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FASHION &BEAUTY

DAS

FASHION

ORAKEL

Es war einmal ein hässliches Entlein. Von der Entenmutter aufs Grausamste abgelehnt, von der ausgesprochen hübschen Entenschwester in dunkelste Schatten gestellt. Das hässliche Entlein beschloss, nicht nur ein Schwan zu werden, sondern eine Legende. Alles, was sie dazu brauchte, waren ihre Visionen. Diana Vreeland, die mächtigste Frau der Modewelt im 20. Jahrhundert.

V

ielleicht sind es das Hineingeborenwerden in eine schöne Familie und der Blick in den Spiegel, der ihr optisch die Quittung und instinktiv die Begründung dafür liefert, weshalb ihre Mutter sie ihr «hässliches kleines Monster» nennt, während ihre Schwester gehätschelt und getätschelt wird. Doch entgegen dem häufig vorkommenden Phänomen, aus diesem einen Kindheitstrauma ein lebenslanges Drama mit Mama-ist-schuld-Ausrede zu zelebrieren, dreht sie den Spiess um.

Der Masterplan Am 29. September 1903 wird Diana in Paris geboren. Ihr Vater, Frederick Young Dalziel, ist ein britischer Postbote, ihre amerikanische Mutter Emily Key Hoffman Spross einer amerikanischen High-Society-Familie, deren Ahnen sich angeblich bis zu George Washington zurückverfolgen lassen. Am Ende des Ersten Weltkrieges siedelt die Familie nach Amerika über. Während andere Mädchen mit ihren Puppen spielen, hat Diana sich ihren Masterplan bereits zurechtgelegt. «Es gibt nur ein sehr gutes Leben, und das ist das Leben, das du kennst, das du willst und das du selbst machst.» Um Regeln brechen zu können und zu dem indivi-

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Helena Ugrenovic

duellen, beliebten, belesenen, intelligenten, charismatischen, witzigen, opportunistischen, gelehrten und bewunderten Wesen zu werden, das man sein will, muss man die Regeln kennen. Wie ein Schwamm saugt Diana alles über Kunst, Kultur, Mode und die schöne Seite der Welt auf, die sie aus den Angeln heben will. Negatives gibt es nicht. Es handelt sich dabei um ein individuelles Merkmal mit eigener Schönheit. Punkt. Genauso wie die Tatsache, Visionen wie Ziegelsteine die eigene Realität bauen zu lassen. Diana schnappt sich den schönsten Mann überhaupt und heiratet den Bankier Thomas Reed Vreeland, dem sie kurz nacheinander zwei Söhne schenkt.

Eine Legende entsteht Sie ist stilsicher, schmückt sich mit auffallenden Accessoires und ist ein Eyecatcher der besonderen Art. Als sie 1936 an einer Party in einem Chanel-­ Kleid, mit Bolero-Hut und einer Rose im Haar in einem Nachtclub tanzt, fällt sie der Chefredakteurin von «Harper’s Bazaar» auf, die ihr am nächsten Tag einen Job anbietet. Dianas Kolumne «Why don’t you» ist eine Sensation, ein dekadenter Ausdruck unkonventioneller Ideen, mit einer gewissen Respektlosigkeit, die man so nicht kennt. Sie

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