Gedichte zur Hochzeit
1. Wilhelm Busch Warnung vor der Ehe Sie hat nichts und Du desgleichen, dennoch wollt Ihr, wie ich sehe, zu dem Band der heil'gen Ehe Euch bereits die Hände reichen. Kinder, seid Ihr denn bei Sinnen? Überlegt Euch das Kapitel! Ohne die gehör'gen Mittel soll man keinen Krieg beginnen
Warum heiratet man Der eine tuts um die Dukaten, der zweite um ein hübsch Gesicht, der dritte darf nicht länger warten, der vierte, weil Mama so spricht. Der fünfte will sich einmal setzen, der sechste ist nicht gern allein, der siebte hofft, sich zu ergötzen, der achte möcht auch einmal frein, beim neunten sind es Mitleidstriebe, doch ihr - ihr heiratet sicher nur aus Liebe.
Hochzeits-Spruch Viel Freude macht, wie männiglich bekannt, für Mann und Weib der heilige Ehestand (kirchlich). Und lieblich ist es für den Frommen, der die Genehmigung (zivilrechtlich) dazu bekommen, wenn er sodann, nach der üblichen Frist glücklicher Vater und Mutter ist.
Denn wenn man aber zu lange zuwartet, bis man zupackt, da kann folgendes passieren: Sie war ein Blümlein hübsch und fein, Hell aufgeblüht im Sonnenschein. Er war ein junger Schmetterling, Der selig an der Blume hing. Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum. Oft kroch ein Käfer kribbelkrab Am hübschen Blümlein auf und ab. Ach Gott, wie das dem Schmetterling So schmerzlich durch die Seele ging. Doch was am meisten ihn entsetzt, Das Allerschlimmste kam zuletzt. Ein alter Esel fraß die ganze Von ihm so heiß geliebte Pflanze
2. Ludwig Thoma Hochwürden Unser Pfarra is scho plagt, Und er schind't si, wia ma sagt. Hockt er net im Landtag drin Und im Reichstag in Berlin? Nix wia streit'n, nix wia raffa, Nix wia in d' Versammlung laffa, Nix als wia in d' Zeitung schreib'n, Nix als wia grad' Galle speib'n. Und dahoam? Da geht 's erst recht! Der an Ruah? Da kennst 'n schlecht. Muaß er net in sechs Verein Oder mehra Fürstand sein? Burschen-, Männer-, Jungfernbund, Chrischtli Bauern, G'sellen und Beim Verein für gute Wahl'n, Preßverein und überall'n? Und er schnüffelt allssamm aus. Und er woaß von jed'n Haus, Ob ma eppa gar a schlechte, Ob ma eppa g'wiß de rechte Zeitung lest. Er agatiert, Dass ma schwarzi abanniert. Und na is aa dös da Fall: Is da Lehra liberal, Muaß er 'n hoamli übaschreib'n Und scho wieda Galle speib'n. Bei de Kass'n als Kassier Fangt er seine Bauern für, Und es kriagt de brave Chrischt Bloß a Geld und künschtling Mischt, Und er spiganiert und lust, Handelt und vokafft und schmust Fuattamittl, Dung und Straah, —
Meß les'n? Meß les'n tuat er aa.
Ludwig Thoma, 1913
Gewohnheit Als Kain den Abel umgebracht, Zum Himmel dampft das Blut. Es ward ein starker Lärm gemacht, Und Gott geriet in Wut. Die Engel wurden watschelnass, So haben sie geflennt. Und Gott hat Kain in grimmen Hass Ein Zeichen aufgebrennt. Dann jagte man den Frevler fort; Fluch folgte ihm und Hohn. Man sieht, der erste Brudermord Erregte Sensation. Doch man gewöhnt sich jetzt zuletzt Auch an ein solches Ding; Worüber man sich erst entsetzt, Schätzt später man gering. Man hat hernach im großen Stil Die Menschen umgebracht. Ein Tausend um das andre fiel. Das wird noch heut' gemacht. Jedoch von oben hört man nichts, Und keine Stimme tönt, Die Stimme, die einst angesichts Des ersten Mords gedröhnt. Im Gegenteil, der Priester fleht Und bittet Gott um Sieg, Wenn es zum großen Morden geht. Und heilig heißt der Krieg.
Ludwig Thoma, 1904
Gleichgültigkeit Als ich gestern lag in meinem Bette, Klopfte es so gegen Mitternacht. Meine Meinung war, es sei Jeannette, Und natürlich hab' ich aufgemacht. Leise kam es jetzt hereingeschlichen, Setzte sich an meines Bettes Rand, Hat mir über meinen Kopf gestrichen Mit der ziemlich großen, dicken Hand. Doch ich merkte bald an ihren Formen: Dieses Weib ist ja Jeannette nicht, Deren Hüften nicht von so enormem
Umfang sind und solchem Schwergewicht. Trotzdem schwieg ich. Denn ich überlegte: Nicht das Wer, das Wie kommt in Betracht, Außerdem, die Absicht, die sie hegte, War entschieden löblich ausgedacht. Was bedeutet dieserhalb ein Name? In der Liebe ist das einerlei. Man verlangt nur, daß es eine Dame Und von angenehmem Fleische sei.
Eröffnungshymne Was ist schwärzer als die Kohle? Als die Tinte? Als der Ruß? Schwärzer noch als Rab' und Dohle Und des Negers Vorderfuß? Sag mir doch, wer dieses kennt! – Bayerns neues Parlament. Und wo sind die dicksten Köpfe? Dicke Köpfe gibt es viel, Denken wir nur an Geschöpfe Wie Rhinozeross' im Nil. Dick're hat – o Sakrament! – Bayerns neues Parlament. Wer ist frömmer als die Taube? Als die milchgefüllte Kuh? Als der Kapuzinerglaube Und das fromme Lamm dazu? Frömmer ist das Regiment In dem neuen Parlament. Und was ist das Allerdümmste? Schon noch dümmer als wie dumm? Sagt mir gleich das Allerschlimmste, Aber ratet nicht herum! Sag' mir endlich, wer es kennt! Himmelherrgottsakrament!!
Es sitzt ein Vogel auf dem Leim Es sitzt ein Vogel auf dem Leim, Er flattert sehr und kann nicht heim. Ein schwarzer Kater schleicht herzu, Die Krallen scharf, die Augen gluh. Am Baum hinauf und immer höher Kommt er dem armen Vogel näher. Der Vogel denkt: Weil das so ist Und weil mich doch der Kater frißt, So will ich keine Zeit verlieren, Will noch ein wenig quinquilieren Und lustig pfeifen wie zuvor. Der Vogel, scheint mir, hat Humor
Der Münchner im Himmel Alois Hingerl, Nr. 172, Dienstmann in München, besorgte einen Auftrag mit solcher Hast, daß er vom Schlage gerührt zu Boden fiel und starb. Zwei Engel zogen ihn mit vieler Mühe in den Himmel, wo er von St. Petrus aufgenommen wurde. Der Apostel gab ihm eine Harfe und machte ihn mit der himmlischen Hausordnung bekannt. Von acht Uhr früh bis zwölf Uhr mittags »frohlocken«, und von zwölf Uhr mittags bis acht Uhr abends »Hosianna singen«. – »Ja, wann kriagt ma nacha was z'trink'n?« fragte Alois. – »Sie werden Ihr Manna schon bekommen«, sagte Petrus. »Auweh!« dachte der neue Engel Aloisius, »dös werd schö fad!« In diesem Momente sah er einen roten Radler, und der alte Zorn erwachte in ihm. »Du Lausbua, du mistiga!« schrie er, »kemmt's ös do rauf aa?« Und er versetzte ihm einige Hiebe mit dem ärarischen Himmelsinstrument. Dann setzte er sich aber, wie es ihm befohlen war, auf eine Wolke und begann zu frohlocken: »Ha-lä-lä-lä-lu-u-hu-hiah!«... Ein ganz vergeistigter Heiliger schwebte an ihm vorüber. – »Sie! Herr Nachbar! Herr Nachbar!« schrie Aloisius, »hamm Sie vielleicht an Schmaizla bei Eahna?« Dieser lispelte nur »Hosianna!« und flog weiter. »Ja, was is denn dös für a Hanswurscht?« rief Aloisius. »Nacha hamm S' halt koan Schmaizla, Sie Engel, Sie boaniga! Sie ausg'schamta!« Dann fing er wieder sehr zornig zu singen an: »Ha-ha-lä-lä-lu-u-uh – – Himmi Herrgott – Erdäpfi – Saggerament – – lu – uuu – iah!«
Er schrie so, daß der liebe Gott von seinem Mittagsschlafe erwachte und ganz erstaunt fragte: »Was ist denn da für ein Lümmel heroben?« Sogleich ließ er Petrus kommen und stellte ihn zur Rede. »Horchen Sie doch!« sagte er. Sie hörten wieder den Aloisius singen: »Ha – aaaaah – läh – – Himml – Himml Herrgott – Saggerament – uuuuuh – iah!« ... Petrus führte sogleich den Alois Hingerl vor den lieben Gott, und dieser sprach: »Aha! Ein Münchner! Nu natürlich! Ja, sagen Sie einmal, warum plärren denn Sie so unanständig?« Alois war aber recht ungnädig, und er war einmal im Schimpfen drin. »Ja, was glaab'n denn Sie?« sagte er. »Weil Sie der liabe Good san, müaßt i singa, wia 'r a Zeiserl, an ganz'n Tag, und z'trinka kriagat ma gar nix! A Manna, hat der ander g'sagt, kriag i! A Manna! Da balst ma net gehst mit dein Manna! Überhaupts sing i nimma!« »Petrus«, sagte der liebe Gott, »mit dem können wir da heroben nichts anfangen, für den habe ich eine andere Aufgabe. Er muß meine göttlichen Ratschlüsse der bayrischen Regierung überbringen; da kommt er jede Woche ein paarmal nach München.« Des war Aloisius sehr froh. Und er bekam auch gleich einen Ratschluß für den Kultusminister Wehner zu besorgen und flog ab. Allein, nach seiner alten Gewohnheit ging er mit dem Brief zuerst ins Hofbräuhaus, wo er noch sitzt. Herr von Wehner wartet heute noch vergeblich auf die göttliche Eingebung.
3. Bert Brecht
BALLADE VON DER UNZULÄNGLICHKEIT MENSCHLICHEN PLANENS
Mensch lebt durch den Kopf. Sein Kopf reicht ihm nicht aus. Versuch es nur, von deinem Kopf Lebt höchstens eine Laus. Denn für dieses Leben Ist der Mensch nicht schlau genug. Niemals merkt er eben Diesen Lug und Trug. Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht. Denn für dieses Leben Ist der Mensch nicht schlecht genug. Doch sein höhres Streben Ist ein schöner Zug. Ja, renn nur nach dem Glück Doch renne nicht zu sehr Denn alle rennen nach dem Glück Das Glück rennt hinterher. Denn für dieses Leben Ist der Mensch nicht anspruchslos genug. Drum ist all sein Streben Nur ein Selbstbetrug. Der Mensch ist gar nicht gut Drum hau ihn auf den Hut. Hast du ihm auf dem Hut gehaun Dann wird er vielleicht gut. Denn für dieses Leben Ist der Mensch nicht gut genug Darum haut ihm eben Ruhig auf den Hut!