

GROSSER SOMMER THEATER
Maria HAPPEL
4
„Reichenau ist nicht mehr nur ein Termin, es ist ein Ziel und es freut mich, wenn mehrere Generationen kommen.“
Cover: Maria Happel
Künstlerische Leiterin
10
„‚Die Fledermaus‘ funktioniert womöglich immer dann besonders gut, wenn eine Gesellschaft spürt, dass sie gerade auf Vulkanen tanzt.“
Nils Strunk inszeniert „Die Fledermaus“
14
„Man kann nun wirklich nicht sagen, dass die einseitigen Machtund Herrschaftsansprüche überkommen oder aufgegeben sind.“
Stefan Jürgens
Schauspieler im „Reigen“
16
„Die Kernfrage ist für mich, wie und wofür man eigentlich leben soll. Wie können wir uns in dieser Welt bewegen? Wo ist unser Platz und was können wir Sinnvolles tun?“
Philipp Hauß inszeniert „Krieg und Frieden“
22
„Für mich sind ein gutes Kostümbild und eine gelungene Bühne vor allem visuell klar, ohne überladen zu sein oder sich in den Vordergrund zu drängen.“
Johanna Lakner, Bühnenbildnerin „Die Legende vom heiligen Trinker“
Inhalt
Sonderausgabe Festspiele Reichenau
26
„Wir machen anspruchsvolle Abende für Leute, die das Theater lieben. Das empfinde ich als eine Verpflichtung, der ich mit Freude nachkomme.“
Julia Stemberger spielt Mrs. C. in „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“
28
„Die Menschen kommen nach Reichenau, um wirklich zuzuhören. Ich empfinde das als sehr befreiend.“
Gordon Greenberg inszeniert „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“
32
„Junges Publikum bleibt nicht aus Höflichkeit ruhig, das ist das Fordernde, wenn es funktioniert, aber auch das unübertrefflich Schöne.“
Johanna Arrouas inszeniert „Der kleine Prinz“
36
„Es ist ein doppeltes Gerichtssaaldrama, das uns anhand der Suche nach der einzig bis dato nicht gefundenen Toten bis ins Heute führt.“
Martin Prinz Autor von „Die letzten Tage“


26
Julia Stemberger steht seit 2008 regelmäßig in Reichenau auf der Bühne. In diesem Jahr in der Dramatisierung einer Novelle von Stefan Zweig.
Coverfoto: Stefan Fürtbauer 10
Impressum
Nils Strunk und Lukas Schrenk inszenieren mit „Die Fledermaus“ die Operette schlechthin.

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Maria Happel, ReichenauIntendantin, Volksschauspielerin.
CHEF DIE FRAU
Maria Happel hat in Reichenau ein kluges, elegant-feines Programm zusammengestellt.
Stars treffen hier auf die besten Jungen. Ein launiges Gespräch mit der Intendantin über Glück, Druck, Sommerfrische und die Kunst, das richtige Karussell zu bauen.
Es gibt Menschen, die ein Festival leiten, als würden sie Excel-Tabellen verwalten. Und es gibt Menschen, die darüber sprechen, als wäre das alles ein lebendiger Organismus: mit Eitelkeiten, Hoffnungen, Wetterlagen, Talenten, Enttäuschungen, Glücksmomenten und sehr viel Menschenkenntnis. Maria Happel gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Wenn sie über Theater redet, dann nicht geschniegelt, nicht in Pressetext-Sätzen, sondern in Bildern. Da ist vom Karussell die Rede, von Speisekarten, von Litfaßsäulen, von Zeitreisen und davon, dass man sich manchmal vorkommt wie jemand, der einen Sommer lang eine kleine Welt zusammenbaut – und hofft, dass sie trägt. Und wahrlich: Maria Happel hat in Reichenau ein feines, elegantes, kluges und gleichzeitig breites Programm nach Art des Hauses zusammengestellt: Namhafte Schauspieler*innen treffen auf die besten Jungen und ein Repertoire aus textgenau dargebotener Klassik und unterhaltsamer Gegenwart. Ein Mix, der eigentlich wie eine große, homogene, künstlerische Welle ist, der da durch die beschauliche Sommerfrischeregion spült.
Wir haben Maria Happel getroffen. Es wurde ein Gespräch über künstlerische Lust, administrative Zumutungen, das Älterwerden im Betrieb, Sommer auf dem Land und darüber, warum guter Humor etwas ganz anderes ist als Klamauk.
Frau Intendantin, wie geht es Ihnen – jetzt, nach den ersten intensiven Jahren?
Tendenz: steigend. Mir geht es tatsächlich gut. Aber dieses Gefühl hat im Theater ja immer eine sehr kurze Halbwertszeit. Kaum ist eine Premiere geschafft, denkt man schon an die nächste. Es ist wirklich so: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Natürlich ist es nicht mehr ganz so wie am Anfang. Im ersten Jahr musste alles sehr schnell gehen – Programm, Struktur, Entscheidungen. Das war ein ziemlicher Kraftakt. Jetzt haben wir den Luxus, früher planen zu können. Die Prozesse sind klarer, die Aufgaben besser verteilt. Und ja – wir sind erfolgreich. Das darf man auch einmal sagen.
Wenn man von außen draufschaut, klingt „Intendantin“ nach Macht, Gestaltung, Einfluss – aber wahrscheinlich auch nach Stress, Ärger und Telefonaten, die man nicht führen will. Wie spannend ist dieser Job wirklich?
Sehr unterschiedlich. Manche Dinge sind wahnsinnig spannend, vor allem der kreative Teil. Einen Spielplan zu entwickeln, Stücke zueinander in Beziehung zu setzen, Besetzungen zu denken, Atmosphären vorauszuahnen – das ist nach wie vor das, was mich am meisten interessiert. Dafür mache ich es.
Und dann gibt es natürlich die andere Seite. Die gehört halt auch dazu. Wenn ich etwa Kolleginnen oder Kollegen in einem Sommer nicht beschäftigen kann, obwohl ich weiß: Das hätte ihnen gutgetan, das wäre schön gewesen, das wäre vielleicht sogar wichtig gewesen. Aber das geht eben nicht immer. Das Karussell ist größer als die Anzahl der Plätze darauf. Und irgendwer muss entscheiden.
Hat sich Ihre Haltung verändert, seit Sie diese Verantwortung tragen? Man wird zwangsläufig strenger – oder sagen wir: klarer. Am Ende trägt eine Person die Verantwortung. Nach außen bin ich diejenige, mit der alles verbunden wird. Ich bin gern die „wandelnde Litfaßsäule“, aber es gibt eben auch Momente, in denen man die Last dieser Rolle spürt.
Wenn man sich das Programm ansieht, hat man fast das Gefühl: Da sind ja wirklich alle dabei. Die, die man mag, die, die man kennt, die, die gerade interessant werden, und die, die ohnehin schon Stars sind. Wie macht man das? Können die einfach schwer Nein sagen?
(lacht) Ach, ich glaube nicht, dass das ein einzelner Zaubertrick ist. Es ist, wie so oft, die Mischung. Oder wie ich immer sage: Die Speisekarte muss stimmen. »
TEXT Atha Athanasiadis. FOTO Stefan Fürtbauer.
Es hat sich einfach herumgesprochen, dass dieser Monat auf dem Land etwas Besonderes ist. Wir hängen direkt an die Spielzeit an und trotzdem bleibt dann noch der August frei, um wirklich Urlaub zu machen. Das ist attraktiv. Und dann ist da natürlich diese spezielle Mischung: große Häuser aus Wien, Filmszene, junge Leute, Erfahrene – diese Zusammensetzung kriegst du so woanders kaum. Und das merken die Leute. Diese fünf Wochen im Sommer haben fast etwas von einer konzentrierten Theater-Utopie. Alle wissen, worauf sie sich einlassen. Alle haben ihren Vertrag. Es gibt nicht dieses übliche Kantinenraunzen gegen die Direktion. Warum auch? Man arbeitet, man lebt miteinander, man verbringt einen Sommer zusammen. Das schafft etwas.
Und für manche Schauspieler*innen ist es Sommerfrische ... Absolut. Es gibt schon welche, die sagen: Wunderbar, ich habe gleich Sommerfrische mit dazu. Draußen ist es im Sommer sieben, acht Grad kühler als in der Stadt. Wenn die Premieren einmal draußen sind, dann kann man tagsüber ins Bad gehen oder wandern – und am Abend steht man auf der Bühne. Das hat schon etwas von vorgezogenem Urlaub. Einem sehr arbeitsintensiven Urlaub, aber immerhin.
Was ist der Zauber von Reichenau? Er hat Geschichte. Ich bin gewissermaßen Nutznießerin einer Zeit lange vor mir. Schon um die Jahrhundertwende war das ein Ort, der Künstler angezogen hat – Musiker, Schriftsteller, Architekten. Heute ist er nur noch eine Stunde von Wien entfernt, aber es fühlt sich an wie eine Zeitreise. Die Landschaft, die Architektur, diese leicht raue Schönheit – das ist Atmosphäre. Und genau die erwartet man auch, wenn man hier Theater macht. Schnitzler, Zweig, Roth – die gehören hier einfach hin.
Ein Beispiel: „Die Fledermaus“ –aber in den Roaring Twenties. Warum dieser Zugriff?
Weil es historisch passt. Vor 100 Jahren wurde genau dort, wo wir spielen, „Die Fledermaus“ aufgeführt. Diese Geschichte wollten wir wiederbeleben – aber mit einem eigenen Blick. Unsere Inszenierung spielt 1926, mit entsprechendem Bühnenbild und Kostümen. Und wir hatten das Glück, früh genug anzufragen – bevor
unsere beiden Hauptdarsteller zu den Superstars wurden, die sie heute sind.
Schnitzlers „Reigen“ gilt als Klassiker – aber auch als Herausforderung. Wie nähern Sie sich dem Stück?
Wir spielen es im neuen Spielraum – einer Arena mit fast 360-Grad-Blick. Das ist für Schauspielerinnen und Schauspieler eine echte Herausforderung. Man kann sich nicht „verstecken“. Sprache, Präsenz, Bewegung – alles wird unmittelbarer. Ich habe bewusst ein Regieduo gewählt, um die männliche und weibliche Perspektive gleich stark zu beleuchten. Und ja: Natürlich kann und muss man dieses Stück heute spielen. Gerade heute.
Maria HAPPEL
1991 holte Claus Peymann Maria Happel an die Burg. 1999 wechselte sie mit ihm nach Berlin, aber es zog sie nach Wien zurück. Seit 2002/03 gehört die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin wieder zum BURGEnsemble. Seit 2022 ist sie die künstlerische Leiterin der Festspiele Reichenau.
360 Grad – das klingt fast wie Zirkus. In gewisser Weise ist es das auch. Man ist dem Publikum unglaublich nah. Man hört jedes Rascheln, spürt jede Reaktion. Das ist intensiv – für beide Seiten.
Dann kommt mit „Krieg und Frieden“ gleich der nächste Brocken. Weltliteratur im Südbahnhotel – das klingt nach einem Projekt, das man entweder sofort will oder für komplett verrückt hält. Vielleicht beides. Aber genau das ist ja interessant. Das war ein lang gehegter Wunsch, auch von Niki Hagg. Und ich finde: Ein Stück Weltliteratur gehört an einen Ort, der selber WeltkulturerbeQualität hat. Für mich sind Semmering und dieses Südbahnhotel genau so ein Ort. Nach den Erfahrungen im letzten Jahr mit diesem Hotel und seinen Räumen war klar, dass
wir damit weiterarbeiten wollen. Dieses Morbide, dieses Halbvergangene –und dann schaltet man das Licht ein und plötzlich ist da wieder Glanz. Diese Balance zwischen Verfall und Schönheit, zwischen Geschichte und Gegenwart, die passt bei „Krieg und Frieden“ natürlich ungeheuer gut.
Ist das dann richtig immersiv?
Wandert man mit?
Man geht nicht ganz durch, aber man wechselt die Räume. Im ersten Teil ist man unten, dann geht es nach oben in den Waldhofsaal und nach der Pause wieder nach unten. Und unten hat sich dann das Bühnenbild verändert. Das ist schon ein sehr eigenes Erleben. Man schaut nicht nur zu, man bewegt sich mit.
Sie klingen überhaupt sehr verliebt in Räume.
Ja, weil Räume erzählen. Es gibt Räume, die tragen etwas. Und es gibt Schauspielerinnen und Schauspieler, die bestimmte Räume lieben und können. Das ist ja auch etwas, woran man bei Besetzungen denkt.
Manche Menschen stellt man in so einen Raum – und plötzlich gehört er ihnen. Andere brauchen eine klassische Guckkasten-Situation. Das ist keine Wertung, das ist einfach ein anderes Können.
Überhaupt scheinst du sehr genau zu beobachten, welche Künstler*innen wohin passen. Ist das ein ganzjähriges inneres Archiv? So ein permanentes „Die könnte das, der könnte jenes“?
Ja, das ist schon ein ständiges Sammeln. Natürlich gibt es Bewerbungen, klar. Aber vieles entsteht über Beobachtung. Man sieht Leute, man merkt sich etwas, man denkt plötzlich Monate später: Ah, genau die. Und ich habe dabei große Unterstützung. Meine Mitarbeiterin sieht noch viel mehr als ich, geht noch öfter in Vorstellungen, entdeckt Menschen, denkt in Kombinationen. Wer könnte mit wem? Wer trägt welchen Raum? Wer hat was für eine Energie? Das ist eine dauernde Suche – und auch ein großes Vergnügen.
Das klingt fast ein bisschen nach der alten Idee von Ensemble, aber in verdichteter Form. »

Die Landschaft, die Architektur, diese leicht raue Schönheit – das ist Atmosphäre. Und genau die erwartet man auch, wenn man hier Theater macht.
Schnitzler, Zweig, Roth – die gehören hier einfach hin. – Maria Happel
Reichenau ist nicht mehr nur ein Termin, es ist ein Ziel und es freut mich, dass mehrere Generationen kommen. – Maria Happel
Ja, vielleicht. Eine Sommerform davon. Und ich finde das sehr wertvoll, gerade für junge Leute. Dass sie mit Erfahrenen zusammenkommen, mit ihnen spielen, von ihnen lernen, vielleicht auch anders in diesen Beruf hineinwachsen. Diese Pflege, von der man früher öfter gesprochen hat, die gibt es ja vielerorts kaum noch. Hier haben wir wenigstens für ein paar Wochen die Möglichkeit dazu.
Wenn man dir zuhört, merkt man auch: Diese Programme entstehen nicht zufällig, sondern aus langen Linien. Josef Roth ist nicht einfach nur ein weiterer Titel, Stefan Zweig auch nicht.
Nein, natürlich nicht. Das hängt alles zusammen. Bei Roth zum Beispiel ergibt sich da wirklich ein Bogen über die Jahre. Und wenn etwas einmal eine starke Handschrift hatte und funktioniert hat, dann schaut man natürlich, wie man daran weiterarbeiten kann, ohne sich zu wiederholen. Dasselbe bei Stefan Zweig. „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ beschäftigt mich schon länger. Ich habe das vor zwei Jahren bei einem Festival in China gesehen – ich fliege um die halbe Welt, gehe am ersten Abend ins Theater und sehe Stefan Zweig. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Manchmal kommen Projekte eben auch über solche Umwege zu einem.
Das ist eigentlich die schönste Theatergeschichte: Man reist weit weg und findet genau den Autor, der dann später im eigenen Programm landet.
Ja, und manchmal merkt man daran auch, wie weit Literatur trägt. Und wie wenig provinziell solche Stoffe sind, selbst wenn sie an einem sehr spezifischen Ort gespielt werden. Oder vielleicht gerade deshalb.
Eine ganz banale Frage, die wahrscheinlich gar nicht banal ist: Spürt man irgendwann, dass so ein Festival „angekommen“ ist? Dass da plötzlich eine Welle da ist?
Ein bisschen schon. Wenn am ersten Verkaufstag am Abend die Zahlen kommen und du siehst: über 22.000 Tickets verkauft – dann macht das natürlich etwas mit einem. Das freut einen. Sehr sogar. Und ich habe schon das Gefühl, dass sich etwas herumspricht. Dass die Leute das Bedürfnis haben, dorthin zu fahren. Dass es nicht mehr nur ein Termin ist, sondern ein Ziel. Und ich finde es besonders schön, wenn man merkt, dass mehrere Generationen kommen: die Eltern, die Kinder, die Schwiegertochter, die Enkel. Das ist etwas sehr Feines. Wissen Sie: Wenn mich jemand aus Bangkok anruft und sagt, er kommt nicht durch beim Ticketkauf – dann weiß man: Da bewegt sich etwas.
Und macht dich das glücklich – dieses Gefühl, dass man da gerade etwas wirklich zum Laufen gebracht hat? Natürlich. Ja. Das macht glücklich. Weil es dann eben nicht nur Arbeit war, nicht nur Kalkulation, nicht nur Besetzungsgespräch, nicht nur Druck. Sondern weil man merkt: Man hatte einen Riecher. Einen richtigen. Und daraus ist etwas geworden.
Auch für Kinder gibt es Produktionen, etwa „Der kleine Prinz“. Warum ist Ihnen das wichtig?
Weil Theater für alle da sein muss. Und weil es etwas sehr Schönes ist, wenn Familien gemeinsam zu uns kommen. „Der kleine Prinz“ wird ein sehr poetisches Stück – mit Musik und mit einer eigenen Sprache.
Sie sprechen von einer „Pflege“ des Nachwuchses.
Ja. Dieses gemeinsame Arbeiten, dieses Wachsen – das ist etwas, das ich sehr schätze. Man nimmt junge Menschen an die Hand, ohne sie zu bevormunden. Und manchmal hat man das Glück, einen „richtigen Riecher“ zu haben.
Sie haben einmal gesagt, der Begriff „Volksschauspieler“ sei überholt. Warum?
Weil sich das System verändert hat. Früher wurden Schauspielerinnen und Schauspieler innerhalb eines Ensembles aufgebaut. Heute arbeiten Regisseurinnen und Regisseure international, bringen ihre eigenen Teams mit. Das hat vieles verschoben.
Dazu kommt: Fernsehen und Serien haben Funktionen übernommen, die früher das Theater hatte. Und ich unterscheide sehr bewusst zwischen Komik und Klamauk. Zwischen Humor mit Tiefe und bloßer Unterhaltung. Vieles ist heute verwässert.
Infos & Tickets
Alle Infos über das Festival Reichenau, den Überblick über den gesamten Spielplan und für welche Vorstellungen Sie noch Tickets bekommen finden Sie auf: festspiele-reichenau.at




ROTATION Heavy
Nils Strunk und Lukas Schrenk bringen ihre erste Operette auf die Bühne.
Die Fassade bröckelt, alles dreht und verändert sich. Da hilft nur: zu berauschenden Klängen ein wenig um sich selbst zu kreisen. Die beiden Multitalente Nils Strunk und Lukas Schrenk befördern Johann Strauß‘ Operette „Die Fledermaus“ ins Wien der Zwanzigerjahre und fänden es schön, wenn sich der Komponist im Grabe mitdreht.
TEXT Sarah Wetzlmayr.
Oper, Schauspiel, Ballett, Konzert, Erzählung, Tragik, Komik, Stand-up, Hochkultur, Volksmusik, Unterhaltung, Tiefgang, Kritik und Vergnügen:
Das alles ist die Operette, wenn es nach dem erfolgreichen Regieduo Nils Strunk und Lukas Schrenk geht. Und die beiden müssen es ja wissen, schließlich sind sie ausgewiesene Experten darin, sich permanent zwischen Schauspiel, Regie, Musik und Komposition hin- und herzubewegen. Wie sie es schaffen, dabei nicht andauernd zwischen den Stühlen zu sitzen oder in der Luft zu hängen, ist für Außenstehende schwer erklärbar. Irgendwie gelingt es ihnen, mit beiden Füßen fest am Boden zu bleiben – wenn auch nicht lange auf ein und derselben Stelle. Sicher ist außerdem, dass es ein ziemlich großes Ausmaß an Leidenschaft und Hingabe dafür braucht. Wie auch ein hohes Energielevel. „Theater ist kontrollierter Wahnsinn“, zitierte Nils Strunk vor einigen Monaten Heiner Müller. Ihre Hingabe rühre wiederum vor allem daher, dass sie genau das Theater machen, das sie selbst auch sehen wollen. Mit „Die Fledermaus“ inszenieren die beiden Multitalente erstmals eine Operette und lassen die Handlung im Wien der Zwanzigerjahre spielen. „Die Idee begann beim hundertjährigen Jubiläum der Festspiele. Wir fanden es verblüffend, dass das Theater in Reichenau in jenem Jahr mit , Die Fledermaus‘ eröffnet wurde, und fanden das einen willkommenen Anlass, die Handlung in eine Zeit zwischen der Entstehungszeit und unsere heutige Zeit zu verschieben. Dadurch ziehen sich auch einige Schrauben in der Handlung fester, Abgründe werden tiefer, Beträge größer“, so Nils Strunk. Zudem sei sowohl das Uraufführungsjahr der
„Fledermaus“ wie auch das Jahr, in dem die Operette das Theater in Reichenau eröffnete, von großen Umschwüngen gekennzeichnet gewesen, fügt er hinzu. „Und auch jetzt spüren wir, dass eine Epoche zu Ende geht, etwas gänzlich Neues und Unbekanntes vor uns liegt. Wir wissen noch nicht, wie darauf zugehen. ,Die Fledermaus‘ funktioniert womöglich immer dann besonders gut, wenn eine Gesellschaft spürt, dass sie gerade auf Vulkanen tanzt.“ Alle drei Zeiten verbindet jedoch auch etwas sehr Positives, wie Nils Strunk daran anknüpfend hervorhebt: „Es gab eine absolut florierende Kunst- und Bühnenwelt.“
SCHÖNER SCHEIN
An der Operette fasziniert die beiden außerdem, wie Strauß hinter der glitzernden Oberfläche des Champagnerrauschs messerscharf gesellschaftliche Heuchelei sezierte. „Das Spiel mit dem Schein, der bösartige Humor und die brutale Realität hinter all dem. Das ist teilweise wirklich hochintelligentes Entertainment“, bringt es Nils Strunk auf den Punkt. Ihre Inszenierungen dürfen ruhig berauschen, fügt er hinzu. „Aber der beste Rausch ist doch der, bei dem man sich am nächsten Morgen noch erinnern kann. Theater darf berauschen, aber es sollte einen nicht betäuben.“
Auch über die wohl berühmteste Zeile aus dem Libretto – „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“ – haben sich die beiden Theatermacher viele Gedanken gemacht. Es sind auch jene Themen, die an diesen scheinbar einfachen Satz geknüpft sind, die Strauß’ Operette so erschreckend aktuell machen, ist Strunk überzeugt. „Wir wissen scheinbar alles und wissen doch nicht weiter. ‚Glücklich ist, wer vergisst‘ ist
genauso Rettung wie tragische Selbsttäuschung. Wir können uns da selbst schwer entscheiden. Nur ist das Vergessen vermutlich eher eine Überlebensstrategie als eine Lösung.“
Woran man sich definitiv noch lange erinnern wird, ist ihre musikalische Bearbeitung, die wesentlich zum rauschhaften Sog der Operette beitragen wird. Die dahinterliegende, alles andere als mathematische, sondern hochemotionale Formel lautet: Die Goldene Operettenära trifft auf die Goldenen Zwanziger. Außerdem erwartet das Publikum eine fantastische Band, die Nils Strunk keinesfalls unerwähnt lassen möchte: Bernhard Moshammer, Hans Wagner, Jörg Mikula, Alexander „Xidi“ Christof, Anna Tropper, Jakob Helling und Manuel Ernst. „Eine einmalig gute Konstellation für so ein Unterfangen“, lautet Strunks Fazit.
NUR SOG, KEIN DRUCK
Bei der Zusammenstellung des Ensembles sei ihnen vor allem wichtig gewesen, dass es den enorm lebendigen und vielseitigen Geist repräsentiert, der in der Wiener Bühnenszene gerade herrscht. „Und natürlich ist uns wichtig, dieses Stück Musiktheater auch sehr von der schauspielhandwerklichen Seite anzugehen. ‚Die Fledermaus‘, gespielt und gesungen von einem Ensemble von Schauspieler*innen. Die aber eben auch fantastisch singen. Und noch vieles mehr.“ Dass Strunk und Schrenk eine kindliche Freude empfinden, wenn es um ihre Arbeit geht, ist bei jedem Satz gut spürbar. „Nur Sog, kein Druck“, brachte Nils Strunk jüngst den aktuellen künstlerischen Flow der beiden auf den Punkt. Wie damals bei ihrer stets ausverkauften Bearbeitung von Mozarts „Zauberflöte“ gilt auch nun wieder: Schön wäre, wenn sich Johann Strauß nicht im Grabe um-, sondern mitdreht. Heavy Rotation sozusagen. Letzteres gilt vermutlich auch für die Ohrwürmer, die sich nach dem Besuch der Schrunk’schen Operettenbearbeitung tief in die Gehörgänge drehen werden.
Darum geht‘s in „Die Fledermaus“ In ihrer ersten Reichenauer Inszenierung widmen sich Nils Strunk und Lukas Schrenk der Operette schlechthin. Ihre Version von „Die Fledermaus“ pulsiert im Rhythmus der Roaring Twenties: Swing, Blues und Charleston treffen auf die unvergänglichen Melodien von Johann Strauß. Ab 1. Juli, Theater Reichenau
Reichenau Calling
Moritz Mausser langweilt sich schnell. Das eint ihn mit seiner Rolle in „Die Fledermaus“. Warum es bei aller Getriebenheit trotzdem wichtig ist, ab und an zur Ruhe zu kommen? Wir haben mit ihm gesprochen.
TEXT Sarah Wetzlmayr.

Es gibt nicht viele 25-jährige Künstler*innen, bei denen es sich anbietet, über Routine zu sprechen. Darüber, ob sie wichtig oder vielleicht doch gefährlich ist. Moritz Mausser gehört definitiv zu jenen Menschen, bei denen sich die Frage unweigerlich aufdrängt. Schließlich hat der in Baden bei Wien aufgewachsene Künstler gerade erst als Falco in „Rock Me Amadeus“ die Wände des Ronacher zum Beben gebracht, um direkt danach in „Maria Theresia – Das Musical“ in die Rolle des Friedrich II. von Preußen zu schlüpfen. Die Anzahl an zurückgelegten Bühnenkilometern und verbrannten Kilokalorien würde vermutlich jede Fitnessuhr ins Burn-out schicken. Doch Moritz Mausser brennt für seinen Beruf und weiß auch, wie er diese Flamme am Lodern hält. „Routine ist wichtig, um dauerhaft bestehen zu können, aber sie darf nicht dazu führen, dass man kreativ einschläft. Ich möchte wach belieben, weitersuchen und mich auch außerhalb des Theaters inspirieren lassen.“
Mit dem Operettenklassiker „Die Fledermaus“ begibt sich Mausser auf für ihn bislang unbekanntes Terrain. „Der größte Unterschied zwischen Operette und Musical liegt im Gesang“, so Mausser, der sich schon sehr darauf freut, in Reichenau neue Arbeitsweisen und Menschen kennenzulernen. Er wird die Rolle des Prinzen Orlofsky übernehmen, dessen rauschvolle Ballnacht so einiges durcheinanderwirbelt. „Orlofsky ist ein junger, wohlhabender Mann, der von seinen eigenen Möglichkeiten gelangweilt ist. Er hat im Grunde schon alles erlebt und sucht nach etwas, das ihn wirklich reizt. Seine Feier wird für ihn zum Versuch, genau diesen besonderen Moment wiederzufinden“, sagt Mausser über seine Rolle. Mit seinem inneren Getriebensein kann er sich gut verbinden – mit dem Wunsch etwas zu finden, das ihn wirklich begeistert. „Gleichzeitig mag ich Figuren, die auf den ersten Blick weit weg sind. Oft fällt es mir leichter, dort loszulassen und freier zu spielen als bei Figuren, die mir sehr ähnlich sind.“
Wie schnell alles ging, seit er die Zusage für „Falco“ bekommen hat, realisiert er erst nach und nach. „Mittlerweile kommt das erst so richtig an. Lange hatte ich das Gefühl, ich komme gut damit klar, aber jetzt merke ich, wie intensiv diese Zeit eigentlich war.“ Eigene handwerkliche und künstlerische Projekte helfen ihm gerade dabei, zwischendurch ein wenig zur Ruhe zu kommen, so der Musicalstar. Als Prinz Orlofsky wird er jedenfalls schon bald dafür sorgen, dass die Masken fallen und die Fassade bröckelt.


















Glückliche HEIMKEHR
Als Harras in Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ erlebte Stefan Jürgens nach vielen TV-Erfolgen 2022 in Reichenau ein Bühnencomeback. Heuer verkörpert er in Schnitzlers „Reigen“ die Rolle des Grafen.
TEXT Klaus Peter Vollmann.

Maria Happel habe ein gutes Gespür für Timing, findet Stefan Jürgens. Denn sie sei es gewesen, die ihn nach vielen Jahren der Film- und TV-Erfolge mit dem Angebot, bei den Festspielen Reichenau General Harras in „Des Teufels General“ zu spielen, 2022 für die Bühne wiedergewonnen habe.
„Ich hatte mich just aus der Fernsehwelt vorübergehend verabschiedet und suchte nach neuen Herausforderungen“, erzählt der dem heimischen Publikum vor allem aus der TVSerie „Soko Donau“ und dem „Tatort“ bekannte Schauspieler. 2023 spielte er in Reichenau die Titelrolle in „Tartuffe“, 2024 den Doktor in „Der Intrigant und der Wahnsinnige“ und 2025 Jonathan Brewster in „Arsen und Spitzenhäubchen“ – heuer wird er als Graf im „Reigen“ auf der Bühne stehen. Schnitzlers Drama war ob seiner standesübergreifenden Sexualität ein Skandal und wurde von diesem selbst bis 1982 mit einem weitgehenden Aufführungsverbot belegt. Heute ist es das erfolgreichste Stück des Autors, der noch vor Freud der Gesellschaft tief in die Seele blickte. Den „Reigen“ inszenieren werden Alexandra Henkel und Dietmar König, was sowohl den weiblichen als auch den männlichen Blick garantieren dürfte.
Für die Rolle des Harras wurden Sie mit dem Publikums-NESTROY ausgezeichnet. Welche Bedeutung hatte in dieser Phase Ihrer Karriere die Anerkennung in Form von Österreichs wichtigstem Theaterpreis? Na ja, als ich vom Theater wegging, war das nicht eben ein triumphaler Auszug mit Pauken und Trompeten. Ich saß, 30-jährig, ordentlich angetrunken in der Kantine und habe mich über Gott und die Welt und vor allem über meinen Intendanten beschwert. Insofern war da noch eine Rechnung offen. Dass sich dieser Kreis doch noch geschlossen hat und obendrein so wunderbar honoriert wurde, war ein schönes Lebensgeschenk.
Heuer treten Sie zum fünften Mal bei den Festspielen Reichenau auf. Was macht den Reiz dieses Festivals aus – warum sagen Sie immer wieder Ja?
Man kann nun wirklich nicht sagen, dass die einseitigen Macht- und Herrschaftsansprüche überkommen oder aufgegeben sind. – Stefan Jürgens, Schauspieler
Es ist tatsächlich ein bisschen wie Landschulheim – um das in Theaterkreisen manchmal überstrapazierte Wort Familie zu vermeiden. Intensiv und zeitlich klar begrenzt, also gut planbar, mit wunderbaren Kollegen in einer herrlichen Landschaft. Und wie sehr ich als Piefke Wien und Österreich mag, ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr.
Erleben Sie dabei auch die berühmte Sommerfrische oder bleibt für Müßiggang gar keine Zeit?
Absolut! Ich genieße die Gegend, lasse zwischendurch die Seele baumeln und schaue anderen beim Wandern zu. Und obendrein ist die Zeit in Reichenau auch außerhalb der Theatervorstellungen für mich eine höchst kreative Phase. Im letzten Jahr habe ich dort mein TucholskyProgramm entwickelt und direkt danach am Semmering zur Premiere gebracht.
Auf Ihrem Programm 2026 steht die Rolle des Grafen in Schnitzlers „Reigen“. Wie würden Sie diese Figur charakterisieren?
Auf den ersten „vorprobenlichen Blick“ scheint er mir weniger ein Charakter großer psychologischer Tiefe zu sein. Er übt innerhalb eines hermetischen Systems eine klare Funktion aus, die er offenbar auch gar nicht hinterfragt. Sein Adelstitel, sein Status öffnen ihm buchstäblich die Türen. Und mehr scheint ihn auch nicht zu interessieren – ein individuelles Zentrum scheint er nicht zu haben und aus seiner Sicht auch nicht zu brauchen. Ich spüre eine gewisse routinierte Kälte in ihm …und eine ziemlich erschreckende Leere. Aber: Wir haben noch nicht angefangen zu proben.
Das Stück war ein Skandal, weil es sexuelle Begegnungen, noch dazu
durch alle Gesellschaftsschichten, zeigt. Damals stand die Freiheit der Kunst auf dem Spiel. Warum ist es wichtig, den „Reigen“, der aktuell an manchen Stellen aus ganz anderen Gründen problematisch erscheint, heute noch immer zu spielen?
Weil es, salopp gesagt, in manchen Bereichen unserer Gesellschaft immer noch einen erheblichen „Modernisierungsstau“ gibt. Vieles wird heute thematisiert und hinterfragt, Gott sei Dank. Aber man kann nun wirklich nicht sagen, dass die einseitigen Macht- und Herrschaftsansprüche überkommen oder aufgegeben sind. Die patriarchalischen Strukturen sind nach wie vor tief verwurzelt. Das Personal im „Reigen“ scheint ja durchgehend von sich selbst entkoppelt – sowohl die „Täter“ als auch die „Opfer“. Der Spiegel, den Schnitzler uns vorhält, ist noch nicht blind.
„Reigen“ wird im Neuen Spielraum aufgeführt. Dieser ist eine Art Arenabühne, das Publikum sitzt rund um die Schauspieler, der Aktionsradius umfasst beinahe 360 Grad. Welchen Unterschied macht das für Sie als Schauspieler?
Das Spiel ist – auch räumlich – nach allen Seiten offen. Man ist nicht auf die eingeschränkte Publikumsrichtung der klassischen Theaterbühne begrenzt. Das erlaubt mitunter eine fast filmische Spielweise, was ich sehr schätze.
Die Intendantin sagt, man müsse diesen Raum auch sprachlich
Darum geht‘s

Stefan Jürgens und Johanna Arrouas – die heuer Regie bei „Der kleine Prinz“ führen und Hélène Kuragina in „Krieg und Frieden“ spielen wird –2022 in Hermann Beils Inszenierung von „Des Teufels General“.
beherrschen. Was genau ist, neben der Lautstärke, damit gemeint?
Durch die 360-Grad-Öffnung ist eine enorme Präsenz gefordert. Das Publikum muss ja nicht nur aus einer Richtung „abgeholt“ werden. Blöd gesagt: Du musst auch nach hinten spielen und dementsprechend auch zu hören sein. Das ist neben der Lautstärke vor allem eine Frage der inszenatorischen Klarheit und der persönlichen Spielgenauigkeit.
Welche Pläne haben Sie für den Sommer 2027?
Das fragen Sie mich am besten Anfang 2027 noch einmal. Frühestens.
Infos
Wer. Alexandra Henkel und Dietmar König (Regie), u. a. mit Therese Affolter, Stefan Jürgens, Daniel Jesch, Stefanie Dvorak Wann. ab 2.7.2026 Wo. Neuer Spielraum festspiele-reichenau.at
Die Tanzform des Reigens bildet die Struktur in Schnitzlers Stück, bei dem zehn Mal einzelne Personen aufeinandertreffen, Dialoge führen und Sex miteinander haben. Dabei werden gesellschaftliche Schranken überschritten, was Anfang des 20. Jahrhunderts zum Skandal führte. Hier geht es zum Spielplan
FESTSPIELE REICHENAU Krieg und Frieden

ZWISCHENWELT
Es gibt kaum einen Zwischenraum, den Leo Tolstoi in seinem monumentalen Werk „Krieg und Frieden“ nicht ausleuchtet. In einige davon begeben sich Regisseur Philipp Hauß und sein Ensemble im Südbahnhotel Semmering hinein – und landen immer wieder bei der Frage, wofür man eigentlich leben soll.
Johanna Mahaffy spielt Natascha Rostowa.
TEXT Sarah Wetzlmayr.
Was befindet sich zwischen Krieg und Frieden? Das kleine Wörtchen „und“ könnte man jetzt sagen, wenn man die Frage mit einer gewissen Nüchternheit beantworten und sich lieber nicht zu tief in diesen Zwischenraum hineinbegeben möchte. Geht es nach Leo Tolstoi steckt darin jedoch sehr viel mehr. Mit seinem Werk „Krieg und Frieden“ hat der 1828 geborene russische Schriftsteller ein genaues Bild der Gesellschaft des zaristischen Russlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschaffen, das wie kaum ein anderes genau diese Zwischenwelt ausleuchtet und beschreibt. Die Fragen, die dabei aufgeworfen werden, haben keinesfalls an Gültigkeit verloren, sagt Regisseur und Schauspieler Philipp Hauß, der den Prosakoloss in einer Dramatisierung von Nicolaus Hagg im Südbahnhotel Semmering auf die Bühne bringt. Ganz im Gegenteil.
WOFÜR MAN LEBEN SOLL
„Vor ein paar Jahren war es vor allem der Frieden, den wir kannten. Wie viele andere Menschen bin auch ich mit der Idee von Abrüstung groß geworden, mittlerweile ist der Krieg jedoch wieder sehr viel näher an uns herangerückt. Diese Inszenierung ist eine Möglichkeit, etwas über Krieg zu erzählen, ohne die gegenwärtigen Kriege benennen zu müssen“, bringt es Hauß auf den Punkt. „Die Kernfrage ist für mich, wie und wofür man eigentlich leben soll. Wie können wir uns in dieser Welt bewegen? Wo ist unser Platz und was können wir Sinnvolles tun?“
Weder Tolstois Werk noch die Inszenierung werden diese Fragen beantworten, hält Philipp Hauß mit ruhiger Stimme fest. „Allerdings können weitere Fragen und vielleicht auch Anhaltspunkte auftauchen, während man die Figuren bei ihren Versuchen, genau diese Dinge herauszufinden, begleitet. Am Ende gibt es jedoch schon so etwas wie Hoffnung, dass wir mit der Welt vorankommen können, solange wir an Liebe, Fürsorge und Solidarität festhalten.“
Dem Regisseur und Schauspieler kommt daraufhin sofort eine Szene rund um die Hauptfigur Pierre in den Sinn, die genau diese Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der gleichzeitigen Ahnungslosigkeit, wie diese aussehen könnte, beschreibt: „Es war, als ob sich eine Hauptschraube in seinem Kopf, die seinem ganzen Leben eine Stütze gewesen war, gelockert hätte. Diese Schraube ging weder heraus noch hinein, aber sie drehte sich, ohne zu greifen, immer in demselben Gewinde herum und er konnte nicht anders, als immer wieder an
Martin Schwab ist in „Krieg und Frieden“ als Fürst Nikolai Bolkonski zu erleben.

ihr zu drehen.“ Bemerkenswert findet Philipp Hauß auch, dass sich Tolstois Werk nicht an Heldengeschichten abarbeitet. „Geschichte wird von vielen gemacht. Sie entsteht aus einem unendlichen Räderwerk, in dem Napoleon nicht wertvoller ist als ein einfacher Soldat. Tolstoi hat nicht an Genies geglaubt.“
BRÖCKELNDE DEKADENZ
Neben dem Stoff selbst hätte ihn auch die Möglichkeit, im Südbahnhotel zu inszenieren, sehr gereizt, fügt er hinzu. „Die bröckelnde Dekadenz und das Morbide dieses Orts haben mich sehr angezogen. Und auch das Setting, das es ermöglicht, als Zuschauer*in mittendrin zu sein und nicht nur draufzuschauen. Ich denke, dass man dadurch ganz anders in die Geschichte eintauchen kann. Es wird im Laufe der Inszenierung auch einen Ortswechsel innerhalb des Hotels geben.“ Wenn man so möchte, ist außerdem auch das Südbahnhotel eine Art Zwischenwelt. Das einst prunkvolle Grandhotel wurde in den vergangenen Jahren zur Kulturstätte umfunktioniert. Das vierzehnköpfige Ensemble von „Krieg und Frieden“ versammelt Spieler*innen unterschiedlicher Generationen auf einer Bühne. Martin Schwab kenne er am längsten, so Hauß. „Ich habe ihn am Max Reinhardt Seminar kennengelernt, er war damals mein Lehrer. Später haben wir zusammen gespielt. Dass er hier dabei ist, löst ein großes Glücksgefühl in mir aus und ist auch ein Ansporn für mich. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die jüngeren Spieler*innen diesen Ort anders für sich einnehmen werden – ein bisschen hineinstürmen. Wichtig ist mir, dass wir diesen Abend wirklich als Ensemble erzählen und sich das Publikum an die Fersen der Figuren heften kann.“ Sicher ist, dass hier Künstler*innen zusammenkommen, die all die Zwischentöne in Tolstois Werk spür- und hörbar machen werden.
Einer davon, nämlich der bereits erwähnte Martin Schwab, sagte im großen BÜHNEInterview über seinen Beruf: „Die Bühne war mein Freiraum, weil ich auf ihr so sein konnte, wie ich aufgrund meiner Erziehung nicht sein durfte. Im Leben muss man sich zusammennehmen, am Theater ist man Liebhaber, Mörder oder Priester.“ In „Krieg und Frieden“ spielt der mit dem Lebenswerk-NESTROY ausgezeichnete
Darum geht‘s in „Krieg und Frieden“
Leo Tolstois epochales Werk zeichnet ein genaues Bild der russischen Gesellschaft Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Handlungsstränge verlaufen nicht geordnet, Einzelschicksale werden mit weltgeschichtlichen Großereignissen verknüpft. Eine der zentralen Figuren ist Pierre Besuchow.
DER REGISSEUR Philipp HAUSS
wurde in Münster geboren und studierte Schauspiel am Max Reinhardt Seminar. Seit 2002 ist er Ensemblemitglied am Burgtheater. Als Regisseur arbeitete er unter anderem an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, am Burgtheater und am Landestheater Niederösterreich. In Reichenau arbeitet er bereits zum dritten Mal.
Schauspieler Fürst Nikolai Bolkonski. Johanna Mahaffy, die zum dritten Mal in Reichenau auf der Bühne steht, wird als Natascha Rostowa zu sehen sein. „Natascha ist, glaube ich, eine sehr lebendige und instinktive Figur, die durch ihre radikale Offenheit intensiv liebt, scheitert und daran wächst. Zu Beginn des Romans ist sie ja noch wirklich sehr jung und man begleitet sie dabei, wie sie zu einer erfahrungsreichen Frau heranwächst. Diesen großen dramaturgischen und emotionalen Bogen darzustellen, wird wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen für mich sein“, sagt die Schauspielerin, die sich zwischen den Proben gern in der Schwarza –„kalt, sehr kalt“ – abkühlt. Die Zusammenarbeit mit Kolleg*innen unterschiedlicher Generationen weiß sie sehr zu schätzen. „Eine Kollegin sagte neulich etwas, das bei mir sehr hängen geblieben ist: dass ältere Schauspielerinnen oft unterrepräsentiert sind, kurz gesagt, weil weniger für sie geschrieben wird und ein gewisser Ageism spürbar ist. Und dass unsere Generation das nicht stillschweigend hinnehmen sollte, wenn es in Zukunft anders werden soll. Sichtbarkeit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Frage des Diskurses.“
Als Regisseur möchte Philipp Hauß weder den Zuschauer*innen vorschreiben, wie sie leben sollen, noch den Spieler*innen erklären, wie sie spielen sollen. „Es geht darum, einen Rahmen zu schaffen, damit sich die Menschen, die genau wissen, was sie tun, selbst ins Spiel bringen können.“
Infos
Wer. Philipp Hauß (Regie), Nicolaus Hagg (Dramatisierung), mit: N. Saavedra, J. Mahaffy, M. Schwab, T. Werths, E. Eilinghoff u. v. a. Wann. ab 3. Juli Wo. Südbahnhotel Semmering, festspiele-reichenau.at

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FOTO: CHRISTINA KÖRTE
Saison 2026/27
Stell dir vor, du bist Teil des Spiels.
Premiere 24. April 2027
Ferdinando Paër Leonora
Eine tragikomische und lebensnahe Oper, ein Stück Dresdner Musikgeschichte in der die Liebe über die Willkür triumphiert.
Sächsische Staatskapelle Dresden Beethoven.
Vier Tage. Neun Sinfonien
Jedes Konzert präsentiert Sinfonien von Beethoven im Dialog mit der Uraufführung eines Auftragwerkes von Jörg Widmann, Riccardo Panfili, Jesús Torres und Clara Ianotta.
Zyklus I
Aufbruch 14.4.2027
Von Helden und Antihelden 15.4.2027
Naturgesänge 16.4.2027
An die Freude 17.4.2027
Zyklus II
Aufbruch 28.4.2027
Von Helden und Antihelden 29.4.2027
Naturgesänge 30.4.2027
An die Freude 1.5.2027

Information & Tickets
Sächsische Staatskapelle Dresden Silvesterkonzert
Dirigentin Marie Jacquot Klavier Igor Levit
Beethoven Klavierkonzert Nr. 5 u. a.
30. & 31. Dezember 2026
Ludwig van Beethoven Fidelio
Musikalische Leitung Finnegan Downie Dear Inszenierung nach Christine Mielitz
3., 10., 17., 23., April & 2. Mai 2027
Late Night with Ludwig
Musiker*innen der Giuseppe-SinopoliAkademie bringen die Schlosskapelle zum Klingen.
16. & 30. April 2027
Kapelle für Kids
Die Konzerte Umzug (Januar) und Ludwig (Mai) erkunden das Geheimnis der Musik Beethovens! und vieles mehr...
semperoper.de/beethoven
Die bröckelnde Dekadenz des Südbahnhotels Semmering macht das einstige Grandhotel zu einer spannenden Spielstätte für Theaterschaffende.
TEXT Sarah Wetzlmayr.
EIN FRISCHER WIND


Der Speisesaal im Südbahnhotel ist einer der Spielorte von „Krieg und Frieden“.
Nach seiner Fertigstellung im Jahr 1882 dauerte es nicht lange, bis sich sämtliche Mitglieder der Hocharistokratie und der neuen Hochfinanz im Südbahnhotel die Klinke in die Hand gaben. Das im Stil des Späthistorismus erbaute und durch die Semmeringbahn perfekt an Wien angebundene Hotel wurde rasch zum Synonym für Sommerfrische und die Gemeinde Semmering entwickelte sich in Windeseile zu einem beliebten Luftkurort. 1903 wurde das Südbahnhotel zum Grandhotel erweitert, in den darauffolgenden Jahren kamen weitere Trakte und Anbauten hinzu. Bis 1938 hielt die magische Anziehungskraft des Hotels an, mit dem Zweiten Weltkrieg endete seine Blütezeit – das Haus verlor zusehends an Bedeutung. Der Hotelbetrieb wurde um 1970 zwar endgültig eingestellt, allerdings wurde das Gebäude einige Jahrzehnte später von der Kulturszene wiederentdeckt. Und wiederbelebt. Unter anderem nutzte es die Wiener Volksoper
für eine Produktion ihres Opernstudios und auch die Festspiele Reichenau erkannten schon früh das Potenzial dieser architektonischen Perle. 2025 verwandelte Maria Happel das Hotel mit Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ (Foto) in einen Spielplatz der Leidenschaften.
BRÖCKELNDE DEKADENZ
In diesem Jahr inszeniert Philipp Hauß Tolstois Monumentalwerk „Krieg und Frieden“ im Südbahnhotel Semmering. Wie schon 2025 werden wieder zwei unterschiedliche Räumlichkeiten bespielt. Die bröckelnde Dekadenz und der verblasste Glanz des Hotels hätten ihn besonders angezogen, erzählt Hauß im Interview. Währende der Inszenierung wechselt das Publikum gemeinsam vom Speisesaal in den Waldhofsaal und wieder zurück, gibt der Regisseur und Schauspieler erste Einblicke in seine kommende Regiearbeit. Sicher ist: Der morbide Glanz des einst prunkvollen Grandhotels macht es zu einem besonderen Spielort, der es dem Publikum ermöglicht, noch ein bisschen intensiver in die Geschichten einzutauchen. Sicher ist auch: Obwohl heute ein etwas anderer Wind weht, ist die Luft am Semmering noch genauso gut wie damals, als Kaiserin Elisabeth ihre Lunge damit füllte.
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bis 30. Juni 2026

Saisonstart
20.9. 2026
So | 19:30 Uhr | Musikverein Wien | Großer Saal
Patrick Hahn Dirigent Französische Romantik Wiener Jeunesse
Orchester
Klavierduo Gugg Featured Artist 2026 | 27
Johanna Lakner verantwortet Bühne und Kostüm für Joseph Roths „Die Legende vom heiligen Trinker“. Ihren Beruf betrachtet sie nicht isoliert, sondern als Kunstform, die Hand in Hand mit der Regie geht.
JEDES STUCK BRAUCHT EIN ZUHAUSE

TEXT Klaus Peter Vollmann.

Als „vollkommene, vollendete Prosa“ bezeichnete der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in einer Rede Joseph Roths Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“, in der dieser auch seine eigene Alkoholabhängigkeit einer genauen Selbstbeobachtung unterzog – exemplarisch und stellvertretend für viele, die diesen Weg gehen. Andreas lebt als Clochard unter einer Pariser Brücke und trifft einen ihm fremden Mann, der ihm Geld leiht, das er vertrinkt. Er zieht durch die Straßen, bereit, das Leben zu feiern, das auch gut zu ihm scheint. Immer wieder beschert es ihm „Wunder“ – in Form von finanziellen Zuwendungen oder menschlichen Begegnungen –, langsam beginnt ihn aber auch die Vergangenheit einzuholen. Joseph Roth erzählt mit zartem Ton, voller leiser Würde und feiner Ironie und öffnet so einen Raum, in dem Schmerz, Hoffnung und Humor still nebeneinander existieren dürfen. Regisseurin Alexandra Liedtke dramatisierte dieses literarische Vermächtnis Joseph Roths, das erst kurz nach seinem Tod veröffentlicht wurde, und bringt es in Reichenau auf die Bühne.
Sie verantworten Bühne und Kostüm für „Die Legende vom heiligen Trinker“. Was zeichnet dieses Stück für Sie aus?
Die Poesie der Sprache von Joseph Roth ist das, was dieses Stück auszeichnet, ähnlich wie bereits bei „Hiob“. Wir führen die Arbeit, die wir im vergangenen Jahr begonnen haben, weiter und dürfen erneut mit dieser Sprache arbeiten. Daraus entwickelt sich eine Kostüm- und Bühnensprache, die wir konsequent weiterdenken. Das Besondere ist vielleicht auch, dass ein eigentlich unmöglicher Zustand, Krankheit und Verfall, konkret die Abhängigkeit von Alkohol, dennoch mit einer Form von Weichheit erzählt wird. Dieser Spagat zwischen Abgrund, großer Poesie und Hoffnung macht das Stück so besonders und spannend. Wir wissen, dass Alkoholismus zerstörerisch ist, und wir leben in einer Zeit, die von Kriegen und Unruhen geprägt ist. Umso bemerkenswerter ist es, dass es dennoch immer wieder die Möglichkeit gibt, Hoffnung zu finden. Joseph Roth rettet sich in eine literarische Welt und schafft es, die Realität des Alkoholismus mit Poesie und Hoffnung zu verbinden.
Müssen Sie ein Werk „mögen“, um es ausstatten zu können?
In jedem Text liegt eine Herausforderung und in jeder Herausforderung eine große Stärke. Es geht darum, sich intensiv mit einem Stoff
auseinanderzusetzen und darin jene Seiten zu finden, die man beleuchten möchte.
Mit Regisseurin Alexandra Liedtke arbeiten Sie seit 2010 immer wieder zusammen. Worauf beruht diese künstlerische Verbundenheit?
Alexandra Liedtke und ich arbeiten seit vielen Jahren gerne, intensiv und erfolgreich zusammen. Unsere künstlerische Verbundenheit basiert auf einem gemeinsamen ästhetischen Zugang und einer engen konzeptionellen Zusammenarbeit. Uns verbindet ein Verständnis von Theater als untrennbare Einheit von Regie, Bühne und Kostüm. Diese Bereiche werden nicht isoliert gedacht, sondern entwickeln sich parallel aus einer gemeinsamen Idee heraus. So entsteht ein roter Faden, der sich durch alle Ebenen der Inszenierung zieht – von der Figurenentwicklung bis zur Bildsprache. Es macht große Freude, solche Projekte wie jetzt wieder in Reichenau 2026 gemeinsam zu entwickeln und umzusetzen.
Wie schaut Ihr Konzept für die Bühne und die Kostüme des heiligen Trinkers konkret aus? Wovon haben Sie sich inspirieren lassen?
Das Konzept für Bühne und Kostüm versteht sich als Fortführung der Auseinandersetzung mit der Sprache und Poesie von Joseph Roth. Im Zentrum steht das Aufeinandertreffen zweier Welten: der realen, vom Alkoholismus geprägten Wirklichkeit und einer poetischen Ebene, die von Hoffnung und Sehnsucht erzählt. Diese Dualität spiegelt sich sowohl im Bühnenraum als auch in den Kostümen wider. Die reale Welt erscheint reduziert, klar und dunkel. Demgegenüber steht eine zweite Ebene, die sich durch Farbe, Leichtigkeit und eine fast spielerische, teils auch humorvolle Qualität auszeichnet.
Sie haben ursprünglich Mode studiert. Wann und warum haben Sie sich für Bühne und Kostüm als künstlerisches Ausdrucksmittel entschieden?
Ich habe in San Francisco Fashion und Visual Arts studiert und bin in einer Künstlerfamilie aufgewachsen, in der es selbstverständlich war, vieles auszuprobieren. Während des Studiums und später als Assistentin am Burgtheater, meinem ersten Job am Theater, hat sich mein Interesse zunehmend in Richtung Theater und Oper verschoben. Mich faszinieren die vielen Facetten des Lebens, die auf der Bühne sichtbar werden. Als Bühnen- und Kostümbildnerin
Johanna Lakner studierte Fashion und Visual Arts, ehe sich ihr Interesse in Richtung Theater und Oper verlagerte.
kann ich eigene visuelle Welten erschaffen und diese ästhetisch prägen. Das hat mich als Künstlerin letztlich stärker interessiert als die Mode allein, auch wenn sie im Kostümbild weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Zudem empfinde ich Theater und Oper in unserer immer schneller werdenden digitalen Welt als einen besonderen Ort: einen Raum, in dem Kunst analog entsteht und erlebt wird.
Was macht ein gutes Kostüm, eine gelungene Bühne aus? Die entscheidende Frage ist immer: Was braucht es wirklich, um die Geschichte zu erzählen? Für mich sind ein gutes Kostümbild und eine gelungene Bühne vor allem visuell klar, ohne überladen zu sein oder sich in den Vordergrund zu drängen. Es hängt immer stark vom jeweiligen Stück ab. Manchmal reicht eine sehr abstrakte, stark reduzierte Form.

Skizzen, Entwürfe und Anmerkungen von Johanna Lakner für Bühne und Kostüm des Stücks „Die Legende vom heiligen Trinker“.

Worin liegt für Sie generell der Reiz des Festivals Reichenau begründet?
Der Reiz liegt für mich gerade in seiner kleineren Struktur im Vergleich zu den großen Häusern, an denen ich sonst arbeite. Es ermöglicht ein sehr freies Arbeiten, bei dem ich innerhalb der Produktion vieles selbst übernehme. Genau darin liegt die besondere Qualität: die Möglichkeit, eigenständig zu gestalten und unmittelbar als Künstlerin zu arbeiten. Mit vergleichsweise reduzierten Mitteln eine starke Wirkung zu erzielen und das Publikum zu erreichen und zu berühren, empfinde ich als besonders spannend. Alexandra Liedtke und ich haben das im vergangenen Jahr gemeinsam mit einer großartigen Besetzung gezeigt und wir hoffen, dass uns das auch heuer wieder gelingt.
Darum geht‘s Andreas lebt als gescheiterte Existenz unter einer Brücke an der Seine, als sich ihm durch die geheimnisvolle Begegnung mit einem fremden Mann die Möglichkeit eines Neuanfangs eröffnet. Doch wie geht man damit um, wenn einen das Glück so plötzlich überfällt?
Infos
Wer. Alexandra Liedtke (Regie)
Mit: Joseph Lorenz, Julienne Pfeil, David Oberkogler, Oliver Urbanski
Wann. ab 4.7.2026 Wo. Großer Saal festspiele-reichenau.at
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STETER SEHNSUCHTS-
Julia Stemberger mit Stefan Jürgens (l.) und Martin Schwab 2024 in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“.
Julia Stemberger spielt seit 2008 regelmäßig in Reichenau und wurde in dieser Zeit so etwas wie das Gesicht der Festspiele. Sie weiß um den Mythos, die künstlerische Qualität und das Miteinander an diesem magischen Ort.
TEXT Klaus Peter Vollmann.

In Wien aufgewachsen, wurde Julia Stemberger im Alter von 19 Jahren mit dem Film „Herzklopfen“ über Nacht bekannt und startete in der Rolle der Schülerin Susanne eine beispiellose Schauspielkarriere, die sie nicht nur an die bedeutendsten deutschsprachigen Theater brachte, sondern die ihr auch beim Kino- und TV-Publikum große Erfolge bescherte. So spielte sie die Desdemona in George Taboris „Othello“-Inszenierung am Burgtheater, war als Charmian in „Antonius und Cleopatra“ – Regie Peter Stein – bei den Salzburger Festspielen zu erleben, gab Eliza in „My Fair Lady“ an der Volksoper, beeindruckte als Jeanne d’Arc am Münchner Gärtnerplatztheater und war im TV-Mehrteiler „Der König von St. Pauli“ für einen Straßenfeger mitverantwortlich. Auch in Robert Dornhelms Historienzweiteiler „Maria Theresia“, im Kinofilm „Schächten“ von Regisseur Thomas Roth, in der Kultserie „Vorstadtweiber“ sowie in der neuesten „Sisi“-TV-Produktion war Julia Stemberger präsent – um nur einige wenige zu nennen.
Seit 18 Jahren ist sie wiederkehrend auch bei den Festspielen Reichenau zu Gast. „Mein erstes Engagement war 2008“, erinnert sie sich im Interview. „Wir haben unter der Regie von Hermann Beil ,Die Wahlverwandtschaften‘ von Goethe auf die Bühne gebracht. Die Sommermonate sind häufig mit Dreharbeiten voll, aber da ging es sich zum ersten Mal terminlich gut aus, was für mich eine große Freude war.“
KÜNSTLERISCHE ERFÜLLUNG
ORT
Seitdem stand Julia Stemberger oft in Reichenau auf der Bühne. „Ich war in vielen Produktionen österreichischer Autoren wie Schnitzler, Roth, Hofmannsthal oder Doderer zu sehen, aber auch in Tolstois ,Anna Karenina‘ und Ibsens ,John Gabriel Borkman‘. Jede dieser Inszenierungen war eine ganz eigene Welt, auch weil die Stücke der unterschiedlichen Autoren spezielle Universen sind. Ich bin um die Vielzahl der Erfahrungen sehr dankbar.“ Vor zwei Jahren brillierte sie als Königin der Nacht in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, im vergangenen Jahr berührte sie als Deborah in Joseph Roths „Hiob“. Und heuer wird sie in der Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ Mrs. C verkörpern. „Eine bemerkenswerte Geschichte, in der Zweig so eigenen Dichte der Sprache. In präziser Genauigkeit schildert er die
Gefühle, das psychologische Innenleben seiner Protagonisten. Menschen am Abgrund, die nach einander greifen“, schildert Julia Stemberger die Besonderheiten dieses nicht jedermann geläufigen Texts. „Meine Figur verlässt dabei alle ihre bislang gewohnten Komfortzonen, um einen Menschen zu retten. Was da an Ungelebtem erwacht und Feuer fängt, wird die Suche innerhalb des Probenprozesses sein.“
KONZENTRIERTE UTOPIE
Reichenau wird von Menschen, die hier bereits künstlerisch zugange waren, oft als Sehnsuchtsort beschrieben. Was macht ihn dazu? „Reichenau zieht interessiertes Theaterpublikum an, hier treffen sich Jahr für Jahr Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Theaterhäusern Wiens und, so wie ich, freischaffende Schauspieler*innen, die in einer intensiven Zusammenarbeit spannende Theaterprojekte umsetzen. Diese Ingredienzen wirken sich offenbar befeuernd und produktiv aus“, erklärt Julia Stemberger, weshalb die Festspiele über die Jahrzehnte zur Institution geworden seien. „Wir machen anspruchsvolle Abende für Leute, die das Theater lieben. Das empfinde ich als eine Verpflichtung, der ich mit Freude nachkomme.“ Maria Happel spricht von einer fünf Wochen dauernden „konzentrierten Theater-Utopie“ und lobt das generationenübergreifende Arbeiten sowie das Hochhalten des Ensemblegedankens – wiewohl es bei einem Festival natürlich kein Ensemble im klassischen Sinne gibt. Wie empfindet Julia Stemberger diese außergewöhnliche Gemeinschaft? „In Reichenau begegnen sich Kolleginnen und Kollegen in unterschiedlichen Konstellationen. Mal arbeitet man gemeinsam, mal übergibt man einander die Garderoben. Es ist ein dichtes Geflecht an Miteinander, jeder weiß, was wir in diesen fünf Wochen gemeinsam stemmen.“
Hat es sie mit ihrer reichen Erfahrung nie gereizt, auch einmal Regie zu führen? „Ich bin da zurückhaltend, weil ich großen Respekt vor einem guten Theaterabend habe. Aber wer weiß, vielleicht juckt es mich mal so sehr, dass ich das ausprobieren werde.“ Dem Mythos der bezahlten Sommerfrische muss Julia Stemberger leider abschließend eine Abfuhr erteilen. „Ich habe in Reichenau den Fokus immer auf der Arbeit. Es ist ein dichter Theatersommer, dem ich meine ganze Kraft widme. Man sieht mich eher nicht auf der Rax wandern.“ Das ist für sie schade. Und für das Publikum ein Segen.
TEXT Sarah Wetzlmayr. FOTO Stefan Fürtbauer.
THEATER OHNE AUFFANGNETZ
Stefan Zweigs Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ ist eine Geschichte über den Sprung ins Unbekannte. Das damit verbundene Gefühl hat viel mit dem Theater selbst zu tun, wissen Gordon Greenberg, Thomas Kahry und Nils Arztmann.
Wie fühlt es sich an, im Moment zu leben? Was verbirgt sich hinter diesem rätselhaften Zustand, der sich zwar gut als Wandtattoo eignet, außerhalb der eigenen vier Wände aber meist schwer umsetzbar scheint? Eine Figur, die ganz genau wissen muss, wie es sich anfühlt, einen mutigen Kopfsprung in unbekannte Gewässer zu unternehmen, ist Mrs. C. aus Stefan Zweigs Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“. Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: In einer kleinen Pension in der Nähe von Monte Carlo trifft ein namenloser Erzähler auf Mrs. C., die ihm von den Erlebnissen eines 25 Jahre zurückliegenden Tages erzählt. Seit zwei Jahren verwitwet, trifft sie im Casino von Monte Carlo auf einen jungen
Mann, der sein Vermögen verspielt hat und sich umbringen möchte. Nach einer Liebesnacht gibt sie ihm Geld und er verspricht ihr, nie wieder zu spielen. Das Versprechen kann er jedoch nicht halten. Ihre Liebe zu ihm verhilft Mrs. C. jedoch zu einer lange nicht mehr gefühlten Lebendigkeit. Statt schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen, landet sie also auf dem Grund ihrer eigenen Persönlichkeit, der lange Zeit verdeckt und verschüttet war. Außerdem ist es kein ruhiger Bergsee, in den sich Mrs. C. mit allem, was sie hat, hineinwirft, sondern ein Fluss, der sie augenblicklich mitreißt. Sie lässt sich von ihm mitnehmen, schwimmt mit, um nicht länger in der sie ignorierenden Gesellschaft unterzugehen.
Man verbringt den Sommer an einem tollen Ort mit tollen Menschen und darf nebenbei auch noch Theater spielen. Ich wüsste nur wenig Schöneres. – Nils Arztmann, Schauspieler
EIN LEUCHTTURM DER HOFFNUNG
„Auf den ersten Blick scheint es eine sehr einfache Geschichte zu sein, doch das täuscht“, sagt Gordon Greenberg, der die Novelle im Rahmen der Festspiele Reichenau inszeniert und gemeinsam mit Thomas Kahry dramatisiert hat. „Innerhalb dieses scheinbar einfachen Rahmens verbergen sich ein psychologischer Thriller, eine moralische Debatte und eine Art romantischer Fiebertraum.“
Im Grunde war es Wes Anderson, der ihn zu Stefan Zweig geführt hat, fügt Greenberg hinzu. „Ich wusste, dass sein Film ‚Grand Budapest Hotel‘ von Zweig inspiriert ist. An seinen Texten beeindruckt mich unter anderem, wie modern sie sich anfühlen, während sie gleichzeitig so in ihrer Zeit verwurzelt sind. Darüber hinaus besitzt er die außergewöhnliche Fähigkeit, das Innenleben seiner Figuren in genau jenem Moment einzufangen, in dem sie zu zerfallen drohen.“ Stefan Zweig sei jemand, der Emotionen nicht nur beschreibt, sondern es schafft, dass man sie selbst durchlebt,ergänzt Thomas Kahry. „Und er tut das mit einer Präzision und Klarheit, die fast schon unheimlich ist.“

Nils ARZTMANN
studierte Schauspiel am Max Reinhardt Seminar und gehört zum Ensemble des Theaters in der Josefstadt. Für seine Doppelrolle in „Das Vermächtnis“ wurde er 2025 mit einem NESTROY als „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet. Außerdem wird er ab Herbst als Bruno Kreisky im Spielfilm „BRUNO – Der junge Kreisky“ zu sehen sein.
Die Menschen kommen nach Reichenau, um wirklich zuzuhören. Ich empfinde das als sehr befreiend.
– Gordon Greenberg, Regisseur
innerlich, lange bevor es tatsächlich vorbei ist?“
Beim Erstellen der Fassung war ihm wichtig, Zweigs Sprachkraft und psychologische Tiefe zu bewahren und gleichzeitig einen Abend zu schaffen, der heute unmittelbar trifft.
Thomas Kahry und Gordon Greenberg kennen einander schon seit mehreren Jahren. So verantwortete Greenberg die nordamerikanische Premiere seines Erfolgsstücks „Spatz und Engel“. Weitere gemeinsame Arbeiten folgten. „Wir teilen eine gemeinsame Faszination und Begeisterung für theatrale Erzählweisen, die intim und gleichzeitig groß gedacht sind. Die Festspiele Reichenau bewundere ich als Ort, an dem man sich als Theatermacher in Nuancen, Stille und emotional komplexe Zusammenhänge begeben kann, ohne das Gefühl zu haben, dem Publikum viel erklären zu müssen“, so Greenberg.

REGIE
Gordon GREENBERG
Sich von der Geschichte der Mrs. C. mitreißen zu lassen, sei auch deshalb einfach, weil es um ein Gefühl geht, das vermutlich viele Menschen kennen, hält Gordon Greenberg fest. „Nach dem Tod ihres Mannes war sie plötzlich unsichtbar, sehnte sich jedoch danach, wieder gesehen zu werden. Ich glaube, dass wir alle das Gefühl von Bedeutungslosigkeit kennen – und die damit zusammenhängende Suche nach Sinn und Verbundenheit. Deshalb ist diese Geschichte ein Leuchtturm der Hoffnung – eine Erinnerung daran, dass sich der Lauf eines jeden Lebens innerhalb eines einzigen Tages ändern kann. Man muss es nur zulassen.“
Thomas Kahrys Perspektive ist eine ähnliche: „Sie hat ihr Leben lang ‚funktioniert‘ und ihre eigentlichen Sehnsüchte weggesperrt. Und dann bricht plötzlich etwas auf. Der Moment, in dem ihre unterdrückte Lebensenergie zurückkehrt, ist extrem stark. Und auch beunruhigend. Sie gerät in einen Zustand radikaler Ehrlichkeit – und wird dadurch überhaupt erst wieder lebendig.“ Folgende Kernfragen hat er für sich aus dem Text herausdestilliert: „Bin ich noch in Kontakt mit dem, was mich wirklich antreibt? Oder lebe ich nur noch auf Autopilot? Es geht dabei auch um die Kraft eines einzelnen Moments, ein ganzes Leben zu verändern. Die Frage ist: Lässt man das zu? Oder beendet man sein Leben
Darum geht‘s in „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“
In einer kleinen Pension unweit von Monte Carlo trifft der namenlose Erzähler der Novelle auf eine ältere Frau, die ihm von einem Tag in ihrem Leben erzählt, der alles verändert hat. Es entsteht ein mitreißender Erzählstrom zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Wann ist er eigentlich zum letzten Mal ins kalte Wasser gesprungen? Der Regisseur und Autor antwortet: „Im Grunde fühlt sich jede Theaterproduktion so an. Ich sage immer, dass man sich ja auch die Abende von Cirque du Soleil nicht ansehen würde, wenn die Artist*innen ein Auffangnetz hätten. Ich stelle mir immer vor, dass die Spieler*innen auf der Bühne Abteile haben, die ihnen Halt und Sicherheit geben. Aber innerhalb dieser Abteile können sie explodieren. Wäre es nicht fantastisch, dieses Gefühl auch im echten Leben zu haben?“
DIE MAGIE DER AMBIVALENZ
Nils Arztmann spielt Teo, jenen jungen Mann, mit dem Mrs. C. zu ihrer Lebendigkeit zurückfindet. „An Teo finde ich besonders spannend, dass wir einen jungen Menschen sehen, der für das Leben steht und gleichzeitig um sein eigenes Überleben kämpft. In dieser Ambivalenz entsteht etwas Magisches. Was genau diese Magie ist, werden wir in den Proben herausfinden“, so Arztmann, der Zweigs „Schachnovelle“ zu seinen Lieblingsbüchern zählt. Dazu passt, dass der NESTROY-Preisträger einst Kärntner Meister im Schach war. „Das Antizipieren der nächsten Züge und das Analysieren einer konkreten Stellung helfen mir jetzt vor allem in der Vorbereitung auf eine neue Rolle, beim Hineindenken in einen Charakter.“
Infos Wer. Gordon Greenberg (Regie & Dramatisierung), Thomas Kahry (Dramatisierung), mit: J. Stemberger, S. MacDonald, N. Arztmann, A. Kapl, R. Frankl Wann. ab 5. Juli Wo. Neuer Spielraum
wuchs in New York auf und trat mit 13 Jahren in seiner ersten Broadway-Show auf. Er inszenierte unter anderem am Broadway, am Off-Broadway und am Londoner West End, schrieb außerdem für Fernsehen und Bühne und entwickelt und produziert neue Stücke.
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DRAMATISIERUNG Thomas KAHRY
feierte seinen ersten großen Erfolg als Autor 2013 am Wiener Burgtheater, wo sein Musiktheaterstück „Spatz und Engel“ über sieben Jahre hinweg auf dem Spielplan stand. Für die Vereinigten Bühnen Wien schrieb er das Buch zum neuen Long Run Musical „Maria Theresia – Das Musical“.


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Nur 60 km südlich von Wien eröffnet die Drehscheibe der Wiener Alpen ein eindrucksvolles Panorama mit Blick auf die höchsten Berge Niederösterreichs. Die Silhouette der ehemaligen Kaiserresidenz wird vom spätromanischen Dom und der von Maria Theresia gegründeten Militärakademie geprägt. Außergewöhnliche Spielstätten machen Kultur hier ganzjährig erlebbar
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Revitalisiert und außergewöhnlich: Die Kasematten zählen zu den eindrucksvollsten Spielstätten der Region und begeistern mit Formaten wie dem Wortwiege Festival und dem Bösendorfer Festival. Highlights wie „Jazz am Dach“ auf der Dachterrasse oder Philipp Hochmair mit „Der Prozess“ runden das Programm ab.
Frisch renoviert und voller Leben: Das Stadttheater Wiener Neustadt vereint ein vielseitiges Programm aus Schauspiel, Musik, Kino und Kabarett. Als kultureller Anziehungspunkt der Region beherbergt es zudem das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und das Landestheater Niederösterreich.
Geschichte zum Anfassen: Das Museum St. Peter an der Sperr macht 800 Jahre Stadtgeschichte multimedial erlebbar. Wechselnde Ausstellungen, wie die Kinder-Mitmachausstellung „Schmeckt’s? (bis 16.8.) oder die Kunstausstellung von Jakob Gasteiger (ab 3.9.) bieten spannende Einblicke für alle Altersgruppen.

Antoine de SaintExupérys Erzählung
GROSSE MAGIE KLEINER PRINZ
„Der kleine Prinz“ ist eine Aufforderung, die Kinderbrille wieder hervorzukramen. Vielleicht öffnet sich dadurch ja der Blick für das Wesentliche. Johanna Arrouas bringt die ebenso wundersame wie magische Geschichte als Stück für junges Publikum auf die Bühne.
TEXT Sarah Wetzlmayr. FOTO Christoph Liebentritt.
Johanna Arrouas ist Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin. Für das junge Reichenauer Publikum brachte sie 2025 Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ auf die Bühne.

Es gibt Gleitsichtbrillen, Lesebrillen, Bildschirmbrillen, Sonnenbrillen und noch einige andere Nasenfahrräder. Obwohl ihre Einsatzgebiete unterschiedlich sind, erfolgt ihre Verwendung stets mit demselben Ziel: die Dinge so klar und scharf wie möglich zu sehen. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen es nicht auf die Schärfe, sondern auf etwas anderes ankommt – auf eine Art von Blick, der ohne Unvoreingenommenheit zum Wesen der Dinge durchdringt. Und in genau diesen Momenten beginnt die Suche nach der Kinderbrille, deren Comebacks in der Regel mit zunehmendem Alter immer seltener werden. Dabei wäre es doch eigentlich ein Kinderspiel, sie hin und wieder hervorzukramen und aufzusetzen. Ein Buch, das wie kein anderes dafür steht, die Kinderbrille nicht im hintersten Eck des Kramuri-Kasterls verstauben zu lassen, ist Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Davon zeugt unter anderem die wohl berühmteste Stelle des Buchs: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Natürlich lösen sich nicht alle Probleme plötzlich in Luft auf, wenn man sie mit der Unvoreingenommenheit und dem fantastischen Vorstellungsvermögen eines Kindes betrachtet, doch im besten Fall wird der Blick für das Wesentliche wieder ein wenig geschärft. Danach kann man auch ruhig die Bildschirmbrille wieder aufsetzen.
SCHÖN? BEÄNGSTIGEND!
Für Johanna Arrouas schafft Saint-Exupérys weltberühmte Erzählung die sprichwörtliche Quadratur des Kreises: „Mit kurzen, einprägsamen Sätzen spricht sie grundlegende menschliche Themen an. Diese Schlichtheit, die aber gleichzeitig eine unglaubliche Tiefe und Herzenswärme beinhaltet, macht sie sowohl für Kinder zugänglich als auch für Erwachsene lohnend.“ Die Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin bringt den Text im Neuen Spielraum auf die Bühne. Bei der Fassung sei ihr vor allem wichtig gewesen, den doch sehr melancholischen Grundton des Originals immer wieder aufzuhellen, erklärt sie. „Mir war es wichtig, Elemente zu betonen, die den Humor der Situationen
hervorheben. Und ich wollte so persönlich wie möglich an die Fassung herangehen.“
Johanna Arrouas hat bereits Erfahrung darin, Klassiker für Kinder und Jugendliche auf die Bühne zu bringen. In der Wiener Volksoper reüssierte sie mit ihrer Fassung des französischen Kultromans „Krieg der Knöpfe“, in Reichenau brachte sie Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ auf die Bühne. Das Inszenieren für junges Publikum hat unter anderem ihr Bewusstsein dafür geschärft, dass es beim Theatermachen „immer darum gehen muss, das unsichtbare Band zwischen Bühne und Publikum gespannt zu halten“. L’art pour l’art funktioniert am Theater weder für Kinder noch für Erwachsene, ist sie überzeugt. „Es geht immer um Kommunikation.“
Bei der Frage, was das Schöne am Inszenieren für junge Menschen sei, muss sie lachen. „Schön? Es ist beängstigend! Im Ernst: Junges Publikum bleibt nicht aus Höflichkeit ruhig, das ist das Fordernde, wenn es funktioniert, aber auch das unübertrefflich Schöne. Dieses vorhin erwähnte Kommunikationsband nicht loszulassen, ist eine sehr beglückende Herausforderung, weil es sich richtig anfühlt und weil es so herzlich belohnt wird.“
„Der kleine Prinz“ ist ihr in der dritten Klasse Volksschule zum ersten Mal begegnet, erzählt die Regisseurin, die in Reichenau außerdem auch im Stück „Krieg und Frieden“ auf der Bühne stehen wird. „Ich hätte die Schlange gespielt, aber es ist leider nichts daraus geworden“, fügt sie lachend hinzu. Umso schöner sei es für sie, nun an ihrer eigenen Version zu arbeiten. Die inhaltliche Message der Erzählung ist für Johanna Arrouas untrennbar mit ihrer poetischen Kraft verbunden. „Die tatsächliche ‚Verdichtung‘ der Gedanken ist es doch, was die Botschaft so zwingend macht. Das Poetische daran ist für mich vor allem, wie wertvoll jede einzelne Formulierung und sogar jedes Wort ist. Es wirkt wirklich so, als ob der Text auf das absolut Wesentliche reduziert wurde.“
Der kindliche Blick ist im Übrigen auch für ihren Beruf unabdingbar, hält sie abschließend fest. „Für mich bedeutet er die kompromisslose Behauptung von Figuren und Situationen – sich einfach ‚reinzuhauen‘, ohne Gedanken an die Wirkung zu verschwenden.“ »
DEN MOMENT
AUSKOSTEN
Für Schauspieler Skye Mac Donald war das Suchen und Aufsetzen der Kinderbrille im Schauspielstudium im mer wieder Thema. Wobei es, wie er anmerkt, dabei um mehr ging als „nur“ eine an dere Sichtweise. „Mein Be wegungslehrer hat uns immer wieder erklärt, dass sich Babys eigentlich nicht verletzen kön ne, weil sie immer in ihrem Zentrum sind. Das wieder zu erlernen, war eine wichtige Aufgabe. Und sich auch frei zumachen von Barrikaden, die man als Erwachsener unwei gerlich entwickelt. Auch Nai vität war ein wichtiges Thema für mich. Ich neige dazu, aus Nervosität oder Unsicherheit schnell Pläne zu schmieden, schnell etwas zu erfinden, um die Menschen bei Laune zu halten. Einfach nur da zu sein, den Moment auszukosten und das Gegenüber ein Angebot machen zu lassen, das musste ich richtig trainieren.“

KLASSIK TRIFFT FERIENCAMP
Die Geschichte des kleinen Prinzen, des Piloten und der anderen Figuren begegnete ihm zum ersten Mal als Kind und ein zweites Mal im Gymnasium, als die Erzählung im Französischunterricht durchgenommen wurde. „Als ich sie nun, als Erwachsener, wieder gelesen habe, habe ich mich ertappt gefühlt, weil man plötzlich Teil dieser zynischen, einsamen Erwachsenenwelt ist. Das hat mich beim Lesen schon sehr getroffen“, hält der 29-jährige Schauspieler fest. „Der kleine Prinz“ ist seine erste Theaterarbeit für junges Publikum und seine dritte Theaterarbeit in Reichenau. „Wir spielen alle mehrere Rollen. Außerdem hat Johanna eine eigene Fassung mit eigener Storyline geschrieben, die auch begründet, warum die Geschichte erzählt wird“, gibt Skye MacDonald erste Einblicke. Er freut sich auf das direkte Feedback des jungen Publikums und dessen Art und Weise,
Skye MacDonald studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und arbeitet als freier Schauspieler.
Behauptungen, die auf der Bühne aufgestellt werden, lautstark zu hinterfragen. „Kinder bringen einen wieder ein bisschen runter. Am Ende ist es ja einfach nur Theater, was wir da machen. Viele große Dramatiker wie unter anderem Shakespeare haben diese Ebene ja explizit in ihre Stücke hineingeschrieben.“
Shakespeare ist ein gutes Stichwort, denn eine Sache, die der Schauspieler an Reichenau unter anderem sehr schätzt, ist, dass viele klassische Stoffe auf die Bühne kommen. Das sei eine schöne Abwechslung zu den Stückentwicklungen, in die er sich in der freien Szene hineinwirft. „Da wird es meistens sehr komiklastig, bunt und körperlich. Das mag ich auch sehr, aber es macht mir auch Spaß, mich auf die Sprache zu konzentrieren und etwas von dem Handwerk zu zeigen, das ich auf der Schauspielschule mitbekommen habe“, erzählt der Schauspieler, der nicht nur gern Theater
spielt, sondern auch mit viel Enthusiasmus und Scharfsinn darüber spricht. Offen, reflektiert, lässig, aber nicht gelassen. Denn das würde ja bedeuten, dass er die Dinge einfach passieren lässt. Und das – so viel ist bereits nach wenigen Gesprächsminuten klar – ist nicht Skye MacDonalds Herangehensweise an seinen Beruf.
Darüber hinaus hätten die Festspiele durchaus Feriencamp-Charakter, fügt er lachend hinzu. „Man geht zusammen schwimmen und begegnet Menschen aus anderen Ensembles. Diese Begegnungen machen diese Zeit für mich so besonders.“
Wir sprechen noch einmal über den „Kleinen Prinzen“, die Zugänglichkeit und die gleichzeitige Doppeldeutigkeit, die den Text auch für Erwachsene so reizvoll macht. „Die Geschichte hat etwa Prophetisches und Mystisches an sich, gleichzeitig erzählt sie uns natürlich auch viel über Neugier, Hingabe, Loyalität und Liebe. Ich denke, dass sie Erwachsenen dabei helfen kann, rauszuzoomen und anders auf Dinge zu schauen. Dinge neu kennenzulernen oder vielleicht auch internalisierte Denkmuster zu hinterfragen, das wünschen wir uns ja auch am Theater. Den Zuschauer*innen einen möglichst freien Blick zu ermöglichen, ihnen keinesfalls eine Sichtweise aufzuzwingen.“
Wenn er ins Theater geht – und das tut er sehr oft – wünscht er sich manchmal einen naiveren Blick zurück, sagt Skye MacDonald, bevor wir uns wieder verabschieden. Vielleicht sogar so etwas wie eine Kinderbrille. Am Ende ist es ja einfach nur Theater. Oder? Mal sehen, was das junge Publikum in Reichenau dazu sagt. Hier
Infos Wer. Johanna Arrouas (Regie & Dramatisierung), mit: Skye MacDonald, Clara Wolfram, Alex Kapl Wann. ab 10. Juli Wo. Neuer Spielraum festspiele-reichenau.at

Martin Prinz holt die Ereignisse des Jahres 1945 in die Gegenwart zurück.

NERINNERN STATT VERDR A NGEN
Der Roman „Die letzten Tage“ beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der NS-Zeit rund um Reichenau. Autor Martin Prinz adaptierte seinen Text selbst für eine hochkarätig besetzte szenische Lesung.
TEXT
Klaus Peter Vollmann.
och im April 1945, kurz vor Ende des nationalsozialistischen Regimes, wurden Unschuldige willkürlich abgeurteilt und getötet, darunter auch die Enkelinnen von Schnitzler-Muse Olga Waissnix – Olga und Elisabeth. Erschossen von jugendlichen Mitgliedern des Volkssturms. Zwei Jahre später standen die drei Hauptverantwortlichen vor Gericht. Doch anstatt von Einsicht oder Bedauern zu sprechen, pochten sie auf ihr damaliges Recht, beriefen sich auf einen Staat, der ringsum schon beinahe verschwunden war, und auf Befehle, die nur mehr sie selbst gaben (und befolgten). So steht es in den Prozessakten, die Martin Prinz’ Roman „Die letzten Tage“ zugrunde liegen. Für die Festspiele Reichenau erstellte der Autor eine Bühnenfassung, die von Schauspielerinnen und Schauspielern des heurigen Ensembles in einer szenischen Lesung, eingerichtet von Maria Happel, dargebracht wird. Denn aus dem Hinschauen auf Vergangenes gelingt es uns vielleicht, einen besseren Weg in die Zukunft zu beschreiten.
„Ein Stück zu schreiben, war für mich im Grunde stets eine parallele Vorstellung zum Roman“, so Martin Prinz. „Denn die Geschehnisse, die dieser Roman erzählt, werden auch darin zwischen zwei Gerichtssälen geschildert. Dem illegalen, privaten und menschenverachtenden Standgericht des NS-Kreisleiters und Konsorten während der letzten Kriegswochen und dem Prozess gegen diese drei Männer und ihre Mittäter in dem sinnlosen Morden ab 1946 vor dem eigens eingerichteten Volksgericht in Wien. Es ist ein doppeltes Gerichtssaaldrama, das uns anhand der Suche nach der einzig bis dato nicht gefundenen Toten bis ins Heute führt.“
FRAGE DER GESELLSCHAFT
Ein erstes Recherchekonvolut über dieses dunkle, weithin unbekannte Kapitel österreichischer Zeitgeschichte habe er bereits vor zehn Jahren in die Hand gedrückt bekommen. Damals sei es ihm wie eine Anmaßung vorgekommen, darüber zu schreiben. Erst viel später habe er sich in die Archive gewagt und die Originalprozessakten der Haupttäter eingesehen.
„Ab dem Moment war mir klar, wo ich ansetzen konnte und wo ich es mir auch erlauben durfte, und das war die Sprache der Täter selbst. Es waren das Versteck und die Verdrängung, die
sie in ihrem ständigen Reden in der Verallgemeinerung suchten. Dieses Sprechen deutlich zu machen, die Feigheit darin, die Menschenverachtung, aber auch der fehlende Blick auf sich selbst, das kann Literatur im besten Fall.“
Warum war es ihm wichtig, diesen Aspekt des Kriegs in den Fokus zu rücken? „Es ist kein Aspekt des Kriegs. Es ist eine Frage der Gesellschaft selbst. Es ist die Frage: Wie blind kann eine Gesellschaft werden, die selbst dann, wenn alles vorbei ist, wenn selbst der Krieg rundum so gut wie vorbei ist, immer noch auf allen Ebenen und unter Mithilfe aller Gesellschaftsschichten bei solchen Verbrechen mithilft und sie ohne Not selbst begeht? Blind letztlich dafür, dass man wenige Wochen oder sogar nur Tage, nachdem man die Nachbarin denunzierte, mit und neben deren Familie weiterleben sollte und musste“, erklärt Martin Prinz.
ERSTICKENDES SCHWEIGEN
Auch die Enkeltöchter der Schnitzler-Vertrauten Olga Waissnix wurden in den letzten Kriegstagen umgebracht. Welche Rollen nehmen diese beiden jungen Frauen im Roman beziehungsweise auf der Bühne ein? „Sie wurden ebenso

wie alle anderen Frauen, ganz im Unterschied zu den Männern, die vor das Standgericht gestellt wurden, ins Dunkle gebracht – in dunkle, enge, feuchte Keller. Sie wurden dort körperlich wie psychisch erniedrigt. Sie wurden versteckt und von 15-, 16-jährigen HJ-Buben erschossen, von denen es an einer Stelle der Prozessakten heißt, diese Burschen hielten in der anderen Hand noch ihre Marmeladenbrote vom Frühstück.“
Therese Affolter ist eine jener Schauspieler*innen, die den Text zum Leben erwecken werden. Weshalb ist es ihr wichtig, Teil des Teams zu sein, das „Die letzten Tage“ in einer szenischen Lesung in Reichenau auf die Bühne bringt? „Das Buch basiert auf Gerichtsakten – auf Fakten, die wir nun im Detail kennen und die dadurch erschreckend konkret werden. Man spürt: So etwas kann jederzeit und überall geschehen, besonders im Kontext von Diktatur und Krieg! In solche Zeiten dürfen wir nie wieder geraten. Vor allem auch für junge Menschen ist es mir daher wichtig, dass wir nie vergessen, was war! Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, Tatsachen klar zu benennen – und genau deshalb möchte ich diesen Geschehnissen eine Stimme geben. Denn was aus der Vergangenheit verdrängt wird, ist nicht verschwunden – es bleibt!
Traumata wirken oft transgenerational. Inwiefern ist davon noch heute in der Gesellschaft etwas spürbar? „Es ist alles davon noch spürbar, wie die Veröffentlichung meines Romans zeigte. Das enorme Interesse daran und nicht zuletzt auch in der Region macht nur zu deutlich, wie notwendig es ist, dass endlich erzählt wird. Denn bislang und bei vielen immer noch gab es nur erstickendes Schweigen“, schildert Martin Prinz. Er hat seinen Text auch selbst für die Bühne adaptiert. Welche Änderungen musste er dabei konkret vornehmen? „Ich musste im Grunde von vorne beginnen. Ich musste mir einfallen lassen, wie ich aus den NS-Richtern über Leben und Tod gleichzeitig Angeklagte zwischen Leben und Tod machen könnte. Und zwar auf eine Weise, wie das nur am Theater geht … Lassen Sie sich überraschen!“
Infos
Mit.
Wo. Großer Saal festspiele-reichenau.at

INTENDANTIN
MARIA HAPPEL
Die szenische Lesung von „Die letzten Tage“ nach dem Tatsachenroman von Martin Prinz ist für uns in Reichenau an der Rax keine beliebige künstlerische Entscheidung, sondern Ausdruck unserer Verantwortung als Theater. Gerade im Jubiläumsjahr stellen wir uns bewusst auch jenen Kapiteln der regionalen Geschichte, die lange im Verborgenen lagen. Die sogenannten Endphaseverbrechen sind historisch belegt und Teil der Erinnerungskultur dieser Region – zugleich stehen sie beispielhaft für eine Gesellschaft insgesamt, die unter dem Druck von Radikalisierung zu Gewalt fähig wird, eine Dynamik, die auch heute wieder spürbar wird. Unsere Aufgabe ist es, diese Geschichte würdevoll, sachlich und ohne Vorwurf erfahrbar zu machen. Theater kann ein Raum der Reflexion sein – damals wie heute. Umso berührender ist es, dass sich die großartigen Ensemblemitglieder eigenständig bereit erklärt haben, diese szenische Lesung mitzutragen. Dieses gemeinsame Engagement unterstreicht, wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen und Erinnerung als Beitrag zu einer lebendigen demokratischen Kultur zu verstehen.
Schauspielerin Therese Affolter wird gemeinsam mit zehn Kolleg*innen den Text lesen.
Hier geht es zum Spielplan
Therese Affolter, Nils Arztmann, Markus Freistätter, Daniel Jesch, Maria Happel, Gerhard Kasal, David Oberkogler, Jakob Semotan, Oliver Urbanski, Lukas Watzl, Sebastian Wendelin Wann. ab 12.7.2026

Alexandra Henkel ist seit 2002 am Burgtheater engagiert und unterrichtet am Max Reinhardt Seminar.
Dietmar König gehört zum BURGEnsemble und war zweimal für einen NESTROY nominiert.
REIGEN Ringel, Ringel,
Im „Reigen“ drückt Arthur Schnitzler dem Publikum die Lupe in die Hand und lässt es voyeuristisch dabei zusehen, wie die Menschen lügen, Gewalt anwenden, umeinander werben und Eitelkeiten befriedigen. Diese Vorlage möchten Dietmar König und Alexandra Henkel gemeinsam ausloten.
Kopflos stürzen sich die Figuren in Arthur Schnitzlers „Reigen“ in ihre Liebesabenteuer. Alles andere als kopflos, aber auch nicht verkopft, werfen sich Alexandra Henkel und Dietmar König in ihre Inszenierung des einst skandalträchtigen Stücks. Ein großes Abenteuer ist es aber auf jeden Fall. „Es geht um Macht, Lust, Gewalt und stellt die Frage, ob Liebe überhaupt möglich ist. Das finden wir hochinteressant. Ist Liebe nur der tiefe Wunsch, den anderen Menschen besitzen zu wollen?“, so lauten einige der Gedanken, mit denen sich die beiden gerade beschäftigen. Das Stück spiele außerdem in einer Zeit, die der unseren nicht unähnlich ist, so Henkel und König. „Eine lange prosperierende Friedenszeit liegt hinter uns – jetzt wie damals. Wir wiegen uns in Sicherheit und verdrängen mit aller Kraft die Anzeichen möglicher, großer Ver -

änderungen und konzentrieren uns daher auf das Private und wie wir Befriedigung finden. Ein Date haben wollen, um jeden Preis, darum geht es. Das Stück lässt die Zuschauer*innen im besten Fall an dieser Lust teilhaben.“
PLATZ FÜR CHAOS
Darüber hinaus hat Schnitzlers messerscharfes, aber auch komisches Stück eine große Lebendigkeit, ist das Regieduo überzeugt. „Außerdem ist es ein ‚demokratisches‘ Stück, denn alle Schauspieler*innen kommen auf gleichberechtigte Weise vor, tragen gleichberechtigt Verantwortung, so wie wir das als Regieteam ebenfalls tun wollen.“
Alexandra Henkel und Dietmar König sind nicht nur fest am Burgtheater engagiert und führen Regie, sie sind auch ein Paar und haben eine Familie. Wie bekommt man das alles unter
einen Hut? „Wir haben drei Kinder, waren beide immer berufstätig und haben gelernt, dass selbst die beste Planung Platz für Chaos haben darf. Demzufolge haben wir uns vor ein paar Jahren noch einen Hund angeschafft“, so die klare Antwort des Duos. Sie teilen die Beobachtung, dass immer mehr Schauspieler*innen Regie führen, ohne das Spielen aufzugeben – „aus dem Wunsch nach größerer Selbstbestimmung und künstlerischer Freiheit“.
Der Neue Spielraum, in dem ihre „Reigen“Inszenierung zu sehen sein wird, hätte eine tolle Größe, halten Alexandra Henkel und Dietmar König abschließend fest. „Die Zuschauer*innen sind gefühlt sehr nah bei den Spielenden. Das ist herausfordernd und schön. Er ist prädestiniert für den ‚Reigen‘. Wir schauen durch das Schlüsselloch ins Schlafzimmer, aber diesmal von allen Seiten.“
























ENSEMBLE
Gekommen, um zu spielen. Insgesamt 44 Schauspieler*innen aus unterschiedlichen Häusern, Engagements und künstlerischen Zusammenhängen sind heuer in Reichenau zu sehen.
Alle Infos zu den Spieler*innen und zu den Regisseur*innen finden Sie auf der Website der Festspiele Reichenau.





















Raphael von Bargen Alex Kapl Nils Arztmann Bettina Schwarz Daniel Jesch
David Oberkogler Julius Béla Dörner
Stefanie Dvorak Elias Eilinghoff
Elena Hückel Emese Fáy
Eva Mayer Evi Kehrstephan
Alexandra Henkel
Nils Hausotte
Noah Saavedra Dirk Nocker
Oliver Urbanski Rafael Schuchter Roman Frankl
Martin Schwab Sebastian Wendelin Skye MacDonald Sona MacDonald Stefan Jürgens Therese Affolter Tim Werths
Helmut Bohatsch
Johanna Mahaffy
Dietmar König Anna Tropper
Jakob Semotan
Johanna Arrouas Joseph Lorenz
Peter Lesiak Lukas Haas
Lukas Watzl
Clara Wolfram
Markus Freistätter Moritz Mausser
Julia Stemberger Julia Edtmeier
Julienne Pfeil Gerhard Kasal
TÜREN AUF JUNGE MENSCHEN!

Auch in diesem Jahr möchten Maria Happel und ihr Team Schulklassen und Jugendliche dazu einladen, die Theaterproduktionen und die kreative Arbeit dahinter kennenzulernen. Denn junge Menschen sind nicht das Publikum von morgen, sie sind das Publikum von heute.
Inspirieren, Räume öffnen und Leidenschaft entfachen: Vermittlungsarbeit ist eine zentrale Säule der Festspiele Reichenau und wird daher im Jubiläumsjahr 2026 noch weiter ausgebaut. „Theater ist Leidenschaft für Sprache und Ausdruck. Theater ist Inspiration und Emotion. Theater eröffnet neue Perspektiven und schafft Raum für Reflexion. Theater ist analog! Um unsere Leidenschaft und das große Potenzial des Theaters weitergeben zu können, öffnen wir unser Theater speziell für junge Menschen!“, bringt Festivalleiterin Maria Happel die Bedeutung der Theatervermittlung auf den Punkt.
WORKSHOPS UND PROBENBESUCHE
Die Vermittlungsangebote richten sich vor allem an Schüler*innen und Jugendliche aus der Region.
Es gibt vorbereitende Workshops zu den Stücken in den jeweiligen Schulen und Proben- und Vorstellungsbesuche mit anschließender Fragerunde mit Ensemble und Regie. Die Theaterpädagogin Mirjam Cosima Bauer begleitet die Jugendlichen durch die jeweiligen Formate. Neben diversen Projekten und Hospitanzen, unter anderem im Theater der Jugend, im Burgtheater und im Musischen Zentrum Wien, hat sie mehrere Jahre lang Theaterworkshops mit arbeitssuchenden Jugendlichen gemacht.
Die Workshops werden auf die jeweilige Altersgruppe abgestimmt. Kinder zwischen fünf und acht Jahren lernen das Kinderstück „Der kleine Prinz“ und die Theaterarbeit auf spielerische Weise kennen, während bei den Jugendlichen ab 14 Jahren der Fokus darauf liegt, sich auf greifbare Weise mit dem jeweiligen Stück,
dem Autor oder der Autorin und auch mit der Arbeit hinter den Kulissen auseinanderzusetzen. Die Festivalleitung freut sich über steigendes Interesse der Schulen. So wird das BORG Wiener Neustadt die Anzahl der teilnehmenden Klassen in diesem Jahr noch etwas erhöhen.
ANGEBOTE FÜR JUGENDLICHE
Aber auch während des Festivals gibt es zahlreiche Angebote für junge Theaterbesucher*innen. So gilt für alle Vorstellungen: 50 Prozent auf den Ticketpreis für Kinder und Jugendliche bis 26 (Kindervorstellungen sind ausgenommen).
Außerdem gibt es bis zum Alter von 30 Jahren die Möglichkeit einer vergünstigten Jugendmitgliedschaft im Verein der Freunde der Festspiele Reichenau und vergünstigte Tickets für Jugendliche, die Generalproben besuchen möchten.
Theatervernttlung in Reichenau:
Für Kinder zwischen fünf und acht Jahren und Jugendliche ab 14 gibt es vorbereitende Workshops und die Möglichkeit eines Probenbesuchs mit Fragerunde. Für weitere Informationen und Anmeldung kontaktieren Sie bitte: office@festspiele-reichenau.at
Maria Happel, Künstlerische Leiterin der Festspiele Reichenau, im Gespräch mit jungen Theaterbesucher*innen.

MARTIN PRINZ
Wer. Alexandra Henkel und Dietmar König (Regie), mit: S. Dvorak, D. Jesch u. v. a. Wann. ab 2. Juli Wo. Neuer Spielraum

Wer. Philipp Hauß (Regie), mit: N. Saa-vedra, J. Mahaffy, M. Schwab u. v. a.
Wann. ab 3. Juli
Wo. Südbahnhotel

Wer. Johanna Arrouas (Regie), mit: A. Kapl, S. MacDonald, C. Wolfram
DAS PR0GRAMM IM JUBIL A UMSJAHR 2026
Türen auf! Herzen auf! Vorhang auf!
Mit mehr als 130 Vorstellungen gehören die Festspiele Reichenau zu den bedeutendsten Sprechtheaterfestivals im deutschsprachigen Raum. Im Jahr 2026 feiern die Festspiele ein besonderes Jubiläum: 100 Jahre Theater Reichenau. Das Jubiläumsprogramm wird die großen Stationen dieser Geschichte und die kulturellen Erinnerungen der Region in neuer Lebendigkeit auf die Bühne bringen – als Hommage an ein Jahrhundert Theaterkultur in Reichenau.
REICHENAU SPEZIAL
AUSSTELLUNG
DIE LETZTEN TAGE

Wer. Alexandra Liedtke (Regie), mit: J. Lorenz, J. Pfeil, D. Oberkogler, O. Urbanski Wann. ab 4.Juli Wo. Theater Reichenau


Wer. Gordon Greenberg (Regie), mit: J. Stemberger, N. Arztmann u. a. Wann. ab 5. Juli
Wo. Neuer Spielraum

100 JAHRE THEATER REICHENAU
Wann. ab 10. Juli
Wo. Neuer Spielraum
1. Juli – 2. August
Wer. Maria Happel (szenische Einrichtung), mit: T. Affolter, J. Semotan u. v. a. Wann. ab 12. Juli Wo. Theater Reichenau
Wer. Nils Strunk und Lukas Schrenk (Regie), mit: M. Mausser, J. Edtmeier u. v. a. Wann. ab 1. Juli Wo. Theater Reichenau

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Theaters Reichenau zeigt eine Sonderausstellung in insgesamt sieben Räumen, wie sich aus einem einfachen Laientheater ein moderner Theaterbetrieb entwickeln konnte. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Inhaber des „Thalhofs“ sowie des heutigen „Marienhofs“, die zahlreiche wichtige Gäste aus der Kulturszene beherbergten. Als Korrespondenzpartnerin von Arthur Schnitzler nahm Olga Waissnix, die Thalhofwirtin, einen ganz besonderen Platz ein. Das heutige Theater fand seinen Ursprung in einer ehemaligen „Holzschleife“. 1922 wurde das Industriegebäude von der Gemeinde erworben und 1926 als „Theater- und Konzerthaus“ eröffnet – mit Johann Strauß’ Operette „Die Fledermaus“. Nach einem vielversprechenden Beginn wurde das Theater jedoch ab den 1930er Jahren zunehmend als Kino genutzt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte das „Niederösterreichische Kammerschauspiel“ unter der Leitung von Erich L. Koller für neue Impulse.Mit der Gründung des „Kulturvereins Reichenau“ im Jahr 1981 gestalteten Peter und Mag. Renate Loidolt den Übergang zu den erfolgreichen Veranstaltungsreihen „Kunst und Künstler in Reichenau“, aus denen schließlich die „Festspiele Reichenau“ hervorgingen. Neben einer Zeitreise durch die Geschichte des Theaters Reichenau widmet sich ein Ausstellungsraum auch dem jüngsten Kapitel des Hauses: der neuen Ära der „Festspiele Reichenau“ unter der Intendanz der Kammerschauspielerin und Regisseurin Maria Happel.
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ALLES, WAS WICHTIG IST
KARTENBÜRO
THEATER REICHENAU
Hauptstraße 28 2651 Reichenau an der Rax
Bis 10. Juni: Fr von 10–16 Uhr
Ab 10. Juni: Mi bis So 10–16 Uhr
Ab 1. Juli: Mi bis So 10 Uhr bis Beginn der letzten Vorstellung in Reichenau (15:30 bzw. 19:30 Uhr)
KARTENBÜRO WIEN
Herrengasse 10, 1010 Wien
Dienstag bis Freitag 9–17.30 Uhr (an Feiertagen geschlossen)
INFOPOINT IM SÜDBAHNHOTEL
SEMMERING:
Ab 90 Minuten vor Vorstellungsbeginn.
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KLANGWOLKEN
04/09/2026
Tonkünstler-Orchester
Niederösterreich
Fabien Gabel · Dirigent

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Zugunsten von
4
„Ich sage immer: Bei uns geht man nicht über einen roten Teppich, sondern über einen grünen Rasen. Das ist nicht nur ein hübscher Satz – es stimmt.“
Cover: Rudolf Buchbinder
10
„Vogelstimmen mischen sich in leise Passagen, der Wind trägt Klangfragmente über die Wiesen, und wenn die Sonne langsam hinter den Bäumen versinkt, entsteht eine Atmosphäre, die kein Innenraum je reproduzieren könnte
Das Wunder Wolkenturm
18
„Nicht nur der Klang wird neu gedacht. Es ist auch der Blick. Großzügige Fenster öffnen den Saal nach außen und machen die Landschaft selbst zum Teil der Aufführung. Park, Schloss und Wolkenturm werden zur Kulisse –ein visuelles Echo der Musik. “ Über den Rudolf Buchbinder Saal
22
„Gerade diese Verbindung aus Tradition, künstlerischer Exzellenz, Nachwuchsförderung, Vermittlung und großen Konzertmomenten macht Grafenegg für die Tonkünstler so besonders.“
Frank Druschel, Geschäftsführer Tonkünstler-Orchester Niederösterreich
Inhalt
Sonderausgabe Grafenegg Festival
30
„Ich bin sehr sensibel, das ist das größte Geschenk und die größte Herausforderung, besonders für einen Künstler. Es ist manchmal schwierig, aber ich denke, es ist wichtig, sich so zu fühlen, um auf der Bühne wirklich kommunizieren zu können. “
Asmik Grigorian
32
„Man muss deshalb das Stimmhandwerk so gut beherrschen, damit man überhaupt nicht nachdenken muss, ob der Klang sauber ist oder gesund oder schwingend oder ob die Farbe passt.“
Piotr Beczała
38
„Künstlerische Exzellenz fällt nicht vom Himmel, sondern sie muss wachsen – mit Raum, Zeit und Menschen, die bereit sind, diesen Prozess zu begleiten.“
Über Exzellenzförderung

Coverfoto: Julia Wesely

4
Rudolf Buchbinder leitet seit 2007 die künstlerischen Geschicke des Grafenegg Festivals.
22
Fabien Gabel ist seit einem Jahr Chefdirigent des TonkünstlerOrchesters Niederösterreich.

Impressum
Herausgeber Wiener Bühnenverein, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien, Österreich ZVR-Zahl: 294353292 Präsident Prof. Dr. Franz Patay, Geschäftsführer Vereinigte Bühnen Wien Verleger & Medieninhaber Falstaff Verlags-Gesellschaft m.b.H., UID: ATU14913209 Redaktionsort des Medieninhabers: Schottenring 2–6, 1010 Wien, T: +43 1 9042141, F: +43 1 9042141-450 Geschäftsführung Wolfgang M. Rosam, Mag. Elisabeth Kamper Chefredakteur Atha Athanasiadis Stv. Chefredakteur*in Mag. Klaus Peter Vollmann, Mag. Sarah Wetzlmayr Art Direction Maximilian Kamper Fotochefin Kerstin White Online Bernadette Sarman Lektorat Mag. Sandra Bak Produktion Philipp Wagner Chefinnen vom Dienst Mag. Aline Mareiler, Marlene Tragut Media Sales & Kooperationen Lisa Tschnernig, M. A. (Geschäftsleitung Sales), Dr. Jasmin Wolfram (Head of Sales), Christiane Ceccarelli (Sales-Koordination), anzeigen@buehne-magazin.com Advertorial-Management Amelie Wagner Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz: Informationen zum Medieninhaber sind ständig und unmittelbar unter folgender Webadresse auffindbar: buehne-magazin.com/impressum Druck Druckerei Berger, Wiener Straße 80, 3580 Horn Vertrieb Presse Großvertrieb Austria Trunk GmbH, Urstein Süd 13, 5412 Puch, pgvaustria.at, Einzelverkaufspreis: € 9,90, Jahresabonnement: € 69,–, Hinweis: Nicht gekündigte Abonnements gelten automatisch als verlängert. Bei Fragen zu Ihrem BÜHNE- bzw. Theaterabo, Adressänderungen etc. wenden Sie sich bitte an das jeweilige Theater Kontakt Redaktion: redaktion@buehnemagazin.com Kontakt Abo-Service: abo@buehne-magazin.com Kontakt Anzeigen: anzeigen@buehne-magazin.com Kontakt Wiener Bühnen Verein: Ruth Pfletschinger, T: +43 1 58830-1532, E-Mail: office@buehnenverein.at, Internet: www.buehnenverein.at
TEXT Atha Athanasiadis.

SÜNDE
Rudolf Buchbinder vor dem Wolkenturm.
Weltpianist Rudolf Buchbinder hat aus einer tollkühnen Kulturvision ein international hochgeachtetes und vom Publikum viel geliebtes Festival gemacht. Bald wird der Maestro 80 und gibt nach 20 Jahren den Intendantenstab weiter. Ein Gespräch über das, was ist, und das, was kommt.
Man kann es gar nicht oft genug sagen: Die künstlerische und visionäre Leistung, mitten in einer kulturellen Pampa ein Konzertfestival der absoluten Champions League hochzuziehen, ist immens. Dafür benötigt es nicht nur die finanziellen Mittel und politischen Willen, sondern auch eine Leitfigur, die weltweit so fest im Sattel sitzt, dass ein Anruf reicht, um die Großen der Branche zu locken.
Hier in Grafenegg – keine Autostunde weg von Wien – ist aus einem idyllischen Areal und einem klassizistischen Schloss mit der Freiluftarena Wolkenturm mit 1.700 Sitz- und 400 Rasenplätzen samt britischer Parkeleganz, dem Auditorium mit 1.300 Plätzen sowie dem neu eröffneten Rudolf Buchbinder Saal etwas entstanden, das man schlichtweg ein Wunder nennen muss. Wenn sich Rudolf Buchbinder nach 20 Jahren zurückziehen wird – er übergibt an Johannes Neubert, der bereits in den Gründungsjahren als Geschäftsführer mitgewirkt hat –, bleibt der Weltstar als Präsident und Künstler dem Festival weiter erhalten.
Beim BÜHNE-Gespräch ist Buchbinder hoch konzentriert, seine Augen blitzen vor Vorfreude auf das Festival. Man wünscht sich: Bitte, lass uns mit 79 auch noch so sein ...
Rudolf BUCHBINDER
hat im Alter von fünf Jahren die Aufnahmeprüfung für die Musikakademie geschafft. Der Rest ist Legende. Buchbinder gilt weltweit als einer besten Pianisten und war in den vergangenen 20 Jahren Intendant in Grafenegg. Er ist seit 60 Jahren mit seiner Frau Agnes verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn.
Herr Buchbinder, gibt es eigentlich Interviewfragen, die Sie nicht mehr beantworten wollen?
Ich sage immer, auf dumme Fragen gebe ich eine dumme Antwort. (lacht)
Na dann schauen wir mal, was passiert. Fangen wir ganz grundsätzlich an: Was bedeutet Klavierspielen für Sie?
Das Klavier ist mein Lebensinhalt. Das war es eigentlich immer schon. Ich bin 1946 geboren, also unmittelbar nach dem Krieg, und wir haben in einer wirklich winzigen Wohnung gelebt. Dort stand ein gemietetes Pianino. Gemietet war es allerdings nicht für mich, sondern für meinen um acht Jahre älteren Bruder. Auf diesem Klavier stand ein Radio und darüber hing an der Wand die Lebendmaske von Beethoven. Viele glauben ja immer, das sei die Totenmaske – das stimmt aber nicht. Es ist natürlich die Lebendmaske. Die Totenmaske könnte man gar nicht anschauen. Mich haben diese schwarzweißen Tasten von Anfang an fasziniert. Und alles, was ich im Radio hörte, habe ich versucht, am Klavier nachzuspielen. Ich konnte ja keine Noten, ich konnte eigentlich gar nichts – aber ich wollte es sofort ausprobieren.
Wie alt waren Sie da? Vier? Fünf?
Ungefähr vier. Sehr jung jedenfalls. Und dann gab es in der Familie einen Onkel – nicht blutsverwandt, aber eng mit uns verbunden –, der ein bisschen Musik gemacht hat, mit Zither und Ziehharmonika. Der hat in einer Zeitung gelesen, dass die Wiener Musikakademie junge Talente sucht. Also hat er mich zur Aufnahmeprüfung gebracht. Mit fünf Jahren habe ich diese Aufnahmeprüfung gemacht.
Wissen Sie noch, was Sie dort gespielt haben?
Ja, sehr genau sogar: „Ich möchte gern dein Herz klopfen hören.“ Und dazu gibt es eine wunderbare Geschichte. Rund vierzig Jahre später schickte mir eine ältere Dame die Noten dieses Stücks. Sie hatte irgendwo gelesen, dass ich das damals bei der Aufnahmeprüfung gespielt hatte. So bin ich Jahrzehnte später wieder an die Noten gekommen. Das war natürlich eine schöne Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Das Entscheidende ist die Spontaneität. Der Moment der Interpretation ist wichtig. Die Emotionen sind
wichtig. Und auch die Nervosität ist wichtig. Deshalb habe ich Liveaufnahmen immer sehr gemocht. Wenn ich ins Studio gehe, fehlt etwas. Da fehlt oft genau das, was Musik lebendig macht: die Spontaneität, die Unmittelbarkeit, die innere Spannung.
Sie sagen das so selbstverständlich – aber warum ist Nervosität für Sie etwas Positives? Viele Künstler versuchen doch eher, sie loszuwerden.
Ich werde immer nervöser, je älter ich werde. Früher war das anders. Heute ist es so: Im Künstlerzimmer ist alles in Ordnung. Aber sobald ich ich bspw. im Musikverein diesen Gang zur Bühne sehe, kommt mir das vor wie im Zirkus, wenn die Löwen auftreten. Da werde ich selbst zum Löwen – oder vielleicht eher zu jemandem, der gleich in die Manege muss. Die Finger werden eiskalt. Erst auf der Bühne, nach einer kurzen Zeit, wird es wieder normal.
Das überrascht viele vermutlich. Man denkt bei jemandem wie Ihnen, dass diese Souveränität irgendwann ganz selbstverständlich wird. Nein, im Gegenteil. Die Erwartungen werden ja größer – und vor allem die eigenen Erwartungen. Die zu erfüllen, ist fast unmöglich. Man muss ja nicht nur gut spielen. Man muss die Erwartungen eines Publikums übertreffen. Erfüllen allein ist zu wenig. Und wenn man international unterwegs ist – in Tokio, Hongkong, Paris, New York –, dann kommt man ja nicht jede Woche wieder. Wenn man zurückkehrt, muss das Publikum denken: Ja, da gehe ich wieder hin. Daran misst man sich.
Wie entscheidet sich dann im konkreten Moment, wie Sie ein Stück anlegen?
Das Studium eines Werks dauert Jahre. Je mehr Zeit man hat, desto besser. Und desto mehr bleibt im Körper. Werke, die man schnell lernen muss – das macht man als Student öfter, wenn plötzlich jemand anruft und fragt: „Können Sie einspringen? Haben Sie das Konzert im Repertoire?“ Natürlich sagt man dann: „Ja, selbstverständlich.“ Auch wenn man die Noten noch nie gesehen hat. Dann lernt man es eben in zwei, drei Tagen. Das ist möglich. Aber solche Werke verschwinden oft auch wieder schnell. Sie sind nicht wirklich tief verankert. »
Rudolf Buchbinder
Bei uns geht man nicht über einen roten Teppich, sondern über einen grünen Rasen. – Rudolf Buchbinder, Starpianist & Intendant
Sie haben ein riesiges Repertoire. Was passiert, wenn man ein Werk hundertmal oder zweihundert Mal gespielt hat? Besteht da nicht die Gefahr, dass die Hände irgendwann auf Autopilot schalten?
Nein. Das halte ich für unmöglich. Die Finger dürfen nicht tun, was sie wollen. Sie müssen tun, was ich will. Das ist ganz wesentlich.
Und wie bringt man ihnen das bei? Sie müssen folgen. Gott sei Dank sind sie gut erzogen.
Das klingt leicht, ist aber vermutlich das Ergebnis eines ganzen Lebens. Ja, natürlich. Es geht auch nicht nur um die Finger. Wenn man ein Werk wirklich solide und lange studiert, dann ist es im ganzen Körper. Man ist mit ihm verwachsen. Und je mehr man über ein Werk weiß, desto freier kann man es spielen.
Was mich an Ihrem Spiel immer fasziniert, ist Ihr Umgang mit Pausen. Diese Momente, in denen plötzlich Stille entsteht und der ganze Saal den Atem anhält. Ist das eine bewusste Technik?
Das hat sich im Laufe der Jahre entwickelt. Als junger Pianist habe ich das sicher nicht so gemacht. Aber irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man freier wird. Aber es ist nicht einfach warten. Es ist atmen. Das ist ein großer Unterschied. Zu spät ist nie ein Problem – zu früh ist eine Sünde.
Das ist ein wunderbarer Satz. Wie funktioniert das im Zusammenspiel mit Orchester oder
Kammermusikpartnern? Müssen die Ihre Atembögen kennen? Man muss gemeinsam atmen. Sonst soll man sich gar nicht gemeinsam hinsetzen. Da helfen auch zwanzig Proben nichts. Es darf keinen faulen Kompromiss geben. Es muss funktionieren – oder es funktioniert nie.
Wenn Sie das Klavier jemandem beschreiben müssten, der keine musikalische Sprache hat – was ist das für ein Instrument? Es ist ein Instrument mit ungeheuren Möglichkeiten. Die Variationsbreite ist enorm. Es beginnt schon bei der Unabhängigkeit der Hände – darum beneiden uns viele andere Instrumentalisten. Die linke Hand kann etwas völlig anderes tun als die rechte. Nehmen Sie den dritten Satz des fünften Beethoven-Konzerts: In der rechten Hand haben Sie einen Dreiviertelcharakter, in der linken etwas ganz anderes. Diese Gleichzeitigkeit, diese Mehrschichtigkeit – das ist faszinierend.
In Österreich ist Grafenegg längst ein Begriff, weit über die Klassikszene hinaus. Sie haben dazu entscheidend beigetragen. Wie ist dieses Projekt für Sie gewachsen?
Zuerst einmal war da der Instinkt von Erwin Pröll. Ein unglaublicher Instinkt. Er sagte: „Wir brauchen hier Kultur.“ Dann fragte er mich, ob ich die künstlerische Leitung übernehmen möchte. Und ich war sofort begeistert von der Idee.
Warum?
Weil es dort von Anfang an Freiraum gab. In all den Jahren hat sich die Politik nie künst -
lerisch eingemischt. Das ist ein großes Glück und keineswegs selbstverständlich. Ich konnte engagieren, wen ich wollte. Und mein Prinzip war immer: Nach Grafenegg kommt die Crème de la Crème. Nicht Freunde, nicht Verwandte, nicht irgendwelche Gefälligkeiten. Das Publikum hat ein Recht darauf, die Besten zu hören – die besten Orchester, Dirigentinnen und Dirigenten, Solistinnen und Solisten.
Was ist es, das Grafenegg für Künstler so besonders macht? Viele wollen immer wiederkommen. Die Atmosphäre. Die Betreuung. Der Ort selbst. Ich sage immer: Bei uns geht man nicht über einen roten Teppich, sondern über einen grünen Rasen. Das ist nicht nur ein hübscher Satz – es stimmt. Man hat dort ein riesiges Gelände, eine Offenheit, eine besondere Ruhe. Man kann den ganzen Tag dort verbringen. Das alles schafft etwas Einzigartiges.
Sie haben bewusst nie mit einem Festivalmotto gearbeitet. Warum?
Weil ich das nicht mag. Ich will niemanden zwingen, unter einem Motto zu spielen. Jeder soll das spielen, was er am besten kann, womit er am stärksten ist, womit er das Publikum wirklich erreicht. Alles andere ist oft künstlich. Wenn ich einem Künstler sage: Du musst jetzt dieses oder jenes Werk spielen, weil es zum Motto passt, dann nimmt man ihm Freiheit. Das lehne ich ab.
War es Ihnen dabei auch wichtig, Menschen zu erreichen, die vielleicht zum ersten Mal mit klassischer Musik in Berührung kommen?
Ja, unbedingt. Und ich glaube, das ist in Gra-

Rudolf Buchbinder am Klavier. Im BÜHNE-Gespräch sagt er: „Ich will niemanden zwingen, unter einem Motto zu spielen. Jeder soll das spielen, was er am besten kann, womit er am stärksten ist, womit er das Publikum wirklich erreicht. Alles andere ist oft künstlich.“
fenegg gelungen. Viele Menschen waren dort zum ersten Mal überhaupt in einem klassischen Konzert. Das freut mich. Und da stört es mich überhaupt nicht, wenn nach einem Satz applaudiert wird. Zu Mozarts Zeiten war das völlig normal. Wenn viel applaudiert wurde, spielte man den Satz noch einmal. Diese heutige Verkrampfung muss nicht sein. Wichtig ist doch, dass Menschen Zugang finden.
Nun gibt es dort auch einen Saal, der Ihren Namen trägt. Was macht das mit einem?
Es macht mich vor allem demütig. Wirklich. Es ist etwas sehr Berührendes. Dass man das selbst erleben darf, ist nicht selbstverständlich. Es ist kein Triumphgefühl. Eher große Dankbarkeit und Demut.
Haben Sie sich in die Akustik eingebracht? So ein Saal muss ja nicht nur schön aussehen, sondern auch klingen. Nein, das wäre zu vermessen. Davon verstehe ich zu wenig. Das müssen die Fachleute machen, die Akustiker. Ich kann kein Klavier stimmen und ich kann auch keinen Saal bauen. Dafür gibt es Experten. Aber ich glaube, dieser Saal wird ein Juwel.
Wenn man Ihnen zuhört, hat man das Gefühl, dass Musik für Sie nie bloß Ästhetik ist, sondern immer auch Wahrhaftigkeit.
Ja, das ist richtig. Alles spiegelt sich in der Musik. Jeder Gemütszustand, jede Laune, jedes Unwohlsein, jedes Glück. Man kann sich in der Musik nicht verstecken. Deshalb muss man mit sich selbst möglichst im Reinen sein.
Ist das vielleicht das Geheimnis großer Interpretationen – dass da nicht nur jemand richtig spielt, sondern dass jemand wahrhaftig spielt?
Vielleicht. Musik verzeiht keine Unaufrichtigkeit. Sie zeigt alles.
Gibt es bei Ihnen noch den inneren Schweinehund, der sagt: Heute mag ich nicht üben?
Ja, natürlich. Es gibt Tage, da rühre ich das Klavier überhaupt nicht an. Ich habe nie nach einem festen Schema geübt. Nie nach dem Motto: jeden Tag so und so viele Stunden. Ich habe immer dann geübt, wenn ich es brauchte. Wenn das Verlangen da war.
Das klingt fast unromantisch nüchtern.
Vielleicht. Aber wenn ich übe, dann mit voller Konzentration. Nach einer halben Stunde bin ich oft genauso erschöpft wie nach einem Konzert. Die Konzentration ist das Allerwichtigste. Ich war nie der Typ, der stundenlang Tonleitern rauf- und runterspielt.
Also eher Intensität als Dauer. Ja. Effizienz ist mir wichtig.
Sie wirken überhaupt wie ein sehr organisierter Mensch. Das bin ich auch. Ich versäume nichts. Und ich verschwende zu Hause keine Sekunde mit Suchen. Ich brauche nie etwas zu suchen. Dafür ist mir die Zeit zu schade.
Viele Menschen sagen: Man hört sofort, dass Sie spielen. Was macht diesen Klang aus?
Die Arbeit am Klang ist eines der wichtigsten Dinge für mich. Vielleicht das Wichtigste überhaupt. Der Klang ist nicht etwas Nebensächliches. Er ist das Zentrum.
Was heißt „Arbeit am Klang“ konkret?
Dass der Klang von mir kommt. Nicht vom Instrument allein. Natürlich hat jedes Instrument seine Eigenschaften, aber entscheidend ist, was man hineingibt. Ich spiele deshalb auch Steinway. Das klingt jetzt vielleicht hart, aber Steinway ist in gewisser Weise ein relativ unpersönliches Klavier. Es hat nicht so stark einen vorgefertigten Eigencharakter wie etwa ein Bösendorfer oder ein Bechstein. Aber gerade deshalb ist es für mich ideal: Es gibt exakt das wieder, was man ihm gibt. Ich forme den Klang – nicht das Klavier formt den Klang für mich.
Das heißt aber auch: Wenn man es nicht kann, schützt einen dieses Instrument nicht.
Natürlich. Wenn man schlecht mit ihm umgeht, reagiert es genauso.
Viele Menschen waren in Grafenegg zum ersten Mal in einem klassischen Konzert. Das freut mich sehr.
– Rudolf Buchbinder, Starpianist & Intendant
Infos & Tickets: www.grafenegg.com
Das 20. Grafenegg Festival bietet vom 14. August bis 6. September 2026 ein hochkarätiges Jubiläumsprogramm. Zu den Highlights zählen das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter Santtu-Matias Rouvali mit Vikingur Ólafsson am 29. August mit Werken von Beethoven und Prokofjew. Die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Lahav Shani spielen gemeinsam mit Martha Argerich am 2. September Beethoven und Brahms.
Rudolf Buchbinder eröffnet das Festival am 14. August mit dem Philharmonia Orchestra London unter Christian Măcelaru und Beethovens Chorfantasie, im Anschluss folgen Carl Orffs «Carmina Burana». Zum Abschluss des Festivals wird er gemeinsam mit dem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini unter der Dirigentenlegende Riccardo Muti Mozarts d-Moll-Klavierkonzert aufführen.

© Beatrice Schreiner
DAS WUNDER

Mitten in der Natur: einer der wunderbarsten Konzertsäle.
WOLKENTURM
Mit dem Wolkenturm in Grafenegg wurde Kultur völlig neu definiert – aber nicht nur das, sondern auch der Klang sowie das Erleben und Erhören von Hochkultur. Ein Platz für große Orchester und große Stimmen.
Er ragt aus dem Schlosspark wie eine Vision – kantig, kühn, beinahe unwirklich – und wirkt doch, als wäre er genau hier gewachsen: der Wolkenturm. Was auf den ersten Blick wie eine skulpturale Intervention in die Landschaft erscheint, ist in Wahrheit eines der radikalsten und erfolgreichsten Kulturprojekte Österreichs. Eine Bühne, ja. Aber ebenso ein architektonisches Statement, ein sozialer Treffpunkt, ein akustisches Wunder –und vielleicht das überzeugendste Beispiel dafür, wie sich Hochkultur neu erfinden kann, ohne sich selbst zu verlieren.
Die Frage, was der Wolkenturm eigentlich ist, lässt sich erstaunlich einfach beantworten: alles zugleich. Hier klingen die großen Orchester, hier singen die tollen Stimmen – und hier sitzt ein Publikum, das so vielfältig ist wie sonst kaum irgendwo im Land. Zwischen Picknickdecken und Abendroben verschwimmen die Grenzen. Kultur wird nicht mehr nur konsumiert, sie wird erlebt.
DAS GROSSE WAGNIS
Dass dieses Konzept heute so selbstverständlich wirkt, war keineswegs von Anfang an ausgemacht. „Es gab viele Zweifler“, erinnert man sich in Grafenegg. Doch der Pianist Rudolf Buchbinder glaubte früh an die Idee eines internationalen Festivals in dieser ländlichen Umgebung. Unterstützt wurde das Projekt maßgeblich von der Politik, etwa durch Erwin Pröll und Johanna Mikl-Leitner. Was damals wie ein Wagnis erschien, hat sich längst als kulturelles Wunder etabliert – eines, das seit bald zwei Jahrzehnten Jahr für Jahr aufs Neue stattfindet.
Die Zahlen erzählen eine klare Geschichte: War Grafenegg vor 2007 noch eine eher be-
schauliche Marktgemeinde, so entwickelte sich der Ort mit der Gründung des Festivals zu einem internationalen Anziehungspunkt. Die Besucherzahlen haben sich mehr als verdreifacht: von rund 15.000 auf etwa 50.000 pro Saison. Ein Wachstum, das ohne den Wolkenturm kaum denkbar gewesen wäre.
Der Wolkenturm in Grafenegg ermöglicht ein neues Erleben von Hochkultur.
Denn so spektakulär die Architektur ist – ihr größtes Geheimnis liegt im Klang. Der Kulturjournalist Heinz Sichrovsky spricht von einem „Phänomen“. Tatsächlich gilt die Akustik des Wolkenturms als eine der besten im Open-AirBereich weltweit. Verantwortlich dafür ist der
»
Ein englisches Park-Ambiente mitten in Niederösterreich – einzigartig.

Der Wind trägt Klangfragmente über die Wiesen, und die Natur tritt in einen Dialog mit den Orchestern und den Stimmen.
renommierte Akustiker Karlheinz Müller, der bereits das Sidney Opera House entscheidend geprägt hat. Seine Lösung in Grafenegg: eine Bauweise, die den Schall bündelt und gezielt in die amphitheaterartige Tribüne lenkt. Das Ergebnis ist verblüffend – selbst auf den hinteren Plätzen bleibt der Klang klar, präsent und differenziert.
VOGELSTIMMEN UND DER WIND
Dabei ist der Wolkenturm kein abgeschlossener Konzertsaal, sondern bewusst offen gedacht. Vogelstimmen mischen sich in leise Passagen, der Wind trägt Klangfragmente über die Wiesen, und wenn die Sonne langsam hinter den Bäumen versinkt, entsteht eine Atmosphäre, die kein Innenraum je reproduzieren könnte. Natur und Musik treten hier in einen Dialog, der jedes Konzert zur Grenzerfahrung macht.
Architektonisch stammt der Entwurf von Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs vom Büro „the next ENTERprise-architects“. Ihr Konzept: kein Fremdkörper, sondern ein Bauwerk, das sich mit der Landschaft verzahnt. Je nach Perspektive verändert der Wolkenturm seine Gestalt, wirkt mal monumental, mal beinahe flüchtig. Die Wege im Park sind so angelegt, dass sich dem Besucher immer neue Blickachsen eröffnen – ein bewusst inszeniertes Spiel aus Nähe und Distanz, aus Offenheit und Konzentration.
JAHRHUNDERTELANGE TRADITION
Dabei reicht die musikalische Tradition Grafeneggs weit zurück. Schon im 13. Jahrhundert
erstmals urkundlich erwähnt, war das Schloss über Jahrhunderte ein Ort höfischer Kultur. Öffentliche Konzerte jedoch etablierten sich erst in den 1970er-Jahren, initiiert vom Gutsverwalter Gerhard Großberger und dem damaligen Schlossherrn Franz-Albrecht Metternich-Sándor. Was als kleine Konzertreihe begann, entwickelte sich über Jahrzehnte hinweg zu einem festen Bestandteil des regionalen Kulturlebens – bis schließlich die Vision eines internationalen Festivals entstand.
DER TURM, ACH, DIESER TURM
Mit der Fertigstellung des Wolkenturms im Jahr 2007 begann ein neues Kapitel. Seither bietet die Bühne Platz für 1.700 Sitzplätze sowie zusätzliche Rasenflächen, die das Konzerterlebnis bewusst niederschwelliger machen. Hier sitzt man nicht nur, hier verweilt man. Familien, Musikliebhaber, Neugierige – sie alle teilen denselben Raum, ohne dass sich die Kunst verbiegt. Gerade in dieser Offenheit liegt die eigentliche Stärke des Wolkenturms. Er ist kein elitärer Tempel, sondern ein Ort der Begegnung. Ein Raum, in dem sich Tradition und Gegenwart, Anspruch und Leichtigkeit, Architektur und Natur gegenseitig durchdringen. Vielleicht ist es genau das, was ihn so besonders macht: dass er nicht nur gebaut wurde, sondern gewachsen ist – aus einer Idee, aus Mut, aus Überzeugung. Und so steht er heute da, mitten im Park von Grafenegg, und scheint doch ein Stück darüber hinauszureichen. Wie ein Versprechen, dass Kultur dann am stärksten ist, wenn sie sich öffnet.



Perfekter Genuss für das Publikum: Der Wolkenturm in Grafenegg.
HÖHEPUNKTE2026
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2.
GRAFENEGG-DEBÜT VON MARTHA ARGERICH
Münchner Philharmoniker · Lahav Shani
Martha Argerich ist ein Phänomen. Sie scheint nie still zu sitzen, wirkt zeit- und alterslos und vor allem: Sie spielt in ihren 80ern mit jenem Feuer, das sie sich ein Leben lang wie durch Magie erhalten konnte. Das verbindet sie mit Rudolf Buchbinder, die beiden kennen einander seit Wiener Studienjahren. Für ihr Grafenegg-Debüt wählte die Wunderpianistin eines ihrer Leib- und Magenstücke, Beethovens B-Dur-Klavierkonzert, das Spielwitz, Widerborstigkeit und lyrische Momente wie selbstverständlich vereint. Martha Argerich liebt es, mit anderen gemeinsam auf der Bühne zu sitzen, Solorezitals hat sie aus ihrem Leben weitgehend verbannt. Einer ihrer liebsten Partner auf der Bühne wurde in den vergangenen Jahren Lahav Shani, der neue Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, mit ihm, der auch ein hervorragender Pianist ist, bestreitet Martha Argerich auch gerne Duoabende. In Grafenegg darf man sich vielleicht auf eine vierhändige Zugabe freuen.


6. SEPTEMBER
GRAFENEGG-DEBÜT VON RICCARDO MUTI
Orchestra Giovanile Luigi Cherubini · Rudolf Buchbinder
Riccardo Muti feiert sein Grafenegg-Debüt gemeinsam mit seinem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini. Rudolf Buchbinder höchstpersönlich ist als Solist dabei an diesem außergewöhnlichen Abend. Die beiden Freunde verbindet ihre Neugier, ihre Spontaneität und ihr Humor – drei Zutaten, die ein langes, glückliches Musikerleben erst möglich machen. Riccardo Muti setzt sich als einer der berufensten Interpreten sein Leben lang für die Musik Giuseppe Verdis ein. Nach Grafenegg bringt er die Ballettmusik aus „I vespri siciliani“ mit und das Notturno des in unseren Breiten wenig gespielten Giuseppe Martucci – sowie als Auftakt die Ouvertüre zu Domenico Cimarosas Oper „Il matrimonio segreto“. Und Rudolf Buchbinder? Er verabschiedet sich mit Mozarts d-Moll-Konzert nach 20 unvergesslichen Sommern als künstlerischer Leiter. Die Botschaft des Abends teilt er mit Riccardo Muti, wenn zwei legendäre Interpreten mit mehr als einem Jahrhundert an Berufserfahrung gemeinsam für die Weitergabe großer Musiziertradition an die nächste Generation sorgen.
3. SEPTEMBER
DIE WIENER PHILHARMONIKER
Tugan Sokhiev
Die Wiener Philharmoniker gehören zu den Spitzenorchestern, die Grafenegg seit Anbeginn die Treue halten und hier für unzählige Sternstunden gesorgt haben. Daran ändert sich auch im Sommer 2026 nichts. Programmatisch bleiben sie dabei heuer ganz bei ihrem Kernrepertoire, das niemand besser spielt als sie. Da ist zuerst Wolfgang Amadeus Mozarts sogenannte „kleine“ g-Moll-Symphonie KV 183, die ihren Beinamen nur wegen der späteren, berühmten g-Moll-Schwester trägt. Der 17-jährige Salzburger vollendete diese 25. Symphonie 1773. Gustav Mahler, der seinerzeit als legendärer Wiener Operndirektor bei der Komposition seiner großen Symphonien schon den Klang der Wiener Philharmoniker als Ideal im Kopf hatte, überarbeitete seine große 1. Symphonie immer wieder, feilte an ihr, gab ihr einen Namen und strich ihn wieder aus. Eine „ganze Welt“ in Tönen errichten, das braucht Zeit. Und es wurde eine große, märchenhafte Welt, wie angegossen für die Wiener Philharmoniker.

5. SEPTEMBER

LAHAV SHANI
Rotterdam Philharmonic Orchestra
Rudolf Buchbinder · Martin Fröst Münchner Philharmoniker · Martha Argerich
Lahav Shani gastierte erstmals beim Grafenegg Festival 2019, auch damals schon mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra. Sechs Jahre später kehrt er zum Doppelgastspiel zurück, und er verabschiedet sich mit diesen Konzerten in Grafenegg auch als Chefdirigent. Im September 2018 hat er als damals jüngster Chefdirigent in der 100-jährigen Geschichte des Klangkörpers die Rotterdamer übernommen. In Grafenegg dirigiert er einige große und großartige Werke der Musikgeschichte: Brahms’ 1. Klavierkonzerte mit Rudolf Buchbinder, Mozarts Klarinettenkonzert mit Martin Fröst, Beethovens „Eroica“, die Ouvertüre „Cyrano de Bergerac“ von Johann Wagenaar und zum Finale am zweiten Abend dann die sonnige 2. Symphonie von Johannes Brahms. Lahav Shani hat freilich keine Zeit für großen Abschiedsschmerz, kehrt er doch schon einige Tage später zum Antrittskonzert mit den Münchner Philharmonikern, seinem neuen Orchester, nach Grafenegg zurück – mit Martha Argerich, die ihr Grafenegg-Debüt feiert.
Mahler Chamber Orchestra · Teddy Abrams Sie zählt zu den großen Phänomenen unserer Zeit: Die aus China stammende Jahrhundertpianistin Yuja Wang scheint über unendliche Energie zu verfügen, spielt sie doch inzwischen mit Vorliebe mehr als ein großes Klavierkonzert an einem Abend, so auch bei ihrer Rückkehr nach Grafenegg am 5. September 2026. Das verbindet sie mit Rudolf Buchbinder, der seinerseits gern den ganzen Abend am Flügel verbringt und etwa mehrere Beethoven-Konzerte vom Klavier aus leitet. Yuja Wang bringt bei ihrem Abend mit dem Mahler Chamber Orchestra, das übrigens schon 2007 erstmals in Grafenegg zu Gast war, zwei große, hochvirtuose Klavierkonzerte nach Grafenegg mit. Samuel Barber änderte bei seinem einzigen Klavierkonzert auf Anraten von Vladimir Horowitz und John Browning, dem er es auf den Leib geschrieben hatte, sogar einige Passagen, weil sie es für schwer spielbar hielten. Im selben Konzert spielt Yuja Wang nun neben Barbers Konzert auch noch das 3. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew, das ebenso schwierig zu meistern ist: Ein Abend für Liebhaber hochvirtuosen Klavierspiels.


KONZERTE MIT RUDOLF BUCHBINDER
14. AUGUST
FESTIVALERÖFFNUNG
Philharmonia Orchestra London
Wiener Singverein
Cristian Măcelaru
Ludwig van Beethoven
Fantasie für Klavier, Chor und Orchester c-Moll op. 80
22. AUGUST
ROTTERDAM PHILHARMONIC ORCHESTRA
Lahav Shani
Johannes Brahms Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 15
27. AUGUST
DANISH NATIONAL SYMPHONY ORCHESTRA
Fabio Luisi
Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58
30. AUGUST
Nikolaj Szeps-Znaider
Gautier Capuçon
Franz Schubert
Klaviertrio B-Dur D 898
Klaviertrio Es-Dur D 929 MATINEE
6. SEPTEMBER
FESTIVALABSCHLUSS
Orchestra Giovanile Luigi Cherubini
Riccardo Muti
Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Klavier und Orchester d-Moll KV 466

29. AUGUST
DAS ROYAL CONCERTGEBOUW ORCHESTRA
Santtu-Matias Rouvali
Víkingur Ólafsson
Ein Traditionsklangkörper, der stets unter den Top 5 der Welt rangiert, ist das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam. Um entsprechende orchestrale Funken sprühen zu lassen, braucht es herausragende Musiker im Orchester und große Dirigentenpersönlichkeiten, die ein Orchester über die Jahrzehnte und Jahrhunderte formen. Zu diesen außergewöhnlichen Orchesterleitern zählten Bernard Haitink, Riccardo Chailly, Mariss Jansons und zählt gewiss der aktuelle Chefdirigent Klaus Mäkelä. Für sein Gastspiel in Grafenegg reist das 1888 gegründete Spitzenensemble mit dem Göteborg- und Philharmonia-Chef Santtu-Matias Rouvali an. Mit dabei: der Grammy-Preisträger Víkingur Ólafsson am Klavier, ein begnadeter Pianist, der Beethovens 5. Klavierkonzert spielen wird, das 1809 unter widrigen Umständen das Licht der Welt erblickte. Sergej Prokofjews 5. Symphonie entstand mitten im Zweiten Weltkrieg, beide Komponisten schrieben sich im Angesicht der Bedrohung von Leib und Leben heroische Werke von der Seele, virtuose Funken inklusive.
28. AUGUST
DAS BAYREUTHER
FESTSPIELORCHESTER
Pablo Heras-Casado · Miina-Liisa Värelä · Andreas Schager Jordan Shanahan · Georg Zeppenfeld
2026 feiert das Bayreuther Festspielhaus sein 150-jähriges Bestehen. Das einzige maßgeschneidert für Bayreuth entstandene Werk ist der im Juli 1882 uraufgeführte „Parsifal“. Beim zweiten Bayreuth-Gastspiel in Grafenegg nach 2024 dirigiert Pablo Heras-Casado Auszüge aus dem Bühnenweihfestspiel mit dem österreichischen Kammersänger Andreas Schager in der Titelpartie. Das ganz und gar Bayreuth-geeichte Ensemble mit Georg Zeppenfeld als Gurnemanz, Miina-Liisa Värelä als Kundry sowie Jordan Shanahan als Amfortas und Klingsor trägt entscheidend dazu bei, die Magie des „Grünen Hügels“ auf den Wolkenturm und in den nicht minder grünen Schlosspark Grafenegg zu zaubern.

29. AUGUST

22. AUGUST
SERGEI DOGADIN/DANIIL TRIFONOV
Sergei Dogadin und Daniil Trifonov, beide einst Gewinner des Tschaikowski-Wettbewerbs, zählen zu den berufensten Interpreten der Gegenwart. Beide verbindet ein ungemein impulsiver Musizierstil, der jeder Komposition tief auf den Grund zu blicken scheint. Kompromisse in der Kunst gibt es für sie keine, sie werfen sich mit Herz und Hirn in jede Musik, die sie spielen. An den Beginn ihres Konzerts stellen sie die David Oistrach gewidmete und von ihm und Lev Oborin 1946 uraufgeführte 1. Violinsonate Sergej Prokofjews, in der die Stimmung der Entstehungszeit auf ebenso beklemmende wie plastische Weise in Töne gefasst ist. Dmitri Schostakowitsch schrieb 1933 24 kurze Klavier-Präludien. Dmitri Zyganov, Primarius des Beethoven-Quartetts und guter Freund Schostakowitschs, arrangierte 19 der kurzweiligen Preziosen für Violine und Klavier. Die Komponistin Lera Auerbach vervollständigte 2000 den Zyklus, den in Grafenegg in seiner kompletten Gestalt Sergei Dogadin und Daniil Trifonov als österreichische Erstaufführung spielen.
GAUTIER CAPUÇON IN GRAFENEGG
Meistercellist und Publikumsliebling Gautier Capuçon ist seit dem Festivalsommer 2015 regelmäßig als Solist zu Gast in Grafenegg. Diesmal kommt er allerdings nicht mit einem Cello allein, sondern bringt sich kraftvolle Unterstützung mit: die Capucelli. Als leidenschaftlicher Lehrer führt der Cellovirtuose sein Engagement für die Meisterklasse an der Foundation Louis Vuitton fort. Teil der Capucelli werden dabei stets nur die besten Cellist*innen und Preisträger*innen seiner „Classe d’Excellence de violoncelle“. Violoncelli können in hohe Lagen aufsteigen und bieten gleichzeitig ein tiefes Fundament, geklopft und geschlagen funktionieren sie sogar als Rhythmusinstrumente. Das Programm mit Musik aus allen Genres und Stilrichtungen umfasst Bearbeitungen und Transkriptionen für dieses einzigartige Spezialensemble, das neben dem selbstverständlichen künstlerischen Ausnahmerang unbändige Spielfreude nach Grafenegg mitbringt.

Capucelli


Ein Echo der Musik

Mitten in Niederösterreich öffnet Ende Mai ein neuer Konzertsaal seine Türen – und er verspricht, zu einem klanglichen und architektonischen Meisterwerk zu werden. Der Rudolf Buchbinder Saal ist weit mehr als ein Veranstaltungsort: Er ist eine Visitenkarte in die Welt, ein Raum, der Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu einem einzigartigen Musikerlebnis verbindet.
Zwischen alten Mauern liegt ein Versprechen: Ein Ort kann mehr sein als seine Geschichte. In Grafenegg wird dieses Versprechen eingelöst. Denn die notwendig gewordene Revitalisierung der historischen Reitschule barg die Möglichkeit, einen neuen Konzertsaal zu errichten: Der Rudolf Buchbinder Saal war geboren. Es geht hier aber nicht einfach um einen Umbau. Es geht um eine Neuinterpretation – die Übersetzung von Vergangenheit in Gegenwart, von Funktion in Atmosphäre, von Architektur in Klang. „Ein Bauwerk ist wie die Aufführung einer Symphonie“, sagt Architekt Ernst Maurer. Sein Entwurf folgt diesem Gedanken: Wie in einem Orchester geht es um das Zusammenspiel von Raum, Akustik, Licht, Material, Geschichte und Zukunft. Gelingt die Harmonie, entsteht mehr als ein Gebäude – es entsteht ein Erlebnis. Für den Namensgeber Rudolf Buchbinder ist „sein“ Saal eine große Ehre: „Dass einem Künstler zu Lebzeiten ein so großes Geschenk gemacht wird, erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut.“ Und Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, die sich für den Umbau besonders stark gemacht hat, konstatiert zufrieden: „Der Saal ist ein Meilenstein für Grafenegg, für die gesamte Region.“
DER RAUM
Der Rudolf Buchbinder Saal befindet sich im neu errichteten Obergeschoss der Reitschule und bietet Platz für rund 500 Gäste. Modernste Technik trifft auf poetische Leichtigkeit: Möglich wird dies durch die Anhebung des Gebäudes auf seine ursprüngliche Bauhöhe und die vollständige Erneuerung der Dachkonstruktion, die in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt die historische Dachform neu interpretiert. Ein kassettenartiges Holzdach spannt sich
Renderings des Rudolf Buchbinder Saals. »
über den Köpfen, akustisch präzise gestaltet vom renommierten Münchner Akustikbüro MüllerBBM. Konvex gewölbte Elemente verhindern Schallbündelungen, während Boden, Bestuhlung und Raumgeometrie ein fein austariertes Klangbild erzeugen.
Doch der Saal überzeugt nicht nur akustisch. Großzügige Fenster öffnen den Blick nach außen: Park, Schloss und Wolkenturm werden Teil der Aufführung – ein visuelles Echo der Musik. Im Erdgeschoss bleibt die historische Substanz spürbar, eingebunden in ein erweitertes Foyer, das Begegnung, Ankommen und Verweilen ermöglicht. Auch draußen entsteht Neues: ein großzügig gestalteter Platz, durchzogen von gezielter Begrünung, lädt zu Empfängen, Gesprächen und Veranstaltungen unter freiem Himmel ein.
EIN
EXKURS IN DIE GESCHICHTE
Kulturelle Veranstaltungen auf Schloss Grafenegg gibt es seit 1971, Rudolf Buchbinder spielte sein erstes Konzert in der Reitschule 1985. Nach der Gründung des Grafenegg Festivals 2007 unter Buchbinders künstlerischer Leitung hat sich Grafenegg zu einem der bedeutendsten Musik-Hotspots Europas entwickelt. Gleich im ersten Jahr traten u.a. Stars wie Alfred Brendel und Ivo Pogorelich auf, und zwar noch in der Reitschule! Die Open-Air-Bühne Wolkenturm und der Konzertsaal Auditorium galten als die beiden vollgültigen Bühnen Grafeneggs. Die Reitschule wurde zwar viel genützt, war aber nicht für den Konzertbetrieb errichtet worden. Mit dem Rudolf Buchbinder Saal erhält Grafenegg nun eine dritte, gleichwertige Spielstätte. Er ist ideal für Kammermusik, Solorecitals und innovative Konzertformate. Errichtet wurde der Gebäudekomplex zwischen 1841 und 1845 von Leopold Ernst, dem Baumeister des Stephansdoms. Nach Schäden im Zweiten Weltkrieg erhielt die Reitschule 1978 ihr damaliges Aussehen. Schlossherr Tassilo Metternich-Sándor erinnert sich: „Mein Vater hat die ursprünglich sehr provisorische Reparatur in den frühen 1980er Jahren vorgenommen. Er wäre begeistert zu sehen, was hier jetzt gelungen ist – diese fabelhafte Komplettierung des Grafenegger Ensembles.“

Baustellenbesichtigung: Rudolf und Agnes Buchbinder mit Tassilo Metternich-Sándor
VISITENKARTE FÜR DIE WELT
Der Rudolf Buchbinder Saal wird Ende Mai 2026 feierlich eröffnet. Neben diversen Konzerten gibt es am 31. Mai beim Tag der offenen Tür freien Eintritt und Auftritte verschiedener Ensembles.
Die Eröffnung markiert zugleich den Auftakt für den Jubiläumssommer 2026, in dem Grafenegg sein 20-jähriges Festivalbestehen feiert.
Eine neue Konzertreihe mit Nachmittagskonzerten widmet sich der Kammermusik und kleineren Besetzungen. Es musizieren Stars wie Joyce DiDonato, Daniil Trifonov, Sergei
Dogadin, Gautier Capuçon und Alexandre Kantorow. Von Klassik bis Gegenwart – darunter Werke von Beethoven, Schostakowitsch und Kalevi Aho – spannt das Programm einen weiten musikalischen Bogen und unterstreicht die künstlerische Vielfalt im neuen Saal. Darüber hinaus ist der Rudolf Buchbinder Saal auch ein Ort für Proben, Experimente und künstlerische Entwicklung. Damit fügt er sich nahtlos in das Selbstverständnis von Grafenegg ein – als internationaler Kulturstandort, der nicht nur präsentiert, sondern auch hervorbringt.

Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich vor der malerischen Kulisse am Wolkenturm.

SOMMER
TAKT IM

Die Tonkünstler sind seit zwanzig Jahren das Residenzorchester beim Grafenegg Festival. Ein künstlerisches Rückgrat mit enormen musikalischen Facetten – auch heuer wieder vielseitig im Einsatz. Von der Sommernachtsgala über die Konzertreihe Sommerklänge bis zum Festival.
TEXT Klaus Peter Vollmann.
Es ist ganz einfach: „Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten“, lautet ein Zitat von Gustav Mahler, das die immanente Wichtigkeit des Orchesters hervorhebt. In Grafenegg kommt die Aufgabe, eine Partitur in Klang zu formen und dabei jene musikalische Sprache zu finden, die längst zu einer Visitenkarte des Festivals geworden ist, dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich zu.
Von Anfang an fungierten die Musiker*innen als Residenzorchester, das auch außerhalb der Sommersaison attraktive Konzertprogramme, darunter spezielle Festtagskonzerte, bietet und dazu beitrug, Grafenegg innerhalb von zwanzig Jahren als renommierten Festivalstandort zu etablieren.
Geografisch zwischen Wien und der Wachau gelegen, spricht Grafenegg einen großen Publikumskreis an – und ist ob seiner attraktiven, vielfältigen Ausrichtung in außergewöhnlicher
klare Vorstellung vom musikalischen Ergebnis haben. Natürlich müssen je nach Repertoire einige klangliche Anpassungen berücksichtigt werden. Aber das Tonkünstler-Orchester ist ein sehr vielseitiges Orchester, das an ein abwechslungsreiches Repertoire gewöhnt ist“, erläutert Fabien Gabel.
Grafeneggs Residenzorchester muss den Vergleich mit internationalen Gästen aus aller Welt nicht scheuen. Ist der Sommer in Grafenegg für das Tonkünstler-Orchester als Teil dieses exzellenten Umfelds auch ein Ansporn, die eigene Latte besonders hoch zu legen? Fabien Gabel lächelt. „Der Sommer in Grafenegg ist ein wichtiger Höhepunkt unserer Saison. Wir sind sehr stolz darauf, hier das Hausorchester zu sein. Jedes Konzert ist wichtig. Die Atmosphäre ist speziell, unbeschwerter als woanders, aber wir bleiben uns treu und geben alles. So wie wir das immer tun. Grafenegg ist einfach ein fester Bestandteil unseres Wirkens. Seit den Anfängen
11. und 12. Juni – jeweils ab 20:15 Uhr – spannt sich dabei von prachtvollen Orchesterstücken über mitreißende Arien und Duette bis hin zu konzertanter Musik. Nach welchen Kriterien wird das Programm für diesen Abend zusammengestellt? „Es muss festlich sein! Es geht um die Balance zwischen den einzelnen Stücken, das ist aufgrund der zeitlichen Vorgaben für das Fernsehen immer eine Herausforderung. Und natürlich braucht es gegenseitiges Verständnis und einige Kompromisse, um allen gerecht zu werden und das passende Programm zu finden“, so Fabien Gabel. Drei außergewöhnliche Künstler*innen werden heuer als Solist*innen erwartet. Die in Los Angeles geborene Sopranistin Angel Blue begann ihre steile Karriere in der Spielzeit 2008/09 als Clara in Gershwins Oper „Porgy and Bess“ an der San Francisco Opera, debütierte 2015 als Musetta in Puccinis „La Bohème“ an der Mailänder Scala und sang in derselben Oper 2017 die Rolle der Mimì an
Der Sommer in Grafenegg ist ein wichtiger Höhepunkt unserer Saison.
Wir sind sehr stolz darauf, hier das Hausorchester zu sein.
– Fabien Gabel, Chefdirigent Tonkünstler-Orchester
Umgebung aus der internationalen Musikwelt nicht mehr wegzudenken. „Als ich das Orchester zum ersten Mal dirigierte, war ich von seinem Klang überwältigt. Und das bin ich, ehrlich gesagt, immer noch! Die Musiker*innen geben bei den Konzerten ihr Bestes – das ist ein unglaubliches Gefühl“, so Fabien Gabel, der mit den Tonkünstlern 2019 zum ersten Mal auftrat und seit der Sommernachtsgala 2025 ihr Chefdirigent ist.
Was muss ein musikalischer Leiter tun, um ein Orchester zu einem geschlossenen Ensemble zu formen und gleichzeitig sicherzustellen, dass sein Klang unverwechselbar und einzigartig bleibt? „Ich muss stets gut vorbereitet sein und eine
2007 sind wir das Orchester des Festivals. Und natürlich freue ich mich darauf, dem Publikum jährlich ein neues Repertoire und neue Gäste vorzustellen.“
STARS AM WOLKENTURM
Den Auftakt zum Jahreszyklus in Grafenegg macht traditionell die große Sommernachtsgala – ein Event, das nicht nur musikalisch Maßstäbe definiert, sondern mit prominenten Gästen aus Kultur, Wirtschaft, Politik und Society auch ein gesellschaftliches Highlight darstellt und im Fernsehen übertragen wird. Aufgrund der großen Nachfrage findet das glamouröse Ereignis an zwei Abenden statt. Der musikalische Bogen am
der Metropolitan Opera New York (Met). Die Violetta in Verdis „La traviata“ am Royal Opera House in London (2018), die Titelrolle in Puccinis „Tosca“ beim Festival d’Aix-en-Provence (2019), Marguerite in Gounods „Faust“ an der Opéra de Paris (2022) sowie ihr Rollendebüt als Verdis Aida an der Met (2025) sind nur einige wichtige Stationen ihrer bisherigen Laufbahn. Der junge ukrainische Tenor Bogdan Volkov beendete 2013 seine Gesangsausbildung an der Tschaikowski-Musikakademie in Kiew und etablierte sich rasch durch regelmäßige Auftritte am Moskauer Bolschoi-Theater. 2019 debütierte er in der Rolle des Don Antonio in Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“ an der Berliner
Wie würden Sie einem Menschen, der noch nie von den Tonkünstlern gehört hat, das Orchester und sein Wirken beschreiben?
Die Tonkünstler sind eines der großen österreichischen Symphonieorchester und zugleich ein Orchester mit ungewöhnlicher Reichweite. Sie sind als Symphonieorchester des Landes Niederösterreich fest verankert, sind aber an gleich fünf Residenzen in Wien und Niederösterreich präsent und erreichen dadurch sehr unterschiedliche Publikumsschichten. Für mich macht genau das ihren besonderen Charakter aus: hohe künstlerische Qualität, ein starkes symphonisches Profil und zugleich die Fähigkeit, Musik nicht nur aufzuführen, sondern sie in ganz verschiedenen Kontexten lebendig zu machen.
Welchen Stellenwert nimmt
Grafenegg im Jahresplan des Tonkünstler-Orchesters ein? Grafenegg ist für die Tonkünstler seit Langem ein Ort von besonderer Bedeutung. Schon im August 1973 gab das Orchester hier sein erstes Konzert; seit der Gründung des Grafenegg Festivals im Jahr 2007 bildet der Standort einen festen und prägenden Bestandteil des künstlerischen Jahreslaufs. Als hochwertige Sommerresidenz wurde mit Grafenegg bewusst auch eine Plattform geschaffen, auf der sich das Orchester in den Sommermonaten auf höchstem Niveau präsentieren kann. Genau diese Verbindung aus Tradition, künstlerischer Exzellenz, Nachwuchsförderung, Vermittlung und großen Konzertmomenten macht Grafenegg für die Tonkünstler so besonders.
Auch beim SommerklängeZyklus sind die Tonkünstler sehr präsent. Wie würden Sie diese Reihe charakterisieren?

Interview Frank Druschel
„Der
Ort selbst wird zum Mitspieler“
Frank Druschel bildet gemeinsam mit Johannes Sterkl die Geschäftsführung des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich.
künstler tragen den Sommer in Grafenegg in besonderer Weise mit – durch SommerklängeAbende, Préludes in kleineren Besetzungen, Familienformate und nicht zuletzt durch die Sommernachtsgala. Ihr kommt dabei eine besondere Strahlkraft zu, da sie als festlicher Auftakt und durch die ORF-Übertragung zugleich als TV-Ereignis weit über den Festivalort hinaus wirksam wird.
Die Tonkünstler stehen außerdem beim Composer-Conductor-Workshop „Ink Still Wet“ als WerkstattOrchester zur Verfügung. Weshalb ist Ihnen auch dieses Engagement wichtig?
weniger glamourös als ein großer Galaabend, aber künstlerisch von enormer Bedeutung, weil hier Zukunft nicht nur behauptet, sondern tatsächlich gestaltet wird.
Gibt es bei einem Festival andere Vorgaben und Voraussetzungen für ein Orchester als im normalen Spielbetrieb? Ist man zum Beispiel dem Publikum näher?
Die Sommerklänge stehen exemplarisch für die besondere Verbindung von künstlerischem Anspruch und einer Offenheit, die Grafenegg auszeichnet. Programmatisch reicht die Reihe von großen symphonischen Werken bis zu Jazz, Swing und Operette und eröffnet damit bewusst ein breites musikalisches Spektrum. Die Ton-
Weil ein Orchester mehr sein sollte als ein reiner Repertoire-Verwalter. Neue Musik entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Austausch mit Musiker*innen, mit Klang, Praxis und Widerstand. Genau dafür ist ein Format wie „Ink Still Wet“ so wichtig. Es ist ein Workshop für junge Komponist*innen, die ihre Werke mit dem Orchester erarbeiten. Das ist vielleicht
Ja, unbedingt. Ein Festival verlangt von einem Orchester eine andere Präsenz als der normale Spielbetrieb. Die Konzerte sind stärker Teil eines übergeordneten künstlerischen Zusammenhangs, das Publikum erlebt den Abend bewusster als Gesamtereignis und der Ort selbst wird zum Mitspieler. In Grafenegg ist das besonders spürbar, weil hier Natur, Architektur und Musik auf einzigartige Weise zusammenwirken. Dadurch entsteht eine besondere Nähe zum Publikum und eine große Unmittelbarkeit. Vor allem aber haben Festivalabende oft einen einmaligen Charakter – sie finden genau so nur ein einziges Mal statt. Das verleiht ihnen eine ganz eigene Intensität.
Staatsoper, deren Ensemblemitglied er 2022 und 2023 war. Aktuell zählt er zu den gefragtesten lyrischen Tenören seiner Generation und tritt an den namhaftesten Opernhäusern der Welt wie dem Teatro alla Scala in Mailand, dem Royal Opera House in London, der Met oder der Wiener Staatsoper, wo er in Tschaikowskis „Eugen Onegin“ und Mozarts „Don Giovanni“ brillieren konnte, auf. Beim 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele sang er Ferrando in Mozarts „Così fan tutte“.
Als Instrumentalsolistin können die Besucher*innen die aus Salzburg stammende Julia Hagen am Violoncello erleben. In einem künstlerischen Umfeld aufgewachsen, wurde sie bereits ab ihrem fünften Lebensjahr am Musikum Salzburg unterrichtet und studierte später am Mozarteum, an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien sowie der Universität der Künste Berlin. Ihr Konzertdebüt gab sie im Alter von 14 Jahren im Brucknerhaus Linz. Es folgten Auftritte in Europa und Asien, Gastspiele unter anderem bei den Salzburger Festspielen und dem Festival d’Aix-en-Provence sowie kammermusikalische gemeinsame Projekte mit Pianist*innen wie Igor Levit, Khatia Buniatishvili und Annika Treutler, mit der sie 2019 ihre erste CD mit Brahms-Werken aufnahm. Die Virtuosin spielt auf einem Cello von Francesco Ruggieri aus dem Jahr 1684 und ist seit 2025 Professorin für Violoncello an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Als ich das Orchester zum ersten Mal dirigierte, war ich von seinem Klang überwältigt. Und das bin ich, ehrlich gesagt, immer noch.
– Fabien Gabel,
Chefdirigent Tonkünstler-Orchester
ENERGIE UND PRÄSENZ
Bekanntlich sind in der klassischen Musik Räume für den Klang mitentscheidend. Welche Auswirkungen hat also die malerische Kulisse in Grafenegg für die musikalische Lebendigkeit des Orchesters? Dazu hat Frank Druschel, Geschäftsführer des Tonkünstler-Orchesters, eine klare Meinung: „Räume entscheiden in der Musik nie nur über Lautstärke und Schönheit, sondern immer auch über Energie, Farbe und Präsenz. Grafenegg ist in dieser Hinsicht ein Ausnahmeort. Der Wolkenturm gilt als eine der besten Open-Air-Bühnen Europas; seine Architektur ist akustisch gezielt dafür ausgelegt, den Klang gebündelt in den Zuschauerbereich zu tragen. Das Auditorium wiederum ist eine Konzertstätte mit hervorragender Akustik, im Sommer unsere Ausweichmöglichkeit, sollte das Wetter einmal nicht mitspielen. Für unser Orchester bedeutet das: Es kann an beiden Spielstätten differenziert arbeiten, feine Farben hörbar machen und zugleich eine besondere Direktheit entwickeln. Die Kulisse ist nicht bloß schön, sie wirkt tatsächlich mit.“
DER SOUND DES SOMMERS
Direkt nach dem Einstieg in die Saison mit der eleganten Sommernachtsgala hebt der Sommerklänge-Zyklus ab, der die Musik in ihrer ganzen Vielfalt feiert. Die Samstagabende zwischen 27. Juni und 8. August bieten Broadway-Melo-
Seit 2025 leitet der französische Dirigent
Fabien Gabel das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich.

Schon 1973 gab das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich sein erstes Konzert in Grafenegg. Seit der Gründung des Festivals 2007 ist es prägender künstlerischer Bestandteil desselben.
dien und den Zauber spanischer Nächte mit dem Tonkünstler-Orchester, schmetternde Hörner aus Mozarts Kuba, menschliche Abgründe und Aufschwünge mit Georg Friedrich Haas und dem Grafenegg Academy Orchestra, Violinzauber und melodienselige Melancholie mit dem European Union Youth Orchestra sowie einen brillanten Rausschmeißer mit dem Ensemble Philharmonix.
„Die Sommerklänge stehen exemplarisch für die besondere Verbindung von künstlerischem Anspruch und einer Offenheit, die Grafenegg auszeichnet. Programmatisch reicht die Reihe von großen symphonischen Werken bis zu Jazz, Swing und Operette und berücksichtigt damit bewusst ein breites musikalisches Spektrum“, so Tonkünstler-Geschäftsführer Frank Druschel im
Interview. Das Grafenegger Residenzorchester ist in zwei Konzerten der insgesamt sechs Abende aktiv. „Ein Held mit Höhenangst“ könnte der Untertitel des Konzerts „Summertime“ am 27. Juni um 20 Uhr am Wolkenturm lauten, bei dem die Tonkünstler unter der Leitung von Fabien Gabel mit dem Jazz-Pianisten Yaron Herman auftreten werden. Auf dem Programm stehen: die Suite des Filmkomponisten Bernard Herrmann aus Alfred Hitchcocks Filmklassiker „Vertigo“; George Gershwin mit „I Got Rhythm“ aus dem Musical „Girl Crazy“ und „Someone To Watch Over Me“ aus dem Musical „Oh, Kay!“; Cole Porters „Night And Day“ aus dem Musical „Gay Divorce“; „Tea For Two“ aus dem Musical „No, No, Nanette“ von Vincent Youmans; das betörende „Summertime“ aus George Gershwins Oper

Angel BLUE
begann ihre Laufbahn als Clara in „Porgy and Bess“. Heute reicht das breite Repertoire der Sopranistin von Mimì, Musetta und Violetta über Aida und Tosca bis hin zu Marguerite in Gounods „Faust“.

Bogdan VOLKOV
zählt zu den gefragtesten lyrischen Tenören seiner Generation und tritt weltweit in den bedeutendsten Opernhäusern und bei den namhaftesten Festivals auf.

Julia HAGEN
gab mit 14 Jahren ihr Konzertdebüt als Cellovirtuosin, spielt mit großen Orchestern und kammermusikalisch mit Pianisten wie Igor Levit und hat eine Professur in Wien inne.
20 Jahre Grafenegg sind auch 20 Jahre
Tonkünstler als Residenzorchester in Grafenegg. – Frank Druschel, Geschäftsführer Tonkünstler-Orchester
„Porgy and Bess“ und – zum Abschluss des ersten Teils – „What Is This Thing Called Love“ aus dem Musical „Wake Up and Dream“ von Cole Porter. Nach der Pause folgen Kurt Weills „Symphonic Nocturne“ aus „Lady in the Dark“ und George Gershwins „An American in Paris“.
Den Zauber spanischer Nächte verspricht am Samstag, 11. Juli, um 20 Uhr, am Wolkenturm die „Fiesta Española“ mit dem Tonkünstler-Orchester unter dem renommierten argentinischen Dirigenten und Composer in Residence 2025 Fabián Panisello, der schon seit vielen Jahren Spanien seine Heimat nennt, und mit dem aus Logroño in der Provinz La Rioja stammenden klassischen Gitarristen Pablo Sáinz Villegas.
Auf dem ambitionierten Programm dieser spanischen Nacht stehen Silvestre Revueltas „Sensemayá“ für kleines Orchester, Joaquín Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ für Gitarre und Orchester, „Crossing Lines“ von Fabián Panisello, ein Auftragswerk des Grafenegg Festivals und somit eine Uraufführung, sowie die beiden Sui-

Gemeinsam mit dem Komponisten und Dirigenten
ten aus Manuel de Fallas Ballett „El sombrero de tres picos“. Die vier weiteren Konzerte der Sommerklänge finden Sie rechts im Kasten. Das letzte Wort in diesem Artikel hat Geschäftsführer Frank Druschel. Was wünscht er den Tonkünstlern für die nächsten Festivaljahre? „Dass sie ihre Rolle in Grafenegg weiter mit Selbstverständlichkeit und Ehrgeiz ausfüllen: als künstlerisches Rückgrat, als verlässliches Residenzorchester und zugleich als Ensemble, das dort immer wieder neue Facetten zeigt. Grafenegg bietet den seltenen Luxus, große symphonische Tradition, Sommeratmosphäre, Vermittlung, Familienformate und zeitgenössische Musik an einem Ort zusammenzuführen. Wenn es gelingt, die stilistische Breite weiterhin mit höchstem Anspruch zu verbinden, dann ist das für die Tonkünstler ein ideales Umfeld –und für Grafenegg ein echter Gewinn. 20 Jahre Grafenegg sind auch 20 Jahre Tonkünstler als Residenzorchester in Grafenegg. Wir freuen uns auf viele weitere Jubiläen.“

Mehr SOMMERKL ÄNGE
„Selbstzerstörung und Neuerfindung“ mit dem Grafenegg Academy Orchestra unter Dirigent Ilan Volkov und Erzählerin Mollena Williams-Haas. Werke von Anton Webern, Ludwig van Beethoven und Georg Friedrich Haas. 18. Juli, 18 Uhr, Auditorium
„Mozart y Mambo“ mit dem Ensemble The Sarahbanda und der Hornistin Sarah Willis. Werke von Richard Egües, Wolfgang Amadeus Mozart/ Edgar Olivero, Compay Segundo, Chucho Valdés, Marcelino Guerra, Isolina Carrillo und Moisés Simons. 25. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm
„Glühende Sehnsucht“ mit dem European Union Youth Orchestra unter Dirigentin Elim Chan und der Geigerin María Dueñas. Werke von Johannes Brahms und Sergej Rachmaninow.
1. August, 20 Uhr, Wolkenturm
„The Vienna Berlin Music Club“ mit dem Ensemble Philharmonix. Werke von Maurice Ravel, Stephan Koncz, Sebastian Gürtler u.a.
8. August, 20 Uhr, Wolkenturm
Fabián Panisello und dem Gitarristen Pablo Sáinz Villegas laden die Tonkünstler am 11. Juli, 20 Uhr, zur „Fiesta Española“ am Wolkenturm.
Yaron Herman am Klavier und die Tonkünstler unter Dirigent Fabien Gabel lassen am 27. Juni, 20 Uhr, am Wolkenturm „Summertime“ mit Werken von Porter, Gershwin und Co erklingen.
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Sie hat die Opernwelt im Eiltempo erobert. Asmik Grigorian ist der Rockstar unter den großen Diven. Am 4. September kommt sie mit einem ganz besonderen Programm nach Grafenegg.
GRIGORIAN ASMIK
INTERVIEWS: Atha Athanasiadis.

Der Grafenegg-Abend mit Asmik Grigorian und dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich (Dirigent: Fabien Gabel) gibt ein klares Versprechen: Er wird zum Weinen schön. Respighi, Verdi, Strauss und Bellinis „Casta Diva“. Die Ausnahmestimme wird am 4. September Grafenegg das große Klassikkino bieten. Aber wie tickt Grigorian? Was motiviert sie? Ein
BÜHNE-Gespräch bietet Einblicke:
Sie sind ein Opernsuperstar in einer Liga mit Garanča und Netrebko, alle Scheinwerfer sind auf Sie gerichtet – ist das nicht furchtbar anstrengend?
Jeder Fehler, den ich mache, wird aufgezeigt und diskutiert, aber der Druck, den ich auf mich selbst ausübe, ist härter als jeder mögliche Druck, den ich von außen bekommen könnte. Manchmal vergessen die Leute auch, dass ich ein menschliches Wesen bin – sie hören meinen
Namen und denken, dass es automatisch eine gute Leistung sein muss. Die Erwartungen der Leute sind also sehr hoch – manchmal zu hoch. Aber ich liebe die Verrücktheit dieser Kunst.
Sie sagen: „Wenn mir etwas nicht gefällt, dann gehe ich.“ Klingt befreiend.
Manche Menschen sind Kämpfer, aber ich bin es nicht. Wenn ich etwas nicht für richtig halte, versuche ich, eine Alternative zu finden und einen anderen Weg zu gehen.
Haben Sie je eine Produktion verlassen, weil Sie die Regie genervt hat? Nein.
Sie bezeichnen sich selbst als hypersensibel. Wie gehen Sie damit um und was bedeutet das vor allem im Alltag für Sie?
Das ist das größte Geschenk und die größte Herausforderung, besonders für einen Künstler. Es ist manchmal schwierig, aber ich denke, es ist wichtig, sich so zu fühlen, um auf der Bühne wirklich kommunizieren zu können.
Wie einsam sind Sie nach einer Aufführung, wenn das Licht aus ist, das Publikum nach Hause gegangen ist – und Sie allein in einem Hotelzimmer sitzen? Wie finden Sie wieder zu sich selbst?
Ich bin nie allein, ich habe meine Familie die meiste Zeit bei mir, die mir hilft, mich zu erden und weniger Druck zu verspüren, und die mich unterstützt. Letztendlich ist man aber immer noch allein, egal, von wem man umgeben ist. Es ist nur wichtig, sich bewusst zu machen, dass diese Einsamkeit Teil des Lebens ist, und wir müssen damit umgehen und uns ihr stellen. Sie kommt mit der Erfahrung und dem Wachstum.
Viele Rollen verlangen emotional alles. Wie teilt man die beschränkten emotionalen Ressourcen, die wir Menschen haben, auf?
Meine Familie und meine Kinder bedeuten mir alles und wenn ich nicht genug Zeit mit ihnen verbringe, habe ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Aber ich brauche auch meine Zeit, um allein zu reisen. Ich kann morgens aufwachen und den ganzen Tag spazieren gehen, also ist es egal, was ich mache.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie auf jeder Opernbühne stehen wollen, auf der auch Ihr Vater gesungen hat. Geschafft?
Fast, aber es gibt so viele Theater! Es ist auf jeden Fall eine Arbeit, die noch nicht abgeschlossen ist
Eine letzte Frage: Sie wurden in den vergangenen zehn Jahren zum Weltstar, wie hat sich dadurch Ihr Leben verändert? Mein Leben ändert sich ständig: neue Aufgaben, neue Menschen, neue Städte: So mag ich es! Ich tue das, was ich in den vergangenen Jahren auch gemacht habe, nämlich konse quent und hart an mir zu arbeiten. Was sich verändert hat, ist mein Status. Mir eröffnen sich seither ganz andere Möglichkeiten. Manchmal fühlt sich das komisch an, weil alles so schnell gegangen ist. Wissen Sie, ich liebe meine Arbeit, weil das die einzige Zeit ist, wo ich ganz für mich allein bin. Unlängst hat mich jemand gefragt, was ich an der Oper am meisten liebe. Ich habe im Scherz geantwortet, dass ich hier allein aufs Klo gehen kann. “
Der Ausnahme-Tenor Piotr Beczała wird am 16. August in Grafenegg auftreten. Ein BÜHNE-Gespräch.
BECZAŁA PIOTR

Er ist sympathisch, unaufgeregt und einer der größten Tenöre der Welt. Am 16.August ist er zu Gast in Grafenegg. Die wunderbare Sarah Tysman wird Beczała am Klavier begleiten. Auf dem Programm der Matinee im Auditorium stehen unter anderem Lieder von Mieczysław Karłowicz, Antonín Dvořák und Sergej Rachmaninow. Ein BÜHNE-Gespräch über Stimme, Fliegen und Tenorwitze.
Sie haben einmal gesagt: „Es ist die größte Tragödie der Sänger, dass sie nie in den Genuss der eigenen Stimme kommen.“ Das verstehe ich nicht.
Man produziert einen Klang und dieser wird projiziert. Das kann man nicht hören. Wenn man versucht, den Klang zu hören, wird die Projektion gestoppt oder gestört. Die Instrumentalisten haben dieses Problem nicht, weil sie neben ihrem Klangkörper stehen. Sie können das hören, aber wir nicht. Mein Lieblingstenor aus der Vergangenheit, Jean de Reszke, hat die einzige Aufnahme, die es von ihm gab, zerstört. Weil seine Vorstellung von seiner Stimme vollkommen anders war.
Wie ist das, wenn Sie Ihre Stimme hören?
(Piotr Beczała atmet pfeifend aus.) Na ja. Ich höre sie, weil ich muss. Aber ich empfinde meine Stimme als einen Fremdklang. Wenn ich einen Mitschnitt einer meiner Aufführungen höre, dann denke ich mir nur, was ich anders hätte machen können. Nicht besser, sondern anders. Weil es ist ja bereits versendet, da kann man gar nichts mehr machen. Man muss deshalb das Handwerk so gut beherrschen, dass man überhaupt nicht nachdenken muss, ob der Klang sauber ist oder gesund oder schwingend oder ob die Farbe passt
Sie singen oft in den USA. Liegt es daran, dass dort die Inszenierungen nicht so schräg sind wie in Europa?
Ich habe keine Probleme mit schrägen Inszenierungen. Aber ich habe eine rote Linie, die ich bei Festivals auch einmal überschreite. Es ist wie beim Essen. In den USA schmeckt alles gleich, es gibt große Portionen, ohne Chichi. In Europa gibt es mehr Haute Cuisine. Die moderne Regie ist in extremen Fällen wie Molekularküche, Steaks schmecken wie Gurken und umgekehrt, dazu gibt es Lachsforellenbällchen und so weiter. Ab und zu als Abenteuer ist das in Ordnung. Man kann sich aber nicht jeden Tag davon ernähren. Entweder wird man verrückt oder man verhungert.
Sie bringen zu Proben immer selbst gebackenen Kuchen mit – Bestechung?
(Lacht) Das ist ein Hobby von mir. Schon als Kind war ich die Küchenmaschine meiner Mama – der Chefkneter. Ich backe auch immer gleich mindestens vier Bleche. Man könnte es zwar auch reduzieren, aber bei Hefeteig muss es einfach eine gewisse Menge sein, denn sonst macht das keinen Spaß. Unter zwei Blechen geht nichts. Mohnstrudel ist meine Spezialität.
Die Stimme ist ein sehr fragiles Instrument. Hat man als Sänger Angst vor der Endlichkeit dieses Muskels?
Man muss sehr klug mit seine Kräften umgehen, das versuche ich. Aber man darf sich mit solchen Gedanken nicht zu sehr beschäftigen, weil man dann automatisch auf die Bremse steigt. Man muss die Stimme laufen lassen und auch fordern.
Was ist das Verrückteste, das Ihnen je auf der Bühne passiert ist?
Es war in Barcelona. Ich singe eine Arie und eine Fliege wollte in meinem Mund einparken. Nach einer Minute hat der ganze Chor meinen Kampf mit der Fliege beobachtet. In der zweiten Strophe habe ich sie dann zu fangen versucht. Und beim letzten Wort habe ich sie zerquetscht.
Man hat mir erzählt, dass Sie Witze über Tenöre lieben …
Das stimmt. Mein Lieblingswitz ist ja eher eine Frage: Wie bekommt man das Gehirn eines Tenors auf Erbsengröße? Aufblasen.
STIMMEN GROSSE
Neben den international wichtigsten Orchestern und namhaftesten Solist*innen der Instrumentalkunst, bietet das 20. Grafenegg Festival auch Gesangsstars und Lieblingen der Opernszene mit Liedrezitals, konzertanten Aufführungen und speziellen Formaten eine Bühne.

SOMMERNACHTSGALA
Angel Blue
Hochkarätige Unterhaltung mit Prominenz aus Kultur, Politik und Wirtschaft bietet auch heuer wieder der musikalische Auftakt des Kultursommers in Grafenegg – übertragen in die Wohnzimmer der TV-Zuschauer.
Die Sommernachtsgala zählt wohl zu den schönsten Traditionen des Musiklandes Österreich, bei der das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Chefdirigent Fabien Gabel ein meisterhaftes Programm präsentiert. Mit Charme, Witz und großer Spielfreude erklingt ein musikalischer Bogen von großen Orchesterstücken über mitreißende Arien und Duette bis hin zu konzertanter Musik. Als Solist*innen am Wolkenturm dabei sind drei brillante Künstlerpersönlichkeiten: Die aus den USA stammende Sopranistin Angel Blue, deren Stimme große Bühnen weltweit füllt, der ausdrucksstarke, für sein warmes Timbre gefeierte Tenor Bogdan Volkov sowie die österreichische Cellistin Julia Hagen, die mit technischer Brillanz und feinem Gespür für Klangfarben begeistert.
Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Angel Blue, Bogdan Volkov, Julia Hagen, Fabien Gabel 11. und 12. Juni, 20:15 Uhr, Wolkenturm
REDAKTION Klaus Peter Vollmann.
Germán Olvera FESTIVALERÖFFNUNG
Rudolf Buchbinder eröffnet das Jubiläumsfestival mit Musik seines Lebenskomponisten: Ludwig van Beethovens „Chorfantasie“ beginnt mit einem dramatischen Klaviersolo, das beim Festivalchef in besten Händen liegt. Das Philharmonia Orchestra unter Cristian Măcelaru tritt auf leisen Sohlen dazu, bevor der Wiener Singverein zart einsetzt und sich alle gemeinsam zum hymnischen Schluss steigern.
Zu den populärsten Werken des 20. Jahrhunderts zählen die „Carmina Burana“, die Lieder aus Benediktbeuern, eine außerordentlich üppig-weltliche Feier des mittelalterlichen Lebens, die Carl Orff 1935/36 in unmittelbar mitreißende, archaisch-monumentale Klänge gegossen hat. Die „Carmina“ halten dabei auch für die Solostimmen – Nikola Hillebrand, Germán Olvera und Nicholas Phan – sowie die Chöre großartige Aufgaben bereit. Ein Fest für Publikum und Mitwirkende. Mit: Philharmonia Orchestra London, Cristian Măcelaru, Nikola Hillebrand, Germán Olvera, Nicholas Phan, Rudolf Buchbinder, Wiener Singverein, Wiener Chormädchen 14. August, 19:30 Uhr, Wolkenturm


EMILY – NO PRISONER BE
Joyce DiDonato
Im Mittelpunkt des ersten Nachmittagskonzerts im neuen Rudolf Buchbinder Saal steht die Lyrik von Emily Dickinson – einer der bedeutendsten Dichterinnen der Weltliteratur, deren Gedichte aber erst posthum 1890 veröffentlicht wurden. Komponist Kevin Puts, 2012 für seine Oper „Silent Night“ mit dem Pulitzer Prize of Music ausgezeichnet, hat aus ihrem Werk – in enger künstlerischer Zusammenarbeit mit der gefeierten Mezzosopranistin Joyce DiDonato und dem mehrfach ausgezeichneten Ensemble Time for Three – einen Liederzyklus geschaffen, der 24 Gedichte in Musik fasst. Jedes dieser Gedichte, so Joyce DiDonato, eröffne „einen eigenen Kosmos“. Bei der Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen gefeiert, hat „Emily“ seitdem weltweit das Publikum begeistert. Die Grafenegg-Premiere verspricht ein außergewöhnliches musikalisches Ereignis, das sowohl intellektuell als auch sinnlich berührt. Kein gewöhnlicher Liederabend, sondern eine künstlerisch anspruchsvolle und tief bewegende Begegnung mit einer Dichterin, deren Werk über Zeit und Raum hinweg wirkt. Mit: Time for Three , Joyce DiDonato, Andrew Staples 15. August, 15:30 Uhr, Rudolf Buchbinder Saal
PARSIFAL-AUSZÜGE
Andreas Schager
Wagner am Wolkenturm. Nicht nur das Grafenegg Festival begeht 2026 sein 20-Jahre-Jubiläum, auch das Bayreuther Festspielhaus feiert heuer 150-jähriges Bestehen. Das einzige maßgeschneidert für Bayreuth entstandene Werk ist der im Juli 1882 uraufgeführte „Parsifal“. Als zweites Gastspiel des Bayreuther Festspielorchesters nach 2024 dirigiert Pablo Heras-Casado Auszüge aus dem Bühnenweihfestspiel mit dem österreichischen Kammersänger Andreas Schager in der Titelpartie, Miina-Liisa Värelä als Kundry, Jordan Shanahan als Amfortas/Klingsor und Georg Zeppenfeld in der Rolle des Gurnemanz. Auf dem Programm stehen: das Vorspiel zum ersten Aufzug, „Titurel, der fromme Held“, „Vom Bade kehrt der König heim“, „Wehvolles Erbe“, das Vorspiel zum zweiten Aufzug, „Dies alles hab ich nun geträumt?“, das Vorspiel zum dritten Aufzug, „Karfreitagszauber“ und das Finale des dritten Aufzugs.
Mit: Bayreuther Festspielorchester, Pablo HerasCasado, Miina-Liisa Värelä, Andreas Schager, Jordan Shanahan, Georg Zeppenfeld 28. August, 19:15 Uhr, Wolkenturm


DIE TOTE STADT
Camilla Nylund
Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ erzählt die Geschichte von Paul, der um seine verstorbene Frau Marie trauert, sich in ihr Ebenbild Marietta verliebt und mit Vergangenheit und Zukunft ringt: Für Rudolf Buchbinder und zahllose Liebhaber des Genres zählt dieses Werk zu den Höhepunkten der Musikgeschichte. Die farbenprächtig instrumentierte Partitur und Evergreens wie das Duett „Glück, das mir verblieb“ und die Bariton-Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ sorgen seit der Doppel-Uraufführung 1920 in Hamburg und Köln regelmäßig für Begeisterung. Unter der musikalischen Leitung von Axel Kober spielt das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich. Es singen: Eric Cutler (Paul), Camilla Nylund (Marietta/Die Erscheinung Mariens), Samuel Hasselhorn (Frank/Fritz) und Christa Mayer (Brigitta). Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Axel Kober, Eric Cutler, Camilla Nylund, Samuel Hasselhorn, Christa Mayer 30. August, 19:15 Uhr, Wolkenturm
Von einer Idee zu einem bedeutenden Unternehmen
Als eines der größten österreichischen Gebäudetechnikunternehmen blickt die KLENK-Gruppe auf eine jahrzehntelange erfolgreiche Geschichte zurück. Mit über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bietet das Familienunternehmen aus St. Pölten seinen Kunden das komplette Spektrum an Elektrotechnik- und HaustechnikDienstleistungen.
Die KLENK-Gruppe war federführend an zahlreichen großen Bauprojekten im In- und Ausland beteiligt, wie dem Regierungsviertel St. Pölten, dem Universitätsklinikum St. Pölten, den Landeskliniken Baden und Mödling, dem ICON VIENNA, dem BANK AUSTRIA Campus und dem Hauptbahnhof in Wien.





www.klenk.at www.maroscheck.at www.elektro-ebner.at www.compactelectric.at St. Pölten - Hallein - Krems - Wien - Wieselburg - München






Wer in Grafenegg zuhört, hört nicht nur das Jetzt, sondern auch das, was kommt. Die Exzellenzförderung will, dass aus jungen Talenten die Stars von morgen werden. Ein Vorzeigeprojekt in der Kulturwelt.
EXZELLENZ DER
ZUKUNFT

Grafenegg – hier hört man auch die Stars der Zukunft. Ein Vorzeigeprojekt.

Wenn in Grafenegg die Dämmerung den Schlosspark einhüllt und der Wolkenturm zu leuchten beginnt, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen. Doch hinter der makellosen Oberfläche eines der renommiertesten Musikfestivals Europas verbirgt sich eine weniger sichtbare Bewegung: Hier wird nicht nur Musikgeschichte präsentiert – hier wird sie geschrieben. Künstlerische Exzellenz fällt nicht vom Himmel, sondern sie muss wachsen – mit Raum, Zeit und Menschen, die bereit sind, diesen Prozess zu begleiten. Die Pflanzen im Schlosspark, die über Jahrzehnte hinweg sorgfältig gepflegt werden, übertragen sich symbolisch auf die in Grafenegg achtsam entwickelten jungen Talente. Sie stehen nicht am Rand des Geschehens, sondern im Zentrum einer lebendigen, sich stetig erneuernden musikalischen Landschaft.
EUROPAS TALENTE IN GRAFENEGG
Ein frühes Signal setzte das Gustav Mahler Jugendorchester, das zwischen 2008 und 2010 regelmäßig in Grafenegg zu Gast war. Unter Dirigentenlegenden wie Sir Colin Davis und Herbert Blomstedt wurde hier ein hoher künstlerischer Maßstab gesetzt. 2009 gastierte erstmals das European Union Youth Orchestra (EUYO), eines der führenden Jugendsymphonieorchester der Welt. Bald schlug das Orchester jedes Jahr seine Zelte in Grafenegg auf. Während der jährlichen Residenz wächst das 120-köpfige Ensemble – rekrutiert aus rund 2.500 Bewerber:innen zwischen 16 und 26 Jahren aus allen 27 Mitgliedsstaaten der EU – zu einer Einheit zusammen. In Grafenegg entwickeln die jungen Musiker:innen in intensiven Probephasen mit etablierten Größen des internationalen Musiklebens jenen begeisternden Elan, der ihre Tourneen durch die Konzertsäle der Welt zu einzigartigen Erlebnissen macht. Was als Gastspiel begann, entwickelte sich schnell zu einer nachhaltigen Verbindung: Heute hat das EUYO seinen Sitz in Grafenegg und prägt den Ort ebenso wie er von ihm geprägt wird. 2026 wird sich das EUYO mit zwei Konzerten präsentieren: Am 1. August unter Elim Chan steht u.a. Brahms’ Violinkonzert mit María Dueñas als Solistin am Programm, am 15. August dirigiert Gustavo Gimeno Bruckners monumentale 6. Symphonie und Dvořáks Cellokonzert mit Julia Hagen als Solistin.
DIE GRAFENEGG ACADEMY
Während das EUYO Musiker:innen unter 26 Jahren rekrutiert, richtet sich das Grafenegg Academy Orchestra an junge professionelle Or-
chestermusiker:innen. Hier treffen Nachwuchstalente auf etablierte Größen – auf Mentoren, die nicht nur Technik, sondern Haltung vermitteln. In intensiven Probenphasen, Workshops und künstlerischen Arbeitsprozessen entsteht ein temporäres Orchester von hoher Qualität –Raum für Austausch, Weiterentwicklung und gemeinsames Musizieren. Festivalchef Rudolf Buchbinder beschreibt die Wirkung so: „Es gehört zu den schönsten Erfahrungen meiner Laufbahn, dass ich den Absolvent:innen unserer Akademie überall in den großen Orchestern der Welt bei Gastspielen wiederbegegnen darf. Das sind immer sehr bewegende Momente.“
Die Grafenegg Academy steht 2026 im Zeichen von „Selbstzerstörung und Neuerfindung“. Das Thema, inspiriert von biografischen Erfahrungen, wird in einem außermusikalischen Rahmenprogramm und in interdisziplinären Diskussionen reflektiert. Der Konzerttag bietet zudem die außergewöhnliche Gelegenheit, Georg Friedrich Haas’ für Grafenegg zur Trilogie komplettierten „Hyena“-Zyklus mit Mollena Lee Williams-Haas als Erzählerin zu erleben.
COMPOSER CONDUCTOR
WORKSHOP „INK STILL WET“
Die Tinte ist kaum getrocknet, wenn neue Werke zum Klingen gebracht werden: Im ComposerConductor-Workshop „Ink Still Wet“, diesem weltweit einzigartigen Labor für zeitgenössische Musik, entwickeln aufstrebende Komponist:innen ihre Stücke gemeinsam mit jährlich wechselnden Composern in Residence und bringen sie anschließend selbst am Pult des TonkünstlerOrchesters Niederösterreich zur Aufführung.
OLGA NEUWIRTH IN RESIDENCE
2026 wirkt die österreichische Komponistin Olga Neuwirth als 20. Composer in Residence in Grafenegg. Ihre Klangsprache ist perfekt für diesen offenen, suchenden Raum, in dem Nachwuchskünstler:innen experimentieren und wachsen können. Jede:r Composer in Residence hat im Schlosspark einen eigenen Baum, der in Grafenegg Wurzeln schlägt und dessen Triebe in die Zukunft wachsen.
Das Finale 2026, mit dem Festivalchef Rudolf Buchbinder und Dirigentenlegende Riccardo Muti gemeinsam mit den Nachwuchsmusiker:innen des Orchestra Giovanile Luigi Cherubini auf der Bühne des Wolkenturms stehen, zeigt die Wirkung dieses behutsamen Wachstums eindrucksvoll.
Grafenegg ist mehr als ein Festival – es ist ein Versprechen: Musik wird nicht nur bewahrt, sondern weitergedacht. Wer hier zuhört, hört nicht nur das Jetzt – sondern auch das, was kommt.


Junge Talente in Grafenegg
GRAFENEGG FESTIVAL In Zahlen
20 JAHRE GRAFENEGG
90
ORCHESTER
AUS ALLER WELT SIND BISHER IN GRAFENEGG AUFGETRETEN.
4.473
130
DIRIGENT*INNEN
HABEN AUF GRAFENEGGS BÜHNEN ORCHESTER GELEITET.
BESUCHER*INNEN
KÖNNEN IN DEN VERSCHIEDENEN SPIELSTÄTTEN UNTERGEBRACHT WERDEN.
11
JAHRE
ALT WAR DER JÜNGSTE KOMPONIST (JAROSLAV BULÍR), DESSEN STÜCK BEIM FAMILIENTAG 2025 IN GRAFENEGG AUFGEFÜHRT WURDE.
DER TENOR PENE PATÍ HATTE MIT
RUDOLF BUCHBINDER
HAT IN 20 JAHREN
62
KONZERTE GESPIELT. DAS SIND UNGEFÄHR
3.300
120
KONZERTE
622
650
BAUM- & PFLANZENARTEN
LASSEN SICH IM SCHLOSSPARK FINDEN. VERSCHIEDENE
BÜHNENFLÄCHE IST INSGESAMT VERFÜGBAR.
18.124
BEETHOVENS C-MOLLKLAVIERKONZERT OP. 37 UND TSCHAIKOWSKIS VIOLINKONZERT
KM DIEWEITESTEANREISE.




4
SPIELSTÄTTEN
EXISTIEREN IN GRAFENEGG.
157
KONZERTE
SPIELTE DAS TONKÜNSTLER-ORCHESTER NIEDERÖSTERREICH UND IST DAMIT DAS ORCHESTER, DAS DIE MEISTEN KONZERTE IN GRAFENEGG DARGEBOTEN HAT
WURDEN FÜR TV UND RADIO AUFGEZEICHNET.
10 MINUTEN.
WURDEN AM HÄUFIGSTEN IN GRAFENEGG AUFGEFÜHRT –NÄMLICH JEWEILS BEREITS MAL.
450
BLUMENSTRÄUSSE WURDEN ÜBERREICHT. MEHR ALS
Wolkenturm
Auditorium
Schloss
Reitschule &
Rudolf Buchbinder Saal
Grafenegg Neuseeland
Resort Feuersbrunn
Gourmet & Wein
Die Vielfalt der Kulinarik Genießen.
Mörwald steht seit mehr als 30 Jahren für kreative österreichische Küche - weltoffen und modern. Die Ess-klasse unter den Restaurants, das Gourmetrestaurant „Toni M.“ wurde wieder mit einem Stern im Guide MICHELIN 2026 ausgezeichnet.
Kochbar im Wirtshaus restaurant „zur traube“ Gourmetrestaurant „toni m.“
Schlafen & Erholen
Ein Refugium für das Besondere.
Ob Penthouse-Suite mit 180 m² oder stilvolles
Doppelzimmer Superior – das Relais & Châteaux
Hotel am Wagram und das Gutshof Hotel bieten komfortvolle Rückzugsorte, inkl. Sauna, Pool & Gym.
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