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LucerneFestival (D)

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LUCERNE FESTIVAL

Der Sound der unbegrenzten Möglichkeiten

Christian Wildhagen Spüren Sie das manchmal auch? Die Sehnsucht nach der grossen, der ganz grossen Weite? Nach dem endlosen Horizont der Prärie, dem Flimmern über dem Asphalt einer legendären Strasse, die im Nirgendwo der unermesslichen Landschaft verschwindet? Nach den Schluchten des Grand Canyon oder jenen zwischen den himmelstürmenden Bauten Manhattans? Dieses Jahr müssen Sie für einen solchen transatlantischen Tapetenwechsel nicht einmal den Reisepass hervorkramen Lästige Formalitäten und Unwägbarkeiten bei der Einreise bleiben Ihnen auch erspart. Denn das Lucerne Festival holt die Neue Welt für gut einen Monat an den Vierwaldstättersee.

Das Motto des ersten Sommerprogramms, das der neue Intendant Sebastian Nordmann verantwortet, lautet, passend zum 250-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung: «American Dreams» Entscheidend ist dabei die Mehrzahl: Den einen amerikanischen Traum gibt es schon lange nicht mehr In einer pluralen Welt wäre ein derart monolithisches Glücksversprechen ohnehin ein ideologisches Unding, mindestens aber ein Ausbund an Kitsch – wie die von Hollywood zigfach aufbereiteten Success-Storys à la «Vom Tellerwäscher zum Millionär».

Die Musikgeschichte der USA erzählt eine andere, viel tiefgründigere Geschichte. Sie ist ein wilder, bunter, reibungsvoller, oft auch schmerzhafter Mix aus Hoffnungen, kulturellen Kollisionen und Aneignungen sowie der fortdauernden Suche nach künstlerischerIdentität.

Während der knapp fünf Wochen des Festivals, das am 13. August beginnt, verwandeln sich das KKL und die anderen Spielorte in Luzern dementsprechend in einen akustischen Schmelztiegel. Da trifft die

europäische Orchestertradition auf die Rhythmik des Jazz; da stehen Blues-Akkorde und Broadway-Klänge wie selbstverständlich neben Experimenten der Avantgarde Gerade dieses Neben- und gelegentlich auch Durcheinander ist der wahre Soundtrack Amerikas.

Die Freiheit, vermeintlich in Stein gemeisselte Konventionen über Bord zu werfen oder neu zu definieren, wird in vielen Konzerten des Sommerprogramms spür- und hörbar werden Wir stellen Ihnen einige davon in diesem NZZ-Schwerpunkt vor. Der Bogen spannt sich angemessen weit von den Klanglandschaften eines Aaron Copland über die geniale Verschmelzung von Kunstmusik und Entertainment bei George Gershwin und Leonard Bernstein bis zu den hypnotischen Loops der Minimal Music von Philip Glass oder Steve Reich.

Der Radikalste von allen aber war Charles Ives Die Musik dieses Pioniers erklingt in Luzern schon im Eröffnungskonzert. Ives war ein Versicherungskaufmann, der in seiner Freizeit Klänge und kompositorische Wagnisse ausheckte, die charakteristisch sind für den innovativen Geist Amerikas, aber auch in Europa für produktive Unruhe sorgten. Und das zu einer Zeit, als man in der Alten Welt gerade erst verbissen über Sinn und Unsinn der Moderne debattierte. Gut eine Generation später, als sich die hiesige Musik erneut in ideologischen Grabenkämpfen festgefahren hatte, kam der nötige frische Wind wieder von der anderen Seite des Atlantiks. Diesmal in Gestalt von John Cage Er erinnerte spielerisch und durchaus ein bisschen anarchisch an den unverwüstlichen Kern jedes amerikanischen Traums: dass in der Kunst wie im Leben immer alles auch ganz anders sein kann

«Wer unser Programm als Antwort auf

Trump liest, liegt falsch»

Sebastian Nordmann, der neue Intendant des Lucerne Festival, hat seine erste Sommersaison unter das Motto «American Dreams» gestellt. Im Gespräch stellt er klar: Es geht um die musikalische Vielfalt der USA, nicht um Tagespolitik

Herr Nordmann, das Motto Ihrer ersten Sommersaison in Luzern bezieht sich auf den sprichwörtlichen amerikanischen Traum, wonach jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft, sozialen Schicht oder Religion durch harte Arbeit ein besseres Leben erreichen kann. Dieser Ausdruck des grenzenlosen Optimismus wird für viele jedoch durch das Gebaren des amtierenden US-Präsidenten pervertiert. Für sie ist aus dem Traum ein Albtraum geworden Sind Sie während der Planung von der Politik kalt erwischt worden?

Wer es so liest, greift nicht nur zu kurz, sondern liegt falsch Unser Programm ist keine wie auch immer geartete Antwort auf Donald Trump. Das Ganze hat einen viel längeren Vorlauf, nicht nur in der konkreten Planung, sondern auch beim inhaltlichen Background. Amerikanische Musik weckt bei mir schon seit Jahrzehnten Begeisterung Ich habe als Intendant am Konzerthaus Berlin auch schon einmal eine grosse Hommage an Leonard Bernstein gemeinsam mit dessen Kindern organisiert. Zudem hat mich immer schon die Vielfalt der musikalischen Strömungen in Amerika auf dem Weg ins 20 und 21 Jahrhundert interessiert: vom Jazz bis zur Minimal Music, von der Exilmusik bis zu Frank Zappa.

Das heisst, kulturelle Phänomene und die Geschichte haben bei Ihren Planungen die entscheidende Rolle gespielt, nicht so sehr die Tagespolitik? Ja, und die äusseren Anlässe liegen ja auf der Hand: die 250 Jahre seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, aber auch die 25 Jahre seit den furchtbaren Anschlägen vom 11 September 2001 Hinzu kam dann noch ein spannender Begriff, der mir häufiger begegnet ist, seit ich in die Schweiz gezogen bin, nämlich der Begriff «Sister Republics», der das besondere Verhältnis zwischen der Schweiz und den USA im Lauf der Geschichte bezeichnet.

Das müssen Sie kurz erläutern. Grob gesagt, verstanden sich die beiden Länder seit dem 19 Jahrhundert als politische «Seelenverwandte» Denn in einer Zeit, in der Europa weitgehend von absolutistischen Systemen beherrscht wurde, entwickelten sich die USA und die Schweiz als Gegenmodelle

Wie wurde aus solchen Bezügen, historischen Daten und lange gepflegten Vorlieben ein Festivalprogramm?

Ich bin mit den ersten Ideen zu Riccardo Chailly gegangen, dem Chefdirigenten unseres Lucerne Festival Orchestra, und habe bei ihm sozusagen offene Türen eingerannt. Das hätten wahrscheinlich wenige erwartet, aber er war begeistert, dass ich ihm angeboten habe, amerikanische Musik zu dirigieren. Obwohl er damit bislang nicht in Verbindung gebracht worden ist, schätzt er sie nämlich auch sehr Und Chailly kam dann sehr bald mit dem Vorschlag, ein Werk von Charles Ives im Eröffnungskonzert zu präsentieren. Zusammen mit den anderen Werken von George Gershwin und Steve Reich verkörpert das Eröffnungsprogramm für uns in idealer Weise die Vielfalt der Stile und Möglichkeiten in der amerikanischen Musik.

Dennoch entstehen Programme und dramaturgische Leitgedanken niemals im luftleeren Raum. Haben die erneute Wahl und der Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2025 Sie wirklich in keiner Weise verunsichert bei Ihrem Entscheid für «American Dreams»? Zentrale Punkte sind tatsächlich früher entstanden, schon während der Amtszeit von Joe Biden wenn Sie so wollen. Das Thema Trump und die Frage, ob

das immer noch eine gute Programmidee sei; diese Diskussion, die wir auch intern intensiv geführt haben, kam erst später auf Ich habe dann gesagt: Jetzt erst recht!

Das klingt fast trotzig Wir müssen aufpassen, dass sich unser Bild von Amerika nicht unter dem Eindruck der gegenwärtigen Politik verengt. Zentral ist und bleibt der Gedanke der Vielfalt und der Vielstimmigkeit. An unserem Motto hat das Wort «Träume» für mich besonderes Gewicht:Wie konnten alle die bedeutenden Komponisten von Ives, Gershwin und Bernstein bis in die Gegenwart ihre Träume, also ihre ästhetischen Visionen, ohne jedes Schubladendenken umsetzen, während wir in Europa noch in starren Kategorien wie «E» und «U» gefangen waren, also in der Unterscheidung von «Ernster Musik» und «Unterhaltung»

Leonard Bernstein hat sich strikt dagegen gewandt. Ja, und er hat sie auch in seinem Schaffen auf charakteristische Weise unterlaufen Diese Botschaft, dass am Ende allein die Unterscheidung zwischen guter oder schlechter Musik zählt, hat er bis zuletzt vermittelt, noch in seiner späten Zeit beim Schleswig-Holstein Musik Festival, wo ich ihn selber erlebt habe Das hat mich sehr geprägt.

Die Offenheit und die Vielfalt, die das kulturelle Selbstverständnis der USA so entscheidend geprägt haben stehen derzeit allerdings deutlich weniger hoch im Kurs als zu Bernsteins Zeiten. Das Pendel scheint vielmehr in die Gegenrichtung auszuschlagen. Ist das Festivalmotto dadurch nachträglich viel stärker politisiert worden, als es ursprünglich gedacht war?

Grundsätzlich wünsche ich mir dass Künstler weltweit ohne parteipolitischen

Druck ihre Ideen und künstlerischen An-

liegen umsetzen dürfen Unser Bild von den «Träumen» ist in der Hinsicht nicht auf Amerika begrenzt. Aber es ist auch nicht so, dass ich von vornherein mit einem provokanten Motto einsteigen wollte um partout irgendein Ausrufezeichen zu setzen Wenn sich daraus eine politische Diskussion entwickelt – warum nicht? Als Intendant muss ich im Zweifel auch Kontroversen aushalten. Es gab das ja in früheren Jahren schon bei dem einen oder anderen Motto meines Vorgängers Michael Haefliger, wenn Sie an «Macht» oder «Diversity» denken oder auch an «PrimaDonna», die Saison rund um die Rolle von Frauen im Musikbetrieb Das waren Festivaljahrgänge, die Zeichen gesetzt und im besten Fall etwas in Bewegung gebracht haben.

Sie setzen in Ihrem Programm ein Ausrufezeichen mit der Einladung der jungen Lyrikerin Amanda Gorman, die 2021 mit dem Vortrag ihres Gedichts «The Hill We Climb» an der Amtseinführung von Joe Biden weltbekannt geworden ist. Bilden Sie damit in gewisser Weise das «bessere Amerika» ab? Auch das ist vordergründig nicht als provokante Aktion gemeint, um sich für oder gegen irgendwas zu positionieren. Wir haben kein Interesse an Parteipolitik. Und es interessiert auch niemanden, was Sebastian Nordmann über Trump denkt, sondern wir bilden eine Plattform, wir bilden Brücken, wir wollen den Austausch. Und die Künstler, die zu uns kommen, sind nicht von irgendeiner Partei finanziert, geschweige denn subventioniert. Mich hat seinerzeit der Auftritt von Gorman fasziniert. Sie war damals erst zweiundzwanzig, und ihr Charisma war fast wie mit Händen zu greifen. Ich dachte spontan an Menschen mit einer ähnlich positiven Ausstrahlung wie Nelson Mandela, Leonard Bernstein oder Yehudi Menuhin dem ich noch selbst begegnet bin. Mir erschien Amanda Gorman als

der Inbegriff für einen positiven Blick nach vorne

Sie sagen, Sie wollen sich mit dem Motto nicht parteipolitisch positionieren. Aber wenn Amanda Gorman bei Ihnen am 11 September auftritt, exakt 25 Jahre nach den islamistischen Anschlägen in New York, oder wenn Sie zum Festivalabschluss «Porgy and Bess» aufführen – dann bekommt Ihr Programm trotzdem einen eminent politischen und gesellschaftskritischen Anstrich Ja denn das ist eben die amerikanische Geschichte Nehmen Sie diese gewaltigen Gegensätze wie Schwarz gegen Weiss, die Schere zwischen Reich und Arm, die unterschiedlichen Mentalitäten von Ost- und Westküste und vieles mehr Das ist alles sozialkritisch aufgeladen, und das kommt natürlich auch in vielen künstlerischen Werken zum Ausdruck. «Porgy and Bess» oder die «West Side Story» sind die besten Beispiele dafür, aber nur einige unter vielen.

Sie fokussieren sich beim Programm allerdings weitgehend auf den etablierten Kanon der amerikanischen Musik. Indigene Traditionen, also die «Native American Music» oder auch das weite Feld der Exilmusik zwischen 1933 und 1945 bleiben aussen vor Ist das ein Defizit oder ein bewusster Verzicht? Es ist eine notwendige Eingrenzung Unser Anspruch ist nicht, die amerikanische Musikgeschichte in Gänze abzubilden. Wir wollten auch keinen «Länderschwerpunkt USA» gestalten, es ging immer um den viel weiter gefassten ideellen Aspekt der «American Dreams» Und das Thema «Exilmusik» böte Stoff genug für eine eigene Festivalsaison.Als Orchesterfestival, das traditionell die besten Klangkörper der Welt ins KKL Luzern holt, sind wir ausserdem vom Repertoire-Angebot der Gastensembles abhängig Um einen roten Faden durch ein Programm zu ziehen, braucht es

viele Gespräche mit den Programmverantwortlichen der Orchester und vor allem viel Vorlauf. Wir sprechen da von zwei bis drei Jahren, nicht von Monaten. Aber mir sind solche dramaturgischen roten Fäden sehr wichtig und ich möchte sie in Zukunft noch ausbauen. Sie bauen in Ihrem ersten Jahr bereits das Angebot an Veranstaltungen ausserhalb der klassischen Konzertformate aus Worauf zielt das Projekt «In den Strassen: City Stage»? Eine Idee ist, auch mit Musikerinnen und Musikern, die beim Festival im KKL Luzern auftreten, rauszugehen in die Stadt, um dort auch Menschen zu erreichen, die normalerweise nicht ins KKL gehen. Die Erfahrung zeigt: Das funktioniert, die Begeisterung, gerade bei jungen Leuten, ist enorm Wir arbeiten dabei auch mit guerillaclassics aus Zürich zusammen, die besondere Expertise zum Beispiel bei Pop-up-Konzerten mitbringen Die Ensembles aus dem Umfeld der Academy spielen dann an einzelnen Plätzen in der Altstadt, es gibt einen Sound-Walk und vieles mehr –alles unverstärkt. Und wir spielen dort dann nicht nur Beethoven, sondern eben auch Steve Reich, Gershwin und andere Werke aus unserem amerikanischen Programm.

Als Appetizer? Um eine Verbindung zum übrigen Festivalprogramm herzustellen, ja. Und wenn sich dann jemand etwa für Steve Reichs «Drumming» unserer Perkussionisten begeistert, vorher vielleicht an der Eröffnung die «Lakeside Symphony» besucht und sich irgendwann zum Beispiel für ein «Fankurve»-Abo mit Konzerten unseres Festivalorchesters entscheidet, dann haben wir genau das interessierte neue Publikum für uns gewonnen, das sich alle Veranstalter wünschen.

Interview: Christian Wildhagen

«Jetzt erst recht!»: Sebastian Nordmann gestaltet seine erste Sommerausgabe des Lucerne Festival unter dem Motto «American Dreams» MARCO BORGGREVE / LUCERNE FESTIVAL

«Ich habe dort Glück gefunden»

Der Geiger Augustin Hadelich wuchs in Deutschland und Italien auf, die USA prägten seine Vorstellung von künstlerischer Freiheit Als «artiste étoile» des Lucerne Festival reflektiert er diesen Sommer die Vielfalt der amerikanischen Musik und den Einfluss des «American Dream» auf seine Biografie.

Ausnahmegeiger Augustin Hadelich ist diesjähriger «artiste étoile». SUXIAO YANG

Schmelztiegel oder Salatschüssel? Die Vorstellung dass sich in den USA unterschiedliche Kulturen fast zwangsläufig zu einem homogenen Ganzen verbinden, ist seit langem umstritten.

Verfechter des Ideals einer multikulturellen Gesellschaft sprechen hier lieber von einem Mosaik – oder, anschaulicher, von einer «salad bowl», in der verschiedene Ingredienzien ihren ureigenen Charakter behalten. Auch der Stargeiger Augustin Hadelich, der seit über 20 Jahren in den USA lebt, betrachtet die griffige Metapher des «melting pot» durchaus differenziert. «In der amerikanischen Musiktradition gab es schon immer Strömungen und Stile, die parallel zueinander existierten,

statt sofort miteinander zu verschmelzen», sagt Hadelich, der sich in diesem Sommer als «artiste étoile» in mehreren Konzerten am Lucerne Festival präsentiert. «Die vermeintlich unüberbrückbaren Unterschiede sind aber oft nicht so gross, wie sie zunächst erscheinen.» Dass sich der Musiker inzwischen in den USA zu Hause fühlt, liegt auch in seiner Biografie begründet. Hadelich wurde in der Toskana geboren, wo seine deutschen Eltern auf einem Landgut Wein und Oliven anbauten Von klein auf spürte er, was es bedeutete, in mehreren Kulturen zu leben. «Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sehe ich die Landschaft der Toskana vor mir Zu Hause sprachen wir Deutsch, gleichzeitig besuchte ich italienische Schulen. Dort war ich der deutsche Junge, egal,

wie gut ich die Sprache beherrschte», erinnert er sich. «Mit Deutschland war ich kulturell immer stark verbunden, eine richtige Heimat wurde es für mich aber nie.» Mit fünf Jahren entdeckte er das Geigenspiel, ausgebildet wurde er in beiden Ländern, unter anderem bei Uto Ughi und Christoph Poppen. Schon als Neunjähriger fuhr er regelmässig zu Konzerten nach Deutschland, und bald stand für ihn fest, dass er das Musizieren zu seinem Beruf machen würde

Freundschaften und Inspiration

Der Umzug in die USA markierte dann einen entscheidenden Wendepunkt. Im Alter von 20 Jahren begann er ein Studium bei Joel Smirnoff an der Juilliard School in New York und fand dort eine neue Freiheit. «Zum ersten Mal in meinem Leben brauchte ich niemandem zu erklären, woher ich kam, und ich musste mich auch nicht für ein einziges Land entscheiden In den USA konnte ich einfach ‹deutsch-italienisch-amerikanisch› sein.»

Hadelich, der inzwischen als Doppelbürger auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, bekennt, dass ihm in der neuen Heimat nach schwierigen Jahren ein Neubeginn gelungen sei: «Ich habe dort Glück gefunden, Gemeinschaft, Freundschaften und Inspiration.» 2006 gewann er den Internationalen Violinwettbewerb in Indianapolis und danach gleich mehrere bedeutende Förderpreise Seither gastiert er bei weltbekannten Orchestern, darunter das Boston Symphony Orchestra sowie die renommierten Klangkörper in Cleveland, Philadelphia, Chicago, New York und Pittsburgh In Europa ist er unter anderem schon mit den Berliner Philharmonikern, dem Zür-

Brücken über den Atlantik

cher Tonhalle-Orchester, dem Leipziger Gewandhausorchester oder dem Royal Concertgebouw Orchestra aufgetreten Am Lucerne Festival, wo er sich 1996 als Zwölfjähriger mit den Festival Strings Lucerne und einem Violinkonzert von Vivaldi vorstellte, bietet ihm das Motto «American Dreams» in diesem Jahr einen ganz persönlichen Anknüpfungspunkt. «Mich fasziniert es, wie die ‹Neue Welt› beispielsweise die deutsche Romantik beeinflusst hat. Ein Komponist wie Franz Schubert träumte von Amerika und las noch auf dem Sterbebett die Lederstrumpf-Romane von James Fenimore Cooper.» Hadelich selbst will die USA aber keinesfalls verklären – schliesslich sei die Realität dort zu keiner Zeit so gewesen wie ein Traum.

Ausdrucksstarkes Spiel

Mit dem Lucerne Festival Orchestra und Jakub Hr˚u ša führte er im Jahr 2022 bereits Antonín Dvořáks Violinkonzert auf Das Mahler Chamber Orchestra, das bis heute eine Basis des Festivalorchesters bildet, ernannte ihn unlängst zu seinem «Artistic Partner» Unter Leitung des als Shooting-Star gefeierten Finnen Klaus Mäkelä spielt Hadelich nun das Konzert op 14 von Samuel Barber Die Klangsprache des 1939 geschriebenen Stücks, an dem der amerikanische Komponist in der Schweiz zu arbeiten begann, empfindet er als «sehr emotional» Barber sei ein Romantiker gewesen, sagt er «Im letzten Satz des Violinkonzerts kann man aber auch modernere Einflüsse hören, die ein bisschen an seinen Landsmann Aaron Copland erinnern.»

Bei einem Rezital mit dem südkoreanischen Pianisten Seong-Jin Cho

erklingt dann die Romanze für Violine und Klavier, die Amy Beach Ende des 19 Jahrhunderts in Boston komponierte Für Hadelich «ein ergreifend schönes Stück, das in der leidenschaftlichen und bittersüssen Harmonik und Melodik der Spätromantik schwelgt» An diesem Abend stehen ausserdem Werke von Brahms, Janáček und Prokofjew auf dem Programm. Zu den Höhepunkten des Festivals zählt sicherlich das Konzert der Berliner Philharmoniker mit ihrem Chef Kirill Petrenko, bei dem Hadelich als Solist in Beethovens Violinkonzert zu erleben ist. Mit den Berlinern ging er erstmals 2021 auf die Bühne. Nun steht eine gemeinsame Tournee an, die von Luzern aus nach Grossbritannien führt. Das Orchester bescheinigte ihm bei seinem Einstand «ein ebenso ausdrucksstarkes wie technisch makelloses Spiel» Beispiele für höchst unterschiedliche musikalische Stile, deren Vielfalt den musikalischen Kosmos Amerikas ausmacht, bringt der Geiger schliesslich bei einer «Fiddle Night» zusammen mit den Folk-Musikern Maggie und Mark O’Connor zu Gehör Auf seinem Album «American Road Trip» hatte Hadelich bereits über die Grenzen des klassischen Repertoires hinausgeblickt und auch die Einflüsse der Genres Jazz, Ragtime, Country und Bluegrass-Musik erkundet. «Die Abgrenzungen zwischen den Bereichen Klassik, Populärmusik und Crossover sind mit der Zeit immer mehr verschwommen und werden in Zukunft vielleicht gar nicht mehr existieren», schreibt er dazu. Das Bild vom Schmelztiegel vermag hier voll und ganz zu überzeugen. Es weist im Übrigen weit über Amerika hinaus – denn die Fusion unterschiedlichster Klangwelten ist längst ein globales Phänomen

Seit 1964 bringen US-Orchester amerikanischen Glanz nach Luzern. In diesem Jahr kehren das Pittsburgh Symphony Orchestra und das Orchester der New Yorker Met zurück – mit Musik im Gepäck, die für einen Moment die unsichere Gegenwart vergessen macht

CORINA KOLBE

Gastspiele amerikanischer Orchester haben beim Lucerne Festival eine lange Tradition. Den Anfang machte 1964 das Pittsburgh Symphony Orchestra, das sich mit seinem Chefdirigenten William Steinberg bei den damaligen Internationalen Musikfestwochen Luzern präsentierte Paul Hindemiths «Pittsburgh Symphony» war nur wenige Jahre zuvor in der prosperierenden Industriestadt uraufgeführt worden Auch der in Luzern anwesende NZZKritiker war damals beeindruckt: «Dass das Orchester diesem ihm gewidmeten Werk eine besonders liebevolle und klangprächtige Wiedergabe zuteil werden liess, verstand sich von selbst.» Mit Zitaten aus einer Volksweise, die deutsche Einwanderer vor Jahrhunderten nach Pennsylvania mitgebracht hatten, wird in dem Werk eine Brücke zwischen Europa und Amerika geschlagen. Hindemith und der in Köln geborene Steinberg, ein Freund des legendären Maestro Arturo Toscanini, teilten ein ähnliches Emigrantenschicksal – beide waren vor den Nazis über die Schweiz in die USA geflohen.

Traditionslinien

Nach Luzern kehrte das Pittsburgh Symphony Orchestra später mit Pultgrössen wie Lorin Maazel und Mariss Jansons zurück, bevor Manfred Honeck

als Musikdirektor den Stab übernahm. Unter seiner Leitung tritt jetzt der Pianist Alexandre Kantorow, der beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb 2019 die Goldmedaille gewann, mit Brahms’ 1. Klavierkonzert erstmals beim Festival auf. Dann folgt die doppeldeutige 5. Sinfonie von Schostakowitsch mit ihrem grotesk übersteigerten «Jubel-Finale», die dem von Stalin geächteten Komponisten zur Rehabilitierung verhalf Beim zweiten Konzert des Gastspiels steht die Geigerin Anne-Sophie Mutter im Fokus. Ihr ehemaliger Ehemann André Previn hatte 1976 Steinbergs Posten in Pittsburgh übernommen. Mutter, die vor 50 Jahren in Luzern ihr internationales Bühnendebüt gab, spielt das Violinkonzert mit dem vielsagenden Titel «Metamorphosen», das Krzysztof Penderecki für sie komponiert hat Als Hommage an die USA erklingt schliesslich Dvořáks Sinfonie «Aus der Neuen Welt», die seine Faszination für Amerika widerspiegelt

Erstmals mit dem Met-Orchester Auch Arturo Toscanini überquerte den Atlantik und wurde 1908 – zunächst neben Gustav Mahler – ständiger Dirigent an der New Yorker Metropolitan Opera. Zwei Jahre später gastierte das Opernhaus mit ihm auf seiner ersten Europareise in Paris Obwohl die Metropolitan Opera seit ihren Anfängen Tourneen unternahm, sollte bis zum

Debüt am Lucerne Festival noch einige Zeit vergehen 2002 trat das Met Orchestra mit seinem damaligen Chef James Levine zum ersten Mal im Konzertsaal des KKL auf, und hier ist es nun, fast ein Vierteljahrhundert später, erstmals zusammen mit dem amtierenden Musikdirektor Yannick Nézet-Séguin zu erleben.

Der Frankokanadier ist dem Festival seit 15 Jahren verbunden und hat hier bereits die Wiener Philharmoniker, das Rotterdam Philharmonic Orchestra, das Philadelphia Orchestra und auch das Lucerne Festival Orchestra dirigiert In New York steht er zurzeit vor grösseren Herausforderungen, denn die Met hat mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Intendant Peter Gelb gab erst jüngst bekannt, Saudiarabien habe eine millionenschwere Vereinbarung über jährliche Gastspiele in Riad platzen lassen.

Umso willkommener erscheint den New Yorkern wohl die Gelegenheit, sich jetzt nach vielen Jahren wieder vor dem Luzerner Publikum zu zeigen. Die US-amerikanische Komponistin Missy Mazzoli entwirft in ihrer «Sinfonia (for Orbiting Spheres)» ein musikalisches Sonnensystem mit rotierenden Planeten. Unter Levine hatten die Musiker seinerzeit Mahlers 6. Sinfonie aufgeführt, jetzt steht die 4. auf dem Programm. Im Finalsatz singt die Mezzosopranistin Joyce DiDonato «Das himmlische Leben», Mah-

Am 30. August im KKL: das Orchester der Metropolitan Opera. EVAN ZIMMERMANN

«Ich bin der Welt abhanden gekommen» führt mich in ein anderes Universum. Joyce DiDonato, Mezzosopranistin

lers berührende Vertonung eines Gedichts aus der Sammlung «Des Knaben Wunderhorn»; ausserdem trägt sie seine «Rückert-Lieder» vor «Ich bin der Welt abhanden gekommen»

führe sie in ein anderes Universum, sagt die Sängerin hierzu Auch ihre Zuhörer kann diese überirdische Musik für einen Moment vergessen lassen, in welch unsicheren Zeiten wir leben

CORINA KOLBE

So klingt das Land der weiten Horizonte

Genauso vielseitig wie ihre Natur ist auch die Komponisten-Landschaft der USA. Zum 250-Jahre-Jubiläum der Unabhängigkeit spürt das Lucerne Festival musikalischen Spielarten des «American Dream» nach – und bringt ein wenig Ordnung in die Sache.

STEPHAN SCHWARZ-PETERS

Schon mit den Siedlern, die um 1600 ihre Entdeckerfüsse auf nordamerikanischen Boden setzten, begann das grosse Träumen. Die offizielle Geburtsstunde des «American Dream» aber datiert auf den 4. Juli 1776 an dem die 56 Delegierten des Zweiten Kontinentalkongresses ihre Unterschriften unter ein bedeutsames Dokument setzten: jene Erklärung, in der sich die dreizehn britischen Ostküstenkolonien von König und Vaterland lossagten, um als «Vereinigte Staaten von Amerika» fortan unabhängig ins Weltgeschehen einzutreten.

Viele amerikanische Träume wurden seither geträumt – viele auch unschön ausgeträumt Aber kulturell gibt es im Rausch rund um den 250. Jahrestag der «Declaration of Independence» immer noch vieles zu erträumen. Und das nicht nur in den USA, sondern auch in Luzern, wo Sebastian Nordmann in seiner ersten Saison als Festival-Intendant alphabetische Ordnung in die Sache bringt «Go West! ‹American Dreams› von A (wie John Adams) bis Z (wie Frank Zappa)» heisst eine Programmschiene, die dem Schaffen von Komponistinnen und Komponisten aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten huldigt.

Von Schwelgen zu Minimalismus Vor allem im 20. Jahrhundert dürfte es kaum eine Nation gegeben haben, die eine solche Vielzahl musikalischer Stimmen, Freigeister und – ja, eben! –Träumer hervorgebracht hat wie die USA. Hier stehen Traditionalisten an der Seite von Tüftlern, Showstars neben versponnenen Genies verstiegene Konstruktivisten neben komponierenden Hippies Und auch wenn sich «die» amerikanische Musik kaum ausmachen lässt, hat sie dennoch ihre Klassiker hervorgebracht. Als ersten vermutlich die 9. Sinfonie des in seiner Zeit als New Yorker Konservatoriumsdirektor stark heimwehgeplagten Böhmen Antonín Dvořák. Besser als «Sinfonie aus der Neuen Welt» bekannt, nimmt sie beim Lucerne Festival eine Art Ehrenplatz ein, im Konzert mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck am 4 September, und schliesst eine amerikanische Klammer, die mit John Adams virtuoser Orchester-Etüde «Short Ride in a Fast Machine» beginnt.

Im grossen Komponisten-Alphabet des Lucerne Festival steht der Name John Adams ganz vorn. Zu lesen ist er auch in zwei weiteren Luzerner Programmen: am 29 August beim Auftritt des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) unter Elim Chan und am 31 August bei dem der Münchner Philharmoniker mit Lahav Shani. Mit der «Dr Atomic Symphony» und «The Chairman Dances» aus «Nixon in China» zeigt sich der 1947 geborene Hauptvertreter (und Überwinder) der Minimal Music als einer der international führenden Opernkomponisten der Gegenwart.

Um weitere Meister des US-amerikanischen Musiktheaters aufzuspüren, bedarf es weder im Alphabet noch im Festivalprogramm langer Wege Unter dem Buchstaben B findet sich der Name Bernstein, der wie kein Zweiter für die genialische Fusion von grosser Kunst und grossartigem Entertainment steht Wer in amerikanischen Träumen schwelgen möchte, ist mit der «West Side Story» gut bedient, die in Ausschnitten im Konzert des Brass Ensembles des Lucerne Festival Orchestra (LFO) am 19 August erklingt. Auszüge aus dem Stück sind auch bereits am Eröffnungstag, dem 13 August, zu hören.An diesem Anlass betten Riccardo Chailly und das Festival-

Orchester den berühmten «Mambo» in einen ebenso amerikanischen wie rhythmusgeschüttelten Kontext ein: mit Steve Reichs «New York Counterpoint» in der Fassung für elf Klarinetten und George Gershwins «Cuban Overture» «Gershwin, George»: noch so ein fundamentaler Eintrag im Lexikon der amerikanischen Musik und ein weiterer Ahnherr des US-Musiktheaters.

Zum Festival-Finale am 13. September betritt dessen «Porgy and Bess» die Bühne des KKL. Mit diesem Dreiakter, der bei szenischen Wiedergaben auf Wunsch des Komponisten einem

rein schwarzen Sänger-Cast vorbehalten ist, schenkte der weisse New Yorker Gershwin 1935 der Bevölkerung seines Heimatlandes eines der schönsten und berührendsten Werke der Operngeschichte und setzte zugleich ein Hoffnungszeichen für afroamerikanische Komponistenkollegen.

Und für Kolleginnen, die es schon aus Gründen des Geschlechts schwer hatten, sich im Musikbetrieb durchzusetzen. Etwa die Gershwin-Zeitgenossin Florence Price, die in Chicago wirkte und ein bedeutsames Werk in nahezu allen musikalischen Gattun-

Das KomponistenAlphabet des Lucerne Festival vereint überbordende, minimalistische und schräge Träume gleichermassen.

des Geigers Elias David Moncado am 3. September ist sein berühmtestes Werk, die «Carmen-Fantasie» nach Georges Bizets Oper zu hören. Als Filmkomponist wider Willen fristete dagegen Hanns Eisler zeitweilig sein Leben in Hollywood, wo ihm die «ewige Blumenblüherei» und manch anderes gehörig auf den Magen schlug Seinen Frust vertraute er den tagebuchartigen Einträgen seines «Hollywooder Liederbuchs» an, das am 1. September auszugsweise von einem weiteren Festival-Debütanten vorgetragen wird: dem Bariton Jonas Müller Wer die bittere Anklage Eislers vernimmt kann sich für Samuel Barber nur freuen, der es, als früh zum «Klassiker» gereifter Platzhirsch unter den amerikanischen Komponisten, nicht nötig hatte, sich in die Niederungen kommerzieller Musikproduktion zu begeben. Als Höhepunkte seines Schaffens sind unter anderem das Violinkonzert (mit Augustin Hadelich am 15 August) sowie das anspruchsvolle Klavierkonzert (am 9. September mit der unerschrockenen Yuja Wang und dem Mahler Chamber Orchestra) am Festival zu hören.

Schräge Kombinationen

gen schuf Ihr ist es als erster schwarzer Komponistin gelungen, ein grosses sinfonisches Werk bei einem Spitzenorchester zu platzieren: 1932 mit ihrer 1. Sinfonie in e-Moll. In Luzern befindet sich Price in bester US-Gesellschaft, wenn am 6. September ihr «Andante Cantabile» für Streichorchester bei den Lucerne Strings unter Daniel Dodds auf dem Programm steht: flankiert u.a. von Werken Dvořáks, Bernsteins und – um nochmals zum Buchstaben A zurückzuspringen – von George Antheil, der sich im Konzert der Lucerne Strings mit dem Allegro aus der «Serenade Nr 1» für Streichorchester von seiner eher handzahmen Seite zeigt. Mit showreifer Avantgarde hatte der Deutschstämmige aus New Jersey während der 1920er Jahre seine Wahlheimat Paris aufgemischt: als einer der wenigen Komponisten, die den «grossen Teich» in umgekehrter Richtung, mit dem dauerhaften Ziel Europa, überquert hatten. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland sorgte ab 1933 dafür dass der Transfer eher in entgegengesetzter Richtung stattfand – so dass uns heute so mancher Komponist als typisch amerikanisch vorkommt, der in Wirklichkeit aus Deutschland oder Österreich stammt. Nicht zuletzt die Traumfabrik Hollywood verschlang Komponisten. Etwa den einstigen Wunderknaben Erich Wolfgang Korngold, der nach seiner Emigration 1934 – in schillernder Spätromantik badend und dafür mit insgesamt zwei Oscars ausgezeichnet – die grosse sinfonische Filmmusik wie kein Zweiter prägen sollte Noch sein spätes Violinkonzert atmet den Luxusduft der Leinwand, es ist nämlich aus seinerzeit berühmten Filmmusikthemen Korngolds collagiert worden. Am 22 August steht es beim fünften Konzert des LFO unter Jakob Hr˚uša mit dem Solisten Ray Chan auf dem Programm Franz Wachsmann gelangte in der amerikanisierten Namensform Waxman ebenfalls während der 1930er Jahre nach Hollywood: auch er zweifacher Oscarpreisträger. Beim Festival-Debüt

Apropos Klassiker: Wie unterschiedlich dieses Wort auf US-Komponisten angewendet werden kann, zeigt im FestivalProgramm das Schaffen von Charles Ives auf der einen und das von Steve Reich auf der anderen Seite Von Forscherdrang besessen, kombinierte Ives alles Erdenkliche, was ihm aus Quellen der hohen und niederen Kunst zufloss Darüber hinaus erschloss er der amerikanischen Musik zahlreiche neue Möglichkeiten: von polyrhythmischen Strukturen bis zur Zwölftonmusik, von Collageverfahren bis zur Mikrotonalität. Ein atemberaubender Kosmos, der bereits in seiner 1. Sinfonie anklingt, die als einer der ersten «amerikanischen Träume» beim Eröffnungskonzert mit Riccardo Chailly am 14 August auf dem Programm steht.

Der überbordenden Fülle dieses Feierabend-Visionärs(tagsüber arbeitete er als Versicherungsagent) setzte der heute fast 90-jährige Steve Reich einen minimalistischen Ansatz entgegen: Aus seiner Feder stammen Meisterwerke der Minimal Music wie «Clapping Music», «Music for Pieces of Wood» oder «Drumming», die unter dem Motto «Rhythm ’n’Loops» am 25. August in einer Open-Air-Aufführung auf dem Luzerner Kapellplatz vom Schlagzeugensemble des LFCO gespielt, geklatscht und getrommelt werden.

Den «American Dream» in seiner neusten Version wiederum verkörpern Komponistinnen und Komponisten wie Missy Mazzoli mit ihrer «Sinfonia (for Orbiting Spheres)» – beim Galabesuch des Met Orchestra, im Gefolge der diva assoluta Joyce DiDonato am 30 August. Oder Jalalu-Kalvert Nelson, dessen «Endangered Dreams» für Trompete und Kammerorchester am gleichen Tag bei einem Auftritt des Ensembles des LFCO unter anderem auf Werke von Augusta Read Thomas und Elliot Carter trifft Und um die Suche nach dem amerikanischen Traum mit dem Buchstaben Z zum Abschluss zu bringen:Was würde Frank Zappa, der grosse Gesellschaftskritiker zwischen Populärmusik und Avantgarde, wohl sagen, wenn man ihn heute zum Träumen auffordern würde?

Die gewiss schräge Antwort darauf lässt sich vielleicht aus seinem letzten, 1992 in Frankfurt uraufgeführten Meisterwerk «The Yellow Shark» erahnen. Beim Festival ist es zu erleben und zu bestaunen am 22. August, ebenfalls mit dem Ensemble des LFCO

Frank Zappas «The Yellow Shark» ist am 22 August zu erleben. MICHAEL PUTLAND
Leonard Bernstein
Florence Price
Erich Wolfgang Korngold
George Gershwin FOTOS PD

Broadway, Hollywood, Hochgebirge

Exzellenz in alle Richtungen: Das Lucerne Festival Orchestra spielt im Sommer 2026 ein vielfältiges Programm.

WOLFGANG STÄHR

Das Lucerne Festival Orchestra eilt von Erfolg zu Erfolg, von Sommer zu Sommer, von Entdeckung zu Entdeckung In anderer Hinsicht aber eilt es nicht: Dieses Orchester kann warten, monatelang bis sich die Musikerinnen und Musiker jeweils im Frühjahr und im Spätsommer zu ihren Konzerten in Luzern treffen. Denn es tritt immer nur ad hoc für seine Projekte zusammen Ohne eingespielte Gewohnheiten, ohne Alltag Bei aller Kontinuität – nicht wenige Mitglieder musizieren seit dem Gründungsjahr 2003 im LFO – kommen die seltenen Auftritte des Orchesters vielleicht gerade deshalb immer noch einem «Wunder» gleich. In jeder Begegnung entsteht aufs Neue diese spezielle Atmosphäre aus Nähe, Experimentierlaune, Wagemut und Urlaubsstimmung Sie verwandelt auch das Publikum, nicht zur andächtigen Gemeinde, vielmehr in eine zwanglose Gemeinschaft mit Sinn für unkonventionelle Programme und überraschende Erkenntnisse Und obgleich viele Konzerte des LFO der Vollkommenheit äusserst nahe kommen, bleibt das künstlerische Ideal dieses Orchesters stets das «work in progress».

Nächtliche Ruhestörung

Das gilt auch in diesem Sommer, in dem das LFO mit einem halben Dutzend Auftritten wieder ein Herzstück des Programms bildet Ein Festival im Eröffnungskonzert mit der 1. Sinfonie von Charles Ives einzuläuten ist freilich schon eine provozierend entlegene Idee. Riccardo Chailly, seit 2016 Chefdirigent des LFO, hat sich für den 1874 geborenen US-Komponisten Ives entschieden, der wahlweise als verkanntes Genie, komponierender Dilettant, Avantgardist, Postmodernist, Antimodernist, Experimentator Nostalgiker Nonkonformist, Visionär Spinner Sonderling Pionier oder alles auf einmal verehrt (oder verdächtigt) wird Überdies war er überzeugter Demokrat und wortgewaltiger Sozialreformer «Eine substanzielle Kunst kann niemals ‹exklusiv› sein», befand Ives «Sie kommt direkt aus der Mitte des Lebens aus der Erfahrung des Lebens, aus dem Nachdenken über das Leben, aus dem wirk-

lich gelebten Leben.» Seine 1. Sinfonie komponierte er geradezu symbolträchtig an der Wende zum 20 Jahrhundert und zur «American Experimental Tradition», die er selbst begründete, freilich ohne jede Absicht, eine Tradition zu begründen. Seine Erste jedenfalls gibt sich noch akademisch und doch schon avantgardistisch, noch folgsam und doch schon frech, noch romantisch und dennoch bereits radikal. Charles Ives sollte die so geschürten Erwartungen in späteren Werken noch bei weitem übertreffen «American Dreams» lautet das Motto des Lucerne Festival so passend wie hintersinnig zur 250-Jahr-Feier der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung Weshalb Maestro Chailly auch George Gershwin auf das Programm des Eröffnungskonzerts am 14 August gesetzt hat: Gershwin, «der auf ganz eigene Art amerikanische Volksmusik,Klassik,Jazz und BroadwayMusical miteinander vermengt hat», schwärmt Chailly «Schon als ich mich in jungen Jahren mit der Partitur von ‹Porgy and Bess› beschäftigte, hat mich seine Musik begeistert.»

Das Lucerne Festival Orchestra präsentiert zunächst Gershwins «Cuban Overture». Sie entstand infolge einer nächtlichen Ruhestörung. Beim Urlaub in Havanna wurde Gershwin um vier Uhr in der Früh vom Spektakel einer Rumba-Kapelle aus dem Schlaf gerissen. Andere Gäste des Hotels quittierten den Zwischenfall mit prompter Abreise Gershwin aber zeigte sich derart entzückt von und verrückt nach dieser Musik, dass er zurück in den Staaten, selbst eine Rumba für Orchester schrieb: eben die «Cuban Overture» George Gershwin, Sohn russischjüdischer Einwanderer aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn, hatte in wenigen Jahren mit seiner Musik einen rasanten Aufstieg genommen Mit Hits wie «Swanee» mit Musical Comedies und Revuen eroberte er das verwöhnte und vergnügungssüchtige Publikum. Seit der «Rhapsody in Blue» aber strebte Gershwin nach Höherem, nach einem «Sinfonischen Jazz» 1925 komponierte er gleich das nächste Klavierkonzert, das diesmal ausdrücklich den traditionellen Titel trug «Concerto in F for Piano and Orchestra», und das wie bei den europäischen Klassikern auf drei Sätze verteilt

Ein Traum von einem Orchester.

war Dennoch bilden die ererbten Formen kaum mehr als den Grundriss sozusagen den Stadtplan dieser Musik. Unüberhörbar schöpft das «Concerto» aus der Sphäre des Broadways, des Musicals, des «popular american song» und nimmt die charakteristischen Elemente des Jazz in sich auf: die Off-beat-Akzente, die Blue Notes, die Dirty Tones, die Wah-Wah- und Growl-Effekte der Blechbläser, die Hot-Intonation Frank Dupree, der Solist in Gershwins Klavierkonzert, kommt zwar nicht aus den Staaten, sondern aus der deutschen Stadt Rastatt, ist aber als ausgebildeter Jazzmusiker und ausgezeichneter Klassikpianist (Preisträger des Diapason d’Or, des International Classical Music Award und des Opus Klassik) genau der stilistische Grenzgänger den das «Concerto» verlangt.

«Summer Moon» und Zölle

Einen Tag später, am 15 August, schreibt das LFO die US-Musikgeschichte fort und musiziert mit dem diesjährigen «artiste étoile» Augustin Hadelich das Violinkonzert von Samuel Barber In einer schlichten musikhistorischen Schwarz-Weiss-Optik sieht der 1981 in New York verstorbene Barber wie ein Konservativer aus, aber dieses Vorund Fehlurteil wird ihm ebenso wenig gerecht wie der ungerechtfertigt einseitige Nachruhm, der ihn zum «OneWork-Composer» reduziert: zum Komponisten des «Adagio for Strings», einer global etablierten, bei Staatsakten und Trauerfeiern, in Film, Fernsehen und Computerspielen verwerteten Elegie für Streicher.

Freilich ist dieses zweite Konzert des Lucerne Festival Orchestra auf weitere untergründige Art mit den USA assoziiert: durch den finnischen Dirigenten

Klaus Mäkelä, der in naher Zukunft als Musikdirektor das Chicago Symphony Orchestra leiten wird. Und – wer hätte es gedacht? – durch Igor Strawinskys russisches Märchenballett «Der Feuervogel» das in die amerikanische Schlagerwelt einging als der «Reigen der Prinzessinnen» daraus zu einem SlowFoxtrot-Song umfunktioniert wurde

Doch auch nach diesem Konzert träumt das LFO weiter von Amerika und stellt in Luzern das Klavierquintett von Amy Beach vor: Ein auserlesenes Streichquartett aus den Reihen des Orchesters trifft auf die fabelhafte lettische Pianistin Lauma Skride Die Begabung der 1867 in New Hampshire geborenen Amy Beach kannte keine Grenzen. Als Virtuosin spielte sie ihr eigenes Klavierkonzert mit den Berliner Philharmonikern, schrieb geistliche Chormusik, inklusive einer Messe sie komponierte Orchesterwerke, einschliesslich der vom Boston Symphony Orchestra uraufgeführten «Gälischen» Sinfonie; sie repräsentierte ihr Land auf Weltausstellungen und amtierte als Präsidentin der Society of American Women Composers Ohnehin kommen an diesem Abend (dem 19 August) drei grosse Bs zum Zug ausser Beach noch Bernstein, mit einer Suite aus der «West Side Story», und Barber, mit dem «Adagio», allerdings nicht «for Strings», sondern «for Brass» Und dann wird es für einige Minuten hochpolitisch. Der Titelsong aus Gershwins «Strike Up the Band» bringt ein Broadway-Musical ins Spiel, dessen Handlung sich um einen skrupellosen amerikanischen Geschäftsmann, Einfuhrzölle gegen Schweizer Schokolade, Ultimaten und Kriegsdrohungen dreht – lauter zeitlos erhabene Themen

Zeitlose Melodien

Zu den «amerikanischen Träumen» dieses Sommers gehört auch das Violinkonzert des österreichischen Emigranten Erich Wolfgang Korngold, ein Wunderwerk an illusionärer Schönheit, das sogar aus der «Traumfabrik» Hollywood herrührt – Korngold schrieb die Partitur aus Themen, Szenen und Reminiszenzen seiner Filmmusik der 1930er Jahre. Doch mit dem «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich wandelten sich Korngolds Amerikareisen in ein unfreiwilliges Exil. In seiner Heimat war das einstige Wiener Wunderkind seines Lebens nicht mehr sicher. Korngold wünschte sich ursprünglich für den Solopart zwar «eher einen Caruso der Violine als einen Paganini» Aber Virtuosität und Belcanto schliessen sich nicht aus, wenn Ray Chen dieses Konzert spielt, der in Taipeh geborene, in Sydney und Philadelphia ausgebildete und in Brüssel beim Concours Reine Elisabeth preisgekrönte Geiger Jakub Hruša,Musikdirektor des Royal Opera House in London und künftiger Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, wird an diesem Abend (dem 22. August) mit dem LFO ein kolossales Orchestermassiv bezwingen, ein gipfelstürmendes Monumentalwerk, die «Alpensinfonie» von Richard Strauss Dieses spektakuläre Breitwand-Tongemälde könnte über weite Strecken auch als Soundtrack für einen Bergfilm durchgehen, bis es zuletzt von einer schier endlos ausgespannten Melodie verklärt wird, wie sie selbst Strauss kein zweites Mal mehr einfallen sollte Auf Abschied gestimmt ist das Programm des LFO aber zuvor schon, wenn Riccardo Chailly am 18 August seinen viele Jahre währenden RachmaninowZyklus beschliesst. Sergej Rachmaninow lebte in der Villa Senar am Vierwaldstättersee, er gab bei den Internationalen Musikalischen Festwochen in Luzern sein letztes europäisches Konzert, bevor er in die Vereinigten Staaten emigrierte, auf Nimmerwiedersehen. Chailly verbindet den Anfang mit dem Ende die sinfonischen Stücke aus der frühen russischen Oper «Aleko» mit dem erst spät in den USA vollendeten 4.Klavierkonzert. Der junge Wiener Pianist Lukas Sternath, der 2022 den ARD-Musikwettbewerb in München gewann und obendrein noch mit sieben Sonderpreisen geehrt wurde tritt die Nachfolge Rachmaninows an und interpretiert den überaus anspruchsvollen Solopart des selten gespielten Konzerts Und zuletzt dirigiert Chailly ausgewählte Études-Tableaux, Rachmaninows Klaviermusik in Orchesterfassungen des Italieners Ottorino Respighi. Die hört man auch nicht alle Tage und gewiss nie wieder mit dem Lucerne Festival Orchestra diesem Traum eines Orchesters.

Für das Orchester und Riccardo Chailly bleibt das gemeinsame Musizieren stets ein «work in progress»
PRISKA KETTERER
«Man kann inzwischen belegen, was für einen positiven Einfluss der Kontakt mit Klängen auf die Vernetzung der Gehirnareale haben kann.»

«Ich wollte eigentlich nur in die Ferien»

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter feiert in dieser Saison ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum und zugleich ihr fünfzigstes Konzert am Lucerne Festival Das Besondere daran: Der erste Auftritt der damals Dreizehnjährigen in Luzern war die Initialzündung für ihre Weltkarriere.

Anne-Sophie Mutter, welche Erinnerung haben Sie an Ihr folgenreiches Debüt am 23. August 1976 in der St. Charles Hall in Meggen?

Global Warming ist ja ein Fakt, aber es war tatsächlich auch vor 50 Jahren wahnsinnig heiss in der St Charles Hall. Und ich erinnere ich mich, dass ich beinahe über eine Falte im Teppich gefallen wäre und das Konzert fast nicht stattgefunden hätte Ich weiss auch noch, dass ich nach getaner hitziger Arbeit relativ glücklich nach Hause gereist bin Ein paar Tage später hielt mir mein Vater dann die «Süddeutsche Zeitung» unter die Nase in der Karl-Heinz Ruppel einen ausführlichen Bericht über dieses Debüt-Konzert geschrieben hatte Das war wohl recht ungewöhnlich, ich verstand noch nicht viel davon. Ich war ja erst dreizehn.Aber mein Vater war gelernter Journalist. Und er behielt recht: Kurz darauf ereilte mich die Einladung Herbert von Karajans, ihm in Berlin vorzuspielen

Sie waren davon anfangs nicht so begeistert?

Ich habe mir keine grossen Chancen ausgerechnet und wollte mich zunächst rausreden. Vor allem wollte ich unbedingt in die Ferien und habe das Karajans Privatsekretär auch so ausrichten lassen. Insgeheim habe ich sehr gehofft, dass man es vergisst. Ich wollte nämlich einfach schön weiterstudieren bei meiner geschätzten Lehrerin Aida Stucki, zu der ich zweimal die Woche von Südbaden aus mit dem Zug nach Winterthur gefahren bin. Ausserdem hatte ich recht früh, mit zehn oder elf ein Gefühl dafür entwickelt dass Musik in einer Gesellschaft sehr viel mehr sein sollte als nur die Aneinanderreihung von perfekt gespielten Tönen. Ich habe deshalb schon vor dem Luzerner Auftritt bei Benefizanlässen gespielt, vor Kindern, vor Krankenschwestern und so weiter

Sie wollten also schon als Jugendliche lieber selber über die Entwicklung Ihrer künstlerischen Laufbahn bestimmen? Ich war ein begeisterter Musikstudent, spielte bei jedem Auftritt so gut wie möglich und hatte auch menschlich eine sehr intensive Beziehung zu mei-

ner Lehrerin. Alles war in Ordnung so, wie es war Ich hatte keinerlei Ambitionen, die Welt zu bereisen oder – um Gottes Willen – Karajan vorzuspielen. Bloss nicht! Wer wird schon gern in Situationen hineinmanövriert, die ihn eigentlich überfordern oder beängstigen! Im Rückblick weiss ich heute natürlich: No risk, no fun. Just do it Im Tun liegt auch die Freude am Entdecken. Und wenn man an einer Sache im Moment scheitert, heisst das ja nicht, dass man sie nicht morgen meistert oder etwas daraus gelernt hat Sie haben die Herausforderung dann doch angenommen und das Vorspiel in Berlin bravourös gemeistert. Wann wurde Ihnen klar, dass Ihnen an diesem 11 Dezember 1976 der ganz grosse Karrieresprung gelungen war?

Karajan hatte eine Probe in der Philharmonie und danach angeblich nur wenig Zeit Ich habe ihm dann aber doch einiges vorgespielt, unter anderem die gesamte, etwa zwanzigminütige d-MollChaconne von Bach. Vielleicht ist Herr von Karajan eingeschlafen? Ich kann das nicht ausschliessen, habe nicht hingeschaut Aber im Ernst: Da sassen auch einige Philharmoniker im Raum und meine Lehrerin. Und nachdem ich noch ein bisschen Mozart spielen durfte, wollte ich zügig nach Hause Ich also runter von der Bühne, ins Künstlerzimmer, die Geige eingepackt – und wie ich zurück in den grossen Saal laufe, um meine Lehrerin zu holen, kommt mir Herr von Karajan entgegen und sagt, er würde sich sehr freuen, mit mir nächstes Jahr bei den Pfingstfestspielen in Salzburg zu musizieren.

Ein Bilderbuch-Moment, wie ihn sich jeder Künstler erträumt – in der Realität dürfen ihn aber nur wenige erleben. Ich rechne es Karajan hoch an, dass er sich damals sofort entschieden hat. Es war eine seiner grossen Qualitäten dass er ein echtes Interesse an der jungen Musikergeneration hatte Und dass er sich mit seinem ganzen Renommee als weltberühmter Dirigent für den Nachwuchs eingesetzt hat. Ich wünschte mir, dass mehr Dirigenten heute das Mentoring so zu ihrer Aufgabe machen würden.

War die frühe Erfahrung für Sie der Anstoss, sich selbst so umfassend in der Nachwuchsförderung zu engagieren? Es hatte immer mehrere Aspekte Rein praktisch ging und geht es mir mit meinen Stiftungen darum, beispielsweise bei der Bereitstellung oder beim Kauf von geeigneten Instrumenten zu helfen – ein riesiges Problem, wie ich selbst am Beginn meiner Karriere erfahren musste Oder auch darum, junge Musiker mit Komponisten zusammenzubringen. Bei mir war es Paul Sacher, der mich eines Tages mit der Partitur von Witold Lutosławskis «Chain 2» überraschte – das wurde dann meine allererste Uraufführung Vor vierzig Jahren, am 31 Januar 1986 in Zürich. Es war der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft für die Musik unserer Zeit

Das heisst, beim Einsatz für den Künstlernachwuchs geht es nicht nur darum, Hürden aus dem Weg zu räumen und das musikalische Erbe weiterzugeben, sondern auch um eine Art «Schule fürs Leben»?

Ein grosses Wort Für mich ist die vorrangige Aufgabe von Mentoren, die Fülle an Möglichkeiten aufzuzeigen, die ein Leben inspirieren können. Junge Musiker brauchen jemanden, der aus einer etwas erfahreneren Perspektive Anregungen gibt – was daraus wird, kann niemand voraussehen, denn Gott sei Dank verläuft ja kein Leben gradlinig, schon gar nicht das eines Künstlers Derzeit habe ich den Eindruck, dass die Breite des Musikerlebens ein wenig verloren geht Auch weil viele den Sirenenklängen von Social Media erliegen und meinen dort omnipräsent sein zu müssen. Das ist immens zeitaufwendig Umso wichtiger, dass jeder gelegentlich darüber nachdenkt, ob er ausserhalb des Hamsterrades genug vom Leben hat – und ob er umgekehrt auch genug für das Leben tut, vor allem für die Gemeinschaft

Glauben Sie, dass man mit Musik eine Gesellschaft besser machen kann? Vielleicht nicht im grossen Massstab Aber manchmal ist es ganz einfach. Anfang Oktober werde ich in Zürich ein Benefizkonzert für eine Einrichtung

geben, die Frühgeborene mit Musik in Berührung bringt. Man kann inzwischen medizinisch belegen, was für einen positiven Einfluss der Kontakt mit Klängen auf die Synapsenbildung und die Vernetzung der Gehirnareale haben kann. Ich bin absolut fasziniert von dieser messbaren Wirkung der Musik Ich möchte das unterstützen. Auch wenn ich nicht behaupten will, dass Musik irgendetwas heilen kann Aber sie hat sehr positive Konnotationen, ist in vielen Fällen viel billiger als ein Pharmaprodukt und hat keine Nebenwirkungen.

Nachwirkungen hat sie hingegen schon: Sie haben selbst, ganz konkret, mit inzwischen drei Dutzend Uraufführungen an der Musikgeschichte mitgeschrieben. Zwei dieser Auftragswerke spielen Sie im Rahmen Ihrer Jubiläumskonzerte in Luzern. Darunter das 2. Violinkonzert von André Previn, das Ihr zweiter Ehemann für Sie komponiert hat. Das Stück hat natürlich eine signifikante Bedeutung in meinem Leben. Aber auch losgelöst von jeder persönlichen Verbindung ist es als Komposition hochspannend: mit seinem spielerischen Blick auf die Barockzeit, mit dieser wahnwitzigen Cembalo-Kadenz als Brücke in den zweiten Satz und den subtilen Anklängen an den Jazz Es bringt eine Frische in den klassischen Kanon, die mir immer wichtig ist.

Wenn Sie heute nach Luzern zurückkehren: Gibt es noch irgendeine innere Verbindung zu dem 13-jährigen Wunderkind Anne-Sophie Mutter von 1976? Vielleicht bin ich etwas reflektierter als vor 50 Jahren? Wer weiss. Ich glaube ich habe mir meinen Idealismus bewahrt. In all den – auch dunklen – Momenten meines Lebens war und bin ich immer der Meinung, dass Gott mir nur so viel auflädt, wie ich tragen kann Und es ist ein grosses Glück, dass mir in den 50 Jahren immer wieder wunderbare Menschen begegnet sind.Wenn ich selbst ein nützlicher Mensch sein kann für möglichst viele, dann macht mich das sehr froh. Darin liegt auch die Botschaft der Musik und meines Musizierens

Interview: Christian Wildhagen

Ein junges Pianisten-Kleeblatt

DOROTHEA WALCHSHÄUSL

Es bleibt ein Phänomen: Etliche Jahrzehnte teils Jahrhunderte sind vergangen, seit Ludwig van Beethoven Johannes Brahms, Frédéric Chopin oder Sergei Rachmaninow ihre Klavierwerke komponiert haben. Unzählige Male wurden diese Stücke seither analysiert, aufgeführt, verglichen und neu befragt. Und doch eröffnet sich mit jedem Pianisten eine eigene Welt: Die Persönlichkeit des Interpreten verschmilzt mit jener des Komponisten, Vertrautes beginnt anders zu leuchten, und dem Publikum bieten sich immer wieder einzigartige Hörerfahrungen.

Beim Lucerne Festival ist in diesem Jahr eine Vielzahl junger Pianisten zu erleben, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Schatz der Vergangenheit auseinandersetzen Mit dem Russen Alexander Malofeev, dem Japaner Hayato Sumino, dem Franzosen Alexandre Kantorow und dem Südkoreaner Yunchan Lim sollen an dieser Stelle vier Künstler porträtiert werden, die verschiedene Facetten einer neuen Klaviergeneration offenbaren Sie alle haben fundierte Ausbildungen durchlaufen, viele von ihnen haben renommierte Wettbewerbe gewonnen.

Poetische Geschichten im Exil: Alexander Malofeev

Es gibt da diesen Videomitschnitt: Ein Junge mit hellblondem Haar, schwarzem Anzug und schwarzer Fliege sitzt am Flügel. Sein Gesicht ist hochkonzentriert, seine Hände huschen behende über die Tasten, was man hört, ist in Musik gegossene Perfektion 13 Jahre war Alexander Malofeev zu diesem Zeitpunkt alt, ein Teenager noch und doch der Kindheit längst entwachsen. Mit seinem reinen Spiel gewann er damals den ersten Preis und die Goldmedaille beim Tschaikowsky-Wettbewerb für Nachwuchskünstler. Für Malofeev war das der Durchbruch, und doch blickt der Künstler heute ausgesprochen kritisch auf diese Zeit zurück. «Meine Kindheit fand im Übungsraum statt, und ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich Pianist werde oder nicht. Ich habe einfach immer weiter geübt», sagt er Geboren 2001 in Moskau, erhielt er mit fünf Jahren seinen ersten Klavierunterricht, später studierte er bei Elena Beryozkina am Gnessin-Institut und schliesslich am Tschaikowsky-Konservatorium. Mit eiserner Disziplin und angetrieben von der Härte der Wettbewerbe hat er grosse Fortschritte gemacht, künstlerische Freiheit aber stand nie im Fokus Stattdessen habe er die perfekten Linien seiner Lehrerin nachgespielt und versucht, sie vollendet wiederzugeben –das Publikum war begeistert, innerlich aber suchte Malofeev hadernd nach seinem Weg. Erlebt man ihn heute, elf Jahre später, am Klavier, ist unverkennbar, dass er bei sich angekommen ist. Der Musiker spricht selbst von seinen «zwei Leben» Da ist jenes des kindlichen Jungstars, geprägt von der russischen Klavierschule und bejubelt als Wunderkind. Und da ist jenes des erwachsenen und gereiften Interpreten im Exil. Freiheit und Aufrichtigkeit. Das sind die Schlüsselworte, wenn Malofeev den Anspruch an sein heutiges Leben und sein Spiel beschreibt. An den Tasten entwickelt er sich weiter, forscht nach neuen Klängen, noch tieferem Ausdruck So virtuos seine Klaviertechnik auch ist – durchdringt Malofeev die Klavierwerke, tritt der spieltechnische Aspekt umgehend in den Hintergrund. Stattdessen berührt er als reflektierter und inniger Geschichtenerzähler, der eine grosse Grundmelancholie ausstrahlt und in seinem Spiel eine emotionale Innenschau betreibt, ohne je pathetisch zu sein Aktuell lebt Malofeev in Berlin Der

Ukraine-Krieg hat den jungen Künstler in seinen Grundfesten erschüttert und mit seiner Heimat brechen lassen, an eine Rückkehr nach Russland ist nicht zu denken. «Es schmerzt mich sehr all das mitanzusehen, was gerade geschieht. Ich habe noch nie so viel Hass in alle Richtungen erlebt. Das Einzige, was ich tun kann, ist beten und weinen», hat Malofeev zu Kriegsbeginn geschrieben. Im Exil hat der Pianist in diesem Jahr auch sein Debutalbum herausgebracht und unter dem Titel «Forgotten Melodies» mit Sergei Rachmaninow, Michail Glinka, Nikolai Medtner und Alexander Glasunow ausschliesslich Werke russischer Komponisten eingespielt, die aus Russland emigriert sind.

Grenzüberschreitender Social Media Star: Hayato Sumino

Wie die Zukunft der Klassikszene aussehen wird, bleibt spannend. Doch womöglich liefert Hayato Sumino einen Teil der Antwort. Denn vergleicht man den Altersdurchschnitt der Besucher seiner Konzerte mit jenem konventioneller Klavierabende ist die Verjüngung offensichtlich. Dass der multibegabte junge Mann Musiker werden würde, stand lange nicht fest 1995 in Tokyo geboren, begann er schon im Alter von zwei Jahren mit dem Klavierspiel. Später wurde er von Katsuko Kaneko und Tomoaki Yoshida ausgebildet, in Frankreich studierte er bei Jean-Marc Luisada. Parallel dazu absolvierte er an der Universität Tokio ein Studium der Informationswissenschaft, 2018 verbrachte er ein halbes Jahr am Pariser IRCAM und forschte dort zur Musikinformationsverarbeitung. Erst nach mehreren Wettbewerbserfolgen, 2018 bei der PTNA Piano Competition in Japan, 2019 beim Concours International de Piano in Lyon und schliesslich 2021 beim Chopin-Wettbewerb in Warschau, konzentrierte sich Sumino ganz auf die Musik. Deutlich länger schon als die Konzertpodien bespielt Hayato Sumino eine weitere Bühne: Mit 13 Jahren legte er einen YouTube-Kanal an und begann dort unter dem Namen «Cateen» einen Mix aus launigen Videomitschnitten zu posten Mal improvisierte er zum französischen Volkslied «Ah! vous diraije, maman», mal präsentierte er seine Arrangements des Videospiel-Soundtracks von Super Mario Dazwischen interpretierte er klassisches Klavierrepertoire und probierte ungewöhnliche Tasteninstrumente aus Über 200 Millionen Mal wurden diese Clips aufgerufen.

«Ich bin neugierig auf jede Art von Klang», sagt Sumino Mit dem Experimentieren begonnen hat er während der Corona-Zeit. «Die Leidenschaft, viele Instrumente zu spielen, habe ich immer noch», sagt der Pianist. Es reizt Sumino neue Klänge auszuloten und Werke in anderes Licht zu stellen.Ravels «Boléro» etwa spielte er auf zwei Klavieren, präparierte dafür die Saiten und erzeugte ungeahnte Percussion-Sounds; bei Strawinskys Musik wiederum träumt er davon, Synthesizer zu verwenden

Auf der Konzertbühne ist der grosse, schmale Mann mit den schwarzen Haaren eine elegante Erscheinung, zurückhaltend in der Körpersprache und mit kultiviertem Anschlagston am Flügel. Besonders einnehmend sind seine Interpretationen dort, wo er die klassische Darbietung verlässt und mit den Stilrichtungen experimentiert. Klassik, Jazz und Filmmusik gehen mühelos ineinander über vermeintliche Grenzen hebelt Sumino mit Leichtfüssigkeit aus Das Programm, das er in Luzern spielen wird, ist symptomatisch für dieses Musikverständnis Darin setzt er Stücke von Frédéric Chopin in Beziehung zu neoklassischen Eigenkompositionen, ausserdem erklingen Werke von Thomas Adès Camille Saint-Saëns oder Igor Strawinsky Das klassische Klavierreper-

toire steht bei Sumino nicht mehr unantastbar für sich, sondern wird Teil eines organischen Gesamtkunstwerks, bei dem Improvisation und Zeitlosigkeit die tragenden Säulen sind.

Akribischer Klangforscher: Alexandre Kantorow

Wie bei vielen Profimusikern ist Musik bei Alexandre Kantorow eine Familienangelegenheit. Geboren wurde der französische Pianist 1997 in ClermontFerrand, seine beiden Eltern spielten professionell Geige, sein Vater Jean-Jacques ist auch als Dirigent bekannt. Das Klavier entdeckte der damals Dreijährige spielerisch. Er liebte den direkten Klang beim Anschlag einer Taste und wenn er später von der Schule nach Hause kam, war das Spiel auf dem Instrument sein liebster Zeitvertreib Sein Erweckungserlebnis hatte er schliesslich mit 14 Jahren im Schulorchester, als er Liszts «Ungarische Fantasie» aufführte. «Ich erinnere mich genau an dieses besondere Gefühl, das erste Mal auf so eine Bühne zu gehen

Sie suchen Freiheit, neue Klangräume und persönliche Wahrhaftigkeit in akribischer Klangarbeit oder asketischer Hingabe.

und alles um mich herum zu vergessen Ich wusste plötzlich ganz sicher, dass es das ist, was ich machen will», so Kantorow. In den folgenden Jahren studierte er bei Pierre-Alain Volondat Igor Lazko, Frank Braley und Rena Shereshevskaya, 2019 gewann er die Goldmedaille beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb und 2023 den Gilmore Artist Award. Auch wenn die Musik sein Lebensthema ist – seine Inspirationen zieht Kantorow aus vielen Dingen auch jenseits der Töne Er vertieft sich in Bücher, geht ins Kino oder übt Kartentricks In seinem Spiel spiegeln sich diese Offenheit und diese Verspieltheit eindrucksvoll wider. So intensiv seine Interpretationen berühren, strahlen sie gleichzeitig eine Natürlichkeit aus, die selbst gewichtigen Werken eine Leichtigkeit verleiht. Die Nuancierung im Klang bezeichnet er selbst als grösste Herausforderung «Wir können kein Vibrato erzeugen und die Textur eines Tons nicht mehr verändern, sobald wir die Taste einmal gedrückt haben», so Kantorow Zeit und Pedalisierung – mit diesen beiden Aspekten lasse sich der Klang gestalten. Der Rest sei Illusion; «das Spiel mit leichten Betonungen zum Beispiel oder eine ganz leichte Verschiebung der beiden Hände gegeneinander», sagt Kantorow. In seinen Interpretationen legt Kantorow selbst bei den polyphonsten Satzstrukturen jeden Strang offen. Das gilt ganz besonders für seine Ausdeutung der Werke von Johannes Brahms Dessen zweites Klavierkonzert, das Kantorow auch in Luzern aufführen wird beschäftigt ihn schon seit seiner Jugend. «Seine Musik ist für mich vor allem sinnlich, sie entwickelt sich ganz organisch. Einige seiner besten Werke basieren nur auf ein paar Noten, die er dann wiederholt, verändert, transformiert.» Dies sei vergleichbar mit den Wurzeln eines Baumes, aus denen sich ein gewaltiges Geflecht aus Ästen und Blättern entfalte «Brahms ist ja eher introvertiert, gibt nicht alles

Unkonventionalität, emotionale Tiefe und staunend

von sich preis, die Emotionen sind meistens kontrolliert. Nur an wenigen Stellen gibt er diese Kontrolle auf und lässt sich emotional gehen», beschreibt der Musiker seinen Lieblingskomponisten. Auch sich selbst bezeichnet er als eher introvertiert. In dem Moment jedoch, in dem er am Klavier sitze, könne er nicht mehr verschlossen sein. Im Gegenteil: «Ich nutze die Musik, um mich zu öffnen», sagt Kantorow

Diener der Musik an den Tasten: Yunchan Lim

Musik, nichts als Musik. Diesem Leitgedanken hat sich Yunchan Lim verschrieben und er verfolgt ihn mit einer mönchischen Disziplin und Hingabe, die ihresgleichen sucht. «Ich habe mir fest vorgenommen, mein Leben nur der Musik zu widmen, und ich habe beschlossen, für die Musik alles auf-

zugeben», sagte Lim, nachdem er 2022 als jüngster Teilnehmer im Alter von 18 Jahren bei der Van Cliburn International Piano Competition die Goldmedaille, zwei Sonderpreise und den Publikumspreis gewonnen hatte und damit Geschichte schrieb. Als er beim Finale das dritte Klavierkonzert von Rachmaninov spielte, musste sich die Dirigentin und Jurypräsidentin Marin Alsop auf der Bühne die Tränen aus den Augen wischen, derart einzigartig war das, was in diesem Moment geschah. Geboren 2004 im südkoreanischen Siheung, begann Lim im Alter von sieben Jahren mit dem Klavierspiel. Nur ein Jahr später nahm er am ersten Wettbewerb teil und bald gab es nur noch einen Lebensinhalt für ihn. «Von dem Moment an, als ich das Klavier berührte, wollte ich ein grossartiger Musiker werden, auch wenn es in meinem Umfeld viel Widerstand und Besorgnis gab» sagt Lim. Als 13-Jähriger schliesslich wurde

Yunchan Lim spielt am 8. September das G-Dur-Konzert von Maurice Ravel. JAMES HOLE
Alexandre Kantorow debütiert am 3.September mit dem 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms SASHA GUSOV

der Träume

er in die Korea National University of the Arts aufgenommen und traf dort auf seinen Lehrer Minsoo Sohn, bei dem er heute noch am New England Conservatory of Music in Boston studiert. Seit dem Sieg beim Van-CliburnWettbewerb ist Lim einer der gefragtesten Pianisten der jungen Generation, und es gibt kaum eine grosse Bühne, auf der er noch nicht gespielt hat. Die rasante Karriere des gerade mal 22-Jährigen steht in maximalem Gegensatz zu seiner Erscheinung Erlebt man Lim jenseits der Tasten, begegnet man einem schüchternen und introvertierten jungen Mann, der um die richtigen Worte ringt und voller Demut von seiner Berufung spricht. In dem Moment aber, in dem er am Flügel sitzt, scheint er sein Innenleben nach aussen zu kehren. Getragen von phänomenaler Technik und Souveränität in der vielschichtigen Klanggestaltung, erreicht Lim eine aussergewöhnliche Tiefe und Emotiona-

lität in seinem Spiel. In jedem Moment scheint er der Musik ergeben zu dienen, während er bei vermeintlich bekannten Werken ganz neue Facetten freilegt. Um seinem eigenenAnspruch gerecht zu werden stellt Lim alles andere in seinem Leben hintan. Hobbys hat er laut eigener Aussage keine, reist er nicht gerade um die Welt, trainiert er stundenlang am Klavier «Seit ich 12 Jahre alt war, habe ich acht Stunden am Tag geübt, und jetzt mache ich das den ganzen Tag», sagt Lim In der selbstauferlegten Klausur ereignen sich für ihn die schönsten Momente. «Der Übungsraum eines Künstlers ist ein Ort, an dem vielfältige Welten entstehen, und man kann die Frustration und die Freude miterleben, die das Schaffen grossartiger Musik durch viele Versuche mit sich bringt», sagt Lim. Schicht um Schicht arbeitet er sich dabei zum Kern der jeweiligen Werke vor und präsentiert sie schliesslich im Konzert dem Publikum.

«Poesie ist politisch, weil sie sich mit Menschen beschäftigt»

Amanda Gorman ist mit ihrem unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft zu einer modernen Verkörperung des «American Dream» geworden.

«Ein neuer Tag, und wir fragen uns, wo wir Licht finden sollen im nicht enden wollenden Schatten.» Mit klarer, fester Stimme spricht Amanda Gorman ins Mikrofon, ihre kraftvollen Worte begleitet sie mit rhythmischen Handbewegungen. In ihrem Gedicht «The Hill We Climb» entwirft sie eine hoffnungsvolle Zukunftsvision für Amerika, einen Traum von einem geeinten Land, in dem Menschen, gleich welcher Herkunft, in Frieden miteinander leben können. Als Gorman im Januar 2021 bei der Amtseinführung von Joe Biden auftrat, schaute plötzlich die ganze Welt auf sie Die Harvard-Absolventin, damals erst 22 Jahre alt, ist bis anhin die jüngste unter den «inaugural poets», die seit John F. Kennedy zur feierlichen Vereidigung demokratischer Präsidenten eingeladen worden sind. Als Nachfahrin von Sklavinnen und Tochter einer alleinerziehenden Mutter könne sie heute in den USA davon träumen, eines Tages selbst Präsidentin zu werden, betont die in Los Angeles aufgewachsene Afroamerikanerin in ihrem Gedicht Doch die Nation sei noch «unvollendet». Statt sich zu bekämpfen, müssten die Menschen Gräben schliessen und einander die Hände reichen. Nach dem Sturm aufs Kapitol Wie weit Traum und Realität auseinanderklaffen, wurde Gorman jäh bewusst, als Anhänger von Bidens Vorgänger – und späterem Nachfolger –Donald Trump wenige Wochen vor der Inaugurationszeremonie das Kapitol stürmten. Unter dem Eindruck des schockierenden Wütens eines entfesselten Mobs vollendete sie das Gedicht, das sie dann vor Biden und der Weltöffentlichkeit vortrug Erst am Tag der Kapitol-Erstürmung sei es wirklich zum Leben erweckt worden, sagte sie «Wir haben Kräfte erlebt, die unsere Nation lieber spalten als gemeinsam tragen wollen. Unser Land zertrümmern, um den Lauf der Demokratie zu bremsen», heisst es in einer Passage, die als unverhohlene Anspielung auf die Ereignisse des 6. Januar zu verstehen ist. «Fast wären sie damit durchgekommen. Aber die Demokratie mag sich

zeitweise hemmen lassen, doch nie für alle Zeit verhindern.»

Der unerschütterliche Glaube an eine bessere Zukunft, der aus diesen Zeilen hervorscheint, hat Gorman weit über ihre Heimat hinaus zu einer Symbolfigur werden lassen. In einem gemeinsamen Projekt mit dem Cellisten Jan Vogler wird sie nun am Lucerne Festival zu Suiten von Johann Sebastian Bach mehrere ihrer Gedichte rezitieren Ihr Auftritt in Luzern findet am 25 Jahrestag der verheerenden Terroranschläge vom 11 September 2001 statt Die Bilder des einstürzenden World Trade Center in New York haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Dass alle geeint zusammenstehen müssen, um die Wunden allmählich heilen zu lassen, hat die Poetin in ihrem Werk eindrücklich auf den Punkt gebracht Im Februar 2024 waren die beiden Künstler in der Carnegie Hall erstmals zusammen auf der Bühne zu erleben. «Wir bringen etwas aus der Vergangenheit in eine moderne, zeitgenössische Atmosphäre Und wir tun es mit Gedichten, die ich noch nie mit Musik aufgeführt habe», sagte Gorman damals im Interview Das Cello gehöre zu ihren Lieblingsinstrumenten, sie geniesse es zu seinem Klang zu schreiben. Und Vogler erklärte: «In der Poesie gibt es das, was zwischen den Worten liegt, und in der Musik ist es dasselbe – zwischen den Noten liegt die eigentliche Botschaft In den ganzen Bach-Suiten geht es um Menschlichkeit, um Gefühle, um Tiefs und Höhen.» Der Musiker der mit seiner Familie seit vielen Jahren in New York lebt, bringt vor allem die Suite Nr 5 mit dem Gedenken an die Opfer des 11 September in Verbindung: «In dieser Suite stecken viele mystische Klangfarben und auch tiefe Trauer.» Sein Kollege Yo-Yo Ma hatte den Sarabande-Satz am ersten Jahrestag der Anschläge gespielt, während am Ground Zero die Namen der Toten verlesen wurden.

Gorman gesteht, in Bachs Werk «eine grosse Demut und Zärtlichkeit» zu spüren. Ihre Rezitation wird im Konzert vom Cello grundiert, die Stimme ist aber stellenweise auch a cappella zu hören, bevor sie sich wieder mit der Musik verschränkt Die an Alliteratio-

nen reiche Lyrik entfaltet ihre Wirkung auf das Publikum in erster Linie auf der Bühne, weniger bei der blossen Lektüre. Der rhythmisch akzentuierte Vortrag der Verse erinnert an Rap, Gospel und Blues, aber auch an «Spoken Word», ein performatives Genre, dessen Vorreiter Poeten der Beat Generation wie William S. Burroughs oder Allen Ginsberg waren. Ein musikalisches Schlüsselerlebnis bescherte ihr einst ein Lied aus Lin-Manuel Mirandas preisgekröntem Broadway-Musical «Hamilton», das ihr half, eine Sprachstörung zu überwinden – seitdem kann sie den Buchstaben «r» richtig aussprechen.

Poesie als Resonanzraum

In ihren Gedichten ruft Gorman zu Gewaltfreiheit, zu Inklusion und Diversität auf «Poesie ist politisch, weil sie sich mit Menschen beschäftigt», sagt sie. «Wenn man sich die Geschichte anschaut fällt auf, dass Tyrannen oftmals zuerst die Dichter und Kreativen ins Visier nehmen. Sie verbrennen Bücher Sie versuchen, die Poesie und die Sprachkunst auszulöschen.» Komiker geraten bekanntlich besonders schnell in die Schusslinie Dies bekam auch der prominente Satiriker und Moderator Stephen Colbert zu spüren, in dessen populärer «Late Show» Gorman und Vogler einmal zu Gast waren. Die Sendung ist inzwischen eingestellt, angeblich aus rein finanziellen Gründen. Über politische Motive wird allerdings nicht nur hinter vorgehaltener Hand spekuliert: Trump überzog Colbert regelmässig mit Hasstiraden und freute sich über das Ende der Show.

Die Gegner des Präsidenten in den USA verstummen indes nicht, doch im klassischen Musikbetrieb lehnt man sich offenbar nicht allzu weit aus dem Fenster «In der Klassik eine kontroverse Diskussion zu Trump zu führen ist schwierig», bekannte Vogler erst kürzlich, als er nach der Meinungsvielfalt in seiner Wahlheimat gefragt wurde. Bei den gemeinsamen Auftritten mit Gorman weicht er jedenfalls einer möglichen Kontroverse nicht aus – Musik und Poesie eröffnen hier einen grossen Resonanzraum, den ein jeder Zuhörer mit seinen eigenen Gedanken füllen kann

Alexander Malofeev widmet sich am 20 August der «Rhapsody in Blue» von George Gershwin. PRISKA KETTERER
Hayato Sumino begibt sich am 1.September in seinen eigenen «Chopin Orbit» JOHANNA BERGHORN, SONY MUSIC
Die amerikanische Lyrikerin Amanda Gorman führt am 11 September gemeinsam mit dem Cellisten Jan Vogler durch einen «Evening of Poetry and Bach». LIBRARY OF CONGRESS

«Ich brauche den Wechsel für mein Leben»

Jörg Widmann ist neuer Leiter der Lucerne Festival Academy. Als Klarinettist, Dirigent und Komponist tritt er das grosse Erbe von Pierre Boulez und Wolfgang Rihm an Er setzt dabei vor allem auf neue Formen von Dialog und Musikvermittlung

GEORG RUDIGER

Zunächst hat Jörg Widmann etwas gezögert, als ihn Sebastian Nordmann fragte, ob er die Leitung der Lucerne Festival Academy übernehmen wolle Zu gross erschienen ihm die Fussstapfen seiner Vorgänger Pierre Boulez und Wolfgang Rihm. Doch lange musste der neue Intendant dann doch nicht auf eine Antwort warten. Nach kurzer Bedenkzeit sagte Widmann zu «Jörg ist wie ein Schweizer Taschenmesser: Hat man ihn an Bord, kann eigentlich nichts schiefgehen Er schafft es mit Humor, Wissen und musikalischer Begabung Musiker und das Publikum mitzureissen, egal ob es um traditionelle oder zeitgenössische Musik geht», schwärmt Nordmann. Mit dem Vergleich beschreibt er nicht nur Widmanns Persönlichkeit, sondern auch seine aussergewöhnliche Vielseitigkeit als Künstler Widmann tritt im Sommer in Luzern sowohl als Klarinettist wie auch als Dirigent in Erscheinung Zusätzlich schaut er sozusagen als Kollege unter Kollegen beim von Dieter Ammann und Unsuk Chin geleiteten Composer Seminar vorbei. Seine pädagogischen Fähigkeiten hat er bereits als Professor für Klarinette und Komposition in Freiburg im Breisgau sowie als Dozent an der Berliner Barenboim-Said-Akademie unter Beweis gestellt Wer ihm persönlich begegnet, erlebt einen empathischen, äusserst zugewandten Künstler, der komplexe musikalische Zusammenhänge verständlich machen kann, ohne dabei die emotionale Ebene der Musik zu vernachlässigen.

Viel von Boulez und Rihm gelernt

Neben diesem vielschichtigen Künstlerprofil, das geradezu ideal zur Lucerne Festival Academy passt gibt es auch eine starke historische Kontinuitätslinie zu seinen Vorgängern. Im Alter von 15 Jahren reiste Widmann mit seinem

Vater von München nach Strassburg zum Musica-Festival, um Pierre Boulez als Interpret eigener Werke zu erleben. Besonders begeistert war Widmann von dessen «Répons»: «Mir hatten vorher Freunde gesagt: Boulez das sei Mathematik, trocken und ohne Gefühl. Und ich erlebte genau das Gegenteil: einen Exzess, eine Explosion an Farben! Danach konnte ich nicht mehr weiterkomponieren, als wäre nichts geschehen.»

Aus der Bewunderung des Jugendlichen entstand bald eine persönliche Beziehung. Widmann besuchte Boulez regelmässig in dessen Villa in BadenBaden zu langen Gesprächen. «Ich vermisse ihn sehr», sagt Widmann heute

Auch als Klarinettist wurde Boulez für ihn zu einer prägenden Figur Dessen «Dialogue de l’ombre double» für Klarinette und Tonband, das Widmann ebenfalls in Strassburg gehört hatte, empfand er als revolutionär Später erarbeitete er das Werk gemeinsam mit dem Komponisten bei den Musiktagen in Badenweiler: «Er hat mir bei dieser extrem virtuosen Komposition ganz pragmatisch geholfen. Wie er überhaupt komplexe Dinge stets auf eine ganz einfache Weise erklären konnte.» Auch zu seinem Luzerner Vorgänger Wolfgang Rihm, der 2024 starb hatte Widmann eine enge Beziehung: Er hat bei Rihm an der Karlsruher Musikhochschule Komposition studiert. «Bereits im Studium hat Rihm im Jahr 1999 für mich das Klarinettenkonzert ‹Über die Linie II› komponiert. In der Folge entstanden weitere 15 Werke für mich, auf die ich kompositorisch antwortete.» Besonders beeindruckte Widmann die pädagogische Haltung seines Lehrers «Er hat nie versucht, ‹kleine Rihms› zu produzieren. Er hat uns dabei unterstützt, unsere eigene Stimme zu finden.» Zugleich besass Rihm die seltene Gabe, in einer Partitur sofort die «wunde Stelle» zu finden: «Das sorgte immer für eine produktive Verunsicherung.» Dass Widmann nun gleich zu Beginn des Lucerne Festival Rihms Grenzen sprengendes

Werk «Tutuguri» dirigiert, ist deshalb auch eine persönliche Hommage an seinen Luzerner Vorgänger

Die Schwierigkeit, eine Mitte zu finden

Die Klarinette war aber nicht nur für Wolfgang Rihm Quelle für kompositorische Inspiration, sondern ist auch für Widmann selbst die Grundlage für sein musikalisches Denken Beim Klarinettenspiel sucht er etwa Effekte wie Klappengeräusche, Luft- und Mehrklänge, die er dann auch in seinen Kompositionen einsetzt

Für Daniel Barenboim ist Widmanns permanenter Kontakt mit dem Klang ein wichtiger Grund für dessen Kreativität, wie der Dirigent in Holger Preusses Dokumentarfilm «Im Labyrinth» (BR/ Arte 2022) bemerkt. In diesem atmosphärisch dichten Film berichtet Widmann von seinen Zweifeln beim Komponieren, von labyrinthischen Gedankengängen und von seiner Faszination für Extreme Und spricht auch von der

Hier wird von innen gehört

Schwierigkeit, eine Mitte zu finden: Die vielen Reisen strengen den 53-jährigen Musiker an, die Erwartungen an ihn als Klarinettisten sind hoch, der Zeitdruck beim Komponieren, wenn es Richtung Uraufführung geht, ist unangenehm. Dennoch empfindet er gerade die Vielfalt seiner Tätigkeiten als Glück. «Ich brauche den Wechsel für mein Leben Ich würde verrückt werden, wenn ich nur Komponist wäre.»

Diese stetige Neugier führte ihn schon 1994 nach New York, wo er an der Juilliard School of Music Klarinette studierte «Das war ungewöhnlich, weil man in den USA und eigentlich überall sonst auf der Welt bei den Klarinetten das französische System spielt und nicht das deutsche», sagt Widmann im Gespräch. «Amerika war das andere –John Cage mit seinem Humor, Morton Feldman mit seinen Vier-Stunden-Stücken. Aaron Copland komponierte eine ganz andere, tonale Musik, die man hier in Europa völlig übersehen hat.» Das Festivalmotto «American Dreams», das Sebastian Nordmann für diesen Som-

mer gewählt hat, spiegele ebendiese grosse Bandbreite der amerikanischen Musik wider: Von Steve Reichs «New York Counterpoint» für elf Klarinetten, das im Eröffnungskonzert am 14 August im grossen Saal des KKL aufgeführt wird, bis zu Frank Zappas letztem 1993 vom Ensemble Modern eingespielten Album «The Yellow Shark», das Mitglieder des Lucerne Festival Contemporary Orchestra am 22 August im Luzerner Saal auf die Bühne bringen. Auch Werke von John Adams, Elliot Cater Augusta Read Thomas und Jalalu-Kalvert Nelson finden sich im Programm der Lucerne Festival Academy Im Gegensatz zu seinen Kollegen Sir András Schiff und Christian Tetzlaff, die Auftritte in den USA wegen der Trump-Regierung abgesagt haben, hielt Widmann an seiner geplanten Tournee nach Detroit, Atlanta und Cleveland fest: «Ich bin jemand, der auch in Konfliktsituationen den Dialog nicht abreissen lässt.»

Neuausrichtung des «Forward»-Festivals

Während Jörg Widmann die Struktur des Sommerfestivals bei der Lucerne Festival Academy unangetastet lässt, wird das im Herbst stattfindende Forward-Festival neu ausgerichtet. Vor allem möchte Widmann die Musik der Gegenwart zu historischen Vorbildern in Beziehung setzen: etwa Robert Schumann, dessen Schaffen am «Forward»Festival im Herbst 2026 unter dem Motto «Echos of Schumann» erkundet werden soll. «Es geht um die Fragen, wo wir herkommen und wo es hingeht. Ist die Musik der Vergangenheit noch relevant für uns? Wie antworten wir Heutige auf das Bestehende?» Mit diesem Dialog zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit will Widmann nicht zuletzt neues Publikum finden für die zeitgenössische Musik. Seine immensen Fähigkeiten als Vermittler werden ihm dabei sicherlich helfen

Beim neuen Format «Mittendrin» von und mit Iván Fischer nimmt das Publikum zwischen den Orchestermusikern Platz.

MARCO FREI

Die Szene ist unvergesslich Bei einem Dirigier-Meisterkurs 2012 im Rahmen von Lucerne Festival an Ostern arbeitete Bernard Haitink an der Sinfonie Nr 7 von Anton Bruckner Ein Kandidat hatte Probleme zu verstehen, was Haitink meinte und auch der 2021 verstorbene Meister stiess allmählich an die Grenzen seiner Worte «Irgendetwas funktioniert nicht», sagte Haitink ruhig und gelassen. Während die Festival Strings Lucerne weiterspielten, ging Haitink langsam ins Orchester hinein und setzte sich zwischen die Musiker Plötzlich änderte sich alles Das Spiel wirkte gelöster und befreiter, jede Phrase atmete grosszügig und weit. «Sehen Sie?», flüsterte Haitink. «Manchmal muss man nicht viel tun, sich nicht viel bewegen, damit sich alles ändert. Ist das nicht wunderbar?» In einem kurzen Augenblick erwuchs ein gewandelter Klangkörper nur weil sich Haitink ins Orchester zwischen die Musiker gesetzt hatte – mittendrin.

Direkt und nahbar

Ein ähnliches «Mittendrin» bietet Iván Fischer mit seinem Budapest Festival Orchestra erstmals am Lucerne Festival an. Hier nimmt allerdings das Publikum im Orchester zwischen den Musi-

kern Platz. Schon in Berlin, wo Fischer bis 2018 als Chefdirigent des Konzerthaus-Orchesters wirkte, hatte er dieses Format erprobt – in der KonzerthausIntendanz von Sebastian Nordmann. Jetzt wirkt Nordmann am Lucerne Fes-

tival, und auch hier wollte er unbedingt dieses Experiment einführen. Es geniesst längst Kultstatus, ist überall, wo es angeboten wird, ein absoluter Renner. Das Publikum erlebt das Orchester aus einer ganz anderen Per-

spektive – eben nicht mit Abstand zum Podium und somit aus einer Distanz heraus, sondern ganz direkt und nah. «Man hört von innen», und für Fischer hat das eine «Doppelbedeutung» «Das berührt einerseits das Physische und Praktische, weil man ganz direkt zwischen den Instrumenten sitzt Und es berührt auch das Geistige weil man mehr und genauer von der Musik wahrnimmt – auch viele Details Das ist eine ganz andere Hörerfahrung», erklärt der Dirigent und Komponist. Die Geschichte dieses Formats reicht indes weit vor Berlin zurück –ist «farbiger», wie es Fischer formuliert. Hierzu ein Rückblick, Budapest vor rund fünfzehn Jahren: Mit seinem Budapest Festival Orchestra startet Fischer die «Midnight Concerts», ein gezielt für ein junges Publikum massgeschneiderstes Format. «Wir haben das sehr spät am Abend gemacht, weil die jungen Leute gerne kommen, wenn die Eltern schon schlafen» sagt Fischer und lacht. «Sie sollten das Orchester so erleben, wie wir Musiker es tun. Man sitzt zum Beispiel vor einer Oboe oder zwischen zwei Celli. Das war die Grundidee», sagt Fischer. Gleichzeitig moderiert er, erzählt von der Musik, alles interaktiv Damit knüpft er an die legendären «Young People’s Concerts» an, die Leonard Bernstein seit 1958 in

New York realisiert hatte – ein Pionier moderner Musikvermittlung. In Budapest übertrifft der Erfolg alle Erwartungen «Ein total neues, junges Publikum hat sich da eingefunden», sagt der Dirigent, und das sei dem Orchester später auch treu geblieben Als Sebastian Nordmann dieses Format in Budapest erlebt, holt er es 2014 nach Berlin. In Budapest sitzt das junge Publikum auf Sitzkissen, in Berlin auf Stühlen, weil sich dort «Mittendrin» an alle Generationen richtet. Bis heute leitet Fischer diese Konzerte in Berlin Auch am Edinburgh Festival in Schottland hat Fischer das Format erprobt. Daraus wurden die «Beanbag Concerts». Fischer hat es zudem am Amsterdamer Concertgebouw realisiert, und jetzt Luzern

Eine «Epidemie»

«Das ist eine Epidemie geworden», freut sich Fischer. In Luzern ist am 22 August die Suite aus dem «Cinderella»-Ballett von Sergej Prokofjew als «Mittendrin» zu erleben, aber: «Man kann alles machen. In Budapest und Berlin habe ich das ganze Repertoire präsentiert.» Auch Gustav Mahlers Sinfonie Nr 6? Fischer lacht und schweigt. Die Vorstellung, im Finalsatz mit den wüsten Hammerschlägen mittendrin im Orchester zu sitzen ist ziemlich reizvoll.

Jörg Widmann dirigiert am 16.August Wolfgang Rihms «Tutuguri» MARCO BORGGREVE
Am 22 August ist das Publikum mit Iván Fischer mittendrin MARCO BORGGREVE

MARCO FREI

Eine Frage des Glaubens

Die Musik von Mark Andre hat stets eine religiös-metaphysische Dimension. In diesem Jahr ist er «Composer-in-Residence» in Luzern Wie passt das zum Sommermotto des Festivals?

Die beiden Komponisten kennen und schätzen sich schon lange Als Klarinettist hat Jörg Widmann die Werke «über» und «...selig sind ...» von Mark Andre uraufgeführt Beide Werke hat Andre eigens auf den Klarinettenklang Widmanns zugeschnitten. Beide werden im Rahmen von Andres Luzerner Residenz zu hören sein. Als Wolfgang Rihms Nachfolger leitet Widmann seit diesem Jahr die Festival-Akademie Andres Residenz war Widmans Wunsch – obwohl die beiden als Komponisten wenig gemein haben. Auch das Festival-Motto «American Dreams» hat auf den ersten Blick wenig mit Andre zu tun Dessen Schaffen ist stark vom christlichen Glauben inspiriert. In den USA wird die Religion dagegen zurzeit gezielt genutzt – nicht immer zum Guten

Herr Andre, der US-Präsident hat jüngst KI-generierte Bilder von sich als Heilsbringer und mit Jesus Christus gepostet. Was halten Sie davon? Was soll ich dazu sagen Ich habe vieles von diesem Präsidenten zur Kenntnis genommen. Auch seine harschen Worte über den Papst, als dieser an Ostern einen Friedensappell an die Welt richtete Das alles ist besorgniserregend Es ist aber nicht das erste Mal, dass die Botschaft des Herrn, des Evangeliums instrumentalisiert wird. Es ist erschütternd und traurig, dass Machtmenschen so etwas tun. Leider betrifft das nicht nur die Politik.

Wie meinen Sie das?

Ich möchte nicht tabuisieren, dass die schmerzvollen Enthüllungen in den christlichen Institutionen, ob evangelisch oder katholisch, mich zutiefst erschüttern Das muss rückhaltlos aufgeklärt und verarbeitet werden. Auch das hat nichts mit der Botschaft des Herrn zu tun. Ich möchte das keineswegs verschweigen. Dennoch glaube ich an diese Institutionen.

Sie sind selbst praktizierender Christ. Ja, ich besuche regelmässig meine evangelische Gemeinde in der Sophienkirche in Berlin-Mitte Ich komme aus Ostfrankreich Ein Teil meiner Familie stammt aus Norddeutschland. Ich bin bei meinen Grosseltern aufgewachsen. Meine Grossmutter war streng religiös Mein Glaube speist sich aber nicht in erster Linie aus dem schulischen Religionsunterricht, bei einer Schwester habe ich seinerzeit dennoch viel gelernt, und das war wunderbar Einmal gab es aber eine Stunde über den Heiligen Geist. Da konnte man spüren, dass sie etwas besorgt war – wegen der Komplexität des Themas Für mich gab es nichts zu erklären, weil die Existenz der «Ruách» für mich ein Fakt war.

«Ruách» ist im Hebräischen ein weibliches Wort und bedeutet Odem, Geist oder Windstoss Im Christentum wird es auf den Heiligen Geist bezogen. Genau. Das sollte nicht als esoterisch missverstanden werden Ich glaube jedoch, dass man das spüren kann. Bei mir kam das schon als Kind, aber es gab Entwicklungen im Leben Es kostet viel Kraft, dies überhaupt zu empfangen. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal ist man auch nicht aufmerksam genug

Zitate aus der Bibel

Der christliche Glaube äussert sich bei Mark Andre auch in den Titeln seiner Werke. Sie wirken oft kryptisch, sind jedoch Bibelzitate – oft aus der Johannes-Offenbarung. Das ist auch bei den in Luzern erklingenden Stücken der Fall: In «...selig sind .» oder den sogenannten «iv»-Werken «Himmelfahrt» «Pfingsten – Echos» und «Sie fürchteten sich nämlich» ist der Bezug zur Bibel evident. Das «iv» steht für

«Die Stille ist eine besondere Artikulation der Offenbarung des Johannes.»

«introvertiert» Andre meint damit ein Im-Inneren-berührt-Sein ohne Berührung, wie es etwa Maria Magdalena erfährt. Doch wie schlägt sich dies in der kompositorischen Arbeit nieder?

Herr Andre, wie äussern sich Glaube und Herkunft in Ihrer Musik?

Es ist vielleicht mein phänomenologischer Ansatz. Meine Arbeit konzentriert sich auf die unmittelbare, subjektive Wahrnehmung Für mich ist das Besondere am Christentum, dass es immer um das Ausloten, Nachdenken und Reflektieren geht Das ist auch eine kritische Selbstbefragung Das Evangelium ist eine gewaltige Lehre die im Innersten eine riesige kompositorische Dimension hat.

Wie äussert sich diese?

Es sind immer solche Augenblicke in der Bibel, der Lehre Gottes und des Evangeliums, die zum Nachdenken, auch zum Zweifeln und Hadern anregen. Darin steckt ein sehr kreatives Moment. Es gibt eben keine Spur des Positivismus, der faktenbasierten Logik, und das kann es auch nicht geben. Das macht den Glauben so anspruchsvoll und auch schmerzvoll – mit vielen Sorgen.

Was bedeutet das für die Musik?

Alles ist nach innen gekehrt, eine Introversion. Es ist ein Entschwinden und Verschwinden, und das steht für mich in enger Verbindung mit dem Christentum. Es offenbart sich etwas, und das entfaltet eine tiefe Intensität – vielleicht die tiefste überhaupt Als ich bei meinen Grosseltern aufgewachsen bin, hatten wir keinen Fernseher und das hatte auch etwas Gutes zur Folge – eine gewisse Entschleunigung Auch daher

rührt vielleicht mein phänomenologischer Ansatz, dieses sich Vertiefen, die Reduktion, die Entschleunigung.

Die Werke Mark Andres arbeiten vielfach mit Fragmentierung und der Reduktion des Klanges auf das Geräusch. Hier werden Grenzbereiche der Wahrnehmung ausgelotet, was ein bewusstes, konzentriertes Hin- und Zuhören einfordert. «Diese Musik schöpft ihre Kraft aus ihrer Dezenz, ihrer Fragilität, ihrer permanenten Gefährdetheit und Schutzlosigkeit und ihrer Nähe zum Verstummen», so formulierte es Jörg Widmann in einer Laudation anlässlich der Verleihung des Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken an Andre im November 2017 in Leipzig. Gab es Komponisten, die Andre auf seinem Weg bestärkt haben?

Zu Ihren Lehrmeistern zählen die wegweisenden Avantgardisten Gérard Grisey und Helmut Lachenmann. Wer hat Ihre Musik stärker geprägt?

Die Lehrjahre bei Grisey und Lachenmann waren wichtige Stationen. In Paris ging es für mich mehr um die obsessive Suche nach Zusammenhängen zwischen parametrisierten Beobachtungen des klanglichen Phänomens und seiner formalen Entfaltung Nach dem Abschluss stellte sich dann die Frage: wohin? In Paris hatte ich Lachenmanns «Ausklang» von 1984/85 gehört – ein einschneidendes Erlebnis Durch das dortige Goethe-Institut bekam ich seine Kontakdaten. Wie soll man das nennen: eine Intuition? Ich habe gespürt, dass aus dieser Begegnung etwas Besonderes werden könnte Die Station in Stuttgart bei Lachenmann war für mich die wichtigste

Weshalb?

Er hat auf die Fragilität und Instabilität meiner Stücke hingewiesen, das aber nicht negativ gemeint. Das war zuvor in Paris anders gewesen, ich musste das erst einmal verstehen Lachenmann hat mir tiefes Vertrauen gegeben. Ich konnte mich in höchster Intensität selbst ausloten. Diese Förderung war für mich ein Neuanfang. Er ist übrigens auch ein religiöser Mensch, aber mit einem anderen Ansatz. In Frankreich gab es zwar einen tief gläubigen Komponisten wie Olivier Messiaen, aber wenn man mit einem religiösen Ansatz kommt, wird es oft kompliziert

Auch Pierre Boulez und die Lucerne Festival Academy tauchen in Ihrer Vita auf Hier erklingt unter anderem das letztes Jahr uraufgeführte Stück «Im Entfalten (Dem Andenken an Pierre Boulez)» Was ist Ihre Verbindung? Ich wurde von ihm Ende 2005, Anfang 2006 kontaktiert und war sehr überrascht, dass er überhaupt auf meine Arbeit aufmerksam geworden war Beim ersten Stück, das er von mir einstudiert hat, «. auf II ...», war ich sehr besorgt. Ich bewunderte seine Kunst, konnte mir aber kaum vorstellen, dass sie mit meiner Arbeit vereinbar wäre. Dann habe ich Boulez anders erlebt, als ich erwartet hatte Er war sehr sensibel und aufmerksam. Es war unkompliziert, mit ihm als Dirigent zu arbeiten.

Es ergab sich auch eine Verbindung zu Wolfgang Rihm. Wie kam das? Ich habe zwar nicht bei ihm studiert, aber in Darmstadt eine Meisterklasse besucht. Das war sehr bereichernd.Auch zu Rihm hat sich eine Freundschaft entwickelt, dafür bin ich sehr dankbar Er ist in meinen Augen ein bisschen der Goethe der neuen Musik

Interessant! Wie kommen Sie darauf? Vielleicht ist das etwas abgegriffen. Doch er war ein genialer Komponist, ein grosser Künstler, grosszügig und wohlwollend, mit einem riesigen Wissen In der neuen Musik gibt es nur wenige Menschen mit einer solchen Persönlichkeit und Grösse Ich habe neulich wieder Goethes «Farbenlehre» gelesen, vielleicht ist Rihm auch deswegen für mich der Goethe der neuen Musik. Ihm ging es um einen systematischen Ansatz, so wie in Goethes «Farbenlehre» Lachenmann hat hingegen das Prinzip des Verschwindens und Entschwindens als Ansatz sehr geschätzt. Ich bin dankbar dass er neue Partituren von mir sehen möchte

Gilt das auch für die Noten von «Im Entsiegeln I» für Sopran und Orchester, das in Luzern uraufgeführt wird? Ja, ich denke schon. Wir haben eine Art stille Vereinbarung: Lachenmann möchte neue Partituren bekommen, und das mache ich selbstverständlich –möglichst mit Aufnahmen, wenn er nicht selber kommen kann. Er ist ja schon im hohen Alter.

Die Stille ergründen Als dieses Gespräch Anfang Mai stattfindet, ist das erwähnte neue Stück noch nicht ganz abgeschlossen Der Text berührt das achte Kapitel der Johannes-Offenbarung «Und als das Lamm das siebente Siegel öffnete, entstand eine Stille im Himmel, etwa eine halbe Stunde lang.» Die Stille ist zentral in der Musik von Andre. Auf welche Weise wird sie im neuen Stück gestaltet? Wächst da ein neuer Zyklus heran, wie es der Titel «Im Entsiegeln I» suggeriert?

In welche Richtung wird das neue Stück in Luzern gehen?

Vieles von dem, worüber wir gesprochen haben klingt darin an Die Idee ist, die Stille sich kompositorisch entfalten zu lassen – das, was in der Stille steckt, zu enthüllen. Es wird eine extrem fragile Situation, weil sich die Stille in den zeitlichen Zwischenräumen entfaltet.Alle Streicher sind geteilt, das macht mir das Leben nicht leichter Ich möchte aber nicht jammern, denn es dient der Transparenz. Und in Verbindung mit der Stimme erwarte ich mir sehr viel.

Sind weitere «Im Entsiegeln»-Stücke geplant?

Ich möchte das Stück erst einmal beobachten und sehen,wie es sich entwickelt. Ich vermute es Die Stille ist eine besondere Artikulation der Offenbarung des Johannes Es könnte eine auskomponierte Typologie der Stille werden, doch das muss sich zeigen. Die Phänomene sind so stark, sie entfalten so viele Kräfte, dass ich selbst gespannt darauf bin, ob mich das neue Stück dazu zwingt, weiterzugehen Ich kann und möchte es als Komponist nicht erzwingen Ein Stück muss kommen Ich empfange jedoch schon jetzt viele Zeichen.

Obwohl Boulez oft als Machtmensch charakterisiert wird? Er war akribisch, aber kein Machtmensch. Er hat mich immer wieder gefragt und sich rückversichert. Das habe ich nicht erwartet. Einmal sagte er: «An dieser Stelle geht es um den Heiligen Geist.» Ich war verblüfft. Man kann in den «auf»-Werken die Auferstehung erkennen, doch den Heiligen Geist? Mich hat überrascht, dass er diese Dimension überhaupt erkannt und respektiert hat, ohne jede Ironie Mit Boulez war ich zweimal auf Europa-Tour Wir haben uns auch über Macarons ausgetauscht, obwohl ich diese Art Gebäck gar nicht mag Aber gut. Auch Jörg Widmann war dabei, so haben wir uns persönlich kennengelernt

Am Lucerne Festival ist Mark Andre als «Composer-in-Residence» mit mehreren Aufführungen präsent. ASTRID ACKERMANN

Das Böse ist nicht aus der Welt

Auf dem Gipfel seiner Karriere schrieb Hans Werner Henze seine 9. Sinfonie – als Echo und kritische Antwort auf die Neunte von Beethoven. Anlässlich von Henzes 100. Geburtstag dirigiert Joana Mallwitz das aufrüttelnde Werk erstmals in Luzern

Ostern 1997: Hans Werner Henze (1926–2012) beendet nach zwei Jahren die Arbeit an seiner «Sinfonia N. 9» für grosses Orchester und Chor Der Siebzigjährige ist völlig erschöpft, körperlich, geistig und emotional Nie zuvor hat ihn eine künstlerische Aufgabe so mitgenommen – sie ist, so sagt er, «das Extremste, was ich je erlebt habe».Aber Henze weiss auch: Es ist ein Opus summum. Zum ersten Mal hat er es gewagt, vor aller Augen ungeschminkt sein Leiden an der deutschen Geschichte und die eigenen schmerzlichen Erinnerungen in Musik zu fassen. Entstanden ist ein ebenso beeindruckendes wie erschütterndes Zeugnis seiner Meisterschaft, das nicht nur Henze an den Rand seiner Kräfte gebracht hat, sondern auch dem Publikum hörend und mitempfindend einiges abverlangt.

«Eine Direktkonfrontation»

Fast fünfzig Jahre lagen zwischen Henzes 1. Sinfonie und diesem Werk. Schon 1947 hatte sich der damals 21-Jährige konträr zur Tradition verhalten Bis auf wenige Ausnahmen schrieben deutsche Komponisten nach dem Krieg keine Sinfonien mehr Die klassisch-romantische Form schien ihre Unschuld verloren zu haben Jede neue Sinfonie, so Henze, konnte nur noch «Replik, Nachruf oder Echo» sein. Seine Neunte ist als Sinfonie mit grossem Chor ein solches Echo – natürlich auf ein weltberühmtes Meisterwerk mit derselben Ordnungsnummer Mit der Ode «An die Freude» hatte Beethoven im Schlusssatz seiner Neunten eine idealistische Hymne der Brüderlichkeit geschaffen. Sein Stück, so Henze im Programmheft zur Uraufführung, bildet nachgerade die Antithese zu Beethoven: «Statt die Freude, den schönen Götterfunken zu besingen sind in meiner Neunten den ganzen Abend Menschen damit beschäftigt, die immer noch nicht vergangene Welt des Grauens und

der Verfolgung zu evozieren, die noch immer ihre Schatten wirft.»

Die Neunte ist ein Auftrag der Berliner Philharmoniker und der Berliner Festwochen, ihre mit Spannung erwartete Uraufführung wird 1997 ein festliches gesellschaftliches Ereignis sein Henze befindet sich auf dem Höhepunkt des Erfolgs, sein Schaffen wird national und international gefeiert, man zählt ihn längst zu den Klassikern der Moderne Er könnte eine glückliche Zeit geniessen und die Ernte aus lebenslanger Arbeit einfahren Doch genau jetzt drängt sich mit Macht die Vergangenheit ins Bewusstsein und zwingt ihn zur Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Heimat Sie wird zum Gegenstand des neuen Stücks: «Meine frühen und trüben Erfahrungen mit dem eigenen Land wollen und müssen in dieser Chorsinfonie ausgesprochen und geschildert werden. Es ist also eine Direktkonfrontation » Henze hat immer wieder berichtet, wie traumatisch seine Jugend unter dem Hakenkreuz war Dazu gehörte der

fanatische Nazi-Vater, der dem sensiblen Sohn das künstlerische Genie ebenso austreiben wollte wie das Interesse am gleichen Geschlecht. Dazu gehörte auch das Bild des alltäglichen Zuges halb verhungerter russischer Kriegsgefangener, die am Bielefelder Elternhaus vorbeizogen. Der erniedrigende Militärdienst ab 1944 in einem Feldzug, der längst verloren war Und die jedes Vorstellungsvermögen sprengenden Augenzeugenberichte aus den Konzentrationslagern.

Ein früher Schreckensbericht Ein grosser Teil der deutschen Bevölkerung leugnete nach dem Krieg, von solchen Verbrechen gewusst zu haben. An dieser kollektiven Verdrängung ist Henze verzweifelt, sie trug mit dazu bei, dass er Anfang der 1950er Jahre Deutschland verliess Jahrzehnte später greift er für seine Neunte einen Roman auf der das Grauen der KZ schon früh thematisierte Seit 1937 schrieb die Mainzer Autorin Anna Seghers im fran-

Stufen der künstlerischen Reifung

zösischen Exil an ihrem Roman «Das siebte Kreuz» Im Jahr 1942 erschien das Buch gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache, es wurde ein grosser Erfolg, und Seghers trug erheblich dazu bei, das Wissen über die deutschen Gräueltaten im Ausland zu verbreiten. Der Roman in sieben Kapiteln spielt im Jahr 1937 Sieben Häftlingen gelingt die Flucht aus einem Konzentrationslager bei Worms Sechs von ihnen werden gefasst und zur Warnung an alle Gefangenen an Kreuze geschlagen. Nur einer bleibt verschwunden. Sein Kreuz bleibt leer. Auf Grundlage des Romans verfasste der Schriftsteller und Lyriker Hans-Ulrich Treichel die sieben Teile des Librettos für Henzes Chorsinfonie Er verdichtet einzelne Stationen der Flucht zu dramatischen Szenen. In inneren Monologen schildert der bis zu zwölffach geteilte Chor die Ereignisse und die Furcht des Geflüchteten. Dazu komponiert Henze eine durchgehend von aufwühlend-dramatischem Gestus beherrschte Musik. Gleich zu Beginn

folgen Chor und Orchester «in grosser Erregung» dem Flüchtenden, die Musik ist von harten dynamischen Kontrasten durchsetzt Verzweifelnd fasst der Flüchtende in zwei Sätzen die Ungeheuerlichkeit des Holocaust zusammen: «Gestern noch bin ich bei ihnen gesessen Gestern habe ich mit ihnen gesungen.» Jetzt sind aus Nachbarn und Sangesfreunden Folterer und Mörder geworden.

Nachts im Dom

Höhepunkt der Sinfonie ist der sechste Satz. Der Flüchtende sucht des Nachts Schutz im Mainzer Dom. Henze kannte diesen Ort gut: In den 25 Jahren seiner Zusammenarbeit mit dem Mainzer Verlag Schott besuchte er regelmässig das Verlagsgebäude in der Altstadt, nur wenige Schritte vom Dom entfernt.Wer je diesen romanischen Sakralbau besichtigt hat, wird seine monumentale Wucht und die kühle Dunkelheit nicht vergessen. Der Flüchtende findet in der Stille des Kirchenraums nicht den ersehnten Frieden, im Gegenteil. Eine Phantasmagorie quält den Blutenden, die Toten verhöhnen ihn aus ihren steinernen Sarkophagen: Sie rühmen die süssen Schmerzen der Märtyrer. Auf wundersame Weise entkommt der Häftling, ein Schiff trägt ihn auf und davon. Aber der grelle Schlussakkord und das Verglühen der menschlichen Stimmen des Chores zeigen: Das war nur ein einzelner glücklicher Augenblick. Das Böse ist nicht aus der Welt. Die Sinfonie endet mit dieser bitteren Erkenntnis Damit wurde ihre Uraufführung im Rahmen der Berliner Festwochen 1997 zum Moment des erschütternden Gedenkens Der Komponist hatte sein Leben lang Haltung gegen Unrecht und Unterdrückung gezeigt. Mit der symbolträchtigen Neunten ruft Henze die Zuhörer unter Aufwendung all seiner künstlerischen Kraft an die Seite derer, denen er das Werk widmet: «Den Helden und Märtyrern des deutschen Anti-Faschismus»

Die amerikanische Geigerin Hilary Hahn tritt zum ersten Mal am Lucerne Festival auf. Dvoˇráks Violinkonzert, das sie mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Tugan Sokhiev aufführt, gehört zu ihren Lieblingskonzerten.

THOMAS SCHACHER

Man kann es fast nicht glauben: Hilary Hahn, neben Joshua Bell die berühmteste US-amerikanische Geigerin, war bisher noch nie am Lucerne Festival zu hören. Während der langen Intendanz von Michael Haefliger ist die mittlerweile 46 Jahre alte Stargeigerin nie nach Luzern eingeladen worden Nun, im ersten Festivalsommer des neuen Intendanten Sebastian Nordmann, kommt das Festival-Debüt endlich zustande Die Wiener Philharmoniker, die jedes Jahr im KKL gastieren, haben Nordmann sowohl die Solistin als auch das Programm mit Dvořáks Violinkonzert und Prokofjews Suite aus «Romeo und Julia» vorgeschlagen. Dass das Festival diesmal unter dem Motto «American Dreams» steht, passt dabei ausgezeichnet

Vorfahren aus der Pfalz

Die Musikwelt hat Hilary Hahn schon im Jahr 1997 auf sich aufmerksam gemacht Nämlich mit ihrer ersten CDVeröffentlichung, die sie im Alter von 18 Jahren beim damaligen Major-Label Sony herausbrachte Die Kompositionen, die sie seinerzeit einspielte, waren nichts Geringeres als zwei Partiten und eine Sonate für Violine solo von Johann Sebastian Bach Also gleich die Erklimmung des Olymps, wo sich die Grössten des Fachs sonnen. Schon damals beeindruckten ihre astreine Intonation und die technische Souveränität, wenn auch die sehr freie und um historische Aufführungspraxis unbekümmerte Interpretation der drei Bach-Werke nicht nach jedermanns Geschmack war.

Hilary Hahn war als Wunderkind gestartet. Als Zehnjährige gab sie ihr erstes abendfüllendes Konzert und wurde als jüngste Schülerin ins angesehene Curtis Institute of Music in Philadelphia aufgenommen. Ihr Lehrer war Jascha Brodsky, der seinerseits Schüler der belgischen Geigerlegende Eugène Ysaÿe war 1991 gab Hahn ihr Debüt

beim Baltimore Symphony Orchestra, danach ging es Schlag auf Schlag Das erste Deutschland-Engagement Hahns, deren Vorfahren aus der Pfalz stammen, erfolgte 1995 mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Lorin Maazel. Nachdem ihr Wunderkind-Status abgelaufen war schaffte es die Künstlerin, sich eine «normale» internationale Karriere aufzubauen, wie das vor ihr auch die Violinistinnen Anne-Sophie Mutter oder Midori erreicht hatten. In den letzten Jahren absolvierte sie ein schwindelerregendes Arbeitspensum, von dem sie sich zwischendurch in ihrem Heim in Cambridge, Massachusetts mit ihrem Mann und den zwei gemeinsamen Töchtern erholt.

Erzwungene Karrierepause 2024 kam Hahns Karriere durch einen eingeklemmten Nerv im Halswirbelbereich abrupt zum Stillstand. Sie musste operiert werden und konnte während eineinhalb Jahren nur wenige Verpflichtungen wahrnehmen. Eines der ersten Konzerte nach ihrer Genesung gab sie am 20 März 2026 in Zürich Begleitet vom Tonhalle-Orchester unter Paavo Järvi, interpretierte sie das 1.Violinkonzert von Sergei Prokofjew Wie schon 1997 beeindruckte Hahns makellose Technik und ihre konzentrierte Hal-

tung Was dagegen etwas fehlte, war der Mut zum Risiko, die Bereitschaft, emotional an Grenzen zu gehen. Eine ziemlich andere Hilary Hahn zeigt sich auf einem Youtube-Video, auf dem sie das Dvořák-Konzert mit dem Detroit Symphony Orchestra unter der Leitung von Jader Bignamini spielt: Nachdem sie ihre Gesichtsmaske abgelegt hat – man schreibt das CovidJahr 2021 –, interpretiert sie den ersten Satz kantig und ungestüm. Im langsamen zweiten Satz steht sie ganz geerdet da und strahlt eine reife Abgeklärtheit aus Und im «Allegro giocoso» bringt sie den tänzerischen Charakter des Hauptthemas sicht- und hörbar zur Geltung; ab und zu huscht sogar ein verschmitztes Lächeln über ihr Gesicht.

Das Dvořák-Konzert zählt Hahn zu ihren Lieblingsstücken. In einem ihrer vielen Shorts erklärt sie den synkopischen Rhythmus des Rondothemas im letzten Satz: Mit der einen Hand schnalzt sie den zugrundeliegenden Zweiertakt mit der anderen den synkopischen Rhythmus des Themas, das sie dann gleichzeitig auch noch singt. Bei ihrem Luzerner Debüt mit den Wiener Philharmonikern wird die Geigerin voraussichtlich – leider – nicht singen Aber man darf gespannt sein, welche neuen Nuancen sie in der Zusammenarbeit mit dem berühmten Klangkörper finden wird.

Hans Werner Henze (1926 – 2012) PD
Hilary Hahn ist am 6. September erstmals am Festival zu Gast
C.CHRISLEE
Joana Mallwitz dirigiert am 7. September Henzes 9. Sinfonie SIMON PAULY

Über allem die Freude an der Musik

Seit 70 Jahren steht Elisabeth Leonskaja auf der Bühne. Für die grosse Pianistin zählt jeder Tag, an dem sie Musik machen kann

MARIANNE ZELGER-VOGT

Sie könnte Jubiläum feiern: Elisabeth Leonskaja war just elf Jahre alt, als sie 1956, also vor 70 Jahren, in ihrer georgischen Heimatstadt Tiflis erstmals öffentlich als Solistin mit einem Orchester auftrat Doch zum Feiern hat die grosse Pianistin keine Zeit, ihr Terminkalender ist randvoll. Und von Jubiläumsfeiern hält sie ohnehin nicht viel. «Wozu? Jeder Tag ist ein Fest, jeder Tag ist Gold wert», sagt sie im Gespräch nach der Generalprobe zu ihrem Konzert mit dem Musikkollegium Winterthur Ende Mai Dann erzählt sie von ihrer Jugendzeit in der damaligen georgischen Sowjetrepublik: «Ich hatte eine glückliche Kindheit, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Nationalitäten waren kein Problem, vom Eisernen Vorhang haben wir Kinder nichts wahrgenommen, und Politik war kein Thema in unserer Familie.»

Aus Russland in die Welt

Ihre Eltern waren während des Krieges aus Odessa nach Georgien geflüchtet, die Familiensprache war Russisch. Die musikalische Begabung hat sie von ihrer Mutter geerbt, einer Gesangs- und Klavierlehrerin. Ihre pianistische Grundausbildung erhielt Elisabeth Leonskaja in Tiflis Nachdem sie 1964 den GeorgeEnescu-Wettbewerb in Bukarest gewonnen hatte, wurde sie ohne Aufnahmeprüfung am Moskauer Konservatorium aufgenommen. Dort begegnete sie den Grössten der Sowjetmusikwelt, unter ihnen Komponist Dmitri Schostakowitsch, Geiger David Oistrach, Cellist Mstislaw Rostropowitsch oder Pianist Emil Gilels «Sie alle unterrichteten regelmässig am Konservatorium, und wir brachten ihnen grössten Respekt entgegen, nicht wegen ihrer Berühmtheit, sondern wegen ihres Wissens, ihrer

Erfahrung.» Am Moskauer Konservatorium lernte Leonskaja auch den Geiger Oleg Kagan kennen, einen Mitstudenten, der sie mit Swjatoslaw Richter bekannt machte – wohl die wichtigste Begegnung in ihrem Leben «Trotz der Förderung und Freundschaft, die ich von ihm erfahren durfte empfand ich die unendliche Distanz zwischen ihm und mir Es waren seine menschliche Grösse, seine Weisheit, seine Würde, die mich am meisten beeindruckten, unabhängig von seinem Rang als Pianist. Er war für mich als Künstlerin der Massstab.» Schritt für Schritt ging es aufwärts mit Leonskajas Karriere ab und zu konnte sie auch im westlichen Ausland auftreten, bis sie bei einem Engagement in der geteilten finnisch-schwedischen Grenzstadt Tornio/Haparanda Postkarten von der schwedischen Stadtseite aus nach Hause schickte Das machte sie verdächtig, da damals viele Sowjetbürger über diese Grenze nach Schweden emigrierten. Leonskaja erhielt danach für einige Jahre Auslandsperre. Mitte der 1970er Jahre setzte dann in der Sowjetunion eine grosse Emigrationswelle ein Staatsangehörige jüdischer Abstammung erhielten Transitvisa über Wien nach Israel. Sie nutzte 1978 die Gelegenheit Da sie die Stadt von einigen Konzerten schon kannte und berauscht war von ihrer Schönheit und ihrer Musiktradition, blieb sie dort und erkor Wien zu ihrer Wahlheimat. Bereits nach einem Jahr erhielt sie die österreichische Staatsbürgerschaft Emigrierte russische Künstler seien damals im Westen sehr willkommen gewesen. Mit einem Touristenvisum konnte sie bald auch wieder in der Sowjetunion auftreten. Erst Ende letzten Jahres hat sie die Weltpolitik nochmals eingeholt: Wegen eines Konzertes in Moskau mit dem Putin unterstützenden Dirigenten und Bratschisten Yuri Bashmet, zu dem rus-

sische Soldaten und ihre Familien Freikarten bekommen hatten, wurde Leonskaja von den Veranstaltern eines Konzertes in Eindhoven ausgeladen. Mit der Übersiedlung nach Wien war ihre internationale Karriere lanciert, die grossen Dirigenten, Orchester und Konzerthäuser warben um sie, in dichter Folge entstanden Plattenaufnahmen. Sie profilierte sich aber ebenso mit Solorezitals, als Begleiterin von Sängerinnen und Sängern, als Duopartnerin und im Zusammenspiel mit renommierten Quartetten «Alles, was für Klavier komponiert ist, fasziniert mich», sagt sie im Gespräch in Winterthur. Ein schier unübersehbares Wirkungsfeld, setzt sie sich keine Grenzen? «Grenzen setzen, das ist ein gefährliches Wort Wenn ich zu einem Werk von vornherein sage, das will ich nicht, das mache ich nicht, gebe ich mich in meinem Selbstverständnis als Musikerin auf.»

Musik als Lebenselixier

Und wie bewältigt sie das enorme Arbeitspensum, das sie sich seit nunmehr einem halben Jahrhundert mit ihren unzähligen Auftritten und Reisen auferlegt hat? Woher nimmt sie die Energie dazu? Hat sie nie eine Auszeit benötigt, um aufzutanken? Gab es keine Krisen? «Eine Auszeit? Wozu?», sagt sie mit ihrem feinen Lächeln. «Ich lebe mit und in der Musik, sie ist meine Fortuna, sie gibt mir die Energie Ich bin im Zeichen des Schützen geboren, die lieben es, zu reisen und in Bewegung zu sein Krisen gibt es ständig, man muss sie überwinden.» Das verweist auf eine Eigenschaft, die für Leonskajas Persönlichkeit zentral scheint:Willenskraft.Als die Rede auf ihr phänomenales Gedächtnis kommt – sie spielt auch Solostücke abseits des gängigen Repertoires stets auswendig – relativiert sie: «Ich habe

kein phänomenales Gedächtnis, und leider habe ich auch kein fotografisches Gedächtnis Aber ich will die Partituren so gut beherrschen, dass ich auswendig spielen kann. Ich liebe die Wörter ‹wollen› und ‹müssen› Zu wollen ist etwas Positives.»

Diese Willenskraft in Verbindung mit ihrer singulären Begabung ist ein Schlüssel zu Leonskajas langer Karriere und das Fundament ihrer in Jahrzehnten gereiften Meisterschaft: Konzentration und Entspanntheit, Disziplin und Freiheit, kraftvolle Energie und sublime Zartheit, technische Brillanz und gestalterische Spontaneität, Ruhe und Impulsivität in vollkommener Balance – und

In den Strassen weht ein frischer Wind

Die beliebte Open-Air-Reihe von Lucerne Festival erfährt eine Neuausrichtung Was steckt dahinter?

MARCO FREI

Er ist nach kurzer Abstinenz wieder da: Felix Heri hatte als «Contemporary»Leiter von Lucerne Festival ab 2020 herausragende Arbeit geleistet. Im Dezember 2025 endete seine Zeit in Luzern offiziell – vorerst jedenfalls. Der neue Intendant Sebastian Nordmann schätzt die Expertise Heris und hat ihn deswegen mit der Neuausrichtung der Strassenmusik-Reihe «In den Strassen: City Stage» von Lucerne Festival betraut. Schon seit 2005 bespielt dieses Festival im Festival den öffentlichen Raum in Luzern. Für jeweils sechs Tage wird Ende August die gesamte Innenstadt zur Bühne. Jetzt erfindet sich die Reihe neu. «Das Strassenmusik-Festival war bislang vor allem der Weltmusik vorbehalten und hatte kaum expliziten Bezug zum jeweiligen Motto und Thema des Festivals», erklärt Heri. «Das ändert sich jetzt.» Überdies werden verstärkt die Lucerne Festival Academy und die frühere «Contemporary»-Schiene eingebunden Das berührt auch das Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) und damit Kräfte, die man vom «Forward»Festival kennt.

Fokussiert, zeitgenössisch

Ist also das neue Luzerner Strassenmusik-Festival ein «Forward»-Festival im Kleinen? «Das kann man so pauschal nicht sagen. Auf eine gewisse Art und Weise mag das zutreffen, wobei das Programm grundsätzlich strassentauglicher ist – also niederschwelliger.» Das ist anders als bei «Forward». Es gebe so Heri weiter, das «Bestreben, auf

der Strasse auch den zeitgenössischen Aspekt und die Thematik des Festivals stärken widerzuspiegeln und komplett wegzukommen von der Weltmusik» Diese Neuausrichtung von «In den Strassen: City Stage» äussert sich vom 25. bis 30.August besonders deutlich mit dem Projekt «American Dream House» Allein der Name passt vortrefflich zum diesjährigen Festival-Motto «American Dreams», und gleichzeitig wirken LFCO-Mitglieder mit. Ein gelber Heissluftballon wird aufgeblasen, der als temporärer Mini-Konzertsaal dient

Das «American Dream House» bezieht sich auf die minimalistische Licht- und Musikinstallation «Dream House» von La Monte Young.

Von dem 90-jährigen Komponisten, neben Terry Riley, Steve Reich und Philip Glass der wichtigste Vertreter der Minimal Music, erklingt das seinerzeit bahnbrechende Streichtrio von 1958.

«Das Streichtrio hat eine Dauer von rund dreieinhalb Stunden, wenn man es am Stück durchspielt», erklärt Heri. «In Luzern machen wir das mit zwei Trios aus der Lucerne Festival Academy, die sich abwechseln.» Weil im gelben Ballon nur um die zehn Personen Platz haben, soll das Publikum hereintreten, einige Minuten verweilen und den Ballon wieder verlassen. «Das lässt sich an zwei Tagen über jeweils vier Stunden erleben. Danach wird der Ballon wieder abgebaut » Dieses Projekt entsteht, wie auch «Reflecting the Streets of New Orleans» und «Sound Walk», in Kooperation mit «guerillaclassics» aus Zürich – eine Idee von Lucerne-Intendant Nordmann. Seit über zehn Jahren hat «guerillaclassics» einschlägige Erfahrungen mit klassischen

Konzerten im öffentlichen Raum, deswegen die Zusammenarbeit In «Reflecting the Streets» taucht die Klarinettistin Doreen Ketchens aus New Orleans mit LFCO-Mitgliedern in das jazzige und folkloristische Erbe ihrer Heimatstadt ein. Das passt wiederum zum Projekt «Dixieland Marching Band», bei dem die Dixie-Ramblers aus der Schweiz den Jazz aus New Orleans hochleben lassen. Beim «Sound Walk» durchwandern LFCOMitglieder mit der Flötistin Phoebe Bognár und dem Klangkünstler Andres Bosshard die geräuschhafte Klangkulisse der Stadt Luzern Mit «Brass Spectacular» präsentiert das junge Trompeten-Quintett Fiveby5 hingegen ein vielfältiges Programm: von Bach bis zum Cowboy-Ballett «Rodeo» von Aaron Copland. Eine direkte Brücke zur Lucerne Festival Academy und zur «Contemporary»-Schiene schlagen die Projekte «Rhythm ’n’ Loops» sowie «Symphonic Jukebox» Die Jukebox ist eine Art interaktives Wunschkonzert. Über ein iPad lassen sich aus einem Katalog rund dreissig Werke auswählen, aus denen Ausschnitte live gespielt werden.Auch dort ist das Repertoire vielfältig, von Barock über Romantik bis hin zu Amerikanern wie George Gershwin, Leonard Bernstein oder John Adams: natürlich passend zum Festival-Motto

Der junge Luzerner Dirigent Joseph Sieber moderiert und dirigiert die LFCOMitglieder Er hatte 2023 am «Contemporary Conducting»-Programm teilgenommen

Bei «Rhythm ’n’ Loops» sind Verbindungen zur Lucerne Festival Academy noch konkreter Ein LFCO-Schlagzeugquartett spielt vier Werke von Steve Reich. Das Projekt betreut João Carlos

über allem die unverbrüchliche Freude an der Musik, die schiere Lebensfreude bedeutet. Das ist, was die Auftritte der Künstlerin stets so ereignishaft macht Am 21 August wird Leonskaja im Rahmen des Lucerne Festival im KKL mit dem Budapest Festival Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer Mozarts Klavierkonzert KV 491 in c-Moll aufführen, und sie wird sich dabei an ihren ersten Auftritt in Luzern erinnern, im alten Kunsthaussaal als sie 1980 während der Internationalen Musikfestwochen kurzfristig mit einem Soloprogramm für Swjatoslaw Richter eingesprungen war – ein Meilenstein in ihrer damals noch jungen Laufbahn.

Unerwartetes auf der Strasse: Mini-Konzertsaal «Dream House» KASPAR KÖNIG

Pacheco Er ist seit Jahren als Alumnus und Coach in der Akademie und dem «Forward»-Festival aktiv Der Clou: Ein Teil dieses Programms wird auf der Strasse gespielt, ein anderer erklingt im Rahmen des 5. Academy-Konzerts am 30 August. Er habe nicht lange überlegen müssen, ob er die Neuausrichtung des Luzerner Strassenmusik-Festivals betreuen möchte, sagt Felix Heri. Allein schon die Grundidee von Nordmann habe ihm sehr gefallen «Er ist der Ansicht, dass wir aus dem geschützten Raum und Rahmen des KKL etwas ausbrechen müssen. Es gehört zu seinem Verständnis von Musikvermittlung dass man hinausgeht – gerade auch mit Dingen die man vielleicht nicht unbedingt auf

der Strasse erwarten würde. Das ist eine Haltung und Einstellung, die ich absolut teile.»

Die Strasse als Schaufenster Was Heri bei der ersten Ausgabe des neuen Strassenmusik-Festivals besonders freuen würde? «Wenn das Konzept beim Publikum auf Gegenliebe stösst und Anklang findet. Das Festival soll als Schaufenster das gesamte Festival darstellen. Es soll ein Türöffner, ein Andock-Punkt zum ganzen Lucerne Festival sein – gerade für Menschen, die sonst kaum oder gar nicht zum Festival kommen. Das ist eine zentrale Idee von Sebastian Nordmann. Wenn das gelingt, wäre es toll.»

Elisabeth Leonskaja tritt am 21 August mit dem Budapest Festival Orchestra auf MARCO BORGGREVE

Die ewige Metamorphose des Orpheus

Cecilia Bartoli zeigt in einer ungewöhnlichen Version von Glucks «Orfeo ed Euridice» die Wandlungsfähigkeit ihrer Rolle –und auch ihre eigene als Sängerin.

Es war eine der grossen Zäsuren der Operngeschichte, als 1762 «Orfeo ed Euridice» von Christoph Willibald Gluck uraufgeführt wurde: eine Oper von nur eineinhalb Stunden Länge ohne ausufernde Koloraturen und viele der tradierten Formkonventionen Ein Werk, das eine einfache Geschichte erzählt, eine der ältesten des Abendlandes zumal, mit der gut zweihundert Jahre zuvor die Geschichte der Oper selbst begonnen hatte: die vom Sänger Orpheus der mit dem Zauber seiner Stimme Eurydike aus dem Totenreich zurückholen, aber nicht dauerhaft wieder lebendig machen kann.

Das Publikum der Wiener Uraufführung reagierte neugierig, aber irritiert. Den eigentlichen Durchbruch erlebte das Werk erst sieben Jahre später, als Gluck es für eine Fürstenhochzeit in Parma überarbeitete Die zum Anlass angereiste Festgesellschaft berichtete darüber nach Hause und sorgte dafür, dass die Oper bald fast überall in Europa zu hören war.

Ewige Metamorphosen

Diese «Parma-Fassung» hat Cecilia Bartoli wieder von den Toten erweckt, schon 2023 bei den Salzburger Pfingstfestspielen, wo die entdeckungslustige Sängerin Intendantin ist. Das hatte auch praktische Gründe: Die Partie des Orfeo liegt darin etwas höher, weil Gluck sie einem neuen Sänger anpasste In Wien hatte sie der Altist

Gaetano Guadagni gesungen, in Parma der Sopranist Giuseppe Millico Da die Kastraten allmählich von den Bühnen verschwanden, sollte es nicht die letzte Bearbeitung des Werks bleiben: 1774 legte Gluck selbst die orphischen Klänge einem Tenor in die Kehle, später, im 19 Jahrhundert dann der Kol-

lege Hector Berlioz in seiner Bearbeitung erstmals einem weiblichen Mezzosopran. Seitdem hat eine Fülle von prominenten Sängerinnen und Sängern die Partie gesungen, wie sie sich bei keiner anderen Opernrolle findet: von den Tenören über die Mezzosoprane bis zu den Baritonen seit einiger Zeit

Mehr Stierhorn wagen

auch Countertenöre, die sich als Erben der einst für die Kastraten geschaffenen Partien begreifen Die ewigen Metamorphosen passen zu Orpheus, weil seine Geschichte eine grundsätzliche ist, eine menschlich-allzumenschliche jenseits des Geschlechts. In der zeitlos modernen Inszenierung von Christof

Loy für Salzburg zeigte Cecilia Bartoli das, indem sie im Anzug, aber mit offen wallendem Haar auftrat.Auch stimmlich wirkte die Partie wie massgeschneidert, zumal der Dirigent Gianluca Capuano Teile der Wiener wie der Pariser Fassung einfügte gemeinsam mit Les Musiciens du Prince – Monaco, dem von ihm und Bartoli ins Leben gerufenen Originalklang-Ensemble.

Endlose Koloraturen

Guadagni, der erste Sänger des Orfeo, war auch schauspielerisch ungewöhnlich begabt, für seine Ausdrucksqualitäten jenseits gewohnten Kastratenvirtuosentums hatte Gluck die Rolle konzipiert. Bartoli beherrscht bekanntlich bei Bedarf auch endlose Koloraturen. Einen mindestens ebenso grossen Teil ihrer inzwischen vierzigjährigen Bühnenkarriere verdankt sie allerdings der Leidenschaft, mit der sie emotionale Extreme auslotet. Wie sie es bei «Orfeo ed Euridice» in Salzburg etwa in der berühmten Arie «Che farò senza Euridice?» tat, einem schlichten Rondo, dessen Wiederholungen sie in Ausdruck und Tempo variierte Was sich bei der konzertanten Aufführung in Luzern wiederholen kann oder auch nicht, ganz im Sinn des «hermeneutischen Laboratoriums», als welches Capuano die unterschiedlichen Traditionen dieses Werks begreift. Schliesslich ist Orpheus auch der Urmythos für alle Sängerinnen und Sänger, die Musik zum Leben erwecken können. Aber nur für einen Moment, bei dem es dabei zu sein gilt bevor er vergeht

Ein aufsehenerregendes Projekt präsentiert Richard Wagners «Ring des Nibelungen» erstmals im Klanggewand der Uraufführung vor 150 Jahren Jetzt rundet sich der Zyklus unter der Leitung von Kent Nagano mit der «Götterdämmerung».

MICHAEL STALLKNECHT

Zünftig rufen die Germanen zur Schlacht: Der finstere Hagen bläst ins Stierhorn, von umliegenden Höhen signalisieren weitere Mannen Bereitschaft In der Aufführung von Richard Wagners «Götterdämmerung» im KKL Luzern wird erstmals ein modernes Publikum zu hören bekommen, wie archaisch das klingen sollte Wo andere Aufführungen auf deutlich vornehmere Posaunen setzen, sind hier tatsächlich Stierhörner im Einsatz, gebaut vom Hornisten Stefan Katte – und zwar wirklich aus Hörnern von Rindviechern Mit dem letzten Abend der Tetralogie «Der Ring des Nibelungen» findet ein Mammutunternehmen seinen Abschluss: Unter der Stabführung von Kent Nagano hat man sich dem Opernmehrteiler erstmals mit den Mitteln der historischen Aufführungspraxis genähert Um ihn so zu realisieren, wie er wohl bei der ersten Gesamtaufführung 1876 in Bayreuth intendiert war

Utopisches Moment

Dabei schien das Projekt zwischenzeitlich fast so unrealisierbar wie damals die Uraufführung selbst: Nachdem das kleine Barockorchester Concerto Köln 2021 mit dem «Rheingold» in der Kölner Philharmonie den Auftakt gewagt hatte, war die Finanzierung länger ungesichert Gerettet wurde es unter neuem international anschlussfähigen Namen –«The Wagner Cycles» von den Dresdner Musikfestspielen und ihrem Intendanten Jan Vogler Unterstützt von Sponsoren, tat sich deren deutlich grösseres Festspielorchester mit Concerto Köln zusammen Man plant sogar eine eigene Wagner-Akademie in Dresden unter deren Namen der in der «Götterdämmerung» erstmals gebrauchte

Chor firmiert. Dazu kommen die Koproduktionspartner, die ihre Spielstätten für die konzertanten Aufführungen zur Verfügung stellen, darunter seit 2023 das Lucerne Festival sowie Partner von diversen deutschen Universitäten. Zu den Dingen, die das Projekt so herausfordernd machen, gehört die enge Zusammenarbeit von Grundlagenforschung in der Wissenschaft und einer Praxis, die die Erkenntnisse sofort neugierig umsetzt. Einzigartig ist zudem die intensive Auseinandersetzung mit der Stilistik des Gesangs da sich die historische Aufführungspraxis sonst eher auf die instrumentalen Spieltechniken fokussiert. Die Proben mit den Sängerinnen und Sängern begannen oft ein ganzes Jahr vor der Aufführung, mit dem Deklamieren des blossen Textes –so, wie Wagner selbst es hielt. Dagegen ist für die Orchester das Spiel auf Darmsaiten und mit Nachbauten historischer Blasinstrumente, mit tieferem Stimmton

und reduziertem Vibrato fast schon Alltag Es wurde auch nicht zum ersten Mal auf Wagner angewandt, «The Wagner Cycles» gehen hier nur deutlich weiter Beispielsweise im Einsatz des Vibratos, wo Wagner es als Verzierungselement ausdrücklich vorschreibt

Wenn Siegfried im ersten Akt der «Götterdämmerung» der Vergessenstrank gereicht wird, verliert er hörbar die Kontrolle über seine Erinnerungen: «Da wabbelt’s wirklich im Orchester wie beim Sänger», sagt der musikalische Studienleiter Volker Krafft, der viele Sängerproben geleitet hat.

Einen Siegfried, der sich auf so etwas einlässt, muss man freilich erst finden Sänger, die die Anforderungen Wagners überhaupt bewältigen, sind meist gut gebucht, und Barock-Sänger die mit den Stilmitteln der historischen Aufführungspraxis vertraut wären, bislang kaum für Wagner geeignet. Da seien «einige tolle Entdeckungen gelungen», sagt Krafft, wie Åsa Jäger als Brünnhilde oder Daniel Schmutzhard als Alberich. Wobei ihre Anforderungen hier deutlich andere sind als gewohnt: Für die Heroine gilt etwa die Verbindung «von italienischer Gesangstechnik und klarer deutscher Diktion», die Wagner als Gesangsideal anstrebte Dabei war allerdings erst einmal zu klären, was «deutsche Diktion» anno 1876 überhaupt bedeutete Das Institut für Sprechwissenschaft der Universität Leipzig erforschte dafür Quellen zur Bühnensprache des späten 19 Jahrhunderts und coachte die Sänger in entsprechenden Workshops. Bei Alberich und seinem (bereits im «Siegfried» verblichenen) Bruder Mime sieht Krafft beispielsweise fast schon den Duktus von sprechenden Schauspielern, was insbesondere bei Mime auch Jaulen Kreischen oder Quietschen mit einschloss.

Man habe versucht, sämtliche Übergänge «zwischen Singen Sprechen Flüstern und Schreien, also die ganzen historischen Modi der Deklamation» auszuloten, sagt der wissenschaftliche Leiter Dominik Frank. Frank ist Geschäftsführer am ebenfalls kooperierenden Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth. Für die musiktheatrale Wirkung der «Götterdämmerung» beispielsweise hält er den Schrei des Damenchors für wichtig, der als Regieanweisung, aber nicht in den Noten niedergeschrieben ist, wenn der tote Siegfried in der letzten Szene noch einmal die Hand hebt «Das sind Effekte, die es zu einem Theaterstück im Sinne des 19 Jahrhunderts machen, melodramatisch und sehr romantisch aufgeladen.»

«Experimentelle Archäologie» Auf ähnliche Wirkungen zielen Effektinstrumente wie die besagten Stierhörner oder Donner- und Windmaschinen. In modernen Aufführungen werden sie allenfalls dezent eingesetzt, obwohl es Wagner explizit auch um ein theatrales und akustisches Gesamtkunstwerk ging Da wirkt es schlüssig, dass Frank bereits von einer Übertragung der historischen Aufführungspraxis auf die Szene träumt, inspiriert von den Uraufführungsbildern und -quellen. Nicht, weil sie im gleichen Masse überzeugen würden, wie es die Musik bis heute tut; vielmehr im Sinne einer «experimentellen Kulturarchäologie» Frank hat fasziniert, wie intensiv sich Kent Nagano neu mit dem «Ring» beschäftigt hat, obwohl der prominente Dirigent schon viele Aufführungen des Zyklus geleitet hat. Bei Proben habe er oft die anwesenden Wissenschafter gefragt, wie dieses oder jene Detail wohl gemeint sei. Dabei ist Frank klar, dass

Wissenschaft ihrem Wesen nach nie endgültige Antworten liefert. «Im Vordergrund stand immer die Frage, was man mit dem historischen Werkzeug heute machen kann», sagt er, «es wäre völlig vermessen, zu behaupten, genauso sei es gewesen, dafür ist die Quellenlage viel zu diffus.» Ausserdem gebe es einen deutlichen Unterschied zwischen dem, «was Wagner wollte und was er musste» Schon in der Uraufführung der «Götterdämmerung» waren keine echten Stierhörner zu hören, ebenso wenig gab es damals einen Knaben, der die Waldvogel-Sopranpartie im «Siegfried» hätte bewältigen können. Bei den «Wagner Cycles» übernahm einer der hochkarätig ausgebildeten Solisten des Tölzer Knabenchors die Rolle An anderen Stellen hätte die Umsetzung noch weiter gehen können. Etwa beim Zusammenspiel innerhalb der Orchestergruppen, in denen Musiker bis weit ins 20. Jahrhundert keineswegs homogen agierten, sondern die Streicher unterschiedliche Striche und Fingersätze wählten. «Davon hätte ich mir noch mehr gewünscht» sagt Volker Krafft. Er ist auch überzeugt, dass andere den Impuls aufgreifen und weiterführen werden. «In ein paar Jahren werden wir sicher noch mehr solcher Projekte sehen.» An der Opéra de Monte Carlo, wo Cecilia Bartoli Intendantin ist, arbeitet der Dirigent Gianluca Capuano bereits seit vergangenem Jahr an einem «Ring» ebenfalls in historischer Aufführungspraxis Bei den «Wagner Cycles» wurden die einzelnen Teile jeweils nach den Aufführungen in aufwendigen Studioproduktionen aufgezeichnet Wo sie erscheinen werden, ist noch unklar. Dafür steht im kommenden Mai im Wiener Konzerthaus eine erste zyklische Gesamtaufführung an, der weitere an anderen Orten folgen sollen.

Wie massgeschneiderte Partie: Cecilia Bartoli singt am 23. August den Orpheus in der Parma-Fassung KRISTIAN SCHULLER
Neue Archaik: Kent Nagano PRISKA KETTERER

Das Hohelied der Empathie

George Gershwin beherrschte die grosse Show. Von einer anderen Seite zeigt sich der König des Broadway in seiner einzigen Oper: «Porgy and Bess». Mit ihr klingt Mitte September das Lucerne Festival aus.

STEPHAN SCHWARZ-PETERS

Wahrscheinlich wunderten sich die Einwohner von Folly Beach über den eleganten, grossstädtisch wirkenden und, wie man munkelte, berühmten Weissen, der im Sommer 1934 in ihren Strassen flanierte, Geschäfte und Gottesdienste besuchte und sich für buchstäblich alles zu interessieren schien, was in der gottverlassenen Siedlung in Charleston County, South Carolina, vor sich ging Ob sie sich selbst, ihre Sorgen, ihre Hoffnungen, ihre Sprache und ihre Lieder wiedererkannt hätten, wenn sie im darauffolgenden Jahr die Uraufführung von George Gershwins erster und einziger Oper «Porgy and Bess» miterlebt hätten?

Die rührende Geschichte um die labile Bess, die in einem von Gewalt und Drogensucht geprägten Umfeld einen heldenmütigen Beschützer im gehbehinderten Porgy findet, hätte sich auch an anderen Orten der USA mit vorwiegend afroamerikanischer Bevölkerung zutragen können Dass diese «schwarze» Volksoper ausgerechnet von einem Weissen stammt, stösst nicht erst in Zeiten der Identitätspolitik manchem sauer auf Wer aber möchte angesichts einer so mitreissenden, so empathisch in die Figuren hineinlauschenden Musik an der aufrichtigen Intention eines Komponisten zweifeln, der sich zur Hochzeit der Rassendiskriminierung in den 1930er Jahren mit seinen afroamerikanischen Mitbürgern nicht nur solidarisierte, sondern für alle Zeiten verfügte, dass sein Hauptwerk ausschliesslich von einem schwarzen Sängerensemble aufgeführt werden darf?

Wie sich das Leben als Aussenseiter anfühlte, wusste Gershwin aus eigener Erfahrung Ehe ihn der immense Erfolg, den er mit seinen Musicals und Songs, aber auch mit epochalen Werken wie der «Rhapsody in Blue» oder «Ein Amerikaner in Paris» zu der Instanz der amerikanischen Musik werden liess, hatte er die Welt aus eben jener Perspektive kennengelernt, vergleichbar mit den Leuten von Folly Beach.

Aussenseiter unter sich Als Sohn russischer Einwanderer, die das Zarenreich aus Angst vor Judenpogromen verlassen hatten, verbrachte George Gershwin seine ersten Jahre in den weniger privilegierten Stadtteilen New Yorks Was er an Eindrücken in den jüdisch geprägten Vierteln der Lower East Side und im Theaterviertel der Second Avenue empfing prägte ihn. Kaum verwunderlich, dass er an einen jüdischen Stoff dachte, als ihm, dem Sunnyboy des Broadways, das «ernste» Musiktheater erstmals Avancen machte Wie später im Fall von «Porgy and Bess» hätte die «Dybbuk»-Oper, über die er seit 1929 mit der New Yorker Metropolitan Opera verhandelte, die Geschichte einer marginalisierten Gemeinschaft erzählt. Das Projekt zerschlug sich, doch als Gershwin nach begeisterter Lektüre von DuBose Heywards gleichnamigem Roman vorschlug, «Porgy and Bess» zu vertonen, machte die Met einen Rückzieher Schwarze Sänger in Amerikas bedeutendstem Opernhaus? Undenkbar in diesen Tagen und nachträglich klingt

es wie Hohn, wenn selbst eine Jahrhundertsängerin wie Leontyne Price aus Gründen der Hautfarbe jahrelang nicht an ihrer späteren Stammbühne auftreten durfte, während sie anderenorts als Bess Erfolge feierte.

«Porgy and Bess» in Luzern Was «Porgy and Bess» bis heute fesselnd hält, sind nicht nur Welthits wie «Summertime», «It Ain’t Necessarily So» oder «I Got Plenty o’ Nuttin’», die Gershwins Ohrwurm-Treffsicherheit bezeugen Vor allem ist es auch die geschlossene und doch vielschichtige Gesamtsprache des Stücks, in der von afroamerikanischen Einflüssen über US-Populärmusik bis hin zur Oper die unterschiedlichsten Idiome zusammenfinden. Kaum liesse sich ein Bühnenwerk vorstellen, das typischer wäre für den kulturellen Schmelztiegel USA, und man möchte kaum glauben, dass ausgerechnet ein zwar ähnlich vielschichtig arbeitender, musikalisch aber in anderen Welten schwebender Zwölftonkomponist zu den grössten Inspiratoren für «Porgy and Bess» zählt: Alban Berg, den Gershwin 1928 bei einem herzlich verlaufenen Treffen in Wien persönlich kennengelernt hatte. Mit der Oper «Wozzeck» hatte Berg im Gewand eines krassen musikalischen Expressionismus ein hochempathisches Plädoyer für die Ärmsten der Armen geschaffen und sie auf ihre Weise zu grossen Helden der Opernbühne gemacht Wie genau Gershwin dieses Werk kannte, geht nicht aus einer mit unzähligen Anmerkungen versehenen Studienpartitur

Wechselseitige Erhellung

hervor, die man in seinem Nachlass fand. Sie dürfte ihm ähnlich wertvolle Anregungen für sein Stück vermittelt haben wie sein Aufenthalt in Folly Beach Wer am 13. September die szenische Aufführung von «Porgy and Bess» am Lucerne Festival besuchen möchte, könnte sich zur Einstimmung in den ebenfalls dreiaktigen, jedoch deutlich kompakteren «Wozzeck» von Alban Berg vertiefen. Vielleicht werden ihm die Parallelen zu Gershwins Oper ins Auge fallen, nicht nur in Sachen Dramaturgie, sondern auch in der Musik, etwa beim Vergleich von Maries Wiegenlied aus dem ersten «Wozzeck»-Akt mit «Summertime»: Beides sind Wiegenlieder, in denen eine Mutter ihrem Kind ein schöneres Leben vorgaukelt, während sie selbst in einer hoffnungslosen

Welt gefangen ist. Hier wie dort steht die Zärtlichkeit der Musik in bitterem Kontrast zur Tragik der Situation, und doch scheint sie diese durch ihre Schönheit zu überwinden. «Summertime», dieses Lullaby aller Lullabys, wird übrigens nicht von der Titelheldin, sondern von Clara, einer weiteren Figur aus «Porgy and Bess», gesungen. In der Luzerner Aufführung mit dem Chineke! Orchestra unter Enrique Mazzola und dem Vokalensemble der Cape Town Opera übernimmt den Part die Sopranistin Brittany Smith. Als Porgy zu hören ist der Bariton Siyabulela Ntlale, Nonhlanhla Yende singt Bess, als weitere Darsteller in der von Magdalene Minnaar inszenierten Produktion treten Conroy Scott als Crown und Lukhanyo Moyake als Sportin’ Life an ihre Seite

Das Luzerner Theater bringt mit «Eight Songs for a Mad King» von Peter Maxwell Davies und «Mein Name ist der Fluch» von Bushra El-Turk zwei Kurzopern auf die Bühne. Das experimentelle Stück des Engländers und die Uraufführung der britisch-libanesischen Komponistin haben einige Gemeinsamkeiten.

Die britisch-libanesische Komponistin Bushra El-Turk hat ein Auftragswerk für das Luzerner Theater geschaffen BEN MCDONNELL

THOMAS SCHACHER

Was macht ein Theater, wenn es ein Bühnenwerk bestellt, das nur eine halbe Stunde dauert? Es kombiniert es richtigerweise mit einem anderen Stück von ähnlicher Dauer, so dass sich daraus ein abendfüllendes Programm ergibt So gesellt sich nun am Luzerner Theater zum Einakter «Mein Name ist der Fluch» von Bushra El-Turk, in Auftrag gegeben von der Operndirektorin Ursula Benzing, das experimentelle Musiktheaterstück «Eight Songs for a Mad King» von Peter Maxwell Davies Die beiden Kompositionen scheinen auf den ersten Blick keine Berührungspunkte zu haben. Hier der dem Wahnsinn verfallene englische König George III., der die Regentschaft

an seinen Sohn abgeben musste dort die Zauberin Medea aus der griechischen Mythologie, die aus Rache für Untreue ihren Mann und die gemeinsamen Kinder tötet Bei näherem Betrachten gibt es aber doch etliche Gemeinsamkeiten. Dass sowohl der im Jahr 2016 verstorbene Peter Maxwell Davies als auch die 43 Jahre alte britisch-libanesische Komponistin Bushra El-Turk aus England stammen, ist dabei nur eine Äusserlichkeit Was die beiden Kompositionen betrifft, handelt es sich in beiden Fällen um Monologe einer Einzelperson mit Begleitung eines instrumentalen Ensembles. Beide Libretti gehen mit der historischen beziehungsweise mythologischen Vorlage sehr frei um. In beiden

Werken spielt die Wahnsinnsthematik eine entscheidende Rolle. Und auf der musikalischen Ebene fällt ein ähnlicher Umgang mit der Sprache auf, die in ihrer ganzen Bandbreite zwischen Eloquenz und Sprachlosigkeit eingesetzt wird. Eine starke Klammer ergibt sich zudem durch das Produktionsteam der Luzerner Einstudierung mit der Regisseurin Marie Lambert-Le Bihan, der Bühnenbildnerin Maria-Alice Bahra, der Kostümbildnerin Ilaria Ariemme und der Dirigentin Maria Radzikhovskiy Gebrochene Identität

Eine Frau, die diesen Musiktheaterabend schon während des Entstehungsprozesses begleitet hat, ist PiaRabea Vornholt, die Operndramaturgin des Luzerner Theaters Sowohl mit der Regisseurin als auch mit der Komponistin und der Librettistin der Medea-Komposition stand und steht sie in engem Austausch und fungiert als inhaltliche, konzeptionelle und vermittlungstechnische Schnittstelle des Projekts Vornholt sieht zwei Berührungspunkte zwischen «Mad King» und «Medea» «Beide Figuren», erklärt sie, «sind fragmentarische, gebrochene Identitäten, die sich auf der Suche nach sich selbst befinden. Und beide Stücke», ergänzt sie, «sind tiefgehende Charakterstudien, in denen sich die Figuren mit den Strukturen einer Gesellschaft auseinandersetzen.»

Das Libretto «Mein Name ist der Fluch» der Schweizer Schriftstellerin Ariane Koch setzt die Kenntnis der Medea-Sage weitgehend voraus und erzählt auch keine lineare Geschichte. Vielmehr reflektiert Medea –in Luzern die Mezzosopranistin Solenn’ Lavanant Linke – in drei Szenen darüber, wer sie wäre, wenn sie nicht unter

dem ihr zugeschriebenen Label Medea existieren müsste Sie stellt Antrag auf Namensänderung und verwendet dabei auch Zitate aus dem schweizerischen Namensrecht. Durch die Tilgung ihres Namens hofft sie, dem Fluch zu entrinnen, all die Schreckenstaten begehen zu müssen, deretwegen sie von der Gesellschaft angeklagt ist. Diesen feministischen Ansatz teilt auch Bushra El-Turk. In ihren bisherigen Bühnenwerken spielen Frauenrechte eine wichtige Rolle. «Silk Moth» handelt von sogenannten Ehrenmorden an Frauen, «Woman at Point Zero» erzählt die Geschichte einer Sexarbeiterin, die ihren Zuhälter getötet hat. In «Mein Name ist der Fluch» spiegelt sich zudem der biografische Hintergrund der Komponistin. Als in England lebende Tochter libanesischer Eltern stellt sie im Stück die Frage, wieweit ein Mensch durch seine Herkunft belastet ist und wie er sich davon befreien kann. Der Konflikt zeigt sich auch auf der kompositorischen Ebene, nämlich in der Verbindung von modernen westeuropäischen Klängen mit traditioneller nahöstlicher Volksmusik. Im vorgeschriebenen Instrumentarium mit dreizehn Musikern spiegelt sich dies in der Kombination «normaler» Orchesterinstrumente mit einer grossen Palette von Perkussionsinstrumenten

und befreiende Verwandlung

Zwei musikalische Schichten zeigen sich auch in der Partitur von Peter Maxwell Davis’ «Eight Songs for a Mad King» Als Hauptschicht erklingt eine experimentelle Musik im Geiste der europäischen Avantgarde der sechziger Jahre. Darin eingelagert sind etliche historische Versatzstücke: Zitate aus Händels «Messiah», ein Foxtrott, Anspielungen

auf Schönbergs «Pierrot Lunaire» und sogar auf Maxwell Davies’ Kompatrioten Birtwistle Ausserordentliche stimmliche und sprechtechnische Fähigkeiten werden dem Protagonisten – in Luzern singt der Tenor Robert Maszl – abverlangt. Das Instrumentarium besteht aus Flöte, Klarinette, Violine, Cello, Klavier/Cembalo und Perkussion. Die Instrumente sind in die szenischen Abläufe eingebunden, indem der König mit ihnen interagiert.

Bei der Londoner Uraufführung von 1969 steckten die Bläser und die Streicher in riesigen Käfigen und waren als Vögel verkleidet, denen der König das Singen beibringt. Der szenische Höhepunkt ereignet sich im siebten Song, wenn der verrückte Monarch die Violine des Geigers zertrümmert Das Libretto von Randolph Stow geht von originalen Zitaten des historischen Königs George III. aus und bündelt sie zu acht Gesängen. Die biografische und zeitgeschichtliche Verortung kommt nur am Rande vor, etwa mit den Stichworten «Hannover» (Zugehörigkeit zum Hannoverschen Königshaus) oder «New South Wales» (Kolonie-Gründung in Australien). Im Zentrum des Librettos steht die Zeichnung von Georges Charakter Die Dramaturgin Pia-Rabea Vornholt charakterisiert diesen als «inneren Kampf zwischen dem, was er selbst sein möchte, und dem, was Gesellschaft und Etikette von ihm abverlangen». Deshalb stecken Marie Lambert-Le Bihan und Ilaria Ariemme den König in Frauenkleider mit Korsett, Reifrock und Perücke, als sichtbares Zeichen von dessen mentaler Gefangenschaft und Befreiung Wenn der König sich am Schluss aus dieser «Zwangsjacke» befreit, geschieht eine ähnliche Verwandlung wie bei Medea im Monodrama von Bushra El-Turk

«Porgy and Bess», am 13 September, vom Vokalensemble der Cape Town Opera gemeinsam mit dem Chineke! Orchestra unter Enrique Mazzola. OSCAR ORYAN

Sa15.August

18.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal

LucerneFestivalOrchestra| KlausMäkelä Dirigent | AugustinHadelich Violine Barber|Strawinsky

Do13.08. 19.30|KS Ouvertüre

EKlassikfüralle:OpenAir

LucerneFestivalOrchestra,RiccardoChailly,FrankDupree,Solist*innen desLucerneFestivalOrchestraunddesLucerneFestivalContemporary Orchestra(LFCO) Reich,Gershwin,Bernstein

21.00 EKlassikfüralle:OpenAir HavanaLyceumOrchestra,JoséAntonioMéndezPadrón,SarahWillis| «AClassical-CubanNight»

Fr14.08. 18.30|KS LucerneFestivalOrchestra1— Eröffnung LucerneFestivalOrchestra,RiccardoChailly,FrankDupree,Solist*innen desLucerneFestivalOrchestraunddesLucerneFestivalContemporary Orchestra(LFCO) Reich,Gershwin,Ives

So16.August

18.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal

LucerneFestivalContemporary Orchestra(LFCO)|JörgWidmann Dirigent | MichaelEngelhardt Sprecher Rihm

18.30|ILakesideSymphony Live-ÜbertragungdesEröffnungskonzerts

Sa15.08. 18.30|KS

Sa15.08

So16.08. 18.30|KS

LucerneFestivalOrchestra2 LucerneFestivalOrchestra,KlausMäkelä,AugustinHadelich| Barber,Strawinsky

LucerneFestivalAcademy1 LucerneFestivalContemporaryOrchestra(LFCO),JörgWidmann, MichaelEngelhardt|Rihm

Mo17.08. 19.30|KS WestEasternDivanOrchestra West-EasternDivanOrchestra,DanielBarenboim,Yo-YoMa Dvořák,Schumann

Mo17.08 Di18.08.

Di18.August

19.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal LucerneFestivalOrchestra| RiccardoChailly Dirigent | LukasSternath Klavier Skrjabin|Rachmaninow

Di18.08 19.30|KS LucerneFestivalOrchestra3 LucerneFestivalOrchestra,RiccardoChailly,LukasSternath Skrjabin,Rachmaninow

Mi19.08. 19.30|KS LucerneFestivalOrchestra4 Solist*innenundBrassEnsembledesLucerneFestivalOrchestra| Beach,Gershwin,Barber,Bernstein

Do20.08 12.15|LK DebutSimonBürk SimonBürki Chopin,Rachmaninow 19.30|KS LuzernerSinfonieorchester LuzernerSinfonieorchester,MichaelSanderling,AlexanderMalofeev| Palmgren,Gershwin,Tschaikowsky

BudapestFestivalOrchestra,EvaDudaDanceCompany,IvánFischer,

Sa22.August

18.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal LucerneFestivalOrchestra| JakubHrůša Dirigent |RayChen Klavier Korngold|Strauss

Fr21.08. 19.30|KS BudapestFestivalOrchestra BudapestFestivalOrchestra,EvaDudaDanceCompany,IvánFischer ElisabethLeonskaja|Schubert,Mozart,Bartók

Sa22.08. 11.00|LS Mittendrin BudapestFestivalOrchestra,IvánFischer|Prokofjew

16.00 LS LucerneFestivalAcademy2 LucerneFestivalContemporaryOrchestra(LFCO),BaldurBrönnimann MiahPersson|Andre

18.30|KS LucerneFestivalOrchestra5 LucerneFestivalOrchestra,JakubHrůša,RayChen Korngold,Strauss 21.00 LS LucerneFestivalAcademy3 EnsembledesLucerneFestivalContemporaryOrchestra(LFCO), Teilnehmer*innendesContemporary-ConductingProgram|Zappa

Do27.August

19.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal BerlinerPhilharmoniker|KirillPetrenko Dirigent |AugustinHadelich Violine Beethoven|Skrjabin

So23.08. 11.00|CH ImGespräch: Anne-SophieMutter Zum50.LuzernerBühnenjubiläum

14.00|LS ComposerSeminar–Abschlusskonzert LucerneFestivalContemporaryOrchestra(LFCO),Teilnehmer*innen desContemporary-ConductingProgram,DieterAmmann,UnsukChin 17.00|KS OrfeoedEuridice LesMusiciensduPrince—Monaco,IlcantodiOrfeo,GianlucaCapuano, CeciliaBartoli,MelissaPetit Gluck

Sa29.August

18.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal LucerneFestivalContemporaryOrchestra (LFCO)|ElimChan Dirigentin |JörgWidmann Klarinette |MarcoBlaauw Trompete Andre|Lim|Adams

Mo24.08. 19.30|KS RezitalAugustinHadelich& Seong-JinCho AugustinHadelich,Seong-JinCho Brahms,Janáček,Beach,Prokofjew

Di25.08 «Rhythm’n’Loops»

Di25.08. 12.15|LK DebutYukiHirano YukiHirano,ChizuMiyamoto| Shor/Pletnev,Szymanowski,Dvořák,Saint-Saëns/Ysaÿe

18.00|KP IndenStrassen:CityStage— Opening «Rhythm’n’Loops»

19.30|KS LucerneFestivalOrchestra6 LucerneFestivalOrchestra,Anne-SophieMutter|Mozart,Previn,Darvishi

Mi26.08 19.30|KS BerlinerPhilharmoniker1 BerlinerPhilharmoniker,KirillPetrenko|Elgar,Tschaikowsky

So30.August

TheMetOrchestra

18.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal TheMetOrchestra|YannickNézetSéguin Dirigent |JoyceDiDonato Sopran Mazzoli|Mahler

Mi26.08. Do27.08. Wagner,Barber,Gershwin,Haydn,Arafah,Liszt

Do27.08 12.15|LK DebutBridgetYee BridgetYee Wagner,Barber,Gershwin,Haydn,Arafah,Liszt 19.30|KS BerlinerPhilharmoniker2 BerlinerPhilharmoniker,KirillPetrenko,AugustinHadelich| Beethoven,Skrjabin

Fr28.08. 19.30|KS RoyalConcertgebouw Orchestra RoyalConcertgebouwOrchestra,Santtu-MatiasRouvali, VíkingurÓlafsson Beethoven,Prokofjew

20.00 LT MadKing&Medea OpernensembledesLuzernerTheaters,LuzernerSinfonieorchester MariaRadzikhovskiy,MarieLambert-LeBihan|Davies,El-Turk

Mo31.August

19.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal MünchnerPhilharmoniker| LahavShani Dirigent |MarthaArgerich Klavier Adams|Beethoven|Brahms

Sa29.08

Sa29.08. 18.30|KS LucerneFestivalAcademy4 LucerneFestivalContemporaryOrchestra(LFCO),ElimChan JörgWidmann,MarcoBlaauw Andre,Lim,Adams

So30.08 11.00|HL PortraitMarkAndre1 JörgWidmann,FrankReinecke,SWRExperimentalstudio Andre 16.00 LS LucerneFestivalAcademy5 EnsembledesLucerneFestivalContemporaryOrchestra(LFCO), Teilnehmer*innendesContemporary-ConductingProgram Jalalu-KalvertNelson,JessieCox,SimoneKeller,DoreenKetchens| Thomas,Carter,Nelson,Reich,Ketchens/Keller/Cox

Mi02.September

19.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal FreiburgerBarockorchester| SirSimonRattle Dirigent |IsabelleFaust Violine Schumann

Do03.September

19.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal PittsburghSymphonyOrchestra| ManfredHoneck Dirigent | AlexandreKantorow Klavier Brahms|Schostakowitsch

So06.September

19.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal WienerPhilharmoniker| TuganSokhiev Dirigent |HilaryHahn Violine Dvořák|Prokofjew

Fr11.September

19.30Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal

AmandaGorman PoesieundRezitation | JanVogler Violoncello «AnEveningofPoetryandBach»

So13.September 16.00Uhr|KKLLuzern,Konzertsaal Chineke!Orchestra|CapeTownOpera| EnriqueMazzola Dirigent |Solist*innen Gershwin:PorgyundBess

Mo31.08. 19.30|KS MünchnerPhilharmoniker MünchnerPhilharmoniker,LahavShani,MarthaArgerich Adams,Beethoven,Brahms

LucerneFestivalContemporaryOrchestra(LFCO),ElimChan, So30.08. Di01.09.

18.30|KS TheMetOrchestra TheMetOrchestra,YannickNézet-Séguin,JoyceDiDonato| Mazzoli,Mahler

Di01.09 12.15|LK DebutJonasMüller JonasMüller,AnnaGebhardt|Schubert,Schumann,Eisler,Mahler 19.30|KS RezitalHayatoSumino HayatoSumino|«ChopinOrbit»

Mi02.09. 19.30|KS FreiburgerBarockorchester FreiburgerBarockorchester,SirSimonRattle,IsabelleFaust|Schumann Do03.09. 12.15|LK DebutEliasDavidMoncado EliasDavidMoncado,DavidTobin,Ye-EunChoi,HwayoonLee LionelMartin,LaumaSkride|Ravel,Kim,Ponce,Waxman,Chun 19.30|KS PittsburghSymphony Orchestra1 PittsburghSymphonyOrchestra,ManfredHoneck,AlexandreKantorow| Brahms,Schostakowitsch

Fr.04.09. 19.30|KS PittsburghSymphony Orchestra2 PittsburghSymphonyOrchestra,ManfredHoneck,Anne-SophieMutter Adams,Penderecki,Dvořák

Sa05.09. 11.00|LK PortraitMarkAndre2 StephanHeuberger,FrankReinecke|Andre 18.30|KS WienerPhilharmoniker1 WienerPhilharmoniker,TuganSokhiev|Mozart,Mahler 22.00|LS FiddleNight AugustinHadelich,Mark&MaggieO’Connor

DebutEliasDavidMoncado EliasDavidMoncado,DavidTobin,Ye-EunChoi,HwayoonLee, So06.09

So06.09. 19.30|KS WienerPhilharmoniker2 WienerPhilharmoniker,TuganSokhiev,HilaryHahn|Dvořák,Prokofjew Mo07.09. 19.30|KS «räsonanz»—Stifterkonzert KonzerthausorchesterBerlin,RundfunkchorBerlin,JoanaMallwitz|Henze

Fauré,Rota,Brittenu.a

Di08.09. 12.15|LK DebutMaredPughEvans MaredPugh-Evans Fauré,Rota,Brittenu.a. 19.30|KS TschechischePhilharmonie TschechischePhilharmonie,SemyonBychkov,YunchanLim Smetana,Ravel,Dvořák

Mi09.09. 19.30|KS MahlerChamberOrchestra MahlerChamberOrchestra,YujaWang,TeddyAbrams| Copland,Barber,Dukas,Tsfasman

Do10.09

Do10.09. 12.15|LK DebutPoiesisQuartet PoiesisQuartet|Tate,Perkinson,Ravel 17.00|KS Götterdämmerung DresdnerFestspielorchester,ConcertoKöln,DresdnerFestspielchor derRichard-Wagner-Akademie,KentNagano,Solist*innen|Wagner

Fr11.09.

Fr11.09 19.30|KS AmandaGorman&JanVogler AmandaGorman,JanVogler|«AnEveningofPoetryandBach»

Sa12.09. 17.00|KS RezitalThomasOspital ThomasOspital|Buck,Rachmaninow,Ives,Dupré,Farrington 21.00 LS Meute MEUTE—TechnoMarchingBand|«Jubel—10Years»

So13.09.

So13.09 11.00|HL Trance EnsembleHelix/StudiofürzeitgenössischeMusikderHochschule Luzern—Musik,GregoryCharette|Gordon 16.00 KS PorgyandBess Chineke!Orchestra,CapeTownOpera,EnriqueMazzola,Solist*innen Gershwin

Luzern—Musik,GregoryCharette

KKLLuzern:

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