SAVOIR-VIVRE Lebensart und Genusskultur
SCHWERPUNKT | NZZ AM SONNTAG, 4. OKTOBER 2026
Ein essbares Kunstwerk von Dreisternekoch Arnaud Lallement vom Restaurant L’Assiette Champenoise im französischen Tinqueux. (Bild: Audexcom)
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SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
EDITORIAL
Mut zur Eigenheit
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as verbindet einen kompromisslosen Winzer in der Champagne mit einem Parfumeur, der monatelang eine Komposition feinjustiert? Es ist das Bekenntnis zum echten Handwerk und der Mut, der eigenen Intuition mehr zu vertrauen als dem Massengeschmack. In einer Welt der Standardisierung wächst die Sehnsucht nach Charakter, Tiefe und Unverwechselbarkeit. Wenn Hingabe auf Können trifft, entsteht Kultur – ob im Glas, auf der Haut, im Raum oder auf dem Teller. Die «Rebellen der Champagne» haben diese Haltung zu ihrer Philosophie gemacht (siehe Text nebenan). Sie brechen mit Traditionen, verzichten oft auf Korrekturen im Keller und lassen die Natur für sich sprechen. Ihre Schaumweine erzählen die ungeschminkte Geschichte ihres Terroirs. Dass die Suche nach dem Unverfälschten globale Blüten treibt, manifestiert sich auch in Südafrika, wo innovative Winzer das Potenzial alter Reblagen aufspüren (Seite 22). Eine verblüffende Wesensverwandtschaft zeigt sich in der Welt der Düfte: Wo Nischenprodukte zunehmend von Konzernen vereinnahmt werden, besinnen sich «Artistic Parfums» auf ihren Ursprung: künstlerische Freiheit, kostbare Rohstoffe und zeitintensive Mazeration bewirken ein Schaffen, das Persönlichkeit unterstreicht statt Trends bedient. Ganz andere Töne schlägt unser «Weinfreund» bei seinem Abstecher nach Kärnten an (Seite 17): Zwischen raren Delikatessen wie Schneckenleber (!), lokalen Weindegustationen und der erfrischenden Abkühlung in einem der vielen Seen Kärntens hat er sich Hals über Kopf in die Region (und deren Weine) verliebt, sodass er am liebsten vor Ort einheiraten würde. Wie sich zeitlose Klassik neu behauptet, offenbart die Degustation des Bordeaux-Jahrgangs 2023 (Seite 10). Unter der 100-Franken-Grenze verbergen sich Weine von bemerkenswerter Eleganz, Frische und Reifepotenzial. Gehen wir von Frankreich über den Ärmelkanal, so treffen wir auf inspirierende Köchinnen, die die Londoner Gastroszene aufmischen und sich dabei auf ihre Wurzeln in Mexiko, Westafrika, Südchina oder Malaysia zurückbesinnen (Seite 14). Dem gegenüber steht die zeitlose Perfektion von Anton Mosimann, einem der bekanntesten Köche der Schweiz (Seite 20). Sein Museum in Le Bouveret ist ein lebendiger Ort der Inspiration, an dem Disziplin und die Leidenschaft für die Gastgeberei spürbar bleiben. Dass Ästhetik alle Lebensbereiche durchdringt, beweist die weltbekannte Designerin Patricia Urquiola, die nur so vor Schaffenskrat sprüht (Seite 15). Christina Hubbeling, verantwortlich für diese Beilage
IMPRESSUM
4. Oktober 2026
Rebellen der Champagne Sie brechen mit tradierten Regeln, düngen ihre Böden mit Algen und stellen das Terroir über die Marke. Zu Besuch bei Winzern, die mit unkonventionellen Methoden Champagner kreieren und ihre Arbeit nicht nur als Handwerk, sondern als Lebensphilosophie und Gesamtkunstwerk verstehen. Von Christina Hubbeling
Das charmante Winzerdorf Chamery liegt im Herzen der Champ
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er Mitarbeiter wirkt mässig motiviert. Träge steht er da und schüttelt sich, um die lästigen Fliegen zu verscheuchen. Eigentlich wäre es seine Aufgabe, den Pflug zu ziehen, damit die Erde zwischen den Rebstöcken sanft aufgelockert wird. «Gekauft habe ich Thory, um mit ihm in den Reben zu arbeiten. Ein vom Pferd gezogener Pflug schont den Boden. Denn im Gegensatz zu den schweren Traktoren, die die Erde verdichten, sorgt ein Pferd für eine sanfte Behandlung und somit für vitale Reben. Das war zumindest der Plan», erzählt Adrien Dhondt und witzelt: «Aber Thory hat seine eigenen Vorstellungen von Work-Life-Balance. Wenn er nicht will, will er nicht, und zwingen werde ich ihn ganz bestimmt nicht.» Adrien Dhondt steht in Sportkleidern im Innenhof seines Weinguts. Der 35-jährige Winzer ist gerade von seiner morgendlichen Joggingrunde zurückgekehrt. In diesem Outfit und mit seinem durchtrainierten Körper könnte er glatt als Personal Trainer durchgehen.
Die vieilles vignes sind über 70 Jahre alt Ob wir lieber die Weinberge oder den Keller sehen wollen? Wir entscheiden uns für den Keller. Seit Adrien im Jahr 2012 mit knapp 22 den elterlichen Betrieb Dhondt-Grellet in Flavigny übernommen hat, geht er die Dinge anders an. Seine Eltern machten bereits hervorragenden Champagner, doch Adrien spürte, dass in den knapp sechs Hektaren Rebfläche in der Côte des Blancs und im Vallée de la Marne noch viel ungenutztes Potenzial schlummerte. Er begann, jede einzelne der vorwiegend mit Chardonnay bepflanzten Parzellen separat zu vinifizieren. Die ältesten Rebstöcke – die sogenannten vieilles vignes – sind über 70 Jahre alt. Statt den
Ertrag verschiedener Lagen in riesigen Edelstahltanks zusammenzuführen, lässt er den Saft aus Spitzenlagen in Cramant, Cuis und Sézanne separat in kleinen Holzfässern vergären. Damit die Böden gesund bleiben und die Biodiversität erhalten wird, erfolgt die Arbeit in den Weinbergen nach den Grundsätzen des biologischen Anbaus. Als Düngemittel werden mitunter Algenpräparate eingesetzt. Dies stimuliere den Boden und mache die Rebstöcke resistenter, ist der junge Winzer überzeugt. Heute gehört Adrien Dhondt zu den Superstars einer neuen Winzergeneration, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, auf Individualität zu setzen und mit den Konventionen zu brechen. In der Champagne ist das gar nicht so einfach, denn die Region ist fest im Griff jahrhundertealter Traditionen und strenger, fast schon bürokratischer Regeln der Appellation d’Origine Contrôlée (AOC) verankert. Das Anbaugebiet des Champagners ist seit 1927 festgelegt, die AOC seit 1936 geschützt. Über Generationen hinweg wurde hier vor allem eine Kunst perfektioniert: die Assemblage. Die grossen, weltbekannten Champagnerhäuser kaufen Trauben aus der gesamten Region, um Jahr für Jahr einen Markenchampagner zu kreieren, der immer möglichst gleich schmeckt und den Stil der Maison verlässlich widerspiegelt. Für Nonkonformisten wie Adrien Dhondt ist dies jedoch das Gegenteil von dem, was Weinbau bedeuten sollte. Er will keine standardisierten Produkte erzeugen, sondern den puren, unverfälschten Ausdruck des Bodens in die Flasche bringen. Und wer in der Champagne konsequent auf Herkunft, Einzellagen und minimale Intervention setzt, gilt schnell als Rebell. «Wir greifen im Keller so wenig wie möglich ein», sagt er, während wir ihm durch die zwischen 16 und 17 Grad kühlen Kellerräume folgen. «Keine künstliche Hefe, keine Filtration, kaum Schwefel. Der
GIULIANO LOCHNER
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Adrien Dhondt gehört zu den Superstars einer neuen Winzergeneration.
Wer in der Champagne konsequent auf Herkunft, Einzellagen und eine minimale Intervention setzt, gilt schnell als Rebell.
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Grains Nobles
ADOBE STOCK
NZZ AM SONNTAG
Grains Nobles wurde 1997 von den beiden Weinliebhabern Andrea Lenzin und Giuliano Lochner in Lugano gegründet. Das Schweizer Unternehmen hat sich konsequent und ohne Kompromisse auf den Import handwerklich hergestellter Winzerchampagner spezialisiert. Im Fokus stehen Winzer, die auf naturnahen Anbau nach biologischen oder biodynamischen Richtlinien sowie auf Eigenständigkeit setzen. Mit Legenden wie Jacques Selosse und spannenden Entdeckungen gilt Grains Nobles als Pionier für charakterstarke Winzerchampagner in der Schweiz. grains-nobles.ch
seine Weine in gebrauchten Holzfässern aus dem Burgund aus. Er wehrt sich leidenschaftlich gegen die Vereinheitlichung des Geschmacks, aber auch «gegen die Vereinheitlichung unserer Welt», wie er selbst sagt. Wir treffen Anselme Selosse im Salon seines Hotels Les Avisés. Aus dem Gespräch wird schnell ein Monolog mit philosophischem Tiefgang. «Die Art und Weise, wie sich eine Gesellschaft ernährt, offenbart immer auch, wie sie die Welt bewohnt. Wenn Landschaften uniform werden, wenn Böden verarmen, wenn dieselben Rezepte und Aromen sich überall wiederholen, standardisiert sich nicht nur unser Essen. Es ist unser Auge, das sich an die Einförmigkeit gewöhnt», sinniert Anselme. Wenn er über seine Weltanschauung spricht, wird er sehr ernst. Doch kaum hält er kurz inne und hebt den Blick, erstrahlt ein spitzbübisches Lächeln auf seinem Gesicht. Als Mensch gilt Anselme Selosse als charismatischer Freigeist, Philosoph und scharfsinniger Denker. Er liess sich nie von starren Regeln leiten, sondern oft von der asiatischen Philosophie – insbesondere der «Laisser-faire»-Landwirtschaft des Japaners Masanobu Fukuoka. Selosse beobachtet die Natur, statt sie zu kontrollieren. Er spricht über seine Weine wie über lebendige Wesen, als wären sie Familienmitglieder. Und er besitzt eine ansteckende Begeisterungsfähigkeit. Mittlerweile hat der 73-Jährige die operative Leitung des Weinguts an seinen Sohn Guillaume übergeben. Guillaume Selosse, der seit über einem Jahrzehnt an der Seite seines Vaters arbeitet, führt das Erbe mit demselben demütigen Respekt vor der Natur fort. Mit eigenen Kreationen hat er sich längst emanzipiert und bewiesen, dass die Zukunft des Hauses in besten Händen liegt. Für Anselme geht es bei dieser Übergabe auch darum, die gelebten Werte an seine Nachkommen weiterzugeben: «Unsere Haltung lässt sich weder auf eine Technik reduzieren noch in ein Schema pressen. Vielmehr entspringt sie einer Ethik der Verantwortung gegenüber dem Lebendigen. Wir wollen kommenden Generationen ein Terroir überlassen, das lebendig genug ist, um auch morgen noch seine ganz eigene Geschichte zu erzählen», ist der charismatische Winzer überzeugt.
pagne, umgeben von den Weinbergen der Montagne de Reims.
Rote Trauben, weisser Champagner In der Champagne sind offiziell sieben Rebsorten zugelassen. Angebaut werden aber fast ausschliesslich die beiden roten Sorten Pinot noir und Pinot Meunier sowie die weisse Sorte Chardonnay. Obschon Champagner hauptsächlich als weisser Schaumwein im Kelch oder in der Schale sprudelt, machen rote Trauben den Grossteil der Anbaufläche aus. Für den «Blanc de Noirs» wird der Traubensaft nach der Ernte sehr rasch abgepresst, damit die Farbstoffe aus der Beerenhaut nicht in den Saft übergehen. Ein «Blanc de Blancs» wird hingegen ausschliesslich aus weissen Trauben (Chardonnay) vinifiziert. Als einer der eindrücklichsten und kraftvollsten Champagner unserer Degustation bei DhondtGrellet präsentiert sich der sortenreine Blanc de
Blancs «Le Bateau». Er besticht durch seine markante Textur und seine reife, tiefe Aromatik – benannt nach der gleichnamigen Einzellage im Grand-Cru-Ort Cramant. Es handelt sich um eine nur rund 0,15 Hektar grosse Parzelle mit sehr alten «vieilles vignes»: gepflanzt wurden sie im Jahr 1951. «Einer unserer beliebtesten Champagner von Dhondt-Grellet ist Les Terres Fines», erzählt Giuliano Lochner. Zusammen mit seinem langjährigen Freund und Geschäftspartner Andrea Lenzin betreibt er die im Tessin ansässige Firma Grains Nobles, die auf den Import von Winzerchampagnern spezialisiert ist. Was vor 30 Jahren fast zufällig im kleinen Rahmen begann, hat sich mittlerweile zu einer Top-Adresse für sorgfältig selektionierte Champagner entwickelt: Grains Nobles importiert exklusiv über 20 verschiedene Marken von ausschliesslich handwerklich und naturnah arbeitenden Produzenten – darunter auch die legendären Champagner aus dem Hause Selosse.
Anselme Selosse revolutionierte die Region, indem er den Fokus kosequent auf das Terroir legte – eine damals unerhörte Herangehensweise.
Der Kultwinzer aus Avize Wer über handwerklichen Champagner spricht, kommt an Anselme Selosse nicht vorbei. Als Anselme 1980 das elterliche Weingut Jacques Selosse in Avize übernahm, glich die Champagne mehr oder weniger einer industriellen Monokultur. Grosse Handelshäuser dominierten den Markt, Trauben wurden als Massenware gehandelt und die Weinberge mit synthetischen Mitteln auf Höchsterträge getrimmt. Anselme Selosse, der zuvor im Burgund Weinbau studiert hatte, sah die Dinge mit anderen Augen und betrachtete den Weinbau aus einer anderen Perspektive. Seine Philosophie: Ein grosser Champagner muss primär ein grosser Wein sein. Er revolutionierte die Region, indem er den Fokus konsequent auf das Terroir legte – eine damals unerhörte Idee in einer Welt, die auf standardisierte Marken-Cuvées setzte. Er reduzierte die Erträge drastisch, stellte auf naturnahe, biologische Bewirtschaftung um – zunächst nach biodynamischen Grundsätzen, heute nach den Richtlinien der Permakultur – und baute
Ein wilder Garten und eine Prise Kitsch
CHRISTINA HUBBELING
Wein soll sich selbst finden.» Diese handwerkliche Methode erfordert viel Geduld und birgt ein hohes Risiko. Wenn ein Fass fehlerhaft gärt, gibt es kaum Korrekturmöglichkeiten. Doch das Ergebnis gibt dem jungen Winzer recht: Seine Champagner, die oft mit einer sehr geringen Dosage – also fast ohne nachträgliche Zuckerzugabe – abgefüllt werden, gehören heute weltweit zu den gefragtesten Kultschaumweinen unter Kennern: Sie sind gradlinig, tiefgründig, salzig-mineralisch und vibrieren förmlich vor Energie. «Die Weine von Dhondt-Grellet zeugen von Präzision und widerspiegeln das kreidehaltige Terroir der Côte des Blancs», sagt Giuliano Lochner, während er das Glas zur Nase führt. Wir befinden uns mittlerweile im Degustationsraum des Weinguts, der sich mit seiner loftartigen Raumhöhe und den grossen Fensterflächen stylisch präsentiert. Vor uns aufgereiht stehen zwölf Flaschen bereit für die Degustation. Auf der steinernen Ablage liegt eine Karte des Weinbaugebiets der Champagne, das sich insgesamt über rund 34 000 Hektar erstreckt und in vier grosse Hauptregionen unterteilt ist: Montagne de Reims, Vallée de la Marne, Côte des Blancs und die Côte des Bar, auch als Aube bekannt.
Der charismatische Winzer Anselme Selosse (links) mit Giuliano Lochner von «Grains Nobles»..
Um diese Philosophie nicht nur im Glas zu schmecken, sondern holistisch mit allen Sinnen zu erfahren, schufen Anselme und seine Frau Corinne ihr Gästehaus Les Avisés. Das charmante Refugium mit zehn individuell gestalteten Zimmern ist in einem neoklassizistischen Herrenhaus am oberen Rand von Avize untergebracht und strahlt die intime, ungezwungene Atmosphäre eines privaten Wohnhauses aus. Gleich nebenan befindet sich der Weinkeller und hinter dem naturgemäss etwas wilden Permakulturgarten beginnt der Rebberg. Das Interieur ist ein eklektischer Stilmix. Klassische Architektur verschmilzt mit zeitgenössischer Kunst und modernen Designermöbeln. Eine Prise Humor rundet das Ganze ab und zeigt sich in leicht schrägen Details: Schneewittchen und die sieben Zwerge auf dem Türrahmen treffen auf eine Snoopy-Vase auf der Kommode beim Eingang. Die Küche im «Les Avisés» führt Stéphane Rossillon, das Restaurant seine Frau Nathalie. Ihr Handwerk haben beide bei der Dreisterneköchin Anne-Sophie Pic in Valence perfektioniert. Die Menus sind auf die jeweilige Saison abgestimmt, die Weinkarte hält, was die ambitionierte Küche verspricht. Anselme Selosse ist für viele Winzer ein Vorbild und eine Inspiration. So auch für Bertrand Gautherot und sein legendäres Weingut Vouette & Sorbée, das sich in der Côte des Bar, dem südlichsFortsetzung auf Seite 4
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AUDEXCOM
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ten Teil der Champagne im Département Aube befindet und heute von seiner Tochter Héloïse geführt wird: «Anselme Selosse hat meinen Vater damals ermutigt, eigenen Champagner zu produzieren. Und kaum hat er damit begonnen, ging es steil von null auf hundert», erzählt Héloïse. Schon 1998 stellte Gautherot auf Biodynamik um. Bei «Vouette & Sorbée» gilt das Credo: «Erst Wein, dann Champagner.» Seine Weine wie der Blanc de Noirs «Fidèle» oder der «Blanc d’Argile» werden spontan mit wilden Hefen in gebrauchten Holzfässern vergoren, unfiltriert und gänzlich ohne Dosage (als Brut Nature) auf die Flasche gezogen. Sie besitzen eine fast archaische Kraft, sind wild und fordern den Gaumen heraus.
Wie bei Freunden zu Hause Wie von Zauberhand landen immer mehr Teller und Platten mit traditionellen Spezialitäten wie Pasteten, Würsten, Aufschnitt, Brote, Käse und Kuchen auf dem Tisch. Ein rustikales, herzliches Essen voller währschafter Köstlichkeiten. In dieser vertrauten Runde fühlt man sich gleich wie bei Freunden zu Hause. Von der Côte des Bar führt unser Weg
CHRISTINA HUBBELING
Héloïse hat uns eingeladen, am ovalen Tisch mit der bunten, plastifizierten Tischdecke Platz zu nehmen. Mit uns an der Tafel sitzt auch ihr Winzerfreund Thibault Tassin, der 2019 zusammen mit seiner Frau Alizée sein elterliches Weingut übernommen und dieses von konventioneller Bewirtschaftung auf biodynamisch umgestellt hat. Die Côte des Bar, wo die Champagner von Vouette & Sorbée oder Thibault und Alizée Tassin entstehen, liegt im Süden der Champagne und unterscheidet sich geologisch stark von der nördlichen Champagne wie Reims oder Épernay: Im Süden dominiert Kalkmergel, der ähnlich ist wie im nahe gelegenen Chablis im Burgund, was den Champagnern eine ausgeprägte Mineralität verleiht. Thibault hat inzwischen eine Flasche seines «Dalivard Millésime 2021» geöffnet, ein sortenreiner Chardonnay. Im Glas zeigt er eine goldene Farbe und feine Perlung. In der Nase duftet er nach reifen Früchten, am Gaumen ist die Frische spürbar. Die Trauben stammen von einer einzelnen Parzelle. Der Ausbau findet im Holzfass sowie in Amphoren statt, sämtliche Arbeitsschritte erfolgen manuell.
Das Hotel und Restaurant L’Assiette Champenoise gilt als eines der kulinarischen Aushängeschilder der Champagne. AUDEXCOM
Im Süden dominiert Kalkmergel
Salontisch, stehen Skulpturen im Raum. Man kann sagen: Sein Champagner ist so etwas wie die flüssige Fortsetzung dieser Passion. Für ihn ist das Weinmachen kein steriles Handwerk, sondern ein intuitiver, schöpferischer Prozess. Giuliano Lochner und Andrea Lenzin vertreten mit Grains Nobles nicht nur Ikonen wie Dhondt-Grellet, Selosse oder Prévosts La Closerie. Sie sind auch stets auf der Suche nach noch weitgehend unbekannten Entdeckungen. Eine davon ist Benjamin Petit. «Als ich zum ersten Mal seinen Champagner probierte, war ich wie elektrisiert», erzählt Giuliano Lochner und fährt fort: «Benjamin Petit ist ein Perfektionist und sehr begabt – sein Champagner einfach phantastisch.» Petits Geschichte zeigt, dass man nicht zwingend von Kindsbeinen an den traditionellen Weg einschlagen muss, sondern dass man auch als Quereinsteiger Erfolg haben kann: Benjamin Petit kommt aus der nördlichen Ecke der Champagne. Nach seinem Philosophiestudium kehrte er seiner Heimat den Rücken und zog in die Berge, wo er ein Bio-Restaurant betrieb. Zurück in der Champagne, übernahm er die Weinberge seiner Grossmutter und baute den Keller seines Wohnhauses zu einem Weinkeller aus. Ohne Mittel und bei null beginnend, perfektionierte er seine Kenntnisse im Burgund, las viel, experimentierte noch mehr und fand so mit Geduld, Fleiss, Akribie und Ausdauer zu seinem unvergleichlichen Stil.
Grosse Weine von Benjamin Petit
Essbares Kunstwerk von Dreisternekoch Arnaud Lallement.
über Troyes und Reims ins kleine Dorf Tinqueux. Hier befindet sich eine der bekanntesten Gourmet-Adressen der Champagne: das Dreisternerestaurant L’Assiette Champenoise, in dessen Küche Arnaud Lallement die Fäden zieht. Zusammen mit dem Winzer Jérôme Prévost und seiner Frau Agnès sitzen wir am Chef's Table in der Küche und schauen dem Koch und seiner weissbehaubten Equipe zu. Es ist wie in einem Theaterstück. Ein emsiges Treiben mit steigendem Lärmpegel, Töpfe und Deckel klap-
Eklektischer Stilmix im Hôtel Restaurant Les Avizés.
Benjamin Petit ist eine One-ManShow. Selbst die Etiketten klebt er von Hand auf seine Flaschen.
pern, es zischt und brutzelt, aus dem Lautsprecher über dem Tisch dröhnt Rockmusik aus den 1980er Jahren. Arnaud Lallement ist ein passionierter Botschafter der handwerklichen Winzerchampagner. Er war einer der Ersten, die Jérôme Prévosts Champagner «La Closerie» auf die Weinkarte setzte. Der Winzer, einst ein enger Weggefährte von Anselme Selosse, lebt im Dorf nebenan, umgeben von Reben und Kunst. In seinem modernen Flachdachwohnhaus hängt Kunst an den Wänden, liegen Kunstbände auf dem
Die Degustation findet im Wohnzimmer statt, das den Charakter einer Junggesellenbude hat. Über dem langen Holztisch hängen Edward Hoppers «Nachtschwärmer», auf dem Boden stehen Musikinstrumente und praktisch an jeder Wand stehen Bücherregale, gefüllt mit vorwiegend philosophischen Werken, aber auch mit einer stattlichen Kollektion alter Vinylschallplatten. Auf dem Tisch wartet eine Flasche seiner Cuvée Jeannine auf uns. Dieser rare Champagner – es gibt davon weniger als 1000 Flaschen – ist eine Assemblage aus 80% Pinot noir und 20% Chardonnay. Er präsentiert sich ausgewogen, mineralisch und besticht mit markanter Würze und eleganter Holznote. Benjamin Petit ist eine One-Man-Show. Selbst die Etiketten klebt er von Hand auf jede Flasche. Noch ist die Produktion ein gut gehütetes Geheimnis zwischen Schallplatten und Philosophiebüchern. Doch wer seine Cuvée probiert, spürt schnell: Hier fliessen Geist, Geduld und echtes Handwerk zu flüssiger Poesie zusammen.
Diese Maisons machen von sich reden Jacques Selosse
Dhondt-Grellet
Thibault Tassin
Vouette & Sorbée
La Closerie
Benjamin Petit
Anselme Selosse, der Sohn von Jacques Selosse, der die Maison 1949 gründete, gilt als Kultfigur und dient unzähligen Winzern als Vorbild. In Avize prägte er eine Philosophie, die den Boden ins Zentrum rückt: kleine Erträge, Ausbau im Holzfass und naturnaher Weinbau. Seine Champagner faszinieren durch Tiefe, feine Oxidation und eine Vielschichtigkeit, die das Haus Jacques Selosse zu einer der begehrtesten Ikonen der gesamten Weinwelt macht. Nun führt Sohn Guillaume die Vision zukunftssicher fort.
Unter der Regie des jungen Talents Adrien Dhondt hat sich Dhondt-Grellet in Flavigny rasant an die Spitze der Côte des Blancs gearbeitet. Mit akribischer Feinarbeit in den Weinbergen, Reben, die zum Teil über 70 Jahre alt sind, und biologischem Anbau bringt er das Terroir meisterhaft zur Geltung. Seine von Chardonnay geprägten Cuvées zeichnen sich durch Präzision, eine glasklare Struktur und Frische aus. Ein dynamisches Gut, das traditionelle Werte mit einer modernen Eleganz verbindet.
Der junge Winzer aus der Côte des Bar im Süden der Champagne steht für eine neue Generation unabhängiger Produzenten. Auf seinen kleinen Parzellen setzt Thibault Tassin konsequent auf biologischen Anbau und befindet sich derzeit auf dem Weg zur Demeter-Zertifizierung. Im Keller greift er nur minimal ein. Seine präzise herausgearbeiteten Einzellagen-Cuvées offenbaren den unverfälschten Charakter der Region auf ausdrucksstarke Weise, mit Frische und einer bemerkenswerten Mineralität.
Das Weingut im Süden der Champagne ist ein Pionierbetrieb für biodynamischen Weinbau. Von Bertrand Gautherot gegründet, wird der Betrieb heute von seiner Tochter Héloïse geführt. Die Champagner entstehen ohne Schönung und werden in der Regel naturbelassen ohne Dosage (Beigabe von Zucker) abgefüllt. Sie überzeugen durch pure Kraft, eine markante Salzigkeit und tiefe Terroir-Treue, was das Haus zu einer festen Grösse für Liebhaber kompromissloser Winzerchampagner macht.
Hinter La Closerie steht der Winzer und Kunstliebhaber Jérôme Prévost, der in Gueux ein einzigartiges Gesamtkunstwerk erschaffen hat. Aus seiner kaum zwei Hektar grossen Parzelle Les Béguines keltert er fast ausschliesslich Pinot Meunier. Seine Champagner reifen im Holz, sind ausdrucksstark und besitzen ein gutes Alterungspotenzial. Die Weine von Jérôme Prévost verkörpern eine kompromisslose Intuition und Kunstfertigkeit – ein Nischenjuwel mit Kultstatus unter Enthusiasten.
Aufgewachsen im Norden der Champagne, schlug Benjamin Petit nach seinem Philosophiestudium und einem Abstecher in die Gastronomie den Weg des Winzers ein. Ohne eigene Mittel gestartet, keltert er in seinem Wohnhauskeller in Handarbeit herausragende Champagner. Seine seltenen Flaschen reifen sozusagen in Gesellschaft von philosophischen Büchern und Schallplatten heran. Seine extrem limitierten Cuvées vereinen handwerkliche Akribie, feine Würze und Frische. Ein Geheimtipp! (chu.)
FOR THOSE WHO KNOW Set the stage for the extraordinary. Introducing the Vario wine climate cabinets Expressive series. The difference is Gaggenau
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Wein aus dem Cashmere-Reich Brunello Cucinelli hätte Philosoph werden können. Stattdessen hat er ein mittelalterliches Dorf gerettet, eines der exklusivsten Modehäuser Italiens gegründet und den ersten «Super-Umbrian» der Weingeschichte produziert. Von Patricia Engelhorn
200 000 Bäume und Sträucher pflanzen, legte Obstgärten, Olivenhaine, Sonnenblumen- und Kornfelder an. 2011 begann er, Reben zu pflanzen – kein Wunder bei jemandem, der den Wein schon im Namen trägt.
Streben nach Schönheit «Das ist meine Art, mit meiner Erde in Verbindung zu treten», sagt er. «Ich hatte viel Glück mit dem Cashmere und möchte ein wenig davon zurückgeben. Ich möchte regenerieren, reparieren, pflegen. Auch in dieser Landschaft. Ich habe Rebstöcke gepflanzt, wo alte Schuppen waren, das Schöne anstelle des Hässlichen.» Seine Reben stehen nicht in ordentlichen Reihen, sondern bilden konzentrische Kreise, wie die Wellen, die entstehen, wenn ein Stein ins Wasser fällt. Das fördert nicht nur die Luftzirkulation, sondern sieht auch wunderschön aus. «Wie ein Kunstwerk», sagt Brunello Cucinelli. Seine Erfolgsgeschichte begann vor über 45 Jahren mit zwei Strickmaschinen, einer winzigen Werkstatt und der handwerklichen Unterstützung einer Tante. In Umbrien gibt es eine lange textile Tradition, früher stand in jedem Haushalt eine Strickmaschine – doch niemand verarbeitete hier hochwertiges Kaschmir. «Ich wollte ein Produkt von sehr hoher Qualität, etwas für die Ewigkeit, das man niemals wegwirft», erzählt er. Heute beschäftigt die Brunello Cucinelli SpA weltweit gut 3000 Mitarbeiter, der Jahresumsatz betrug 2025 rund 1,4 Milliarden Euro, seit 2012 ist das Unternehmen an der Börse notiert. Der Chef arbeitet in einem gigantischen, schneeweissen Büro im ersten Stock der lichtdurchfluteten Produktionshalle. Seine Gäste empfängt er aber
Wie ein Kunstwerk: die Reben vor dem Weinkeller sind in konzentrischen Kreisen angelegt.
Im Jahr 2011 begann er, Reben zu pflanzen. Kein Wunder bei jemandem, der den Wein schon im Namen trägt.
Modemacher und Weinproduzent Brunello Cucinelli in seinem Weinkeller.
lieber im Weinkeller – einem architektonischen Meisterwerk, das in einen sanften Hang gebaut wurde und aus der Ferne kaum zu erkennen ist. Von fast überall sichtbar sind nur das renovierte alte Bauernhaus auf der Kuppe und die gigantische Bacchus-Skulptur aus strahlend weissem Carrara-Marmor vor dem Eingang. Der Gott des Weins und der Fruchtbarkeit darf unter den vielen anderen Berühmtheiten der Antike, die im Cucinelli-Reich verteilt sind, nicht fehlen. Die Kellerei selbst erinnert an die byzantinischen Kirchen im alten Konstantinopel: eine grosse Backsteinhalle mit einem von unzähligen Säulen getragenen Deckengewölbe.
Wie die Super-Toskaner
FOTOS: PD
«Ich bin in einer einfachen Bauernfamilie in Umbrien aufgewachsen», erzählt Brunello Cucinelli. «Als ich gross genug war, um auf den Feldern zu helfen, bekam ich eine Aufgabe: Ich sollte die Äcker in ordentlichen Parallelbahnen pflügen. Wir besassen keinen Traktor, unser Pflug wurde von zwei Kühen gezogen. Ich war unerfahren, die Kühe liefen kreuz und quer, entsprechend sahen die Bahnen aus. Als ich meinen Vater fragte, weshalb die Bahnen gerade sein sollten, antwortete er: Brunello, es sieht doch viel schöner aus.» Schönheit ist ein wichtiges Kriterium in der Cucinelli-Welt. Der als King of Cashmere bekannte Modeunternehmer produziert Luxus-Sportbekleidung, die von den Reichen, den Berühmten und Mächtigen getragen wird. Er verkauft sie in seinen eleganten Boutiquen in Paris, New York oder Tokio, kaum ein Modell ist unter 1000 Franken zu haben. 1985 erwarb er eine Burg aus dem 14. Jahrhundert, einen Palazzo aus dem 17. Jahrhundert und acht verlassene Häuser im Miniweiler Solomeo, der einsam auf einem Hügel in der Nähe von Perugia thront. Fast drei Jahrzehnte lang restaurierte er den verfallenden Ortskern. Zusammen mit seiner Frau bezog er eine Renaissance-Villa im Dorf, die beiden Töchter wohnen mit ihren Familien in der Nachbarschaft. Es ist ein heiteres Leben, geprägt von familiärem Zusammenhalt, Arbeit und Freunden, die es schon immer gab. Doch Brunello Cucinelli, der sich seit langem mit Philosophie und Ästhetik beschäftigt, war noch nicht zufrieden. Nach dem Weiler nahm er sich das Tal zu dessen Füssen vor. «Es sollte wieder so werden wie vor 500 Jahren», sagt der Modeunternehmer, «ich habe es der Natur zurückgegeben.» Er liess fast
Zwischen konischen Gärbottichen aus slawonischer Eiche und französischen Barriquefässern steht ein mächtiger Holztisch mit zwei Grossflaschen-Dekantierern. In den Halterungen: Methusalems des Castello di Solomeo, des einzigen hier produzierten Weines. Es ist ein Blend aus Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Merlot und ein wenig einheimischem Sangiovese, der der samtigen französischen Mischung etwas Frische, Säure und Lebhaftigkeit verleiht. Die Menge ist so exklusiv wie der Preis: Es gibt nur rund 9000 Flaschen pro Jahr, die jeweils 440 Euro kosten. «Der renommierte britische <Wine Spectator› hat unseren Wein <Super-Umbrian› genannt», freut sich Cucinelli, «darauf bin ich sehr stolz.» Zu Recht. Denn wie macht man einen Super-Wein in einer Region, die für Weinbau so gar nicht bekannt ist? Brunello Cucinelli bittet seinen Freund Riccardo Cotarella um Unterstützung, ein Umbrier wie er selbst und der wohl bekannteste Flying Winemaker Italiens. «Cotarella fragte mich: Was für einen
Wein möchtest du? Ich antwortet: Ich bin kein Kenner, aber wenn du mir einen machst, der auch nur halb so gut schmeckt wie der Guado al Tasso, bin ich zufrieden.» Guado al Tasso, ein Bolgheri Superiore DOC von Marchesi Antinori, ist der Hauswein der Cucinellis. Er ist weltberühmt und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Doch für eine Koryphäe wie Riccardo Cotarella war klar: «Wir machen etwas Besseres.» Er setzt auf eine knallharte Selektion. Nur die absolut besten Früchte werden ausgewählt, jede Weinbergparzelle wird separat vergoren und nur der freie Saft gelangt in die Fässer. Nach 16 bis 18 Monaten kommt etwas mehr als die Hälfte des fertigen Weins in den endgültigen Verschnitt. «Unser Wein schmeckt frischer, er zeigt mehr Frucht und weichere Tannine als seine strukturierteren Gegenstücke aus der Toskana», erklärt Kellermeister Pietro Grelloni, der von Anfang an dabei ist. Der erste Jahrgang kam 2023 auf den Markt – doch was heisst schon «auf den Markt»? Den Castello di Solomeo gibt es nicht im stationären Weinhandel. Er wird an private Sammler, Liebhaber, Prominente und Stammkunden verkauft. Die Etiketten hat Brunello Cucinelli selbst entworfen, sie sind für ihn von entscheidender Bedeutung: «Die Franzosen mit ihren Châteaux bla bla haben gezeigt, wie es geht. Unser Etikett zeigt unser kleines Dorf, mit dem Theater, der Kirche, der Villa, der Bar.» Auch seine Idee, das Seidenpapier, das jede Flasche umhüllt, mit Zitaten von Platon, Hypatia und anderen Dichtern und Denkern zu bedrucken, stammt von ihm. «Nichts ist für immer», sagt Brunello Cucinelli, «trotzdem sollten wir versuchen, unsere Sache gut zu machen und etwas Schönes zu hinterlassen.» Sei dies ein Pullover, ein Dorf oder eine Flasche Rotwein.
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Die beste Crèmeschnitte gibt’s auf 2048 Metern über Meer Im Wallis streiten zwei Bergrestaurants um die Krone der Crèmeschnitte. Die Zermatter Version im «Zum See» ist legendär. Doch ganz in der Nähe gibt es eine unverschämt gute Neuinterpretation. Von Bernhard Keller
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er im «Zum See» eine gegessen hat, versteht den Ruf: Der Blätterteig knackt, die Crème ist leicht. Und doch gibt es gut fünfzig Kilometer weiter westlich eine etwas andere Version dieses beliebten Schweizer Patisserieklassikers, der die Kunst der luftig-süssen Verführung zur Vollendung gebracht hat. Man muss dafür ins Restaurant Moosalp auf 2048 Meter über Meer oberhalb von Törbel. Die Strasse zieht sich in Kehren durch Felswände und Lärchenwälder nach oben. Auf der Moosalp angekommen, öffnet sich die Landschaft: Hochmoor, Alpweiden, Walliser Viertausender. Im Sommer kommen Wanderer und Rennvelofahrer, im Winter Skifahrer. Auf der Terrasse sitzen Einheimische neben Feriengästen, Bauern neben Geschäftsleuten. Und erstaunlich viele bestellen am Ende dasselbe. Crèmeschnitte.
die ihn seit seiner Kindheit geprägt hatte. Die Geschichte des Restaurants hatte da längst begonnen. Im Sommer 1964 nahm das Haus seinen Betrieb auf. Die Moosalp war damals kein touristischer Hotspot. Bis Ende der vierziger Jahre verbrachten hier vor allem Vieh, Hirten und Sennen den Sommer. Noch beim Bau des Restaurants fehlte eine allgemeine Wasserversorgung; Trinkwasser musste beim nahen Brunnen geholt werden. Wer einkehrte, bekam vielleicht ein Glas Wein im Joghurtbecher und ein Raclette vom offenen Feuer. 1990 übernahmen Werner und Balbina Kalbermatten den Betrieb vollständig. Ihr Sohn Amadé stand bereits in der Küche, Tochter Regula im Service. Ende 1998 ging das Restaurant an Amadé und seine Frau Carmen über. Gemeinsam machten sie aus der Bergbeiz ein Restaurant, dessen Ruf weit über das Oberwallis hinausreicht, ohne dem Haus seine Herkunft auszutreiben.
Im Wallis ist man nicht bescheiden
Vom Bundesrat eine Auszeichnung erhalten
Die Moosalp-Version hat mit jener schweren, süssen Crèmeschnitte, die mancher aus der Bahnhofbäckerei kennt, nur die Grundidee gemeinsam. Zwischen hauchdünnen Blätterteigschichten liegt eine Vanillecrème, die zugleich luftig und standfest ist. Sie schmeckt nach Vanille, Rahm und Handwerk, nicht einfach nach Zucker. Der Teig gibt Widerstand, aber nur für einen Augenblick; dann zerfällt er in feine Splitter. Crème und Blätterteig mischen sich. Genau darin liegt der Reiz. Amadé Kalbermatten, der Mann hinter dieser Crèmeschnitte, hält sich mit Bescheidenheit nicht unnötig zurück. Wer einmal seine gegessen habe, sagte er kürzlich im hauseigenen Podcast sinngemäss, wolle keine andere Crèmeschnitte mehr geniessen. Eine Form des Walliser Understatements – nur eben umgekehrt. Und im konkreten Fall erstaunlich schwer zu widerlegen. Dass diese Crèmeschnitte überhaupt existiert, hat mit einem Rat zu tun, der zunächst nichts mit Patisserie zu tun hatte. Als junger Mann liebäugelte Amadé Kalbermatten mit einem Beruf als Tierpfleger im Zürcher Zoo. Seine Mutter Balbina hatte eine bodenständigere Idee. Er solle Koch werden, sagte sie ihm: Dann habe er immer warm und immer genug zu essen.
Das macht bis heute den Reiz dieser Bergbeiz aus. Auf der Speisekarte steht bodenständige Bergküche neben Gerichten, die mit asiatischen oder mediterranen Aromen spielen. Gault-Millau führt das «Moosalp» seit Jahren mit 14 Punkten. 2022 erhielt Amadé Kalbermatten in Bern den «Mérite culinaire suisse»; Bundesrat Guy Parmelin überreichte die Auszeichnung. Im Sommer 2026 wurde das Haus zur besten Bergbeiz der Schweiz gekürt. Mehr als 550 Bergrestaurants waren nominiert. Die vielleicht schönste Auszeichnung lässt sich allerdings nicht rahmen. Sie zeigt sich an sonnigen Sonntagen, wenn selbst zehn grosse Bleche Crèmeschnitte nicht reichen. Das Dessert wird auf Wunsch meterweise bestellt. Eine Portion soll es sogar als Take-away bis nach Dubai geschafft haben. Amadé Kalbermatten wiederum träumt davon, seine Crèmeschnitte eines Tages aus einem Foodtruck im Central Park in New York zu verkaufen. Noch ist ihr natürlicher Lebensraum allerdings die Moosalp. Das ist auch gut so.
FOTOS: PD
Zum Glück hat Amadé auf die Mutter gehört Kalbermatten hörte auf seine Mutter. Er absolvierte eine Kochlehre in Täsch, sammelte Erfahrungen in Küchen in Visp, Brig, Saas-Fee und Montreux und kehrte schliesslich auf jene Alp zurück,
Wer einkehrte, bekam vielleicht ein Glas Wein im Joghurtbecher und ein Raclette vom offenen Feuer.
In dritter Generation geführt
Auf der Moosalp geht es bodenständig und rustikal zu und her. Doch das Essen ist alles andere als einfach – es ist göttlich.
Eine Crèmeschnitte von der Moosalp hat es im Take-away-Doggybag bis nach Dubai geschafft.
Denn zur Crèmeschnitte gehört der Ort. Sie schmeckt besser nach einer Wanderung durch die bunten Herbstwälder, nach einer Velofahrt über die steile Bergstrasse oder nach ein paar Stunden in kalter Winterluft. Sie gehört auf einen Tisch aus Holz, vor ein Panorama mit dem Mischabelmassiv. Und sie gehört zu einem Betrieb, der trotz aller Auszeichnungen ein Stück Familiengeschichte geblieben ist. Heute führen Amadé und sein Sohn Jeremy das Restaurant in dritter Generation. Tochter Priscilla prägt im Hintergrund den Auftritt des Hauses. Carmen, die das Restaurant über viele Jahre mit Amadé aufgebaut und den Service geprägt hat, ist inzwischen verstorben. Auf der Website der Familie steht über sie ein Satz, der viel über dieses Haus erzählt: Ihre Wärme bleibe der Massstab, an dem sich das ganze Moosalp-Ensemble messe. Vielleicht erklärt gerade das den Erfolg besser als jede Rezeptur. Eine gute Crèmeschnitte lässt sich zerlegen in Blätterteig, Vanille, Rahm, Zucker und Handwerk. Eine berühmte Crèmeschnitte braucht zusätzlich eine Geschichte.
SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
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4. Oktober 2026
Artistic statt Nische
K
aum jemand kennt die Branche so gut wie er. Seit 45 Jahren beschäftigt sich Werner Abt, Gründer und Mitinhaber der Zürcher Parfumerie Spitzenhaus, mit Kosmetik und Parfum. Nach seiner Drogistenausbildung und dem Besuch der Höheren Fachschule führte ihn sein Weg nach Paris, wo er seine Leidenschaft für die Beauty-Industrie entdeckte. Als ihn seine Karriere vor über 30 Jahren nach Zürich führte, lancierte er am Paradeplatz ein sorgfältig kuratiertes Parfumeriekonzept mit ersten Nischendüften und machte sich einen Namen als Entdecker besonderer Marken.
Auf der Suche nach Duft-Individualität haben Nischendüfte in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Wie sich der Markt der Düfte verändert, weiss Werner Abt von der Zürcher Parfumerie Spitzenhaus. Interview: Anka Refghi
Künstliche Intelligenz und Masse – sind das in Zukunft die Herausforderungen? Ja, jedes Jahr werden mehrere Tausend Parfums lanciert. Damit steuert die Branche auf einen Kollaps hin. Hinzu kommt, dass Social Media und die Möglichkeit, mithilfe von Algorithmen und AI-Düfte zu kreieren, viele Menschen dazu ermutigt, als Parfum Creator oder Produzent zu agieren.
Herr Abt, ist Nische zum Mainstream geworden? WERNER ABT: Das geht tatsächlich in diese Richtung. Was ursprünglich als Gegenentwurf zur klassischen Parfumerie gedacht war, ist heute selbst zu einem grossen Markt geworden.
Wie lautet Ihre Antwort? Wir kuratieren noch exklusiver, wodurch wir bis heute imstande sind, eine internationale Klientel zu begeistern. Alles, was über künstliche Intelligenz entwickelt wird, kann für mich keine echte emotionale Beziehung zum Träger herstellen. Künstlerische Exzellenz und Eigenständigkeit werden sich durchsetzen. Das ist meine Hoffnung.
Sultan Pasha, Irisoir, 50 ml/298 Franken
Infiniment Coty Paris, Encore Une Fois ĽOsmium, 75 ml/298 Franken
Gibt es bereits Gegenentwürfe? Als Kurator gehört es zu meiner Aufgabe, besondere Dinge aufzuspüren. Früher war das eine wichtige Gabe, heute beschäftigen die grossen Konzerne ganze Teams von Scouts, die den Markt beobachten und spannende Marken frühzeitig für sich sichern. Es gibt aber Marken, die ganz bewusst hyperselektiv distribuieren. Pro Land nur ein einziges Geschäft, wie zum Beispiel Moëhr, das wir als einziges Geschäft in der Schweiz führen. Für mich eine wirkliche Preziose und Neuentdeckung. Eine Duftkollektion, die auf Nestor Moëhr zurückgeht, der im Grand Hotel de Monte-Carlo unter César Ritz als Hausparfumeur individuelle Düfte für seine Gäste kreierte.
Mystikum, Secret Fig Affair, 100 ml/268 Franken
Mit welchen Auswirkungen? Es gab grosse Roll-outs in Department Stores und grossen Parfumerien. Flächendeckend, global. Man kann sich vorstellen, was passiert, wenn eine kleine Marke in einem Atelier entsteht, aufgekauft und dann so weiterentwickelt wird, dass sie Rendite abwirft. Das Artisanale und die Rohstoffe des Anfangs verkommen dann zu Marketing.
Künstlerische Exzellenz und Eigenständigkeit werden sich durchsetzen. Das ist meine Hoffnung.
PD
Im Spitzenhaus sprechen Sie von Artistic Parfums und nicht mehr von Nische. Können Sie das genauer ausführen? Im Zentrum steht die künstlerische Eigenständigkeit und nicht die Positionierung als Nischenmarke. Artistic
FOTOS: PD
Wie ist der Nischenmarkt überhaupt entstanden? Zu den frühen Pionieren dieser Entwicklung gehörte Jean-François Laporte, der 1976 L’Artisan Parfumeur gründete. Frédéric Malle ging später einen entscheidenden Schritt weiter, als er die Parfumeure selbst als Künstler in den Mittelpunkt stellte. Ihre Namen wurden offen kommuniziert und auf den Flakons genannt. Das war eine Zeit, als der traditionelle Markt saturiert war und ins Stocken geriet. Die grossen Marken versuchten, mit sogenannten Flankers, also mit Variationen bereits erfolgreicher Düfte, zu wachsen. Damals war ich gerade wieder in Zürich und hatte für die Parfumerie Osswald begonnen, ein besonderes Sortiment zu kuratieren. Darunter Namen wie Francis Kurkdjian und weitere Brands, die ganz andere Werte verfolgten. Entscheidend war damals auch, dass wir direkt importieren konnten. Die Wende kam, als grosse Konzerne begannen, erfolgreiche Nischenmarken aufzukaufen.
Moëhr, Benedict, 100 ml/295 Franken
Werner Abt Der eidgenössisch diplomierte Drogist verfügt über rund vier Jahrzehnte Erfahrung in der Parfumund Kosmetikbranche. Vor der Eröffnung seiner eigenen Boutique 2015 war er jahrelang als Geschäftsführer der Zürcher Traditonsparfumerie Osswald tätig.
... es ist grossartig, dass der Fokus auf das Thema Parfum gerichtet ist, allerdings werden junge Generationen stark virtuell sozialisiert. Wir sehen, dass die Glaubwürdigkeit sozialer Medien höher eingestuft wird als unsere Expertise. Wir haben nicht selten 20 junge Leute am Tag, von denen 15 den gleichen Duft möchten, weil es ein Influencer empfohlen hat. Dabei ist Riechen etwas sehr Individuelles. Düfte sind sehr eng mit der Erinnerung verknüpft.
Parfums entstehen mit grossem Aufwand und viel Zeit. Der Parfumeur arbeitet mit synthetischen und natürlichen Ingredienzien, das Duftkonzentrat wird in einem Stahltank mazeriert und in unterschiedlichen Testreihen weiterentwickelt. Das sind zeitlich anspruchsvolle Prozesse, die sich grosse Marken vor dem Hintergrund konstanter Qualität und schneller Verfügbarkeit nicht leisten können.
Thomas de Monaco, Fuego Futuro, 50 ml/295 Franken ̌
Bei den Artistic Parfums kann es also auch Überraschungen geben? Durchaus. Ein befreundeter Parfumeur aus Clermont-Ferrand hatte sich einmal um eine Kommastelle vertan – daraus entstand Yuzu Ab Irato. Ich war so begeistert, dass ich den Duft sofort in unser Sortiment aufgenommen habe. Das führt uns zu dem Thema, wie natürlich heutige Ingredienzien sind.
Es gibt sehr wenig rein natürliche Düfte, da sie auf der Haut oft nicht funktionieren. Wenn ein Duft heute zu 20 Prozent aus natürlichen Ingredienzien besteht, ist das bereits viel. Bei vielen grossen kommerziellen Düften ist der Anteil deutlich geringer. Durch die sozialen Medien ist ein neuer Boom rund um Parfum entstanden ...
Ein gutes Gespür bleibt also unabdinglich. Welche Entwicklungen beobachten Sie zurzeit? Lavendel, Rose und Jasmin sind wieder präsent. Gourmands haben ihren Höhepunkt erreicht, Oud hingegen wird bleiben. Geschlechterunspezifische Düfte werden ebenso weiter zunehmen wie der Wunsch, einen individuellen Duft zu tragen. Daher werden auch wir als erstes Geschäft Custom-made-Düfte anbieten. Professionell auf höchstem Niveau und zu einem sehr guten Preis. Wenn man bis jetzt sein eigenes Parfum haben wollte, musste man zu einem Parfumeur gehen. Nun haben wir den Zugang zu einem Netzwerk. Man muss mit der Zeit gehen.
Parfumerie Spitzenhaus Gegründet 2015 von Werner Abt, befindet sich die Parfumerie Spitzenhaus an der Börsenstrasse in Zürich. Das Haus ist auf eine kuratierte Auswahl von Artistic Parfums sowie auf hochwertige Hautpflege und auf Make-up spezialisiert. Viele der geführten Marken sind nur an wenigen Verkaufsstellen erhältlich.
Festa del vino 2026
An langen Tischen, mit grossen Flaschen und italienischen Retro-Pop-Hits.
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4. Oktober 2026
FURAX
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Das Château Langoa-Barton in Saint-Julien ist seit 1821 im Besitz der Familie Barton und dient auch als Heimat für die Vinifikation des Schwesterguts Château Léoville-Barton.
Diese Bordeaux gehören in den Weinkeller
Im Bordelais war 2023 ein Jahr des Cabernet Sauvignon. Wir haben rund 30 Weine aus dem Médoc und Pessac-Léognan bis zu einem Preis von 100 Franken verkostet. Die grossen Namen liegen an der Spitze, allen voran der Sieger Château Léoville-Barton. Von Peter Keller.
B
ordeaux hat zwei Gesichter. Auf der einen Seite ziehen die berühmten französischen Châteaux weiterhin viele Geniesser und Geniesserinnen in den Bann. Ihre Weltklasseweine, die hervorragend altern, dürfen in einem gut sortierten Weinkeller nicht fehlen. Auf der anderen Seite verändert sich wohl keine andere Weinregion so rasant schnell wie das Bordelais. Es wird nämlich zu viel einfacher Rotwein produziert, und immer weniger Personen wollen diese Produkte trinken. Die Abstinenz hat weitreichende Folgen. Die Preise für die einfachen Weine sinken und decken teilweise nicht mehr die Produktionskosten. Unrentable Rebberge müssen verschwinden. So wurden in den letzten Jahren rund 18 000 Hektar gerodet. Die Gesamtfläche im Bordelais sank damit erstmals auf unter 100 000 Hektar. Die Rotwein-Metropole im Südwesten Frankreichs diversifiziert zudem ihre Produktion: mehr Weiss-, Rosé- und Schaumweine statt rote Crus.
Dünne Luft Aber auch das Luxussegment bekundet heutzutage Mühe. Trotz Preissenkungen werden die bekannten Châteaux vielfach als zu teuer wahrgenommen. Die Luft bei den Weinen, die dreistellige Summen kosten, ist dünner geworden. Davon zeugen allenthalben Rabatte, die auf dem
Markt auch für ältere Jahrgänge wie 2019, 2020 oder 2021 angeboten werden. Ebenso lahmt das Subskriptionsgeschäft für den neuen, noch im Fass ruhenden 2025er, der erst in zwei Jahren lanciert wird. Wer will schon den Wein im Voraus bezahlen, wenn er nachher allenfalls gar günstiger zu haben ist?
Ein Jahr zum Verlieben
Der Test hat gezeigt, dass im Jahr 2023 ein gutes Terroir für eine ausgezeichnete Qualität besonders wichtig ist. GrandCru-Weine waren den Cru-BourgeoisGewächsen generell überlegen. Das Magazin «Vinifera» des Westschweizer Weinhändlers Le Cave zieht ein generelles Fazit des Jahrgangs: «Die Referenzweine präsentieren sich in einem attraktiven Gewand, haben einen moderaten Alkoholgehalt, sind schwungvoll und dynamisch, knüpfen irgendwo an den klassischen Bordeaux an und verfügen über die Fähigkeit, sich im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln.» Auf den Punkt
gebracht hat es Véronique Sanders, die Direktorin des grossartigen Château Haut-Bailly (Preis liegt leider über 100 Franken): Die Leute würden sich in den 2023er verlieben. Sie hätten ihn getestet und hätten ihn gewollt.
Sicherer Wert
Eine sichere Kaufempfehlung ist der Gewinner der Degustation, bei der Nuancen entschieden haben: Château Der neueste Jahrgang auf dem Markt ist Léoville-Barton 2023 aus dem St-Julien der 2023er. In diesem Jahr ist namentlich ist in diesem Jahr hervorragend gelunder Cabernet Sauvignon sehr gut ausgefallen. Die Sorte ist vorherrschend in den gen, ein Klassiker im wahrsten Sinne des Weinen des linken Ufers, Wortes. Der zu drei Fünfalso des Médoc, sowie im teln in neuen Barriques Pessac-Léognan nahe der ausgebaute Wein (DegusStadt Bordeaux. Wir haben tationsnotiz siehe Kasten) daher eine repräsentative besteht aus einem hohen Auswahl von rund 30 BeiAnteil an Cabernet Sauvispielen aus beiden Appelgnon (87%). 10% Merlot sowie 3% Cabernet Franc lationen bis 100 Franken ausgewählt und die Crus, ergänzen die Assemblage. die ja stets Assemblagen Léoville-Barton, als Deuverschiedener Sorten sind, xième Grand Cru Classé, in einer Verkostung mit eingestuft, ist eines der verdeckten Etiketten ältesten Güter der Weingetestet. Grands Crus Clasbauregion Bordeaux und in den allermeisten Jahsés waren ebenso dabei wie Crus Bourgeois. ren ein sicherer Wert. Im Degustiert haben Peter Vergleich zu anderen Keller, Weinredaktor der Konkurrenten dieser StuNZZ, sowie Regina Edesfe sind die Preise mehr oder weniger vernünftig Gibbings, Sommelière und geblieben. Weinbloggerin. Historischer Weinkeller des Château Léoville-Barton.
Praktisch ebenbürtig sind die Weine auf den Plätzen 2 und 3. Auf dem Ehrenplatz landete Château Lynch-Bages 2023 aus dem Pauillac, der vor allem mit seiner grossartigen aromatischen Komplexität gepunktet hat. Der Cabernet Sauvignon, der mit 71% dominiert, reifte perfekt aus. 24% Merlot, 3% Cabernet Franc sowie 2% Petit Verdot ergänzen diese Cuvée. Das Weingut ist als Cinquième Grand Cru Classé klassifiziert. In der Hierarchie auf der zweithöchsten Stufe befinden die beiden auf dem dritten Rang Platzierten. Da ist einmal Château Lascombes 2023 aus dem Margaux, der erste Jahrgang des neuen Chefs Axel Heinz, der vorher lange Zeit für Ornellaia gearbeitet hatte. Die erfolgreiche Premiere, die 60% Cabernet Sauvignon enthält, ist wohl einer der besten Jahrgänge von Lascombes überhaupt. Ebenso attraktiv präsentiert sich Château Léoville-Poyferré 2023 aus dem St-Julien, bei dem für einmal mehr die Eleganz als die Kraft im Vordergrund steht und der daher ganz vorne gelandet ist. In diesem Fall liegt der Anteil des Cabernet Sauvignon bei 62%. Zusammenfassend sei erwähnt: Bordeaux bleibt eine unverzichtbare Option. Dies hat eine Vielzahl der verkosteten Weine bewiesen. Es lohnt sich wohl, noch zwei, drei Jahre mit dem Genuss der besten 2023er zu warten. Das Potenzial für eine lange Reife scheint vorhanden zu sein.
SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
NZZ AM SONNTAG
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FOTOS: PD
Grosse Bordeaux-Namen und ein grossartiger Sieger
Preis-/Genuss-Empfehlung Château Lagune 2023, Haut-Médoc
1. Platz Château Léoville-Barton 2023, StJulien
2. Platz Château Lynch-Bages 2023, Pauillac
3. Platz Château Lascombes 2023, Margaux
3. Platz Château Léoville-Poyferré 2023, St-Julien 18/20 Punkte 72.40 Franken
17,5/20 Punkte 36 Franken
Der tiefgründige Wein überzeugt mit seiner vielschichtigen Aromatik, seiner Frucht und Dichte, den präsenten, reifen Tanninen, der guten Säure, der Eleganz und dem lang anhaltenden Finale. Ein Bordeaux, der berührt. daniel-vins.ch
Trotz seiner Kraft wirkt dieser aussergewöhnliche Wein nicht schwer oder opulent. Er besitzt eine exzellente Struktur und befindet sich in der perfekten Balance. Viel Potenzial für eine tolle Zukunft. spenglerweine.ch
Gepunktet hat der Wein mit seinem facettenreichen Bouquet von schwarzen Beeren und würzigen Noten. Er ist ausdrucksvoll, intensiv, spannungsreich, ausgewogen und lang anhaltend mit einem dezent salzigen Abgang. de.millesima.ch
Normalerweise zeigt sich dieser Cru mit viel Kraft. Doch in diesem Jahr ist er so elegant und finessenreich gelungen wie schon lange nicht mehr. Reife Tannine, mittlere Säure, ein komplexes und langes Finale. spenglerweine.ch
Die Überraschung der Degustation ist angesichts ihrer Qualität preislich unschlagbar. Sehr schönes Bouquet, feine Tannine, gute Säure, druckvoll, gute Länge, ein delikater Wein. casadelvino.ch
19/20 Punkte 72.40 Franken
18,5/20 Punkte 84.30 Franken
18/20 Punkte 62.80 Franken
Weitere Empfehlungen Château Gruaud-Larose 2023, St-Julien, 17,5/20, 98 Franken. moevenpick-wein.ch
Château Brane-Cantenac 2023, Margaux, 17,5/20, 59 Franken. cavesa.ch
Château Cantenac-Brown 2023, Margaux, 17,5/20, 51.50 Franken. schubiweine.ch
Château Giscours 2023, Margaux, 17,5/20, 69.95 Franken. mondovino.ch
Château Les Carmes-Haut-Brion, Pessac-Léognan, 17,5/20, 97 Franken. moevenpick-wein.com
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Herbstliche Höhepunkte, saisonale Spezialitäten, besondere Begegnungen: 25 Sw zu Fuss, per Velo, mit öffentlichen Verkehrsmit 1
Basel
Im Herbst zeigt Basel seine entspannte Seite am Rhein: Solange die Temperaturen mitspielen, locken Spaziergänge entlang der Uferpromenade und die letzten Buvetten-Momente unter freiem Himmel. Wird es kühler, sorgen Orte wie die «Hiki Sauna» im Hafenareal oder die «Sauna am Rhy» im Rheinbad Breite für wohltuende Wärme mit Blick auf den Fluss. Auch dabei wird Basel als Stadt der kurzen Wege erlebbar.
2 Zürich
3 St.Gallen-Bodensee
Ein herbstlicher Tipp ist das Erleben der grünen Stadtoasen zu Fuss oder mit dem Velo. Der Rieterpark beispielweise bietet mit seinen alten Bäumen und offenen Wiesen einen ruhigen Rückzugsort mitten in der City. Im Botanischen Garten lässt sich die Vielfalt heimischer und exotischer Pflanzen entdecken. Gleichzeitig bietet das urbane Zürich vielfältige Möglichkeiten zur Erholung in unmittelbarer Nähe.
Ein Höhepunkt ist die Fahrt mit dem Voralpen-Express von Luzern nach St. Gallen. Vor Ort laden Führungen dazu ein, die Altstadt und den Stiftsbezirk aus neuer Perspektive zu erkunden. Auch auf der Route «Wasserblicke und Kulturschätze» lässt sich die Region barrierefrei entdecken. Für Gaumenfreuden sorgt das Schloss Wartegg, in dem Zutaten frisch aus dem «ProSpecieRara»-Garten auf den Tisch kommen.
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4 Sempachersee
5 Zug
Wenn sich die Landschaft am Sempachersee in warme Farbtöne kleidet, erwarten die Besucher kulinarische Höhepunkte in ausgezeichneten Restaurants und gemütlichen Gasthäusern der Region. Zur Auswahl stehen saisonale Spezialitäten, die mit viel Leidenschaft auf den Teller gebracht werden. Am besten kombiniert man den Besuch mit einem Spaziergang entlang des Sees oder einer Wanderung durch die Natur.
Swisstainable gibt Orientierung für ein bewussteres Reiseerlebnis.
Wenn sich die Wälder in leuchtende Rot-, Gold- und Orangetöne verwandeln, zeigt sich die Region von ihrer schönsten Seite. Sehr eindrucksvoll ist eine Wanderung auf dem Zugerberg mit Rundblick über den See und die Alpen. Weitere Höhepunkte sind die Obstbrand-Wanderung oder der ÄgeritalPanoramaweg. Zur Erholung danach ist der Villettepark ein Geheimtipp – eine idyllische öffentliche Parkanlage in Cham.
6 Luzern
7 Weggis Vitznau Rigi
8 Engelberg-Titlis
9 Surselva
Der Herbst in Luzern lässt sich abwechslungsreich erleben: Am 25. Oktober zieht der «SwissCityMarathon Lucerne» Läuferinnen und Läufer vor malerischer Kulisse an. Wer es gemütlicher mag, schlendert vom 3. bis 18. Oktober über die «Lozärner Määs». Mit dem Luzerner Museumspass lassen sich neun Museen unkompliziert entdecken, während die Coffee-Card dazu einlädt, die Kaffeekultur kennenzulernen.
An der Luzerner Riviera verbinden sich Erholung, Natur und Genuss. Die Region Weggis Vitznau Rigi hat sich als Yogadestination etabliert und bietet mit dem Wellness-Hopping eine besondere Auszeit für Frauen am Vierwaldstättersee. Wer hoch hinaus will, fährt mit den Rigi-Bahnen gemütlich bergwärts, wo traditionelles Alpkäsen im «Chäsernholz» oder ein kulinarischer Abstecher ins Kräuterhotel locken.
Schmecken, was die Gebirgswelt hergibt: Der Alpkäse-Trail verbindet auch im Oktober urige Hütten, in denen jahrhundertealtes Handwerk gepflegt wird und frischer Käse sowie lokale Produkte erhältlich sind. Die Gäste in Engelberg-Titlis können ihren herbstlichen Aufenthalt zudem in vielen Restaurants geniessen. Diese haben der Jahreszeit entsprechend frisches Wild aus der Region auf der Speisekarte.
Mit ihren Orten Brigels, Obersaxen, Lumnezia oder Ilanz ist die Surselva eine Ferienregion mit unzähligen Erlebnissen. Zu den Highlights im Herbst zählen Outdoor-Attraktionen wie die Greina-Hochebene, die Wasserfälle am Lag da Pigniu, die Ruinaulta (Rheinschlucht) oder das Val Frisal. Die Natur macht jede Wanderung und Bike-Tour zum Genuss – und auch die Bündner Küche bringt Farbe auf den Teller.
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21 18 17
10 Davos Eine Fahrt mit dem Nostalgiezug durch die bunt gefärbte Landschaft vereint historisches Erlebnis mit herbstlicher Stimmung: Von Davos, der höchstgelegenen Stadt Europas, geht es durch die Zügenschlucht über den Wiesnerviadukt nach Filisur und zurück. Wer noch mehr Ruhe sucht, dem sei die geschichtsträchtige Schatzalp mit ihrer legendären Standseilbahn und dem botanischen Garten Alpinum empfohlen.
11 Engadin Scuol Zernez Val Müstair Wenn sich die Lärchen golden färben, lädt die Ferienregion Engadin Scuol Zernez Val Müstair zu herbstlichen Entdeckungen ein. Auf den Unterengadiner Mineralwasserwegen lässt sich die Geschichte der über zwanzig Quellen erleben. Wer die alpine Natur schonend erkunden will, wandert durch die malerischen Sgraffito-Dörfer Guarda und Ardez oder beobachtet Wildtiere in der unberührten Biosfera Val Müstair.
12 Valposchiavo Wenn das Laub die Landschaft in eine traumhafte Kulisse verwandelt, kann man das italienischsprachige Bündner Tal nach wie vor zu Fuss oder mit dem Velo erkunden. Ein Highlight im Valposchiavo ist Mitte Oktober die Kastanienwoche. Sie bietet die ideale Gelegenheit, die lokalen Traditionen zu erleben und die malerischen Kastanienwälder während einer der faszinierendsten Jahreszeiten zu entdecken.
Leukerbad: Aktive Naturerlebnisse in der Schweizer Bergwelt erleben – kombiniert mit lokaler Tradition und saisonaler Gastronomie.
SCHWEIZ TOURISMUS
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4. Oktober 2026
unigung im Herbst
wisstainable-Destinationen zeigen, wie vielfältig sich die Schweiz entdecken lässt – tteln und mit Zeit für das, was vor Ort entsteht. 13 Ascona-Locarno
14 Lugano Region
Wenn sich die Natur rund um Ascona-Locarno in warme Herbstfarben hüllt, verwandelt sich die Region in ein Paradies für gemütliches Wandern. Die Zeit ist ideal, um die historischen Buchenwälder des Valle di Lodano im Vallemaggia zu erkunden, die zum UnescoWeltnaturerbe gehören. In Locarno selbst lädt das milde Klima zu Spaziergängen entlang der Seepromenade oder zur Entdeckung der Altstadt ein.
Dank der kostenlosen Führung «Autumn Flavours in Lugano» können Gäste ab Ende Oktober die städtischen Sehenswürdigkeiten bequem erkunden. Und die gastronomischen Angebote im Rahmen des Konzepts «Taste my Lugano» bieten die Gelegenheit, traditionelle Spezialitäten wie Risotto oder Polenta zu probieren. All dies lässt sich gut mit einem Besuch bei lokalen Weingütern oder CraftBrauereien verbinden.
Im Mendrisiotto sowie im Basso Ceresio ist der Tessiner Herbst aufgrund der Weinlese ein Höhepunkt des Jahres. Für Interessierte bietet sich die Gelegenheit, aktiv an den traditionellen Traubenerntetagen in den Rebbergen teilzunehmen. Jeden Samstag gibt es Führungen und Verkostungen, um ein Weingut zu testen – bei der Anreise mittels «Degusta il Mendrisiotto con AutoPostale» mit 50 Prozent Rabatt.
16 Saas-Fee/Saastal
18 Zermatt-Matterhorn
18 Leukerbad
Herbst im Oberwallis bedeutet goldene Lärchen, klare Bergluft und ruhige Wege vor einer eindrücklichen Viertausenderkulisse: Besonders empfehlenswert in der Region sind Wanderungen am Mattmark, auf dem Almageller Höhenweg oder im Gebiet Kreuzboden/Hohsaas. Mit der SaastalCard sind im Sommer und Herbst das PostAuto sowie die Bergbahnen (ausgenommen Metro Alpin) ab der ersten Übernachtung inklusive.
Zahlreiche Wanderwege laden dazu ein, die Zermatter Bergwelt zu entdecken. Auch im Herbst lässt sich die alpine Natur rund um das Matterhorn zu Fuss oder mit dem Velo erkunden. Ein interaktives Highlight ist der «Mountain Mind Trail», der mit dem Smartphone vom Gornergrat nach Riffelberg führt. Und wer die heimische Fauna erleben will, begibt sich auf eine geführte Wildbeobachtung am Rotenboden.
Der Herbst ist die perfekte Jahreszeit für aktive Naturerlebnisse in Leukerbad mit besten Bedingungen zum Wandern oder Biken. Besonders beliebt ist der Majingsee, der auf einer leichten Tour zu Fuss oder per Velo erreichbar ist und einen herrlichen Blick auf Gemmi und Torrent bietet. Und auf dem spielerischen «Thermi»-Erlebnisweg entdecken Familien die faszinierende Entstehung des Thermalwassers.
19 Interlaken
20 Biosphäre Entlebuch
21 Gstaad
22 Montreux Riviera
Die Ferienregion Interlaken weiss mit einer einzigartigen Verbindung von Seen, Bergen, gelebten Traditionen sowie naturnahen Erlebnissen zu begeistern. Wie wäre es im Oktober mit einem Lama- und Eseltrekking? Entschleunigung pur. Ob bei einer Schnuppertour oder einem ausgedehnten Tagesausflug mit herbstlichem Picknick, Fondue oder Raclette – die Besucher erleben die Jahreszeit mit all ihren Sinnen.
«Ins Moor statt ans Meer» lautet die herbstliche Devise des als Unesco-Biosphärenreservat anerkannten Entlebuch: Die Umgebung lädt zu stillen Wanderungen ein. Bei geführten Exkursionen lässt sich mit etwas Glück die Hirschbrunft erleben, während Bergbegeisterte beim Steinbock-Trek von der Rossweid zum Eisee die alpine Natur geniessen. Auf Bike-Trails in Marbach kommen Sportliche auf ihre Rechnung.
Herbstzeit im Saanenland heisst eintauchen in die zauberhafte «Magie im Wald» auf einer geführten Pilzexkursion mit dem Experten Bert Inäbnit. Gemeinsam streifen die Gäste achtsam durch den Wald, lernen Pilze, Pflanzen sowie ihre Lebensräume kennen und schärfen den Blick für die Natur – bewusst entschleunigt. Zudem stehen Respekt und Wissen im Zentrum: vom richtigen Sammeln bis zur Mengenbegrenzung.
An der Montreux Riviera geniesst man den Herbst inmitten farbenprächtiger Weinlandschaften. Zu Fuss oder per Velo erkundet man die berühmten Terrassenweinberge des Lavaux, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Die Winzerinnen und Winzer öffnen ihre Keller, um ihre Leidenschaft und die Früchte der Lese mit ihren Gästen zu teilen. Die lokale Gastronomie bietet dazu ausgezeichnete saisonale Gerichte.
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15 Mendrisiotto e Basso Ceresio
23 Val-de-Travers Das Val-de-Travers lädt auch im Herbst zu herrlichen Wanderungen und Velotouren im Herzen des Neuenburger Jura ein. Ein Muss: den Creux-du-Van erkunden – seine hufeisenförmigen Steilwände bieten einen der spektakulärsten Rundblicke im ganzen Land. Und für eine originelle Pause besuchen die Gäste die Maison de l’Absinthe in Môtiers, das die geheimnisvolle Geschichte der «grünen Fee» nachzeichnet.
24 Biel-Seeland Herbstzeit am Bielersee ist Wein- und Velosaison: Zwischen goldenen Rebbergen und malerischen Weindörfern laden abwechslungsreiche Bike-Trails dazu ein, die Region aktiv zu entdecken – die sich auch zu Fuss entdecken lässt. Zahlreiche Winzerinnen und Winzer öffnen ihre Keller für Degustationen, während die traditionellen Winzerfeste Kulinarik, Brauchtum sowie Gastfreundschaft miteinander verbinden – eines der authentischsten Genusserlebnisse der Schweiz.
Swisstainable Swisstainable gibt Orientierung für bewussteres Reisen in der Schweiz – von der Anreise mit dem öffentlichen Verkehr bis zum Aufenthalt vor Ort. Die Initiative der Schweizer Tourismusbranche ist keine Zertifizierung, sondern ein Entwicklungsprogramm, das das konkrete Engagement von mehr als 2500 Betrieben (Unterkunft, Gastronomie, Transport) und 26 Destinationen sichtbar macht – am 24. September ist die Region Willisau im Kanton Luzern dazugestossen. Alle Swisstainable-Destinationen sind je nach Ausgangslage und anerkannten Nachweisen einer von drei Stufen zugeordnet: «Level I – committed», «Level II – engaged» oder «Level III – leading».
25 Clos du Doubs
Montreux Riviera: Den Herbst in all seinen Facetten und Farben geniessen.
MARIE CONTRERAS/SCHWEIZ TOURISMUS
Im Herbst bietet die Region im Kanton Jura eine Traumkulisse für Wanderungen, Velotouren oder Ausritte. Nach der Anstrengung können die Gäste durch die Gassen der mittelalterlichen Kleinstadt St-Ursanne schlendern, ihr reiches Kulturerbe bewundern und dank des «Circuit secret» Orte betreten, die normalerweise für die Öffentlichkeit geschlossen sind – bevor sie die regionalen Spezialitäten geniessen.
swisstainable.ch
Dieser Inhalt wurde von NZZ Story Lab im Auftrag von Schweiz Tourismus erstellt.
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SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
4. Oktober 2026
Ladies first Mexikanisches Soulfood Adriana Cavita zog vor zehn Jahren nach London, nachdem sie mit Grössen wie Ferran Adrià vom «El Bulli» und Enrique Olvera vom «Pujol» gearbeitet hatte. Im Mai 2022 eröffnete sie ihr eigenes Restaurant Cavita im schicken Londoner Stadtteil Marylebone. Mit Terrakottafarbtönen, hellem Steinboden, grünen Pflanzen und mexikanischem Kunsthandwerk wirkt es wie der Patio im Haus ihrer Grossmutter. Die Grossmutter, die einen Strassenstand mit über Holzkohle gegrillten Antojitos (Häppchen) betrieb, inspirierte auch die kulinarische Ausrichtung von Adriana Cavitas Restaurant: Streetfood und Grillgerichte zählen im «Cavita» zu den Schwerpunkten. Dabei vereint die Köchin authentische mexikanische Gerichte mit eigenen Interpretation: «Ich koche traditionell, bin aber offen für Innovationen. Wichtig ist mir, dass die mexikanischen Aromen erkennbar sind.» Bei den Hamachi-Tostadas wird Fisch in Sojasauce, Ingwer und Salsa Macha mariniert und auf knuspriger Tortilla serviert. Zudem gibt es rauchiges Poulet mit Kräutersauce aus Tomatillos sowie Wolfsbarsch aus dem Drahtkorb, gegart mit roter Adobo-Paste, serviert mit grüner Koriandersauce. Dazu werden Reis, Bohnen und Tortillas gereicht. Gegessen wird «family style», wie in Mexiko üblich: Die Speisen sind zum Teilen gedacht, was Raum für verschiedene Aromen lässt. Dazu passen eine Spicy Margarita oder ein Azteca Spritz. In der gemütlichen Bar Maya im Untergeschoss werden ebenfalls erstklassige Cocktails und Snacks serviert.
Londons Gastroszene leuchtet. Die britische Hauptstadt wurde bei den Tripadvisor Travellers’ Choice Awards 2026 zur weltweit besten Foodie-Destination gekürt. Das ist auch ein paar Damen am Herd zu verdanken, die der Stadt Michelin-Sterne und eine einzigartige multikulturelle Küche bescheren. Von Patricia Engelhorn FOTOS: VISIT LONDON
Adriana Cavita, Restaurant Cavita
cavitarestaurant.com
Amy Poon, «Poon’s at Somerset House» Kantonesische Gerichte neu interpretiert Amy Poon stammt aus einer erfolgreichen Londoner Gastrofamilie: Ihr Vater Bill Poon wurde in den 1980er Jahren als erster chinesischer Gastronom mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Obwohl Amy nach dessen Ruhestand zunächst in Kunst und Marketing arbeitete, zog es sie zurück in die Gastronomie. Nach erfolgreichen Pop-up-Projekten eröffnete sie Räumlichkeiten im Prachtbau Somerset House. Das Restaurant vereint urbanen Stil mit Heimeligkeit: Hohe Räume, Bogenfenster, Samtbänke und handgemalte Wände prägen das Ambiente, während Familienfotos und Sammelobjekte eine persönliche Wohnzimmeratmosphäre schaffen. Kulinarisch bietet Amy Poon eine leichte, schlichte Interpretation der kantonesischen Hausmannskost. Auf der kompakten Karte finden sich Gerichte wie gedämpfte Jakobsmuscheln mit Knoblauch und Glasnudeln, Entensalat mit Soja-Sesam-Dressing oder im Ganzen gedämpfter Wolfsbarsch mit Ingwer und Frühlingszwiebeln. Aus der offenen Küche kommen zudem täglich frisch zubereitete Wontons mit hausgemachter Chili-Essig-Dressing sowie eine moderne Variante des traditionellen Garnelen-Toasts: eine in Lardo gewickelte, frittierte Garnelenpastete mit Sesam. «Wir spielen mit den Klassikern und lassen uns Freiräume für Varianten», sagt die Köchin. Mit ihrer leichten Küche hebt sie sich bewusst vom Stil ihres berühmten Vaters ab – und überzeugt damit auch Stammgäste des einstigen «Poon’s». poonslondon.com
Adriana Cavita setzt, wie in Mexiko üblich, auf «family style».
Amy Poons Restaurant vereint urbanen Stil mit Heimeligkeit.
Adejoké Bakare, Restaurant Chishuru
Abby Lee, Restaurant Mambow
Westafrikanische Küche
Moderne malaysische Gerichte
Die in Nigeria geborene Adejoké Bakare führt mit ihrem Restaurant Chishuru eines der wenigen mit einem MichelinStern ausgezeichneten Gourmetlokale für moderne westafrikanische Küche. Ihr Weg in die Gastronomie war ungewöhnlich: Nach einem Studium der Biologie zog sie 1999 nach London und arbeitete in verschiedenen Branchen. Nebenbei bekochte sie private Feiern und gewann schliesslich einen Kochwettbewerb, der ihr ein Pop-up-Restaurant auf dem Brixton Market einbrachte. Aufgrund des grossen Erfolgs wurde daraus ein fester Standort. 2023 zog Joké, wie sie genannt wird, nach Fitzrovia in die Londoner Innenstadt. Ihr Restaurant wirkt unprätentiös, mit rosa Wänden, Holztischen und offener Küche. Der Wow-Effekt liegt in den Gerichten: So begeistert eine frittierte Teigtasche mit gebeizter Makrele, Zitrusschale und Chili ebenso wie ein fermentiertes Reisküchlein auf Tamarindencrème mit gebratener Jakobsmuschel. Beide Gerichte zeichnen sich durch eine überraschende Schärfe aus. «So essen wir in Westafrika. Das sind Gerichte aus meiner Kindheit, die ich auf meine Art zubereite», erzählt Bakare. In ihrer Küche verbindet sie die traditionellen Kochstile der drei grossen Volksgruppen Nigerias – die Schärfe der Yoruba, die Gewürze des Igbo und die Grillkunst der Haussa. So entstehen einzigartige Geschmackserlebnisse, die das Restaurant Chishuru zu einem echten Geheimtipp machen.
Während der Corona-Pandemie entdeckte Abby Lee in Singapur ihre kulinarischen Wurzeln. Zuvor hatte die in Malaysia geborene und in London ausgebildete Köchin ausschliesslich westlich gekocht. Bei ihrer Tante lernte sie das traditionelle Handwerk: «Meine Tante hatte alles im Kopf. Sie wusste instinktiv, was fehlte oder wie lange etwas frittiert werden musste. Ich war fasziniert und wollte das unbedingt auch können», erinnert sich die Köchin. Mit akribischen Notizen und heimischen Gewürzen im Gepäck kehrte Lee nach London zurück. Auf einem Markt im Stadtteil Peckham testete sie zuerst klassische Gerichte, ehe sie begann, diese mit frischen britischen Zutaten zu verfeinern. «Zunächst hielt ich mich strikt an die traditionellen Rezepte, dann begann ich zu variieren, um meinen eigenen Kochstil zu finden», erinnert sich die 32-Jährige. Aus diesem Reifeprozess entstand Ende 2023 das Restaurant Mambow in Clapton. Dort serviert Lee moderne malaysische Küche mit überraschenden Wendungen. Ihr Fisch-Curry bewahrt das authentische Aroma von zu Hause, nutzt aber Stachelbeeren statt Tamarinde für die Säure. Beim beliebten Otak-Otak tauscht sie das grillierte Bananenblatt gegen frittierten Garnelen-Toast auf frischem Betelblatt. Kombiniert mit Naturweinen und dem Dessert Cendol, bestehend aus Kokosnuss-Granita, Bohnen und PandanGelee, bietet das «Mambow» ein unverwechselbares Gastro-Erlebnis.
chishuru.com
Adejoké Bakare kocht Gerichte aus ihrer Heimat Nigeria.
Abby Lee lernte das traditionelle Handwerk von ihrer Tante.
Das Restaurant Chishuru wirkt unprätentiös. Der Wow-Effekt liegt in den Gerichten.
mambow.co.uk
SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
Explosiv, charismatisch und schnell
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FOTOS: PD
NZZ AM SONNTAG
Kaum eine Designerin ist so produktiv wie Patricia Urquiola. Sie arbeitet für mehrere renommierte Designmarken und für ihr eigenes Studio, entwirft Möbel, Hotels und ein Zuhause auf dem Meer. Von Patricia Engelhorn
S
ie kommt verspätet. Wie so oft hat Patricia Urquiola ihren Terminkalender überfrachtet, und weil sie zudem grosszügig mit ihrer Zeit umgeht und jedem das Gefühl vermittelt, mit seinem Anruf, seiner Frage, seinem Gesprächsansatz willkommen zu sein, wird es im Laufe des Tages immer später. Selbst der Portier, der ihr im Mailänder Hotel Casa Brera die Eingangstür aufreisst und sie freundlich begrüsst, bekommt einen scherzhaften Spruch geschenkt. Die gebürtige Spanierin und Wahlitalienerin zählt zu den bekanntesten Namen des internationalen Designs. Sie war Schülerin von Achille Castiglioni, arbeitete mit Vico Magistretti zusammen, leitete mehrere Jahre lang das bekannte Studio Lissoni und gründete 2001 ihr eigenes Studio in Mailand, das Produktdesign-, Innenarchitektur- und Architekturprojekte auf der ganzen Welt betreut. Seit über zehn Jahren ist sie zudem Art Director von Cassina und entwirft Produkte für Designmarken wie Boffi, De Padova, Kartell und B&B Italia, aber auch für Ferragamo, Louis Vuitton und Max Mara. Ihre Arbeiten waren im New Yorker MoMA, im Vitra Design Museum in Basel und im V&A-Museum in London zu sehen. Und letzten Frühling widmete ihr das renommierte Designmuseum CID in Belgien eine umfassende Retrospektive. Auch das Innenleben des Hotels Casa Brera stammt von Patricia Urquiola. Das ikonische Bürogebäude wurde in den 1950er Jahren vom italienischen Rationalisten Pietro Lingeri entworfen und im Herbst 2024 als Hotel eröffnet. Sie verwendete das geometrische Raster der Fassade als Mustervorlage für Raumdecken und Teppiche, setzte wild geäderten Marmor, poliertes Walnussholz und bunte Textilien ein und verwandelte das eher kühle Gebäude in ein behagliches Fünfsternehotel, das in Nullkommanichts zur neuen Lieblingsadresse designorientierter Mailand-Besucher geworden ist. Ihr besonderes Talent, unerwartete Formen, Farben und Materialien einzusetzen und so eher unpersönliche, zweckmässige oder strenge Bauten atmosphärisch zu
Designerin Patricia Urquiola in ihrem Mailänder Atelier.
verwandeln, hat ihr einige Aufträge in der Hotellerie beschert: In Barcelona richtete sie das elegante «Mandarin Oriental» in einem ehemaligen Bankgebäude ein, in Berlin wurde die frühere dänische Botschaft als «Das Stue» neu eröffnet und in London gestaltete sie die Einrichtungen der dritten und vierten Etage des luxuriösen «Ermory», das hinter einer kühnen Glas- und Stahlkonstruktion residiert. Der Besuch der Designerin im Casa Brera hat jedoch nichts mit dem Hotel zu tun. Sie ist gekommen, um ihr neuestes Projekt vorzustellen: eine Suite, die auf dem Meer schwimmt, genauer gesagt an Bord des eleganten Kreuzfahrtschiffs Explora III. «Für mich ist das eine Art Nest, das sich durch die Meere, die Sonne, die Wolken, die Welt bewegt», sagt die Designerin. Tatsächlich ist das «Nest» die 150 Quadratmeter grosse Owner’s Residence mit Schlafzimmer, Wohn-Esszimmer, Bad und einem geräumigen Ankleideraum. Sie thront hoch oben am Schiffsheck und wird von einer geräumigen Terrasse mit Liegestühlen, Lounge und Plungepool umrundet. «Die Reederei wünschte sich ein echtes Zuhause auf dem Meer», erzählt Urquiola, «die Räume sollten elegant und wohnlich wie in einem Fünfsternehotel sein. Aber auch anders, denn hier geht es um Raum, Licht und einen sich ständig verändernden Horizont.»
Das Fünfsternehotel Casa Brera gehört zu den Lieblingsadressen designaffiner Mailand-Besucher.
Auch das Hotel Das Stue in Berlin trägt Urquiolas Designhandschrift.
Viel Holz: Suite im Hotel The Emory in London.
Verbale Kapriolen Patricia Urquiola erzählt von ihrer Arbeit an Bord und von den Zusammentreffen mit den Eigentümern von Explora Journeys: «Sie waren sehr involviert in die Entwicklung und das Design der Suite, interessierten sich für jedes Detail und waren bereit für ungewöhnliche Experimente» – wie sie selbst auch. «Ich bin neugierig», sagt Patricia Urquiola. Dazu ist sie unglaublich schnell, explosiv, charismatisch und eigenwillig. Fragen beantwortet sie nur, wenn sie ihr sinnvoll erscheinen: «Eine Metapher ist manchmal die bessere Antwort», sagt sie, «capito?» Nein, die wenigsten verstehen wirklich ihre verbalen Kapriolen und ihre halben Sätze, die plötzlich zu einem ganz anderen Thema wechseln. Ihr zuzuhören ist trotzdem ein Erlebnis. Denn, obwohl man ihrem temperamentvollen Stakkato, das wie selbstverständlich zwischen mehreren Sprachen hin und her hüpft, selbst mit höchster Konzentration kaum folgen kann, werden nach und nach ein paar Dinge deutlich: eine sehr pragmatische Herangehensweise an Räume oder Produkte, eine unbestreitbar zukunftsorientierte Perspektive, ein grosses Interesse an den neuen Möglichkeiten der Technik, eine auf Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft fokussierte Vision und die angenehme Uneitelkeit, mit der die Designerin sich selbst und ihre Arbeit beschreibt. Immer wieder bezeichnet sie sich als «progettista», was so viel wie Planer, Entwickler, Konstrukteur oder Designer bedeutet, wobei der letzte Begriff in Patricia Urquiolas Vokabular selten vorkommt. Es
Farb- und Materialmuster für die Gestaltung einer der Suiten des eleganten Kreuzfahrtschiffs Explora III.
ist ihr wichtig, mit ihren Auftraggebern zu kommunizieren, ihre Wünsche zu erfahren und auf diese einzugehen. Nur so lässt sich erklären, wie sie es schafft, für viele verschiedene Marken unterschiedliche Stile zu entwerfen. «Ich mag es, zuzuhören, Netzwerke zu knüpfen und Bedürfnisse zu erkennen, um dann individuelle Lösungen zu finden, die die Identität meiner Kunden in ihrer Entwicklung unterstützen.»
Farbenfrohe Fliesen Ihre eigenen Inspirationsquellen kommen oft wie zufällig ans Licht. Der Stuhl Nuez, den Patricia Urquiola für Andreu World entworfen hat, entstand beispielsweise aus der Idee einer Sitzfläche, die an ein gefaltetes Blatt Papier erinnert. Durch die Falten und Wölbungen wirkt der Stuhl
nachgiebig, bequem und leicht. Und obwohl das Design schlicht erscheint, ist der Stuhl technisch anspruchsvoll. Es dauerte zwei Jahre, bis die komplexe, wellenförmige 3D-Schale, die trotz ihrer Herstellung aus hartem, spritzgegossenem Thermoplast ein Gefühl der Weichheit vermittelt, entwickelt war. Zudem sollte der Stuhl zu 100 Prozent aus rezyklierten und rezyklierbaren Materialien bestehen, was gelungen ist und Patricia Urquiolas Engagement für Nachhaltigkeit und Innovation entspricht. Die farbenprächtigen Porzellanfliesen Mater entstanden hingegen, als Patricia Urquiola und Massimo Orsini, der CEO von Mutina, einem Hersteller von hochwertigen Designfliesen, über den alten Fussboden des Besprechungsraums von Mutina nachdachten: «Massimo und ich wollten diese handgefertigten Fliesen
unbedingt neu interpretieren. So begannen wir diese Reise, die von viel Forschung und Entdeckungen geprägt war. Hinter Mater stehen Technologie, Experimentierfreude und handwerkliches Können, das man sehen und fühlen kann, erzählt die Designerin. Inspiriert von den individuellen Grafiken der späten 1950er Jahre und insbesondere von der handwerklichen Keramik aus Vietri, wurde Mater zu einem Projekt, bei dem die Glasur der wahre Protagonist ist. Urquiola überzog die Fliesenoberflächen mit dicken, farbigen Glasuren und erzielte so einen greifbaren Effekt mit grosser visueller Wirkung. Auch hier kam eine innovative Technik zum Einsatz, die perfekt zu Urquiolas kraftvollsinnlichen und zugleich verspielten Designs passt. Oder «Entwicklungen», wie sie es wohl nennen würde.
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SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
Aus der Region auf den Teller: Fangfrischer Fisch. FOTOS: PD
Zur Erfrischung oder Entkaterung: In Kärnten gibt es viele Seen, die zum Bade locken.
Goldener Herbst: Unterwegs in der unberührten Natur.
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NZZ AM SONNTAG
Lokale, bodenständige Spezialitäten – und dazu ein Glas Kärntner Wein.
Kärnten – Passt! Unser Weinfreund hat sich nach Kärnten aufgemacht und ist zum Schluss gekommen, dass die Gegend ein Kandidat für den Titel «Lieblingsland» sei. Eine Begründung für diese These, inklusive Weinbegleitung. Von Heimito Drais
W
arum fahr ich hin? Wörthersee, Wein und Weinbergschnecken – das gibt es hier alles. Am bekanntesten ist davon wohl der Wörthersee. Stichwort: GTI, Harley, Holiday am Wörthersee. Das Hauptgewässer Kärntens ist etwa so gross wie der Walensee und in Sachen Flair eine Mischung aus Sylt, Saint-Tropez und Capri. Ich steige im ersten Haus am Platze ab: Im Schlosshotel Seefels in Pörtschach. Werde empfangen von einer sympathischen Rezeptionistin und bekomme gleich ein Glasl Jahrgangschampagner serviert. Passt. Nehme ich auf der Seeterrasse ein. Der Blick! Die Kulisse! War sicher Inspiration für Brahms WörtherseeSinfonie. Den Blick geniesse ich auch aus meiner Junior Suite. Kärntner können aus nichts ein Lebensgefühl zaubern, das für Menschen deutscher Zunge geradezu lateinisch anmutet. Ein paar Sonnenschirme, eine Terrasse, eine Prise Schmäh – Ferien! Aber ich bin ja wegen des Weins hier. Treffe gleich Klaus Dolleschall, Sommelier im Bistro Seensucht auf der anderen Seeseite. Dolleschall, eigentlich Steirer und damit önologischer Konkurrent, ist ein Vorreiter des Kärntner Weins. Er serviert Rindstatar mit Sesammarinade und zum Dessert klassische Marillenknödeln. Passt. Die Weinbegleitung ist hervorragend, alles Kärntner Spassgetränke. Auf der Speisekarte stolpere ich über Weinbergschnecken aus Kärnten. Das hört der Nebentisch. Dort sitzt Schneckenzüchter Salanda und kommt, flinker als seine Tiere, spontan herüber. Dass ich auf Recherche bin, hat sich offenbar herumgesprochen. Salandas ab-
Rhabarber, Saibling mit Fenchel und Shisokresse oder Erdbeerragout an Buchweizen-Prussien. Passt, ich will hier einheiraten. Meine Begleitung, genervt von dieser spontanen Euphorie, kann Lexer und Kärnten bisher viel abgewinnen. Zum nächsten Stopp nehmen wir vorsichtshalber ein Taxi. Mit dem Fahrer – ein Biertrinker – philosophiere ich über das, was ich gerade getrunken habe. Das Taxi spuckt uns alsdann in St. Georgen am Längsee aus. Mir bisher unbekannt, bebade ich das Binnengewässer gleich zweifach – weil so herrlich frisch am Morgen und die Badi so fein herausgeputzt.
solute Spezialität: Schneckenlebern. Einzigartig lebrige, leicht bröslige Konsistenz. Wird an diesem Abend in rauen Mengen vertilgt, dazu wird Kärntner Sekt von Schloss Taggenbrunn in einer Menge getrunken, die eher an Vernichtung als Verkostung erinnert. Ein Tropfen, den ich mir merke.
Prachtvolles Frühstück Zurück ins Schlosshotel. Das hat Seeanstoss mit Privatstrand und einen Steg. Ich nütze das kühle Nass zur Entkaterung. Es gelingt leidlich. Es folgt ein prachtvolles Frühstück auf der Schlossterrasse und dann eine Fahrt zu Lexer. Georg Lexer ist der Weinbauernpräsident Kärntens, könnte aber auch Anthropologieprofessor sein, so feinsinnig und dialektisch, wie er sich auszudrücken pflegt. Er hat sich vor 20 Jahren noch während seines Studiums selbständig gemacht, zusammen mit dem 30 Jahre älteren amerikanischen Kapellmeister Sam Kegley. Damals belächelt, heute bewundert – in Schweden, Korea und Japan. Auf zehn Hektaren werden meist Cold-Climate-Rebsorten angebaut, die säurebetonte, lagerfähige und oft spontanvergorene Spitzenweine hergeben. Absoluter Knaller seines Könnens ist eine Chardonnay-Trockenbeerenauslese. Unfiltriert, neun Jahre gereift. So etwas sagenhaft Spannendes habe ich lange nicht getrunken. Er reicht mir diese Offenbarung im gutseigenen Haubenrestaurant Auf der Leiten. Gegessen wird direkt nach der Keller- und Wingertführung. Unten wiegt Urgesteinsboden, steil, voralpin. Ich stehe oben vor einem siebengängigen Menu: Lachsforelle mit
Naturwein vom Feinsten
Ich nutze das kühle Nass zur Entkaterung. Es gelingt leidlich.
In St. Georgen bin ich wegen der Weine von Marcus Gruze, Chef des Georgiums. Er hat einen Bezug zur Schweiz: Bei Hans und Therese Herzog, zwei Winterthurer Spitzenwinzern und -gastronomen, hat er einst (in Neuseeland) zum Wein gefunden. Sein Kochhandwerk hat er in Dänemark und London perfektioniert. Er ist Getriebener und Treiber zugleich. Seine Philosophie im kleinen Weinberg (Naturweine, Spontanvergärung, keine Filtrierung) von drei Hektaren ist das Resultat radikaler Epiphanien und sorgfältiger Naturbeobachtungen. Natürlich wird hier auch hervorragend gekocht. Die Küche ist durchdacht und konsequent regional. Offenbarend gut: Kärntner Reblochon. Ja, das gibt’s (und erst die Rehwürstel!). Die Weine, die ich mal ab Fass, mal ab Flasche, mal ganz, mal halbvergoren trinke, passen top in meine Kehle. Jeder einzelne überzeugt auf seine Art und müsste längst in ambitionierten Natur-
weinbeizen in Zürich und Genf auf der Karte stehen. Da hätten sie Seltenheitswert. Denn der Weinbau in Kärnten ist ein erst kürzlich wiederbelebtes Phänomen. Warum? Die Lage, Lage, Lage – Alpe-Adria. Kärnten wurde als Produktionsstandort unattraktiv. Vor 200 Jahren hiess es: Fin de Vin. Man trank vom Nachbarn aus Venetien, der Steiermark, Slowenien – die produzierten günstiger. Erst 1972 begannen mit Herbert Gartner ein paar Kärtner Freigeister wieder Rebstöcke zu kultivieren. Noch unter der Dachangabe «Bergland» – wie Tirol oder Vorarlberg auch. 2003 wurde dann das Weinbaugesetz geändert, und Kärnten darf sich seither unabhängiger positionieren. Nun schiessen die Rebstöcke fast wie Pilze aus dem Boden. Schon 150 Hektaren zählt derzeit die bestockte Fläche.
Pioniergeist zum Trinken Noch ist Kärnten als Weinland ein Geheimtipp. Winzer wie Lexer, Gruze, Stefan Egger und Sabine David, aber auch Schloss Taggenbrunn holen das Bundesland jedoch mit ihren unkonventionellen Methoden aus dem Inkognito. Die Weine sind reif für ihr Alter, die Besessenheit, aber auch Gelassenheit ihrer Macher ist bei jedem Tropfen spürbar. Früher trug der Kärntner Rebensaft den Namen «Gsundwein», weil er so bekömmlich war – und wurde am spanischen Hof unter Karl III. wohl aus diesem Grund populär. Zeit also, nach Kärnten zu fahren oder sich ein Flascherl schicken zu lassen. Man trinkt Pioniergeist und ein Stück Hochkultur, die noch lange nicht jeder für sich entdeckt hat. Und denkt bei jedem Schluck: Passt.
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SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
4. Oktober 2026
Es duftet nach feuchtem Moos Wenn die grosse Saison endet, beginnt in Südtirol die vielleicht schönste Zeit des Jahres. Zwischen Seiser Alm und Dolomiten zeigt sich die Region von ihrer authentischsten Seite: Landschaft, Licht und eine Stille, die selten geworden ist. Von Brigitte Selden
N
FOTOS: CHARLOTTE LAPALUS/FORESTIS
Das «Forestis» setzt kulinarisch auf eine puristische Waldküche mit Zutaten aus der Region.
Die Gipfel der Dolomiten ragen in den Abendhimmel.
ichts ist zu hören. Kein Windhauch, kein Rascheln in den Lärchen, kein Motorengeräusch aus dem Tal. Wann lässt sich die Milchstrasse noch so klar erkennen, als müsse man nur die Hand ausstrecken, um sie zu berühren? Hier oben auf der Seiser Alm gibt es sie noch, den weiten Sternenhimmel und die ungestörte Stille. In Südtirol ist der Herbst nicht einfach eine Übergangszeit, sondern eine eigene, «fünfte Jahreszeit». Jetzt liegt das warme Oktoberlicht über der Hochebene und lässt die Silhouetten von Schlern, Langkofel und Rosengarten noch klarer hervortreten. Mit ihren 56 Quadratkilometern ist die praktisch autofreie Seiser Alm das grösste Hochplateau Europas. Besonders im Herbst zeigt sie sich von ihrer ruhigen Seite, wenn die grossen Besucherströme abgeebbt sind. Dann lässt sich das 450 Kilometer lange Wanderwegennetz ungestört nutzen, das nicht selten bis in den November hinein gute Bedingungen bietet. Am Morgen starten wir auf über 2000 Metern Höhe zu unserer Wanderung, noch eingepackt in warme Jacken und mit Wanderschuhen. Unsere Route führt von Compatsch über das weitläufige, sanft geschwungene Hochplateau hinauf auf den Puflatsch. Es riecht nach feuchtem Moos und würzigen Bergkräutern, selbst die Kühe sehen hier oben tiefenentspannt aus. Zur Mittagszeit kehren wir in der Arnika-Hütte ein. Hüttenwirt Gustav nimmt sich Zeit für einen kurzen Plausch und empfiehlt die hausgemachten Semmelknödel auf Salat. Nach einem Kaiserschmarrn zum Abschluss setzen wir gestärkt unseren Weg über das Hochplateau fort. Als wir am Nachmittag zurückkehren, setzen wir uns im T-Shirt auf die Sonnenterrasse unseres Hotels. Bei rund 300 Sonnentagen im Jahr dauert der Sommer hier oben einfach etwas länger.
Entschleunigung auch in der Architektur Die Ruhe der Seiser Alm klingt noch nach, als wir hinab nach Brixen fahren. Im Kessel des Eisacktals, wo Rienz und Eisack zusammenfliessen, bildet Südtirols älteste Stadt das kulturelle Scharnier der Region. Seit der Gründung des Bistums im Jahr 901 war die Stadt ein geistliches Zentrum. Die Hofburg, einst Sitz der Fürstbischöfe, prägt das Stadtbild ebenso wie der barocke Dom und sein Kreuzgang mit den mittelalterlichen Fresken. Ein Spaziergang führt durch malerische Laubengassen mit ihren historischen Fassaden hinaus auf den Domplatz. Einheimische wie Gäste geniessen hier die letzten milden Sonnenstunden in den Strassencafés am Domplatz bei einem Glas Eisacktaler Sylvaner. Brixen bildet den Kontrapunkt zur Abgeschiedenheit der Höhenlagen: Während unten im Tal das städtische Leben pulsiert, übernimmt an den Hängen der Plose – dem Hausberg der Stadt – rasch wieder die Stille. Hoch über dem Eisacktal wartet mit dem Hotel My Arbor ein Rückzugsort, der die Entschleunigung direkt in seine Architektur übersetzt hat. Wer hat als Kind nicht von einem eigenen Reich in den Baumkronen geträumt? Auf mächtigen Stelzen erbaut, verlagert die Holzkonstruktion des Hotels das Wohn-
erlebnis bis zu 35 Meter über den Erdboden. Alle Räume öffnen sich nach vorne und geben den Blick weit über das Eisacktal frei; bodentiefe Fenster heben die Grenzen zwischen Innenraum und Natur auf. Das Haus wirkt, als sei es selbstverständlich Teil des Waldes. Nach einem Willkommensdrink auf der Terrasse ziehen wir uns in unsere «Nest Suite» zurück, die ihrem Namen alle Ehre macht und sich eher als privates Refugium denn als gewöhnliches Hotelzimmer erweist. Herzstück der Suite ist das grosse Panoramafenster: Man scheint frei über dem Abgrund zu schweben. Während durch die geöffnete Balkontür frische Waldluft hereinströmt, machen wir es uns auf der grosszügigen Fenstersitzbank gemütlich und geniessen den grossartigen Blick auf das tief unter uns liegende Tal.
Das Törggelen ist ein fest verankerter Brauch Am nächsten Tag lockt ein in der lokalen Kultur fest verankerter Brauch: das Törggelen. Von Oktober bis in die Adventszeit wird diese traditionelle Form des Erntedanks gefeiert. «Der Name stammt vom lateinischen torculum, der Weinpresse. Nach der Lese verkostete man gemeinsam den jungen Wein, den Nuien», erklärt Günther Huber, über 70, passionierter Bergsteiger und Onkel der Besitzerfamilie des «My Arbor». Er chauffiert uns und ein weiteres Paar zum Ausgangspunkt einer ganztägigen Törggelewanderung. Auf schmalen Pfaden durch die Rebberge schlägt Günther ein strammes Tempo an, während wir an historischen Weingütern und kleinen Weilern vorbeiwandern. Immer wieder erzählt er Anekdoten aus seiner Kindheit – etwa vom Fussballspielen auf einer steilen Wiese mitten im Weinberg, wo der Ball oft länger gesucht wurde, als das Spiel dauerte. Ziel unserer Wanderung ist das 1142 gegründete Kloster Neustift mit seiner barocken Kirche und dem historischen Weinkeller. Die Rebberge des Stifts zählen zu den nördlichsten Weinanbauflächen Italiens. Im Innenhof der Klosteranlage kehren wir zu einer zünftigen Jause ein: klostereigener Kerner, dazu Südtiroler Speck, Alpkäse und Schüttelbrot. So gestärkt, folgen wir der Eisack zurück Richtung Brixen. Der letzte Anstieg durch einen steilen Weinberg fordert uns dann allerdings nochmal alles ab, während unser Bergsteiger Günther scheinbar mühelos voranschreitet. Wer Brixen den Rücken kehrt und die Kehren hinauf zum Palmschoss nimmt, lässt mit jedem Höhenmeter nicht nur das geschäftige Treiben im Tal zurück, sondern gelangt an einen Ort von spürbarer Abgeschiedenheit. Auf 1800 Metern Höhe an der Südseite der Plose gelegen, profitiert das Hideaway «Forestis» von seiner geschützten Lage: Das Aferer Tal darunter ist vom Massentourismus verschont geblieben, auch weil hier oben kein neues Bauland mehr ausgewiesen wird. Auf der Holzterrasse des Hauses herrscht trotz Vollbelegung meditative Stille. Statt künstlicher Hintergrundmusik ist nur das leise Rascheln der Fichtenwipfel im Wind zu hören. «Wir sind voll belegt, im Grunde seit Monaten durchgehend», erzählen Direktor Günther Kofler und Marketingmanager Lukas Burkia.
SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
NZZ AM SONNTAG
Für Burkia, der nach Stationen in München und bei Louis Vuitton in seine Südtiroler Heimat zurückgekehrt ist, erklärt gerade dieser scheinbare Widerspruch den Erfolg des Hauses. «Viele glauben, das <Forestis> sehe auf Fotos aus wie ein futuristisches Design-Resort, das isoliert in die Bergwelt gesetzt wurde. Dabei verstehen wir uns im Kern als ein Südtiroler Haus. Wir übersetzen unsere Wurzeln lediglich in eine zeitgemässe Formsprache.» Die anfängliche Skepsis ist längst gewichen. «Damals hielt man uns entgegen: Ein Fünfsternehaus an diesem Ort, wer soll da hinfahren?», erinnert sich der Marketingmanager. «Heute reist ein internationales Publikum an. Der Wunsch nach Raum, Natur und ungestörter Zeit trifft exakt den Nerv.» Auch Günther Kofler blickt mit Überzeugung auf die Anfänge zurück: «Als wir 2020 mitten in einer Phase weltweiter Unsicherheit eröffneten, sahen viele darin ein hohes Risiko. Rückblickend war es jedoch der ideale Zeitpunkt. Die Menschen suchten genau das, was wir hier bieten: Weite, unberührte Natur und ein Höchstmass an Privatsphäre.» Eine zentrale Entscheidung trägt bis heute zu dieser besonderen Atmosphäre bei: Tagesgäste haben keinen Zutritt, sämtliche Angebote stehen ausschliesslich den Übernachtungsgästen offen. Das schafft einen geschützten Rückzugsort fernab von Schaulustigen und Smartphone-Kameras. Die Gästeschar ist entsprechend international. Aus Nordamerika, dem arabischen Raum oder Ostasien reisen Besucher auf den Südhang des Plosebergs. Darunter befinden sich auch zahlreiche Prominente, doch auf inszenierten Glamour legt das «Forestis» keinen Wert. Was die Gäste verbinde, sei vielmehr der Wunsch nach Ruhe, Diskretion und einer unkomplizierten Atmosphäre, sagt Lukas Burkia. Dementsprechend unkompliziert gestaltet sich der Alltag im Haus; feste Dresscodes existieren nicht. «Solange niemand im Bademantel zum Abendessen erscheint, steht es jedem frei, in Jeans oder Abendgarderobe zu speisen», sagt der Marketingmanager.
Süden ausgerichtet. Der Panoramablick fällt ungestört auf die mächtige Dolomitenkette – vom Peitlerkofel bis hin zu den steil aufragenden Villnösser Geislern. Im Innenraum dominieren heimisches Holz, unbehandelter Naturstein, Glas sowie Naturstoffe wie Wolle und Leinen. Kunst an den Wänden sucht man vergebens, die eigentliche Kunst findet vor den Panoramafenstern statt. Auch gastronomisch geht das Haus eigene Wege. Das Panorama-Restaurant ist stufenförmig aufgebaut: Die Tische bieten maximale Privatsphäre sowie einen freien Blick auf die Dolomiten. Kulinarisch verschreibt sich das «Forestis» konsequent einer puristischen Waldküche. Im «Yera» – dem Herzen dieses Konzepts – führt abends ein Pfad hoch zum Lokal. Zur Begrüssung brodelt auf einem Granitblock eine Brühe vom Wildhasen mit Flechten. Im Zentrum brennt eine offene Feuerstelle, um die maximal 18 Gäste Platz finden. Küchenchef Roland Lamprecht
zelebriert hier ein multisensorisches Ritual. Die 14 Gänge werden direkt über der offenen Glut zubereitet und von eigens kreierten fermentierten Kräutergetränken begleitet. Das Menu sei eine kompromisslose Rückkehr zum gemeinsamen Speisen, zur Stille und zu einem unverfälschten Naturerlebnis, erklärt Lamprecht. Die Verbundenheit mit der Natur prägt das «Forestis» bis ins kleinste Detail. Im Winter führt ein unauffälliger Waldweg vom Hotelzu einem historischen Zweiersessellift. Mit diesem chwebt man in rund 15 Minuten hinauf ins Skigebiet. Wer das Hotelgelände verlässt, steht augenblicklich in der Bergwelt der Dolomiten. Ob auf den Wanderwegen der Plose, am Würzjoch oder auf dem Adolf-Munkel-Weg direkt unter den aufragenden Zinnen der Geislergruppe: Gerade in den Herbstwochen entfaltet diese Landschaft ihre besondere Qualität. Die weitgehende Stille erweist sich dann als der vielleicht unaufdringlichste, aber nachhaltigste Luxus.
Küchenchef Roland Lamprecht zelebriert im «Yera» ein multisensorisches Ritual.
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Ein «Luftkurort» hätte hier entstehen sollen Die Geschichte des Rückzugsorts reicht weit zurück. 1912 planten Architekten der österreichisch-ungarischen Monarchie – inspiriert von Otto Wagner – auf dem Ploseberg einen exklusiven «Luftkurort». Ein alpines Sanatorium für Lungenkranke sollte entstehen, eine Art Südtiroler Davos. Kriege und politische Umwälzungen verhinderten die Pläne; fertiggestellt wurden damals nur das historische Hauptgebäude und eine kleine Villa. Nach Jahrzehnten wechselnder Nutzung – erst als kirchliches Sommerheim – entdeckte schliesslich die Hoteliersfamilie Hinteregger das Anwesen. Zwischen 2018 und 2020 verwandelten Teresa und Stefan Hinteregger den Ort Schritt für Schritt in das heutige Refugium. Das historische Holzgebäude beherbergt 20 Suiten, ergänzt durch drei vertikale Holztürme mit weiteren 42 Suiten und zwei Penthäusern. Jeder Turm beansprucht kaum mehr als 100 Quadratmeter Grundfläche, um dem Wald möglichst wenig Boden abzuringen. Alle Zimmer und Gemeinschaftsräume sind nach
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4. Oktober 2026
NUNO ACÁCIO
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Im Treppenhaus hängen 265 Fotografien in edlen Silberrahmen: Mosimann mit Bill Clinton, mit Muhammad Ali oder mit Paul McCartney – für sie alle hat der «gentleman chef» gekocht.
Kulinarisches Gedächtnis der Schweiz In Le Bouveret am Genfersee zeigt Anton Mosimann sein Lebenswerk: 40 000 Menukarten, 6000 Kochbücher, 50 Goldmedaillen. Und unter demselben Dach lernen 350 Studierende der Culinary Arts Academy. Ein Rundgang mit dem Hausherrn. Von Bernd Schmellenkamp
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e Bouveret liegt dort, wo die Rhone in den Genfersee mündet – je nach Betrachtungsweise am Anfang oder am Ende der Schweiz. Wer hier den Campus der Culinary Arts Academy Switzerland betritt, ahnt kaum, dass sich hinter den Mauern des ehemaligen Grandhotels aus der Belle Epoque ein kulinarischer Schatz von Weltrang verbirgt: The Mosimann Collection. Plötzlich steht er da, im Treppenhaus zwischen den Schwarz-Weiss-Fotografien: Anton Mosimann, die Fliege perfekt gebunden, das Lächeln so warm wie eh und je. Einer der berühmtesten Köche der Schweiz empfängt seine Gäste oft selbst. Dass sein Lebenswerk hier steht, ist nicht selbstverständlich: Jahrelang suchte Mosimann in der Schweiz einen Ort für seine Sammlung. «Alle haben gesagt: eine gute Idee», erinnert er sich an Gespräche mit Hotelfachschulen. «Aber als sie das Volumen gesehen haben, haben sie kalte Füsse bekommen.» Erst die Schule in Le Bouveret lud ihn ein und liess ihm freie Hand. 2016 wurde eröffnet, diesen Sommer feierte das Haus sein zehnjähriges Bestehen – entstanden ist, was heute als das wohl bedeutendste kulinarische Museum der Welt gilt. Auf vier Etagen breitet sich hier ein Kochleben aus: Kochbücher, Speisekarten und Druckwerke aus fünf Jahrhunderten, historisches Porzellan, Erinnerungsstücke – darunter ein Originalmanuskript von Auguste Escoffier und ein 1570 gedrucktes Kochbuch aus der Feder des Leibkochs von Papst Pius V. Zu jedem Stück erzählt der Hausherr eine Geschichte; die Dimension der Sammlung steckt in Zahlen, die er beiläufig fallen lässt. 40 000 Menukarten besitzt er, allein 4000 hat er vor wenigen Wochen in Paris erworben. Die älteste Menukarte stammt aus dem Jahr 1737, von der Tafel König Georgs II. Aus-
gestellt sind auch das Menu zur deutschen Reichsgründung von 1871 und das Krönungsmenu des Zaren Nikolaus II. von 1896. «Wenn ich das nicht kaufe, kauft es jemand anders – und dann liegt es in irgendeinem Keller», sagt Mosimann. «Hier ist es für die Öffentlichkeit zugänglich. Genau das ist mein Ziel: diese Juwelen zu zeigen.» Eine Etage höher wartet die Bibliothek, 6000 Kochbücher, die meisten Erstausgaben. Das älteste Stück der ganzen Sammlung verwahrt Mosimann im Safe: ein 1516 von Hand auf Pergament geschriebenes Werk, angefertigt für die Vatikanische Bibliothek – besonderen Gästen holt er es persönlich heraus. Für Mosimann sind die alten Bände alles andere als museale Objekte hinter Glas: Immer wieder hat er Rezepte daraus für die Gäste seines Londoner Clubs zum Leben erweckt. Daneben glänzen fünfzig Goldmedaillen aus Wettbewerben rund um den Globus, dazu der Orden des British Empire, den ihm die Queen 2004 verlieh. Vor einer Medaille bleibt der Sammler stehen: der ersten, gewonnen mit 25 Jahren. «Wegen dieser Medaille stehe ich heute hier», sagt er. «Mein ganzes berufliches Leben hat sich damit verändert.» Sie machte den Gastronomiekenner Adi Furrer auf ihn aufmerksam – auf dessen Empfehlung holte ihn das «Dorchester» nach London.
Das Museum lebt – anfassen ist erlaubt 265 Fotografien in edlen Silberrahmen hängen in den Treppenhäusern: Mosimann mit Bill Clinton, Muhammad Ali, Paul McCartney – für sie alle hat er gekocht. Zwischen ihnen: ein Brief Jimmy Carters, des 39. Präsidenten der USA. Eine komplette Küche steht ebenfalls im Haus: «La Table de Claude», benannt nach Claude Nobs, dem Gründer des Montreux Jazz Festival und gelernten
Fast 2000 junge Köchinnen und Köche hat er ausgebildet, ohne dabei je laut zu werden.
SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
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PD
NUNO ACÁCIO
NZZ AM SONNTAG
NUNO ACÁCIO
Mosimanns Dining Club befindet sich in einer ehemaligen Kirche in Belgravia.
Kein anderer Koch hat so viele Goldmedaillen erhalten wie Anton Mosimann.
Koch, mit dem Mosimann eine enge Freundschaft verband. Über der Arbeitsfläche hängen Kupferpfannen aus dem Besitz von König Georg V. Was dieses Haus von jedem anderen Museum unterscheidet: Es lebt. Hier darf angefasst, geblättert, gefragt werden, und nebenan, in den Küchen der Academy, wird gekocht. 350 Studierende aus aller Welt lernen auf dem Campus. Die Menukarten sind digital erfasst; wer ein japanisches Menu für die Schweiz entwerfen soll oder ein Schweizer Menu für Fernost, findet hier seine Vorbilder. «Das gibt Inspiration und Ideen», erzählt Anton Mosimann.
«Der schönste Beruf der Welt» Der Gründer selbst steht mittendrin. Bevor die Absolventen die Schule verlassen, spricht er eine Stunde mit ihnen, über sein Leben, über Licht und Schatten des Berufs. «Die Sonne scheint nicht jeden Tag», sagt er. Und wenn die jungen Leute durch die Ausstellung gehen und sagen, das könne auch ihnen gelingen? «Das ist Musik in meinen Ohren.» Vom Beruf spricht er wie am ersten Tag: Man könne Menschen mit gutem Essen glücklich machen und dabei erst noch die Welt bereisen. «Für mich ist es der schönste Beruf der Welt.» Begonnen hat alles 1947 in Solothurn, als Wirtssohn in einfachen Verhältnissen. Die Lehre absolviert er im «Bären» in Twann am Bielersee, mit 25 erhält er als einer der Jüngsten das Chef-de-Cuisine-Diplom, mit 28 wird er Maître Chef des Cuisines im Londoner «Dorchester», an der Spitze einer Brigade von 132 Köchen. Dreizehn Jahre lang prägt er die Küche an der Park Lane und erkocht ihr zwei Michelin-Sterne. In den Brigaden jener Zeit wird geflucht, was das Zeug hält – bis der junge Schweizer verkündet, ab morgen sei damit Schluss. «Nein,
Chef, das gehört zum Beruf», bekommt er zu hören. Es hört trotzdem auf. Fortan gibt er jeden Morgen jedem Einzelnen seiner Brigade die Hand. Fast 2000 junge Köchinnen und Köche hat er ausgebildet, ohne dabei je laut zu werden, ohne fliegende Töpfe und Pfannen. Der Gentleman, der jeder Frau in den Mantel hilft, verliert die Contenance nie. Die Episoden aus dieser Zeit erzählt Mosimann, als wäre alles selbstverständlich gewesen: Gegen Mitternacht klingelt das Telefon – «Anton, it’s Liz. I feel peckish.» Mosimann steht auf, fährt ins Hotel und bereitet Elizabeth Taylor nachts um zwei ein Roastbeef zu. Wie ernst es ihm mit dem gesunden Kochen für alle ist, zeigt er 1985 einem Millionenpublikum: Für die BBCSendung «Anton Goes to Sheffield» reist der Zweisternekoch in die von der Stahlkrise gezeichnete Arbeiterstadt und kocht im Haus des Lastwagenfahrers John Wilcock ein Sonntagsessen für die Familie. Das Budget betrug zehn Pfund. Die Botschaft trägt bis heute: Gesundes, gutes Essen ist keine Frage des Portemonnaies.
Privater Dining Club in einer Kirche 1989 eröffnet er in einer ehemaligen Kirche in Belgravia seinen privaten Dining Club, Mosimann’s – eine der diskretesten Adressen der Londoner Society. Vier Generationen des britischen Königshauses hat er bekocht, von der Queen Mum bis zu Prinz William, dessen Hochzeitsdinner 2011 sein Club ausrichtete, dazu britische Premierminister von Thatcher bis Cameron. Sie alle zogen den leisen Schweizer ins Vertrauen. Seine Diskretion öffnete ihm Türen, die anderen verschlossen blieben; Prinzessin Diana fragte ihn wiederholt um Rat, wenn es ums Essen ging. Als 2017 seine Autobiografie «Life is a Circus» erschien,
Der Royal Corner im Museum ist dem britischen Königshaus gewidmet.
Mosimann steht auf, fährt ins Hotel und bereitet Elizabeth Taylor nachts um zwei ein Roastbeef zu.
schrieb ihm Prinz Charles: «You are a complete hero.» Was ihm bei alledem geblieben ist vom Schweizerischen? «Perfektion und Disziplin», sagt er. «Das war für mich immer ein Gebot. Und die Füsse auf dem Boden behalten – so bin ich aufgewachsen.» An die Queen erinnert er sich mit Wärme. Mehrfach begegnete er ihr persönlich. «Sie war offen, sie war fröhlich und sie wusste genau, was in der Welt passiert.» Die Verbindung zum Königshaus besteht fort. Und die Cuisine Naturelle, mit der er Mitte der 1980er Jahre das Kochen ohne Rahm, Butter und Alkohol wagte? «Wir haben damals zehn Liter Rahm auf einen Liter eingekocht und mit frischer Butter aufmontiert. Wahnsinn», sagt er über die französische Schule jener Jahre. In Japan fand er die Frische, die ihn umdenken liess. «Damals war es ein Risiko, ein bisschen frech. Die Leute haben es nicht verstanden. Heute ist es ganz normal.» Seine Frau Kathrin, die zu Hause die beiden Söhne grosszog, war ihm bei all seinen Abenteuern stets eine grosse Stütze. «Sie hat mich immer unterstützt», sagt Mosimann. Gerade erst hat Mosimann seltene Menukarten aus Porzellan ersteigert, und auf die jüngste Erwerbung ist er stolz: die letzte Dinner-Menukarte der Titanic. «Ein Haufen Geld», sagt er. «Aber es hat sich gelohnt.» Und was soll ein junger Koch mitnehhen, der in fünfzig Jahren durch diese Räume geht und den Gründer nie erlebt hat? Er solle sehen, sagt Mosimann, was in diesem Beruf möglich ist, für wen man kochen darf, wem man begegnet, wohin einen das Handwerk trägt. In mehr als achtzig Städten hat er gekocht, über Jahrzehnte oft sechzehn, achtzehn Stunden am Tag. Sein Résumé kommt trotzdem ohne Zögern: «Es gab noch nie einen Tag, an dem ich nicht zur Arbeit fahren wollte.» Im Februar wird Mosimann achtzig. Das Londoner Geschäft,
den Club und das Catering, führen längst seine Söhne Philipp und Mark; der Vater gehört heute vor allem seinem Museum. Er selbst wohnt mit seiner Frau Kathrin in Montreux, am gegenüberliegenden Ufer, das Lebenswerk in Sichtweite. Fertig ist dieses Museum nie. In den Archiven warten die 4000 Menukarten aus Paris, viele hat ihr Besitzer noch nicht gesichtet. «Es ist wie ein Film», sagt Mosimann. «Jeden Tag packe ich etwas aus und denke: Was für eine Erinnerung.» Ein Wunsch bleibt offen: «Platina», das erste gedruckte Kochbuch der Geschichte – vor Jahren zerschlug sich der Kauf, noch immer sucht der Sammler danach. So bleibt dem «last gentleman chef», wie ihn die «Daily Mail» einst nannte, jeden Morgen etwas zu tun. Das kulinarische Gedächtnis der Schweiz wird kontinuierlich weiterwachsen.
Nachgefragt bei Anton Mosimann Was würden Sie aus dem brennenden Museum retten? «Das Titanic-Menu. Ganz sicher.» Welches Gericht kochen Sie, wenn niemand zuschaut? «Kalbskopf, Kutteln.» Welches Schweizer Gericht verdient ein Staatsbankett? «Zürcher Geschnetzeltes mit einer sehr guten Rösti, goldbraun gebraten.» Was sollten junge Köche mehr beachten? «Geduld. Ausdauer. Stay hungry.» Wie viele Fliegen besitzen Sie? «365 – eine für jeden Tag des Jahres.»
SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
Das junge Südafrika
4. Oktober 2026
FOTOS: PD
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Neugierige Winzer und jung gebliebene Köche brechen in Südafrika mit Konventionen, ohne die Tradition zu hintergehen. Warum die Kap-Region heute zu den spannendsten Wein- und Kulinarikdestinationen zählt. Von Wolfgang Fassbender
S
chön, dass es schon auf dem Flug nicht an Wein mangelt: Edelweiss verlässt sich nicht nur auf Walliser Wein, sondern auch auf Südafrikanisches vom Onderkloof Estate. Ein Vorgeschmack auf das, was nahe dem Airport Capetown passiert. Der Taxifahrer auf dem Weg zum «Ellerman House» versprüht gute Laune, die Sonne lässt die Wellblechhütten an den Autobahnen etwas weniger trist erscheinen. Luxus und Armut liegen eng beieinander, Tradition und Moderne ebenfalls. Doch die Kontraste verschwimmen in der Regenbogennation zum bunten Aquarell. Vom Tourismus, der Gastronomie und der Weinwirtschaft profitieren letztlich alle. Auch die Gäste des Boutiquehotels Ellerman House an der Küste, wo Werke afrikanischer Künstler die Wände zieren und immer mehr Weine auf der Karte des Gourmetrestaurants Curate stehen. Viele der jungen Cape Winemaker sind im über 10 000 Flaschen fassenden Keller vertreten. Niemand weiss darüber besser Bescheid als Joe Beziek, South Africa’s Best Young Sommelier 2026. Etliche Positionen stammen von Winzer Eben Sadie, dem Mass aller Dinge für Chenin blanc. Auch Chris Alheit ist vertreten, genau wie Illimis und Thorne & Daughters. Was nicht bedeutet, dass die alten Güter vernachlässigt würden. Kanonkop erntete Ruhm in den 1970er Jahren, Simonsig war damals schon bekannt – beide haben sich fortentwickelt, nicht zuletzt beim Pinotage.
Der Weinkeller des Hotels Ellerman House umfasst mehr als 10 000 Flaschen, darunter zahlreiche südafrikanische Provenienzen.
Tatsächlich hat Südafrika das Kunststück fertiggebracht, sich beim Wein neu zu erfinden.
Frische Zutaten überraschende Würzungen: eine kulinarische Kreation des Restaurants im «Ellerman House».
beste Küche kocht man im Restaurant Mertia. Oben geniessen Gäste Häppchen in der Lounge, bevor das Menu beginnt. Die Kellner erklären Gang um Gang, auch Küchenchef Matt van den Berg kommt an den Tisch. Die Weine stammen von jungen Winzerinnen und Winzern, die das Terroir herausarbeiten. Nicht zu vergssen, der als MCC bekannt gewordene Schaumwein – eine Erfolgsgeschichte! Tatsächlich hat Südafrika das Kunststück fertiggebracht, sich beim Wein neu zu erfinden. Zum ersten Mal geschah dies nach dem Ende der Apartheid Mitte der 1990er Jahre. Alteingesessene Güter wurden umgestaltet, Investoren sorgten für moderne Keller. Gastronomie und Tourismus blühten auf. Eineinhalb Jahrzehnte danach setzte eine zweite Revolution ein: Swartland wurde zum Heiligen Gral des südafrikanischen Weinbaus. Das Winzerpaar Chris und Andrea Mullineux gründete mit Analjit Singh die Partnerschaft Mullineux & Leeu Family Wines. Auch David und Nadia Sadie machten sich einen Namen.
Grossartiger Pinotage Wer sich mit Pinotage und der neuen südafrikanischen Küche beschäftigen will, fährt weiter nach Stellenbosch. Hier wurde vor 101 Jahren die Sorte Pinotage aus Pinot noir und Cinsault gekreuzt. Ausserhalb Südafrikas konnte sie sich nie durchsetzen, am Kap galt sie als altmodisch – bis der Nachwuchs übernahm. Abrie Beeslaar (Beeslaar Winery) und Lucinda Heyns (Illimis) produzieren hier grossartige Weine dieser Sorte: trotz Kraft frisch und animierend. Doch auch bei Delaire Graff gibt es einiges zu verkosten. Bekannt ist die Kellerei nicht nur für Rotweine aus Cabernet Sauvignon oder Cabernet Franc, sondern auch für eines der luxuriösesten Hotels des Landes. Virgil Kahn kombiniert im Hōseki Restaurant Fisch aus dem Atlantik mit Miso und Kapstachelbeeren. In Stellenbosch selbst lässt sich nachverfolgen, wie sich Südafrika verändert hat. Das historische Hotel Oude Werf repräsentiert die historische Kaparchitektur. Im Garten wartet ein Glas südafrikanischen Portweins, der heute als Cape Tawny verkauft wird. Der Weg durch die Strassen zeigt aber auch modernen Trubel mit Galerien und Matcha-Outlets. Die
Süsses im Portweinstil
Flugverbindung Edelweiss fliegt mehrmals wöchentlich direkt von Zürich nach Kapstadt. flyedelweiss.com
In Wellington wiederum haben sich deutschsprachige Aussteiger eine Nische erarbeitet. René Reiser und Birgit Schmiederer übernahmen 2009 Jacaranda, Südafrikas kleinstes Wine Estate mit drei Hektaren Reben. Sie vermieten Gästezimmer und keltern eigenständige Weine. Weiter nach Calitzdorp zu fahren,
empfiehlt sich für alle, die in die KapTradition eintauchen wollen. In der Kleinen Karoo ist Weinbau wegen der Hitze nicht selbstverständlich; man fokussierte sich früh auf Süssweine im Portweinstil. Calitzdorp wurde zur Hochburg dieser Spezialitäten. Wer bei Pam und Mike Neebe auf Axe Hill probieren will, reist über eine Schotterpiste an. Ihr 2012er Cape Vintage ist süss, herrlich frisch und komplex. Über den Swartberg-Pass geht es nach Prince Albert, wo der Mirtehof den schönsten Garten aller Boutiquehotels besitzt. Lychees vom Baum zu pflücken, ist hier erlaubt. Am nächsten Morgen geht es in die Cool-Climate-Regionen Elgin und Hemel-en-Aarde. Das «Tal zwischen Himmel und Erde» ist berühmt für Chardonnay und Pinot noir. Auf Restless River stellen Craig Wessels und seine Frau Anne die besten her. Craig führt durch den Keller und erklärt die Finesse seines Chardonnay Ave Maria. Restless River gehört zu den spannendsten Aufsteigern. Susanne und Jürgen Schneider wanderten 2013 nach Südafrika aus. Im vergangenen Herbst eröffneten sie «Schneiders Cape Floral Kitchen» in Gansbaai. Jürgen Schneider bleibt neugierig auf das, was er am Meer findet: Dünenspinat, Cancer Bush oder Buchu tauchen in seinen Menus auf. Susanne empfiehlt reife Raritäten. Zu steigern ist das mit einer Übernachtung auf Grootbos. Michael Lutzeyers Familie hat das An-
wesen in 35 Jahren zu einer Mischung aus Fynbos-Naturreservat und Luxushotel gemacht. Der Weinkeller enthält alles, was man sich erträumt. Von hier geht es zurück ins «Ellerman House». Sommelier Joe Beziek erzählt von seiner Leidenschaft für Wein, der Chenin Blanc schmeckt, und in der Ferne sind die ersten Wale der Saison zu erkennen.
Essen und Trinken in Südafrika Einen Guide Michelin gibt es in Südafrika nicht. Wer die besten Restaurants finden will, kann sich an lokalen Guides orientieren oder bei den Winzern nachfragen. Die richtig guten Erzeuger wissen immer ganz genau, wo man in der Cap Region gut oder noch besser speisen kann. Nicht wenige Weingüter verfügen zudem über eigene Restaurants. Wer sich ausschliesslich auf die alteingesessenen Weingüter von Stellenbosch beschränkt, kann zwar grossartigen Chardonnay und Pinotage kosten, verpasst aber auch vieles. Herausragende Weine werden auchan anderen Orten gekeltert: in Wellington etwa, eine Autostunde von Stellenbosch entfernt, in Swartland oder im Cool Climate von Elgin.
Eine Stadt, zwei Welten
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FOTOS: ADOBE STOCK
SCHWERPUNKT SAVOIR VIVRE
NZZ AM SONNTAG
Das imposante Stadtbild Budapests ist ein eklektischer Mix historisch geprägter Stadtteile, wobei die Donau die natürliche Trennlinie zwischen Buda und Pest bildet. Ein kulinarischer Streifzug durch Ungarns charmante Hauptstadt. Von Cécile Hana
D
ie bewegte Geschichte des 20. Jahrhunderts spürt man noch heute in der Hauptstadt Ungarns. Grosse Teile von Budapest wurden während des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt, während des Sozialismus zweckentfremdet und heute aufwendig renoviert und wieder aufgebaut. Unser Streifzug beginnt im lebendigen Pest: Dicht bebaut, prägen Prachtalleen, monumentale Gebäude wie das Parlament und die ungarische Staatsoper sowie zahlreiche Bars und Restaurants das Bild links der Donau. Eine einzigartige Mischung verschiedenster Baustile und Epochen lässt sich hier in einem Strassenzug bewundern. Gebäude mit detailreichen Ornamenten aus der Zeit des Jugendstils, der Neorenaissance und des Neobarocks machen Pest zu einem unverwechselbaren Zeugnis historischer Vielfalt. Diese Mannigfaltigkeit widerspiegelt sich auch in der Gastronomie. Von traditionsreichen Restaurants aus K&K-Zeiten über prachtvolle Cafés, bis zu angesagten Rooftop-Bars oder alternativen Szenetreffs in den Hinterhöfen des siebten Bezirks – Budapest feiert sein gastronomisches Erbe mal mit Tradition, mal mit Blick in die Zukunft.
Zurück zu den Wurzeln im Restaurant Gundel Mit seinem Familienrestaurant brachte Károly Gundel vor 130 Jahren die ungarische Küche auf die kulinarische Weltkarte. Heute erstrahlt das erneuerte «Gundel» im alten Glanz der ehemaligen Donaumonarchie. Getreu der jahrhundertealten Tradition findet man auch heute noch raffiniert zubereitete ungari-
sche Spezialitäten auf der Speisekarte. Der Innen- wie Aussenraum lässt die Atmosphäre der alten Zeiten wieder aufleben und die Live-Zigeunermusik ist ein Relikt aus den Goldenen Zwanzigern und eine Tradition, die zur gehobenen Gastronomie dazugehört.
Zum Tee im Café Párisi Udvar Ein Mix aus orientalischem Basar und luxuriösem Kaufhaus der Belle Époque: Der Pariser Hof präsentiert sich in einem einzigartigen Stilmix aus arabischen und maurischen Elementen sowie Einflüssen der Neogotik und des Jugendstils. Das imposante Glasdach, die aufwendigen Mosaike und Säulen mit Zsolnay-Keramik schicken einen auf eine opulente Zeitreise, während man sich beim Afternoon Tea den Stadtbummel versüsst.
«Tati» – vom Feld auf den Tisch In diesem modernen Restaurant reisen nur die Gäste von weit her. Die Zutaten sind regional, frisch und kommen zum Teil sogar vom eigenen Bauernhof am Stadtrand. Das «Tati» im aufstrebenden siebten Bezirk serviert modern interpretierte ungarische Küche. Das Konzept basiert vollumfänglich auf Farm-toTable, jedes Gericht kann auch als vegane Variante genossen werden und die biologischen Weine stammen von den Weinbergen in unmittelbarer Nähe.
Die bewegte Geschichte des New York Café Das um die Jahrtausendwende errichtete New York Café war ein beliebter Treffpunkt für Künstler, Journalisten und
House of Music im Herzen des Stadtparks, entworfen von Sou Fujimoto.
Literaten. Nachdem das Gebäude während des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt wurde, übernahm der sozialistische Staat das Gebäude und weil New York zu sehr nach Kapitalismus klang, wurde es prompt in «Hungaria Café» umgetauft. Im Jahr 2006 wurde das Café nach fünf Jahren aufwendiger Restaurierung wiedereröffnet und erstrahlt in seiner fürstlichen Opulenz und historischen Pracht wieder, natürlich unter seinem ursprünglichen Namen: New York Café.
Die Ruin Bars als Kontrastprogramm In den Ruinenbars von Budapests Bezirk 7 trifft man die junge, bunte Kreativszene der Hauptstadt an. Das jüdische Viertel rund um die Kazinczy-Strasse blieb mehrheitlich von den schweren Kriegsschäden verschont, zerfiel aber im Laufe der Jahrzehnte zu Ruinen. Ab 2002 siedelten sich immer mehr Bars und Lokale in diesen «Gebäuderuinen» an und ver-
wandelten diese in bunte, eklektische Treffpunkte für Studenten, Kreative und Künstler. Pionier unter den Ruinenbars ist «Szimpla Kert», was so viel heisst wie: «der einfache Garten». Nahöstliche Fusionsküche in malerischem Ambiente bietet wiederum das «Mazel Tov», während es im «Csendes Létterem» eher ruhig und beschaulich zu- und hergeht.
Pause einlegen im grünen «Stadtwäldchen» Für den Verdauungsspaziergang zwischen üppigen Mahlzeiten und Kaffee Kuchen empfiehlt sich ein Spaziergang durch den grossräumigen Stadtpark Városliget. Dieser entstand im Zuge des Liget Budapest Project, eines gross angebauten Kulturentwicklungsprogramms. Während man durch die grüne Lunge Budapests spaziert, entdeckt man eine spannende Mischung aus renovierten historischen Gebäuden wie dem House of Hungarian Millenium oder dem Olof
Palm House sowie neu errichteten Museen wie dam House of Music Hungary und das Museum der Ethnographie. Überquert man die Donau auf einer der zahlreichen Brücken, so findet man sich in Buda wider, dem ruhigen, hügeligen, rechten Quartier am Ufer der Donau. Lange Zeit war hier das Machtzentrum Ungarns. Die mittelalterlichen Gebäude und kopfsteingepflasterten Gassen, die Matthiaskirche und der damalige königliche Palast zeugen heute noch davon. Ganz im Sinne der Zeitreise zurück in die opulenten K&K-Jahre bietet sich ein Besuch des Burggarten-Basars an. Die Anlage ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes und bildet den Eingang zum Burgberg mit seinen wunderschönen Gärten und Aussichtspunkten. Der Neorenaissance-Bau wurde Ende des 19. Jahrhunderts ursprünglich als Geschäftshaus errichtet, heute beherbergt er Ausstellungsräume und Restaurants wie zum Beispiel das ausgezeichnete Ida Bistro.
Übernachten Hotel Kimpton Bem by IHG: Entspannen abseits des Trubels Der denkmalgeschützte Palast aus dem 19. Jahrhundert wurde von Marcel Wanders neugestaltet und eröffnete 2024 seine Türen. Die sanften Blau- und Grüntöne der Zimmer erinnern an die Natur und Wälder Ungarns und sind der ideale Rückzugsort nach einem erlebnisreichen Tag in der Hauptstadt.
Im Innenhof einer der typischen «Ruin Bars».
Imposant und opulent: das Café Parisi Udvar.
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