BILDUNG Werkzeuge fürs Leben
SCHWERPUNKT | NZZ AM SONNTAG, 20. SEPTEMBER 2026
Gymi oder Lehre, Handwerk oder Büro: Über Bildungswege, die offen bleiben. (Bild: AI / NZZ Story Lab)
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EDITORIAL
Werkzeuge fürs Leben
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AI / NZZ STORY LAB
NZZ AM SONNTAG
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in Freund von mir wollte in der Sek Architekt werden. Kein gewöhnlicher natürlich, sondern ein berühmter. Dann erklärte ihm jemand den Weg dorthin: Gymi, Studium, Nachdiplomstudium, Praktika, sehr lange Tage, Konkurrenz, Jahre bis zur eigenen Handschrift. Und weil man es gut mit ihm meinte, schickte man ihn obendrein einen halben Tag in den Werkraum eines Architekturbüros. Dort gab man ihm eine Blaupause und liess ihn mit einer Stichsäge allein. Nach ein paar Stunden ging er wieder. Architekt ist er nicht geworden. Heute macht er was mit IT. Die Idee hinter diesem Schnupperbesuch war nicht falsch. Der Besuch zeigt aber, wie Berufswahl schiefgeht: nicht aus Mangel an Informationen, Werkzeug oder Material, sondern aus Mangel an Begleitung. Gezeigt wurde ihm nichts. Ermutigt wurde er nicht. Er war allein. Mit 15 oder 16 soll man oft schon eine Idee davon haben, was man später werden will. Dabei hat man von der Arbeitswelt erst Ausschnitte gesehen. Ein Zeugnis zeigt Noten, ein Bewerbungsgespräch zukünftige Kollegen, ein Werkraum einen Arbeitsplatz. Nichts davon zeigt, wie sich ein Beruf an einem gewöhnlichen Dienstag in zehn Jahren anfühlen wird. Und was sehen jene, die sie dabei begleiten sollten? Panik ist nicht angebracht. Niklaus Schatzmann, Chef des Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamts, rät Eltern zu Gelassenheit (Seite 5): Kein Abschluss bleibt ohne Anschluss, und das Langgymnasium ist nur der erste von vielen Zugängen zur Matur. André Fringer von der ZHAW zeigt gleich nebenan, was Durchlässigkeit konkret heisst: von der Pflegelehre bis zum Doktorat. Drei Fachleute von UZH, ETH und ZHAW erklären, welche Fähigkeiten im Zeitalter der künstlichen Intelligenz zählen. Meine Kollegin Cornelia Glees geht der Frage nach, ob das Handwerk in Zeiten von KI zur sicheren Wahl wird, und trifft auf Verbände, die vor einfachen Antworten warnen (Seite 9). Gesa Gaiser vom Fachverband Swissmechanic bringt auf den Punkt, worauf es deshalb ankommt: «Gesucht sind junge Menschen, die mitdenken, Fragen stellen und offen bleiben für den Einsatz neuer Technologien. Denn Lernen endet nicht mit dem Lehrabschluss.» Berufswahlkompetenz bedeutet nicht, mit 15 die richtige Wahl zu treffen. Sie bedeutet, zu wissen, dass es viele Wege gibt, und zu lernen, wie man herausfindet, was passt. Dazu braucht es Erwachsene, die nicht nur erklären, sondern zeigen, zutrauen und dranbleiben. Viel Spass beim Lesen!
Alexander Vitolić, verantwortlich für diese Beilage
IMPRESSUM
Anatomie im Klassenzimmer: Pflege wird an der Hochschule gelehrt und am Patientenbett gelernt.
Am Puls des Lebens Die Schweizer Pflege steht unter Druck. Ausgerechnet die Akademisierung gerät ins Kreuzfeuer. Für André Fringer von der ZHAW ist klar: Akademische Pflege ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, ein überlastetes System stabil zu halten. Von Brigitte Selden
D
ie Schweizer Pflegelandschaft steht an einem Wendepunkt: Der Fachkräftemangel spitzt sich zu, die Belastung in Spitälern und Pflegeheimen steigt, und die demografische Entwicklung verlangt immer komplexere Versorgungsformen. In dieser Lage wird die Akademisierung des Pflegeberufs von Kritikern oft als praxisferner Luxus abgetan. Für André Fringer, Co-Leiter des Masterstudiengangs sowie von Forschung und Entwicklung Pflege an der ZHAW in Winterthur, greift dies jedoch zu kurz. Wer den Hörsaal des Departements Gesundheit betrete, treffe nicht auf Theoretiker, sondern auf Pflegefachpersonen aus dem Schichtalltag. Auch pauschale Kritik an ganzen Generationen, etwa an der Generation Z, weist Fringer zurück. Unkonzentriertheit im Unterricht sei selten mangelnde Disziplin, sondern Ausdruck systemischer Überlastung. Bachelor-Studierende stehen nach ihrer Lehre zur Fachfrau oder zum Fachmann Gesundheit (FaGe) mit Berufsmaturität unter grossem Anpassungsdruck im harten Praxisalltag. Die rund 200 Studierenden des Masterstudiums hingegen zeigten eine hohe intrinsische Motivation. «Wenn jemand müde im Unterricht sitzt, verweigert er sich nicht, er arbeitet schlicht zu viel», so Fringer. Um den Pflegemangel abzufedern, springen viele von ihnen im Spital für ausgefallene Kolleginnen und Kollegen ein und geraten in Zielkonflikte zwischen Teamverantwortung, Patientinnen
und Patienten und Studium: «Wenn etwas zu kurz kommt, dann nicht aus Unverbindlichkeit, sondern aus chronischer Überlastung.»
Akademisierung als präventive Ökonomie Dass viele Fachkräfte den Beruf rasch verlassen, liegt nach Fringers Analyse an einem historisch gewachsenen Mangel an Wertschätzung und Anerkennung, gepaart mit einem betriebswirtschaftlichen Spardiktat. Bei schweizweit rund 100 000 diplomierten Pflegefachpersonen stellt die Berufsgruppe für Finanzverantwortliche eine verlockende Stellschraube dar. Zehn Franken Einsparung pro Pflegemassnahme ergeben im System Millionen. Dass der ökonomische Wert einer pflegerischen Leistung in den heutigen Finanzierungssystemen des Gesundheitswesens nicht abgebildet werde, zeuge von einem historisch bedingten Unverständnis für eine integrierte Gesundheitsversorgung. «Diese Logik verkennt das Wesen der Pflege. Für Laien mag das Kämmen der Haare beiläufig wirken. In der pflegerischen Realität ist es ein sensibler Moment der Beziehungsgestaltung, der Einschätzung des Gesundheitsstatus und der Biografiearbeit.» Wer Pflege darauf reduziere, entziehe ihr die Substanz und treibe Fachpersonen ins Burn-out. Dem Vorwurf, Hochschulen bildeten am Bedarf vorbei teure SchreibtischFührungskräfte aus, tritt Fringer vehement entgegen. Es brauche die Breite im Bachelor und die Tiefe im Master.
Moderne Medizin verlängere das Leben von Menschen und führe zu chronischen Mehrfacherkrankungen; hochbetagte, vulnerable Menschen liessen sich nicht nach Schema F betreuen. Hier setzt die Ausbildung zur Advanced Practice Nurse (APN) an: Sie übernimmt das Schnittstellenmanagement zwischen Prävention, Symptomkontrolle und Palliative Care. «Unsere Absolventinnen und Absolventen werden für die bettseitige Praxis ausgebildet. Sie verweilen am Tatort des Lebens, wenn andere Berufsgruppen ihre Visite beendet haben. Sie bringen ein tiefes Verständnis mit, um ärztliche Diagnosen so in den Alltag der Patientinnen und Patienten zu übersetzen, dass Selbstmanagement und Selbstwirksamkeit überhaupt erst möglich werden.» In den USA fangen solche Fachkräfte heute den Hausärztemangel auf. Auch in der Schweiz müssten laut Fringer perspektivisch 30 bis 40 Prozent des Pflegefachpersonals über einen Mastertitel verfügen. «Akademisierung ist daher kein Luxus, sondern präventive Ökonomie.»
Hochbetagte lassen sich nicht nach Schema F betreuen. Es braucht die Breite im Bachelor und die Tiefe im Master.
Hohe Anforderungen, enge Begleitung Expertise schützt nicht vor Erschöpfung, sie stärkt aber Selbstreflexion, Systemkompetenz und die Abgrenzung der eigenen Rolle. Rund 30 Prozent des Masters sind Methodik, Ethik sowie Kommunikation und Deeskalationstrategien gewidmet. Ergänzend setzt Fortsetzung auf Seite 4
«Bildung» ist ein Schwerpunkt des Unternehmens NZZ. Beilagen werden nicht von der Redaktion produziert, sondern bei NZZone von unserem Dienstleister für journalistisches Storytelling: NZZ Story Lab. Konzept und Realisation: Alexander Vitolić. Layout: Armin Apadana. Verkauf: Predi Vukovic-Häfliger. Kontakt: NZZone, c/o Neue Zürcher Zeitung AG, Falkenstrasse 11, CH-8021 Zürich; E-Mail: sales@nzzone.ch. Hinweis: Nicht gekennzeichnete Inhalte sind publizistisch unabhängig entstanden; bei Gastbeiträgen oder Sponsored Content handelt es sich um kommerziell erworbene Inhalte.
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20. September 2026
die ZHAW auf eine Kultur auf Augenhöhe: «Nach dem Leitsatz ‹High Demand, High Support› verlangen wir enorm viel. 90 ECTS-Punkte an einer Fachhochschule erfordern vergleichbare Eigenleistung wie an einer Universität, bieten aber auch ein Maximum an individueller Begleitung.» Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hat der Studiengang das Konzept YANA («You Are Not Alone») etabliert. Es bietet anonyme Anlaufstellen und Vertrauenspersonen für Studierende, die zwischen hohen Pensen, Schichtdienst, Familie und Studium an ihre Grenzen kommen. Denn für Fringer steht fest: «Wir dürfen in der aktuellen Pflegelage niemanden verlieren. Der Master of Science in Pflege eröffnet drei unterschiedliche Karrierewege: die Forschung, die Rolle als Clinical Nurse Specialist (Systemsteuerung und Qualitätsmanagement im Spital) oder die Arbeit als Nurse Practitioner (direkte, hochspezialisierte Patientenversorgung, etwa in Hausarztpraxen oder integrierten Versorgungszentren). Da viele BachelorAbsolventinnen und -Absolventen diese Unterschiede zu Beginn noch gar nicht kennen, bietet die ZHAW allen rund 70 Studierenden eines Jahrgangs ein strukturiertes, verpflichtendes Karrieregespräch an. Im ersten Semester werden gemeinsam Visionen, Stärken und persönliche Neigungen analysiert, bevor sich die Studierenden verbindlich für ihren Schwerpunkt entscheiden.
Studienumfang und Abschlüsse Auch strukturell entwickelt sich die Ausbildung entsprechend den Anforderungen der Pflegepraxis weiter. Während die
André Fringer leitet den Masterstudiengang Pflege an der ZHAW.
Berner Fachhochschule (BFH) ihren Master mit 120 ECTS-Punkten anbietet, bleibt die ZHAW bei 90 ECTS-Punkten, prüft jedoch zusammen mit ihren Praxispartnern eine Erweiterung auf 120 Punkte, um den Anforderungen der Praxis an Versorgungsqualität, Patientensicherheit und Komplexität der Gesundheitsversorgung gerecht zu werden. Fringer sieht bei beiden Modellen Vor- und Nachteile: «Einerseits erfordern 90 ECTS eine enorme Verdichtung, da die notwendigen Praktika und die empirische Thesis rechnerisch in deutlich weniger Arbeitsstunden als bei einem 120er-Curriculum erbracht werden müssen.»
«Wenn jemand müde im Unterricht sitzt, verweigert er sich nicht, er arbeitet schlicht zu viel.» André Fringer, Co-Leiter des Masterstudiengangs Pflege an der ZHAW
Andererseits schone ein kürzeres Studium die personellen Ressourcen am Patientenbett. Für die weitere akademische Laufbahn ergäben sich keine Nachteile: Auch mit 90 ECTS-Punkten sei eine spätere Promotion, etwa im Doktoratsprogramm Care and Rehabilitation Sciences an der Universität Zürich ohne Probleme möglich. Darüber hinaus profiliert sich die ZHAW auch international. Neben Studierenden aus Deutschland und Österreich, die nach dem Abschluss meist im Schweizer Gesundheitssystem verbleiben, baut das Institut gezielt internationale Double-Degree-Programme auf. Durch gegenseitige Modulanerkennung und ein zusätzliches Semester an der Partnerhochschule können Studierende so zwei vollwertige Mastertitel erwerben. Eine solche Kooperation läuft bereits mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd im Bereich der Pflegepädagogik. Weitere Abkommen, etwa mit der UMIT Tirol in Hall in Tirol, der Hochschule Bielefeld, der FH Münster sowie der Universität zu Köln, stehen zum Teil kurz vor dem Abschluss. Damit werden klinische APN-Kompetenzen künftig noch gezielter mit Pflegemanagement, Pflegepädagogik und Palliative Care verknüpft. Was das Studium insgesamt komplex mache, seien die klinisch supervidierten Praktika, so Fringer. In diesem geschützten Rahmen begleiten erfahrene Advanced Practice Nurses die Studierenden direkt im Arbeitsalltag bei der Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen. Denn in der Pflege gehe es buchstäblich um Leben und Tod; neben theoretischem Wissen sei vor allem geschulte «Intuition» in Krisensituationen entscheidend. Fringer erinnert sich an seine eigene Zeit auf einer Wachkoma-Sta-
tion, als ihn ein unbestimmtes Bauchgefühl in ein Zimmer trieb: Dort drohte ein Patient wegen einer verrutschten Trachealkanüle lautlos zu ersticken.
Wissenschaft im Dienst der Praxis Um wissenschaftliche Erkenntnisse in den Spitalalltag zu integrieren, lernen die Studierenden an der ZHAW, Forschungsdaten mit der Programmiersprache R auszuwerten. Da R frei verfügbar ist, sind sie dabei nicht auf kostenpflichtige Statistiksoftware angewiesen. Wissenschaftliche Fähigkeiten sind für Pflegefachpersonen von zentraler Bedeutung. Weist eine Pflegefachperson gegenüber Krankenkassen oder Spitalleitungen evidenzbasiert nach, dass eine gezielte Massnahme dazu beiträgt, erneute Spitaleintritte zu verhindern, verbindet sie Forschung und Praxis. «Zudem sichern wir die Praxisrelevanz unserer Curricula über ein hochkarätig besetztes Sounding Board mit Vertretern von Kantonsspitälern, Universitätsspitälern und Spitex-Organisationen. Wir entwickeln nichts am grünen Tisch. Viele unserer Dozentinnen und Dozenten arbeiten selbst noch in der klinischen Versorgung», betont Fringer. Schliesslich fördert die ZHAW auch das unternehmerische Denken ihrer Studierenden, damit diese Versorgungslücken aus eigener Initiative schliessen können. Wenn etwa freiberufliche Advanced Practice Nurses an der Schnittstelle zwischen Spitex und Hausärzten neue Versorgungsmodelle etablieren, entlaste dies das gesamte System. Fringers Fazit ist eindeutig: «Wer an der Ausbildung der Pflege spart, gefährdet das Fundament unserer Gesundheitsversorgung langfristig.»
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«Das Langgymnasium ist nur die erste Eintrittsmöglichkeit ins Gymnasium» Im Kanton Zürich haben die Vorbereitungskurse auf die Gymiprüfung begonnen. Niklaus Schatzmann, Chef des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts, erklärt, weshalb das Langgymnasium nur einer von mehreren Wegen zur Matur ist.
Welche Chancen bietet eine Berufslehre mit Berufsmaturität gegenüber einem rein gymnasialen Weg? Eine Berufslehre mit Berufsmaturität ist geeignet für begabte Jugendliche, die neben einer berufsspezifischen Grundbildung und einer allgemeinbildenden Zusatzausbildung, die
Viele Wege führen nach oben: Das Schweizer Bildungssystem kennt keinen Abschluss ohne Anschluss.
«Eine Lehre ist nicht nur eine Chance, sondern schon fast eine Garantie für eine erfolgreiche Berufskarriere.»
während oder nach der Lehre absolviert werden kann, auch das Bedürfnis haben, bereits ab 16 Jahren mit beiden Beinen im Arbeitsleben zu stehen und in der Welt der Erwachsenen einen konkreten Beitrag in einem Ausbildungsbetrieb zu leisten. Dafür gibt es auch einen Lohn. Ihnen steht danach ein Studium an einer Fachhochschule offen, nach bestandener Passerellenprüfung auch ein Studium an einer Universität. Die bereits vorhandene Berufserfahrung macht sie zu gefragten Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt: Sie finden schnell eine qualifizierte Stelle mit attraktiven Karriere- und Lohnperspektiven. Wann ist ein späterer Übertritt ins Kurzgymnasium sinnvoller als der Eintritt ins Langgymnasium? Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Es kommt auf das Kind respektive die jugendliche Person selbst und ihren Entwicklungsstand an. Ist ein Kind nach der Primarschule bereits reif für mehr Eigenverantwortung und eine stärkere Ablösung vom Elternhaus und vom Wohnquartier? Oder tut es ihm gut, in der Sek und damit noch etwas länger
Niklaus Schatzmann Niklaus Schatzmann leitet das Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) des Kantons Zürich seit September 2017. Er ist ausgebildeter Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch und unterrichtete an der Kantonsschule Freudenberg in Zürich. Von 2007 bis 2017 führte er die Schule als Rektor und engagierte sich in kantonalen und nationalen Gremien.
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Nach welchen Kriterien sollten Jugendliche und Eltern denn zwischen Gymnasium, Lehre und Fachmittelschule entscheiden? Talentförderung geschieht in allen Ausbildungsgängen. Die Ausbildungen unterscheiden sich vor allem in Bezug auf den Anteil der praktischen Tätigkeiten und den Fokus auf Handlungskompetenzen, die in der Berufslehre stark im Vordergrund stehen und auch in der Fachmittelschule mit den verschiedenen Ausrichtungen eine wichtige Rolle spielen. Im Gymnasium steht vor allem die breite Allgemeinbildung im Zentrum. Für die Wahl stellen sich Jugendliche die Frage: «Was mache ich wirklich gerne?», beziehungsweise: «Wie lerne ich besonders gerne?». Denn das persönliche Interesse ist ein guter Wegweiser, um den passenden Bildungsweg zu finden: Spricht mich eine Tätigkeit oder ein Beruf besonders an? Wie viel Zeit beanspruchen meine Hobbys? Gehe ich gerne zur Schule? Was sind meine Fähigkeiten? Dabei sollen Jugendliche und Eltern auch auf die Einschätzung der Lehrpersonen der Volksschule vertrauen. Diese erleben das Kind tagtäglich im Unterricht und können daher beim Übertritt in die nächste Schulstufe optimal unterstützen. Insgesamt gilt: Die Wahl des ersten Bildungswegs ist keine Sackgasse. Dank unseres durchlässigen Bildungssystems gibt es keinen Ausbildungsabschluss ohne Anschluss.
Universität studieren. Ich kann auch mit einem Lehrabschluss ohne Berufsmatur ein Studium im Bereich der höheren Berufsbildung, zum Beispiel an einer Höheren Fachschule, absolvieren und dann sogar noch ein Fachhochschulstudium anhängen. Zweitens ist Bildung auch unabhängig vom Alter möglich, denn nicht jeder macht den Knopf im selben Alter auf. Hat man sich als Kind für eine Ausbildung entschieden, so kann man sich später darin fortbilden oder einen ganz anderen Weg einschlagen. Und, ganz wichtig: Wer einen Abschluss verpasst hat, kann ihn in jedem Alter nachholen.
KANTONSSCHULE ZIMMERBERG / BEARB.: NZZ STORY LAB
Im Kanton Zürich beginnen gerade die Vorbereitungskurse auf die Gymiprüfung. Was antworten Sie Eltern, die das Langgymnasium als den besten Bildungsweg betrachten? NIKLAUS SCHATZMANN: Ich möchte zwei Punkte hervorheben: Zunächst erhält man genau dasselbe Maturzeugnis mit allgemeinem, prüfungsfreiem Zugang zur Universität, ob man nun nach der Primarschule ins Langgymnasium eingetreten ist oder nach zwei oder sogar drei Jahren Sekundarschule ins Kurzgymnasium. In den meisten Fällen sitzen die Schülerinnen und Schüler dann sogar gemeinsam in gemischten Klassen. Zweitens ist neben dem Blick auf die schulische Leistung auch der persönliche Entwicklungsstand des Kindes sehr bedeutsam für die Frage, ob das Gymi mit zwölf Jahren schon der richtige Schultyp ist. Denn hier gibt es zwischen den Jugendlichen grosse Unterschiede. Nicht alle, die grundsätzlich ins Gymi gehören, sind in diesem Alter schon bereit für diese doch sehr theorielastige Schule mit langen Schultagen und oft längerem Schulweg, vielen Lehrpersonen und vielen Prüfungen. Das Langgymnasium ist nur die erste Eintrittsmöglichkeit ins Gymnasium, es folgen noch viele weitere, und zwar genau dann, wenn man dafür bereit ist. Für die einen ist das nach der Primarschule der Fall, für die anderen erst später. Eine gewisse Gelassenheit ist daher sicherlich hilfreich.
Niklaus Schatzmann
im stärker vertrauten Unterricht mit wenigen Bezugspersonen und im lokalen Netzwerk zu verbleiben? Je nach Antwort kann das Langgymnasium oder das Kurzgymnasium der passendere Weg sein. Auf jeden Fall bieten beide gymnasialen Bildungsgänge dieselben vielfältigen Studien- und Berufsaussichten. Was bedeutet die so oft zitierte «Durchlässigkeit» des Schweizer Bildungssystems konkret? Die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems zeigt sich erstens darin, ohne grössere Hürden zwischen verschiedenen Bildungswegen, Schulstufen, Berufen oder Bildungsbereichen wie der beruflichen und der akademischen Bildung wechseln zu können. Das heisst, ich kann nach einer zweijährigen Lehre, die zu einem eidgenössischen Berufsattest (EBA) führt, noch eine verkürzte Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) absolvieren. Ich kann nach einer Lehre noch ein Gymi anhängen, oder umgekehrt. Ich kann mit der Berufsmaturität in der Tasche ein Fachhochschulstudium in Angriff nehmen oder mit einer Zusatzqualifikation an der
Welche Bildungswege werden in Familien trotz guter Perspektiven noch zu wenig wahrgenommen? Ich kann mir vorstellen, dass je nach Familie andere Bildungswege ein Thema sind. Meistens stehen jene im Vordergrund, die man selbst absolviert hat und gut kennt. Heute gibt es aber Ausbildungswege, wie zum Beispiel die Talentförderung in der Berufsbildung mit Berufsmaturität und Fachhochschulstudium, die es in dieser Form noch nicht gab, als die heutigen Eltern jung waren. Wichtig finde ich darum vor allem, dass alle Wege bei der Auswahl berücksichtigt werden. Jugendliche sollen wissen, welche Möglichkeiten sie haben, und für sich entscheiden, was sie anspricht. Im Kanton Zürich entscheiden sich rund drei Viertel für eine Berufslehre und rund ein Viertel für eine Mittelschule. Und dies schon seit Jahren. Das zeigt: Gymnasium, Lehre, Fachmittelschule, Handelsmittelschule oder Informatikmittelschule sind bewährte Wege, und sie sind alle eine gute Wahl. Und nicht jeder Bildungsweg muss in einem Studium münden. Dabei denke ich beispielsweise an die höhere Berufsbildung mit den Berufsprüfungen, höheren Fachprüfungen und Höheren Fachschulen. Diese Ausbildungen richten sich an Personen, die bereits vertiefte berufliche Fähigkeiten besitzen und sich spezialisieren oder Führungsfunktionen übernehmen möchten. Diese Abschlüsse erhielten jüngst die Titelzusätze «Professional Bachelor» und «Professional Master». Die Absolventinnen und Absolventen sind entsprechend begehrt auf dem Arbeitsmarkt und gut bezahlt. Was raten Sie Eltern, die Angst haben, ihr Kind könne sich mit einer Lehre berufliche Möglichkeiten verbauen? Diese Angst kann ich allen hier und jetzt nehmen. Eine Lehre ist nicht nur eine Chance, sondern schon fast eine Garantie für eine erfolgreiche Berufskarriere. Neben der fachlichen Ausbildung erfahren Jugendliche vom ersten Tag an die Arbeit in einem Team, dürfen Verantwortung übernehmen, sehen täglich ihre eigenen Fortschritte und entwickeln Stolz auf das Erreichte und ihren Beruf. Bemerkenswert ist: Personen mit einer Lehre und einer absolvierten Höheren Fachschule oder einer Fachhochschule haben besonders gute Karten, um eine Führungsposition zu erreichen. Und Fachkräfte wie Handwerkerinnen und Handwerker sind auf dem Arbeitsmarkt stark gefragt, heute wie in Zukunft. Kurzum: Eine Lehre ist eine einmalige duale Ausbildung: Sie vereint Praxis und Theorie. Interview: Denise Weisflog
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Ausgedacht und umgesetzt: Absch
Fachmittelschule, Gymnasium, Berufslehre: Vier Absolventinnen und Absolventen der Z Sie erzählen, wie sie dorthin fanden und was aus ihrer Bachelorarbeit geworden ist: ein erster Auftra
Kinderschuhe mit mehreren Leben
FOTOS: ZHDK
Bildgeschichten gegen die Vereinsamung
Narada Zürrer: «Neunoi»
Anne Holmegaard: «Windstill»
Wie lief das Aufnahmeverfahren ab? Ich habe mich für die Fachrichtung Knowledge Visualization im Bereich Design beworben. Dafür musste ich eine Mappe mit fünf Projekten einreichen und eine Hausaufgabe lösen. Schliesslich wurde ich zur Prüfung und zum Gespräch eingeladen. Wie war dein Studium aufgebaut? Im ersten Jahr lag der Fokus auf analogen Medien. Wir vertieften unsere Grundlagen in der Visualisierung von Sachverhalten und verfeinerten Fähigkeiten wie Gegenstandszeichnen oder Ölmalerei. Im zweiten Jahr lag der Schwerpunkt auf dem Einsatz digitaler Medien. Während des Studiums konnten wir immer wieder Projekte in Zusammenarbeit mit Institutionen oder Firmen entwickeln. Das gefiel mir gut, denn so erhielten wir einen Bezug zur Praxis und lernten Menschen aus der Branche kennen. Wie kamst du auf die Idee, für deine Bachelorarbeit eine Graphic Novel über Einsamkeit zu zeichnen? Ich interessiere mich sehr für die Geschichten von Menschen, vor allem für jene, die sie nicht erzählen. Als ich anfing, mich mit meiner Bachelorarbeit auseinanderzusetzen, erzählte mir eine Bekannte, dass im Gesundheitswesen die Alterseinsamkeit aktuell ein sehr grosses Thema sei und dass viel Aufklärungsbedarf bestehe. Da wusste ich, dass ich einsame Menschen und ihre Geschichten illustrieren möchte, mit dem Ziel, die Bevölkerung auf dieses Thema aufmerksam
Anne Holmegaard illustrierte für ihre Bachelorarbeit eine Bildgeschichte über Alterseinsamkeit. Wo bist du aufgewachsen, und welcher Bildungsweg hat dich an die ZHdK geführt? Ich bin 1997 geboren und in Zürich aufgewachsen. Mein Weg an die ZHdK ebnete sich dank vieler Zufälle und Wendungen. Zunächst habe ich das Gymnasium Rämibühl besucht. Im zweiten Jahr empfahl mir meine Kunstlehrerin einen Wechsel ins Liceo Artistico. Nach der Matura wollte ich nicht direkt studieren, also arbeitete ich in einem Grafikbüro. Dort machte jemand, der an der ZHdK studierte, ein Praktikum. So kam ich auf die Idee, mich auch zu bewerben.
zu machen, aber auch, um Vorurteilen und Scham entgegenzuwirken. Wie bist du vorgegangen? Ich habe unterschiedliche Organisationen angeschrieben, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, und bin so auf den Verein Connect! gestossen. Ich hatte auch einen Kontakt beim Telefonangebot «malreden» von Silbernetz Schweiz. Die Person erzählte mir von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen. Zudem habe ich mit vielen Menschen aus meinem Umfeld gesprochen: Jeder kennt jemanden, der oder die einsam ist. Anschliessend habe ich vorhandene Statistiken analysiert und schliesslich aus allen gesammelten Informationen die Figuren für meine Bildgeschichte «Windstill» entwickelt. Nun hast du abgeschlossen. Was machst du jetzt? Connect! möchte weiter mit mir an der Bildgeschichte arbeiten und das Buch nutzen, um Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Ich hatte grosses Glück, dass aus meiner Bachelorarbeit mein erster selbstständiger Auftrag entstand. Momentan bin ich dabei, den Prototyp weiterzuentwickeln, und hoffe, einen Verlag zu finden. Für meine berufliche Zukunft könnte ich mir eine Teilselbstständigkeit als Illustratorin oder wissenschaftliche Illustratorin vorstellen. Ich würde auch gerne selbst als Lehrperson arbeiten, denn ich habe die gestalterischen Schulen sehr geschätzt, und die Idee, mein Wissen weitergeben zu können, gefällt mir.
ALINA BIRJUK
Wo bist du aufgewachsen, und welcher Bildungsweg hat dich an die ZHdK geführt? Ich bin 2002 geboren und im Laufental in der Nähe von Basel aufgewachsen. Nach der Fachmittelschule (FMS) habe ich an der Schule für Gestaltung Basel das Propädeutikum absolviert und dort in Vorbereitung auf meine Bewerbung für die ZHdK den Vorkurs Plus besucht.
Aus Narada Zürrers Bachelorarbeit entstand Neunoi, eine Firma für reparierbare Kinderschuhe.
Was gefiel dir besonders an deinem Studium? Beim Studiengang Industriedesign gefiel mir, dass er eine gute Mischung aus praktischer Anwendung und theoretischem Wissen bot. Und auch, dass meine Mitstudierenden aus den verschiedensten Welten kamen: vom Schreiner über den Goldschmied bis zur Maturandin. Weil wir oft projektbasiert arbeiteten, konnten wir alle voneinander lernen. Wie sah es mit der Zusammenarbeit mit anderen Schulen und Unternehmen aus? Die Ausflüge zu Firmen waren sehr wertvoll und gewährten einen guten Einblick in die reale Welt. Industriedesign ist ein sehr breites Fach. Die ZHdK zeigte uns, welchen Einfluss man damit haben kann, im positiven wie im negativen Sinn. Die Dozierenden legten viel Wert darauf, dass wir uns nicht nur auf Autorendesign konzentrieren, sondern uns Gedanken machen, wie wir etwas Sinnvolles entwickeln können. Wie kamst du auf die Idee, einen reparierbaren Kinderturnschuh zu gestalten? Meine Bachelorarbeit entstand in einem Umfeld, in dem wir uns intensiv mit Materialien, Kreisläufen und neuen Produktlogiken beschäftigten. In der Ideenfindungsphase kamen mein Studienkollege Thibault Wenger und ich auf Kinderschuhe, weil dort ein offensichtliches Problem besteht: Kinder und Jugendliche wachsen oft sehr schnell aus ihren Schuhen heraus, obwohl diese oft noch lange nicht am Ende ihrer technischen Lebensdauer sind. Die Idee war deshalb von Anfang an, nicht nur einen einzelnen reparierbaren Schuh zu entwerfen, sondern ein ganzes System darum herum. Der Schuh sollte so konstruiert sein, dass Verschleissteile möglichst einfach ersetzt und alle Schäden systematisch repariert werden können. Du hast vor drei Jahren abgeschlossen. Was machst du jetzt? Inwiefern hat dich deinStudium dahin gebracht, wo du heute bist? Ich habe meine Bachelorarbeit nach dem Abschluss konsequent weitergeführt. Mir war wichtig, es nicht bei einer guten Idee zu belassen, sondern herauszufinden, ob sie auch in der Realität funktioniert. Das bedeutete, den Schuh professionell weiterzuentwickeln und zu testen, Partner zu finden, eine Lieferkette aufzubauen, eine Firma zu gründen und daraus schrittweise ein tragfähiges Produkt und Geschäftsmodell zu entwickeln. Daraus ist Neunoi entstanden. Heute verkaufen wir reparierbare Kindersneaker, die für mehrere Lebenszyklen konzipiert sind. Zu klein gewordene Schuhe können zurückgegeben, aufbereitet und von anderen Kindern getragen werden. Die erste Serie wurde in Portugal produziert und ist inzwischen auf dem Markt.
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hlussarbeiten, die Karriere machen
Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) kamen auf ganz verschiedenen Wegen ans Ziel. ag, eine eigene Firma, eine Kooperation mit der ETH, eine Stelle in einem Startup. Von Cécile Hana
Ein Wasserkollektor für SAC-Hütten Tim Frei: «Wasserstand»
unterschiedliche Ausrichtungen und bieten spannende Studiengänge. Wegen meines technischen Interesses entschied ich mich für die ZHdK. Das Studium verbindet soziale und ökologische Nachhaltigkeit mit technischer Innovation – genau die Gebiete, die mich am meisten interessieren. Wie würdest du dein Studium in Industriedesign an der ZHdK beschreiben? Der Studiengang verband Gestaltung und Technik. In einem gemeinsamen Modul mit dem Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik der ETH Zürich konnten wir Projekte und Abschlussarbeiten realisieren. Wie kamst du auf die Idee, einen Wasserkollektor für SAC-Hütten zu entwickeln? Die Bergwelt war schon immer mein Zuhause. Nirgends in der Schweiz sieht und spürt man die Auswirkungen der Klimakrise so stark. Lange konnten SAC-Hütten die Trockenperioden mit den vier gängigsten Methoden überbrücken: Regenwasser sammeln, Quellen erschliessen, Schneekeller errichten oder Gletscherwasser nutzen. Weil die Trockenperioden aber immer länger werden und in kürzeren Abständen kommen, reichen auch diese Massnahmen inzwischen nicht mehr aus.
Tim Frei entwickelte mit ETH-Forschenden einen stromlosen Wasserkollektor für SAC-Berghütten.
Wo bist du aufgewachsen, und welcher Bildungsweg hat dich an die ZHdK geführt? Ich bin in Luzern aufgewachsen und war viel in den Bergen. Das prägt mich bis heute. Nach der Oberstufe machte ich eine Lehre als Grafiker und arbeitete einige Jahre in diesem Beruf. Danach besuchte ich die Fachklasse Grafik Luzern und erwarb die gestalterische Berufsmaturität. Hast du sofort nach der Berufsmaturität angefangen zu studieren? Nein, ich habe noch einige Jahre an verschiedenen Orten gearbeitet, spürte aber, dass ich gestalterisch noch nicht am Kern angelangt war. Ich wollte in der Gestaltung bleiben, aber auch Ideen entwickeln, die mehr Wirkung haben. Da lag Industriedesign nahe. Wie kamst du auf die ZHdK? Zur Auswahl standen die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel, die ZHdK und die ECAL in Lausanne. Alle drei Hochschulen haben
Wie bist du bei der Bachelorarbeit vorgegangen? Ich habe zuerst bei der SAC-Geschäftsstelle in Bern angefragt. Dort war man sehr hilfsbereit und stellte mir eine Ansprechperson zur Verfügung. Dann machte ich mich an die wissenschaftliche Recherche und stiess auf eine Doktorarbeit an der ETH: ein Wasserkollektor, der ohne Strom funktioniert und das theoretische Optimum an Feuchtigkeit aus der Luft holt. Weil aber in den Bergen eine tiefe Luftfeuchtigkeit herrscht, galt dies bisher nicht als plausible Lösung. Ich habe den Doktoranden und sein Team bei Solabs angeschrieben, um mit ihnen zu prüfen, ob es doch eine Option wäre. So entstand ein Dreiergespann. Sie unterstützten mich technisch, stellten mir den Prototyp und die Berechnungen zur Verfügung, und ich übernahm die Vermittlung gegenüber dem SAC. Aus dieser Symbiose von technischer und menschlicher Seite habe ich ein Konzept entwickelt, das beide Bedürfnisse abdeckt. Was machst du jetzt? Inwiefern hat dich dein Studium dahin gebracht, wo du heute bist? Ich freue mich, das neu Gelernte anzuwenden. Ich arbeite als Industriedesigner an der Schnittstelle zwischen Technik und Gestaltung. Ich möchte aus der Designbubble raus und vermehrt den technischen Aspekt mitentwickeln. Mir ist beim kreativen Prozess sehr wichtig, dass ich zuerst ein Bedürfnis erkenne und dann ein Produkt entwickle, und nicht umgekehrt.
Ein Hilfsmittel für die Bauchchirurgie Simon Haas: «Surgical Sealant Link»
Wo bist du aufgewachsen, und welcher Bildungsweg hat dich an die ZHdK geführt? Ich bin im Kanton Zug aufgewachsen. Nach der Sekundarschule habe ich eine Lehre als Konstrukteur bei Siemens in Zug gemacht. Die Lehre war sehr technisch. Weil meine Familie gestalterisch sehr aktiv ist, wollte ich mich auf diesem Gebiet ebenfalls mehr ausleben. Nach der Lehre machte ich die Berufsmaturität für Erwachsene mit Ausrichtung Gestaltung am Berufsbildungszentrum Bau und Gewerbe (BBZB) in Luzern und besuchte danach für ein Jahr den gestalterischen Vorkurs der Hochschule Luzern – Design Film Kunst in Emmenbrücke. Von dort aus habe ich mich für die ZHdK beworben.
dem dritten Semester ein Nebenfach wählen konnte. Ich habe mich für den Minor in Health Design entschieden, der von der Fachrichtung Trends & Identity angeboten wird. Wie bist du für deine Bachelorarbeit auf den Surgical Sealant Link gekommen, ein sehr spezifisches Produkt der Medizintechnik? Für mich war früh klar, dass ich eine Kooperation möchte. Die ZHdK stellte uns diverse Kooperationspartner vor, darunter Veltist, ein Medizintechnik-Startup, das unter anderem einen Patch zur Abdichtung und Überwachung von Nahtund Klammerlinien entwickelt hat. Meine Arbeit fokussierte sich auf die nutzerzentrierte Anwendung bei einer distalen Pankreatektomie, also einer Teilentfernung der Bauchspeicheldrüse. Das Ergebnis ist der Surgical Sealant Link, der die sichere, reproduzierbare und kontrollierte Anbringung eines Patches ermöglicht. Was fasziniert dich an Health Design? Medizin und Gesundheit sind Themen, mit denen man immer wieder konfrontiert ist und bei denen man an der Schnittstelle von Technik und Design viel bewirken kann. Zudem bin ich nicht nur von der Ästhetik geleitet; mein Interesse liegt stark im Technischen und Funktionalen. Was machst du jetzt? Inwiefern hat dich dein Studium dahin gebracht, wo du heute bist? Ich habe kurz nach dem Bachelor bei Veltist angefangen. Ich arbeite zwar im selben Team wie für den Surgical Sealant Link, aber an einem neuen Projekt.
Wie lief das Aufnahmeverfahren? Der erste Versuch scheiterte leider, also fing ich an, Maschinenbau zu studieren. Der Wunsch, auch den gestalterischen Aspekt zu fördern, liess mich aber nicht los. Also bewarb ich mich erneut und wurde aufgenommen. Beim Aufnahmeverfahren erhielt ich unter anderem ein Stichwort, zu dem ich etwas gestalten sollte. Mein Wort war «Umkehr», und schon damals entwickelte ich mit einem Medikamentenspender etwas für den medizinischen Bereich. Wie war dein Studium aufgebaut? Der Aufbau war relativ klassisch mit einer Einführung in die Werkstatt, wo wir unsere Fertigkeiten erweitern konnten und lernten, mit den Maschinen zu arbeiten. Das gesamte Studium verband praktische und theoretische Elemente. In meinem Jahrgang kam neu dazu, dass man ab
Simon Haas konzipierte mit dem Startup Veltist ein Hilfsmittel für die Bauchchirurgie.
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20. September 2026
Probieren geht über Studieren
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rühjahr 2026: In der Schweiz standen hochgerechnet 98 097 Jugendliche am Übergang von der obligatorischen Schule in eine Berufsausbildung oder eine weiterführende Schule. 57 Prozent verfügten im Erhebungszeitraum bereits über eine gesicherte Anschlusslösung. 68 Prozent der rund 74 000 angebotenen Lehrstellen waren besetzt. An dieser Schwelle treffen verschiedene Welten aufeinander: Erwartungen, Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Unwissenheit. Forschende haben untersucht, welche Fähigkeiten und Selbsteinschätzungen mit späteren Bildungs- und Arbeitsmarktverläufen zusammenhängen.
Das Schnupperparadox 95 Prozent der Jugendlichen mit Interesse an einer beruflichen Grundbildung haben mindestens eine Schnupperlehre absolviert, fast drei Viertel mehrere. Schnuppern ist damit längst kein Zusatz mehr, sondern ein fester Teil der Berufswahl. Es liefert etwas, das kein Berufsprofil leisten kann: Einblicke in einen Betrieb, konkrete Tätigkeiten, Arbeitszeiten, Menschen und Abläufe. Ein Beruf kann sich bestätigen, ein anderer erledigt sich, ein dritter taucht überhaupt erst auf. Mehr Erfahrung bedeutet mehr Wissen, aber nicht zwingend einen eindeutigeren Entscheid. Das
ist das Schnupperparadox. Eine Schnupperlehre ist deshalb auch dann nützlich, wenn danach kein Berufswunsch feststeht. Sie korrigiert Vorstellungen und schafft neue Vergleichsmöglichkeiten. Die Studie «Imperfect Self-Knowledge about Skills and Skill Mismatch» von Daniel Goller, Enzo Brox und Stefan C. Wolter untersuchte, wie gut Jugendliche ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen können. Die Forschenden verglichen darin Selbsteinschätzungen mit standardisierten Tests und verknüpften die Ergebnisse mit späteren Bildungs- und Arbeitsmarktverläufen. Je stärker Selbstbild und gemessene Fähigkeiten auseinanderlagen, desto häufiger passten die eigenen «Skills» weniger gut zum gewählten Beruf. Berufswahl verlangt also nicht nur Wissen über Berufe, sondern auch eine möglichst realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.
Der Selbstbildknick Hinzu kommt eine Entwicklung, die den Zeitpunkt der ersten Berufswahl nicht einfacher macht. In der Pro-JuventuteJugendstudie 2026 gab nur noch etwas mehr als ein Drittel der Jugendlichen an, aktiv gegen eigene Probleme vorgehen zu können. Zwei Jahre zuvor war es noch rund die Hälfte. Gleichzeitig macht sich rund ein Drittel häufig oder sehr häufig Gedanken über die berufliche Zukunft.
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Die erste Berufswahl ist eine Entscheidung mit unvollständigen Informationen. Jugendliche wissen nicht genau, was zu ihnen passt, Betriebe nicht genau, was jemand tatsächlich kann. Ein Plädoyer für mehr ausprobieren. Von Alexander Vitolić
Berufswahl ist selten eine Punktlandung.
Die Studie misst Selbsteinschätzungen, keine objektive Selbständigkeit. Für den Berufseinstieg ist der Befund dennoch relevant. Lehrstellensuche und Ausbildungsbeginn verlangen Eigeninitiative: Informationen beschaffen, entscheiden, Bewerbungen schreiben, nachfassen, mit Absagen umgehen, Aufgaben organisieren. Ausgerechnet das Zutrauen, selbst etwas bewirken zu können, nimmt in einer Phase ab, in der Jugendliche zunehmend eigene Entscheide tref-
Viel mehr als Schule…
fen sollen. Auch das spricht dafür, ihnen mehr Gelegenheiten zu geben, Entscheidungen praktisch zu erproben.
Die Zeugnismesslücke Auch Betriebe müssen sich ein Bild machen, bevor sie jemanden im Arbeitsalltag erlebt haben. Entsprechend wichtig sind standardisierte Signale. 73 Prozent der Unternehmen halten Angaben zu Selbst- und Sozialkompetenzen im Zeugnis für wichtig oder sehr wichtig, 72 Prozent achten auf das schulische Niveau, 70 Prozent auf Ziffernnoten. Gleichzeitig benennen Betriebe bei Lernenden zu Beginn der Ausbildung gerade Fähigkeiten als fehlend, die sich im Zeugnis kaum ablesen lassen: 37 Prozent vermissen Selbständigkeit, 35 Prozent Selbstorganisation und Priorisierung. Daniel Goller, Samuel Lüthi und Stefan C. Wolter zeigen in einer anderen Studie («The Value of Practical Skills»), dass praktische Fähigkeiten eine eigenständige Dimension bilden und nur schwach mit traditionellen Leistungsindikatoren zusammenhängen. Untersucht wurden dafür standardisierte praktische Lehrabschlussprüfungen in mehr als 170 Berufen. Schulische Leistungsbeurteilungen sagen nur begrenzt etwas darüber aus, wie jemand praktisch veranlagt ist. Doch wie lassen sich Fähigkeiten sichtbar machen, die sich erst im Handeln zeigen?
Simulierte Lernumgebungen leisten dazu einen Beitrag. Bei «Wirtschaft entdecken» von wirtschaftsbildung.ch führen Schülerinnen und Schüler in Gruppen einen fiktiven Sägereibetrieb. Sie treffen Entscheide, setzen Prioritäten und erleben wirtschaftliche, ökologische und soziale Folgen. So wird beobachtbar, wie jemand entscheidet, sich organisiert, mit anderen arbeitet und auf die Folgen eigener Entscheide reagiert.
Die Sackgassenangst 65 Prozent der Jugendlichen stimmen der Aussage zu, dass man sich schon früh für einen Beruf entscheiden müsse und dies für die berufliche Zukunft einschränkend sein könne. Die Sorge steht in einem auffälligen Gegensatz zu einem Bildungssystem, das nach einer beruflichen Grundbildung zahlreiche weitere Wege offenhält. Das Problem ist also nicht, dass die erste Wahl endgültig sein muss. Es besteht vielmehr darin, dass Jugendliche so oder so entscheiden müssen, bevor sie einen Beruf, einen Betrieb und die eigenen Fähigkeiten vollständig kennen können. Mut zur Lücke heisst bei der Berufswahl deshalb nicht, sich nicht festzulegen. Es heisst, verschiedene Gelegenheiten zu nutzen, Erfahrungen zu sammeln, Fehlentscheide auszuhalten und die eigenen Vorstellungen zu korrigieren.
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Die KV-Lehre ändert ihr Profil, nicht ihre Beliebtheit. Dem Handwerk fehlt indes nicht die Jobsicherheit, sondern der Nachwuchs.
Wo Kopf, Hand und Hightech zusammenspielen Die kaufmännische Lehre ist die beliebteste der Schweiz, doch ausgerechnet ihre Tätigkeiten lassen sich gut automatisieren. Das Handwerk gilt dagegen als krisensicher. Aber auch in der Werkhalle verändert sich viel. Von Cornelia Glees
I
m Juni legten schweizweit rund 10 000 angehende Kaufleute den schriftlichen Teil ihrer schulischen Abschlussprüfungen erstmals digital ab. Diese Umstellung war gewissermassen der jüngste sichtbare Ausdruck einer umfassenden Ausbildungsreform, die schon vor Jahren begonnen hatte. Doch nicht nur in der Ausbildung der Kaufleute, in allen beruflichen Grundbildungen stehen die Zeichen auf Reform: Mehr übergeordnete «Handlungskompetenzen», vor allem digitale Fertigkeiten, bessere Arbeitsmarktfähigkeit und mehr Praxisnähe sind zentrale Anliegen bei der Revision der Bildungspläne, die in der Schweiz regelmässig ansteht. Schliesslich will man angehende Fachkräfte fit machen für eine zunehmend digitalisierte Arbeitswelt, wohl wissend, dass man rasanten technologischen Entwicklungen naturgemäss immer ein bisschen hinterherhinkt. «Für uns gilt: Nach der Reform ist vor der Reform. Wir nehmen laufend Veränderungen in die weitere Berufsentwicklung auf», erklärt Melinda Bangerter, Leiterin Bildung beim Kaufmännischen Verband Schweiz. Aber von welchen Veränderungen ist die Rede? Bleiben wir bei den Kaufleuten. Die Ausbildung zur Kauffrau oder zum Kaufmann mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) ist seit Jahrzehnten unangefochten die Nummer eins unter den Lehrberufen in der Schweiz. Man kann die Ausbildung in 19 Branchen absolvieren und anschliessend praktisch in allen Bereichen der Schweizer Wirtschaft arbeiten: von Banken und Versicherungen über Industrie, Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung und KMU bis zu Non-Profit-Organisationen. Die kaufmännische Grundbildung ist nicht von ungefähr als vielseitig einsetzbare Grundlage beliebt. Doch viele Büro- und Verwaltungstätigkeiten lassen sich heute durch künstliche Intelligenz (KI) ersetzen oder zumindest beschleunigen.
Die Arbeitnehmerorganisation Angestellte Schweiz hat dazu kürzlich eine Studie veröffentlicht: Nahezu jeder dritte Job in der Schweiz steht wegen KI unter Druck. Untersucht wurden 86 Berufsgruppen und für jede der Grad, in dem sie KI ausgesetzt ist. Am stärksten betroffen sind Administration und Verwaltung: Fast alle untersuchten Berufe fallen dort in die höchste Kategorie. Im Bereich Finanzen und Recht sind es 72 Prozent. Wichtig zu wissen: Der Score von Angestellte Schweiz zeigt nicht, ob ein Beruf verschwindet. Er zeigt, wie gross der Anteil jener Aufgaben ist, bei denen Sprachmodelle helfen können. Dazu gehören Text-, Recherche-, Analyse- und Dokumentationsarbeit sowie der Umgang mit digitalen Werkzeugen.
Wer ins Büro will, sucht länger Anders sieht es laut dieser Studie im Handwerk aus, das kaum von KI berührt ist. Und auch Gesundheits-, Pflegeund Sozialberufe gelten als weniger betroffen. Ausserdem zeigt sich: Wer eine Stelle in einem Beruf sucht, der stark von KI betroffen ist, hat es zunehmend schwerer, fündig zu werden. Das bestätigt auch der FachkräftemangelIndex 2025, den die Adecco Gruppe Schweiz und die Universität Zürich jährlich veröffentlichen. Die stärksten Rückgänge bei der Anzahl Stellenausschreibungen pro stellensuchende Person verzeichnen demnach die Büro-, Verwaltungs- und kaufmännischen Fachkräfte sowie die ICT- und Informatikberufe. Heisst das nun, dass handwerkliche Berufslehren attraktiver werden und neuen Auftrieb im Vergleich zur KV-Lehre erhalten? Ist also die Entscheidung fürs Manuelle zukunftssicherer als die fürs Kaufmännische, zumal das Handwerk nach wie vor unter Fachkräftemangel leidet? Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation
(SBFI) registrierte jedenfalls in den letzten Jahren einen stabilen Lehrstellenmarkt mit jährlich rund 77 000 bis 80 000 neuen Lehrverträgen in der beruflichen Grundbildung. Patrick Chuard-Keller, Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, kann sich zwar vorstellen, dass das Handwerk künftig an Attraktivität gewinnen wird. Er rät aber dazu, nicht zu «überzeichnen», und erklärt: «Manuelle und handwerkliche Tätigkeiten mit körperlicher Arbeit, Maschinenbedienung oder direktem Kundenkontakt lassen sich schwerer automatisieren als Routineaufgaben im Büro. Entscheidend ist aber nicht, was technisch machbar wäre, sondern was sich wirtschaftlich lohnt.» Gleichzeitig bleibe kein Beruf ganz unberührt von KI, auch das Handwerk nicht. In diesem Punkt sind sich die Fachleute einig: KI verändert die Tätigkeiten in nahezu allen Berufen. Beispiel Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM): Gesa Gaiser, Leiterin Grundbildung bei Swissmechanic, dem Fachverband für die KMU der Schweizer MEM-Branche, betrachtet handwerklich-technische Berufe ebenfalls als vergleichsweise «robust gegenüber KI». Doch schon heute seien digitale Systeme im Einsatz, etwa bei der Produktionsplanung, der Programmierung von Maschinen, der Qualitätskontrolle, der Fehlersuche oder der vorausschauenden Wartung. Entscheidend sei,
ob KI als Bedrohung oder als Werkzeug verstanden werde. «In den MEM-Berufen kann KI Fachkräfte entlasten und ihnen ermöglichen, sich stärker auf anspruchsvolle Aufgaben, Qualität und Problemlösungen zu konzentrieren», sagt Gaiser. Immer wichtiger werde die Verbindung von handwerklichem Können, technischem Verständnis und digitalen Kompetenzen. Entsprechend hat Swissmechanic gemeinsam mit Swissmem reagiert und die Bildungspläne unter dem Namen «Futuremem» revidiert. In diesem Sommer starteten die acht technischen Berufslehren der Branche erstmals auf dieser Basis. Im Bausektor beschäftigt man sich bereits mit der nächsten Phase der künstlichen Intelligenz: der physischen KI, wie auf handwerker.ch, einer Branchenplattform, nachzulesen ist. Gemeint sind damit nicht einzelne Roboter, sondern Systeme, die ganze Maschinenparks und Arbeitsabläufe steuern. KI verlässt damit den Bildschirm und greift in reale Prozesse ein, auch auf der Baustelle. Die entscheidende Frage sei deshalb nicht, ob KI das Handwerk ersetze, sondern ob ein Betrieb «für Menschen, Plattformen, Suchmaschinen und KI-Systeme überhaupt noch sichtbar, verständlich und vergleichbar» sei. Die Antwort darauf beginne nicht erst bei Robotern, sondern bei sauberen Firmendaten, digitalen Prozessen und einer klaren Positionierung im Markt.
Die KV-Lehre ändert ihr Profil
Entscheidend ist nicht, was technisch möglich ist, sondern was sich rechnet.
Und wie positioniert sich der Kaufmännische Verband Schweiz? Hier nimmt man die Studienergebnisse zum Schweizer Arbeitsmarkt zwar sehr ernst. «Wir leiten daraus jedoch nicht ab, dass kaufmännische Berufe grundsätzlich an Zukunft oder Attraktivität verlieren», erklärt Melinda Bangerter. Vielmehr verändere sich auch hier das Tätigkeitsprofil: weg
von standardisierten und repetitiven Aufgaben hin zu einer beratenden, koordinierenden und gestaltenden Rolle der Kaufleute. «Der Mensch an sich rückt wieder stärker in den Mittelpunkt. KI kann dabei ein sehr leistungsfähiges Werkzeug sein. Entscheidend ist, dass Kaufleute lernen, dieses Werkzeug kompetent einzusetzen, statt mit ihm um Routineaufgaben zu konkurrieren.» Einen generellen Attraktivitätsverlust der KV-Lehre sieht Bangerter auch durch Zahlen nicht belegt. Im Gegenteil: «Gemäss Nahtstellenbarometer 2026 bleibt die kaufmännische Grundbildung mit einem Anteil von 19 Prozent an den konkret interessierenden Berufslehren klar die beliebteste Ausbildung bei Jugendlichen.»
Das Handwerk hat ein Imageproblem Wenn es um die Zukunftssicherheit des Handwerks geht, spielt auch die demografische Entwicklung eine grosse Rolle. Es rücken in der Schweiz schlicht zu wenige Handwerkerinnen und Handwerker nach. KI werde diese Lücke, so Patrick Chuard-Keller vom Arbeitgeberverband, voraussichtlich nicht schliessen. Simon Hämmerli, Direktor von EIT.swiss, dem Verband Schweizerischer Elektro- und Installationsfirmen, führt noch einen ganz anderen Aspekt an: «Das Handwerk hat einen schweren Stand angesichts der zunehmenden Akademisierung.» Allein die Aussicht auf eine sichere Stelle reiche nicht, das Image dieser Berufsgruppen müsse sich ändern. Für Gesa Gaiser besteht die Attraktivität handwerklicher Arbeit auch darin, dass ihre Bedeutung und ihr Wert trotz fortschreitender Automatisierung hoch bleiben. «In diesen Berufen sieht man am Ende des Tages, was man entwickelt, programmiert, gefertigt oder repariert hat. Diese Verbindung von Kopf, Hand und Hightech ist eine besondere Stärke, gerade der MEM-Berufe.»
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Mehr wissen, nicht weniger Die künstliche Intelligenz verändert die Art, wie wir lernen und arbeiten. Welche Fähigkeiten brauchen Jugendliche heute, um in der Berufswelt von morgen bestehen zu können? Von Denise Weisflog nen das Denken und Lernen abnehmen. Sie müssten zudem zu Mitgestalterinnen und Mitgestaltern digitaler Technologien ausgebildet werden, nicht zu blossen Konsumentinnen und Konsumenten. Arbeitsmarktbezogene Kompetenzen würden Jugendliche dann vor allem in der Berufsbildung und im Studium erwerben. Für die Stärkung zwischenmenschlicher und kreativer Kompetenzen spielt der Arbeitsplatz eine zentrale Rolle. Wie Lena Dändliker erklärt, lassen sich viele Soft Skills am besten in der Praxis entwickeln: «Wie gehe ich mit einem unzufriedenen Kunden um? Was mache ich, wenn plötzlich etwas nicht mehr funktioniert? Hier sind Reaktionen gefragt, die sich im Klassenzimmer nur schwer simulieren lassen. Während einer Berufslehre erwirbt man solche Kompetenzen während der rund drei bis vier Tage pro Woche im Betrieb. Wer das Gymnasium besucht und danach studiert, kann sie sich in einem Nebenjob oder während eines Praktikums aneignen. Auch ehrenamtliche Tätigkeiten, wie beispielsweise das Engagement in einem Sportverein, helfen dabei.»
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ünstliche Intelligenz konkurrenziert längst nicht nur einfache Tätigkeiten. In der Schweiz gilt mittlerweile jede vierte erwerbstätige Person mit Hochschulabschluss und fast jede dritte mit einem Abschluss der höheren Berufsbildung als potenziell betroffen. Für Jugendliche vor der Berufswahl stellt sich damit die Frage, welche Kompetenzen sie brauchen, um sich in einem von KI geprägten Arbeitsmarkt langfristig zu behaupten. Antworten darauf geben drei Fachleute: Dominik Petko, Professor für Allgemeine Didaktik und Mediendidaktik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich; Lena Dändliker, Leiterin des Swiss Education Lab der ETH Zürich, sowie Daniel Perrin, Professor für Angewandte Linguistik und Direktor des Departements Angewandte Linguistik an der ZHAW.
Wer Durchschnitt produziert, ist ersetzbar KI ist nicht nur in der Lage, Routinearbeiten auszuführen, sondern kann auch anspruchsvolle, mehrschrittige Aufgaben übernehmen. Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Wie Dominik Petko erklärt, braucht es deshalb Kompetenzen, die schwer automatisierbar sind. Vorläufig seien viele handwerkliche und soziale Berufe sowie Tätigkeiten mit verantwortungsvoller Kopfarbeit relativ sicher. «Langfristig müssen wir uns aber darauf einstellen, dass in fast allen Berufen Menschen und mitdenkende Computer Hand in Hand arbeiten werden. Das nennt man hybride Intelligenz.» Auch Exzellenz und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, bleiben laut Daniel Perrin entscheidend: «Ob übersetzen, Recht sprechen, Karosserien schweissen oder Wände mauern: KI mit und ohne Roboterkörper kann alle Muster imitieren, die wir Menschen im Beruf perpetuieren. Aus riesigen Mengen von Menschen produzierter Sprach- oder Bewegungsdaten leitet KI das durchschnittliche Muster ab und reproduziert es. Das bedeutet: Wer selbst nur Durchschnitt produziert, ist jetzt schon oder bald ersetzbar; wer aber besser ist, kann erstens die Leistung der Maschine einschätzen und zweitens bessere Ergebnisse liefern, wo das nötig ist.» Und wer in der Lage sei, die Arbeit der Maschine richtig einzuschätzen und bei Bedarf nachzubessern, könne das gemeinsame Produkt verantworten. Diese Fähigkeit hätten Maschinen nicht.
Wer lernen kann, bleibt gefragt In den kommenden Jahren werden Flexibilität und zwischenmenschliche Kompetenzen an Bedeutung gewinnen. «Mit KI hat das Tempo, mit dem sich Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt verändern, nochmals stark zugenommen. Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist deshalb
Fertig ausgebildet ist man nie
Die Maschine erzeugt in Sekunden hundert Varianten. Welche davon Sinn ergibt, für wen und warum, entscheidet der Mensch.
geprägt von ständig wechselnden Bildern. Das heisst: Wir brauchen zunehmend Fähigkeiten, die es uns erlauben, immer wieder neu die Weichen zu stellen», betont Lena Dändliker. Dabei spielten Soft Skills eine grosse Rolle. Einerseits, weil Kompetenzen wie Zuverlässigkeit, Kommunikationsfähigkeit oder Kreativität nicht plötzlich an Wert verlören; andererseits, weil sie für den Umgang mit dem schnellen Wandel unerlässlich seien: «Flexibilität, Motivation und die Fähigkeit, zu lernen, helfen beispielsweise dabei, sich morgen in neue KI-Tools einzuarbeiten, die übermorgen vielleicht schon wieder veraltet sind», sagt Dändliker. Kompetenzen, die mit echter Empathie, Intuition sowie mit sozial sinnvoller und verantworteter Innovation zu tun haben, gewinnen laut Daniel Perrin immer stärker an Bedeutung: «Man könnte auch sagen, Kompetenzen, die mit Kreativität im Sinn der Forschergruppe um Adam Green zu tun haben. Diese definiert Kreativität als Ziel sowie Prozess und Produkt des Erzeugens von Optionen, die neu und nützlich sind, weil sie die Grenzen bisheriger Optionen erweitern. Solche Kreativität schafft Sinn in ihrem Kontext, in den Gemeinschaften der Menschen, um die es gerade geht», erklärt Perrin. Dies sei deutlich mehr als die typische Kreativität von Maschinen, die einfach darin bestehe, in kürzester Zeit beliebige Varianten von etwas zu generie-
Was Jugendliche heute mitbringen müssen, ist nicht neu. Neu ist, dass sie damit eine Maschine steuern müssen, die alles Übrige schneller kann.
ren. «Auch hier kommt wieder die Verantwortung ins Spiel: Was ergibt Sinn für wen, und warum?», sagt Perrin. Solche Einschätzungen sind nicht ohne eigenes Wissen möglich: «Menschen müssen in der Zukunft sogar mehr und nicht weniger wissen», erklärt Dominik Petko. Ohne eine gute Allgemeinbildung und ein solides Grundwissen sei man der KI hilflos ausgeliefert. Ausserdem müssten Menschen verstehen, wie KI im Prinzip funktioniere. Nur so könnten sie beurteilen, wo und wie man sie produktiv einsetzen könne und wo eher nicht. Doch auch für Petko sind letztlich Kompetenzen wie Kreativität, kritisches Denken, Problemlösen, Kooperation und Kommunikation entscheidend: «Hier können Menschen in der Zusammenarbeit mit KI wirklich einen Unterschied machen», so Petko.
Manches lernt man nur im Betrieb Wie können Jugendliche solche Kompetenzen erwerben? Ein naheliegender Ort ist die Schule. Dafür müsste man gemäss Petko jedoch die Unterrichtskultur anpassen. Gefragt seien eine gezieltere, auf das Wesentliche reduzierte Stoffvermittlung und mehr selbständiges Problemlösen. Schülerinnen und Schüler sollten ausserdem vielfältige Lernerfahrungen mit KI machen, aber ohne dass ihnen Maschi-
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Alle drei Experten sind der Meinung, dass das Schweizer Bildungssystem Jugendliche relativ gut auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet. «In der Schweiz absolvieren rund zwei von drei Personen eine Berufslehre. Das ist im internationalen Vergleich ein sehr hoher Anteil. Wir haben dadurch ein Bildungssystem, das sehr eng an den Arbeitsmarkt gekoppelt ist. Dieser bestimmt bereits in der Ausbildung mit, was Jugendliche beim Berufseinstieg können müssen», sagt Lena Dändliker. Zudem sei es in der Schweiz möglich, ständig Neues zu lernen und bei Bedarf andere Wege einzuschlagen. Daniel Perrin unterstreicht die Stärke von praxisgerichteten, aber theoriebasierten Ausbildungen: «Mit guten Theorien lassen sich berufliche Entwicklungen antizipieren. Erkennbar werden dabei auch die Konstanten, also was sich kaum ändert, egal, wie disruptiv der Alltag gerade wirkt. Fliesst dies in eine Ausbildung mit ein, bereitet sie auf eine Welt vor, in der man nicht von Technologie getrieben ist, sondern erkennen und nutzen kann, was bleibt und was sich ändert.» Entscheidend ist dabei nicht nur, mit dem Wandel Schritt zu halten. Es geht auch darum, jene Fähigkeiten zu stärken, die Menschen im Zusammenspiel mit KI besonders machen. «Es wird wohl nie möglich sein, dass man optimal auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereitet ist. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, uns ständig weiterzubilden. Nur wenn man in der Zusammenarbeit mit Computern Ergebnisse erzielen kann, zu denen die Technologie allein nicht fähig wäre, wird man in der Zukunft einen sicheren Arbeitsplatz haben», lautet das Fazit von Dominik Petko.
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Keine Ahnung von Vorsorge und Finanzen: Das muss sich ändern Gastbeitrag Immer wieder tappen junge Menschen in die Schuldenfalle. Gleichzeitig haben sie keine Ahnung vom Vorsorgesystem der Schweiz. Bildung in beiden Gebieten tut not. Von Thomas R. Schönbächler
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berappen. Oft werden neu anfallende Fixkosten, die bislang von den Eltern bezahlt wurden, etwa für das Handy-Abo, Internet, den öV oder Versicherungen, unterschätzt. Dazu kommen regelmässige Ausgaben für Streaming-Abos, Lebensmittel, Kleidung oder Freizeit.
Vorausschauende Budgetplanung Eine geschickte Budgetplanung kann helfen, auch langfristige Träume wahr werden zu lassen. Hilfsmittel für die Budget- und Finanzplanung gibt es viele. Bei der Auswahl ist allerdings Vorsicht geboten, da viele Anbieter kommerzielle Absichten verfolgen und Finanzprodukte zur Kundengewinnung verkaufen. Gesucht sind alternative Angebote, die sich ausschliesslich um die Anliegen der Jugendlichen kümmern
situation und Aufenthaltsstaat unterschiedliche Regeln. Sich rechtzeitig das nötige Wissen anzueignen, hilft (siehe Kasten unten). Sparen und gleichzeitig investieren, vorsorgen und gleichzeitig das Leben in finanzieller Unabhängigkeit geniessen, ist ein kompliziertes Unterfangen. Eltern, Schulen und unabhängige Berater sind gefordert, damit das Finanz- und Vorsorgewissen steigt und die Schuldenfälle unter Jugendlichen sinken.
Gastbeitrag Thomas R. Schönbächler, Vorsitzender der Geschäftsleitung BVK
Wer früh budgetieren und vorsorgen lernt, kann langfristig besser planen.
in Leasingvertrag mit hohen Raten, ein Online-Einkauf mit der Option «Buy now, pay later» oder die angesagten Sneaker, und schon geraten die Finanzen in Schieflage. Bei jungen Menschen passiert das regelmässig. Geldverpflichtungen gegenüber Freunden, der Familie, Kreditinstituten oder Leasinganbietern zu haben, ist unangenehm. Wer rechtzeitig erkennt, dass eine Finanzplanung nötig ist, und den Grundsatz befolgt, nur das tatsächlich vorhandene Geld auszugeben, kann sicher für die Zukunft planen. Das ist einfacher gesagt als getan. Mit dem Übertritt ins Berufsleben kommt plötzlich monatlich Geld aufs Konto. Dass man sich damit etwas mehr leisten möchte, als es mit dem Sackgeld möglich war, ist logisch. Aber der Lehrlingslohn reicht kaum, um sämtliche Wünsche zu
und sich in der Schule als Initialzündung für die persönliche Finanzplanung einsetzen lassen. Mit «Moneycraft» ist jüngst ein solches Produkt lanciert worden, das in Gymnasien und Berufsschulen gratis eingesetzt werden kann. Für Lehrpersonen steht umfangreiches Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Jugendlichen wird Finanz- und Vorsorgewissen altersgerecht und spielerisch vermittelt. Dabei unterstützt der sogenannte Budgetbuddy bei der Einteilung des Geldes, der Dreamcounter bei der Verwirklichung persönlicher Ziele und Wünsche.
Weniger verdienen, dafür vorsorgen Für den Aufbau von Vorsorgewissen steht das Modul «Future Talk» zur Verfügung. Hat man nämlich die Finanzen
einmal im Griff, kommt plötzlich der Moment, in dem bei gleichbleibendem Bruttolohn der Nettolohn sinkt. Damit startet spätestens ab dem 25. Altersjahr das Sparen in der zweiten Säule. Die wenigsten wissen weder, wo das Geld einbezahlt wird, noch, dass der Arbeitgeber mindestens den gleichen Gesamtbeitrag leistet. Dieses Konto wächst ein Berufsleben lang, wird zum vermutlich grössten persönlichen Sparguthaben und ersetzt dann dereinst als Rente den Lohn. Ein weiterer Teil des Einkommens im Ruhestand stammt aus der ersten Säule. Hier ist es wichtig, auch während Ausbildung, Studium oder Unterbrüchen auf die Beitragspflicht zu achten. Fehlende Beitragsjahre können später zu einer schmerzhaften Kürzung der AHV-Rente führen. Bei längeren Auslandaufenthalten gelten je nach Wohnsitz, Erwerbs-
Die BVK rückt die Jugend in den Fokus Die vor 100 Jahren gegründete Pensionskasse BVK ist eine berufliche Sparkasse, denn die Sparphase übersteigt die Dauer des Ruhestands. Im Jubiläumsjahr richtet sie ihr Augenmerk verstärkt auf die junge Generation. Schon länger existiert mit BVK-Young eine Internetplattform, die sich direkt an Junge richtet und wichtige Fakten rund um die Vorsorge zusammenfasst: www.bvk.ch/young. Dieses Jahr startet die BVK zudem eine Veranstaltungsreihe an Universitäten und Hochschulen, um den Themen Vorsorge und Investieren frühzeitig das nötige Gewicht zu verleihen. Weiter hat die BVK die Lernplattform «Moneycraft» ins Leben gerufen: www.moneycraft.ch
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