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18. Oktober 2026
Wenn Müll nicht einfach verschwindet
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adioaktiver Abfall entsteht in der Schweiz seit Jahrzehn ten: Bei der Stromproduktion in Kernkraftwerken, aber auch in Medizin, Industrie und Forschung. Doch wohin damit? Darauf im Auftrag des Bundes eine Antwort zu finden, ist die Aufgabe der Nagra, der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle. Vor vier Jahren schlug sie die Region Nördlich Lägern im Zürcher Unterland als Standort für ein geologisches Tiefen lager vor. Bis dort tatsächlich Atommüll eingelagert wird, werden allerdings noch Jahrzehnte vergehen. Und auf dem Weg dorthin gibt es viele Fragen. Wie gross das Bedürfnis nach Ant worten ist, zeigte sich am 7. September bei einer öffentlichen Informationsver anstaltung mit Bundesrat Albert Rösti, zu der die betroffenen Gemeinden Stadel, Glattfelden und Weiach geladen hatten. Rund 500 Teilnehmer fanden sich im benachbarten Fisibach (AG) ein. Immerhin: Während draussen Demons tranten gegen ein Atomendlager und neue Kernkraftwerke protestierten, herrschte drinnen gemäss den Organi satoren eine konstruktive Atmosphäre. Schliesslich wurden mehr als 170 Fragen gestellt. Genau hier setzt die 1972 gegründete Nagra mit ihrem Jahrhundertmagazin «500m+» an, das seit 2022 einmal jähr lich erscheint. Der Name spielt auf die gesetzliche Vorgabe an, dass hierzu lande ein Atomendlager in mindestens 500 Metern Tiefe gebaut werden muss. Mit «500m+» will die Nagra die öffent liche Debatte rund um das Tiefenlager über 100 Jahre hinweg fördern. Das Magazin zum Jahrhundertprojekt be schäftigt sich journalistisch mit The men, die sich aus der langfristigen Ent sorgung radioaktiver Abfälle ergeben, und betrachtet sie aus gesellschaft lichen, wissenschaftlichen und kulturel len Perspektiven – wobei auch kritische Stimmen zu Wort kommen.
FOTOS: JORDI RUIZ CIRERA
Im Jahrhundertmagazin «500m+» macht die Nagra Atommüll zum Inhalt und will damit die öffentliche Debatte fördern. Für die neue Ausgabe folgen Reporter den Spuren unseres Abfalls. Entstanden sind fünf Reportagen und ein Dokumentarfilm zum Thema «Trash».
Die Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague befindet sich in der Normandie.
Fünf Reportagen über das, was übrig bleibt Brennelemente werden im Abklingbecken zwischengelagert und abgekühlt.
Dokumentarfilm als «Pièce de résistance» Vor kurzem ist die fünfte Ausgabe unter dem Titel «Trash» erschienen. Im Zen trum steht eine fundamentale Frage, die verblüffend einfach klingt: Wenn wir heute fast alles zu rezyklieren versuchen – warum eigentlich nicht unseren Atom müll? Begleitend zur 80-seitigen Print ausgabe und ihrem Onlinedossier, wurde der knapp siebenminütige Dokumentar film «Kann das weg?» veröffentlicht, der die filmische Suche der Journalistin Michèle Roten nach Antworten zeigt. Spoiler: Der atomare Kreislauf bleibt eine Illusion. Wer den Begriff Recycling verwendet, denkt an Altglas, PET-Flaschen oder Alu minium, aus denen ohne grosse Verluste wieder Produkte gefertigt werden. Atom müll rezyklieren? In der Kerntechnik lautet der korrekte Fachbegriff Wieder aufarbeitung. Lange Zeit galt sie – auch in der Schweiz – als Königsweg. Die ab gebrannten Brennelemente wurden nach La Hague (Frankreich) oder nach
Dieser Inhalt wurde von NZZ Story Lab im Auftrag der Nagra erstellt.
Sellafield (England) exportiert. Dort wurden sie chemisch aufgelöst, um das noch brauchbare Uran und das neu ent standene Plutonium vom eigentlichen radioaktiven Müll, den sogenannten Spaltprodukten, zu trennen. Das so ge wonnene Material wurde zu MischoxidBrennelementen verarbeitet. Im Gegen satz zur Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield ist diejenige in La Hague nach wie vor in Betrieb. Für ihre Recherche reisen Michèle Roten und das Filmteam deshalb in die Normandie. In La Hague werden zwar Uran und Plutonium zurückgewonnen, doch dieser Prozess gilt wegen hoher Kosten, chemischer Risiken und radio aktiver Reststoffe als problematisch. Weiter geht es zum Paul Scherrer Institut (PSI) in Villigen (AG). Experte Andreas Pautz, Leiter des Forschungsbereichs Nukleare Energie und Sicherheit, betont, dass diese Art von Recycling die End lagerung nicht ersetzt. Denn selbst wenn die kühnsten Träume Realität werden, bleibt immer hochradioaktiver Abfall zurück. Zwar versprechen moderne Startups innovative Lösungen durch neuartige Reaktoren, doch deren breite Umsetzung liegt noch Jahrzehnte in der Ferne. Letztlich zeigt der Bericht, dass trotz technologischen Ansätzen ein Tiefenlager derzeit die einzige absehbare Lösung für die Schweiz ist und Recycling keine Alternative, sondern bestenfalls eine Ergänzung darstellt.
Für ihre Reportage lässt sich Michèle Roten den Prozess vor Ort erklären.
Jedes Jahr werden in La Hague mehr als 1200 Tonnen Brennstäbe zerlegt.
Doch Atommüll ist nur der Ausgangs punkt. Das neue Jahrhundertmagazin mit dem sinnigen Titel «Trash» richtet den Blick auf Abfall in ganz unterschied lichen Formen. Es geht dabei um die kontextuale Einordnung. Was geschieht, nachdem etwas für uns seinen Wert ver loren hat? Wo landet unser Müll? Wer lebt davon? Und wer trägt die Risiken? Die zentrale Frage lautet, was sich rezy klieren lässt und was nicht. Vier Journa listen nehmen sich in fünf Reportagen unterschiedlicher Aspekte unserer an haltenden Wegwerfkultur an: • In einem Selbstexperiment konsu miert Autorin Michèle Roten einen Tag lang bewusst leicht verdaulichen Trash – bestehend aus Fast Food, Energy Drinks, Reality-TV («Love is Blind»), Instagram oder Temu. Sie zeigt, wie solche Inhalte das Dopaminsystem triggern und kogni tive Entlastung bieten. Am Ende führt der Überkonsum zu innerer Leere und der Rückkehr zu sinn vollerem Verhalten.
Nagra Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) wurde 1972 von den Betreibern der Schweizer Kernkraftwerke und dem Bund gegründet. Ihre Hauptaufgabe ist es, Atommüll aus Kernenergie, Medizin, Industrie und Forschung langfristig so zu lagern, dass Mensch und Umwelt kommender Generationen geschützt sind. 2022 schlug die Nagra die Region Nördlich Lägern als Standort für das Schweizer Tiefenlager vor. Ab 2050 sollen dort hochradioaktive Abfälle eingelagert werden. Als technisches Kompetenzzentrum treibt sie das Jahrhundertprojekt für ein geologisches Tiefenlager in der Schweiz voran und betreibt Forschung, unter anderem in einem eigenen Felslabor.
um wertvolles Kupfer zu gewinnen. Die Reportage zeigt die paradoxe Ab hängigkeit der lokalen Bevölkerung von einem System, das ihre Gesund heit zerstört, aber gleichzeitig ihre Existenz sichert. • Elisabeth Krainer beschäftigt sich mit der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee von den Alliierten ver senkten Munition. Von rund 300 000 Tonnen ist die Rede. Durch die fort schreitende Korrosion drohen giftige Stoffe wie Sprengstoff (TNT), Phos phor und Schwermetalle ins Wasser zu gelangen. Dies gefährdet die Umwelt, führt zu Todeszonen und bedroht die Nahrungskette. • In der fünften Reportage schliesst Michèle Roten den Kreis zum beglei tenden Dokumentarfilm. Dabei ver tieft sie, was Recycling von Atommüll leisten kann, wo seine Grenzen liegen und weshalb sich die Schweiz für den Weg ins Tiefenlager entschieden hat – nicht ausdrücklich erwähnt wird allerdings, dass die Ausfuhr von Atommüll ins Ausland seit 2018 gesetzlich verboten ist und es hier zulande keine Wiederaufarbeitungs anlage gibt.
• Im Gedankenexperiment «Mein Leben, meine Müllspur» skizziert Florian Leu das Bild eines persönlichen öko logischen Fussabdrucks, der sich im Laufe eines Lebens auf durchschnitt lich 40 Tonnen Müll aufsummiert. Zudem geht er der Frage nach, was ein ganzes Menschenleben an Abfall hin terlässt – zum Beispiel Unmengen an unzerstörbaren Ewigkeitschemikalien (PFAS) und an Mikroplastik.
«Gemeinsam erzählen die Geschichten von einem bemerkenswerten Phäno men: Müll verschwindet nicht einfach, wenn wir ihn wegwerfen. Er wechselt nur den Ort, die Form oder den Besitzer. Und manchmal kommt er Jahrzehnte später wieder zurück.» Dieser Gedanke zieht sich durch die fünfte Ausgabe von «500m+». Was bedeutet dies mit Fokus auf radioaktive Abfälle? Selbst wenn neue Technologien künftig mehr davon wiederverwertbar machen, bleibt die Frage, was mit dem Rest geschieht. Ein geologisches Tiefenlager gilt deshalb nach heutigem Stand als langfristige Absicherung.
• Sebastian Sele verfolgt europäischen Elektroschrott bis in die ghanaische Hauptstadt Accra. Unbrauchbares endet auf einer giftigen Müllhalde. Dort verbrennen Arbeiter Plastik,
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