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FESTIVAL DA JAZZ

St. Moritz leuchtet in allen Farben

SCHWERPUNKT | NZZ AM SONNTAG, 7. JUNI 2026

Weltstar Diana Krall gibt sich am 12. Juli im «Embassy Ballroom» im Badrutt’s

EDITORIAL

Das Prinzip Überraschung

Am Festival da Jazz, das sich über dreieinhalb Wochen erstreckt und etliche Bühnen bespielt, muss alles wie im Schnürchen ablaufen. Dafür sind viele Helferinnen und Helfer im Einsatz. Es soll aber auch Raum für Überraschungen geben, denn Jazz ist seinem innersten Wesen nach Improvisation. Deshalb hat das Organisationsteam im Jahr 2024 ein neues Format lanciert, bei dem das Unerwartete ins Zentrum gerückt wird, und für einmal wird nicht in erster Linie von den Musikerinnen und Musikern Spontaneität verlangt, sondern vom Publikum: Die «Hidden Sessions» spielen sich, wie der Name schon andeutet, an Orten ab, die man nicht im Voraus kennt. Auch in diesem Jahr umfasst das Festivalprogramm eine Handvoll Konzerte, die auf keiner Programmübersicht zu finden sind, sondern einzig über einen News Alert kurzfristig angekündigt werden. Diesen Alert kann man abonnieren: Tauchen illustre Musikerinnen oder Musiker, die für den Dracula Club oder das Hotel Reine Victoria gebucht sind, plötzlich in einem Spa auf, in einer Unterführung, in einer Hotelbibliothek? Lassen Sie sich überraschen! Einige Glückliche werden sich daran erinnern, dass 2024 der französische Starakkordeonist Richard Galliano im Segantini-Museum eine «Hidden Session» abhielt oder dass der US-amerikanische Sänger José James im Restaurant La Scarpetta auftrat. Wer wird es diesmal sein? Noch schweigen die Veranstalter wie ein Grab. Aber darauf, dass sie wieder etwas verstecken werden, kann man sich so fest verlassen wie beim Osterhasen. Am besten setzen Sie sich zum Apéro in ein Lokal Ihrer Wahl, zum Beispiel auf die Hauser-Terrasse, wo auch dieses Jahr wieder fünfzehn Gratiskonzerte angeboten werden, und wenn dann ihr Handy vibriert, bleibt Ihnen noch genug Zeit, zu entscheiden, ob Sie gemütlich sitzen bleiben oder sofort losrennen wollen. Allegra!!

Manfred Papst, Kulturjournalist und Jazzexperte

Fenster zur Zukunft

2021 hat das Festival da Jazz einen Wettbewerb für junge Musiker aus aller Welt lanciert. Nun heisst er Defender Jazz Pioneers Jazzlab. Die Erfolgsstory geht unter dem neuen Namen unverändert weiter. Von Belinda Pfaff

Die Idee war von Anfang an so bestechend wie einfach: Das Festival da Jazz will nicht nur den Stars von heute, sondern auch jungen Talenten, die vielleicht die Stars von morgen werden, eine Bühne bieten. Deshalb lancierte es 2021 mit dem Hauptsponsor Jaguar Land Rover ein Förderprojekt. Bis 2025 hiess es «New Generation #JazzLab», nun wurde es in «Defender Pioneers Jazzlab» umbenannt. Der Sponsor ist der gleiche geblieben, doch rückt dieser nun ein anderes Gefährt aus seiner Produktpalette in den Vordergrund. In seinem sechsten Jahr hat sich der Wettbewerb vollends in der internationalen Szene etabliert. 76 Bands aus 21 Nationen und 4 Kontinenten haben sich diesmal mit ihren DemoVideos und Dossiers um die beiden begehrten Plätze beworben. Die Ausschreibung richtete sich wiederum an junge Musikerinnen und Musiker im In- und Ausland, die Jazzschulen besuchen oder absolviert haben, sowie an Bands, deren Mitglieder im Durchschnitt nicht älter als dreissig Jahre sind und noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Neben dem Preisgeld von 5000 Franken und einem Auftritt am Festival, der professionell aufgezeichnet wird und somit inskünftig als Visitenkarte dienen kann, steht für die Nachwuchstalente eine Masterclass mit erfahrenen Jazzgrössen im Vordergrund. Dort wird nicht nur Musikunterricht im engeren Sinn erteilt: Es geht auch darum, Strategien für eine erfolgreiche Karriere zu entwickeln, Erfahrungen auszutauschen und sich in der Szene zu vernetzen.

Als Mentoren für die Ausgabe 2026 konnten vier Persönlichkeiten von internationalem Rang gewonnen werden: die französische Sängerin Ca -

mille Bertailt, der venezolanische Pianist Luis Perdomo, der bulgarische Bassist Peter Slavov und der brasilianische Schlagzeuger Kiko Freitas. Zur achtköpfigen Jury gehören die Philanthropin und Investorin Carolina Müller-Möhl, der Festivalgründer Christian Jott Jenny, die Sängerin Roberta Cambarini, der Schlagzeuger Antonio Sanchez, die PR-Expertin Melina Roshard, der Musikjournalist Peewee Windmüller, die Saxofonistin Erena Terakubo sowie Roger Rüegger vom Defender Pioneers Jazzlab.

Keine Tricksereien

Aufgabe der Jury war es wie jedes Jahr, aus den Bewerbungen in einem mehrstufigen Verfahren zehn auszuwählen. In der Endrunde wurden die Punkte der Jurymitglieder zusammengezählt. Dabei wurde wiederum bewusst auf eine abschliessende Diskussion verzichtet, um zu vermeiden, dass gruppendynamische Prozesse an die Stelle des individuellen, einzig auf dem Musikerlebnis beruhenden Entscheids traten. Ein wichtiger Punkt der Ausschreibung ist der, dass von den Bewerberinnen und Bewerbern ungeschnittene Videos von Live-Auftritten verlangt werden: Die Jury will sehen und hören, wie die Musiker auf der Bühne agieren. High-Tech-Tricksereien sind ausdrücklich unerwünscht.

Das Rennen gemacht haben diesmal das Gabriel Chakarji Trio und das Quartett Raízes, zwei in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Formationen. Das erstgenannte Trio verbindet Jazz und spontane Improvisation mit pulsierenden afro-venezolanischen Rhythmustraditionen. Der preisgekrönte venezolanische Pianist und Komponist Gabriel Chakarji spielt mit seinem New Yorker Trio eine Musik,

die sowohl lyrische Geschichten als auch dynamische Dialoge umfasst und mit ihrer vibrierenden Energie begeistert.

Aufgewachsen ist Chakarji in Caracas, wo er mit einer Vielzahl musikalischer Stile in Berührung kam: mit afro-venezolanischer Volksmusik, karibischen und brasilianischen Klängen sowie Jazz und Gospelhymnen. Er zog schliesslich nach New York City, um neue musikalische Grenzen zu erkunden, und ist an legendären Orten wie der Carnegie Hall, dem Blue Note und in Dizzy’s Club aufgetreten. Als Bandleader hat er zwei von der Kritik gefeierte Alben veröffentlicht: «Vida» und «New Beginning». 2022 wurde Gabriel Chakarji mit der Jazz Gallery Residency Commission und dem ASCAP Herb Alpert Young Jazz Composer Award ausgezeichnet.

Neben seiner erfolgreichen Karriere als Bandleader hat er mit einer Vielzahl von Künstlern zusammengearbeitet, etwa mit Jeremy Bosh, Luis Enrique, Ari Hoenig, Luisito Quintero und Dayna Stephens. Seine Kompositionen und sein Spiel widerspiegeln sein Engagement für soziale Gerechtigkeit und Multikulturalismus. In St. Moritz tritt er mit Rafael Enciso am Bass und Eviatar Slivnik am Schlagzeug auf. Raízes heisst Wurzeln – und genau das spürt man in jeder Note des Quartetts, das diesen Namen trägt. Der deutsch-brasilianische Pianist, Komponist und Sänger Noah Reis Ramma pflegt mit seiner Band eine Musik, die Klänge seiner Heimat Minas Gerais im Südosten Brasiliens mit europäischer Klassik und afroamerikanischem Erbe kombiniert. Mit poetischer Melodik, farbenprächtigen Harmonien und mitreissendem Groove entfaltet sich ein kraftvoller, lebendiger Klang, der direkt ins Mark geht.

Noah Reis-Ramma hat sowohl im Bereich der klassischen Musik als auch im Jazz bereits auf sich aufmerksam gemacht. 2008, mit 8 Jahren, begann er, Klavier zu spielen. Zwischen 2012 und 2017 nahm er mehrmals am Musikwettbewerb «Jugend musiziert» teil und gewann dort auf regionaler und auf Landesebene sowie im Bundeswettbewerb erste und zweite Preise.

Freude an der Musik Seit 2016 beschäftigt er sich auch mit Jazz und Populärmusik. 2017 gewann er den WDR-Wettbewerb «Young Composers Fellowship – featured by Vince Mendoza and Bob Mintzer» für ein zweijähriges Stipendium bei der WDR Big Band. Im gleichen Jahr erhielt er bei der Solowertung Klavier des Wettbewerbs «Jugend jazzt» den ersten Preis. Seit dem Wintersemester 2018 studierte er Jazzklavier an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Zu seiner Formation gehören die in Paris lebende Sängerin Camila Ronza, die deutsch-polnische E-Bassistin Ursula Wienken und der aus Norddeutschland stammende Schlagzeuger Niklas Wittig. Wer ans Festival da Jazz eingeladen wird, ist bereits Gewinnerin oder Gewinner. Die Tage in St. Moritz sollen die Freude an der Musik ins Zentrum rücken. Den beiden Gewinner-Acts werden renommierte Mentoren zur Seite gestellt. In Probelokalen des Festivals können die Nachwuchstalente fünf Tage intensiv arbeiten. Den krönenden Abschluss bildet das Konzert im legendären Dracula Club, der Hauptspielstätte des Festivals. Dracula Club, 17. Juli, 21 Uhr.

PD Der venezolanische Pianist Gabriel Chakarji zählt zu den Gewinnern des diesjährigen Nachwuchswettbewerbs.

Der Tiger aus Wales

Tom Jones ist eine lebende Legende. Sein Auftritt im Karajan-Saal des Hotels Reine Victoria wird einer der Höhepunkte des diesjährigen Festival da Jazz sein. Von Frank Heer

Sir Thomas Jones Woodward, auch bekannt als Tom Jones –braucht man hier den Mann mit der vielleicht grössten Stimme im engsten Hemd noch vorzustellen? Kein Entertainer in der Geschichte der Pop-Musik wurde, so heisst es, auf der Bühne mit mehr weiblicher Unterwäsche beworfen als der Tiger aus Wales. Selbst sein Freund Elvis Presley, mit dem er in alten Tagen oft stundenlang telefoniert haben soll, konnte da nicht mithalten. Nur die Beatles stahlen ihm zu Beginn seiner Karriere die Show. Doch dazu später.

Vergessen geht ob all der hartnäckig gepflegten Halbwahrheiten oft, dass Tom Jones nicht nur ein grosser Entertainer und spektakulärer Sänger ist, sondern auch ein ungemein wandelbarer, sich stets neu erfindender Künstler. Seinem Zwang zum rastlosen «Herumtigern» verdankt er nicht nur den Spitznamen «Tiger Tom», sondern auch seinen Überlebenswillen, mit dem er seit seiner Kindheit ausgerüstet ist.

Thomas Jones Woodward kam 1940 in der walisischen Kleinstadt Pontypridd als Sohn eines Kohleminenarbeiters zur Welt. Die Mutter sang immer und überall mit Inbrunst: Kirchenlieder, Arbeiterlieder, walisische Volkslieder, amerikanische Pop-Songs, beim Kochen, im Pub, bei Familientreffen, bei Beerdigungen und in der Kirche. Am liebsten aber sang sie für ihren Sohn.

Lehrjahre im Pub

Mit zwölf erkrankte Jones an Tuberkulose und verbrachte zwei Jahre im Bett: «Ich konnte nichts anderes tun als Musik hören und zeichnen», schreibt er in seinen Memoiren. Er sang zu allem, was das Radio spielte; Frank Sinatra, Ray Charles, Little Richard. Jazz, Swing, Musicals – und als er das Bett verlassen

konnte, schwor er sich, sich nie mehr im Leben über irgendetwas zu beklagen. Nach der Schule arbeitete Jones als Staubsaugervertreter, dann wieder als Bau- oder Fliessbandarbeiter. Nachts tingelte er als Frontmann einer Beat-Band durch die Londoner Arbeiterkneipen und Tanzschuppen. Keine Orte, an denen andächtig zugehört wurde. Die Hälfte der Kundschaft war betrunken oder auf dem Weg dorthin, und wer in dieser bierseligen Pub-Welt auf die Bühne trat, musste sein Publikum erobern. Jones so geschmeidige wie kernige Stimme war wie gemacht für diese Herausforderung. Was ihm fehlte, war ein Hit.

Hier kommt der Manager Gordon Mills in Spiel, der Jones (damals noch unter bürgerlichem Namen auftretend) in einem Pub hörte. Mills verstand sofort, dass dieses Kaliber ein ganz anderes Repertoire und Publikum bedienen sollte, als es die Rolling Stones oder The Beatles mit weit grösserem Erfolg taten. Jones passte einfach nicht in diese brodelnde Rock’n’Roll-Szene. Mills steckte Jones in einen Smoking, besorgte ihm eine Band mit Bläsern und BackgroundSängerinnen und liess seinen Schützling unter dem Namen Tom Jones in eleganten Sälen auftreten statt in verschwitzten Beat-Schuppen und Arbeiter-Pubs.

Die erste Single «Chills and Fever» floppte, doch mit dem zweiten Anlauf klappte es: «It’s Not Unusual» erschien 1965 und katapultierte den 25-Jährigen an die Spitze der Charts. Schlauer Fuchs

Viele seiner Hits gehören zum kollektiven Gedächtnis der Pop-Geschichte: «Delilah», «Green, Green Grass of Home», «She’s A Lady», «Sexbomb». Aber auch Jones’ Kollaborationen auf verschiedenen Nebengeleisen waren immer bemerkenswert, darunter diejenigen mit Jack White, The Cardigans oder Portishead. Legendär

eine Reihe von TV-Auftritten mit Janis Joplin im Jahr 1969: Wie hier zwei der aufregendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts das Fernsehstudio mit «Raise Your Hand», einer etwas verstaubten R&B-Nummer von Eddie Floyd, in einen vor Ekstase kochenden Rock’n’RollGottesdienst verwandelten, sollte man sich unbedingt auf Youtube ansehen. Tom Jones hat mehr musikalische Grenzen überschritten, als ihm in der öffentlichen Wahrnehmung zugesprochen werden. Von Beat, Soul und R&B über orchestralen Pop mit Las-VegasHüftschwung bis hin zum Funk und Americana. Sicher, für seine kitschigen Country-Alben aus den Achtzigern wird er uns nicht in Erinnerung bleiben. Rückblickend waren diese Phasen vor allem Versuche, sich neu zu erfinden. Als sein Stern Ende der Achtziger erstmals zu sinken begann, war es ein Prince-Song, «Kiss», den er mit der britischen SynthPop-Band Art of Noise aufnahm und der den inzwischen fast 50-Jährigen zurück ins Rampenlicht und ins Bewusstsein eines neuen, jüngeren Publikums holte. Natürlich ist Tom Jones ein schlauer Fuchs. Ein Profi, der gelernt hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber er verstand sich auch immer als Entertainer alter Schule, unverwüstlich und hart im Nehmen. Einer, der sich bis heute nicht zu schade ist, um sein Publikum zu kämpfen. Noch mit 86, das bezeugen Live-Mitschnitte, ist der Mann ein Tornado mit dem Charme einer frisch entkorkten Champagnerflasche, mehrmals totgesagt, nie verschwunden. Und welcher Pop-Star aus den Sechzigern, der noch immer im Rampenlicht vor ausverkauften Reihen schwitzt, kann von sich behaupten, mit den Beatles und den Stones durch die Kneipen von London gezogen zu sein? Eben.

Reine Victoria, 21. Juli, 21 Uhr.

Konzerttipps

Duo Jost & Grab

Schweizer Weltklasse

Der Berner Saxofonist Christoph Grab zählt zu den profiliertesten Schweizer Jazzmusikern. Zwei Jahrzehnte trennen ihn vom Thurgauer Pianisten und Sänger Raphael Jost, doch die beiden begegnen sich auf Augenhöhe: Ob sie eigene Stücke interpretieren oder aus dem Great American Songbook zitieren: Stets ist ihr Spiel von technischem Können, emotionaler Energie und feinem Humor geprägt. Ein Fest der Interaktion!

Hauser Terrasse, 3. Juli, 17 Uhr.

Sebastian Studnitzky Trio Magische Klangwelten

Der im Schwarzwald aufgewachsene Pianist und Trompeter Sebastian Studnitzky ist ein Grenzgänger zwischen Jazz, Klassik und elektronischer Musik. Seine unverwechselbare Musik überzeugt durch Transparenz und emotionale Tiefe. Im Gepäck hat der versatile Künstler, der eine Professur für Musik in Dresden bekleidet und selbst Festivals organisiert, seine mit dem Odesa Philharmonic Chamber Orchestra eingespielte CD «KY!»

Globe Zuoz, 4. Juli, 21 Uhr.

Vincen García Energiebündel am Bass

Der spanische E-Bassist Vincen Garcia erinnert in mancher Hinsicht an Stanley Clarke: Er verbindet atemberaubende Virtuosität mit unbändiger Energie und Sinn für mitreissende Tunes. Mit seiner hochkarätig besetzten Band (Gitarre, Sax, Trompete, Schlagzeug) spielt er eine explosive Mischung aus Jazz und Funk. Seine Lebensfreude wirkt von London über Paris bis New York ansteckend – und garantiert auch in St. Moritz.

Fred Wesley Generations Mr. Funk persönlich

Wenn der Posaunist Fred Wesley zur House Party einlädt, ist davon auszugehen, dass der Schuppen mächtig wackelt. Sechs Tage nach seinem 83. Geburtstag tritt der Mann, der bei James Brown und George Clinton für den satten Bläsersound sorgte, nächtlicherweile im Dracula Club auf, unterstützt von Leonardo Corradi an der Orgel und Tony Match am Schlagzeug. «The night time is the right time!», kann man da nur sagen.

Dracula Club, 10. Juli, 23:30 Uhr.

Dracula Club, 5. Juli, 21 Uhr.
Er hat ein Leben lang um sein Publikum gekämpft: Tom Jones.

Sandra Zoppi, Leiterin Region Graubünden

Als Partner des Festival da Jazz verbindet ACLARIS die Klarheit alpiner Wasserwelten mit der Tiefe musikalischer Momente. Hier, wo Seen und Quellen seit jeher für Reinheit stehen, entstehen Augenblicke von besonderer Intensität – in der Natur wie in der Musik. Unsere Filtersysteme stehen für Präzision, die man nicht sieht – aber jeden Tag spürt. Für Wasser in seiner besten Form.

Sie ist nach dem heiligen Petrus benannt. Doch nicht nur ihre Dimensionen unterscheiden die Chiesa San Pietro in Stampa von ihrer Namensvetterin, der weltweit grössten Kirche im Vatikan. Das Bergeller Dorf liegt in einem jener Täler Graubündens, die sich 1533 der Reformation anschlossen. Erbaut als barocke Saalkirche, zeigt sich San Pietro heute als nüchterner Bau. Die Mauern sind schmucklos, einzig in der Apsis prangt ein Auferstehungsgemälde von Augusto Giacometti. Der weltbekannte Künstler wurde in Stampa geboren, dank dem Geist seiner vielfältig aktiven Familie ist der Ort bis heute nicht nur administratives Zentrum des Bergells, sondern auch ein kreativer Kraftort. Das Andenken an die Giacomettis wird im Centro Giacometti gepflegt, 2023 hat die polnische Pianistin Hania Rani ihr Stück «On Giacometti» im Atelier der Familie in Bild und Ton eingespielt, alle zwei Jahre bespielt die Biennale Bregaglia das ganze Tal mit moderner Kunst. Nicht zum ersten Mal wird nun die Kirche auf dem Waldhügel Motta zur

musikalischen Bühne. Mit Renaud Garcia-Fons präsentiert das Festival da Jazz einen Musiker, der diesen Raum auf aussergewöhnliche Art bespielen wird. Der 63-jährige Franzose katalanischer Herkunft ist Kontrabassist, was aufs erste Hinhören kaum erkennbar ist.

Selbst hochkarätige Musikerkollegen rieben sich lange die Ohren, wenn sie ihn spielen hörten. Aus Verlegenheit tippten sie auf Cello oder Viola, um sich gleich selbst zu tadeln. Denn kaum eine Viola erreicht solch entrückt hohe und messerscharf intonierte Töne, und kein Cellist vermag in derartige Tiefen abzusteigen.

Fünfsaitiger Bass

Garcia-Fons aber zaubert alles aus seinem Kontrabass, und dies mit einer Beschwingtheit und Präzision, die den Verdacht aufkommen lässt, dass er sich elektronischer Tricks bedient. Selten setzt er tatsächlich Loop-Effekte ein, doch in der Regel hat er einzig seinen Kontrabass zur Hand. Allerdings liess er ihn mit einer fünften, hohen Saite bespannen. Diesen Bass streicht, zupft und klopft er mit der

Passionierte Saitenwechsel in der Peterskirche

Ein Kontrabassist als Sonntagsprediger: Wenn Renaud Garcia-Fons die Kirche von Stampa bespielt, wird er seiner Hörgemeinde viel mit auf den Weg geben. Von Frank von Niederhäusern

attraktiven Eleganz eines fingerfertigen Gauklers.

Speziell ist nicht nur, wie Renaud Garcia-Fons spielt, sondern auch, was er spielt. Einen globalen Mix aus Jazz, Tanzmusik und Volksweisen. Dass Flamenco und Musette eine Hauptrolle spielen, liegt an Garcia-Fons’ Herkunft. Doch sein Interesse reicht bis in die Ägäis und den Maghreb, nach Indien und Argentinien. Entsprechend variantenreich war auch des Bassisten Laufbahn. Als Kind spielte er klassisches Klavier, als Teenager Gitarre in Rockbands, den Kontrabass nahm er sich erst mit 16 vor. Er studierte am Pariser Konservatorium und lernte bei seinem Lehrer, dem syrischen Bassisten François Rabbath, die arabische Musik kennen.

Diese Entdeckung wurde zur Erweckung und wies ihm den Weg zu seiner ureigenen Musik. Fortan suchte er nach Möglichkeiten, Klassik mit Jazz und Weltmusik zu kombinieren. In der Grossformation Orchestre de Contrebasses und beim so wichtigen wie beweglichen Orchestre National de Jazz traf er auf neue Freunde, die ihn auf seinem weite -

ren Weg begleiteten. Wichtig ist ihm bis heute sein Jugendfreund Jean-Louis Mattinier. Der begnadete Akkordeonist ist auf fast allen Alben von Renaud Garcia-Fons anzutreffen, und sehr oft waren die beiden auf Tournee. Des weiteren spielte Garcia-Fonds mit seinen Landsleuten Richard Galliano (Akkordeon), Gérard Marais (Gitarre) und Michel Godard (Tuba) sowie internationalen Grössen wie den Gitarristen Gerardo Nuñez aus Spanien und Nguyên Lê aus Vietnam, dem italienischen Klarinettisten Gianluigi Trovesi, dem türkischen Flötisten Kudsi Erguner oder dem umtriebigen Oud-Spieler und wichtigen Netzwerker Rabih Abou-Khalil aus dem Libanon.

Auch Film und

Ballett

Renaud Garcia-Fons ist als Gast auf unzähligen Alben zu hören, seine ebenso zahlreichen eigenen Platten hat er in unterschiedlichsten Konstellationen eingespielt. Im so intimen wie virtuosen Duo etwa mit dem Akkordeonisten Matinier auf «Fuera» von 1999, im opulent besetzten Kleinorchester mit 20 Ins-

Magic Sounds am Märchensee

trumentalisten auf dem programmatisch betitelten «Navigatore» von 2001, dessen Klanguniversum von Flamenco-Gitarre über Marimbafon und Cajon bis zum Dudelsack und zur Tabla reicht. Als Letztes hat der Bassist 2025 das Quartett-Album «Blue Maqam» veröffentlicht, auf dem erstmals seine Tochter, die Sängerin Solea Garcia-Fons, zu hören ist. Seit 2001 komponiert der unermüdliche Klangforscher auch für Film und Ballett. In Stampa ist Renaud Garcia-Fons solo zu hören, was in der kleinen Hallenkirche Sinn ergibt. Diese zu bespielen, dürfte eine akustische Herausforderung sein. Der Bassist wird sich darauf konzentrieren, seinen fünf Saiten Geschichten zu entlocken, die den Hallraum für ungeahnte Sphären öffnen. Die Postautoreise von St. Moritz ins 35 Kilometer südwestlich gelegene Stampa wird sich lohnen. Und wer sich nach der Matinée von Renaud Garcia-Fons ein lockeres kulturelles Auslaufen in Form weiterer Sinneseindrücke zumuten möchte, der besuche die Biennale Bregaglia. Chiesa San Pietro, Stampa, 12. Juli, 11 Uhr.

To Athena kehrt zurück ans Festival da Jazz. Am Lej da Staz präsentiert die Luzernerin ihr drittes Album «Have I Lost My Magic» –passend zum Sonnenaufgang. Von Frank von Niederhäusern

Wasser ist Leben: Dieser Gleichung kommt im Leben von To Athena eine besondere Bedeutung zu. Aufgewachsen an den Seen der Innerschweiz, verbrachte die erfolgreiche Singer-Songwriterin ihre Kindheit gerne am, im und unter Wasser. Bis heute greift sie im Sommer zu Taucherbrille und Schnorchel. Ihr Debütalbum von 2020 nannte sie folgerichtig «Aquatic Ballet». Am Lej da Staz wird sie ihr bereits drittes Album vorstellen, dessen Titel aber nicht minder zur Szenerie passt. «Have I Lost My Magic» spricht gleichsam ein Alleinstellungsmerkmal der 31-jährigen Luzernerin an: ihre Stimme, die sich durch einen Wohlklang auszeichnet, dessen Tiefe, Wärme und Präzision buchstäblich aufhorchen lassen. «Magic» eben ist diese Stimme, die in Ansätzen an To Athenas Landsfrau Heidi Happy erinnert. Und die Vorstellung, diese Stimme an einem Sommermorgen über

dem Stazerwald aufsteigen zu hören, ist vielversprechend.

To Athena war schon früher Gast des Oberengadiner Festivals und gastierte im Dracula Club, wo sie das Publikum begeisterte. Dieser akustisch wie räumlich begrenzte Rahmen dürfte ihrer Musik aber gleichwohl nicht ganz gerecht worden sein. Denn ihren wellengleich sich weitenden Gesang begleitet diese Ausnahmemusikerin mit Klangfarben, die sie gerne als «Cinematic Chamberpop» bezeichnet. Auf ihrer aktuellen Tournee zum neuen Album begleiten sie ein Streichtrio, eine Harfenistin, ein Pianist sowie ein Bassist und ein Drummer. Mal wuchtig, mal weich, zwischen kecker Vintage-Patina und sphärischen Future Sounds, erklingen Songs, in denen die erfolgreiche Musikerin eine erste Lebensbilanz zu ziehen scheint. Sie hinterfragt nicht nur selbstkritisch die «Magie» ihres frühen Erfolgs, sondern besingt auch Gefühle wie Verletzlichkeit oder Einsamkeit, dauert die Karriere der

31-Jährigen doch schon ihr halbes Leben. Als Teenagerin stand Tiffany Limacher nämlich, wie To Athena bürgerlich heisst, bereits für Musicals auf der Bühne. Parallel dazu begann sie mit dem Schreiben eigener Songs, mit 17 nahm sie an der TV-Show «Die grössten Schweizer Talente» teil. Seit ihrem Debütalbum von 2020 findet To Athena internationale Beachtung, was auch an ihrem Flair für Inszenierungen liegen mag. Vom Video zu «Aquatic Ballet» 2020 bis zum kürzlich für eine Greenpeace-Kampagne gedrehten Visual inmitten des MorteratschGletschers nimmt To Athena ihr Publikum auch optisch gefangen. Wie die Luzernerin ihr Konzert auf der Seebühne zwischen St. Moritz, Pontresina und Celerina gestalten wird, ist unbekannt. Lej da Staz und Stazerwald sowie die Gipfel von Muottas da Schlarigna und Piz Mezdi jedenfalls werden der Musik eine optimale Kulisse bieten.

Lej da Staz, 19. Juli, 08.08 Uhr.

Renaud Garcia-Fons zählt zu den grossen Kontrabassvirtuosen unserer Zeit.
Weltoffene Innerschweizerin: To Athena.

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James Gruntz

Lisa

Anna Känzig

Luigi Panettone

Riana

Trio Todo Tango

Bandella

Sam Singers u.v.m.

VIVANDA GENUINA

Nicht ohne «The Captain of Her Heart»

Der Schweizer Kurt Meier alias Kurt Maloo hat mit dem Duo Double 1985 einen Welthit gelandet. Nun eröffnet er das Festival da Jazz 2026. Von Katrin Engel

Kein Artikel über Kurt Maloo kommt ohne den Begriff One Hit Wonder aus. Der 1953 in Zürich als Sohn eines Bankdirektors geborene Sänger, Komponist und Musikproduzent nimmt es mit Humor. «Innerlich rolle ich zwar schon etwas mit den Augen», sagt er im Gespräch, «wenn mir wieder jemand sagt: ‹Ich habe deinen Song gehört!›. Es ist ja nicht so, als hätte ich nur diesen einen Song veröffentlicht. Aber ‹The Captain of her Heart› ist nun einmal der berühmteste.»

Im Jahr 1985 hat Kurt Maloo zusammen mit Felix Haug die Ballade um eine Frau, die nicht länger auf den «Kapitän ihres Herzens» warten will, geschrieben. Der Song fand auf der ersten LP ihrer Formation Double Platz und wurde ein Welthit. Wyclef Jean, Randy Crawford und andere haben ihn seither gecovert. «Zunächst mussten wir aber mit der Plattenfirma kämpfen, damit sie ihn überhaupt nahm», erinnert sich der Musiker. «Er folgt ja keinem gängigen Hitschema: Er beginnt verhalten, es dauert lange, bis der Refrain kommt, und dann folgt keine zweite Strophe, sondern ein langer Instrumentalteil, bis mit dem Moll-Dur-Wechsel und dem neuerlichen Refrain so richtig die Sonne aufgeht. Das Zwischenspiel war ursprünglich nur als Platzhalter gedacht, aber dann realisierte ich, dass mit der ersten Strophe eigentlich alles gesagt war.»

Der Schweizer Künstler, der nach einem längeren Aufenthalt in Paris seit über dreissig Jahren in Hamburg lebt, der Heimat seiner Frau, hat keinen Grund, sich für seinen Hit zu schämen: «Es ist ja wirklich kein ganz schlechter Song», sagt er mit dem ihm eigenen Understatement, «und er ist mit den Jahr-

zehnten gewachsen. Im Zeitalter des Streamens erreicht er auch ein junges Publikum, und dass er verlässlich für meine Miete aufkommt, finde ich ganz nett von ihm. Übrigens hat es mich amüsiert, dass die Plattenfirma damals alles tat, um unsere Schweizer Herkunft zu verschleiern. Die kam ihr zu provinziell, zu wenig weltläufig vor.»

Ein Leben als Musiker

Kurt Maloo hat – nach Anfängen als Konzeptkünstler, die ihn mit dem frühen Dieter «Yello» Meier verbinden – sein Leben als Musiker zugebracht, erst mit den Bands Troppo und Ping Pong, dann (von 1983 bis 1989) mit Double, seither als Solokünstler. Ein halbes Dutzend Soloalben hat er seit 1990 veröffentlicht. Er liebt das Komponieren und Texten, das Tüfteln im Tonstudio. Ein Bühnentier und geborener Live-Musiker ist er jedoch nicht. «Es hat mich nie gereizt, mein Leben im Tourbus zuzubringen», sagt er, «aber hin und wieder führe ich meine Songs doch gern vor Publikum auf. In Toronto habe ich das schon einmal gemacht, mit einer kanadischen Band. Meine grösste Fangemeinde habe ich ungeschickterweise in Brasilien.»

Zur verspäteten Feier des 40. Geburtstags von «The Captain of her Heart» kommt Kurt Maloo exklusiv in den Dracula Club. «Dimitri Monstein hat eine grossartige Band für mich zusammengestellt», erzählt er: «Wir treffen uns Ende Juni in Zürich für eine Probe, und dann geht es schon los. Es ist ein Abenteuer, aber ich weiss, dass alle Beteiligten erfahrene Musiker sind, auf die ich mich verlassen kann.» Tatsächlich: Ramon Ziegler am Klavier und den Keyboards, Jörg Sandmeier am Saxofon, Dave Blaser

an der Trompete, James Varghese am Bass und Dimitiri Monstein am Schlagzeug werden Kurt Maloo unterstützen, wenn er das diesjährige Festival da Jazz eröffnet. Er selbst hat sich für den Anlass eine neue Jazzgitarre gekauft, auf der er nun täglich übt. Sie spiele sich schon anders als seine alte Fender Stratocaster, meint er. Über die Setlist will er noch nicht zu viel verraten. Es werden Songs aus allen seinen Schaffensphasen vorkommen, natürlich einiges aus den Double-Jahren, aber auch Stücke aus den Soloalben sowie ganz neue Sachen. «Es könnte sogar sein», fügt Maloo schelmisch hinzu, «dass wir den ‹Captain› spielen.» Natürlich auch als Erinnerung an Felix Haug, der leider nicht dabei sein kann: Er ist schon 2004 mit 52 Jahren einem Herzinfarkt erlegen.

Fit und locker

In Hamburg fühlt Kurt Maloo sich ausgesprochen wohl. «Die Stadt unterscheidet sich gar nicht so sehr von Zürich», sagt er. «Die Leute sind eher zurückhaltend, vielleicht eine Spur arrogant, und sie haben einen trockenen Humor, was ich sehr angenehm finde. Für Berlin wäre ich zu alt. Ohnehin ziehe ich Städte vor, die am Wasser liegen.»

Mit seinen 73 Jahren lässt Kurt Maloo es gern locker angehen. Verbissenheit liegt ihm nicht. Aber er hält sich fit: Dreimal pro Woche geht er ins Gym. Ob er nach «The Captain of her Heart’s Log» (2013) nochmals ein Buch schreiben will, lässt er offen. «Ich geniesse es, nichts mehr zu müssen», sagt er, «und nur noch das zu tun, was mir Spass macht.»

Abenteuer des Alltags

Der Wahlzürcher Blues Max ist ein unwiderstehlicher Geschichtenerzähler. Im Dracula Club tritt der Sänger und Gitarrist mit einer hochkarätig besetzten Combo auf. Von Pauline Prêtre

Viele seiner Songs sind Kult. «Servila» zum Beispiel. Oder «Tequila». «Mäntigmorge im Himmel». Und der «Ego Blues» sowieso. Max Werner Widmer alias Blues Max bringt das Kunststück fertig, viel zu reden und doch lakonisch zu wirken. Mit Gusto pflegt er seine breite «Züri-Schnurre», eine tüchtige Portion Extrabetonung bekommen die nasalen Anteile dieses Dialekts. Dabei stammt der Mann gar nicht aus Zürich, sondern vom Bodensee – er ist gar kein Seldwyler! Vielleicht hat der 1951 geborene Sänger, Gitarrist und Kabarettist gerade deshalb so ein aufmerksames Auge und Ohr für das urbane, multikulturelle Zürich. Er kann witzig sein und wehmütig; immer aber ist er ein Alltagspoet mit Sinn für einprägsame, oft auch schräge Sprachbilder. Er nimmt seine Zeitgenossen aufs Korn, die Angepassten wie die Ausgeflippten, die Yuppies wie die Bünzlis, und erkennt die einen in den anderen. Sein liebevoll-

spöttischer Blick gilt jedoch auch dem eigenen Spiegelbild. Selbstironie ist eine seiner Stärken. Als aufmüpfiger, kritischer Geist, der sich auch als Vater dreier (inzwischen erwachsener) Kinder zu bewähren hatte, weiss er zudem etwas vom Generationenkonflikt, vom Jugendslang und von der Märklin-Eisenbahn zu erzählen. Er wirkt so authentisch, dass wir ganz vergessen, dass wir es mit einer Kunstfigur zu tun haben. Seit fast einem halben Jahrhundert ist Blues Max, der auch regelmässig fürs Radio und Fernsehen arbeitet und als Autor, Regisseur und Schauspieler fürs Theater tätig ist, mit seinen Soloprogrammen unterwegs. In ihnen verbindet er Songs, die er komponiert, also zusammensetzt, und zwar aus allem, was er so vorfindet, im Blues, im Folk, im American Songbook und anderswo, mit Geschichten aus seinem Alltag. Er ist ein Reimkünstler, ein Sänger mit träfer Phrasierung und zudem ein nicht zu unterschätzender Gitarrist, doch er hat es auch immer wieder ver-

standen, sich mit den Besten seines Fachs zu umgeben. Mit Max Lässer zum Beispiel oder – nun auch schon wieder seit 15 Jahren – mit Richard Koechlin. Manchmal klingt er nach J. J. Cale, manchmal nach Arlo Guthrie, vor allem aber klingt er nach Blues Max. Nach St. Moritz kommt er mit Richard Koechli an der Gitarre, Mike Hasler an Bass und Keyboards, Daniel Schneider an der Klarinette und Bassklarinette sowie Boris Schneider am Schlagzeug und an der Minimarimba. Man merkt den Musikern an, dass sie enorme Bühnenerfahrung mitbringen (Blues Max hat in seiner langen Karriere bereits über 2000 Konzerte bestritten), aber auch, dass ihre Spielfreude ungebrochen ist. Sie reagieren immer aus dem Moment aufeinander und aufs Publikum. Auf der engen Bühne des Dracula Clubs werden sie sich so richtig wohlfühlen.

Dracula Club, 18. Juli, 21 Uhr.

Dracula Club, 2. Juli, 21 Uhr.
Cooler ist keiner: Kurt Maloo eröffnet am 2. Juli das diesjährige Festival da Jazz.

Wir loben uns nicht in den höchsten Tönen, sondern fördern sie.

Gemeinsam mit dem Festival da Jazz für ein starkes Graubünden.

gkb.ch/engagement

SUMMER

2026

Martha Argerich | Daniel Barenboim | Cecilia Bartoli | Berliner Philharmoniker | Riccardo Chailly | Ray Chen | Seong-Jin Cho | Joyce DiDonato | Amanda Gorman | Augustin Hadelich | Hilary Hahn | Lucerne Festival Orchestra | Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) | Yo-Yo Ma | Klaus Mäkelä | Joana Mallwitz | MEUTE | Anne-Sophie Mutter | Yannick Nézet-Séguin | Víkingur Ólafsson | Yunchan Lim | Klaus Mäkelä |

The Met Orchestra | Kirill Petrenko | Pittsburgh Symphony Orchestra | Sir Simon Rattle | Royal Concertgebouw Orchestra | Hayato Sumino | Yuja Wang | West-Eastern Divan Orchestra | Jörg Widmann | Wiener Philharmoniker ... und viele andere

Infos & Tickets

lucernefestival.ch

Mit voller Kraft voraus

Der Bassist Richard Bona und der Schlagzeuger

Dave Weckl bringen den Dracula Club mit einer Fusion-Supergruppe zum Beben. Von Lilo Bischof

An diesem Abend kann eigentlich nichts schiefgehen. In der Richard Bona David Weckl Fusion Experience finden vier Persönlichkeiten zusammen, die immense Erfahrung mitbringen, aber mit ebenso grosser Neugier und Frische agieren. Das vom versatilen Gitarristen Ciro Manna initiierte Projekt vereint verschiedene Kultur- und Musiktraditionen: Ciro Manna selbst ist Italiener, der Keyboarder Michael Lecoq Franzose. Richard Bona stammt aus Kamerun. Über Deutschland kam er als junger Mann nach Frankreich, wo er mit Grössen wie Manu Dibango, Salif Keita und Didier Lockwood musizierte, bevor er sich 1995 in New York niederliess. Der Schlagzeuger Dave Weckl schliesslich wurde in St. Louis, Missouri, geboren, kam aber schon anderthalb Jahrzehnte vor Bona in den Big Apple, von wo aus er seither mit seiner Dave Weckl Band und in anderen Formationen das Publikum begeistert. Bona und Weckl ergänzen sich in idealer Weise: Während Bona mit sei-

nem pulsierenden Sound und seiner Energie zu den temperamentvollsten Bassisten der Fusion-Szene gehört, überzeugt Weckl vor allem durch seine makellose Technik. Dass es ihm dabei nicht am «feu sacré fehlt, versteht sich beim Co-Leader dieser Power-Band von selbst, auch wenn er mit seinen 66 Jahren der Senior des Quartetts ist: Sein Mitstreiter Richard Bona ist gut sieben Jahre jünger als er, Ciro Manna (*1981) könnte sein Sohn sein.

Gitarre mit Bremsseilen

Obwohl die vier Mitglieder der Fusion Experience auf Augenhöhe agieren, dürften die meisten Musikfreaks Richard Bona am besten kennen. In der FusionSzene ist der Bassist ein Star. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen in der kamerunischen Kleinstadt Minta auf und kam über das Balafon, ein urtümliches, vor allem in Westafrika verbreitetes Xylofon, zur Musik. In seiner musikalischen Grossfamilie galt er als ungebärdiges, schwieriges Kind, bis sein Grossvater die im Enkel schlummernden Mög-

lichkeiten erkannte und seine Energien auf das Balafon lenkte. Bald trat der Knirps mit seiner Mutter und seinen vier Schwestern in der örtlichen Kirche auf, an Taufen, Hochzeiten und anderen Familienfesten wurde er als Wunderkind präsentiert. Seine erste Gitarre soll er sich als Elfjähriger aus Holz und Fahrradbremsseilen gebastelt haben. Mit dreizehn stellte er bereits eine eigene Band zusammen, mit der er in einem französischen Jazzclub in Douala auftrat. Der Besitzer freundete sich mit ihm an und lieh ihm Platten von Jaco Pastorius, die ihn so begeisterten, dass er zum elektrischen Bass wechselte.

Den internationalen Durchbruch markierten seine frühen Jahre in Frankreich. Zum Star wurde er jedoch in New York. Auf ihn trifft die Songzeile «If you can make it there, you make it everywhere» zweifellos zu. Er arbeitete mit Larry Coryell, den Brecker Brothers, Mike Stern, Steve Gadd, George Bension, Chaka Khan, Chick Corea und Pat Metheny zusammen. 1998 war er der «Musical Director» auf Harry Belafontes Europa-Tournee, im

Jahr darauf kam sein Soloalbum als Leader heraus: «Scenes From My Life» hiess es sinnigerweise. Das Jahr 2002 markierte eine weitere Wende in Richard Bonas Leben: Er ging mit der Pat Metheny Group auf Welttournee, und veröffentlichte sein Album «Speaking of Now», auf dem er als Bassist, Gitarrist, Sänger und Perkussionist zu hören war – zusammen mit jüngeren Musikern. 2008 trat er mit Bobby McFerrin am North Sea Jazz Festival auf, 2016 kam er mit einer eigenen Band ans Montreux Jazz Festival.

Aufgeweckter Weckl

Neben seiner Tätigkeit als ausübender Musiker lehrt er inzwischen auch an der New York University – natürlich Bassgitarre. Von 2015 bis 2020 führte er zudem mit dem Gastronomen Laurent d’Antonio den Jazzclub Bonafide in New York. Auch David Weckl, der «Master of Sticks and Skins», verfügt über eine enorme Erfahrung als Begleiter von Weltstars. 1983 unterstützte er Simon & Garfunkel auf ihrer Tournee durch die

USA und Europa, im Studio machte er Aufnahmen mit Robert Plant und George Benson. Weltweit bekannt wurde er mit der Elektrik-Band von Chick Corea, der er ab 1986 sieben Jahre lang angehörte. Corea revanchierte sich, indem er Weckl bei seinen seit 1990 erscheinenden Soloplatten unterstützte. Nach der Trennung von Corea spielte Weckl von 1995 bis 1997 mit dem Gitarristen Mike Stern zusammen und gehörte unter anderem zu den GRP All Stars. Hier schliesst sich ein weiterer Kreis: Ciro Manna, der das Spiel auf der akustischen und auf der elektrischen Gitarre gleichermassen beherrscht, war seinerseits ein Schüler von Mike Stern. Inzwischen zählt er zu den bekanntesten Jazzmusikern Italiens. Mit Michael Lecoq, der tief im Jazz verwurzelt ist, aber auch schon in zahlreichen Crossover-Projekten mitgewirkt hat, wird er sich bestens verstehen. Fazit: An diesem Abend kann wirklich gar nichts schiefgehen.

Frischer Wind auf alten Fusion-Spuren

Anschnallen bitte, hier geht die Post ab: Das texanische Musiker-Kollektiv Snarky Puppy vereint fingerschnippende Coolness mit furiosem Jazz-Rock. Von Frank Heer

Wer sich in den siebziger Jahren für Fusion respektive Jazz-Rock begeisterte, also Bands wie Weather Report, The Crusaders, Return To Forever oder die Pat Metheny Group, dürfte sich die Ohren reiben, wie dieses vermeintlich aus der Mode gekommene Genre seit ein paar Jahren wieder die Live-Bühnen erobert. Und das nicht mit alten Bekannten wie Herbie Hancock oder John McLaughlin, sondern mit jungen Musikerinnen und Musikern, die den Sound jener Zeit für sich entdecken. Das texanische Kollektiv Snarky Puppy um den Bassisten und Bandleader Michael League gehört zu jener neuen Generation von Jazzmusikern, die auf den alten Fusion-Spuren wandeln, und zwar atemberaubend gut. Das Genre war schon immer eine Stilrichtung, in der Innovationslust und Virtuosität zusammenspielten, gepaart mit Groove, Kraft und Gefühl. Damit versuchten die Fusion-Pioniere, eine Antwort auf die Rock- und Popmusik zu finden. Funkte es nicht zwischen technischer Präzision

und Herz, klang das oft verkopft und kühl. Den Mitgliedern von Snarky Puppy gelingt der Brückenschlag dagegen mühelos: Sie sind nicht nur hervorragende Instrumentalisten und gut informierte Jazz-Archäologen, sie spielen diese Musik auch mit der grösstmöglichen Leidenschaft und Offenheit.

Die Band wurde 2004 als loser Zusammenschluss von Musikstudenten und Freunden aus dem Umfeld der University of North Texas in Denton gegründet. Manchmal spielt sie im schlanken Sextett, dann wieder als Big Band mit Bläsersektion, mehreren Keyboards, Streichern, Schlagzeug und Percussion, E-Gitarren, Bass und Electronics. Seit zwanzig Jahren ist dieses Kollektiv in der einen oder anderen Form fast pausenlos auf Tournee. Viele Mitglieder studierten Jazz, fühlten sich aber einer Musik verpflichtet, die nicht akademisch klingt. So entstand die Idee, komplexe Arrangements und Improvisation mit tanzbaren Grooves und süffigen Melodien zu verbinden. Die Stilpalette von Snarky Puppy reicht weit über das klassische Fusiongenre hinaus; Neo-Soul, Latin,

Afro, Rock, Funk oder Filmmusikelemente fliessen ein und suchen sich neue Verbindungen. Weit über ein Dutzend Alben hat die Band bis heute aufgenommen, oft im Beisein eines Publikums: Alle tragen Kopfhörer, die Band sitzt im Kreis, die Sessions werden live eingespielt. So entstehen Aufnahmen von atmosphärischer Dichte und Intimität. Zuletzt erschien das Album «Somni». Der Klangkörper ist von fingerschnippender Coolness, ohne dass Feinschliff und Perfektionismus die Wärme des Sounds zerstören. Klassische Big-Band-Harmonien und Jazz-FunkLicks vermischen sich mit knirschenden Bassläufen über Weather-Report- und Bitches-Brews-Grooves. In den besten Momenten reisst einen der Sound aus dem Jazzclub hinaus und hinein in eine James-Bond-würdige Verfolgungsjagd. Dann fräsen die elektrischen Gitarren, wabert das Keyboard, funkt der Bass, und die Rhythmus-Sektion rast mit Vollgas über die Klippen. Absolut mitreissend!

Reine Victoria, 6. Juli, 21 Uhr.

Dracula Club, 4. Juli, 21 Uhr.
Turbo-Kollektiv aus Texas: Snarky Puppy.
Wenn sie sich ins Zeug legen, fliegen die Funken: Dave Weckl (links) und Richard Bona.

Das Festival da Jazz wurde stets von starken Frauen mitgeprägt. Besonders die letzten sechs Jahrgänge haben das eindrücklich gezeigt. Von Othella Dallas, der unvergessenen Grand Old Lady des Jazz und Blues, über Jane Birkin, Gianna Nannini und Rhoda Scott bis zu China Moses, Lizz Wright und Norah Jones reicht der Reigen, von Angélique Kidjo und Joss Stone über Cyrille Aimée und Melody Gardot bis zu Cæcilie Norby. Letztere trat mit ihrem Sextett Sisters in Jazz auf, zu dem die phantastische Altsaxofonistin Nicole Johänntgen gehört. Dass diese sich mit 13 Jahren spontan entschloss, Jazzmusikerin zu werden, hatte nach ihrem eigenen Bekunden mit einem weiblichen Role-Model zu tun, nämlich mit einem fulminanten Auftritt der niederländischen Funk- und Jazzmusikerin

Candy Dulfer am Fernsehen. «Bis dahin kannte ich sonst gar keine Frauen im Jazz», sagt Johänntgen, «und von dem Moment an wusste ich: So etwas will ich auch machen.»

Candy Dulfer

Genau diese Candy Dulfer kommt dieses Jahr wieder ins Engadin, genauer gesagt, an den Lej da Staz, wo sie am 19. Juli bei Sonnenuntergang ein Gratiskonzert gibt. Unterstützt wird sie dabei von ihrer achtköpfigen Tourband mit zwei Bläsern und zwei Backgroundsängern. Ihr Auftritt verspricht eines der Highlights dieses Sommers zu werden, denn die 1969 in Amsterdam geborene Künstlerin ist ein Energiebündel – und ein Star ohne Allüren. Als Tochter des bekannten Saxofonisten Hans Dulfer (*1940) stand sie zu Beginn ihrer Karriere noch in seinem Schatten (ihre erste Platte nahm sie als Elfjährige gemeinsam mit ihm auf), doch die Verhältnisse haben sich längst umgekehrt. Schon ihre erste Band, die sie als Teenager gründete, hiess Funky Stuff. Bei diesem Rezept ist sie geblieben. Sie hat einen kräftigen, erdigen, an Grössen wie David Sanborn orientierten Ton. Ihre Musik ist sinnlich, farbig, direkt; das Album, mit dem sie 1990 den Durchbruch schaffte, hiess nicht zufällig «Saxuality». Zahlreiche weitere Alben hat sie seither herausgebracht; zwei, die beide 2022 erschienen sind, fassen schon im Titel ihre Lebensphilosophie zusammen: «No Time For Negative Shit» und «We Never Stop» heissen sie. Neben ihren Soloaufnahmen ist Candy Dulfer eine gefragte Begleitmusikerin. Legendär ist ihre Zusammenarbeit mit Prince und Van Morrison, zwei launischen Genies. Auch mit Blondie, Marcus Miller, Alan Parsons und Maceo Parker stand sie auf der Bühne und im Studio. Mit ihrem Charisma, ihrer Energie und ihrer melodischen Erfindungskraft wird sie das Freilichtkonzert am Lej da Staz zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.

Camille O’Sullivan

Vor einem Jahr verzauberte Camille O’Sullivan das Publikum mit grandiosen Auftritten im Kronenhofkeller und an einer «Hidden Session» in der Roth Bar. Deshalb darf die charmante Sängerin jetzt auf der Hauptbühne im Dracula Club auftreten. Was uns dort erwartet, beschreibt sie selbst als «Liebesbrief in Liedern», als «Abend voller Balladen und Rock’ n’ Roll, voller Freude, Dunkelheit, Lachen, Traurigkeit und Wahnsinn.» Zum Repertoire der irisch-französischen Sängerin, die in Cork aufwuchs, gehören Chansons von Edith Piaf und Jacques

Brel, aber auch Songs von Nick Cave, Tom Waits, David Bowie – dargebracht mit ihrem langjährigen Bühnenpartner Feargal Murray am Klavier und einer erstklassigen Band, zu der Steve Fraser an der Gitarre, Charlotte Glasson am Saxofon, an der Flöte und Geige sowie Mick Cronin am Bass gehören.

Francesca Tandoi

Vier Tage nach Camille O’Sullivan gehört die Dracula-Bühne der italienischen Pianistin und Sängerin Francesca Tandoi. Die gebürtige Römerin, die sich auch als Komponistin und Arrangeurin für grössere Ensembles einen Namen gemacht hat, reist mit dem Bassisten Stefano Senni und dem Schlagzeuger Pasquale Fiore an. Sie ist im klassischen Swing und Modern Jazz zu Hause. In ihren Anfängen war sie stark von Oscar Peterson beeinflusst; wie dieser liebt sie das Trioformat besonders. Davon zeugen sieben Alben, die sie seit 2014 unter ihrem Namen herausgebracht hat, aber auch zahllose Auftritte. Dado Moroni, Scott Hamilton, Darius Brubeck und Stefano Bollani zählen zu ihren bekanntesten musikalischen Partnern.

Samara Joy

Nur einen Tag nach Francesca Tandoi tritt die US-amerikanische Sängerin Samara Joy im Dracula Club auf, wo sie schon einmal ein triumphales Konzert gab. Sie hat bereits drei Grammys für das «Best Jazz Vocal Album» gewonnen: 2023 für «Linger Awhile», 2025 für «A Joyful Holiday» und 2026 für «Portrait»; dabei ist sie gerade einmal 26 Jahre alt! Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme erinnert sie an Vorbilder wie Sarah Vaughan, Ella Fitzgerald und Carmen McRae. Aufgewachsen ist sie allerdings vor allem mit Gospelmusik. Sowohl ihre Grosseltern als auch ihr Vater sangen in Chören. Als Erweckungserlebnis bezeichnet sie den Moment, als sie während ihrer Highschool-Zeit zum ersten Mal den Song «Lover Man» hörte – und zwar nicht in der ikonischen Interpretation von Billie Holiday, sondern in derjenigen von Sarah Vaughan. Seither ist sie konsequent ihren Weg gegangen, und sie legt Interpretationen von einer Reife vor, die verblüffen: Sie zeugen von Talent und Selbstbewusstsein, aber auch von Ernsthaftigkeit und Hingabe.

Kinga Glyk

Festival-da-Jazz-Aficionados können sich noch lebhaft an den 23. Juli 2017 erinnern: Damals trat die polnische Bassistin Kinga Glyk erstmals im Dracula Club auf, und die 20-jährige Newcomerin eroberte das Publikum im Sturm. Im kollektiven Gedächtnis verankert ist auch der Videoclip, auf dem sie Eric Claptons von Trauer erfüllten Song «Tears in Heaven» in ein raffiniertes Solo auf dem Fender-Bass verwandelt: Er wurde millionenfach angeklickt. Neun Jahre später hat Kinga Glyk nichts von ihrem jugendlichen Feuer verloren, aber durch Hunderte von Auftritten und zahlreiche Plattenaufnahmen viel an Erfahrung gewonnen. In gewisser Weise ist sie die weibliche polnische Antwort auf Jaco Pastorius (1951–1987), den stilbildenden, leider viel zu früh verstorbenen amerikanischen E-Bassisten, der mit der Gruppe Weather Report Geschichte schrieb. Wesentlich gefördert wurde sie von ihrem Vater, dem Jazzschlagzeuger und Vibrafonisten Irek Glyk. Er holte sie in sein Trio, in dem auch ihr Bruder Patrick mitwirkte, als sie zwölf

Gipfeltreffen der

sind nur drei von etlichen grossen

Jahre alt war. Die professionellen Auftritte halfen ihr nicht nur, sich technisch weiterzuentwickeln; sie lernte auch früh, mit der Anspannung und dem Lampenfieber umzugehen, und sie erfuhr, dass Musizieren zu einem grossen Teil im Zuhören und im Interagieren besteht. Bisher hat sie der Versuchung widerstanden, ihre Virtuosität dem Publikum zuliebe zu sehr herauszustellen, statt an die Innigkeit der Musik zu denken. Ihr pulsierendes Bassspiel ist technisch makellos, aber auch sehr sinnlich. Und immer erzählt ihre Musik Geschichten. Dieses Jahr tritt sie im Dracula Club mit Lucas Saint-Cricq am Saxofon, Arek Grygo an den Keyboards und Nicolas Viccaro am Schlagzeug auf. Die Besetzung lässt vermuten, dass es ziemlich funkig zugehen wird.

Diana Krall

Zu den grössten Attraktionen der diesjährigen Festival-da-Jazz-Ausgabe zählt zweifellos die Pianistin und Sängerin Diana Krall. Sie ist ein Weltstar, doch die reiferen Jahrgänge der Zürcher Jazzfans erinnern sich noch an ihre Anfänge: Wer 1988 zufällig in die Bar des Zürcher Hotels Central Plaza stolperte, konnte sich bei einem Martini und einer Zigarette von einer talentierten Barpianistin und Sängerin namens Diana Krall unterhalten lassen. Hintergrundmusik machte die 1964 geborene Kanadierin aber nicht lange: Seit ihrem 1993 erschienenen

Debütalbum «Stepping Out» hat sie Erfolg an Erfolg gereiht. Acht ihrer Alben landeten in der ersten Verkaufswoche auf Platz eins der Billboard Jazz Album Charts, mehrfach wurde sie mit Grammys ausgezeichnet, und sie erreicht Verkaufszahlen, welche selbst kommerziellere Pop Acts erblassen lassen. Vor zehn Jahren war die Künstlerin schon einmal in St. Moritz zu Gast; diesmal tritt sie mit Dennis Crouch am Bass und Jay Bel-

lerose am Schlagzeug im Embassy Ballroom von «Badrutt’s Palace» auf. Diana Kralls Geheimnis besteht darin, dass sie mit ihrer samtenen Stimme und ihrem perlenden, swingenden Klavierspiel die verschiedensten Vorlagen ihrem Stil anverwandelt. Songs aus den 1920er und 1930er Jahren, die sie von der Schellack-Plattensammlung ihres Vaters kennt, macht sie sich ebenso zu eigen wie Klassiker des Modern Jazz oder Songs von Elton John und den Beatles, Joni Mitchell und Neil Young. Auch die Stücke, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem britischen Rockmusiker

Elvis Costello, geschrieben hat, interpretiert sie auf überzeugende Weise. Sie hat mit Ray Charles und Tony Bennett zusammengearbeitet, ein Album von Barbra Streisand produziert und ist in Kinofilmen aufgetreten, so in «Anything Else» von Woody Allen, den sie aufs Höchste bewundert. Die Musikerin verbindet technisches Können mit Anmut, Stilgefühl und dem Ehrgeiz, in der Liga von Vorbildern wie dem Pianisten Oscar Peterson und der Sängerin Ernestine Anderson zu spielen. Doch über eines soll man sich nicht täuschen: Was bei Diana Krall so leicht, kühl und elegant wirkt, ist

Ihren internationalen Durchbruch schaffte sie mit dem Album «Saxuality»: Candy Dulfer.
Die polnische Bassvirtuosin Kinga Glyk hat die Musikwelt im Sturm erobert.
PETER HÖNNEMANN

der Jazz-Ladies

grossen Namen, die dieses Jahr am Festival da Jazz auftreten. Von Wendy Kantor

das Resultat harter, disziplinierter Arbeit. Und was der Begriff «Multitasking» bedeutet, muss man der Mutter von 2006 geborenen Zwillingen ohnehin nicht erklären.

Vor drei Jahren gastierte Dee Dee Bridgewater letztmals am Festival da Jazz. Es war ein denkwürdiger Abend, allerdings einer, an dem es nicht allein um die 1950 in Memphis, Tennessee geborene Sängerin ging, sondern auch um das National Youth Orchestra mit seinen zahlreichen

Talenten. Nun liegt der Fokus wieder ganz auf ihr: Die mehrfache GrammyGewinnerin tritt am 16. Juli im Dracula Club in kleiner Besetzung auf. Mit ihrer gewaltigen Stimme füllt die kahle Sängerin, zu deren Markenzeichen (wie beim späten Miles Davis) extravagante Sonnenbrillen gehören, jeden Raum. Sie hat Charisma und Humor. Ob sie Protestsongs der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung oder Standards aus dem Great American Songbook intoniert –stets fallen ihr träfe Kommentare dazu ein, und sie findet immer sofort den Kontakt zum Publikum.

Im Jazz ist sie ebenso zu Hause wie im Soul und Blues; sie fürchtet sich aber auch nicht vor Mischformen, die R&B, Pop und Hip Hop einschliessen. Da sie schon als Teenager Konzerte gab, verfügt sie über eine 60-jährige Bühnenerfahrung. Zudem ist sie auf mehreren Kontinenten zu Hause: 15 Jahre lang hat sie in Paris gelebt. 2007 wandte sie sich mit dem grandiosen Album «Red Earth» ihren afroamerikanischen Wurzeln und namentlich der Musik von Mali zu. Eine dezente Erscheinung ist Dee Dee Bridgewater nie gewesen. Sie liebt den grossen, auch den schrillen Auftritt

selbst in kleinen Klubs. Ständig scheint sie unter Strom zu stehen. Eins aber ist gewiss: Einen lauen, uninspirierten Auftritt von ihr wird man nie erleben.

Eliane Elias

Die brasilianische Pianistin und Sängerin Eliane Elias verbindet die Eleganz eines Bill Evans mit der Glut des Latin Jazz. Manchmal wird sie mit Diana Krall verglichen, und tatsächlich hat die brasilianische Sängerin, Pianistin und Komponistin einiges mit ihrer kanadischen Kollegin gemeinsam: Beide sind charismatische Musikerpersönlichkeiten, die nicht nur Hardcore-Jazzfans ansprechen, sondern mit ihrer stilistischen Offenheit Grenzen überwinden. Beide kombinieren ihr virtuoses Klavierspiel mit subtilem Gesang. Und was für Diana Krall Elvis Costello ist, das ist für Eliane Elias Marc Johnson: Der US-amerikanische Bassist ist seit 1999 ihr Ehemann, festes Mitglied ihrer Band und Koproduzent ihrer Platten. Zuvor war sie mit dem Trompeter Randy Brecker verheiratet; das Album «Amanda» ist der 1984 geborenen gemeinsamen Tochter gewidmet, die sich mittlerweile als Singer-Songwriterin einen Namen gemacht hat. Geboren wurde Eliane Elias 1960 in São Paolo. Mit sechs Jahren begann sie, Klavier zu spielen. Nach dem Besuch des Centro Livre de Aprendizagem Musicalin São Paulo leitete sie dort als 15-Jährige schon die Klavierklasse. Sie begann, eigene Stücke zu schreiben, trat in Jazzclubs auf und trieb gleichzeitig ihr klassisches Studium voran. Als 21-Jährige ging sie mit zwei Landsleuten, dem Gitarristen Toquinho und dem Sänger und Poeten Vinicius de Moraes, auf Tournee. In Paris bestärkte der Bassist Eddie Gomez sie, ihr Glück in New York zu versuchen. Sie folgte seinem Rat, bildete sich an der Juilliard School of Music weiter und schaffte es, als Pianistin in die Band Steps Ahead aufgenommen zu werden, in der Michael Brecker, Peter Erskine, Mike Mainieri und Eddie Gomez mittaten.

1986 begann ihre Zeit als Leaderin verschiedener erfolgreicher Gruppen. Starkes Echo fand 1994 ihr mit Herbie Hancock eingespieltes Blue-Note-Album «Solos and Duets».

Im gleichen Jahr wirkte sie auf dem Album «Double Rainbow: The Music of Antonio Carlos Jobim» des Saxofongiganten Joe Henderson mit. Ein eigenes Jobim-Album hatte sie bereits 1989 vorgelegt; es markiert ihr erstes Auftreten als Sängerin. Seither ist sie immer wieder als originelle Interpretin von Standards in Erscheinung getreten. 2016 wurde ihr Album «Made in Brazil» mit dem Grammy für das beste Latin-Jazz-Album ausgezeichnet. Sie hat Trioalben eingespielt, aber auch mit Grossformationen wie der Danish Radio Big Band unter der Leitung des Posaunisten Bob Brookmeyer und mit Sinfonieorchestern zusammengearbeitet. Wer sich ein bisschen umschaut, entdeckt Aufnahmen, auf denen Eliane Elias etwa «Oye Como Va», den Santana-Hit aus der Feder von Tito Puente, «Jammin’» von Bob Marley oder sogar «Light My Fire» von den Doors singt. Eins haben diese Aufnahmen gemeinsam: Die Pianistin und Sängerin gibt sich immer ganz. Mit den acht hier vorgestellten Musikerinnen ist die Liste der «Women in Jazz» am Festival keineswegs vollständig. Allein bei den Gratiskonzerten auf der Hauser Terrasse treten zum Beispiel die Sängerinnen Rea Hunziker, Noemi Beza und Alizé Oswald auf. Auch sie verdienen unsere volle Aufmerksamkeit.

Camille

Francesca

Samara

Kinga

Diana

Dee Dee

Candy Dulfer: Lej da Staz, 19. Juli, 19:07 Uhr.

Eliane Elias: Dracula Club, 23. Juli, 21 Uhr

Grenzgängerin

Manchmal schrill, immer spannend: Dee Dee Bridgewater.
In jungen Jahren Barpianistin in Zürich, heute ein Weltstar: Diana Krall.
zwischen Song und Chanson: Camille O’Sullivan.
Die Brasilianerin Eliane Elias ist im klassischen Fach wie im Jazz zu Hause.
Francesca Tandoi zählt zu den grossen Hoffnungen im italienischen Jazz.
Dreifache Grammy-Gewinnerin mit gerade einmal 26 Jahren: Samara Joy.
O’Sullivan: Dracula Club, 3. Juli, 21 Uhr.
Tandoi: Dracula Club, 7. Juli, 21 Uhr
Joy: Dracula Club, 8. Juli, 21 Uhr
Glyk: Dracula Club, 9. Juli, 21 Uhr
Krall: Embassy Ballroom at Badrutt’s Palace, 12. Juli, 21 Uhr
Bridgewater: Dracula Club, 16. Juli, 21 Uhr.

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Palim Palim

Der Schauspieler, Kabarettist und Sänger Didi Hallervorden zählte jahrzehntelang zu den populärsten Komikern Deutschlands. Dann wurde er zum Theaterleiter und Charakterdarsteller. Unlängst ist er neunzig geworden.

Zum Aufhören besteht keinerlei Anlass. Von Manfred Papst

Dieser Mann ist ein Phänomen. Seit siebzig Jahren steht er auf der Bühne und vor den Fernsehkameras, und wenn er auftritt, weiss man: Jetzt gibt es gleich etwas zu lachen. Ein halbes Leben war Dieter Jürgen «Didi» Hallervorden ein Garant für robusten, mehrheitsfähigen Klamauk. Auch das muss man können. Doch immer wieder wurde spürbar, dass noch mehr in ihm steckt.

Geboren wurde er 1935 in Dessau (Sachsen-Anhalt) als Sohn einer Arzthelferin und eines Flugzeugkonstrukteurs. Nach dem Krieg begann er ein Romanistikstudium und begegnete dem Literaturwissenschaftler Victor Klemperer, der ihn nachhaltig beeindruckte. 1958 floh er aus der DDR, genauer gesagt, von Ost- nach Westberlin, wo er sein Studium fortsetzte und Schauspielunterricht nahm. Seinen Plan, zusammen mit einem Burschenschaftsbruder Walter Ulbricht zu ermorden, setzte er nicht in die Tat um.

Volksgut «Didi» 1960 gründete er die Kabarettbühne «Die Wühlmäuse», die bis heute besteht, arbeitete als Synchronsprecher und widmete sich der politischen Satire. Bald folgten kleine Rollen in Filmen und Fernsehsendungen. Der Durchbruch gelang ihm 1975 mit der Slapstick-Reihe «Nonstop Nonsense» im Süddeutschen Rundfunk. Sketche wie «Palim Palim», «Die technische Überprüfung» oder «Die Kuh Elsa» mit der tollpatschig-pfiffigen Figur Didi wurden rasch zum Volksgut. In den 1980er Jahren wuchs Hallervor-

dens Popularität noch weiter: Kinofilme wie «Didi – Der Doppelgänger» in denen er als Drehbuchautor und Schauspieler wirkte, wurden zu Kassenschlagern.

Dass er seine Anfänge im politischen Kabarett nicht vergessen hatte, bewies er in den 1990er Jahren mit den Sendefolgen der «Spottschau» auf Sat. 1 und «Hallervordens Spott-Light» auf ARD. In verschiedenen Serien trat er als Schauspieler auf, in anderen wirkte er als Produzent.

In den 2010er Jahren vollzieht er nochmals eine überraschende Wendung: Er übernimmt nun in Kino- und Fernsehfilmen zunehmend ernsthafte Rollen. Mit Vorliebe verkörpert er verbitterte und skurrile, brummige oder demente alte Männer. Die Filme «Sein letztes Rennen» und «Honig im Kopf» sind Beispiele für diese Schaffensphase; im später zur sechsteiligen Fernsehserie ausgebauten Film «Mein Freund, das Ekel» spielt Hallervorden einen grantigen Rentner mit harter Schale und weichem Kern. Daneben bringt er sich immer wieder in gesellschaftliche Debatten ein, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: Er wettert gegen das Gendern und engagiert sich für Flüchtlingshilfe, gegen Rechtsextremismus sowie für eine Zweistaatenlösung im Gaza-Konflikt.

Seit 2009 leitet Didi Hallervorden das Schlosspark-Theater in Berlin-Steglitz, das er von der Stadt in einem langjährigen Mietvertrag übernommen und mit eigenem Geld renoviert hat. Zum Programm gehören Gastspiele ebenso wie Eigenproduktionen, in denen er auch als Schauspieler auftritt. Eine Paraderolle für ihn ist die Titelfigur in

Neunzig und schon ziemlich weise: Didi Hallervorden.

Konzerttipps

The Big Five Zeitreise in die Swing-Ära

Aus gutem Grund gelten The Big Five als die angesagteste Swing-Combo Berlins. Mit ihren feurigen Bläsern und ihrer pulsierenden Rhythmusgruppe erweckt die internationale Truppe den Jazz der 1930er und 1940er Jahre zu neuem Leben. Dabei setzt sie auf Smashing Hits von damals wie auf Raritäten. Ihre Musik wirkt nicht nostalgisch angestaubt, sondern quicklebendig und spontan. Stillsitzen geht da gar nicht.

Schon mit seinem Debütalbum landete er den grossen Coup: Vor 20 Jahren eroberte der sizilianische Entertainer Mario Biondi mit seiner warmen, tiefen Stimme und dem Song «This Is What You Are» die Charts. Sein eingängiger Soul-Jazz führte zu Kooperationen mit Burt Bacharach, Chaka Khan und Earth, Wind & Fire. Zum Jubiläum seines grössten Hits geht der Crooner mit seinem Sextett erneut auf Tournee.

Dracula Club, 14. Juli, 21 Uhr.

Molières Komödie «Der eingebildete Kranke», die er als 22-Jähriger erstmals verkörperte.

Witz und Weisheit

Gesungen hat Didi Hallervorden sein Leben lang. Ihm verdanken wir Schlager wie «Ich bin der schönste Mann in unserer Mietskaserne» (1976); unvergessen sind auch seine Parodien auf Welthits wie «You’re the One that I Want» aus dem Musical «Grease» («Du, die Wanne ist voll», mit Helga Feddersen). 2021 erschien sein Album «80 plus», das er bei seinem Auftritt am Festival da Jazz gewiss ausgiebig zitieren wird. Begleitet wird er dabei von Harry Ermer am Klavier, der auch sein Musical Director ist und für den swingenden Sound sorgt, Thomas SchmidtOtt am Cello, Christiane Zander an der Ukulele, Sebastian Vogel am Bass und Philipp Schmitt am Schlagzeug. Oft setzt er dabei auf das Erfolgsrezept, Evergreens mit aktuellen Texten zu versehen. In seinem 91. Lebensjahr blickt Didi Hallervorden auf ein Leben voller Glücksfälle, Brüche und Geschichten zurück. Mit Weisheit, Witz und Widerborstigkeit lässt er sie Revue passieren. Allen, die in guter Verfassung auf die hundert zugehen wollen, empfiehlt er täglich eine Stunde Frühsport sowie eine harmonische Ehe. Da spricht er aus Erfahrung, denn er ist inzwischen bei der dritten angelangt. Älter werden, sagt er, sei die einzige Möglichkeit, länger zu leben. Wer wollte ihm da widersprechen!

Dracula Club, 11. Juli, 21 Uhr.

Das 1987 gegründete Vokalensemble New York Voices ist schon für sich genommen ein Erlebnis. Vierstimmige Gesangsparts und spektakuläre Arrangements sind das Markenzeichen der zur Starformation gewordenen ehemaligen CollegeTruppe. Doppelt freuen darf man sich, wenn sie auf die swingende Big Band des Schweizer Altmeisters Pepe Lienhard trifft, die schon für Udo Jürgens der Goldstandard war.

Reine Victoria, 22. Juli, 21 Uhr.

Helge Schneider Im Herzen ein Jazzer

Ein Millionenpublikum kennt ihn als Spassmacher mit unvergleichlichem Sinn fürs Absurde sowie als Musikclown, der ein Dutzend Instrumente beherrscht. Im Kern ist Helge Schneider jedoch ein leidenschaftlicher Jazzmusiker, der auch einmal einen Abend lang improvisieren kann, ohne den Kasper zu machen. In St. Moritz weiss und schätzt man das. Einmal mehr bringt der Mühlheimer das Festival zum krönenden Abschluss.

Dracula Club, 26. Juli, 21 Uhr.

Cresta Palace, 9. Juli, 21 Uhr.
Mario Biondi Crooner aus Catania
New York Voices & Pepe Lienhard Gipfeltreffen

Das nette Genie von nebenan

Der Meistergitarrist Pat Metheny erkundet Neuland mit seiner jungen Formation Side Eye III. Von Pius Küster

Die Grammy Awards, oder kurz Grammys, gelten als die höchsten internationalen Auszeichnungen im Bereich der Musik. Seit dem Jahr 1959 werden sie jährlich von der Recording Academy in Los Angeles verliehen. Ihre Bedeutung gleicht derjenigen der Oscars in der Filmindustrie. Das gilt es im Kopf zu behalten, liest man, dass der Gitarrist Pat Metheny bereits mit 20 Grammys in verschiedenen Kategorien bedacht wurde. Diese verblüffende Zahl weist auf zweierlei hin: erstens auf die konstant hohe Qualität der Aufnahmen, die der inzwischen 71-jährige Gitarrist vorgelegt hat, zweitens auf seine stilistische Vielfalt.

Pat Metheny ist zwar ein Jazzmusiker durch und durch, aber Scheuklappen trägt er keine. Er ist in Fusion-Gefilden ebenso anzutreffen wie in jenen der freien Improvisation, er verbindet in seinen melodiösen Kompositionen Jazz (von Hardbop bis Ambient), Blues und Gospel. Er spielt akustische wie elektrische Gitarren, experimentiert aber auch gern mit dem Gitarren-Synthesizer. Mit Grössen aller erdenklichen Stilrichtungen hat er zusammengearbeitet. Ein besonderes Anliegen sind ihm Projekte mit Musikerinnen und Musikern der jüngeren Generation.

Drive und Farbe

Ein gutes Beispiel dafür ist seine Formation «Side-Eye III», mit der er dieses Jahr ans Festival da Jazz kommt. Sie besteht neben ihm selbst aus Chris Fishman (Piano, Keyboards), Jermaine Paul (Bass) und Leonard Patton (Percussion, Vocals), der Joe Dyson ablöst. In zahllosen Konzerten ist das Quartett in den letzten Jahren zu einer traumwandle -

Spielt, was er liebt, denkt und fühlt: Pat Metheny.

risch sicher agierenden Tourneeband zusammengewachsen. Gleichzeitig hat es auch die Zusammenarbeit mit anderen Stimmen gesucht: Auf dem im Frühjahr 2026 erschienenen Album Side-Eye III+ steht das kleine + für nicht weniger als 15 Musikerinnen und Musiker, die zur Kernformation stossen: vom Bassisten Daryl Johns über die Harfenistin Brandee Younger und den Perkussionisten Luis Conte bis zu einem Vokalen-

semble unter Leitung von Mark Kibble (Take 6). Mit seinem jungen Ensemble spielt Pat Metheny eine Musik, die von Aufbruch und Neubeginn kündet. Sie hat Drive und Farbe, bewegt sich aber nicht einfach in nur eine Richtung, sondern evoziert eine Vielfalt von Klangwelten und Stimmungen. Der Meistergitarrist hat immer wieder betont, dass es ihm nicht genügt, eine technisch tadellose Leistung abzuliefern. Sein Be -

Klangreise in den sonnigen Süden

Der Startrompeter Till Brönner präsentiert sein neues Album «Italia». Von Viola Vescovo

Was ist Till Brönner nicht alles! Trompeter, Flügelhornist, Sänger, Komponist, Professor, Fotograf. Ein Hansdampf in allen Gassen also? Keineswegs. Denn er macht keine halben Sachen. Was er anpackt, das wird etwas. Etwas, in dem sich Fleiss und Inspiration verbinden, Technik und Gefühl, Tradition und Innovation. Seit Jahren ist der 1971 in Viersen bei Düsseldorf geborene Musiker ein gern gesehener Gast am Festival da Jazz, und dieses Mal darf man sich besonders auf ihn freuen: Im Gepäck hat Till Brönner nämlich sein neues Album «Italia».

Mit ihm taucht er in die Musik ein, mit der unser südliches Nachbarland in den 1960er bis 1980er Jahren europaweit Furore machte. Kompositionen von Paolo Conte, Lucio Battisti, Ennio Morricone und Tony Renis hat Brönner sich vorgenommen – Melodien, die damals das Lebensgefühl einer jungen Generation ausdrückten. Hits sind dabei, aber auch Trouvaillen.

Mit Till Brönners Affinität zu Italien hat es eine besondere Bewandtnis: Als er ein kleiner Junge war, zog seine Familie für fünf Jahre nach Rom, wo die Eltern an der deutschen Schule unterrichteten. Dieser Aufenthalt hat Brönner weit intensivere Eindrücke von der Ewigen Stadt vermittelt, als blosse Ferienaufenthalte es vermöchten. «Italia» hat er folgerichtig in Studios in Rom und Bari aufgenommen, und zwar unter der Ägide des aus Apulien stammenden DJs und Jazzgitarristen Nicola Conte.

Auf der CD gibt es Gastauftritte bekannter Sängerinnen und Sänger: Mandy Capristo, Chiara Civello, Sera Kalo, Giovanni Zarrella und Mario Biondi sind mit von der Partie. Sie können im Oberengadin freilich nicht dabei sein, doch mit

Olaf Polziehn am Klavier, Christian von Kaphengst am Bass und Martijn Vink am Schlagzeug wird Till Brönner es auch so schaffen, den Zauber des Südens in den Dracula Club zu tragen. Canzoni wie «Amarsi un po» von Lucio Battisti, «Via con me» von Paolo Conte, «L’appuntamento» von Ornella Vanoni oder der Klassiker «Quando quando quando» werden das Publikum zum Tanzen und Schwelgen bringen. Alle werden auf ihre Rechnung kommen. Denn bei Till Brönner muss niemand fürchten, dass er hungrig vom Tisch geht. Dieser Musiker hat sich bei aller Virtuosität und auch Intellektualität immer auch als Entertainer verstanden, als einer, der nicht seine Zweifel zelebriert und die Menschen nicht jeden Augenblick an die Probleme der Existenz erinnert, sondern ihnen ganz schlicht Lebensfreude vermittelt.

Badrutt’s Palace, 11. Juli, 21 Uhr.

Mit seinem jungen Ensemble spielt Pat Metheny eine Musik, die von Aufbruch und Neubeginn kündet.

streben ist es, in seinem Spiel verbindlich auszudrücken, was er liebt, denkt und fühlt. Das Leben des 1954 in Lee’s Summit, Missouri, geborenen US-Amerikaners ist von Musik bestimmt, seit er mit 8 Jahren Trompete zu spielen begann. Als 12-Jähriger wechselte er zur Gitarre. Schon als Teenager fasste er dank seinem Talent und seiner Unerschrockenheit Fuss in der Clubszene; seit Mitte der 1970er

Jahre zählt er zu den einflussreichsten Jazzmusikern der Welt. Doch weder seine frühen Erfolge mit Musikern wie Gary Burton, Herbie Hancock, Dave Holland, Charlie Haden und John Scofield noch seine zwanzig Grammys sind ihm zu Kopf gestiegen. Er ist ein umgängliches Genie: eine seltene Kombination!

Reine Victoria, 10. Juli, 21 Uhr.

Weltmusik aus Südfrankreich

Richard Galliano zählt zu den bedeutendsten Akkordeonisten unserer Zeit. Am Festival ist er Stammgast. Von Angela Santi

Seine Wurzeln hat der 1950 bei Cannes geborene Musiker nicht vergessen: Richard Galliano spielt immer noch das Akkordeon, das seine Grossmutter ihm zu seinem 14. Geburtstag geschenkt hat. Eine italienische Fisarmonica, für die sie ein Stück Land im heimatlichen Lavandou verkaufen musste. Aber für den Enkel, der als Wunderkind galt, war ihr nichts zu teuer. Galliano stammt aus einer musikalischen Familie. Sein Vater, selbst Berufsmusiker, brachte dem Knaben das Akkordeon- und Klavierspiel bei, bevor dieser in Nizza klassische Musik studierte. Der junge Richard spielte Bach, Tschaikowski und Ravel auf dem Akkordeon, bevor er, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, Stars wie Charles Aznavour und Juliette Créco begleitete. Entscheidend wurde für ihn die Begegnung mit dem italienischstämmigen Argentinier Astor Piazzolla, dem Erfinder des jazzigen, entschlackten Tango Nuevo. Die beiden wurden Freunde fürs Leben, und Galliano eroberte die Welt des Jazz.

Seit 1980 hat er mit Persönlichkeiten von Ron Carter und Eddie Louiss bis zu Joe Zawinul, Michel Petrucciani und Jan Garbarek zusammengearbeitet. Dabei hat er sich als atemberaubender Virtuose gezeigt, aber auch als Künstler mit Bodenhaftung, dem die elementare Funktion der Musik im geselligen Zusammenleben präsent geblieben ist. Als Komponist hat er sich immer wieder mit Erfolg hervorgetan: Seine «Valse à Margaux» zum Beispiel wurde über fünfzig Mal gecovert.

In St. Moritz zählt Richard Gallinao zu den Stammgästen – im Dracula Club ist er schon mehrmals aufgetreten, aber auch im Taiswald und im Rahmen einer «Hidden Session» sogar im Segantinimuseum. Dieses Mal bringt er zwei Freunde mit, die auf Augenhöhe mit ihm muszieren: den

Gitarristen Adrien Moignard und den Kontrabassisten Philippe Aerts. Galliano ist ein Musiker von Weltrang, aber ein Mann ohne jede Allüre. Bei ihm müssen die Veranstalter nicht bangen, ob er Konzerte platzen lässt, weil ihm irgendetwas nicht passt. Er hat etwas von der Jovialität eines südfranzösischen Weinbauern, und er schleppt sein schweres Instrument ohne Umstände selbst herum. Doch wo es um die Musik geht, macht er keine Kompromisse. Modetrends kümmern ihn nicht. Er nimmt nur das auf, was er will – und mit wem er will. Er ist ein Familienmensch, aber er braucht auch Zeit für sich. Wenn er ganz allein mit seinem Instrument in einem Hotelzimmer ist, fehlt ihm nichts. «Musizieren erlebe ich nicht als Arbeit», sagt er. «Es ist wie atmen oder schlafen. Ich müsste mich zwingen, es nicht zu tun.»

Dracula Club, 24. Juli, 21 Uhr.

Verliebt in den Süden: Till Brönner. Richard Galliano macht keine Kompromisse.

Alle Farben der Karibik

Die kubanische Meisterpianistin Marialy Pacheco gibt im Taiswald ein Solokonzert. Von Madlaina Abt

Der Taiswald ist sozusagen der Stadtpark Pontresinas. Neben dem Lej da Staz ist er der zweite traditionelle Open-Air-Spielort des Festival da Jazz. Inmitten von Arven und Lärchen, auf denen Vögel zwitschern und Eichhörnchen herumflitzen, befindet sich eine Waldlichtung mit einer Bühne, die auf eine reiche Konzerttradition zurückblicken kann: Seit 1910 lädt die Camerata Pontresina, das offizielle Kurorchester, hier zu kostenlosen Freiluftkonzerten ein. Bei guter Witterung verbinden sich während der Sommersaison täglich um 11 Uhr die Klänge der Natur mit klassischer Musik.

Doch auch andere Töne sind hier zu vernehmen. Im Rahmen des Festival da Jazz sind schon Grössen wie der Finne Iiro Rantala und der aus Martinique stammende Franzose Grégory Privat im Taiswald aufgetreten. Dieses Jahr kann das Organisationsteam mit einer besonderen Attraktion aufwarten: Marialy Pacheco ist in der aktuellen Riege berühmter kubanischer Jazzpianisten wie Roberto Fonseca, Omar Sosa oder Gonzalo Rubalcaba die einzige Frau. Sie hat die traditionelle Männerdomäne im Sturm erobert. 2012 gewann sie die Montreux Solo Piano Competition – notabene als erste Frau in der Geschichte des Wettbewerbs. Auch im Engadin ist sie keine Unbekannte: An Ostern 2026 verblüffte sie das Publikum im Hotel Walter im Duo mit ihrem Bruder Jorge Luis Pacheco. Nun tritt sie solo im Taiswald auf.

Geboren wurde Marialy Pacheco 1983 in Havanna. Sie wuchs in einer musikalischen Familie auf: Beide Eltern sowie eine Tante waren klassisch ausgebildete Musiker. Bereits als Siebenjährige wurde die kleine Marialy ans Conservatorio Alejandro García Caturla in ihrer Heimatstadt aufgenommen, als 15-Jährige kam sie an die Escuela National de Artes, die sie 2002 mit Auszeichnung abschloss, um bei Tulio Peramo Cabrera (*1948), einem der bedeutendsten Komponisten Kubas, am Instituto Superior de Arte ein dreijähriges Kompositionsstudium aufzunehmen.

Im Studium Bach …

2004 reiste sie erstmals nach Deutschland; damals begleitete sie als Pianistin den Chor ihrer Mutter an einen Wettbewerb. Gemeinsam gewannen sie dort zwei Goldmedaillen. Von 2005 bis 2009 lebte die junge Musikerin in Deutschland, wo sie sich 2013 – nach einem längeren Aufenthalt in Australien – dauerhaft niederliess. Dortmund wurde ihre zweite Heimat. Ihre Schallplattenkarriere lancierte sie von Deutschland aus: Bereits 2005, als 22-Jährige, nahm Marialy Pacheco ihr erstes Trioalbum auf. Sie nannte es «Bendiciones». Das Soloalbum «Mi Azul» und das zweite Trioalbum «Destinos» folgten schon kurz darauf. Inzwischen hat sie sowohl im Trio als auch solo zahlreiche erfolgreiche Alben eingespielt, in Europa, Japan und Australien; mit ihrem berühmten Lands-

mann Omar Sosa hat sie auf der Bühne und im Studio zusammengearbeitet. Er ist auch auf ihrem 2017er Album «Duets» vertreten, zu dem sie so verschiedene Partner wie Hamilton de Holanda, Joo Kraus, Miguel Zenon und Max Mutzke eingeladen hat.

Marialy Pacheco fühlt sich allein auf der Bühne ebenso wohl wie in Begleitung einer Band oder eines ganzen Orchesters. Ihr bevorzugter Flügel ist der Bösendorfer Imperial, aber sie kann jedem Instrument berückende Töne entlocken. Ob sie Johann Sebastian Bachs Klavierkonzert in g-Moll spielt (das sie 2025 mit dem Württembergischen Kammerorchester unter Gordon Hamilton eingespielt hat) oder über Melodien ihrer kubanischen Heimat improvisiert: Stets spürt man ihre geballte Präsenz. Ihr Spiel ist rhythmisch, griffig, virtuos und reich an Schattierungen – und immer gefühlvoll. Sie strahlt Freude und Zuversicht aus. In ihrem subtilen Vortrag zeigt sich nicht nur ihre elaborierte Technik, sondern

Vor fünfzehn Jahren wurde dieses grandiose Stück am Theater Rigiblick in Zürich uraufgeführt. Seither feiert es immer wieder Neuaufnahmen. Nicht ohne Grund: Denn an dieser Produktion stimmt einfach alles: der anrührende Text, die zeitlose Musik, die präzise Inszenierung.

Der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell hat mit «Miles oder die Pendeluhr von Montreux» einen Rollenmonolog von enormer Suggestivkraft ge-

schrieben. Sein Held Steinar ist Autohändler auf einem Schrottplatz und eher ein einfaches Gemüt. Doch die Musik von Miles Davis hat ihn einmal aus seinem Alltag mit Arbeit, Frau und Kind gerissen. Daran erinnert er sich, als er die Nachricht vom Tod des Jahrhundertmusikers vernimmt.

Steinar hat Miles Davis vor Jahrzehnten über einen Bekannten kurz kennengelernt: Der Chauffeur Stein Âge kutschierte den Musiker damals im schwarzen Volvo durch Europa. Steinar

Satter Klang, grandiose Soli, treibende Rhythmen. Es ist alles da.

auch ihre spirituelle Ausdruckskraft.

Wenn sie Bach spielt, kommt ihr sowohl ihre gründliche klassische Ausbildung zustatten als auch ihr Sinn für Tanzformen aller Art, die im Werk des Barockkomponisten ja ebenfalls eine eminente Rolle spielen.

… und abends Salsaparty

Dass es ihr keine Mühe macht, in zwei musikalischen Welten zu leben, führt Marialy Pacheco auf eine Besonderheit ihrer kubanischen Heimat zurück. Deren Volksmusik mit Stilrichtungen wie Salsa und Son durchdringt alle Lebensbereiche und ist nicht nur eine temporäre Vergnügung, sondern eine Lebenshaltung. Gleichzeitig spielte in dem kommunistischen Land die strenge sowjetische Musik ausbildung eine grosse Rolle. Marialy Pachecos Klavierlehrerin in Havanna hatte in Moskau studiert, ebenso wie ihr Vater, der Opernsänger war. «Private Musiklehrer gibt es in Kuba

nicht», hat sie in einem Interview mit der «Rheinpfalz» erläutert. «Wir haben kostenlose Konservatorien, in denen man klassisch ausgebildet wird. Das ist eine sehr, sehr anspruchsvolle Ausbildung nicht nur am Instrument, sondern auch in Musiktheorie oder Musikgeschichte. All die bekannten kubanischen Musiker haben dieses System durchlaufen und sind klassisch ausgebildet. Wenn man am Nachmittag das Konservatorium verlässt, hört man auf der Strasse Salsa und Son, man geht auf eine Salsaparty. Das sind völlig unterschiedliche Welten, die bei uns zu einer Welt verschmelzen.» Dass die strikte Trennung von E- und U-Musik fragwürdig ist, hat sich auch hierzulande herumgesprochen. Nirgendwo spürt man das deutlicher, als wenn man Marialy Pancheco spielen hört. Im Taiswald besteht die Gelegenheit dazu. Nicht verpassen!

Taiswald, 11. Juli, 16 Uhr.

Der Geist von Miles Davis

Musiktheater vom Feinsten: Daniel Rohr und das Zurich Jazz Orchestra führen «Miles oder die Pendeluhr aus Montreux» auf. Von Angela Santi

durfte ihn einmal begleiten, als Miles Davis in Montreux gastierte. Dort hat er seiner Frau eine Pendeluhr gekauft. Der Volvo landete dann irgendwann auf seinem Schrottplatz. Den Scheinwerfer verehrt Steinar wie eine Reliquie.

Grandiose Big Band

Über seinen Freund hat er viel über Miles Davis erfahren: über dessen Liebe zu Juliette Greco, aber auch über seine Einsamkeit und seine Eigenheiten. Wie Steinar, ein nur scheinbar einfacher Mann, in seiner Arbeiterkluft von dem zerrissenen Genie erzählt: Das lässt niemanden kalt. Daniel Rohr, Schauspieler und langjähriger Leiter des Theaters Rigiblick, verkörpert diese Figur perfekt – und auch nach Jahren des Erfolgs noch so eindringlich, als spielte er die Rolle zum ersten Mal. Das zweite entscheidende Element an diesem Theaterabend ist die Musik. Sie beginnt verhalten, gewissermassen als

Echoraum zu Steinars Erzählung, gewinnt dann aber mehr und mehr an Bedeutung, Vielfalt und Farbe. Schliesslich verselbständigt sie sich in der strahlenden Wiedergabe von «Sketches of Spain». So heisst eines der drei epochalen Alben, die Miles Davis in grosser Formation mit dem Arrangeur Gil Evans eingespielt hat. Das Zurich Jazz Orchestra, ohnehin die führende Schweizer Grossformation auf ihrem Gebiet, läuft unter der Leitung von Ed Partyka zu ganz grosser Form auf. Satter Orchesterklang, mitreissende Soli, rhythmische Kraft – alles ist da. Und man spürt die Aura von Miles Davis. Das Stück für einen Schauspieler und 21 Musiker ist ein Wurf, ein Gesamtkunstwerk aus einem Guss. Wer es noch nicht kennt, darf gespannt sein. Die Aficionados aber können es sich immer wieder ansehen und anhören – so wie eine gelungene Operninszenierung.

Reine Victoria, 15. Juli, 21 Uhr.

Marialy Pacheco vereint kubanische Lebensfreude mit elaborierter Technik.
Der Einfluss des Ausnahmemusikers reichte immer schon weit über seinen Dunstkreis hinaus: Miles Davis.

2. – 26. JULI 2026

main concerts free concerts

Do 2.7. Kurt maloo

Fr 3.7. camille o’sullivan

Sa 4.7. sebastian studnitzK y trio

Sa 4.7. fusion experience Quartet feat. dave WecKl, richard bona, ciro manna, mica lecoQ

So 5.7. vincen García

Mo 6.7. snarK y puppy

Di 7.7. francesca tandoi

Mi 8.7. samara Joy

Do 9.7. the airlettes

Do 9.7. the biG five

Do 9.7. KinGa GlyK

Fr 10.7. pat metheny

Sa 11.7. till brönner Quartet

Sa 11.7. dieter hallervorden

So 12.7. renaud Garcia‑fons solo

So 12.7. diana Krall

Di 14.7. mario biondi

Mi 15.7. miles oder die pendeluhr aus montreux

Do 16.7. dee dee bridGeWater

Fr 17.7. defender pioneers Jazzlab Winners

Sa 18.7. blues max

Sa 18.7. Gunhild carlinG

Di 21.7. tom Jones

Mi 22.7. neW yorK voices & pepe lienhard biG band

Do 23.7. eliane elias

Fr 24.7. richard Galliano neW viaGGio trio

Sa 25.7. l as Karamba

So 26.7. helGe schneider

Fr 3.7. r aphael Jost & christoph Grab

Fr 3.7. sam Greenfield

Sa 4.7. issa Kouyaté trio

So 5.7. rea som

Do 9.7. noemi beza

Fr 10.7. tWo and the sun

Fr 10.7. fred Wesley Generations

Sa 11.7. marialy pacheco

Sa 11.7. muralim

So 12.7. flo bauer

Do | Fr 16. | 17.7. Kilian sladeK

Do 16.7. the clients

Do 16.7. Jazzl ab Jam session

Fr 17.7. the next movement

Sa 18.7. ronny r ast

So 19.7. don KosaKen chor serGe Jaroff

So 19.7. aliose

So 19.7. to athena

So 19.7. candy dulfer

Do | Fr 23. | 24.7. mathias l andt WinG Quartett

Fr 24.7. rKdia

Sa 25.7. the pocKet rocKets

Sa | So 25. | 26.7. GW yn Jay allen feat. alex Wilson

Tom Jones kommt ans Festival da Jazz! Der Mann ist ein Weltstar, und er ist 86. Wie haben Sie das geschafft, und was ist von ihm zu erwarten?

CHRISTIAN JOTT JENNY: Ehrlich gesagt, war mir zuerst auch etwas mulmig bei der Sache: Ich habe dieses Jahr meine Mutter verloren, sie starb mit 84 Jahren, und gleichzeitig war ich dabei, einen Superstar im Greisenalter zu engagieren. Aber dann haben wir auf BBC ein Tom-Jones-Konzert von 2025 gehört und geschaut, und da war es um mich geschehen: Da tanzten Menschen von 4 bis 99 Jahren im Hyde Park. Es kam mir vor wie die Altersempfehlung bei einem Ravensburger-Spiel. Und der Mann scheint wirklich noch zu wissen, was er kann und was nicht. Das hat mich überzeugt. Ich möchte ja niemanden vorführen.

Als Tom Jones seine grössten Hits landete, waren Sie noch nicht geboren.

Gehörten seine Songs gleichwohl zum Soundtrack Ihrer Jugend?

Ich bin ein grosser Fan von James Bond. Im vierten James-Bond-Film, «Thunderball», singt Tom Jones mit knapp 27 Jahren den Titelsong. Dieser endet auf einem hohen B. Also Pavarotti-ähnlich. Das fand ich schon immer sehr bemerkenswert. Von dem her: Ja! Er gehört zu meiner Jugend.

Neben Ihrem Stamm- und Ehrengast Helge Schneider treten dieses Jahr auch Blues Max und Didi Hallervorden auf. Setzen Sie jetzt auf Comedy? Nein, aber ich habe ein Herz für weisse und bunte Greise, die etwas können. Didi war in seiner Zeit einer der angesagtesten Komiker. Inzwischen schiesst er teilweise über das heutzutage Angebrachte hinaus. Aber dann sehe ich wieder den Film «Honig im Kopf» und weine. Der Mann darf bei uns machen, was er will. Es wird be -

Konzerttipps

Sam Greenfield Power aus Brooklyn

Als Tour- und Studiomusiker hat er längst gezeigt, was er kann: Der Saxofonist Sam Greenfield, der in Philadelphia geboren wurde und heute in Brooklyn lebt, hat schon mit Grössen wie Cory Wong, Ed Sheeran, John Legend, Mariah Carey und Joss Stone zusammengearbeitet. Daneben verfolgt er seine eigenen Projekte: Mit seiner Groove-Band verbindet er Jazz, Funk und Fusion in einer Live-Show, die keine Wünsche offenlässt.

Dracula Club, 3. Juli, 23:30 Uhr.

«Der Mix muss stimmen»

Christian Jott Jenny über das Festival da Jazz 2026, seine Zeit als Gemeindepräsident von St. Moritz sowie seine Schwäche für Kinder und Greise. Interview: Manfred Papst

stimmt gut. Zudem hat er eine tolle Band dabei.

Im Festival-da Jazz-Programm 2026 fallen die vielen weiblichen Acts auf. Ist das Zufall, Kalkül? Ihre grosse heimliche Liebe neben den FusionSounds der goldenen GRP-Ära? Wir achten tatsächlich darauf, dass das Verhältnis in etwa aufgeht. Aber wir zählen keine Erbsen. Der Mix muss stimmen, die Qualität – und es muss Sinn ergeben und Spass machen. In meinem «Amt für Ideen» arbeite ich übrigens mehrheitlich mit Frauen zusammen; dies nicht aus Liebe zur idiotischen Quote, sondern weil es sich so ergeben hat und weil ich die Effizienz von Frauen sehr schätze.

Reden wir kurz über Politik: Ende 2026 endet Ihre zweite Amtszeit als Gemeindepräsident von St. Moritz, und Sie haben sich entschieden, kein drittes Mal zu kandidieren. Was hat Sie dazu bewogen?

Die meisten hören zu spät auf. Ich habe mir Bilder von Politikern vor und nach ihrer langen Amtszeit angesehen. Da möchte ich mich nicht einreihen. Ich glaube an gewisse Lebenszyklen. Irgendwann kippt es. Ich habe für meine beiden Legislaturperioden eine verdammt gute Zeit erwischt und bin dem St. Moritzer Volk unendlich dankbar, dass ich das machen durfte. Ich übergebe eine finanziell topfitte Gemeinde, die ihresgleichen sucht, und hinterlasse keine Leichen im Keller des Gemeindehauses. Es war mir eine Ehre, dieser Gemeinde dienen zu dürfen.

Hat sich Ihr Engadin-Bild in dieser Zeit verändert?

Manche Bilder haben sich gefestigt. Ich habe für gewisse Dinge und Eigenheiten der Einheimischen heute mehr Verständnis als vorher. Bis zu einem gewissen Grad bin ich wohl auch selbst ein wenig Engadiner geworden. Zumindest auf dem Papier steht als Bürgerort nun auch St. Moritz. Dies bedeutet, dass ich armengenössig jederzeit in unserem Pfrundhaus aufgenommen werden müsste. Das beruhigt.

Ende 2026 fällt die Last des Regierens von Ihnen ab. Auf welche Ihrer Tätigkeiten als Künstler und Unternehmer werden Sie die Energien, die damit ab 2027 frei werden, verteilen? Ich liebe den freien Fall, das Vakuum: Daraus entstehen meistens die besten Dinge. Künstlerisches und Kreatives entsteht meistens aus der Leere. Mein dazugewonnenes politisches Wissen möchte ich aber gern der Kultur und dem Tourismus zur Verfügung stellen. Als inkarnierte Schnittstelle, quasi. Und der neugegründeten Kulturstiftung St. Moritz von Henri B. Meier bleibe ich natürlich als Präsident erhalten. Da möchte ich künftig mehr Zeit und Energie investieren. Und vielleicht kommt dann und wann wieder ein neues Bühnenprojekt

Ihr «Amt für Ideen», mit dem Sie unter anderem das Festival organisieren, gilt als wendiges kleines Unternehmen. Wie viele Leute sind da im Einsatz? Unterdessen, seit auch das SalonTheater Herzbaracke zu uns gehört, sind wir gegen dreissig Menschen, die

in irgendeiner Form irgendetwas machen, damit Kultur und Kunst zustande kommt. Ich will die genaue Zahl nicht wissen, sonst wird es mir schwindlig.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Festival-Impresario?

Ich bin kein Hellseher. Wir harren der Dinge, machen da weiter, wo wir eine Zukunft sehen und wo es Spass macht! Aber ich werde mich aufs 20-jährige Jubiläum des Festival da Jazz hin bestimmt etwas mehr einbringen.

Sind Sie eigentlich ein Familientier? Ja, enorm sogar. Wir haben vier Kinder. Bei uns daheim geht es lebhaft zu. Aber auch für meine Berufe gilt: Ich brauche immer irgendeine Familie um mich herum.

Und wie könnte Ihr Motto lauten? Da passen ein paar: «Who cares» finde ich recht gut, dieser Claim ist aber schon von Roger Schawinski besetzt. Vielleicht geht es sogar etwas leiser und geschmeidiger: Stets höflich, gez. Jenny.

Zur Person

Christian Jott Jenny (*1978) ist Tenor, Entertainer, Kulturproduzent und Politiker. 1997 gründete er das «Amt für Ideen», eine Produktionsfirma im Bereich Musiktheater, 2008 das Engadiner Festival da Jazz. Und seit 2019 ist er Gemeindepräsident von St. Moritz.

The Clients

Seit einigen Jahren sorgt das Festival da Jazz auch am Strassenfest «Viva La Via» in Pontresina für Stimmung. Hier sind keine filigranen Experimente gefragt, sondern Sounds, die in die Beine gehen. Eine ideale Band für diesen Zweck sind The Clients. Das Quintett um den Saxofonisten Dave Feusi begeistert mit seinem Groove. Die vielfach erprobte Schweizer Combo hält auch im internationalen Vergleich locker mit.

18 Uhr.

Der Name Pocket Rockets steht für schweisstreibende Rhythmen, ohrwurmverdächtige Melodien, ekstatische Solos und überhaupt für beste Partylaune. Die Schweizer Street-Funk-Band lockt mit ihrem groovenden Stilmix, in dem auch Soul und Hip-Hop nicht fehlen, noch den verstocktesten Tanzmuffel aus der Reserve. Die dynamische Truppe bietet jede Menge Street-Brass-Action und bringt so neues Leben ins alte Gemäuer.

Uhr.

Die Band Las Karamba ist 2018 auf den Strassen Barcelonas entstanden. Sechs Lebensgeschichten trafen hier aufeinander. Gemeinsam wollten die Frauen Kraft schöpfen, Ängste überwinden und ihren Träumen nachgehen. Die multikulturelle Band setzt sich aus Mitgliedern aus Venezuela, Kuba, Katalonien, Frankreich und Argentinien zusammen. Ihre Musik verbindet Son, Cha-Cha-Cha und Salsa mit Rap und urbanem Pop.

Dracula Club, 25. Juli, 21 Uhr.

Strassenmusik
Viva la Via, Pontresina, 16. Juli,
Pocket Rockets Funk in der Ruine
Ruina da Guardaval, 25. Juli, 13
Las Karamba Frauenpower aus Barcelona
Der Impresario in seinem Element: Christian Jott Jenny.

Der Hotelier, der einst im Speisesaal Fussball spielte

Heinz E. Hunkeler leitet gemeinsam mit seiner Frau Jenny das Kulm Hotel St. Moritz. Das Paar schafft es, die Kunst der Grandezza hochzuhalten und zugleich Begegnungen zwischen ganz unterschiedlichen Menschen zu ermöglichen. Von Hanna Schwerter

Erfolgsgeschichten beginnen oft mit einem Konzept. Diese hier beginnt mit dem grössten Spielplatz des Dorfes. 150 Suiten und Zimmer umfasste er, hatte fünf Sterne und den klingenden

Namen «Kulm Hotel». In den 1970er Jahren war er der gigantische Spielplatz des Engadiner Schulbuben Heinz E. Hunkeler. Er tschuttete hier während der Zwischensaison im Speisesaal oder spielte in den endlosen Gängen Räuber und Poli. Schliesslich waren seine Eltern damals Direktoren des Etablissements.

Heute ist Heinz E. Hunkeler 52 Jahre alt und selber Direktor des Kulm Hotel St. Moritz, das einst sein Spielplatz war. Seit 2013 führt er das Haus gemeinsam mit seiner Frau Jenny Hunkeler. Und das Paar schafft es, die Tradition des ältesten Hotels von St. Moritz hochzuhalten und gleichzeitig mit Innovationen zu glänzen. «Wir haben viele Stammgäste, die sehr auf Tradition bedacht sind», erzählt Heinz E. Hunkeler im Gespräch. «Trotzdem möchten wir, dass sie jedes Mal etwas Neues entdecken, wenn sie zu uns kommen.»

Darum erwarten die Stammgäste hier einerseits Kissenbezüge, die mit ihrem Vornamen bestickt sind. Darum liessen andererseits Heinz E. und Jenny Hunkeler 2014 ein U-Boot aus dem St. Moritzersee auftauchen, eine kunstvolle Attrappe, in dessen Turm sich eine Sushi-Bar befand. Und darum drehte sich mitten im Winter 2025 auf der Natureisbahn, wo die Menschen täglich Schlittschuh liefen, plötzlich ein rosa Karussell des

Künstlers Carsten Höller. Als wäre es unverhofft aus einem Bilderbuch gefallen und mitten auf dem St. Moritzersee gelandet. «Das Pink Mirror Carousel hat nicht nur Kinder, sondern auch Hunderte Instagrammer glücklich gemacht und es sogar in die ‹ New York Times › geschafft», erzählt der Hoteldirektor. Und er fügt an: «Wir probieren gerne Neues. Wenn etwas nicht funktioniert, führen wir es eben nicht weiter. Aber uns ist eine gewisse Verspieltheit wichtig.»

Kulm war sein Zuhause

Vielleicht hat das mit dem Schuljungen von einst zu tun. Er hat das Kulm eben nicht in erster Linie als Hotel erlebt, sondern als Spielplatz, als Ort der Entdeckungen und vor allem auch als Zuhause. Möglicherweise vermag Heinz E. Hunkeler gerade deshalb auch in den Besuchern sowie den Angestellten immer auch den Menschen zu sehen. «Bei uns steht der Gast im Zentrum, aber genauso auch der Mitarbeiter», sagt er. «Denn nur glückliche Mitarbeiter können Gäste glücklich machen.» So gelingt es ihm und seiner Frau, den Gästen ein Gefühl von Zuhause zu vermitteln, allerdings in der luxuriöseren, exklusiveren und erholsameren Version als in deren eigenen vier Wänden.

2024 wurde das Ehepaar Hunkeler vom Wirtschaftsmagazin «Bilanz» als Hoteliers des Jahres ausgezeichnet. Als erstes Hotelierpaar der Schweiz erhielt es die Auszeichnung sogar zum zweiten

Ihr Vater hat den Dracula Club gegründet und einmal per Helikopter 1000 Rosen auf das Anwesen von Brigitte Bardot regnen lassen. Sie leiten den Dracula Club heute, wie sehr haben Sie die Exzentrik Ihres Vaters geerbt?

ROLF SACHS: Für mich ist Exzentrik etwas Begehrenswertes und Wichtiges im Leben. Weil sie das Augenmerk auf das Aussergewöhnliche richtet, ein Aus-

brechen aus dem Normalen, wie ein Künstler. Die Briten haben das im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kultiviert.

Sie denken beispielsweise an Oscar Wilde?

Es gab auch viele andere. Noch in den 1960er Jahren fuhr ein Schotte in seinem offenen Bentley des Jahrgangs 1927 im Winter von Schottland nach St. Moritz. So etwas musste man sich natürlich auch

Mal. 2008 hatten Heinz E. und Jenny Hunkeler den Titel mit dem Grand Hotel Kronenhof in Pontresina schon einmal bekommen.

Kein Wunder: Das Kulm bietet eine Gastronomie, wie sie selbst für St. Moritz aussergewöhnlich ist, es glänzt mit kleinen Aufmerksamkeiten und grossen Überraschungen, und bei aller Grandezza steckt in allem Liebe zum Detail, vom Musikkonzept im Spa bis zum Blumenschmuck.

Umbau mit Gefühl

Über die nächsten Jahre investiert das Kulm Hotel St. Moritz etappenweise 125 Millionen Franken in die öffentlichen Bereiche des Hotels. Schon 2015 war der Country Club an der Reihe, ein ehemaliger Eispavillon, der schon seit Jahren erneuerungsbedürftig war. Heinz E. Hunkeler sprach den Stararchitekten und Stammgast Lord Norman Foster auf das Gebäude an. «Und Lord Foster hatte auf Anhieb eine Idee.» Doch der Umbau war anspruchsvoll: Der Pavillon stand auf einer Moorlandschaft, auch sollte unterirdisch eine Küche eingebaut werden, das Gebäude war zudem denkmalgeschützt.

Lord Norman Foster, sonst bekannt für grosszügige Bauten in organischen Formen, etwa den umgebauten Reichstag in Berlin oder «The Gherkin» in London, bewies, dass er nicht nur ein Meister des Grossen ist, sondern genauso auch ein Virtuose des Kleinen. «Als er über Weihnachten bei uns logierte, fragte

mit den Festivaldirigenten:

er mich, ob es im Hotel ein Archiv mit Fotos gäbe», so Hunkeler. «Ich sagte, es gebe ein Archiv, aber das sei in Kisten und ungeordnet. Er antwortete, er würde jemanden vorbeischicken.» Hunkeler sagt, er habe damit gerechnet, dass nach den Weihnachtsferien jemand vorbeikomme. «Doch schon am nächsten Tag stand ein Mitarbeiter aus London bei uns vor der Tür, er sichtete drei Tage lang das Archiv, und zwei Wochen später kamen die alten Fotos fixfertig gerahmt wieder bei uns an.» Heute zieren sie die Wände des Country Clubs. In den kommenden Jahren soll auf der Seeseite ein neues Restaurant mit Wintergarten entstehen, auch der Eingangsbereich und der Ballsaal sollen erneuert werden sowie die berühmte Lobby Lounge. Zu deren Besonderheiten gehören nicht nur die prachtvollen Kristalllüster, die hohen Marmorsäulen oder der fantastische Blick auf den St. Moritzersee, sondern auch das Understatement im Umgang mit Gästen: «Unsere Lobby Lounge steht nicht nur logierenden Gästen offen, sondern auch den Einheimischen und den Villenbesitzern im Dorf.

Wir verstehen sie als eine Art Wohnzimmer von St. Moritz, wo sich alle begegnen», sagt Hunkeler.

Ein Ort der Begegnung

Auch die Sommersaison, vor allem während des Festival da Jazz, wird regelmässig zur Zeit der Begegnungen. Gäste sowie Musikerinnen und Musiker treffen sich beim Frühstück oder im Spa. Wobei der Hoteldirektor dann auch mal mit dem Gedanken zu Bett geht: «Hoffentlich können meine Gäste schlafen!» Vor allem, wenn Stars wie beispielsweise der britische Geiger Nigel Kennedy nach ihrem Auftritt auf dem Zimmer eine Party mit rund 40 Gästen schmeissen. «Umgekehrt können dann meine Gäste in den benachbarten Zimmern nicht schlafen», sagt der Hoteldirektor, «aber irgendwie gehört das dazu. Früher haben die Rockstars ja auch ihre Suiten zerlegt.» Und was das ausgelassene Treiben in Grandhotels angeht, war da nicht in den 1970er Jahren ein gewisser Schulbub, der am liebsten im noblen Speisesaal Fussball spielte?

«Exzentrik ist etwas

Wichtiges im Leben»

Künstler Rolf Sachs ist Leiter des legendären Dracula Club. Hier kommen sich Musiker und Publikum hautnah. Interview: Deborah Degen

leisten können, denn es brauchte dafür Zeit und Geld. Heute ist Exzentrik leider eine Seltenheit.

2008 haben Sie das Festival da Jazz mitbegründet. Sie sind bildender Künstler. Was reizte Sie am Jazz? Damals hat Christian Jott Jenny, den ich nicht kannte, bei mir einen Asylantrag gestellt, weil er eine passende Plattform für das Festival da Jazz suchte. Sein Anschreiben war voller Esprit und Witz, und ich habe dem Antrag postwendend stattgegeben. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

So wurde aus dem Dracula Club nur für Mitglieder ein Jazz-Club für alle? Es kann nahezu als Schicksalsfügung bezeichnet werden, denn der Club wurde bis anhin nur im Winter genutzt. Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen,

als ihn im Sommer kulturell zu nutzen und einem breiteren Publikum näherzubringen.

Was kann der Jazz, was die bildende Kunst nicht kann?

Wenn man es genau analysieren würde, bestünde wohl eine tiefe Verwandtschaft zwischen den beiden, was die Art der Kreation betrifft. Aber der Jazz ist wahrscheinlich impulsiver. Man kann da in einem Moment, in einer Sekunde etwas verändern, indem man nur einen Finger anders bewegt. Dagegen steht in der bildenden Kunst immer ein Moment der kurzen Überlegung zwischen Impuls und Kreation.

Im Dracula Club steht das Publikum einen halben Meter von der Band entfernt. Ist das für gewisse Musikerinnen und Musiker schwierig?

Gewisse Musikschaffende müssen sich hier erst an das Setting gewöhnen, um sich wirklich frei zu fühlen. Aber das Besondere beim Festival da Jazz ist ja gerade, dass man als Publikum diese intime Beziehung mit der Band hat und umgekehrt. Das ist einmalig.

Im Sommer leben Sie in Rom, der Ewigen Stadt, im Winter in den Alpen, die 50 Millionen Jahre alt sind – und Dracula ist auch unsterblich. Mögen Sie die Anwesenheit von Unendlichkeit? Wie jeder Künstler liebe ich die Unendlichkeit. Ich habe sogar einen Turm geschaffen, der die Unendlichkeit symbolisiert und jetzt auf einem Kreisel in St. Moritz steht. Aber auch die Zufälligkeit und die Imperfektion sind grosse Freunde von mir. Das sind alles menschliche Werte, und bei mir steht immer das Menschliche im Fokus.

Gruppenbild
Heinz E. Hunkeler und seine Frau Jenny, Rebecca Bretscher, Christian Jott Jenny (von rechts).
Rolf Sachs leitet den Dracula-Club, der sein Vater einst gründete.

Immer den Klängen nach

Die Locations des Festival da Jazz im Überblick: Vom Grandhotel bis zur Burgruine, von der Waldbühne bis zum See. Von Christina Hubbeling

1 Dracula Club

Der legendäre «Dracula’s Ghost Riders Club» wurde von Gunter Sachs gegründet und wird heute von dessen Sohn Rolf Sachs geführt. Im Winter Dreh- und Angelpunkt des schillernden St. Moritzer Partylebens, verwandelt sich der Club während des Festivals da Jazz in eine kleine, feine Bühne. In intimem Rahmen geht man hier mit den Stars der internationalen Musikszene auf Tuchfühlung. Ehrensache, dass hier am 2. Juli die «Opening Night –Captain Of Her Heart» mit Kurt Maloo stattfindet (21 Uhr). Am 11. Juli blickt hier Dieter Hallervorden zurück auf sein Leben voller Glücksfälle, Brüche und grossartigen Geschichten. Und jeweils am Freitag während des Festivals schlägt hier kurz vor Mitternacht die Stunde der Nachtschwärmer, wenn The Next Movement, RKDIA, Fred Wesley Generations oder Sam Greenfield um 23.30 Uhr die Nacht zum Tag machen. Plazza Gunter Sachs, Via Maistra 54, St. Moritz

2

Hauser-Terrasse Kein Festival da Jazz ohne die legendären Brunch- und ApéroKonzerte auf der Hauser-Terrasse. Sie finden jeweils um 10 bzw. 17 Uhr statt. Dieses Jahr bringen Künstler wie Raphael Jost und Christoph Grab, das Trio Issa Kouyaté, Rea Som oder Noemi Beza den Festival-Groove mitten ins Dorfzentrum – notabene bei freiem Eintritt. Eine Tischreservation ist für diese Openair-Konzerte empfohlen. (Tel. 081 837 50 50). Via Traunter plazzas, St. Moritz

3

Embassy Ballroom at Badrutt’s Palace 1988 konnte man die Jazz-Sängerin und Pianistin noch in der Bar des Zürcher Hotels Central hören. Inzwischen ist viel Gletscherwasser den Inn hinuntergeflossen, und Diana Krall zählt zu den wichtigsten Musikerinnen der internationalen Jazz-Szene. Wir freuen uns, ihre einzigartige Stimme nach zehn Jahren wieder am Festival da Jazz erleben zu dürfen: Am 12. Juli tritt sie im traumhaften Ballroom des Hotels Badrutt’s Palace auf (21 Uhr).

Via Serlas 27, St. Moritz

4 Reine Victoria Der Jugendstilsaal mit seinen Deckenmalereien des «Reine Victoria» in St. Moritz Bad bietet einen stimmungsvollen Rahmen für musikalische Höhepunkte. In diesem Jahr spielen hier das Instrumentalisten-Kollektiv Snarky Puppy. Ferner treten Musiker wie Pat Metheny, Miles oder die Pendeluhr aus Montreux, die New York Voices & Pepe Lienhard Big Band auf sowie der legendäre Tom Jones – mit Sicherheit eines der grossen Highlights des diesjährigen Festivals.

Via Rosatsch 18, St. Moritz

5

Vic’s Bar Sie ist der perfekte Ort für einen Mocktail oder Drink, die neu gestaltete Vic’s Bar im Hotel Reine Victoria.

Nachtschwärmer kommen hier am 16. Juli um 23.30 Uhr in den Genuss einer Late Night Jam Session, gestaltet von den Jazzlab-Gewinnern.

Via Rosatsch 18, St. Moritz

6 Lej da Staz

Der idyllische Stazersee – Lej da Staz auf Romanisch – ist ein beliebtes Naherholungsgebiet der Region. Am 19. Juli stehen hier drei Konzerte im Zeichen der Sonne: Pünktlich zum Sonnenaufgang um 5.30 Uhr läutet der Don Kosaken Chor Serge Jaroff mit tiefen Bässen, mit Verve und Seele den Tag ein. Darauf folgt um 8.08 Uhr To Athena mit ihrer poetisch-zauberhaften Musik. Und wenn sich der Tag zu Ende neigt, bringt Candy Dulfer zum Sonnenuntergang um 19.09 Uhr mit ihrer grossartige Live-Band frischen Wind an den Bergsee. Die Konzerte sind kostenlos; bei Schlechtwetter finden sie drinnen statt. Vietta da Staz, Celerina

7 Chiesa San Pietro, Stampa Am 12. Juli um 11 Uhr wird in der hübschen Kirche im charmanten Bergeller Dorf Stampa der Solovirtuose, Kontrabassist und Komponist Renaud Garcia-Fons gefeiert. Er oszilliert mühelos zwischen Jazz, Klassik und Weltmusik und hat sich als eine der führenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kontrabassszene etabliert. Plaza, Stampa

Kronenhof-Weinkeller

8

Wände aus Stein und die Bühne auf Augenhöhe: Im Weinkeller des Hotels Kronenhof in Pontresina kommt man den Künstlern besonders nahe. Am 18. Juli begeistert die Multi-Instrumentalistin Gundhild Carling mit einer überschwänglichen Swingshow. «Let it rock» im alten Gemäuer!

Via Maistra 175, Pontresina

9 Taiswald

Die Jazzpianistin Marialy Pacheco ist die einzige Pianistin in der aktuellen Riege berühmter kubanischer Jazzpianisten wie Roberto Fonseca, Omar Sosa oder Gonzalo Rubalcaba. Sie ist Gewinnerin der Montreux Solo Piano Competition 2012. Damit ist sie die erste Frau, die diesen Preis in der 15-jährigen Geschichte des Wettbewerbs gewonnen hat. Am Festival da Jazz wird sie auf der zauberhaften Lichtung im Taiswald auftreten, wo bereits seit 1910 die legendären Kurkonzerte der Camerata Pontresina stattfinden. Bei diesem Open-Air-Konzert verbindet die preisgekrönte kubanische Musikerin ihre Jazzkunst mit der traditionsreichen Kulisse dieses historischen Veranstaltungsortes. Taiswald, Pontresina.

10

Viva la Via Wenn «Viva la Via» durch die Via Maistra in Pontresina – sie ist die längste Dorfpromenade des Engadins –zieht, sorgt das Festival da Jazz für unvergessliche Momente: Kreativ und mit jazzigen Einflüssen bringt hier am 18. Juli die Funk-Band The Clients ab 18 Uhr die Tanzbeine in Schwung. Via Maistra, Pontresina

11 Globe Zuoz

Die Musik des Sebastian Studnitzky Trio kann als Antwort auf die Dunkelheit, ja sogar als eine Form von musikalischem Aufstand verstanden werden. Sie ist

Am 4. Juli kann man im atmosphärischen Theaterraum des Lyceum Alpinum Zuoz in diese Klangwelten eintauchen. Der Theaterraum ist charmant eingebaut in ein ehemaliges Hallenbad. In diesem hat notabene Festival-Patron Rolf Sachs seinerzeit das Schwimmen erlernt. Lyceum Alpinum 12, Zuoz

12

Burgruine Madulain Am 25. Juli um 13 Uhr verwandelt sich die alte Burgruine von Madulain in eine pulsierende Tanzfläche: The Pocket Rockets stehen für funky Grooves, mitreissende Melodien, beeindruckende Solos und gute Laune. Wem der Sinn nach einer explosiven Mischung aus Funk und durchgedrehter Streetbrass-Action steht, sollte sich diesen Auftritt auf keinen Fall entgehen lassen.

Ruina da Guardaval, Madulain

13 Cresta Palace

Auch in diesem Jahr darf das Festival da Jazz die wunderschöne Jugendstil-Lobby des «Cresta Palace» in Celerina – ein zauberhaftes Haus zwischen Tradition und Moderne –bespielen: Am 9. Juli um 17 Uhr sorgen die drei Damen von The Airlettes für musikalische Höhenflüge. Um 21 Uhr geht es weiter mit der Sängerin Nicolle Rochelle und The Big Five, deren Musik von den wilden, heissen Klängen des Jazz aus den 1930er und 1940er Jahren inspiriert ist. Die Konzerte können einzeln oder als Dinner-Kombi gebucht werden.

Via Maistra 75, Celerina

Lej da Staz
Embassy Ballroom at Badrutt ’s Palace
Chiesa San Pietro (Stampa)
Taiswald
Dracula Club
Hotel Reine Victoria Vic‘s Bar
Moritz
Kulm Hotel St. Moritz is the proud host of Festival da Jazz.
KULM.COM

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