DEUTSCHLAND MAI 2022 € 2,50
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SPASS
8. MAI 2022
Wings for Life World Run Champ Florian Neuschwander läuft 100 Kilometer mit dem Gute-Laune-Turbo FREDERICK
LAU
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BEYONCÉ
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MAREN
SCHILLER
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JOEY
K E L LY
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CARISSA
MOORE
E D I TO R I A L
WILLKOMMEN
IM CHAOS DER GEFÜHLE
KLEINER SHAO
Seinen Spitznamen „Little Shao“ bekam Fotograf Thinh Souvannarath, weil er Moves beherrscht wie ein Shaolin-Mönch. Ein weiteres Talent: Tänzer atemberaubend in Szene zu setzen, wie ab Seite 18.
Für das Shooting unserer Titelgeschichte fuhren wir mit dem Auto von München nach Inzell, wo Florian Neuschwander wohnt. Eine Strecke, die der Vierzig jährige wohl laufend zurückgelegt hätte. Der Ultramarathon-Läufer joggt Distanzen von 100 Kilometern – und noch weiter. In dieser Ausgabe verrät er uns, wie man jedes Ziel im Leben erreichen kann und warum es wichtig ist, dabei Spaß zu haben. Um Spaß geht es auch in unserem Interview mit Frederick Lau. Der Schauspieler lässt seinen Gefühlen freien Lauf und findet: Wir sollten öfter auf der Straße tanzen, wenn wir uns freuen. Yann Scussel hingegen ist das Lachen vergangen, als er den Plastikmüll im Genfersee sah. Daraufhin schlüpfte der Schweizer Umweltaktivist in einen Neoprenanzug und ließ sich wie eine Plastikflasche 29 Stunden die Rhone hinuntertreiben. Ein Abenteuer, das inspiriert.
CHRISTINE YU
kennt sich mit Sport aus. Die New Yorkerin arbeitet auch für „Runner’s World“ und ESPN. Ihr Porträt der SurfWeltmeisterin Carissa Moore: ab Seite 46.
15.000
Liter Wasser fasst das Löschfahrzeug der ARFF. Was die US-EliteEinheit der Feuerwehr damit löscht? Die Antwort: ab Seite 56.
NORMAN KONRAD (COVER), LITTLE SHAO, MARK BENNINGTON
Gute Unterhaltung mit der neuen Ausgabe von The Red Bulletin! Die Redaktion
MOMENT DER RUHE
Ein seltener Anblick: Flo Neuschwander sitzt auf einem Laufband. Normalerweise bricht er darauf lieber Rekorde. Welchen er bis heute hält: ab Seite 36.
THE RED BULLETIN
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I N H A LT The Red Bulletin im Mai 2022
SURFEN
46 KÖNIGIN DER WELLEN COVERSTORY
36 L AUF, FLO, LAUF!
Florian Neuschwander kennt kein Halten. Der Ultramarathon-Läufer joggt Strecken, für die andere den Zug nehmen.
Die fünffache Surf-Weltmeisterin Carissa Moore besiegt ihre Selbstzweifel mit „Aloha“.
FEUER? MARSCH!
56 EINE HEISSE TRUPPE
44 ERDE Das Handy stört beim Laufen? Der Schuh drückt? Maren Schiller weiß, was zu tun ist.
Ein Besuch bei der weltbesten Feuerwehreinheit: der ARFF am Flughafen von Los Angeles.
ABENTEUER
68 SO ’NE FLASCHE
PORTFOLIO
18 F LUGOBJEKTE
Fotograf Little Shao scheint mit seiner Kamera die Schwerkraft aufzuheben.
FILM
30 FREDERICK LAU
Der Schauspieler über Bergsteigen auf Borneo und warum wir mehr tanzen sollten.
BERGLAUFEN
32 AUF GEHT’S!
Motivationsprobleme? Bergläuferin Denisa Dragomir weiß, was dann zu tun ist.
Eishockey-Star Frederik Tiffels über den Umgang mit Enttäuschungen und die WM.
LAUFEN
44 SO LÄUFT ALLES GUT
Run-Fluencerin Maren Schiller verrät die besten Tricks für entspannte Jogging-Runden.
75 REISEN. Eine Kitesurf-Rallye in Brasilien – über 500 Kilometer! 80 L AUFSCHUHE. Sport machen wir nun draußen – mit diesen Modellen. 82 LESESTOFF. John Gwynne ist der Meister des Fantasy-Genres.
46 WASSER Der amerikanische Surf-Superstar Carissa Moore hat ihr Lachen wiedergefunden.
EUGEN SCHILLER, STEVEN LIPPMAN, JIM KRANTZ, LITTLE SHAO
34 C OOLER TYP
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GUIDE
Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen
84 BIOHACKING. Nervös? Dann bitte auf diese Körperstellen klopfen
EISHOCKEY
6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK
Warum sich der Schweizer Yann Scussel die eiskalte Rhone hinuntertreiben ließ.
85 P LAYLIST. DJ David Morales und die Platten seiner Jugend 86 K ALENDER. Auf diese Events freuen wir uns in den nächsten Wochen. 88 MOBILITÄT. Wir präsentieren: die besten E-Autos auf dem Markt. 92 B OULEVARD DER HELDEN. Die tragische Geschichte des brasi lianischen Fußballers Garrincha
15 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 16 MEIN ERSTES MAL
96 IMPRESSUM 98 CARTOON
56 FEUER Rückt an, wenn es brenzlig wird auf dem Los Angeles International Airport: die ARFF.
THE RED BULLETIN
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LUFT Der Fotograf Little Shao schießt ein malige One-Takes von Tänzern, die zu schweben scheinen.
THE RED BULLETIN
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BANKS, IDAHO, USA
Hier wird geblitzt
JOHN WEBSTER/RED BULL ILLUME
LOU BOYD
Schon bei Tag sind die Stromschnellen des nördlichen Arms des Payette River nichts für Anfänger. Sie in finsterer Nacht zu bezwingen bedarf fortgeschrittener Ortskenntnisse. Wildwasser-Kanute Hayden Voorhees kennt den Fluss wie seine Westentasche: Er hat hier als Kind Paddeln gelernt. Man ahnt, dass auch die Fotos vom wilden Ritt eine Herausforderung waren. John Webster hat den Stunt mit Bravour – und starkem Blitzlicht – gemeistert. Instagram: @johnjwebster
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WORONESCH, RUSSLAND
Let’s get funky! Der russische Fotograf Alexey Shabanov experimentiert gern: mit Rauch, Wasser, Eis, mitunter auch mit Winkelschleifern – die machen so schöne Funken, wenn sie auf Metall treffen. Um den BMXKünstler Konstantin „Kostya“ Chernov in einer stillgelegten Baggerfabrik gebührend in Szene zu setzen, sorgte er mit gleich zwei dieser Werkzeuge für entsprechend aufgekratzte Stimmung. Instagram: @molot0v1 8
CHAMONIX, FRANKREICH
SpitzenAussicht
ALEXEY SHABANOV/RED BULL ILLUME, ANTOINE MESNAGE/RED BULL ILLUME
Drei Tage dauerte es, bis Fotograf Antoine Mesnage und Seiltänzer Hael Soma diesen abgelegenen Ort im Kessel des Mont-Blanc-Massivs erreicht und die Highline an einer Granitnadel montiert hatten. Dann konnte der Spaziergang über dem Abgrund, 700 Meter über dem Mer de Glace, dem größten Gletscher Frankreichs, beginnen. Das Bild dokumentiert einen „ziemlich i ntensiven Moment“, meint Mesnage. Da hat er recht. Instagram: @antoine.mesnage
SLAWOMIR KRAJNIEWSKI/RED BULL CONTENT POOL
TRYBUNALSKI, POLEN
Er hat den Dreh raus Es ist ein Genuss, Kunstflug-Ass Łukasz Czepiela, 38, bei seinen Manövern zu beobachten. Noch mehr Spaß macht es, wenn man dabei mit ihm auf Augenhöhe ist. Das ist der Witz der „Air-to-Air-Meetings“, die der polnische Fotograf Sławek „Hesja“ Krajniewski seit 2017 regelmäßig ver anstaltet. Dabei sitzen die Fotografen im offenen Heck eines zweiten Flugzeugs, was spektakuläre Aufnahmen wie diese garantiert. Noch mehr Luftnummern: hesja.pl
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Z AHL EN, BI T T E!
BEYONCÉ
Eine Stimme für die Welt Beyoncé Knowles-Carter, 40, ist geschlechterübergreifend einer der erfolgreichsten Popstars der Welt. Hier ein paar glamouröse Details zu ihrer Karriere: wie alt sie bei ihrem ersten TV-Auftritt war, wie viele Hilfsorganisationen sie unterstützt und zu welchem Anlass sie Privatjets verschenkt.
sang sie bei Barack Obamas zweiter Amtseinführung als Präsident die US-Hymne.
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ist ihre Glückszahl. Sie und Ehemann Jay-Z haben jeweils an einem 4. Geburtstag, beide tragen ein „IV“-Tattoo am Ringfinger.
Millionen Euro kostete der Privatjet, den sie ihrem Ehemann Jay-Z 2011 zum Vatertag schenkte.
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Grammys gewann Beyoncé – mehr als jeder andere Einzelinterpret, ob Mann oder Frau.
Alben (also alle) stiegen in den US-Charts auf Platz 1 ein – was vorher keinem Solokünstler gelungen ist.
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verschiedene Sprachen ieten auf Wikipedia einen b Eintrag über die Sängerin.
Jahre alt war Beyoncé bei ihrem ersten TV-Auftritt mit der Band Girls Tyme in der Talentshow „Star Search“.
440
Millionen Dollar schwer ist Beyoncé laut Businessmagazin „Forbes“.
1
458.000
ihrer Wortschöpfungen („bootylicious“, ein Adjektiv für „mit einem sexy Hinterteil ausgestattet“) schaffte die Aufnahme ins Oxford English Dictionary.
Fans weltweit sahen ihren Auftritt beim Coachella- Festival 2018 live auf YouTube – Festival-Rekord!
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THE RED BULLETIN
HANNES KROPIK
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CLAUDIA MEITERT
Hilfsorganisationen unterstützt Beyoncé mit Millionenbeträgen, dazu betreibt sie ihre eigene Charity „BeyGOOD“.
2013
GETTY IMAGES (2)
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Tage alt war Tochter Blue Ivy, als ihr Daddy – Rapper Jay-Z – ihre Stimme für den Song „Glory“ aufnahm.
TISSOT SEASTAR 1000 WASSERDICHT BIS ZU EINEM DRUCK VON 30 BAR (300 M) T I S S OT WATC H E S . C O M
F U ND ST Ü CK
SABRINA LUTTENBERGER
Mit dem Box-Epos „Rocky“ gelang Sylvester Stallone 1976 der Durchbruch in Hollywood. Sieben weitere Teile sollten folgen.
SYLVESTER STALLONE
Schlag nach bei Rocky
JULIEN‘S AUCTIONS/EMILY MCGAHEE
Die Original-Boxhandschuhe aus dem Film „Rocky Balboa“, 2006 30 Jahre nach dem Hollywood-Klassiker „Rocky“ zog Sylvester Stallone 2006 für das Sequel „Rocky Balboa“ ein letztes Mal die Boxhandschuhe an, bevor er sie in „Creed“ (2015) an seinen Schüler weitergab. Mit seinen immerhin 60 Jahren zeigte Stallone beim Dreh noch vollen Körpereinsatz. Die Folgen: ein gebrochener Fuß und eine kurze Ohnmacht nach einem Schlag. Die Handschuhe vom Dreh brachten vor kurzem auf einer Versteigerung 16.000 US-Dollar.
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THE RED BULLETIN
DAS F IK T IVE PHILO S O PHEN -IN T ERV IE W
KAISER MARC AUREL SAGT:
„Nimm dich nicht so wichtig. Dann lebst du deutlich besser.“ Manch einer nimmt sich Kritik schrecklich zu Herzen und leidet dann wie ein Hund. Mit der richtigen Einstellung muss das nicht sein, meint der Philosoph und römische Kaiser Marc Aurel. Wie er es geschafft hat, trotz seiner vielen Gegner und Kritiker stets ein Muster an Gelassenheit zu bleiben, erklärt er im fiktiven Interview mit dem Philo sophen Christoph Quarch.
the red bulletin: Eure Majestät, Herr Imperator, Kaiser … marc aurel: Lassen Sie den Quatsch! Nennen Sie mich Marcus, und kommen Sie zur Sache.
DR. CHRISTOPH QUARCH
BENE ROHLMANN
Okay, dass Sie Ihren eigenen Stil gefunden haben, wird niemand bestreiten. Aber meinen Sie, dass wir gut beraten wären, uns diesbezüglich Sie zum Vorbild zu nehmen? Ja, ich denke, es liegt in der Natur des Menschen, etwas Besonderes sein zu wollen – nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich. Und dieses Bedürfnis drückt sich eben im persön lichen Stil eines Menschen aus.
Ha, aber das ist doch ebenfalls eine Art, sich gegen Kritik zu immunisieren: Der andere tut Ihnen leid, aber zu sagen hat er Ihnen nichts …? Wieder falsch. Denn auch wenn dieser konkrete Mensch mich womöglich nichts angeht, gehe ich doch davon aus, dass seine Worte und sein Handeln mir etwas zu sagen haben. Wir leben in einem Kosmos, in dem alles mit allem zusammenhängt und in dem nichts zufällig geschieht. Ob Sie es nun Gott, die Weltvernunft oder das Schicksal nen nen – ich bin davon überzeugt, dass ich alles, was mir widerfährt, dazu nutzen kann, meiner Pflicht als Mensch und Kaiser besser zu genügen.
Echt jetzt? Wenn jemand Sie angreift oder verletzt – egal ob mit Worten oder Waffen –, deuten Sie das als Wink des Schicksals? Und regen sich nicht weiter darüber auf? So ist es. Jedenfalls versuche ich alles, was geschieht, zu begrüßen und anzunehmen. Ich sage mir: Das alles „Wie viel Zeit habe dient nur dazu, dass ich etwas dazu ich schon damit lernen kann. Mit dieser Haltung lebt verplempert, es sich viel entspannter. Wie viel Zeit habe ich schon damit verplempert, mich über Leute mich über Leute aufzuregen, Umstän Ärgern Sie sich eigentlich oft über aufzuregen …“ de zu beklagen, über Nichtigkeiten Ihre Kritiker? rumzuheulen. Das Leben ist so kurz, Sie meinen meine Mitmenschen? Nein. mein Freund, da sollten Sie Ihre Zeit lieber darauf Ich ärgere mich nicht über sie. Wieso sollte ich? Jeder Mensch tut das, von dem er glaubt, es sei das verwenden, Ihren Mitmenschen nützlich zu sein. Richtige. Das gilt auch für meine Gegner und Rivalen. Ja, es gilt sogar für die Feinde Roms, mit denen ich Und wo bleiben Sie dabei? dauernd Krieg führen musste. Deshalb unterstelle Was für eine lächerliche Frage! Als ob es hier um mich ich niemandem böse Absichten – allenfalls Dumm ginge. Morgen bin ich eh tot. Und ich werde keinen heit oder Verblendung. Aber das ist deren Sache, Tag länger oder besser leben, wenn ich mich ab jetzt nicht meine. zum Mittelpunkt der Welt erkläre. Es lebt sich deut lich besser, wenn man sich nicht so wichtig nimmt. Das heißt, Sie lassen die Kritik an Ihrer Person einfach abperlen? MARCUS AURELIUS (121 –180) war die letzten neunzehn Jahre Nein, so ist es nicht. Ich höre mir sehr genau an, was seines Lebens Kaiser des Römischen Reichs. Wirklich glücklich war er damit nicht, denn als junger Mann hegte er den Wunsch, andere mir zu sagen haben. Und ich frage mich dabei als Philosoph eine Gelehrtenlaufbahn einzuschlagen. Seine sogleich, worum es ihnen eigentlich geht – was die Regentschaft war überschattet von zahlreichen Kriegen an der Leute wirklich antreibt. Auf diese Weise kann ich sie Nordgrenze des Reichs. Kurz vor seinem Tod verfasste er im verstehen. Manchmal erkenne ich im Hintergrund Feldlager seine berühmt gewordenen „Selbstbetrachtungen“. ihres Tuns oder ihrer Worte einen bedauerlichen CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer Irrtum. Oder ich sehe, dass sich jemand von seiner der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor Leidenschaft oder seinen Ängsten hat übermannen zahlreicher philosophischer Bücher, zuletzt: „Kann ich? Darf lassen. Anstatt mich zu ärgern, empfinde ich in ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen“, legenda Q, 2021. solchen Fällen allenfalls Mitleid.
THE RED BULLETIN
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M EIN ERST ES M A L
JOEY KELLY
„Ich wurde ausgelacht“
Die meisten kennen ihn als Musiker. Genauer: als MitAlso, Startschuss, alle sprangen ins Wasser. Ich gab glied der Kelly Family. Ab 1974 (Joey war damals zwei) Vollgas – im Schmetterlingsstil. Nach 70 Metern war tingelte die Straßenmusikerfamilie im Doppeldeckerich Letzter und bekam keine Luft mehr. Ich hielt mich bus quer durch Europa. Bis zum großen Durchbruch: an einer Boje fest und schwamm zurück zum Start. Das Album „Over the Hump“ Mein Freund filmte weiter, der (1994) verkaufte sich weltweit war nur am Lachen. ‚Was bist du fünf Millionen Mal und gilt als für eine Flasche!‘, rief er, ‚und eines der erfolgreichsten Alben dafür bin ich mitgekommen?‘ der deutschen Musikgeschichte. Ich schnauzte zurück: ‚Halt dein Heute steht der Name Joey Maul, und schalt die Kamera ab!‘ Kelly vor allem für AusdauerAber der Arsch drehte weiter. sport: Mehr als 50 Marathons, In diesem Moment spürte ich 31 Ultra-Marathons, 13 Ironmaneinen Kick: Das kann es doch Wettbewerbe, zehn Wüsten-Läufe echt nicht gewesen sein! Also und viermal das Race Across sprang ich wieder ins Wasser. America hat er in den letzten Diesmal probierte ich es mit 25 Jahren unter anderem absolBrustschwimmen, das ging besviert. Viele seiner durchgeknallser. Danach aufs Fahrrad. Auch ten Abenteuer wurden von Fernda eine katastrophale Leistung, sehteams begleitet: Sein „Wettich war immer noch Letzter. 0:00 –37:40 lauf zum Südpol“ lief auf ZDF, Beim Laufen überholte ich dann Joey Kelly RTL folgte ihm dabei, wie er die hundert Meter vor dem Ziel zwei Mein erstes Mal – der Podcast USA ohne Geld durchquerte. Ältere, die am Quatschen waren. Hier erzählt der 49-Jährige Drittletzter also, meine Zeit: von seinem ersten Triathlon 3:36 Stunden. Profis brauchen (1,5 Kilometer Schwimmen, halb so lang. Ich dachte: Wette „Ich gab Vollgas – im 40 Kilometer Radfahren, 10 Kilogewonnen, gut, aber so einen meter Laufen). Davon, wie sehr Schmetterlingsstil … Scheiß mache ich nie wieder. er sein erstes sportliches Abenund war Letzter.“ teuer hasste – und wenig später Drei Tage hielt dieser Vorsatz. Bis lieben lernte: mir klar wurde: Ich kann diese Musiker Joey Kelly amüsiert sich Blamage nicht auf mir sitzen lasüber seinen holprigen Start als Triathlet. sen. Die Niederlage spornte mich „Am Anfang stand eine Wette mit an. Und noch wichtiger, für meimeiner Schwester Patricia. Sie nen Beruf war der Ausdauersport der optimale Auswollte bei einem Triathlon mitmachen. Und ich: Okay, gleich. Ich ging nach unseren Konzerten laufen und das schaff ich auch. ‚Niemals‘, meinte sie, ‚du hast Rad fahren. Je härter ich trainierte, desto mehr Spaß keine Ahnung, was da auf dich zukommt.‘ Unrecht hatte ich. Zwei Jahre später finishte ich acht Ironman- hatte sie nicht. Ich wusste nicht einmal, wie weit man Triathlons innerhalb von zwölf Monaten. Ein Rekord, schwimmen muss oder ob da auch Reiten als Disziplin das hatte vor mir noch keiner geschafft.“ dazugehört. Aber ich dachte, ich bin ein cooler Typ, jung und berühmt, ich schaff das auch ohne Training. Und so ging ich 1996 beim Triathlon in Roth in der Nähe von Nürnberg an den Start. Ich brachte sogar jemanden mit, der mich filmen sollte. So sicher war ich mir, dass ich das Ding rocken – und vielleicht sogar gewinnen – würde. So bekloppt war ich! Patricia „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, war an dem Tag krank. Aber inzwischen waren auch in der H eldinnen und Helden über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit andere Familienmitglieder in die Wette eingestiegen: Joey Kelly, in der er auch erzählt, wie man große Projekte bewältigbar 800 D-Mark standen auf dem Spiel, das war eine macht, gibt’s im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast Menge Geld damals!
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THE RED BULLETIN
PICTUREDESK.COM
Vom Popstar zum Extremsportler: Heute läuft das Mitglied der legendären K elly Family durch Wüsten und Regenwälder. Hier erzählt er von seinem ersten Triathlon. Von einer Niederlage, die ihm den Weg zeigte.
© 2021 Garmin Ltd. or its subsidiaries. All rights reserved. Auf bestimmten Modellen. Voraussetzung: ganztägige Tragezeit mit 3 Std. Aufenthalt im Freien bei 50.000 Lux
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P O RT FO L IO
Schwerkraft? Nein, danke! Der in Paris lebende Fotograf Little Shao sieht B-Boys und seine Kumpels aus der Welt des Tanzes als Superhelden. Weil sie physikalischen Gesetzen trotzen und auch in schwierigen Zeiten befreiende Leichtigkeit vermitteln. Hier zeigt der Ästhet seine Serie von fliegenden Tänzern. Text NINA KALTENBÖCK 18
Schlaflos in Philly
Philadelphia, Pennsylvania, USA, 2017
B-Boy Drud aus der Ukraine atte sich beim Breakdanceh Event Silverback Open offenbar noch nicht genug verrenkt. „Um ein Uhr früh haben wir diese coole Brücke gefunden. Ich mag, wie dem langen und gelenkigen Drud das Licht direkt auf den Kopf fällt und er Schatten auf den B oden wirft. Ganz ohne Blitz“, sagt Fotograf Little Shao.
P O RT FO L IO
„One-Shots only! Ich habe eine präzise Vision und will nichts wiederholen.“ Little Shao
Ganz ohne Sch***!
Mumbai, Indien, 2019
„Diese Szenerie gibt es auch nur einmal. Hätte ich den One-Click verkackt, wäre es wohl nur B-Boy Bart aus Brasilien in aller Herrgottsfrüh vor Mumbais Toren gewesen“, grinst Little Shao. Der Backflip im Zuge des Red Bull BC One World Final hat die Vögel zwar auf gescheucht, aber kein einziger hat sich auf ihn erleichtert. Sauber!
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THE RED BULLETIN
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„Es ist alles eine Frage der Balance und wo genau der Schwerpunkt liegt.“ Little Shao
Haargenau getroffen
Chicago, Illinois, USA, 2016 Model, Tänzerin und Ballett-Leichtgewicht Renee Lee regelt an einem kalten Montagmorgen im Oktober mit ihrer grazilen Pose den Verkehr. „Es brauchte nur einen Sprung“, erzählt Shao. „Weil ich selbst Tänzer bin, weiß ich, welche Lines gut aus sehen. Was Renee aber am meisten freute: Ihre Haare klebten nicht vollkommen zerzaust im Gesicht.“ Das war wohl nur ein Detail, warum es das Sujet ins Finale des Fotowettbewerbs Red Bull Illume schaffte.
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50 Shades of Grey
Paris, Frankreich, 2020 La Défense ist ein modernes Hochhausviertel im Département Hauts-deSeine und gilt als Europas größte Bürostadt. Vor der bunten Wand turnt Akrobat Andrea Catozzi. Für Little Shao war’s eher grau in grau. Er erklärt: „Ich bin farbenblind. Wie ich die Welt sehe, ist meine Superpower.“
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Entspannter Teufelskerl Paris, Frankreich, 2017
Der Autor J. M. Smith schreibt: „Wenn du mit dem Teufel tanzt, dann hast du keine Ahnung, denn du denkst, du wirst den Teufel ändern, aber der Teufel ändert dich.“ Jean Michel Premier alias Diablo ist ein SoloFreestyler mit Freude am Risiko, der unseren Blick dafür verändert, was wir für möglich halten. „Er sprang von einem fünf Meter hohen Denkmal, und ich erwischte ihn aus einem flachen Winkel“, erklärt Shao.
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Ab durch die Hecke! Paris, Frankreich, 2018
Mit Francis Quessary alias 6fran, seinem Teamkollegen von der R.A.F Crew, spazierte Little Shao zeitig am Morgen durch den Parc de Sceaux. Das Licht war traumhaft, die Luft kalt, aber zart, die Atmosphäre filmreif. „Es war das letzte Foto am Weg nach Hause und ein magischer Moment“, schwärmt der Fotograf.
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„Breakdance hat mich zu einem Fotografen gemacht, der einzigartig arbeiten und niemals kopieren möchte.“ Little Shao
Der Luftläufer
Paris, Frankreich, 2019 Ablaye Diop arbeitet als Tänzer, Performer und Choreograf und ist dafür bekannt, besonders mit seinen Armen ausdrucksstark zu tanzen. Little Shao, immer noch beeindruckt: „Wir haben bei den Wohntürmen von Les Olympiades geshootet. Ich liebe diesen Ort! Ablaye wirkte, als könne er in der Luft laufen.“
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Ready for Take-off? Paris, Frankreich, 2019
Lment, der Gewinner des Contests Red Bull Dance Your Style Cuba, ist mit seinen Breaking-Skills das erste Mal in Paris angetreten. Mit Ehrfurcht und Höhenangst. Little Shao erinnert sich: „Der Eiffelturm war in meinem Rücken und hat Lment zumindest etwas davon abgelenkt, dass nur drei Schritte hinter ihm die Pariser Straßen lagen.“
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„Meine Obsessionen sind die Fotografie, Breaking und nächte langes Gamen.“
FLORA MÉTAYER
Little Shao
Little Shao bei einer seiner liebsten Beschäftigungen: „Ich fotografiere viel auf den Dächern von Paris!“
DER FOTOGRAF
LITTLE SHAO Wer Thinh Souvannarath heißt, braucht dringend einen Künstlernamen, fanden seine Homies aus der Breakdance-Szene – und verpassten B-Boy Thinh daher den Namen Little Shao. „Ich war der Kleinste der Crew, hatte einen rasierten Kopf und Moves wie ein Shaolin-Mönch drauf“, erzählt der heute 39-Jährige mit vietnamesischen Wurzeln. Mit der Hip-Hop-Kultur kam Little Shao in den herunter gekommenen Vororten von Paris in Kontakt, wo er aufgewachsen ist. Darauf folgten beruflich einige Jahre als Business Analyst in einer Bank. Dann beschloss er, Fotograf zu werden: „Ich möchte der Welt meine Visionen zeigen.“ Seither lautet sein Motto: Nur nicht jeden Tag dasselbe machen. Das verkörpern auch die Tänzer in seiner Fotoserie. „Jeder hat einen Signature-Move. Wie Spider-Man, der springt auch nicht kerzengerade.“ Little Shao hat ebenfalls etwas Bemerkens wertes: Er ist farbenblind. Was er jedoch nicht als Einschränkung begreift: „Meine Art, die Welt zu sehen, ist meine Superkraft!“ Instagram: @littleshao, aktuelle Ausstellung: Rue de Rivoli beim Tour Saint-Jacques, Paris, noch bis 20. Mai
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FIlm
Frederick Lau ist als Schauspieler auf harte Typen abonniert. Privat hingegen steht er für große Emotionen. Zu Hause wird viel gelacht und viel geweint – aus Überzeugung. Text RÜDIGER STURM
Foto PASCAL BÜNNING
Eigentlich ist Frederick Lau nicht interviewtauglich. Er leidet an einer schmerzhaften Infektionskrankheit und kann kaum ruhig sitzen. Doch der 32-jährige Schauspieler beißt sich für unser Gespräch durch, weil ihm sein neuer Film „Wolke unterm Dach“ (ab 28. April im Kino) am Herzen liegt. Für dieses Durchhaltevermögen lieben ihn die Zuschauer auch in seinen Rollen. Egal ob in packenden Drama-Serien wie „4 Blocks“ oder in Liebesfilmen wie „Generation Beziehungsunfähig“ – Lau strahlt immer so eine raue Authentizität aus. Was nicht bedeutet, dass er keine verletzliche Seite besäße. Im Gegenteil: Lau plädiert dafür, dass wir mehr Gefühle zeigen. the red bulletin: „Wolke unterm Dach“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der mit dem Tod seiner Frau klarzukommen versucht. Setzen Sie selbst sich eigentlich mit solchen Fragen auseinander? frederick lau: Das musste ich zwangsläufig durch den Tod meines Bruders und meines Vaters. Was es besonders schwierig macht, ist, wenn man sich nicht verabschieden kann. In dieser Geschichte flüchtet sich die kleine Tochter in eine Fantasiewelt, und das kann ich nachvollziehen. Jeder hat seine eigene Art, mit Trauer umzugehen. Wobei es auch wichtig ist, sich Hilfe zu holen. Denn so eine Erfahrung kann schnell dazu führen, dass man sich in einer Depression verliert.
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Wie gut stecken Sie Schicksals schläge weg? Einen Fall wie im Film, wo die eigene Frau plötzlich stirbt, möchte ich mir nicht vorstellen. Aber wenn es um so etwas wie Scheitern geht, dann ist das für mich nichts Schlimmes. Da kann man immer wieder neu anfangen und weitermachen. Sind Sie schon mal gescheitert? Ich wollte eigentlich Eishockey spieler werden, habe schon mit drei angefangen. Aber irgendwann habe ich nicht mehr die Leistung gebracht, um erfolgreich zu sein. Also habe ich mich entschieden, Schauspieler zu werden. In „Wolke unterm Dach“ geht es darum, dass man seine Gefühle nicht zurückhalten soll. Wie sehen Sie das? Mein Vater meinte einmal zu mir, dass es ganz schlimm ist, dass man bei uns nicht auf der Straße tanzen und seine Freude zum Ausdruck bringen darf – so wie in Brasilien oder Afrika. Hierzulande will niemand auffallen, weil er keine Schwäche zeigen will. Aber wir müssen uns mehr trauen. Ich bin jedenfalls ein Freund von großen Gefühlen. Die müssen zum Ausdruck kommen. Bei uns in der Familie wird deshalb auch viel gelacht und geweint. Ich finde es auch gut, sich mit seinen Verletzungen auseinanderzusetzen und sich, wenn nötig, einen Therapeuten zu nehmen, um an sich zu arbeiten und Dinge zu verstehen, die früher passiert sind.
Arbeiten Sie auch an sich? Unbedingt. Ich bin ein getriebener Mensch. Ich hatte nicht die beste Kindheit und will diese Vergangenheit nicht mit mir herumtragen, sondern möchte wissen, woher be stimmte Verhaltensmuster kommen, damit ich sie nicht wiederhole. Was tun Sie sonst noch für Ihre Selbstfindung? Das Wichtigste ist, Erkenntnisse zu sammeln. Deshalb möchte ich mir ganz viele Welten angucken, um Neues zu erfahren. Ich bin mit meiner Familie viel in der Welt unter wegs, und zwar meistens mit Zelt und Rucksack, ohne fließend Wasser, immer ganz nah an der Natur. Klingt, als steckte da ein Aben teurer in Ihnen … Total. Wenn es mit der Schauspielerei nicht mehr klappt, fände ich es superspannend, mich der Archäologie zu widmen. Ich bin auch mit einem Kameramann befreundet, der Tier dokumentationen macht. Den würde ich gerne begleiten und Mäuschen spielen. Aber ich mache das auch spontan. Zum Beispiel bin ich mal aus einer Schnapsidee heraus auf den Mount Kinabalu auf Borneo gestiegen, der ist mit 4095 Metern der höchste Berg Südostasiens. Weil ich nicht dachte, dass es da oben kalt sein könnte, hatte ich nur Pulli und Jogginghose an. Trotzdem habe ich Lust, noch mehr solcher Sachen zu machen. Zum Beispiel? Das Weltall wäre das Größte für mich. Einmal bin ich bei der NASA in einem Space-Shuttle-Simulator geflogen, bei dem du die Erde von oben siehst. Ich war so aufgewühlt, dass mir die Tränen kamen. „Wolke unterm Dach“ läuft ab 28. April im Kino.
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„Als ich die Erde von oben sah, kamen mir die Tränen.“ Frederick Lau über eine Perspektive, die er nie wieder vergessen wird
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Berglaufen
Denisa Dragomir läuft Marathons in den Bergen. Geheimnisse einer Welt meisterin: wie man 3000 Höhenmeter im Renntempo bezwingt, ohne mental oder gar physisch abzustürzen. Interview JOHANNES MITTERER
Foto ALEXIS BERG
Als kleines Kind schaute Denisa Dragomir, 29, bei einem Laufwett bewerb zu und sah, wie ein Mädchen gewann. Daraufhin ging Denisa nach Hause zu ihrem Vater und sagte: „Ich möchte auch Wettkämpfe laufen!“ Mit zehn Jahren bestreitet sie ihr erstes Rennen. Als Juniorin holt sie die erste Medaille beim Hürdenlauf. Mit achtzehn startet die gebürtige Rumänin dann das erste Mal bei einem Berglauf – und gewinnt. „Mit meinem Hürdenlauf trainer hatte ich schon vorher manchmal Bergauflaufen trainiert und mich dabei immer sehr wohl gefühlt“, sagt sie. Berglaufen be deutet: 20 und 40 Kilometer über 2000 bis 3000 Höhenmeter, dazu felsiges Terrain und dünne Luft. Im vergangenen Jahr hat Denisa die Skyrunner World Series gewonnen, die Weltmeisterschaft der Bergläufer. the red bulletin: Erinnerst du dich an dein erstes Bergrennen? denisa dragomir: Während des Rennens dachte ich, ich hätte mich verlaufen, weil ich nirgendwo eine Läuferin sah. Ich war echt durchein ander. Dabei war die Zweitplatzierte zwei Minuten hinter mir. Erst als mein Team mir gratulierte, hatte ich verstanden, dass ich Erste war. Ein normaler Marathon ist schon anstrengend. Wieso quält man sich auch noch einen Berg hoch? Das meiste Training findet ja im Flachen statt – wie für einen Mara
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thon. Für mich ist das viel härter, da muss man sich richtig pushen. Das Training in den Bergen einmal pro Woche fällt mir leichter – vielleicht, weil es abwechslungsreicher ist und man seinen Laufstil ständig an das Gelände anpassen muss. Und die dünne Höhenluft? In meiner Heimat Rumänien gibt es einen Ort auf 2000 Meter Höhe in den Bergen. Dort trainiere ich im Sommer, damit mich die dünne Luft im Wettkampf nicht beeinträchtigt. Zum Teil sind die Laufstrecken sehr schmal, und an den Seiten lauert der Abgrund. Kriegst du da nicht manchmal Angst? Nein, ich weiß, was mich erwartet. Das ist auch ganz wichtig. Ich studiere die Strecke auf der Karte, damit ich weiß, was auf mich zu kommt. Ich sage den Leuten immer: Beginne vier Monate vor dem Ren nen mit dem Training, schau dir das Profil der Strecke an. Wenn du nicht bereit bist, setze aus und komm nächstes Jahr wieder. Sonst kann es gefährlich werden. Gab es schon mal einen Moment, der heikel wurde für dich? Einmal vor ein paar Jahren, beim Maratona del Cielo in Italien, war ich nicht gründlich vorbereitet. Da läuft man sieben Kilometer lang oberhalb von 2500 Metern, auf schmalen, felsigen, teils verschneiten Graten. Wenn ich heute darauf zurückblicke, denke ich: Mach das nie wieder! Denn da kann dich ein Fehler dein Leben kosten.
Wie kommt man durch technisch so anspruchsvolle Abschnitte? Das muss man trainieren, zum Bei spiel im Fitnessstudio an der Bein presse oder noch besser direkt in den Bergen. Man braucht starke Beine. Und man darf keine Angst haben, dass ein Felsen wackeln könnte. Hast du sonst noch eine Strategie für deine Rennen? Ich versuche immer, mich nicht schon bei den Bergauf-Abschnitten zu verausgaben, um oben noch Energie für den nächsten Abschnitt zu haben. Vor ein paar Jahren, bei einem Rennen in Limone am Garda see, musste ich abbrechen, weil ich bergauf versucht hatte, an einer Konkurrentin dranzubleiben. Dabei hatte ich mich komplett verausgabt. Eine schmerzhafte Erinnerung. Also ist es besser, sich ein bisschen zurückfallen zu lassen? Ja, man darf nicht auf die anderen gucken, sondern muss sein eigenes Rennen laufen. Ich weiß, dass ich bergab schneller bin als die meisten anderen Läuferinnen. Wenn ich genügend Energie spare, hole ich bergab den Rückstand wieder rein. Meine Beine helfen mir. Kennst du das Gefühl beim Laufen: Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr? Natürlich. Solche Phasen gibt es in jedem Rennen. Und dann? Man muss wissen, dass diese Mo mente nicht länger dauern als zwei, drei Minuten und man sich dann plötzlich wieder gut fühlt. Man muss einfach lernen, diese paar Minuten zu leiden. Denisa auf Instagram: @dragomir.denisad
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„Meine Strategie? Nicht auf die Gegner gucken!“ Denisa Dragomir, 29, über Selbstbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes
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Eishockey
ist der beste Eishockey-Spieler der Champions-LeagueSaison. Warum es in der nordamerikanischen NHL nicht geklappt hat und was er jetzt anders macht, verrät er hier. Interview FABRICE BRAUN
Frederik Tiffels hat bereits einige Höhen und Tiefen im Eishockey hinter sich: Als Jugendlicher ging er in die USA und wurde vom NHL-Team Pittsburgh Pinguins gedraftet. Dort konnte sich der heute 26-Jährige aber nicht durchsetzen, er kehrte nach Deutschland zurück. Seit 2021 steht Tiffels bei Red Bull München unter Vertrag – und wurde gleich in seiner ersten Saison zum „MVP“ (Most Valuable Player/ wertvollster Spieler) gewählt und war Torschützenkönig in der Champions League. the red bulletin: Sieht so aus, als wärst du angekommen. Die Red Bulls sind dein zwölftes Team. Warum waren es so viele? frederik tiffels: Ich habe schon als Jugendlicher in Krefeld, Köln und Mannheim und in den Jugend-Nationalmannschaften gespielt. Mit sechzehn bekam ich dann die Möglichkeit, nach Amerika zu gehen. Und in den USA kannst du auch schnell zwischen Teams getauscht werden, allein im zweiten Jahr habe ich in drei verschiedenen Clubs gespielt. Wie fügt man sich immer wieder in neue Gruppen ein? Ich kann nur sagen, wie ich das gemacht habe: Du bist höflich, tust, was von dir verlangt wird, und machst das, so gut du kannst. Ich rede nur, wenn ich gefragt werde, und versuche, mit guten Leistungen zu überzeugen. Alles andere ent wickelt sich mit der Zeit von selbst.
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In den USA lief es aber nicht wie erhofft. Du hast den Sprung in die Profi-Mannschaft nicht geschafft. Wie bist du mit der Enttäuschung umgegangen? Ich habe mir gedacht: Es wird einen Grund geben, warum ich nicht spiele, also muss ich besser werden. Ich habe mich darauf fokussiert, alles zu machen, was möglich ist. Aber irgendwann habe ich mir schon die Frage gestellt: Muss es wirklich die NHL sein, damit ich glücklich bin? Will ich mich wirklich weiter quälen, ohne Spaß zu haben? Warum habe ich überhaupt mit Eishockey an gefangen? Es hat mir doch früher so viel Spaß gemacht. Dann habe ich den Entschluss getroffen, wieder zurück nach Deutschland zu gehen. War das auch der Abschied von einem Traum? Ja – wobei ich finde: Am Ende setzt sich Qualität immer durch. Wenn ich wirklich so gut bin, dann werde ich auch irgendwann noch einmal die Chance bekommen. Das klingt sehr rational. Man könnte auch mit dem Trainer hadern oder den schwierigen Umständen – so jung im Ausland … Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, ob es wirklich an mir liegt. Aber grundsätzlich möchte ich so viel Kontrolle haben wie möglich. Und wenn ich anderen die Schuld an meiner Situation in die Schuhe schiebe, dann gebe ich die Verantwortung komplett ab. Wenn ich Sidney Crosby (kanadischer NHL-Superstar; Anm.) wäre, würde ich in der
Hast du nach den Erfahrungen in den USA etwas anders gemacht? Ich war immer dafür bekannt, dass ich superhart arbeite. Aber in den letzten zwei Jahren gab es ein Umdenken. Ich habe mich gefragt: Arbeite ich wirklich nicht hart genug? Oder muss ich schlauer arbeiten? Vielleicht setze ich den Fokus ja auf die falschen Sachen. Was hast du also geändert? Ich mache etwa mehr Schusstraining nach dem eigentlichen Training. Und ich bin reifer geworden. Wenn ich mich fünfmal umdrehe, sieht das vielleicht geil aus, aber effektiv ist das nicht. Ich spiele jetzt viel effizienter. Was ist wichtiger für den Erfolg: Arbeit oder Talent? Harte, aber richtige Arbeit. Ich würde nicht sagen, dass ich der Talentierteste bin. Am 13. Mai startet die EishockeyWM in Finnland. Was traust du der deutschen Mannschaft zu? Olympia lief natürlich nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben (Platz zehn; Anm.). Dabei hatten wir davor gesagt, wir wollen Olympiasieger werden. Manche Kritiker fanden das zu hoch gesteckt, aber ich finde diesen Anspruch geil. Früher war das doch so: Oh, wir spielen gegen Kanada, lass uns bloß nicht zwei stellig auf den Sack bekommen. Jetzt gehen wir die Spiele ganz anders an. Ich finde es positiv, dass wir uns das zutrauen. Deshalb sollten wir auch bei der Eishockey-WM mit dieser Haltung reingehen und sagen: Wir wollen gewinnen. Folge Frederik auf Instagram: @ftiffels21
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RED BULL MÜNCHEN
Frederik Tiffels
NHL spielen, ob der Trainer mich mag oder nicht. Also gibt es keine Ausreden: Es liegt an mir.
„Wir sollten bei der WM mit der Haltung reingehen, dass wir gewinnen wollen.“ Eishockey-Star Frederik Tiffels, 26, über die Ziele des deutschen Nationalteams
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Laufen
LAUF, FLO, LAUF!
FLORIAN NEUSCHWANDER meistert Strecken jenseits der 100 Kilometer. Der Ultramarathon-Läufer weiß, wie man seine Ziele erreicht – egal wie mühsam sie erscheinen – und dabei auch noch Spaß hat. Text ALEXANDER NEUMANN-DELBARRE Fotos NORMAN KONRAD
GUT ZU FUSS
Flo Neuschwander, 40, gewann Silber bei der Trail-WM und hält den Weltrekord über 100 Kilometer auf dem Laufband. Sein Rezept: Spaß haben!
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Laufen
Ausgeklügelte Trainingspläne? Die interessieren Flo nicht.
D
er Lauf seines Lebens, sagt Florian Neuschwander, war nicht der, bei dem er in Nordamerika sechs Tage lang durch die Rocky Mountains rannte und nach 192 Kilometern sensationell als Sieger ins Ziel kam. Es war auch nicht der, bei dem er nach zwanzig Stunden Dauerlauf durch die kalifornische Sierra Nevada glaubte, in der Dunkelheit Puma-Augen zu sehen, wo zum Glück nur Kojoten waren. Und es war schon gar nicht der, bei dem er 2013 in Wales Vizeweltmeister im UltraTrail-Lauf wurde. Der Lauf seines Lebens führte ihn von Trier ins heimatliche Neunkirchen im Saarland. An einem Montagmorgen. Drei Tage zuvor hatte sein Laufblog mehr als 99.000 Clicks angesammelt. Macht die 100.000 voll, schrieb er seiner Community, und ich versuche den ersten 100-Kilometer-Lauf meines Lebens! Am Samstag wusste er, dass er würde rennen müssen, am Sonntag war die spontan geplante Route fertig, am Montag lief er los. Von seiner Haustür in Trier, wo er damals lebte, zu seiner Mutter in Neunkirchen, wo er aufgewachsen war. 100 Kilometer, größtenteils auf Trails, entlang des Saar-Hunsrück-Steigs. Der Ultramarathon im Februar 2014 wurde einer, der alles vereinte, was Flo am Laufen liebt: Freiheit,
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Abenteuer, Community – und eine verdammt gute Zeit auf der Stoppuhr. „Es war ein Lauf ins Unbekannte“, erinnert er sich. „Auf dem Weg be gleiteten mich viele Freunde, und ich schaffte ihn in ziemlich guten 7 Stunden und 59 Minuten. Das ganze Ding war einfach geil!“ Und es war eine typische Flo-Neuschwander- Aktion. Kreativ, spaßig und außerdem erfolgreich. Wer lernen möchte, wie man seine Ziele erreicht, sollte ein Buch von oder über Amazon-Gründer Jeff Bezos lesen. Wer lernen möchte, wie man seine Ziele erreicht und dabei verdammt viel Spaß hat, sollte sich mit Flo verabreden.
Teil dir den Weg zum großen Ziel in viele kleine Etappen ein
Als „Rockstar der Laufszene“ haben einige Medien den tätowierten Ultraläufer mit dem lässigen Schnauzer in den vergangenen Jahren bezeichnet. Aber das ist Quatsch. Nicht überall, wo ein Tattoo drauf ist, ist auch ein Rockstar drin. Flo, 40, Wollmütze, Brille, entspanntes Lächeln, ist kein auf gedrehter Showman. Eher ruhig und auf entspannte Weise gut gelaunt wirkt er, als wir ihn nahe dem Chiemsee treffen. Aber eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Laufsports ist er ohne Zweifel. Seit er sich mit seinem Sieg beim Wings for Life World Run 2015 in Darmstadt ins Bewusstsein vieler Lauf-Fans rannte, ist er zu einer Art Symbolfigur für den Spaß am Laufen geworden. Althergebrachte Konventionen? Eine Spezialdisziplin? Ausgeklügelte Trainingspläne? Interessiert ihn alles nicht. Flo tritt bei 10-Kilometer-Rennen genauso an wie bei UltraMarathons, läuft auf Asphalt und Trails, joggt mit Social-Media-Followern durch Parks und jagt mit der Ultralauf-Elite durchs Gebirge. Beim Training folgt er eher seinem Bauchgefühl als einem Plan. THE RED BULLETIN
WINDSCHNITTIG?
Wohl eher nicht. Aber dafür cool. Der 80erJahre-Nasenflokati ist Flos Markenzeichen.
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Und in seinen Social-Media-Posts versprüht er so viel gute Laune, dass er allein bei Instagram über 100.000 Follower hat. Viermal so viele wie der erfolgreichste deutsche Marathonläufer. Wie wird man Deutschlands führender Gute-Laune-Läufer? „Ich wollte als Kind eigentlich Archäologe werden“, sagt er und lacht. Er fand Indiana Jones toll. Und alles, was man draußen machen kann. Tennis, BMX fahren, angeln. Mit sechzehn will er bei einem Waldlauf in Neunkirchen zusehen, als ihn jemand fragt, ob er spontan teilnehmen möchte. Flo rennt in Jeans mit. Und liebt es. Kurz darauf meldet er sich für seinen ersten offiziellen Wettkampf an, einen 2-Kilometer-Nikolauslauf. Er gewinnt ihn. Und die Sache mit der Archäologie hat sich erledigt. „Bald habe ich davon geträumt, das mal beruflich zu machen. Aber ich hatte nicht immer dieses große Ziel im Blick. Ich habe einfach weitergemacht, Stück für Stück, und geschaut, was geht“, sagt er. Instinktiv folgt Flo schon damals einer Taktik, die er heute jedem empfiehlt, der ein großes Ziel erreichen möchte, ob im Job oder im Sport: Teil dir den Weg in kleine Etappen ein. Dann wirkt die Strecke, die du zurücklegen musst, nicht so überwältigend. Heute wendet er diese Technik bewusst beim Laufen an. Als er 2021 seinen Weltrekord über 100 Kilometer auf dem Laufband aufstellt, hat er sich die Strecke vorher eingeteilt. „Ich wusste, dass ich die ersten 60 Kilometer locker schaffe, weil ich die Distanz öfter im Training absolviere. Etappe zwei, von Kilometer 60 bis 85, würde wehtun, das war mir bewusst. Aber klar war auch: Wenn ich da durch bin, kommt Etappe drei, die letzten 15 Kilometer, und die gehen immer, weil du dem Ziel so nah bist und, wenn du Glück hast, in den Flow kommst.“
Finde deinen eigenen Rhythmus
In jungen Jahren sind Flo viele Läufer überlegen. Auf der 800-Meter- oder der 5000-Meter-Distanz, in der er anfangs antritt, gibt es Top-Talente, die schneller laufen. Der Unterschied zu Flo ist: Viele haben irgendwann keine Lust mehr, sich für den Leistungssport zu quälen, während Flo immer weiterläuft – und immer besser wird. „Ich habe mir das Laufen immer so gestaltet, dass ich Spaß daran habe. Es erfüllt mich bis heute.“ Und das gibt ihm die Ausdauer, die er braucht, um einer der Besten zu werden.
„Ich habe mir immer erlaubt, das zu tun, was ich möchte.“ 40
„Misserfolgen lange nachzu trauern ist sinnlos.“ Die Trainingspläne, die er von seinen Coaches im Verein bekommt, hält er schon früh nicht sklavisch ein. Flo macht, was nötig ist, nimmt sich aber Freiheiten. Zum Beispiel läuft er lieber locker durch den Wald, statt Intervalle auf die Laufbahn zu hämmern. Die Trainer verzweifeln, aber Flo folgt seinem eigenen Kopf, seinem eigenen Rhythmus, verzichtet bald ganz auf einen Coach. „Dieses Bedürfnis, zu tun, was ich möchte, war früh in mir drin. Und ich habe mir immer erlaubt, diesem Gefühl zu folgen.“ Auch dann, wenn es Rückschläge gibt. Das SportStudium, das er in Saarbrücken beginnt, bricht Flo ab, nachdem er sich auf dem Trampolin einen Leistenbruch zugezogen hat. Stattdessen macht er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in einem Sportgeschäft. Auch aus einer Teilnahme bei den Olym pischen Spielen wird nichts. Er wird Deutscher Vizemeister bei den Junioren über 10.000 Meter und im Halbmarathon bei den Herren, aber für einen Platz im Olympia-Kader reicht es nicht. Wie er damit umgeht? „Ich hake Rückschläge recht schnell ab. Misserfolgen lange nachzutrauern ist sinnlos. Da verschwendest du Energie.“ Die steckt er lieber in seinen Sport. Nachdem er anfangs Mittel- und Langstrecken läuft, wagt Flo sich bald an Ultraläufe – an Distanzen also, für die normale Menschen den Zug nehmen. Auch abseits des Laufens verlässt er sein bekanntes Terrain. Er zieht nach München, dann nach London, wohnt in Trier, später lange in Frankfurt. Jahrelang jobbt er in Sportläden und widmet sich sonst dem Laufen. Oft joggt er morgens in die Arbeit und abends wieder heim. „Wenn man ein bisschen kreativ ist“, sagt er, „kann man mehr Training in seinen Alltag integrieren, als man denkt.“ Immer wieder fragen ihn Leute, ob er es nicht für vernünftiger hielte, sich mehr auf den Job zu konzentrieren als auf das Laufen. Er werde ja auch nicht jünger. Aber Flo liebt, was er tut. Sein Leben und sein Rhythmus passen zu ihm. Und nachdem er 2015 den deutschen Wings for Life World Run in Darmstadt gewinnt und sich Sponsoren melden, wird das, was er liebt, zunehmend zu seinem Job. Die große Parallele zwischen Laufen und Leben lautet also wohl: 1. Gib nicht von Beginn an zu viel Gas auf dem Weg zu deinem Ziel – wichtiger ist es, sich die Lust zu bewahren. 2. Mach trotzdem regelTHE RED BULLETIN
mäßig und konstant etwas dafür. 3. Höre in dich hinein, dann holst du das Beste aus dir heraus. Und das gilt auch – und vor allem – für das Training.
Mache einen Plan – aber plane, ihn zu verwerfen
SO SEHEN SIEGER AUS: EINGEHÜLLT IN GOLD.
Die Wärmedecke schützt den ausgelaugten Körper nach einem Ultramarathon vor Unterkühlung.
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Dass Flo seit 2019 mit seiner Frau und seiner vier jährigen Tochter in Inzell, nahe dem Chiemsee, wohnt, hat vor allem mit den Bergen zu tun. Für seine Art von Training sind sie ideal. Denn trainieren, das heißt für ihn vor allem: etwas erleben. „Natür lich musst du die Basics machen und das ein wenig planen“, sagt er. „Aber zum einen höre ich mehr auf meinen Körper als auf Trainingspläne oder Puls messgeräte. Wenn ich das Gefühl habe, Vollgas geben zu können, dann gehe ich raus und ballere, und wenn nicht, dann eben nicht. Und zum anderen mache ich vor allem, worauf ich Lust habe. Freiheit, Erleb nisse, Entdeckungen, darum geht’s mir beim Laufen. Wenn das Wetter super ist und ich will auf einen Berg gehen, dann mache ich das. Dann ist mir der Trainingsplan egal. Ich suche mir eine neue Route aus und mache einen Gipfel.“ Was Flo auch gern macht: sich immer wieder klei nen oder großen Challenges stellen. So was hält den Spaß hoch. Mal setzt er sich das Ziel, 3000 Höhen meter an einem Tag zu schaffen, und rennt dann drei mal hintereinander den gleichen Berg hoch. Mal fragt er seine Community, was er heute trainieren soll, und absolviert dann spontan einen „Duathlon“, den jemand vorschlägt: 10 Kilometer laufen, 50 Kilo meter Rad fahren, dann noch mal 5 zu Fuß. Neue Herausforderungen sucht Flo aber auch bei Wettkämpfen: Im August 2015 tritt er beim „Trans Rockies Run“ in Colorado, USA, an. Sechs Tage lang läuft er über dünne Trails auf über 2500 Meter Höhe durch die nordamerikanischen Rocky Mountains. Als er nach 193 Kilometern als Erster von 300 Läu fern die Ziellinie in Beaver Creek überquert, kann er es selbst kaum glauben. Drei Jahre später qualifiziert er sich für den legen dären „Western States Endurance Run“ in Kalifornien. 100 Meilen, rund 161 Kilometer also, müssen die Läufer durch das Sierra-Nevada-Gebirge zurück legen. Auf den Gipfeln liegt Schnee, in den Tälern steht die Hitze, 5000 Höhenmeter gilt es zu absol vieren und eine Distanz, die Flo nie zuvor gelaufen ist. Über Schmerzen hat er über die Jahre schon ein paar Dinge gelernt. Dass man sie manchmal einfach weglaufen kann, zum Beispiel. Und dass es in den schwierigsten Phasen eines Rennens hilft, sich Fami lie und Freunde zu vergegenwärtigen, die zu Hause sitzen und an einen denken. Aber die Schmerzen beim Western States Endurance Run? „So etwas hatte ich noch nicht erlebt“, sagt Flo. Mehrmals ist er kurz davor aufzugeben, er schleppt sich mehr Richtung Ziel, als dass er läuft. Aber nach 22 Stunden und 20 Minuten hat er es ins Ziel 41
Begleitet Flo auf Schritt und Tritt (am Oberarm): der US-Langstreckenläufer Steve „Pre“ Prefontaine (1951–1975)
Laufen
eschafft. Völlig entkräftet und mehrere Kilo leichg ter als zu Beginn des Laufs. Aber glücklich. Er hat eine neue Erfahrung gemacht. Ein neues Abenteuer durchstanden. Er ist gewachsen.
Such dir Verbündete
„Was mir damals in der Sierra Nevada sehr geholfen hat: Auf den letzten 60 Kilometern durfte ein Freund mitlaufen“, sagt Flo. „Er hat mich motiviert. Und als wir mit Stirnlampen durch die Dunkelheit liefen und ich glaubte, Bären- oder Puma-Augen zu sehen, beruhigte er mich: Das sind nur Kojoten.“ Support von Freunden und einer Community: Das ist für Flo nicht nur in Extremsituationen wichtig – und eines der wirksamsten Mittel, um an einem Ziel dranzubleiben. Fürs Training verabredet er sich oft mit Freunden. „Wenn die dann um acht Uhr morgens bei dir klingeln, musst du raus, egal ob du müde bist oder es regnet.“ Und wenn die Freunde zu weit weg wohnen, hilft das Internet: „Es gibt Apps wie Zwift, über die du dich mit anderen Sportlern im virtuellen Raum treffen kannst. Dann läufst du eben auf dem Laufband miteinander oder machst einen Contest. So pusht man sich gegenseitig.“ Freunde holt Flo sich auch dazu, als er 2020 unter dem Motto „Von Laufen nach Laufen laufen“ in sieben Tagen 550 Kilometer weit vom Ort Laufen bei Basel nach Laufen bei Salzburg läuft. Auf den zwei Marathons pro Tag, die er dabei im Schnitt absolviert, begleiten ihn streckenweise Freunde und Athleten wie der Nordische Kombinierer Vinzenz Geiger. „Das war eine tolle Unterstützung, und es hat so viel mehr Spaß gemacht“, sagt Flo. „Du unterhältst dich und merkst gar nicht, wie deine Beine im Auto modus die Kilometer abspulen.“
FLO HAGENA FOR WINGS FOR LIFE WORLD RUN
Der Lauf ist das Ziel
Die Kilometer, die Flo in seinem Leben abgespult hat, würden reichen, um dreimal die Welt zu umrunden. Und wenn es nach ihm geht, kommen noch einige dazu. „Mindestens zehn Jahre will ich noch laufen“, sagt er, „und irgendwann mal einen Ironman ab solvieren.“ Das sind Flos langfristige Ziele. Die kurz fristigen: im August beim „Ultra-Trail du MontBlanc“ teilnehmen. Und vorher, beim Wings for Life World Run am 8. Mai, sein Bestes geben.
Freunde sind eines der wirksamsten Mittel, um an einem Ziel dranzubleiben. THE RED BULLETIN
Am 8. Mai: mit Flo für die gute Sache laufen Wings for Life World Run Alle Teilnehmer starten weltweit zur gleichen Zeit. Lauf beim Flagship Run mit tausenden Läufern gemeinsam oder allein mit der App. Sie feuert dich an und signalisiert, wenn dich das virtuelle Catcher Car eingeholt hat. Die Einnahmen fließen zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung. Sei dabei: wingsforlifeworldrun.com
Zusammen stark für die Forschung Wie die Wings for Life Stiftung Querschnittslähmung heilen will. Robotergestützte Reha, Proteine, die Nervenwachstum fördern, künstliche Intelligenz, die maßgeschneiderte Therapien berechnet: Weltweit fördert die Wings for Life Stiftung wegweisende Forschungsprojekte zur Heilung von Querschnittslähmung – und ermöglicht damit schon heute vielen Betroffenen ein besseres Leben. Mehr Infos: wingsforlife.com
„Weit über 100.000 Menschen, die weltweit gleichzeitig laufen. Alles für einen guten Zweck. Und dazu das coole Konzept mit dem Catcher Car. Mir macht es immer wahnsinnig Spaß, da anzutreten.“ Einmal hat er den deutschen „Flagship Run“ in München gewonnen (2016), fast immer schaffte er es in die globalen Top Ten. „Jetzt wäre es natürlich toll, wenn ich auch mal weltweit den ersten Platz hole“, sagt er – und schafft es dabei irgendwie, motiviert und vergnügt zugleich zu wirken. Unter den Tattoos auf Flos rechtem Oberarm sticht das Porträt seines Vorbilds Steve Prefontaine heraus. Der US-Amerikaner war ein legendärer Läufer der frühen 1970er-Jahre, der nicht nur Rekorde hinterließ, sondern auch Weisheiten. „Erfolg bemisst sich nicht daran, was du erreicht hast“, lautet eine davon, „sondern an der Wegstrecke, die du seit deinem Start zurückgelegt hast.“ Hat er recht? „Na klar“, sagt Flo. „Wichtiger als Medaillen waren mir immer die Erlebnisse. Laufen ist für mich ein Weg, die Welt und mich selbst zu erkunden.“ Man könnte auch sagen: Der Lauf ist das Ziel. Folge Flo auf Instagram: @runwiththeflow
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ALLES
GUT GELAUFEN
Das Handy nervt, der Schuh drückt, oder die Wade krampft: Run-Fluencerin MAREN SCHILLER weiß, wie man typische Lauf probleme richtig löst. Text LISA HECHENBERGER
mit 1. Wohin dem Handy beim Laufen?
Ich ziehe unter meiner Laufhose eng anliegende Shorts an und stecke das Smartphone (mit dem Bildschirm nach außen) seitlich an der Hüfte unter die zwei Hosenbünde. Hält felsenfest, hinterlässt aber weder unangenehme Druckstellen noch fliegt es in der Seitentasche rum. Und trotzdem hat man das Handy schnell griffbereit, falls man ein Lied skippen oder ein Foto schießen will.
motiviere ich mich, 2. Wie weiterzulaufen?
Viele laufen die immer gleiche Runde durch den immer gleichen Wald. Klar langweilt das irgendwann. Warum nicht mal um den Block laufen und versuchen, jede Runde schneller zu schaffen? Oder nach zwei Kilometern 100 Jumping Squats einbauen? Im Grunde ist Langeweile das beste Anzeichen dafür, dass man sein Training variieren sollte.
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Laufen
beugt man Blasen 3. Wie an den Füßen vor?
Es zahlt sich aus, in gute Laufsocken zu investieren – am besten eher dünne Modelle, die über die Knöchel gehen. So wird es nicht zu warm im Schuh, und die ganze Schürffläche ist abgedeckt. Neue Schuhe trage ich mit dicken Socken zu Hause ein, bevor ich die erste Runde drehe. Und laufe vor allem darin nicht gleich einen Halbmarathon. In dem Fall hilft nur noch ein gutes Blasenpflaster.
„Frösteln, aber nicht frieren ist die beste Ausgangslage beim Laufen.“
6. Wie schwitze ich weniger? hilft bei 4. Was Seitenstechen?
Erst mal die Erkenntnis: Seitenstechen ist nicht schlimm. Selbst die Medizin ist sich nicht sicher ist, woher es genau kommt. Was hilft? Man muss versuchen, das Zwerchfell zu entspannen, indem man eine Pause einlegt, die Arme hochnimmt und tief in den Bauch atmet – auch wenn das schmerzhaft ist. Dann langsam weiterlaufen.
MAREN SCHILLER, 26,
EUGEN SCHILLER
teilt mit ihren über 200.000 Followern auf Instagram regelmäßig Tipps rund ums Thema Laufen. Dieses Jahr wird sie das Aufwärmen beim Wings for Life Flagship Run am 8. Mai in München übernehmen.
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„Seitenstechen? Arme hoch und tief in den Bauch atmen.“
Auf keinen Fall Baumwolle tragen, die saugt sich einfach nur voll. Atmungsaktive, funktionale Stoffe wie Mikrofaser vermeiden Hitzestaus. Wenn man kurz vorm Loslaufen nicht friert, aber leicht fröstelt, ist das in der Regel die beste Ausgangslage. Ich trage auch gerne Zwiebellooks, damit ich im Zweifelsfall eine Schicht ausziehen und mir das Longsleeve um die Hüfte binden kann.
7. Was tun bei Muskelkrämpfen?
Bei Flüssigkeits-, Nährstoffmangel oder Überanstrengung können Muskeln „übersäuern“ und krampfen. Ich versuche dann nicht abrupt stehen zu bleiben, sondern mich möglichst locker weiterzubewegen. So wird der Muskel durchblutet, aber auch entlastet. Und dann gut ausschütteln und dehnen. Wer damit häufiger Probleme hat, kann zusätzlich Magnesium einnehmen.
kann ich tun, wenn 5. Was meine Leistung stagniert?
Klingt komisch, aber meine Empfehlung wäre in so einem Fall: mehr Laufpausen einlegen – dafür aber zwischendurch auch alternative Trainings einbauen. Ich mache etwa regelmäßig Stabilisationsübungen, Home Workouts oder High Intensity Trainings mit Burpees, Squats, Unterarmstützen … So stärkt man die Bauch- und Rückenmuskulatur, die fürs Laufen essenziell ist. 45
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Königin der Wellen Fünf WM-Titel, Gold bei Olympia: Die Hawaiianerin CARISSA MOORE, 29, ist die erfolgreichste Surferin der Welt. Ihr Geheimnis: Sie besiegt Selbstzweifel mit der Power von „Aloha“. Text CHRISTINE YU
Fotos STEVEN LIPPMAN
BACK TO THE ROOTS
Surf-Superstar Carissa Moore beim The Red Bulletin-Foto shooting an der Ostküste der Insel O‘ahu, Hawaii. Hier trägt sie einen „Haku Lei“, den traditionellen Kopfschmuck ihrer Heimat.
Ganz privat: Carissa Moore
Weltmeisterin im Surfen Surfte ihre erste Welle mit vier Jahren. Steht auch auf Boxen. Heiratete ihre Highschool-Liebe Luke. Litt an Essstörungen. Liebt ihre Hunde Maya und Tuffy.
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„Ich fragte mich ständig: Wer bin ich, wenn ich nicht gewinne?“ 2021 gelang Carissa Moore das perfekte Jahr in ihrem Sport. Ihr größter Sieg hatte aber nichts mit Surfen zu tun: „Ich musste daran arbeiten, glücklich zu sein.“
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origes Jahr im September wurde der Weltcup der Surferinnen erstmals in einem neuen Modus ausgetragen: Der Titel sollte in einem einzigen, entscheidenden Finale vergeben werden – statt wie früher an jene Sportlerin, die im Verlauf einer Saison die meisten Punkte gesammelt hatte. Für die Zuschauer versprach das deutlich mehr Spannung: Die besten fünf Surferinnen der Saison trafen beim Finale der Rip Curl World Surf League (WSL) im kalifornischen San Clemente an einem einzigen Tag in einer Art Showdown im K.-o.-System aufeinander – zuerst Fünfte gegen Vierte, die Siegerin gegen die Dritte und so weiter – bis zum großen Finale, in dem es dann in einem „Best of three“Match um den Weltcupsieg ging. Für Carissa Moore, die Surf-Ikone aus Hawaii und Führende im Weltcup, war das theoretisch eine b eneidenswerte Ausgangslage: Sie hatte das Ticket für das Finale bereits in der Tasche, musste nur gegen eine einzige Konkurrentin gewinnen. In der Praxis hieß das a llerdings auch: Es blieb ihr den ganzen Tag nichts anderes als – Warten. Zermürbendes Warten auf den alles entscheidenden Moment. Und wenn sie in diesem Augenblick nicht ihre beste Leistung würde abrufen können, dann könnte sie sich ihren fünften Weltcup-Titel aufzeichnen – ein Risiko, das in einem Showdown wohl nicht zu vermeiden ist. Tapfer überstand sie die Wartezeit: mit Aufwärmen, Chillen und Musik über ihre roten Beats-Kopfhörer. Am Nach mittag erfuhr sie dann endlich, mit wem sie es im Finale zu tun bekommen würde: mit der in Brasilien geborenen, in Hawaii aufgewachsenen Tatiana Weston-Webb. 49
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In der ersten Runde schien es zu laufen wie immer. Gleich nach dem Startschuss erwischte Carissa Moore eine Welle und kassierte von der Jury Punkt um Punkt. Typisch. Es sah ganz nach einem glatten K. o. nach Runde zwei aus. Doch dann passierte das Unerwartete: Die Königin der Wellen kam, für sie v öllig ungewohnt, aus dem Tritt. Davon wieder profitierte ihre Gegnerin: Tatiana WestonWebb wurde mit jedem Ritt besser und selbstbewusster. Nicht einmal 30 Sekunden vor dem Ende lagen die beiden Finalistinnen schließlich Kopf an Kopf, wetteiferten um eine Welle. Weston-Webb war um einen Hauch schneller und fuhr einen weiteren Punkt ein. Ein Rückstand, den Moore in den
Beim WM-Finale passiert das Unerwartete: Die Königin der Wellen verliert die Nerven. letzten neun Sekunden hektisch wett zumachen versuchte, jedoch: keine Welle weit und breit. Schlusspfiff. Und die bittere Erkenntnis, dass ihr, der Titel verteidigerin, die Nerven durchgegangen waren. „Ich wollte so schnell wie möglich gewinnen“, erinnert sich Carissa Moore im Facetime-Interview mit The Red Bulletin. „Ich wollte, dass es so schnell wie möglich vorbei ist.“
Blieben 35 Minuten bis zu Runde zwei. 35 Minuten für Schadensbegrenzung. Wichtigste Aufgabe: ihre Emotionen unter Kontrolle zu zwingen. Aber die Gedanken rasten: Jetzt musste sie die nächsten zwei Runden unbedingt ge winnen. Konnte sie das? Was, wenn sie scheiterte? „Das ist alles, wofür ich ge arbeitet habe“, sagte sie sich, „und jetzt bin ich hinten.“ Und plötzlich war da wieder die lästige Stimme in ihrem Kopf. Eine Stimme, die Carissa Moore nur zu gut von früher kannte. So gut, dass sie ihr sogar einen Namen gegeben hat: „Old Riss“ (also die „alte C aRISSa“, nach den mittleren Buchstaben ihres Vornamens).
Szenen eines Rekord-Jahres. Bild ganz oben: Carissa Moore mit dem Siegerpokal ihrer fünften Surf-Weltmeisterschaft im September 2021 in San Clemente, Kali fornien. Darunter: Im Juli 2021 feiert Moore ihren Olympia-Premieren-Sieg in Japan.
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In den letzten Jahren hatte sie hart daran gearbeitet, Old Riss zum Schweigen zu bringen. Mühsam lernte sie, deren Gegenwart anzuerkennen und sich dennoch mit grundsätzlichem Wohlwollen zu begegnen. Jetzt aber war Old Riss wieder da, forsch wie eh und je. „Es war klar“, sagt Moore, „entweder ich gebe mich weiter der Abwärtsspirale des Selbstzweifels hin – dann kann ich es gleich bleibenlassen. Oder ich beiße mich durch, kämpfe und gebe mein Bestes.“ Sie telefonierte mit ihrem Mentalcoach, dann holte sie sich Kraft von ihrem Vater und Trainer Chris und von ihrem Ehemann Luke Untermann. Der schaute sie mit Tränen in den Augen an und sagte: „Schatz, wenn eine das schafft, dann du!“ Das genügte, um mit freiem Kopf in die nächste Runde zu gehen. Was sie am Surfen so liebt, sind sowieso nicht die Titel oder Trophäen, die es zu gewinnen gibt; sondern dass sie sich damit aus drücken kann. Sie war ohnehin schon der Champion – egal was jetzt noch passieren würde. Und dann gewann Carissa Moore die nächsten beiden Runden so souverän, dass Old Riss die Luft wegblieb. Damit THE RED BULLETIN
GETTY IMAGES(2), RYAN MILLER/RED BULL CONTENT POOL
Wie bringst du die negative Stimme im Kopf zum Schweigen?
Surf pic KRAFT UND ELEGANZ ALS MARKENZEICHEN
Carissa Moore in der Welle beim Mexico Open in Huatulco im August 2021
SURF-QUEEN MIT PUNCHING-POWER Carissa Moore beim Sandsack-Training in ihrem Open-Air-Gym, zu Hause im Garten auf der Insel Honolulu
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Moore zieht ihre Linien mit der Präzision einer Chirurgin. Ihre Tricks haben das Damen-Surfen revolutioniert. THE RED BULLETIN
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war der zweite Weltcupsieg in Folge in trockenen Tüchern, der fünfte insgesamt. Überhaupt war das Jahr 2021 der Hammer: Bei keinem Event der Meisterschaft war sie schlechter klassiert als Dritte, das Gelbe Trikot der Führenden musste sie keinen einzigen Tag ausziehen. Darüber hinaus gelang ihr beim Rip Curl Newcastle Cup in Australien mit einer 360-Grad-Drehung in der Luft eine der spektakulärsten Figuren, die je gezeigt wurden. Und dann gewann sie noch in Tokio die Goldmedaille beim allerersten olympischen Surf-Wettbewerb. „Das war vermutlich das erfolgreichste Jahr, das in diesem Sport jemals jemand hatte“, sagt Jessi Miley-Dyer, Wettbewerbsleiterin der WSL und früher selbst Profisurferin.
Ein Teenager im Rampenlicht
Oberflächlich betrachtet war das ja zu erwarten: Carissa Moore, 1992 geboren in Hawaiis Hauptstadt Honolulu, galt schon immer als Wunderkind. Mit fünf stand sie das erste Mal, angeleitet von ihrem Vater, am Waikiki Beach auf einem Surfboard. Schon bald sorgten Videos der Kleinen für Aufsehen in der Szene. Jessi Miley-Dyer, damals noch selbst aktiv, erinnert sich noch gut an das AhaErlebnis, als sie das unfassbare Mädchen sah, das Aerials (Tricks in der Luft), Fin Throws (bei denen das Surfbrett
fast senkrecht aus dem Wasser in die Luft ragt) und rasante Carving-Schwünge über hohe Wellen zeigte, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. „Wer ist das, bitte?, haben wir uns alle gefragt“, erzählt Miley-Dyer. Mit zwölf begann Moore, an Wett bewerben teilzunehmen. Die Folge waren elf Titel der National Scholastic Surfing Association (NSSA). 2010 stieg sie in die Profi-Liga auf; ein Jahr später wurde sie, noch Teenager, zum ersten Mal Weltcupsiegerin. Von Anfang an war sie das Maß aller Dinge: Moore reitet die Wellen mit einem makellosen Flow, gewürzt mit rhythmisch-kraftvollen Bewegungen an der Wellenkante, blitzschnellen Manövern in die „Pocket“, das Energiezentrum der Welle; um dann mit der Präzision eines Chirurgen eine saubere Linie über das „Face“, den ungebrochenen Teil der Welle zu ziehen. Und ihre radikalen Tricks haben das Damensurfen revolu tioniert: „Davor hat das einfach keine gemacht“, sagt Jessi Miley-Dyer. Aber es gibt erstaunlicherweise auch eine Kehrseite der Medaille, die zu leicht übersieht, wer nur flüchtig hinschaut. Zum Beispiel, dass Carissa Moore die ganze Pubertät über im grellen Licht der öffentlichen Beobachtung verbrachte. So bekam alle Welt mit, dass sie an Ess-
Tierische Freunde in glücklichen und schwierigen Zeiten: Carissa Moore in ihrem Wohnzimmer mit den Familienhunden Maya (li.) und Tuffy THE RED BULLETIN
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Surfen
störungen litt, und machte sich über ihre Figur lustig. Auf die Art bekam sie das Ge fühl, trotz ihrer Erfolge nicht gut genug zu sein. Überhaupt war die Identitäts findung eine echte Herausforderung. „Ich habe mir so viel Druck auferlegt, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen“, sagt sie heute. „Ständig habe ich mich gefragt: Wenn ich keine Wettbewerbe gewinne: Wer bin ich dann?“ Nach ihrem dritten Weltcup-Gesamt sieg im Jahr 2015 schlitterte Carissa Moore in ein Burnout. Damals musste
sie lernen, dass sich ihr Wert nicht nur über ihren Lebenslauf definiert. „Manch mal“, bilanziert sie heute, „muss man einfach noch einmal von vorn anfangen. In meinem Fall ging es darum, Liebe und Glück wiederzufinden. Und mir Zeit für Ruhe und ein gutes Leben freizuschaufeln.“ Check! 2017 heiratete sie ihre High school-Liebe Luke Untermann. Sie fand Zeit für Freunde und Familie, für Wan derungen in den Wäldern rund um ihr Haus in den Hügeln von Honolulu, fürs
Basteln und das Skateboardfahren mit ihren beiden Hunden Maya und Tuffy. 2018 gründete Carissa Moore „Aloha“, eine gemeinnützige Organisation, die das Ziel verfolgt, jungen Mädchen dabei zu helfen, sich zu starken, selbstbewuss ten und empathischen Menschen zu entwickeln. „Aloha“ wie der hawaiiani sche Gruß, der unter anderem Liebe, Mitgefühl, Sympathie bedeuten kann und generell für die behauptete Gut mütigkeit steht, die Hawaiianern zu geschrieben wird. Wenn man Leute, die sie kennen, bittet, Carissa Moore in einem Satz zu beschreiben, dann fällt auch überdurch schnittlich oft dieser: „Sie ist ein guter Mensch.“ Moore hatte immer schon ein Händchen für überaus menschliche Überraschungen. Nach ihrem ersten Sieg auf der Profi-Tour 2010 in Neuseeland spendete sie das Preisgeld einem lokalen Surf-Verein. Und vor kurzem hielt sie als Dank dafür, dass das US-Surf-Team als Vorbereitung auf die Spiele in Tokio in Japan trainieren durfte, eine komplette Rede in der Landessprache.
Moores neue Mission: Mentorin für junge Frauen in den Wellen sein
Batterien aufladen auf Hawaiianisch: Ihre „grüne Kathedrale“ nennt Moore die Wälder rund um ihr Haus im Palolo Valley auf der Insel Honolulu.
„Ich möchte, dass man sich an mein Surfen erinnert, weil es positive Gefühle ausgelöst hat.“ 54
Sie ist jetzt 29. Viel mehr als sie kann man im Surfsport wohl nicht erreichen. Sie hat eine neue Generation von jungen Surferinnen inspiriert, die sich schon anschicken, den Sport noch einmal auf ein höheres Niveau zu heben. „Was die machen“, sagt Moore und lacht, „schaffe ich im Leben nicht mehr, und das ist in Ordnung.“ Nachsatz: „Aber es wäre schön, wenn ich noch ein bisschen mit ihnen mithalten könnte.“ Nach den Erfolgen 2021 fühlt sich Carissa erstmals in ihrem Leben frei. „Mir kommt vor“, sagt sie, „dass ich erst jetzt allmählich im Takt mit meinem persönlichen und beruflichen Ich bin.“ Welche Ziele hat eine wie sie noch? Sie will zum Beispiel noch ihre Technik beim Backside Barrel Ride, dem schwie rigsten Trick von allen, verbessern. Und auch beim Surfen über die Riesenwellen am Strand von Teahupo‘o gebe es noch Luft nach oben. Ihre Wellenritte dort sol len noch flüssiger und radikaler werden. Doch am Ende, sagt sie, gehe es nur um eines: „Ich möchte, dass man sich später an mein Surfen erinnert, weil es positive Gefühle ausgelöst hat.“ Carissa auf Instagram: @rissmoore10 THE RED BULLETIN
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Nachhaltig gesund.
DIE DURCHS FEUER GEHEN Firefighter sind harte Knaben, die weder Flammen noch Explosionen fürchten. Wer diesen Job macht, der liebt das Risiko, überall – doch nirgendwo ist er so gefährlich wie in Los Angeles, am viert größten Airport der Welt. Wir haben der vielleicht besten Feuerwehreinheit der Welt beim Training zu gesehen. Und eines können wir mit S icherheit sagen: Diese Jungs wissen wirklich, was sie tun, wenn’s brennt. Text SCOTT JOHNSON Fotos JIM KRANTZ
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ARFF heißt die Eliteeinheit der Feuerwehr am Flughafen L. A. International. Das steht für „Aircraft Rescue and Firefighting“ – und dass der Job tatsächlich ein Kampf ist, wird bei jedem Training deutlich.
Feuer? Marsch!
Feuer? Marsch!
E
r sah die Boeing 767, als der Morgen dämmerte. Vielleicht hundert Meter tief, direkt über dem Los Angeles International Airport (LAX). So nahe, dass Michael Flores am Vordersitz seines Feuerwehr-Trucks fast jedes Detail erkennen konnte. Vor ein paar Minuten hatte ihr Kapitän einen Notruf an die Flugverkehrskontrolle am LAX abgegeben: linkes Fahrwerk defekt, Not landung unvermeidbar. Der Tiefflug war eine taktische Entscheidung. Die Einsatzkräfte sollten vom Boden aus den Schaden begutachten, den der Pilot im Cockpit nicht sehen konnte. Da war nur ein Haken: Flores sah nichts. Grund: Das Fahrwerk war nicht ausgefahren. „Gar nicht gut“, sagte der Feuerwehrmann rechts von Flores. Die Boeing 767 der FedEx-Frachtflotte befand sich eigentlich auf dem Weg nach Newark, New Jersey. Mit der gesamten Fracht an Bord wog sie mehr als 180 Tonnen. Wenn jetzt etwas schiefging, könnte diese Maschine am viertgrößten Flughafen der Welt ein Inferno auslösen. Flores, 51, war erst kurz davor nach dreißig Dienst jahren beim LAFD, dem Los Angeles Fire Department, zur ARFF gestoßen, der Eliteeinheit Aircraft Rescue and Firefighting am LAX. In Gedanken spielte er jetzt einen Fall von vor ein paar Jahren durch: Damals musste ein JetBlue-Flug von Burbank nach New York am LAX notlanden. Beim Aufsetzen auf die Landebahn stand das vordere Fahrwerk quer, und bis das Flugzeug zum Stillstand kam, waren die Vorderräder verbrannt und das Fahrwerk kaum mehr als ein schwelender Metallstumpf. Trotzdem hatte es keine Verletzten gegeben. Und heute? Als die 767 auf der 3940 Meter langen Landebahn 25R aufsetzte, schlug das linke Triebwerk auf der Landebahn auf, und sofort zogen Funken eine leuchtende Spur durch die Dunkelheit. Das Startsignal für Flores und den Rest des ARFF-Teams der Station 80: Sechs riesige Feuerwehrautos – eine Million Euro teure grüne Monster namens Panther, von der österreichischen Firma Rosenbauer speziell für den LAX adaptiert, rasten jetzt auf die Startbahn. Vor Ort teilten sich die Feuerwehrleute in mehrere Teams auf: Eines holte den unverletzten Piloten mit einer Rettungstreppe aus dem Cockpit. Ein anderes Team kümmerte sich um den Co-Piloten, der sich in Panik an einem selbst zusammengeknoteten Seil aus dem Cockpitfenster abseilen wollte. Dabei stürzte er ab und verletzte sich beim Aufprall auf der Betonpiste am Bein. Immerhin ein vergleichsweise glimpflicher Ausgang des befürchteten Albtraumszenarios mit hunderten Toten und Schäden in Milliardenhöhe. Flores und seine Leute bereiten sich dennoch Tag für Tag auf die ultimative 58
Katastrophe vor. Während die anderen Feuerwehreinheiten der Umgebung – davon zwei in unmittelbarer Nähe des LAX – für medizinische Notfälle und Brände innerhalb der acht Flughafen-Terminals zuständig sind, ist die Station 80 nur auf eine Art von Einsätzen spezialisiert: den Schutz der rund 700.000 Flugzeuge, die jedes Jahr den LAX passieren. Ausgelaufener Treibstoff, Rauch im Cockpit, ein seltsamer Geruch: Diese Warnzeichen können binnen Sekunden zu lebensbedrohlichen Feuersbrünsten führen. Denn jedes der im Schnitt 1900 Flugzeuge, die pro Tag am LAX starten oder landen, fasst zigtausende Liter hochentzündlichen Kerosins, ein vollgetankter zweistöckiger Airbus 380 sogar über 300.000 – und hat direkt daneben ein paar hundert Passagiere sitzen. Deshalb patrouilliert die Elite-Crew rund um die Uhr durch die labyrinthartigen Korridore der Start- und Landebahnen, stets bereit zum sofortigen Eingreifen. „Am LAX musst du immer zu hundert Prozent fo kussiert sein“, sagt Leonard Sedillos, ein sanftmütiger Kumpeltyp in der rauen Schale eines abgebrühten Feuerwehr-Profis, „denn deine ganze Karriere kann an einem einzigen Einsatz gemessen werden.“ Sedillos ist einer von mehreren Feuerwehrhauptleuten in der Station 80 und wacht mit der Selbstlosigkeit einer Glucke über seine Jungs. Auch wenn Zwischenfälle selten vorkommen, sind er und sein ARFF-Team dank der Kombination aus perfekt abgestimmtem Teamwork, hochmoderner Ausrüstung und jahrelanger Erfahrung für jeden vorstellbaren Unfall gerüstet – bis hin zur gigantischen Massenkatastrophe, die eine Stadt oder ein Land für Generationen prägen könnte. Präventionsarbeit und Katastrophentraining finden weitgehend im Verborgenen statt. Sie sind der Garant dafür, dass der Ernstfall niemals eintritt und jedes Jahr Millionen Passagiere sicher an ihr Ziel kommen.
Trainings so hart wie ein Einsatz
Die Feuerwehreinheit des LAX hat eine lange Geschichte – und sie war von Anfang an ein Experimentierfeld für kühne Zukunftsideen. So setzten die ersten ARFF-Ein heiten schon 1937 Hochdrucknebel zur Brandbekämpfung ein, zu jener Zeit ein revolutionäres Konzept. Damals wie heute: Die Eliteeinheit ARFF repräsentiert so etwas wie die Champions League der Branche. Nur wer jahre- oder jahrzehntelange Erfahrung aus Stadt- und U‑Bahn-Feuerwehreinheiten mitbringt, darf am 3000 Hek tar großen Mikrokosmos LAX in der Top-Liga mitspielen. „Wenn du als erfahrener Feuerwehrmann neu zu uns
Alles, was hier passiert, hat Auswirkungen auf die Flugwelt. Ein Zwischenfall am LAX löst Chaos aus. Auch bei uns. THE RED BULLETIN
Eric Johnson in einer ause bei der EinsatzP übung in San Bernardino: Zwischen den Taktik-Trainings mit unerträglicher Hitze bleibt kaum Zeit zum Durchatmen.
Der Rosenbauer Panther kommt aus Österreich und ist so etwas wie der Ferrari unter den Feuerwehrautos. Er kostet eine knappe Million Euro und e rreicht 140 km/h.
Wer den Panther steuert, hat das Sagen – und vollen Überblick über alle technischen Details des Einsatzes.
Feuer? Marsch!
Auf Knopfdruck schießen aus dem Panther 15.000 Liter Wasser auf ein brennendes Flugzeug. Das kann reichen. Muss es aber nicht.
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Beim Training hier brennt eine leere Flugzeughülle, und das Team löscht den Brand mit Wasser. Bei einem echten Einsatz würden sie mit einem chemischen Brandbekämpfungsmittel, dem sogenannten „forever foam“, arbeiten, das den Sauerstoff bindet.
Feuer? Marsch!
48 Stunden dauert eine Schicht in der ARFF, bei ärgster Hitze und schlimmstem Stress. Trotzdem hat das Team keinerlei Nachwuchsprobleme.
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Feuer? Marsch!
Pflicht, Ehre, Gemein schaft sind die Werte, die die Firefighter zusammen halten. Sagen sie. stößt, lernst du deinen Job nochmals von der Pike auf“, sagt Flores, der davor zwanzig Jahre lang bei der Stadtfeuerwehr von Los Angeles – durchaus wörtlich – durchs Feuer gegangen war. Der LAX, der pro Jahr 88 Millionen Passagiere abfertigt, ist so etwas wie eine Insel innerhalb von Los Angeles, eine Stadt in der Stadt. Spezielle Markierungen unterscheiden erlaubte von verbotenen Wegen, auch das Fahrverhalten der Spezialfahrzeuge muss berücksichtigt werden: Erst am Vortag war ein Feuerwehrmann mit seinem Panther fast vom Rollfeld gerutscht, weil das untersteuernde Monstrum aus der Kurve schob. Merke: Ein Panther-Truck kann zwar auf 140 km/h beschleunigen, allzu beherzt gelenkt aber auch schon mit 25 km/h umkippen. Noch ein bisschen mehr Stress gefällig? Kann ein kleiner Zwischenfall am LAX nicht im Handumdrehen unter Kontrolle gebracht werden, gerät die gesamte Flugsituation in den USA und zum Teil auch weltweit aus dem Gleichgewicht. Aber nicht für Stunden. Für Tage.
Eine Ruheoase innerhalb der roten Hölle
Dass die Feuerwehrleute trotz ihres Heldenstatus relativ unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen können, hat einen praktischen Grund: Der beste Aussichtsplatz für Plane spotters befindet sich nicht am Flughafen, sondern etwas außerhalb am Imperial Highway. Hier finden sich jeden Tag – und noch mehr jede Nacht – hunderte Flugzeugfans ein, um die Show zu beobachten. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum die Feuer wehr-Profis „ihren“ Flughafen als Ruheoase innerhalb einer verrückten Welt empfinden. Warum sie den LAX (wohl auch wegen der Farbe ihrer Rosenbauer-Panther) „grüne Welt“ nennen. Er ist für sie das wohlgeordnete, friedliche Gegenstück zur chaotischen „roten Welt“ außerhalb der Flughafenzäune, zum Moloch L. A. mit seinen Obdachlosenlagern, Autounfällen und Verbrecher-Ver folgungsjagden. „Die rote Welt ist die Hölle“, sagt Flores’ Kollege Billy Barnes, Flugzeug-Nerd von Geburt an und Feuerwehrmann seit 21 Jahren. „Alle meine Kumpels wären lieber hier am LAX als draußen“, sagt er. Sein erster Stützpunkt war die Station 94 im sogenannten „Jungle“. Mitte 2021 landete Barnes auf Station 80, wo er am liebsten den Rest seines Berufslebens verbringen würde. Der Afroamerikaner, der mindestens zehn Jahre jünger aussieht, als sein Personalausweis behauptet, ist Amateur filmer und wandelndes Archiv der Einheit. In seiner Freizeit baut er Flugzeugmodelle für Sicherheits-Tutorials, rahmt Schwarz-Weiß-Fotos historischer Einsätze oder
Die ARFF ist so etwas wie der Cham pions-League-Sieger der Branche. Aber ein netter: Auf ihrem Trainings gelände bilden sie auch die Feuerwehr einheiten anderer Flughäfen aus.
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1900 Flugzeuge pro Tag, 700.000 Flugzeuge im Jahr, insgesamt 88 Millionen Passagiere: Der LAX ist eine Stadt in der Stadt. Leute wie Firefighter Oscar Scott haben sie täglich im Blick.
ewahrt die schlimmsten Flugzeugunfälle der Geschichte b vor dem Vergessenwerden. Etwa mithilfe seiner Fotosammlung in der Ecke des Besprechungssaals, in dem er dreißig Jahre alte Zeitungsausschnitte aufgehängt hat: „Pilot tot, viele vermisst nach Feuer-Inferno in L. A.!“
Kein Fehler passiert zweimal
Über Traumata wie dieses reden die harten Jungs nicht gerne. Aber das heißt nicht, dass alle Einsätze spurlos an ihnen vorübergegangen sind. Barnes bekam zum Beispiel nie den Absturz einer Asiana-Airlines-Maschine am 6. Juli 2013 am San Francisco International Airport aus dem Kopf. Das Heck der Maschine war gegen eine Mauer geprallt und das Flugzeug in zwei Teile zerbrochen, drei Tote und 187 Verletzte waren zu beklagen. Aber das war damals noch nicht das Schlimmste: Den Feuerwehrleuten, die seinerzeit Dienst hatten, war ein folgenschwerer Fehler unterlaufen – sie hatten in der Hektik ein Opfer übersehen, das auf die Rollbahn geschleudert worden war, und überrollten es mit ihrem Feuerwehr-Truck. Bei der Autopsie wurde s päter festgestellt, dass die Person zu dem Zeitpunkt noch gelebt hatte. „Manchmal hört man von Kollegen, die in Depression verfallen oder sich das Leben nehmen, weil sie eine falsche Entscheidung getroffen haben“, sagt Barnes. „Dabei kann jedem einmal ein Fehler passieren. Aber kein Fehler passiert uns zweimal – wir lernen aus unseren Lektionen.“ Die Garantie dafür ist permanentes Training. An einem heißen, wolkenlosen Tag machen sich mehrere Mitglieder THE RED BULLETIN
Das Firefighter-Glossar
Fakten zum Einsatzteam des Flughafens in Los Angeles LAX: Los Angeles International Airport mit 3000 Hektar Fläche LAFD: Los Angeles Fire Department ARFF: Eliteeinheit Aircraft Rescue & Fire Fighting Working Group Panther: Großflughafenlöschfahrzeug, das 15.000 Liter Wasser und Löschschaum fasst Forever foam: chemisches Brandbekämpfungsmittel 1900 Flugzeuge starten/landen pro Tag am LAX Station 80: zuständig für den Schutz von ca. 700.000 Flugzeugen
der ARFF-Station 80 auf den Weg zum Flughafen von San Bernardino, hundert Kilometer östlich der Feuerwache. Hier trainieren oft Feuerwehr-Teams aus der ganzen Welt, etwa aus Nigeria, Kanada und Deutschland. Ein Dunstschleier verdeckt die nahe gelegenen San Bernardino Mountains. Am Programm steht heute ein sogenannter „live fire burn“. Auf einer riesigen Betonfläche in der Nähe von zwei riesigen Lagerhäusern stehen mehrere Reihen ausgemusterter Flugzeuge, bereit für die Schlachtbank. Der Schauplatz für die heutige Schulung: zwei leere Flugzeughüllen. Das größere Wrack liegt in einer kreisförmigen, mit Steinen gefüllten Grube von 16 Meter Durchmesser, gemeinsam mit 78 Gasleitungen, die unterirdisch mit einem mehr als 100.000 Liter fassenden Flüssigpropantank 65
Sie trainieren, als ob ihr Leben davon abhängen würde, und das tut es ja auch. Wenn’s brennt, dann muss alles so effizient und automatisiert sein wie bei einer Maschine.
Es ist ein Stressjob, aber keiner für junge Küken: ARFFFirefighter wie Eric Johnson (li.) und Paul Reyes hatten schon erfolgreich für andere Feuerwehren gearbeitet, bevor sie in die Flughafen-Truppe aufgenommen wurden.
Feuer? Marsch!
Wissen ist Speed. Und Sekunden können im Ernstfall den Unter schied ausmachen. Das ist das Wichtigste, was man am Airport wissen muss. v erbunden sind. Auf Kommando der diensthabenden Test-Ingenieure geht die Grube in Flammen auf. Sofort lodert rund um das Flugzeug eine sechs Meter hohe Flammenwand auf und frisst sich durch den Flugzeug torso. Jetzt muss sich ein Sechs-Mann-Trupp von Feuerwehrleuten in die überdimensionale Feuerhölle wagen, geschützt durch feuerfeste Anzüge und ausgestattet mit Atemschutzgeräten. Das Team schließt einen Schlauch an den Rosenbauer-Panther, rückt weiter Richtung Brandherd vor und löscht die Flammen. Heute kommt dabei nur Wasser zum Einsatz, aber im Falle eines realen Brandeinsatzs wären Polyfluoroalkyl- Substanzen (PFAS) die bessere Wahl. Der sogenannte „forever foam“, ein chemisches Brandbekämpfungsmittel, bindet den Sauerstoff, das Lebenselixier der Flammen. In seltenen Fällen wird auch eine teure und hochgiftige Verbindung namens Halotron eingesetzt. Ihr Vorteil: Wird sie bei einem Cockpit-Brand eingesetzt, kommen empfindliche elektrische Geräte nicht zu Schaden. Jeder der sechs grünen Lastwagen der Station 80 führt fast 15.000 Liter Wasser und weitere 4000 Liter PFAS mit. Wie der Stachel eines Skorpions lauert auf dem Geschützturm auf dem Dach der Trucks eine zwei Meter lange ausfahrbare Kanone, die ein Loch durch Metall schlagen kann – etwa um die Hülle eines Flugzeugs zu öffnen. Durch den Hohlraum können die Feuerwehrleute dann Wasser oder Schaum ins Innere pumpen. Wissen ist Speed. Und Sekunden können, wie Gonzalez seinen jüngeren Kollegen eintrichtert, in einem Einsatz den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Als Faustregel gelten dabei 90 Sekunden: So lange haben die Einsatzkräfte im Schnitt Zeit, bevor ein Brand im Flugzeug den gesamten vorhandenen Sauerstoff zum Atmen verbraucht hat. Gelingt die Rettung nicht schnell genug, könnten Menschen sterben – als Erstes die Alten, die Gebrechlichen, die Menschen mit einem Handicap. Und manchmal auch Feuerwehrleute. Sogar ein Training kann zum Ernstfall werden; so erlitt vor ein paar Jahren ein Feuerwehrmann während einer Ausbildungseinheit in San Bernardino einen Herzinfarkt. Zum Glück konnten ihm seine Kollegen das Leben retten.
Eiserne Entschlossenheit brennt nicht
Als einer der Verantwortlichen ist heute auch Hauptmann Leonard Sedillos am Trainingseinsatz in San Bernardino beteiligt. Aufgewachsen in einer Familie von Feuerwehrleuten, wusste Sedillos schon als Kind, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte. Zu dessen Zeit mussten die Feuerwehrleute der Gefahr noch mit verTHE RED BULLETIN
gleichsweise primitiver Ausrüstung ins Auge blicken. Nicht selten traf man damals Kollegen, deren Ohren infolge übermäßiger Hitzeeinwirkung halb verbrannt waren. Atemschutzgeräte und feuerfeste Anzüge gab es nicht, und an den Beinen trug man normale Stiefel – keine stahlkappenbewehrten Sicherheitsstiefel wie heute. Nur das Berufsethos ist dasselbe geblieben: Pflicht, Ehre, Gemeinschaft. Sedillos verbrachte seine Kindheit in der Station seines Vaters, wo die Kollegen zur Familie gehörten und Tragödien und Triumphe gemeinsam durchlebt wurden. Heute verbringt Sedillos seine Nachtschichten sowohl in der „roten“ als auch in der „grünen“ Welt. Die Überstunden helfen ihm, seine Zwillingsmädchen durchs College zu bringen.
Starke Bande retten über den Ernstfall
Zwei Wochen später treffen wir die Crew wieder am LAX. Die Stimmung ist entspannt, trotzdem sind alle einsatzbereit. Es sind andere Zeiten, doch eine Familie ist Sedillos’ Team noch immer. Jedes Mitglied arbeitet in Schichten von 48 Stunden, verbringt also ein Drittel seines Lebens zusammen mit den anderen auf der Wache. Beim Kochdienst wechselt man sich ab – heute gibt es Pulled-PorkSandwiches, frisches Obst und Schokoladekuchen. „Das mag hier recht gemütlich aussehen“, sagt Sedillos, „aber wir sind jede Sekunde bereit für den Ernstfall, auch für eine Megakatastrophe.“ Denn jeder hier – Michael Flores, der gerade über Football redet, Billy Barnes, der lachend einen seiner legendären Witze reißt – hat schon Leben gerettet, Bewusstlose wiederbelebt, Schwerverletzte und Tote aus brennenden Wracks geschnitten. „Ich wollte was erleben – und das habe ich hier bis zum Überfluss“, sagt Barnes, „aber ich bleibe hier bis zu meinem letzten Arbeitstag.“ Draußen starten und landen die Flugzeuge, das Dröhnen der Düsentriebwerke verebbt zu einem angenehmen Hintergrundgeräusch. Flores beißt in sein Sandwich. „Wer hier bei uns anruft, hat normalerweise ein wirklich ernstes Problem. Und bei dem können wir ihm helfen, weil wir die Ausrüstung und Erfahrung dafür h aben. Eigentlich ist das ein gutes Gefühl.“ Tony Guzman, das dienstälteste Mitglied des ARFFTeams, gibt seinen jungen Kollegen trotzdem gerne eine Warnung mit auf den Weg: dass die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das erhofft. Immer wieder ertappt er sich dabei, an Feuerkatastrophen vergangener Tage zurückzudenken. „Vergesst nie, dass jede Sekunde zählt. Und dass Menschenleben davon abhängen, dass ihr euren Job perfekt macht“, sagt er. Es ist diese Überzeugung, die alle diese Feuerwehrleute hier im Raum teilen. Fast eine Art Be sessenheit, die den LAX auch morgen wieder ein Stück sicherer machen wird.
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Abenteuer
ALLES FLIESST Der Abenteurer YANN SCUSSEL, 21, will etwas gegen die Flut an Plastikmüll tun. Also lässt er sich die Rhone entlang einmal quer durch die Schweiz treiben – wie eine weggeworfene Plastikflasche. Seine 29 Stunden im eiskalten Wasser sollten Wirkung zeigen. Text ALEXANDER NEUMANN-DELBARRE
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Fotos DOM DAHER
TREIBGUT MENSCH
Umweltaktivist Yann Scussel auf s einem Hydrospeed-Board im Schweizer Fluss abschnitt der Rhone. Die Wassertemperatur beträgt hier höchstens acht Grad.
Abenteuer
D
ie Sonne ist eben erst aufgegangen, als Yann Scussel hoch oben am Rhone gletscher in das eisige Wasser steigt. Die Kälte schnürt ihm fast den Atem ab. Hektisch schnappt er nach Luft, während er in den kleinen türkisfarbenen Schmelz wassersee hineinsinkt, der sich hier am unteren Ende des Rhonegletschers zwi schen Schnee und Felsen gebildet hat. Mit den Armen umklammert Yann sein Hydrospeed-Board, auf dem Rücken trägt er 20 Kilo Gepäck, am Körper einen Neo prenanzug, fünf Millimeter dick und doch viel zu dünn. Schon nach wenigen Minuten sind Yanns Füße und Hände so gefroren, dass er sie nicht mehr spürt. Dabei hat sein Abenteuer noch gar nicht richtig begonnen. Knapp 160 Kilometer weit will er sich von der Rhone tragen lassen. Vom Ursprung des Flusses, hier oben auf 2250 Metern in den Walliser Alpen, bis nach Bouveret, wo er in den Genfersee mündet. 160 Kilometer durch Strom schnellen, idyllische Täler, Industrie gebiete – und durch die Nacht. Rund 30 Stunden im eisigen Wasser. Vielleicht mehr, so genau weiß das keiner. Denn das, was Yann vorhat, hat vor ihm noch keiner gewagt. Die Rhone ist anfangs nicht mehr als ein Wildwasserbach, der aus dem Gletschersee entspringt. Etwa eine halbe Stunde lang gleitet Yann mit seinem Begleiter Claude-Alain Gailland, einem erfahrenen Bergführer und HydrospeedSpezialisten, relativ entspannt auf dem drei Grad kalten Wasser dahin – dann beginnen die Stromschnellen. 70
BOTSCHAFTER
Scussels Abenteuer sollen aufklären. Als Achtzehnjähriger tauchte er etwa mit Tigerhaien und widerlegte so falsche Mythen über diese Tiere.
Auf den ersten 60 Kilometern rauscht die Rhone hunderte Höhenmeter ins Tal hinab. Den Oberkörper auf dem Hydro speed, die Beine im oft flachen Wasser, rauscht Yann mit. Immer wieder schlägt er mit den Knien gegen Felsen, manch mal so heftig, dass er fürchtet, sich e twas gebrochen zu haben. Den Kopf nur knapp über der Wasseroberfläche, sieht er Felsen oder Baumstämme oft nur spät, mehrmals schießt er über kleine Wasser fälle, Kopf voraus, nur das Hydrospeed- Board als Schutz. Die Rhone reißt ihn mit, als wäre er nicht mehr als ein Stück Plastik. Und genau um diese Metapher, um dieses Bild, geht es Yann bei der ganzen Sache.
Bern
SCHWEIZ Rhone gletscher
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KANTON WALLIS
YANNS ROUTE: 160 Kilometer weit ließ
sich Aktivist Scussel die Rhone hinuntertreiben, vom Rhonegletscher bis zum Genfersee. THE RED BULLETIN
„Um drei Uhr früh begann ich zu halluzinieren. Ich sah Krokodile in den Fluss kriechen.“ Der junge Schweizer, 21 Jahre, breites Kreuz, noch breiteres Lächeln, unter nimmt seit Jahren immer wieder Expedi tionen, die er unter einem Motto zusam menfasst: „Adventures with Conscience“ – Abenteuer mit Gewissen. „Ich möchte mit meinen Unternehmungen immer auch eine Botschaft vermitteln“, sagt er im Videointerview. „Das ist mir sehr wichtig.“ Als Achtzehnjähriger tauchte Yann auf den Bahamas mit Tigerhaien und drehte eine Doku, in der er einige der Mythen über sie widerlegte. Mit neun zehn schwamm er in der Türkei durch die Dardanellen von Europa nach Asien, um eine Krebsstiftung zu unterstützen. Und mit zwanzig wollte er den Kilimand scharo besteigen, um auf die Arbeits bedingungen der Träger dort aufmerk sam zu machen. Doch kurz bevor es losgehen sollte, kam die Pandemie da zwischen. Weil das Kamerateam, das ihn nach Afrika begleiten sollte, nun aber schon mal in Genf war, beschlossen er und die Kollegen spontan, ein anderes, zunächst klein angedachtes Projekt anzugehen: Sie wollten den Plastikmüll im Genfersee dokumentieren.
Dann machte es Klick. Die Idee für das Projekt „La Grande Descente“ – der große Abstieg – war geboren. Er würde sich wie ein Stück Plastik die Rhone hin abtragen lassen und mit dem Kamera team eine Kurz-Doku daraus machen, die den Plastikwahnsinn zum Inhalt hat. Yann kontaktierte also Claude-Alain Gailland, der bereits mit Profi-Aben teurern wie Mike Horn gearbeitet hat und das Rhonetal extrem gut kennt. Die Sache sei schwierig, aber machbar, sagte er. Schnell stellte sich auch heraus, dass im Frühling der perfekte Zeitpunkt für das Projekt wäre, weil die Rhone dank der Schneeschmelze viel Wasser führt. Yann sah sich Karten an, machte mit sei nem Team Erkundungsbesuche an der Rhone und sich mit dem HydrospeedBoard vertraut. Und dann, nur drei Wo chen nachdem die Idee geboren worden war, stieg Yann mit Claude-Alain ins eisi ge Wasser am Rhonegletscher. Für die ersten 60 Kilometer brauchen sie etwa zwölf Stunden. Die Strom schnellen sind heftig, manche schlicht nicht manövrierbar. Immer wieder
müssen Yann und Claude-Alain aus dem Wasser steigen und einzelne Passagen am Ufer zurücklegen. Weil sich gegen Ende der ersten 60 Kilometer ein Damm befindet, schleppen sie sich und ihr Ge päck etwa zehn Kilometer weit am Fluss entlang. Sie freuen sich, als sie wieder ins nun etwas ruhigere Wasser der Rhone steigen können. Doch nun steht ihnen schon die nächste Herausforderung be vor: eine Nacht auf dem Fluss.
Nachts trieben Yann und sein Partner schweigend vor sich hin
Als die Sonne untergeht, verschwindet mit ihr auch die letzte Wärmequelle für Yann. Im kalten, nassen Neopren anzug treibt er auf dem Hydrospeed durch die einsetzende Dunkelheit. „Als es Nacht wurde, war die Stimmung sehr speziell“, sagt Yann. „Anfangs, in den Stromschnellen, sprachen Claude-Alain und ich noch viel, aber jetzt trieben wir schweigend vor uns hin.“ Bald ist es so dunkel, dass sie nur noch sehen, was im Lichtkegel ihrer Stirnlampen auftaucht, und so kalt, dass es unerträglich wird.
IM DUNKELN
Der Lichtkegel von Scussels Stirn lampe im Ortsgebiet von Sitten, dem einzig erleuchteten Stück Weg auf der Nachtstrecke der Flussfahrt.
NICOLAS RIGHETTI
Die Menge an Plastik im Genfersee schockierte Yann
Schon lange ging Yann eine Statistik nicht aus dem Kopf: 14.000 Tonnen Plastik abfall landen jedes Jahr in der Schweizer Natur, allein 50 Tonnen davon im Genfer see. Um diese Zahlen mit Bildern zu ver deutlichen, gingen Yann und das Film team an der Rhonemündung tauchen und filmten die Verschmutzung vor Ort. „Wie wäre es, wenn wir uns wie eine weg geworfene Flasche ein paar hundert Meter auf der Rhone in den See hinein tragen lassen?“, schlug jemand aus dem Filmteam plötzlich vor. Yann sah ihn an. THE RED BULLETIN
MUT VS. RISIKO An extrem gefähr lichen Stellen muss Yann (links im Bild) kurz aus dem Was ser steigen und an Land weiter.
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HARTER UNTERGRUND
„Wenn das Zittern aufhört, wird es bedenklich. Dann droht die Unterkühlung.“ 72
„Solange du zitterst, ist alles okay“, sagt Yann, „dein Körper versucht damit ja, Wärme zu produzieren. Bedenklich wird es, wenn das Zittern aufhört.“ Dann näm lich droht eine ernsthafte Unterkühlung, die sogar zum Bewusstseinsverlust füh ren kann. Als es bei Yann so weit ist, müssen sie aus dem Wasser. Sie gehen 15 Minuten, um sich aufzuwärmen, dann
steigen sie wieder für 45 Minuten ins Wasser. Es ist ein Rhythmus, den sie die ganze Nacht über beibehalten. Hin und wieder essen sie etwas; eine echte Pause, um sich auszuruhen oder gar 15 Minuten zu schlafen, legen sie nicht ein. Zu groß ist Yanns Angst, nachher nicht mehr auf stehen und ins Wasser steigen zu können. Dann gleiten sie durch das nächtliche THE RED BULLETIN
LOUIS NAUCHE
Immer wieder schlug Scussel an solchen Stellen gegen Felsen im Flussbett. Manchmal so hart, dass er dachte, sich etwas gebrochen zu haben.
Abenteuer
„Früher wollten Abenteurer nur ihre Flagge auf dem Gipfel hissen. Diese Zeiten sind vorbei.“ Sitten, die Lichter der 35.000-Einwohner- Stadt leuchten, spiegeln sich im Wasser, es ist das einzige einigermaßen hell erleuchtete Stück Weg der ganzen Nacht. Dann herrscht wieder völlige Finsternis. Immer wieder blickt Yann auf die Uhr. Die Sekunden kriechen. Gegen drei Uhr morgens etwa ist er so erschöpft, dass er eine Halluzination hat. „Ich dachte plötzlich, hinter mir sei ein Krokodil vom Ufer in den Fluss gekrochen und verfolge mich. Es war verrückt. Ich wusste, dass das gar nicht sein konnte, und
CO-PILOT
Claude-Alain Gailland, hier links im Bild, kennt das Rhonetal extrem gut. Er begleitete den jungen Genfer Yann Scussel bei seinem Abenteuer.
GLÜCK UND UNGLÜCK
Yann bei der nkunft am Ufer A des Genfersees – Plastikmüll, wohin das Auge fällt
THE RED BULLETIN
brauchte dennoch eine Weile, um mir klarzumachen, dass ich halluzinierte.“ Woran Yann sich in diesen Stunden festhält? „Ich dachte an die große Sache, die ich mit dieser Aktion transportieren wollte: auf den Plastikmüll aufmerksam zu machen, auf die Verschmutzung der Seen und Meere.“
Wenn sich Scussel etwas in den Kopf setzt, gibt er nicht nach
Das Wasser ist schon seit der Kindheit Yanns Element. Als kleiner Junge fährt er mit seinem Großvater, der in Portugal lebt, frühmorgens zum Fischen aufs Meer hinaus. „Mich hat damals schon immer fasziniert, wie das Leben unter der Wasseroberfläche wohl aussieht.“ Als Teenager nimmt er an Schwimm wettkämpfen teil, spielt Wasserball, sieht sich gerne Umwelt-Dokumentationen an – und beschließt mit siebzehn, selbst eine zu drehen. Für sein Schulabschlussprojekt möchte er auf die Fidschi-Inseln reisen, dort bei einer NGO mitarbeiten, die sich für den Schutz der Haie einsetzt – und mit den Tieren tauchen. Weil ihm
das Geld dafür fehlt, macht er sich auf Sponsorensuche und findet nach vielen Rückschlägen tatsächlich welche. Wenn du deine Ziele erreichen willst, brauchst du Durchhaltevermögen – das lernt Yann schon damals. Als über dem eisigen Wasser der Rhone endlich die Sonne aufgeht, kehrt in Yanns durchgefrorenen Körper etwas Energie zurück. Er muss noch immer mehrere Dutzend Kilometer zurücklegen, aber er hat die Stromschnellen überstanden. Und die Nacht. „Die härteste meines L ebens“, wie er sagt.
Das nächste Abenteuer mit Botschaft ist bereits geplant
Kilometer für Kilometer nähert er sich nun dem Genfersee. Das Wasser der Rhone, oben am Ursprung klar und sauber, trägt zunehmend mehr Schlamm und Müll mit sich. Als Yann nach 29 Stunden schließlich in den Genfersee hineingespült wird – das Seewasser erscheint ihm warm wie in einer Badewanne – und am Ufer ankommt, ist er glücklich und erschrocken zugleich: Überall liegt Plastikmüll. Ein auf deprimierende Weise perfekter Ort für das Ende einer symbolhaften Reise. Über 4000-mal wurde Yanns Kurzfilm über den Rhone-Trip mittlerweile auf YouTube angeklickt. Die Aktion zeigt Wirkung. Und das macht ihm Mut, auch das Kilimandscharo-Projekt weiterzu verfolgen. Neben seinem Studium der Internationalen Beziehungen, das er in Genf absolviert, arbeitet er weiterhin daran. Mittlerweile hat er es etwas erweitert: Neben dem höchsten Berg Afrikas will er auch den Mont Blanc und das Matterhorn besteigen, jeweils völlig auto nom, also ohne fremde Hilfe, und ohne Müll zu hinterlassen. Er möchte damit Menschen dafür sensibilisieren, welche sozialen und ökologischen Folgen es hat, wenn sie im Gebirge unterwegs sind, und zeigen, dass es auch anders geht. „Die Zeit der Abenteurer, die einen Gipfel bestiegen, nur um dort oben ihre Flagge hineinzustecken, ist meiner Meinung nach vorbei“, sagt Yann. „Wenn ich eine Expedition mache, dann möchte ich dem Ort, den ich besuche, etwas zurückgeben. Zum Beispiel, indem ich auf eines der Probleme dort aufmerksam mache. Beides gehört für mich zusammen.“ Video „La Grande Descente“: Yanns abenteuerliche Reise in der Kurzdokumentation – QR-Code scannen
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FLÜÜÜGEL FÜR DEN SOMMER. MIT DEM GESCHMACK VON APRIKOSE-ERDBEERE.
R NUR FÜ EIT KURZE Z
BELEBT GEIST UND KÖRPER®.
GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen REISE MIT STRANDBLICK
THIAGO DIZ
Zuschauen oder s elber fahren: die Kitesurf-Rallye von Sertões, Brasilien
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GUIDE Reisen
„Das Rennen von Sertões ist das erste seiner Art: Es dauert sechs Tage, ist 500 Kilometer lang und findet im Südatlantik statt.“ Unsere Autorin, Profi-Kitesurferin Marcela Witt, erzählt uns hier, wie sie den Wettbewerb erlebt hat.
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Pedro Macedo Soares de Araujo fliegt über die Ziellinie. Oben: Start der Rallye in São Miguel do Gostoso, Nordostbrasilien
TOM WARD
ch strenge mich ordentlich an an diesem dritten Tag des Rennens von Sertões an Brasiliens Nordostküste. Mein Brett liegt schwer im Wasser, meine Füße tun weh und bluten, und der Wind ändert ständig seine Richtung, sodass mein Drachen immer wieder absinkt. Gerade habe ich eine Boje verpasst. Bei dieser ersten Kitesurf-Langstrecken rallye der Welt sind Bojen entscheidende Kontrollpunkte. Für jede, die du verpasst, kassierst du 30 Strafminuten. Aber was noch schlimmer ist: Wer zu langsam ist, fällt zurück. Das Rennen von Sertões ist das erste seiner Art: Es dauert sechs Tage und findet im Südatlantik statt. Es geht von São Miguel do Gostoso in Rio Grande do Norta bis hinauf nach Preá in Ceará. Bei dem Ausdauerbewerb verbringen die Teilnehmer jeden Tag mehrere Stunden auf dem Wasser, begleitet von ihren Hilfs teams, die sie in Autos am Land begleiten.
THIAGO DIZ, GABRIEL HEUSI
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THE RED BULLETIN
Bevor das Rennen losgeht, bereitet unsere Autorin, die brasilianisch Kite surferin Marcela Witt, ihre Ausrüstung vor.
Meine Familie in Rio de Janeiro ging immer schon kitesurfen, seit ich klein war. Anders als beim normalen Surfen muss man hier nicht auf Wellen warten. Die Kraft kommt vom Wind, der einen großen, handgesteuerten Lenkdrachen antreibt. Und das ziemlich flott: Ende der Nullerjahre wurde der Temporekord im Kitesurfen regelmäßig gebrochen. 2010 schaffte der Amerikaner Rob Douglas 55,65 Knoten (oder 103 km/h) und hielt diesen Rekord immerhin zwei Jahre. Zur Jahrtausendwende hob dieser Sport so richtig ab. Ich war vierzehn, als ich 2005 an meinem ersten Wettbewerb teilnahm, mit zwanzig folgte dann mein erstes Antreten auf der Langstrecke, in Brasilien Downwinder genannt. Selbst für Leute mit meiner Erfahrung ist Sertões ein schwer vorherzusagendes Rennen. Die Küstenbedingungen in Brasilien ändern sich oft: Manchmal hat man Land- oder Seewind, der einem hilft, THE RED BULLETIN
schnell zu fahren, manchmal Seiten winde, die einen bremsen. Es ist wirklich ein ziemlich ermüdender Sport. Ähnlich wie beim Laufen kann man es sich bequem machen, mal zwei Stunden raus gehen und ein gemütliches Tempo fahren, aber der Wettbewerb ist alles andere als bequem – mehr ein gnadenloser Sprint. Man ist echt schnell unterwegs – mit etwa 30 km/h –, und das über mehrere Tage am Stück. Sich einen Tag lang pushen – das geht ja noch. Aber Tag für Tag – das kann anstrengend sein. Oft sieht man die Konkurrenz gar nicht und muss raten, ob man vorn oder hinten liegt. Ursprünglich wollte ich hier vor allem Spaß haben. Schon recht früh am ersten Tag bin ich mit 20 Minuten Abstand an der Führenden dran. Mir wird bewusst, dass ich einfach nur auf ein Twintip (Anm.: ein Board, das in beide Richtungen fahren kann und daher nicht gewendet werden muss) wechseln müsste und Sieges
Wie im Flug
ZIEL Preá
Die Strecke des Sertões Kitesurf
Icaraizinho
Porto do Pecém Beberibe Icapuí Guamaré START São Miguel do Gostoso
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GUIDE Reisen
Bett und Brett Wohnen und Spielen während des nächstens Rennens im Oktober 2022. Die Reise-Tipps: Kauli Seadi Kite Center „Hier beginnt der Wettbewerb“, erklärt Witt. „Kauli war mal Weltmeister im Windsurfen, heute betreibt er diese tolle Surfschule.“ Ilha dos Poldros Hotel, Maranhão „Einer meiner Lieblingsorte, westlich von Preá. Um im Meer zu kiten, muss man fortgeschritten sein, hier am Paranaíba-Fluss kann es jeder.“ Vila Guará Hotel, Atins Beach, Maranhão „Traumhafte Strandbungalows und eine fantastische Kitesurfschule.“ Vila Kalango Hotel, Jericoacoara, Ceará „Der Jericoacoara-Nationalpark ist ein Paradies – für Surfer, aber auch einfach zum Entspannen.“ Rancho do Peixe, Preá, Ceará „Hier endet das Rennen. Am Strand gibt es wunderschöne Bungalows, Essen und Wein sind köstlich.“ sertoeskitesurf.com.br
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anstalter haben nicht damit gerechnet, dass wir so schnell sind. Oft kommen die Teilnehmer weit vor den Autos ins Ziel und müssen hungrig in der Sonne auf die Ankunft des Teams warten. Am vierten Tag ist der Wind sehr schwach, was große Lücken im Starter feld aufreißt. Zu Beginn lagen noch 15 bis 30 Minuten zwischen den Wettbewer bern, heute sind es eher drei, vier Stun den. Viele geben auf. Am letzten Tag liege
„Außerhalb der Komfortzone passiert meist etwas Gutes.“ Marcela Witt, Siegerin des Sertões Kitesurf 2021
ich über zwei Stunden vor der nächsten Surferin. Aber die ist echt gut, und ich weiß, dass noch alles möglich ist. Nach 17 Stunden, 6 Minuten und 34 Sekunden bin ich im Ziel. Erst als ich bei der Sieger ehrung auf das Podest steige, bin ich si cher, dass ich gewonnen habe. Wenn wir unsere Komfortzone ver lassen, passiert meist etwas Gutes, da von bin ich überzeugt. Wettbewerbe sind wie das Leben: Es ist egal, wenn du heute vorn liegst, wenn du nicht auf den nächs ten Wettbewerb vorbereitet bist. Du darfst ein Rennen langsam angehen, aber du darfst niemals anhalten. Autorin Marcela Witt, professionelle Kitesurferin aus Brasilien, war die erste Frau, die in der Antarktis und im berüchtigten portugiesischen Nazaré gesurft ist. Instagram: @marcelawitt THE RED BULLETIN
TOM WARD
chancen hätte. Am zweiten Tag mache ich das und schalte meinen Ehrgeiz dazu. Aber dann: diese Boje am dritten Tag! Sie liegt in einer Bucht am Ende des längsten Abschnitts – nach mehr als 100 Surf-Kilo metern. Ich komme weniger als eine Minu te zu spät an, aber die Rennleitung sieht das mit GPS ganz genau. Daraufhin bin ich stinksauer und gebe wütend Vollgas. Am Ende des Tages liege ich ganze drei Stunden vorn, da spielen die 30 Straf minuten auch keine Rolle mehr. Die Erholung an den Abenden erweist sich als richtig schwierig. Anfangs wollte ich beim Surfen eine Esspause einlegen, aber sobald mich der Ehrgeiz gepackt hatte, musste ich die natürlich auslassen. Nachts schlafen wir in Zelten an abge legenen Orten, aber ich glaube, die Ver
Strand in Rancho do Peixe: kitesurfen und relaxen
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In sechs Tagen 500 Kilometer kitesurfen. Ganz oben: Aufstellung der Wettbewerber in der „Elite“- Kategorie vor dem Start. Darunter: Kitesurfer Bruno Melo Côrtes überglücklich im Ziel
GUIDE Laufschuhe
Auf Abwegen Da geht was: Trailrunning-Schuhe, die den Boden ebnen, die Körpertemperatur regulieren und für eine weiche Landung sorgen.
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1 THE NORTH FACE VECTIV™ ENDURIS II Die Gummimischung der Sohle sorgt für besonders gute Standhaftigkeit vor allem auf glatten Oberflächen. € 140; thenorthface.de 2 SALOMON PULSAR TRAIL Dieser Schuh tut nicht nur etwas für die Gesundheit, sondern auch für die Umwelt. Sein Material besteht aus recycelten PET-Flaschen. € 130; salomon.com
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TRAIL-IKONE MIT HISTORIE Die neue Oberkonstruktion schafft jeden Trail. Die Waden auch?
3 BROOKS CASCADIA 16 Das Ballistic Rock Shield System zwischen Außen- und Zwischensohle schützt den Fuß vor Steinen. € 140; brooksrunning.de 4 ALTRA LONE PEAK 6 Altra hat seinen Trail-Klassiker aufgemotzt. Mit einer Oberkonstruktion aus Quick-Dry Air Mesh und verbessertem Schnürsystem. € 150; altrarunning.eu
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FESSELSPIELE Das Zugsystem des Sky DNA verteilt den Druck über den kompletten Fuß.
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5 DYNAFIT SKY DNA Mit nur 230 Gramm ist der leichte Treter vor allem für Bergläufer geeignet, die es besonders eilig haben. € 170; dynafit.com 6 SALEWA DROPLINE Die leistungsstarke EVA-Zwischensohle dieses Speed-Hiking-Schuhs minimiert die Aufprallkraft und schont die Gelenke. € 155; salewa.com 7 MERRELL MTL LONG SKY 2 Ein ausgiebiger Lauf auf felsigen Wegen oder bei nieselndem Wetter? Easy. Denn der Stoff ist schnelltrocknend, leicht, aber trotzdem reißfest. € 130; merrell.com
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8 ON RUNNING CLOUDULTRA Ein atmungsaktiver Oberschuh aus zwei lagigem Sandwich-Mesh reguliert die Körpertemperatur. Top bei langen Läufen. € 190; on-running.com 9 LA SPORTIVA CYKLON Der ideale Schuh für anspruchsvolles Terrain. Dank eines speziellen Systems sitzt der Fuß in jeder Situation fest über der Sohle. € 169; boafit.com 10 ASICS GEL- NIMBUS 24 Reflektierende Details machen diesen Schuh auch bei schlechten Lichtverhältnissen gut erkennbar. € 180; asics.com
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GUIDE Lesestoff
MYTHISCHE FANTASY
Der schreckliche John Mit seiner Wikinger-Saga liefert der britische Erfolgsautor John Gwynne den Beweis dafür, dass es nicht nur blutige Anfänger, sondern auch blutige Meister gibt.
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ls Ende 2020 ruchbar wurde, dass John Gwynne an einer mythischen Wikinger-Saga arbeitet, da schnalzten Connaisseurs genüsslich mit der Zunge. Denn wiewohl Gwynne h ierzulande noch immer als Geheimtipp gehandelt wird, hat der 1968 geborene britische Autor schon mehrfach bewiesen, dass er ganz genau weiß, wo der Hammer hängt – eine Eigenschaft, die im finsteren Norden des Frühmittelalters
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ausgesprochen zweckdienlich ist. Bereits sein erster Fantasy-Zyklus „Die Getreuen und die Gefallenen“ ließ kaum Zweifel daran, dass G wynne sich mit Leib und Seele der belletristischen Stahlverarbeitung verschrieben hat. Unter den bezeichnenden Einzeltiteln „Macht“ (2012), „Bosheit“ (2014), „Jähzorn“ (2015) und „Ungnade“ (2016) servierte er auf insgesamt rund 3500 Seiten eine üppige, mit allerlei martialischen Fabelwesen garnierte Schlacht-
platte, die nicht nur mächtig Spaß macht, sondern auch einen – in diesem Genre – überraschend hohen literari schen Nährwert bietet. Für einen ausgewiesenen Meister des Gemetzels hat G wynne ein erstaunlich feines Gespür für das Grobe. Vor allem bei der Entwicklung seiner gut ausbalancierten Charaktere zeigt sich, dass er mit der Feile ebenso gut u mzugehen weiß wie mit dem Hobel. Das sahen die Juroren des renommierten David Gemmell THE RED BULLETIN
VINZ SCHWARZBAUER
Text JAKOB HÜBNER
„Nordnacht“, Kapitel 1, erster Absatz: „Der Tod ist ein Teil des Lebens“, flüsterte Orka ihrem Sohn ins Ohr. Obwohl Breca mit dem Eschenspeer in seiner kleinen verkrampften Faust weit ausholte und auf das Rentier vor ihnen zielte, sah sie das Zögern in seinen Augen, bemerkte es an seinem verbissenen Kiefer. Er ist zu weich für diese Welt des Schmerzes, dachte Orka.
Awards offenbar ähnlich und zeichneten Gwynne 2012 für das beste Fantasy-Debüt des Jahres aus. Spätestens nach dem Erscheinen seiner zweiten Romanserie, der Trilogie „Blut und Knochen“, die er 2020 abschloss, machte in der Fantasy-Community auch international eine Erkenntnis die Runde: Wenn John Gwynne seine Esse anheizt, ist epische Weißglut angesagt. Beste Voraussetzungen, um sich literarisch in einer Kultur auszutoben, in der das Spalten eines Schädels bekanntlich nur deshalb mora lische Bedenken aufwirft, weil man den Schädel danach nicht mehr als Trinkgefäß verwenden kann. Wohlan! „Nordnacht“, der erste Teil von Gwynnes heroischer Wikinger-Saga „Die Blut geschworenen“, erschien auf Deutsch Ende 2021. Der zweite Band ist für Herbst 2022 angekündigt, Teil 3 soll Mitte 2023 folgen. Und ja, die eingangs erwähnten Zungenschnalzer wurden definitiv nicht enttäuscht. Diese Story kommt mit einer Wucht daher, die einem den Hintern so tief in den Lesesessel drückt, dass man dessen Konturen auch noch am nächsten Tag erkennen kann. Formal vertraut Gwynne auf sein erprobtes Rezept und entwirft die Geschichte aus den Perspektiven verschiedener Protagonisten, die zunächst einmal nichts miteinander zu tun haben. Diesfalls sind es drei Erzählstränge, die sich erst im Verlauf der Handlung zu THE RED BULLETIN
inem Zopfmuster finden: e Orka, eine Art nördliche Amazone, deren latenter Hang zum Blutdurst sich durch die Entführung ihres Sohnes zu einer wahren Elegie der Mordlust steigert. Varg, ein entflohener Sklave mit flinken Fäusten, der nicht einmal ahnt, was tatsächlich in ihm steckt. Und Elvar, eine junge Frau aus einem Herrscherhaus, die sich trotzig einer Horde verwegener Kopfgeldjäger anschließt. Neu hingegen ist das Setting: Dadurch, dass Gwynne die High-Fantasy-Elemente, die er bisher freihändig aus der Luft gezaubert hat, diesmal im Narrativ der nordischen Mythologie erdet, bekommt das Ganze einen Spin, dem man mit etwas Großmut auch intellektuell etwas abgewinnen kann – was freilich nichts daran ändert, dass „Die Blutgeschworenen“ vor allem ein brachiales Action-Spektakel ist, in dem die Wurfäxte tief fliegen und Hiebwaffen wie der Scramasax sehr oft an die frische Luft kommen …
JOHN GWYNNE „Nordnacht“ – Die Saga der Blutgeschworenen 1 Deutsch von Wolfgang Thon (Blanvalet)
BUCHTIPPS
Kalt erwischt Wikinger-Überfall auf die Bestsellerlisten: vier heiße Eisen aus der Schmiede der historischen Spannungsliteratur.
BERNARD CORNWELL Mit einer Gesamtauflage von über 30 Millionen E xemplaren ist der britische Bestsellerautor Bernard Cornwell, 78, eine absolute Instanz des historischen Abenteuerromans. Warum das so ist, kann man u. a. in seiner großartigen „Uhtred-Saga“ nachlesen, die auch die Basis für die NetflixSerie „The Last Kingdom“ liefert. Spannender lässt sich Geschichtsunterricht nicht gestalten. „Das letzte Königreich“ (rororo)
BJØRN ANDREAS BULL-HANSEN Er sieht aus wie ein Wikinger, er lebt wie ein Wikinger und er schreibt wie ein Wikinger. Nebenbei ist Bjørn Andreas Bull-Hansen, 49, mehrfacher norwegischer Meister im Kraftdreikampf sowie Survival-Blogger. Dementsprechend ist seine „Viking“Saga (Bestseller!) nicht nur extrem spannend, sondern auch extrem authentisch. „Viking – Eine Jomswikinger-Saga“ (Penguin)
GILES KRISTIAN Halb Norweger, halb Brite. Giles Kristian, 47, wurde der Kampf der Wikinger quasi in die Wiege gelegt. Seine „Raven“-Trilogie schlug bei Genre-Fans kratermäßig ein. Stilistisch mag da noch Luft nach oben sein, die erzähle rische Stoßrichtung passt aber. Und alle, die bei Kristian Blut lecken, kriegen mit dessen ebenso erfolgreicher „Sigurd“-Serie einen art gerechten Nachschlag. „Raven – Blutauge“ (Heyne)
LEO CAREW Obwohl sein von der Kritik gefeierter „Under the Northern Sky“-Zyklus im Reich der historischen Fantasy angesiedelt ist, erweckt der 1991 geborene britische Newcomer darin eine faszinierend realistische Kultur zum Leben. Liegt wohl daran, dass Leo Carew studierter Anthropologe ist. Bisher erschienen sind „Wolfsthron“ und „Der dunkle König“, Teil 3 ist gerade in Arbeit. „Wolfsthron“ (Goldmann)
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GUIDE Biohacking SCHNELLER BERUHIGEN
Die Energie der Fingerspitzen Profi-Biohacker Andreas Breitfeld verrät uns jeden Monat einen Trick, der dein Leben verbessert. Dieses Mal: wie du Nervosität wegklopfst.
Nervös? Mit zwei Fingern auf die rot markierten Stellen (wie hier die Handaußenseite) klopfen – das beruhigt. Amygdala
Meridian
Nebennieren
Nachrichtennetz im Körper
ANDREAS BREITFELD, 49, ist Deutschlands bekanntester Biohacker. Er forscht in seinem speziellen Lab in München. BIOHACKING umfasst, vereinfacht gesagt, alles, was Menschen eigenverantwortlich tun können, um Gesundheit, Lebensqualität und Langlebigkeit zu verbessern.
Wieso mache ich das?
Unser Körper ist von Energiebahnen überzogen, die man Meridiane nennt. Sie landen allesamt am gleichen Ort, der Amygdala, also in jenem Teil unseres 84
DIE BIOHACKING-PRAXIS Der Performance-Lifestyle-Podcast für alle, die mehr über Biohacking (und sich selbst) erfahren wollen. QR-Code scannen und reinhören. THE RED BULLETIN
ANDREAS BREITFELD
ehirns, in dem die Emotionen verwaltet G werden. Je nachdem, an welcher Stelle des Körpers ich durch sanftes Klopfen den Fluss der Meridiane anrege, kann ich diese Emotionen auf magische Weise beeinflussen. Durch das rhythmische Klopfen auf die Energiebahnen wird das limbische System (zu dem die Amygdala zählt) abgelenkt, in der Folge weiten sich die Gefäße, Herzfrequenz und Blutdruck sinken. Außerdem wird die Produktion des Stresshormons Cortisol reduziert. Bereits nach wenigen Minuten ist der Effekt mess- und vor allem spürbar.
PRIVAT
Z
ugegeben, auch in meinem Leben gibt es immer wieder Situationen, in denen das Reptilienhirn das Steuer übernimmt. Ruhiges Reflektieren, nüchternes Analysieren? Fehlanzeige. Nervosität, Stress, Panik, Kampf-oderFlucht-Modus. Wenn konzentriertes Atmen (noch) keine beruhigende Wirkung zeigt, setze ich auf die wundersame Heilkraft des Klopfens, auch „Tapping“ genannt. Das sieht von außen einigermaßen, hm, seltsam aus: Ich sitze da und klopfe mit Zeige- und Mittelfinger minutenlang auf ein und dieselbe Körperstelle.
SASCHA BIERL
Die Amygdala ist der Hauptbahnhof aller zwölf Meridiane (Energiebahnen) im Körper. Sie ist unter anderem für die Steuerung der Emotionen zuständig. Durch rhythmisches Klopfen auf spezielle Körperstellen erhält die Amygdala beruhigende Signale. Und weist dann ihrerseits die Nebennieren an, die Produktion des Stresshormons Cortisol zu stoppen.
GUIDE Playlist DAVID MORALES
„Musik hat mein Leben gerettet“ Der US-DJ und -Produzent hat Anfang des Jahres ein neues Album vorgelegt. Hier verrät er uns vier Platten, die er seit seiner Jugend liebt.
WILL LAVIN
Vor tausenden Fans auflegen, fette Privatjets und Millionen Euro Gage: Das Phänomen der Superstar-DJs tauchte in den 1990ern auf. Einer der bekanntesten ist der gelernte Koch David Morales, der als Produzent für seine dynamischen House-Tracks bekannt wurde und es 1998 als „Remixer of the Year“ bis zu einem Grammy schaffte. Er hat unter anderem Alben für Michael Jackson, Madonna und Jamiroquai produziert und remixt. Der 59-jährige gebürtige New Yorker mit puertoricanischen Wurzeln meldet sich nun nach über einem Jahrzehnt zurück: mit dem Album „Life Is a Song“, einer Ode an die Musik und den Einfluss, die sie auf sein Leben hatte. „Musik ist ein wirklich wichtiger Teil meines Lebens“, sagt Morales ohne Umschweife, „sie hat mir das Leben gerettet.“ An vier Tracks, die seine Jugendzeit geprägt haben, erinnert er sich hier.
QR-Code scannen und David Morales’ Lieblingsscheiben seiner Jugend lauschen. djdavidmorales.com
THE JACKSON 5
THE O’JAYS
DOUBLE EXPOSURE
THE JIMMY CASTOR BUNCH
ABC (1970)
PUT YOUR HANDS TOGETHER (1973)
TEN PERCENT (1976)
IT’S JUST BEGUN (1972)
„In der Gegend, wo ich aufwuchs, gab es diese Straßenpartys, wo DJs im Park auflegten. Ich war etwa 13 Jahre alt, als ich diesen Typ beobachtete, wie er seine Anlage aufbaute. Es war das erste Mal, dass ich zwei Decks und ein Mischpult sah, und er spielte diese Platte. Ich war hin und weg von dem Break. Es war die erste 12-ZollPlatte, die von Salsoul Records ver öffentlicht wurde, und als ich sie mir kaufte, spielte ich sie zu Tode.“
„Dieses Album war wie eine Reife prüfung für mich. Es erinnert mich an meine Teenagerzeit, als ich auf Graffiti und Breakdancing abfuhr. Ich war der beste Tänzer in meiner Truppe und nannte mich Flaco Larock. Der Name war mit Leuchtbuchstaben vorne auf meinem T-Shirt aufgedruckt. Bei DJ-Battles lief ‚It’s Just Begun‘ als einer der Songs oft im Club, weil der Break und das Intro so abgefahren sind.“
„Als Kind konnte man diesem Song nicht entkommen. Er lief auf allen Pop-Radiosendern. Als ich in der Grundschule war, in der ersten oder zweiten Klasse, mussten wir einen berühmten Song vortragen. Manche Kinder wählten den Opener der TV-Serie ‚The Partridge Family‘, ich dagegen entschied mich für The Jackson 5 und sang ‚ABC‘. Das war einer der ersten Songs, die mein Leben e ntscheidend geprägt haben.“ THE RED BULLETIN
„Obwohl ich für Musik kein Geld hatte, als ich aufwuchs, stöberte ich oft im Plattenladen. Als ich dann etwas Geld hatte, war das die erste 45er, die ich kaufte. Ich weiß noch, wie ich sie nach Hause brachte. Wir hatten eine miese Stereoanlage. Ich hielt die Lautsprecher beim Fenster raus und spielte die Single sicher an die 100 Mal. Meine Mutter wollte sie mir schon kaputt machen.“
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GUIDE Kalender
26 12 bis 14. Mai LASS EINEN FLIEGEN Die Regeln des Wettbewerbs Red Bull Paper Wings sind simpel: Ein DIN-A4-Blatt muss in der Luft fliegen. Die nationalen Gewinner werden bis April an verschiedenen Orten in zwei Kategorien ermittelt: Flugdauer und Flugstrecke. Dazu können Piloten auf TikTok ihren besten Flugtrick posten und sich in der Kategorie „Aerobatik“ qualifizieren. Die Sieger reisen im Mai nach Salzburg zum Weltfinale im Hangar-7. paperwings.redbull.com
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Paul Gauguin (1848– 1903) gilt als einer der bedeutendsten Maler. 2015 wurde eines seiner Werke für 300 Millionen Dollar verkauft. Wer nicht so viel Kleingeld hat, kann sich seine Ausstellung „Why Are You Angry“ in der Ber liner Nationalgalerie an gucken. smb.museum
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und 24. April MÄNNER IN SCHIEFLAGE
Mai DER KLASSIKER
Die Superbike-Weltmeisterschaft startet in die zweite Runde. 24 Fahrer wie Toprak Razgatlıoğlu (Bild) legen sich wieder in die Kurven und kämpfen bei Geschwindigkeiten bis 300 km/h um die Krone; diesmal auf dem TT Circuit Assen in den Niederlanden. ServusTV überträgt das Superpole-Rennen am Samstag sowie beide Rennen am Wochenende live im FreeTV. servustv.com
Das bereits seit 1962 ausgetragene Eintagesrennen Eschborn – Frankfurt gehört zu den wichtigsten Radrennen Deutschlands. Dabei legen die Profis bis zum Ziel vor der Frankfurter Oper 185 Kilometer und 707 Höhenmeter zurück. Zusätzlich finden zahlreiche Rennen für Nachwuchsfahrer und Amateure statt. eschborn-frankfurt.de
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JOERG MITTER/RED BULL CONTENT POOL, GETTY IMAGES, NY CARLSBERG GLYPTOTEK/KØBENHAVN, GFR MARCEL HILGER
März bis 10. Juli GUCKEN, NICHT ANFASSEN
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Ausgabe 16/2022
Ausgabe 2/2022 Ausgabe 2/2022
Ausgabe 2/2022 Ausgabe 2/2022
Ausgabe 7/2022
Ausgabe 4/2022 Ausgabe 4/2022
Ausgabe 4/2022 Ausgabe 4/2022
Mit Vollgas in der Erfolgsspur! LIQUI MOLY lässt Motorherzen höher schlagen und beruhigt den Puls der Autofans. Wohl deshalb wählten uns 2022 die Leserinnen und Leser der führenden Automagazine Deutschlands erneut zur Schmierstoffmarke Nr. 1. Bei AUTO ZEITUNG sowie auto motor und sport bereits das 12. Mal in Folge. Zudem glänzen wir bei AUTO ZEITUNG wiederholt mit Platz 2 in der Kategorie Pflegemittel. Herzlichen Dank!
Ampel auf Grün Nahezu alle Hersteller haben E-Autos im Programm – und tüfteln abseits davon an klugen Lösungen. Hier sind die besten Modelle inklusive Antworten auf drei drängende Fragen zur E-Mobilität. Text WERNER JESSNER
MANIEREN UNTERM ARBEITSGEWAND JEEP WRANGLER 4XE PLUG-IN-HYBRID Der Wrangler gehört zu den absoluten Geländespezialisten – was man ihm auch ansieht. Was man nicht sieht: die moderne Technik. Benzin- und E-Antrieb stemmen zusammen 380 PS. Rein elektrisch schafft der Wrangler 40 Kilometer – bei einer Spitze von 130 km/h im E-Modus. Besonders geschmackvoll geraten ist das Sondermodell „80th Anniversary“.
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Bayerisches Schweizermesser BMW 2er Active Tourer Plug-in-Hybrid
Tolle Verwandlungsfähigkeit im Innenraum, auf Wunsch mit Allrad und jetzt auch als Plug-in-Hybrid: Der Zweier schafft dann rein elektrisch bis zu 80 Kilometer und ist in seiner Top-Version 326 PS stark. Der 19 PS starke E-Motor fungiert als Mild-Hybrid und sorgt beim Beschleunigen für den Extra-Punch. Mit sDrive Zone erkennt das Auto selbständig Umweltzonen und schaltet auf reinen E-Antrieb um. 88
Wie sieht es mit der Reichweite aus? In der Praxis erreicht man die Prospektwerte – je nach Fahrweise – meist nicht ganz, aber Berlin–Hamburg geht so gut wie immer ohne Probleme, auch im Winter. THE RED BULLETIN
GUIDE Mobilität
Elektrischer Reiter
Ford Mustang Mach-E GT
Großer Name, große Reichweite: 500 Kilometer weit kommt der stärkste vollelektrische Mustang, der die sportlichen Gene seines berühmten Namensvetters geerbt hat: Sprint aus dem Start auf 100 km/h in 4,4 Sekunden, 860 Nm Drehmoment. Da haben andere ebenso das Nachsehen wie beim Blitz-Laden: Schon nach zehn Minuten kommt man wieder 99 Kilometer weit. THE RED BULLETIN
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GUIDE Mobilität
C WIE COUPÉ VOLVO C40 RECHARGE Okay, so ganz stimmt das nicht, der voll elektrische Volvo C40 hat fünf Türen statt drei, aber bei Crossovers nimmt man’s nicht mehr so genau. Was unter der schmucken Verpackung steckt? 441 Kilometer Reich weite, 408 PS, Allrad und Automatikgetriebe. Konzernpolitik bei Volvo: die auf 180 km/h beschränkte Höchstgeschwindigkeit.
Space-Bus
Hyundai Staria Der Antrieb klassisch: ein 177 PS starker Dieselmotor mit 8-Gang-Automatik getriebe. Die Optik revolutionär: Die LED-Scheinwerfer und der raumgreifende Kühlergrill bringen total frische Optik in die Klasse der Business-Vans. Sieben Sitzplätze, elektrische Schiebetüren und ein Bose-Premium-Soundsystem mit satten zwölf Lautsprechern prädestinieren den brandneuen Staria für die Langstrecke.
REICHWEITENSIEGER MERCEDES EQS 742 Kilometer schafft die erste Elektro limousine von Mercedes – das ist weiter als die Strecke Wien–Berlin. Dank 523 PS ist auch für ordentlich Leistung gesorgt. Besonders spektakulär: der Innenraum mit gigantischem Screen, Head-up-Display und integrierter Augmented Reality. Dabei werden virtuelle Hinweise direkt ins Blick feld des Fahrers projiziert.
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Wie umweltfreundlich sind E-Autos? Das hängt zum über wiegenden Teil davon ab, wie der Strom zum Fahren produziert wurde. Viele Hersteller achten auch in der Produktion auf Nachhaltigkeit. 90
Digital native Kia EV6
Kaum ein Unternehmen hat sich in den letzten Jahren so dramatisch neu erfunden wie Kia – und damit diese Botschaft auch wirklich ankommt, hat man gleich auch das Logo gewechselt. So erkennt jeder: Der vollelektrische Crossover EV6 ist die Zukunft. Mit bis zu 528 Kilometer Reichweite, sieben Jahren Garantie und deklariert europäischem Design hat er das Zeug zum Bestseller. THE RED BULLETIN
RAUMFAHRT HONDA HR-V Ein Benziner, der Strom für zwei E-Motoren liefert: Das ist die Idee hinter Hondas e:HEVTechnologie. Der Vorteil: Der Motor läuft immer im idealen Drehzahlbereich und ist daher maximal e∞zient. Zum Vortrieb wird der Benziner nur dann verwendet, wenn volle Leistung gefragt ist. Auch nicht unwesentlich: größter Innenraum seiner Klasse!
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Was spricht für Plug-in-Hybride? Wer einen täglichen Weg von (meist) nur 50 Kilo metern zurücklegt, kann das rein elektrisch machen – bei u neingeschränkter Langstreckentauglichkeit dank Verbrenner.
Der große Strom Audi e-tron
Ein ausgewachsenes SUV, konsequent elektrisch gedacht: 408 PS und 441 Kilo meter Reichweite dank Hochvoltbatterie und intelligentem Rekuperations system sind die harten Fakten. Kleine, feine und große Details: virtuelle Außen spiegel, große Touchscreens einerseits, fast 1,8 Kubikmeter Laderaum und Felgen bis 21 Zoll andererseits.
Chefdynamiker
Škoda Enyaq Coupé iV Der Škoda Enyaq war der Erste in der VW-Familie, der auf dem modularen Elektro-Baukasten MEB beruht. Nun schieben die Tschechen ein Coupé nach: Dynamische Dachlinie, dennoch 570 Liter Kofferraum, Heck- oder Allradantrieb und ein c W -Wert von 0,247 lassen Vorfreude auf das windschlüpfige Enyaq Coupé aufkommen. THE RED BULLETIN
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B O U L E VARD DER HEL DEN
GARRINCHA
DIE FREUDE DES VOLKES Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit. Folge 12: Glück und tragisches Ende des brasilianischen Kickers Garrincha.
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MICHAEL KÖHLMEIER BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT PICTUREDESK.COM (2), GETTY IMAGES (2)
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er sich für die Ästhetik des deshalb so gut, dribble deshalb alle seine Fußballs begeistern kann, der Gegner aus, weil er zwei linke Beine habe. sollte auf YouTube eingeben: Außerdem sei das eine Bein um sechs Zenti Garrincha Best Skills & Dribbles meter kürzer als das andere. Er erzählte das Ever. Das sind alte Schwarzmit einer solchen Begeisterung, dass mir Weiß-Aufnahmen aus den Jahren 1958 bis der Zustand von Garrinchas Beinen nicht 1962. Vielleicht ist es ja wahr, was meine als eine Behinderung erschien, sondern als Söhne sagen, dass auch der glorreichste ein Vorteil, ja sogar als ein Trick. Ich dachte, MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger Fußball der glorreichsten brasilianischen das hat dieser überragende Sportler sich Bestsellerautor gilt Mannschaften aus jener Zeit im Vergleich antrainiert. Aber wie? Oder die Natur hatte als bester Erzähler zu heute ein bisschen aussieht wie ein ihn schlichtweg bevorzugt, wie sie es bei deutscher Zunge. Match in einer Regionalliga; aber das beGenies eben tut. Zuletzt erschienen: trifft nur die Geschwindigkeit des gesamten Ich diskutierte die Sache mit meinem der Roman „Matou“, Spiels und nicht die Virtuosität der einzelFreund. Der meinte, zwei linke Beine, das 960 Seiten, nen Spieler. Hanser Verlag. könne nur bedeuten, dass beim linken Bein Pelé bleibt in seiner athletischen Eleganz der große Zeh wie bei jedem Menschen unerreicht, Nílton Santos bewies in seiner besten Zeit innen, beim rechten Bein aber außen sei. Wenn Garrincha sich Schuhe kaufe, müssten es immer zwei Paar eine spielerische Intelligenz, wie wir sie später nur sein, damit er zwei linke bekomme. Das würde bestäti noch bei Franz Beckenbauer oder Zinédine Zidane erleben durften, Edvaldo Izídio Neto, genannt Vavá, war gen, was mein Onkel mir noch erzählt hatte, nämlich als Torjäger unaufhaltsam und in seiner Art zu spielen dass Garrincha ein O-Bein und ein X-Bein habe. Wir ohne Schnörkel und Tanz ein Asket, sozusagen der versuchten diese Stellung der Beine nachzuahmen, Samuel Beckett des Fußballs. Lobgesänge ließen sich natürlich in der Hoffnung, uns dadurch dem Genie anzunähern. Die Folge war, dass wir auf dem Platz herauch auf Valdir Pereira, genannt Didi, anstimmen oder umhumpelten und unser Trainer drohte, er werde uns auf Amarildo, Zagallo und Zito. Sie und ihre Spielerkollegen waren die Helden der Weltmeisterschaften aus der Mannschaft werfen, wenn wir weiter so einen von 1958 in Schweden und 1962 in Chile. Für mich Blödsinn aufführten. der größte Held aber ist und bleibt: Manuel Francisco arrincha – so wird ein Vögelchen aus dem brasilidos Santos, genannt Garrincha. anischen Urwald genannt, unscheinbar, aber sehr Mein Onkel Hans, die Verkörperung eines Sportlerlebens, in seiner Jugend selbst aktiv als Leichtathlet, behände. Garrincha war der Liebling der brasilia später Trainer und Sportfunktionär, der sie alle per nischen Mannschaft, der Liebling des Publikums auf sönlich kannte, die Größen des deutschen Fußballs der Tribüne, die „Freude des Volkes“ – Alegria do Povo. seiner Zeit, als da waren: Fritz Walter, Uwe Seeler, Aki Er wurde 1933 geboren. Wie die meisten Spieler der Schmidt, Fritz Herkenrath – mein Onkel Hans erzählte Nationalmannschaft stammte er aus der Unterschicht, mir, da war ich neun Jahre alt, dieser Garrincha spiele und das hieß zu der damaligen Zeit: In einer großen
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Familie war das Durchkommen aller Kinder nicht ge sichert. Es kam vor, dass arme Eltern eines oder zwei ihrer Kinder aussetzten, nicht nur Säuglinge, auch Kleinkinder, die bereits gehen und sprechen konnten. Diese Kinder waren oft gebrechlich oder geistig zurück geblieben, ihre Eltern konnten sie nicht ernährenund glaubten nicht, dass sie eines Tages zur Ernährung der Familie würden beitragen können. Manuel – „Mané“ – war so ein Kind. Sein Rück grat war verkrümmt. In der Favela lebte ein Mann, der war kein Arzt, wurde aber als Heiler anerkannt, als Heiliger gepriesen; der sagte, aus dem Kind könne nichts Gescheites werden, ein Krüppel, ein Bettler. Er riet der Familie, es in einer Kirche auszusetzen, dann sei wenigstens gewährleistet, dass es sich satt essen könne und vielleicht als Knecht in einem Kloster ein ruhiges Leben in Aussicht habe. Dieses Schicksal blieb dem kleinen Manuel erspart. Er war flink wie das Vögelchen und genauso fröh lich, sein schönster Charakterzug aber war seine Frei gebigkeit. Er besaß nichts, aber wenn ihm jemand eine Nuss schenkte, klopfte er sie mit einem Stein ausein ander und gab eine Hälfte seinem Freund.
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olche Geschichten wurden später, als er reich und ein internationaler Star war, erzählt. Und er war kollegial. Im Unterschied zu manch anderem Fußballstar erwies er sich auf dem Feld immer als Teil der Mannschaft. Auch wenn er in einem fulminanten Sololauf bis nahe zum gegnerischen Tor gekommen war, wenn er einen anderen sah, der günstiger stand, gab er ab und überließ es ihm, den Ball ins Tor zu schießen. Dass Pelé nach der Weltmeisterschaft 1958 der hellste Stern am brasilianischen Himmel war, er füllte Garrincha nicht mit Neid. Jeder war der Beste – Vavá, Didi, Zagallo, Zito, Dino Sani, Moacir, Mauro Ramos, eben auch Pelé und Garrincha. Aber über Gar rincha hieß es, er spreche mit dem Ball und der Ball spreche mit ihm und der Ball habe ihm einmal anver traut, er werde am liebsten von ihm getreten, er sei sein bester Freund, er habe ihm Treue geschworen und ihm versichert, dass er immer alles tun werde, was er von ihm verlange. Auf dem Platz konnte jeder sehen, dass dies die reine Wahrheit war und nichts als die Wahrheit. Wenn Garrincha ein hoher Pass zugespielt wurde, dann sprang der Ball nicht wie bei allen anderen vom Boden auf,
Über Garrincha hieß es, er spreche mit dem Ball und der Ball spreche mit ihm. Er sei sein bester Freund.
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sodass der Spieler ihm nachlaufen und mit dem Geg ner um ihn raufen musste. Nein, im selben Moment, wenn der Ball vor Garrincha den Rasen berührte, stoppte er ihn mit dem rechten oder linken Fuß – er war mit beiden gleich stark –, und im selben Augen blick rannte er auch schon los und fädelte und hakte und dribbelte sich und seinen besten Freund durch die Phalanx der gegnerischen Abwehr, vollführte Pirouet ten und schoss den Ball womöglich aus einem unmög lichen Winkel und platzierte ihn im Kreuzeck ins Tor. Das war Zauberei, das musste Zauberei sein! Die Kin der lernten in der Schule Lesen und Schreiben mit sol chen Heldengeschichten. Sie wurden in den Zeitungen abgedruckt und den Lehrern als Lernmaterial empfoh len. Das Lernziel war, den Kindern Mut für ihr Leben zu geben: Schaut her, einer von ganz unten, einer, der auf allen Gebieten benachteiligt war, wurde der Größ te – auch ihr könnt es schaffen! Bei der Fußballweltmeisterschaft 1962 in Chile war Garrincha Torschützenkönig. Es war der Höhepunkt in seiner Karriere, in seinem Leben. Nach dem Endspiel in Santiago de Chile wurde ein großes Fest gegeben. Louis Armstrong trat auf – und mit ihm Elza Soares, die berühmteste Samba-Sängerin des Landes, ein Star wie Garrincha, schöner als jede Hollywood-Diva. Noch bevor sie sich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, wurde in den Gazetten spekuliert, wie es sein würde, wenn sich die beiden ineinander verliebten. Seufzer wurden zum Himmel geschickt, dass es so sein möge. Ein Traumpaar wurde in die Herzen der Brasilianer fantasiert, und als end lich die erste Zeitung verkündete, man habe die beiden tatsächlich miteinander sprechen, die zweite Zeitung behauptete, man habe sie sich umarmen, die dritte, man habe sie sich küssen gesehen, da waren für den Jubel selbst die größten Lettern zu klein; eine der Zeitungen soll auf ihrer Titelseite nur ein Wort ab gedruckt haben: „Sim!“ – Ja!
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ie Ehe war nicht glücklich. Weil die Eheleute nicht glücklich waren. Und die Ursache des Unglücks hatte einen Namen: Alkohol. Es hieß, bereits im Alter von zehn Jahren habe Manuel ange fangen zu trinken – angeblich, um seine Schmerzen zu lindern. Bei einem Autounfall im Jahr 1969 starb seine Schwiegermutter, Garrincha saß am Steuer und war betrunken. Elza war verzweifelt, sie gab ihm die Schuld. Die beiden stritten sich bald nur noch. Außer dem betrog er sie. Es gibt Menschen, die haben nach gerechnet: Manuel soll dreizehn oder fünfzehn Kinder mit fünf oder sechs Frauen gehabt haben. 1977 ließ sich Elza scheiden. Ja, Garrincha war freigebig. Wenn er einmal reich gewesen war, dann war er bald wieder arm. Der brasi lianische Staat zahlte ihm eine kleine Leibrente, um sich für die glücklichen Stunden zu bedanken, die er seinen Bürgern einst bereitet hatte. Man sah ihn in den
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Dieser Mann hat der Welt bewiesen, dass Fußball eine Kunst ist. Eine schöne Kunst, schön wie Musik. Armenvierteln von Rio de Janeiro, manchmal spielte er mit den Buben Fußball. Der Ball war nicht aus Leder, das war eine mit Schnur zusammengebundene Kugel aus alten Kleidern. Die Buben wussten, wer er war. Sie zeigten aber nicht mit dem Finger auf ihn. Sie setzten sich zu ihm in den Schatten und gaben ihm ein Bier aus. Mit neunundvierzig Jahren, am 20. Januar 1983, starb Manuel Francisco dos Santos, genannt Garrincha. Todesursache: Leberzirrhose. Tausende kamen zu seinem Begräbnis. Auf seinem Grabstein steht ein graviert: Aqui descansa em paz aquele que foi a alegria
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do povo – Mané Garrincha. Hier ruht in Frieden, der die Freude des Volkes war – Mané Garrincha. Elza Soares starb in diesem Jahr, wie Garrincha am 20. Januar, im Alter von einundneunzig Jahren. Sie war die glänzendste Interpretin des Samba, in Brasilien ist sie eine Ikone. Übrigens: Mein Onkel Hans hat ein Bild von Gar rincha aus der Zeitung ausgeschnitten, er hat es in einen schwarzen Rahmen gegeben und in seinem Wohnzimmer an die Wand gehängt. „Dieser Mann“, sagte er, „hat der Welt bewiesen, dass Fußball eine Kunst ist. Eine schöne Kunst, schön wie Musik.“
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