07 NOV 2026
ANNE TERESA DE KEERSMAEKER . OPERA BALLET VLAANDEREN Bartók / Beethoven / Schönberg
Beethoven – Große Fuge © Phile Deprez
ANNE TERESA DE KEERSMAEKER . OPERA BALLET VLAANDEREN
Bartók / Beethoven / Schönberg sa 07/11 19.30 Uhr Großer Saal DAUER ca. 2 Std. 10 Min. (inkl. Pause) EINFÜHRUNG mit Bettina Masuch 18.30 Uhr, Kleiner Saal ÖSTERREICH-PREMIERE
„Ich ging meine Arbeit auf eine ganz eigene, unverwechselbare Weise an. Die Musik war dabei von Anfang an meine wichtigste Partnerin.“ Anne Teresa De Keersmaeker
Besetzung Programm
BARTÓK / BEETHOVEN / SCHÖNBERG
Bartók – Quatuor No. 4 CHOREOGRAFIE Anne Teresa De Keersmaeker LICHT Anne Teresa De Keersmaeker, Herman Sorgeloos KOSTÜME Rosas MUSIK Béla Bartók: Streichquartett Nr. 4 (1928), G. Henle Verlag, München & Editio Musica Budapest Zeneműkiado (Einspielung: Streicherensemble des Symphonieorchesters des Opera Ballet Vlaanderen) TANZ Cassandra Martín, Lisa Mariani, Madison Vomastek, Valeria Marangelli URAUFFÜHRUNG 16. Mai 1986, Théâtre CBA Brüssel, Premiere mit dem Opera Ballet Vlaanderen am 25. September 2026
Beethoven – Große Fuge CHOREOGRAFIE Anne Teresa De Keersmaeker REGIE Jean Luc Ducourt BÜHNE, LICHT Jan Joris Lamers KOSTÜME Rosas MUSIKANALYSE GeorgesElie Octors MUSIK Ludwig van Beethoven: Große Fuge B-Dur op. 133 (1825–1826), G. Henle Verlag, München, 2007 (Einspielung: Streicherensemble des Symphonieorchesters des Opera Ballet Vlaanderen) TANZ Aleix Labara i Cerver, David Ledger, Janne Boere, Matthew Johnson, Philipe Lens, Rune Verbilt, Taichi Sakai, WillemJan Sas URAUFFÜHRUNG 02. Februar 1992, Halles de Schaerbeek, Brüssel Premiere mit dem Opera Ballet Vlaanderen am 25. September 2026 Pause
3
Schönberg – Verklärte Nacht © Phile Deprez
Schönberg – Verklärte Nacht CHOREOGRAFIE Anne Teresa De Keersmaeker BÜHNE Gilles Aillaud KOSTÜME Rudy Sabounghi LICHT Vinicio Cheli MUSIK Arnold Schönberg: Verklärte Nacht, Streichsextett, op. 4 (1899), Universal Edition, Wien, 1917/Associated Music Publishers Inc., New York, 1943 (Einspielung: Symphonieorchester des Opera Ballet Vlaanderen unter der Leitung von Alain Franco) TANZ Niharika Senapati, Aleix Labara i Cerver, David Ledger, Philipe Lens, Matthew Johnson, Saul Vega Mendoza, Willem-Jan Sas, Hellen Boyko, Gloria De Meester, Arika Yamada, Marine Garcia, Anaïs De Caster, Yaiza Davilla Gomez, Louiza Avraam URAUFFÜHRUNG 04. November 1995, La Monnaie / De Munt, Brüssel Premiere mit dem Opera Ballet Vlaanderen am 25. September 2026 Die gezeigten Stücke sind Originalproduktionen von Rosas.
Interview
DREI MEILENSTEINE DES REPERTOIRES AN EINEM ABEND
Anne Teresa De Keersmaeker im Gespräch mit Piet De Volder Die drei Choreografien waren ursprünglich Teil anderer Produktionen. Als Repertoireabend wurden sie wiederbelebt und 2007 erstmals in dieser Form aufgeführt. Anne Teresa De Keersmaeker: Quatuor No. 4 war ursprünglich Teil der Produktion Bartók/Aantekeningen (1986), in der auch bulgarische Volksmusik, russische Partisanenlieder, Texte von Peter Weiss und Georg Büchner sowie Filmmaterial verarbeitet wurden. Die Produktion entstand in enger Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Marianne Van Kerkhoven. Es war meine fünfte Choreografie und eine große Herausforderung, erstmals ein Werk aus dem klassischen Kanon auf die Bühne zu bringen. Außerdem war es das erste Mal, dass ich so gründlich auf der Grundlage der Partitur gearbeitet habe. Quatuor No. 4 wurde später Teil von Bartók/Mikrokosmos (1987), wo die Musik erstmals live gespielt wurde. Große Fuge wiederum war ursprünglich Teil der Produktion Erts (1992). Im Gegensatz zu den vier Frauen in Quatuor No. 4 war Große Fuge ursprünglich mit einem Männerensemble und einer einzigen Tänzerin besetzt. Verklärte Nacht wurde 1995 in einer Produktion von La Monnaie unter der Regie von Klaus Michael Grüber zunächst mit einem weiteren Werk Arnold Schönbergs kombiniert, der Oper Erwartung. In dieser Choreografie treffen Männer und Frauen aufeinander. Was die Besetzung betrifft, ist Verklärte Nacht daher das ideale Finale des Repertoireabends. Die Trilogie spiegelt auch die Entwicklung von Rosas als Tanzcompagnie wider. 5
Bartók – Quatuor No. 4 © P Phile Deprez
Rosas startete als reine Frauencompagnie und hat sich seither zu einem Ensemble aus Frauen und Männern entwickelt. Auch unsere Musikauswahl hat sich verändert: Ausgehend von Bartók sind wir innerhalb des klassischen Repertoires immer weiter in die Vergangenheit zurückgegangen. Die Kombination von Bartók, Beethoven und Schönberg an einem einzigen Abend funktioniert für mich jedenfalls sehr gut.
6
Interview
Die Partituren weisen einige Gemeinsamkeiten auf. In Bartóks Viertem Streichquartett, Beethovens Großer Fuge und Schönbergs Verklärter Nacht spielen Polyphonie und Kontrapunkt eine sehr wichtige Rolle. Der Kontrapunkt ist eine Technik des mehrstimmigen Komponierens, bei der melodische Linien gleichzeitig verlaufen und harmonisch miteinander verwoben werden. Die Fuge, eine Form, die Bach zu höchster Vollendung führte, ist ein perfektes Beispiel für komplexen Kontrapunkt: Die einzelnen Stimmen greifen dasselbe Thema voneinander auf, zugleich wird ein Hauptthema mit einem Gegenthema kombiniert. Bei Beethovens Großer Fuge haben wir es mit einer Doppelfuge zu tun, das heißt, zwei Themen erklingen gleichzeitig. Eine weitere Gemeinsamkeit dieser Werke ist das, was ich als „maximalistischen Minimalismus“ bezeichnen würde. Man geht von begrenztem Ausgangsmaterial oder knappen Motiven aus und leitet daraus nahezu alles Weitere ab. Nach Bach war auch Beethoven zweifellos ein Meister darin, aus einem Minimum an Material ein Maximum an Texturen, Farben und Ausdruck zu schaffen. Was die Besetzung der Großen Fuge betrifft, wage ich hier ein Gender-Stereotyp: Ist die Wahl männlicher Tänzer von der Energie und virilen Kraft inspiriert, die Beethovens Partitur ausstrahlt? Das mag eine Rolle spielen, aber bei der Großen Fuge habe ich mich vor allem auf die Architektur und Struktur des Werks konzentriert. Später habe ich die Große Fuge auch mit mehr Frauen aufgeführt. Aber um gleich mit einem Gender-Stereotyp zu brechen: In Quatuor No. 4 zeige ich eine ganz bestimmte Form von Weiblichkeit, die ich als kämpferisch und triumphierend beschreiben würde. Es geht also weniger um männlich versus weiblich als vielmehr um die Energien auf der Bühne. In Ihrer Beschreibung des ungestümen letzten Satzes von Quatuor No. 4 sprechen Sie sogar vom „letzten Kampf der Amazonen“ … Bleiben wir zunächst bei dieser
7
Interview
Choreografie, die seit ihrer Entstehung ebenso ikonisch geworden ist wie Rosas danst Rosas. Die Entscheidung für Bartóks Viertes Streichquartett, das dissonanteste seiner sechs Quartette, bedeutete, wie gesagt, einen großen Schritt in meiner choreografischen Arbeit. Zunächst bestand die Herausforderung darin, Tanz mit nur vier Musiker:in-nen zu verbinden, die in einer dicht verwobenen, kontrapunktischen Klangsprache spielen. Bei meiner Musikauswahl haben mich immer zwei Dinge geleitet: der Impuls, dazu tanzen zu wollen, und die kohärenten Strukturen. Bei Bartóks Streichquartett, insbesondere beim letzten Satz, verspürte ich einen unwiderstehlichen Drang, ein enormes Verlangen, genau das zu tun. Dabei begann ich, einen unverwechselbaren choreografischen Stil zu entwickeln. Ich traf die radikale Entscheidung, die vier Tänzerinnen „unisono“ tanzen zu lassen. Das bedeutet, dass dieselben Bewegungsformen gleichzeitig ausgeführt werden. Ich entschied mich also nicht für die Polyphonie und den reichen Kontrapunkt in Bartóks Werk, sondern für den tänzerischen Charakter seiner Musik. Neben Musik und Choreografie spielten auch andere Entscheidungen eine Rolle, etwa die Schuhe, – Stiefel – die ich in Barcelona gefunden hatte, und Röcke, die uns zahlreiche Drehbewegungen ermöglichten, ähnlich wie ich sie zuvor in Violin Phase eingesetzt hatte. Mit den Stiefeln wollte ich die Bewegungen fest verankern und „erden“, während die Röcke sie verstärken. Eine persönliche choreografische Sprache zu finden, hatte höchste Priorität. Ich fragte mich: „Kann ich das, was ich als meinen Impuls empfinde, zu dieser Musik zu tanzen, in eine choreografische Sprache übersetzen?“ Letztlich ging ich von zwei Grundprinzipien aus: Gehen und Drehen. Ich erinnere mich noch an den Moment, als ich den anderen Tänzer:innen Bartóks Streichquartett vorspielte, und daran, wie wenig begeistert sie beim ersten Mal waren … Auf den Impuls folgte die Analyse. Die Choreografie ist grundlegend in der charakteristischen Struktur von Bartóks Werk verankert, der sogenannten Bogenform, die sich schematisch als ABCB’A’ darstellen lässt. Die einzelnen Sätze sind hinsichtlich Material und Charakter 8
Interview
miteinander verbunden: Die Sätze I und V bilden eine Klammer; dann II und IV. Der Satz III steht für sich und bildet das lyrische Herz des Streichquartetts.
„Beethoven war zweifellos ein Meister darin, aus einem Minimum an Material ein Maximum an Texturen, Farben und Ausdruck zu schaffen.“ Anne Teresa De Keersmaeker
Bei Große Fuge treten Sie hingegen in einen Dialog mit dem komplexen Kontrapunkt von Beethovens Musik. Als ich die Entscheidung getroffen hatte, zu Beethoven zu choreografieren, war ich fest davon überzeugt, dass nun die Zeit für Kontrapunkt gekommen war. Ich stellte mir die Aufgabe, die einzelnen Linien des polyphonen Geflechts mit den einzelnen Tänzer:innen zu verknüpfen. Am Ende wurde daraus ein virtuoses Ensemblestück, das mit einem Tanzsolo beginnt. Das Eröffnungssolo stimmt mit der sogenannten Overtura in Beethovens Partitur überein. Der Komponist stellt zunächst das Grundthema vor, gefolgt von verschiedenen neuen Formen oder Variationen dieses Themas. Jede dieser Formen rückt anschließend in einer der aufeinanderfolgenden Episoden des Werks ins Zentrum. Deshalb enthält auch die choreografische 9
Interview
Phrase, mit der die Aufführung beginnt, bereits das gesamte Bewegungsmaterial, das später von der Gruppe weiterentwickelt und architektonisch verarbeitet wird. Horizontale und vertikale Bewegungen wechseln in rascher Folge, ebenso große Sprünge und Bodenarbeit. Das macht den Tanz körperlich äußerst anspruchsvoll und mitunter sogar akrobatisch. Was meinen Sie mit „architektonisch verarbeitet“? Damit meine ich, dass eine Bewegungsphrase sowohl vertikal als auch horizontal „gesetzt“ werden kann, also sowohl in der Luft als auch am Boden. Es ist ein Spiel mit unterschiedlichen Ebenen: aufrecht stehend, auf den Knien, am Boden liegend. Das knüpft an das Prinzip von „Sterben und Wiedergeburt“ in Mary Wigmans Tanzsprache an, das mich tief beeindruckt hat. (Mary Wigman war eine einflussreiche deutsche Choreografin und gilt als eine Pionierin des Ausdruckstanzes der 1930erJahre, Anm. d. Red.) Die Choreografie von Große Fuge ist auch eine Art Zermürbungskampf, in dem der Körper gegen die gewaltige Architektur von Beethovens Partitur antritt. Ich wollte diese körperliche Herausforderung nicht verbergen. Es entsteht ein intensives räumliches Zusammenspiel, das mit der komplexen, vielschichtigen Textur der Partitur verknüpft ist. In Beethovens Musik geschieht so vieles gleichzeitig, dass das Ohr auswählen muss. In der Choreografie wiederum muss man entscheiden, was man visuell und energetisch hervorhebt, und mit Vorder- und Hintergrund spielen: Was zieht den Blick auf sich, was tritt zurück, was geschieht gleichzeitig? Es ist eine Art Ausverhandlung mit der Komposition des Stücks. Auf Beethovens sorgfältig ausgearbeitete Struktur folgt die romantische Lyrik von Schönbergs Verklärter Nacht. Dabei kommt man an Richard Dehmels Gedicht, auf dem das Musikstück basiert, nicht vorbei.
10
„Die Choreografie von Große Fuge ist auch eine Art Zermürbungskampf, in dem der Körper gegen die gewaltige Architektur von Beethovens Partitur antritt. Ich wollte diese körperliche Herausforderung nicht verbergen.“ Anne Teresa De Keersmaeker
11
Beethoven – Große Fuge © Phile Deprez
12
Interview
Das stimmt. Man muss sich auf die der Musik zugrunde liegende Erzählung einlassen, ohne selbst ins Anekdotische abzugleiten. Dehmel erzählt von einer Frau, die ihrem Geliebten gesteht, von einem anderen Mann schwanger zu sein. Ihr Geliebter zeigt Großmut und erklärt, er werde das Kind als sein eigenes annehmen und dieses werde ihrer Liebe eine neue Dimension verleihen. Ihre Liebe erfährt eine Verklärung, eine leuchtende Transformation, wie es die Musik am Ende so wunderschön zum Ausdruck bringt. Das Kind eines anderen Mannes anzunehmen, war Ende des 19. Jahrhunderts ein mutiges Unterfangen. Und doch werden auch heute noch Frauen wegen Ehebruchs gesteinigt. Für mich bleibt Verklärte Nacht eines der bedeutendsten Werke am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Ein Meilenstein, der für mich durchaus auf einer Stufe mit Le Sacre du printemps steht. Schauplatz des emotional aufgeladenen Dialogs zwischen Mann und Frau ist ein Wald. Das greifen Sie auch in Ihrer Inszenierung auf. Der nächtliche Wald, durch den das Paar wandert, beflügelt sicherlich die Fantasie und steht in einer langen romantischen Tradition. Ganz zu schweigen von der Mondsymbolik, die eng mit dem Weiblichen verbunden ist. In dem kürzlich erschienenen Interviewbuch Wanneer ze danst (Wenn sie tanzt) erwähnen Sie, dass Sie selbst regelmäßig im Wald tanzen … Das stimmt. Wir alle sollten die Möglichkeit dazu haben. Es ist eine heilsame Art, der Natur mit Bescheidenheit und Demut zu begegnen. Bäume sind unsere Partner in unserer irdischen Existenz. Doch wie sich jüngst wieder gezeigt hat, spielt der menschliche Hochmut bei ihrer Zerstörung eine erbarmungslose Rolle. Man denke nur daran, was vor einiger Zeit in Antwerpen geschehen ist (wo für den Bau einer Straßenbahnlinie Bäume gefällt wurden, Anm. d. Red.).
13
Interview
Wir zeigen die groß besetzte Version Ihrer Verklärten Nacht, also kein Duett, sondern eine Gruppe von Männern und Frauen. Und doch entstehen innerhalb dieses Kollektivs immer wieder Duette. Die Frauen betreten nach und nach die Bühne, während die Männer lange Zeit regungslos mit dem Rücken zum Publikum stehen. Dieses Bild lässt sich mit dem langen Schweigen verbinden, in das sich der Mann in Dehmels Gedicht hüllt, bevor er seine befreienden Worte ausspricht. Sobald alle Männer und Frauen auf der Bühne sind, bilden sich Duette. Der Übergang von einem Duett zum nächsten erfolgt stets über ein Trio: zwei Männer und eine Frau oder zwei Frauen und ein Mann. Das verweist auf die Dreieckskonstellation, die der Geschichte zugrunde liegt, auf den Schatten, den der abwesende dritte Mann auf das Paar wirft. Neben Dehmels Gedicht haben Sie für die Choreografie noch weitere Inspirationsquellen herangezogen. Zum ersten Mal ließ ich mich von der Bildenden Kunst inspirieren, um ein Bewegungsvokabular zu entwickeln. Ich orientierte mich an den ausgesprochen körperlichen und leidenschaftlichen Skulpturen Auguste Rodins, etwa Danaïde und Je suis belle. Diese Skulpturen wurden zu Ankerpunkten für die Phrasen, die ich gemeinsam mit den Tänzer:innen entwickelte. Außerdem legte ich großen Wert auf das Spiel mit auf- und abwärtsgerichteten Spiralen sowie auf das Öffnen und Schließen dieser Figuren. Es handelt sich um komplementäre Kräfte. Die Frau, die sich im Gedicht verletzlich zeigt, bewegt sich in einer Abwärtsspirale. Der Mann, der sie unterstützen möchte, bewegt sich nach oben. Bei der Choreografie der Männerpartien ließ ich mich außerdem von Bewegungen inspirieren, die ein Mann machen könnte, wenn er einer Frau bei der Geburt hilft. Schließlich wird das erwartete Kind die Liebe des Paares besiegeln. Hinzu kommen die Kostüme von Rudy Sabounghi, für die er sich von jener Epoche inspirieren ließ, in der Schönbergs Werk entstand. Wir betrachteten den Wiener Jugendstil des späten 19. Jahrhunderts und das Werk der französischen Modedesignerin Madeleine Vionnet (einer der bedeutendsten Modeschöpferin14
Interview
nen im Paris der Zwischenkriegszeit, Anm. d. Red.). Sie arbeitete intensiv mit Drapierungen und sogenannten „Bias-Cut“-Kleidern, also Kleidern im Schrägschnitt. So wie die Röcke in Quatuor No. 4 die Bewegungen der Tänzerinnen verstärken, tragen auch die Kostüme in Verklärte Nacht dazu bei, die Spiralbewegungen hervorzuheben. Im Laufe des Abends transformieren wir uns vom Schwarz hin zu einem Kaleidoskop der Farben. Genau. Auf das Schwarz der Röcke in Quatuor No. 4 folgt das Schwarz-Weiß von Große Fuge, in der die Männer in maßgeschneiderten Anzügen mit weißen Hemden und T-Shirts tanzen, eine Anspielung auf die Noten im Notensystem. Am Ende steht eine Kombination aus weißem Mondlicht und verschiedenen Grüntönen der Kleider, die an den Wald erinnern, ergänzt um einen Hauch pinker Romantik. Obwohl sich in Ihrem Œuvre auch andere romantische Komponisten wie Wagner und Mahler finden, bleibt das romantische Repertoire eine Ausnahme. Ich habe schon immer mit sehr unterschiedlichen Arten von Musik gearbeitet und suche fortwährend nach neuen Strategien für die Beziehung zwischen Tanz und Musik. Aber ich sehe mich selbst als emotionalen Menschen, und vielleicht erklärt das, warum ich ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Abstraktion und strengen Strukturen verspüre. Gegensätze ziehen sich an. Der Körper an sich ist bereits emotional. So viele Erfahrungen und Emotionen, sowohl die eigenen als auch jene unserer Vorfahren, sind in unserer DNA gespeichert. Ein abstrakter Körper ist ein Widerspruch in sich. Piet De Volder ist Dramaturg des Opera Ballet Vlaanderen. Übersetzung: Julia Dorninger
15
Schönberg – Verklärte Nacht © Phile Deprez
16
Opera Ballet Vlaanderen - Diego Franssens
Biografien
ANNE TERESA DE KEERSMAEKER Nach ihrem Tanzstudium an der Mudra Schule in Brüssel schuf Anne Teresa De Keersmaeker 1980 ihre erste Choreografie Asch. Ihrem weiterführenden Studium an der Tisch School of the Arts in New York folgte 1982 die Premiere von Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich. Ein Jahr später gründete De Keersmaeker während des Produktionsprozesses von Rosas danst Rosas die Tanzcompagnie Rosas in Brüssel. Bereits in ihren frühen Werken, darunter Bartók / Aantekeningen (1986) und Achterland (1990) beruhte ihr choreografisches Schaffen auf einer akribischen Erforschung der Beziehung zwischen Tanz und Musik. Mit Rosas entwickelte Anne Teresa De Keersmaeker ein umfangreiches Œuvre, das musikalische Strukturen und Partituren unterschiedlichster Epochen aufgreift – von Alter Musik über zeitgenössische Kompositionen bis hin zu Popmusik. In ihrer choreografischen Arbeit greift sie auf formale Prinzipien der Geometrie, mathematische Ordnungen sowie Strukturen aus Natur und Gesellschaft zurück. Daraus entsteht eine einzigartige Perspektive auf die Bewegung des Körpers in Zeit und Raum. 1995 gründete De Keersmaeker in Zusammenarbeit mit La Monnaie in Brüssel die Schule P.A.R.T.S. (Performing Arts Research and Training Studios). Ihre Produktionen Così fan tutte, Mozart / Concert Arias, Un moto di gioia, Rain sowie zwei Teile aus Fase (Piano Phase und Clapping Music) waren bereits beim Opera Ballet Vlaanderen zu sehen. Dort ist sie seit der Spielzeit 2022/2023 als Associate Artist tätig. Im Jahr 2025 wurde sie mit dem Praemium Imperiale ausgezeichnet, der oft als „Nobelpreis der Künste“ bezeichnet wird. Diese renommierte internationale 17
Biografien
Auszeichnung wird jährlich von der Japan Art Association an Künstler:innen verliehen, die einen außergewöhnlichen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst und Kultur geleistet haben. OPERA BALLET VLAANDEREN Als Kollektivensemble befördert die Ballettcompagnie des Opera Ballet Vlaanderen Kollaborationen, Kreativität sowie eine reflektierte Balance zwischen Tradition und Innovation. Die Gruppe von Tänzer:innen ist ohne jegliche Hierarchie organisiert. Im Zentrum des Opera Ballet Vlaanderen (OBV) steht das tägliche Training in klassischem Ballett, Countertechnique® und anderen Methodiken, die dem Repertoire dienen und es bereichern. Das OBV versteht Oper, Ballett, Musik- und Tanztheater als zeitgenössische und lebendige Kunstformen und widmet sich sowohl den großen Werken der Opern- und Tanzgeschichte als auch zeitgenössischen Kreationen und wiederentdeckten Meisterwerken. Im Jahr 2014 fusionierte die Opera Vlaanderen mit dem Ballet Vlaanderen, das 1969 von Jeanne Brabants ins Leben gerufen worden war. Als Künstlerische Leiter:innen folgten ihr Valery Panov, Robert Denvers, Kathryn Bennetts, Assis Carreiro und Sidi Larbi Cherkaoui. Jede:r von ihnen entwickelte eine ganz eigene künstlerische Interpretation dessen, was Ballett bedeuten kann. Gemein war ihnen allen der Wunsch nach einem vielfältigen Programm. Dies prägt auch die Kulturpolitik von Jan Vandenhouwe, dem heutigen Künstlerischen Leiter des OBV. Zentrale Elemente seiner Ballettprogrammierung sind die stilistische Flexibilität zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz, die Weitergabe des zeitgenössischen flämischen Tanzerbes an eine neue Generation sowie die Entwicklung großformatiger Hybridproduktionen, in denen Oper und Ballett miteinander verschmelzen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt darin, neue Wege zu finden, um das große Ballettrepertoire auf die Bühne zu bringen. Zu den jüngsten Höhepunkten zählen Repertoirewerke von Anne Teresa De Keersmaeker wie Mozart / Concert Arias, Fase und Rain, Wim Vandekeybus’ Puur, Pina Bauschs Le Sacre du Printemps und neue Kreationen wie Jan Martens’ FUTUR PROCHE, Ella Rothschilds Petroesjka, Alain Platels Ombra und Marcos Moraus Romeo + Julia, die teilweise auch bereits im Festspielhaus St. Pölten zu sehen waren.
18
Pierre Gondard
Tanz Urban
UNSERE HIGHLIGHTS
(LA)HORDE . BALLET NATIONAL DE MARSEILLE Après moi, le déluge In einer Welt, die am Rand des Zusammenbruchs steht, wird Tanz zu einem Akt des Widerstands! (LA)HORDE – das aktuell wohl angesagteste Kollektiv der internationalen Tanzszene – lädt das Publikum zu einer ungeschönten, aber zugleich hoffnungsvollen Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Der Titel, zu Deutsch „Nach mir die Sintflut!“, erhält angesichts der politischen und sozialen Krisen, Klimakatastrophe und Kriegen eine neue Dringlichkeit. Doch statt sich dem Verfall hinzugeben, fordert die Compagnie auf, die Widersprüche der Zeit anzunehmen und Fragen der Zukunft gemeinsam zu verhandeln.
fr 12/02 19.30 Uhr, Großer Saal PREISE
EUR 58, 53, 46, 30, 12; für alle unter 26: - 50 % Abfahrt aus Wien 17.00 Uhr 18.30 Uhr, Kleiner Saal
SHUTTLE-BUS EINFÜHRUNG ÖSTERREICH-PREMIERE
TIPP
TANZ-HIGHLIGHTS 2026/2027 Das aktuell wohl angesagteste Kollektiv der internationalen Tanzszene, Nachwuchstalente und „Mr. Gaga“ himself: Mit unserem Tanz-Abo erleben Sie die ganze Vielfalt des Tanzes ab 6 Veranstaltungen mit 30 % Ermäßigung. Mehr Infos auf www.festspielhaus.at
Julie Cherki
MOURAD MERZOUKI . COMPAGNIE KÄFIG Kaléidoscope Von Hip-Hop über Circus bis hin zu klassischer Musik: Mourad Merzoukis Kaléidoscope ist eine energiegeladene Feier der Vielseitigkeit, die die unzähligen Facetten seines 30-jährigen choreografischen Schaffens vereint.
Andreas Etter
fr 18/12 19.30 Uhr, Großer Saal sa 19/12 16.00 Uhr, Großer Saal
TANZMAINZ . MORITZ OSTRUSCHNJAK Trailer Park Wie verändert das digitale Leben unsere Wahrnehmung und unsere Körpererfahrung? Dieser Frage geht Moritz Ostruschnjak in Trailer Park nach und lässt auf der Bühne ein einzigartiges Spielfeld entstehen, in dem das Analoge und das Digitale miteinander verschmelzen. Jung, virtuos und kraftvoll! fr 22/01
19.30 Uhr, Großer Saal 20
TEAM/IMPRESSUM
WIR AHMET BAYAZIT ANDREAS DRÖSCHER ANDREAS GREMEL ANDREAS PRIELING ANNA SONNTAG AYBEN KARADAG AYNUR TUNA BERND NEUWIRTH BETTINA MASUCH CHRISTIAN HAHNL-BICHLER CHRISTIAN ZÖRNER CHRISTINA AKSOY CHRISTINA EBNER CONSTANZE EISELT
DERYA POLAT ELKE CUMPELIK EREN KARABULUT ERHARD BIEGLER GABRIELLE ERD GERLINDE HÖGEL GÜLCAN SIMSEK HERBERT BAIREDER ILONA HIESBERGER ISOLDE IHM JULIA BIEDER JULIA DORNINGER
Vermietungen Leitung Technik Geschäftsführung Presse, Stv. Leitung Marketing Künstlerisches Produktionsbüro Portierin Reinigung Cheftonmeister Künstlerische Leitung Tonmeister Bühnentechnik Künstlerisches Produktionsbüro Kulturvermittlung & Outreach Leitung Künstlerisches Produktionsbüro, Musikkuratorin, Prokuristin Chefkassierin Büroleitung Geschäftsführung Haus- & Betriebstechnik Bühnentechnik Leitung Kulturvermittlung & Outreach Portierin Leitung Marketing & Verkauf Beleuchtungsinspektor, Stv. Leitung Technik Hausorganisation Marketing Datenmanagement Redaktion & Publikationen
Herausgeber, Verleger und Medieninhaber Niederösterreichische Kulturszene Betriebs GmbH, Kulturbezirk 2, 3100 St. Pölten, T: +43 (0) 2742/90 80 80, www.festspielhaus.at. Fü r den Inhalt verantwortlich Thomas Gludovatz, Andreas Gremel. Kü nstlerische Leiterin Bettina Masuch. Musikkuratorin Constanze Eiselt. Redaktion Julia Dorninger. Foto Cover Phile Deprez. Druck Walla GmbH. Produziert in Wien. Termin-, Programm- und Besetzungsänderungen vorbehalten. Fotografieren, Ton- und Videoaufzeichnungen nicht gestattet. Preis des Programmheftes Euro 3,20. 21
FREUEN UNS JÜRGEN WESTERMAYR KATARZYNA RAUSCH KATHARINA SCHOBER-DUFEK LEONIE HUMITSCH LOTTE FORSTNER MARLENE JANN MARLIES EDER MARTIN SCHMIDT MATHILDE DE WAILLY MATOUS HORINEK MICHAELA KOGLER-TROLL MIRCAN ADTAKAN MONIKA HOLZGRUBER MÜNEVVER KARABULUT NURGÜL POLAT OLIVER KLENKHART OLIVER MAUS OMEZZINE HADJ-AMOR PENELOPE PATOCKA RENATE BRAUN ROBERT SOMMER SAMANTHA SUPPINGER SIMON NUSSBAUMER SOPHIE PACHNER STEPHANIE SERLES THOMAS GLUDOVATZ ULLI ROTH
Leitung Bühnentechnik, Bühneninspektor Portierin Stv. Leitung Künstlerisches Produktionsbüro Stv. Leitung Kulturvermittlung & Outreach Leitung Hausorganisation Redaktion & Publikationen Kulturvermittlung & Outreach Beleuchtungstechnik Kulturvermittlung & Outreach Bühnentechnik Portierin Verein Freunde der Kultur St. Pölten Reinigung Leitung Reinigung Reinigung Bühnenmeister Online Marketing Reinigung Chefbilleteurin Kostümbetreuung Stv. Beleuchtungsinspektor Bühnenmeisterin, Stv. Leitung Bühnentechnik Bühnentechnik Künstlerisches Produktionsbüro Redaktion & Publikationen Geschäftsführung Gruppen & Key Accounts
FEST/ AUF IHREN BESUCH 22
NOVEMBER 2026 do 12 16.00 Uhr Kleiner Saal
Tanz/Familie
FLEDERMÄUSE schallundrauch agency
fr 20 19.30 Uhr Großer Saal
Tanz
OHAD NAHARIN . BATSHEVA DANCE COMPANY Sadeh21
sa 28 16.00 Uhr Bühne
Tanz/Familie
ROTKÄPPCHEN Sylvain Huc
mo 30 19.30 Uhr Großer Saal
Klassik
TONKÜNSTLER-ORCHESTER Brahms / Larcher / Zemlinsky
wie sta
DEZEMBER 2026 fr 04 19.30 Uhr Großer Saal
Musik
LONDON BRASS Joy To The World
sa 05 19.30 Uhr Großer Saal
Musik
WEIHNACHTS-SCHLAGERTHERAPIE Thomas Gansch, Sebastian Fuchsberger, Michael Hornek, Leonhard Paul mit Special Guest Caroline Athanasiadis
mo 07 19.30 Uhr Großer Saal
Klassik
TONKÜNSTLER-ORCHESTER Mozart-Requiem
do 10 15.00 Uhr Kleiner Saal
Klassik/ Familie
SCHNEE Eine szenische Kammermusik
so 13 17.00 Uhr Großer Saal
Infotainment
DIE BÜHNE IM HOF ZU GAST: DER PROFESSOR UND DER WOLF Ein Abend mit Peter Filzmaier & Armin Wolf
fr 18 19.30 Uhr sa 19 16.00 Uhr Großer Saal
Tanz/Circus
MOURAD MERZOUKI . COMPAGNIE KÄFIG Kaléidoscope
mo 21 19.30 Uhr Großer Saal
Klassik
TONKÜNSTLER-ORCHESTER Saint-Saëns / Say / Tschaikowski
Weitere Infos und Trailer zu unseren Veranstaltungen sowie unser Kulturvermittlungsprogramm finden Sie auf www.festspielhaus.at. 23
nov nijin ma one sch ma ma livin
Spielstätten
Foto Kosmas Pavlos
wiener staatsballett
nov. 2026 — feb. 2027 nijinsky marie antoinette onegin schwanensee max und moritz masterpieces for two (premiere) living legacies
wiener-staatsballett.at
ZUSAMMENHÄNGE.
Wir hören genauer hin, ordnen ein und machen Zusammenhänge verständlich. Weniger nebensächlich. Mehr wesentlich. Für dich.
JETZT Blickwinkel erweitern
Mit freundlicher Unterstützung von creativcommons.org, alamy.com, Österreichische
DIE SCHLAGZEILEN KENNST DU. WIR LIEFERN DIE
Mit freundlicher Unterstützung von creativcommons.org, alamy.com, Österreichische Nationalbibliothek und Heinz Bachmann
N
Ö1 Club. In guter Gesellschaft. Mit Kunst, Kultur und Wissenschaft. Mit Menschen, die sich dafür interessieren. Mit Ermäßigungen für zwei bei 600 Kultur partnern, dem monatlichen Ö1 Magazin gehört, Freikarten und exklusiven Veranstaltungen. Alle Vorteile für Ö1 Club-Mitglieder auf oe1.ORF.at/club
HALT MICH
Kartenbüro St. Pölten Rathausplatz 19, 3100 St. Pölten T: +43 (0) 2742/90 80 80 600 E: festspielhaus@noeku.tickets NEU! Öffnungszeiten: Mo bis Fr (werktags) 9.00 bis 17.00 Uhr Abendkassa Festspielhaus St. Pölten Kulturbezirk 2, 3100 St. Pölten (jeweils 90 Minuten vor Veranstaltungsbeginn) Online-Tickets: www.festspielhaus.at Folgen Sie uns auch auf: