das ­verlassen, was im Aufschrieb steht. Ge­ rade wenn wir hinter den Lkw starten, wird es schwierig, weil die über alles drüber­fahren und der Sand völlig zer­ wühlt ist. Die Navigation ist eher dort ein Thema, wo es weniger Reifenspuren gibt, zum Beispiel im Geröll. THE RED BULLETIN

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Als voriges Jahr, in Führung liegend, bei euch das Getriebe eingegangen ist: Was habt ihr gemacht? Geweint (lacht). Wir hatten gerade ­unseren härtesten Gegner überholt, der mit einem Reifenschaden in der Wüste stand. Zehn Kilometer später gab es ­einen riesigen Knall im Fahrzeug, und wir standen. Der Traum war geplatzt. Nach der ersten Frustration haben wir uns daran gemacht, alles vorzubereiten, bis der Lkw kam, der uns abschleppte.


„An schlechten Tagen wenig Fehler zu machen ist oft entscheidender, als an guten zu brillieren.“ GASFUSS

Dennis (li.) und Seth entspannt vor dem Start zur Rallye Marokko in Zaghura

Seth Quintero steht mittlerweile hinter Dennis und schneidet Grimassen. Das bleibt dem nicht verborgen: „Wie soll man sich neben so einem konzentrieren?“, fragt er rhetorisch und schneidet eine Grimasse zurück. Die beiden verstehen einander offenbar blendend. Wie entsteht der Plan für den ­jeweiligen Tag? Der kommt in der Regel von mir, weil ich weiß, welches Gelände uns erwartet. Seth hat einen Mega-Speed in den ­Dünen, auf Sand ist er extraklasse. Das ver­suchen wir natürlich auszunutzen. Ich sage dann zum Beispiel: Lass uns bei Kilometer 80 etwas langsamer machen, denn da ist die Navigation besonders schwierig. Wenn es die Möglichkeit gibt, zu pushen, dann macht er das ganz von selbst. Mein Job ist eher, ihn taktisch zu zügeln, wenn ich meinen Pace-Notes entnehme, dass eine potenzielle Gefahr droht. Wie leitet er dich? Gar nicht. Er fährt einfach. THE RED BULLETIN

Kannst du die Emotionen nach eurem ersten Etappensieg beschreiben? Seth Quintero war immerhin jüngster Sieger der Dakar-Geschichte … Kann ich in der Tat. Wir sind auf Khalifa al-Attiyah aufgelaufen, den Bruder des Dakar-Siegers Nasser. Der ist immer flott, darum wussten wir, dass unsere Pace gut war. Beim Tankstopp bemerkten wir, dass wir einen schleichenden Plattfuß hatten. So haben wir die gewonnene Zeit wieder verloren. Dann haben wir das Loch abermals zugefahren und ihn ein zweites Mal überholt. Schließlich haben wir mit 23 Sekunden Vorsprung gewonnen. Da war schon auch ein bisschen Wut im Bauch dabei. Seth wollte auf seiner ersten Dakar unbedingt einen Etappensieg, und das war dann ent­ fesselte Freude. War es der Höhepunkt eurer gemeinsamen Karriere? Nein, unseren zweiten Etappensieg am Tag elf schätze ich noch höher ein, weil er so dominant ausfiel. Wie populär ist Seth in Amerika? Ich war noch nicht mit ihm in den USA, aber was man so mitkriegt und liest, ist er schon ein kleiner Star. Er hat in seinen Kategorien sämtliche Titel gewonnen, die er gewinnen konnte. Was ich am Beifahrersitz sehe: dass er ein unglaubliches Talent ist, mit einem Mega-Grundspeed.

So chaotisch er außerhalb des Cockpits ist, so fokussiert ist er drinnen. Mittlerweile albert Seth offensiv rund um Dennis rum, was der mit der Drohung quittiert, ihm das Handy wegzunehmen. Später an diesem Tag beginnt der abschließende Test mit dem neuen, sequenziellen Getriebe, das deutlich haltbarer sein sollte als das bisher verwendete. Seth Quintero kann es offensichtlich kaum erwarten, hinter das Lenkrad zu dürfen, und lässt seine Umwelt das spüren. Das heißt, das Ziel für die Saison 2022 ist eindeutig. Gewinnen, ja. Der nächste Schritt liegt ja ebenfalls auf der Hand. Klar, der Aufstieg in die T1-Klasse – zu den richtigen Autos. Das muss das Ziel sein. Ich staple gern tief, aber schon im ersten Jahr so knapp am Sieg dran ge­wesen zu sein, das zeigt unser großes Potenzial. Manche Fahrer – auch Legenden wie Sébastien Loeb – rennen jahrelang vergebens gegen die Dakar an, während es bei anderen anscheinend wie von selbst funktioniert. Hast du eine Erklärung dafür? Nein, habe ich nicht. Es muss so viel zusammenpassen, um eine Chance zu haben. Und dann braucht es auch noch Glück. Sébastien habe ich bei der letzten Dakar auf der gesamten Rallye dreimal gesehen. Dreimal sind wir an ihm vorbeigefahren, weil er mit technischen­ ­Problemen im Sand steckte. Die Dakar ist ein Überlebenskampf, jeden Tag aufs Neue. Beschreibe bitte die Rallye Dakar in einem Satz. Ein Wort reicht: „alles“. Die Dakar ist alles. Ich hätte zuvor nie gedacht, welche Ausmaße das hat, aber es ist tatsächlich so, dass du nach der Zieldurchfahrt gleich an den nächsten Start denkst. Hier einmal – oder natürlich auch mehrmals – zu gewinnen wäre das Allergrößte für mich. Schon die Zielankunft bei der letzten Dakar hat sich wie ein kleiner Sieg angefühlt. Die Dakar zu gewinnen würde mir alles bedeuten. Wirklich alles. Die Rallye Dakar 2022 findet von 2. bis 14. Januar in Saudi-Arabien statt. Alle Infos: Instagram: #redbulldesertwings oder: dakar.com

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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

NIMM NIMS!

SANDRO BAEBLER

Mit dem nepalesischen Rekordbergsteiger Nirmal „Nims“ Purja auf den Mont Blanc

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GUIDE Reisen

„Ich liebe das, was ich tue, aus tiefstem Herzen.“ Der nepalesische Alpinist Nims Purja, 38, hat die vierzehn Achttausender in Rekordzeit bestiegen – und sich die Gipfel auf seinen Rücken tätowieren lassen. Bei seiner Destination Red Bull-Reise begleitet er dich auf den Mont Blanc.

N

etflix hat ihm eine eigene Doku gewidmet („14 Peaks: Nothing Is Impossible“), unter Kollegen der Extrembergsteiger-Szene ist er aktuell der un­ bestritten Größte, und sein Rekord wird wohl noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte halten: In unfassbaren sechs Monaten und sechs Tagen bestieg der 1983 im ­nepalesischen Flachland geborene Nirmal „Nims“ Purja alle 14 Achttausender auf diesem Planeten und unterbot den damals gültigen Rekord dabei um sieben Jahre und vier Monate. Was für andere ­eine ­Lebensaufgabe ist, ist für Nims ein bes­ serer Wochenendausflug: Mount Everest (8848 m), Lhotse (8516 m) und Makalu (8463 m) bezwang der mittlerweile von der Queen zum Ritter geschlagene ehemalige Elitesoldat der britischen Royal Navy in 48 Stunden und 30 Minuten. „Project Possible“ taufte er das Projekt, das für jeden anderen wohl eine Mission Impossible gewesen wäre.

Rekord-Bergsteiger Purja, hier bei einem Besuch am Großglockner, bereist mit dir die Alpen.

Die Frau an Nims’ Seite Isabelle Santoire kam vor über 20 Jahren aus dem kanadischen Montréal in die Schweiz. Ihr damaliger Freund, ein Eis­ hockeyspieler, hatte in Genf einen Vertrag bekommen, und sie folgte ihm. Selbst als er weiterzog, blieb sie da. Sie hatte sich erneut verliebt, und zwar in die Schweizer Berge. „Ich beendete mein Studium und ließ mich zur Bergführerin ausbilden. Heute bin ich eine von nur 16 ProfiBergführerinnen in ganz Frankreich.“ 70

Nims Purja beim Aufstieg auf den Groß­ glocker: Der Nepalese ist ein wahres Wunder in Sachen Ausdauer und gibt seine Tipps gern an seine Gäste weiter. THE RED BULLETIN


Schweiz

Anreise Chamonix, korrekt: Chamonix-Mont-Blanc, liegt im Dreiländereck Frank­ reich – Schweiz – Italien auf der französischen Seite. Mit dem Flugzeug: Der nächstgelegene Flughafen ist Genf, danach sind es über die A40 und N205 noch rund 90 Minuten mit dem Auto. Wahlweise gibt es auch einen direkten Bus ab dem Flug­hafen Genf. Mit dem Auto: Aus Öster­ reich oder Deutschland kom­ mend über die Schweizer Autobahnen 1 und 12 bis nach Montreux, danach über die

Genf Chamonix

Frankreich

Mont Blanc

Italien

A9 bis Martigny. Dann wird es spektakulär: Der weitere Weg führt über die Route de la Forclaz bei Châtelard über die französische Grenze und weiter nach Chamonix. destination.redbull.com

STEFAN VOITL/RED BULL CONTENT POOL, SHUTTERSTOCK, ADOBE STOCK WERNER JESSNER

Zwischenziel: Refuge du Goûter, die höchstgelegene Hütte im Mont-Blanc-Massiv

Isabelle hat Expeditionen auf der ganzen Welt g ­ eleitet und Chamonix am Fuß des Mont Blanc zu ihrer Heimat gemacht. Wie oft sie schon auf dem Gipfel war? Die zweifache Mutter lacht: „Keine Ahnung. Ich zähle da nicht mehr mit.“ Der höchste Berg der Alpen ist ihr Hausberg: „Er mag zwar technisch nicht sonderlich schwierig sein, aber jedes Mal, wenn ich nach Hause komme und ihn sehe, bin ich von seiner Schönheit fasziniert.“ Für eine exklusive Destination Red Bull-­ Reise arbeiten Nims und Isabelle erstmals zusammen. Hier die perfekt organisierte – ja, doch – Einheimische, da jener Mann, der das Bergsteigen auf ein neues Level ge­ hoben hat. Welche Fragen hat Isabelle an Nims Purja? „Viele! Doch am allermeisten THE RED BULLETIN

Gut zu wissen

Beim Aufstieg wird Nims die Seilschaften wechseln. So kommt jeder in den Genuss, mit dieser Legende geklettert zu sein.

Ob man den 1786 erstbestiegenen Mont Blanc den höchsten Berg ­Europas nennen kann, ist Inter­ pretationssache und tatsächlich nicht ausgemacht. Zählt man näm­ lich den Kaukasus noch zu Europa, wäre der 5642 Meter hohe Elbrus in Russland Europas höchster Berg. Unbestritten ist der Mont Blanc immerhin der höchste Berg Frank­ reichs. Allerdings reklamieren ihn die Italiener ebenfalls als ihren höchsten Berg, denn sie ziehen die Grenze genau über den Gipfel (was die Franzosen wiederum nicht so stehen lassen wollen). Auf gesicher­ tem Terrain bewegen wir uns, wenn wir sagen: Der Mont Blanc ist der höchste Berg der Alpen.

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GUIDE Reisen

Das Ziel: Der Mont Blanc liegt an der Grenze zwischen Italien und Frankreich und ist mit seinen 4810 Metern der höchste Berg der Alpen.

Das Gipfel-Rezept Damit es bei der Destination Red Bull-­ Reise auf den Mont Blanc zu keinen Anpassungsschwierigkeiten kommt, werden die Gäste von Isabelle und Nims Tritt für Tritt an die Höhe herangeführt – etwa mit einer Wanderung auf die 3540 Meter hohe Aiguille du Tour. Am Arête des Cosmiques üben die Gipfelstürmer in spe den Umgang mit Pickel und Steigeisen in Fels und Eis, außerdem frischen sie Wissen über Berge- und Seiltechnik auf. Eben weil der Mont Blanc keine be­ sonderen technischen Schwierigkeiten aufweist, ist er auch für Sportler machbar, die keine ausgewiesenen Alpinisten sind. Santoire: „Fehlende Bergroutine kann man auf diesem Berg durch exzellente Kondition ausgleichen. Geübte, trittsichere Bergläufer haben auf dem Mont Blanc ebenso eine Chance auf einen Gipfelsieg wie klassische Bergsteiger.“

„Wann hat man schon die Gelegenheit, mit einer echten BergLegende eine Seilschaft zu bilden?“

Die Tour wird den Teilnehmern unvergesslich bleiben, ist sich Isabelle Santoire sicher: „Wann hat man schon die Gelegen­ heit, mit einer echten Berg-­Legende eine Seilschaft zu bilden?“ Nims Purja wird während des Aufstiegs Seilschaften wechseln. So kommt jeder der fünf Teilnehmer in den Genuss, mit Nims persönlich aufzusteigen. Übernachtet wird dabei auf Hütten, etwa der höchstgelegenen bewirtschafteten im Mont-Blanc-Massiv, dem Refuge du Goûter auf 3835 Metern. Was auf der für August 2022 geplanten Tour sicher nicht passieren wird: „Selbst wenn wir mit dem schnellsten Bergsteiger von allen unterwegs sind, werden wir nicht auf den Mont Blanc rennen“, sagt Santoire. „Die Reise ist als Naturaben­teuer angelegt, nicht als Wettbewerb.“ AUSGABE 4 SAISON 2022/23

DANIEL BÆKKEGÅRD Mit Dänemarks Ironman ins Gute-LauneTriathlon-Camp auf Fuerteventura

Isabelle Santoire, 53, Bergführerin in Chamonix, begleitet mit Nims Purja die Gäste auf der Reise.

KOMM, FAHR MIT!

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Noch mehr Reisen abseits des Alltäg­lichen mit Red Bull-Athleten als Begleitern gibt’s im neuen Destination Red Bull-Magazin. Alle Infos zum Programm: destination.redbull.com

18.10.2021 15:31:35

THE RED BULLETIN

GETTY IMAGES, ANGELA PERCIVAL

interessiert mich, wie er sich so schnell regeneriert. Gerade gestern habe ich an einem Berglauf teilgenommen, heute bin ich völlig zerstört. Nims scheint dieses Problem nicht zu kennen – wie sonst kann man drei Achttausender innerhalb von zwei Tagen schaffen?“


Das Tirol Gefühl www.tirol.at


GUIDE Gaming

GAMING & STYLE

Digitaler Runway Fashion-Guru Jazzy Cho erklärt die Mode-Trends im Spielerfolg „Die Sims 4“.

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Spielfiguren aus dem Gaming-Hit „Die Sims 4“: koreanische Airport-Mode in digitaler Form

„Die K-Fashion ist geprägt von Stickereien, kräftigen Farben und fließenden Stoffen, die beim hanbok, der traditionel­ len koreanischen Kleidung, üblich sind“, sagt Cho. Heute erlebt hanbok eine Neuinter­ pretation im modernen StreetStyle. „Lockere baji-Hosen

(traditionell für Männer; Anm.) werden von Frauen in maß­ geschneiderter Form getra­ gen, und das bodenlange chima-Hemd gibt es in einem kürzeren, leichteren Stil, aber immer noch mit Volumen. ­Früher galt: Je mehr, desto angesehener war man.“ Das Incheon Arrivals Kit zelebriert dies mit einer modernen Ver­ sion des „durumagi“, eines Herren­mantels. Die für han­ bok t­ ypische Liebe zum Detail erstreckt sich auf alle Aspekte des Lebens: „Es gibt Restau­ rants, die bieten Schürzen für ihre Gäste!“

Fast Fashion

„Die Modestile in Korea entwickeln sich permanent.“ US-Mode-Expertin Jazzy Cho

Südkoreas Modewelt hält Schritt mit dem rasenden Fortschritt des Landes. „Die Stile entwickeln sich perma­ nent“, so Cho. „Seine eigene Farbe zu haben ist gerade total angesagt. Es gibt Läden, die schauen sich deinen Haut­ ton an und suchen dann die passenden Farbnuancen dazu. Diese Mode hat also

einen Wiedererkennungswert, ist aber nie homogen.“

Mehr Romantik, bitte! Der Airport-Style mit seiner kosmopolitischen Sichtweise passt perfekt zu Chos Hinter­ grund. „Ich sehe mich als Koreanerin, betrachte diese Kultur aber durch die ameri­ kanische Brille. Was mir als US-Bürgerin zum Beispiel auf­ gefallen ist: Die koreanische Kultur – vom K-Pop bis hin zur Küche – ist äußerst roman­ tisch. Die Liebe und Glücks­ gefühle rund um eine funktio­ nierende Beziehung werden unglaublich gefeiert. Viele Marken verkaufen Mode im Paket für Paare, sodass sie zusammenpasst. Wir spielen darauf auch im Incheon ­Arrivals Kit an: Einige Teile ergänzen einander.“ Das „Incheon Arrivals Kit“ für „Sims 4“ ist jetzt auf PlayStation, Xbox, PC und macOS verfügbar; ea.com. Mehr zu Jazzy Cho auf youtube.com/jazzycho und TikTok: @thejazzycho THE RED BULLETIN

ALEXANDRA ZAGALSKY

Lockere Klassik

ELECTRONIC ARTS

Flughäfen sind nicht gerade für ihre Modeszene bekannt. Eine Ausnahme ist der Incheon International Airport in Südkorea. Der futuristische Umschlagplatz mit Casino und Golfplatz entspricht dem Ruf eines Landes mit voll­ vernetzten Smart Citys und einer welt­bekannten Pop­ kultur. Von der K-Fashion, also der koreanischen Mode, ganz zu schweigen. Kein Wunder also, dass dieser Flughafen seine eigene Modelinie hervor­ gebracht hat: die „gonghang fashion“, deutsch: FlughafenMode. E ­ ntstanden ist sie aus den Schnappschüssen der Paparazzi, die aus Übersee ankommende top gestylte Prominente ablichteten. „Die Südkoreaner sind stolz auf ihren Incheon Airport, weil hier die Touristen einen ersten Eindruck vom Land gewinnen“, erklärt Jazzy Cho, US-Mode-Influencerin mit koreanischen Wurzeln. Ihre Mission: der Welt die Kultur ihres Ursprungslands zu ver­ mitteln. Deshalb kuratiert Cho das „Incheon Arrivals Kit“, eine Zusammenstellung von gonghang-Outfits für das Social-Simulation-Spiel „Die Sims 4“. Hier erklärt sie, was es mit K-Fashion auf sich hat.


KONSOLE

Ping-Pong Zwei Striche als Schläger, ein hinund hersausender Punkt als Ball: „Pong“, Mitte der 1970er die Mutter aller Videospiele, ist zurück: als witzige Retro-Version für unterwegs. Premiere feierte „Pong“ am 29. November 1972 in der Kneipe „Andy Capp’s Tavern“ im kalifornischen Sunnyvale: Ein gelber Kasten mit der Aufschrift „Pong“ und ­einem Bildschirm, aufgestellt neben dem Flipperautomaten, erregte die Aufmerksamkeit der mehrheitlich Bier trinkenden und Billard spielenden Gäste. Die schlichte Grafik und den simplen Spielablauf – ein Punkt springt zwischen zwei Linien hin und her und simuliert ein Tennis- oder Tischtennismatch – hatte Allan Alcorn von der Firma Atari ent­ wickelt. Das Spiel sollte ein derartiges Suchtpotenzial entwickeln, dass in den USA bald mehr als 35.000 Automaten aufgestellt waren. Eine Version für daheim – eine der ältesten Spielkonsolen überhaupt – kam 1975 auf den Markt. Jetzt, fast ein halbes Jahrhundert ­später, lässt sich das Originalspiel wiederentdecken – in Form der Handheld-­ Konsole Atari Mini PONG Jr. Zu spielen ­allein oder zu zweit, aufgepeppt mit Retro-Sound­effekten und kultiger Grafik auf 30-Zentimeter-Flüssigkristall­ bildschirmen.

Genau wie der ursprüng­ liche Spiel-Automat hat der Atari Mini PONG Jr. drehbare Steuerköpfe, um den „Schläger“ nach links und rechts zu steuern.

TOM GUISE

arcade1up.com

THE RED BULLETIN

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GUIDE Lesestoff

Der unbarmherzige Samariter US-Thrillerautor Gregg Hurwitz hat mit Evan Smoak einen Helden erschaffen, der es gnadenlos krachen lässt. Doch das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Text JAKOB HÜBNER

A

n den richtig harten Typen haben sich schon viele Autoren die Zähne aus­ gebissen. Dabei möchte man ja meinen, es wäre eine ver­ gleichsweise leichte Übung, einen Helden für einen Action­ thriller zu erschaffen. Man nehme einen kantigen Kerl, tunke ihn tief in eine elitäre militärische Vergangenheit, füge eine großkalibrige K ­ narre hinzu, einmal durchladen, und los geht’s! Aber so funk­ tioniert das nicht.

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Tatsächlich sind so­ genannte „One Man Army“-­ Thriller eine ziemlich heikle Herausforderung, da sie sich formal auf einem extrem schmalen Grat bewegen. Anders gesagt: Die Lächer­ lichkeit ist dabei immer nur ­einen Schritt weit entfernt. Die Kunst besteht darin, ­eine notwendigerweise über­ zeichnete Figur mit genügend Tiefgang auszustatten, um sie in einem realistischen Setting zu verankern. Gelingt das nicht, wird sie zur Karikatur.

Auf der anderen Seite lau­ ert der heimtückische PsychoTreibsand. Denn kaum eine Romanfigur ist nervtötender als ein Actionheld, der ständig erklärt werden muss. Das geht gar nicht. Man nimmt so ein Buch ja schließlich nicht aus dem Regal, weil gerade kein Dostojewski zur Hand ist. Nein, ein guter Thrillerheld ist wie ein gutes Steak, nur umgekehrt: innen scharf an­ gebraten und außen blutig. Evan Smoak ist so ein Typ. Er war einst Teil eines streng geheimen US-Regierungs­ programms, in dem Waisen­ kinder rekrutiert und zu hoch­ effizienten Killermaschinen ausgebildet wurden. Aus­ gestattet mit wasserdichten Identitäten und nahezu gren­ zenlosen f­ inanziellen Mitteln, räumen die „Orphans“ dort auf, wo dem Staat die eigenen THE RED BULLETIN

VINZ SCHWARZBAUER

ACTION-THRILLER


Erster Absatz  aus „Rache der Orphans“ Das RoamZone ans Ohr gepresst, trat Evan rasch durch die Tür seiner Penthousewohnung im Apartmenthochhaus Castle Heights. Das Handy mit dem Gehäuse aus gehärtetem Gummi und dem Display aus Gorilla Glass war so widerstands­ fähig wie ein Hockeypuck und im Prinzip nicht zurückzuver­ folgen. Jeder Anruf auf 1-855-2-NOWHERE wurde digitalisiert und über ein Labyrinth von verschlüsselten VPN-Tunneln über das Internet verschickt. Erst nachdem er per Software von Vermittlungsstelle zu Vermittlungsstelle einmal rund um den Globus geleitet worden war, kam er auf dem Roam­ Zone an. Evan meldete sich immer mit demselben Satz. Brauchen Sie meine Hilfe?

Gesetze im Weg stehen. Als jedoch sein ehemaliger Ausbildner und Mentor in Un­ gnade fällt, steigt Evan aus und verschwindet vom Radar. Er leidet unter schlechtem Ge­ wissen und sehnt sich nach Buße. Er wird zum „Nowhere Man“, einer Art unsichtbarem Schutzengel für Menschen, die in Not geraten sind, sich aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht an die Po­ lizei wenden können. Aus dem Sünder wird ein Samariter – allerdings einer ohne jede Barmherzigkeit, dafür aber mit einer spezialangefertigten Wilson Combat im KydexHüftholster. In der „Orphan“-Zentrale haben sie freilich wenig Freu­ de mit einem freischaffenden Profikiller aus den eigenen Reihen und blasen zum gro­ ßen Halali – allen voran die emotional nahe am Gefrier­ punkt angesiedelte Candy ­McClure, die mit Evan noch ­eine ganz persönliche Rech­ nung offen hat … Der US-Amerikaner Gregg Hurwitz, 48, ist nicht nur als Romanautor und Comictexter (Marvel, DC) sehr erfolgreich, sondern auch als Drehbuch­ schreiber. Das merkt man. Seine Evan-Smoak-Reihe – „Orphan X“ (2016), „Projekt Orphan“ (2017), „Die Rache der Orphans“ (2018), „Die Spur der Orphans“ (2019) und „Das Vermächtnis der ­Orphans“ (2021) – kommt wie THE RED BULLETIN

ein Hollywood-­Blockbuster daher und überzeugt mit ­einem wirklich guten Span­ nungsbogen. Hurwitz hat ein feines Gespür dafür, wann er das Visier runterklappen und Vollgas geben muss und wann er Tempo rausnimmt, um den Leser mit ein paar Hinter­ grundhappen zu füttern. Das ist umso bemerkens­ werter, als der Autor quer durch alle fünf Bände mit zwei parallel laufenden Storys jongliert – auf der einen Seite der jeweilige Auftrag des „Nowhere Man“ und die ­in­terne Jagd­gesellschaft der „­Orphans“ auf der anderen. Die beiden Handlungsstränge kommen einander zwar nur selten in die Quere, aber wenn, dann mit mächtig Zunder. Stilistische Brillanz darf man sich von einer Roman­ serie dieser Gattung natürlich nicht erwarten, wohl aber eine präzise sprachliche Fokus­ sierung auf das Wesentliche: Spannung bis zum Abwinken.

GREGG HURWITZ „Evan Smoak“-Reihe Deutsch von Mirga Nekvedavicius HarperCollins

BUCHTIPPS

Helden in Serie Vier Thriller-Autoren, die keine Gefangenen machen – außer bei den Lesern.

LEE CHILD Der alljährliche Feiertag für Thriller-Fans fiel 2021 auf den 26. Juli. Da erschien der 23. Band der unwider­ stehlichen Jack-Reacher-­ Reihe des britischen Bestseller­autors Lee Child. Diesmal nimmt der härteste Bluthund des Genres die ­Fährte seines verstorbenen Vaters auf, die ihn direkt ins Fadenkreuz skrupelloser Männer führt, die nicht nur sprichwörtlich über Leichen gehen … „Der Spezialist“ (Blanvalet)

STEPHEN HUNTER Trotz erfolgreicher Hollywood-Verfilmung von Teil 1 der Buchserie („Shooter“ mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle) fristet Bob Lee Swagger hierzulande ein Schatten­ dasein unter den Helden der Hochspannungsliteratur. Völlig zu Unrecht. Insgesamt brachte US-Autor und ­Pulitzer-Preisträger Stephen Hunter den ehemaligen Scharfschützen neunmal in Stellung – und traf dabei stets ins Schwarze. „Bob Lee Swagger“-Serie (Festa)

CHRIS LANDOW Die bisher dreiteilige Romanreihe rund um den Ex-Bundespolizisten Ralf Parceval ist eine echte Rarität. Denn hinter dem Pseudonym Chris Landow versteckt sich ein deutscher Autor, der es offensichtlich darauf anlegt, mit voller Härte in ein englischsprachiges Hoheitsgebiet der Unterhaltungsliteratur zu grätschen: den kompromisslosen Action-Thriller. Band 4 ist für Februar 2022 angekündigt. „Ralf Parceval“-Serie (Blanvalet)

DAVID BALDACCI Wenn es um knallharte ­Einzelkämpfer geht, darf ­David Baldacci nicht fehlen. Mit einer Gesamtauflage von über 40 Millionen ­platzierte der Vielschreiber aus ­Richmond, Virginia, gleich mehrere einschlägige Romanfiguren in den inter­ nationalen Bestsellercharts. Als Einstieg bietet sich die „Will Robie“-Reihe an, ­deren erster Teil den ­nahe­liegenden Titel „Der Killer“ trägt. „Will Robie“-Serie (Bastei Lübbe)

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BACK TO BLACK FABER-CASTELL PITT GRAPHITE MATT Schwarzsehen als Innovation: Anders als andere Blei­stifte, die bei genauer Betrachtung nur graue Farbe liefern, kann dieser Stift von Faber-Castell so richtig schwarz, so richtig matt und so richtig hart (von HB bis 14 B).  faber-castell.de

VIELSEITIG LENOVO YOGA 9i Dieses Notebook von Lenovo lässt sich so falten, dass es wie ein Tablet verwendet werden kann. Mit ­IntelCore-Prozessoren der 10. Generation lässt es sich nicht nur gut streamen, das Gerät ist auch für Fotound Videobearbeitung geeignet.  lenovo.com

Richtig gutes Zeug Wie duftet die Nacht deines Lebens, kannst du zeichnen, und wie viel Schwarz ist nötig? Hier sind die Antworten.

CLUB-STIL Flakon im Art-décoStil: Er soll Ralph’s Club in Manhattan widerspiegeln.

NIGHT FEVER PROBIEREN, NICHT STUDIEREN ZEICHEN-ANLEITUNG VON CARTOONIST PENG Was du schon immer übers Zeichnen wissen wolltest, aber nicht zu fragen wagtest. Peng, preisgekrönter Cartoonist aus Österreich, zeigt vor, wie’s geht. Ungewöhnlich, witzig und ungeheuer ansteckend! dumont-buchverlag.de

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RALPH’S CLUB So könnte die Nacht deines Lebens duften, meint Ralph Lauren – nach Lavandin (einer ­speziellen Lavendel-Kreuzung), Muskatellersalbei und dem Süßgras Vetiver. ralphlauren.de

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GUIDE Tipps & Trends SEELE INKLUSIVE LEICA SL2 In ihrem Metallgehäuse (aus ­Magnesium und Aluminium) steckt alles, was das Foto­ grafenherz begehrt – sogar eine Seele, wie Leica uns wissen lässt. Abgesehen davon wird die spiegellose Vollformat-­ Systemkamera hierzulande hergestellt. de.leica-camera.com

DURCHBLICK Ergebniszentriert: lichtstarkes Leica-Objektiv

„Mir ist, als sei mein Leib dort stehengeblieben, wo er ihn zum letzten Mal umarmte.“ Ein Satz zum Auf-der-Zunge-zergehen-Lassen von Botho Strauß. Aus seinem neuen Buch „Nicht mehr. Mehr nicht“.  hanser.de

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BAUKASTEN Datenspeicher in jeder Größe und für jeden Bedarf

HERE COMES THE SUN COS WOOL TEDDY COAT Wer dem grauen Winter ein Schnippchen schlagen will – in diesem zitronenfaltergelben Kuschelmantel aus weichem Wolle-Baumwolle-Gemisch kriegt auch der trübste Tag genug Farbe zum Flattern. cosstores.com

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Adrenalinkick in den Dolomiten Nicht nur imposante Naturkulisse: Die Dolomiten UNESCO Welterbe sorgen mit sportlichen Abenteuern für einen Anstieg des Adrenalinspiegels.

Frischer Schnee, schroffe Felswände und blauer Himmel – was wie die Beschreibung einer Postkarte klingt, ist in den Südtiroler Dolomiten Realität. Ein Naturparadies, das für ruhigen, sanften und einfühlsamen Tourismus weltweit bekannt ist. Die imposanten Berggipfel haben aber noch viel mehr zu bieten – vor allem Adrenalinjunkies und Skifans kommen hier auf ihre Kosten: Skitourengeher können sich in der Dolomitenregion Drei Zinnen verausgaben, Skifahrer- und Freestyleherzen schlagen hingegen in der Dolomitenregion Seiser Alm höher. DOLOMITENREGION SEISER ALM Sport, Spaß und Adrenalin gibt es im westlicheren Part der Südtiroler Dolomiten – genauer gesagt in der Dolomitenregion Seiser Alm. Dieses Hochplateau wird als Freestyle-Paradies in den Alpen

bezeichnet. Was wie ein Werbeslogan klingt, kann mit knallharten Fakten belegt werden: Kein anderer Snowpark in den Dolomiten kann nämlich mit einer 1,5 Kilometer langen Parkline und 70 Obstacles punkten. Zudem ist der Snowpark einer der größten in Europa. Die Seiser Alm hat sich mit Rails, Kicker, Boxen und Whoops den Freestylern verschrieben – egal ob Anfänger oder Profis. Letztere treffen sich im Seiser Alm Snowpark regelmäßig zu Contests und Shows, die mittlerweile internationale Bekanntheit erlangt haben – ebenso wie das gesamte Skigebiet. An Superlativen ist auch dieses kaum zu übertreffen: Das Skigebiet Seiser Alm/Val Gardena wurde mehrfach preisgekrönt und zählt zu den familienfreundlichsten in den Alpen. Ganz abgesehen vom atemberaubenden Ausblick auf die Dolomiten samt Schlern, Langkofel, Plattkofel und Rosengarten, hat das Skigebiet auch ganze 175 Pistenkilometer zu bieten. Wer den Kick

sucht, wird hier fündig: Auf der Goldknopf Piste befindet sich eine Geschwindigkeitsmessanlage, die sogenannte Speedtrap. Auf 260 Metern und einem Höhenunterschied von 73 Metern wird die Geschwindigkeit der Abfahrer mittels Lichtschranken gemessen. 116,41 Stundenkilometer wurden dabei bereits als Rekord angeschrieben. Wer mit seiner Leistung auf der Speedtrap nicht zufrieden sein sollte, kann der Ursache mittels Videoanalyse auf den Grund gehen. Auf der Skimovie-Strecke hat jeder die Möglichkeit, sein ganz persönliches Rennvideo zu drehen. Einfach anmelden, online abrufen, analysieren und mit weiteren Versuchen den Wettkampfhunger stillen. Nur Piste herunter wedeln war gestern, in der Dolomitenregion Seiser Alm ist ganz klar Action geboten! Egal ob Skifahrer, Snowboarder, Freestyler oder Wanderer – jeder Einzelne kommt in dieser atemberaubenden Bergkulisse auf seine Kosten. Nach einem abwechslungsreichen Skitag werden in den Ruhepolen der Dolomitenregion, nämlich in den Dörfern Kastelruth, Seis am Schlern, Völs am Schlern und Tiers am Rosengarten, die Batterien wieder aufgeladen. Und schon hat man Energie für einen weiteren adrenalingeladenen Skitag auf der Seiser Alm. 3 ZINNEN DOLOMITEN Markante Gipfel, schneebedeckte Weiten.


© Seiser Alm Marketing/F-Tech, © Harald Wisthaler, © Dalpiaz Fabian

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Eine andere Art von Nervenkitzel können Skitourengeher in der Dolomitenregion 3 Zinnen erleben: bei einer aufregenden Skitour auf einem der unzähligen Aufstiegshänge rund um die Drei Zinnen.

tiefes Gefühl der Zufriedenheit und eine Erinnerung, die sich im Inneren festhakt – und dort auch bleibt. Und die größte Belohnung ist wohl die Abfahrt durch den Pulverschnee.

Der berühmte Gebirgsstock, der im Westen Südtirols unweit der österreichischen Grenze in den Sextner Dolomiten liegt, gilt als markantes Wahrzeichen der gesamten Gebirgsgruppe. Hier haben Skitourengeher die Qual der Wahl – aber auch ein doppeltes Erlebnis. Während sich der Körper bei sportlicher Betätigung auspowert, freut sich der Geist mit allen Sinnen über paradiesische Rahmenbedingungen: knirschendes Schneegeräusch in den Ohren, den Duft von frischer Schneeluft in der Nase und vor seinen Augen atemberaubende Felswände zum Anfassen fernab vom Tal. Die Anstrengung rückt angesichts der imposanten Naturkulisse fast in den Hintergrund. Nach dem Aufstieg ist einem die Belohnung sicher: ein

Die Dolomitenregion 3 Zinnen ist ein Ort, an dem Alpingeschichte geschrieben wurde und bis heute spürbar ist. Auch Bergsteiger-Legende Reinhold Messner hatte wohl die spektakulären Felsformationen im Kopf, als er die Südtiroler Bergwelt mit den Worten beschrieb: „Es sind nicht die höchsten Berge der Welt, auch nicht die gefährlichsten, aber bestimmt sind es die schönsten.“ Eine Aussage, die den Nagel auf den Kopf trifft – wer es nicht glaubt, der muss sich selbst davon überzeugen! Diese einzigartige Berglandschaft mit ihren Ortschaften Sexten, Innichen, Toblach, Niederdorf und Prags wurde 2009 nicht umsonst zum UNESCO Welterbe ernannt. Die Dolomitenregion 3 Zinnen ist schon allein deshalb eine (Ski-)Tour wert!

Eines muss auch den erfahrensten Tourengehern hierbei aber bewusst sein: Respekt vor der Natur und ihren Kräften steht an erster Stelle. Wer in der eindrucksvollen Bergwelt unterwegs ist, benötigt eine gute Kondition, skifahrerisches Können und passende Ausrüstung. Kenntnisse über Wetter- und Schneeverhältnisse sind in den Bergen ebenfalls unabdingbar. Deshalb ist es wichtig, vor dem Start den Wetter- und Lawinenbericht zu konsultieren und nur mit entsprechendem Equipment zu starten – im besten Fall in Begleitung eines Bergführers. Und dann: Mitten hinein ins echte, unverfälschte Dolomitenerlebnis!

Die Seiser Alm bietet ein einzigartiges Bergpanorama mit dem unverwechselbaren Profil des Schlerns und der größten Hochalm Europas. seiseralm.it Im Winter verwandelt sich die Gegend rund um die markanten Drei Zinnen in ein Skitourenparadies inmitten der Dolomiten UNESCO Welterbe. dreizinnen.com


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B O U L E VARD DER HEL DEN

MICHAIL SCHOLOCHOW

DAS VERSPRECHEN

Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 9: Ein Literatur-Nobelpreisträger und seine heldenhafte Lebenslüge.

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BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT

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MICHAEL KÖHLMEIER

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GETTY IMAGES (3)

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s gibt einfaches Heldentum und kom­ letzten Bandes lag also schon fünfundzwanzig pliziertes; diese Geschichte berichtet Jahre zurück. Auch den Mitgliedern des Ko­ mitees war die Diskussion über die Autoren­ von kompliziertem. Angenommen, schaft des Werkes bekannt. Noch bevor der es war so, wie ich es hier erzählen Roman zur Gänze der Öffentlichkeit vorlag möchte, dann wäre der S ­ chriftsteller – entweder weil er noch nicht geschrieben Michail Alexandrowitsch Scholochow ein oder noch nicht vollständig herausgegeben selbstloser und aufopferungsvoller Held war –, kursierten Gerüchte, Scholochow ­gewesen. Seine Geschichte gehört ­allemal MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger sei nicht, könne nicht der Autor sein. In zu den spannendsten der Schriftstellerei Bestsellerautor gilt dem Buch wird auf unvergleichlich sinn­ im 20. Jahrhundert und er selbst zu jenen als bester Erzähler liche Weise das Leben der Donkosaken be­ ­widersprüchlichen Persönlichkeiten, wie deutscher Zunge. schrieben, besonders im ersten Teil, sodass sie nur Diktaturen hervorbringen. Ich weiß, Zuletzt erschienen: alle Kritiker überzeugt waren, das könne, man kann die Geschichte dieses russischen der Roman „Matou“, erstens, nur jemand schreiben, der selbst Schriftstellers auch ganz anders erzählen, 960 Seiten, Hanser Verlag. in diesem Teil der Welt lebte oder lange nämlich als die Geschichte eines abgefeimten dort gelebt hatte; zweitens, einer, der ein Diebes von geistigem Eigentum, eines Plagia­ tors, eines Mannes, der sich viel Ehre und Ruhm ergau­ lebenserfahre­ner Mann ist, denn was beschrieben wird nert hat, indem er das Werk eines anderen als das seine und wie es beschrieben wird, zeuge von großer Weisheit ausgab. Lange Zeit wurden die Vorkommnisse auf diese und gefestigter Lebenssicht. Weise dargestellt. Der Mann war immerhin ein Günst­ ling Stalins; ihm etwas Gutes zu lassen wäre in den cholochow war, als der erste Band erschien, ge­rade Augen vieler gewesen, als würde man ein mörderisches einmal dreiundzwanzig Jahre alt, und unter den System gutheißen. Inzwischen ist sich die Wissenschaft Donkosaken hatte er nie gelebt. Seine Mutter war ziemlich sicher, dass der Spott und die Verdammung, die Witwe eines Kosaken, ja, aber ob das ausreichte, um ein solch breites Panorama zu entwerfen? Scholo­ denen der Künstler lange Zeit, vor allem im Westen, chow hatte kaum die Schule besucht, eine genügende ausgesetzt war, auf falschen Informationen beruhten. ­literarische Bildung durfte also auch nicht vorausgesetzt Ich nehme mir die Freiheit, die Geschichte als eine werden. Mit dreizehn Jahren bereits schloss er sich den Heldengeschichte zu erzählen – was ist Wahrheit … Bolschewiki an und zog in den Bürgerkrieg. Nach dem er Nobelpreis für Literatur 1965 wurde Michail Krieg arbeitete er in verschiedenen Häfen und Stein­ Scholochow für seinen Roman „Der stille Don“ ver­ brüchen, vorübergehend als Buchhalter, was damals liehen. In den meisten Fällen vergibt das ­Komitee jeder werden konnte, der alle Buchstaben kannte. Mit den Preis für das Lebenswerk eines Autors, diesmal einundzwanzig Jahren heiratete er die Tochter eines stand in der Urkunde, dass die Ehrung a ­ usschließlich ­Kosakenführers. Viel Gelegenheit, sich mit dem Leben das genannte vierbändige Werk meine. Der Roman der Menschen zu beschäftigen, die in seinem Buch so ­entstand zwischen 1927 und 1940, das Erscheinen des plastisch beschrieben werden, hatte er also nicht.


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B OU L EVAR D DE R HE L D E N

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ie Heldengeschichte geht so: Im Jahr 1920 trifft der gerade einmal fünfzehnjährige Michail Scho­ lochow in einem Lazarett Fjodor Dmitrijewitsch Krjukow. Der Mann ist schwer verwundet und hat zudem Typhus. Außerdem war er Offizier der Weißen Armee, die im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki, also die Rote Armee, gekämpft hatte. Um so einen sorgt man sich in einem roten Lazarett nicht. Im Zivilberuf ist ­ Krjukow Schriftsteller. Die beiden unterhalten sich, sie sind sich sympathisch, Krjukow soll einen mächtigen Eindruck auf den jungen Scholochow ausgeübt haben, dieser habe zu ihm aufgeblickt wie zu einem Vater. Manche glauben, erst die Begegnung mit Krjukow habe in dem späteren Nobelpreisträger den Wunsch geweckt, selbst Schriftsteller zu werden. Andere gehen noch weiter: Fjodor Krjukow wusste, dass er bald sterben wird. Er hatte Vertrauen in den ­jungen Mann, mit dem er sich in den Nächten unterhielt. Krjukow hatte viele Jahre an einem Roman geschrieben, hatte ihn noch nicht beendet, er war glücklich über sein Werk, es war sein Lebenswerk. Aber er wusste, dass der Roman eines Weißen niemals der Öffentlichkeit über­ geben würde, nicht in einem Land, in dem die Kom­ munisten regierten. Krjukow – so diese Version der ­Geschichte – übergab das Manuskript seinem jungen Freund, er vertraute ihm das Manuskript an mit der Bitte eines Sterbenden, dafür zu sorgen, dass es ver­ öffentlicht wird. Ja, es wurde sogar spekuliert, es sei ­Krjukows Idee gewesen, dass Scholochow das Werk zu einem Ende führe, sie hatten ja intensiv darüber ­gesprochen, und dass er es dann unter seinem Namen, dem Namen eines Soldaten der Roten Armee, veröffent­ liche. Krjukow habe sein Werk über seinen Namen ge­ stellt. Und Scholochow habe am Sterbebett des Dichters geschworen, dessen letzten Wunsch zu erfüllen.

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leiben wir bei dieser Version. Scholochow war zu jung und zu ungebildet, um die Qualität des Werkes beurteilen zu können. Er hatte auch keine Ahnung, wie das Verlagswesen funktionierte. Wahrscheinlich hatte er damals noch kein einziges Buch gelesen. Viel­ leicht sogar noch nie ein Buch in der Hand gehabt. ­Fjodor Krjukow starb. Sein Manuskript verwahrte Scholochow. Was sollte er tun? Krjukow hatte recht, niemand würde das Buch eines Weißen verlegen. Also gab er sich, wie ihm Krjukow geraten hatte, als der Autor aus. Er glaubte nicht, dass der Schummel irgendwelche Folgen haben würde. Wer interessierte sich in diesen Zeiten schon für einen Roman! Also trug er den ersten Teil des Manuskripts zu einem kleinen Provinzverlag und gab sich als der Autor aus. Er meinte, damit habe er

Es war ihm klar, dass ein Leben, das auf einer Lüge aufbaut, jederzeit zusammenbrechen kann. 94

sein Versprechen eingelöst. In dem Verlag aber war ein Lektor, der die Qualität des Romans erkannte. Dieser Lektor hatte selbst Ambitionen, eine kleine Provinz­ druckerei war ihm nicht genug. Und er meinte auch, für diese Entdeckung sei nur ein großer, potenter Verlag in der Hauptstadt das Richtige. Er bewarb sich beim größten Verlag in Moskau um die Stelle des Leiters, bekam sie und verlegte als sein erstes Buch „Der stille Don“ von Michail Alexandrowitsch Scholochow. Das Buch wurde ein sensationeller Erfolg.

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un befand sich der junge Scholochow in einem ­seelischen und in einem öffentlichen Konflikt – wor­ über zu befinden viel Einfühlungsvermögen nötig ist, um nicht ein vorschnelles Urteil zu fällen. Er, Scho­ lochow, war ein verdienstvoller Genosse, inzwischen nicht nur Mitglied der KPdSU, sondern auch ein Funktio­ när. Wenn einer wie er ein Buch schrieb, dann wurde es auch verlegt. Also war „Der stille Don“ veröffentlicht worden. Er hatte sein Versprechen eingelöst, er hatte dafür gesorgt, dass der Roman seines Freundes verlegt wurde. Dazu war es notwendig gewesen, zu lügen. Was hätte er weiter tun sollen? Was, nun, nach dem großen Erfolg? Sich stellen? Zugeben, dass nicht er der Autor ist, sondern ein ehemaliger Offizier der Weißen Garde, der gegen die Rote Armee gekämpft hatte? Damit hätte er nicht nur erreicht, dass die Auflage ­eingestampft worden und der Roman für alle Zeiten ­verschwunden wäre, sondern er hätte auch sein eigenes Leben in Gefahr gebracht, als unzuverlässiger Kol­ laborateur wäre er womöglich hingerichtet worden. Er spielte das Spiel weiter. Vielleicht glaubte er, ein zweiter Band würde nicht mehr so viel Aufsehen er­ regen, das ist ja oft der Fall. Das Gegenteil trat ein. Der zweite und dann auch der dritte Band waren noch größere literarische Sensationen. Und nicht nur das. Stalin und seine Funktionäre stilisierten Scholochow zum Idealbild des sozialistisch-realistischen Schrift­ stellers sowjetischer Prägung. Im vierten und letzten Band fand diese Tendenz ihren Ausdruck – und die Literaturkenner waren ent­ täuscht. Mehr als enttäuscht. Das Gerücht sagt, diesen Band habe Scholochow selbst geschrieben oder nach den inhaltlichen Maßgaben Krjukows vollendet, aller­ dings ohne dessen Genie.

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as das Nobelkomitee in Stockholm trotz aller ­Gerüchte dazu veranlasste, den Preis an Michail Scholochow zu vergeben, auch darüber kann man nur spekulieren. 1965 war der Kalte Krieg an sei­ nem Höhepunkt. Die Kubakrise lag gerade erst drei Jahre zurück, der Schrecken eines Atomkriegs zwischen den USA und der UdSSR saß noch tief. Vielleicht mein­ ten die Mitglieder des Komitees, mit ihrem Entscheid zur Entspannung beitragen zu können. Wir wissen es nicht. Michail Scholochow hatte ein Versprechen gegeben, und er hatte das Versprechen gehalten. Sehr früh war ihm bewusst, dass dieses Versprechen sein ganzes eigenes Leben bestimmen wird. Und ihm wird auch klar ­gewesen sein, dass ein Leben, das auf einer Lüge auf­

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Vielleicht bekam er den Nobelpreis nur, weil 1965 der Kalte Krieg an seinem Höhepunkt war. baut, jederzeit in sich zusammenbrechen kann. Mit Fluch und Schmach. Zehn Jahre nach der Vergabe des Nobelpreises wurde Scholochow vor laufender Kamera hart mit dem Vorwurf des Plagiats konfrontiert. Da brach er zusammen, weinte und sagte: „Richten Sie bitte Ataman Glaskow aus, wie sehr ich mich schäme. Ich bitte die Kosaken, mir zu verzeihen.“

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ie Sache ist dennoch nicht eindeutig. Alles bleibt immer Gerücht. Die Aufnahmen könnten getürkt sein, den Frager sieht man nicht. Und so weiter. Die Wissenschaft der literarischen Stilanalyse kam zu konträren Urteilen. Die einen sagten, nein, Scholochow hat nicht gelogen, er ist der Autor von „Der stille Don“, seine späteren, spärlichen Werke sind zwar unvergleich-

lich schlechter, aber er ist nicht der einzige Autor, den das Talent schon in jungen Jahren verlassen hat. Andere Spezialisten glaubten zu wissen, dass Scholochow sich alles erschlichen hat: die Ehre, das Geld, den Preis. Wie auch immer. Den Roman gibt es. „Der stille Don“ gehört zu den ganz großen literarischen Werken des 20. Jahrhunderts. Gleich, wer ihn geschrieben hat, gleich, wie er gerettet wurde, er ist da, wir dürfen ihn lesen. Ich möchte sagen: Michail Alexandrowitsch ­Scholochow ist ein Held. Er hat uns etwas Schönes gegeben – oder an uns weitergegeben –, und er hat dafür sein Leben auf die Waage gelegt.

Michael Köhlmeiers Geschichten gibt es auch zum Anhören im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify, auf redbulletin.com/podcast oder einfach den QR-Code scannen.

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Gesamtleitung Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.) Chefredaktion Andreas Rottenschlager, Andreas Wollinger (Stv.) Creative Direction Erik Turek, Kasimir Reimann (Stv.) Art Direction Marion Bernert-Thomann, Miles English, Tara Thompson Grafik Martina de Carvalho-Hutter, Kevin Faustmann-Goll, Cornelia Gleichweit Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Tahira Mirza, Rudi Übelhör Digitalredaktion Christian Eberle-Abasolo (Ltg.), Marie-Maxime Dricot, Melissa Gordon, Lisa Hechenberger, Elena Rodríguez Angelina Head of Audio Florian Obkircher Special Projects Arek Piatek Chefin vom Dienst Marion Lukas-Wildmann Managing Editor Ulrich Corazza Publishing Management Ivona Glibusic, Bernhard Schmied, Melissa Stutz, Anna Wilczek Managing Director Stefan Ebner Head of Media Sales & Partnerships Lukas Scharmbacher Head of Co-Publishing Susanne Degn-Pfleger Projektmanagement Co-Publishing, B2B-Marketing & Communication Katrin Sigl (Ltg.), Mathias Blaha, Katrin Dollenz, Thomas Hammerschmied, Teresa Kronreif (B2B), Eva Pech, Valentina Pierer, Stefan Portenkirchner (Communication), Jennifer Silberschneider Creative Services Verena Schörkhuber-Zöhrer (Ltg.), Sara Wonka, Julia Bianca Zmek, Edith Zöchling-Marchart Commercial Management Co-Publishing Alexandra Ita Editorial Co-Publishing Raffael Fritz (Ltg.), Gundi Bittermann, Mariella Reithoffer, Wolfgang Wieser Executive Creative Director Markus Kietreiber Senior Manager Creative Elisabeth Kopanz Art Direction Commercial & Co-Publishing Peter Knehtl (Ltg.), Luana Baumann-Fonseca, Erwin Edtmayer, Simone Fischer, Andreea Gschwandtner, Lisa Jeschko, Araksya Manukjan, Carina Schaitten­berger, Julia Schinzel, Florian Solly, Dominik Uhl, Sophie Weidinger, Stephan Zenz Abo & Vertrieb Peter Schiffer (Ltg.), Marija Althajm, Nicole Glaser, Victoria Schwärzler, Yoldaş Yarar Anzeigenservice Manuela Brandstätter, Monika Spitaler Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Friedrich Indich, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailović, Sandra Maiko Krutz, Josef Mühlbacher Finanzen Mariia Gerutska (Ltg.), Simone Kratochwil, Klaus Pleninger MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler IT Service Desk Maximilian Auerbach Operations Alice Gafitanu, Melanie Grasserbauer, Alexander Peham, Thomas Platzer Projekt Management Dominik Debriacher, Gabriela-Teresa Humer Assistant to General Management Sandra Artacker Herausgeber & Geschäftsführer Andreas Kornhofer Verlagsanschrift Am Grünen Prater 3, A-1020 Wien Telefon +43 1 90221 -0 Fax +43 1 90221-28809 Web redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-LepperdingerStraße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dkfm. Dietrich Mateschitz, Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber

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