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Das Kundenmagazin von Ramstein Optik — 2026

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Sichtbar

Das Magazin von Ramstein Optik

EDITORIAL

SIND

Im Wandel der Zeit

Sarah Spale beantwortet Fragen aus dem gleichnamigen Buch von Julia Rüegger WIE

Geschichte von Hansjörg Schneider

SEKUNDEN

REISEN MIT

IMPRESSUM

Herausgeberin

Ramstein Optik

Sattelgasse 4

4051 Basel

ramstein-optik.ch

Auflage

47 000 Exemplare

Druck und Produktion

Steudler Press, Basel Fotografie

Flavia Schaub, Basel

Korrektorat

Rosmarie Anzenberger, Basel

Konzeption und Realisation

Ramstein Optik 2026

Art Direction Dieter Bopp

Texte

Wenn nicht anders

vermerkt: Dieter Bopp

Sämtliche Inhalte

(Texte, Bilder etc.) stehen im Eigentum von Ramstein Optik in Basel oder im Eigentum seiner Lizenzgeber. Es ist nicht erlaubt, diese ohne ausdrückliche Zustimmung von Ramstein Optik zu nutzen oder Dritten Rechte an der Nutzung derselben einzuräumen.

Die Freundschaft zu Mette Stausland und ein Portrait

Als Nutzungen gelten insbesondere das Ändern, Anbieten, Lizenzieren, Veräussern, Verbreiten, Veröffentlichen, Vervielfältigen, Vermieten, Versenden und Wahrnehmbarmachen derselben, sowie das Herstellen, Übertragen und Verkaufen von Werken zweiter Hand.

Die Beiträge der Autor:innen spiegeln deren persönliche Geschichten und Ansichten wider – diese müssen nicht mit der Haltung und Meinung von Ramstein Optik übereinstimmen

IM WANDEL SICHTBAR BLEIBEN

EDITORIAL VON BEAT SCHLEGEL

Basel verändert sich. Auf dem Marktplatz fuhren diesen Sommer keine Trams, ganze Strassenzüge werden aufgerissen, Baustellen prägen das Bild unserer Innenstadt. Wer durch Basel geht, sieht: Nichts bleibt, wie es war. Ein guter Moment, um auch bei uns genauer hinzuschauen.

Ramstein Optik gibt es seit 1899. Eine lange Zeit, eine Zeit voller Wandel, Herausforderungen und Aufbrüche. Was uns all die Jahre getragen hat, war nicht der Stillstand, sondern die Bereitschaft, uns immer wieder neu zu erfinden, andere Wege zu gehen als die gewohnten, ohne dabei zu vergessen, wer wir sind. Genau darum geht es in dieser Ausgabe: um eine Marke, die sich schärft, indem sie sich besinnt, auf Beziehungen, auf Freundschaften.

Unsere Plakate sind dafür ein gutes Beispiel. Wir zeigen keine Brillen, wir zeigen Menschen. Persönlichkeiten aus Basel, die Haltung haben, die etwas bewegen, mit denen wir uns identifizieren können. Wir versuchen also nicht lauter zu werden, sondern deutlicher, konzentrierter.

In diesem Heft lassen wir wieder unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Hansjörg Schneider erinnert sich an seinen Freund, den Schriftsteller Guido Bachmann, eine berührende, manchmal schmerzhafte Annäherung an ein aussergewöhnliches Leben. In einem literarischen Gedankenspiel begegnet ein übermüdeter Grafiker in unserem Büro niemand Geringerem als Carl Ramstein selbst, der seine Stadt und ihre Veränderungen mit den Augen von 1919 betrachtet und dessen Blick mit dem unsrigen von heute verglichen wird. Die Schauspielerin Sarah Spale beantwortet die Fragen von Julia Rüegger, die eine Neuinterpretation von Max Frischs legendären Fragebögen verfasst hat, zu den Themen Zufall, Glauben und den kleinen und grossen Geschichten ihres Lebens. Mit einem Augenzwinkern erzählt der Comiczeichner Koostella in «Best Friends Forever» von besten Freunden, die sich, kaum hat man ihr wahres Gesicht gesehen, als Geister, Diktatoren oder sprechende Zigarettenpackungen entpuppen, bis zur grossen Pointe an seinem 50. Geburtstag. Und zum Schluss stellen wir Mette Stausland vor, die Künstlerin, die in diesem Jahr während der Art Basel unsere Plakate gestaltet hat und die eine langjährige Freundschaft mit Andreas Bichweiler verbindet.

So verschieden diese Beiträge sind, sie verbindet ein gemeinsamer Gedanke: Wer sich verändert, ohne seine Werte zu verraten, bleibt sich treu. Das ist auch unser Anspruch an uns selbst. In einem Umfeld, das sich

rasant wandelt, online wie auf der Strasse, wollen wir das bleiben, was uns seit über 125 Jahren auszeichnet: ein Geschäft, das zuhört, das berät, das für seine Kundinnen und Kunden da ist, mit neuestem Fachwissen, mit Zeit und echtem Interesse am Gegenüber. Top Service ist für uns kein Schlagwort, sondern ein Versprechen, dem wir täglich gerecht werden wollen.

Wer in unruhigen Zeiten Orientierung bieten will, muss selbst wissen, wofür er steht. Für uns bedeutet das, stets Neues zu wagen, ohne das Bewährte aus den Augen zu verlieren.

Diese Verbindung von Tradition und Erneuerung macht Ramstein seit über einem Jahrhundert aus. Und sie soll auch die kommenden Jahre prägen.

Denn wir glauben: Eine starke Marke muss nicht laut erklären, wer sie ist. Sie zeigt es –im Schaufenster, auf den Plakaten, im persönlichen Gespräch und auch in diesem Magazin.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre dieser siebzehnten Ausgabe von Sichtbar und freuen uns, wenn Sie uns auch künftig Ihr Vertrauen schenken.

SIND IHRE WUNDEN GUT VERHEILT?

Liebe Julia Rüegger, vielen Dank für die Überarbeitung der Fragebogen von Max Frisch. Ihren Schliff in Bezug auf Aktualität und Emanzipation halte ich für unerlässlich. Ob ich mich befugt fühle, den ersten Fragebogen zu beantworten und mit der Öffentlichkeit zu teilen, ist eine andere Frage – das Kleingedruckte meines Berufs gibt den Rahmen vor. Es bleibt mir, die Leserschaft einzuladen, sich die Fragen selbst zu Gemüte zu führen. Denn darum geht es, wenn ich Max Frisch und Sie richtig verstehe. Ich freue mich auf den Austausch. Setzen wir einen Tee auf, mahlen wir die Kaffeebohnen oder öffnen wir eine Flasche Wein. Liebe Grüsse Sarah Spale.

Fällt es Ihnen leicht, sich dem Zufall zu überlassen?

Für die Bühne oder einen Filmdreh bewahrheitet sich meistens, dass ein unvorhergesehener Moment, ein zufälliges Geschehnis, ein Moment des Kontrollverlustes ein Geschenk sein können. Der Zufall bringt in diesem Fall Echtheit, eine Unmittelbarkeit, eine Spannung und Spielfreude mit sich. Mit aller Planbarkeit, mit intensiver Vorbereitung und der vermeintlichen Kontrolle ist der schicksalhafte Zufall also ein Glücksmoment und durchaus wünschenswert – immer wieder, auch im Alltag. Und auch wenn die Abweichung meiner Pläne mich je nach Tagesform nicht nur belustigt, die Erfrischung ist sicher und am Ende des Tages in ihrem Sinne belebend.

Wie oft überdenken Sie bereits getroffene Entscheidungen oder versuchen, diese wieder umzukehren?

Das Hinterfragen ist mir eine stete Begleiterin. Gleichzeitig liegen meinem Wesen das Impulsive und die intuitive Entscheidung nah. Ich würde also behaupten, dass ich hoffnungslos ambivalent bin. Ich hinterfrage fast immer alles, bereue aber selten. Lieber wage ich etwas und scheitere dabei, als dass ich verharre. Meine alte Dame – also mein 80­jähriges Ich –, die in meiner Vorstellung zufrieden auf einem Bänkli in der Sonne sitzt, zwinkert mir zu und schmunzelt dankbar über all das, was wir zusammen erleben durften.

Behelfen Sie sich manchmal mit der Berufung aufs Schicksal?

Eher nicht. «Gring ache u secklä» ist wahrscheinlich mehr mein Ding. Natürlich gibt es die dramatischen Momente, wo ich selbstmitleidig über all mein «Unheil» weine. Aber wirklich ernstnehmen kann ich mich in diesem Zustand nicht, oder nicht für allzu lange; ich bemühe mich, die Eigenverantwortung zu sehen und wahrzunehmen und vor allem das Privileg darin zu erkennen, dass ich eigenverantwortlich sein darf und kann.

Sind Sie Teil einer grösseren Geschichte?

Im Sinne meines ambivalenten Wesens: Natürlich, ich bin Mutter, Gastmutter, Tochter, Schwester, alles Mögliche an Verwandtschaft, Freundin, Ehefrau, Geliebte, Rivalin, Bekannte, Frau. Ein grosser Haufen Geschichte. Und gleichzeitig natürlich nicht, die Erde wird die Menschheit überleben. So gross sollten wir uns nicht meinen. Unter welchen Umständen könnten Sie sich vorstellen, gläubig zu werden oder Ihren Glauben zu verlieren?

Meinen Glauben habe ich mir als junges Mädchen so gebastelt, dass er mich begleitend stärkt. Er ist wandelbar, es gilt ihn stets zu hinterfragen, und er selbst ist fern davon, sich als alleingültig zu erklären. In Anbetracht der Weltsituation und vor allem in Bezug auf das Leiden so vieler Kinder und Frauen ist es ebenso schwer zu glauben wie den Glauben zu verlieren. Dennoch will ich daran glauben und sehe es auch als meine Aufgabe, den Glauben, dass es gut kommt immer wieder, nicht zu verlieren. Haben Sie schon einmal eine übersinnliche Erfahrung gemacht, und wenn ja, was bedeutet sie Ihnen?

Ist es übersinnlich, wenn ich an jemanden denke, der/die mir in genau dem Moment anruft? Ist es übersinnlich, dass sich Türen öffnen, Ereignisse geschehen, genau dann, wenn ich los­ und zulasse und mich befreie

SARAH SPALE BEANTWORTET FRAGEN AUS DEM GLEICHNAMIGEN BUCH VON JULIA RÜEGGER

von genauen Vorstellungen? Ist es übersinnlich, wenn am 14. Juni ein Meer von Frauen zusammen durch ihre gebündelte Kraft die Erde in positive Schwingungen bringen? Wenn ja, erfahre ich Übersinnliches. Energien fliessen, und je mehr ich zulasse, dass mein Kopf nicht die Kontrolle hat, mein Ego nicht alles steuern kann, desto mehr erkenne und erlebe ich Übersinnliches. Es bedeutet für mich Vertrauen in das Leben. Beten Sie, auf Ihre Art?

Eher nicht. Ich fluche im Verkehr. Das hat auch eine erlösende Wirkung. Wie häufig kommen Sie mit Unbekannten ins Gespräch? Und wie kommen diese Momente zustande? Ständig und überall. Als 19-Jährige ging ich auf eine Reise, allein und damals noch ohne die Handymöglichkeiten, die es heute gibt. Es war eindrucksvoll, wie sehr «nicht allein» ich war. Mit der Lust, mich in der Welt zu erfahren, mit dem Angebot, mich der Welt zu zeigen, und einer Unvoreingenommenheit der Jugend. Es war bereichernd und immer wieder inspirierend, mich mit fremden Menschen auf der Fahrt von hier nach da auszutauschen. Manchmal bin ich dadurch auf Anraten einer «fremden» Person sogar an einem Ort ausgestiegen, der nicht auf meiner Route vorgesehen war, der sich aber als Bereicherung meiner Reise entpuppte. Es war eigentlich immer eine positive Erfahrung. Heute, das heisst vor Kurzem, sass ich in der Sonne in einem Café und bestellte mir einen Latte freddo, also einen kalten Kaffee. Ein älterer Herr, der am Tisch neben mir sass, sprach mich an und meinte, das sei nun schon seltsam, dass ich einen kalten Kaffee trinke, das hätte ich doch gar nicht nötig. Ich musste über dieses Kompliment à la Alte Schule schmunzeln und war gleichzeitig erfreut über diese charmante Art, ins Gespräch zu kommen. Es war keine Anmache, lediglich ein Angebot, das ich annehmen oder ablehnen konnte. Wir haben eine gute Stunde über das Leben und seine Wege, Irrungen und Wirrungen gesprochen und uns gut unterhalten. Um kurz vor 18 Uhr ging die Sonne hinter dem Haus unter, wir

verabschiedeten uns und jede/r ging seines/ ihres Weges. Offenheit tut mir gut, ich erlebe mit ihr Begegnungen, die mir wertvoll sind. In diesem Sinne behalte ich sie bei. Gibt es eine Person, die Sie uneingeschränkt als Autorität anerkennen?

Ui, nein. Geschähe mir das, bitte ich darum, mich darauf hinzuweisen. Das klingt für mich nach einer ungesunden Hingabe. Welcher avantgardistischen Bewegung, wenn überhaupt einer, hätten Sie gerne angehört?

Mit grosser Eleganz der französischen Emanzipationsbewegung ab 1970, dem Mouvement de libération des femmes. Ich stelle mir den Moment der gefühlten Befreiung, der Idee davon, der vermeintlich greifbaren Nähe des grossen Schritts als sehr spannend und bewegend vor.

Archivieren Sie Ihr Leben und wenn ja, verbinden Sie damit die Hoffnung auf ein Nachleben? (Hoffen Sie, dass dieses Archiv nach Ihrem Tod zur Kenntnis genommen wird – oder ist Ihnen diese Vorstellung ein Graus?)

Ein bisschen Archiv bietet unweigerlich mein beruflicher Werdegang. Es ist mir aber nicht wichtig, ich hege keine Hoffnung und Idee in Bezug auf mein Nachleben. Das Wichtigste ist mir, dass es meinen Kindern gut geht. Dafür würde ich unendlich Liebesbriefe von mir an sie archivieren. Sie sollen es immer wieder nachlesen und sich einprägen dürfen. Empfinden Sie ein starkes Bedürfnis nach Kohärenz –in Ihrem Leben, Ihrer Karriere, Ihrer Bio grafie? (Und was gedenken Sie mit dem ungeklärten Rest zu tun?)

Mein Leben läuft ungeplant ganz im Sinne von «der Nase nach». Die Schauspielerei habe ich mir nicht ausgesucht, es stand nie ein Karrierewunsch dahinter. Ebenso hatte ich nie eine Vorstellung davon, Mutter zu sein, eine Idee von einer eigenen Familie. Die Idee, die Ausbildung zur Primarlehrerin zu machen, ist impulsiv zu einem Zeitpunkt während eines Studiodrehs entstanden und kurz nach der positiven Erfahrung bei der Arbeit mit Jugendlichen. Immer wieder stehe ich vor einer unbekannten Tür, die zu öffnen «mich gluschtet». Den Raum dahinter sehe ich erst, wenn ich ihn betrete. Mein Leben

ist kaum weiter als ein halbes Jahr vorausplanbar und jede Woche ist anders als die vorangegangene und die danach kommende. Als kohärent würde ich mein Leben nicht bezeichnen.

Sind Sie eher stolz auf Ihren Idealismus oder auf Ihren Pragmatismus?

Soll ich ‹leider› schreiben, wenn ich sage, dass ich eher pragmatisch bin als idealistisch? Oder ist es wertfrei zu betrachten? Es verhält sich selten so, dass ich am Tisch sitze und mir überlege, wie es zu sein hat. Ich handle oft nach meinem Gefühl, das Wohlbefinden der Menschen um mich herum und auch weiter ist mir sehr wichtig, und dafür setze ich mich ein. Meistens entsteht mein Idealismus also erst beim Handeln.

Haben Sie Ihre Blütezeit schon hinter sich oder glauben Sie, sie steht Ihnen noch bevor?

Die berühmten Kirschblüten in China blühen doch jedes Jahr, oder? Ich hoffe schwer, dass ich noch weitere Blütezeiten vor mir habe.

Sind Ihre Wunden schon geheilt? Ein paar schon, einige noch nicht, gewisse platzen immer wieder auf, neue entstehen, dafür heilen andere. Ich glaube, es ist wichtig zu lernen, wie die kleinen Wunden entstehen, die ich entweder immer wieder aufkratze oder die durch Trigger von aussen stets wieder zu «säufern» beginnen. Ich würde meinen Mund zu voll nehmen, wenn ich an dieser Stelle behaupten würde, dass ich schon weiss, wie der Hase läuft. Die Muster zu erkennen, die mir nicht guttun, ist das eine, sich von ihnen zu verabschieden ist ein langer Weg, den ich immerhin am Gehen bin.

Julia Rüegger

Julia Rüegger (*1994) ist Autorin zwischen Lyrik und Prosa und arbeitet am liebsten mit Texten, die Gattungsgrenzen unterwandern. Sie studierte Literarisches Schreiben, Theater und Philosophie in Hildesheim, Biel/Bern und Madrid und lebt seit 2020 wieder in Basel, wo sie auch aufgewachsen ist. 2023 erschien ihr Gedichtband «einsamkeit ist eine ortsbezeichnung» (Schiler & Mücke), 2025 folgte der kollektiv geschriebene Band «Und überlaut die Zikaden» mit Valerie­Katharina Meyer (Edition Mosaik). Im Alter von zehn bis sechzehn war sie unentschieden, ob sie Schriftstellerin oder doch Schauspielerin werden will. Heute schaut sie im Kino und Theater lieber anderen Menschen zu und ist ein grosser Fan der SRF-Serie «Wilder».

Julia Rüegger

Sind Ihre Wunden gut verheilt? ©edition taberna kritika, Bern etkbooks.com

WIE ICH GUIDOS BRILLE ZUM FLIEGEN BRACHTE

HANSJÖRG SCHNEIDER

Guido Bachmann ist am ehesten mit Friedrich Dürrenmatt vergleichbar, auch wenn er viel weniger erfolgreich war. Wie Dürrenmatt hat er aus seinem Kopf heraus geschrieben. Nicht aus der Erinnerung, auch nicht mit den Augen wie zum Beispiel Friedrich Glauser. Bachmann hat nicht beschrieben, was er vor Augen hatte. Sondern was er sich ausgedacht hat. Er hat in seiner Fantasiewelt gelebt wie Karl May im Wilden Westen. Er hat seine Phantasiewelt ein paar Mal in der Wirklichkeit zu realisieren versucht, er ist kläglich gescheitert. Trotzdem hat er daran festgehalten. In Tat und Wahrheit hat er in seiner Literatur gelebt.

Sein wirkliches Leben war eine Folge von Niederlagen, von Verletzungen. Immer wieder hat er die ganz grosse Geste versucht, wollte sich aufschwingen in den Parnass. Er hielt sich selber für einen grossen Epiker. Er war der Meinung, seine grosse Zeit komme erst nach seinem Tode.

Er hat immer am Mythos festgehalten, selbst in der Erniedrigung. Er hat sein Leben mythologisiert, er hat sein Werk mythologisiert. Er verstand sich ganz und gar als Künstler. «Man gebe mir Geld, damit ich schöpfen kann», hat er mir einmal geschrieben. Er wollte Schöpfer von Mythen sein. Er hat mit erstaunlicher Kraft und Konsequenz sehr lange durchgehalten, bis er sein Werk zu Papier gebracht hatte.

Man mag dieses Werk mögen oder nicht. Er hat es geschrieben. Das heisst, er hat sein Lebensziel erreicht.

Ich bin jetzt ein alter Mann. Ich habe schon viele Kolleginnen und Kollegen an den Tod verloren. Ich vermisse einige sehr. Am meisten vermisse ich Guido Bachmann.

Guido hat seine Geschichten in der Schwulenwelt angesiedelt. Dies, weil er selber schwul war. Er muss in jungen Jahren einen wesentlich älteren Freund gehabt haben, der ihn nicht nur in die Schwulenwelt einführte, sondern auch in die Welt der Mythen. Von diesem Freund hat er nur in Andeutungen erzählt. Aber Guidos ganzes Werk ist wohl diesem Mann gewidmet.

Zudem hatte die Schwulenwelt 1966, als «Gilgamesch» erschien, den enormen Vorteil, dass sie noch unbeschrieben war – jedenfalls für einen Normalleser, wie ich einer war. Damit hat Guido literarisches Neuland betreten, rücksichtslos, mit stolzer Geste.

Im Jahr 1967 habe ich ein abgelegenes altes Bauernhaus ober­

halb von Glovelier (damals Berner Jura, heute Kanton Jura) bezogen. Meine damalige Freundin und spätere Ehefrau hatte es für mich gemietet. Ich hatte in Basel bei Walter Muschg doktoriert, war physisch eingebrochen und befand mich mitten in einer Traumanalyse.

Das Haus stand auf halber Höhe zu St. Brais hinauf, auf einer grösseren Waldlichtung. Ich lebte von Buchbesprechungen für die «National­Zeitung» und versuchte zu schreiben. Ich ass Brot und trank Milch, beides vom Bauern nebenan.

Einmal tauchte eine junge Gesellschaft aus Bern auf. Dabei war ein seltsamer Glatzkopf in dunklem Zweireiher aus bestem Tuch, mit violetten Gamaschen über den Schuhen und silberner Krawattennadel, der mit steinerner Miene durch die Wildnis stapfte. Es war Guido Bachmann. Ich kannte den Namen, denn ich hatte «Gilgamesch» gelesen. Ich habe mit ihm zu reden begonnen, zu diskutieren. Er nannte mich penetrant Herr Doktor. Ich sagte, er könne ruhig zwei, drei Wochen bei mir bleiben, das Haus sei gross genug.

Er hat im oberen Stock ein Zimmer bezogen. Jeden Morgen hat er in der Badewanne, die den Schafen als Tränke diente, gebadet. Dann habe ich ihn in die Maschine hämmern hören. Er war an irgendeiner Fassung der «Parabel». Er hat gehämmert bis abends um 20 Uhr, mit wenigen Kaffeepausen. Dann ist er heruntergekommen, wir haben gegessen und er hat Schnaps getrunken. Wir haben diskutiert. Ich habe ihm meine ersten Erzählungen zu lesen gegeben und er hat erklärt, dass es sich dabei um Dichtung handle. Einmal hat er mir um Mitternacht seine Kleist­Novelle «Wannsee» so laut in die Ohren gebrüllt, dass im Umkreis von zwei Kilometern sämtliche Hasen, Rehe, Dachse und Füchse das Weite gesucht haben.

Er hat mir einen Sonettkranz in bibliophiler Ausgabe geschenkt, den er für seinen alten Freund geschrieben hatte. Ich habe gestaunt, denn ich fand das total unzeitgemäss. Er aber war sehr stolz auf dieses Kunststück.

Er hat mir angeboten, einen Briefwechsel mit ihm zu führen. Aber ich fand das auch unzeitgemäss.

Aufgefallen ist mir, dass sein Wissen eine eigentümliche Bandbreite hatte. Vieles, was für mich selbstverständlich war, hat er nicht gewusst. Dafür hat er Sachen gewusst, von denen ich keine Ahnung hatte. Er hat Karlheinz Deschner verehrt. Er wusste, wie viel Alkohol

Goethe täglich zu sich genommen hat. Er hat von den Mythen Babylons erzählt, von den alten Ägyptern. Er hatte ein Geheimniswissen, ein Verschwörungswissen. Er hat von den Juden und den Freimaurern geredet. Merkwürdigerweise hat er immer behauptet, die Frauen seien das Tor zum Erfolg.

Etwas später, Ende der Sechzigerjahre, habe ich ihn mehrmals in Bern besucht. Bern war damals in Sachen Literatur die lebendigste Deutschschweizer Stadt. Es gab die jungen Verlage Lukianos und Kandelaber. Das war neu, dass junge Leute wie Hans Erpf und Egon Ammann die Frechheit hatten, einfach so einen Verlag zu gründen. Es gab die Kellertheater in der Altstadt. Es gab Jungfilmer wie Klopfenstein, die Filme wie «E nachtlang Füürland» drehten. Eine vitale Kunstszene, die sich allabendlich nach Wirtschaftsschluss in der Reblaus traf.

Ich habe Hans Erpf von Jakob Bührer erzählt, den ich damals entdeckte. Erpf hat mir zweitausend Franken Vorschuss für ein Buch über Bührer angeboten. Dummerweise habe ich abgelehnt. Denn von den zweitausend Franken hätte ich ein halbes Jahr leben können. Ich habe mit ihm einen Vertrag über einen Gedichtband von mir gemacht. Er ist nie erschienen, denn wenig später ist der Lukianos­Verlag bankrott gegangen.

Guido Bachmann wohnte damals an der Junkerngasse in einer Dreissigernummer. Eine unglaubliche Wohnung, mit Blick auf Aare und Schneeberge. Ein alter, mit Intarsien eingelegter Flügel stand da. Vorgespielt hat Guido mir nie, aber er hat behauptet, er besitze das Konzertdiplom. An den Wänden Bücherregale, massgeschneidert. Darin Klassiker in bibliophilen Ausgaben, auch George war da. Was mich gewundert hat. Für mich war Stefan George ein Kitschbruder. Guido war Sekretär von einem Hilfswerk, das seinen Hauptsitz in Bern hatte. Offenbar hat er gut verdient. Er hat sich einen Finanzplan ausgearbeitet, der es ihm erlaubte, nicht nur die teure Miete zu bezahlen, sondern auch die Einrichtung in Raten abzustottern. Auf die Frage, wie er die Stelle bekommen habe, hat er gesagt, er habe behauptet, die Matura A zu haben. Das heisse Matur­Anwärter, hätte er gesagt, wenn ihn jemand nach dem Zeugnis gefragt hätte.

Am liebsten sass er mit mir im Harlekin, einem Altstadt­Café der kitschigen Art. Aber dies schien sein Lebensziel zu sein: ein zurückgezogenes Beamtenleben mit sicherer, guter Entlöhnung. Eine schöne Wohnung in der Altstadt. Und viel Zeit für sein Schreiben.

Er hat mir damals den ganzen genauen Plan für seine Trilogie «Zeit und Ewigkeit» erklärt. Er war stolz auf diese Komposition. Er war bereit, alles dafür zu tun, damit er diesen Plan realisieren konnte. Was er ja auch getan hat.

Vermutlich wäre alles gut gegangen, wenn er nicht am Burgdorfer Gymnasium vorgelesen hätte. Und zwar aus «Gilgamesch». Irgendjemand aus der Lehrerschaft, der wusste, dass es sich um einen Schwulenroman handelte, hat Alarm geschlagen, wegen sittlicher Gefährdung der Jugend oder so. Das ist auch der Leitung des Hilfswerks zu Ohren gekommen. Sie haben Guido entlassen, weil sie um die Spenden fürchteten.

Anstatt ein gefeierter Dichter war Guido Bachmann nun plötzlich ein mittelloser Outlaw. Was ihm unerträglich war. Er war zeitlebens verhaftet im altbernischen Standesdenken. Man war das, was

man gesellschaftlich darstellte. Die Wohnlage zum Beispiel war von grösster Wichtigkeit. Er hatte es zu den Junkern gebracht. Und jetzt lag er auf der Strasse.

Diese Beleidigung hat er nie überwunden.

Am besten hätte er wohl die Junkernwohnung sofort aufgegeben und die Einrichtung verkauft. Aber das liess sein Stolz nicht zu. Er hat die Wohnung verteidigt. Mehrere Jahre lang. Bis ein junger Freund, der aus einer reichen Familie kam, volljährig wurde, erbte und ihn auslöste. So jedenfalls hat es mir Guido erzählt.

Er besass eine Beretta. Mit der ist er mehrmals in Basel aufgetaucht. Er hat gedroht, sich sogleich zu erschiessen, wenn er kein Geld bekomme. Bei mir war nichts zu holen, wir lebten mit unseren kleinen Zwillingen in einer engen Dreizimmerwohnung.

Guido hat sich an Dieter Fringeli herangemacht, der Feuilletonredaktor und gut vernetzt war. Der hat ihm jeweils ein paar tausend Franken organisiert.

Als Guido ausgelöst worden war, hat er alles verkauft und ist nach Madeira geflogen. Anschliessend ist er nach Basel gekommen und hat in einem möblierten Appartement zwei Stücke für den Reiss Theater­Verlag geschrieben, gegen Vorschuss. Irgendeinmal ist er nach Südafrika geflogen zu seinem Bruder, der dort ein Hotel führte.

Sein Wohnort, wo er angemeldet war, blieb Basel. Bis er, wenige Jahre vor seinem Tod, nach St. Gallen zog in eine grosse alte Wohnung, die früher dem Kloster gehört hatte.

Meine Beziehung zu ihm blieb gut und freundlich, obschon wir uns nicht mehr oft sahen. 1972, als mein «Sennentuntschi» am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde, sass er nach der Premierenfeier mit mir im 2CV, der von meiner Frau gesteuert wurde. Sie fuhr nach Aarau ins Bahnhofbuffet zum Frühstück. Denn Guido hatte in Oberentfelden eine Redaktorenstelle bei einem stinkreichen Herrn Bohnenblust, der eine «Mittelland­Zeitung» plante. Dafür hatte er eine Redaktion angestellt, die Nullnummer nach Nullnummer produzierte. Erschienen ist die Zeitung nie.

Nach dem Frühstück im Buffet rannte Guido in einen Blumenladen, der eben öffnete, und kaufte sämtliche Rosen. Die warf er in unseren 2CV.

Auch bei der deutschen Erstaufführung von «Sennentuntschi» in München war Guido dabei. Damals ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass er eifersüchtig auf meinen Erfolg war.

Ein paar Mal war er bei uns im Emmental im Stöckli, das wir ganzjährig gemietet hatten. Einmal an Weihnachten habe ich ihn in Hasle­Rüegsau abgeholt. Unterwegs in einer Wirtschaft hat er mehrere doppelte Kräuter gekippt, als wäre es Wasser.

Er hat das grosse Zimmer bezogen, in dem der Weihnachtsbaum stand. Als nichts mehr von ihm zu hören war, habe ich nachgeschaut. Ich habe Guido im Korbstuhl sitzen sehen, in Tränen aufgelöst.

Jahre später bin ich mit einem Kollegen in der Bodega am Barfüsserplatz gesessen. Guido kam herein, er war nicht gut drauf. Er hat mich gleich beschimpft. Ich sei ein Bünzli, ich würde immer wieder zu Mutti (zu meiner Frau) und zu den Kindern zurückkriechen. Ich wurde wütend und habe zurückgegeben. Er sei selber ein Bünzli, habe ich gesagt. Er glaube an Diplome und Titel. Deshalb habe er es nötig, immer wieder zu behaupten, er besitze Konzertdiplom und Matura

A und habe in Bern Theaterwissenschaften studiert. Diese Titelgläubigkeit sei oberbünzlig.

Worauf er sich davongemacht hat.

Wenige Zeit später fand im Foyer des Stadttheaters die Abschiedsfeier für Hans Hollmann statt, der seine Intendanz beendete. Alles, was Rang und Namen hatte, war da. Auch Guido Bachmann in bestem Tuch, mit versteinertem Gesicht. Ich habe ihm zugewunken, er hat nicht reagiert. Ich sah gleich, dass er schwer betrunken war.

So gegen 23 Uhr hat er sich plötzlich erhoben und zu brüllen angefangen. «Herr Doktor Schneider behauptet, ich hätte kein Abituuuur!» Sofort war Stille. Ich sass wie auf Kohlen. Das Brüllen dauerte vielleicht ein, zwei Minuten. Auch meine Frau kam dran, sie trug Afrolook. Es war ein Ausbruch von tiefster Verletzung, von Hass, rücksichtslos und gewalttätig. Guido hat mit seiner Stimme alle tyrannisiert.

Das Foyer hat sich sehr schnell geleert. Bis auf ein paar Dutzend, die sich nicht terrorisieren lassen wollten.

Nach Mitternacht bin ich zu ihm, der allein sass, hinübergegangen, um zu versuchen, Normalität herzustellen. Er ist aufgesprungen, mir entgegengetreten und hat losgebrüllt. Scheusslich war das. Ich wollte ihm eine Gerade verpassen mitten auf den Mund, obschon ich wusste, dass er sich vor kurzem ein neues Gebiss hatte einbauen lassen. Zum Glück hat Axel Orlia, der Maskenbildner, das kommen sehen. Er ist mir in den Arm gefallen, sodass meine Faust Guidos Kopf bloss streifte. Seine Brille ist meterweit weggeflogen, aber sein Gebiss blieb ganz.

Ich habe abgedreht und bin mit meiner Frau gegangen.

Seit jenem Abend war meine Freundschaft zu Guido gestört. Ich wusste zwar, dass er schon mehrmals solche Brüllattacken gefahren hatte. Wobei er sich das Publikum stets sorgfältig ausgesucht hat. Er hat es nie in Eckkneipen getan. Dort wäre er nämlich sogleich in hohem Bogen rausgeflogen.

Wir sind uns anschliessend nicht aus dem Weg gegangen. Wir haben sogar ab und zu ein Bier getrunken zusammen. Aber die Intimität der Freundschaft war weg.

Jahre später, als er in St. Gallen wohnte, habe ich gehört, es gehe ihm schlecht. Ich habe ihn angerufen. Ob er nicht mehr wolle?

Nein.

Wie viel Schulden er habe?

Er hat die Summe genannt.

Ob er, wenn die Schulden bezahlt seien, wieder wolle?

Vielleicht.

Was er dann tun würde?

Nach Mammern gehen.

Ob er dann wieder versuchen würde, zu schreiben?

Ja.

Ich habe jemanden gefunden, der seine Schulden bezahlt hat. Ich habe zusammen mit einer Berner Pianistin, einer langjährigen Freundin von ihm, zwei Wochen Mammern bezahlt. Sie hat ihn dort besucht und erzählt, er esse jetzt wieder, komme wieder in seine Schuhe hinein und mache kleine Spaziergänge.

Zwei, drei Wochen später habe ich Guido in St. Gallen besucht. Eine riesige, uralte Herrschaftswohnung. Ein edles Cembalo, das ihm eine Basler Freundin hingestellt hat. An einer Wand lehnte die alte Uhr aus der Kunsthalle, die ihm Peter Wyss nach St. Gallen mitgegeben hatte. Ich habe sie nach Guidos Tod nach Basel zurückgeholt, sie hängt wieder am alten Ort.

Guido war stocknüchtern, er sah erholt aus. Aber auf dem Tisch stand eine ungeöffnete Whiskyflasche. Da wusste ich, dass nichts mehr zu machen war.

Was mit Guidos Urne geschah, war ein Cabaret. Sie wurde bestattet auf einem St. Galler Friedhof. Eine Schwulengruppe plante, das Grab mit einer Bronzeplatte zu bedecken, mit Isis, Osiris und Echnaton drauf. Dafür wurde Geld gesammelt.

Die Freundin aus Bern liess diesen Kitsch nicht zu. Sie hat sich mit Guidos Verwandtschaft in Verbindung gesetzt, die Vollmacht hatte. Und die Urne wurde wieder ausgegraben.

So wurde also Guido Bachmanns Asche in Bern in die Aare gestreut.

Hansjörg Schneider

Hansjörg Schneider ist in Zofingen im Kanton Aargau aufgewachsen. Er schrieb zahlreiche Romane und Erzählungen. Mit seinen Theaterstücken, darunter «Sennentuntschi» und «Der liebe Augustin», war er einer der meistaufgeführten deutschsprachigen Dramatiker, seine «Hunkeler»Krimis führten regelmässig die Schweizer Bestsellerliste an.

In seinem dramatischen Werk verarbeitet Schneider Legenden und Mythen, literarische und historische Stoffe. 2005 wurde er mit dem Friedrich­Glauser­Preis ausgezeichnet. Hansjörg Schneider lebt als freier Schriftsteller in Basel.

Guido Bachmann

Guido Bachmann wuchs in Bern auf und liess sich am dortigen Konservatorium zum Pianisten ausbilden. Nach Reisen durch Nordafrika und Stationen in London, Paris, Prag, Athen und Lissabon arbeitete er als Werbetexter, bevor er als Musikrezensent und Essayist bei den «Basler Nachrichten» sowie als Schauspieler in Basel, Zürich und Wien tätig war. Von 1972 bis 1997 lebte er 25 Jahre lang in Basel. 2003 verstarb er in St. Gallen.

Sein Werk vereinigt Züge des Künstler­, Erziehungs ­ und Kriminalromans und schöpft aus altem Geheimwissen. Musik und Mathematik sind dabei nicht nur wiederkehrende Themen, sondern liefern auch die formalen Strukturen seiner Texte, die zunehmend labyrinthisch und experimentell werden.

SEKUNDEN SCHLAF

Mit der Maus gleitet er über die Textseite, stoppt bei den Buchstaben B und R von BRAUCHT, tippt leicht auf die Maus, setzt den Mauszeiger zwischen die zwei Buchstaben, eine leichte Bewegung mit Druck nach links, B wird zu einem Kasten, negativ schwarz, über das Menu gibt er ­50 Einheiten ein, das R rückt leicht nach links, er löst den Druck auf die Maus, begutachtet das Wort BRAUCHT, die Zwischenräume stimmen jetzt.

Merkt dann zwar wieder einmal niemand.

Dieses Feilen an Buchstaben, Satzumbrüchen, damit sie lesbarer werden. Er denkt sich, dass es keine gute Idee war, das letzte Bier gestern Abend im Ausgang, eintönige Arbeit und Müdigkeit sind schlechte Partner. In seinem Rücken der Studer am Telefonieren, laut, erklärt etwas, geduldig monoton, er kann sich nicht auf den Inhalt konzentrieren. Die Sonnenstoren vor der heissen Mittagssonne geschlossen, von draussen dumpfer Baulärm, werden seine Atemzüge tiefer, ruhiger, das Gesicht, die Schultern, der Arm entspannen sich, der Zeigefinger der rechten Hand löst sich leicht von der Maustaste, die Augenlider werden schwer. Jemand legt ihm die Hand auf die rechte Schulter, er sieht hoch, erblickt einen älteren Herrn im weissen Arbeitskittel, der freundlich einladend lächelt, irgendwie aus der Zeit gefallen, sein Schnurrbart, seine Brille.

Ich erkenne meine Stadt kaum wieder, meint der Mann mit dem scharfen Mittelscheitel.

Was meinen Sie damit?

Na, ich meine, ich habe soeben an der Freien Strasse 9 ein Bureau mit direktem Zugang in die Martinsgasse zur Brillenglas­Flächenschleiferei eröffnet. Oh, verzeihen Sie, junger Herr, ich habe versäumt, mich vorzustellen: Carl Ramstein, sehr angenehm.

Wann war das, Sie sehen seltsam aus, als wären Sie nicht von heute.

Bin ich auch nicht, wie mir scheint, komme ich aus dem Jahr 1919.

Wir machen eine dunkle Zeit durch: der Grosse Krieg – ich höre noch die Schüsse vom Hartmannsweilerkopf – Hungersnöte, Landesstreik mit Toten und obendrauf die Spanische Grippe.

Wie kommen Sie dann in mein Büro?

Keine Ahnung. Ich bin aus der Martinsgasse spaziert, hab mich zuerst über die gute Luft gewundert, dass es nach Sommer riecht. Da bin ich mir anderes gewohnt, Schwefel, Ammoniak, Lösungsmittel. Vergegenwärtigen Sie sich: noch vor wenigen Jahren prangte mitten auf dem Marktplatz ein Dohlendeckel, durch den der Marktabfall in den unterirdischen Birsig geschaufelt und von wo er mit dem Birsigwasser in den Rhein geschwemmt wurde. Und jetzt, der Rhein, Sapperment sauber! Keine Färbungen durch die Farben der Fabriken. Da baden sogar Menschen. Sehr unzüchtig allerdings! Wie ich dann durch die Stadt flaniere, entdecke ich überall meinen Namen auf Litfasssäulen, und als ich wieder über den Marktplatz promeniere, lese ich den Schriftzug mit meinem Namen an der roten Fassade. Das will ich mir ansehen, denke ich mir, und voilà, da habe ich Sie beim Schlafen entdeckt.

Ich schlafe nicht!

Doch, natürlich schlafen Sie. Zum Glück üben Sie keinen rechtschaffenen Beruf aus. Aber da Sie mir in Ihrem Somnambulismus ansprechbar erscheinen, erlaube ich mir, ein paar Fragen an Sie zu richten. Mein Name steht auf vielen Affichen der Stadt, mit anmutigen Portraits. Das ist für mich von grösstem Interesse, gilt doch die Fotografie als mein erstes Geschäftsfeld. An der Greifengasse eröffnete ich seinerzeit mein Fotoatelier, bevor ich mich als Optikus hervortat. Man bedenke dabei, was die Nase eines Kleinbaslers täglich zu erdulden hatte. Kohlerauch und Dampfqualm lagen schwer über den Quartieren. Die Farbstoffwerke entliessen unablässig beissende Dünste von Anilin und Schwefel in die Luft. Gerber und Metzger verrichteten ihr Handwerk, und wer des Weges kam, wusste es mit der Nase, ehe er es mit den Augen sah. Die Hausabwässer flossen offen dem Rhein entgegen. Und allenthalben: Pferdedung. Wirklich

keine Prachtlage, die Greifengasse. Doch ich schweife ab — verzeihen Sie mir meinen Wortschwall. Was mich bei der Betrachtung der Anschläge jedoch irritiert: da sind keine Augengläser zu sehen! Erklären Sie sich bitte, Sie verkaufen doch welche!

Da sind Sie nicht der Einzige, der sich das fragt. Es geht dabei in erster Linie nicht darum, Menschen mit Brillen zu zeigen, sondern Persönlichkeiten, Mutige, die Haltung, Kreativität, Aussergewöhnlichkeit ausstrahlen, die etwas in dieser Stadt bewegen, mit dem sich Ramstein identifizieren kann. Das reicht. Ausserdem gibt es heute Augenlinsen, da braucht es nicht zwingend ein Brillengestell auf der Nase, aber das können Sie nicht wissen, Sie sind ja nicht aus dem Jetzt. Wir haben uns diese Qualität, diesen Status über die Jahre erschaffen: dass wir nicht über Brillen oder Sehhilfen reden müssen.

Die Leute verstehen, um was es geht. Sie sehen vielleicht keine Brillen, dadurch sind sie aber, im Kontext unserer Firma, umso sichtbarer. Wir trauen es den Betrachterinnen zu, sie sind – um in Ihrer Sprache zu bleiben – von hellem Geist. Wir haben sogar Portraitierte, die zwar eine Brille tragen, die aber nicht von Ramstein ist. Diese Grosszügigkeit muss sein, sonst ginge die Glaubwürdigkeit verloren.

Aha, verstehe! Das ist ausserordentlich, das behagt mir. Diese Menschen sind Notabeln, nehme ich an.

Nicht unbedingt. Es geht auch darum, Menschen sichtbar zu machen, die vielleicht im Hintergrund viel bewegen, aber nicht so bekannt sind. Wir beobachten, wer etwas zu sagen hat, wer uns interessiert, spannend ist. Sie werden ausgewählt, nicht gecastet. Das ist ein Unterschied, den die Menschen spüren, auch wenn sie ihn nicht benennen können. Die Wahl ist schon eine Aussage.

Gecastet — ich gestehe, dieses Wort ist mir ein völliges Rätsel.

Oups, das ist gar nicht so leicht zu erklären. Ich denke an Vorsprechen, ein ‹sich melden› kommt dem am nächsten.

Ah, verstehe.

Die Menschen sollen mit unseren Plakaten überrascht werden, mit der Personenwahl, mit hoher Qualität, was Aussage, Gestaltung und Produktion betrifft. Unsere Kunden sollen sich freuen und sich als Ramstein Kundinnen und Kunden bestätigt fühlen, wenn sie die Plakate (unsere Produkte) sehen. Ausserdem verschönern wir das Stadtbild.

Hört sich sehr interessant und spannend an. Aber warum schlafen Sie dazu ein?

Noch einmal: ich schlafe nicht!

Aber sicher doch! Andernfalls wäre uns dieses angenehme Gespräch schwerlich vergönnt.

Ach, Sie wieder! Nein, ich arbeite an der Gestaltung des Ramstein Magazins, das ist alles andere als zum Einschlafen.

Oh, eine Gazette, interessant. Um was dreht sich das Journal?

Wir wagen hier wieder etwas Neues. Ein Magazin mit Geschichten verschiedener Autorinnen und Autoren über Beziehungen. Da sind die unterschiedlichsten Erzählungen und Ansichten dabei. Und einen Comicstrip haben wir auch noch! Also ich meine eine gezeichnete Bildergeschichte mit einem kleinen erzählerischen Höhepunkt am Ende. Das Spezielle daran: Wir reden und schreiben nicht über Brillen und über das Sehen, obwohl das Heft Sichtbar heisst. Finde ich witzig.

Warum schreibt ein Optikus über Beziehungen? Es geht doch einzig darum, den Menschen zu einem besseren Sehen zu verhelfen.

Sehen Sie, das ist dasselbe wie mit den Plakaten. Es geht darum, unsere Kunden zu überraschen und herauszufordern. Wir trauen ihnen etwas zu. Ausserdem hat Lesen viel mit gutem Sehen zu tun, oder nicht? Es ist auch sehr antizyklisch, weil das Lesen und Verstehen von längeren Sätzen gerade in unserer Zeit nicht wirklich in Mode ist. Es sind schwierige, komplexe Zeiten.

Glauben Sie etwa, die Drangsal sei Ihr alleiniges Vorrecht? Ich bitte Sie — haben Sie eine Vorstellung, was wir zu erdulden hatten?

Ja schon, aber …

Papperlapapp! Wir haben vier Jahre mit Krieg, Armut, Seuchen hinter uns. Vor dem Krieg war Basel eine offene, durchlässige Stadt, Grenzen hatten für uns keine Bedeutung. Und jetzt? Grenzen allenthalben. In den letzten vierzig Jahren hat sich die Bevölkerung verdreifacht, mit Schweizern und Deutschen, Französinnen und Italienern. Die Stadt war über Jahre eine Grossbaustelle, Strassen, Brücken, Plätze wurden gebaut, neue Quartiere wuchsen, wo vorher Gärten und Landgüter waren. Was für eine Entwicklung zur Grossstadt in wenigen Jahren! Das fasst man nicht so leichthin, verehrter Herr!

Ich gebe Ihnen schon recht. Es ist eine merkwürdige Verkürzung des Blicks: Man sieht die eigene Zeit so nah, dass die schweren Zeiten früherer Generationen dahinter verschwinden.

Doch nun genug des Plauderns — meine acht Werkleute warten, und ich kenne sie: ohne Aufsicht pflegen sie es gemächlicher angehen zu lassen, als mir lieb ist. Wie das endet, sehe ich hier bei Ihnen.

Der Kopf neigt sich leicht nach vorne, durch den Körper fährt ein heftiger Ruck, ein Blitz, der Kopf steigt wieder hoch, die Augen öffnen sich, suchen Orientierung. Vor ihm der strahlende Monitor, der blinkende Cursor zwischen B und R, BRAUCHT. In seinem Rücken telefoniert der Studer, der Baulärm dringt durch die Fenster in das abgedunkelte Büro wie Staubpartikel in flachem Sonnenschein. Er meint den Lärm von Glasschleifmaschinen zu hören.

RAMSTEIN PEOPLE 2000 6UND 20

Lukas Stäuble

Lukas Stäuble bewegt sich an den Schnittstellen zeitgenössischer Medien. In seiner künstlerischen Praxis verbindet er Video, Sound, Fotografie und Performance zu installativen und performativen Arbeiten.

Gemeinsam mit Robin Nidecker gründete er das Collective Echo, aus dem seine Produktion Tales of the Club hervorging. Als Performer war er unter anderem im Theater Basel in Dämonen und Ode an die gewaltbereite Jugend zu sehen. Seine Arbeit prägt eine enge Verbindung von bildender Kunst, Theater und Klang.

Ivan Ergić

Ivan Ergić gilt unter FCB-Fans als Ikone: 365 Spiele für den FC Basel zwischen 2001 und 2009, viermal Meister, viermal Cupsieger –und schon damals ein Spieler, dem andere Gedanken durch den Kopf gingen als den meisten seiner Kollegen. Seit dem Ende seiner aktiven Laufbahn ist der Basler als erfolgreicher Theaterautor hervorgetreten und pendelt zwischen Belgrad und Basel.

Gemeinsam mit Co­Autor Filip Grujić schrieb er das Stück Jezik kopačke –ein Wortspiel aus Zunge, Sprache und Fussballschuh –, das beim Festival in Novi Sad sechs Preise gewann, darunter den renommierten Steria­Preis.

Stefan von Bartha

Stefan von Bartha ist seit frühester Kindheit mit der internationalen Kunstwelt verbunden. Nach einer Phase der Orientierung, geprägt von Interesse an Vintage­Design, fand er seinen eigenen Zugang zur Kunst während eines Studiums bei Christie’s Education in New York. Seit den frühen 2000er­Jahren prägt er die Galerie von Bartha mit einem zeitgemässen, teamorientierten Ansatz.

Die Galerie mit zwei Standorten – am Kannenfeldplatz in Basel und in Kopenhagen – nimmt regelmässig an Kunstmessen teil. Bereits als Kind war Stefan von Bartha häufig mit seinen Eltern, den Gründern der Galerie von Bartha, vor Ort.

Steffi Klär

Steffi Klär ist eine prägende Figur der Basler Kultur­ und Musikszene. Über viele Jahre gestaltete sie als Programmverantwortliche der Kuppel einen Ort, der weit über die Stadt hinaus in Erinnerung geblieben ist – getragen von Aufmerksamkeit, Haltung und einem feinen Gespür für Menschen und Musik.

Heute wirkt sie weiterhin verbindend: als Organisatorin von Jazzformaten, als Musikerin, Managerin und Kommunikationspartnerin für Kulturinstitutionen. Mit Vielseitigkeit, Leidenschaft und grossem Herzen prägt sie Basel bis heute – leise, verlässlich und mit nachhaltiger Wirkung.

Alexandre Kaden

Alexandre Kaden ist seit über dreissig Jahren in der Gastronomie zu Hause — von der Hotelfachschule Lausanne über San Francisco, Florida, New Jersey und London bis zurück in seine Heimatstadt Basel. Die Stationen waren bewusst vielfältig, die Haltung dabei immer dieselbe: Gastronomie als Handwerk, geprägt von der Nähe zum Team, zum Gast und dem Ansporn, immer wieder zu überraschen.

Heute ist er Mitinhaber der Groupe Oniro AG, zu der Safran Zunft, Le Rhin Bleu, Brauerei, Bistro Kunstmuseum, Restaurant zur Mägd, Landgasthof Riehen und Go!Catering gehören. Als Vorstandsmitglied bei Basel Tourismus und dem Wirteverband Basel­Stadt engagiert er sich für die Branche, die ihn seit drei Jahrzehnten antreibt.

Marion Regenscheit

Marion Regenscheit leitet das Internationale Literaturfestival BuchBasel. Ab 2027 übernimmt sie die Gesamtleitung des Vereins LiteraturBasel und damit zusätzlich zum Festival auch die Leitung des Literaturhauses Basel.

Gemeinsam mit ihrem Team schafft sie Räume, in denen Menschen und Geschichten einander begegnen, und ist fasziniert davon, wie Literatur bei Veranstaltungen lebendig wird.

Zusammen mit Lucien Haug gibt sie das Fan­Fiction­Magazin DANKE heraus und freut sich jetzt schon auf die nächste BuchBasel (13.bis 15. November 2026).

Sarah Spale

Sarah Spale entwickelte ihren künstlerischen Weg zwischen Kulturwissenschaft, Schauspielausbildung und internationalem Film. Nach Erfolgen im Schweizer Fernsehen mit Wilder erlangte sie internationale Aufmerksamkeit in der Verfilmung von Nachtzug nach Lissabon ; für ihre Hauptrolle in Platzspitzbaby wurde sie mit dem Schweizer Filmpreis als Beste Darstellerin ausgezeichnet.

Zuletzt war sie mit Hallo Betty im Kino zu sehen – und wurde dafür bereits zum vierten Mal für den Schweizer Filmpreis nominiert.

REISEN MIT METTE STAUSLAND

Andreas Bichweiler und Mette Stausland verbindet eine lange Freundschaft. Über die Jahre hat er mitverfolgt, fasziniert von der Künstlerin, wie sich ihre Arbeit verändert und entwickelt hat, wie aus einzelnen Zeichnungen ein eigenständiges Werk wurde.

Es hält sich ein hartnäckiges Gerücht bei Ramstein: dass es die traditionsreichen Ramstein Plakate während der Art Basel ohne Mette Stausland eigentlich nicht geben würde. Herausragende Plakatserien wie mit Renée Levi, Eddie Hara, Edit Oderbolz oder Ado & Comenius hätten so nicht das Basler Stadtbild während der Art­Woche bereichert. Undenkbar, oder? Andi Bichweiler hat lange – wahrscheinlich schon Mitte der Nullerjahre – davon geträumt, während seiner Lieblingswoche, der Art Basel, eine Plakatserie von Mette Stausland zu zeigen. Und dieses Jahr ist daraus endlich Wirklichkeit geworden.

Sein Respekt und seine Faszination für ihre Arbeit sind so gross, dass er sich lange nicht traute, sie darauf anzusprechen. Dabei wollten beide schon immer dasselbe. Auch Mette hatte längst den Wunsch, gemeinsam mit Andi und Ramstein eine Plakatserie zu gestalten. Nur getraute sich keiner der beiden, den anderen zu fragen. Entschieden hat sich das Ganze ausgerechnet letztes Jahr während Andis Ferien bei Mette und Robert Woodt bei einem Abendessen.

Genau an jenem Abend in Dänemark getraute sich Andi Bichweiler endlich, Mette Stausland zu fragen, ob die Zeit nicht reif sei für eine Plakatserie während der Art Basel, der wichtigsten Kunstmesse der Welt. Und sie sagte Ja, in der Überzeugung, dass es ein Erfolg würde.

Wie recht sie damit hatte, zeigte sich in den Ramstein Schaufenstern an der Sattelgasse: Die Ausstellung wurde zu einem grossen Erfolg, alle siebzehn Bilder fanden neue Besitzerinnen und Besitzer.

Wie aus dieser Idee eine eigene Bildsprache wurde und wie Mette Stausland selbst über ihre Arbeit denkt, davon erzählt sie im folgenden Gespräch mit der Kuratorin Lene Fjørtoft vom Tegnerforbundet.

Du hast an der Kunstakademie studiert und bist danach nach Südeuropa gereist. Wie haben diese Erfahrungen deine Herangehensweise an die Kunst geprägt?

Wie bei vielen Künstlern waren meine Arbeiten als Studentin eher abgeleitet. Als ich die Kunstakademie verliess und nach Südeuropa zog, spürte ich: Ich musste zu den Grundlagen zurück, um eine eigene Stimme zu finden. Die Zeichnung wurde mein Medium, roh, direkt, unmittelbar, intim. Sie traf den Kern der Sache. Es ging um Entdeckung: zu sehen, was man sagt, bevor man weiss, was man denkt. Frei zu denken, laut zu denken. Du hast über drei Jahrzehnte in der Schweiz gelebt und mit verschiedenen Galerien zusammen gearbeitet.

Wie hat diese Zeit deine künstlerische Praxis geprägt?

Ursprünglich verliess ich Norwegen, um im Ausland zu studieren. Am Ende blieb ich in der Schweiz und begann dort meine Karriere. Im Grunde war das ideal: ein Kulturwechsel mit leichtem Zugang zum restlichen Europa. Ich arbeitete vor allem mit Schweizer Galerien, dazu einigen im Ausland. Es war eine Zeit grosser wirtschaftlicher Unsicherheit, mit echten Höhepunkten, aber auch Rückschlägen.

Deine Arbeit hat sich von Mustern hin zu abstrakteren Formen entwickelt. Was bedeutet dieser Wandel für dich?

Früher arbeitete ich mit Rastern und sich wiederholenden Formen, um herauszufinden, was zusammenpasst und was nicht. Wir sind darauf programmiert, der Welt durch Muster einen Sinn zu geben. Für mich war das ein Test: Was gehört dazu, was nicht? In den Rastern entstanden oft kleine Fehler, Abweichungen, die die Ordnung durchbrachen. Am Ende trug das «Fehlplatzierte» dieselbe Bedeutung wie das «Richtige». Mit der Zeit kehrten sich die Pole um. Die Ordnung der Rasterarbeiten wich grossen Feldern scheinbar zufälliger, chaotischer Markierungen, die die gesamte Fläche bedeckten. Diese Arbeiten waren offener, poröser, nicht mehr selbstreferenziell, weder formal noch inhaltlich. Mir wurde klar: Darin lag der Anfang einer Sprache. Eine Sprache, die mir half, grundlegende Ideen über inneren und äusseren Raum, den Körper, die

Mette Stausland auf dem Ramstein Optik YouTube­Kanal
Die offizielle
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Bewegung in der Landschaft und die Landschaft selbst anzusprechen. Diese Gefühle und Erkenntnisse begleiten mich seit meinen ersten Berührungen mit dem Tanz, ganz am Anfang meiner Karriere. Nach vielen Jahren in der Schweiz bist du nach Skandinavien zurückgekehrt.

Wie hat diese Rückkehr deine künstlerische Praxis verändert?

2015 entschied ich mich, nach 30 Jahren in Mitteleuropa endgültig nach Skandinavien zurückzukehren. Die Arbeit im Ausland hat mich herausgefordert und meinen Horizont erweitert. Doch mit der Zeit schlichen sich dieselben Faktoren ein, die mich einst zum Weggehen bewogen hatten: Konformität, Bequemlichkeit. Als ich nach so langer Abwesenheit zu meinen kulturellen und familiären Wurzeln zurückkehrte, suchte ich nicht die Sicherheit des Vertrauten. Im Gegenteil. Es ist eine besondere Erfahrung, in die eigene Heimat zurückzukehren und dabei doch fremd zu bleiben, wie eine Ausländerin im eigenen Land. Ich muss neu erkunden, was mich einst geprägt hat, und es mit dem verbinden, was heute ist, mit Augen, die einst anderswo nach Bedeutung suchten. Du hast über dein Interesse an Abstraktion gesprochen. Wie setzt du sie in deiner Arbeit ein?

Mich interessiert eine Arbeitsweise, die eher anregt als provoziert. Werke, die andeuten statt behaupten, deren Bedeutung eher implizit als explizit bleibt. Eine erzählerische Bildsprache, eine Geschichte von A nach B, hat mich nie interessiert. Ich will Werke schaffen, die mehrere Lesarten zulassen, offen für unterschiedliche Interpretationen, im Gleichgewicht zwischen Form, Raum und Bedeutung.

Paul Gauguin schrieb einmal: «Kunst ist Abstraktion. Male, wie du in der Gegenwart der Natur träumst, und denke mehr an den Schöpfungsakt als an das Ergebnis.» Für mich steckt darin viel Wahrheit. Der Fokus liegt auf dem Prozess, auf der Entdeckung. Bedeutung entsteht aus dem Schaffen selbst, geleitet von Gedanken, Umständen, Situationen im jeweiligen Moment. Und der Schaffensakt ist immer auch ein Übersetzungsakt: Ein innerer Dialog nimmt Form an, verändert sich im ständigen Wechselspiel mit dem, was auf dem Papier entsteht.

Wie setzt du das Zeichnen in deiner Arbeit ein?

Zeichnen bedeutet für mich Suchen. Eine Reise. Ich beginne mit einer vagen Idee und entdecke dann, was sich auf dem Papier entfaltet. Angetrieben von Neugier, nicht auf etwas Bekanntes, sondern auf etwas, das erst im Entdecken entsteht. Etwas, das eine Art Rückkopplungsschleife auslöst und mir hilft, Sinn zu finden, im «Klang» der Erfahrung wie in meiner Fantasie. So wird das Papier für mich zur Bühne, mehr als nur ein Blatt. Wie bei jedem Tänzer, jeder Schauspielerin, jedem Musiker beginnt die Arbeit mit festgelegten Bewegungen, die schnell Raum für Improvisation lassen. Wenn dieser Dialog weitergeht, entstehen Charakter und Bedeutung.

Format und Zeit hängen für mich direkt zusammen. Ein grösseres Werk verlangt eine längere, tiefere, komplexere Reise. Bei solchen Arbeiten wird das Papier oft bis an seine Grenzen bearbeitet, bevor ich zu einem Ergebnis komme. Verworfene Varianten und Versuche stapeln sich unter der endgültigen Zeichnung, wie ein Echo vergangener Geschichten. Am Ende wird gefiltert und überarbeitet, bis eine gewisse Klarheit entsteht. So bleiben die Arbeiten bewusst mehrdeutig und offen für Interpretation. Was bedeutet Zeichnen für dich?

Zeichnen ist für mich die unmittelbarste Form des Ausdrucks. Ich sammle keine Vorlagen im klassischen Sinn, keine Vorzeichnungen, Fotografien oder zufälligen Bilder, auf die ich zurückgreife. Eine gerade Linie von der Quelle zum fertigen Werk gibt es bei mir nicht. Der Prozess ist chaotisch, komplex, unvorhersehbar. Eine Suche nach etwas, das mich anregt, vielleicht ferne Erinnerungen, vertraut und überraschend zugleich. Etwas zwischen Frage und Antwort. Das Thema meiner Arbeit bleibt illusorisch, flüchtig, etwas, das leicht entgleitet oder die Fantasie beflügelt.

Jedes fertige Werk trägt Spuren früherer Zeichnungen, Versuche, die dem Ergebnis vorausgingen. Fast jede Zeichnung erzählt so ihre eigene Entstehungsgeschichte. Wer oder was hat deine Arbeit als Künstlerin beeinflusst und inspiriert? Über konkrete Einflüsse war ich mir nie ganz sicher. Es gibt viele Künstler, die mich interessieren oder die ich bewundere, aus unter­

schiedlichsten Gründen. Manche arbeiten ähnlich wie ich, ich «verstehe» sie einfach, erkenne ihre Vision und Absicht sofort und teile ihre Sichtweise: Brice Marden, Agnes Martin, Paul Klee und Raoul De Keyser. Es gibt Künstler, die das Gegenteil tun, bei denen es keine gemeinsame Sprache gibt, bei denen ich aber Freude an einem radikal anderen Blickwinkel und einer anderen Ästhetik empfinde: Philip Guston, Bill Traylor, Joseph Cornell, Bridget Riley, Sol LeWitt, Donald Judd, Beuys, Goya, Munch und Matisse. Ein besonderes Interesse gilt zudem den «Outsider­Künstlern» wie Joseph E. Yoakum, Carl Fredric Hill, Adolf Wölfli, Forrest Bess und Louis Soutter. Wie hat deine Erfahrung als Frau deine Karriere als Künstlerin beeinflusst?

Ich hatte immer das Gefühl, das Recht zu haben, das zu verfolgen, was ich tun wollte, allein durch meine Herkunft. Ich hatte das grosse Glück, an Institutionen zu studieren und zu arbeiten, in einer Zeit, in der ich mich als junge Kunststudentin sehr unterstützt fühlte, ohne nennenswerte Diskriminierung. Meinen Weg als junge Künstlerin in Mitteleuropa zu finden, war eine andere Sache. Aber irgendwie hatte ich Glück: Fast immer habe ich mit Galeristinnen zusammengearbeitet. Das heisst nicht, dass ich nicht gesehen hätte, wie männerdominiert die Kunstwelt war, und bis heute ist.

«Ich hatte meine Kämpfe, aber ich hatte das Gefühl, auf sicherem Boden zu stehen.»

Ich hatte auch das grosse Glück, einige unglaublich treue Sammler zu haben, die mich in nicht ganz einfachen Zeiten unterstützt haben, besonders Werner Abt aus Basel sowie Christine und Hans Peter Tschan Hirt aus Baden.

Wie wichtig Ramstein Optik die Produktion der Plakate von Mette Stausland ist, zeigt auch sich im Aufwand, der dahinter steckt. Tom Bissig fotografierte die Originale. Lithograf Andreas Muster glich die Aufnahmen im Rahmenatelier Messmer direkt mit den Originalbildern ab, bevor Silvia Tarchini die Rahmungen fertigte, damit der Druck so nah wie möglich an Mette Stauslands Werk herankommt. Dieter Bopp übernahm danach die sorgfältige grafische Gestaltung. Gedruckt wurde schliesslich bei JCM in Zürich, wo die Maschine bis ins Detail auf die Vorlage abgestimmt, von Andreas Muster und Dieter Bopp abgenommen und im Offsetverfahren produziert wurde.

Erwarten Sie das Andere

Styling: Diana
Ammann/Flavia Schaub Photography

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