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Samstag, 8. August 2026
Der Verlust vermeintlicher Gewissheiten – Investieren in einer neuen Welt Geopolitische Machtverschiebungen, künstliche Intelligenz und die wachsende Staatsverschuldung verändern die Rahmenbedingungen an den Kapitalmärkten grundlegend. Langfristig erfolgreich investieren kann nur, wer bereit ist, bisherige Denkmuster zu hinterfragen. Eine unsichtbare Grenze im Raum, an der alte Gesetze zusammenbrechen: Mit diesem Bild be schreibt Mika Kastenholz, Global Head Investment Solutions bei LGT Private Banking, die Lage an den internationalen Kapitalmärkten. Der promo vierte Naturwissenschafter der ETH Zürich greift den Begriff des Ereignishorizonts aus der Astro physik auf, um einen Zeitpunkt zu veranschauli chen, an dem vertraute wirtschaftliche Zusammen hänge nicht mehr greifen. In der Physik bezeichnet der Ereignishorizont die Grenze eines Schwarzen Lochs, jenseits derer selbst Licht der Schwerkraft nicht mehr entkommen kann und unsere h eutigen physikalischen Modelle an ihre Grenzen stossen. Übertragen auf die Finanzwelt, sieht Kastenholz Anlegerinnen und Anleger in einer v ergleichbaren Übergangsphase, in der sich bisherige ö konomische Zusammenhänge nicht mehr zuverlässig auf die Zukunft übertragen lassen. «Die grösste Heraus forderung für Anlegerinnen und Anleger ist heute nicht die Volatilität, sondern der Umstand, dass viele Annahmen der vergangenen Jahrzehnte nicht mehr selbstverständlich gelten», sagt er. Fünf Themenfelder prägten nach Einschätzung von Kastenholz den strukturellen Wandel: Geo politik, gesellschaftliche Veränderungen, Staats verschuldung, Klimawandel und künstliche Intelli genz (KI). An erster Stelle stehe die i nternationale Machtordnung. «Die Geschichte ist neu gestartet und unsere neoliberale Wirtschaftsordnung wird transformiert», sagt Kastenholz. Sichtbar werde dies am Krieg in Europa, an der Instabilität im Nahen Osten sowie an Chinas Anspruch, den USA bewusst kompetitiv entgegenzutreten. Neue Alli anzen entstünden, während die Grundlagen der globalisierten Welt zunehmend unter Druck gerie ten. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) überschrieb seinen jüngsten Wirtschaftsausblick mit dem Titel «Global Economy in the Shadow of War» und senkte seine Prognose für das weltweite Wirtschaftswachstum. Orientierung in einem unsicheren Umfeld biete der Blick auf historische Konstanten. Bei der Vermögensverwaltung greife LGT auf die über Generationen gewachsene Erfahrung der Fürsten familie von Liechtenstein zurück. «Wenn eine Familie erfolgreich mehr als 900 Jahre europäische Geschichte überdauert hat, ist das kein Zufall», sagt Kastenholz. Ein zentrales Prinzip sei das kon sequente Denken in Szenarien: Statt auf eine be stimmte Entwicklung zu setzen, gelte es, sich auf unterschiedliche Zukunftsszenarien vorzubereiten. Wer für verschiedene Entwicklungen Handlungs optionen bereithalte, werde von plötzlichen Wen dungen an den Märkten weniger überrascht. Zu den geopolitischen Verwerfungen treten nach Einschätzung des in Hongkong lebenden Finanzexperten gesellschaftliche Entwicklungen hinzu: eine zunehmende Ungleichheit bei der Ver mögensverteilung und ein wachsendes Misstrauen gegenüber den Institutionen, auf denen die west lichen Demokratien beruhen. Ein weiterer Belas tungsfaktor sei die weltweit hohe Staatsverschul dung. Seit der Amtszeit von Alan Greenspan habe das Finanzsystem versucht, künftigen Konsum durch dauerhaft tiefe Zinsen in die Gegenwart vor zuziehen. Gleichzeitig seien steigende Vermögens preise zunehmend als zusätzliche Wachstumsquelle verstanden worden. Kastenholz sieht dieses M odell kritisch: «Ein System, das den Konsum der Z ukunft über billiges Geld in die Gegenwart transpor tiert, funktioniert nicht ewig.» Steigen Zinsen und Inflation, während die Staatsverschuldung w eiter zunimmt, stosse dieses Modell an seine Grenzen. «Wir erleben keinen normalen Konjunkturzyklus, sondern eine Phase struktureller Veränderungen, die Politik, Wirtschaft und Kapitalmärkte gleicher massen prägen», sagt Kastenholz.
An den Finanzmärkten bricht eine Epoche an, in der vertraute ökonomische Gesetze nicht mehr zuverlässig gelten.
an Aus sagekraft verlieren, vor a llem wenn die Daten sich mit der Zeit verändern. Denn KI erkennt zuverlässig nur Muster, die bereits einmal aufgetre ten sind. Für die Entwicklung der Finanzmärkte selbst gebe es jedoch kein klares historisches Vor bild. Entsprechend könnten solche Modelle deren weitere Entwicklung nicht vorwegnehmen. «Da braucht es den Menschen, der sich kreativ über legt, wie die Zukunft aussehen könnte», sagt Kastenholz. Der Durchbruch der künstlichen Intel ligenz werde einerseits die Produktivität erhöhen, andererseits aber tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen auslösen. All das zeigt: «Vertraute makroökonomische Zusammenhänge der Vergan genheit werden so nicht mehr funktionieren.» Gleichzeitig warnt Kastenholz davor, die künst liche Intelligenz unkritisch als Chance zu b etrachten. Sie werde auch zu einem Instrument im geopoliti schen Machtkampf, etwa durch Exportbeschränkun gen für Hochleistungschips. «Wenn man den Zugang zu Technologie beschränkt, schadet man sich durch Monopolbildung am Ende selbst», sagt er. Solche Massnahmen seien letztlich ein Nullsummenspiel und gingen zulasten aller Beteiligten.
«Wer langfristig erfolgreich investieren will, muss bereit sein, etablierte Denkmodelle zu hinterfragen und globale Entwicklungen neu einzuordnen.»
Suche nach der Rendite von morgen
Künstliche Intelligenz als Wendepunkt Die dynamischste Triebkraft des Epochenwandels ist für Kastenholz die künstliche Intelligenz. Der promovierte Physiker sei zunächst skeptisch ge wesen, weil die zugrunde liegenden Sprachmodelle aus seiner Sicht vergleichsweise einfach aufgebaut seien. Entgegen seiner Erwartung würden die Sys teme jedoch mit zunehmender Datenmenge i mmer leistungsfähiger – insbesondere nun auch in tech nisch anspruchsvollen Bereichen wie der Program mierung oder der Mathematik. Den sogenannten Skalierungseffekt könne sich bislang niemand schlüssig erklären. Eigentlich müsste der Nutzen zusätzlicher Trainingsdaten mit der Zeit verflachen, derzeit sei dies aber nicht zu beobachten. Jedoch sieht Kastenholz dies auch als Grund dafür, weshalb selbst ausgefeilte P rognosemodelle
Mika Kastenholz Global Head Investment Solutions bei LGT Private Banking
PD
Für klassische Portfolios ergibt sich aus geopoli tischer Blockbildung, hoher Staatsverschuldung und technologischem Wandel nach Einschätzung von Kastenholz ein anspruchsvolles Umfeld. Ein Einbruch wie während der Finanzkrise 2008 sei durchaus ein realistisches Szenario. «Volatilität ist nicht mehr die Ausnahme, sondern periodische Realität», sagt er. Die grösste Gefahr bestehe derzeit in der An nahme, dass Märkte und Volkswirtschaften stets zu ihren historischen Mittelwerten zurückkehrten. «Wer an den alten Annahmen festhält, wird Ver luste erleiden», sagt Kastenholz. Eine reine «Buy and h old»-Strategie mit breit diversifizierten Markt indizes greife in einer zunehmend fragmentierten Welt zu kurz. Gefragt seien vielmehr Anpassungs fähigkeit, eine regelmässige Überprüfung des Port folios sowie die Bereitschaft, unterschiedliche Sze narien zu berücksichtigen und neue Anlageklassen einzubeziehen. Chancen sieht Kastenholz insbeson dere in den Bereichen Energie, künstliche Intelli genz und Gesundheitswesen. Gerade dort sei das Potenzial gross, weil die Bevölkerung altere und künstliche Intelligenz auch die Entwicklung neuer Medikamente beschleunigen könne. Wer diese lang fristigen Trends im Portfolio berücksichtige, könne auch künftig attraktive Renditen erzielen. Mit Blick auf das zweite Halbjahr verweist Kastenholz auf die anstehenden US-Kongress wahlen im November. Aus seiner Sicht wäre für die Finanzmärkte paradoxerweise nicht ein Erfolg der
AI / NZZ STORY LAB
LGT Private Banking Die LGT ist eine führende internationale Private-Banking- und Asset-ManagementGruppe, die sich seit mehr als 90 Jahren im Besitz der Fürstenfamilie von Liechtenstein befindet. Per 31. Dezember 2025 verwal tete die LGT Vermögenswerte von rund 386 Milliarden Franken für vermögende Privat kundinnen und Privatkunden sowie für in stitutionelle Anleger. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Vaduz (FL) beschäftigt rund 6000 Mitarbeitende an mehr als 40 Stand orten in Europa, Asien, Amerika, Australien und dem Mittleren Osten. lgt.com
Demokraten der grössere Unsicherheitsfaktor, son dern ein Sieg der Republikaner. Ein Erfolg der De mokraten würde nach seiner Einschätzung zunächst zu einem politischen Patt führen, weil der Präsident innenpolitisch stärker eingeschränkt wäre – ein Sze nario, das die Märkte tendenziell als stabilisierend werten könnten. Sollte sich Trump hingegen durch einen republikanischen Wahlerfolg bestätigt sehen, dürfte er seine geopolitische Agenda mit geringe rem innenpolitischem Widerstand weiterverfolgen. Zugleich schränkt Kastenholz ein, Trump könnte – in Anlehnung an die Aussenpolitik von Richard Nixon und Henry Kissinger – versuchen, China strategisch näherzukommen. «Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob der chinesische Präsident Xi dieses Bestreben uneingeschränkt erwidern wird», sagt er. Solange die politische Weichenstellung aus steht, bleibe die Bandbreite möglicher Entwick lungen an den Finanzmärkten im zweiten Halbjahr gross – sowohl mit Blick auf Risiken als auch auf Chancen. Grösser als diese Unsicherheit selbst ist für Kastenholz jedoch die Sorge, dass Politik und Gesellschaft darauf kaum vorbereitet seien. Lang fristiger Anlageerfolg setze letztlich voraus, die ver änderten Rahmenbedingungen unvoreingenommen zu akzeptieren: «Wer langfristig erfolgreich investie ren will, muss bereit sein, etablierte Denkmodelle zu hinterfragen und globale Entwicklungen neu einzu ordnen», resümiert der Anlagestratege.
Dieser Inhalt wurde von NZZ Story Lab im Auftrag von LGT erstellt.